Lade Inhalt...

Der Löwe von Bannack

2020 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Löwe von Bannack

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

Der Löwe von Bannack

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Eine ganze Stadt mit allen Bewohnern soll umgesiedelt werden, um das Reservat der Shoshonen zu verlagern, so hat es der Militärgouverneur befohlen. Eine Eisenbahn soll gebaut werden, und das Militär beharrt auf dem Plan, ohne Alternativen zu prüfen. Weder die Siedler noch die Indianer sind damit einverstanden. Unter der Führung von Old Joe Stafford organisieren Siedler und Indianer einen Krieg gegen die US Armee, bis auch die Medien das Thema aufgreifen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Hagary sagte: „Ein Büffel bist du! Ein verdammter halsstarriger alter Büffel! Ich wünschte, dich würde der Teufel holen, alter Mann. Aber das Tal braucht dich … auch wenn du ein dreimal verdammter Dickkopf bist.“

Old Joe erwiderte: „Das dachte ich mir. Du und die anderen, ihr seid nichts als eine Herde blökender Hammel. Ihr braucht wirklich einen, der euch ab und zu die Keule zeigt. Nun gut, ich werde mich darum kümmern.“

 

 

2

Inmitten von urigen Felswänden, mächtigen Tannen, deren Äste fast bis zum Boden reichten und umrahmt von duftenden Berggräsern lag der See. In ihm spiegelten sich der hellblaue Himmel, die Wipfel der Tannen und das Dach der klobigen, auf Jahrzehnte gebauten Blockhütte.

Vor dieser Blockhütte erwartete Old Joe die Besucher. Verwittert wie die Felsen war sein kantiges Gesicht, schneeweiß wie die wenigen Wolken am Himmel sein Haar. Aufrecht stand er dort, der große alte Mann. Seine Augen blickten schmal auf die vier Reiter, die langsam näher kamen.

Behutsam legte der alte Hüne das Angelzeug aus seinen knochigen Pranken, stemmte die Fäuste in die Hüften, und für eine Sekunde stahl sich ein Lächeln um seine schmalen Lippen, als er erkannte, wer dort den Bergpfad heraufgekommen war.

Nun, da er sie erwartete, wirkte er wie ein Falke, der nach seiner Beute späht. Ein alter Falke, aber dennoch einer, der ein ganzes Leben lang gejagt hatte und noch immer so scharf sehen und zuschlagen konnte wie ein junger.

Drei Reiter blieben jetzt zurück, der vierte ritt weiter auf die Hütte zu. Das Pferd war nass von Schweiß, der Mann von dem Ritt ebenfalls mitgenommen, denn es war kein junger Mann.

Old Joe sah es anders. Hagary ist alt geworden, dachte er. Dabei ist er zehn Jahre jünger als ich, und er sieht aus wie ein Tattergreis.

Das war gar nicht übertrieben. Der Reiter sah wirklich sehr alt aus. In diesem Lande, wo ein Fünfzigjähriger bereits zu den ganz Alten zählte, musste Steve Hagary ein Greis sein; er hatte dreiundsechzig Lenze gezählt. Gegen ihn wirkte der vierundsiebzigjährige Old Joe jung und ungebrochen. Wenn auch sein Gesicht nur eine Haut aus rissigem Leder zu haben schien, die Falkennase beinahe bösartig wirkte und die Haut auf der Stirn wie Pergament direkt auf dem Knochen zu liegen schien.

Aber Old Joe hatte noch einen Mund voller Zähne. Früher, da hatten sie ihn ausgelacht, wenn er rohen Fisch zum Frühstück aß. Jetzt lachten sie vielleicht nicht mehr darüber.

Hagary brauchte sein Pferd nicht zu zügeln, als es vor Old Joe stand. Der braune Wallach war so erschöpft, dass er von selbst stehenblieb. Hagary lehnte sich müde aufs Sattelhorn und sah den urigen Recken missmutig an. „Hallo, Old Joe“, knurrte er. Es hörte sich mehr wie ein Krächzen an.

Old Joe nickte, als habe er all das vorausgesehen. „Hallo, Steve. Nun seid ihr doch gekommen.“ Er sprach mit tiefer, sonorer Stimme, die in der Stille hier oben weit zu hören war. Man hatte seine Stimme ja immer gut hören können, vor allem, wenn er zu brüllen begann.

Fast hätte Old Joe wieder geschmunzelt, denn er entsann sich der Zeit, als Hagary noch ein Zwanzigjähriger war, damals im Treck von Osten her, als sie dieses Land besiedeln wollten. Hagary hatte immer alles besser wissen wollen als Joe Stafford, den sie damals noch nicht Old Joe nannten, ihn aber seinerzeit bereits als ihren Führer respektierten. Dreieinhalb Jahrzehnte später erst war Hagarys Chance gekommen. Als die Jungen, die auf dem Treck noch gar nicht geboren waren, den alten Joe nicht mehr wollten, als sie meinten, es nicht mehr dulden zu können, dass er sie mit eiserner Faust regierte. Zu ihrem Nutzen regierte, allerdings. Nein, sie hatten es wohl satt, wie Säuglinge behandelt zu werden. Und Hagary, der dreieinhalb Jahrzehnte auf diesen Augenblick gehofft hatte, wurde von ihnen als Bürgermeister jener Stadt gewählt, die Old Joe mit ihnen gebaut hatte. Mit jenen vierundzwanzig Männern, Frauen und Kindern, die er vor vierundvierzig Jahren ins Land geführt hatte, denen er zeigte, wie man Straßen und Häuser baut, wie man mit Indianern fertig wird, ohne dabei Blutopfer bringen zu müssen, wie man Banditen bekämpft, wie man ein herrliches, aber wildes Land zivilisiert.

