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Leseprobe

Table of Contents

Tödliche Strömung

Tod über der Elbe

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

Der Storch bringt nicht nur Kinder

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

Tod im Korallenmeer

Tödliche Strömung

Im Netz des Verbrechens – Die Tote im Hafenbecken

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

Friesenmord auf Helgoland

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Eine Tote in Tonndorf

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Epilog

Kasyapas Wölfe

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Tödliche Strömung

 

Krimi-Sonderedition

 

 

Acht Kriminal-Romane, Krimi-Novellen und Kurzkrimis

großer Autoren in einem Band

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kerstin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat/Redaktion: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Folgende Kriminal-Romane, Krimi-Novellen und Krimi-Kurzgeschichten sind in diesem Band vereint:

 

Tod über der Elbe - Ein Fall für Brock – von Hans-Jürgen Raben

Der Storch bringt nicht nur Kinder – ein Küsten-Krimi von Rainer Keip

Tod im Korallenmeer – von Hans-Jürgen Raben

Tödliche Strömung – von John F. Beck und Ines Schweighöfer

› Im Netz des Verbrechens – Die Tote im Hafenbecken – von Wolfgang Menge

Friesenmord auf Helgoland – von Tomos Forrest

Eine Tote in Tonndorf – ein Hamburg-Krimi von Horst Bieber

› Kasyapas Wölfe – von Hans-Jürgen Raben

 

 

***

 

 

Tod über der Elbe

- Ein Fall für Brock -

 

 

von Hans-Jürgen Raben

 

 

ein Hamburg-Krimi

 

 

 

Klappentext:

 

Die Wasserschutzpolizei wird durch einen unbekannten Beobachter auf eine Gestalt aufmerksam gemacht, die im großen Fenster der Elbphilharmonie zu schweben scheint. Bei näherer Betrachtung stellt sich heraus, dass es sich um den ermordeten Markus Holler, den Erben einer kleinen Reederei, handelt, der von seinen Peinigern gefoltert und an dieser Stelle so drapiert wurde, als blicke er auf eine ganz bestimmte Stelle auf der Elbe, wo sich vor einem Jahr ein tödliches Unglück ereignet hatte.

Hauptkommissar Cornelius Brock geht schnell von Rache aus, da Holler damals jenes Boot gesteuert hat, welches den Unfall verursacht hatte. Einige Zeit später taucht eine zweite Leiche auf, die in Verbindung zum Mord an Holler steht. Wie passt dieses zweite Opfer in die Gleichung der Rache? Keine leichte Aufgabe für Brock, Licht ins Dunkel der Ermittlungen zu bringen, denn je mehr er und sein Team herausfinden, desto verworrener scheint der ganze Fall zu werden und bringt die Ermittler am Ende selbst in Lebensgefahr …

 

 

Alle Namen, Personen und Taten, Firmen und Unternehmen, sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären also rein zufällig.

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Es klingelte.

Hauptkommissar Cornelius Brock tastete schlaftrunken nach dem Wecker, ohne die Augen zu öffnen. Missmutig drückte er auf die Oberseite des Störenfrieds, um ihn auszustellen.

Es klingelte weiter.

Er verdrängte die letzten Traumfetzen aus seinen Gedanken und bemühte sich, die Augen aufzukriegen. Er hasste es, früh aufstehen zu müssen, besonders am Sonntag.

Sonntag?

Da sollte der Wecker überhaupt nicht klingeln!

Brock stemmte sich hoch und blickte zum Nachttisch. Das Telefon klingelte. Das konnte um diese Zeit nur eines bedeuten: Er wurde gebraucht. Und das wiederum hieß, dass es sich um etwas sehr Unerfreuliches handelte.

Er nahm den Hörer auf und meldete sich.

Eine hektische Stimme erklang am anderen Ende. »Hauptkommissar! Sie werden dringend in der Elbphilharmonie erwartet.«

»In der Elbphilharmonie?«, blaffte Brock. »Da wollte ich zwar immer schon mal hin, aber nicht am Sonntagmorgen. Was gibt es denn?«

»Das müssen Sie selber gesehen haben«, antwortete Horst Spengler, Brocks Assistent im Dienstrang eines Kommissaranwärters. »Ich habe Ihnen einen Streifenwagen geschickt. Der müsste in Kürze bei Ihnen sein.«

Brock wohnte in einem Mehrfamilienhaus in der Alsterdorfer Straße. Eine helle und freundliche Dreizimmerwohnung in der ersten Etage mit einem Balkon. Das ältere Ehepaar, dem das Haus gehörte, wohnte im Erdgeschoss. Ihr Mieter durfte den Garten mitbenutzen, eine Möglichkeit, die Brock noch nie wahrgenommen hatte. Eine Garage gab es nicht, nur einen Stellplatz auf dem Grundstück. Von Brocks Wohnung war es nicht weit bis zu seinem Arbeitsplatz bei der Mordkommission im Polizeipräsidium.

Er warf einen Blick auf die andere Seite des Bettes. Doch dort war niemand. Sie hatten am Vorabend den Geburtstag eines Kollegen gefeiert, und Brock war sich nicht sicher, wie das Ganze geendet hatte. Glücklicherweise nicht mit einem unerwarteten Besucher in seinem Bett. Er dachte kurz darüber nach, wann ein solches Ereignis zum letzten Mal stattgefunden hatte.

Ist lange her, schoss es ihm durch den Kopf.

»Ich komme«, krächzte er in den Hörer und schwang die Füße auf den Boden. Ein leichter Schwindel erfasste ihn, und er überlegte, ob das bei seinem Alter von vierzig Jahren normal war.

Er brauchte zehn Minuten im Bad und warf sich anschließend in seine Freizeitklamotten. Zuletzt steckte er die Brieftasche mit seinem Ausweis ein. Erst kurz vor der Tür bemerkte er, dass er die Schuhe vergessen hatte.

Eigentlich hatte er sich darauf gefreut, nach dem Frühstück zu joggen und anschließend eine Jazz-Aufnahme aus seiner umfangreichen Sammlung von Vinyl-Platten auf den Plattenteller zu legen und entspannt die Musik zu genießen.

Als er aus der Haustür trat, wartete der Streifenwagen schon. Er durchquerte die paar Meter durch den Vorgarten und warf sich wortlos auf den Rücksitz. Die uniformierten Kollegen waren so rücksichtsvoll, ihn während der Fahrt nicht zu behelligen, und Brock verlor sich wieder in seinem so abrupt unterbrochenen Traum, in dem es wie so oft um seine geschiedene Frau ging.

Sie hatten die hübsche Wohnung in der Alsterdorfer Straße vor vier Jahren zusammen angemietet. Es dauerte nur zwei Jahre, bis sie feststellten, dass sie nicht zueinander passten. Das heißt, seine Frau hatte das festgestellt. Sie hatten sich freundschaftlich voneinander getrennt und sahen sich immer noch gelegentlich. Nach dem Auszug seiner Frau hatte Brock die Wohnung behalten. Er empfand sie eine Zeit lang kalt und leer, doch inzwischen fühlte er sich dort wieder wohl. Die Wohnung war zu seinem Rückzugsort geworden, und auch die Vermieter im Erdgeschoss waren so rücksichtsvoll, ihn nicht zu belästigen.

Dennoch empfand er einen gewissen Schmerz, wenn er an die gemeinsame Zeit dachte, und er fragte sich, ob es jemals wieder so werden könnte.

»Wir sind da, Herr Hauptkommissar«, riss ihn die Stimme des Fahrers aus seinen Gedanken.

Der Streifenwagen stoppte auf dem kleinen Platz direkt vor dem riesigen Bau der Elbphilharmonie. Brock erkannte einige Polizeifahrzeuge. Auch der Gerichtsmediziner war bereits eingetroffen.

Jetzt, Mitte Juni, war es trotz der frühen Stunde bereits taghell. Der Himmel strahlte in einem sanften Blau, und nur wenige faserige Cirruswölkchen waren zu sehen. Es würde ein schöner Tag werden, und in wenigen Stunden würde es hier vor Touristen wimmeln.

Die während der Bauphase so geschmähte Philharmonie war zu einem absoluten Anziehungspunkt für Touristen geworden und hatte schon Millionen von Besuchern angezogen.

Der Blick von der Besuchergalerie über die Stadt und den Hafen war allerdings auch spektakulär.

Brock starrte an der Fassade hoch. Er hatte sich ursprünglich auch nicht für den Bau begeistern können, doch jetzt empfand er einen gewissen Stolz darauf, dass seine Heimatstadt ein neues Wahrzeichen besaß.

»Guten Morgen, Herr Hauptkommissar!«

Sein Assistent stand vor ihm, zwei Becher Kaffee in der Hand. Brock nahm einen davon dankend entgegen. Schließlich hatte er noch nicht gefrühstückt. Dunkel erinnerte er sich, dass Spengler in der letzten Nacht Bereitschaftsdienst gehabt hatte. Das erklärte sein frühes Erscheinen.

Er trug über seinen dunkelblauen Jeans ein offenes Hemd und eine beige Popeline Jacke. Rentnerjacken nannte Brock sie insgeheim.

»Was haben wir?«, fragte er mit rauer Stimme.

»Kommen Sie hoch, ich zeige es Ihnen. Sie werden es nicht glauben.«

Der Hauptkommissar nahm einen Schluck aus dem Kaffeebecher. Das Getränk war lauwarm und besaß einen leichten Geschmack von Spülwasser. Angewidert verzog er das Gesicht. Er legte Wert auf einen guten Kaffee zum Frühstück. In seiner Abteilung hatte er auf eigene Kosten einen teuren Kaffeeautomaten angeschafft. Doch erst als er auch den Kaffee dazu besorgte, schmeckte er, wie er ihn mochte.

Sie identifizierten sich bei dem uniformierten Polizisten, der den Eingang bewachte. Er trug ihre Namen sorgfältig auf einer Liste ein.

Brock warf einen Blick auf die Liste. »Erstaunlich, dass unser Doktor schon anwesend ist. Normalerweise kommt er doch als Letzter.«

Spengler beugte sich zu ihm herüber und raunte: »Er kommt direkt vom Fischmarkt. Hat wohl mit seinen Freunden durchgemacht. Stellen Sie ihm keine Fragen. Er ist ziemlich angesäuert.«

Brock sah seinen Assistenten misstrauisch an, doch der meinte es offenbar ernst.

Auf dem Vorplatz hatten einige Uniformierte inzwischen Flatterband gespannt. Brock deutete auf die Garageneinfahrt. »Da darf auch keiner rein oder raus, bis wir hier fertig sind!«

Spengler zupfte an seinem Ärmel, und sie gingen zu der endlos langen Rolltreppe, die nach oben führte.

Brock war schon einmal hier gewesen. Mit einer kurzfristigen Freundin, wie er sich erinnerte. Einer sehr kurzfristigen, eigentlich nur für eine Nacht und den folgenden Tag, einen Sonntag. Er hatte sie bei einem Abendessen mit Kollegen aus verschiedenen Städten kennengelernt. Sie stammte aus Köln und wollte unbedingt die Elbphilharmonie sehen.

Damals waren viele Menschen hier gewesen, die den gleichen Wunsch verspürten. Sie waren auf der Außengalerie herumspaziert und hatten Hamburg von oben betrachtet.

Ihr Abschied war unspektakulär gewesen. Sie hatten beide gewusst, dass sich die gemeinsamen Stunden nicht wiederholen würden.

Es war ein merkwürdiges Gefühl, ganz allein auf dieser Rolltreppe zu fahren.

»Es ist das große Fenster unterhalb der Plaza«, meldete sich Spengler zu Wort. »Es befindet sich im ursprünglichen Speicherbau, auf dem das moderne Konstrukt errichtet ist. Wir sind gleich da.«

»Ich weiß, wo das ist«, knurrte Brock. Die Müdigkeit hing ihm immer noch in den Knochen, und für einen Augenblick verspürte er das dringende Bedürfnis nach seinem Bett oder nach einem vernünftigen Frühstück.

Sie hatten das Ende der Rolltreppe erreicht. Dort stand ein weiterer Uniformierter und reichte ihnen Plastikbeutel, die sie über die Schuhe streifen konnten, um den Tatort nicht zu verunreinigen.

Spengler schritt eilig vor ihm her. Dann standen sie wenige Meter vor dem besagten Fenster, und Brock wurde schlagartig wach.

So etwas hatte er in der Tat noch nicht gesehen!

Mit dem Fenster hatten sich die Architekten einen besonderen Effekt einfallen lassen. Es war so in die große Öffnung eingepasst worden, dass es direkt mit der umgebenden Mauer abschloss. Dadurch war das Glas kaum zu erkennen, und man hatte den Eindruck, man könnte mit einem weiteren Schritt ins Freie treten und in die Tiefe stürzen. Viele Besucher hielten deshalb respektvollen Abstand von der Scheibe. Die Illusion war ziemlich überzeugend.

Insofern schien es, als würde der Mann in der Luft schweben, Arme und Beine weit ausgebreitet. Sein Kopf war schräg an die Scheibe gesunken.

Brock trat ein paar Schritte näher, um sich zu überzeugen, dass es real war, was er da sah.

Der Mann war offensichtlich tot. Seine Hände und Füße waren an merkwürdige Geräte gefesselt, die Brock erst aus der Nähe identifizieren konnte.

»Das sind industrielle Saugheber, mit denen Glasscheiben transportiert werden«, erklärte Doktor Fischer, der neben dem Toten stand und breit grinste.

Brock musterte den Pathologen. Er war Mitte fünfzig und machte diesen Job schon sehr lange. Er war außerordentlich gewissenhaft und übersah selten etwas. Vor Gericht war er für jeden Staatsanwalt ein Geschenk. Er ließ sich von keinem Verteidiger aus der Ruhe bringen.

Fischer war heute nicht wie üblich in einen weißen Overall gekleidet, sondern trug ein zerknittertes Sakko über verbeulten Jeans. Sein Hemd war mit Rotweinflecken verschmutzt, und die Krawatte hing auf Halbmast. Ein seltener Anblick!

Brock wandte sich wieder dem Mann an der Scheibe zu. »Die Dinger können einen Mann tragen?«

»Jeder einzelne von diesen Saughebern kann das«, sekundierte Spengler.

Brock betrachtete den Mann von allen Seiten.

»Er ist doch wirklich tot, oder?«, erkundigte er sich vorsichtshalber.

»Vermutlich schon seit gestern«, beruhigte ihn Doktor Fischer.

»Also wurde er an einer anderen Stelle umgebracht. Todesursache?«

»Er hat ein Hämatom an der rechten Kopfseite und eine Stichwunde im Nacken. Woran er genau gestorben ist, wird die Autopsie ergeben.«

Brock betrachtete einen der Saugheber. Die Hände und Füße des Toten waren an die breiten Tragegriffe gefesselt.

»Ist das ein Bergsteigerseil?«

Fischer schüttelte den Kopf. »Keine Ahnung. Das wird die Spurensicherung klären können. Die sollten übrigens bald hier sein.«

Aus der Nähe sah Brock, dass der Kopf des Mannes mit durchsichtigem Paketband an der Scheibe fixiert war. Er ging seitlich dicht an ihn heran. Die Augen des Toten waren geöffnet und schimmerten milchig.

»Was sieht er sich dort unten an?«, fragte er wie zu sich selbst. »Hat jemand zufällig einen Laserpointer dabei?«

»Ich habe einen im Auto«, sagte Spengler. »Bin gleich zurück!«

Brock winkte den Streifenpolizisten heran, der ein paar Schritte näher gekommen war und die Szene neugierig betrachtete.

»Wer hat den Toten so früh am Morgen eigentlich entdeckt?«, fragte Brock.

»Das waren die Kollegen von der Wasserschutzpolizei«, erklärte der Uniformierte. »Na, ja, eigentlich war es ein Mann in einem Privatboot, der den Kollegen aufgefallen war, weil er die Elbphilharmonie durch ein Fernglas betrachtete. Dann haben sie es auch gesehen.«

Er deutete auf den Toten. »Also … das hier.«

»Sehr interessant«, murmelte Brock. »Was macht denn ein Mann in einem Boot um diese Zeit auf der Elbe?«

»Das haben sich die Kollegen von der Wasserschutzpolizei auch gefragt. Doch als sie dann den Gekreuzigten entdeckten …«

»… hatten sie Wichtigeres zu tun«, ergänzte Brock den Satz.

Außer Atem war Spengler inzwischen wieder zurück. Er reichte Brock einen Laserpointer, wie man ihn zur Feststellung von Schussbahnen benutzte.

Der Hauptkommissar schaltete das Gerät ein und hielt es neben den Kopf des Mordopfers, sodass der Laserstrahl in die Richtung zeigte, in der die Augen des Toten blickten. Der dünne Strahl verlor sich rasch im hellen Licht des Morgens.

»Da ist nur Wasser«, stellte Brock verblüfft fest.

»Die Elbe«, fügte Spengler eifrig hinzu.

Der vernichtende Blick, der ihn traf, ließ den Kommissaranwärter förmlich zusammenschrumpfen.

Brock gab seinem Assistenten den Laserpointer zurück. »Dann schauen Sie mal, ob Sie mehr erkennen.«

Spengler versuchte ebenfalls sein Glück. »Mitten auf die Elbe. Ein Stück weiter liegt die Cap San Diego.«

Der Streifenpolizist hatte sich indessen ebenfalls an die Scheibe bewegt. Sein Blick folgte dem dünnen Laserstrahl.

»Das ist auch ungefähr die Stelle, an der die Wasserschutzpolizei den Mann auf dem Boot angetroffen hat.«

»Ich würde nachher gern mit dem Mann sprechen«, sagte Brock.

Niemand antwortete. Brock starrte von einem zum anderen.

»Er ist wohl nicht mehr da«, bequemte sich der Uniformierte schließlich zu einer Antwort.

»Was heißt denn das?«

»Na, ja, die Kollegen haben sich nicht weiter um ihn gekümmert. Sie haben bei uns angerufen, und wir waren als Erste am Tatort. Wir mussten zunächst jemanden finden, der uns Zutritt verschaffte. Als wir bei diesem Fenster waren, haben wir das besagte Boot nicht mehr gesehen.«

Brock wandte sich an seinen Assistenten. »Machen Sie unseren Freunden bei der Wasserschutzpolizei die Hölle heiß. Ich will alles wissen, was es über diesen geheimnisvollen Fremden zu erfahren gibt. Und wenn wir schon dabei sind, finden Sie heraus, ob an dieser Stelle der Elbe irgendetwas vorgefallen ist. Es gibt bestimmt einen Grund, weshalb der Mann dorthin sieht.«

Er drehte sich zu Doktor Fischer um. »Wissen wir, wer der Tote ist?«

»Nein. Niemand hat ihn bisher angefasst. Ich selbst habe nur kurz den Zustand der Leiche geprüft, um sicher zu gehen, dass der Mann wirklich tot ist.«

Brock zupfte dünne weiße Handschuhe aus seiner Tasche, streifte sie über und tastete die Kleidung des Mannes ab. Er trug schwarze Hosen, ein graues Sakko über einem hellblauen Hemd mit offenem Kragen – keine Schuhe. In der Brusttasche steckte eine Ledermappe, die der Hauptkommissar vorsichtig herauszog. Alle anderen Taschen waren leer.

Brock schlug die Mappe auf. Sie war ebenfalls leer – bis auf einen Personalausweis.

»Markus Holler«, las er vor. »Zweiunddreißig Jahre alt, wohnhaft in Hamburg. Da wollte jemand, dass wir erfahren, wer der Tote ist. Alles andere wurde entfernt.«

Der Streifenpolizist verzog sich wieder auf seinen Posten, als von der Rolltreppe her Stimmen zu hören waren.«

»Die Spurensicherung ist angekommen«, erklärte Spengler unnötigerweise.

Brock trat einen Schritt von der Leiche zurück. »Ich frage mich, ob ein einzelner Täter unseren Toten auf diese Weise an der Glasscheibe befestigen konnte.«

»Ich schätze, dass Holler zwischen siebzig und fünfundsiebzig Kilo wiegt«, sagte Doktor Fischer. »Ein großer und kräftiger Mann schafft das durchaus. Die Saugheber waren sicher schon vorher am Körper befestigt. Sehen Sie, er hängt etwas schräg. Der Täter hat zuerst seinen rechten Arm hochgezogen und den Heber aktiviert, dann den linken. Er brauchte dazu noch nicht mal eine Leiter.«

»Wie hat er den Toten hergeschafft?«, murmelte Brock. »Das Gebäude ist nachts doch sicher geschlossen. Es gibt Kameras, nehme ich an.«

»So ganz geschlossen ist es nicht«, entgegnete Spengler. »Über uns gibt es ein Hotel und außerdem Privatwohnungen. Der Zugang zu den Musiksälen ist natürlich gesperrt, doch für jemanden, der sich auskennt, dürfte es kein Problem sein, sich beispielsweise über die Garage Zutritt zu verschaffen.«

Brock spürte plötzlich, wie sein Magen knurrte. Er hoffte, dass es außer ihm niemand hörte. Das wäre an diesem Ort etwas peinlich gewesen.

»Setzen Sie unsere Kollegen an, die Möglichkeiten zu überprüfen, wie man ungesehen zu diesem Fenster kommen kann und zu welcher Zeit das möglich wäre. Sie sollen alles eventuelle Bildmaterial sichten und alle Leute befragen, die heute Nacht im Gebäude waren, einschließlich des Hotelpersonals.«

»Die Gäste auch?«

»Der Nachtportier wird wissen, wer zu ungewöhnlicher Stunde gekommen oder gegangen ist. Deren Namen will ich auch!«

Spengler entfernte sich in Richtung Rolltreppe. »Wird alles erledigt!«

Brock drehte sich zu Doktor Fischer um, der immer noch die Leiche anstarrte und dabei den Kopf schüttelte.

»Das ist wirklich ungewöhnlich«, murmelte er. »Da glaubt man, man hat alles gesehen, und dann das …«

Brock war neben ihn getreten. Er sah gedankenverloren auf die Elbe hinunter. Die nur leicht gekräuselte Wasserfläche glitzerte im Sonnenlicht.

»Was willst du uns dort unten zeigen?«, fragte er leise.

Die Leute von der Spurensicherung hatten sich hinter ihm versammelt und betrachteten verblüfft den Toten. So etwas war auch für sie neu.

»Können wir anfangen?«

Brock drehte sich zu der jungen Frau um, die in ihrem weißen Overall vor ihm stand. Er nickte.

»Sie bekommen die Ergebnisse der Obduktion so schnell wie möglich«, sagte der Mediziner.

»Ihr Schlusswort könnten Sie auch mal ändern«, knurrte der Hauptkommissar und verließ den Tatort.

 

*

 

Kommissaranwärter Horst Spengler sah den jungen Wasserschutzpolizisten, der sich als Detlef Schwenke vorgestellt hatte, streng an. »Erzählen Sie alles noch mal von vorn.«

Sie befanden sich in einem hässlichen Büro, das mit ziemlich alten Möbeln ausgestattet war. Der Beamte war nervös und knetete seine Finger ununterbrochen. Nachdem Spengler sich vorgestellt hatte, stand er vor ihm und sah auf ihn herunter.

»Unsere Schicht hatte gerade begonnen. Wir hatten unseren Liegeplatz verlassen und waren mit dem leichten Hafenstreifenboot auf Patrouille.«

»Das ist mir soweit klar«, unterbrach Spengler mit einem Versuch, die sarkastischen Bemerkungen seines Chefs zu imitieren, was ihm jedoch nicht vollständig gelang.

»Na, ja, wir wollten als Erstes das Kreuzfahrtterminal kontrollieren und standen querab zur Elbphilharmonie …«

»Querab? Was heißt das?«

Der junge Beamte sah Spengler entschuldigend an. »Das bedeutet rechtwinklig zur Längsrichtung des Schiffes.«

»Aha«, nickte Spengler, doch man sah ihm an, dass er die Definition nicht ganz begriffen hatte.

»Dann entdeckten wir das Boot. Das heißt, gesehen haben wir es schon vorher. Doch ich bemerkte, dass es bewegungslos im Strom lag. Ein Mann stand hinter dem offenen liegenden Steuerpult und hatte ein Fernglas auf die Elbphilharmonie gerichtet. Ich habe unserem Bootsführer ein Zeichen gegeben, doch er hatte ebenfalls alles gesehen und hielt bereits auf das fremde Boot zu. Es war noch sehr früh am Morgen, und private Boote sind da eher selten zu sehen.«

»Was geschah dann?«

»Mit bloßen Augen konnte ich nicht erkennen, worauf der Mann blickte. Also nahm ich auch ein Glas und entdeckte ziemlich schnell, dass an dem großen Fenster der Elbphilharmonie eine Person klebte. Inzwischen hatte uns der Mann auf dem Boot gesehen. Wir gingen längsseits, und unser Polizeiobermeister fragte ihn, was er da mache. Er sagte, dass er zufällig die Person am Fenster bemerkt habe, als er auf dem Rückweg zu seinem Liegeplatz war. Wir haben sofort die Zentrale informiert und Kurs auf die Philharmonie genommen.«

Auf Spenglers Stirn erschien eine tiefe Falte. »Um den Mann auf dem Boot haben Sie sich nicht weiter gekümmert?«

Der junge Beamte hob die Schultern. »Er konnte kaum etwas mit der Sache zu tun haben. Also ließen wir ihn dort zurück.«

»Großer Fehler!«, knurrte Spengler. »Wir glauben, dass der Unbekannte durchaus etwas mit dem Mord zu tun haben könnte, doch dank Ihrer mangelnden Weitsicht wissen wir nicht, wer er ist.«

»Mord?«

»Glauben Sie, da hat sich einer freiwillig an die Scheibe geklebt?«

Schwenke schwieg und senkte den Kopf.

»Wir können das Boot bestimmt finden«, sagte er schließlich. »Ich weiß, wie es aussieht. Auf dem Fluss ist es schwer, ein Schiff zu verstecken. Es war nach einer Frau benannt.«

»Nach einer Frau?«, wiederholte Spengler überrascht. »Welche Frau?«

»Ich meine einen weiblichen Vornamen, es war irgendwas mit A. Anja oder Anna. Vielleicht auch Alina oder Anke.«

»Das ist doch ein Anfang. Es wird doch ein Schiffsregister geben, in dem die Namen aller Boote verzeichnet sind.«

Schwenke nickte. »Ja, das gibt es. Wir werden das überprüfen.«

Spengler richtete sich zu seiner vollen Größe von ein Meter siebzig auf. Er war der festen Überzeugung, dass damit auch seine Autorität wuchs. Dann wurde ihm bewusst, dass seine Freizeitkleidung – Jeans, leichte Jacke, Sneakers – diesem Anspruch nicht gerecht wurde. Er schätzte korrekte Kleidung sehr, doch für den nächtlichen Bereitschaftsdient hatte er sich nicht die Zeit für eine entsprechende Auswahl genommen.

»Außerdem sollten Sie sofort damit beginnen, das Boot zu suchen. Wir müssen es unbedingt finden, es hängt mit unserem Fall zusammen.«

»Jawohl, Herr Spengler. Ich werde meinen Vorgesetzten informieren.«

»Kommissaranwärter Spengler, wenn ich bitten darf.«

»Jawohl, Herr Kommissaranwärter!«

Er drehte sich um und marschierte zur Tür. Dann fuhr er plötzlich wieder herum, als ihm einfiel, worüber sein Chef gegrübelt hatte.

»Sagen Sie, diese Stelle in der Elbe, an der Sie das Boot angetroffen haben, ist da mal irgendetwas passiert?«

Der junge Beamte zog seine Stirn in Falten und dachte offensichtlich nach. Dann hellte sich sein Gesicht auf.

»Ja, jetzt, wo Sie danach fragen … Da war wirklich mal was. Letztes Jahr beim Hafengeburtstag hat es etwa an dieser Stelle einen Unfall gegeben. Eine kleine Privatjacht hat ein Motorboot gerammt. Dabei ist jemand ums Leben gekommen. Ein Mann, glaube ich.«

»Wo sind die Unterlagen darüber?«, fragte Spengler scharf und freute sich schon auf Brocks Gesicht, wenn er ihm die Neuigkeit mitteilte.

»Die müssten auf unserem Revier sein.«

»Sorgen Sie für Kopien. Aber heute noch!«

Der junge Beamte nickte nur müde. Seinen Sonntagsdienst hatte er sich anders vorgestellt.

 

 

2. Kapitel

 

Das prachtvolle Haus an der Elbchaussee war gegen Ende des neunzehnten Jahrhunderts gebaut worden und hatte die wechselvollen Stürme der Zeit nahezu unbeschadet überstanden. Es lag an einem Abhang zur Flussseite und besaß dadurch einen unverbaubaren Blick über die Elbe und den Hafen.

Die Elbchaussee war eine der berühmtesten Straßen der Hansestadt. Sie verband Altona mit Blankenese und galt als bevorzugte Wohnlage. Es gab schöne alte Villen, Parks und Nobelrestaurants. Von manchen Stellen aus hatte man einen herrlichen Blick über den Fluss und den Hafen.

Die Villa war zur Straße durch dichte Hecken und einen jahrzehntealten Baumbestand abgeschirmt und damit neugierigen Blicken entzogen. Zusätzlich gab es eine etwa mannshohe Mauer, unterbrochen von einem Gittertor aus Schmiedeeisen. Vom Tor führte ein gepflasterter Weg zu den abseits liegenden Garagen. Davor waren einige zusätzliche Stellplätze angelegt. Der Weg endete an einem breiteren Platz vor dem Haupteingang.

Eine leicht geschwungene Freitreppe führte zu einem säulengeschmückten Vorbau. Von dort ging es in die große Empfangshalle, die das Zentrum des Gebäudes bildete.

Aus dem Speiseraum auf der rechten Seite drang das Gewirr mehrerer Stimmen unterschiedlichen Geschlechts. Geschirr klapperte, Besteck klirrte.

Am Kopfende einer langen Tafel saß Anton Holler, der Patriarch der Familie und gleichzeitig ihr unangefochtenes Oberhaupt. An einem Sonntag im Monat pflegte er die Familie zu einem sogenannten Brunch zu versammeln, einer Mischung aus Frühstück und Mittagessen. Erscheinen war für alle Pflicht, und so waren auch heute alle zusammengekommen.

Anton Holler betrachtete sich selbst als erfolgreichen Geschäftsmann, und das war er auch. Er hatte die Reederei, die er von seinem Vater übernommen hatte, zu einem konkurrenzfähigen Unternehmen gemacht. Eine gewisse Eitelkeit konnte man ihm durchaus nachsagen. Aus seinem Alter machte er gegenüber Dritten ein Geheimnis, obwohl jeder wusste, dass er die siebzig bereits überschritten hatte. Zugegeben: Man sah es ihm nicht an. In seiner ganzen Erscheinung wirkte er deutlich jünger.

Anton Holler trug wie immer seinen dreiteiligen Anzug mit Einstecktuch. An der Weste war eine schwere goldene Kette befestigt, an der eine goldene Taschenuhr hing, die er vor vielen Jahren von seinem Vater bekommen hatte, als er in die Geschäftsführung der Firma einstieg.

Eines Tages würde sein Sohn sie bekommen. Wieso war er heute eigentlich nicht hier? Der Platz zu Hollers Linken war leer. Nun, er wird sicher gleich erscheinen. Markus verpasste das monatliche Treffen der Familie fast nie.

Anton Holler musterte die Gäste an seiner Tafel. Rechts von ihm saß seine Frau Elisabeth, die aufmerksam den Tisch überprüfte, ob alles in Ordnung war. Sie war jünger als er, was man ihr deutlich ansah. Sie war nicht seine erste große Liebe gewesen, aber die glücklichste, und das hatte sich in den vielen Jahren, seit sie verheiratet waren, nicht geändert.

Seine erste Ehe war ihm wie ein Rausch vorgekommen, aber das Glück hatte nicht lange angehalten. Sie hatten sich nach zwei Jahren wieder getrennt. Aus seiner jetzigen Ehe mit Elisabeth waren drei Kinder hervorgegangen, und sie waren das Wichtigste in seinem Leben.

Neben seine Frau hatte Tim Platz genommen, der einzige Sohn seines Bruders und damit sein Neffe. Sein Bruder war vor einigen Jahren gestorben, und sie hatten seinen Sohn bei sich aufgenommen, als er noch ein Teenager war. Inzwischen war er ein breitschultriger und groß gewachsener junger Mann mit fast schwarzen Haaren und hellen wachen Augen. Er trug ein buntes Oberhemd mit offenem Kragen, ein Outfit, das Anton Holler gerade noch durchgehen ließ. Tim arbeitete in seiner Reederei in der Lagerverwaltung.

Dieses Lager im Hafen war ein Relikt aus der Vergangenheit. Es wurde im Prinzip nicht mehr gebraucht, und es gab dort nur wenige Angestellte. Doch Tim erzählte ihm immer, dass der alte Bau immer noch wichtig war, um dort bestimmte Güter der Frachtschiffe zwischenzulagern. Nun, Tim schien seine Sache gut zu machen, also ließ er ihn gewähren. Manchmal allerdings hatte er den Verdacht, dass sein Neffe die Bedeutung dieses Lagerhauses etwas übertrieb.

Anton Hollers Blick schweifte zur anderen Seite des Tisches. Dort saß seine Tochter Maria mit ihrem Ehemann. Zwischen ihnen ihr dreijähriger Sohn Erik, dessen Kopf gerade eben über die Tischkante ragte. Sie unterhielten sich mit ihrem Sprössling, dem irgendetwas nicht passte. Holler war von der Hochzeit Marias mit einem Anwalt nicht unbedingt begeistert gewesen, doch seinen einzigen Enkel liebte er abgöttisch.

Dann war da noch sein jüngster Sohn Daniel, der gerade achtzehn geworden war. Er hatte mit Mühe und Not und der Hilfe einiger Nachhilfelehrer die Mittlere Reife geschafft. Seitdem jobbte er gelegentlich in der Reederei des Vaters. Arbeit konnte man es kaum nennen. Er starrte angestrengt auf sein Smartphone, das an seiner Hand festgewachsen schien.

Anton Holler fehlte jedes Verständnis für den unwiderstehlichen Drang der jungen Leute, sich pausenlos mit einem solchen Gerät zu beschäftigen. Zu seiner Zeit hatte es so etwas zum Glück noch nicht gegeben. Wie auch immer man die Bedeutung der modernen Technik einschätzte – Daniel war sein Sorgenkind. Der Junge hatte bisher noch keine Vorliebe für irgendeinen Beruf erkennen lassen. Vielleicht musste man ihm noch Zeit lassen!

Der Platz am anderen Ende der Tafel war frei geblieben. Niemand aus der Familie hatte es je gewagt, ihn einzunehmen und sich dem Patriarchen der Familie damit genau gegenüberzusetzen.

Es klingelte!

Anton Holler sah erstaunt hoch. Wer wagte es, die Familie während dieser nahezu heiligen Handlung zu stören?

Elena, die griechische Haushaltshilfe, erschien in der Tür und blickte zum Hausherrn hinüber. »Da ist ein Herr von der Polizei, der Sie sprechen möchte.«

Anton hob die Hand. »Ich mache das schon. Alle bleiben sitzen.«

Er ging zur Tür hinaus, ließ sie aber geöffnet. In der Empfangshalle stand ein Mann in Freizeitkleidung. Er hielt ein Lederetui mit einem Ausweis hoch.

»Hauptkommissar Cornelius Brock«, stellte er sich vor.

»Ich nehme an, es geht um meinen Sohn. Was hat er ausgefressen?«

»Können wir irgendwo ungestört reden?«

Anton Holler stutzte. Ein Schatten zog über sein Gesicht. »Folgen Sie mir.«

Sie betraten das Esszimmer, und Brock ließ seinen Blick über die an einer langen Tafel Versammelten gleiten, wobei er ihre Gesichter registrierte. Er besaß ein ungewöhnlich gutes Gedächtnis für Personen und würde sie von nun an jederzeit wiedererkennen. Nach wenigen Schritten bemerkte Brock eine Berührung an seinem Bein. Er sah nach unten und entdeckte einen vielleicht dreijährigen Knirps, der vor ihm stand.

»Hast du eine Schtole?«, nuschelte er.

