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Ruena, die Apachensquaw

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ruena, die Apachensquaw

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Die Hauptpersonen des Romans:

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Ruena, die Apachensquaw

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Kopfgeldjäger machen Jagd auf George William Sutherfield, genannt Texas-Kid, denn er soll einen Viehzüchter ermordet haben. Die Kopfgeldprämie ist hoch: 1000 Dollar. Der reiche Steve Hagarty setzt 500 Dollar zusätzlich drauf, denn er sieht in Kid den Nebenbuhler, den seine zukünftige Frau einmal geliebt hat. Während er das Aufgebot stellt, ist auch Ruena, eine Apachensquaw, auf der Flucht. Die Wege der beiden Flüchtenden kreuzen sich ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Steve Hagarty - scheucht das Aufgebot mit einer Kopfprämie hinter seinem Nebenbuhler her.

Sam Rawlins - wird vom Rausch der Menschenjagd gepackt.

Paco Mendez - liest Fährten wie kein zweiter, doch das hilft ihm wenig.

Jack Moran - verliert auch als Säufer die Revolvergeschicklichkeit nicht.

Texas-Kid - macht ihnen allen einen Strich durch die Rechnung, denn er hängt nun mal an seinem Skalp.

Ruena - gleicht in ihrer Handlungsweise vielen Frauen, nur nicht einer Apachensquaw.

 

 

1

Die vier Kopfgeldjäger ließen die heiß geschossenen Gewehre sinken. Ihre unrasierten Gesichter blieben angespannt.

»Die tausend Bucks Kopfprämie sind uns sicher, Kid«, höhnte Jessup, der Anführer. »Du kannst wählen: Kugel oder Strick.«

In der Senke rührte sich nichts. Sträucher wuchsen bis an die verfallende Farmhütte. Der Einäugige neben Kilrone Jessup spuckte aus.

»Der Bastard weiß genau, dass wir noch jeden eingefangen haben.« Mundharmonikaklänge drangen aus der Hütte. Texas-Kid spielte sein Lieblingslied »Streets of Laredo«.

Im Gestrüpp hinter der Hütte wieherte Kids Pferd. Wütend luden Jessup und seine Kumpane die Gewehre.

»Du spielst zum eigenen Begräbnis, Kid.« In der Türöffnung blitzte es. Fluchend griff Jessup nach dem Stetson. Ein Kugelloch zierte die Krempe. »Macht ihn fertig!«

Ein Donnerschlag aus vier Gewehren dröhnte. Die Repetierbügel schnappten. Wieder spuckten die Waffen Feuer und Blei. Die Hüttenwände bebten. Dann folgten ein lautes Scheppern und ein halb unterdrückter Schrei.

»Wir haben ihn!«, triumphierte der Einäugige.

Das dachte Jack Moran auch, als er Kid am Rio Bravo den Gaul unterm Hintern wegschoss. Trotzdem entkam Kid über die Grenze. Dabei galt Moran als gefährlichster Menschenjäger von ganz Texas. Der Junge ist ein höllischer Trickser.

»He, Kid, was du dir auch ausrechnest - wir fallen nicht drauf rein!«

In der Senke blieb es still. Die Pferde der Kopfgeldjäger prusteten. Kids Brauner antwortete.

Der Mond beschien die Hütte, die außer der Tür nur eine schmale Fensterluke an der Vorderseite besaß. Der Platz davor war deckungslos bis auf den Ziehbrunnen, der einen bizarren Schatten warf. Die Kopfgeldjäger lauerten mit schussbereiten Gewehren.

»Gib auf, Kid!«

Keine Antwort. Vorsichtig erhob Jessup sich. Kein Mündungsfeuer flammte. Trotzdem wartete der Anführer noch einige Minuten, ehe er geduckt die Deckung verließ.

»Bleib bei den Pferden, Bates!«

Das galt dem Einäugigen. Die beiden anderen schoben sich ebenfalls hinter den Felsen und Kakteen hervor. Der eine war ein wildäugiger, rothaariger Bursche mit einer Narbe quer über der Stirn, der andere ein finster blickender, dunkelhäutiger Mexikaner. Lauernd bewegten sie sich den Hang hinab. Die langen Staubmäntel schleiften auf dem Boden, die Sporen klirrten leise. Keiner ließ die Hütte aus den Augen.

In der Senke trennten sie sich. Der Rothaarige wandte sich nach links, der Mexikaner nach rechts. Kilrone Jessup hielt die Mitte. Gleich darauf duckte er sich hinter dem Brunnen. Ein rascher Blick: Auch seine Helfer waren von der Hütte aus nicht mehr zu sehen. Ein Grinsen huschte über Jessups Raubvogelgesicht, als er eine Dynamitpatrone hervorzog. Die Kumpane beobachteten ihn. Das Streichholz flammte, und an der nur fingerlangen Lunte begannen Funken zu sprühen.

»Adios, Kid!«

Jessup schleuderte die Sprengladung zur Hüttentür.

Ein Augenblick atemloser Stille folgte, dann füllte gleißende Helligkeit den Bretterbau. Das Dach wurde zerfetzt, Trümmer wirbelten bis zum Brunnen. Eine Seitenwand kippte weg. Rauch und Staub wehten durch die Senke. In der Hütte züngelten Flammen.

»Yaahuu!«

Mit der Winchester im Hüftanschlag rannte Jessup zur Ruine. Der Stetson hing jetzt an der Windschnur auf seinem Rücken. Gleichzeitig erreichten die Kumpane die Tür. Flammenschein beleuchtete die Gesichter. Der Mexikaner deutete auf das staubige Stiefelpaar, das unter einem Balkenhaufen hervorlugte. Der Rothaarige lachte glucksend.

»Das war’s, Amigos.«

»Irrtum! Lasst besser die Knarren fallen, ehe ihr euch umdreht!«

Die Stimme kam vom Ziehbrunnen. Die Kopfgeldjäger verkrampften sich. Dann entdeckte Jessup den Klappspaten neben dem Fluchtloch, das Kid unter der noch stehenden Seitenwand gebuddelt hatte. Nun fiel ihm auch auf, dass es klobige Farmer- und keine Cowboystiefel waren.

Kid war nach der Explosion zurückgekrochen und hatte sie fachgerecht verstaut. Jessups Gewehr klatschte in den Sand. Da gaben auch die Kumpane auf. Sie hoben die Hände, ehe sie sich langsam umdrehten.

Lässig zielte Texas-Kid mit dem 44er auf sie. Er war schlank, dunkelblond und Anfang zwanzig. Trotzdem gab es schon dunkle Linien in seinem schmalen, vom Feuer angestrahlten Gesicht. Bereits mit neunzehn war er als Revolvertalent bekannt geworden. Vor zwei Jahren musste er als angeblicher Mörder eines schwerreichen Viehzüchters Texas den Rücken kehren. Auf seiner Flucht hatte es einen Verletzten gegeben. Die Zeugenaussagen waren eindeutig. So war Kid in Abwesenheit zum Tode verurteilt worden. Jetzt grinste er kantig.

