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Trevellian und das Kopfgeld auf Mister McKee

2020 122 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und das Kopfgeld auf Mister McKee

Copyright

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Trevellian und das Kopfgeld auf Mister McKee

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 122 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER: FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Plötzlich war John D. McKee zum bestbewachten Mann in den Vereinigten Staaten geworden - über Nacht.

In einem gepanzerten Lincoln Continental rollten wir auf der Arlington Memorial Bridge über den Potomac River. Das Regierungsviertel von Washington D.C. lag vor uns. Ober dem Häusermeer am anderen Flußufer leuchtete die Kuppel des Capitols im Sonnenschein.

Die Fahrzeugkolonne geriet ins Stocken und stand still - mitten auf der Brücke. Wir konnten nicht weg. Rechts war das Geländer. Vor und hinter uns standen Sicherungsfahrzeuge, ebenfalls auf der linken Spur.

Uns blieb nicht einmal Zeit, zu fluchen.

Etwas schwebte hell singend herab. Ein Schatten senkte sich über die Windschutzscheibe aus Panzerglas.

Und dann hockte sich das Ding auf die Motorhaube des Lincoln. Wie ein fettes Insekt in Großaufnahme.

Ein Hubschrauber, zwei Meter lang und einen halben Meter breit, das naturgetreue Modell eines Beil UH1D.

Unser Fahrer duckte sich unwillkürlich. Mr. McKee, Milo und mir erging es genauso. Wir saßen im Fond, den Chef in der Mitte. Unmittelbarer Personenschutz hieß unser Job.

Das dickleibige Ding auf der Motorhaube war mehr als ein Spielzeug. Anstelle der Kanzelfenster hatte es zwei Augen, die uns anglotzten.

Wir durften den Wagen nicht verlassen. Strikte Dienstanweisung.

Der Fahrer, ein FBI-Kollege aus Washington, griff zum Funkgerät.

Das Panzerglas bot höchste Sicherheit. Vielleicht gingen wir deshalb nicht sofort zwischen den Sitzen in Deckung. Vielleicht lag es aber auch an unserer Fassungslosigkeit, mit der wir das Geschehen beobachteten. Es lief in Sekundenbruchteilen ab.

Der Kollege am Lenkrad kriegte nicht einmal die erste Silbe seines Funkspruchs über die Lippen.

Die Fond'türen des FBI-Dienstwagens vor uns flogen auf. Zwei Special Agents schnellten heraus. Ihre leichten Sommerjacketts wehten hoch. Sie hielten Thompson-Maschinenpistolen im Hüftanschlag. Ihr Vorhaben war klar. Den Hubschrauber ins Kreuzfeuec nehmen und vom dunkelblauen Karosserielack blasen. Sie schafften zwei Schritte, bis zur Heckstoßstange ihres Wagens.

Etwas bewegte sich am Heck des dickbauchigen Flugmodells. Etwas wie eine kleine Wurfmaschine.

Ein grellroter Blitz löschte das Sonnenlicht aus.

Reflexartig gingen wir auf Tauchstation. Die Wucht der Explosion rüttelte den schweren Wagen durch. Stahlsplitter prasselten gegen Karosserie und Panzerglas. Wir hörten die Schreie der Sterbenden nicht, denn die Panzerung dämpfte auch den Schall beträchtlich.

Ich sah die harten Furchen im Gesicht des Chefs, als wir uns wieder aufrichteten. Seine Lippen waren schmal und scharflinig, die grauen Augen starr nach vorn gerichtet. Ich ahnte seine Gedanken. Sollte dies sein zukünftiges Leben sein? Ständige Todesgefahr? Ständige Bewachung? Und die dauernde Sorge, daß andere seinetwegen ihr Leben lassen mußten?

Die beiden G-men aus der Limousine vor uns hatten keinen Schuß mehr abgefeuert. Die Handgranate hatte sie auf der Stelle getötet. Wir konnten sie neben den Heckkotflügeln liegen sehen.

Etwas Unsichtbares schien sich um meine Kehle zu legen.

Höchstens fünf Sekunden waren seit der Landung des Killer-Hubschraubers vergangen.

Unser Fahrer war bleich. Klar, daß er die Männer kannte, die im Hagel der Granatsplitter gestorben waren.

»Wir müssen Ruhe bewahren«, sagte er tonlos. »Die Anweisungen beachten. Mit der Panzerung kann uns nichts passieren.«

Wir glaubten ihm. Diesen dunkelblauen Lincoln benutzte sogar der Präsident.

»Melden Sie über Funk…« sagte John D. McKee.

Mehr nicht.

Die Glotzaugen der fetten Libelle schienen uns bösartig anzufunkeln. Das Ding hockte da wie eine häßliche Riesendrohne, und niemand wagte sich jetzt mehr heran.

Das Ding legte ein Ei.

Es sah verdammt lebendig aus, wie ein wirkliches Insektenwesen, als es unter seinem Bürzel das Ei absenkte. Eine Halbkugel, genauer gesagt. Das Festhaften ließ ein metallisches Kläcken durch die schwere Karosserie laufen.

An den Seiten des Hubschraubers schwenkten MPi-Rohre aus und bewegten sich fächerförmig.

»Volle Deckung!« befahl der Chef schneidend.

Wir gehorchten. Die Mörder-Libelle beherrschte die Lage. Das Gefühl, nichts tun zu können, war zum Verrücktwerden. Es ließ meine Haarwurzeln kribbeln. Ich wußte, daß es allen anderen genauso ging.

Es krachte.

Die Karosserie schwankte.

Dann war Stille.

Wir richteten uns auf. Das flugfähige Monstrum hockte noch immer an seinem Platz. Aber dort, wo es das Ei gelegt hatte, war ein Loch in der Motorhaube.

Erst jetzt bemerkte ich, daß der Achtzylinder des Lincolns verstummt sein mußte. Im Leerlauf konnte man die Maschine sowieso kaum hören. Aber die Kontrolleuchten am Armaturenbrett zeigten Stillstand an.

Die Hohlladung hatte uns zur Bewegungslosigkeit verurteilt. Selbst wenn der Stau vorbei war, konnten wir nicht weg. Und jeden, der sich ins Freie wagte, kriegte der Killer-Helikopter entweder vor die MPi-Rohre, oder er warf eine neue Handgranate. Oder…

Hölle und Teufel, wie viele Tricks hatte das Ding noch auf Lager?

Jäh erkannte ich, was uns blühte. »Sir!« stieß ich hervor. »In Deckung! Sofort!«

Für die Spanne eines Atemzuges sah mich der Chef erstaunt an. Dann tat er, was ich verlangte. Auch der Fahrer, Milo und ich suchten wieder den Fußbodenraum auf.