Fünf Männer und Frauen von damals lebten noch … und Old Joe war noch da. Als sie ihn vor neun Jahren wegschickten, ihn sogar wie einen zitternden Greis auf ein Altenteil setzen wollten, da war er stolz und gekränkt in die Berge gezogen. Mit vier Pferden, drei Gewehren und einer Ladung Vorräte. Seitdem war er nur noch selten in die Stadt gekommen, die er vor vierzig Jahren gegründet und Bannack genannt hatte.

Das letzte Mal war er vor drei Wochen unten. Diesmal nicht, um Vorräte zu holen, sondern um Hagary zu warnen. Von Indianern wusste er, dass die Regierung die Grenzen des dicht ans Bannack-Tal grenzende Fort Hall-Shoshonen-Reservats verlegen wollte. Aber diese Warnung war von Hagary in den Wind geschlagen worden. Sein Sohn Tim Hagary hatte sogar lauthals gelacht rund von Gespenstern gesprochen, die Old Joe gesehen hätte.

Nun waren sie gekommen, weil sie wohl wussten, dass Old Joe kein Gespensterseher war. Weil sie gar nicht mehr weiterkamen mit ihrer neunmalklugen Angeberei. Aber Old Joe wollte warten. Es würde Hagary nicht leichtfallen, ihm alles au erzählen. Obschon Old Joe wusste, was im Tal geschehen war, Hagary sollte ruhig alles noch einmal schildern. Es würde ihm seinen Hochmut noch mehr zerbrechen, als es bereits der Ritt in die Berge hinauf getan haben mochte.

„Ich komme nicht gerne“, keuchte Hagary. „Der Teufel soll mich holen, wenn mir dieser Ritt Spaß gemacht hat.“ Er sagte das mit einer eigenartig zischenden Aussprache, die von seiner Zahnlosigkeit herrührte.

„Es hat dich keiner gebeten zu kommen, Steve“, erwiderte Old Joe lächelnd. Der Spott in seinem Gesicht war nicht zu übersehen.

„Ich muss mit dir reden. Bill Kaeser, Bob Simmons und mein Junge sind auch mit.“

„Dann hol sie doch her. Oder wollen die nicht? Hat dein Knabe etwa Angst, dass ich ihm die Ohrfeige verpasse, die ich ihm vor drei Wochen versprochen habe, als er so frech gelacht hat?“

Hagary sog scharf die Luft ein. „Joe, wir beide kennen uns, nicht wahr? Du hast mehr als dreißig Jahre auf uns allen herumgetrampelt, hast deine Späße mit jedem von uns gemacht und über jeden in wildem Spott gelacht. Besonders mich hast du immer getreten, wo du konntest. Das habe ich dir nie nachgetragen, Joe. Nun trag du auch dem Jungen nicht nach, wenn er einmal …“

„Dreh dein Pferd um, Steve, nimm die drei anderen und reitet dahin, wo der Pfeffer wächst. Ich habe euch nicht gerufen, und was aus euch und eurem Land wird, ist mir egal. Ich lebe hier im Indianerreservat, habe die besten Freunde unter den Shoshonen. Mich vertreibt keiner. Und was ihr in Bannack tut, das geht mich nichts an. So, Steve, so viele Worte habe ich in den letzten drei Jahren nicht gesprochen. Jetzt dreht euch um und verschwindet!“

Er nahm sein Angelzeug und schritt mit schwerem, festem Tritt an Hagary vorbei, der ihn so fassungslos anstarrte, dass er keinen Ton herausbrachte.

Ohne sich weiter um Hagary oder die drei anderem Reiter zu kümmern, ging Old Joe auf den See zu, wo sein kleines Baumstammfloß am Ufer lag, das er immer zum Angeln benutzte.

Endlich fand Hagary die Sprache wieder. Er drehte sich im Sattel um und rief Old Joe nach: „Zum Teufel, nun lass doch mit dir reden!“

Old Joe schritt weiter ohne zu antworten.

Plötzlich löste sich einer der Reiter aus der Gruppe der drei. Old Joe sah nur kurz hin und erkannte Bob Simmons, einem Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, aber auch er sah viel älter aus. Simmons war früher einmal Cowboy gewesen, und ihm gehörte auch die einzige Ranch im Bannack County. Von allen in der Stadt und im Tal, die Old Joe kannte, war ihm Simmons der angenehmste Zeitgenosse. Vielleicht, weil Simmons dem Alten recht ähnlich war. Nicht nur in der hünenhaften Gestalt, auch in der Art, die Dinge zu regeln.