»Wenn ich der Killer wär, für den mich die meisten halten, hättet ihr längst Blei geschluckt. Well, das lässt sich nachholen. Ihr braucht nur die Colts anzufassen.«

Jessup versuchte Zeit zu gewinnen.

»Wir sind nicht die Einzigen, die mitbekamen, dass du über die Grenze zurückgeritten bist. In ein paar Tagen ...«

»Erzähl mir nichts, was ich schon weiß. Kerle von eurer Sorte, die für tausend Dollar auch ’nen Unschuldigen in die Hölle befördern, gibt’s auch in Mexiko. Ich hab nichts verlernt, Jessup. Was ist? Möchtest du’s vielleicht schriftlich, dass du deine Kanone abschnallen sollst?«

Zähneknirschend öffnete der Kopfgeldjägerboss die Schnalle des Revolvergurts. Die Kumpane folgten dem Beispiel. Kids Sechsschüsser bedrohte sie abwechselnd.

»Freu dich nicht zu früh, Kid«, drohte Jessup. »Wir sind hinter dir her, seit du bei Los Pinos den Rio Bravo durchquert hast. Wir haben absichtlich gewartet. Nun schaffst du es nicht noch mal zur Grenze.«

»Du verdienst die tausend Dollar Kopfgeld jedenfalls nicht - und euer Pferdewächter genauso wenig.«

Kid fuhr herum. Sein Colt krachte. Der Einäugige war schon halb am Hang. Erschrocken hechtete er hinter den nächsten Felsbrocken. Sein Gewehr krachte, aber die Kugel jaulte hoch über die Senke. Als Kid sich wieder nach vorn wandte, hielt Jessup einen zweiten Revolver, der unter seinem Mantel verborgen gewesen war. Doch Kids Schuss kam dem Hageren zuvor.

Jessup stieß einen Schrei aus. Der Revolver entfiel ihm. Ächzend presste er die Linke auf den blutenden Arm. Der Rothaarige packte das am Boden liegende Gewehr, der Mexikaner zauberte in Wurfmesser aus dem rechten Ärmel. Kid feuerte so schnell, dass die Schüsse wie einer klangen.

Verwundet sanken Jessups Kumpane nieder. Am Hang peitschte wieder das Gewehr des Einäugigen. Da duckte Kid sich hinter den Brunnen.

»Hau ab, Bates!«, schrie Jessup. »Sorg dafür, dass sie in Dryhill den Strick für ihn bereithalten ...«

Krachend stürzte die Hütte zusammen. Funken und Rauch wirbelten durch die Senke. Jessup stolperte zum Brunnen. Mühsam krochen die Kumpane hinterher. Texas-Kid war fort. Hufschlag trommelte durch die Nacht.

 

 

2

Schweiß perlte auf der Stirn das Telegrafisten. Die seit Wochen auf Südwest-Texas lastende Hitze hatte sich auch zwischen den Lehmziegelmauern der Puma Gulch Station eingenistet. Der gedrungene, hemdsärmelige Mann starrte auf den Steckbrief, der neben dem Morseapparat lag.

»George William Sutherfield, genannt Texas-Kid«, wiederholte er halblaut. »Für seine Ergreifung, tot oder lebendig, werden tausend Dollar bezahlt.«

Der Einäugige beim Fenster stieß ungeduldig den Winchesterkolben auf den Boden.

»Versuch’s noch mal, Brent!«

»Nichts zu machen.« Der Telegrafenmann, der auch den Job des Brücken- und Streckenwärters versah, nahm die Hand vom Morsetaster. »Die Leitung ist tot, kein Mensch zu erreichen, weder in Pecos, noch in San Angelo. Jemand hat die Drähte gekappt. Du musst schon selber nach Dryhill reiten, Bates, wenn du Kid dort abfangen willst. Die Sternträger kannst du vergessen.«

»Der Junge muss mit dem Teufel im Bund sein.«

»Oder er versteht es, seinen Kopf zu gebrauchen. Wieso will er nach Dryhill?«

»Sein ehemaliges Liebchen lebt dort. Ich war gleich dafür, in Dryhill auf ihn zu warten. Aber Jessup wollte es unbedingt auf der Maxwell-Farm versuchen. Well, ich krieg Kid trotzdem.«

Der Kopfgeldjäger brannte eine dünne Zigarre an und spähte aus dem Fenster. Die Station duckte sich am Ostrand der Puma Gulch, zwanzig Yard von der Brücke entfernt, über die die Geleise der Southern Pacific Railroad liefen. Der Schatten des riesigen Wassertanks lag auf ihnen. Kein Luftzug bewegte das Windbrunnenrad. Die Ebene jenseits der Schienen und die Hügel dahinter flimmerten. Westlich der Schlucht leuchteten rote Klippen. Die nächste Ranch lag zwanzig Meilen entfernt. Nach Dryhill waren es zwei Tagesritte. Noch einmal betätigte der Stationer den Morsedrücker, aber ohne Erfolg. Er sah auf Bates’ Rücken.

»Glaubst du, dass er kommt?«

Der Kopfgeldjäger nahm im Zeitlupentempo die Zigarre aus dem Mund. Seine Stimme kratzte.

»Er ist bereits da.«

»Verdammt!«

Der Telegrafist sprang auf. Beide spähten zu dem schlanken, staubbedeckten Reiter, der jenseits der Schienen aus einer Senke aufgetaucht war. Der Schatten des breitkrempigen Stetson lag auf Kids Gesicht. Das Pferd war ein hochbeiniger Brauner mit weißem Brustfleck. Ein Gewehr steckte im Sattelfutteral. Daneben hing das zusammengerollte Lasso. Kids Hände ruhten auf dem Sattelhorn. Die Sonne übergoss ihn mit greller Glut. Mann und Pferd verharrten wie ein Reiterdenkmal.

Langsam hob der Einäugige das Gewehr.

»Die Entfernung stimmt. Gut, dass ich meinen Gaul in den Anbau brachte, so weiß er nicht, dass ich noch hier bin.«

»Darauf würd ich mich nicht verlassen.«

Der Stationer nahm den langläufigen Colt aus der Schublade. Noch immer bewegte der Reiter sich nicht. Ein Grollen kam aus dem Klippengewirr an der Puma Gulch. Dann ertönte ein Pfiff. Die Schienen begannen zu vibrieren.

»Ich dachte, der San Antonio Express ist erst morgen fällig.«

Der Telegrafenmann blinzelte nervös.

»Es muss der Sonderzug sein, der Geronimos aufständische Chiricahua Apachen von Arizona nach Florida verfrachtet. Hatte ihn erst für den Abend erwartet.«

Schon stampfte die Funken und Rauch ausstoßende Baldwin-Lok aus dem Felsenlabyrinth. Sie zog eine Reihe geschlossener Viehwaggons und zwei Personenwagen über die Brücke. Auf den Plattformen standen Soldaten, die Gewehre geschultert hatten. Der Zug rumpelte am Stationsgebäude vorbei. Hinter den Gitterluken der Viehwaggons waren Gesichter erkennbar.