Die Glotzaugen des Hubschraubermodells waren Objektive von Videokameras. Ein Fischauge, das 180 Grad Rundblick gewährte, und ein Zoom, das auf den Punkt zielte.

Sie wollten John D. McKee. Derjenige, der die todbringende Libelle fernsteuerte, hatte vor, sich das Kopfgeld zu verdienen. Terrance Kerman hatte es ausgesetzt. Und fast alle Syndikatsbosse in den Staaten hatten zugestimmt. Eine Million Dollar für den, der Mr. McKee tötete.

Möglich, daß die Windschutzscheibe von außen spiegelte. Aber sobald das Zoom-Auge den Chef erfaßt hatte, würde der Pilot an der Fernsteuerung den nächsten Schritt tun. Sie konnten die Panzerung nicht zerschießen. Aber der Klein-Hubschrauber konnte auf das Wagendach hüpfen und sein nächstes Ei legen - genau dort, wo Mr. McKee auf den Polstern saß.

Verdammt, ich mußte es verhindern -zumindest etwas unternehmen.

Ich tat es, ohne eine Erklärung abzugeben.

»He!« rief Milo von der linken Wagenseite, als ich die rechte Fondtür vorsichtig aufdrückte. »Bist du denn…«

»Rührt euch nicht!« zischte ich. Mehr Lautstärke war riskant. Vielleicht hatte das teuflische Flugmodell auch noch Mikrofone als Ohren.

Ich öffnete die Tür nur so weit, daß ich eben hinausschlüpfen konnte. Platt wie eine Flunder glitt ich auf den Fahrbahnbeton. Meine Rechnung ging auf. Durch die Seitenholme war die Bewegung der Tür verdeckt geblieben.

Ich drehte mich auf den Rücken und schob mich unter den Wagenboden. Dann zügig weiter, nach vorn. Auf halbem Weg zog ich den 357er Smith & Wesson. Den Magnum-Revolver führen wir vom FBI bei Sondereinsätzen mit. Und wenn es denn einen Grund für den Einsatz dieser Geschosse mit der enormen Auftreffenergie gab, dann den Schutz des derzeit meistgefährdeten Mannes in den USA - John D. McKee.

Ich erreichte den Motorraum, der bis auf die Radkästen mit Panzerplatten abgedichtet war. Ein kleiner Krater, mit Stahlschrott gefüllt, befand sich im Beton vor der Vorderachse. Die Hohlladung hatte ihr Loch bis auf die Fahrbahn gerissen. Der Hieb der Detonation war am Motorblock vorbeigerast, hatte aber wichtige Teile des Achtzylinders zerschmettert.

Ich schob mich mit dem Kopf bis an den Krater. Sonnenlicht schimmerte durch. Ich hatte mich nicht getäuscht.

Der Bauch des Hubschraubers war hellblau - echte Tarnfarbe. Ein Stück davon konnte ich sehen. Der Rumpf mußte mit Elektronik vollgepackt sein.

Ich hob den Revolverlauf in das Loch der Panzerplatte und zielte sorgfältig. Die schwere Waffe im Beidhandanschlag, zog ich durch. Viermal hintereinander. Der Smith & Wesson ruckte in meinen Fäusten. Das Wummern der Schüsse hallte durch die Stille auf der Arlington Memorial Bridge.

Den blauen Hubschrauberleib zerriß es. Wie in einer zuckenden Fernsehaufnahme sah ich Drähte und Gestänge durcheinanderwirbeln.

Erneut herrschte Stille.

Ich lauschte atemlos. Nichts rührte sich. Der Motor des Hubschraubers blieb stumm. Ich schob mich in die Wagenmitte, rollte mich in Richtung Brückengeländer. Im Hochfedern halfterte ich den Dienstrevolver.

Der Schwanz der Killer-Libelle war abgeknickt.

Ich packte den Flugapparat unter dem aufgerissenen Bauch. Das Ding war schwer durch seine Bewaffnung und die Zieleinrichtung. Ich schleuderte es in hohem Bogen über das Brückengeländer hinweg.

 

 

2

Etwas blinkte im Sonnenlicht. Ein Reflex, von Glas verursacht.

Ich sah den kleinen Jachthafen am Südufer des Potomac. Die Schrauben eines Kajütkreuzers quirlten das Wasser schaumig weiß. Das weiße Boot schob sich rückwärts vom Anleger weg. Noch einmal blinkte es. Dann verschwand eine Gestalt aus dem offenen Kajütenschott. Ein Fernglas hatte das Blinken verursacht.

Ich dachte nicht erst nach.

Mit einem Satz war ich auf dem Treppengeländer und sprang. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich noch, wie Milo mit einer Thompson um das Heck des Lincoln flankte. Er brüllte etwas, v Natürlich klang es nach Protest.

Es klappte. In zehn Meter Tiefe tauchte ich mit sauberem Kopfsprung in die dunkelgrauen Fluten des Flusses. Der Dienstrevolver steckte sicher im Schulterholster.

Das Dröhnen der Bootsmotoren brach Über mich herein. Es schien, als wäre der Kajütkreuzer unmittelbar vor mir. Doch ich wußte, daß es täuschte. Unter Wasser wird der Schall um ein Vielfaches verstärkt. Ich hütete mich davor, sofort aufzutauchen. Solange mein Luftvorrat reichte, arbeitete ich mich tauchend voran, auf den Jachthafen zu, dessen Lage ich mir eingeprägt hatte.

Der Motorenlärm wurde lauter. Ich wußte jetzt, aus welcher Richtung das Boot kam. Und meine Richtung stimmte. Die Luft wurde knapp. In spitzem Winkel zur Wasseroberfläche tauchte ich auf. Erst jetzt spürte ich das Gewicht meiner wassergetränkten Kleidung. Die Sonne blendete mich, als ich Luft holte. Ich kniff die Augen zusammen. Das Geräusch der Bootsmotoren hatte nachgelassen; der Kajütkreuzer schien weit entfernt zu sein.

Ein gefährlicher Trugschluß.

Ein Schatten nahm der Sonne ihre Blendwirkung.

Ich riß die Augen auf.

Eine weiße Wand wuchs vor mir in den Himmel.

Am Fuß der Wand, die das Bootsheck war, schäumten die Schrauben das Wasser auf - vier, höchstens fünf Meter von mir entfernt. Und der Mann am Ruder jagte den Kajütkreuzer in Rückwärtsfahrt auf mich zu. Ich warf mich im Wasser herum, versuchte, mit kraftvollen Kraulzügen nach rechts auszuweichen.

Keine Chance.