Brock ging in die Knie, um auf Augenhöhe zu kommen. »Was soll ich haben?«

Ein jüngerer Mann war vom Tisch aufgestanden und kam dazu, wohl der Vater des Kleinen. Er grinste. »Das ist mein Sohn Erik. Er will wissen, ob Sie eine Pistole haben.«

Brock stand auf, hob seine leichte Jacke an und drehte sich um seine Achse. »Keine Schtole!«

Der Hauptkommissar trug selten seine Dienstwaffe. Sie ruhte in einem abgeschlossenen Fach seines Schreibtisches und wurde praktisch nur herausgenommen, wenn er zu einer der vorgeschriebenen Schießübungen musste. Er besaß noch eine private Waffe, die in einem kleinen Tresor in seiner Wohnung lag. Er hatte sie am Anfang seiner Laufbahn erworben, als er es noch notwendig fand, sich seinem Beruf entsprechend auszustatten. Inzwischen war er kein Freund von Schusswaffen mehr, und er hoffte, nie eine benutzen zu müssen.

Allerdings wunderte er sich, wieso der kleine Stöpsel wusste, was eine Pistole war, bevor er ihren Namen aussprechen konnte.

»Kommen Sie!«, drängte Holler und ging voran. Brock folgte ihm in ein Arbeitszimmer mit holzgetäfelten Wänden und schweren Eichenmöbeln, die aussahen, als würden sie noch zur Erstausstattung des Hauses gehören. In der Luft hing ein Geruch von Tabak.

Brock bemerkte, dass an den Wänden einige merkwürdig aussehende Waffen hingen: Bögen, eine Lanze, Keulen. Hinter der Glasfront eines schmalen Schrankes befanden sich zwei teuer aussehende Gewehre. Fein ziselierte Metallteile, poliertes Holz, eindeutig eine hervorragende Handwerksleistung.

»Das sind englische Jagdgewehre. Sie stammen von meinem Vater, der ein begeisterter Jäger war. Eine Purdey und eine Holland & Holland. Soweit ich weiß, sind das so ziemlich die teuersten Jagdwaffen, die man kaufen kann. Ich konnte der Jagd nie etwas abgewinnen und habe daher noch nie einen Schuss daraus abgegeben. Ich lasse sie nur regelmäßig bei einem Büchsenmacher warten und reinigen.«

In einer Vitrine, wie man sie aus Museen kannte, lagen Dolche von teilweise seltsamer Gestalt. Einer hatte eine blitzende Klinge in Wellenform.

Anton Holler lehnte an seinem Schreibtisch und folgte Brocks Blick. »Das ist ein malaiischer Kris«, erläuterte er. »Eine gefährliche Waffe. Das Ding daneben mit der gebogenen Klinge ist ein Gurkha Dolch aus dem neunzehnten Jahrhundert. Er wird heute noch unverändert hergestellt.«

Brock sah fragend hoch.

»In meiner Jugend bin ich einige Jahre zur See gefahren. Damals haben mich exotische und antike Waffen fasziniert, und wenn ich welche kriegen konnte, habe ich sie mitgebracht.«

»Interessantes Hobby«, murmelte Brock.

»Also, was gibt es?«, knurrte Anton Holler. »Sie sind ja nicht gekommen, um meine Waffen zu bewundern.«

»Sie sollten sich lieber setzen«, sagte Brock und ließ sich selbst in einem der englischen Ledersessel nieder. Holler folgte seinem Beispiel. »Jetzt reden Sie schon!«

Brock hasste diese Aufgabe. Seine Chefin hatte ihn ermahnt, den Hinterbliebenen eines Mordopfers die Nachricht schonend beizubringen. Wie sollte man einem Vater schonend beibringen, dass sein Sohn tot war? Eine solche Mitteilung traf immer brutal ins Herz, gleichgültig, wie sorgsam man sie überbrachte.

»Wir haben Ihren Sohn Markus in der Elbphilharmonie aufgefunden«, begann Brock.

»Was hat er denn da gemacht?«, wunderte sich sein Vater. »Für Musik hatte er noch nie viel übrig. Fußball, ja, das war seine Welt! Aber Musik …«

»Er ist nicht freiwillig dort gewesen«, fuhr Brock fort und ermahnte sich dabei selber, nicht länger um den heißen Brei herumzureden. »Man hat ihn ermordet und dann dort abgelegt.«

Holler saß stocksteif in seinem Sessel, die Hände um die Lehnen gekrampft. Seine Kiefer mahlten leicht.

»Wie?«, fragte er schließlich mit dumpfer Stimme.

Brock hatte schon vorher beschlossen, ihm nicht die ganze Wahrheit zu erzählen. »Er befand sich hinter einem Fenster mit Blick auf die Elbe. Die genaue Todesursache wird noch ermittelt.«

Schweigen breitete sich im Raum aus. Nur eine alte Standuhr tickte. Aus dem Esszimmer drang der gedämpfte Lärm von Geschirr und Gesprächsfetzen.

»Wer hat das getan?«

»Das wissen wir noch nicht. Doch wir werden es herausfinden, das verspreche ich Ihnen.«

Holler war in seinem Sessel zusammengesunken. Jetzt schimmerte eine Träne in seinem Auge.

»Soll ich …?«, fragte Brock und deutete auf die Tür zum Esszimmer.

Holler schüttelte den Kopf. »Das werde ich selbst übernehmen. Gehen Sie jetzt.«

»Sie müssen morgen Ihren Sohn identifizieren. Oder jemand anders aus Ihrer Familie. Kommen Sie bitte am Nachmittag in die Rechtsmedizin. Die befindet sich im UKE, im Universitäts-Klinikum Eppendorf.«

Ein langsames Nicken. »Ich werde dort sein.«

 

*

 

Horst Spengler machte an diesem Tag seinen zweiten Besuch bei der Wasserschutzpolizei, nachdem er noch einmal in der Elbphilharmonie gewesen war, um die Überwachungsaufnahmen abzuholen und den Abtransport der Leiche zu beaufsichtigen. Die Spurensicherung hatte den Tatort noch nicht freigegeben, was einen mittlerweile eingetroffenen Manager des Hauses ziemlich missmutig stimmte.

Spengler hatte sich außerdem in der Garage umgesehen. Gleich hinter dem Eingang zum Foyer hatte er eine Sackkarre entdeckt, die dort bestimmt nicht hingehörte. Er vermutete sofort, welchem Zweck sie gedient haben mochte. Er ließ die Karre von der Spurensicherung einsammeln und bat um eine gründliche Überprüfung.

Die Garage war zu dieser Stunde noch weitgehend leer. Nur einige Fahrzeuge befanden sich auf den Stellplätzen. Spengler notierte sich vorsichtshalber sämtliche Kennzeichen. Möglicherweise war der Tote mit einem dieser Fahrzeuge transportiert worden. Doch bevor sie sich damit näher befassen konnten, mussten sie zunächst die Besitzer ermitteln. Vielleicht ergab sich hierbei bereits eine Spur.

Im Revier der Wasserschutzpolizei wurde er von Detlef Schwenke schon erwartet. Der junge Beamte hatte vor Eifer leicht gerötete Wangen. Die Vorstellung, an der Aufklärung eines wichtigen Mordfalles mitzuarbeiten, hatte seine Fantasie offenbar stark beflügelt.

Spengler indessen spürte nur, dass er in seinem Magen ein deutliches Hungergefühl verspürte. Er hatte außer dem Frühstück im Stehen nichts weiter gegessen, und er hoffte, dass es hier in der Nähe eine geöffnete Imbissbude gab.

»Was haben Sie ermittelt?«, fragte er.

»Ich habe mit meinen Kollegen gesprochen, und wir waren uns einig, dass es sich bei dem fraglichen Boot heute Morgen um ein etwa fünf Meter langes Motorboot der Firma Quicksilver handelte. Es mochte sich aber niemand festlegen, welches Modell genau es war. Es waren sich alle einig, dass die Lackierung blau-weiß gewesen ist. Jedenfalls kommen laut dem Register drei Boote mit dieser Lackierung infrage. Eines – Anika – gehört einem Barkassenbesitzer im Hafen, ein anderes – Antje – hat einen Liegeplatz in Moorfleet. Das dritte Boot mit dem Namen Anna gehört einem Anwalt und liegt im Jachthafen bei Wedel.

Schwenke reichte ihm ein Blatt Papier. »Hier habe ich die genauen Angaben aufgeschrieben.«

Spengler nahm das Blatt gnädig entgegen. »Haben Sie sonst noch etwas herausgefunden?«

Der Beamte nickte eifrig und deutete auf einen Aktenordner, der vor ihm auf dem Tisch lag. »Hier sind die Unterlagen von dem Unfall auf der Elbe im letzten Jahr. Es gibt sogar Videomaterial davon. Die Kollision der Boote wurde zufällig von einer Fernsehkamera aufgenommen. Man hat uns freundlicherweise damals eine Kopie überlassen, die Sie ebenfalls in den Unterlagen finden. Ich hoffe, das hilft Ihnen weiter. Sie müssen nur noch eine Quittung unterschreiben, dann können Sie alles mitnehmen.«

»Das haben Sie gut gemacht«, lobte Spengler großzügig.

Sein Handy klingelte. Brock. Wer sonst?

»Ich bin auf dem Rückweg von der Elbchaussee und fahre jetzt ins Präsidium. Wir treffen uns dort.«

Bevor Spengler antworten konnte, war die Verbindung bereits unterbrochen.

»Bin auf dem Weg«, sagte er trotzdem ins Leere.

 

*

 

Das Büro, in dem an normalen Tagen rege Geschäftstätigkeit herrschte, war heute, am Sonntag, nahezu leer. Cornelius Brock saß vor seinem Computer und starrte lustlos auf den Bildschirm, auf dem das Logo der Polizei zu sehen war.

Die Tür flog auf, und sein Assistent erschien, ein großes Sandwich in der Hand, von dem er genussvoll abbiss. Unter dem linken Arm trug er einen dicken Umschlag.

»Entschuldigung, Chef, aber ich musste dringend in die Kantine, sonst wäre ich glatt verhungert.«

»Ist sie heute geöffnet?«, fragte der Hauptkommissar erstaunt.

»Nur die Automaten.«

»Dann erzählen Sie mal. Was haben Sie herausgefunden?«

Spengler setzte sich umständlich und zog aus dem Umschlag einen Aktenstapel. Obenauf lagen zwei Speichersticks.

Einen reichte er Brock. »Das ist die Aufzeichnung der Garagenausfahrt der Elbphilharmonie. Bevor wir uns das ansehen, noch eine Bemerkung. Ich habe in der Garage eine Transportkarre entdeckt, die dazu gedient haben könnte, die Leiche in das Foyer zu schaffen. Die Spurensicherung untersucht die Karre gerade. Ich hoffe, dass wir daran Spuren entdecken. Es stehen noch Autos in der gleichen Etage, deren Kennzeichen ich notiert habe.«

Brock nickte. »Sehr vernünftig!«

»Wenn wir davon ausgehen, dass der Täter mit einem Fahrzeug gekommen ist, mit dem er den Toten transportiert hat, müsste er die Garage sehr früh am Morgen wieder verlassen haben, also noch bevor wir eingetroffen sind.«

Brock schob den Stick in die Buchse seines Computers. »Dann sehen wir uns mal an, wer das Gebäude verlässt.«

Als er die Datei startete, erkannten sie schemenhaft die Garagenausfahrt. Es war noch dunkel, und nur ein paar trübe Lampen erhellten das grau-schwarze Bild.

Sie starrten gemeinsam auf den Monitor, doch es geschah absolut nichts.

»Läuft die Datei?«, fragte Spengler schließlich.

Brock funkelte ihn an. »Natürlich! Es passiert jedoch nichts.«

Er wählte einen schnelleren Vorlauf, doch das Bild blieb wie es war, völlig unbeweglich. Nur die Helligkeit änderte sich, als der Tag begann. Das Bild wurde klarer und farbiger, doch kein Fahrzeug verließ die Garage oder fuhr hinein. Irgendwann verriet ihnen der Zeitstempel, dass die Aufnahme bei zehn Uhr endete.

»Entweder hat er kein Auto benutzt, oder der Wagen ist noch drin«, stellte Brock fest. »Bevor wir überlegen, wie wir weitermachen, zeigen Sie mir, was Sie sonst noch haben.«

Spengler zog eine Mappe von seinem Stapel. »Das ist die Liste mit den Namen der Hotelgäste. Es wird etwas dauern, alle zu überprüfen. Jedenfalls hat der Nachtportier berichtet, dass in der fraglichen Zeit keiner der Gäste gekommen oder gegangen ist. Das Hotel hat eine eigene Garage, aber von dort kann man durchaus in die öffentliche Garage gelangen. Trotzdem müsste derjenige am Nachtportier vorbei.«

»Na, schön. Was noch?«

»Ich habe herausgefunden, was auf der Elbe passiert ist. Sie wissen schon, an der Stelle, auf die der Tote geblickt hat.«

»Spannen Sie mich nicht auf die Folter.«

Brock starrte auf die Reste des Sandwiches, das Spengler in der Hand hielt. Er spürte allmählich selbst ein ziemliches Hungergefühl. Doch er wollte sich nicht die Blöße geben, jetzt ebenfalls zur Kantine zu laufen, um sich dort etwas zu holen. Außerdem war ihm nicht nach einem Essen aus dem Automaten. Alle Arten von Fastfood waren ihm verhasst.

»Es hat letztes Jahr während des Hafengeburtstages an dieser Stelle ein Unglück gegeben. Eine Motorjacht hat ein kleines Motorboot gerammt und versenkt. Dabei ist ein Mann gestorben. Die Wasserschutzpolizei hat ermittelt, wenig später jedoch die Ermittlungen eingestellt und den Fall zu den Akten gelegt, da es sich um einen Unfall handelte. Ich habe hier die komplette Akte.«

Spengler reichte ihm den ersten Ordner, und der Hauptkommissar schlug ihn auf. Schon nach einer knappen Minute hob er den Kopf und sah seinen Assistenten ungläubig an.

»Wissen Sie, wer die Motorjacht gesteuert hat?«

Spengler schüttelte den Kopf. »Ich hatte noch keine Gelegenheit, mir die Unterlagen anzusehen.«

»Das war ein gewisser Markus Holler!«

Jetzt sah Spengler ungläubig drein. »Unser Opfer?«

»Ja. Der Mann in dem kleinen Boot, der ums Leben gekommen ist, hieß Frank Altmann, wohnhaft in Altona. Er wurde zweiunddreißig Jahre alt. Holler wurde erst mal festgenommen, aber ein teurer Anwalt holte ihn gleich wieder aus der Haft. Zeugen beschrieben, dass er das kleine Boot einfach übersehen haben musste, als er in Richtung Landungsbrücken fahren wollte. Immerhin hat man ihm den Bootsführerschein für eine gewisse Zeit abgenommen. Da ist mit Sicherheit irgendein Deal gelaufen.«

Spengler überlegte kurz. »Dann ist das Motiv für den Mord wohl klar. Es handelt sich um einen Racheakt.«

»Sieht so aus, doch wir sollten keine vorschnellen Schlüsse ziehen.«

»Dann sehen wir uns das Ganze doch an!« Triumphierend hielt Spengler den zweiten Stick hoch. »Eine Fernsehkamera hat den Vorfall gefilmt.«

Brock tauschte die Speichermedien aus, und sie blickten gespannt auf den Monitor. Sie sahen über die ganze Breite der Elbe. Im Vordergrund war ein Teil des Museumsschiffs Cap San Diego zu sehen, dann glitt der Blick über den City Sporthafen auf die andere Seite der Elbe, wo sich ein Theater befand. Die Elbphilharmonie war knapp außerhalb des Kamerawinkels. Auf dem Fluss waren viele unterschiedliche Boote zu sehen, wie es bei jedem Hafengeburtstag der Fall war.

Plötzlich schwenkte die Kamera ein Stück herum. Der Kameramann musste etwas gesehen haben. Und dann sahen sie es auch!

Aus der Norderelbe kam mit hoher Geschwindigkeit eine Motorjacht geschossen, pflügte durch das leicht kabbelige Wasser auf ein kleines Boot zu und rammte es schräg von hinten. Das größere Boot schob sich halb über das kleinere, das in zwei Hälften auseinanderbrach.

Inzwischen hatte der Kameramann das Zoom eingeschaltet, und die Szene rückte schlagartig näher heran. Der Mann, der am Steuer des kleinen Bootes gestanden hatte, verschwand unter dem Rumpf des anderen.

Die Motorjacht hatte die Maschine gestoppt und fuhr rückwärts. An der Unfallstelle trieben Trümmerteile. Von dem Mann war nichts mehr zu sehen.

»Noch mal von vorn«, murmelte Brock und drückte die entsprechenden Tasten. Beim nächsten Mal sahen sie sich das Band zu Ende an. Als ein Boot der Wasserschutzpolizei heranrauschte, schwenkte die Kamera in eine andere Richtung. Noch vier Mal ließ Brock das Video laufen.

Plötzlich stoppte er. »Das war kein Unfall!«

»Was haben Sie gesehen?«

Brock deutete auf den Bildschirm. »Hier! Sehen Sie die Bugwelle. Ich spiele den Film in Zeitlupe ab.«

»Die Bugwelle ändert ganz leicht ihre Richtung«, stellte Spengler verblüfft fest.

Brock nickte. »Die große Jacht hat den Kurs geändert. Ihr Steuermann wollte das kleine Boot mit voller Absicht treffen. Es war also kein Unfall, sondern …«

»… Mord«, ergänzte Spengler.

Sie sahen sich an.

»Das Motiv Rache wird damit immer wahrscheinlicher«, gab der Hauptkommissar zu. »Allerdings frage ich mich, warum der Mörder fast ein Jahr gewartet hat.«

Er sah auf seine Uhr. »Heute können wir nicht mehr viel erreichen. Ich bin morgen früh in der Gerichtsmedizin, anschließend muss ich unsere Chefin ins Bild setzen. Sobald Anton Holler seinen Sohn identifiziert hat, werde ich mich mit seiner Familie ausführlich unterhalten. Sie kümmern sich um die infrage kommenden Boote. Überprüfen Sie die Besitzer. Denn ich möchte so schnell wie möglich wissen, wer heute Morgen so viel Interesse an unserem Toten gezeigt hat.«

»Soll ich die Wasserschutzpolizei über unsere neuen Erkenntnisse informieren«, fragte Spengler.

Brock hob die Hand. »Damit warten wir noch. Zunächst brauchen wir noch mehr Informationen. Selbst wenn wir jetzt den vermutlichen Grund für den Mord an Markus Holler kennen, sollten wir auch wissen, aus welchem Grund er im letzten Jahr diesen … diesen …«

»Frank Altmann«, sekundierte Spengler eifrig.

»Genau. Also aus welchem Grund hat Holler diesen Altmann umgebracht? Wir sollten mehr über seinen Hintergrund rauskriegen.«

»Sie meinen, ich sollte …?«

Brock grinste. »Sie haben es wieder mal erfasst!«

 

 

3. Kapitel

 

In den Kellern der Gerichtsmedizin herrschte nach der bereits gestiegenen Außentemperatur eine angenehme Kühle. Cornelius Brock wusste jedoch, dass es nicht lange dauern würde, bis daraus Frösteln werden würde. Der Aufenthalt in diesen Räumen gehörte nicht gerade zu seinen angenehmsten Pflichten. Doch sie ließ sich leider nicht umgehen.

Doktor Bernd Fischer, der Pathologe, stand bereits am Seziertisch. Brock blieb in einigem Abstand stehen. Er hielt sich ein Taschentuch vor die Nase, denn die Lüftung konnte den Geruch nicht vollständig verdrängen.

»Sie können ruhig näherkommen, der tut Ihnen nichts mehr!«, rief Fischer ihm zu.

»Danke, doch ich kann von hier aus genügend sehen.«

Brock versuchte, sich nur auf den Pathologen zu konzentrieren und die Leiche aus seinem Gesichtsfeld auszublenden. Fischer trug einen langen weißen Kittel mit einigen Flecken, deren Herkunft Brock lieber nicht wissen wollte. Unter dem Kittel war eine merkwürdig karierte Hose zu sehen. Die Füße des Arztes steckten in durchsichtigen Plastiküberzügen.

»Sind das Golfschuhe?«, fragte Brock verwundert.

Fischer sah an sich hinunter und grinste. »Wenn ich mit diesem Patienten fertig bin, fahre ich auf den Golfplatz. Das ist der Ersatz für den halben Sonntag, den ich gestern in Ihrer Gesellschaft verbracht habe. Außerdem ist am Montag nicht viel auf dem Platz los. Ich stehe mit meinem Spiel noch am Anfang, und es ist frustrierend, wenn man ständig von Golfern überholt wird, die einem mitleidig zulächeln.«

Brock nickte verständnisvoll und wandte rasch den Blick ab, als Fischer irgendetwas Glitschiges aus dem Körper hob und auf eine Waage legte.

»Können Sie mir schon etwas Hilfreiches über den Toten sagen?«

»Ich habe mir als Erstes das Hämatom angesehen. Er ist von dem berühmten stumpfen Gegenstand getroffen worden. Ich bin allerdings sicher, dass es sich um eine Art Rohr von etwa fünf Zentimeter Durchmesser gehandelt hat. Der Hieb damit war kräftig, aber nicht tödlich. Immerhin hat er gereicht, eine tiefe Wunde zu verursachen und den Mann für einige Zeit ins Reich der Träume zu schicken. Ich habe allerdings festgestellt, dass dieser Hieb eine ganze Weile vor der Stichwunde stattfand.«

»Gut. Was hat ihn getötet? Der Stich im Nacken?«

Der Pathologe runzelte die Stirn. »Dieser Stich hat Holler in der Tat getötet. Ich habe jedoch keine Ahnung, welche Waffe dafür verantwortlich war. Ich würde sagen, es war eine Art langer Dolch mit einer zweischneidigen Klinge, die von der Spitze zum Schaft hin rasch breiter wurde. Ich habe schon einige Stichwunden gesehen, aber eine solche noch nie.«

»Sie meinen, es war eine eher exotische Waffe?«

Brock dachte sofort an die Sammlung seltener und antiker Waffen, die er bei Anton Holler gesehen hatte. Er konnte sich jedoch nicht erinnern, etwas gesehen zu haben, das der Beschreibung des Pathologen ähnelte. Er musste unbedingt einen zweiten Blick auf die Sammlung werfen.

»Wenn Sie mir das Ding zeigen, kann ich Ihnen sagen, ob es die Mordwaffe war. In meinem Bericht wird die Rede von einer unbekannten Stichwaffe sein. Außerdem kann ich Ihnen sagen, dass es keine schwache Person war, die dem Opfer den Dolch in den Nacken gerammt hat. Die Wirbelsäule wurde durchstoßen, sodass unser Opfer sofort tot war. Dafür war ein ziemlicher Kraftaufwand nötig.«

»Wie sieht es mit dem Todeszeitpunkt aus?«

»Das hängt von vielen Faktoren ab. Ich würde mich auf die Nacht vom Freitag auf Samstag oder auf den frühen Samstagmorgen festlegen. Es sind noch nicht alle Tests abgeschlossen. Eines ist jedoch sicher. Der Mann war schon längere Zeit tot, als er an diesem Fenster befestigt wurde.«

»Ich warte auf Ihren Bericht und wünsche Ihnen eine erfolgreiche Golfpartie«, sagte Brock und wollte den Raum verlassen.

»Da wäre noch etwas.«

Brock drehte sich zu dem Pathologen um. »Ja?«

»Ich habe Spuren von Fesselungen an den Händen und Füßen entdeckt. Zwei frische Einstiche zeigen, dass man ihm etwas gespritzt hat, vielleicht Drogen oder Betäubungsmittel.«

»Das ist wohl nicht überraschend. Man hat ihn ruhig gestellt, bis man ihn getötet hat, um ihn an das Fenster zu kleben.«

Doktor Fischer schüttelte düster den Kopf. »Er wurde gefoltert. Ich habe Anzeichen entdeckt, dass man ihn einer Art Waterboarding unterzogen hat. Sie wissen schon, das ist …«

»Ich weiß, was das ist«, unterbrach ihn der Hauptkommissar. »Das gefällt mir überhaupt nicht. Es sieht danach aus, als hätte er etwas gewusst, was ein anderer unbedingt erfahren wollte. Unsere Rachehypothese müssen wir wohl noch mal überdenken.«

Brock verspürte allmählich ein leichtes Würgen und beeilte sich, aus dem Raum zu kommen. Draußen atmete er die frische Luft tief ein.

 

*

 

Zurück im Büro, wartete seine Vorgesetzte und zuständige Abteilungsleiterin bereits auf ihn: Erste Hauptkommissarin Birgit Kollmann. Sie war ebenso alt wie Brock, hatte ihre Karriere aber irgendwie an ihm vorbeigeführt. Sie besaß durchaus praktische Erfahrung, hatte ihre Ausbildung zur gleichen Zeit wie Brock gemacht und sich anschließend bei den hohen Tieren schnell beliebt gemacht. Nicht durch Speichelleckerei, wie es viele andere versuchten, sondern durch ihre Begabung, komplizierte Sachverhalte mittels PowerPoint-Software in anschauliche Grafiken, Tabellen und Übersichten zu verwandeln.

Ihre speziellen Präsentationen beschäftigten sich viel mit Effizienz, Kostenreduzierung und Personalplanung. Das kam oben gut an und war schon bis zum Präsidenten vorgedrungen.

In der Abteilung lautete ihr Spitzname PPK – so wie die Bezeichnung der Walther PPK, der früheren Dienstwaffe der Hamburger Polizei, die jetzt durch das moderne Modell Walther P99 ersetzt worden war.

Birgit Kollmann war der Spitzname natürlich zu Ohren gekommen, und sie vermutete, dass damit ihre Präzision, ihre Genauigkeit und ihre Zielsicherheit gemeint waren. In Wirklichkeit stand das Kürzel ganz simpel für PowerPoint Kollmann. Das jedoch wollte ihr niemand verraten.

Sie stand in der Tür ihres abgetrennten Büros mit den verglasten Wänden und winkte Brock heran.

»Hallo, Birgit!«

Sie kannten sich schon seit der Ausbildung und begannen sich zu duzen, als sie eine Zeit lang den gleichen Rang hatten.

»Hallo, Conny!«

»Du weißt, dass ich diese Abkürzung nicht mag.«

Sie hob nur die Schultern, und er folgte ihr. Sie nahm hinter ihrem Schreibtisch Platz, der mit Aktenstapeln vollgestellt war, und deutete auf einen der unbequemen Stühle, die davor standen.

Birgit Kollmann war schlank und groß. Sie hatte ein offenes Gesicht, das Vertrauen ausstrahlte, grüne Augen, in denen Humor aufblitzte, und eine etwas zu groß geratene Nase über vollen Lippen. Eine aschblonde Kurzhaarfrisur krönte das Ganze. Heute war sie konservativ gekleidet: grauer Rock, weiße Bluse, darüber eine kurze Jacke.

»Ich habe die Fotos aus der Elbphilharmonie gesehen«, begann sie. »Das sieht nach einem interessanten Fall aus, und ich möchte gleich vorausschicken, dass uns hier allerhöchste Aufmerksamkeit zuteilwird.«

Sie hob einen Finger und deutete nach oben zur Decke. »Unser leitender Direktor ist offenbar ein guter Bekannter von Anton Holler.«

»Du hast dich ja schnell in die Akten vertieft!«, wunderte sich Brock.

»Nachdem ich vor einer Stunde den ersten Anruf bekommen habe, wie die Ermittlungen vorangehen. Ich habe zugesagt, dass wir gute Fortschritte machen. Stimmt das?«

»Der Flurfunk ist doch immer schneller als der offizielle Dienstweg«, stellte Brock fest.

»Also, was haben wir?«

Brock schilderte die bisherigen Erkenntnisse. Als er bei dem Zusammenprall der beiden Motorboote angekommen war, verfinsterte sich die Miene von Birgit Kollmann.

»Du willst im Gegensatz zu der damaligen Aufklärung des Falles behaupten, dass unser Opfer selbst ein Mörder ist?«

Brock nickte entschuldigend. Sie starrte ihn an.

»Wie sicher bist du?«

»Die Sachlage ist eindeutig. Sieh dir die Aufzeichnung an.«

Sie biss auf ihre Unterlippe, wie sie es immer machte, wenn ein Problem auftauchte, das nicht sofort lösbar war.

»Das wird Anton Holler nicht gefallen, und damit auch unserem Direktor nicht. Wir müssen uns sehr warm anziehen und dürfen keine Fehler machen.«

»Das ist mir schon klar«, bestätigte Cornelius Brock. »Ich werde als Nächstes prüfen, welche Beziehung zwischen Markus Holler und dem Opfer vom letzten Jahr bestand. Mit der Familie muss ich natürlich auch reden.«

»Aber bitte mit allergrößter Zurückhaltung!«

»Sicher. Du kennst mich doch.«

»Eben!«

 

*

 

Kommissaranwärter Horst Spengler gab die Kennzeichen der Fahrzeuge ein, die er in der Garage der Elbphilharmonie notiert hatte. Gleich beim zweiten Wagen gab sein Computer aufgeregte Zeichen von sich.

Der Passat war als gestohlen gemeldet worden!

Spengler vertiefte sich in die Angaben. Der Besitzer des PKWs, Dieter Schmitz, hatte sein Auto in der Nacht zum Samstag als gestohlen gemeldet. Er war der Besitzer einer Kneipe namens Elbklause. Sie befand sich in einer Seitenstraße der Elbchaussee in der Nähe des Fähranlegers Teufelsbrück. Er hatte seinen Laden gegen zwei Uhr geschlossen und da stand sein Wagen, der wie immer seitlich vom Haus geparkt war, nicht mehr an seinem Platz.

Spengler griff zum Telefon und rief die Spurensicherung an. Sie versprachen, sich sofort um den Wagen zu kümmern und gründlich zu untersuchen. Dann lehnte er sich zurück und dachte nach.

Falls es sich um das Fahrzeug handelte, mit dem die Leiche transportiert worden war, würden Spuren zu finden sein. Weiter ließ es den Schluss zu, dass Markus Holler in der Nähe dieser Kneipe ermordet worden war. Na ja, zumindest war das eine Arbeitshypothese. Mit diesem Herrn Schmitz mussten sie sich unbedingt unterhalten.

Als Nächstes musste er sich die Boote vornehmen. Drei kamen nach Angabe der Wasserschutzpolizei infrage. Er versuchte, die Besitzer der Boote zunächst am Telefon zu erreichen.

Der Inhaber von Antje, das Boot, das im Hafen von Moorfleet lag, versicherte ihm, dass es sich zurzeit mit ausgebautem Motor auf einer kleinen Reparaturwerft befand. Er gab Spengler die Adresse und stellte ihm frei, sich das Quicksilver-Boot jederzeit dort ansehen zu können.

Er schob die Überprüfung der Angaben zunächst auf und kümmerte sich um das nächste Boot. Sein Name war Anna, und es sollte im Jachthafen bei Wedel liegen. Nach den Unterlagen gehörte es einem Anwalt, der im Stadtteil Nienstedten in der Nähe des Hirschparks wohnte. Sein Name war Kurt Berghoff.

Spengler rief die private Telefonnummer an.

»Berghoff«, meldete sich eine weibliche Stimme.

»Hier ist die Kriminalpolizei. Spengler ist mein Name.«

Ein leises Schluchzen unterbrach seine Vorstellung. »Ihr Kollege hat uns gestern schon unterrichtet.«

Spengler stutzte. »Worüber wurden Sie unterrichtet?«

»Über den Tod meines Bruders natürlich.« Das Schluchzen verstärkte sich.

Spengler schnallte es immer noch nicht. »Das tut mir leid. Wie heißt denn Ihr Bruder?«

Jetzt klang die Stimme wütend. »Das müssen Sie doch wissen! Markus Holler natürlich.«

Spengler wusste nicht so recht, was er sagen sollte. Die überraschende Wendung hatte ihn ohne Vorwarnung getroffen.

»Ich … äh … wollte eigentlich Ihren Mann wegen seines Bootes …«

Jetzt kreischte die Stimme. »Wegen seines Bootes? Sind denn alle komplett verrückt geworden!«

Das Gespräch war unterbrochen. Spengler hielt den Hörer in der Hand und dachte nach. Insgeheim musste er ihr recht geben. Aus ihrer Perspektive war ein Anruf der Kriminalpolizei, bei dem es um ein Boot ging, in dieser Situation äußerst verwirrend.

Immerhin war er durch diesen Anruf auf eine Verbindung gestoßen, auf die er im Traum nicht gekommen wäre. Wenn Frau Berghoff die Schwester von Markus Holler war, dann war ihr Mann sein Schwager. Was also hatte das Boot des Schwagers nach dem Mord auf der Elbe zu suchen?

Hier half nur ein persönlicher Besuch mit einer Erklärung für seinen Anruf. Jetzt war es noch viel dringlicher, mit dem Mann zu reden. Doch vorher war es wohl ratsamer, sich mit dem Hauptkommissar zu unterhalten.

 

*

 

Cornelius Brock fand die Zufahrt zur Hollerschen Villa auf Anhieb. Er parkte seinen Dienstwagen vor den Garagen, direkt hinter einem silberfarbenen Jaguar, der ihm bei seinem ersten Besuch schon aufgefallen war. Er bewunderte kurz die elegante Linienführung, bevor er ausstieg.

Er wurde wieder in das Arbeitszimmer von Anton Holler geführt. Der Patron würde in wenigen Minuten hier sein, informierte ihn die Hausangestellte und ließ ihn allein.

Diesmal richtete er seine Aufmerksamkeit sofort auf die Vitrine mit den Messern und Dolchen. Eine merkwürdig geformte Waffe zog seinen Blick magisch an. Er beugte sich über die Vitrine, um den Dolch näher in Augenschein zu nehmen. Er war ihm bei seinem ersten Besuch noch nicht aufgefallen.

Die Klinge entsprach der Beschreibung des Pathologen; eine von der Spitze bis zum Griffstück immer breiter werdende keilförmige Waffe. Über der Parierstange befanden sich zwei übereinanderliegende parallele Metallgriffe, die an jeder Seite an einer circa zwanzig Zentimeter langen weiteren Stahlstrebe befestigt waren.

Anton Holler trat neben ihn. Brock hatte ihn nicht kommen hören.

»Das ist ein Kattar, ein indischer Faustdolch. Die Faust umfasst die beiden Griffstangen, während die seitlichen Streben dem Schutz der Hand und des Armes dienen. Damit wird der Dolch zu einer Verlängerung des Unterarms, und es können sehr starke Stöße damit ausgeführt werden. Diese Waffen wurden in Indien jahrhundertelang benutzt. Wenn Sie genau hinsehen, erkennen Sie, dass die Spitze etwas verdickt ist. Dadurch wurde es möglich, einen Kettenpanzer zu durchstoßen.«

Dann wäre ein Knochen sicher kein Problem gewesen, dachte Brock und stellte sich vor, wie eine solche Stichwaffe mühelos Wirbelsäule und Rückenmark durchtrennte.

»Ich würde mir die Waffe gern näher ansehen«, sagte Brock.

Holler ging zu seinem Schreibtisch und nahm einen kleinen Schlüssel aus einer Federschale.

»Wegen des Kleinen«, erklärte er entschuldigend und schloss die Vitrine auf.

Jeder in diesem Haus hätte also an die Waffe kommen können, registrierte Brock.

Holler wollte in die Vitrine greifen, als Brock ihm in den Arm fiel. »Bitte nicht anfassen!«

Er zog ein Paar Baumwollhandschuhe an, die er immer bei sich trug, und hob den Faustdolch heraus. Er war schwerer als gedacht. Auf den ersten Blick war auf der Klinge nichts festzustellen. Das musste im Labor überprüft werden. Aus einer weiteren Tasche brachte er einen Beweismittelbeutel zutage und ließ die Waffe darin verschwinden.

»Sie bekommen eine Quittung«, sagte Brock.

Holler sah ihn sprachlos an.

»Gibt es irgendeinen Zusammenhang mit dem Mord an meinem Sohn?«, fragte er schließlich mit brüchiger Stimme.

Brock ging auf die Frage nicht ein. »War der Dolch die ganze Zeit über in der Vitrine oder wurde er von jemandem herausgenommen?«

Holler schüttelte den Kopf. »Das weiß ich nicht. Ich überprüfe die Vitrine nicht jeden Tag.«

»Lassen Sie uns setzen. Ich habe noch ein paar Fragen.« Brock schob den Reeder zu einem der Sessel.

Holler schien geschockt von der Vorstellung, dass eine seiner seltenen Waffen möglicherweise zur Mordwaffe geworden war.

»Erzählen Sie mir doch ein wenig von Ihrem Geschäft«, versuchte Brock ihn abzulenken.

