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Trevellian, die hübsche Blonde und das Mörderspiel

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian, die hübsche Blonde und das Mörderspiel

Copyright

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Trevellian, die hübsche Blonde und das Mörderspiel

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Fifth Avenue war schwarz von Menschen. Cops bewachten die Barrieren, die die Menge auf den Bürgersteigen zurückhielten. Drüben, am Rand des Central Parks, waren sie sogar in die Bäume geklettert. Zehntausende reckten die Hälse. Baby Charles, der Superstar der Boxszene, hatte angekündigt, im Triumphzug nach New York zurückzukehren.

Ich fingerte an der Kameraausrüstung, mit der ich mich behängt hatte. Leon Katz liebte Menschenaufläufe. Und Harry Mill, der Unglücksrabe, stand zwei Schritte von mir entfernt an der Bordsteinkante. Zehn Tausender aus der FBI-Kasse hatte er in der Tasche. Ich konnte ihn am Kragen packen, falls er versuchen sollte, mit dem Geldsegen abzuhauen.

Katz schob sich von links heran. Harry sah ihn und griff in die Jackentasche. Ich arbeitete mich mit den Ellenbogen vor. Leute fluchten. Ich riß die Kamera hoch und ließ den Motoraufzug schnurren.

Im Sucher griff Katz nach Harrys Geldbündel. Dann sah er mich. Er ließ die Scheine los, als hätten sie Feuer gefangen. Seine Automatik zog er wie der Blitz.

Die Dollars flatterten den Leuten zwischen die Beine.

Durch die Weitwinkeloptik der Kamera glotzte die Pistolenmündung mich an. Kaliber neun Millimeter. Eine Beretta. Katz, der Kredithai, war bereit zu töten. Die Umstehenden hatten es noch nicht mitgekriegt. Sie hatten meine Kameraattacke für normales Reportervorgehen gehalten. Aber die ersten beäugten ungläubig das Banknotengeflatter.

Für den Moment stand ich starr.

Links von mir zitterte Harry Mill. Seine Gesichtsmuskeln zuckten heftig. Sein Alkoholquantum reichte zum Bewältigen der Nervenanspannung nicht aus.

Ich konnte die Kamera nicht sacken lassen. Katz machte ernst, denn er fühlte sich in die Enge getrieben. Panik und Wut in seinem Gesicht zeigten das. Ich konnte meinen Smith & Wesson nicht erreichen. Unmöglich. Ich kann einem .Mann ansehen, wann er zum Äußersten entschlossen ist.

Und Leon Katz hatte nichts mehr zu verlieren.

Jäh ging ein Aufschrei durch die Menge.

»Baby! Baby!«

Frauen kreischten. Cöps stemmten sich gegen die Barrieren. Ein Fan hatte ein Megafon mitgebracht.

»Baby, du bist der Größte!« donnerte die Stimme aus dem Trichter.

Katz war zusammengezuckt, für den Augenblick abgelenkt.

Ich ließ mich fallen.

Grell stieß der Blitz aus der Automatik auf mich zu. Ich glaubte, das Mündungsfeuer müßte mir den Haaransatz versengen. Ich spürte den heißen Luftzug der Kugel. Das Krachen des Schusses ging im Geschrei unter.

Ich rollte mich ab und stützte die Kamera mit meinem Körper. Nur die Umstehenden kriegten mit, was sich abspielte. Ihre Entsetzenschreie waren vom Begeisterungskreischen der anderen nicht zu unterscheiden. Niemand konnte weg. Wer weiter entfernt war, ließ sich nicht zurückdrängen.

Der zweite Schuß bellte. Die Kugel hackte haarscharf neben mir in den Asphalt. Ich rollte mich weiter ab. Die Kamera! schrie es in mir. Das Beweisfoto! Katz würde feuern und feuern. Er war ausgerastet und nicht mehr bei Sinnen.

Ein hoher Schatten schnellte in mein Gesichtsfeld. Wegen der Drehbewegung kriegte ich es nur kurz mit. Dann krachte ein Revolver. Den Klang eines Smith & Wesson von anderen Waffen zu unterscheiden, ist für unsereinen nicht schwer.

Und das Geschrei hielt an.

Baby Charles, der neue Weltmeister im Schwergewicht, rollte heran.

Mir kam es vor, als wäre Stille eingekehrt. Schreie und Gebrüll verringerten sich für mich zum fernen Rauschen, zur unbedeutenden Kulisse. Ich rappelte mich auf.

Der Cop hielt den Dienstrevolver noch im Anschlag.

Doch Leon Katz, der im Rinnstein lag, bewegte sich nicht mehr.

Ich preßte die Kamera geschützt in die Ellenbogenbeuge. Das Beweisfoto war mir noch immer wertvoll, obwohl es eigentlich keine große Rolle mehr spielte. Ein Cop nach dem anderen tauchte auf, alle mit den Smith & Wesson im Anschlag. Sie bildeten einen Halbkreis, mit dem Rücken zur Fahrbahn. Weltmeister Charles, das sensible Riesenbaby, sollte nichts mitkriegen.

Nichts, was ihm in den falschen Hals geraten könnte.

Harry Mill ließ sich zu Boden sinken. Mit gierig flackernden Augen kroch er zwischen den Beinen der Leute umher und griff nach den Geldscheinen. Drei erwischte er. Ein Girl, dessen Beine er berührte, trat Harry auf die Finger. Er schrie.

Nur die Leute in unmittelbarer Nähe begriffen überhaupt, was geschehen war. Aber sie konnten nicht weg, und wenn sie noch so gern geflohen wären.

Die begeistert brüllende Menge stand auf drei Seiten wie eine Mauer. Und zur Avenue hin gab es erst recht kein Durchkommen.

Die Cops würden auf jeden feuern, der jetzt durch plötzliche Hast auffiel.

New Yorker wissen, wie sie sich ihren Polizeibeamten gegenüber zu verhalten haben. Was nicht eindeutig ist, kann leicht zum Irrtum führen.

Ich klappte mein Lederetui mit dem Silberadler auf. Der Cop, der Leon Katz erschossen hatte, salutierte.

Stirnrunzelnd sah er mich an. Die harten Linien seines Gesichts zeigten Verwirrung. »Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten, Sir?«

Hinter dem Halbkreis aus uniformierten Beamten glitt Baby Charles im offenen Cadillac Eldorado vorüber. Er winkte wie der Präsident persönlich. Das Geschrei der Menge stach mir in die Trommelfelle. Girls versuchten, im Laufschritt den Wagen zu erreichen. Bodyguards drängten sie zurück. Das Geschehen am Fahrbahnrand, der Tote im Rinnstein, wurde nicht wahrgenommen.

Ich bedankte mich bei dem Cop, legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte ihm, daß er mir das Leben gerettet habe.