Vor Old Joe hielt Simmons seinen prachtvollen Rapphengst an. „Alter!“, blökte er wütend. „Soll ich dir eine Kugel durch den Gipskopf schießen, oder wirst du auch so mit uns reden?

„Dann nimm doch deine Spritze und schieß mir die Kugel durch meinen Gipskopf, du Hornochse!“, brüllte ihn Old Joe an. Hoho, das war wieder der Ton, den sie alle so sehr fürchteten unten in Bannack.

Bob Simmons allerdings war da nie ängstlich gewesen. Auch jetzt nicht. Aus seinen grauen Wolfsaugen sah er Old Joe verkniffen an. „Du verdammter Bursche, ich wünschte, du wärest ein paar Jahrzehnte jünger. Menschenskind, Alter, dann würde ich dich …“

Es ging etwas zu schnell für Bob Simmons. Zu unerwartet. Denn plötzlich war der Alte einen Sprung aufs Pferd zugekommen. Der Rappe erschrak und bäumte sich auf, und schon hatte Old Joe mit seiner Pranke das Bein des Reiters gepackt, riss den Mann aus dem Sattel und schlug mit der Rechten so hart zu, dass es Simmons einige Schritt weit durch die Luft trieb. Schwer schlug der Rancher zu Boden.

Nach drei Sekunden hob er den Kopf, schüttelte ihn und sah den Alten wie ein Gespenst an. Dann ächzte er: „Hast … hast du alter Hundesohn das eben getan?“

„Wer sonst, du Lausejunge? Heh, steh auf, dann holst du dir noch eine Tracht Prügel!“

Simmons hatte Not mit dem Aufstehen. Als es geschafft war, wischte er sich über die Augen, musterte den Alten und brummte: „Du verfluchter alter Uhu hast mir bald das Kreuz gebrochen.“

„Niemand hätte dann Grund zum Weinen gehabt, du dämlicher Kuhtreiber.“ Old Joe nahm wieder die Angelsachen auf, betrachtete beunruhigt den zerbrochenen Stiel seines Köchers, ging dann aber wortlos weiter aufs Ufer zu.

Die anderen hatten es mit angesehen. Natürlich besaß Bob Simmons viel mehr Kraft als der Alte, denn er hatte ungefähr dessen Statur und war um mehr als zweieinhalb Jahrzehnte jünger. Doch Old Joe ließ wieder einmal wie so oft einen anderen durch einen geschickten Trick zu Boden gehen. Er ist noch immer derselbe, dachten die anderen und bissen zornig die Zähne zusammen. Die Erkenntnis, dass sie nur noch durch Old Joe aus ihrer Misere herauskommen könnten, überschattete alle Vorurteile gegenüber dem Alten. Sie ahnten, ja, sie wussten es sogar, dass er noch härter, noch despotischer diktieren würde, falls sie ihn wieder zum Oberhaupt des Counties machen würden. Er hatte Großes für dieses Land und seine Menschen getan, gewiss, das stritten sie alle nicht ab. Doch seine brutale Art, die bedingungslose Methode, sie zu regieren wie ein mittelalterlicher Fürst in Europa, das meinten sie in einem freien Land nicht mehr ertragen zu können.

Dennoch gab es für sie kaum noch einen anderen Ausweg, weil sie gar keinen anderen wussten: Old Joe musste wieder zurück in die Stadt. Er musste ihnen helfen, die Regierung davon abzuhalten, ihnen ihr mühsam der Wildnis abgerungenes Land abzunehmen. Denn deshalb waren sie hier.

Natürlich wussten sie, dass er sie vor drei Wochen gewarnt hatte. Beim Kuckuck, woher er das schon wieder im Voraus wissen konnte.

Bill Kaeser trieb seinen Fuchswallach an. Ein schweres Pferd, das gut zu Bill passte. Denn er wirkte wie aus Holz geschnitzt. Nicht sehr groß war er, dafür breit in den Schultern, grau sein Haar und der Bart, tief gebräunt sein Gesicht. Bill Kaeser war ein Junge gewesen, als Old Joe mit dem Treck ins Land kam. Jetzt zählte er achtundfünfzig Jahre. Einer von den Alten in Bannack. Aber ein rüstiger Bursche, der seine Farm blendend in Schuss hielt und außerdem die Posthalterei für die Wells Fargo innehatte. Bill Kaeser war derjenige vor neun Jahren gewesen, der am meisten gegen Old Joes Ablösung opponierte. Andererseits lehnte auch er die despotische Art Old Joes ab.

Vor Old Joe zügelte Bill Kaeser seinen Fuchs. Er tippte an die Hutkrempe, als sei er eben ganz allein hier angekommen, um mit Old Joe zu sprechen. Er schien alles Vorangegangene einfach zu ignorieren.