»He, die halten nicht mal!« Der Stationer riss die Tür auf und fuchtelte mit dem Sechsschüsser. »Verdammte Blauröcke! Wenn man sie braucht ...«

Der letzte Wagen ratterte vorbei. Soldaten winkten. Mit offenem Mund starrte der Gedrungene zu dem Pferd jenseits der Trasse. Die Zügel waren jetzt am leeren Sattel befestigt. Lustlos rupfte das Tier an dürren Grasbüscheln.

»Abgehauen.« Erleichterung stahl sich auf das teigige Gesicht des Railroaders. »Weiß der Teufel, wie der Bursche es geschafft hat, auf den fahrenden Zug zu springen.«

»Du irrst.«

Bates’ Winchester deutete zu den Schienen. Der knochige Kopfgeldjäger mit der Lederklappe über dem linken Auge schob wieder die Zigarre in den Mund. Sein Blick wanderte an den Geleisen zur Brücke und wieder zurück. Die Trasse war gerade so hoch, dass ein Mann dahinter Deckung fand.

»Kid war mal Cowboy. Er würde nie das Pferd gegen einen mit Soldaten besetzten Zug tauschen. Außerdem steckt die Knarre nicht mehr im Scabbard. Sie hätte ihn beim Aufspringen behindert.«

Die Hitze im Gebäude schien noch drückender. Der Zug war nur mehr ein dunkler Tupfen auf dem in der Ferne verschwimmenden Schienenstrang. Die Telegrafenmasten standen im Abstand von zwanzig Yard. Von weitem sahen sie wie Streichhölzer aus. Der Stationsmann schob sich neben den Türpfosten.

»Bates, er liegt drüben - schräg gegenüber vom Stall.«

Der Lauf von Kids Gewehr ragte über die Schienen. Dahinter war Kids Stetsonkrone zu erkennen, sonst nichts. Bates zielte, dann ließ er zögernd die Winchester sinken.

»Der Hundesohn versucht nur wieder einen seiner Tricks.«

Das Gewehr an der Bahntrasse blieb auf die Hütte gerichtet. Hinter dem aus Kistenbrettern gezimmerten Stall gackerten plötzlich Hühner. Die Ziegen, die der Stationer außerdem hielt, drängten sich in eine Ecke der Umzäunung. Bates und der Gedrungene sahen sich an. Der Kopfgeldjäger grinste schief.

»Gib mir Feuerschutz, Brent!«

»Ich brauch erst ’nen Drink.«

Der Stationer lief zum Tisch und trank hastig. »All right«.

»Lenk ihn ab! Schieß auf das Gewehr, damit er glaubt, dass wir auf seinen Trick reingefallen sind! Wir teilen die Belohnung, wenn ich ihn erwische.«

Bates’ Miene verriet, dass er log. Doch der Stationsmann nickte. Bates jagte selbst noch einen Schuss zu den Geleisen, dann huschte er in seinem langen, sandfarbenen Mantel hinaus. Gleich darauf befand er sich im Schutz der Schwellen und Bauholzstapel neben dem Gebäude. Die Ziegen meckerten, die Hühner beruhigten sich nicht. Der Stationer riskierte einen Blick, aber weder von Bates, noch von Texas-Kid war etwas zu sehen.

Der schwitzende Mann schielte wieder zur Flasche. Dann umfasste er den Sechsschüsser mit beiden Händen, hielt ihn in Richtung Kids Gewehr und Hut und drückte ab. Die flimmernde Weite verschluckte den Knall. Der Railroader feuerte nochmals, dann lugte er vorsichtig zum Stall. Die Ziegen hatten einen Durchschlupf gefunden und flohen. Schimpfend holte der Stationsmann die Flasche, trank, schickte die nächste Kugel zu den Geleisen und trank wieder. Draußen rührte sich nichts mehr. Der Stationer wartete beklommen.

Eine plötzliche Bö jagte einen Staubwirbel über die Trasse. Dann krachten Schüsse. In das hektische Peitschen der Winchester mischte sich das mehrmalige dumpfe Krachen von Kids Colt. Dann verstummten die Waffen.

»Bates!«, rief der Stationer.

Stille antwortete. Ein neuerlicher Windstoß hüllte das Gebäude in graugelbe Staubschleier. Der Railroad-Telegrafist wollte die Tür schließen, da tauchte der Kopfgeldjäger neben dem Pferch auf.

»Ich hab ihn.«

Mit ausgreifenden Schritten eilte Bates zur Hütte, den Kopf gesenkt, die Schultern gegen die nächste Bö gestemmt. Eine Hand umschloss die Winchester, mit der anderen hielt er den in die Stirn gedrückten Stetson fest. Erleichtert gönnte der Stationsmann sich wieder einen Schluck.

»Ist er tot?«

»Nur betäubt, gefesselt und geknebelt.« Texas-Kid ließ den vor das Gesicht gehaltenen Arm sinken. Seine Gewehrmündung zielte auf den Stationer.

»Lass die Flasche nicht fallen! Ich hab mir ’nen Drink verdient.«

 

 

3

Der Zug hielt auf offener Strecke. Sonnenverbrannte Prärie dehnte sich ringsum. Im Süden, eine halbe Meile vom Schienenstrang entfernt, wölbten sich strauchbewachsene Hügel. Die Silhouette der Davis Mountains dämmerte am Horizont. Nacheinander verließen die Apachen die Waggons. Die Ketten zwischen den Handgelenken der Krieger klirrten. Die Squaws, Kinder und Alten waren nicht gefesselt. Auch sie mussten durch das Spalier der schwer bewaffneten Uniformierten. Hoffnungslosigkeit prägte die Mienen. Der Verpflegungswagen aus Fort Davis stand dreißig Yard vom Zug entfernt. Die Soldaten hatten auch Brennholz mitgebracht. Ein Feuer prasselte. Im Kessel darüber dünsteten Bohnen mit Speckscheiben. Dazu gab’s Brot und Wasser.

Es war die erste warme Mahlzeit für Gefangene und Wachmannschaft, seit sie Arizona verließen. Tag und Nacht war der Zug durch New Mexico und danach durch die Südwestecke von Texas gerollt.

Der hünenhafte Koch aus Fort Davis wartete mit der Schöpfkelle. Reiter, die schussfertige Karabiner über den Sätteln hielten, umkreisten den Platz.

»Noch keine Essensausgabe!«, befahl der schnurrbärtige Captain. »Ich will erst wissen, ob die Bande vollzählig ist. Corporal Frazer, zählen Sie ab!«

»Zu Befehl, Sir.«

Nach einer zackigen Kehrtwendung schritt der Soldat die Reihe der reglosen Indianer entlang. Seine Stimme übertönte das gleichmäßige Tuckern der Maschine.