Er blickte auf meine Kamera. »Trotzdem ist es nicht so gelaufen, wie Sie es haben wollten, Sir. Das sehe ich Ihnen an.«

Harry Mill hatte seinen vierten Tausender erwischt. Zwei Cops mischten sich in die Suche ein und sicherten das Geld, das ich der FBI-Kasse zurückzahlen mußte. Kein Zuschauer wagte, danach zu greifen.

Ich erklärte es dem Sergeant. Ich sagte ihm, daß wir das Treffen zwischen Mill und Katz arrangiert hätten. Katz, der Kredithai, hatte sich ködern lassen. Harrys Ankündigung, auf einen Schlag 10 000 Bucks hinblättern zu können, war dem Wucherer Grund genug gewesen, persönlich aufzukreuzen.

Baby Charles’ Triumphzug war die willkommene Kulisse für Leon Katz gewesen. Mill war offenbar glaubhaft gewesen, als er dem Hai erklärte, aus einer Beteiligung an einem zwei Jahre zurückliegenden Raubüberfall ausgezahlt worden zu sein. Irgendeine Geschichte mit einem entfernten Erbonkel hätte Katz ihm nicht abgekauft. Dem whiskyseligen Harry am allerwenigsten.

»Ich habe ihn für einen Attentäter gehalten«, sagte der Sergeant bedrückt. »Baby Charles ist eine Reizfigur, das hat uns der Chief eingeschärft. Als ich Sie mit der Kamera sah und der Kerl auf einmal durchdrehte, habe ich gedacht, er fühlte sich ertappt.«

»Sie haben keinen Fehler gemacht«, sagte ich. »In der Sache, an der wir arbeiten, sind wir trotzdem einen Schritt weitergekommen.« Ich sagte ihm meinen Namen und meine Durchwahlnummer.

- Der Sergeant versprach, alles weitere zu veranlassen.

Ich sagte ihm, daß Milo Tucker, mein Kollege, jeden Moment aufkreuzen werde. Milos Job war es, die Arbeit der Spurensicherer und den Abtransport der Leiche zu überwachen.

Ich mußte mich um Harry kümmern. Er zitterte wie unter Fieberschauern. Ein Cop nahm ihm die Geldscheine aus der Hand und zählte mir den kompletten Packen vor. Zehn Tausender. Ich bedankte mich und unterschrieb dem Beamten eine Bestätigung auf seinem Notizblock.

Harry brauchte dringend eine Stärkung. Als Zeuge war er noch immer wichtig für uns.

Wir gingen an den Barrieren entlang in Richtung Downtown. Die Menge löste sich langsam auf, je weiter Baby Charles nach Uptown davonrollte. Zur East 63rd Street fanden wir einen Durchschlupf.

 

 

2

Der feine Regen bildete Schleier, mit denen der Wind seine Spiele trieb. Baumkronen und Büsche wurden vom Grau umhüllt und wieder freigegeben. Der feine rote Splitt der Parkwege glänzte unter der Nässe.

Paul Drummond blieb stehen, hob die Arme und streckte sie nach beiden Seiten vom Körper weg. In seinem Regenzeug sah er'aus wie ein großes gelbes T. »Herrlich!« rief er. »Einfach herrlich!« Er hob das Gesicht zum trüben Himmel und genoß die nassen Schwaden wie eine Dusche. »Kannst du dir vorstellen, Liz, daß wir in St. Paul jemals auf so eine Idee gekommen wären? Im Regen Spazierengehen? Total verrückt, was?« Er lachte und atmete tief ein und aus. Er schloß die Augen und sah aus wie jemand, dem die frische Luft Balsam für die Lunge bedeutete.

Liz Drummond hatte sich umgewandt und betrachtete ihren Mann mit einem Lächeln, das volles Verständnis ausdrückte. Er, der von Terminen gehetzte Regierungsbeamte beim Landwirtschaftsminister in St. Paul, Minnesota, träumte vom gesunden Leben, von körperlicher Fitneß und weniger Pfunden.

»Man staune, man staune«, .sagte Liz und fühlte sich wieder einmal überlegen. Mit ihren 33 Jahren, schlank, blond und hübsch, hatte sie noch immer alle Chancen. In der Lobby des Hotels hatte sie sehr wohl gemerkt, wie sich Männer nach ihr umdrehten - trotz des dicken Regenzeugs. »Ich staune wirklich, Paul. Du redest von meinen Vorschlägen, bezeichnest sie als verrückt und tust so, als hätte ich nie ein Wort darüber fallenlassen.«

Er ließ die Arme an den Körper sinken, daß es klatschte. »Wovon sprichst du?« Bis eben war ihm nach Jubilieren zumute gewesen. Vorbei. Regen, Kälte und Parklandschaft verloren ihren Zauber von Freiheit und Abenteuer. Er knurrte: »Du schaffst es spielend, einem jede Stimmung kaputtzumachen.«

Liz schüttelte den Kopf und lächelte noch immer. Dieses Verständnis vortäuschende Lächeln, das wußte sie, war für ihn überheblich. Er haßte es, denn seiner Meinung nach spielte sie sich auf wie eine Mutter, nicht wie seine Frau. »Du weißt nicht, wovon ich spreche«, sagte sie betont sanft. »Und im selben Atemzug wirfst du mir vor, deine Stimmung zu zerstören. Ich hätte Grund, beleidigt zu sein.«

»Warum, zum Teufel?«

»Weil ich dir in St. Paul oft genug gesagt habe, wie sehr ich es liebe, im Regen spazierenzugehen. Du hattest nie Zeit dafür… oder es lag an deiner Trägheit. Mit deinen 39 Jahren führst du dich auf wie ein öojähriger. Auch das habe ich dir oft genug gesagt. Deine jetzige Schwärmerei ist für mich ein Schlag ins Gesicht. Es beweist, daß du mir zu Hause nie zugehört hast.«

Er verdrehte die Augen und wischte sich die Regentropfen weg. »Mein Gott, Liz, mußt du denn aus ein paar unbedachten Worten schon wieder ein Drama machen! Begreif doch: Es ist die Umgebung, die eine Rolle spielt, die Atmosphäre. Wir sind hier in Duluth, am Lake Superior. Kanada ist so nah, daß du hinüberspucken kannst. Das mußt du dir mal bewußt machen. Die Luft ist doch auch ganz anders. Verstehst du denn nicht?«

»Ich bin kein vertrotteltes Hausmütterchen, das deine recht einfachen Gedankengänge nicht begreift«, sagte sie mit erhobenem Kopf. »Was du unbedachte Worte nennst, ist für mich ein Beweis, wie wenig meine Belange in deinem Bewußtsein haften. Du lebst in der Männerwelt deines Ministeriums. Immer mehr hast du dich dort eingeigelt, hast dich immer mehr von mir enfernt…«

»Liz, bitte! Ich meine, muß das jetzt sein?« Er zog die Schultern hoch und ließ sie wie hilflos wieder sinken. »Wir sind doch nicht hier, um die ewig gleichen Themen aufzukochen.« Der Regen bildete Bäche auf seinem Gesicht, die er nicht wahrzunehmen schien. Sein Haar klebte naß, und der kahle Kreis in der Mitte seines Kopfes ließ die Tropfen gleichmäßig nach allen Seiten rinnen.