„Hallo, du alter Löwe! Ich möchte jetzt mit dir ein paar Worte reden. Und du weißt doch, wie oft ich dir ruhig zugehört habe. Nun hör du mir einmal ruhig zu!“

Old Joe blieb stehen, sah Bill Kaeser an, dessen Fleiß und Zähigkeit er immer geschätzt hatte. „Gut, Bill, schieß los!“

„Vielleicht gehen wir beide in deine Hütte, Joe. Wir beide?“

Old Joe warf einen Blick auf Bob Simmons, der ihn wütend ansah, auf Steve Hagary, der unentschlossen neben seinem Pferd stand, und auf Steves Sohn Tim, der fünfzig Schritt entfernt unruhig auf dem Sattel herumrutschte. Tim war jünger als alle anderen hier, etwa Mitte dreißig, und er ahnte wohl, dass Old Joe ihm heimzahlen würde, dass er sich dem alten Manne gegenüber vor drei Wochen so respektlos benommen hatte.

„Gut“, sagte Old Joe. „Steve, Bob, gebt dem Kleinen dort eure Pferde. Du auch, Bill. Ihr drei kommt mit mir in die Hütte, der Kleine wird sich um die Tiere kümmern.

Tim Hagary wurde schamrot, als der Alte von ihm als dem „Kleinen“ sprach. Nur Steve lächelte, und das ärgerte seinen Sohn noch mehr. Steve aber erinnerte sich, dass Old Joe den jungen Hagary ja schon gekannt hatte, als der gerade ein Säugling gewesen war.

Sie folgten zu dritt dem Alten zum Haus. Schweigend gingen sie hinter ihm her, und vor allem Steve Hagary hatte Mühe, mit dem ausgreifend schreitenden alten Hünen Schritt zu halten.

In der Hütte war alles peinlich ordentlich aufgeräumt, die spartanisch einfache Einrichtung strahlte von Sauberkeit.

Die drei Männer sahen sich verblüfft um. Noch nie war einer in Old Joes Berghütte gewesen. Eine Räuberhöhle hatten sie erwartet und fanden ein blitzsauberes Zimmer.

„Setzt euch, und Bill soll erzählen. Du, Bob, gehst zum Schrank dort und holst den Gebrannten heraus. Es stehen auch Tonbecher dabei.“

Bill Kaeser, der in seiner Jugend einmal Tischler gelernt hatte, staunte, als er diesen selbstgebauten Schrank des Alten sah. Und ihnen gingen die Augen über, als Bob die kleinen Tonbecher auf die schwere Tischplatte stellte. Auch die Becher schien der Alte selbst geformt zu haben.

Noch besser fanden sie aber den Selbstgebrannten. Dann aber bemerkten sie den abschätzenden Blick des Alten, und Bill Kaeser begann:

„Der Landkommissar ist in Bannack. Er hat uns den Brief der Regierung überbracht. In Washington haben sie beschlossen, unser Land mit diesem Federstrich dem Shoshonen-Reservat zuzuteilen, weil sie eine Bahn bauen wollen. Die Bahn geht durch das Südgebiet der Reservation. Die Rothäute haben gemeutert. Also verlangten sie Ersatz. Und weil sie ohnehin bis jetzt keinen Zugang zum Snake River hatten, sollen sie ihn nun bekommen. Unser Land, das wir mühsam aufgebaut, bearbeitet und unter vielen Qualen der Natur abgetrotzt haben, verschenkt die Regierung einfach an die Rothäute. Dieser neue Präsident Rutherford Hayes scheint alles zu tun, um die Roten als gute Brüder hinzustellen. Grant hat ihnen Kriege geliefert, und Hayes schmiert ihnen Honig um die Mäuler …“

„Bleib bei der Sache, Bill!“, mahnte der Alte mürrisch.

„Wir haben vor einer Woche schon einen Brief bekommen und ihn abgelehnt. Nun ist der Commissioner da und sagt, dass er Truppen schickt. Unser Land wäre immer noch Bestandteil des Idaho-Territoriums, und wir müssten uns den Anordnungen Washingtons fügen. Als Ausgleich sollten wir weiter westlich ein Stück Land in der Nähe von Boise City bekommen. Das sei guter Boden, sagte der Commissioner, aber wir wissen es besser.“

„Spar dir das, ich bin dort gewesen“, erklärte Old Joe, und die Männer sahen ihn verblüfft an.

Der Alte nickte nur. In seinem Gesicht zeigte sich weder Triumph noch Spott. „War einer von euch dort?“

„Nein, aber wir hörten von einem Händler, dass …“

Der Alte lachte böse. „Ihr wollt verhandeln, ohne zu wissen, was man euch anbietet. Ich habe das Land gesehen. Es ist gutes Land, aber man braucht zwanzig Jahre, um aus der Wildnis Acker- oder Weideland zu machen. Es gibt dort auch mehr Wasser als hier. Nun sprich weiter, Bill!“

Sie starrten immer noch den Alten wie ein Fabeltier an. Hatte sich dieser alte Löwe aufgemacht und war vierhundert Meilen hin und ebenso viele zurück geritten, um sich das Ersatzland anzusehen. Keiner von ihnen wäre auf eine solche Idee gekommen.

„Rede, Bill!“, knurrte der Alte. „Tja, sie werden also Truppen schicken, uns wie ein Rudel Schweine wegtreiben, und das alles in einem freien Land!“, rief Bill Kaeser empört.