Das Heck der Jacht schwenkte mühelos herum, und die Schrauben hatten mich wieder in der Ziellinie. Ich konnte den Kerl im offenen oberen Ruderstand sehen. Halb umgedreht, grinste er zu mir herunter.

Die Maschine brüllte. Aus dem Gischtstrudel der Schrauben wehten Wasserschwaden zu mir herüber.

Keine vier Meter mehr.

Ich tauchte, drang kopfüber in die düstere Tiefe vor und strebte zur anderen Seite davon. Das Maschinengeräusch war wie Donner. Vor meinem geistigen Auge sah ich den Gischtschaum der Schrauben, wie er sich blutig färbte. Genau das hatte der Kerl am Ruderstand vor. Mich mit den Schrauben zerfetzen und dann das Weite suchen. Letzteres konnte er schaffen, wenn er mich abgeschüttelt hatte. Der Potomac hatte genügend Seitenarme, Buchten und Bootshäfen, in deren Gewühl man schnell verschwinden konnte.

Als ich zum Auftauchen gezwungen war, traf mich die Ernüchterung wie ein Schlag. Der Kerl hatte meine Richtungsänderung geahnt, oder er hatte es auf gut Glück versucht. Es änderte nichts. Das weiße, glänzende Heck war haargenau vor mir, noch drei Meter entfernt.

Ich trat Wasser, zog den 357er. Eine andere Chance hatte ich nicht mehr. Und nur noch zwei Kugeln in den Trommelkammern! Ich sah nur noch den Oberkörper des Rudergängers. Als ich den Smith & Wesson hochbrachte, war nur noch sein Kopf zu sehen.

Zwei Meter bis zu den tödlichen Schrauben.

Ein hackendes Geräusch durchbrach das Motorendonnern. Jäh ließ der Lärm nach. Der Rudergänger mußte die Regler ruckartig nach vorn geschoben haben. Noch einmal folgte dieses Hacken. Es war die Bleigarbe einer Maschinenpistole. Ich warf den Kopf in den Nacken und erblickte Milo über dem Brückengeländer. Er ließ die Waffe sinken.

Der Schraubenstrudel war in sich zusammengesunken.

Eine huschende Bewegung entstand über dem Bootsheck. Ich trat noch immer Wasser, hatte den Dienstrevolver noch über der Oberfläche.

Der Mann, der aus der Kajüte auftauchte, stieß eine Uzi über die Heckreling. Hüftanschlag. Sein Zeigefinger krümmte sich.

Ich zog durch, jagte beide Kugeln aus dem Lauf. Der 357er wummerte dumpf. Den Mann schleuderte es von der Reling weg. Die israelische Mpi flog in hohem Bogen weg, klatschte an der Steuerbordseite ins Wasser.

»Keiner mehr zu sehen!« brüllte Milo von oben.

Ich traute dem Frieden trotzdem nicht. Den Smith & Wesson hoch erhoben, stieß ich die leeren Patronenhülsen aus und füllte die Trommel mit dem Speedloader auf einen Schlag. Dann halfterte ich die Waffe und glitt auf die Jacht zu.

Die Schrauben drehten sich nicht mehr. Die Maschinen brummten im Leerlauf. An Steuerbord packte ich den Fender in Hecknähe. Ich hangelte mich hoch, erwischte die Reling aus Nickelstahl und schwang mich mit einem Klimmzug an Bord. Sofort duckte ich mich, hatte den 357er im selben Atemzug schußbereit.

Der Uzi-Schießer lag verkrümmt auf den Mahagoniplanken. Von dem Rudergänger konnte ich nichts sehen.

Mit einer raschen Seitwärtsbewegung, immer noch geduckt, drang ich weiter vor, auf das offene Kajütenschott zu.

Ein brüllender Schuß zerriß die Stille.

Augenblicklich lag ich flach. Ich staunte darüber, daß ich keinen Schmerz verspürte. Wie, in aller Welt, konnte es angehen, daß die Kugel mich nicht erwischt hatte, zumal der Schuß ohne jede Ankündigung für mich gekommen war?

Ich rollte mich ab. Sofort hatte ich den Smith & Wesson wieder feuerbereit.

Nichts geschah.

Ich zog die Beine an und spannte die Muskeln, um mich abzustoßen. Mir wurde bewußt, daß es keine wirkliche Stille war, die mich umgab. Da war das leise Maschinengeräusch, und aus den Straßen der Hauptstadt wehte das Summen des Verkehrslärms herüber. Eine startende Maschine auf dem nahen National Airport schickte ihren Turbinendonner in das Himmelbau dieses Tages.

Nur aus der Kajüte vor mir drang kein Laut.

Ich schnellte los. In flachem Sprung erreichte ich die Hitze des Unterdeckraumes. Die Klimaanlage mußte ausgefallen sein. Um mir nicht den Schädel einzurennen, bremste ich meinen Schwung. Vor einem Schapp aus Mahagoni, mit Messing beschlagen, wirbelte ich herum. Der Lauf des Revolvers in meinen Fäusten beschrieb einen Halbkreis.

Ich ließ ihn sinken, denn ich kam mir albern vor.

Hier war niemand mehr, den ich überwältigen mußte.

Der Mann war über Computer-Keyboard, Tasten und Kipphebeln zusammengesunken, mit dem Gesicht nach unten. Der Anblick seines Hinterkopfes hätte einen Zartbesaiteten in Ohnmacht fallen lassen. In den verkrümmten Fingern seiner Rechten lag ein 38er Ruger. Mit dem Lauf des Revolvers hatte der Mann im Vornüberkippen das Kunststoffgehäuse eines Bildschirms beschädigt. Sein Gesicht lag unmittelbar neben den Steuerhebeln der Funkfernbedienung, und sein Blut sickerte in die Ritzen der Tastenfelder.

Ich bückte mich und sah, daß kein Leben mehr in ihm war.

Er hatte sich die Kugel in den Mund gejagt.

Ich fand ein intaktes Funkgerät auf der anderen Seite der Kajüte, schaltete auf die FBI-Frequenz und nahm Verbindung mit dem Fahrer des gepanzerten Lincoln Continental auf. Dann stieg ich in den Ruderstand und manövrierte die Jacht mit langsamer Fahrt an ihren Liegeplatz zurück. Der Mann, der versucht hatte, mich mit den Schrauben in Stücke zu hacken, war von Milos MPi-Garben getötet worden.

Wir hatten drei tote Gangster und keine große Hoffnung auf eine verwertbare Spur.

Als ich von Bord ging, waren die ersten FBI-Fahrzeuge schon zur Stelle. Genügend Kollegen waren uns im Konvoi vom Airport her gefolgt. Ich überließ ihnen das Feld. Trockene Sachen würde ich in der Kleiderkammer des FBI-Hauptquartiers erhalten.