Liz starrte ihn an. »Aufkochen? Ewig gleiche Themen?« Sie öffnete den Mund weit, und er wußte, daß sie nun loslegen würde.

Der Schrei, der plötzlich durch die Parklandschaft gellte, kam von ihr, so glaubte er. Dann sah er, wie Liz erschrak. Sie schlug die Hand vor den Mund.

Der Schrei versiegte in einem langgezogenen Wimmern.

»Paul!« hauchte Liz tonlos. »Das war ganz in der Nähe! Jetzt, Paul, jetzt müssen wir handeln. Hast du gehört?«

Er war herumgeruckt. Eisige Entschlossenheit durchströmte ihn. Ihr Erschrecken und ihr mädchenhaftes Erschauern machten ihn stark. Er ortete das Wimmern.

»Da!« stieß er hervor und deutete auf eine Rhododendrongruppe rechts vom Weg. Ohne auf eine Antwort zu warten, rannte er los. Er schlug die Zweige auseinander. Letzte Blutenblätter rieselten und klebten auf der Regenjacke fest.

Die junge Frau lag auf dem Rasen, Arme und Beine verkrümmt. Dicke Wassertropfen, aus dem Blätterdach einer Platane abgeschüttelt, klatschten auf ihr lachsfarbenes Kostüm und verursachten große Flecken. Ihr Blick war starr, der Messergriff, der aus ihrer Brust ragte, von Blut umgeben. Regentropfen vermischten sich mit dem Blui Fast wäre Paul Drummond Über sie gestolpert. Er verharrte, wie auf dem Boden festgeschlagen. Einen Atemzug lang wußte er nicht, ob er ihre Schönheit bewundern oder wegen ihres Aussehens erschauern sollte. Ihre dunklen Haare und das ebenmäßige Gesicht bewirkten etwas Puppenhaftes. Vielleicht lag das aber auch nur an der Starre ihres Blicks.

Liz stolperte durch das Ziergesträuch. Sie kreischte auf. »Mord! Um Himmels willen, Mord!«

»Sei still!« knurrte Paul. Mit einem harten Griff, der sie erstaunt aufblicken ließ, packte er seine Frau am Oberarm. »Du bleibst hier und sorgst dafür, daß nichts verändert wird.« Er senkte seine Stimme zum Flüstern. »Ich sehe da drüben nach dem Rechten.« Mit einer Kopfbewegung deutete er auf einen Pavillon, 30 Meter entfernt, dessen Seitenwände mit Wisterien berankt waren.

»Sei um Himmels willen vorsichtig, Paul!« hauchte sie.

Er nickte ihr zu und spürte, wie seine innere Stärke wuchs. Mit weit ausgreifenden Schritten lief er los. Er hatte die Bewegung hinter dem Pavillon gesehen. Aber das brauchte Liz nicht zu wissen, denn sie sollte nicht beunruhigt sein.

Nach 20 Metern fing sein Herz an zu hämmern. Er keuchte. Aber er verlangsamte seine Schritte nicht. Liz sollte sehen, daß er trotz allem noch recht gut in Form war. Klar, ein Schwächling war er nie gewesen, ihm fehlte bloß das Training.

Noch fünf Meter trennten ihn vpn dem Pavillon, als'ein Schatten nach rechts weghuschte. Ungeheuer schnell. Paul wußte, daß er ihn nie erwischen würde. Der Bursche war jünger als er, groß und athletisch in seinem Trenchcoat. Sein weizenblondes Haar leuchtete und wurde Sekunden später vom Grau einer windgepeitschten Regenschwade aufgesogen.

Paul Drummond verlangsamte seine Schritte und packte einen Stützbalken des Pavillons, als wollte er seinen Schwung dadurch bremsen. In Wahrheit mußte er Luft holen. Seine Lungenflügel schmerzten, und das Herz schien die Rippen von innen sprengen zu wollen.

Der Fliehende war hinter Buschwerk verschwunden.

Paul ging zu den Frauen zurück. »Ich habe den - Mörder gesehen«, sagte er stolz. »Ich kann eine genaue Personenbescheibung liefern.«

Liz half der schwarzhaarigen jungen Frau auf die Beine. »Dann werden Sie heute abend eine wichtige Rolle spielen, Mr. Drummond«, sagte sie, und ihr Puppengesicht war verschmitzt. »Ich bin sichernder Inspektor wird besonderen Wert auf Ihre Aussage legen. Sie waren außergewöhnlich schnell. Es kommt selten vor, daß jemand den Killer noch zu Gesicht bekommt.«

»Reaktionsvermögen«, sagte Paul mit verlegenem Lächeln und blickte dabei seine Frau an. Dann half er der Schauspielerin, das Messer mit der einschiebbaren Klinge vom Kostümstoff zu lösen.

Sue DeLuca, die die Ermordete gespielt hatte, holte ihre Regenjacke aus einem nahen Gebüsch. Zu dritt gingen sie zum Hotel zurück. Ein prachtvoller Bau, inmitten einer 50 Hektar großen Parklandschaft am Lake Superior gelegen.

»Ihr Verhalten war übrigens auch sehr natürlich, Mrs. Drummond«, sagte Sue DeLuca. »Ihr Geschrei klang richtig echt. Die meisten sagen überhaupt nichts. Sie tun so, als ob es völlig normal wäre, eine Leiche zu finden.«

»Danke«, entgegnete Liz erfreut. »Aber ich muß sagen, Miß DeLuca, ich habe mich wirklich erschrocken… so perfekt, wie Sie die Leiche gespielt haben.«

Sie stiegen die flachen Steinstufen hinauf, die zum Portal des klassizistischen Gebäudes führten. Das Hotel Royale hatte den allerbesten Namen in Duluth, wenn nicht in ganz Minnesota. Darüber hatte Paul keine Erkundigungen einziehen müssen. Als Ministerialbeamter kam er viel herum. Ein Spitzenhotel wie das Royale hatte er sich bisher allerdings weder dienstlich noch privat leisten können.

Der Klasse des Hauses entsprechend, war die Werbung dezent. Einen Hinweis auf das Mörderspiel von Duluth gab es nur in Form eines Prospektständers auf dem Receptions Desk. In der Lobby vermochte man nicht zu unterscheiden, wer ganz normaler Hotelgast und wer Spielteilnehmer war.