»Die Reederei existiert schon seit einigen Generationen. Sie ist immer ein Familiengeschäft geblieben. Von Anfang an spielten Verbindungen nach Südamerika eine große Rolle. Das ist auch heute noch so.«

»Was transportieren Sie mit Ihren Schiffen?«, fragte Brock.

»Wir besitzen zwei kleinere Containerschiffe und ein Kühlschiff, das vor allen Dingen Obst und Fleisch aus Brasilien und Argentinien bringt. Außerdem besitzen wir noch zwei kleine Küstenfrachter, die im Regionalverkehr eingesetzt werden, also in der Nord- und Ostsee.«

»Ihr Sohn Markus war in das Geschäft eingebunden?«

Holler nickte trübsinnig. »Ich wollte ihn zu meinem Nachfolger aufbauen. Es war immer schon Tradition, dass der älteste Sohn das Geschäft übernimmt.«

»Ist sonst jemand aus Ihrer Familie in der Reederei beschäftigt?«

»Ja. Mein Neffe Tim arbeitet in der Lagerverwaltung und macht dort einen guten Job. Irgendwann werde ich ihn befördern müssen. Und Daniel …«

Holler seufzte. »Mein jüngster Sohn hat die Arbeit leider nicht erfunden. Er erledigt einige leichte Aufgaben in der Reederei, doch ich konnte ihn noch nicht dazu bringen, eine vernünftige Ausbildung abzuschließen oder eine regelmäßige Arbeit auszuführen.«

»Wann haben Sie Markus zum letzten Mal gesehen?«

Holler überlegte kurz. »Das war am vergangenen Freitag. Er kam am frühen Nachmittag in mein Büro und fragte, ob er früher Schluss machen könne. Ich hatte nichts dagegen.«

»Hatten Sie den Eindruck, dass irgendetwas anders war? Wirkte er nervös oder angespannt? Hat er einen Grund dafür genannt, dass er früher gehen wollte?«

Holler schüttelte den Kopf. »Ich nahm an, dass er sich mit Freunden treffen wollte oder etwas Ähnliches.«

»Ich würde gern sein Zimmer sehen.«

»Sein Zimmer?« Holler lächelte flüchtig. »Markus wohnt schon längere Zeit nicht mehr bei uns. Er hat eine Eigentumswohnung in Eimsbüttel.«

»Nach unseren Unterlagen ist er aber hier gemeldet.«

Holler hob die Schultern. »Dann hat er die Ummeldung wohl vergessen.«

Er zog eine Schublade auf. »Ich verfüge über einen Schlüssel, den können Sie vorerst haben.«

Brock biss sich auf die Lippen. Es gab doch immer wieder Überraschungen. Sie mussten sich schnellstens die Wohnung ansehen!

»Im letzten Jahr war Ihr Sohn in einen Unfall auf der Elbe verwickelt. Können Sie mir dazu Näheres sagen?«

Anton Holler sank stärker in sich zusammen. »Das war eine furchtbare Tragödie. Der Unfall hat Markus sehr mitgenommen. Er hatte sich bis heute nicht richtig davon erholt. Man passt einen kurzen Moment nicht auf, und dann verändert dieser Moment dein Leben. Er musste seinen Bootsführerschein abgeben und hat die Yacht anschließend verkauft.«

»Es ist nie zu einem Prozess gekommen, oder?«

»Nein, wir haben uns mit der Familie außergerichtlich geeinigt. Sie erhielten eine ziemlich hohe Abfindung. Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht unglücklich darüber waren, dass sie diesen Frank Altmann los waren. Soweit ich weiß, war er eine große Belastung für seine Familie.«

Das Rachemotiv wird immer dünner, dachte Brock, schrieb die neue Adresse von Markus Holler in sein Notizbuch und erhob sich. »Mit wem im Haus kann ich denn noch reden?«

»Meine Frau ist wahrscheinlich in der Küche, und Daniel … Der wird in seinem Zimmer im Obergeschoss sein. Tim wollte nicht hierbleiben, sondern ist wie üblich zur Arbeit gegangen.«

»Wo kann ich ihn finden?«

»Wir haben schon lange einen älteren Lagerschuppen drüben in Steinwerder. Tim ist dort sozusagen der Chef. Unser Kontor ist allerdings am Fischmarkt.«

Kontor?, dachte Brock. Eine hanseatische Traditionsfirma pflegt eben auch die alten Begriffe.

»Das Ehepaar mit dem kleinen Sohn – sie leben wohl auch nicht hier, oder?«

Holler schüttelte den Kopf. »Sie meinen meine Tochter Maria. Sie ist mit Kurt Berghoff verheiratet, einem Anwalt. Sie wohnen in Nienstedten. Warten Sie, ich muss hier irgendwo eine Visitenkarte haben.«

Er ging zum Schreibtisch und kramte darauf herum, bis er die gesuchte Karte fand und sie Brock in die Hand drückte. »Hier ist die Adresse.«

Brock verabschiedete sich und ließ den Patriarchen allein mit seiner Trauer. Hollers Frau Elisabeth fand er tatsächlich in der Küche. Sie saß an einem großen Holztisch, der mit allerlei Lebensmitteln beladen war. Als Brock eintrat, hob sie den Kopf und sah ihn mit tränennassen Augen an.

»Wie konnte das nur geschehen?«, flüsterte sie.

»Ich möchte Ihnen mein Mitgefühl ausdrücken«, sagte Brock. »Leider muss ich Ihnen ein paar Fragen stellen. Das lässt sich in solchen Fällen nicht vermeiden.«

Elisabeth Holler wischte sich über die Augen. »Fragen Sie!«

»Ist Ihnen an Markus in letzter Zeit etwas Ungewöhnliches aufgefallen? War er anders als sonst?«

»Markus hatte sein eigenes Leben. Wir wussten nicht viel über sein Privatleben. Mit meinem Mann unterhielt er sich nur über das Geschäft. Ich weiß noch nicht mal, ob er eine feste Freundin hatte. Als er noch bei uns wohnte, hat er uns an seinem Leben kaum teilhaben lassen. Ich habe es irgendwann aufgegeben, ihn zu fragen. Alle paar Wochen kam er zu unserem Sonntagsessen, aber auch bei diesen Gelegenheiten hat er nicht viel über sich erzählt.«

»Dann werden wir wohl etwas mehr über ihn herausfinden müssen. Danke für Ihre Zeit.«

Cornelius Brock stieg die Treppe in das Obergeschoss hoch und wurde schon bald von einer merkwürdigen Geräuschkulisse empfangen: Schüsse, Schreie, Explosionen.

Er blieb kurz vor der Tür stehen, auf der ein handgeschriebenes Schild verkündete: Eintritt nur nach Aufforderung!

Brock fühlte sich aufgefordert und stieß die Tür auf.

Daniel Holler fuhr erschrocken herum und starrte ihn an. Er saß vor einem Tisch, auf dem drei Monitore nebeneinander aufgereiht waren. Unter dem Tisch standen zwei große Computergehäuse. Außerdem gab es Stapel von Spielen, Tastaturen, einen aufgeklappten Laptop und jede Menge Spielezubehör.

»Drück mal die Pausentaste«, sagte Brock.

Daniel gehorchte, und der Lärm war schlagartig vorbei.

»Was wollen Sie?« Seine Stimme klang schrill und aggressiv.

»Wann hast du deinen Bruder zuletzt gesehen?«

»Weiß ich nicht. Ist schon länger her.«

»Du arbeitest doch gelegentlich in der Firma, oder?«

Der junge Mann fühlte sich eindeutig gestört. »Ja, aber im Lager. Markus war meistens im Kontor.«

»Weißt du, was dein Bruder privat gemacht hat?«

Daniel schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn nicht danach gefragt. Wir haben nicht viel miteinander gesprochen.«

Der junge Mann schien merklich angespannt und nervös zu sein. Es war nicht die Zeit, ihn weiter zu bedrängen.

Brock ließ seinen Blick durch den Raum mit den heruntergelassenen Jalousien schweifen. »Dann spiel’ mal weiter.«

Viel hatte dieser Besuch nicht ergeben.

Bis auf den Dolch natürlich. Und den musste er sofort in die Gerichtsmedizin bringen. Dort gab es ein leistungsfähiges Labor, das auch mit der Analyse von DNA-Spuren umgehen konnte.

 

 

4. Kapitel

 

»Wie viel ist insgesamt verschwunden?«, fragte der Mann mit der Schirmmütze. Seine Worte hallten in der großen Lagerhalle nach, in der sich zurzeit nur wenige Kistenstapel befanden. Das Licht, das durch die schmutzigen Oberlichter fiel, zeichnete filigrane Muster auf den staubigen Boden.

Der jüngere Mann zögerte einen Moment. »Fünfzig Kilo«, sagte er schließlich leise und senkte den Blick. Eigentlich war der Mann noch ein Junge, nicht älter als achtzehn oder neunzehn Jahre. Seine Augen blickten irgendwie traurig. Auf seiner Oberlippe war der zarte Flaum eines Bartes zu sehen. Er war dankbar für den Job, den er hier bekommen hatte. Fiete war sein großes Vorbild, was schlicht daran lag, dass er noch nicht viel Erfahrung in der Beurteilung eines Menschen hatte. Doch Fiete hatte ihn von der Straße geholt, und dafür war er ihm dankbar.

Der Ältere nahm die Schirmmütze ab und strich sich mit der Hand über den kahlrasierten und wie poliert aussehenden Schädel. Hoch über dem linken Auge war jetzt eine gezackte Narbe zu sehen. Er trug Arbeitskleidung und unförmige Schuhe. Sein Alter mochte irgendwo zwischen vierzig und fünfzig liegen. Alle riefen ihn nur Fiete, obwohl keiner wusste warum. Fiete ist die norddeutsche Kurzform für Friedrich, doch das war nicht sein richtiger Name.

»Das ist die Hälfte der Lieferung«, stellte er fest.

Der jüngere Mann nickte und wirkte dabei sehr unglücklich.

»Und wo ist die fehlende Hälfte?«, kam es drohend.

Jetzt schwitzte der junge Mann. »Das weiß ich nicht.«

»Das weißt du also nicht«, wiederholte der Ältere. »Wie können denn fünfzig Kilo so einfach verschwinden?«

»Ich habe keine Erklärung.«

»Ich sage dir mal was. Fünfzig Kilo – das sind fünfzig einzelne Pakete in zwei großen Sporttaschen. Die rutschen nicht durch irgendein Sieb. Die verlegt man auch nicht aus Versehen. Nein, die hat jemand an sich gebracht, und der lacht sich jetzt tot über uns.«

»Das muss am Freitag im Hafen passiert sein«, wandte der jüngere ein.

»Wir werden nichts finden, wenn wir deine Bude auseinandernehmen, oder?«

Der jüngere Mann blickte erschrocken auf. »Das war ich nicht! Die Ware ist aus dem Container geklaut worden. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht!«

Fiete setzte seine Mütze wieder auf.

»Weißt du überhaupt, was das bedeutet? Der Lieferant will sein Geld haben. Wir haben erst die Hälfte bezahlt, und das hat fast unsere ganzen Reserven gekostet. Kannst du dir vorstellen, was die mit uns machen, wenn sie ihre Kohle nicht kriegen? Nein, das kannst du vermutlich nicht. Ich sage es dir: die ziehen dir die Haut bei lebendigem Leib ab und anschließend zerlegen sie dich in deine Einzelteile.«

Die Lippen des jungen Mannes begannen zu zittern, und seine Augen füllten sich mit Tränen. »Ich kann doch nichts dafür.«

»Jemand hat die Ware, und den müssen wir finden, ehe es zu spät ist. Ich möchte jetzt ganz genau wissen, wie es abgelaufen ist. Fang mit dem Schiff an, als es noch auf See war. Du hast die Ware doch hin und wieder kontrolliert, oder?«

Der jüngere nickte heftig. »Ich habe es ganz genau so gemacht, wie man es mir gesagt hat. Niemand hat sich an der Ladung zu schaffen gemacht. Die Siegel des Containers waren unbeschädigt. Es kann erst im Hafen passiert sein. Während die Fracht gelöscht wurde, kam ich nicht an die Ware heran. Der Container stand einige Stunden auf dem Kai, bis ich die Fracht, die darin war, in den Lagerschuppen bringen konnte. Es war Wochenende, und ich habe die Kisten nicht gleich geprüft, da die Lagerhalle verschlossen wurde. Am Montag habe ich dann in beiden Kisten nachgesehen und festgestellt, dass aus einer Kiste die Taschen verschwunden waren.«

»Hast du irgendeinen Verdacht?«

»Nein, ich habe niemanden gesehen.«

»Du hast die ganze Zeit den Container auf dem Kai im Auge behalten?«, fragte Fiete lauernd.

Ein kurzes Stocken. »Na, ja, ich war mal auf der Toilette – und einen Kaffee habe ich mir auch geholt. Aber das hat nur wenige Minuten gedauert.«

Das Gesicht des Mützenträgers verzerrte sich. »Du Idiot hast also nicht gesehen, wie unsere Ware geklaut wurde. Das wird noch ein Nachspiel haben.«

Er deutete auf die beiden schwarzen Sporttaschen, die vor ihm auf dem Boden standen. »Die bringe ich selbst zu unserem Abnehmer. Da werde ich den Russen einiges zu erklären haben. Das Geld lasse ich gleich nach Panama überweisen, damit der Verkäufer erst mal beruhigt ist. Und du überlegst inzwischen, ob dir nicht doch etwas aufgefallen ist, das uns weiterhelfen kann, die Diebe zu finden.«

»Ich habe nur den Chef gesehen!«, rief der Junge plötzlich.

Der Kahlkopf stellte die Taschen, die er gerade hochgenommen hatte, wieder ab und drehte sich um. »Welchen Chef?«

»Holler natürlich. Markus Holler.«

»Der ist doch sonst nie hier«, überlegte Fiete. »Du bist sicher, dass er am Freitag hier war?«

Der Junge nickte mehrmals. »Er war auf dem Parkplatz vor der Halle. Er hat etwas in sein Auto gepackt und ist weggefahren. Ich weiß nicht, was er hier gemacht hat.«

»Wann genau war das?«

Der junge Mann überlegte. »Bevor ich die Kisten überprüft habe, war ich noch mal auf dem Schiff, um meine Sachen zu holen. Ich habe mich noch von den Kollegen verabschiedet, bevor ich zur Lagerhalle zurückgegangen bin. Da habe ich ihn gesehen, und anschließend habe ich entdeckt, dass die Taschen fehlten.«

Fiete überlegte angestrengt. »Das kann ich mir nicht vorstellen«, murmelte er schließlich.

»Was denn?«

»Na, dass Holler die Taschen geklaut hat. Ich kenne ihn lange genug. Ich werde ihn fragen.«

Der junge Mann schien erleichtert. »Danke!«

 

*

 

Nachdem Cornelius Brock den indischen Faustdolch in der Gerichtsmedizin abgegeben hatte, war er nach Nienstedten gefahren. Es war noch nicht zu spät für einen Besuch bei Anton Hollers Tochter und ihrer Familie. Es war immer wichtig, so schnell wie möglich mit allen Personen zu reden, die in irgendeiner Beziehung zu dem Opfer standen. Am Sonntag hatte er darauf verzichtet, um der Familie Gelegenheit zu geben, den Schock zu verdauen.

Er parkte seinen Wagen hinter einem Fahrzeug, das ihm sehr bekannt vorkam. Was zum Teufel hatte Spengler hier zu suchen?

Brock stieg aus, ging nach vorn und klopfte an die Seitenscheibe. Kommissaranwärter Horst Spengler, der seine ganze Aufmerksamkeit auf ein einzeln stehendes Haus konzentriert hatte, fuhr erschrocken zusammen und blickte den Hauptkommissar irritiert an.

Die Scheibe fuhr herunter.

»Darf ich fragen, was Sie hier treiben?«, fragte Brock.

»Hier wohnt Kurt Berghoff, der Anwalt … der Schwiegersohn von Anton Holler … also der Mann seiner Tochter …«

Brock grinste amüsiert. »Weiß ich alles. Doch wir hatten vereinbart, dass ich mit der Familie rede. Was haben Sie hier verloren?«

Spengler öffnete die Autotür und stieg aus. »Das Boot … ihm gehört das Boot.« Vor Aufregung stotterte er immer mehr.

»Von welchem Boot sprechen wir? Bitte der Reihe nach.«

Spengler hatte sich allmählich gesammelt und wirkte jetzt beflissen wie immer. »Das Boot, das unsere Kollegen von der Wasserschutzpolizei am frühen Sonntagmorgen auf der Elbe entdeckt haben. Sie wissen schon – ein Mann hat von dort die Elbphilharmonie beobachtet.«

Brock runzelte die Stirn. »Das Boot gehört Berghoff?«

Spengler nickte heftig. »Als ich mit seiner Frau sprach, wusste ich nicht, dass sie mit Holler verwandt ist. Ich wollte natürlich gleich mit dem Mann reden. Sie sagen doch selbst immer, man soll keine Zeit verlieren, wenn es eine heiße Spur gibt.«

Brock lächelte. »Also wollten Sie ein paar Lorbeeren einheimsen und bei mir Punkte sammeln, ohne mich vorher zu informieren.«

Spengler senkte den Kopf. »Tut mir leid, Hauptkommissar. Es wird nicht wieder vorkommen.«

Brock winkte ab. »Ist schon vergessen. Doch wenn Sie schon mal hier sind, dann gehen wir jetzt gemeinsam rein.«

Das Haus wurde zur Straße hin von einer hohen Hecke abgeschirmt, die dringend einen Schnitt gebraucht hätte. Dahinter lag ein kleiner Vorgarten. Ein mit Granitplatten gepflasterter Weg führte zu einer breiten Treppe. Das Haus war nicht sehr groß und nicht neu, wirkte aber gepflegt.

Spengler drückte den Klingelknopf.

Als Erstes hörten sie eine Kinderstimme. Die Worte waren unverständlich.

»Das ist Erik«, erläuterte Brock. »Er interessiert sich für Pistolen.«

Spengler starrte ihn verständnislos an.

Die Tür öffnete sich einen Spalt. Maria Berghoff musterte die Besucher. Brock erkannte sie sofort, obwohl er sie am Sonntag nur kurz gesehen hatte. Er fragte sich, ob sie ihn ebenfalls erkannte. Ihre Begrüßung beantwortete die Frage.

»Der Herr Kommissar!«

»Hauptkommissar«, ergänzte Spengler.

»Und wer sind Sie?«

»Wir haben zusammen telefoniert. Ich habe Sie nach dem Boot Ihres Mannes gefragt.«

Ihre Miene verfinsterte sich.

»Das ist mein Assistent Horst Spengler«, beeilte sich Brock, die Situation zu entschärfen. »Wir würden gern kurz mit Ihnen und Ihrem Mann reden.«

Widerwillig öffnete sie die Tür. »Dann kommen Sie mal rein.«

Sie folgten Maria Berghoff durch den Vorraum in ein großes Wohnzimmer mit einer breiten Fensterfront zum Garten, der an der Rückseite durch eine dichte Reihe halbhoher Tannen begrenzt wurde. Auf einem bequemen Sessel saß Kurt Berghoff, der eine Zeitung sinken ließ und den Besuchern neugierig entgegensah.

»Guten Abend«, sagte Brock. »Wir möchten uns für die Störung entschuldigen und Ihnen unser Beileid ausdrücken. Es lässt sich leider nicht umgehen, dass wir in einem solchen Fall mit allen Betroffenen reden müssen.«

Berghoff erhob sich und legte die Zeitung beiseite. »Ich bin Anwalt. Dafür habe ich natürlich Verständnis. Wir werden Ihnen gern alle Fragen beantworten.«

Er machte eine einladende Handbewegung. »Bitte nehmen Sie Platz.«

Die Kriminalbeamten ließen sich nebeneinander auf einer weich gepolsterten Couch nieder. »Wie geht es Erik, Ihrem Sohn?«

»Er sieht sich einen Zeichentrickfilm an«, erklärte Maria Berghoff, die an der Tür stehen geblieben war. »Davon kann ihn niemand abbringen.«

»Was wollen Sie wissen?«, fragte der Anwalt.

»Wann haben Sie Ihren Schwager zuletzt gesehen?«

Berghoff überlegte kurz. »Das war am Freitagabend. Wir hatten uns auf einen Drink in unserer Stammkneipe verabredet. Das ist die Elbklause bei Teufelsbrück.«

»Die Elbklause, sagen Sie?« Spenglers Stimme klang etwas aufgeregter als sonst, und Brock sah ihn erstaunt an.

Berghoff nickt. »Ja. Da treffen wir uns gelegentlich. Das Lokal ist gemütlich und für uns beide gut erreichbar.«

Spengler zog sein Notizbuch aus der Tasche und blätterte rasch darin. Bei einer Seite hielt er an und zeigte sie seinem Vorgesetzten.

»Passat, vermutliches Fahrzeug für Leichentransport, geparkt in der Elbphilharmonie, angeblich gestohlen. Besitzer Dieter Schmitz, ihm gehört das Lokal Elbklause«, las Brock mit wachsendem Interesse.

»Sind Sie häufiger in diesem Lokal?«, erkundigte sich Brock.

»Ja, das ist schon lange unsere Stammkneipe. Das hat sich irgendwie ergeben. Wissen Sie, Markus und ich kennen uns schon lange.«

Ein Anblick von Trauer glitt über sein Gesicht, ehe er fortfuhr. »Durch ihn habe ich seine Schwester kennengelernt, die heute meine Frau ist. Wir haben versucht, uns wenigstens einmal pro Woche auf einen Drink zu treffen.«

»Sie haben sich doch auch bei dem Sonntagsessen Ihres Schwiegervaters gesehen«, wandte Brock ein.

»Das ist schon richtig. Aber bei dem alten Herrn musste man genau aufpassen, was man sagte. Er hat ein Gedächtnis wie ein Elefant und hat alles, was er aufschnappte, irgendwann gegen den Betreffenden verwendet. Markus ließ es sich nicht anmerken, doch er mochte seinen Vater nicht besonders. Natürlich wollte er das Geschäft übernehmen und schluckte deshalb vieles hinunter. Wenn wir uns trafen, hat er sich alles von der Seele geredet. Er wusste, dass ich nichts davon weitererzählen würde.«

Berghoff lachte kurz auf. »Als Anwalt bin ich es gewohnt, alles was mir gesagt wird, vertraulich zu behandeln.«

»Arbeiten Sie auch als Anwalt für die Reederei?«, fragte Spengler.

»Ich habe einige juristische Probleme für Anton Holler gelöst. Doch er ist kein einfacher Klient und hat seine eigenen Vorstellungen davon, was ein Anwalt zu tun hat. Vor ein, zwei Jahren ist die juristische Beratung der Reederei eingeschlafen.«

Brock registrierte, dass Maria Berghoff sich Tränen aus dem Gesicht wischte, ehe sie mit zusammengebissenen Zähnen wortlos den Raum verließ. Offensichtlich teilte sie die Ansichten ihres Mannes in diesem Fall nicht unbedingt.

»Erzählen Sie uns von dem Freitagabend«, forderte Brock den Anwalt auf.

»Markus kam ein paar Minuten zu spät zu unserer Verabredung. Ich hatte schon meinen ersten Drink bestellt und saß auf einem Barhocker am Ende des Tresens. Er schien gut gelaunt und lachte fröhlich, als er mich sah.«

»Wann war das genau?«, unterbrach Spengler.

»Ich denke, so gegen neunzehn Uhr. Er hat sich neben mich gesetzt und ebenfalls einen Drink bestellt. Meistens gönnte er sich einen guten Single Malt Scotch.«

»Ist Ihnen irgendetwas Ungewöhnliches an ihm aufgefallen? War er anders als sonst? Hat er etwas erzählt, das Ihnen merkwürdig vorkam?«

Berghoff schüttelte den Kopf. »Ich hatte nur den Eindruck, dass er über irgendeinen Erfolg glücklich war. Das einzig Merkwürdige bei dem Treffen war das Verhalten von Dieter.«

»Dieter? Welcher Dieter?«, fragte Brock sofort.

»Dieter Schmitz. Der Inhaber der Elbklause. Wir kennen uns schon lange. Freunde sind wir zwar nicht, doch wir reden oft miteinander.«

»Das war diesmal anders?«

»Ja. Dieter war ziemlich schweigsam. Er erzählt sonst oft, was in der Kneipe passiert ist … wer da war … manchmal reden wir auch über Politik oder über die wirtschaftliche Lage. Doch am Freitag hat er kaum gesprochen, hat unsere Bestellungen gebracht und sich dann wieder um andere Gäste gekümmert. Das ist sonst nicht seine Art.«

»Wie ging es an dem Abend weiter?«

»Ich habe mich etwa nach einer Stunde verabschiedet. Ich wollte die Familie nicht zu lange allein lassen. Markus wollte noch bleiben und bestellte sich einen weiteren Whisky, als ich ging.«

»Können Sie sich einen Grund für das Verhalten des Gastwirts vorstellen?«, warf Spengler ein.

»Keine Ahnung. Ich dachte, dass er irgendein Problem hat, das er nicht mit uns teilen wollte. Man fragt ja nicht gleich danach und wartet, bis der andere von selbst damit anfängt.«

»Haben Sie außerdem eine ungewöhnliche Beobachtung gemacht?«, wollte Brock wissen.

»Na, ja. Wenn Sie so fragen. Da waren zwei Typen an einem Tisch in der Ecke, die ich dort noch nie gesehen habe.«

»Wie alt?«

»So zwischen dreißig und vierzig, würde ich sagen. Ich weiß noch, dass mir ihre tätowierten Arme aufgefallen sind, und bei beiden waren auch am Hals Tattoos zu sehen. Sie waren ziemlich kräftig und muskulös und trugen ganz kurze Haare.«

»Das war alles?«

»Sie haben häufig zu uns herübergesehen, und ihre Blicke schienen mir nicht sehr freundlich.«

»Hatten Sie den Eindruck, dass Markus die beiden Männer kannte?«

Berghoff schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Er hat sie wohl kaum wahrgenommen, da er mit dem Rücken zu ihnen saß.«

Brock gab Spengler ein Zeichen, und sie erhoben sich.

»Eine Sache wäre da noch«, sagte Spengler. »Es betrifft Ihr Boot.«

»Mein Boot? Was ist damit?«

»Es wurde am Sonntagmorgen auf der Elbe beobachtet. Wissen Sie etwas darüber?«

Berghoff sah ihn erstaunt an. »Ich war es nicht, wenn es das ist, was Sie vermuten.«

»Wer könnte das Boot denn außer Ihnen benutzt haben?«

»Es liegt meistens an seinem Liegeplatz. Die Schlüssel befinden sich dort im Büro. Jeder könnte sie nehmen. Das ist nicht allzu schwierig. Es gibt keine besonderen Sicherheitsvorkehrungen.«

Spengler blickte resigniert zu seinem Chef und zuckte bedauernd mit den Schultern.

»Sie haben uns sehr geholfen«, sagte Brock. »Grüßen Sie Ihre Frau und den kleinen Erik.«

In diesem Augenblick tauchte der Dreikäsehoch mit freudig glänzenden Augen auch schon auf.

»Hallo, Erik!«, sagte Brock.

Der Zwerg musterte ihn misstrauisch, bis sich sein Gesicht aufhellte, als er den Mann ohne Pistole erkannte. »Heute Schtole?«, fragte er.

Brock grinste. »Nein, immer noch nicht.«

Er deutete auf Spengler. »Aber der hat eine!«

Eriks Interesse war sofort auf Brocks Assistenten gerichtet. »Zeigen!«, befahl er.

Spengler blickte hilflos in die Runde.

»Tun Sie ihm den Gefallen«, raunte Brock. »Aber nicht in die Hand drücken!«

Spengler hob seine Jacke etwas an, wobei sein Hüftholster mit dem Kolben der Walther sichtbar wurde.

Auf dem Gesicht des Kleinen machte sich Enttäuschung breit. »Keine Schtole«, stellte er missmutig fest.

»Er kennt nur die großen Colt-Revolver aus Zeichentrick-Westernfilmen«, klärte Berghoff das Missverständnis auf. »So etwas sollte er zwar nicht sehen, aber da haben wir wohl mal nicht aufgepasst.«

Brock war erleichtert, dass der kleine Erik doch keine Erfahrungen mit dem Anblick echter Waffen hatte, wie er zuerst vermutet hatte.

Sie waren schon an der Tür, als Berghoff plötzlich sagte: »Aber Dieter hat die beiden Männer gekannt. Er war ein paar Mal an ihrem Tisch und hat mit ihnen recht vertraulich gesprochen.«

Auf der Straße blieben die beiden Kriminalbeamten kurz stehen.

»Das war aufschlussreich«, stellte Hauptkommissar Brock fest. »Ich habe schon oft bei Verhören erlebt, dass ganz am Schluss die wichtigste Information auftauchte. Ich denke, die Elbklause ist gerade zu einem zentralen Punkt unserer Ermittlungen geworden. Zwei Unbekannte mit auffälligem Interesse für unser Opfer, ein Gastwirt, der etwas weiß und dessen Auto geklaut wird, um eine Leiche zu transportieren.«

Spengler hob die Hand. »Das Auto wird noch untersucht. Morgen werden die ersten Ergebnisse vorliegen und uns sagen, ob dieses Fahrzeug tatsächlich den Toten in die Elbphilharmonie transportiert hat.«

Brock warf einen Blick auf seine Uhr. »Wir sollten die Gelegenheit nutzen, uns die Elbklause anzusehen. Es ist nicht sehr weit, und der Abend ist noch jung.«

 

*

 

Fiete lenkte den Transporter auf den Hof der Werkstatt, die an einer der Seitenstraßen zwischen Reeperbahn und Bahnhof Altona lag. Das Tor wurde sofort hinter ihm geschlossen. Er drehte den Zündschlüssel und der Motor erstarb. Die Scheinwerfer erhellten weiter den im Halbdunkel liegenden Hof. Langsam stieg er aus und sah sich um. Er war schon ein paar Mal hier gewesen. Er konnte keine Veränderung feststellen.

Ein Mann löste sich aus dem Schatten und überquerte den Hof. Trotz der sommerlichen Wärme trug er eine Wollmütze, die er bis über die Ohren gezogen hatte. Ein Schlangen-Tattoo ringelte sich den Hals hinauf. Auch seine Handrücken waren tätowiert.

»Du bis pünktlich«, begrüßte ihn der Mann mit einem starken russischen Akzent.

»Ich habe nicht viel Zeit«, entgegnete Fiete, nahm kurz seine Mütze ab und strich sich über den Kopf. Ihm war klar, dass er dies immer tat, wenn er nervös war. Eine dumme Angewohnheit!

Er ging zur Hecktür des Transporters und öffnete sie. Vor ihm lagen zwei prall gefüllte große Sporttaschen. Er zerrte sie heraus und stellte sie auf den Boden.

»Hier ist die bestellte Ware.«

Der andere musterte die Taschen. »Nur zwei? Es sollten vier sein!«

»Wir hatten Probleme. Ich bin sicher, dass wir den Rest in Kürze nachliefern können. In unserem Geschäft gibt es eben gelegentlich Schwierigkeiten.«

Der Tätowierte grinste breit. »Schwierigkeiten nennst du das? So kann man es auch nennen. Doch du brauchst nicht darum herumzureden. Wir wissen, was passiert ist.«

»Wieso … woher … was ist denn passiert?«

»Eure Ware ist weg, versenkt, aufgelöst, vernichtet, einfach weg.«

»Das kann nicht sein«, knurrte Fiete. »Niemand vernichtet ein paar Millionen Euro so ohne Weiteres. Die Ware ist geklaut, das stimmt. Aber wir werden sie wiederbeschaffen.«

»Na, dann viel Glück!«

Der Fremde wollte beide Taschen hochheben – und ächzte.

»Das sind fünfzig Kilo«, bemerkte Fiete. »Du solltest vielleicht etwas mehr trainieren. Und im Übrigen, bevor du die Ware mitnimmst, müssen wir die Bezahlung regeln.«

»Ist alles vorbereitet.«

Der Mann griff in die Brusttasche seines Hemdes, zog ein Smartphone hervor und streckte es Fiete entgegen.

»Die Überweisung erfolgt auf das Konto in Panama. Ich muss es nur noch absenden. Allerdings erst, wenn ich die Ware überprüft habe.«

Fiete warf einen Blick auf den winzigen Bildschirm. »Das ist weniger als vereinbart!«

Der andere grinste wieder. »Wir bekommen auch weniger Ware als vereinbart. Das bringt uns Probleme. Unsere Abnehmer warten auf den Stoff. Jetzt müssen wir ihn bearbeiten, und das kostet Geld. Außerdem müssen wir uns nach einem anderen Lieferanten umsehen, um das Loch zu stopfen.«

»Ihr bekommt den Rest doch!«

Der andere schüttelte den Kopf. »Du hast ja wirklich keine Ahnung!«

 

*

 

Die Elbklause befand sich in einem Gebäude, das wie ein umgebautes altes Bauernhaus aussah. Das Grundstück war recht groß und von alten Bäumen bestanden. Auf der rechten Seite gab es einen Parkplatz, auf dem mehrere Fahrzeuge abgestellt waren. Es gab genügend Platz für ihre beiden Autos.

Vor dem Haus waren Tische und Stühle aus Plastik gruppiert. Sie sahen staubig aus, als hätte hier lange niemand gesessen. Dazwischen standen ein paar zusammengefaltete Sonnenschirme.

Durch die Fenster auf der Frontseite des Hauses fiel warmes Licht. Musikfetzen und Stimmengemurmel drangen durch die Mauern. Spengler öffnete die Tür, und die Geräuschkulisse wurde lauter.

Ein paar Blicke richteten sich kurz auf die beiden Neuankömmlinge, die nacheinander eintraten, doch sofort waren die übrigen Gäste wieder in ihre Gespräche vertieft. Etwa ein Dutzend Personen waren im Gastraum verteilt. Am Tresen saß nur ein einzelner Trinker, der versonnen in sein Bierglas starrte.

Der Mann dahinter war mit einem Wischlappen beschäftigt und sah ihnen aufmerksam entgegen. Eine junge Frau holte ein Tablett mit Biergläsern vom Tresen ab und schleppte es zu einem runden Tisch in einer Ecke.

Brock musterte den Raum und registrierte in Sekundenschnelle alle Einzelheiten. Hauptblickfang war der Tresen gegenüber dem Eingang. Davor standen eine Reihe Barhocker. Der Tresen selbst war mit einer auf Hochglanz polierten Zapfanlage versehen, an der Wand dahinter standen endlose Reihen von Flaschen vor einem riesigen Spiegel.

Auf der rechten Seite befanden sich drei Tische mit ledergepolsterten Bänken, jeweils abgetrennt durch eine halbhohe Holzwand. Es sah aus wie Eisenbahnabteile in einem alten Zug.

Auf der linken Seite stand eine bestimmt fünfzig Jahre alte Musikbox, die den Retrolook des Lokals noch verstärkte. Die kleine Tanzfläche davor war leer. Insgesamt machte die Elbklause einen gemütlichen, aber etwas aus der Zeit gefallenen Eindruck.

»Was darf’s denn sein?«, fragte der Mann hinter dem Tresen und legte seinen Wischlappen zur Seite.

Die beiden Kriminalbeamten schwangen sich auf zwei Barhocker und studierten die Preistafel an der Rückwand.

»Ich nehme ein kleines Alsterwasser«, sagte Brock schließlich.

»Nehme ich auch«, ergänzte Spengler.

»Kommt sofort, meine Herren.«

»Sieht nach einem angenehmen Lokal aus«, stellte Brock fest, nachdem sich der Gastwirt zu seiner Zapfanlage begeben hatte.

Spengler nickte in Richtung des Mannes. »Ob das Dieter Schmitz ist?«

»Wir fragen ihn einfach.«

Als der Gastwirt ihnen die Gläser hinstellte, zog Brock ein Foto aus seiner Brieftasche und legte es auf den Tresen. Es war ein Bild des toten Markus Holler aus der Pathologie. Brock hatte gelernt, dass ein gewisser Schock dabei half, Leute zum Reden zu bringen.

Der Mann starrte erschrocken auf das Foto und wendete dann rasch den Blick ab.

»Sie sind doch Dieter Schmitz, oder?«

Der Mann nickte. »Ja, der bin ich.« Er vermied es weiterhin, das Foto anzusehen.