 

 

3

Das Gesicht des Chefs war wie gemeißelt, als wir gemeinsam das Büro des FBI-Direktors verließen. Milo und ich hatten im Vorzimmer gewartet. Das Gespräch mit William Webster hatte John D. McKee unter vier Augen geführt.

»Von seinem Standpunkt geht er nicht ab«, sagte der Chef, als wir uns auf den Weg durch einen unendlich langen Korridor machten. »Wenn wir es geschehen lassen, daß das organisierte Verbrechen in unsere Reihen hineinregiert, bedeutet das den Niedergang der schlagkräftigsten Ermittlungsbehörde der Welt.«

Wir wußten, Mr. McKee hatte die Worte von Direktor Webster zitiert. Und wir wußten auch, daß unser Chef versucht hatte, seinen unmittelbaren Vorgesetzten umzustimmen. Aber William Webster war bekannt dafür, daß er Personalentscheidungen noch nie rückgängig gemacht hatte. In der wichtigsten Sache, über die er wohl jemals zu befinden gehabt hatte, dachte er erst recht nicht daran, es sich anders zu überlegen.

»Leiten Sie die Pressekonferenz, Sir?« erkundigte ich mich.

»Zusammen mit dem Sprecher des Justizministers«, antwortete der Chef.

Wir erreichten Konferenzraum A III, der hundert Personen Platz bietet. Da die Angelegenheit nicht nur das FBI, sondern auch den CIA betraf, wurde mit einer hohen Teilnehmerzahl gerechnet. Viele der in Washington akkreditierten ausländischen Journalisten würden teilnehmen.

In einem Nebenraum hinter dem Podium war eine kleine Kantine eingerichtet. Wir gingen hinein, versorgten uns mit Kaffee und belegten Brötchen für ein schnelles zweites Frühstück. In einer halben Stunde würde der Rummel losgehen. Bis auf das Thekenpersonal waren alle Anwesenden mindestens Special Agents. Wie wir trugen sie die Ausweisschilder, die innerhalb des Hoover-Buildings an der Pennsylvania Avenue vorgeschrieben sind.

An einem Nachbartisch stand ein schlanker, grauhaariger Mann auf und näherte sich uns. Er wirkte elegant in seinem hellblauen Leinenanzug Über dem Spiegelglanz schwarzer Schuhe. Jerome Burns, Inspektor, war auf seinem Plastikschildchen zu lesen.

FBI-Inspektoren gehören zu den Leuten, die innerhalb ihres eigenen Vereins nicht sonderlich geschätzt werden. Eigentlich im Rang eines Special Agents, haben sie dennoch besondere Befugnisse. Sie unterstehen unmittelbar dem FBI-Direktor und seinen Assistenten und üben eine Art Selbstkontrolle aus. Sie können jederzeit in einem x-beliebigen FBI-Distrikt auftauchen und die Ermittlungsarbeit der G-men überprüfen. Manchmal wird so ein Inspektor aber auch auf einen ganz bestimmten Fall angesetzt, wenn höherrangige Interessen im Spiel sind. In ihrem Beliebtheitsgrad stehen diese Inspektoren auf einer Stufe mit Steuerprüfern.

Burns stellte sich dem Chef mit schnarrender Stimme vor. Milo und mich beachtete er nicht. Natürlich, im Hinterkopf dieses Mannes hatte sich festgefressen, daß er mit dem möglichen Nachfolger des derzeitigen Direktors sprach.

»Sicherheitsstufe eins in Konferenzraum A III ist hergestellt, Sir«, sagte Burns mit einem so bedeutungsvollen Ton, als hätte er die ganze Arbeit allein geleistet.

»Vielen Dank«, entgegnete John D. McKee und nickte betont beiläufig.

»Wir kontrollieren das in zehn Minuten«, sagte ich und ließ für Burns offen, ob ich ihn meinte oder Mr. McKee.

Doch es traf den beabsichtigten Punkt. Burns schnappte nach Luft. Dabei starrte er mich an, als sei ich ein Wesen unbekannter Art, das erst in diesem Moment aus dem Nichts aufgetaucht war. »Was nehmen Sie sich heraus…« schnaubte er und beugte sich vor, um mein Namensschild zu entziffern. »… Special Agent Trevellian!«

Mr. McKee antwortete an meiner Stelle. »Mr. Trevellian und Mr. Decker sind für meinen Schutz unmittelbar verantwortlich«, sagte er kühl. »Das ist eine Anweisung des Direktors, der auch Sie sich zu fügen haben, Mr. Burns.«

»Selbstverständlich, Sir«, antwortete der Inspektor und sah in diesem Augenblick aus, als hätte er einen Besenstiel verschluckt.

»Jesse Trevellian und Milo Tucker sind verpflichtet, alle Sicherheitsmaßnahmen zu überprüfen«, fuhr der Chef fort. »Niemand wird sie daran hindern.« Seine Stimme wurde schneidend. »Für die Fahrt vom Flughafen hierher galt ebenfalls Sicherheitsstufe eins, nicht wahr?«

»Ja, Sir!« Burns’ Unterkiefer bewegten sich mahlend, und auf seinen Wangen entstanden weiße Flecken.

»Wenn es nur um mein eigenes Leben ginge, würde ich kein Wort zuviel darüber verlieren, Mr. Burns. Aber zwei Kollegen mußten auf der Arlington Memorial Bridge sterben, weil es den Gangstern gelungen ist, nördlich der Brücke einen Unfall und damit einen Stau zu verursachen. Unter Sicherheitsstufe eins verstehe ich etwas anderes.«

»Ja, Sir!« Burns’ Gesicht blieb starr wie das eines West-Point-Kadetten, dem erklärt würde, daß er den aufrechten Gang erst noch lernen müsse. »Haben Sie weitere Anweisungen für mich, Sir?«

»Nur eine: Ich erwarte, daß Sie Mr. Trevellian und Mr. Tucker lückenlos Über alle Sicherheitsmaßnahmeit informieren, da Sie ja offenbar dafür zuständig sind.«

»Selbstverständlich, Sir. Ich stehe zur Verfügung, Sir.«

Worauf John D. McKee angespielt hatte, steckte uns noch immer in den Knochen. Unter den Gegnern, mit denen wir es zu tun hatten, schien die Kamikaze-Art vorzuherrschen. Der Fahrer, der seinen 30-Tonnen-Truck auf der vierspurigen Fahrbahn quergestellt hatte, schien jedenfalls bereit gewesen zu sein, sein Leben zu opfern. Denn überall entlang der Fahrtroute hatten G-men und Cops in Zivil in ihren Dienstfahrzeugen gesessen. Trotzdem war der Fahrer entwischt - spurlos verschwunden. Wir konnten es uns nur so erklären, daß in seiner Fahrtrichtung eine Limousine gefolgt war, die ihn blitzschnell aufgenommen hatte und dann in einer Seitenstraße verschwunden war.