Nun, sagte sich Paul Drummond, wir gehören ja auch nicht gerade zur untersten Schicht. Sie haben es eben nötig, hatte er auf Liz’ Frage geantwortet, weshalb ausgerechnet ein Hotel der Luxusklasse mit Agenturen zusammenarbeitete und sich über Zeitungswerbung Reisegruppen ins Haus holte. Es ist der Zug der Zeit, hatte er Liz erklärt, die Nobelherbergen unseres Landes leiden genauso unter der wirtschaftlichen Entwicklung wie die Landwirtschaft. Er wußte, daß der Vergleich ein wenig hinkte, aber Liz hatte nicht die Sachkenntnis, um tiefergehende Einzelheiten zu begreifen.

Sie nahmen den Fahrstuhl bis zum 5. Stock, wo sie die Suite 532 gebucht hatten. Sue DeLuca wohnte einen Stock höher, zusammen mit Gordon Liebman, von dem sie jedesmal im Spiel ermordet wurde.

Paul schloß auf und ließ Liz mit einer galanten Bewegung eintreten. Ihr Blick streifte ihn mit einem Lächeln. Es erfüllte ihn mit Freude. Da war nichts Aufgesetztes mehr in ihrer Miene.

Im Vorraum streiften sie die nassen Sachen ab, hängten die gelbe Regenkleidung in den dafür vorgesehenen Trockenschrank und verteilten die übrigen Kleidungsstücke auf die Beutel für Reinigung und Wäscherei. Die Hotelmaschinerie funktionierte einwandfrei: Vor der Abreise hatte jeder Spielteilnehmer seine Sachen in tadellosem Zustand zurück.

Liz ergriff Pauls Hand, und er sah sie erstaunt an. Dann aber verstand er, und ein berauschendes Prickeln setzte ein. Sie zog ihn mit sich. Nackt, wie sie waren, liefen sie wie ausgelassene Kinder durch Living-room und Schlafzimmer ins Bad, das mit seinen flauschigen Teppichen eher der Spielwiese aus einem Sexfilm glich.

Paul wurde bewußt, wie verdammt selten er Liz in den letzten Jahren gesagt hatte, was für einen hinreißenden Körper sie hatte. Er sagte er ihr, als sie ihn zu sich auf den Teppichflor zog.

Später, nach dem Essen, gingen sie ins Kaminzimmer, wo das Publikum bunt durcheinandergewürfelt war. Paul hatte sich lange nicht mehr so ausgeglichen gefühlt. Eine unbeschreibliche innere Ruhe erfüllte ihn. In den Ledersesseln, nahe bei den prasselnden Birkenscheiten, flüsterte Liz ihm fns Ohr, daß sie ein Gefühl habe wie zu Anfang ihrer Ehe. Es machte ihn glücklich.

Er bestellte Sherry für sie und Bourbon mit Eis für sich. Schweigend nahm er ihre Hand, und sie genossen die Atmosphäre des großen, mahagonigetäfelten Raumes. Der Regen hatte sich verstärkt und wurde vom Wind gegen die Fensterscheiben getrieben. Das bullernde Kaminfeuer strahlte eine Gemütlichkeit aus, die keine Nervenanspannung duldete.

Paul Drummond wünschte sich, daß er es nicht wieder mit einer Laune seiner Ehefrau zu tun hatte. Er wischte den Gedanken sofort weg. Unmöglich. Ihre Gefühle beruhten auf Gegenseitigkeit und waren echt. Die Ausnahmesituation draußen im Hotelpark hatte ihnen beiden vor Augen geführt, daß sie im Grunde zueinander gehörten. Es lag nur an den quälenden Alltagsumständen, daß sich ein Keil zwischen sie geschoben hatte.

Paul beglückwünschte sich im stillen für den Entschluß, die Mörderspiele gebucht zu haben.

 

 

3

Der Porsche 928 glitt in eine Parkbucht, anthrazitfarben wie ein Geschoß.

Keith Noland stieg aus, blieb in der offenen Tür stehen und legte die Hände in die Hüften. »Donnerwetter«, sagte er dröhnend. »Ich glaube, die gute alte Mary ist eine tüchtige Geschäftsfrau.« Er blickte an dem Gebäude hoch.

Die beiden Bodyguards, die sich ebenfalls ins Freie geschält hatten, folgten seinem Beispiel. Auf ihren Gesichtern zeigte sich die gleiche spöttische Anerkennung wie bei Noland. Der Kasten war aus Beton und Glas, sieben Stockwerke hoch. Er hatte wohl ursprünglich Büros beherbergt. In flammend roten Buchstaben spannte sich der Schriftzug Pleasureland über dem Eingang. Auch die Lage war erstklassig: Chicagos Stadtteil Arlington Heights, Dundee Street. Am Rand des Parks Buffalo Grove gelegen, war das gesamte Grundstück von Grün umgeben und damit zur Straße hin einwandfrei sichtgeschützt.

Noland schloß den Porsche ab. Auf längeren Fahrten liebte er es, den rassigen Wagen selbst zu lenken. In der Eingangsnische befanden sich mehrere Klingelschilder.

»Richtige Adresse«, verkündete Noland nach einem Blick. »Silver Eagle Agency. Gründe so viele Firmen wie möglich, und du entwischst den Steuerhaien mit deinen Gewinnen!«

Neben dem Pleasureland und der Agentur Silver Eagle gab es verschiedene Clubs und eine Bar. Der Kasten aus Beton und Glas beherbergte einen regelrechten Vergnügungspark für Gentlemen. Mit Niveau natürlich. Ohne erstklassige Kreditkarten brauchte niemand zu versuchen, hier eingelassen zu werden.

Noland drückte den Silver Eagle-Klingelknopf und sprach in ein geschlitztes Blech, als ihn eine unpersönliche Stimme aufforderte, seinen Namen und den Grund seines Besuchs zu nennen. »Der gute alte Keith Noland aus New York«, sagte er lärmend, »möchte seine liebe alte Freundin Mary Watts sprechen.«

»Warten Sie einen Moment, Sir!« sagte die kalte weibliche Stimme. Es knackte im Lautsprecher, und die drei Männer blickten auf die glatte Stahltür, die wie ein unüberwindbares Hindernis war. Oben in der Eingangsnische befanden sich zwei Videokameras, die sich lautlos von einer Seite zur anderen bewegten und mit ihrer Weitwinkeloptik garantiert jeden Winkel erfaßten.

»Von Sicherheit hält das alte Girl auch eine Menge«, brummte Noland und steckte sich eine lange Zigarette an. »Hätte nie gedacht, daß sie sich mal so entwickeln würde.«

Es knackte im Wandlautsprecher. »Treten Sie ein, Sir! Sie .sind zu dritt. Betreten Sie den Vorraum nacheinander, nicht gleichzeitig! Bitte jetzt!«

Noland hatte kaum noch Zeit, einen verdutzten Blick mit seinen Leibwächtern zu wechseln. Die mattschimmernde Stahltür glitt lautlos nach rechts. Der Raum dahinter war quadratisch, von Leuchtstoffröhren erhellt und mit plüschigem rotem Teppichboden von der Decke bis zum Fußboden ausgeklebt. Achselzuckend gehorchten die Männer. Erst als sie den Vorraum betreten hatten, sahen sie die Sensoren und Radaraugen, die beiderseits in den Türrahmen eingelassen waren.