»Nun«, fuhr Brock fort. »Dann kennen Sie ja Markus Holler recht gut.«

Schmitz zog die Stirn in Falten, als überlege er scharf. Schließlich schüttelte er den Kopf. »Da klingelt bei mir nichts.«

Brock steckte das Foto wieder ein. »Merkwürdig. Es gibt Leute, die beschwören, dass Markus und Sie fast gute Freunde sind.«

Schmitz wurde bockig. »Ich kenne doch nicht jeden meiner Gäste beim Namen.«

Brock fühlte, wie er seitlich leicht angestoßen wurde. Er drehte sich zur Seite. Spengler schielte zur Tür und machte mit der Hand vorsichtige Zeichen. Brock folgte seinem Blick und sah zwei Typen hereinkommen, die auffällig den Männern glichen, die Berghoff ihnen beschrieben hatte.

Schmitz hatte Spenglers Hinweis ebenfalls mitbekommen und sah reglos zu den beiden Typen hinüber. Sein Gesicht wurde blass, und seine Unterlippe begann leicht zu zittern. Mit einer raschen Drehung verschwand er hinter seiner Zapfanlage, während die beiden Männer an einem freien Tisch Platz nahmen. Die junge Frau eilte auf sie zu, um die Bestellung aufzunehmen.

Spengler hüpfte von seinem Barhocker und ging zwei Schritte, bis er Schmitz wieder gegenüberstand. »Wer sind die beiden?«

Er deutete mit dem ausgestreckten Arm auf die Männer und wartete, bis sie es mitbekommen hatten.

»Ich habe keine Ahnung«, flüsterte Schmitz. »Die sehe ich zum ersten Mal.«

Brock stieg ebenfalls von seinem Hocker. »Ich frage sie mal, ob sie Holler am Freitag gesehen haben.«

Die beiden Männer sahen ihm aufmerksam entgegen, als er sich ihrem Tisch näherte. Er zog erneut das Foto heraus und legte es auf die blank gescheuerte Tischplatte.

»Am letzten Freitag haben Sie sich sehr für diesen Mann interessiert«, behauptete Brock ruhig. »Der Barkeeper hat Sie wiedererkannt.«

Die beiden warfen sich einen raschen Blick zu. Dann griffen sie wie auf Kommando zur Tischplatte und rammten das schwere Möbelstück nach vorn.

Brock konnte nicht schnell genug ausweichen und stürzte zu Boden.

Einer der beiden Männer stieß einen heftigen Fluch aus, und schon waren sie an ihm vorbei und rissen die Tür auf.

Spengler fummelte an seiner Hüfte herum, um seine Dienstwaffe zu ziehen. Doch es war zu spät. Die Männer waren draußen.

Brock rappelte sich langsam auf. »Lassen Sie es gut sein, Spengler! Die sind weg. Wir werden unser Gespräch mit Herrn Schmitz fortsetzen.«

Sie setzten sich wieder, und Brock winkte Schmitz heran.

Die übrigen Gäste hatten den Zwischenfall teilweise gar nicht richtig mitbekommen und erkundigten sich bei anderen, was eigentlich passiert war. Der Gesprächspegel lag jetzt deutlich über dem Durchschnitt.

»Ich glaube, das war russisch«, sagte Brock.

»Die haben sicher gesehen, wie wir miteinander gesprochen haben«, fügte Spengler hinzu. »Da werden Sie einiges erklären müssen.«

Er machte eine wohl kalkulierte Pause. »Ich weiß nur nicht, ob sie Ihnen abnehmen, dass Sie nichts verraten haben.«

Schmitz wurde noch etwas blasser. Sie sahen förmlich, wie sein Widerstand dahinschmolz. »Was wollen Sie wissen?«

»Erzählen Sie uns vom Freitagabend«, begann Brock. »Wir wissen, dass Markus Holler sich mit seinem Schwager hier getroffen hat. Den kennen Sie ebenfalls gut. Wir wissen außerdem, dass die beiden Typen, die eben abgehauen sind, sich sehr für Holler interessiert haben. Was ist geschehen, nachdem Berghoff gegangen ist?«

Es fiel Schmitz sichtlich schwer, sich zu einer Antwort durchzuringen.

»Markus bestellte noch einen Drink, als die beiden aufstanden und sich rechts und links von ihm aufbauten. Markus kannte sie offensichtlich nicht, denn er schien sehr überrascht.«

»Aber Sie kennen die beiden Typen, oder?«, fragte Spengler.

»Na, ja, ich kaufe gelegentlich von ihnen.«

»Was denn? Bier? Das bekommen Sie doch von der Brauerei.« Brock deutete auf das entsprechende Schild an der Zapfanlage.

»Nein, kein Bier.«

»Also Drogen!« Brocks Stimme klang jetzt sehr hart. »Sie können es ruhig zugeben. Wir werden Ihren Laden ohnehin auseinandernehmen, und ich bin sicher, dass wir einiges finden werden. Für heute können Sie schon mal die letzte Bestellung ausrufen.«

Sie warteten etwa zwanzig Minuten, bis die letzten Gäste gegangen waren. Dann entließ Schmitz die Bedienung, und sie waren mit ihm allein.

»Die beiden Typen sind gefährlich«, begann Schmitz.

»Russen?«, fragte Brock.

Schmitz nickte. »Sie erpressen mich. Früher habe ich hin und wieder mal eine Prise Koks verkauft, wenn die Gäste danach verlangten. Irgendwann tauchten die Russen auf und erklärten mir, dass sie ab sofort meine neuen Lieferanten sein würden. Die verkauften Mengen stiegen, es tauchten Leute auf, die ich vorher nie gesehen habe und die sich nur für die Drogen interessierten. Das Hauptgeschäft fand allerdings an bestimmten Abenden hinten im Schuppen statt. Ich habe keine Ahnung, wie viel dort verkauft wurde. Ich hatte die Anweisung, mich dort nicht blicken zu lassen. Die Kneipe wurde allmählich zu einer Tarnung für ein florierendes Drogengeschäft.«

»Von dem Sie sicher Ihren Anteil bekommen haben«, mutmaßte Brock.

Das Gesicht seines Gegenübers verriet alles. »Ich wusste doch nicht, wie ich das beenden sollte. Ich hatte einfach Angst vor den Russen.«

»Waren es immer die gleichen Männer?«

»Einmal war ein dritter dabei, vor dem sie Respekt hatten. Er hat sich nur kurz im Lokal umgesehen und ist dann nach hinten verschwunden. Mit mir hat er kein Wort gewechselt, doch es war einigermaßen klar, dass er der Chef der beiden war.«

»Seinen Namen kennen Sie nicht zufällig?«, erkundigte sich Spengler.

Schmitz schüttelte den Kopf. Seine Bewegungen waren fahrig geworden, seine Stimme leiser. Er schien allmählich zu begreifen, in welcher Lage er sich befand.

»Kommen wir zum Freitag zurück«, sagte Brock. »Was geschah, nachdem die beiden zu Markus Holler gingen?«

»Ich stand am Zapfhahn und konnte nur sehen, dass sie leise auf ihn einredeten. Plötzlich packten sie ihn und zwangen ihn, nach draußen zu gehen. Er wehrte sich, hatte gegen die Muskelpakete aber keine Chance. Sie wussten, wie man so etwas macht. Die übrigen Gäste haben davon nichts mitbekommen oder haben geglaubt, dass ein Betrunkener von seinen Freunden abgeholt wird.«

»Und weiter?«

Schmitz zögerte. »Ich nahm an, dass sie in den Schuppen gegangen sind«, sagte er schließlich. »Ich blieb hier. Ich hatte Gäste. Erst als der letzte gegangen war, kam einer der Russen herein und verlangte meinen Autoschlüssel. Er sagte mir, ich sollte ihn am nächsten Morgen als gestohlen melden. Das habe ich auch getan.«

»Wollen Sie behaupten, dass Sie diesen Schuppen danach nicht betreten haben?«, erkundigte sich Spengler.

Schmitz biss die Zähne zusammen, doch ehe er antworten konnte, übernahm Brock wieder.

»Machen wir es doch einfach. Zeigen Sie uns diesen Schuppen, dann verschaffen wir uns selbst ein Bild.«

Schmitz nahm einen Schlüssel von einem Haken und kam hinter seinem Tresen hervor. »Folgen Sie mir.«

Sie überquerten den Parkplatz, der nur von einer einzigen Bogenlampe erhellt wurde. Ein Durchgang durch eine hohe Hecke führte auf einen weiteren Hof, an dessen gegenüberliegender Seite sich der sogenannte Schuppen befand. Brock hatte sich eine halb verfallene baufällige Scheune vorgestellt, doch es handelte sich um ein typisches norddeutsches Gebäude mit einem Reetdach, das sich in einem recht guten Zustand befand.

Schmitz schloss auf, und sie betraten einen großen Raum, der sich über die gesamte Breite und Länge des Hauses erstreckte. Das Dach wurde von einer wuchtigen Holzkonstruktion getragen, Fenster gab es nur an der Vorderseite. Der Boden bestand aus sorgfältig verlegten Steinplatten.

An der Rückseite stapelten sich Gartenmöbel: Stühle, Tische und Sonnenschirme. Brock entdeckte außerdem einen großen fahrbaren Grill. An der rechten Längsseite waren Getränkekisten übereinander getürmt. Dahinter stand ein Regal mit Kartons voller Ersatzgläser.

Die Dinge im Regal auf der linken Seite gehörten allerdings nicht unbedingt zur Ausstattung einer Gastwirtschaft. Dort standen zahlreiche original verpackte Laptops, Tablets, Smartphones und andere Geräte. Weiter hinten sah Brock hochkant stehende Gemälde, Silbergeschirr und andere Antiquitäten.

»Ich kann das erklären«, versicherte Schmitz.

»Das brauchen Sie nicht«, erwiderte Brock. »Offensichtlich sind Sie nebenbei als Hehler tätig. Doch wir sind daran nicht interessiert, da wir einen Mord aufzuklären haben. Unsere Kollegen vom Einbruch werden sich gern um das ganze Zeug kümmern. Sie werden Ihnen morgen einen Besuch abstatten.«

Er trat weiter in die Mitte des Raumes. Dort stand eine Art Werkbank aus einer massiven Holzplatte. Sie war zu zwei Dritteln leergefegt. Was immer sonst auf der Platte gestanden hatte, war zu einem undefinierbaren Haufen zusammengeschoben worden.

Schmitz war an der Tür stehen geblieben, während die beiden Beamten die Werkbank aufmerksam musterten.

Brock deutete auf einen Fleck. »Das sieht sehr nach eingetrocknetem Blut aus.«

Spengler hob den Kopf. »Der Tatort?«

Brock nickte. »Darauf würde ich ein Monatsgehalt wetten.«

Er bückte sich und hob einen Strick auf. »Das ist ein Stück Bergsteigerseil«, stellte er nach kurzer Prüfung fest. »Unter dem Tisch liegen noch weitere Teile.«

Er hielt ein ausgefranstes Ende hoch. »Mit einem Messer abgeschnitten. Damit haben sie unser Opfer an der Werkbank festgebunden und gefoltert. Zum Schluss wurde er hier umgebracht.«

»Ich frage mich nur, was sie von ihm wissen wollten«, überlegte Spengler. »Was haben Russen mit dem Juniorchef einer Reederei zu tun?«

»Ich könnte mir einiges vorstellen«, meinte Brock geheimnisvoll. Spengler wartete gespannt, doch es kam keine nähere Erläuterung.

Der Hauptkommissar wandte sich an Schmitz. »Wir werden jetzt nichts weiter anfassen. Gleich morgen früh wird die Spurensicherung hier sein und den Raum gründlich untersuchen. Niemand darf den Raum bis dahin betreten.«

Er drehte den Kopf zu seinem Assistenten. »Spengler, Sie haben doch bestimmt die notwendigen Siegel dabei.«

Der Kommissaranwärter nickte. »Selbstverständlich.«

Brock wandte sich zum Gehen, als ihm noch etwas einfiel. »Die Mordwaffe!«

Schmitz wurde noch eine Schattierung blasser.

»Was wissen Sie darüber?«, fragte Brock. »Ein indischer Faustdolch. Schwer zu übersehen. Er muss sich hier befunden haben.«

Schmitz zögerte lange, ehe er sich entschloss, auch mit dieser Geschichte herauszurücken.

»In der letzten Woche, ich glaube, es war am Donnerstag, erschien Daniel im Lokal.«

»Daniel – der jüngste Sohn von Anton Holler?«, unterbrach Brock.

Schmitz nickte. »Ja. Er wusste, dass ich an Antiquitäten interessiert bin und fragte mich, ob ich diesen merkwürdigen indischen Dolch kaufen würde und was er dafür bekommen könnte. Ich sagte, dass ich die Waffe erst überprüfen müsste, um festzustellen, ob es ein antikes Original und keine Fälschung ist. Er wollte mir den Dolch bis Montag überlassen. Ich brachte ihn anschließend in den Schuppen und legte ihn auf das Regal dort drüben.«

»Und weiter?«, dränget Brock.

»Am Samstagmorgen habe ich mir den Schuppen angesehen. Es sah alles genauso aus wie jetzt. Nur der Dolch lag auf der Werkbank statt im Regal. Es klebte Blut daran. Ich habe ihn abgewaschen, Daniel angerufen und ihn gebeten, die Waffe sofort wieder abzuholen. Ich sei nicht interessiert.«

»Wann kam Daniel?«

»Noch am gleichen Tag. Ich hatte das Ding in eine Plastiktüte gesteckt, er nahm sie und ging wortlos. Seitdem habe ich ihn nicht gesehen oder gesprochen.«

»Ihnen ist doch klar, dass Sie ein wichtiges Beweisstück eines Mordes unterschlagen haben?«

Schmitz nickte betreten.

»Suchen Sie schon mal einen Käufer für das Lokal«, bemerkte Spengler giftig. »Ihre Lizenz werden Sie ganz bestimmt verlieren. Einen verdammt guten Anwalt sollten Sie ebenfalls engagieren.«

Brock hob die Hand. »Wir reden morgen weiter. Es ist ziemlich spät geworden.«

Sie verließen den Raum, und Spengler löste ein Siegel von einer Folie und klebte es sorgfältig über den kaum sichtbaren Spalt zwischen Tür und Rahmen.

»Wenn das Siegel beschädigt wird, hat das sehr unangenehme Konsequenzen«, warnte er.

Sie gingen zu ihren Fahrzeugen, während Dieter Schmitz mit gesenktem Kopf vor seinem Schuppen stand und auf den Boden starrte.

 

 

5. Kapitel

 

Hauptkommissar Cornelius Brock saß in Unterwäsche an seinem Küchentisch, klopfte vergnügt ein perfekt gekochtes Ei auf und trank dazu einen frisch gebrühten Kaffee.

Er hatte wunderbar geschlafen und nahm sich jetzt die Zeit für ein richtiges Frühstück.

Auf einem kleinen Fernseher auf der Anrichte lief eine Sendung des Regionalsenders. Er hörte nur mit halbem Ohr hin, doch plötzlich ließ ihn eine Meldung hochschrecken: Mord in der Elbphilharmonie!

Die Nachricht war nicht besonders lang und enthielt zum Glück auch keine wichtigen Einzelheiten.

Hat ziemlich lange gedauert, bis es durchgesickert ist, dachte er. Immerhin kennen sie den Namen des Opfers nicht, und sie wissen auch nicht, in welcher Position er gefunden wurde.

Wenn es nach ihm ginge, sollte das auch so bleiben. Er widmete sich wieder seinem Kaffee, der seine Lebensgeister geweckt hatte, als das Telefon klingelte.

»Brock«, meldete er sich mürrisch.

»Gut, dass ich Sie noch erreiche«, sprudelte eine Stimme, ein Kollege von der Spurensicherung.

»Sind Sie schon in der Elbklause?«, unterbrach Brock. »Der Schuppen ist vermutlich ein Tatort.«

»Vermutlich?«, kam es ungläubig durch die Leitung.

»Wir haben es letzte Nacht jedenfalls angenommen.«

»Und dann haben Sie ihn einfach hängen lassen?«

Brock zog die Augenbrauen zusammen. »Wovon sprechen Sie eigentlich?«

»Kommen Sie so schnell wie möglich her«, sagte der Kollege. »Sie sollten Ihren Tatort selber sehen.«

Er murmelte etwas, das verdächtig nach Idiot klang und unterbrach die Verbindung.

Brock trank den Kaffee aus, verspeiste das Ei mit drei Bissen und zog sich in Windeseile an: Jeans, Polohemd, leichte Lederjacke.

Er nahm den eigenen Wagen. Den Weg kannte er schließlich. Er hatte Glück, der Ring zwei war nicht so voll wie erwartet.

Er parkte auf dem Stellplatz der Elbklause und eilte zum Schuppen. Vor der Tür erwartete ihn ein Beamter der Spurensicherung, gekleidet in einen weißen Anzug, Plastikbezüge über den Schuhen.

Er streckte Brock einen ebensolchen Anzug entgegen. »Das sollten Sie erst mal anziehen, bevor wir reingehen.«

»Haben wir eben telefoniert?«, erkundigte sich Brock.

Der Mann nickte. »Inzwischen habe ich mir zusammengereimt, was hier passiert ist. Denn Ihre Reaktion fand ich etwas ungewöhnlich.«

»Dann klären Sie mich mal auf.«

Der Kollege hielt ihm dir Tür auf, nachdem Brock sich die Schutzkleidung übergestreift hatte.

»War das Siegel unbeschädigt?«

Der Beamte schüttelte den Kopf. »Nein.«

Im Inneren des Gebäudes gingen mehrere ebenso weiß gekleidete Beamte ihrer Arbeit nach. Zwei lichtstarke Scheinwerfer auf Stativen erhellten den großen Raum. In ihrem Fokus hing Dieter Schmitz in merkwürdig verdrehter Haltung von dem zentralen Mittelbalken, der das Dach stützte.

Sein Kopf war zur Seite geneigt, die Augen aufgerissen und blutunterlaufen. Das Gesicht schien schmerzverzerrt. Er hing zwei Schritte schräg hinter der Werkbank. Unter ihm lag ein umgestürzter Schemel, als hätte er sich selbst erhängt.

»Der Selbstmord ist ziemlich dilettantisch vorgetäuscht«, bemerkte der Beamte der Spurensicherung dazu. »An den Gelenken kann man noch die Spuren einer Fesselung erkennen. Die Höhe passt mit dem Schemel nicht zusammen, und überdies hat das Opfer einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen.«

Er winkte einen seiner Kollegen heran, der einen Plastikbeutel aus einem Karton zog und ihn zu Brock brachte. Der Beutel enthielt ein kurzes Eisenrohr, an dem noch Blut und Haare klebten.

»Die Waffe«, erklärte der Mann der Spurensicherung überflüssigerweise.

»Das Ding muss sofort in die Gerichtsmedizin. Es könnte sein, dass es auch bei dem Toten in der Elbphilharmonie verwendet wurde.«

»Ich nehme mal an, als Sie gestern Abend gingen, erfreute sich dieser Mann noch bester Gesundheit.«

»Allerdings!«

Sie drehten beide die Köpfe, als die Tür aufgerissen wurde, und Dr. Bernd Fischer in der Öffnung erschien. Er war bereits in seinen Schutzanzug verpackt und wirkte außer Atem. Mit raschen Schritten hatte er den Raum durchmessen und richtete seine Aufmerksamkeit auf den Erhängten.

»Einen schönen guten Morgen, Doktor«, begrüßte ihn Cornelius Brock.

Der Pathologe löste seinen Blick von der Leiche. »Wenn ich Sie sehe, ist es immer mit Arbeit verbunden. Ihnen allen ebenfalls einen guten Morgen.«

Er betrachtete zweifelnd den Toten. »Das gut nehme ich zurück.«

Brock senkte seinen Blick auf Fischers Schuhe. »Haben wir heute keinen Golftermin?«

»Nur einmal in der Woche«, knurrte der Arzt. »Mehr ist ja bei diesem Job nicht drin!«

Er umkreiste den Erhängten langsam und nahm die Einzelheiten dabei auf. »Der Mann hat sich nicht selbst erhängt«, stellte er schließlich fest. »Und einer allein hat ihn dort auch nicht hinaufgezogen. Der Tote wiegt mindestens neunzig Kilo. Um dieses Gewicht hochzuhieven, waren mindestens zwei Personen nötig. Ich sehe Fesselungsspuren und eine Platzwunde am Kopf. Das verwendete Seil kommt mir übrigens bekannt vor. Der Tote in der Elbphilharmonie war mit ziemlich identischen Stricken gefesselt.«

»Ähnliche Schlüsse haben wir auch schon gezogen«, sagte der Mann von der Spurensicherung. »Können wir ihn jetzt herunterlassen?«

Der Pathologe nickte. »Ich werde ihn mir gleich heute Nachmittag ansehen.«

Er wandte sich an Brock. »Besuchen Sie mich doch heute noch. Ich habe ein paar Erkenntnisse zu Markus Holler, die ich Ihnen gern mitteilen möchte. Ich bin den ganzen Tag in der Gerichtsmedizin.«

»Gern. Diesen Tatort kann ich jetzt beruhigt Ihnen überlassen.«

Brock verabschiedete sich mit einem Kopfnicken. Er konnte sich darauf verlassen, dass die Kollegen der Spurensicherung sehr gründlich vorgehen würden. Einige Schlüsse hatte er bereits selbst gezogen.

Dieter Schmitz wäre ein wichtiger Zeuge gewesen. Auch wenn er den Mord an Markus Holler nicht direkt gesehen hatte, so hätte seine Aussage doch gereicht, um die beiden Russen in Gewahrsam zu nehmen. Er hatte keinen Zweifel daran, dass sie auch für diesen Mord verantwortlich waren.

Nur eines ließ ihn unentwegt grübeln: Was war ihr Motiv? Aus welchem Grund hatten sie die beiden Männer ermordet?

Sein Smartphone vibrierte. Eine Nachricht war eingegangen. Ein Kollege von der IT-Abteilung bat dringend um seinen Besuch, da er etwas Wichtiges entdeckt hätte.

 

*

 

In die Räume der Computerspezialisten verirrte sich Hauptkommissar Brock eher selten. Er hatte sich zwar ausreichende Kenntnisse angeeignet, um seinen Computer zu bedienen, doch ihm war es lieber, mit den Menschen direkt zu kommunizieren. Er hatte wenig Verständnis für die jungen Leute, denen ihr Smartphone zu einer Verlängerung der Hand geworden war und das nur zum ständigen Austausch von Banalitäten diente. Manchmal fragte er sich, ob sie wussten, dass man mit einem solchen Gerät auch einfach nur telefonieren konnte.

Er studierte die Türschilder, bis er die richtige Tür erreicht hatte. Sie war weit geöffnet. Er sah einen großen Raum, vollgestellt mit Schreibtischen, Regalen, Wandschränken und zahlreichen elektronischen Geräten. Am auffälligsten waren die großen Monitore, die teilweise übereinander an den Arbeitsplätzen gestapelt waren.

Mehrere meist junge Beamte starrten auf die Bildschirme oder hämmerten auf ihre Tastaturen.

Einer von ihnen – schon etwas älter, sorgfältig frisiert, gebügeltes Uniformhemd, offenes Gesicht – winkte ihn zu sich heran. »Hauptkommissar Brock?«

»Der bin ich.« Brock sah auf den Schulterstücken des Mannes einen einzelnen silbernen Stern blinken. »Sie müssen Kommissar Höhne sein.«

»Ganz richtig.« Er deutete auf einen Drehstuhl. »Nehmen Sie Platz.«

Brock setzte sich und blickte auf den Monitor. Er sah ein eingefrorenes Bild, das er gut kannte: Hollers Jacht, die im letzten Jahr beim Hafengeburtstag ein kleines Boot gerammt und versenkt hatte. Ein Unfall, der seines Erachtens kein Unfall gewesen war.

»Was werde ich jetzt sehen?«, fragte er.

Höhne zoomte das Bild heran. »Wir haben uns den Film genau angesehen und mit unseren Mitteln bearbeitet. Sie hatten recht mit Ihrer Beobachtung, dass die Jacht ihren Kurs ganz leicht geändert hat, sodass sie das Boot mittschiffs traf, wo unglücklicherweise der Bootsführer saß.«

»Also war es kein Unfall?«

Höhne tippte auf ein paar Tasten. Der Film lief ein Stück zurück, dann wieder in Zeitlupe vorwärts. Es war deutlich zu sehen, wie sich die Bugwelle änderte.

»Bitte achten Sie auf das geschlossene Steuerhaus«, sagte Höhne. »Wir konnten die ursprüngliche Aufnahme bearbeiten und die Spiegelung der Scheiben entfernen. Jetzt kann man das Innere sehen.«

»Das sind zwei Personen«, stellte Brock verblüfft fest.

»Genau«, erwiderte Höhne. »Sie reden miteinander, und es wirkt nicht gerade wie ein freundliches Gespräch. Der Mann am Steuer sieht überhaupt nicht nach vorn, da er abgelenkt ist. Natürlich ist die Yacht viel zu schnell, und er handelt fahrlässig, doch er hat das kleinere Boot sicher nicht mit Absicht gerammt.«

Brock lehnte sich zurück. »Dann war es also doch ein Unfall.«

»So sieht es aus.«

Brock wollte sich erheben, als Höhne sagte. »Da ist noch etwas anderes.« In seiner Stimme lag ein gewisser Triumph.

Brock setzte sich wieder und sah seinen Kollegen neugierig an.

»Wir haben vom Sender auf Anfrage noch ein weiteres Band bekommen. Die Aufnahme wurde von einer anderen Kamera auf der gegenüberliegenden Seite der Elbe aufgenommen. Das Material wurde jedoch nicht gesendet. Das ist normal, denn bei einem solchen Ereignis gibt es zahlreiche Kameras, und die Regie entscheidet, welches Bild gesendet wird.«

»Ja, ja, das ist mir schon klar. Kommen Sie zur Sache!«

Auf dem Monitor erschien ein anderes Standbild. Es zeigte ebenfalls die Yacht, doch diesmal schräg von hinten. Man konnte in das Steuerhaus hineinsehen. Der Mann am Steuer blickte zum Heck, wo ein zweiter Mann gerade einen Schritt auf das hintere Deck machte. Dann schien das Bild zu wackeln, die Jacht hob sich und sank wieder herunter, wobei sie stark schwankte.

»Jetzt wurde das kleine Boot gerammt«, erläuterte der IT-Spezialist.

Wieder ließ Höhne den Film in Zeitlupe laufen. Der hinten stehende Mann wurde zur Seite geworfen, blickte nach vorn und machte einen weiteren Schritt auf das Deck. Er bückte sich, hob ganz langsam eine Sporttasche hoch und warf sie über Bord, wo sie in der Elbe versank. In der Zeitlupe wirkte die ruckelnde Bewegung äußerst merkwürdig.

»Das ist nicht Markus Holler«, bemerkte Brock. »Doch irgendwie kommt mir der Typ bekannt vor, als hätte ich ihn schon einmal gesehen.«

»Holler ist vermutlich der Mann am Steuer. Wir konnten das Bild leider nicht besser aufhellen, und eine weitere Vergrößerung war nicht möglich.«

»Sie müssen sich nicht entschuldigen«, sagte Brock. »Sie haben mir sehr geholfen. Ihre Erkenntnisse ändern einiges.«

Er lächelte. »Allerdings werden damit auch viele neue Fragen aufgeworfen. Wer ist dieser zweite Mann? Worüber haben sie sich gestritten, und was wird über Bord geworfen? Ich wette, wenn wir das herausfinden, wissen wir auch, weshalb Holler getötet wurde.«

 

*

 

In den Gängen der Gerichtsmedizin war es kühl, und Cornelius Brock zog den Reißverschluss seiner Lederjacke etwas höher. Zum Glück hatte er sich mit Dr. Fischer in dessen Büro verabredet und nicht wie üblich im Obduktionsraum. Auch wenn Brock schon häufig dort gewesen war, er würde sich nie an diese Umgebung aus Fliesen, Stahltischen und strengem Geruch gewöhnen.

Der Besuch bei den Kollegen der Informationstechnik hatte neue Erkenntnisse geliefert, doch wie fast immer in solchen Fällen waren zwar einige Fragen beantwortet worden, aber dafür waren neue aufgetaucht.

Brock sah auf seine Uhr. Er hatte heute noch einiges vor. Gleich nach dem Gespräch mit dem Pathologen musste er mit Spengler reden, und auch Birgit Kollmann wollte sicher den neuesten Stand erfahren. Außerdem mussten sie sich die Wohnung von Markus Holler ansehen. Das war schon überfällig, auch wenn Brock nicht erwartete, dort auf neue Spuren zu stoßen.

Dr. Bernd Fischer war über seinen Schreibtisch gebeugt und wühlte in Papierstapeln. Seinen weißen Kittel hatte er abgelegt. Er war in einen modischen anthrazitfarbenen Anzug gekleidet, dazu trug er ein taubenblaues Hemd mit einer etwas zu bunten Krawatte.

»Nach Golf sieht es heute nicht aus«, bemerkte Brock und schloss die Tür hinter sich. Die Kühle des Ganges machte einer angenehmen Wärme Platz. Es roch auch nicht nach irgendwelchen Chemikalien. Er fühlte sich sofort wohler.

Fischers Kopf zuckte hoch. Er ging nicht auf die Bemerkung ein. »Sie sind pünktlich.«

Er deutete auf seinen Anzug. »Ich bin gleich zu einem Mittagessen mit Kollegen verabredet, und dazu möchte ich nicht zu spät kommen. Nehmen Sie Platz, es wird nicht lange dauern.«

Brock setzte sich auf einen Drehsessel vor dem Schreibtisch. Ein billiges Standardmodell, das von der Verwaltung offenbar in großer Stückzahl gekauft worden war. Man konnte darauf sitzen, wenn auch nicht besonders bequem.

»Wir haben diesen merkwürdigen Dolch untersucht, den Sie uns gebracht haben«, begann Fischer. »Ich bin sicher, dass es sich um die Tatwaffe handelt, mit der Markus Holler umgebracht wurde. Es gab winzige Blutspuren, die mit bloßem Auge nicht sichtbar waren. Die Blutgruppe stimmt mit der des Opfers überein. Die DNA-Analyse folgt noch. Den Zeitpunkt des Todes konnten wir etwas genauer eingrenzen, nämlich auf die Nacht zum Samstag zwischen drei und sechs Uhr.«

»Das passt zu unseren Erkenntnissen«, bestätigte Brock. »Was ist mit den Fesselspuren?«

»Holler muss vor seinem Tod längere Zeit an Händen und Füßen gefesselt gewesen sein. Er wurde gefoltert – mit heftigen Schlägen, und wie ich Ihnen schon gesagt habe, wurde er zusätzlich einem Waterboarding unterzogen. Es gab Spuren von Wasser in den Atemwegen und der Lunge sowie die entsprechenden Abdrücke im Gesicht. Der Schlag gegen den Kopf hat ihn zumindest für eine kurze Zeit außer Gefecht gesetzt. Ich vermute, dafür wurde das gleiche Rohrstück verwendet, das auch bei unserem Opfer von heute Morgen zum Einsatz kam. Eine nähere Untersuchung erfolgt noch. Eines ist jedoch ganz sicher: Der Tod wurde durch den Dolch herbeigeführt – mit sofortiger Wirkung.«

»Haben Sie sich das Seil aus dem Schuppen schon angesehen?«

Fischer nickte. »Dem ersten Anschein nach handelt es sich um dasselbe Seil, mit dem Holler an diese Saugheber gefesselt wurde. Übrigens ein Seil, wie es von Bergsteigern gern verwendet wird.«

»So etwas wird in Hamburg nicht sehr oft gebraucht«, warf Brock ein.

Fischer sah ihn nachsichtig an. »Es soll auch in dieser Stadt Bergsteiger geben.«

Brock überlegte. »Alle bisherigen Hinweise lassen erkennen, dass die beiden Morde eng zusammenhängen.«

»Da ist noch etwas«, sagte Dr. Fischer.

An diesem Lächeln erkannte Brock, dass der Pathologe jetzt mit einer wichtigen Erkenntnis herausrücken würde, die er sich bis zum Schluss aufgespart hatte. Er neigte manchmal zu einer gewissen Theatralik.

»Ich höre.«

»Wir haben Spuren von Kokain gefunden.«

»Er war süchtig?«, fragte Brock verblüfft.

Fischer schüttelte den Kopf. »Nein, die Spuren waren auf seiner Kleidung und auch in seinen Haaren. Ich habe keine Erklärung, auf welchem Wege die Droge dort hingekommen ist.«

Brock verdaute die neue Information.

»Aber er war nicht süchtig?«, fragte er sicherheitshalber noch einmal nach.

»Nein, eindeutig nicht. Aber er kam mit Kokain in Berührung, als hätte er in einer Wolke davon gestanden. Schwer vorstellbar, wie so etwas möglich sein soll.«

Brock erhob sich. »Wir werden es herausfinden.«

»Noch eine Kleinigkeit«, sagte Fischer. »Holler hatte mehrere Knochenbrüche, post mortem, also nach seinem Tod entstanden. Ich dachte, das sollten Sie auch noch wissen.«

»Könnten diese Brüche entstanden sein, als man ihn in den Kofferraum eines Wagens stopfte?«

»Gut möglich«, stimmte ihm der Pathologe zu.

»Dann danke ich Ihnen für die Informationen. Genießen Sie Ihr Mittagessen!«

 

*

 

Kommissaranwärter Horst Spengler stand vor Brocks Schreibtisch, unter jedem Arm einen dicken Aktenordner.

»Ich habe einige Neuigkeiten«, sagte er.

»Setzen Sie sich und legen Sie die schweren Akten weg.«

Spengler ließ sich ächzend auf dem Drehsesselmodell nieder, das auch in der Gerichtsmedizin Verwendung gefunden hatte.

»Als Erstes habe ich heute Morgen alles zu Frank Altmann recherchiert und mir die Akten über den Unfall vom letzten Jahr angesehen.«

»Sie haben keine Verbindung zu Markus Holler oder seiner Familie feststellen können, richtig?«

Spengler starrte seinen Chef sprachlos an. »Woher wissen Sie das?«

Brock spannte seinen Assistenten nicht länger auf die Folter und berichtete ihm, was er an neuen Erkenntnissen besaß, darunter auch die Tatsache, dass der Unfall vom letzten Hafengeburtstag entgegen ihrer ersten Annahme tatsächlich ein Unfall gewesen war. Leichtsinnig, vermeidbar, aber eben doch nur ein Unfall.

»Ich will nicht behaupten, dass es den Richtigen getroffen hat«, bemerkte Spengler, »doch ein wirklicher Verlust für die Menschheit war dieser Tod nicht.«

»Darüber sollten wir nicht urteilen. Was haben Sie noch?«

Spengler blätterte in einem der Ordner. »Ich habe über die professionellen Fensterheber und über Bergsteigerseile nachgedacht.«

Brock hob den Blick zur Decke. »Sie auch?«

Spengler nickte eifrig. »Ja. Wer braucht so etwas in einer Stadt, in der es keine Berge gibt? Dann habe ich mir gesagt, dass niemand solche Fensterheber schnell besorgen konnte, um Markus Holler damit an ein Fenster zu kleben. Also besaß er sie schon vorher, und zwar in größerer Stückzahl. Ich habe dann einige Firmen angerufen, die solche Saugheber vertreiben, und schon bei der dritten bin ich fündig geworden. Innerhalb der letzten zwei Monate hat nur eine einzige Hamburger Firma ein Dutzend dieser Geräte gekauft.«

Brock beugte sich vor. »Sie machen mich wirklich neugierig.«

»Es handelt sich um eine Firma für Gebäudereinigung.«

Brock lehnte sich wieder zurück. »Stimmt, die brauchen so etwas. Aber das ist noch kein Beweis. Und die Bergsteigerausrüstung, wie passt die ins Bild?«

»Die Firma beschäftigt auch Industriekletterer für Spezialarbeiten an Hochhäusern.«

»Spengler, Sie haben mein Interesse!«

Sein Assistent grinste wie ein Honigkuchenpferd. »Das Beste kommt noch. Die Firma, um die es sich handelt, gehört einem gewissen Igor Jennisew, ein gebürtiger Russe.«

Brock schwieg eine ganze Weile.

»Ein Russe!«, sagte er schließlich. »Wir sollten unbedingt mit ihm reden. Mal sehen, wie er uns das erklärt. Haben Sie die Adresse?«

Spengler klopfte auf den Ordner. »Ist hier drin.«

»Doch vorher sehen wir uns die Wohnung von Holler an.«

 

*

 

In der Osterstraße war wie üblich viel Betrieb. Der Stadtteil Eimsbüttel war in den letzten Jahren immer beliebter geworden – und die Mieten höher. Viele jüngere Leute belebten die Straße. Die Cafés und Eisdielen waren gut besucht.