Und der Mann in der Kajüte hatte es vorgezogen, sich selbst zu richten. Denn der Tod wäre ihm in jedem Fall sicher gewesen. Er hatte zwei G-men getötet. Auf Mord steht in Washington, District of Columbia, die Todesstrafe. Vollstreckung durch den elektrischen Stuhl. Ebenso hatte der Modell-Fernsteuerer aber auch damit rechnen müssen, daß die Syndikate ihn hinrichteten, bevor er uns gegenüber eine Silbe zuviel von sich geben konnte.

Burns stand die Sicherheitsüberprüfung im Konferenzsaal durch. Milo und ich meinten aber, sein Zähneknirschen zu hören. Nach zehn Minuten war der Inspektor erlöst. Wir gaben den Saal für die Journalisten frei.

Die Personenkontrolle wurde zügig abgewickelt.

Milo und ich saßen zusammen mit dem Chef auf dem Podium. Wir hatten einen erstklassigen Überblick. Henry F. Putnam, Sprecher des Justizministeriums, eröffnete die Pressekonferenz.

»Ladies and Gentlemen! Ich begrüße Sie im Namen des Ministers. Keine Sorge, ich werde keine lange Rede halten. Die Vorgeschichte kennen Sie ohnehin genausogut wie ich. In Stichworten: FBI-Direktor William Webster ist als Nachfolger für den Posten des CIA-Direktors vorgesehen. Der jetzige Amtsinhaber tritt bekanntlich in den Ruhestand.« Putnam legte eine kurze Pause ein, räusperte sich und fuhr fort: »Den voraussichtlichen Nachfolger Mr. Websters brauche ich Ihnen nicht mehr vorzustellen. John D. McKee, Special Agent in Charge beim FBI-Distrikt New York, ist heute zu einem ersten Gespräch in dieser Angelegenheit bei Mr. Webster gewesen. Das Gespräch wurde soeben beendet.« Putnam wandte sich zur Seite. »John, wenn Sie so freundlich sein wollen, einen kurzen Überblick…«

Fotografen und Kameraleute eilten nach vorn. Filmleuchten flammten auf, Blitzlichter zuckten, motorgetriebene Kameraverschlüsse surrten und schnappten. Fotos von Mr. McKee waren in den letzten Tagen schon in allen bedeutenden Zeitungen erschienen.

Milo und ich blieben gelassen, obw'ohl innerlich angespannt. Das Geschiebe und Gedränge der Fotografen und Kameraleute war geeignet, jeden Sicherheitsbeamten nervös zu machen. Aber es waren genügend Kollegen im Saal, die das Geschehen auch von den Seiten und vom Eingang her beobachteten. Was auf der Arlington Memorial Bridge passiert war, machte diesen Tag zu einem schwarzen Tag. Niemand wollte, daß es noch schlimmer wurde.

Mit einem Handzeichen gab ich den Presseleuten zu verstehen, daß Schluß der Vorstellung war. Willig zogen sie sich zurück. Alles Weitere blieb den schreibenden Journalisten und den Tontechnikern Vorbehalten.

John D. McKee brauchte sich nicht mehr vorzustellen. In den Zeitungs-, Radio- und Fernsehberichten war längst ausführlich Über seinen Lebenslauf und die berufliche Karriere berichtet worden.

»Mr. Webster«, sagte der Chef, »hat mir gegenüber bestätigt, daß er bereit ist, das höchste Amt bei der Central Intelligence Agency zu übernehmen. Ich habe ihm daraufhin gesagt, daß ich für den Posten des FBI-Direktors zur Verfügung stehe. Das ist das Ergebnis des Gesprächs. Wir haben außerdem über dienstliche Dinge gesprochen, die nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Ich danke Ihnen, Ladies and Gentlemen.«

»Wenn Sie Fragen stellen wollen -bitte!« rief Henry F. Putnam.

Eine blonde Journalistin von der ›Washington Post‹ trat an das Mikrofon in der Saalmitte. »Mr. McKee, meine Kollegen und ich haben übereinstimmend berichtet, weshalb Mr. Webster Sie als seinen Nachfolger vorgeschlagen hat. Sie haben im Kampf gegen das organisierte Verbrechen die größten Erfolge errungen. Sie gelten als ein Mann, der ohne Rücksicht auf sich selbst für Recht und Ordnung eintritt. Das bedeutet, Sie haben sich Todfeinde geschaffen. Trifft es zu, daß das organisierte Verbrechen mit aller Macht Ihre Amtsübernahme in Washington zu verhindern versucht?«

»Die Erfolge im Kampf gegen die Mafia habe ich nicht allein errungen«, antwortete John D. McKee. Er sah Milo und mich kurz an. »Die G-men Trevellian und Tucker gehören zu denen, die die wichtigsten Einsätze geleistet haben. Ihre Vermutung stimmt im übrigen, Madam. Wir werden es aber unter keinen Umständen zulassen, daß Verbrecherorganisationen Entscheidungen innerhalb des FBI beeinflussen.«

Die nächste Frage, von einem Redakteur der ›New York Times‹ gestellt, betraf den Zwischenfall auf der Arlington Memorial Bridge. Mr. McKee und Henry F. Putnam erklärten dazu, daß keinerlei Auskünfte gegeben würden, solange die Arbeit des Erkennungsdienstes nicht abgeschlossen sei.

Unser Chef bestätigte lediglich, daß die Mafia ein Kopfgeld von einer Million Dollar auf ihn ausgesetzt, habe -allerdings schon lange vor seiner Absichtserklärung, den Direktorenposten in Washington zu übernehmen. Nur rief dieser Anlaß jetzt wieder Burschen auf den Plan, die es mit aller Gewalt versuchen wollten. Der Killer an der Hubschrauber-Fernsteuerung war das erschreckendste Beispiel dafür gewesen.

Nach einer halben Stunde war die Pressekonferenz abgewickelt, und eine weitere halbe Stunde später saßen wir in der Sondermaschine nach New York. Die Überprüfung hatte ergeben, daß sich keine Bombe an Bord befand. Trotzdem fühlten wir uns wohler, als unser zweistrahliger Jet einen Bogen über den Long Island Sound flog und dann auf einer Landebahn des La Guardia Airports aufsetzte.

 

 

4

Die Stadt erwachte und begann zu brodeln. Nach der Bruthitze des Nachmittags wurde es nun erträglicher. Touristenscharen füllten die engen Straßen im Vieux Carré, dem alten französischen Viertel von New Orleans.