„Und warum kommt ihr deshalb zu mir?“

„Wir haben beschlossen, dass du wieder unser Oberhaupt sein sollst, denn du hast das Land aufgebaut mit uns, und wir sind mit dir eigentlich immer durch alle Engpässe gekommen.“ Das sagte Steve Hagary, und es musste ihm unendlich schwerfallen, so etwas Old Joe ins Gesicht zu sagen.

Old Joe nickte, blinzelte aus seinen Falkenaugen den ehemaligen Widersacher an und sagte leise: „Das heißt in anderen Worten, Steve, dass du dich bankrott erklärst.“

Hagary schnappte nach Luft und fuhr den Alten an: „Ein Büffel bist du, ein verdammter alter halsstarriger Büffel! Ich wünschte, dich würde der Teufel holen, alter Mann. Aber das Tal braucht dich … auch wenn du ein dreimal verdammter Dickschädel bist!“

Der Alte lachte röhrend. „Das dachte ich mir. Du und die anderen, ihr seid nichts als eine Herde blökender Hammel. Ihr braucht wirklich einen, der euch die Keule zeigt. Nun gut, ich werde mich darum kümmern.“ Und leiser fügte er hinzu: „Unter einer Bedingung!“

Sie dachten alle drei: Jetzt kommt es. Jetzt presst er uns wieder in die alten Ketten.

Old Joe richtete sich auf, sah sie mit dem Blick eines wahren Herrschers von oben herab kühl an und sagte, Wort für Wort betonend: „Ihr versichert mir, dass nur mein Wort gilt, dass alles, was ich sage und tue, von euch gebilligt ist, auch wenn ich es euch nicht vorher erkläre. Das versprecht ihr mir jetzt, oder ihr könnt euch auf eure Klepper klemmen und wieder hinunterreiten, ohne je von mir etwas zu sehen oder zu hören.“

Sie schnappten nach Luft. Also wollte er wieder die ganze Macht. Natürlich, anders war es ja wirklich nicht zu erwarten gewesen. Dabei wollte gerade Steve Hagary noch dafür sorgen, dass Old diese ganze Macht nicht wieder bekommen sollte.

Sie sahen sich an, und als erster nickte Bob Simmons. Dann meinte Steve Hagary schwerfällig: „Nun ja, es geht hier um unsere Heimat, da müssen wir Opfer bringen. Ich bin einverstanden.“

Bill Kaeser knurrte widerwillig: „Du wirst uns wieder behandeln wie eine Rinderherde, aber ich bin auch dafür.“

Old Joe nickte nur, stopfte sich seine selbstgeschnitzte Pfeife und paffte dicke Wolken abscheulich stinkenden Rauches in die Stube. „Well, dann wollen wir tun, was getan werden muss.“

„Was ist das?“, fragten sie alle drei gleichzeitig.

Old Joe blies kleine Wölkchen aus dem Mund, sah ihnen gedankenverloren nach und knurrte dann: „Ihr reitet wieder hinunter. Ich mache mich morgen früh auf den Weg nach Fort Hall. Vielleicht bin ich in drei Tagen bei euch. Aber halt! Etwas fällt mir ein. Ich brauche einen vernünftigen Mann, der mir behilflich ist. Bob, wie alt ist dein Junge?“

„Vierundzwanzig, Alter.“

Old Joe blinzelte durch die Flaschen, die er als Fensterglas in die Fensteröffnung eingebaut hatte. „Hm, ich glaube, er ist ein recht ordentlicher Knabe, wie?“

Bob Simmons schwoll die Brust in väterlichem Stolz. „Er ist ein Rindermann wie sein Vater. Er ist ein Texaner wie sein …“

Old Joe winkte ab. „Wie sein Vater? Nein, Bob. Dein Junge wurde geboren, als du schon in unser County gekommen bist. Seine Mutter ist meine Nichte, Simmons! Und die ist keine Texanerin. Also, du wirst mir Jimmy schicken. Er soll direkt nach Fort Hall reiten. Dort treffe ich ihn, ihr aber sagt dem Regierungsmenschen, dass alles seine Ordnung bekommt. Er soll warten, bis ich wieder da bin.“

„Er will aber nur bis morgen warten.“

„Ihr werdet dafür sorgen, dass er bis zu meiner Rückkehr warten muss! Dazu braucht ihr ihn nur ein wenig einzusperren. Er wird euch schon einen Grund liefern, gegen die Stadtgesetze verstoßen zu haben. Ist dein Junge immer noch der Marshal?“, fragte Old Joe zu Hagary gewandt.

Steve Hagary nickte.

„Gut, dann wird aus euch dreien der Bürgerrat gebildet. Ihr ernennt noch vier junge kräftige und tüchtige Männer zu Marshals, die streng darauf achten müssen, dass die Stadtgesetze beachtet werden.“

„Aber, Old Joe, wir können doch keinen Commissioner einsperren!“, rief Bill Kaeser.