»Einundsiebzig, Sir«, meldete er dann. »Eine Squaw fehlt. Die Alte dort behauptet, dass sie krank im Wagen liegt.«

Der massige Sergeant neben dem Captain lachte rau.

»Von wegen krank. Bestimmt ist das wieder ein fauler Dreh von diesem Biest Ruena. Schon beim Verladen wollte sie fliehen. Mit Ihrer Erlaubnis, Sir, kümmere ich mich um sie.«

Der Captain verengte die Augen.

»Ich will keinen Ärger wegen ’ner Apachensquaw, Sergeant McMilnor.«

»Keine Sorge, Sir.«

Entschlossen stapfte der Sergeant zum mittleren Waggon.

Der 44er Colt steckte mit dem Kolben nach vorn links am Koppel. Die Schiebetür war halb offen. McMilnor stützte die Hände dagegen und grinste.

»Mach kein Theater, Herzchen! Mich legst du nicht rein.«

Im Waggon war es dämmrig, die Luft stickig. Eine Strohschütte, auf der die wenigen Habseligkeiten der Apachen lagen, bedeckte den Boden. Die in der Ecke kauernde Gestalt bewegte sich nicht.

»Ich hab auf dich gewartet, Sergeant.«

Die Stimme klang leise, die Aussprache war fehlerlos. Hastig schaute der stiernackige Unteroffizier sich um.

»Bewegung, Bewegung!«, schallte die Stimme des Captain. »Wir wollen hier keine Wurzeln schlagen. Jedem eine gefüllte Schöpfkelle, Corporal. Ihr da, passt auf den Kerl mit der Säbelnarbe auf! Schießt, wenn er zu fliehen versucht!«

»Alles klar, Sir.«

Repetierbügel schnappten, Hufe stampften. Dazu klirrten wieder die Ketten der Gefangenen, die sich in einer Reihe auf den Proviantwagen zuschoben. Ein weinendes Apachenkind wurde von der Mutter auf den Arm genommen, ein weißhaariger Alter von zwei kräftigen Squaws gestützt.

Niemand vermisste McMilnor.

Grinsend betrat der Sergeant den Waggon. Die junge, vollbusige Squaw blieb in der Ecke. Sie trug eine weiße Bluse, einen knöchellangen, dunkelroten Rock und mit Glasperlen bestickte Mokassins. Rabenschwarze Haare umrahmten das hübsche, rundliche Gesicht. Misstrauisch blickte McMilnor auf sie.

»Hast du dir mein Angebot also überlegt? Kann ’ne Menge für dich tun Schätzchen, wenn wir erst in Florida sind. Vielleicht verschaff ich dir ’nen Posten als Dolmetscherin, damit du immer in meiner Nähe bist.« Er lachte. Sein breitflächiges Gesicht hatte sich gerötet. Die Augen glitzerten. »Kommt nur drauf an, wie nett du zu mir bist. Könnte ja auch sein, dass du ’n Messer unterm Rock versteckt hast, stimmt’s?«

Mit blitzschnellem Griff umfasste er ihr Handgelenk und riss sie hoch. Ebenso blitzschnell brachte sie mit der anderen Hand ein schmales Messer zum Vorschein und drückte ihm die Spitze über die Gürtelschnalle.

»Stimmt, Blaurock!«, zischte sie.

Ihr Scheitel befand sich auf gleicher Höhe mit McMilnors Brust. Zögernd ließ der Sergeant sie los.

»Du bist verrückt, Ruena!« Er wies mit einer Kopfbewegung zur Tür. »Was glaubst du, wie weit du kommst?«

»Ich brauch ein Pferd.« Die Augen der Squaw funkelten. Fest umschloss die kleine, kräftige Hand das Messer. »Sieh zu, dass du mir eines besorgst, Sergeant, sonst stirbst du.«

»Zum Teufel, wie stellst du dir das vor?«

»Wir gehen jetzt zusammen hinaus. Wenn du eine falsche Bewegung machst, stoß ich zu.«

»Der Captain wird keine Rücksicht auf mich nehmen.«

»Dann hast du Pech gehabt.« Das sonst eher weiche Mädchengesicht war zur Maske erstarrt. »Ich will nicht in den Sümpfen von Florida an Fieber und Hunger krepieren. Ich bin bei den Padres zur Schule gegangen und weiß, was uns erwartet.«

»Du kannst es besser haben.«

»Zu welchem Preis! Lieber würde ich sterben, als mit dir unter einer Decke liegen. Vorwärts, dreh dich um! Gehen wir!«

»Warte! Ich mach dir ’nen Vorschlag ...«

Ruena war einen Augenblick abgelenkt.

McMilnors Stoß schleuderte sie gegen die Bohlenwand. Trotzdem brachte sie das Messer hoch.

Der Sergeant brüllte auf, als die Klinge seine rechte Schulter traf. Sein Hieb hätte einen jungen Stier umgeworfen, aber die wendige Squaw tauchte weg und rannte zum Ausgang. Keuchend zerrte der Sergeant den Sechsschüsser aus dem Holster.

»Haltet sie!«

Erschrocken hob der Reiter das Gewehr. Im Waggon dröhnte McMilnors Colt.

Die Kugel verfehlte die Indianerin jedoch und stieß stattdessen den Kavalleristen aus dem Sattel. Das Pferd drehte sich wiehernd. Schon saß Ruena im Sattel. Die Steigbügel waren für sie zu lang. Doch sie erwischte die Zügel und stieß dem Rotbraunen die Fersen gegen die Flanken.

Gefangene und Bewacher waren herumgezuckt. Der Apache mit der Säbelnarbe schrie etwas. Gleichzeitig schleuderte er den Blechnapf fort. Ein Kolbenhieb zwang ihn auf die Knie. Der Captain feuerte einen Warnschuss über die Köpfe der Indianer.

»Hawkins, Leland, schneidet ihr den Weg ab!«

Schreiend trieben die beiden Reiter ihr Pferde an. Ruena jagte bereits am Zug entlang. Schwankend taucht der Sergeant in der Wagentür auf. Das neuerliche Krachen seines Colts übertönte den Hufschlag. Die Apachen feuerten das flüchtende Girl mit schrillen Schreien an.

»Schießt!«, tobte der Captain. »Zielt auf das Pferd!«

Er rannte zum Verpflegungswagen und schwang sich auf den Bock, damit er besseres Schussfeld bekam. Hinter dem letzten Waggon lenkte Ruena den Rotbraunen über die Geleise. Die Verfolger stellten das Schießen ein.

»McMilnor zu mir!«, brüllte der Captain.

Ruenas schwarze Haare flatterten. Sie lag fast auf dem Pferdehals. Die wirbelnden Hufe schienen die Erde nicht zu berühren. Dann krachten Schüsse. Das Pferd zuckte, stolperte, blieb aber auf den Hufen. Gehetzt blickte Ruena zurück. Die Verfolger hoben wieder die Gewehre. Hinter ihnen überquerten weitere Reiter die Trasse.