Wegen des Teppichbodens waren die technischen Einrichtungen kaum zu erkennen. Ebensowenig die Tür, die ins Innere des Freuden verheißenden Etablissements führte.

Sekundenlang geschah nichts.

»Langsam reicht’s«, knurrte Noland. »Ein bißchen Spielerei ist ja ganz schön. Aber in diesem Laden sollten das eher die Girls mit den Gästen tun.«

Die Bodyguards lachten pflichtgemäß.

Wieder ertönte diese kalte und ausdruckslose Stimme, diesmal aus einer kleinen Lautsprecherbox, deren Klang etwas voller war. »Mr. Noland…«

»Ein Weib zum Abgewöhnen«, murmelte einer der Bodyguards, ein schlanker Mann in elegantlockerem Trench.

»Fast geschäftsschädigend«, grinste der andere.

Keith Noland schmunzelte und blies den Atem hörbar durch die Nase aus.

»Sie befinden sich in einem geschlossenen Raum, dessen Wände mit Panzerstahl ausgekleidet sind. Unsere Sicherheitsüberprüfung hat ergeben, daß Sie und Ihre beiden Begleiter Waffen tragen. Ein Irrtum ist ausgeschlossen, da die von uns installierten Metalldetektoren ausschließlich auf den bei Schußwaffen verwendeten Stahl ansprechen. Ich habe Ihnen pflichtgemäß mitzuteilen, daß Sie dort festgehalten werden, wo Sie sich jetzt befinden. Ich habe die Polizei zu verständigen, die Sie dann überprüfen wird. Das Pleasureland bittet um Verständnis für diese Maßnahmen, die uns leider durch äußere Umstände aufgezwungen werden.«

Noland kriegte das Kinn nicht wieder hoch. Noch mehrere Sekunden lang lauschte er und sah dabei aus wie ein staunendes Kind. Doch die geschlechtslos klingende Stimme meldete sich nicht noch einmal. Funkstille. Den Bodyguards war das Grinsen aus dem Gesicht gefallen.

Noland brüllte so unvermittelt los, daß sie zusammenzuckten. »Mary Watts, du verfluchtes Luder! Laß diesen Blödsinn, oder ich nehme diesen Laden auseinander! Ich gebe dir genau eine Minute Zeit, um uns hier rauszulassen! Wenn nicht, hat dein Pleasureland die längste Zeit existiert!«

»Aber die kann uns doch gar nicht hören«, sagte der zweite Leibwächter, der untersetzt und kleiner als der andere war.

»Klar hört sie uns!« fauchte Noland. »Wo sie Detektoren und all dieses Zeug hat, hat sie auch Wanzen!« Er riß den vernickelten Ruger aus dem Gürtelholster und jagte eine Kugel dorthin, wo er die Tür nach innen vermutete.

In dem engen Geviert krachte der Schuß wie Donner. Die Bodyguards verzogen schmerzerfüllt die Gesichter und preßten die Hände an die singenden Ohren. Noland fluchte. Er drückte nicht noch einmal ab. Denn auch in seinem Schädel schrillte und dröhnte es wie in einem Kasernenblock bei Alarm.

Das Teilmantelgeschoß war aus der plüschigen Wandverkleidung zu Boden gefallen. Noland hob es auf und stierte es an. Die Kugel war platt wie eine Dollarmünze. Wut stieg in ihm auf wie ein Brennen. »Oh, verflucht, verflucht!« zischte er. »Das alte Miststück hat nicht geblufft. Wir sitzen tatsächlich in Panzerstahl fest.«

Ihm wurde schwarz vor Augen bei der Vorstellung, daß er von einem gewöhnlichen Chicagoer Cop wegen unerlaubten Waffenbesitzes festgenommen werden würde.

 

 

4

Die Fensterscheiben waren so beschlagen, die Luftfeuchtigkeit so hoch, daß wir uns wie Fische in einem dichtgehängten Aquarium fühlten. Von der Außenwelt kriegten wir nichts mehr mit. Woran Harry Mill allerdings kein Interesse hatte. In der halben Stunde, die wir jetzt in der überfüllten Kneipe zubrachten, hatte er seinen vierten doppelten Bourbon geschlürft, und er rauchte immer noch Kette. Heizung und Lüftung kämpften ohne Erfolg gegen die künstlich schwüle Luft.

Es hatte zu regnen begonnen. New York verwandelte sich in eine spätherbstliche Waschküche. Das Regengebiet, so sagten sie im Radio, erfaßte mittlerweile den gesamten Norden der USA; von den Rockies bis zur Atlantikküste. Und die Temperaturen sollten bald in den Keller gehen.

Die denkbar schlechteste Jahreszeit für Harry, der drauf und dran war, alles zu verlieren - sein Anderthalb-Zimmer-Apartment, für das er mit der Miete fünf Monate im Rückstand war, und seinen kläglichen Rest von persönlicher Würde.

Ich bestellte mir einen zweiten Kaffee und für Harry eine Coke. Ich hatte nicht vor, seine Sucht ins Uferlose zu treiben. »Besser?« fragte ich und schob die Kamera ein Stück beiseite. Das Objektiv war beschlagen. »Was machen die Nerven, Harry?«

Er hob dep Kopf und grinste matt. Mit schwerer Hand drückte er seinen Zigarettenstummel in den Kippenberg im Aschenbecher. »Es geht so, G-man. Unsereins ist ja auch nicht mehr der Jüngste. Da braucht man eben seine Zeit, bis man wieder voll da ist.«

Seine immer gleichen Entschuldigungen und Ausreden kannte ich. Wahrscheinlich versuchte er sich mehr selbst damit zu beruhigen. Er konnte nicht ernsthaft annehmen, daß andere ihm seine zittrigen Argumente abnahmen.

Vor zwei Jahren hatte er seinen Job als gutbezahlter Elektroniker bei Bell Telephone verloren. Und dann war es rasant abwärts gegangen. Länger als seine Arbeitgeber hatte seine Frau von seiner heimlichen Sucht gewußt. Was der Kündigungsgrund für die Company, war für sie der Scheidungsgrund gewesen.

Harrys Ersparnisse hatten ausgereicht, um das winzige Apartment dürftig einzurichten. Er war ans illegale Glücksspiel geraten, und sie hatten ihn ein paarmal gewinnen lassen, bevor sie anfingen, ihm Kredite zu Wucherzinsen zu gewähren.

»Harry«, sagte ich grob, »du bist ein Säufer.« In dem Stimmengewirr, das den Laden erfüllte, konnte niemand mithören.

Mein stoppelbärtiges Gegenüber duckte sich wie ein getretener Hund. »Ich… ich…« Er fand keine Worte und griff nach einer neuen Zigarette. Seine Finger zitterten jetzt nicht mehr.