„Nein?“, polterte der Alte. „Wenn er sich gegen die Gesetze der Stadt vergeht, müsst ihr das sogar tun. Vielleicht spuckt er einmal auf den Sidewalk. Dann habt ihr schon einen Grund. Er wird euch noch mehr Gründe liefern. Tut, was ich gesagt habe.“

„Du lieber Himmel, das gibt ja den schönsten Krach mit der Regierung“, stöhnte Bob Simmons.

Old Joe kniff die Augen zusammen und schlug die Faust auf den Tisch, dass die Tonbecher sprangen. „Ich denke, du bist Texaner, wie? Es geht um unser Recht, Bob. Und für unser Recht mache ich nicht nur einen Krach, sondern einen ausgewachsenen Krieg mit der Regierung.“

„Bist du verrückt?“, rief Steve Hagary.

Der Alte schmunzelte. „Nein, Steve, nur etwas schlauer als du. Als ihr alle vor zwanzig Jahren Krieg mit den Shoshonen machen wolltet, habe ich Frieden mit ihnen gemacht.“

„Ja, das war ein guter Einfall von dir“, meinte Bob Simmons.

„Aha! Aber jetzt, wo ich sage Krieg, da wird es auch ein Krieg sein, in dem wir eine Chance haben. Die Chance, unsere Heimat hier zu behalten, ihr Narren! Ihr habt mir ein Versprechen gegeben. Ihr werdet es halten.“

„Verdammt, Alter, das tun wir, aber wenn du uns dabei ausrotten willst“, schrie Bill Kaeser aufgebracht, „dann brechen wir das Versprechen wieder.“

„All right, dann zieht gleich nach Westen in das neue Land.“

Nein, das wollte keiner. Und Steve Hagary sagte mit der ihm eigenen zischenden Aussprache: „Es wird nichts gebrochen. Ich weiß, Old Joe, dass du nie etwas getan hast, was den Menschen im Tal geschadet hat.“

„Na also! Nun nehmt euch jeder ein frisches Pferd aus meinem Corral, und dann weg mit euch.“

 

 

3

Als sie weg waren, stand Old Joe noch eine ganze Weile vor seiner Hütte, blickte über die Grate der Felsen hinweg zu den segelnden Wolken. Die schwere Pfeife hing in seinem Mundwinkel, aber Old Joe hatte offenbar nicht bemerkt, dass sie erloschen war.

Er sah im Geist die Bilder des Trecks, mit dem er die Menschen in dieses Tal dort unten gebracht hatte, er sah die Zeit der Indianerkämpfe, die hier nur einen einzigen Tag gedauert hatten, denn Old Joe war es gewesen, dem Bannack einen Sonderfrieden mit den Shoshonen verdankte, der weit günstiger für Indianer, aber auch für Weiße war als jeder Frieden, der sonst geschlossen wurde. Immer gingen solchen Friedensverträgen blutige Kämpfe voraus. In Bannack hatte niemand sein Leben verloren gegen die Indianer.

Old Joe wusste auch, dass die Regierung nun einen anderen Kurs einschlug. Nun, da die Sioux am Wounded Knee vernichtend geschlagen waren, da die Truppen die Shoshonen nahezu ausgerottet hatten bis auf ein paar klägliche Überbleibsel, jetzt nämlich begann sich in Washington das Gewissen zu regen. Also zeigte man sich großzügig.

Eine Bahn nach Oregon sollte gebaut werden. Die Ingenieure hatten sich offenbar keine andere Strecke einfallen lassen als die durch das Shoshonen-Reservat von Fort Hall. Man wollte aber keine Reservate mehr auflösen, wie man es unten in Oklahoma kürzlich getan hatte. Die Regierung unter Präsident Hayes scheute solche Maßnahmen vor der Weltöffentlichkeit. Jetzt sagte auch keiner mehr, dass ein toter Indianer ein guter Indianer sei.

Vor etwa vier Wochen hatte Old Joe von diesen Plänen erfahren, die den Menschen im Snake River Valley bei Bannack die Heimat nehmen sollten, nur um die Indianer zufriedenzustellen, wenn eine Bahnstrecke durch ihre Jagdgründe führte.

Obgleich er sich nicht mehr um das Tal und die Stadt kümmern wollte, wie er den Leuten vor neun Jahren versichert hatte, war Old Joe dennoch zum Militärgouverneur des Territoriums gefahren. Seine erste Fahrt mit einer Wells-Fargo-Kutsche war das gewesen.

Und vor fünf Wochen schon wurde es dem alten Hünen klar, dass die Regierung keine Kompromisse schließen würde. Sie wollte ihren Plan rücksichtslos durchführen. Dass dieser Plan gegen die Gesetze der Vereinigten Staaten verstieß, hätte man vielleicht in Delaware oder New York berücksichtigt. Im fernen Westen meinte man auf solche Rücksichten verzichten zu können.

Während die Leute um Steve Hagary noch die Hände in ratloser Verzweiflung rangen, hatte Old Joe bereits die tüchtigsten und berühmtesten Anwälte von Washington mit dem Fall beauftragt. Es bedurfte nur noch eines Expressbriefs, und die Stadt Bannack würde die Vereinigten Staaten von Amerika vor dem Obersten Bundesgericht verklagen.

Klagemotiv: Missachtung des Heimatrechts, Verletzung der Menschenrechte, Landfriedensbruch.