Die Hügel im Süden waren noch zweihundert Yard entfernt.

 

 

4

Das blonde Saloongirl prüfte vor dem Spiegel Frisur und Schminke. Dann drehte Lilly Chetwood sich schwungvoll halb nach rechts, dann links. Zufrieden begutachtete sie den Sitz des neuen, tief ausgeschnittenen Kleides. Der Stoff spannte sich über die festen, wenn auch nicht sehr großen Brüsten und den weichgerundeten Hüften. Die Farbe passte gut zu Lillys grünen Augen. Eine Kette aus echten Perlen glänzte am Hals. Vergnügt sang sie die erste Strophe von »Streets of Laredo«. Nachdem sie verstummte, setzte eine Mundharmonika leise die Melodie fort.

Lilly lauschte starr. Dann eilte sie durchs Zimmer und riss die Tür auf. Der Korridor im Obergeschoss von Rawlins’ Saloon war leer. Aus dem Schankraum drang Jack Morans grölender Gesang. Der einstmals berüchtigte Revolverkämpfer hatte dem Whisky wieder mal fleißig zugesprochen, obwohl es noch früher Abend und sonst kein Gast im Saloon war.

Auf der Straße rumpelte ein Fuhrwerk vorbei. Eine Peitsche knallte. Das Saloongirl glaubte schon, sich getäuscht zu haben, da hörte sie die Mundharmonika wieder hinter sich.

Lilly fuhr herum. Ihre Augen weiteten sich.

Texas-Kid saß auf dem Fensterbrett über dem seitlichen Anbaudach, zerzaust und verschwitzt, aber die blauen Augen funkelten vergnügt.

Lilly brachte keinen Ton heraus. Mechanisch schloss sie die Tür. Kid schwang sich herein, umfasste ihre Taille und wirbelte sie herum. Seine Zähne blitzten im gebräunten Gesicht.

»Du hast mächtig zugenommen«, flachste er. Dann umarmte und küsste er sie. Lilly war noch wie betäubt. Kid hielt sie fest.

»Sei unbesorgt! Niemand hat mich gesehen. Mein Brauner steht hinter Raffertys Schuppen. Wie schön du bist! Zwei Jahre hab ich auf diesen Augenblick gewartet.«

»Du hättest nicht herkommen dürfen.«

»Freust du dich denn nicht?«

»Schon, aber ...« Das Girl schluckte. Die grünen Augen schimmerten dunkel. »Ich hab Angst, Kid. Moran ist im Saloon. Seit einer Woche lungert er in Dryhill herum.«

Kid lachte.

»Ich hab ihn gesehen, voll wie ’ne Haubitze. Er scheint’s nicht verwunden zu haben, dass ich ihm damals am Rio Bravo durch die Lappen ging.«

»Nicht nur Jack Moran wird hinter dir her sein. Ich wollte nicht glauben, dass du wieder in Texas bist.«

»Ich musste dich wiedersehen.« Kid küsste sie abermals.

Lilly schob ihn zurück. Verzweiflung schwang in ihrer Stimme.

»Du warst schon immer ein verrückter Kerl. Deshalb mag ich dich ja. Doch deine Rückkehr ist der pure Wahnsinn, Kid!«

»Nicht wahnsinniger, als mich in Mexiko mit allen möglichen Pistoleros rumzuschießen. Mein Steckbrief ist inzwischen auch dort drüben aufgetaucht. Tausend Dollar ...«

Ein Poltern auf der Treppe unterbrach ihn. Dann stampften Schritte den Korridor entlang. Vor Lillys Tür hielten sie.

»Moran«, flüsterte das Girl.

Kid stellte sich an die Wand, die sehnige Rechte auf dem Hickorygriff des tiefgeschnallten 44ers. Das Holster war mit dünnen Riemen zusätzlich am Oberschenkel befestigt. Morans alkoholschwere Stimme drang herein.

»He, Lilly!« Sie fand gerade noch Zeit, den Riegel vorzuschieben. Der Knauf bewegte sich. »Ich weiß, dass du da bist, Blondie. Wie wär’s mit ’nem Drink? Ich lad dich ein, Honey.«

»Lassen Sie mich in Ruhe, Moran!«

Der Revolvermann lachte trunken.

»Sei keine Spielverderberin, Lilly, schließ auf!«

»Sie können mir nachher im Saloon ’nen Drink spendieren.«

»Nachher? Kann mich, verdammt noch mal, schon jetzt fast nicht mehr auf ’n Beinen halten.« Der Knauf bewegte sich heftiger. Dann entfernten sich die Schritte.

Lilly drehte sich zu Kid um.

»Du musst fort. Morans Zimmer liegt nur ein paar Türen weiter am Ende des Ganges.«

»Da ist er gut aufgehoben.« Kid grinste. »Hab nicht übel Lust, einen mit ihm zu heben.« Dann ließ er sich aufs Bett fallen und streckte eine Hand aus. »Komm!«

»Ich muss nach unten.«

»Dafür ist’s doch noch zu früh. Das Geschäft beginnt in frühestens zwei Stunden.«

Lilly sah zu Boden.

»Es gibt keine Zukunft für uns, Kid. Das war mir schon klar, als du aus Texas fliehen musstest.«

Der junge Mann setzte sich auf.

»Ich hab nicht verlangt, dass du zwei Jahre auf mich wartest. Jeder Tag konnte mein letzter sein. Trotzdem hab ich immer nur an dich gedacht. Jetzt geb ich so schnell nicht auf. Wenn sich uns in Mexiko keine Chance bietet, dann vielleicht in Südamerika. Wir werden uns nach Galveston durchschlagen und ein Schiff nehmen ...«

»Mach dir nichts vor, Kid! Bevor wir Galveston erreichen, reiten ein Dutzend Kopfgeldjäger und Sternträger auf deiner Spur.«

»Ich hätt’s mir denken sollen.«

»Was?«

Kid blickte sie scharf an.

»Es gibt ’nen andern Mann.« Er wartete, aber Lilly schwieg. Da beugte Kid sich vor. »Wer?«

Lillys Miene war ausdruckslos, die Stimme herb.

»Das spielt keine Rolle. Für dich ist nur wichtig, dass du Dryhill verlässt, bevor Moran und die anderen dich entdecken.«

Kid sprang auf.

»Wer?«, wiederholte er wild.

Unwillkürlich wich Lilly zurück. Da rief eine Stimme auf der Main Street ihren Namen. Lilly öffnete das zweite Fenster an der Saloonfront.

»Hallo, Steve!«

Der junge, schwarzhaarige Mann auf dem gegenüberliegenden Gehsteig trug einen hellen Sommeranzug. Er winkte.