Angesichts seiner Kettenqualmerei war mir die Lust auf Nikotin vergangen. Die Serviererin brachte den Kaffee und die Coke. Harry beäugte das Glas, als hätte man ihm angebranntes Essen vorgesetz.t.

»Die eine Chance, die du noch hast, hast du durch uns«, fuhr ich fort. »Dabei brauchst du dich nicht einmal als Almosenempfänger zu fühlen. Für das, was du bekommst, hast du uns etwas geliefert. Leon Katz.«

»Eine Leiche«, nuschelte er. »Was nützt euch eine Leiche?«

»Es geht immer noch um die Organisation, die hinter ihm steht. Katz hat nicht allein gearbeitet.« Ich tippte auf die Kamera. »Mit dem Beweisfoto und mit deiner Aussage als Hauptbelastungszeuge haben wir zumindest die Kreditbranche des Syndikats in der Tasche.«

Durch einen V-Mann waren wir auf Mill aufmerksam gemacht worden. In Spielerkreisen war er aufgefallen, weil er sich mit geradezu selbstmörderischer Energie immer tiefer in Schulden verstrickte. Ich hatte Harry unter vier Augen bekniet und ihn dazu gebracht, für uns den Lockvogel zu spielen.

Er schüttelte müde den Kopf. »Ehrlich gesagt, G-man, ich gebe zu, daß ich die Hosen voll hab’. Katz ist tot. Dafür werden sie mir die Schuld in die Schuhe schieben. Ganz klar. Ich bin die nächste Leiche. Und erzählen Sie mir jetzt nicht das Gegenteil, G-man!« Er nahm einen kleinen Schluck von seiner Coke.

»Du bist verrückt«, entgegnete ich. »Du hast nur noch die eine Chance. Denk an die vielen, die nicht in so einer glücklichen Lage sind! Wenn du dir nicht helfen läßt, gehst du hoffnungslos unter. Das FBI bietet dir eine Therapie an einem Ort, der streng geheimgehalten wird. Als Kronzeuge gegen Noland wirst du außerdem rund um die Uhr bewacht. Unauffällig natürlich. Und nach dem Prozeß kannst du das Zeugenschutzprogramm in Anspruch nehmen. Das heißt, du kriegst eine völlig neue Identität. Du ziehst in eine andere Stadt, und du wirst im wahrsten Sinne des Wortes ein neuer Mensch.«

Er nickte bedächtig. »Hört sich fantastisch an, G-man. Sie brauchen mir das nicht immer wieder zu erzählen. Ich hab’s hier drin.« Er klopfte sich mit den Knöcheln der Linken auf den Kopf. »Ich denke drüber nach. Mehr kann ich Ihnen im Moment nicht versprechen. Vielleicht brauchen Sie mich gar nicht mehr. Sie haben doch Ihr Foto.« Er stieß die Kamera an.

»Irrtum, mein Junge. Es geht um die Organisation. Katz hat als Kredithai nicht allein gearbeitet. Wir lassen seine Leute hochgehen, einen nach dem anderen. Und dann kriegen wir endlich auch das Syndikat zu fassen.« Ich blickte auf die Armbanduhr. Milo mußte in einer Minute eintreffen. Ich trank meinen Kaffee aus. »Wenn Sie wollen, Harry, bringe ich Sie bei uns im District Office unter. Ich kann Ihnen zwar nur eine Zelle im Vernehmungstrakt anbieten. Aber Sie bewohnen sie als freier Mann, freiwillig unter unserem Schutz.«

Er wedelte mit einer schlaffen Hand. »Nicht so schnell, G-man, nicht so schnell! Ich brauche Bedenkzeit. Ich melde mich bei Ihnen. Ganz bestimmt. Aber jetzt will ich erst mal nach Hause.«

Ich stand auf, nahm die Kamera und hängte sie mir über die Schulter. Ich bahnte mir einen Weg zur Kasse, um zu bezahlen. Harry Mill folgte mir wie ein Hund. Geld für ein Taxi, um sich zu seiner Bude bringen zu lassen, hatte er nicht. Bei dem Regen war er auf unsere Hilfsbereitschaft angewiesen.

Ich konnte mir vorstellen, was in seinem Kopf vor sich ging. Katz war tot und alle Schulden vergessen. Möglich, daß Harry das allen Ernstes glaubte. Ein schlimmer Fehler, wenn es so war. Katz hatte äußerlich vielleicht wie ein Kredithai der alten Schule gewirkt. Aber das war wirklich nur äußerlich gewesen, auch wenn Harry nie einen von der Organisation zu Gesicht bekommen hatte. Heutzutage kann kein Wucherer ohne ein Syndikat im Rücken ein Bein auf die Erde kriegen.

Wir traten unter das kleine Vordach hinaus. Milo war pünktlich auf die Minute. Ich sah den taubenblauen Dienstwagen, einen Oldsmobile 98, im Schrittempo heranrollen. Die Kneipe hieß ,Four Roses. Ich hatte es ihm telefonisch durchgegeben. Neben mir erschauerte Harry Mill vor Kälte. Er schlug den Kragen seines Jacketts hoch. Ich fragte mich, ob er überhaupt noch einen Mantel besaß.

Ein dunkelblauer Schlitten überholte meinen Freund und Kollegen. Plötzlich wimmerten Bremsen. Ich stieß Harry zu Boden. Er brüllte vor Schreck. Ich schnellte nach links weg. Der Schlitten, ein Mercury Cougar, war noch nicht einmal auf gleicher Höhe.

Von der Beifahrerseite hetzte eine Gestalt heran. Der Cougar fuhr wieder an. Die Hinterräder drehten kreischend durch. Ich verharrte geduckt, hatte den Smith & Wesson aus dem Leder und brachte ihn hoch. Eine Thompson hämmerte. Es klang wie schmetternde Schläge.

Im nächsten Augenblick hatte ich den Kerl in der Visierlinie. Ich jagte meine Kugeln durch die Scheiben eines parkenden Dodge hindurch. Das Krachen eines zweiten 38ers mischte sich in meine Schüsse. Zwischen rieselnden Glaskrümeln sah ich einen sich hochschraubenden Körper. MPi-Geschosse wanderten an der Hauswand empor bis in die Regenwolken.

Milos Dienstrevolver bellte dem losjagenden Cougar nach. Ich hörte Reifenkreischen und reagierte sofort. Mit zwei Sätzen war ich hinter dem Heck des Dodge. Der Cougar schlingerte. Ich feuerte in die Heckscheibe der dunkelblauen Limousine. Milo ließ den Smith & Wesson sinken. Leergeschossen. Er verharrte hinter der offenen Fahrertür des Dienstwagens.

Ich jagte die letzte Kugel aus dem Lauf.

Keine 20 Meter entfernt, zog der Cougar plötzlich nach links. Krachend bohrte sich die lange Schnauze in die Flanke eines Audi. Aus, vorbei. Die Bürgersteige waren leergefegt.