»Dort ist es!«

Brock entdeckte das Haus, das noch aus der Kaiserzeit stammte, als Erster. Es machte einen gepflegten Eindruck und schien in jüngerer Zeit renoviert worden zu sein. Die Fassade strahlte in einem matten Weiß, die Fensterumrahmungen waren farblich abgesetzt.

Spengler parkte den Wagen in einem Halteverbot vor dem Haus und klappte die Sonnenblende herunter. Darauf befand sich der Hinweis, dass es sich um einen Wagen im Einsatz handelte. Sie stiegen aus und gingen über den breiten Bürgersteig zu einem offen stehenden halbhohen Gitter, das die Straße von einem winzigen Vorgarten trennte. Einige Stufen führten zur Haustür.

Nach der Anordnung der Klingeln zu schließen, wohnte Holler in der ersten Etage. Brock drückte den Klingelknopf, doch erwartungsgemäß geschah nichts.

Spengler beugte sich zu dem Türschloss hinunter. »Das ist ein Sicherheitsschloss. Wie kommen wir da rein?«

Brock ließ einen Schlüsselbund vor seinen Augen baumeln. »Damit!«

Sie betraten das Haus. Die Anordnung im Inneren entsprach der üblichen Architektur der Stadthäuser dieser Zeit. Ein Flur, unterbrochen von drei Stufen, geradeaus das Treppenhaus. Rechts und links die Wohnungen des Erdgeschosses. Es roch nach frischer Farbe. Stille umgab sie.

Sie stiegen hintereinander die Treppe empor. In der ersten Etage gab es wieder zwei Wohnungen. Die linke gehörte Markus Holler.

Brock steckte seinen Schlüssel ins Schloss und wollte ihn gerade herumdrehen, als er stutzte. Die Tür war nicht abgeschlossen, noch nicht einmal zugezogen worden. Er drückte sie vorsichtig auf, bis ein kleiner Spalt entstand.

In der Wohnung war es dunkel. Brock schob die Tür weiter auf, und sie betraten den Vorraum, von dem mehrere Türen in verschiedene Zimmer führten. Alle waren geöffnet.

Auf der rechten Seite zur Straße hin war ein großer Wohnraum zu sehen, der durch eine Schiebetür mit einem weiteren großen Raum verbunden war, der hier als Speisezimmer genutzt wurde. Die Häuser aus dieser Zeit besaßen alle einen ähnlichen Grundriss: an der Straßenseite die öffentlichen Räume, in die man Besucher führen konnte, zur Rückseite gab es einen langen Flur, von dem die privaten Räume abgingen.

»Da ist uns jemand zuvorgekommen«, stellte Brock leise fest.

Die Bücher aus dem Bücherregal lagen in einem Haufen auf dem Boden, dazwischen Zeitschriften und einzelne Blätter. Die Türen und Schubladen einer Anrichte waren geöffnet, Gegenstände herausgerissen worden. Bilder hingen schief oder lagen ebenfalls auf dem Boden. Hier hatte jemand alles gründlich durchsucht.

Der Rest der Wohnung sah ähnlich aus. Im Schlafzimmer war das Doppelbett auseinandergenommen worden, die Matratze stand hochkant an der Wand, Bezüge und Kissen lagen in einem wirren Haufen daneben. Die Küche sah besonders schlimm aus. Auf den Bodenkacheln lagen zerbrochene Gläser und Geschirr.

»Das muss sich die Spurensicherung ansehen«, sagte Brock und deutete auf einen gerade noch zu erkennenden Schuhabdruck. Da war jemand in die Pfütze einer halb ausgelaufenen Rotweinflasche getreten, die vor der Spüle lag.

»Was hoffen wir hier zu finden?«, fragte Spengler.

»Jetzt nichts mehr«, entgegnete der Hauptkommissar und drehte sich um seine Achse. »Ich frage mich allerdings, was sie gesucht haben.«

»Die Russen?«

Brock wiegte den Kopf. »Vielleicht.«

 

 

6. Kapitel

 

»Biegen Sie da vorn mal rechts ab«, befahl Hauptkommissar Brock. »Da war ein Hinweisschild.«

Sie waren ein ganzes Stück auf dem Veddeler Damm gefahren, an dem zahlreiche Firmen ihre Lagerhäuser besaßen. Auch die Reederei Holler hatte sich hier angesiedelt. Sie fuhren direkt auf das Firmenschild an einer fensterlosen Halle zu, vor der ein großer Parkplatz lag, auf dem einige Container abgestellt waren. Ein einsamer Lastzug stand auf der betonierten Fläche. Sie parkten ein Stück daneben.

»Es wird Zeit, dass wir mit Tim reden, dem Neffen von Anton Holler. Bis jetzt hatte ich noch keine Gelegenheit dazu. Ich hoffe, dass wir die offene Planstelle in unserer Abteilung bald besetzen können, damit es nicht solche Verzögerungen gibt, die wir uns eigentlich nicht erlauben können.

Kommissaranwärter Spengler sagte dazu nichts. Vermutlich malte er sich aus, dass er einen weiteren Vorgesetzten bekommen würde, der nichts Besseres zu tun hatte, als ihm Anweisungen zu erteilen.

Brock warf seinem Assistenten einen schrägen Blick zu und deutete den missmutigen Gesichtsausdruck richtig. »Keine Sorge, Sie bleiben weiter direkt mir unterstellt.«

Spengler lächelte, und sie stiegen aus. Sofort umfingen sie die Geräusche und die typischen Gerüche des Hafens. Das Gekreische der Möwen erfüllte die Luft. Aus der Ferne drang der Lärm von zusammenprallendem Metall zu ihnen durch.

Ohne zu zögern marschierten sie auf das breite Doppeltor der Halle zu, dessen sehr viel kleinerer Personendurchgang geöffnet war. Sie standen in einem riesigen Raum, der weitgehend leer war. Ein paar Container standen dicht an einer Wand nebeneinander, die Türen geöffnet. An einer anderen Seite waren Kisten gestapelt. Zahlreiche Paletten bildeten einen unübersichtlichen Holzhaufen. Zwei Gabelstapler standen mitten in der Halle. Kein Mensch war zu sehen.

Unter der Decke waren verschiedene Stahlträger angebracht, an denen Kranschienen mit schweren Haken hingen. Ein dazu gehörendes Steuerhaus klebte wie ein Bienenstock an einer Seite des Lagerschuppens.

Rechts von ihnen führte eine Metalltreppe zu einer Art Galerie auf halber Höhe, an der wohl die Büros lagen. Es handelte sich eher um hölzerne Verschläge mit kleinen verschmutzten Fenstern.

Brock dachte kurz daran, dass sein Arbeitsplatz vielleicht doch nicht so schlecht war. »Gehen wir hoch.«

Brock blieb vor der ersten Tür stehen. Sie hörten ein erregtes Gespräch. Zwei unterschiedliche Stimmen waren zu vernehmen, doch sie verstanden nur Bruchstücke.

»… besser verstecken sollen … konnte nicht ahnen … wer bezahlt das … endlich erfahre ich auch, was passiert ist … früher sagen können.«

Die beiden Beamten sahen sich ratlos an, dann klopfte der Hauptkommissar kurz an die Tür. Das Fenster im oberen Teil, war so verdreckt, dass man nicht hineinsehen konnte. Sie traten ein, ohne auf eine entsprechende Aufforderung zu warten.

Drei Köpfe zuckten herum.

»Einen schönen Tag, die Herren«, grüßte Brock fröhlich und hob seinen Ausweis.

»Aha, der Herr Kommissar!«, entgegnete der Mann auf der linken Seite, der hinter einem Schreibtisch saß. Er war Mitte zwanzig, von kräftiger Statur, mit leicht gelockten schwarzen Haaren und tief liegenden Augen. Er trug ein offenes Hemd, aus dem eine schwere Goldkette mit einem ebenfalls goldenen Anhänger blinkte.

»Hauptkommissar«, verbesserte Spengler automatisch.

Sieht aus wie ein Pirat, dachte Brock. Das musste Tim sein – der Neffe. Er hatte ihn bei seinem ersten Besuch in Hollers Villa nur kurz gesehen, doch das Gesicht hatte er sich eingeprägt.

Er deutete auf seinen Begleiter. »Horst Spengler. Wir untersuchen den Tod von Markus Holler, und mit Ihnen habe ich noch nicht gesprochen.«

»Und Sie sind?«, fragte Spengler, an die beiden anderen gewandt.

Tim Holler übernahm das Reden. Er zeigte auf den älteren. »Das ist Fiete. Seinen richtigen Namen habe ich vergessen, da ihn alle nur so nennen. Er ist dafür verantwortlich, dass die Waren von unseren Schiffen hier zum Teil zwischengelagert und anschließend termingerecht weitertransportiert werden.«

Fiete nickte. Er stand breitbeinig vor dem Schreibtisch, die Daumen hinter seinen Gürtel gehakt, den er um den dunkelblauen Overall geschlungen hatte. Auf seinem Gesicht lag ein abfälliges Grinsen. Polizisten schienen ihn nicht zu beeindrucken.

Tims Hand schwenkte zu dem jungen Mann von vielleicht achtzehn, neunzehn Jahren herum, der schräg hinter Fiete an der Wand lehnte. »Unser jüngster, Stefan, er lernt noch, wie unser Geschäft funktioniert.«

Brock nahm die Vorstellung mit einem Nicken zur Kenntnis, wobei er registrierte, dass der Junge sichtlich nervös war. Seine Blicke huschten unruhig hin und her, und er wusste nicht, wo er seine Hände lassen sollte, die eine Art Eigenleben entwickelt hatten.

»Sind das alle Mitarbeiter in diesem Lagerhaus?«

»Wir haben noch einen Kranführer, doch der hat ein paar Tage Urlaub. Unser nächstes Schiff kommt erst in einer Woche, daher brauchen wir ihn jetzt nicht. Wenn wir mehr Leute brauchen, werden die tageweise engagiert."

Während Brock Tim Holler betrachtete, war es, als schoben sich zwei Bilder übereinander, der vor ihm sitzende Mann und der Mann, der vor einem Jahr ein Paket von Markus Hollers Jacht über Bord geworfen hatte. Schließlich war er überzeugt, dass es sich um den gleichen Mann handelte. Es wurde immer interessanter!

»Wie kann ich Ihnen helfen?«, erkundigte sich Tim.

»Zunächst hätte ich gern gewusst, wann Sie Ihren Cousin Markus zum letzten Mal gesehen haben.«

Tim Holler legte den Kopf in den Nacken, als müsste er scharf nachdenken. »Ich glaube, das war bei unserem Sonntagsessen im letzten Monat, es ist also einige Zeit her.«

Er blickte zu den beiden anderen Männern. »Ihr habt ihn auch länger nicht gesehen, oder?«

Beide schüttelten den Kopf. Brock bemerkte, dass Stefan fast verzweifelt seine Finger knetete. Der Junge wusste etwas!

Brock verständigte sich wortlos mit seinem Assistenten, indem er eine kurze Augenbewegung in Richtung Stefan machte.

»Du kannst gehen, Stefan. Dich brauche ich nicht mehr«, sagte er anschließend.

Das ließ der Junge sich nicht zweimal sagen, und er lief erleichtert zur Tür.

Brock wandte sich an seinen Assistenten. »Spengler, Sie können inzwischen die Informationen von der Zentrale einholen, auf die wir dringend warten. Ich habe hier noch ein paar Fragen, und wir treffen uns anschließend beim Auto.«

Spengler nickte. Er hatte sofort verstanden, was er tun sollte, und war rasch ebenfalls aus der Tür.

»Haben Sie eine Vorstellung, wer Ihren Cousin ermordet haben könnte?«, fragte er.

Tim Holler zog seine Stirn in Falten und schüttelte den Kopf. »Ich habe keine Ahnung. Wir sehen uns nicht häufig. Markus war drüben im Kontor. Er hat sich hier nicht oft blicken lassen.«

Fiete starrte zu Boden und schwieg.

Um Zeit zu gewinnen, ließ Brock sich noch jede Menge Fragen einfallen, deren Beantwortung ihm allerdings nicht wichtig war. Die beiden Männer entspannten sich sichtlich bei seinen eher harmlosen Fragen. Er hatte den deutlichen Eindruck, dass sie ihm ohnehin nicht die Wahrheit sagen würden. Nach fünfzehn Minuten fiel ihm nichts mehr ein, und er verabschiedete sich mit bestem Dank für die Kooperation.

Spengler stand neben dem Dienstwagen und grinste breit.

»Und?«, fragte Brock.

»Stefan – mit Nachnamen heißt er übrigens Dietz – hat erst geflennt und dann geredet wir ein Wasserfall. Er ist ja nicht gerade die hellste Kerze auf der Torte, aber ich konnte die Bruchstücke seiner Erzählung einigermaßen zusammensetzen. Ich fasse kurz zusammen: Markus Holler war am Freitag hier. Er hat Stefan auf den Kopf zugesagt, dass es hier Schmuggelware geben müsste, die mit dem letzten Schiff gekommen sei. Stefan hat ihm dann das Versteck gezeigt. Zwei Sporttaschen zwischen Einrichtungsgegenständen, die zu einem Umzug von Rio nach Hamburg gehörten.«

»Nur zwei Taschen?«

»Es gab wohl noch andere, jedoch in einem weiteren Container, der noch nicht entladen war. Jedenfalls nahm Markus diese beiden Taschen und schleppte sie zu seinem Auto, das hier draußen auf dem Parkplatz stand. Bevor er losfuhr, schärfte er Stefan ein, niemandem etwas davon zu erzählen. Nach dem Wochenende hat dann Tims Kumpel Fiete zwei weitere Taschen aus dem Versteck geholt und Stefan beschimpft, weil die Hälfte der Ware verschwunden war.«

»Worum hat es sich dabei überhaupt gehandelt?«

»Drogen. Kokain, um genau zu sein.«

Brock nickte. »Hollers Schiffe bedienen eine Südamerikaroute. Bolivien und Kolumbien sind die Hauptlieferanten für Kokain. Das ergibt allmählich einen Sinn. Was passierte dann?«

»Damit rückte Stefan erst nach eindringlicher Ermahnung und einem erneuten Heulanfall heraus. Als Markus mit seinem Wagen den Parkplatz verließ, kam Tim Holler gerade an. Er sah seinen Cousin wegfahren und folgte ihm mit einigem Abstand, als ob er ihn beschatten würde, wie Stefan sich ausdrückte. Mehr habe ich beim besten Willen nicht aus ihm herausbekommen. Allerdings habe ich ihm empfohlen, sich dringend einen neuen Job zu suchen.«

»Das haben Sie gut gemacht«, lobte Brock. »Das Bild wird allmählich deutlich.«

»Glauben Sie, dass Tim der Mörder ist?«

»Eigentlich nicht. Er mag ein Halunke und in schmutzige Geschäfte verwickelt sein, doch für einen Mörder halte ich ihn nicht.«

Brock öffnete die Beifahrertür. »Fahren wir!«

Als Spengler sich hinter das Steuer des Autos gesetzt hatte, fuhr ein bulliger SUV auf den Parkplatz, höher, breiter und länger als ihr älteres Golf-Modell vom Polizei-Fuhrpark.

»Warten Sie«, befahl Brock.

Ein einzelner Mann stieg aus dem Fahrzeug. Er war zwischen vierzig und fünfzig, besaß volles, doch schon leicht ergrautes Haar und trug einen dreiteiligen Anzug von merkwürdigem gesprenkeltem Aussehen.

»Wie nennt man wohl diese Farbe?«, kam dazu ein erstaunter Kommentar von Brock.

Spengler grinste. »Möwenschiss?«

Jetzt grinste auch Brock. »Wir warten, bis er wieder herauskommt. Dann folgen wir ihm. Ich möchte gern wissen, wer das ist. Er sieht nicht wie der normale Besucher eines Lagerschuppens aus.«

Es dauerte nur zehn Minuten, bis der SUV wieder vom Parkplatz fuhr. Spengler hatte ihren eigenen Wagen inzwischen auf die Straße gefahren. Sie standen jetzt in einer unauffälligen Lücke zwischen anderen Fahrzeugen.

»Halten Sie Abstand. Ich möchte nicht, dass der Typ uns entdeckt.«

Spengler nickte und wartete, bis der SUV ein ganzes Stück entfernt war, ehe er losfuhr. Es wurde eine lange Fahrt, die sie an der Hafencity vorbei durch die Innenstadt in Richtung Altona führte.

»Ich glaube, ich weiß, wer das ist und wohin er will«, sagte Spengler, als sie die Reeperbahn passierten.

Es dauerte nicht mehr lange, bis der SUV in eine Toreinfahrt einbog. Hinter ihm schloss sich sofort das breite Rolltor.

Die beiden Beamten betrachteten das Firmenschild neben der Toreinfahrt: »Gebäudereinigung Igor Jennisew«.

Brock sah seinen Assistenten respektvoll an. »Meine kleinen grauen Zellen laufen jetzt auf Hochtouren.«

 

*

 

»Haben wir ein Problem?«, fragte Fiete, nachdem Tim Holler ihn wieder ins Büro gerufen hatte.

Tim saß gedankenverloren hinter seinem Schreibtisch und blickte gegen die Wand, an der ein Kalender vom Vorjahr hing, angestaubt und verblichen.

»Da hast du verdammt recht«, sagte er schließlich.

»Was hat Igor denn gewollt?«

»Er will den Rest der Lieferung. Wir hätten ihm fest zugesagt, alles pünktlich zu liefern, und jetzt hat er nur die Hälfte bekommen. Er war stinksauer und hat mir erhebliche Konsequenzen angedroht, weil er gegenüber seinen Abnehmern verpflichtet ist zu liefern.«

Er machte eine kurze Pause. »Wir haben zehn Tage Zeit.«

»Wie sollen wir das schaffen?«, regte sich Fiete auf. »Das ist völlig unmöglich. Von einem anderen Lieferanten hier zu kaufen können wir uns nicht leisten. Ich habe unsere Konten geprüft. Das ist nicht drin.«

Tim nahm einen kleinen Terminkalender vom Schreibtisch und studierte ihn sorgfältig. »Unser nächstes Schiff legt in drei Tagen in Cartagena ab. Wenn du dich sofort um einen Flug nach Kolumbien kümmerst, kannst du es schaffen, rechtzeitig dort zu sein. Dann passt du selber auf die Fracht auf. Ich rufe inzwischen unseren Lieferanten an und bitte ihn, fünfzig Kilo in Cartagena bereitzustellen. Ich hoffe, dass wir die Summe aufbringen können.«

Fiete nickte. »Dafür müsste es reichen. Wenn Igor uns bezahlt hat, haben wir wieder etwas Luft.«

»Das Schiff ist die Orion. Sie hat Obst geladen, hauptsächlich Bananen. Ich kenne den Kapitän ganz gut. Er wird keine Schwierigkeiten machen, wenn du unerwartet an Bord gehst. Ich rufe ihn an. Er muss trotzdem nicht wissen, was du transportierst. Die Mannschaft darf natürlich nichts erfahren.«

»Ist klar, Chef.«

»Dann kümmere dich um deinen Flug. Wir dürfen keine Zeit verlieren.«

Fiete ging zur Tür und drehte sich noch einmal um. »Was für Konsequenzen hat Igor eigentlich angedroht?«

Tim blickte ihn düster an.

»Er hat gesagt, wenn er die Ware nicht rechtzeitig bekommt, würden wir ebenfalls die Gelegenheit bekommen, eine schöne Aussicht auf die Elbe zu genießen.«

Fiete starrte Tim Holler an, etwas blass um die Nase.

»Dabei hat er gelächelt«, ergänzte Tim.

Fiete schloss leise die Tür.

 

*

 

Kommissaranwärter Spengler saß immer noch vor seinem Monitor, als Cornelius Brock von seinem Besuch bei Birgit Kollmann zurückkehrte.

»Wollen Sie nicht bald Feierabend machen?«

Spengler hob den Kopf. »Sie sind ja auch noch hier.«

Brock setzte sich. »PPK hat darauf herumgeritten, dass wir bloß keinen Fehler machen. Ihr sitzen die großen Bosse im Nacken. Die Medien sind inzwischen groß eingestiegen, auch wenn sie den Namen des Opfers noch nicht veröffentlicht haben. Immerhin haben wir Glück, da sie die beiden Morde noch nicht in Zusammenhang gebracht haben. Doch das wird nicht so bleiben.«

»Man könnte fast Mitleid mit den oberen Etagen haben. Aber immerhin werden sie dafür gut bezahlt, dass sie manchmal selbst den Kopf hinhalten müssen und nicht alles auf die Untergebenen abwälzen können.«

Brock äußerte sich nicht zu den ketzerischen Ansichten seines Assistenten, obwohl er wusste, dass Spengler recht hatte.

»Was haben Sie noch gefunden?«

»Zunächst habe ich diesen Fiete gesucht. Er heißt eigentlich Fritz Borowski und ist für uns kein Unbekannter. Mit anderen Worten, er hat ein umfangreiches Strafregister.«

Spengler drehte den Bildschirm zur Seite. »Erster Diebstahl mit zwölf Jahren, zwei Jahre später der nächste. Von der Schule geflogen, asoziales Elternhaus, Heim, Pflegeeltern, die ganze Palette. Dann Postdiebstahl und Scheckkartenbetrug – Bewährungsstrafe. Mit neunzehn diverse Fälle von Bankautomaten-Manipulation und erster Urlaub in Santa Fu.«

Damit spielte Spengler auf das Gefängnis Fuhlsbüttel an, das im Volksmund Santa Fu genannt wurde.

»Beindruckende Karriere«, kommentierte Brock.

»Kaum war er wieder draußen«, fuhr Spengler fort, »hat er seinen Geschäftszweig um Zuhälterei erweitert. Nach zwei Fällen von schwerer Körperverletzung hat er seine zweite und deutlich längere Haft angetreten. Seit einigen Jahren, also seit er bei Holler angestellt ist, gibt es keine weiteren Einträge in seiner Akte. Mit Drogen hatte er bisher nichts zu tun.«

»Man arbeitet sich hoch.« Brock lächelte gequält. »Beweisen können wir derzeit nichts. Ich werde versuchen, Genehmigungen für die Prüfung seiner Telefonlisten, Bankverbindungen und Bewegungsprofile zu bekommen.«

Spengler nickte. »Außerdem habe ich mir die Gebäudereinigung von Igor Jennisew angesehen. Er ist in Moskau geboren und lebt seit gut zehn Jahren in Hamburg. Seine Firma besteht fast ebenso lange. Er hat nur wenige Angestellte und vergibt viele Aufträge an Subunternehmen. Seine Akte ist relativ sauber. Es gab eine Anklage wegen verbotener Preisabsprachen, doch das wurde außergerichtlich beigelegt. Sein Management besteht aus zwei Personen, die ebenfalls russischer Herkunft sind: Sergei Iwanow und Wladimir Rostrow. Sie stammen auch aus Moskau und kamen einige Jahre nach Jennisew nach Hamburg. Alle drei haben eine gültige Aufenthaltserlaubnis, haben aber keine Anträge auf die deutsche Staatsbürgerschaft gestellt.«

»Ich vermute mal, dass wir die beiden schon kennengelernt haben.«

»Ich bin sogar sicher.«

Spengler betätigte ein paar Tasten, und auf dem Schirm erschienen nacheinander zwei Fotos.

»Das sind sie!«, rief Brock.

»Ich kann sie allerdings nicht festnehmen lassen, weil sie einen Tisch umgeworfen haben. Wir brauchen ihre Fingerabdrücke und ihre DNA, um sie zumindest mit dem Mord an Dieter Schmitz in Verbindung zu bringen. Fragen Sie morgen bei der Spurensicherung nach, ob sie etwas gefunden haben. Fischer wird dann hoffentlich auch die Obduktion von Schmitz erledigt haben.«

Brock drehte sich zur Wand und betrachtete die Tafel, auf der sie ihren Fall ausgebreitet hatten. »Die Fotos von den beiden Typen sollten auch mit drauf. Es wird Zeit, dass wir ein paar Verbindungsstriche ziehen.«

Er sah auf seine Uhr. »Es ist schon spät, machen wir Schluss für heute. Bringen Sie morgen die Mordakte auf Vordermann, und ich werde noch einmal in die Holler-Villa fahren. Ich muss dringend mit dem kleinen Bruder reden. Ich habe den Eindruck, dass er mehr weiß, als er bisher zugegeben hat.«

Er stand auf und tippte auf das Foto von Markus Holler auf der Tafel.

»Wir haben Kokainschmuggel, ein Lagerhaus mit Verdächtigen und deren Verbindung zu einem Russenclan, der wiederum die Vertriebsstellen wie die Elbklause kontrolliert. Wie passt unser erstes Opfer in die Gleichung?«

 

 

7. Kapitel

 

Cornelius Brock studierte die Mordakte, während Spengler am Steuer saß. Ihr Ziel war Anton Hollers Villa, denn Brock wollte unbedingt mit dem jüngsten Sohn Daniel reden. Durch den Diebstahl des indischen Dolches steckte auch er irgendwie in diesem vertrackten Fall.

Die Akte war um einige Berichte ergänzt worden.

Inzwischen hatte die Spurensicherung den Wagen von Dieter Schmitz untersucht, der in der Garage der Elbphilharmonie geparkt war. Markus Holler war tatsächlich mit diesem Fahrzeug transportiert worden. Die Spurenlage im Kofferraum war eindeutig. Im Inneren des Autos waren alle glatten Flächen abgewischt worden. Man hatte keine verwertbaren Spuren gefunden, die sich bestimmten Personen zuordnen ließen.

Allerdings gab es einen sauberen Abdruck auf der Haube des Kofferraums, den jemand offenbar mit der Hand zugedrückt hatte. Er war nicht im System gewesen, doch Cornelius Brock hatte sofort einen Verdacht, wem er gehören könnte. Sie brauchten nur noch einen Vergleichsabdruck.

Die Obduktion von Markus Holler hatte keine weiteren Überraschungen ergeben. Ebenso wenig die Untersuchung seiner Wohnung. Sie war vorher von Unbekannten gründlich durchsucht worden, die ihrerseits allerdings keine Spuren hinterlassen hatten.

»Dort vorn!«, sagte Brock plötzlich. »Die Einfahrt links. Da müssen wir hin.«

Spengler steuerte ihr Fahrzeug gehorsam auf den Weg zum Haus und bog zu den Garagen ab. Er parkte hinter dem Jaguar, den Brock bereits kannte.

»Ich frage mich, wem der teure Wagen gehört«, murmelte Brock. »Er steht die ganze Zeit hier und ist auch nicht bewegt worden, soweit ich das sehen kann.«

Sie stiegen aus und gingen zum Haus hinüber. Spengler klingelte, und Elisabeth Holler öffnete persönlich. Sie trug einen Morgenmantel und war nicht geschminkt. Ihr Gesichtsausdruck war von Trauer gezeichnet.

»Sie erinnern sich an mich?«, fragte Brock.

Sie nickte langsam. »Mein Mann ist im Kontor.«

»Das ist mein Assistent Horst Spengler. Dürfen wir hereinkommen?«

Frau Holler öffnete die Tür, und sie betraten einen Vorraum.

»Ist das Ihr Wagen da draußen?«, erkundigte sich Spengler.

Sie sah ihn erstaunt an. »Der Jaguar? Nein, ich habe noch nicht mal einen Führerschein. Der Wagen gehört Markus. Er steht seit letztem Freitag hier.«

»Haben Sie einen Schlüssel dafür?«

»Ich denke, schon.«

Sie zog eine Schublade eines Schränkchens auf, das Teil einer größeren Garderobe war, und zog einen Autoschlüssel heraus, den sie Brock reichte.

»Markus lässt seinen Schlüssel immer hier, wenn er den Wagen bei uns parkt.« In ihren Augen erschienen Tränen.

»Wir sehen uns das Fahrzeug kurz an und kommen gleich zurück.«

Sie nickte und ließ die Tür angelehnt. »Kommen Sie einfach herein, wenn Sie fertig sind.«

Brock öffnete als Erstes den Kofferraum. Beide starrten völlig überrascht auf das, was darin lag.

Zwei große schwarze Sporttaschen!

Brock zupfte Einweghandschuhe aus seiner Jacke, zog sie über seine Finger und griff nach der ersten Tasche. Der Reißverschluss war nicht zugezogen. Er klappte die Seiten der Tasche zurück. Sie blickten auf ein Durcheinander von Plastikhüllen, Packpapier und Klebestreifen. Überall waren Reste von weißem Pulver zu sehen.

Das Innere der zweiten Tasche sah ebenso aus.

»Das sind die Taschen, von denen Stefan im Lagerhaus gesprochen hat, und die Markus Holler mitgenommen hat«, erläuterte Spengler.

»Doch wo ist das Kokain, das angeblich in den Taschen war? Hier haben wir nur die Verpackung. Die Ware ist weg«, stellte Brock fest.

»Das haben die Russen in seiner Wohnung gesucht«, sagte Brock. »Ich denke, sie haben ihn auch im Schuppen der Elbklause mit Foltermethoden danach gefragt. Vermutlich haben sie ihn aus lauter Wut ermordet, bevor er ihnen die Wahrheit sagen konnte – oder sie haben ihm nicht geglaubt.«

Er schloss den Kofferraum des Jaguars. »Das muss sich die Spurensicherung ansehen. Informieren Sie die Kollegen.«

Spengler nickte und griff zu seinem Handy, während sie wieder zur Villa gingen.

Elisabeth Holler war nicht zu sehen.

»Suchen Sie Frau Holler und reden Sie mit ihr«, ordnete Brock an. »Ich möchte nicht, dass sie stört, wenn ich mit Daniel rede.«

Brock ging die Treppe hinauf. Diesmal war keine laute Musik aus dem Zimmer zu hören. Er klopfte kurz und trat ein, ohne auf eine Einladung zu warten.

Daniel hockte vor seinen Monitoren inmitten seiner Techniksammlung. Auf seinen Ohren saßen wuchtige Kopfhörer.

Brock zog ihren Stecker aus einem der Computer, und Daniel fuhr erschrocken herum. »Sie schon wieder!«

Brock zog einen Stuhl heran und setzte sich neben den jungen Mann.

»Wir müssen noch einmal reden. Diesmal ist es jedoch sehr viel ernster. Du hast den indischen Dolch deines Vaters geklaut. Damit wurde dein Bruder umgebracht.«

Daniel begann zu schluchzen. »Das ist alles meine Schuld! Hätte ich diesen blöden Dolch nicht in die Elbklause gebracht, würde Markus noch leben.«

Brock legte ihm beruhigend die Hand auf die Schulter. »Das stimmt nicht. Es war ein Zufall, dass die Gangster deinen Bruder ausgerechnet mit dieser Waffe ermordeten. Es hätte auch irgendetwas anderes sein können. Sie haben diesen Dolch nur genommen, weil er gerade dort lag. Du hättest dieses Ding zwar nicht stehlen dürfen, aber du bist nicht schuld an seinem Tod. Dass du den Dolch zurückgebracht hast, hat uns sogar geholfen, denn damit konnten wir die Mordwaffe identifizieren.«

Daniel wischte sich über die Wangen, als die Tränen auf beiden Seiten herunterliefen. »Es tut mir so leid.«

»Ich schlage vor, dass du mir jetzt die ganze Wahrheit erzählst, von Anfang an. Wenn du mir jetzt hilfst, werde ich auch dir helfen. Ich nehme an, dass dein Vater keine Anzeige wegen des Diebstahls erstatten wird. Wir können es dann dabei belassen, dass du den Dolch nur einem Freund der Familie gezeigt hast. Verstehen wir uns?«

Daniel nickte langsam. »Was wollen Sie wissen?«

»Fangen wir mit dem letzten Freitag an. Was hast du an dem Tag gemacht?«

»Ich war ein paar Stunden im Kontor, weil ich noch ein paar Aufgaben erledigen wollte, die liegen geblieben waren.«

Brock kommentierte diese Ausrede nicht, da er wusste, dass Daniel die Arbeit nicht erfunden hatte. »Und dann?«

»Als ich gehen wollte, traf ich Markus, der ebenfalls gerade das Kontor verließ. Er fragte mich, ob er mich mitnehmen sollte, da er nach einem kleinen Umweg nach Hause in die Elbchaussee fahren würde. Ich dachte, das würde schneller gehen als mit der Bahn. Das war jedoch ein Irrtum. Markus fuhr nämlich in unser Lagerhaus am Hafen, um etwas abzuholen, wie er sagte.«

Brock nickte. »Ich weiß, wo das ist.«

»Er bat mich, im Wagen zu warten, was ich auch tat. Er verschwand im Lager und kam nach einer Weile wieder, wobei er zwei schwere Taschen trug, die er in den Kofferraum legte. Als wir wegfuhren, bemerkte ich, dass uns ein anderes Auto folgte. Ich glaube, das war mein Cousin Tim. Ich habe Markus darauf hingewiesen, und er hat ihn nach kurzer Zeit abgehängt. Markus kennt sich nämlich im Hafengebiet hervorragend aus. Ich fand es spannend, wie er gefahren ist.«

»Was geschah dann?«

»Markus schien sehr wütend zu sein. Er hat ein paar Mal mit der Faust aufs Lenkrad gehämmert und über verdammte Idioten geflucht. Ich wusste nicht, wen er meinte. Er hat mir nichts gesagt.«

»Wohin seid ihr dann gefahren?«

»Nachdem das andere Auto abgehängt war, sind wir zu einem kleineren Hafenbecken gefahren, in dem nicht viel Betrieb war. Die meisten Schiffe versuchen, am Freitag abzulegen, damit sie nicht übers Wochenende die teuren Liegegebühren bezahlen müssen.«

»Das ist mir schon klar. Was habt ihr dort gemacht?«

»Markus parkte dicht an der Kaimauer. Dann bat er mich, ihm zu helfen, die schweren Taschen aus dem Kofferraum zu holen. Anschließend musste ich mich wieder in den Wagen setzen. Ich sah, wie er ein Päckchen nach dem anderen aus den Taschen holte, mit einem Taschenmesser die Verpackung aufschnitt und den Inhalt ins Wasser rieseln ließ. Weil ein leichter Wind wehte, gab es einige weiße Staubwölkchen, und ich hörte ihn wieder laut fluchen. Als er fertig war, warf er die Taschen in den Kofferraum, und wir fuhren nach Hause. Ich habe ihn gefragt, was er da gemacht hat, aber er hat mich nur merkwürdig angesehen und gesagt, dass ich niemandem davon erzählen dürfte.«

Brock hatte wie gebannt zugehört. Daniels Beichte erklärte einige Lücken ihrer Ermittlungen, und jetzt war das Motiv für die Ermordung von Markus Holler klar. Es war die ganze Zeit nur um Drogen gegangen!

»Was ist am Freitag noch passiert?«

»Nachdem Markus mich hergebracht hatte, hat er sich ein Taxi bestellt und ist wieder weggefahren. Er hat mir nicht gesagt, wohin er wollte.«

»Nun, das wissen wir. War sonst noch etwas?«

»Mein Vater kam später, und wir haben zu Abend gegessen. Ich habe meinen Teller auf mein Zimmer genommen, wie ich es meistens mache. Mehr weiß ich nicht.«

Brock stand auf und ging zur Tür. »Du hast uns sehr geholfen.«

»Da ist noch etwas«, sagte Daniel plötzlich. »Spät in der Nacht, ich war schon eingeschlafen, und es war völlig ruhig im Haus, hat ein Telefon geklingelt. Es war sehr leise, aber ich kenne den Klingelton. Es war das Telefon von Tim, meinem Cousin. Etwas später habe ich gehört, wie er das Haus verließ. Ich bin dann eingeschlafen und habe bis zum Morgen nichts mehr mitgekriegt.«

Brocks Augen wurden schmal. »Danke, Daniel. Das war sehr interessant für mich.«

 

*

 

Anton Holler, korrekt gekleidet wie immer, saß in seinem Kontor und ließ seinen Blick über die nun schon fast antike Einrichtung gleiten. Die halbhoch getäfelten Wände waren im Laufe der Zeit stark nachgedunkelt. Darüber hingen Aquarelle, Zeichnungen und Fotos der Schiffe, die der Reederei gehört hatten. Die meisten davon gab es schon lange nicht mehr.

Er strich mit der Hand über die leicht zerkratzte Platte seines Schreibtisches. Daran hatte bereits sein Vater gesessen, und davor sein Großvater. Die Schreibtischlampe stammte von der Firma Tiffany aus der Zeit des Jugendstils. Er wusste, dass sie heutzutage bei einer Auktion eine Menge Geld einbringen würde, aber er hatte nicht die Absicht, sie gegen eine moderne Lampe einzutauschen.