»In ’ner Stunde bin ich im Saloon, Lilly. Ich muss erst noch zu Whitaker wegen der nächsten Fracht. Ich sehe, du trägst das neue Kleid.«

»Und die Kette.«

»Du siehst bezaubernd aus, Darling.« Der Schwarzhaarige strahlte. »Well, bis bald.«

»Bis bald, Steve.«

Der Schwarzhaarige eilte zum Store. Zögernd wandte Lilly sich zu Texas-Kid um. Die harten Konturen seines schmalen Gesichts traten hervor.

»Steve Hagarty, der Sohn des reichsten Bürgers von Dryhill. Keine schlechte Wahl.«

»Steves Vater verunglückte vor ’nem Jahr. Seitdem leitet er das Frachtunternehmen. Er ist tüchtig. Seine Wagen versorgen das Grenzland südlich des Southern Pacific.«

»Früher hast du nicht viel von ihm gehalten.«

»Steve ist ein netter Junge.«

»Mit einem ansehnlichen Bankkonto.«

»Ich hab mich lange genug mit besoffenen Kuhtreibern und Frachtfahrern abgegeben.«

Kid starrte sie an, ehe er langsam den Kopf schüttelte.

»Wenn ich dich nicht sähe, nur hörte, würd ich nicht glauben, dass du es bist. Hast du vergessen ...«

»Was erwartest du? Ich werd mich nicht dafür rechtfertigen, dass ich mich mit Steve verlobte, nachdem ich ewig keine Nachricht von dir erhielt. Ich wusste ja nicht einmal, ob du überhaupt noch lebst.«

»Es hätte nichts geändert. Außerdem ...«

Kid entspannte sich, die staubige, von Bretterfassaden und Holzvorbauten gesäumte Straße beschrieb dreißig Yard vom Saloon entfernt eine Biegung, so dass Kid von seinem Platz den Reiter sah, der vor Whitakers Store hielt. Zusammengesunken saß der hagere Mann im Sattel, das Gesicht vom breitkrempigen Stetson verdeckt. Der Staubmantel hing bis zu den Bügeln.

Steve Hagarty wandte sich ihm auf der Schwelle zum Laden neugierig zu. Lilly Chetwood sah den Ankömmling nun ebenfalls.

»Kennst du ihn?«

»Kilrone Jessup, ein Kopfgeldjäger. Vorletzte Nacht verpasste ich ihm ein Andenken. Wahrscheinlich war’s ein Fehler, dass ich nur auf den Arm zielte.«

Hagarty und Jessup sprachen miteinander. Gleichzeitig sahen sie zum Saloon. Texas-Kid grinste schief.

»Das ist absolut kein Glückstag für mich. Nicht mal zu ’nem Drink komme ich.«

»Wenn’s stimmt, dass dich niemand sah ...«

»Jessup ahnt, dass ich hier bin. Es wird nicht lange dauern, bis sie mein Pferd finden ...«

Steves Ruf hallte durch die Town. Es war die jugendliche Stimme eines Mannes, der bereits zu befehlen gewohnt war. Türen klappten, Männer traten auf die noch sonnenbeschienenen Gehsteige, die meisten wesentlich älter als Steve. Doch es war Hagarty-Geld, das Dryhill regierte.

»Was gibt’s, Steve?«, meldete sich Rawlins auf der Saloonveranda.

Lilly schloss rasch das Fenster.

»Sie werden dich zuerst bei mir suchen. Beeil dich, flieh!«

Kid fasste ihre Arme.

»Was immer geschieht, Lilly, eins musst du mir glauben: Es war Notwehr, als ich Bill Johnson am Spieltisch erschoss. Doch es gab da ein paar Burschen in Pecos, denen ich schon lange ein Dorn im Auge war. Sie warteten nur darauf, mir ’nen Mord unterzujubeln.«

»Ich hab nie dran gezweifelt, Kid, aber darauf kommt’s überhaupt nicht an. Du bist in Texas erledigt.« Lilly lief wieder zum Fenster. »Flieh endlich! Sie kommen!«

 

 

5

Rawlins, der Salooner, stürmte ohne anzuklopfen in Morans Zimmer. Der breitschultrige Revolvermann lag wie hingeschmettert auf dem zerwühlten Bett, eine leere Flasche neben sich. Eine halb volle stand auf dem Nachtkästchen. Morans Revolvergurt hing am Bettpfosten. Kerben bedeckten den abgenutzten Kolben. Schnaubend schüttelte der gedrungene Saloonbesitzer den Kopf.

»Nicht zu fassen! Texas-Kid in der Stadt, und du liegst besoffen auf der Matratze, Mann.«

»Was ist?« Moran stützte sich mühsam auf die Ellenbogen, starrt Rawlins glasig an und fiel wieder zurück. Brabbelnd drehte er sich mit dem Gesicht zur Wand. Jessup war den Städtern gefolgt.

»Restlos hinüber. Hätte nicht gedacht, dass ein Kerl wie Jack Moran so tief sinkt.«

»Wir kriegen Kid auch ohne ihn«, erklärte Steve.

Der hagere, noch vom Staub der Wildnis bedeckte Kopfgeldjäger sah ihn mit schmalen Augen an.

»Sind Sie sicher, Hagarty, dass Ihre hübsche Freundin die Wahrheit sagte und Kid sich tatsächlich noch nicht bei ihr blicken ließ?«

»Lilly wird in zwei Wochen meine Frau. Sie würde mich niemals belügen.«

»Sie müssen es wissen.« Jessup hob die Schultern. Nach einem verächtlichen Blick auf Moran, der zu schnarchen begann, wandte er sich ab. Mehrere Frachtfahrer hasteten die Treppe herauf.

»Boss, wir haben ein fremdes Pferd gefunden, ’nen braunen Wallach mit weißen Brustfleck. Er stand hinter Raffertys Schuppen.«

»Kids Pferd.« Jessups Augen funkelten.

»Bringt den Gaul in Harpers Stall!«, befahl Steve. »Morton, Healy, ihr bleibt als Wächter dort. Blake, Nicholis, ihr passt auf die Tiere beim Frachthof auf. Ohne Pferd ist Kid aufgeschmissen. Glenfield, du postierst dich beim Saloon, am besten auf dem Hinterhof. Wenn Kid zu Lilly will, dann red nicht, schieß! Kid ist ein Killer, der keine Chance verdient. Lilly will nichts mehr von ihm wissen.«

Die Städter mieden Steves Blick. Jessup grinste verkniffen. Entschlossen setzte Steve sich an die Spitze der Schar. Sam Rawlins knallte die Tür zu und beeilte sich, in seiner Nähe zu bleiben. Inzwischen stand die Sonne nur mehr niedrig über den Dächern. In den nach Westen gerichteten Fenstern schien sich eine Feuersbrunst zu spiegeln. Die Männer trennten sich vor dem Saloon.

Im Zimmer am Korridorende wälzte Moran sich ächzend herum. Schweißverklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn. Unsicher tastete er nach der Flasche. Das Kästchen war leer. Moran riss die Augen auf, als er die schlanke Gestalt sah. Grinsend stellte Kid die Flasche zurück.