Laura Baker blickte auf ihre Armbanduhr und schälte sich aus dem Liegestuhl. Das T-Shirt und die Shorts klebten auf der Haut. Sie fuhr mit den Fingern durch ihr dunkelblondes Haar. Es fühlte sich strähnig an. Sie trat an das kunstvoll verschnörkelte Eisengeländer des Balkons. Die Leute auf der Straße sahen frisch und unternehmungslustig aus. Laura hatte das Gefühl, die einzige Touristin in der Stadt am Mississippi-Delta zu sein, die das Golfklima nicht vertragen konnte.

Sie ging in ihr Zimmer. Die Klimaanlage brachte nur wenig Abkühlung. Was in New York funktionierte, mußte eben in New Orleans noch lange nicht funktionieren. Laura duschte ausgiebig. Anschließend fühlte sie sich besser.

Während sie ihr Haar fönte, legte sie den Telefonhörer auf die Spiegelkommode und versuchte, nach New York durchzukommen. Ohne Erfolg. Schon nach der Vorwahl war besetzt. Irgendwo in den Sümpfen mußte ein Alligator auf der Leitung stehen.

Laura kontrollierte ihr Spiegelbild, bis ihr fein gezeichnetes Gesicht vom Haar duftiglocker umrahmt wurde. Sie benutzte kaum Make-up. Ihr Freund schätzte das an ihr, sagte, daß alles Künstliche den Ausdruck ihrer Augen zerstören würde. Gern hätte sie noch vor dem Abendprogramm mit ihm gesprochen. Aber es klappte auch beim fünften Versuch nicht. Sie ließ den Hörer auf die Gabel fallen und nahm sich vor, es in der Nacht noch einmal zu versuchen.

Laura zog einen jeansfarbenen Hauch von einem Hosenanzug an, der ihr für die Temperaturen am geeignetsten erschien. Selbst um Mitternacht war es draußen noch so warm, daß man nicht einmal einen Pullover mitnehmen mußte. Laura schloß ihr Zimmer ab und ging in die Lobby hinunter. Das Hotel Dubonnet, im Herzen des Vieux Carré gelegen, war im Stil der Jahrhundertwende restauriert worden. Durch die plüschige Atmosphäre der Lobby wehten Ragtime-Klänge, von einem Pianisten hervorgezaubert, der nebenan in der Bar spielte. Alles in dieser Stadt war Musik. Ein Traum.

Ein Teil der Gruppe hatte sich bereits versammelt. Alles Musiklehrer wie sie. Einige kannte sie noch aus der Studienzeit. Die Gruppenreise zu den Geburtsstätten des Jazz war gezielt für Lehrkräfte vorbereitet worden, die Programmpunkte nach Lauras Meinung hervorragend aufeinander abgestimmt. Reiseleiterin war eine Professorin vom New Yorker Konservatorium; unterstützt wurde sie von einer Angestellten des Fremdenverkehrsamtes von New Orleans.

Pünktlich um sieben Uhr brach die Gruppe auf - diesmal zu Fuß, denn der Weg bis zur Burgundy Street war kurz. Nach einer Viertelstunde im Lärmen der Touristenscharen standen sie vor einem Haus, das ähnlich aussah wie das Hotel Dubonnet.

Staunend betrachteten sie die Fassade. Über drei Stockwerke zogen sich die kunstvoll geschmiedeten Balkongeländer, sorgfältig entrostet und schwarz lackiert vor den weiß verputzten Mauern. Wandlampen, früher von Petroleum gespeist, leuchteten rot - sowohl im Erdgeschoß als auch in den oberen Etagen. Die Balkons sahen dadurch aus wie Höhlen, in denen ein warmer Widerschein glühte. Nur das Schild über dem Eingang wurde von normalem weißem Licht angestrahlt.

Maison Parisienne.

Die samtverhangenen Fenster ließen Geheimnisvolles vermuten.

»Zu allen Zeiten hat man Paris wohl für die Verkörperung aller Sinnenfreuden gehalten«, sagte die Angestellte des Fremdenverkehrsamts. »Deshalb die Namensgebung für dieses Haus. Es wurde 1894 erbaut und noch im selben Jahr eingeweiht. Männer aus den höchsten Gesellschaftskreisen gingen ein und aus. Das Maison Parisienne gehörte bis zur Schließung des Rotlicht-Distrikts 1917 zu den ersten Häusern seiner Art. Nach alten Plänen und Fotos wurde es vor knapp einem Jahr im Originalzustand von 1894 wieder hergerichtet.«

»Aber die Ladies sind doch wohl von heute!« unkte einer der männlichen Reiseteilnehmer.

»Von heute und vom Fach, Sir!« antwortete die Fremdenführerin verschmitzt lächelnd. »Ich hätte es Ihnen ohnehin erklärt, daß Sie beim Rundgang möglichst keine Fragen stellen sollten. Die Damen, die in unserem Museumsbordell tätig sind, stammen ausnahmslos aus der heutigen Szene. Sie stellen sich freiwillig für diesen fremdenverkehrsfördernden Zweck zur Verfügung - umschichtig, jeweils einen Tag pro Woche. Die Gentlemen, die Sie als Kunden sehen, sind größtenteils Schauspieler.«

Sie betraten das Haus, nachdem die Tür auf ein Klopfzeichen hin geöffnet worden war. Laura amüsierte sich ebenso wie die anderen über diese Einrichtung, die sogar in den Prospekten der Stadt angepriesen wurde. Ein Original-Bordell aus der Zeit der Jahrhundertwende, das sogar ›in Betrieb‹ vorgeführt wurde. Natürlich wußte jeder Musiklehrer, welche Bedeutung die Bordelle von New Orleans hatten. In diesen meist hochvornehmen Etablissements war der Jazz entstanden.

Männer wie Louis Armstrong und Jelly Roll Morton hatten in solchen Häusern mit Musikmachen ihre ersten Dollars verdient.

Die Führung begann, als sie aus der Halle, deren Wände mit rotem Samt bespannt waren, in den großen Salon traten.

Laura und ihre Kolleginnen und Kollegen blieben überrascht stehen. Mit großen Augen betrachteten sie das Bild, das sich ihnen bot. Die meisten kriegten den Mund nicht sofort wieder zu. Sogar die Ragtime-Klänge aus dem Hintergrund waren zunächst noch Nebensache.

Eine stattliche Frau, die sich als Madame Hortense vorstellte, begrüßte die Gruppe, als handelte es sich um Kunden des Maison Parisienne. Madame Hortense trug ein silbern schimmerndes Korsett, das mit Rüschen besetzt war. Über ihren beeindruckenden Brüsten glitzerte teurer Schmuck, desgleichen in ihrem kunstvoll hochgesteckten Haar. Zum schwarzen Haar paßten die schwarzen Strümpfe mit breiten Strapsen und die wadenhoch geschnürten Stiefel. Eine stattliche, respektgebietende Frau. Sie wünschte der Gruppe einen angenehmen und vor allem anregenden Aufenthalt.