In den Hauseingängen kauerten Menschen. Noch weit entfernt heulte eine Sirene. Jemand mußte die Cops verständigt haben. Milo klärte die Lage auf der Straße. Er gab es mir mit einem Handzeichen zu verstehen.

Ich stieß die leeren Patronenhülsen aus und lud dem 38er im Gehen nach. Harry Mills Anblick krampfte mir den Magen zusammen. Sein Blut vermischte sich mit dem Regenwasser. Ich stieß den Smith & Wesson ins Schulterholster, beugte mich über Harry und stellte fest, was ich schon beim ersten Blick vermutet hatte. Die MPi-Geschosse hatten das Leben aus seinem Leib gehämmert.

Ich wandte mich ab. Den Regen, der mir aus dem Haaransatz in den Nacken rann, spürte ich nicht. Milo richtete sich an der Seite des Cougar auf und schnitt mit der flachen Hand durch die Luft. Auch für den MPi-Schießer gab es keine Hilfe mehr. Beide Gangster hatten ihren Mordanschlag mit dem Leben bezahlt.

Leon Katz war vorsichtiger gewesen, als wir vermuten konnten. Jemand mußte sein Treffen mit Mill beobachtet haben. Und das Syndikat hatte blitzschnell gehandelt. Die Organisation war entschlossen, sich nicht in die Enge treiben zu lassen.

 

 

5

Das Ohrensausen steigerte Nolands Wut. Die Bodyguards sahen die Aderstränge an seinem Hals und an den Schläfen. Dies war die Stimmung, in der der blonde Kleiderschrank es fertigbrachte, jemanden mit bloßen Fäusten umzubringen.

»Das eine schwöre ich dir!« brüllte er gegen die Decke des plüschigen Raums, wo er die versteckten Abhörmikrofone vermutete. »Wenn du diese Sache durchziehst, Mary Watts, dann mache ich dich fertig! Fix und fertig! Glaube nur nicht, daß ich nicht Mittel und Wege dazu finde! Du kriegst in deinem Job kein Bein mehr an die Erde! Dein Laden geht kaputt, wenn ich es will!« Schnaufend hielt er inne.

Eine zigarrenkistengroße Klappe öffnete sich in der Decke, und das Glotzauge einer Videokamera schwenkte heraus.

»Bist du das, Mary?« brüllte Noland. »Sieh genau her! Und tu gefälligst nicht so, als ob du mich nicht kennst! Überlege dir deinen nächsten Schritt genau! Er entscheidet über deine Zukunft.«

Im Lautsprecher knackte es. »Mein Gott, Keith«, sagte eine dunkle, volltönende Frauenstimme. »Du hast dich kein bißchen verändert. Noch immer der alte Polterer. Wenn du könntest, würdest du jetzt alles kurz und klein schlagen, was? Aber gegen Panzerstahl kommst du wohl nicht an.«

Er grinste. »Leider kann ich nicht sehen, ob du dich verändert hast«, fauchte er, schon halbwegs besänftigt. »Deshalb kann ich das Kompliment noch nicht zurückgeben.«

»Daran läßt sich was ändern«, sagte Mary Watts. »Ich muß allerdings auf einem Kompromiß bestehen, Keith. Du schickst deine beiden Typen zurück nach draußen und kommst allein. Vor mir brauchst du dich nicht zu schützen -egal, weshalb du hier aufkreuzt.«

»Und was ist mit den Cops?«

»Meine Mitarbeiterinnen haben in jedem Fall bei mir rückzufragen, bevor sie so weit gehen. Du mußt diese Sicherheitsmaßnahmen verstehen, Keith. Was meinst du, was hier in Chicago los ist?«

»Warum soll es bei euch besser sein als in New York?« entgegnete er feixend.

»Das hört sich an, als ob ausgerechnet du unter der Kriminalität zu leiden hättest.«

»Etwas mehr Respekt bitte! Sag deiner liebestötenden Türwächterin, daß meine beiden Jungs raus wollen.«

»In Ordnung, Keith. Du nimmst dann den Fahrstuhl bis zum 7. Stock. Okay?«

»Nichts dagegen einzuwenden.«

Die Außentür glitt auf und sofort wieder zu, nachdem die Bodyguards hinausgeschlüpft waren. Vor Noland öffnete sich automatisch die verborgene Tür, die den Blick auf den Fahrstuhl freigab. Noland trat ein und tat, wie Mary ihm gesagt hatte. Er beruhigte sich damit, daß künftig er es sein würde, der ihr Anweisungen gab. Nicht umgekehrt.

Als er oben den Fahrstuhl verließ, hatte er das Gefühl, ins Freie zu treten. Die Luft roch nach einem Gemisch aus Chlor und süßlichem Parfüm. Der Swimming-pool des Hauses. Er war glasüberdacht. Der Blick reichte weit über den Buffalo Grove Park. Ein halbes Dutzend Girls und nicht ganz so viele Gents plätscherten in den blauen Fluten. Sanfte Hintergrundmusik war zu hören.

Noland übersah das Schild, das auf die Umkleidekabinen zur Linken hinwies und alle Besucher aufforderte, die Sachen abzulegen, bevor man sich ins Poolvergnügen stürzte. In seinem knielangen hellbraunen Ledermantel steuerte Noland auf die Bar zu, die sich in der linken Ecke der großen Glashalle befand.

Mary Watts hatte sich kaum verändert. Sie stand allein an der chromblitzenden Bartheke und wandte sich lächelnd zu ihm. Noland blieb unwillkürlich stehen. Sie trug einen knappen Bikini. Ihr Körper war verführerisch vollkommen, wie eh und je, mit einem leichten Hang zum Molligen. Das, worauf Noland immer abgefahren war.

Das brünette Haar umrahmte ihr fast faltenloses Gesicht sanft schimmernd und schmeichelnd. Ihre großen Brüste, auf die sie immer so stolz gewesen war, brauchten noch immer keine Stütze. Die 37 Jahre sah man ihr wahrhaftig nicht an. Schon damals hatte Noland nicht glauben können, daß sie zwei Jahre älter war als er.

»Was bringt dich so aus der Fassung?« fragte sie herausfordernd.

»Du«, antwortete er. Genau das wollte sie hören. Er wußte es.

Der Barkeeper war ein braunhäutiger Riese mit nacktem Oberkörper, im Bodybuilding-Studio modelliert. In einem Fantasy-Film hätte er einen erstklassigen Barbaren abgegeben. Hinter der Theke, in Marys Rücken, wirkte er wie ein Palastwächter. Er musterte Noland abschätzend.

Noland überprüfte sich und stellte fest, daß der Kerl ihn reizte. Dem Riesenbaby eine Lektion zu erteilen, gleich hier und jetzt, wäre sicher nicht verkehrt. Andererseits brauchte er Mary Watts nicht zu beweisen, daß selbst der größte Muskelprotz gegen ihn nur ein harmloses Würstchen war.