»Du konntest dir schon mal besseren Whisky leisten, Moran, nehm ich an.«

Der wuchtige Revolvermann setzte sich auf. Er musste sich am Bettpfosten festhalten.

»Wie bist du reingekommen?«

»Durch die Tür. Ich war schon da, bevor du Besuch hattest, in der Ecke neben dem Schrank. Jessup ahnte nicht, wie nahe er die ganze Zeit der Hölle war.«

»Verdammt!«, murmelte Moran mit schwerer Zunge. Seine Hand rutschte nach unten, bis sie wie zufällig den Revolvergurt berührte.

Kid grinste.

»Bin gespannt, wie du’s anstellen willst, mich mit ’ner ungeladenen Kanone zu erschießen.«

»Verdammt!«, wiederholte Moran. Er starrte den jungen Mann mit noch immer glasigen Augen an. Kid genehmigte sich einen neuerlichen Schluck.

»Du hast hoffentlich nichts dagegen, dass ich bleibe, bis es dunkelt. Hier suchen sie mich garantiert nicht. Auf dein Wohl!«

»Bleib auf dem Teppich, Kid.« Schweiß sickerte über Morans unrasierte Wangen. »Du bist so gut wie tot.«

»Das hast du mir schon mal prophezeit, als ich am Rio Bravo hinter dem erschossenen Pferd lag. Erinnerst du dich?«

Moran kam mit einem Satz hoch, schneller als Kid erwartete. Kid brachte gerade noch den Kopf zur Seite. Die Faust des Revolvermannes streifte ihn. Kid ließ die Flasche fallen. Sein Schwinger warf den Mann aufs Bett zurück. Kid verriegelte die Tür, ehe er ihn fesselte. Zusätzlich band er ihm ein Tuch vor den Mund.

Die Flasche war zerbrochen, im Zimmer roch es nach Fusel. Vorsichtig spähte Kid aus dem Fenster. Ein harter und zugleich bitterer Zug lag um seinen Mund. Der Himmel im Westen glühte. Schatten breiteten sich zwischen die Brettergebäude der kleinen Town. Fluchend durchstöberten Hagartys Leute die Anbauten und Höfe. Steves Stimme war am Stadtrand zu hören. Dann riss ein leises Klopfen Kid herum. Der 44er lag wie hingezaubert in seiner Rechten.

»Kid?« Es war Lilly Chetwood.

Er öffnete. Sie huschte herein, bleich unter der Schminke. Eine Ader pochte an ihrem Hals.

»Ich hab geahnt, dass du hier bist.« Sie warf einen besorgten Blick auf Moran. »Kann ich was für dich tun?«

Kid zögerte.

»Sie haben meinen Braunen. Ohne Pferd komm ich nicht weg.«

»Hab’s mitgekriegt. Ich ...« Sie überzeugte sich, dass Moran bewusstlos war, ehe sie weitersprach. »Steve schenkte mir ein Pferd. Es wird nicht auffallen, wenn ich in Harpers Stall nach ihm sehe. Ich könnte dabei Mike überreden, dass er deinen Braunen heimlich wegbringt.«

»Ich möchte nicht, dass du und Old Mike etwas riskiert.«

»Ich bin’s dir schuldig. Und Harper hat nie vergessen, dass du ihm gegen die Brixton-Brüder beigestanden hast. Er war immer überzeugt, dass du Bill Johnson in Notwehr erschießen musstest und wenn ein Dutzend Zeugen gegen dich angetreten wären.«

»Na schön, es bleibt wohl keine andere Möglichkeit. Old Mike soll den Braunen aber nicht zum Saloon bringen. Steht Dirty Joes alte Hütte noch?«

»Ein guter Platz. Ich sag Harper Bescheid. Wenn alles klappt, spiel ich im Saloon das Laredo-Lied.«

 

 

6

Die junge Indianerin sah die Lichter der Stadt von einem strauchbewachsenen Hügel. Ihre Beine schmerzten, sie war hungrig, aber noch schlimmer war der Durst.

Ruenas Kehle war trocken, die Lippen aufgesprungen. Nachdem sie das Pferd verlor, hatte sie sich im Dickicht versteckt, bis der Zug weiterfuhr. Sie würde ihre Freunde und Verwandten nie wiedersehen. Ein Kavallerietrupp suchte sie, aber Ruena hatte geschickt ihre Fährte verwischt. Dann war sie in der glühenden Hitze ohne Proviant, nur mit dem Messer bewaffnet, nach Süden gewandert.

Nun kam ihr das Land in der fahlen Dunkelheit noch fremder und feindseliger vor. Längst gab es hier keine Indianer mehr. Die Apachenberge von Arizona waren unerreichbar.

Ruenas Augen brannten. Schwarze Strähnen umzüngelten das erhitzte Gesicht. Die Nacht war still. Sterne blinkten. Noch war der Mond nicht aufgegangen. Es war gewiss besser, wenn sie einen Bogen um die Town schlug. Doch wo Menschen lebten, gab’s auch Wasser, eine Quelle oder einen Brunnen, vielleicht auch einen Fluss. Mechanisch setzte sie Fuß vor Fuß. Die gelben Lichter verschwanden, bis sie den nächsten Kamm erreichte.

Eine mit Büschen und Grasflecken gesprenkelte Ebene dehnte sich vor ihr aus. Die Stadt war nur mehr zweihundert Yard entfernt. Ruena erkannte die schwarzen Umrisse der Häuser, die sich am Fuß einer steinigen Anhöhe duckten.

Heisere Rufe erreichten Ruena. Laternen schwankten. Ihr Schein glitt über Bretterwände und Zäune, erfasste dunkle Gestalten, brach sich an Gewehrläufen und verschwand in engen Gassen.

Die Squaw duckte sich. Sie spürte die Gefahr, die von der Stadt ausging, wie die Ausdünstung eines Raubtiers. Doch Durst und Hunger waren stärker. Außerdem brauchte sie ein Pferd. Nur so konnte sie über die Grenze entkommen. Der Fluss, den die Weißaugen Rio Grande, die Mexikaner Rio Bravo nannten, bildete die Grenze.

Der Lärm wurde schwächer. Nach einer Weile erhob Ruena sich und ging vorsichtig weiter.

Plötzlich krachten in der Town Schüsse. Ruena zuckte zusammen. Dann hörte sie Hufschlag.

Schnell huscht sie hinter einen Kreosotbusch. Reiter kamen aus den Hügeln.

Ruenas Herz pochte hart, als sie die Uniformen sah. Die Messingknöpfe und Koppelschnallen blinkten. Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Dann hielt die Abteilung, es waren sechs Mann. Misstrauisch blickten sie zur Town.