»Darf ich das wörtlich nehmen?« rief einer von Lauras Kollegen.

»Aber ja!« antwortete Madame Hortense. »Nur das tote Inventar dieses Hauses ist ein Museum. Alles andere ist das pralle Leben.«

Der Kollege bekam einen roten Kopf. Die anderen drängten ihn lachend, der Einladung zu folgen. Doch der Mut verließ ihn vollends, als die Kolleginnen über ihn tuschelten und kicherten.

Sie setzten sich in Bewegung. Der Salon war von hellen Frauenstimmen erfüllt, die über Scherze und Anzüglichkeiten der Gentlemen in eleganten schwarzen Cuts lachten. Auf Polstermöbeln, unter Zimmerpalmen und am polierten Mahagoniholz der Bars fanden erste Kontakte der Ladies und ihrer Kunden statt. Die Damen des Hauses waren ähnlich offenherzig gekleidet wie Madame Hortense - nur schlanker und um einige Jahre jünger.

Breite, geschwungene Treppen führten in die erste Etage. Auf den mit Teppich ausgelegten Stufen war kein Schritt zu hören. Das matte, warme Licht der Wandlampen wurde von Glühbirnen erzeugt. Dennoch ließ es eine Vorstellung von der Zeit der petroleumgespeistön Lampen zu.

Laura war fasziniert. Was hier gezeigt wurde, hatte für sie nichts Anzügliches, denn es entsprach dem wahren Leben, wie es immer existiert hatte und existiert. Vollends begeistert war sie, als sie vom oberen Treppenabsatz aus einen Blick hinter den großen Paravent unten im Salon werfen konnten.

Drei noch jugendliche Musiker waren es, die den Ragtime spielten. Ein Pianist mit deutlichen kreolischen Zügen, das Haar schwarzglänzend und gelockt. Man konnte meinen, Jelly Roll Morton vor sich zu haben, wie er mit 14 Jahren für die Prostituierten und ihre Kunden gespielt hatte. Der Paravent war Vorschrift gewesen, da Jugendliche keinen Zutritt zu den Etablissements gehabt hatten. Auch als Musiker durften sie folglich nicht sehen, was sich abspielte. Die beiden anderen spielten Trompete und Geige.

Laura wußte, daß solche Besetzungen typisch gewesen waren für die Zeit unmittelbar nach der Entstehung des Jazz. Und diese jungen Burschen da unten spielten den alten Ragtime, als hätte es nie eine Entwicklung von Oldtime über Swing bis hin zu Bebop, Cool und Free Jazz gegeben.

Die Gruppe der Musiklehrer verteilte sich auf die Korridore. Offene Türen ermöglichten ausgiebige Blicke in die Zimmer, die vollständig eingerichtet waren wie 1894. Es gab luxuriöse Suiten und einfachere Räume - ganz dem Geldbeutel der Gäste des Hauses entsprechend.

Laura blickte staunend in eine dieser Suiten und fragte sich, ob alle Einrichtungsgegenstände echt waren. Allein die Möbel, wenn sie wirklich 1894 gebaut worden waren, kosteten ein Vermögen.

»Betreten nicht verboten«, sagte eine Stimme hinter Laura. Eine dunkle, männliche Stimme.

Erschrocken drehte sie sich um, sah, daß die anderen aus der Gruppe schon vorausgegangen waren.

Die Männerstimme gehörte einer Frau. Sie lehnte am Türrahmen gegenüber. Eine braunhäutige Kreolin mit lackschwarzem Haar. Sie war groß und kräftig. Zu den geschnürten Stiefeln trug sie einen rosafarbenen Trikotanzug. Ihre Schultern waren so breit wie die ausladenden Hüften, die Oberarmmuskeln ausgeprägt wie die eines Mannes.

»Was… sagten Sie?« hörte sich Laura stottern, obwohl sie genau verstanden hatte.

»Tritt ein, bring Glück herein«, grinste die Kreolin. Sie stieß sich vom Türrahmen ab und kam hüftenwiegend näher.

Laura fand ihre Fassung wieder und versuchte es auf die humorvolle Art. »Ich dachte, hier würden nur Männer beglückt«, entgegnete sie schmunzelnd.

»Irren ist menschlich, Baby.« Der Blick der Kreolin wurde schwül.

Laura spähte den Korridor hinunter, aber natürlich waren ausgerechnet jetzt alle verschwunden. »Sehen Sie sich unter meinen Kolleginnen um«, versuchte Laura es dennoch. »Vielleicht finden Sie da eine, die…«

Der Fausthieb traf Laura so überraschend, daß sie nicht einmal schreien konnte. Greller Schmerz explodierte unter ihrem Kinn, und sie wurde nach hinten' geschleudert. Ein weicher Diwan milderte ihren Aufprall. Fassungslos vor Entsetzen und halb benommen wollte sie sich aufrappeln. Aber das grinsende Gesicht des Mannweibs war schon nahe vor ihr. Laura sah noch die Faust, die so hart zuschlug.

Den Schmerz des zweiten Hiebes spürte sie kaum noch.

Sie verlor das Bewußtsein.

 

 

5

Eine Mondlandschaft konnte nicht zerklüfteter sein.

Motorenwummern klang wie aus tiefen Kratern. In unterschiedlicher Tonlage und meist ohne funktionierende Schalldämpfer überbrüllten sie sich gegenseitig. Ein Spielplatz für PS-Freaks, denen es auf dem Asphalt zu langweilig geworden war.

Milo und ich überquerten den Parkplatz am Stadtrand von Dobbs Ferry. Mein Jaguar befand sich zwischen einem Mercedes und einem Bentley in feinster Gesellschaft. Bis zum Hudson River war es nur ein Katzensprung. Dobbs Ferry liegt nördlich von Yonkers im Staat New York. Bepflanzte Erdwälle verwehrten den Blick auf den Ursprung des Motorenlärms. Milo und ich steuerten auf einen Torbogen zu, der den Einfahrten zu den alten Ranches des Westens nachempfunden war. Statt des Rindergehörns war ein Geländereifen in der Mitte des hölzernen Bogens aufgehängt.

Milo blickte an sich hinab. »In Springerstiefeln und Kampfanzug würde ich mich jetzt wohler fühlen«, gestand er.