Old Joe wusste zu gut, dass man in Washington einen solchen Prozess so sehr in die Länge ziehen würde, bis in Bannack gar kein Weißer mehr lebte, der noch weiter klagen würde. Doch die Form musste Old Joe wahren. Der Krieg gegen die Regierung jedoch schien ihm unausbleiblich. Er kannte die Militärregierung und deren stures Vorgehen. Denen war nur mit gleicher Methode beizukommen.

Als er so vor der Hütte stand und den Triumph genoss, von den gleichen Leuten um Hilfe gerufen worden zu sein, die ihn vor neun Jahren nicht mehr haben wollten, wusste er auch, wie er seinen Plan ausführen würde. Denn eines wollte er auf alle Fälle vermeiden: unnötiges Blutvergießen. Ohne Blut und Tränen würde es aber nicht abgehen.

Der alte Löwe vom Snake River Valley nickte bedächtig und spie den Tabaksaft weit von sich. Dann knurrte er rau: „Wir werden sie wie die wilden Kaninchen treiben.“

Dann wischte er sich über den schlohweißen Bart, stopfte energisch die Pfeife in die Joppentasche und schritt zum Corral, um eines der beiden Pferde einzufangen, die noch frisch waren.

 

 

4

Die Patrouille der 5. Kavallerie ritt ins Fort Hall ein. Die Hufe prasselten donnernd, als die Kavalkade unter dem Torbogen durchritt, dann schmetterte ein Trompetenstoß, und das schwere Eichenholztor schloss sich quarrend.

Die zwölf Reiter saßen ab; der Lieutenant, der die Patrouille geführt hatte, übergab seinen Falben einem Burschen.

Der Säbel klatschte gegen die Stiefel des Offiziers, als er mit weiten Schritten auf den Bau zustrebte, auf dem in breiten Lettern „Fort Hall Commander“ stand.

Der Lieutenant war jung, und er trug seine Uniform straff und korrekt wie noch vor vier Wochen, als er ans Leavenworth hierher versetzt worden war. Blond, schlank und schneidig war er, der Lieutenant Hover. Er hatte das Gefühl, hier in Fort Hall eine Art Frontposten innezuhaben. Dass die Shoshonen in diesem Gebiet seit gut zwei Jahrzehnten Ruhe hielten, interessierte ihn nicht. Am liebsten wäre ihm ein neuer Kampf gewesen. Kampf, das bedeutete Beförderungsmöglichkeiten, Ruhm, Erfolg. Eigentlich fühlte er sich in dieser Hinsicht etwas enttäuscht. Die Indianerkriege schienen endgültig vorbei zu sein. Aber noch war Idaho ein Territorium. Noch herrschte die Armee. Doch sogar die Banditen mieden diese Gegend.

Major Rangier erwartete den Patrouillenführer schon. Rangier war im Gegensatz zu Hover kurz vor der Pensionierung, hatte kaum noch Haare auf dem Kopf und trug als ewiges Zeichen eines blutigen Kampfes gegen Viehdiebe eine schwere Messernarbe im Gesicht. Das entstellte ihn etwas. Und immer, wenn Rangier wütend war, wurde diese Narbe blutrot. Sie verlief von der Stirn am linken Auge vorbei bis zum Kiefer.

Der Lieutenant meldete schnarrend: „Patrouille Hover aus Bannack zurück. Dieser … hm … Bürgerrat hat die Verhandlungen mit dem Commissioner um drei Tage verschoben. Einer meiner Leute hat erfahren, dass die Burschen in Bannack diesen alten Kerl, diesen Stafford, wieder als Bürgerratsvorsitzenden, gewählt haben. Sonst keine Neuigkeiten. Ich bitte um Anweisungen für den Commissioner.“

Der Major nickte nur und setzte sich schweigend auf seinen massiven Stuhl, starrte an dem Lieutenant vorbei durchs Fenster und brütete noch ein paar Minuten, während der Lieutenant etwas irritiert auf eine Antwort wartete.

„Ist Ihnen nicht gut, Sir?“, fragte Hover den Major besorgt.

Der alte Haudegen schüttelte nur den Kopf, wandte sich spontan Hover zu und sagte rau: „Wissen Sie, was es heißt, dass die sich Old Joe wiedergeholt haben?“

„Nein, Sir, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass es für uns bedeutungsvoll wäre.“

Die hellen Augen des Majors sahen den jungen Offizier zweifelnd an. „Ist das wirklich Ihre Meinung? Hm, Sie wissen nicht, wer dieser alte Mann ist.“

„Sir, wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf: Der Mann, den Sie Old Joe nennen, ist vierundsiebzig Jahre alt, wie man mir versichert hat. In diesem Lande ist ein Mann in diesem Alter hilfloser als ein Kind.“