Die Telefonanlage war neu. Anton Holler war sparsam, aber nicht geizig. Seiner Ansicht nach bezahlte er seine Mitarbeiter überdurchschnittlich gut, und er war sicher, dass sie ebenso gut für ihn arbeiteten.

Es war ihm zwar zu Ohren gekommen, dass in seinem Lager im Hafen manchmal Geschäfte abgewickelt wurden, die dort nicht hingehörten. Es gab aber bei den Büchern keine Unregelmäßigkeiten. Er hatte mehrmals externe Prüfer beauftragt, doch nach ihren Erkenntnissen war alles korrekt. Wenn dort also etwas lief, hatte es mit der Reederei nichts zu tun.

Sein Neffe Tim hatte im Lagerhaus die Aufsicht. Er vertraute ihm. Er gehörte schließlich zur Familie.

Andererseits – als Nachfolger konnte er ihn sich auch nicht recht vorstellen. Ihm fehlte das Format von Markus. Die Trauer überwältigte ihn, und Anton Holler brauchte einige Minuten, bis er sich wieder gesammelt hatte.

Wer sollte das Geschäft übernehmen, wenn Tim dafür nicht geeignet war?

Daniel? Er lachte kurz auf. Dann könnte er gleich Konkurs anmelden.

Blieb nur noch Maria, seine Tochter. Ihr Mann – sein Schwiegersohn Kurt Berghoff – hatte seine Qualitäten. Er war ein guter Anwalt. Doch besaß er auch die Qualifikation zur Leitung eines Unternehmens?

Anton Holler seufzte. Irgendwann musste er sich für eine Lösung entschließen. Einen Geschäftsführer von außen holen? Diese Vorstellung bereitete ihm großes Unbehagen.

Nun, er musste diese Entscheidung noch nicht heute treffen. Dennoch, die Unsicherheit über das Schicksal der Reederei ließ sich nicht aus seinen Gedanken verdrängen.

 

*

 

Sie saßen in einem kleinen fensterlosen Raum, der normalerweise für Verhöre genutzt wurde. Den schönen Konferenzraum mit den ledergepolsterten Stühlen hatte Birgit Kollmann belegt. Vermutlich beeindruckte sie in diesem Moment die höheren Gehaltsklassen mit einer ihrer PowerPoint-Präsentationen.

Kommissaranwärter Horst Spengler hatte die fahrbare Wand mit den Fotos und Notizen ihrer Mordfälle hereingerollt. Jeder hatte einen Laptop vor sich stehen, der mit einem Kabel an das interne Netzwerk angeschlossen war. So konnte jeder das Gleiche auf dem kleinen Bildschirm sehen.

Hauptkommissar Cornelius Brock saß am Kopfende des kleinen Tisches. Außer seinem Assistenten befanden sich Kommissar Höhne von der IT-Abteilung und Kommissar Ritter von der Spurensicherung im Raum. Brock kannte Ritter sehr gut, und sie verstanden sich prächtig. Sie waren beide alte Hasen und hatten etwa zur gleichen Zeit ihre Karrieren bei der Polizei begonnen.

Sie waren hier, um eine Zwischenbilanz zu ziehen.

»Fangen wir mit dem an, was wir wissen«, begann Brock.

Bevor jemand etwas sagen konnte, öffnete sich die Tür, und die Erste Hauptkommissarin Birgit Kollmann spazierte herein, unter dem Arm einen Aktendeckel, den sie vor sich auf den Tisch legte. Im Raum wurde es gleich viel enger.

»Ich komme gerade aus einer Sitzung«, erklärte sie ohne jede Begrüßung, »und musste mir anhören, dass im Mordfall Holler offensichtlich immer noch kein Verdächtiger feststeht. Die hohen Herren erwarten Ergebnisse!«

»Wir haben durchaus Verdächtige«, entgegnete Brock. »Leider fehlt es an den nötigen Beweisen.«

PPK schien interessiert und setzte sich. »Lassen Sie hören!«

Jeder trug vor, was es bisher an Erkenntnissen gab, und Frau Hauptkommissarin gab sich beeindruckt.

Ein strafender Blick traf Brock. »Davon hast du mir nicht mal die Hälfte erzählt, Conny. Wenn ich die Einzelheiten gewusst hätte, wären meine Vorgesetzten wesentlich zufriedener gewesen.«

Brock ging nicht auf die Kurzform seines Vornamens ein, die er ungern hörte, doch Birgit Kollmann war wohl nicht mehr dazu zu bewegen, diese Unart zu ändern.

»Ich habe dir nur erzählt, was wir sicher wissen, und wollte dich nicht mit unseren Spekulationen konfrontieren.«

»Ich hatte gerade den Eindruck, dass es sich um mehr als Spekulationen handelt. Für mich steht fest, dass Markus Holler umgebracht wurde, weil er Kokain im Wert von einigen Millionen vernichtet hat, das von seinen eigenen Angestellten ins Land geschmuggelt worden war. Wahrscheinlich waren diese russischen Gangster seine Mörder, die ihn deswegen in der Elbphilharmonie zur Schau stellten, weil er von dort auf die Elbe blickte, wo wiederum im letzten Jahr eine kleinere Lieferung in den Fluss geworfen wurde, und zwar von seinem Cousin Tim Holler. Entweder weil Markus ihm das befohlen hatte oder weil er die Polizei fürchtete, die nach dem gerade erfolgten Unfall unweigerlich an Bord kommen würde. Habe ich das so weit richtig verstanden?«

Brock lächelte. »Ich hätte es kaum besser ausdrücken können.«

»Gut. Kommen wir zu den Russen. Sie wussten nur, dass Markus das Rauschgift an sich genommen hatte, aber nicht, was damit passiert war. Sie haben ihn gefoltert, um das zu erfahren, weil sie nie auf die Idee gekommen wären, dass jemand Millionenwerte in den Fluss schüttet. Wahrscheinlich hat er die Vernichtung zugegeben, doch das haben sie ihm nicht geglaubt. Vor Wut haben sie ihn umgebracht und dann seine Wohnung nach dem Kokain durchsucht. Dieser Kneipenbesitzer war für sie nur ein Zeuge, der zu viel gesehen hatte. Also musste auch er ausgeschaltet werden. Richtig?«

Brock nickte. »Absolut!«

»Schön«, fuhr sie fort. »Wir wissen inzwischen, was wirklich mit den Drogen passiert ist, und wir wissen, dass Tim Holler wahrscheinlich ein Mittäter bei dem Drogenschmuggel ist.«

»Ich denke, er ist dafür verantwortlich«, warf Brock ein.

»Habt ihr eigentlich daran gedacht, die Kollegen vom Rauchgift-Dezernat einzuweihen?«

Alle sahen sich etwas betreten an.

»Wir untersuchen zunächst zwei Morde«, kam die etwas lahme Erklärung von Brock.

»Also nicht!«, stellte Birgit Kollmann fest. »Das solltet ihr schleunigst nachholen. Eine Frage habe ich noch. Wer war der Mann im Boot, der am Sonntagmorgen die Elbphilharmonie beobachtet hat?«

»Das wissen wir noch nicht«, sagte Spengler. »Immerhin haben wir herausgefunden, wem das Boot gehört.«

»Uns fehlen dennoch Beweise«, fügte Brock hinzu.

Hauptkommissarin Kollmann grinste breit. »In der Beziehung kann ich behilflich sein.«

Sie klappte den Aktendeckel auf und entnahm ihm einige Papiere. »Ich habe hier die Telefonverbindungsnachweise von Tim Holler, dem Lagerhaus, der Elbklause und der Gebäudereinigung Jennisew.«

Sie hob den Blick zur Decke. »Es gab dort oben jemanden, der sich sehr eingesetzt hat, um den Fall aufzuklären.«

Sie nahm weitere Papiere aus dem Ordner. »Hier ist ein besonderer Leckerbissen. Durchsuchungsbeschlüsse für das Lager im Hafen und für die Räume der Gebäudereinigung. Das sollte Ihnen helfen, ein paar Beweise zu sichern – hoffe ich jedenfalls.«

Brock war mehr als überrascht. Damit hatte er nun wirklich nicht gerechnet. »Ich denke, das wird reichen«, sagte er langsam. »Jetzt haben wir eine Menge zu tun.«

 

*

 

Maria Berghoff klappte das Märchenbuch leise zu. Wie immer war ihr Sohn Erik bei seiner aktuellen Lieblingsgeschichte von Schneewittchen und den sieben Zwergen eingeschlafen. Das Ende hatte er noch nie gehört. Sie überlegte, ob sie zur Abwechslung mal mittendrin anfangen sollte. Sie wusste ja selber kaum noch, wie die Geschichte ausging.

Sie betrachtete ihren kleinen Liebling in seinem Schlafanzug mit den kleinen Pandabären, in seinem Arm sein Plüschtier, das kaum noch erkennen ließ, worum es sich einst gehandelt hatte.

Was sie gleich mit ihrem Mann besprechen wollte, würde auch Eriks Zukunft betreffen. Manche Entscheidungen veränderten das ganze Leben.

Sie stand von der Bettkante auf, löschte das Licht und ging in die Küche. Aus einem Schrank nahm sie zwei Gläser und aus dem Kühlschrank eine Flasche Grauburgunder, den ihr Mann sehr mochte. Da die Weißweinflaschen heutzutage meistens mit einem Schraubverschluss ausgestattet waren, hatte sie kein Problem, die Flasche zu öffnen. Als es noch richtige Korken gab, war das wesentlich schwieriger gewesen.

Kurt saß im Wohnzimmer und las das Abendblatt.

»Es ist noch warm draußen«, sagte sie. »Ich hätte Lust, auf dem Balkon noch ein Glas Wein zu trinken.

Kurt ließ die Zeitung sinken. »Gute Idee.«

Sie setzten sich auf die Gartenstühle, und ihr Mann goss den fast honigfarbenen Wein in die Gläser.

Sie stießen an und schwiegen eine Weile, um die laue Abendluft zu genießen.

»Ich hatte ein langes Gespräch mit meinem Vater«, begann Maria.

Kurt sah sie interessiert an. »Was wollte er denn?«

»Er macht sich Sorgen wegen der Nachfolge. Seit Markus tot ist, denkt er über nichts anderes nach. Er möchte rechtzeitig jemanden an seiner Seite haben, der das Geschäft übernehmen kann, wenn es so weit ist. Er hat sogar daran gedacht, einen Geschäftsführer von außerhalb zu holen, doch so richtig gefällt ihm dieser Gedanke natürlich nicht. Er hatte alles darauf ausgerichtet, dass Markus seine Nachfolge antritt.«

»Was ist mit seinem Neffen Tim oder mit Daniel?«

Maria lächelte schwach. »Mein Vater hält Daniel für völlig unfähig. Der Junge hat keine ausreichende Bildung und interessiert sich nur für Computerspiele. Tim hat zwar Ahnung vom Geschäft, aber …«

»Anton vertraut ihm nicht«, beendete Kurt Berghoff den Satz.

Seine Frau nickte. »Er würde ihm die Leitung der Reederei nie anvertrauen.«

Kurt überlegte kurz. »Was ist mit einem Verkauf?«

Maria sah ihn fast entrüstet an. »Ein Unternehmen, das eine solch lange Zeit in Familienbesitz ist?«

»Was will er dann tun?«

Seine Frau nahm einen langen Schluck. »Er hat an uns gedacht!«, platzte sie heraus.

Kurt sah sie erstaunt an. »Ich bin überrascht. Ich dachte, mir vertraut er auch nicht, nachdem er meinen juristischen Rat nicht mehr braucht.«

»Es stimmt, er war am Anfang nicht von dir begeistert, aber das hat sich inzwischen geändert. Meiner Ansicht nach hält er viel von dir. Er hat deinen Aufstieg in der Kanzlei verfolgt, auch wenn er nie etwas dazu gesagt hat. Das ist eben nicht seine Art.«

»Ich verstehe doch nichts von Schiffen!«

»In der Firma gibt es Fachleute, die damit Erfahrung haben. Dir traut er aber zu, ein Unternehmen zu führen, und nur darauf kommt es ihm an. Er möchte, dass alles in der Familie bleibt – und dazu gehörst du nun mal.«

Kurt nahm einen Schluck Wein, und dachte lange nach.

»Was ist mit der Kanzlei?«, fragte er schließlich.

»Du bist einer von fünf Partnern, und dein Name steht im Briefkopf an letzter Stelle. Wäre es nicht besser, wenn du alleiniger Chef einer Firma wärest? Mein Vater würde dir selbstverständlich auch die Mehrheit der Anteile übertragen.«

»Mir? Nicht dir?«

Maria schüttelte den Kopf. »In dieser Beziehung hat er sich ganz klar ausgedrückt. Wenn jemand ein solches Unternehmen erfolgreich leiten will, sollte es ihm auch gehören.«

»Darüber muss ich ein paar Tage nachdenken.«

 

 

8. Kapitel

 

Es schien wieder ein schöner sommerlicher Tag zu werden. Nur wenige Wolken glitten langsam über den weitgehend blauen Himmel.

Cornelius Brock genoss die wärmende Sonne an diesem Freitagmorgen. Eine Woche war seit dem Mord an Markus Holler vergangen, und heute sollte der Tag sein, an dem die erste sichtbare Polizeiaktion begann.

Auf dem Parkplatz des Lagerhauses der Reederei Holler standen verschiedene Einsatzfahrzeuge und Streifenwagen. Zwei Drogensuchhunde sprangen gerade aus einem Lieferwagen. Die Spurensicherung war eingetroffen, und in diesem Moment kurvte ein Wagen des Sondereinsatzkommandos auf den Platz. Brock glaubte zwar nicht, dass er die Kollegen mit Helmen, Maschinenpistolen und Schutzwesten brauchte, doch man konnte nie wissen …

Ein Kollege von der Drogenfahndung kam auf ihn zu. »Wir sind so weit.«

»Lassen Sie die Jungs vom SEK als Erste reingehen.«

Die Drogenfahnder hatten sich sofort zu umfassender Hilfe bei diesem Einsatz bereit erklärt, als Brock sie informiert hatte. Das Lagerhaus war bisher noch nicht als Ausgangspunkt für geschmuggelte Drogen auf ihrem Radar aufgetaucht. Daher hatten sie großes eigenes Interesse an dieser Durchsuchung. Falls sie dabei fündig wurden, wollte Brock ihnen gern die Lorbeeren dafür überlassen. Sein Ziel war die Aufklärung eines Mordes.

Zehn Minuten später signalisierte ihm ein Uniformierter, dass alles in Ordnung sei, und Brock betrat das Lagerhaus. Es sah aus wie bei seinem letzten Besuch, bis auf die Person, die mitten im Raum auf dem Boden kniete, bewacht von einem SEK-Mann.

Fritz Borowski, besser bekannt als Fiete.

»Lassen Sie ihn aufstehen«, befahl Brock. »Haben Sie ihn durchsucht?«

Der Uniformierte sah ihn leicht ungläubig an. »Ernsthaft?«

Brock winkte ab. »Entschuldigung. War eine blöde Frage.«

Fiete war aufgestanden und klopfte sich den Staub von der Kleidung. »Was soll dieser Überfall? Da werden sich unsere Anwälte freuen, wenn sie davon erfahren.«

Brock lächelte. »Warten wir erst mal ab, was wir finden.«

»Bin ich verhaftet? Das wäre sehr ungünstig. Ich muss nämlich rechtzeitig meinen Flug erwischen.«

»Sie sind noch nicht verhaftet, doch ein paar Fragen müssen Sie schon beantworten.«

Die Durchsuchung der großen Lagerhalle hatte begonnen. Die Hunde wurden hereingeführt, und Fiete starrte nervös zu ihnen hinüber.

»Wo ist denn Stefan Dietz?«

Jetzt grinste Fiete. »Ja, Herr Kommissar, da haben Sie Pech gehabt. Er ist leider nicht mehr hier.«

»Wo wohnt er denn?«

Fietes Grinsen wurde noch breiter. Sein Blick glitt nach oben zu den Verschlägen auf der Galerie, wo sich auch das Büro befand.

»Stefan wohnt dort oben. In der letzten Kammer.«

»Passen Sie auf den Kerl auf«, sagte Brock zu dem SEK-Mann. »Ich sehe mir das mal an.«

Er kletterte die Metalltreppe hoch und ging an den Holzwänden vorbei, bis er die letzte Tür erreichte. Sie war nicht verschlossen. Er stieß sie auf.

Der Verschlag besaß kein eigenes Dach, sodass von den Fenstern der Lagerhalle genügend Licht hereinfiel. Der Raum war mehr als spärlich möbliert: ein Bett mit einer dünnen Matratze, auf der ein Knäuel benutzter Bettwäsche lag, ein alter Schrank mit geöffneten Türen, darin ein paar Schuhe und einige Kleidungsstücke, sowie ein Regal, auf dem ein Fernseher stand.

In dem Regal befanden sich Filme auf DVDs, Autozeitschriften und einige Pornohefte. Außerdem gab es eine Mini-Stereoanlage, einen DVD-Player und allerlei billigen Trödel, der vermutlich als Reiseandenken gekauft worden war.

Nichts von all dem erregte seine Aufmerksamkeit, und Brock stieg wieder hinunter.

Er ging zu Fritz Borowski hinüber. »Hat der Junge keine andere Unterkunft als dieses Loch da oben?«

»Stefan zahlt dafür nichts, und wir sparen einen Wachmann. Hinter den Containern dort drüben gibt es einen Waschraum und eine Toilette. Er hat alles, was er braucht.«

»Und wo ist er jetzt?«

Fiete grinste immer noch. »Er hat beschlossen, wieder auf einem Schiff anzuheuern. Er hat ein Seefahrtsbuch und einen gültigen Pass. Gestern hat sein neues Schiff den Hafen verlassen.«

»Wie heißt das Schiff?«

»Oh, das weiß ich nicht, Herr Kommissar. Er hat es kurz erwähnt, aber ich kann mich einfach nicht erinnern.«

Brock dachte kurz darüber nach, dass sein Assistent es gewesen war, der Stefan Dietz einen neuen Job empfohlen hatte. Eigentlich hatte der Junge die richtige Entscheidung getroffen und seine kriminelle Umgebung verlassen. Er hätte gern mit ihm gesprochen, doch er würde wohl nicht mehr wissen, als er Spengler bereits gestanden hatte. Dennoch würden sie überprüfen, welche Schiffe am Vortag den Hafen verlassen hatten.

»Die Hunde haben etwas gefunden!«, rief eine Stimme.

Brock marschierte in die Ecke, in der die Container standen. Die Hunde wedelten freudig mit den Schwänzen und bekamen Leckerbissen zugesteckt.

Der Hundeführer beschrieb mit der Hand einen Halbkreis. »Sie haben überall etwas entdeckt. Man kann an einigen Stellen mit dem bloßen Auge Reste eines weißen Pulvers entdecken.«

Ein Kollege der Spurensicherung war dabei, die Beweistücke zu sichern. Auch wenn die eigentliche Ware verschwunden war, hatten sie nun den Nachweis, dass hier zwischen Säcken und Kisten Drogen gelagert worden waren. Das ging vermutlich schon seit längerer Zeit so, immer wenn ein Schiff angelegt hatte, waren die geschmuggelten Drogen hier zwischengelagert worden, ehe sie weitergeleitet wurden.

Brock schlenderte zu Fiete zurück, dessen Grinsen inzwischen erloschen war.

»Jetzt kann ich Ihre Frage von vorhin beantworten«, sagte Brock. »Sie sind festgenommen.«

 

*

 

Cornelius Brock legte den Telefonhörer auf. Das Gespräch mit Anton Holler war nicht gerade erfreulich gewesen. Der Reederei-Besitzer hatte zunächst sprachlos zugehört, als der Hauptkommissar ihn darüber informiert hatte, dass man sein Lagerhaus durchsucht und anschließend versiegelt hatte.

Danach hatte Holler in das Telefon gebrüllt, dass er Brock sämtliche Anwälte Hamburgs auf den Hals hetzen würde. Als er dann erfahren hatte, dass sein Angestellter Borowski verhaftet worden war und dass man Spuren von Kokain gefunden hatte, war er merklich ruhiger geworden.

Zum Schluss hatten sie ein vernünftiges Gespräch führen können, nachdem Holler allmählich klar geworden war, dass der Ruf seines Unternehmens auf dem Spiel stand. Es spielte keine Rolle, ob er davon wusste oder nicht. Die Hamburger Kaufleute und Schifffahrtsunternehmer würden bei einer Begegnung mit ihm die Straßenseite wechseln, wenn einer der ihren im Verdacht stand, auch nur in die Nähe von Drogen geraten zu sein.

Brock hatte außerdem erfahren, dass Tim Holler am heutigen Freitag einen freien Tag genommen hatte, um einige private Dinge zu erledigen. Er würde wohl erst am Samstag zurück sein.

Kommissaranwärter Horst Spengler saß vor Brocks Schreibtisch und hatte dem Gespräch gebannt zugehört. Er hatte an der Durchsuchung nicht teilgenommen, da er noch Unterlagen zu prüfen hatte.

»Fangen wir mit den Telefonlisten an«, sagte Brock. »Was haben Sie herausgefunden?«

Spengler blätterte in seinen Papieren. »Es gab Gespräche zwischen dem Lagerhaus und der Gebäudereinigung, ebenso zwischen dem Lagerhaus und der Elbklause. Wir wissen natürlich nicht, wer telefoniert hat.«

»Der Junge – Stefan – wird es wohl kaum gewesen sein«, warf Brock ein.

»Nein, vermutlich nicht. Bleiben Fiete und Tim Holler. Dessen privates Handy zeigt übrigens keine verdächtigen Telefonate.«

»Der Kerl ist ja nicht dumm«, kommentierte Brock. »Nachweisen können wir ihm eigentlich nichts. Er hat ein Paket in die Elbe geworfen und macht einen arroganten Eindruck. Ich bin sicher, dass er der Hauptverantwortliche für den Drogenschmuggel ist, denn unser Fiete wäre allein dazu nicht in der Lage. Doch wissen und beweisen sind zwei Dinge. Ich hatte gehofft, dass wir ihn mit seinen Anrufen festnageln können.«

»Die Bankunterlagen geben leider auch nichts her«, fuhr Spengler fort.

»Das überrascht mich nicht. Das Drogengeschäft funktioniert nur mit Bargeld.«

»Allerdings habe ich festgestellt, dass die Gebäudereinigung ein reichlich merkwürdiges Unternehmen ist. Außer Jennisew selbst und den beiden anderen Russen gibt es nur drei weitere Mitarbeiter, die aber nicht fest angestellt sind. Eine Schreibkraft und zwei Fensterreiniger. Das Hauptgeschäft wird von anderen Firmen erledigt, also von Subunternehmern. Mit anderen Worten: Jennisew beschafft die Aufträge und gibt sie sofort weiter. Die Kunden wissen vermutlich nicht einmal, wer wirklich für sie arbeitet.«

»Mit unseren russischen Freunden befassen wir uns später. Lassen Sie uns zunächst mit Fiete reden.«

Fritz Borowski saß in einem der Verhörräume und sah den beiden Kriminalbeamten gelangweilt entgegen.

»Was werfen Sie mir eigentlich vor? Wenn ich meinen Flug verpasst habe, werden Sie die Kosten tragen müssen.«

Brock setzte sich, während Spengler stehen blieb und sich gegen die Tür lehnte. »Zunächst einmal sind Sie hier wegen des Verdachtes auf Drogenschmuggel. Die Spuren, die wir gefunden haben, sprechen eine eindeutige Sprache.«

»Das müssen Sie mir beweisen. Ich habe nichts damit zu tun. Vielleicht war es Stefan.«

Brock registrierte, dass er Tim Hollers Namen nicht erwähnt hatte. Das war für ihn ein Hinweis, dass er ihn aus dem Fall heraushalten wollte. Er hatte schon bei den ersten Sätzen begriffen, dass Fiete eine harte Nuss war. Freiwillig würde er nichts zugeben. In der Tat hatten sie bis jetzt keinen eindeutigen Beweis gegen ihn. Sie brauchten wesentlich mehr, um ihn festzunageln.

»Dann wären da noch die Morde!«

Fiete wurde etwas blasser. »Damit habe ich auch nichts zu tun!«, stieß er hervor. Ihm schien klar zu sein, dass diese Beschuldigung wesentlich ernster war. Brock glaubte eigentlich nicht, dass Fiete in die Morde verwickelt war, doch er konnte ihn damit unter Druck setzen.

»Welche Rolle spielt Tim Holler in dieser Sache?«

Fiete zuckte mit den Achseln. »Ich habe keine Ahnung. Er ist der Chef im Lagerhaus. Er sagt mir nicht, was er denkt oder tut.«

Brock seufzte. Hier kamen sie nicht weiter. Fiete würde seine Kumpane nicht verraten. Er besaß reichlich Erfahrung mit Verhören ähnlicher Art, und Brock wusste aus den Akten, dass er auch früher lieber in den Knast gegangen war, als seine Kumpel anzuschwärzen.

Brock stand auf. »Sie werden heute noch dem Haftrichter vorgeführt. Er wird entscheiden, ob Sie bei uns bleiben.«

Vor der Tür sah Spengler seinen Vorgesetzten an. »Der wird uns nichts verraten, oder?«

Brock schüttelte den Kopf. »Ich hoffe, dass die Durchsuchung der Gebäudereinigung mehr hergibt. Wir haben den Fingerabdruck von dem Auto, mit dem Markus Holler in die Elbphilharmonie transportiert wurde, wir haben die Fensterheber und das Bergsteigerseil, deren Gegenstücke wir hoffentlich finden werden, und wir haben die Telefonverbindungen. Das heißt, wir brauchen von allen Beteiligten Fingerabdrücke und DNA-Tests. Sind die Saugheber eigentlich schon untersucht worden?«

»Die sind noch im Labor. Ich habe gestern noch mit den Technikern gesprochen, und man hat mir zugesagt, deren Untersuchung vorzuziehen. Die Kollegen dort sind völlig überlastet und kommen mit der Arbeit nicht nach.«

»Wir brauchen die Ergebnisse. Machen Sie denen Dampf!«

 

*

 

Anton Holler fühlte sich, als hätte ihm sein Arzt mitgeteilt, dass er nicht mehr lange zu leben hätte. Dabei fühlte er sich kerngesund. Was der Kommissar ihm mitgeteilt hatte, hatte seine Welt erschüttert.

Erst der Verlust seines ältesten Sohnes – und nun das!

Er spürte, wie ihm die Kontrolle über sein Lebenswerk entglitt, das vor wenigen Tagen noch so festgefügt gewesen war. Markus hatte das Geschäft von Grund auf gelernt, und er hätte das Unternehmen weiter ausgebaut. Er hatte alle Fähigkeiten dazu besessen.

Doch jetzt? Seinen jüngsten Sohn konnte er vergessen. Daniel besaß weder die Energie noch die Begabung für eine Führungsaufgabe. Er würde es schwer haben, überhaupt einen richtigen Job zu übernehmen.

Anton Holler stand von seinem Schreibtisch auf und ging hinüber in den Wohnraum. Seine Frau hob den Kopf und sah ihm entgegen. Ihre Augen waren immer noch tränenfeucht.

Er setzte sich ihr gegenüber und ergriff ihre Hände.

»Elisabeth, was sollen wir tun?«

Sie sah ihn lange schweigend an.

»Du hast recht«, sagte sie schließlich. »Es muss weitergehen. Viele Menschen hängen von dir ab. Wir werden uns die Zeit zum Trauern nehmen, doch wir müssen uns auch um die Zukunft kümmern. Ich kenne deine Meinung zu Daniel, aber er ist dennoch dein Sohn, und auch seine Zukunft liegt in unseren Händen.«

Anton Holler nickte langsam.

»Maria hat mich vorhin angerufen«, fuhr seine Frau fort. »Sie hat mit ihrem Mann darüber gesprochen, ob er sich vorstellen könne, deine Nachfolge anzutreten, wenn es so weit ist. Er hat lange darüber nachgedacht, und heute Morgen beim Frühstück hat er gesagt, dass er die Familie nicht im Stich lassen würde.«

Elisabeth lächelte wehmütig. »Er hat hinzugefügt, dass die Reederei dann die Kosten für Anwälte sparen könnte.«

Anton lächelte ebenfalls. »Das sind gute Nachrichten. Kurt Berghoff hat mein volles Vertrauen. Auch wenn mir mein eigener Sohn lieber gewesen wäre – der Mann meiner Tochter ist mir ebenso lieb.«

»Ich habe die beiden zum Abendessen am Samstag eingeladen. Dann haben sie einen Babysitter für Erik.«

»Das ist eine gute Idee. Dann können wir ein paar Dinge besprechen. Kurt muss ja nicht schon morgen in der Reederei anfangen. Ich fühle mich durchaus noch in der Lage, das Unternehmen in den nächsten Jahren zu leiten. Doch es wäre eine große Beruhigung für mich, zu wissen, dass die Nachfolge geregelt ist.«

»Und Daniel?«

Anton Holler machte eine hilflose Handbewegung. »Er ist noch jung. Ich habe die Hoffnung, dass er sich noch ändert und begreift, dass er sich Gedanken um seine eigene Zukunft machen muss.«

Elisabeth sah ihren Mann ernst an. »Er stand immer im Schatten seines älteren Bruders. Markus hatte immer deine Aufmerksamkeit. Vielleicht haben wir ihm zu viel Freiheit gelassen, nur das zu tun, was ihm Spaß machte.«

Anton Holler blickte zu Boden. »Du hast wahrscheinlich wieder recht. Dann lass uns die Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen.«

 

 

9. Kapitel

 

Hauptkommissar Brock und sein Assistent Horst Sprenger beugten sich gemeinsam über einen stark vergrößerten Ausschnitt einer Karte des Stadtteils Altona. Sie saßen in einem Kommandofahrzeug der Polizei, das mit allerlei Technik vollgestopft war, hauptsächlich Überwachungs- und Kommunikationseinrichtungen. Der Einsatzleiter des SEK-Teams leistete ihnen Gesellschaft.

Brock hatte angeordnet, bei diesem Einsatz äußerst vorsichtig vorzugehen. Sie wussten nicht, wie viele Leute sich im Gebäude der Büroreinigung aufhielten oder ob es möglicherweise Widerstand geben würde. Russische Gangster galten nicht gerade als zimperlich.

Der Grundriss des Gebäudes schien recht übersichtlich. Eine Mauer mit einer Toreinfahrt zur Straße, die jeden Einblick auf den Innenhof verwehrte. Der Hof diente als Parkplatz für eine Reihe Fahrzeuge. Das wussten sie seit ihrer Verfolgung des Firmeninhabers, als sie einen kurzen Blick durch das geöffnete Tor werfen konnten.

Auf der rechten Seite des Hofes lag das zweistöckige Bürogebäude. Auf der linken Seite war nur die hohe und fensterlose Wand des Nachbargebäudes. Die Rückseite wurde von einem niedrigen Schuppen gebildet. Dahinter war unbebautes Gelände.

»Kein Fluchtweg zu sehen«, stellte der SEK-Mann fest.

Brock schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Solche Typen halten sich immer einen Fluchtweg offen.«

Er tippte auf den Plan. »Wir haben links das Nachbarhaus, davor ist nur der gepflasterte Parkplatz. Auf der Rückseite könnte es einen geheimen Ausgang geben, den wir auf der Karte nicht sehen können. Ich halte es jedoch für möglich, dass es rechts zum dortigen Nachbarhaus einen geheimen Durchgang gibt. Wir werden das gleich überprüfen.«

Er wandte sich an den Techniker, der vor einer Reihe von Monitoren saß und Brock erwartungsvoll anblickte.

»Lassen Sie den Vogel fliegen, zuerst über das Gelände auf der Rückseite.«

Der Techniker nickte und bediente seine Tastatur. Sekunden später erschien ein verwackeltes Bild der Drohne, die sich langsam höher schraubte. Das Bild stabilisierte sich.

»Wird man das Ding nicht sehen?«, fragte Spengler.

»Eher nicht«, sagte der Techniker. »Wir fliegen ziemlich hoch, sodass die Drohne nur ein Punkt am Himmel ist. Den Motor hört man dann auch nicht mehr, jedenfalls nicht vor den Hintergrundgeräuschen des normalen Verkehrs. Wir werden trotzdem genügend Einzelheiten sehen – die Kamera ist sehr leistungsfähig.«

Er hatte recht, wie sie kurz darauf sahen. Der Techniker schaltete die Vergrößerung ein, und mit einem Schlag rückte das unbebaute Gelände ganz nahe heran.

»Fliegen Sie die Umgebung ganz langsam ab«, ordnete Brock an.

Das Grundstück entpuppte sich als großer verwilderter Garten, der zu dem Haus an der Parallelstraße gehörte. Sie sahen einen Haufen Bretter, hohes Gras, durchsetzt mit verschiedenen Büschen und einigen kleinen Obstbäumen, aber nichts, das als Ausstieg für einen geheimen unterirdischen Gang dienen könnte.

»Da ist nichts«, konstatierte Spengler.

Die Drohne überflog das Grundstück der Gebäudereinigung. Irgendwelche Personen waren nicht zu sehen. Auf dem Parkplatz standen Fahrzeuge, das Tor zur Straße war geschlossen.

»Wie gehen wir rein?«, wollte der SEK-Mann wissen.

»Wir haben nur einen Durchsuchungsbeschluss«, antwortete Brock. »Also müssen wir wohl klingeln. Das Bürogebäude hat einen Ausgang zur Straße. Dort melden wir uns an.«

»Wohin jetzt?«, fragte der Techniker.

»Ich würde gern das Nachbarhaus sehen, das an das Bürogebäude grenzt.«

Der Techniker tippte Befehle ein, und die Drohne wechselte ihren Standort. Bei dem Gebäude handelte es sich um ein normales vierstöckiges Wohnhaus, das noch aus der Kaiserzeit stammte. Auf der Rückseite war ein umzäunter Garten, der auch als Spielplatz diente.

Dann sahen sie auf dem Monitor die Vorderseite in Schrägsicht.

»Ist das eine Garagenausfahrt?«, wollte Brock wissen.

Der Bildausschnitt wurde größer. Da war eine Ausfahrt. Man sah, dass sie zu einem späteren Zeitpunkt hinzugefügt worden war. In vielen alten Häusern hatte man in jüngerer Zeit in den Kellern Garagen eingerichtet, da die Parkplätze auf den Straßen der Großstadt sehr begrenzt waren.

Auf Brocks Stirn hatte sich eine steile Falte gebildet. »Diese Ausfahrt muss blockiert werden. Ich möchte nicht, dass unsere Zielpersonen uns auf diesem Fluchtweg durch die Lappen gehen. Außerdem müssen die Rückseiten gesichert werden, und natürlich das Tor zum Hof.«

Er sah den SEK-Mann an. »Haben wir dafür genügend Leute?«

»Auf jeden Fall. Wenn wir alles sichern, habe ich noch ein halbes Dutzend Kollegen, um mit Ihnen hineinzugehen.«

Brock nickte. »Wir lassen die Drohne vorsichtshalber in der Luft, um das komplette Gelände zu überwachen. Wenn Ihre Leute alles gesichert haben, können wir loslegen.«

Der SEK-Mann gab seine Befehle in sein Mikrofon, das an seiner linken Schulter befestigt war.

»Ich bin sehr gespannt, was uns dort drinnen erwartet«, sagte Spengler.

Brock sah ihn nur schweigend an.

 

*

 

Zur gleichen Zeit ließ es sich Tim Holler gut gehen. Das warme Wasser des Whirlpools umspülte ihn bis zum Hals. Er hatte die Augen geschlossen und genoss das erregende Gefühl der nackten Haut zu beiden Seiten seines Körpers. Die attraktiven jungen Damen trugen nur einen äußerst knappen Slip. Doch den würden sie später auch noch ablegen.

Tim grinste. Er hatte Zeit. Viel Zeit.

Nach dem Ärger und den Aufregungen der letzten Tage hatte er sich ein besonderes Vergnügen verdient. Er war nicht zum ersten Mal in dieser prachtvollen Villa an der Außenalster, die ein sehr diskretes Etablissement beherbergte. Doch in jüngerer Zeit hatte sich kaum die Gelegenheit geboten, den besonderen Service des Hauses in Anspruch zu nehmen.

Die Dienstleistungen dieser speziellen Art waren teuer, nun ja, sogar sehr teuer. Doch er besaß ein Zahlungsmittel, das hier sehr gefragt war, und daher war er ein geschätzter Kunde.