Mit unseren Straßenanzügen waren wir vom Pflaster Manhattans weg durchgestartet, nachdem wir alles gehabt hatten, was wir brauchten: Haftbefehl und einen verläßlichen Hinweis auf den Aufenthaltsort unseres Mannes.

»Off-Roadfaradise« war auf dem Torbogen zu lesen, die Buchstaben kohlrabenschwarz eingebrannt.

»Nach all deinen Dienstjahren«, sagte ich, »hättest du längst den passenden Anzug für einen G-man in allen Lebenslagen entwickeln können.«

»Dauernd auf so einen leichtsinnigen Burschen wie dich aufpassen zu müssen kostet zuviel Zeit«, konterte mein Freund und Kollege grinsend.

»Um Ausreden warst du noch nie verlegen«, entgegnete ich. »Um sie dir auszudenken, hattest du immer genug Zeit.«

Da wir den Eingang des Geländes erreichten, verzichtete Milo ausnahmsweise auf das letzte Wort. Die Pförtnerkabine war leer. Unser Mann, so hatten die V-Leute erfahren, hatte das ,Off-Road-Paradise‘ an diesem Tag für sich und ein paar Freunde gemietet. Komisch allerdings, daß es niemanden gab, der Unerwünschten den Weg verwehrte.

Gestaffelte Erdwälle, jeweils mit seitlichen Durchgängen, hinderten etwaige Neugierige jedenfalls am Zuschauen. Rechter Hand sahen wir ein Clubhaus, das unter den dichtbelaubten Kronen großer Ahornbäume im Halbdunkel stand. Wir gingen darauf zu. Die Tür stand offen, der Aufenthaltsraum war leer, desgleichen die Küche und alle übrigen Räume. Wir unternahmen getrennt einen Rundgang um das flache Gebäude und trafen uns vor einem Stapel Kaminholz.

Milo zuckte die Achseln. Nirgendwo schien sich eine Menschenseele zu befinden. Sämtliche Anwesenden schienen sich in die clubeigenen Geländevehikel geschwungen zu haben und durch die Mondlandschaft zu brausen.

Eine ehemalige Sandgrube.

Milo und ich überprüften unsere Walkie-talkies und trennten uns. Mein Freund und Kollege wandte sich nach links, ich nach rechts. Über einen schmalen Pfad zwischen den beiden letzten Erdwällen erreichte ich einen freien Platz. Reifenspuren zeigten an, daß hier der Sammelpunkt für die Fahrzeuge war, wo sie nach dem Off-Road-Vergnügen auch wieder abgestellt wurden. Im Grunde hätten wir nur an dieser Stelle zu warten brauchen, um unseren Mann in Empfang zu nehmen. Doch es war mir zu unsicher. Es konnte sein, daß er Posten aufgestellt hatte, daß wir längst beobachtet wurden. Er konnte sich also in jede beliebige andere Richtung verdünnisieren.

Zu sehen war immer noch nichts. In den künstlich angelegten Schluchten, Talkesseln, Hängen und Pässen wummerte und brummte es, als hätte jemand ein Mikrofon in ein Wespennest gesteckt und die Aufnahme hundertfach verstärkt.

Milo hielt auf einen tief zerfurchten Weg zu, der offenbar in eine von diesen Schluchten oder in ein Tal hinabführte. Das Gelände mußte gut und gerne hundert Hektar groß sein. Wir hatten die Übersichtskarte an der Einfahrt zum Parkplatz gesehen. Ich entschied mich für einen Hohlweg. Die Seiten bestanden aus nacktem, vom Regen blankgespültem Sand-Lehm-Gemiseh. Oben, an den Rändern wuchs niedriges Buschwerk - wahrscheinlich das einzige bißchen Pflanzenwuchs, das innerhalb des Off-Road-Paradieses noch existierte.

Der Hohlweg führte 20 Meter weit geradeaus und beschrieb dann einen scharfen Bogen nach rechts. Ich bewegte mich auf dem festgefahrenen Sandboden der linken Spur voran.

Die Geräuschkulisse des Motorenlärms hatte etwas Beständiges gewonnen. Oder lag es nur daran, daß meine Ohren sich daran gewöhnt hatten?

Plötzlich war es, als risse ein Löwe sein Maul zu wütendem Gebrüll auf.

Die Kurve des Hohlweges spie ein rotes Ungetüm aus.

Es raste auf mich zu. Der chromblitzende Rammschutz erinnerte an Reißzähne, die breiten Geländereifen an mächtige Pranken. Ein offener Wagen, jeepähnlich. Ich sah die Umrisse des Fahrers. Er duckte sich über das Lenkrad, trug einen giftgrünen Schutzhelm.

Spätestens in diesem Moment mußte er mich gesehen haben. Doch statt zu bremsen, beschleunigte er. Das Brüllen der Maschine von mindestens acht Zylindern schwoll an.

Noch zehn Meter. Ich warf mich nach links. Dabei sah ich, wie der Sand unter den Hinterrädern des Off-Road-Wagens wegspritzte. Der Driver gab noch immer Vollgas.

Ich stieß mich ab. Aber die Buschkante war unerreichbar, drei Meter hoch. Auf der fast senkrechten Lehm-Sand-Wand fühlte ich mich wie ein Käfer auf einem Steilhang aus Schmierseife. Der letzte Regen konnte noch nicht lange zurückliegen.

Das Ungetüm mit dem Rammschutz raste röhrend auch mich zu.

Ich rollte mich auf den Rücken. Keine Zeit mehr, das Walkie-talkie einzusetzen. Und keine Zeit, den Dienstrevolver zu ziehen. Ich rammte meine Absätze in den Boden. Ich schaffte es, einen halben Meter Höhe zu gewinnen.

Der schwere Geländewagen schien mich zu erwischen. Ich schloß die Augen, wartete auf den Anprall der Karosserieflanke. Der Motorenlärm wurde ohrenbetäubend. Etwas schlug hart und klatschend gegen meinen linken Oberarm. Der rechte Außenspiegel. Erstaunt riß ich die Augen auf, als der Anprall ausblieb.

Er war haarscharf an mir vorbeigefegt, hatte es offenbar nicht riskieren wollen, den roten Brüller auf die Seite zu legen.

Ich brauchte eine Zehntelsekunde, um meinen 357er zu ziehen. Nach zwei weiteren Zehntelsekunden stand ich sicher auf beiden Füßen und hatte den Magnum-Revolver im Beidhandanschlag.

Ich jagte ihm je zwei Kugeln in die Hinterreifen. Die Pneus flatterten wie nasse Lappen um die Felgen, und das kraftstrotzende Off-Road-Monstrum sackte regelrecht auf den Hintern.

Details

Seiten
122
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941982
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v907464
Schlagworte
kopfgeld mckee mister trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und das Kopfgeld auf Mister McKee