»Weiß der Teufel, was in dem Kaff los ist. Hab wenig Bock mich mit ’ner Bande betrunkener Kuhtreiber anzulegen.«

Die raue Stimme ließ Ruena frösteln. Es war Sergeant McMilnor, der trotz des schmerzhaften Denkzettels, den sie ihm verpasste, den Suchtrupp führte. Seine mächtige Gestalt überragte die Begleiter. An der rechten Schulter beulte ein Verband die Uniform aus. Die Verletzung schien McMilnor jedoch nicht zu behindern. Der Reiter neben ihm spuckte aus.

»Vielleicht sind sie hinter der Squaw her.«

»Das müsste schon ein verdammter Zufall sein.«

»Wir haben ’ne Menge Zeit in den Hügeln vertrödelt. Dryhill liegt auf dem Weg zur Grenze.«

»Trotzdem wird sie sich kaum in die Stadt wagen.« Der Sergeant lauschte. Zwischen den Gebäuden rührte sich nichts mehr. »Die Burschen scheinen sich beruhigt zu haben. Well, sehen wir nach.« Er schob eine Zigarre in den Mund und riss ein Streichholz an. Plötzlich fluchte er. Mit einem zweiten brennenden Streichholz beugte er sich seitlich hinab.

»Sie war hier.« McMilnor deutete auf den Mokassinabdruck neben einem Grasbüschel hin. Der Boden ringsum bestand aus hartem Lehm, auf dem sonst keine Spur erkennbar war. Der Busch, hinter dem Ruena kauerte, wuchs nur zehn Yard entfernt. McMilnor spähte wieder zu den Häusern.

»Vorwärts!«

Die Hufe dröhnten. Erschöpft wartete Ruena noch einige Minuten. Dann wandte sie sich den dunklen Kuppen im Westen zu.

 

 

7

Die Schüsse trieben Texas-Kid in Deckung - bis er merkte, dass sie jenseits des Bretterzauns abgefeuert würden. Flüche schallten, ein höhnisches Lachen klang dazwischen. Es kam von Jessup.

Kid kroch mit dem Sechsschüsser in der Rechten unter dem am Zaun abgestellten alten Planwagen hervor. Links ragte eine Bretterwand auf. Vor Kid dehnte sich ein mit hüfthohem Unkraut bestandener Geländestreifen. Jenseits des Zauns glänzten niedrige Dächer im Sternenlicht.

Zu Dirty Joes Hütte am Stadtrand waren es nur mehr fünfzig Yard. Kid hoffte, dass der alte, einbeinige Mietstallbesitzer den Wallach inzwischen unbemerkt dort untergestellt hatte. Die Klänge von »Streets of Laredo«, auf dem Saloon-Piano geklimpert, lagen Kid noch im Ohr - Lillys Abschiedslied.

Stimmen warnten ihn. Er sah die Männer am Zaun nur als Schatten. Sie waren zu dritt.

»Der Kerl hat sich bestimmt längst aus dem Staub gemacht.«

»Steve zahlt fünfhundert Bucks zur Kopfprämie. Dafür lohnt es sich, ’ne Nacht auf den Beinen zu bleiben.«

»Vielleicht fürchtet Steve, dass Kid ihm sonst doch noch das Girl ausspannt. Die Kleine soll früher eng mit Kid befreundet gewesen sein. Wer weiß ...«

»Wenn Steve dich hört, bist du erledigt.«

Die Männer gehörten zu Steves Frachtfahrer-Crew. Jeder war mit einem Gewehr bewaffnet.

Kid war entschlossen, sich den Weg zu Dirty Joes Hütte notfalls freizuschießen, aber an der Ecke vor ihm bog das Trio ab.

Geduckt lief Kid am Zaun entlang, überquerte einen Hof und verschwand. als er wieder Schritte und Stimmen hörte, hinter einem Holzstapel. Von der Main Street schallte Hufgetrappel.

»He, was wollen die Blauröcke hier?«, rief ein Mann.

Kids Faust presste sich um den 44er. Er konnte sich zwar nicht vorstellen, dass die Soldaten seinetwegen kamen. Trotzdem wurde es höchste Zeit, dass er Dryhill verließ, bevor die Städter Verstärkung erhielten. Die Verfolger entfernten sich zur Hauptstraße. Ein Nachzügler hastete vorbei, gerade als Kid sich erhob. In der Dunkelheit verwechselte er Kid.

»Hast du gehört. Jeff? Die Army ist hier.«

»Komm schon«, antwortete Kid undeutlich.

Der Mann bog in einen Durchlass, Kid wandte sich in die entgegengesetzte Richtung.

Bald sah er Dirty Joes Hütte vor sich. Das Grundstück war verwildert. Sträucher umstanden den windschiefen Bretterbau. Fenster und Tür wirkten wie Höhlen. Der schrullige Oldtimer, der hier einstmals gehaust hatte, lag längst auf dem Boothill. Seither diente die Hütte Ratten und Schlangen als Quartier. Nichts rührte sich.

Kid duckte sich hinter eine leere Regentonne. Der Mond stieg über den Horizont. Trotzdem blieb es zu dunkel, um eine Spur zu erkennen, Die Stimmen klangen jetzt weit entfernt. Dann hörte Kid ein Stampfen und Prusten in Dirty Joes Hütte. Geduckt lief er weiter. Gleich darauf presste er sich neben die Tür. Er roch das Pferd. Es prustete wieder. Da glitt Kid hinein. Ein Mondstrahl, der durch einen Riss in der Seitenwand fiel, traf das an einen Pfosten gebundene Tier. Es trug Sattel und Zaumzeug, Kids Deckenbündel, das zusammengerollte Lasso, und sogar die Winchester steckte im Scabbard.

Der Braune beäugte Kid. Dabei scharrte er mit einem Vorderhuf. Kid tätschelte ihn.

»Wie geht’s, alter Junge?«

»Besser als es dir gleich gehen wird«, tönte es aus der Ecke. »Kanone weg, sonst schluckst du Blei.«

Kid erstarrte. Gewehrschlösser schnappten. Da halfterte Texas-Kid den Colt.

»Nimm die Hände hoch!« Nach einer Pause: »All right, bleib so stehen.«

Ein Streichholz kratzte, gelber Lichtschein umfloss Kid. Eine knochige Hand hängte die Laterne an einen Wandhaken. Kid drehte sich mit starrer Miene um. Drei Hagarty-Frachtfahrer bedrohten ihn mit Remingtongewehren. Der junge Hagarty hielt einen Colt. In dem eleganten Sommeranzug wirkte er in der morschen Hütte reichlich fehl am Platz.

»Lange nicht gesehen, Steve.«

»Hättest in Mexiko bleiben sollen.«

Kid dachte wieder an die Klänge von »Streets of Laredo«, seine Stimme blieb unverändert.

»Woher wusstest du, dass ich hier auftauchen würde?«

»Rate mal!« Steve lächelte spöttisch. Auf seiner Stirn glänzten jedoch winzige Schweißtropfen. Keine Sekunde ließ er Kid aus den Augen. Sein Colt ruckte.

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941968
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906842
Schlagworte
apachensquaw ruena

Autor

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Titel: Ruena, die Apachensquaw