Tim hatte diesmal eine längere Buchung vorgenommen, sozusagen das komplette Programm inklusive opulentem Abendessen, das von einem Sterne-Restaurant in der Nähe stammte, Champagner, und natürlich der entsprechenden Gesellschaft. Diese Buchung kostete einen fünfstelligen Betrag, aber das war es ihm wert.

Seine Gedanken schweiften ab, während sich die Damen intensiv um ihn kümmerten.

Der Weg an die Spitze der Reederei war jetzt einfach geworden, seit Markus das Zeitliche gesegnet hatte. Der Alte würde nicht mehr allzu lange leben. Notfalls konnte man die Frist etwas verkürzen. Da würde ihm schon etwas einfallen.

Wenn die Reederei ihm gehörte, würde das Geschäft erst richtig brummen. Er konnte sich kaum vorstellen, welche Geldmengen dann hereinströmen würden. Vor allem wäre dann seine winzige Wohnung aus zwei Zimmern und einem Bad in der ersten Etage der Villa seines Onkels Geschichte.

Es galt dann, genau zu überlegen, in welchem Stadtteil er sich niederlassen sollte. Die richtige Adresse war in Hamburg sehr wichtig! Vielleicht wäre eine Jugendstilvilla in Eppendorf das Richtige. Oder an der Alster. Der Preis würde keine Rolle spielen. Geld wäre dann sein geringstes Problem. Doch Helfer würde er brauchen, zuverlässige und skrupellose Leute, die kein Problem damit hatten, ihre Fäuste zu benutzen.

Allein mit Fiete und dem unterbelichteten Stefan würde er nicht auskommen, wenn das Geschäft sich richtig entwickelte.

Tim lächelte. Ein Schritt nach dem anderen.

»Ist es gut so?«, gurrte eine helle Stimme mit einem Akzent, den er nicht einordnen konnte.

»Oh, ja!«

Tim spürte, wie seine Erregung wuchs, und seine Tagträume verflüchtigten sich vorerst.

 

*

 

Cornelius Brock studierte das Klingelschild an der Tür des Bürohauses, einem schmucklosen Zweckbau aus den siebziger Jahren. Merkwürdigerweise waren neben der Gebäudereinigung noch drei weitere Firmen aus der Export-/Import-Branche aufgeführt. Durch die Glastür konnte man in das Gebäude hineinsehen: ein Foyer mit einem unbesetzten Tisch, links davon ein Gang, der weiter ins Innere führte. Rechts gab es eine Treppe nach oben.

Er sah sich kurz um. Alle Polizisten hatten ihre Positionen eingenommen, ein Streifenwagen blockierte die Garagenausfahrt.

»Komisch«, meldete sich Spengler zu Wort und deutete auf die Klingeln. »Laut unseren Unterlagen sollte es hier nur eine Firma geben.«

»Vermutlich Briefkastenfirmen«, kommentierte Brock lakonisch. »Wenn es hier um Drogen geht, wovon wir ausgehen, dann ist auch Geldwäsche ein wichtiges Thema. Solche Tarnfirmen eignen sich hervorragend, um Gelder hin- und herzuschieben und damit ihre Herkunft zu verschleiern.«

Entschlossen drückte er die Klingel.

»Lassen Sie mich vorgehen«, murmelte der SEK-Mann, der hinter den beiden Kriminalbeamten stand.

Spengler trat sofort einen Schritt zur Seite.

»Die werden uns schon nicht gleich über den Haufen schießen«, entgegnete Brock.

»Die Tür ist nicht abgeschlossen«, stellte er plötzlich überrascht fest und drückte gegen das Glas. Ein Spalt wurde sichtbar, und mit einem Ruck stieß er den rechten Türflügel ganz auf.

»Ist ja auch erst Freitagnachmittag«, murmelte Spengler. »Da sollten die Firmen noch geöffnet sein. Nicht alle können früh Feierabend machen.«

»Wir schon mal gar nicht«, fügte Brock leise hinzu, der die Anmerkung durchaus richtig verstanden hatte.

Der Kollege vom Sondereinsatzkommando drängte sich vorbei und betrat mit vorgehaltener Waffe das kleine Foyer. Trotz des hellen Lichtes draußen war es hier drinnen düster. Von fern waren Stimmen zu hören. Sie lauschten.

»Klingt nach Fußball«, kommentierte Spengler.

In diesem Augenblick erschien jemand im Gang und kam auf sie zu.

Er reagierte zu spät, als er begriff, wer im Foyer stand. Während er nach seiner Hüfte griff, hatte der Mann vom SEK einige rasche Schritte zurückgelegt und seine Maschinenpistole auf die Herzgegend des Mannes gerichtet.

»Das würde ich lieber bleiben lassen!«, knurrte er.

Der Mann hob langsam die Hände in Schulterhöhe.

»Das ist Sergei Iwanow«, sagte Brock. Er hatte ein gutes Gedächtnis für Namen und Gesichter, und dieses Gesicht kannte er von einem Foto auf ihrer Pinnwand. Es war einer der beiden Gefolgsleute von Jennisew, einer der beiden, die ihn in der Elbklause mit einem Tisch zu Boden gestoßen hatten.

Brock lächelte. »Schön, dass wir uns hier wiedersehen.«

Spengler war inzwischen neben den Russen getreten und zog ihm eine Pistole aus dem Gürtel.

»Eine Makarow, ein russisches Modell.«

Brock nickte. »War ja nicht anders zu erwarten.«

Er drehte sich zum Eingang um und winkte den Kollegen zu, die sich inzwischen vor der Tür versammelt hatten – uniformierte Polizisten, Leute von der Spurensicherung und der Drogenfahndung.

Dann zog er den Durchsuchungsbefehl aus der Tasche und hielt ihn Iwanow vor die Nase. »Bevor Sie sich lautstark beschweren – hier steht drin, was wir alles dürfen. Und was Sie angeht, Sie sind zunächst festgenommen.«

Er blickte auf die Pistole, die Spengler in der Hand hielt. »Ich wette, wir können Sie erst mal wegen unerlaubtem Waffenbesitz drankriegen. Doch ich bin sicher, dass noch einiges dazukommen wird.«

Er überließ den Russen seinen Kollegen, die ihm Handschellen anlegten und nach draußen führten. Brock gab dem Rest der Truppe das Zeichen, mit der Durchsuchung in der ersten Etage zu beginnen.

Sie folgten dem SEK-Mann den Gang hinunter. Der Lärm der Sportübertragung wurde lauter. Sie kamen an einigen leer stehenden Büros vorbei, bis sie die halb geöffnete Tür des Raumes erreichten, in dem der Fernseher stand.

Brock gab ein Zeichen, und der Bewaffnete wechselte zur anderen Seite. Brock lugte um die Ecke. Er blickte in eine Art Konferenzraum. Vor einem riesigen Fernsehgerät saß ein weiterer Mann auf einer Ledercouch. Nur sein Hinterkopf war zu sehen, während er dem Geschehen auf dem Bildschirm folgte. Seine Füße hatte er auf einem niedrigen Tisch platziert, auf dem eine Wodkaflasche, Gläser und ein voller Aschenbecher standen.

Außerdem lag dort eine Pistole gleichen Typs wie die eben beschlagnahmte in Reichweite des Mannes.

Brock machte ein Zeichen, und der SEK-Mann stürmte in den Raum. Bevor der andere nach seiner Waffe greifen konnte, spürte er den Lauf der Maschinenpistole in seinem Nacken, und er zog seine Hand vorsichtig wieder zurück.

Brock trat vor. »Wladimir Rostrow, wenn ich mich nicht irre.«

Der Russe biss die Zähne zusammen und funkelte den Hauptkommissar wütend an.

»Fehlt nur noch der Chef«, sagte Brock, während Spengler Handschellen aus einer seiner Taschen zog.

Rostrow grinste. Spengler schaltete den Fernseher aus.

Einige Minuten später ertönte Gesprächslärm aus dem Gang. Eine wütende Stimme mit deutlichem Akzent war besonders laut. Die Ursache wurde kurz darauf sichtbar, als zwei Uniformierte einen sich sträubenden, gut gekleideten Zivilisten mit sich schleppten, dem man Handschellen angelegt hatte.

»Ihr Verdacht war richtig«, sagte einer der Polizisten. »Er hat versucht, aus der Tiefgarage zu fliehen, kam allerdings nicht weit. Ich nehme an, diesen Kerl suchen Sie ebenfalls. Er hatte keine Waffe bei sich.«

Sie ließen ihn los, und Igor Jennisew starrte Brock hasserfüllt an. »Das wird Ihnen noch leidtun!«, stieß er hervor. »Mein Anwalt holt mich hier ganz schnell wieder raus. Was immer Sie vermuten, ich habe nichts damit zu tun. Ich führe hier ein ganz normales, legales Unternehmen.«

Brock reagierte nicht auf die Anfeindung. Rostrow bekam ebenfalls seine Handschellen verpasst, und Spengler drückte Jennisew auf die Couch.

»Bringt Rostrow und Iwanow getrennt unter«, befahl Brock. »Ich möchte nicht, dass sie sich absprechen.«

Wenig später waren nur noch Brock, Spengler und Jennisew im Raum. Der SEK-Mann bewachte die Tür von draußen.

»Und was jetzt?«, fragte der Russe aufsässig.

»Wir warten«, kam die kühle Antwort.

»Worauf?«

»Auf das, was die Kollegen finden.« Brock hatte den Durchsuchungsbeschluss auf den Tisch gelegt, sodass Jennisew ihn lesen konnte. Er überflog den Text nur. Vermutlich hatte er ein solches Dokument schon häufiger gesehen.

Eine halbe Stunde verging nahezu schweigend. Dann waren schwere Schritte auf dem Gang zu hören. Zwei Uniformierte erschienen, jeder mit einer prall gefüllten schwarzen Sporttasche in der Hand. Sie ließen die Taschen auf den Boden fallen und öffneten die Reißverschlüsse. In Plastik eingewickelte Pakete, ringsum mit Klebeband versiegelt, wurden sichtbar.

»Das haben wir unter einer versteckten Falltür im Geräteschuppen entdeckt«, bemerkte der Ranghöhere der beiden. »Es war reiner Zufall, dass einer der Kollegen über den Ring stolperte, mit dem man die Klappe hochziehen konnte.«

Jennisew schloss die Augen. Diese Entdeckung kam unerwartet für ihn.

Brock setzte sich vor den Russen auf die Tischkante. »Was sagen Sie dazu?«

»Das habe ich noch nie gesehen«, behauptete Jennisew. »Ich weiß noch nicht mal, was das ist.«

Brock grinste. »Das werden Ihnen die Kollegen von der Drogenfahndung bestimmt glauben. Mein Interesse gilt allerdings einer ganz anderen Sache. Warum haben Sie Markus Holler ermordet?«

»Mord?«

Der Russe schüttelte wild den Kopf. »Das lasse ich mir nicht anhängen! Ich habe niemanden getötet!«

»Was ist mit Dieter Schmitz?«

»Wer?«

»Der Inhaber der Elbklause. In seinem Warenlager wurde Holler von Ihnen und Ihren Handlangern ermordet. Dafür gibt es Beweise.«

Jennisew lachte laut auf. »So? Gibt es die? Wenn Sie in meine Sakkotasche fassen, finden Sie mein Smartphone. Nehmen Sie es!«

Brock zögerte kurz, da er einen Trick vermutete, doch dann beugte er sich vor und griff nach dem Handy.

»Es ist eingeschaltet«, sagte der Russe. »Checken Sie die Videos.«

Brock reichte das Gerät an Spengler weiter. »Machen Sie das. Sie kennen sich mit diesen Dingern besser aus.«

Spengler wischte und tippte auf dem Bildschirm, dann wurde sein Blick starr.

»Das müssen Sie sehen«, sagte er schließlich mit erstickter Stimme. »Ich gehe noch mal zum Anfang.«

Brock trat neben ihn. Auf dem kleinen Display erschien ein Raum, den Brock bereits kannte: der Lagerschuppen der Elbklause. Auf der Werkbank war ein Mann festgebunden, der sich heftig gegen seine Fesseln wehrte: Markus Holler!

Sein Mund bewegte sich, doch das Video war ohne Ton aufgenommen worden. Neben der Werkbank standen Iwanow und Rostrow, die auf ihren Gefangenen einzureden schienen und dabei mit den Händen gestikulierten.

Dann erschien ein dritter Mann seitlich im Bild. Er schien außer sich vor Wut zu sein und den Gefesselten anzubrüllen. Plötzlich griff er zur Seite in das dort stehende Regal. Es war nicht zu sehen, doch Brock wusste, dass es sich an der Stelle befand.

Der Arm kam wieder ins Bild, die Faust des Mannes war um die Griffstücke des indischen Dolches geballt. Mit raschen Schnitten durchtrennte er die Fesseln des Gefangenen. Markus Holler richtete sich auf, doch bevor er seine Füße auf den Boden setzen konnte, rammte ihm der andere Mann mit brutaler Gewalt den Dolch in den Nacken. Holler fiel wie vom Blitz getroffen zur Seite und rührte sich nicht mehr.

Das Bild fror ein. Die beiden Kriminalbeamten starrten fassungslos auf das Schlussbild.

»Was sagen Sie jetzt?«, meldete sich Jennisew zu Wort.

»Warum haben Sie das aufgenommen?«, fragte Brock mit rauer Stimme.

»Es ist doch immer besser, einen Beweis in der Hand zu haben. Sie sehen, wie wichtig so etwas sein kann. Meine Leute oder ich haben mit dem Mord nichts zu tun. Nur der Typ auf dem Video, das Sie gerade gesehen haben, ist für alles verantwortlich. Er hat präzise erklärt, was mit dem Toten geschehen sollte. Vom Fluss aus hat er sich dann angesehen, ob alles nach seinen Wünschen erledigt wurde.«

»Sie meinen, wie Markus Holler in der Elbphilharmonie zur Schau gestellt werden sollte?«

Der Russe nickte. »Genau! Doch meine Leute können Sie nicht für den Mord belangen.«

»Beihilfe ist auch eine Straftat«, bemerkte Spengler.

»Sie haben das doch nur aufgenommen, damit Sie den Mörder notfalls erpressen könnten, wenn er aus der Reihe tanzt«, sagte Brock.

Jennisew quittierte die Aussage mit einem breiten Grinsen.

»Auch wenn wir Ihnen keine direkte Beteiligung an dem Mord nachweisen können«, erklärte Brock. »Ihre beiden Kumpel werden wegen Beihilfe und wegen des Mordes an Dieter Schmitz für lange Zeit ins Gefängnis wandern. Der Handel mit Drogen kommt noch dazu. Dafür werden wir auch Sie persönlich drankriegen.«

»Wir werden sehen«, knurrte der Russe.

Ein Uniformierter erschien. »Die Räume oben sind weitgehend leer. Zwei Zimmer werden offenbar als Schlafgelegenheit genutzt, sieht alles ziemlich verdreckt aus. Gefunden haben wir nichts.«

»Das werden wohl die Suiten für das obere Management der Firma sein.«

Jennisew äußerte sich nicht zu Brocks sarkastischer Bemerkung.

Der Hauptkommissar machte eine Handbewegung. »Führen Sie den Kerl ab.«

Der Uniformierte nickte und verschwand mit dem Russen nach draußen.

Brock und sein Assistent blieben allein zurück.

»Die Ermittler und Staatsanwälte werden eine Menge zu tun bekommen«, sagte Spengler.

Brock nickte. »Ich denke, es wird genügend Beweise geben, wenn erst alles durchforstet ist. Jetzt brauchen wir ganz schnell einen weiteren Durchsuchungsbeschluss und vor allem einen Haftbefehl. Vielleicht haben wir Glück und erwischen heute noch jemanden, der uns die Dokumente ausstellt. Und sorgen Sie dafür, dass diese beiden Taschen gut verwahrt werden. Wenn Markus Holler den Inhalt zweier ebenso gut gefüllter Taschen vernichtet hat, dann kann ich verstehen, dass die Drogenbande außer sich vor Wut gewesen sein muss. Es war ein Racheakt, jedoch ganz anders, als wir es uns ursprünglich vorgestellt hatten.«

»Hoffentlich reichen die Beweise gegen Jennisew aus«, sagte Spengler. » Leute wie er verfügen über die besten Anwälte.«

Brock seufzte. »Das liegt nicht mehr in unserer Hand. Leider haben wir es oft erlebt, dass Ganoven, die wir nach mühsamer Ermittlungsarbeit verhaften konnten, mangels Beweisen oder auf Bewährung schnell wieder draußen waren.«

 

 

10. Kapitel

 

Kommissaranwärter Spengler lenkte den Dienstwagen auf den Parkplatz vor den Garagen. Ein Streifenwagen folgte dicht dahinter. Ein zweiter Streifenwagen versperrte die Ausfahrt zur Elbchaussee. Auf das Sondereinsatzkommando hatte Brock diesmal verzichtet. Er erwartete keine besonderen Schwierigkeiten bei der bevorstehenden Verhaftung.

Sie stiegen aus. Es war Samstagnachmittag und immer noch recht warm. Die Nähe der Elbe und eine kühle Brise kündigten allerdings schon einen frühen Herbst an. Einige der hohen Bäume auf dem Grundstück der Familie Holler hatten bereits erste Blätter verloren, die jetzt unter ihren Füßen raschelten.

»Sein Wagen ist hier«, stellte Spengler fest.

Brock winkte die beiden Streifenbeamten heran, die ebenfalls ausgestiegen waren. »Sichern Sie die Rückseite der Villa. Es gibt einen Ausgang zum Garten, und an der rechten Seite befindet sich ein Kellereingang. Den sollten Sie auch im Auge behalten.«

Die beiden nickten und entfernten sich.

»Dann los!«, sagte Brock.

Doch bevor sie die Treppen erreichten, öffnete sich die Haustür. Anton Holler kam heraus, gefolgt von seinem Neffen Tim Holler.

Der jüngere Mann trat vor und sah von oben auf den Hauptkommissar herab, der am Fuß der Treppe stehen geblieben war.

»Was wollen Sie denn schon wieder? Sie haben uns doch bereits genügend belästigt!«

Anton Holler kam die Treppe herunter. »Die Frage meines Neffen kann ich nur wiederholen. Was wollen Sie?«

Brock achtete nicht auf ihn, zog aus seiner Brusttasche ein zusammengefaltetes Papier und behielt Tim Holler unverwandt im Auge.

»Ich habe hier einen Haftbefehl für Sie«, sagte Brock ruhig.

»Weswegen? Was hat Tim getan?«, fragte Anton Holler verwundert und blickte von einem zum anderen.

Sein Neffe hatte sich blitzschnell umgedreht und war wieder im Haus verschwunden, ehe jemand reagieren konnte.

»Rufen Sie Verstärkung!«, presste Brock zwischen den Zähnen heraus. »Es läuft doch nicht so wie erwartet.«

Er gab der Besatzung des Streifenwagens am Tor ein Zeichen, und die beiden Insassen stiegen aus und eilten näher.

»Postieren Sie sich an den vorderen Ecken des Gebäudes, rechts und links von der Treppe.«

Die Uniformierten nickten und nahmen ihre Positionen ein.

»Nun zu Ihrer Frage«, wandte sich Brock an Anton Holler. »Ihr Neffe wird wegen des Mordes an Ihrem Sohn Markus verhaftet.«

Holler taumelte zurück als hätte ihn ein Schlag gegen die Brust getroffen. »Das … das kann ich … das kann ich nicht glauben!«

»Es tut mir sehr leid, dass ich Ihnen die Tatsachen nicht ersparen kann. Es gibt jedoch keinen Zweifel. Wir haben ein Video von der Szene. Die zeige ich Ihnen allerdings lieber nicht.«

Anton Holler wirkte fahrig und verzweifelt. »Sie wollen mir sagen, dass Tim meinen Sohn mit meinem eigenen Dolch ermordet hat?«

Brock nickte und beschloss, vorerst den Drogenschmuggel nicht weiter zu erwähnen. Die Information hatte den alten Herrn ohnehin schon aus der Bahn geworfen.

In diesem Augenblick erschien Tim Holler wieder vor der Haustür. Er war nicht allein. Mit dem linken Arm umschlang er den Hals von Daniel, in der rechten hielt er ein Messer, das er dem Jungen an die Kehle hielt. Daniel zappelte hin und her und versuchte, sich aus dem eisernen Griff zu befreien.

Cornelius Brock wusste sofort, dass der Junge keine Chance gegen seinen sehr viel stärkeren Cousin hatte.

Er hob die Hand. »Keiner rührt sich!«

»Richtige Entscheidung!«, brüllte Tim Holler. »Alle ziehen sich zurück, bis ich bei meinem Auto bin. Fahrt den Streifenwagen vom Tor weg!«

Brock musterte den Mörder, der jetzt langsam die Treppe herunterkam, den Jungen wie einen Schild vor sich her schiebend. Das Messer blieb dabei unverändert an seinem Platz.

Brock hatte die Waffe mit ihrer merkwürdigen wellenförmigen Klinge schon gesehen. Sie stammte ebenfalls aus der Sammlung des Hausherrn. Ein malaiischer Kris, wie er sich erinnerte.

Er gab den beiden Uniformierten ein Zeichen. »Tut, was er sagt.«

Sie zogen sich vorsichtig zur Einfahrt zurück, um ihren Wagen zur Seite zu fahren. Spengler nestelte an seinem Holster herum, wagte es aber nicht, seine Pistole zu ziehen. Brock brauchte das gar nicht zu versuchen, denn er trug wie fast immer, keine Dienstwaffe bei sich.

Tim Holler machte einige weitere Schritte auf Brock zu.

»Gehen Sie zur Seite!«, herrschte er den Hauptkommissar an.

Brock sah, dass sich an Daniels Hals bereits eine schmale rote Spur gebildet hatte und dass der Junge leise weinte. Er war dabei so sehr auf Tim fixiert, dass er nicht mitbekommen hatte, wie Anton Holler in das Haus zurückgelaufen war. Der alte Mann stand plötzlich wieder vor der Tür, diesmal hielt er allerdings eines seiner teuren Jagdgewehre in der linken Hand. Mit der anderen, deutlich zitternden Hand, lud er eine ziemlich große Patrone in den Verschluss und lud durch. Dann kam er die Treppe herunter gestürmt, direkt auf seinen Neffen zu, der ihn noch nicht bemerkt hatte.

»Du wirst nicht noch einen Sohn von mir umbringen!«, schrie er mit sich überschlagender Stimme und richtete seine Waffe auf den Kopf von Tim, der sich dadurch nicht beeindrucken ließ und nur verächtlich grinste.

Spengler hatte inzwischen doch seine Walther gezogen und blickte unsicher zu Brock, als erwarte er eine Anweisung. Sein Chef ließ sich nicht ablenken und behielt die Gruppe vor ihm im Auge. Tim Holler stand etwa drei Meter von ihm entfernt, den hilflosen Daniel immer noch mit festem Griff umklammert. Von der roten Linie an Daniels Hals hatte sich ein Tropfen gelöst und rann langsam hinunter. Im Gesicht des Jungen hatte sich Verzweiflung breitgemacht.

»Lassen Sie Daniel los«, sagte Brock ruhig. »Sie wissen, dass Sie hier nicht rauskommen. Hier sind eine ganze Reihe bewaffneter Beamter, die werden Sie nicht gehen lassen.«

In der Ferne erklangen Sirenen. Die von Spengler herbeigerufene Verstärkung. »Hören Sie das? Es kommen noch mehr.«

Tim Holler wich Schritt für Schritt in Richtung des Parkplatzes zurück, gefolgt von seinem Onkel, der Mühe hatte, den schwankenden Lauf seiner Waffe unter Kontrolle zu behalten.

»Ich werde dieses Grundstück verlassen!«, drohte Tim mit gefährlich klingender Stimme. »Wenn der Junge dabei stirbt, ist das Ihre Schuld. Lassen Sie mich einfach gehen. Ich nehme Daniel mit und werde ihn freilassen, wenn ich in Sicherheit bin.«

Brock riskierte es nicht, dem Wahnsinnigen zu folgen. Daniel zu retten, hatte jetzt höchste Priorität. Er suchte fieberhaft nach einer Lösung für diese Situation, mit der niemand gerechnet hatte.

»Bleib stehen!«, kreischte Anton Holler. »Lass meinen Jungen los!«

»Von dir lasse ich mir schon lange nichts mehr sagen«; entgegnete sein Neffe. »Du lebst doch in einer Traumwelt in deinem Kontor!«

In das letzte Wort legte Tim seine ganze Verachtung, und sein Onkel begann am ganzen Körper zu zittern. Das Gewehr schwankte noch stärker.

»Markus war ein Versager«, fuhr Tim fort. »Er war nur dein Lakai und besaß keine einzige brauchbare Idee. Du hättest mich zu deinem Nachfolger machen sollen, dann wäre das alles hier vielleicht nie passiert, und die Zukunft deines Unternehmens wäre gesichert!«

»Das ist sie jetzt auch!«, rief Anton Holler.

Alle zuckten zusammen, als völlig überraschend der Schuss losdonnerte. Der Lauf des Gewehres schwang durch den Rückstoß hoch, und Anton Holler stolperte einen Schritt zurück.

Tim Holler wurde halb um seine Achse geschleudert und brach zusammen wie eine Marionette, der man die Schnüre durchgeschnitten hatte. Brock war mit wenigen Schritten blitzschnell bei ihm und fing den fast ohnmächtigen Daniel auf.

Der malaiische Kris lag glitzernd und unschuldig in der Nachmittagssonne. Nur ein winziger roter Fleck an der gewellten Klinge verriet, wo er sich gerade noch befunden hatte.

Von allen Seiten kamen die auf dem Gelände verstreuten Beamten gelaufen, die Waffen in den Händen.

»Kümmert euch um ihn!«, befahl Brock und übergab den Jungen einem der Polizisten. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Spengler in sein Handy sprach. Der Notarzt würde gleich unterwegs sein.

Als Nächstes nahm er Anton Holler das Jagdgewehr sanft aus der Hand. Jetzt erst erkannte er, dass die Waffe ein ziemlich großes Kaliber besaß, und sein Blick wanderte zu Tim Holler, der zu Boden gesunken war und stöhnte. Er lag auf dem Rücken und unter seinen Schultern und dem Kopf hatte sich bereits eine kleine Blutlache gebildet.

Anton Holler hatte die Hände vor das Gesicht geschlagen. »Was habe ich getan?«, murmelte er.

Zwei der Beamten führten in zu einer Bank und ließen ihn sich setzen.

Spengler kniete inzwischen neben dem Verletzten. »Ich sehe eine Schusswunde auf der Schulter dicht am Hals«, verkündete er. »Die Hauptarterie ist wohl nicht getroffen, sonst würde es viel stärker bluten. Es ist aber ein ziemlich großes Loch!«

Einer der Streifenpolizisten war in der Zwischenzeit zum Wagen gerannt und kam mit einem Erste-Hilfe-Koffer zurück. Mit geübten Bewegungen drückte er Tim Holler eine Kompresse auf die Wunde, um die Blutung zu stillen.

»Wir dürfen seine Lage nicht verändern, bis der Arzt kommt«, sagte er. »Wir wissen nicht, was in Mitleidenschaft gezogen wurde.«

Es dauerte nicht lange, bis weitere Streifenwagen auf das Grundstück fuhren, und wenig später kam der Notarztwagen. Jetzt kümmerten sich die Profis um den Verletzten, und Brock war eine Sorge los.

Plötzlich bemerkte er, dass Elisabeth Holler schreckensstarr auf der Treppe zur Villa stand. Wie in Trance kam sie herunter und ging auf ihren Mann zu. Brock wusste nicht, was sie alles mitbekommen hatte. Die Familie würde jedenfalls noch lange an diesem Schock leiden müssen.

Brock blickte auf den Haftbefehl, den er immer noch in der Hand hielt. Inzwischen war er leicht zerknittert. Er faltete das Papier wieder zusammen und steckte es ein. So wie es aussah, würde es einige Zeit dauern, bis er Tim Holler damit konfrontieren konnte.

Brock winkte Spengler heran. »Rufen Sie Anton Hollers Schwiegersohn an. Er wird jetzt einen guten Anwalt brauchen.«

Spengler deutete zur Toreinfahrt. »Nicht nötig. Dort kommt er schon.«

Ein Polizist begleitete Kurt Berghoff und seine Frau Maria auf das Grundstück. Die beiden starrten völlig verschreckt auf die Szene, die sich ihnen bot.

Ein Verletzter, der gerade in einen Krankenwagen geschoben wurde, Anton Holler, der mit den Händen vor dem Gesicht auf einer Bank saß, neben ihm seine Frau, die ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter gelegt hatte, und schließlich Daniel, der sich an der Schulter eines Polizisten ausheulte.

»Wir werden eine Menge zu erklären haben«, sagte Brock leise.

 

*

 

Ein paar Tage später saß Hauptkommissar Cornelius Brock allein an einem Tisch in der Kantine und kaute lustlos an einem Stück Fleisch.

Das Tier muss an Altersschwäche gestorben sein, dachte er und schluckte den Bissen mühsam hinunter. Es war etwas spät für ein Mittagessen, an einigen anderen Tischen wurde schon der Nachmittagskaffee getrunken. Er hatte den ganzen Vormittag über seinen Berichten gesessen, eine Tätigkeit, die ihm zutiefst verhasst war, doch sie musste getan werden.

Aus den Augenwinkeln bemerkte er, dass eine weibliche Person auf ihn zusteuerte, einen Kuchenteller und eine Tasse Kaffee in der Hand.

Brock drehte leicht den Kopf. Birgit Kollmann – PPK – seine Vorgesetzte.

Sie setzte sich unaufgefordert an seinen Tisch.

»Du siehst beschissen aus, Conn… äh Cornelius. Du solltest mal wieder an die frische Luft gehen.«

»Dir auch einen schönen Tag!« Brock schob seinen Teller zur Seite.

»Gut, dass ich dich hier antreffe. Ich wollte dir nur erzählen, was inzwischen geschehen ist.«

Brocks Neugier war geweckt. Inzwischen waren mit den Ermittlungen in diesem Fall eine Menge Leute befasst: Spurensicherung, Pathologie, Labor für DNA-Vergleiche, und vor allem die Staatsanwälte.

»Ich höre.«

»Überraschend für dich dürfte sein, dass Fritz Borowski – euer Freund Fiete – sein Schweigen gebrochen hat, nachdem er vom Schicksal Tim Hollers erfahren hat. Die Staatsanwaltschaft hat ihm wohl so eine Art Kronzeugenregelung angeboten. Mit seinen Aussagen belastet er die Russen schwer, zumindest was die Drogen angeht. Zusammen mit den Beweisen reicht es für längere Haftstrafen.«

Brock nickte befriedigt. »Was ist mit Tim Holler?«

Birgit Kollmann hob die Schultern. »Er hat Glück gehabt – falls man es Glück nennen will. Die Kugel war ein Streifschuss, hat aber die Wirbelsäule dabei getroffen. Er wird sein Leben lang im Rollstuhl sitzen. Das dürfte eine härtere Strafe sein als jeder Gefängnisaufenthalt.«

»Und Anton Holler?«

»Ich habe ihn gesehen. Er ist um zehn Jahre gealtert, und sein Leben ist völlig aus den Fugen geraten. Was den Schuss angeht – mit einem guten Anwalt und einem nachsichtigen Richter wird er wohl mit Notwehr davonkommen.«

»Ich bin sicher, dass er beides finden wird.«

Brock machte eine kleine Pause, wobei er spitzbübisch lächelte. »Lass uns von angenehmeren Dingen reden. Was hältst du von einer Flasche Rotwein heute Abend auf meinem Balkon?«

Birgit Kollmann sah ihn strafend an, bis ein zögerndes Lächeln in ihrem Gesicht erschien.

 

 

ENDE

Der Storch bringt nicht nur Kinder

 

 

Ein Küsten-Krimi

 

von Rainer Keip

 

 

 

Die Handlung dieser Geschichte ist frei erfunden sowie die Namen der Protagonisten. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind rein zufällig und nicht gewollt.

 

 

***

 

 

Prolog

 

 

Die Bunkeranlage am Strand in der Nähe von Henkenhagen war in ein diffuses, gelbliches Licht getaucht. Oberleutnant Gero von Waldenfels schaute sich noch einmal prüfend um und stellte zu seiner Genugtuung fest, dass von dem geheimen Raum am Ende des Ganges nichts mehr zu sehen war. Die verputzte Mauer sah genau so aus wie alle anderen in der Anlage, trist und unscheinbar. Die Arbeiter, die den Raum mit dem Objekt verschlossen hatten, waren wieder in ihre Baracken in das Konzentrationslager Ravensbrück verbracht worden, wo sie ihrem sicheren Tod entgegengehen würden.

Als er aus dem Bunker nach draußen trat, dämmerte bereits der Morgen und aus der Ferne hörte er das dumpfe Wummern der russischen Artillerie, die sich unaufhaltsam näherte.

»Es ist Zeit«, sagte Schröder, sein Feldwebel und gleichzeitig sein Adjutant und Freund, der schon im wartenden Kübelwagen saß und zum Aufbruch drängte.

»Auf der Straße nach Kolberg herrscht durch die Flüchtlingsströme das totale Chaos. Dort kommen wir nicht durch und Fahrzeuge werden durch die russischen Iljuschins beschossen.«

»Dann müssen wir durch den Kolberger Wald in Richtung Westen fahren, zumindest müssen wir bis Stettin kommen und uns von dort aus absetzen. Ich hab gehört, dass sich von Schwarzer mit seiner Mannschaft dort aufhält.«

»Was sollen die denn mit Leuten wie uns Gero?«, entgegnete Schröder, der hektisch einem riesigen Schlagloch auswich und seinen Kübel gerade noch auf dem Feldweg halten konnte.

»Hast ja recht Erwin«, sagte von Waldenfels etwas niedergeschlagen. »Die begeben sich in amerikanische Gefangenschaft und mit ihrem Wissen können sie in den USA den Rest ihrer Tage in Ruhe und Zufriedenheit verbringen. Wir müssen schauen, dass wir unsere Haut retten.«

RATSCH BUMM machte es plötzlich und vor dem Kübelwagen tat sich ein großer Granattrichter auf.

»Feldgeschützbeschuss«, schrie Schröder und ein weiterer Einschlag erfolgte direkt neben dem Fahrzeug. Schröder versuchte mit verzweifelten Lenkbewegungen sein Fahrzeug in der Spur zu halten, aber dann erlitt der Kübelwagen einen Volltreffer. Von Waldenfels sah, wie Erwin Schröders Körper wie eine kaputte Gliederpuppe vom Fahrersitz geschleudert wurde und hoch durch die Luft flog. Die Reste des Kübels überschlugen sich und auch er wurde aus dem Fond nach draußen katapultiert. Stöhnend blieb er einen Moment liegt und wollte sich aufrichten, aber sein rechtes Bein versagte ihm seinen Dienst und eine Welle des Schmerzens durchzog seinen Körper. Er blickte auf seinen Fuß, der in einem unnatürlichen Winkel von seinem Bein abstand. Sich auf seinem K98 Karabiner abstützend, wankte er in die Richtung des nahen Waldes, um dort Deckung zu suchen, als er einen russischen T34 Panzer auf sich zurollen sah. Verzweifelt warf er sich in der Hoffnung, dass der Panzer über ihn wegrollen würde, in einen Graben. Der Koloss näherte sich ihm mit einem infernalisch brüllenden Geräusch aus seinem 500-PS-Dieselmotor und als er bereits die Wanne von unten sah, drehte sich das stählerne Ungetüm um seine Achse. Von Waldenfels stieß einen erstickten Schrei aus, der jedoch in der Masse von Erde und Geröll unterging. Dann umfing ihn die Schwärze, welche vor ihm bereits aber Millionen von Menschen in diesem sinnlosen Krieg erlebt hatten.

 

Pommern im März 1945

 

 

1. Kapitel

 

Adam war mit seinem Kumpel Filip auf Tour, was bedeutete, dass sie mit ihren Metalldetektoren in der Umgebung von Kolberg unterwegs waren, um nach Militaria aus dem großen Krieg zu suchen.

Die beiden waren erfahrene Sucher und hatten bereits in der Vergangenheit einige Stücke gefunden, die sie auf den einschlägigen Märkten zu Geld gemacht hatten. Am beliebtesten waren Orden und Ehrenzeichen des deutschen Heeres, die sie an Sammler aus Deutschland verkauften. Einmal hatte Filip sogar eine Walther P38 gefunden. Sie war in Ölpapier eingewickelt, tadellos in Schuss gewesen und hatte ihm ein hübsches Sümmchen eingebracht.