Er ging zu ihr und schob sich auf einen Barhocker, ohne den Ma'ntel abzulegen. »Schick ihn weg!« sagte er mit einer Kopfbewegung.

Der Muskelmann verzog das Gesicht und blickte Mary fragend an.

»Verschwinde, Ruby!« sagte sie, ohne ihn anzusehen. Ihr Blick wollte sich nicht von Nolands eckigem Gesicht mit den dünnen Lippen und den schmalen Augen lösen. Dieser Mann, der binnen weniger Jahre in einem New Yorker Syndikat alle Macht übernommen hatte, war die tptale Härte in Person. Sein kurzgeschnittenes mittelblondes Haar verstärkte den Eindruck noch. Er sah aus wie einer dieser Söldner in Nicaragua, für ein paar Tage auf Urlaub in der Zivilisation.

Die Gesichtszüge des muskelbepackten Riesen erschlafften vor Enttäuschung. Wortlos wandte er sich ab, walzte mit federnden Schritten zum Pool und tauchte mit elegantem Kopfsprung in die blauen Fluten. Gleich darauf kreischte ein Girl. Es zappelte in seinen starken Armen, als er es aus dem Wasser hochhob.

»Muß ich so was ertragen?« fragte Noland und steckte sich eine filterlose Zigarette an. »Wenn ich den Kerl noch lange sehe, kann ich mich wahrscheinlich nicht beherrschen und bringe ihm bei, was ich von Angeberei halte.«

»Beachte ihn einfach nicht!« erwiderte Mary lächelnd. »Dreh dich um und laß dir einen Drink von mir servieren! Ruby ist wie ein Kind. Die Größe seines Hirns steht wahrscheinlich in umgekehrtem Verhältnis zu seinen Körpermaßen. Was möchtest du trinken?« Mit wiegenden Hüften begab sie sich hinter die Theke. Er blickte auf ihre wippenden Brüste, was sie mit Genugtuung bemerkte.

»Gib mir einen Malzwhisky!« sagte er, ohne den Blick in eine andere Richtung zu lenken. »Mit klarem Quellwasser. Hast du so was?«

Sie bewegte die langen Wimpern auf und ab. »Hier, mein lieber Mr. Noland, gibt es nichts, was es nicht gibt. Das Pleasureland gehört zur obersten Kategorie in der Branche. Wir würden fünf Sterne kriegen, wenn es bei uns so was gäbe.«

Sie hantierte mit Flaschen und Gläsern, schob ihm den Drink hin und bediente sich selbst mit einem Southern Comfort.

»Hast du keinen besseren Platz fllr ein Gespräch unter vier Augen'.'« brummte er urid nippte an seinem Whisky.

»Sicher«, entgegnete sie und prostete ihm zu. »Aber es geht um ein Prinzip meiner Unternehmensführung. Ich bin die Chefin. Keine meiner Mitarbeiterinnen sieht mich je mit einem Gast verschwinden. Wenn ich es auch nur einmal täte, würde es meine Autorität untergraben. Es ist deine eigene Schuld, daß du deinen Besuch nicht angemeldet hast. Ich hätte dich dann in meinem Office empfangen.« Sie wies mit einer knappen Handbewegung auf den Pool. »Wenn ich jetzt mit dir von hier abziehe, denken die Girls nur das eine. Klar?«

»Klar«, grinste Noland. »Und ich glaube, ich hätte nicht mal was dagegen einzuwenden.«

»Um mich von hier wegzukriegen, müßtest du mich schon vergewaltigen, Keith. Und ich glaube, wenn Ruby richtig in Wut gerät, würdest du doch nicht so leicht mit ihm fertig werden.«

»Das' käme auf einen Versuch an.« Noland grinste noch breiter. »Aber lassen wir das!« Er beugte sich vor und senkte die Stimme zum vertrauensseligen Flüstern. »Ehrlich gesagt, Baby, ich komme aus dem Staunen nicht raus. Äußerlich hast du dich überhaupt nicht verändert. Du siehst so jung aus wie vor zehn Jahren. Aber sonst… Himmel, du ziehst ja die ganz harte Geschäftsmasche ab!«

»Aufschneider!« lachte sie. »Es ist erst fünf Jahre her, daß wir uns zum letztenmal gesehen haben.«

»Okay, okay.« Er winkte ab. »Ich bin auch keiner, der lange rumredet.« Er wandte sich um und stellte beruhigt fest, daß alle Girls und Gents noch im Pool planschten. »Folgendes, Mary. Ich habe über dich in der Zeitung gelesen. Oder in einer Illustrierten. Egal.«

»Ach, die Sache mit der Agentur?«

»Silver Eagle. Genau. Hochinteressant, was du den Leuten an Wochenendvergnügen vermittelst.«

»Nicht nur an Wochenenden. Wer es sich leisten kann, nimmt auch an Werktagen meine Vermittlerdienste in Anspruch. Es ist eine Branche mit Zukunft, Keith.« Unvermittelt zog sie die Stirn kraus. »He, bist du auf die Idee gekommen, dich bei mir als Teilhaber einzunisten?«

»Unsinn«, sagte er wegwerfend. »Natürlich, du bist mir aber noch einen Gefallen schuldig, seit damals.« Er sah sie an, um die Wirkung seiner Worte abzüwarten. In ihrem Blick entstand Mißtrauen, und er konnte ihre Gedanken ahnen. Er wußte nur zu gut, was jetzt in ihrem hübschen Kopf vor sich ging-Damals, in New York, war sie noch eine einfache Prostituierte gewesen. In einem Zuhälterkrieg rettete er ihr das Leben. Sie versüßte ihm eine Weile den Alltag, und er gab ihr das Startkapital für ein gehobenes Bordell. Er hatte das Geld nie zurückgefordert, denn es gefiel ihm, wie sie etwas daraus gemacht hatte.

Dann ging sie aus New York weg, und er hatte andere Dinge im Kopf, als sich um ein ehemals käufliches Girl zu kümmern, dem er ein paar Zehntausender zugesteckt hatte. Längst dachte .er in ganz anderen Summen.

»Wenn ich dir einen Gefallen tun soll«, sagte sie gedehnt, »dann kann ich mir ungefähr vorstellen, wie die Sache aussieht.«

»Ich verlange es nicht mal umsonst von dir«, erwiderte er. »Du mußt dich auch nicht dabei anstrengen. Nur deine Zustimmung brauche ich. Diese Wochenendspiele, die du anbietest, würden mir nämlich mächtig gut in den Kram passen.«

Halblaut schilderte er ihr, was er sich gedacht hatte. Und schon in ihrer Miene las er, daß sie einverstanden sein würde. Praktisch hatte sie auch nichts damit zu tun.

 

 

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941999
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v907465
Schlagworte
blonde mörderspiel trevellian

Autor

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Titel: Trevellian, die hübsche Blonde und das Mörderspiel