Diesmal hatten sie sich einen Bereich vorgenommen, der eigentlich nicht in direktem Zusammenhang mit den Kriegshandlungen stand und daher noch nicht häufig abgesucht worden war. Er lag abseits der großen Flüchtlingsströme, die damals auf der Flucht vor den Russen in Richtung Westen führten. Sie suchten direkt im Wald, was einerseits geringe Erfolgsaussichten auf einen Fund bedeutete, andererseits jedoch, wenn sie einen Fund machten, dieser von der Qualität in einem wesentlichen besseren Erhaltungszustand sein müsste als anderenorts.

An diesem Tag hatten sie, bis auf den Knopf einer deutschen Uniform und ein Verwundetenabzeichen nichts Besonderes gefunden, aber diese beiden Teile waren in einem guten Zustand und brachten mindestens dreißig Euro auf dem Markt. Filip näherte sich mit seiner Sonde dem Waldrand, während sein Freund immer noch den Wald durchstöberte. In der Nähe sah er einen kleinen Feldweg und in einiger Entfernung ein paar Bauern, die mit ihren Traktoren ihre Felder bestellten. Er befand sich in einer kleinen Senke, als sein Metalldetektor anschlug. Es war ein gutes Signal und rasch hatte er die oberste Erdschicht mit seinem Spaten freigelegt.

»Bronze?«, hörte er die Stimme von Adam, der sich ihm von hinten genähert hatte.

»18er Signal. Eisen. Muss was Größeres sein, weil es ziemlich tief liegt. Oder mehrere Teile. Mal sehen, was wir da haben«, antwortete Filip, der ein immer größeres Loch aushob.

»Das Signal ist noch da, aber der Pinpointer spricht noch nicht an«, schnaufte er und beide zusammen schaufelten ein immer größer werdendes Loch. Plötzlich fuhr Adam erschrocken zurück.

»Ist das ein Knochen?«, fragte er seinen Kumpel entsetzt und deutete auf ein graues, von Erde behaftetes längliches Etwas, das langsam zum Vorschein kam.

Filip zog das UFO, das Unbekannte Fundobjekt, vorsichtig aus der Grube.

»Ein Oberschenkelknochen«, sagte er leise, fast flüsternd und sah Adam an. »Machen wir weiter oder holen wir die Polizei?«

»Damit sie uns kassieren können? Du spinnst wohl.«

»Aber wir können den armen Kerl doch nicht da unten liegen lassen.«

»Sagt ja auch keiner, aber da unten ist ein Signal und ich möchte wissen was es ist«, antwortete Filip mit gierigem Blick.

»Na gut, aber wenn wir hier fertig sind, melden wir die Sache anonym, damit der da unten«, und er zeigte auf die Grube »seine letzte Ruhe finden kann.«

Verbissen buddelten sie weiter und immer mehr Knochenteile kamen an die Oberfläche. Zuletzt fanden sie einen Schädel und legten ihn fast ehrfurchtsvoll an die Seite. Danach widmeten sie sich den Habseligkeiten des Toten.

»Eine MP40 und ein K98. Das war dein Signal«, stellte Adam fest, als sie die Waffen vom Dreck des Erdreiches säuberten. Filip betrachtete inzwischen die »Hundemarke« des Toten.

»Gestatten, Gero von Waldenfels, Oberleutnant der Infanteriedivision Köslin«, las er vor und zeigte auf das Skelett, das vor ihnen im Gras lag.

Er blickte zu Adam, der eine recht gut erhaltene Ledertasche aus dem Loch fischte und gerade seinen Inhalt herausholte.

»Gutes deutsches Schweinsleder«, grinste er. »Man kann die Dokumente sogar noch lesen. Kannst du Deutsch?«

»Es geht. Meine Oma war Deutsche und früher haben wir mit ihr nur deutsch gesprochen.«

Filip blätterte die vergilbten Papiere durch und wurde immer schweigsamer.

»Was Besonderes?«, fragte Adam neugierig, doch Filip schüttelte nur ärgerlich den Kopf. Dann legte er die Schriftstücke beiseite und stieß einen Pfiff durch seine Zähne aus.

»Das ist ja ein Ding«, sagte er leise und berichtete Adam von seinem schier unglaublichen Fund.

 

 

2. Kapitel

 

Eines hatte sich im Leben von Falk Möller in den letzten Wochen und Monaten grundsätzlich geändert. Er wachte nicht mehr mit einem dicken Kopf auf, was daher resultierte, dass er sich an den Wochenenden nicht mehr sinnlos in irgendeiner Bar betrank. Als er die Augen aufschlug, war er völlig klar und hörte neben sich die regelmäßigen Atemzüge von Ewa. Ihre Bettdecke war etwas verrutscht und so genoss er die Ansicht auf ihren runden Po. Was für ein Anblick, grinste er und ließ sich in das weiche Kissen zurückfallen.

Drei Monate waren vergangen, seit sich die beiden bei einem Einsatz in Kolberg kennen- und lieben gelernt hatten. So oft es ging, verbrachten Falk und sie ihre Zeit miteinander und meistens war er bei Ewa und ihrer Tochter Iga in Kolberg. Mit dem Kind gab es wegen ihrer Beziehung überhaupt keine Probleme, was natürlich Ewa, als ihre Mutter, am meisten freute und weswegen sie am Anfang ihrer Beziehung etwas Bedenken hatte. Aber Iga hatte Falk von Beginn an in ihr kleines Herz geschlossen und auch Falk mochte die Kleine sehr, die wie eine Miniaturausgabe ihrer Mutter aussah.

An diesem Wochenende passte Ewas Mutter Jolanta auf sie auf und Ewa war alleine nach Stralsund gefahren. Beide hatten sich auf dieses Wochenende, das sie nur für sich hatten, gefreut. Eigentlich hatten beide vorgehabt, schick essen zu gehen, aber am Ende waren sie doch im Bett gelandet. Das Sexuelle kam bei ihnen beiden immer etwas kurz, da Ewa strikt dagegen war, mit Falk zu schlafen, wenn Iga nebenan in ihrem Zimmer lag. Zu sehr erinnerte sie das an ihrer eigene Kindheit und Pubertät, als sie mit ihren Eltern in einer winzigen Zweiraumwohnung lebte und die Geräusche ihrer Eltern zwangsläufig mitbekam, wobei ihr Vater keinerlei Rücksicht auf das Kind genommen hatte.

Falks Hand glitt über die seidenweiche Haut ihres Pos und Ewa schaute ihn mit verträumtem Lächeln über ihre Schulter an.

»Guten Morgen, Schatz«, säuselte sie, drehte sich vollends zu ihm um und sah ihm in die Augen.

Falk strich ihr zärtlich eine blonde Strähne aus ihrem Gesicht.

»Guten Morgen, Liebes. Gut geschlafen?«

»Nicht besonders viel, aber den Rest der Nacht wie ein Stein«, grinste sie und glitt mit ihrer Hand über seinen Körper.

Nach der Total-Katastrophe ihrer Ehe mit ihrem Ex-Mann Antek hätte sie niemals gedacht, dass es ihr jemals vergönnt sein würde, sich noch einmal in einen Mann zu verlieben, aber schon als sie Falk das erste Mal in der Lobby des Hotels »New Skanpol« gesehen hatte, war es um sie geschehen. Anfangs hatte sie sich wegen ihrer Gefühle ihm gegenüber noch gesträubt, aber dann wurde ihr innerer Widerstand immer schwächer, besonders als sie bemerkte, wie liebevoll Falk mit ihrer Tochter umging. So hatte sie sich ein Familienleben vorgestellt und war restlos glücklich in ihrer neuen Beziehung.

Das Schrillen ihres Diensthandys riss sie aus ihren Gedanken und fast gleichzeitig ertönte der Klingelton auf Falks Handy. Die beiden schauten sich an.

»Zufall?«, fragte Ewa.

»Ich glaube nicht an Zufälle«, antwortete Falk und griff, wie auch Ewa zu seinem Mobiltelefon.

 

*

 

»Moin Falk. Ich störe dich ja nur ungern, aber wir haben einen neuen Fall«, hörte er die Stimme seines Vorgesetzten und Freundes Werner Nübel. »Ist das Ewa, die im Hintergrund telefoniert?«, fragte er nun mit leicht belustigter Stimme.

»Ja. Ihr Diensthandy ging zur gleichen Zeit«, antwortete Falk und schaute zu ihr hinüber, die aufgeregt mit jemandem auf Polnisch diskutierte. »Um was geht es?«

»Ihr habt beide wieder einen Fall. Wahrscheinlich spricht sie gerade mit Kaminski.«

Kaminski war Ewas neuer Vorgesetzter, nachdem man ihren Ex-Chef Grabowski wegen Verdacht der Korruption in den hintersten Winkel Polens versetzt hatte.

»Eine Leiche im Yachthafen. Ein Angler hat sie entdeckt und die Wasserschutzpolizei alarmiert. Der Mann hatte einen polnischen Ausweis dabei, wobei wir davon ausgehen, dass dieser eine Fälschung ist. Er sieht ganz und gar nicht wie ein Pole aus, ist eher ein südländischer Typ. Keine Ahnung, womit wir es hier zu tun haben, aber da können uns die polnischen Kollegen bestimmt weiterhelfen.«

»Und da eine polnische Kriminalkommissarin zufällig vor Ort ist, kann sie dann gleich mit einsteigen.«

»So hatte ich mir das gedacht. Deshalb hab ich Ewa bei ihrem Vorgesetzten angefordert. Ihr beide seid doch ein unschlagbares Team«, sagte Nübel und Falk konnte sein Grinsen am anderen Ende der Leitung förmlich spüren. »Kaminski weiß nichts von euch beiden?«

»Warum sollen wir das an die große Glocke hängen? Nein, nur Jurek weiß natürlich Bescheid.«

Zwischen Ewas Kollegen Jurek Bonk, seiner Frau Magda und ihnen hatte sich in den letzten Monaten eine Freundschaft entwickelt. Jurek war ein Mann nach Falks Geschmack, genauso unkonventionell und etwas unangepasst wie er und auch die beiden Frauen verstanden sich recht gut. Zudem hatten sie ebenfalls eine Tochter, Kasia, die ein Jahr älter als Iga war.

»Die Leiche ist noch an der Fundstelle?«

»Ja. Ich dachte, dass ihr euch bestimmt ein Bild von dem Ganzen machen wollt.«

»Gut, dann fahren wir zum Hafen und schauen uns das mal an. Später kommen wir dann ins Präsidium.«

»Ich warte dann auf euch«, hörte er Nübels Stimme und legte auf.

Ewa hatte ihr Telefonat ebenfalls beendet und schaute Falk an.

»Wir haben einen neuen Fall«, resümierte sie kurz, sprang aus dem Bett und begab sich in Richtung Badezimmer, während Falk noch im Bett blieb und ihr nachschaute.

Ihm war etwas unwohl bei dem Gedanken, dass er mit Ewa zusammen, wie hatte Nübel es praktisch formuliert, ein Dreamteam bildete. Sicher, bei ihrem ersten gemeinsamen Einsatz waren sie erfolgreich gewesen und schon dort gab es für sie beide lebensbedrohliche Situationen. Aber nun war es etwas anders. Ewa war nicht mehr nur eine Kollegin sondern auch die Frau an seiner Seite. Es war schon gut, dass außer Jurek in ihrer Dienststelle in Kolberg niemand etwas von ihrer Beziehung mit dem deutschen Kommissar wusste. Nübel ging ein gefährliches Spiel ein, wenn er die beiden in einen gemeinsamen Einsatz schickte und gegen die ungeschriebenen Regeln verstieß. Zu viele Komplikationen konnten sich ergeben, aber andererseits agierten die beiden vorsichtiger, als es sonst der Fall war.

Ewa gegenüber ließ er sich nichts anmerken, als sie aus der Dusche kam und sich rasch ankleidete. Falk gab ihr einen flüchtigen Kuss, um nun seinerseits im Bad zu verschwinden.

Eine Viertelstunde später waren sie unterwegs und trafen nach kurzer Zeit in der Marina ein.

 

*

 

Ziemlich am Ende des Steges sahen sie die Leute der Spurensicherung und die Konturen eines Körpers, der unter einem großen weißen Tuch lag.

»Moin Falk«, begrüßte ihn Jutta Dittrich, die für diesen Fall zuständige Gerichtsmedizinerin. Jutta und er kannten sich schon viele Jahre und sie reichte ihm wortlos einen Kaffee rüber. Sie war eine kleine, korpulente Frau von Mitte fünfzig mit kurzen, dunkelbraunen Haaren.

»Kommissar Ewa Stepinska von der Mordkommission Kolberg«, stellte er Ewa vor.

»Moin«, brummelte Jutta und reicht ihre die Hand. »Könnt ihr in Polen fliegen?«, grinste sie.

»Ich bin eigentlich privat hier in Stralsund, aber Nübel hat sich mit meinem Chef kurzgeschlossen und Schwupps bin ich wieder im Einsatz«, lächelte Ewa.

Jutta schaute zuerst Falk und dann sie schräg von der Seite an.

»Macht was ihr wollt, Kinder«, sagte sie mit einem schelmischen Grinsen.

»Was haben wir?«, fragte Falk, während Ewa am Kaffee nippte.

Jutta schlug das Tuch zurück und die beiden schauten in das bleiche Antlitz eines vielleicht fünfundzwanzigjährigen Mannes.

»Das ist aber jetzt kein Pole«, stellte Falk fest, als er dessen scharfgeschnittene Gesichtszüge und sein dunkelbraune Hautfarbe betrachtete.

»Laut Ausweis heißt er Tomasz Krutin und ist in Lodz geboren, Alter: sechsundzwanzig. Gestorben ist er an einer Schusswunde im Rückenbereich«, erklärte Jutta und wies mit ihrem Finger auf die Eintrittswunde, die zweifellos tödlich war und gab den Ausweis weiter an Ewa, die diesen eingehend studierte.

»Menschenschmuggel«, hörten sie ihre Stimme aus dem Hintergrund. Beide, sowohl Jutta als auch Falk, schauten sie überrascht an. »Der Ausweis ist eine Fälschung, aber eine sehr gute. Was guckt ihr mich so an. Meint ihr, das läuft nur von Süd nach Nord über die Balkanroute? Seitdem die fast zu ist, überlegen sich die Schlepper neue Wege. Ja, die gibt es auch noch, obwohl zurzeit fast nur noch über die Schiffsflüchtlinge berichtet wird. Bringt wahrscheinlich mehr Aufmerksamkeit. Aber Tatsache ist, dass die Schlepper auch über Land nach wie vor Illegale nach Westeuropa bringen, nur haben sich die Routen geändert. Wir haben schon lange ein paar Familien arabischer Abstammung in unserem Visier, die ganz legal in Polen leben und das schon seit der Zeit, bevor die Flüchtlingswelle 2015 über Europa hereinbrach.«

»Darauf wär ich nie gekommen«, schüttelte Falk mit dem Kopf.

»Es sind nicht diese Massen, aber sie kommen stetig und fallen kaum auf. Und einen von ihnen habt ihr wahrscheinlich gerade aus dem Wasser gefischt. Irgendetwas muss da schiefgelaufen sein, da auch wir mit einem Mord in diesen Kreisen noch nie zu tun hatten. Sie agieren normalerweise äußerst vorsichtig und unauffällig. Im Übrigen sind das nicht die Flüchtlinge, die wirklich Schutz brauchen. Das sind Leute, die richtig viel Geld dafür bezahlen und es auch können, weil sie nicht aus den Kriegsgebieten des Nahen Osten kommen. Die kommen oft direkt aus den Emiraten oder aus Saudi Arabien, wo sie mit einer Einladung eines fiktiven Verwandten in Polen ganz legal einreisen können und dann folgt die illegale Einreise nach Deutschland.«

»Meinst du, sie sind mit einem Schiff über die Grenze gekommen?«

»Möglich. Das wäre sehr unauffällig und relativ sicher. Es fahren ständig Freizeitkapitäne über die Ostsee, hüben wie drüben, und niemand kümmert sich darum, es sein denn, wir bekommen einen Tipp. Normalerweise meldet man sich nur in der Hafenmeisterei an, wenn man in Polen oder hier in Deutschland anlegt.«

Jutta Dittrich hatte inzwischen ihre Ausrüstung zusammengepackt.

»Morgen früh, wenn ich ihn auf dem Tisch habe, kann ich euch mehr sagen. Aber die Todesursache steht für mich schon fest.«

»Für uns ist es interessant, ob er sich schon länger hier in Deutschland aufgehalten hat, oder aber gerade über die Grenze gekommen ist«, sagte Falk.

»Vielleicht gibt uns sein Mageninhalt weitere Auskünfte. Kommt morgen Mittag rein. Dann müsste ich ihn fertig obduziert haben.«

Sie verabschiedeten sich von Jutta und begannen damit, die Boote abzuklappern, die sich in der Nähe befanden. Den Hafenmeister hatten sie gebeten, ihnen eine komplette Liste von den Bootseignern zu besorgen, deren Schiffe sich in der Marina befanden.

»Meinst du, dass man ihn gerade hier über Bord gehen ließ?«, fragte Ewa Falk skeptisch.

»Irgendwo müssen wir ja anfangen. Vielleicht hat irgendjemand etwas Auffälliges gesehen oder gehört. Wir müssen uns auch über die Strömungsverhältnisse, die hier herrschen, kundig machen. Ob Kwiatkowski uns dabei helfen kann?«

»Bestimmt. Mit ihm haben wir ja gute Erfahrungen gemacht und die Daten werden über die Ländergrenzen hinaus abgeglichen«, antwortete Ewa und folgte Falk über den Steg.

Ein paar der Freizeitskipper sahen neugierig zu ihnen herüber und Falk stellte seine Fragen, aber niemandem war etwas Besonderes aufgefallen.

»Wundert mich nicht«, knurrte Falk, als er zusammen mit Ewa das Gebäude der Hafenmeisterei ansteuerte. »Gaffen, bis ihnen der Kopf vom Hals fällt, aber selbst bloß nicht in etwas hineingezogen werden.«

»Meinst du, bei uns werden nicht die drei Affen gespielt?«, kicherte Ewa und boxte ihm in die Seite, als sie das Gebäude betraten.

Der Hafenmeister hatte ihnen bereits eine Liste der Boote ausgedruckt, die seit gestern im Hafen lagen. Falk überflog die Liste der Namen der Eigner, aber die meisten von ihnen waren Angehörige des hiesigen Yachtclubs. Lediglich fünf Schiffe waren Fremdanleger und nur zwei kamen aus Polen.

»Das eine ist der Segler dort hinten am Ende des Steges«, sagte der Hafenmeister und zeigte auf ein Segelschiff von etwa zwanzig Metern Länge. »Das andere ist ein Motorboot von zwölf Metern, eine Familie mit zwei Kindern.«

»Wem gehört das Segelschiff?«

»Moment, haben wir gleich. Die Taurus gehört einem Stanislaw Szymanski aus Danzig. Macht mit dem Schiff wohl einen Ostseetrip mit seinen Freunden. Die haben gestern Abend ganz schön gebechert.«

»Sie kennen sich doch hier bestens aus«, meldete sich Ewa. »Wenn hier etwas angeschwemmt wird, aus welcher Richtung kommt hier in der Regel die Strömung?«

»Sie spielen auf den Toten an. Nun, nur von Norden aus Richtung Hiddensee, das ist eine Insel nördlich von hier. Aus dem Kubitzer Bodden fließt die Strömung hierher.«

»Den kenne ich. Dort bin ich mit meinem Vater oft zum Segeln rausgefahren. Ist es da immer noch so einsam? War schon ewig nicht mehr dort.«

»Ist es. Da gibt es nur ein paar Bauernhöfe und ein paar Katen.«

 

 

3. Kapitel

 

Falk und Ewa bedankten sich für die Auskünfte und fuhren ins Präsidium, wo sie von Werner Nübel und seinem Kollegen Robert Schröder begrüßt wurden.

»Du brauchst dich nicht zu bedanken, Ewa«, grinste Nübel sie an, als er ihr die Hand gab und sie ihn freundschaftlich knuffte.

Nübel hatte sie bei ihrem ersten Zusammentreffen sehr schätzen gelernt. Eine Frau, die Falk, zumindest etwas, an der Kandare hielt, musste schon was Besonderes sein und sein erster Eindruck von ihr hatte sich voll bestätigt. Mit ihrer ruhigen, besonnen Art bildete sie in dem Zweiergespann einen Gegenpol und Nübel hoffte, dass sein Freund in ein ruhigeres Fahrwasser geriet, was auch für dessen Job galt. Mit seiner aufbrausenden und forschen Art hatte sich Falk nicht nur Freunde auf seiner Dienststelle gemacht und Nübel hatte ihm schon des Öfteren die Haut gerettet.

»Du willst doch nur, dass ich auf ihn aufpasse, damit er keinen Blödsinn anstellt«, kicherte Ewa und Falk verzog sein Gesicht zu einem schiefen Grinsen.

»Gib’s ruhig zu. Werner hat dich extra damals auf mich angesetzt, so als eine Art weiblicher Romeo«, lachte er nun.

Falk wurde gleich wieder ernst, gab den beiden einen ersten Lagebericht und teilte ihnen Ewas Vermutung hinsichtlich der Herkunft des Toten mit.

»In Berlin gab es vor ein paar Jahren eine Razzia, die sich mit genau demselben Thema befasste. Damals wurden ein paar Festnahmen getätigt, aber seitdem habe ich nichts mehr davon gehört.«

»Sie sind sehr vorsichtig und diejenigen, die hier nach Deutschland verbracht werden, werden mit erstklassigen Papieren ausgestattet und kriechen unter die Fittiche der Clans.«

»Und um ganz sicher zu gehen, werden wohl auch einige per Schiff über die Grenze gebracht«, warf Falk ein. »Da fällt mir ein; ich muss noch ein Gespräch mit Jutta Dittrich führen.«

Falk entfernte sich von der Gruppe und wählte Juttas Privatnummer.

»Hatte ich nicht etwas von morgen Mittag gesagt?«, meldete sich die Gerichtsmedizinerin leicht knurrig, als sie Falks Nummer auf ihrem Handydisplay erkannte.

»Ja, ich weiß. Aber ich wollte von dir nur etwas über den ungefähren Todeszeitpunkt wissen.«

»Der hat nicht länger als zwanzig Stunden im Wasser gelegen.«

»Das reicht mir schon. Danke für die Auskunft, Jutta.«

»Mach ich doch gern«, antwortete sie mit etwas versöhnlicher Stimme.

Falk ging zurück zu den anderen, die über eine Seekarte von der Umgebung Stralsunds gebeugt standen.

»Jutta sagt, dass der Tote nicht länger als zwanzig Stunden im Wasser gelegen hat. Also muss er hier«, und er deutete auf einen Bereich oberhalb der Marina, »ins Wasser gekommen sein.«

»Das wäre der Bereich um den Kubitzer Bodden«, stellte Schröder fest.«

»Hat dein Cousin eigentlich noch den kleinen Jollenkreuzer?«, fragte Falk an die Adresse von Nübel gerichtet.

»Hat er. Wollt ihr beide euch dort einmal umsehen?«

»Kann ja nicht schaden. Vielleicht hat jemand etwas Ungewöhnliches beobachtet, zumal dort immer viele Boote unterwegs sind.«

Nübel führte ein kurzes Telefonat und zwei Stunden später waren Falk und Ewa unterwegs auf dem Strelasund in Richtung Kubitzer Bodden. Der Jollenkreuzer, den Ingo, Nübels Cousin, ihnen zur Verfügung gestellt hatte, war ein 28er und acht Meter dreißig lang. Es war ein altes Schiff, aber innen sehr geräumig, mit je einem Schlafplatz auf beiden Seiten, in der Mitte einem Tisch, der ebenfalls zum Schlafplatz umfunktioniert werden konnte, einer kleinen Kombüse und genügend Stauraum ausgestattet.

Sie hatten guten Wind unter dem Kiel und das Wetter war genau richtig für einen Segeltörn. Viele Boote, meist Segler, waren auf dem Wasser. Ewa lag in ihrer Unterwäsche auf dem vorderen Bootsdeck und genoss die Sonne auf ihrem Körper. Falk stand am Ruder und bald fuhren sie in den Bodden ein.

»Du weißt schon, dass wir dienstlich unterwegs sind«, grinste er, als sie sich ins Heck des Segelbootes bewegte.

»Wir sind doch undercover«, lachte sie und zog sich ihr T-Shirt über. »Was ist das für eine Insel dort?«

»Liebitz. Ein Naturschutzgebiet. Aber die ist zu weit weg, als dass unser Opfer dort über Bord gegangen sein könnte. Wenn man die Strömung berechnet, muss es irgendwo hier passiert sein.«

Falk steuert das Boot in die Nähe des Ufers und erblickte nicht weit weg ein Sportboot, das in einer kleinen Bucht vor Anker lag. Als sie sich langsam näherten, sahen sie ein älteres Pärchen, das es sich auf zwei Liegestühlen auf dem Vordeck bequem gemacht hatte.

»Guten Tag«, rief Falk zu den beiden hinüber. »Dürfen wir Sie kurz stören?«

»Sie stören nicht«, rief der Mann zurück und warf ein paar Fender über die Steuerbordseite des Motorbootes. Falk legte das Segelboot längsseits und der Mann half ihnen an Bord.

»Mein Name ist Falk Möller, Kripo Stralsund und das ist meine Kollegin Ewa Stepinska«, stellte er sich vor.

»Heinz Hohenstein und meine Frau Regina. Haben Sie kein Geld mehr für Benzin oder warum fahren Sie jetzt auf einem Segelboot?«, grinste er.

»Nichts dergleichen«, lachte Falk und der Mann forderte sie auf, sich zu setzten. »Kaffee?«

»Lieber was Kaltes«, sagte Ewa und Regina brachte ihnen ein Radler.

»Was können wir für Sie tun?«

»Wie lange sind Sie schon hier?«, fragte Falk, der, obwohl unter Freizeitschiffern üblich, nicht ins Du gefallen war, da sie ja dienstlich unterwegs waren.

»Seit vier Tagen. Wir fahren ein bisschen in der Gegend herum, aber abends kommen wir immer wieder hierher zurück. Die Bucht ist ideal und auch die Mücken halten sich in Grenzen.«

»Haben Sie beide hier etwas Auffälliges beobachtet. Ein größeres Schiff zum Beispiel, das hier auch geankert hat.«

»Nein, geankert hat hier keiner.«

»Und das Schiff, das vorgestern Abend dort hinten gelegen hat?«, meldete sich Regina.

»Ach das, ja, aber die waren nur kurz hier. Das war so eine Zwanzig-Meter-Yacht. Ein Segler. Ein bisschen komisch war das schon. Die haben kurz dort drüben gelegen. War so um neun Uhr abends und haben dann ein Schlauchboot zu Wasser gelassen. Da saß ein Mann drin und nach kurzer Zeit fuhr der Reifen mit mehreren Männern zurück zum Schiff.«

Falk sah Ewa an. »Sie haben dort Leute abgeholt? Sind Sie sicher?«

»Völlig sicher. Ich dachte noch: Vielleicht haben sie den Segeltörn verpasst und haben sich dort verabredet.«

»Wie war das Schiff beflaggt?«

»Trug eine Deutsche und eine polnische Flagge am Heck. Aber bevor Sie fragen; den Schiffsnamen konnte ich nicht erkennen.«

»Und wie lange haben die dort noch gelegen?«

»Vielleicht eine halbe Stunde. Und dann sind sie Richtung Strelasund aufgebrochen.«

»Können Sie mir genau zeigen, wo sie an Land gegangen sind?«

»Klar. Kommen Sie, wir fahren mit dem Beiboot rüber.«

Falk und Ewa nahmen Platz und Heinz Hohenstein steuerte das kleine Boot in Richtung der Stelle, wo das Schlauchboot die Männer aufgenommen hatte.

»Die waren nicht zum ersten Mal hier«, raunte Falk Ewa zu, als sie an Land wateten. Der Uferbereich war auf einer Fläche von etwa zwanzig Quadratmetern gerodet und ein Trampelpfad wand sich vom Ufer weg.

»Was suchen Sie eigentlich?«, fragte Heinz Hohenstein. »Haben die was ausgefressen?«

»Sie lesen es ja sowieso morgen in der Zeitung: Wir haben einen Toten in der Marina von Stralsund gefunden und der müsste irgendwo hier in der Gegend über Bord gegangen sein. Deshalb sind wir hier, um ein paar Nachforschungen anzustellen.«

»Und Sie meinen, der war auf dem Schiff?«

»Möglich ist es. Schauen wir mal, wo der Trampelpfad hinführt.«

Die drei folgten dem Weg, der zuerst durch ein dichtes Buschwerk führte und schließlich an einem kleinen, asphaltierten Feldweg endete. Falk bedeutete den beiden, dass sie sich zurückhalten sollten und schlug einen kleinen Bogen um die Stelle. Dann näherte er sich auf dem Asphalt dem Punkt, wo der Pfad endete und ging in die Hocke.

»Was zu sehen?«, hörte er Ewas Stimme.

»Reifenspuren gibt es keine. Aber irgendjemand hat hier wohl auf jemanden gewartet. Hier liegen jede Menge Kippen rum. Das soll sich die Spurensicherung mal anschauen.«

Auf demselben Weg wie sie gekommen waren, gingen sie zum Schlauchboot und fuhren zu Heinz’ Boot zurück.

»Ich komme mir vor wie in einem Tatort-Krimi«, grinste Heinz, als sie an Bord kletterten.

»Die Realität sieht leider etwas anders aus. Die bekommen den Täter immer in anderthalb Stunden«, grinste Falk. »Bleiben Sie noch länger hier?«

»So zwei, drei Nächte.«

Falk gab Heinz seine Karte. »Wenn Ihnen wieder etwas Ungewöhnliches auffällt, rufen Sie mich bitte an. Und versuchen Sie nicht, auf eigene Faust etwas zu unternehmen. Wir kommen dann nicht mit dem Segler, sondern mit dem Schnellboot.«

Heinz Hohenstein versicherte ihm, dass er anrufen würde und die beiden verabschiedeten sich von den netten Skippern.

 

*

 

»Das verstehe ich nicht«, schüttelte Ewa mit dem Kopf. »Die haben keine Menschen nach Deutschland gebracht, sondern welche abgeholt.«

»Oder aber es waren nur harmlose Skipper und es war so, wie Heinz Hohenstein vermutet hatte. Sie haben ihre Kumpels an Bord gebracht, und sind weitergesegelt«

Ewa sah ihn schief an. »Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Nein, aber ausschließen können wir es auch nicht. Mal sehen, was die Spurensicherung sagt.«

Falk griff zu seinem Handy und gab der Spusi die GPS Koordinaten durch, während Ewa mit Nübel telefonierte, und ihn auf den neuesten Ermittlungsstand brachte.

Am späten Nachmittag legte das kleine Segelboot an der Marina an, wo die beiden von Ingo Nübel empfangen wurden.

»Kann man sich direkt dran gewöhnen, Ingo«, begrüßte ihn Falk.

»Ich bin froh, dass das alte Schätzchen mal wieder bewegt wurde. Ich komme nur noch selten in den Genuss«, lachte Ingo. »Wenn du Interesse hast …?«

Falk sah sehnsüchtig auf das Segelboot und schaute Ewa an, die mit ihren Schultern zuckte.

»Ich überlege es mir«, sagte er und beide verabschiedeten sich von Ingo.

»Sollen wir noch der Taurus einen Besuch abstatten?«

»Können wir uns sparen«, antwortete Falk. »Laut dem Hafenmeister ist sie gestern Abend eingelaufen. Warum sollten sie erst die Leute an Bord nehmen, dann, wie wir vermuten, nach Polen segeln und anschließend wieder zurückkommen und hier eine Party feiern.«

»Um Flüchtlinge aufzunehmen und sie über die Grenze zu schaffen. Die Strecke hin und zurück schafft man locker an einem Tag. So ein Segelboot hat ja auch einen Motor. Los, komm. Ein Besuch schadet ja nicht.«

 

*

 

Nach mehrmaligem Rufen erschien ein Mann mittleren Alters an Deck des Schiffes. Er war relativ klein, hatte blondes, dichtes Haar und ein scharfgeschnittenes Gesicht.

»Guten Abend. Was kann ich für Sie tun?«, fragte er in etwas gebrochenem Deutsch.

»Guten Abend. Falk Möller, Kriminalpolizei Stralsund. Meine Kollegin, Ewa Stepinska«, stellte er sie vor. »Stanislaw Szymanski?«

»Bin ich.«

»Sie haben sicherlich mitbekommen, dass wir eine Leiche hier in der Marina gefunden haben?«

»Ja. Hab ich gesehen, dass Polizei auf Steg war«, antwortete er.

»Sie sind gestern Abend in die Marina eingelaufen?«

»Mit zwei Freunden. Kommen aus Gdansk und wollen fahren weiter nach Dänemark. Machen kleine Kreuzfahrt. Nur Männer unter sich«, lächelte er.

»Sie waren nicht vor zwei Tagen schon einmal in diesem Gebiet?«

»Nein. Waren wir in Dziwnow. Kleine Marina.«

»Dürfen wir uns kurz an Bord umsehen«, fragte Ewa den Mann nun in Polnisch und Szymanskis Miene hellte sich auf.

»Natürlich«, antwortete er und bat die beiden an Bord zu kommen.

Der Steuerstand war voll mit elektronischem Gerät bestückt und Falk sah auf dem Vorschiff sogar eine Schiffsradaranlage. Dann betraten die beiden einen großen Salon, der komplett mit hellem Holz ausgestattet war, während der Boden vollständig mit Teakholz ausgelegt war.

Szymanski ging hinter die gut bestückte Bar und goss sich einen Whiskey ein.

»Was darf ich Ihnen anbieten?«, fragte er.

»Dasselbe was Sie trinken«, entgegnete Falk, während Ewa ihn schräg von der Seite anschaute.

»Es ist Sonntag und eigentlich sind wir nicht so richtig im Dienst«, grinste er sie an und stieß mit Szymanski an. Ewa seufzte und ließ sich von ihrem Landsmann zu einem Mai Tai verführen.

»Sie haben zwei Freunde erwähnt«, sagte Ewa, während sich Falk unauffällig umsah. Auf einem der Tische standen drei Gläser und ein überquellender Aschenbecher. Neben diesem lagen eine zusammengeknüllte, blaue Zigarettenpackung und zwei Einwegfeuerzeuge. Ein paar Bücher über Nautik und eine polnische Tageszeitung lagen auf einem Beistelltisch.

»Die sind noch in der Stadt unterwegs. Wir wollen morgen früh auslaufen und Kurs auf Gedser in Dänemark nehmen.«

»Sie sind aus Gdansk?«

»Ja. Ich betreibe dort ein Import-Export-Geschäft für elektronische Geräte.«

»Scheint gut zu laufen«, lächelte sie und schaute sich um.

»Kann nicht klagen, aber dafür habe ich kaum Freizeit. Die zwei Wochen Segeltörn waren das Äußerste, was zeitlich machbar war.«

»Ist Ihnen unterwegs eine Yacht begegnet, die ähnlich der Ihren war?«

»Einige. Ist ja ein beliebtes Segelrevier hier. Wissen Sie den Namen des Schiffs?«

»Nein, leider nicht. Na gut. Wir wollen Sie nicht länger in Anspruch nehmen«, sagte Ewa und schaute Falk strafend an, der sich von Szymanski noch einen Whiskey einschenken ließ.

 

*

 

»Was hältst du von ihm?«, fragte sie ihn, als sie etwas später auf dem Steg zu Falks Wagen zurückgingen.

»Der war wirklich ausgezeichnet«, entgegnete Falk mit einem Grinsen im Gesicht.

Ewa schaute ihn völlig verständnislos an. »Szymanski?«

»Nö, der Whiskey, den er mir serviert hat. Er selbst ist mir zu glatt. Auf jeden Fall sollten deine Kollegen in Polen ihn mal durchleuchten. Ob er jetzt mit dieser Sache was zu tun hat, keine Ahnung. Aber der hat mit Sicherheit ein paar Leichen im Keller. Was hältst du davon, wenn wir das Abendessen von gestern nachholen? Weiter als bis ins Bett haben wir es ja nicht geschafft«, lächelte er Ewa an und küsste sie sanft auf die Wange.

 

 

Details

Seiten
670
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941975
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906844
Schlagworte
krimi-sonderedition strömung tödliche

Autoren

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Titel: Tödliche Strömung - Krimi-Sonderedition