Der Major lachte polternd. „Mann, haben Sie eine Ahnung! Mr. Hover, Sie können von Glück sagen, wenn der an Sie gerät, und es Ihnen gelingt, auf den beiden Füssen zu bleiben. Das ist dieses hilflose Kind. Mann, o Mann, für diese Sache ist es bitter, wenn Old Joe trotz allem, was sie ihm angetan haben, wieder für sie das Eisen aus dem Feuer holen will. Mr. Hover, wem dieser alte Löwe auf die Idee kommt, uns den Krieg zu erklären, dann wird alles, was wir hier vor zwanzig Jahren mit den Indianern erlebten, ein Kinderspiel sein. Ich hoffe, er tut es nicht. Und wenn er es tut, so soll er damit warten, bis ich in einem Vierteljahr pensioniert bin. Mein Gott, wohin sind wir gekommen, dass wir Leute von uns, Amerikaner wie wir, von ihrem Grund und Boden vertreiben, um ihn den Roten zu geben. Früher haben wir die Rothäute ausrotten wollen, nun fangen wir bei unseren eigenen Leuten damit an. Aber wissen Sie, Mr. Hover, was am schlimmsten ist?“

„Nein, Sir!“

Der alte Offizier kniff ein Auge zu und deutete auf ein abgegriffenes Buch im Regal neben dem Schreibtisch. „Hier! Das Grundgesetz der USA. Gegen das verstoßen wir mit unserem Befehl. Diese Leute in Bannack sind vor Gott und dem amerikanischen Volke im Recht. Und unser Befehl ist menschliches und gesetzliches Unrecht.“

„Aber, Sir, es ist doch ein Befehl!“, widersprach der Lieutenant unsicher.

Der Major nickte. „Ja, es ist ein Befehl. Einer von vielen verdammten, blöden und menschenmordenden Befehlen. Es wird Kampf geben, wenn Old Joe die Leute von Bannack führt, Kampf, Tod, Schmutz, Kummer und Leid, viel, viel Leid.“

Lieutenant Hover verstand das alles nicht. Doch bevor er etwas sagen konnte, klopfte es. Rangier brüllte: „Herein!“

Eine Ordonnanz kam und meldete: „Commander, draußen ist ein Mr. Stafford gekommen.“

„Joe Stafford?“

„Jawohl, Sir, Old Joe ist da!“, meinte der Sergeant, der alt genug war, um noch die Zeit zu kennen, da sie von den Shoshonen vernichtet worden wären, hätte Old Joe nicht eingegriffen und die Shoshonen beruhigt, ja, sogar zum Frieden gebracht.

„Herein mit ihm!“, donnerte Rangier. Und zu Hover sagte er leiser: „Nun werden Sie selbst feststellen können, ob dieser alte Mann so hilflos ist, wie Sie meinen.“

Auch diesmal kam Hover zu keiner Antwort, denn da war Old Joe schon.

Den in allen Farben schillernden Hut mit dem schrägen Kniff im Nacken, das weiße Haar quoll darunter hervor. Das Ledergesicht leicht gerötet vom scharfen Ritt, die mächtige Gestalt gerade und breit wie ein Stück aufrechter Fels. Ja, ein Fels, das war er, ein alter, verwitterter, granitharter Fels.

Er trug eine Winchester 73 in der Linken, einen schweren Peacemaker rechts am Waffengurt. Und diese Waffe sah eigentlich gar nicht verkommen oder unbenutzt aus.

Was den Lieutenant am meisten verwunderte, war die Tatsache, dass der Alte eigentlich gar nicht so alt aussah.

In diesem Lande zu jener Zeit wurden wenige Cowboys älter als vierzig Jahre, die meisten Männer überhaupt erreichten selten das siebzigste Lebensjahr. So etwas war wirklich eine Rarität. Viele Menschen starben schon mit fünfzig bis sechzig Jahren. Das Leben in der Wildnis war hart, gegen Krankheiten gab es wenig Hilfe, Verletzungen wurden tödlich, selbst wenn es nur mittlere Verletzungen waren, wenn keine antiseptischen Mittel angewendet wurden. Gegen Seuchen gab es so gut wie keine Medikamente. Auch ohne Kampf war das Leben eines Mannes kurz.

Es musste Hover verblüffen, hier einen Mann in diesem Alter zu sehen, der so kräftig und ungebrochen wie ein Junger wirkte. Dass dieser alte Löwe aber außer seinen spitzen Zähnen auch noch ein völlig intaktes Gehirn hatte, sollte Hover ein paar Minuten später erfahren.

Rangier begrüßte den alten Mann wie einen lieben Freund. Er bot ihm Platz an, schob die Tabakdose zurecht, aber der alte Hüne schob sie wieder zurück und zog sich einen abgeschabten Lederbeutel aus der Tasche. Was er daraus mit zwei Fingern angelte und in eine Pfeife stopfte, sah grün, gelb und strohig aus wie getrockneter Pferdedung. Hover schnappte atemringend nach Luft, als die Pfeife des Alten dann brannte, und er eine dicke Dampfwolke direkt in Hovers Gesicht blies.

Als Hover den Hustenanfall überwunden hatte, hörte er Old Joe sagen: „Die Stadt Bannack hat mich wieder als Oberhaupt eingesetzt. Ich bin in dieser Eigenschaft hier.“

Rangier ahnte, was kommen würde und versuchte es aufzuhalten. „Wir haben einen guten Whisky. Wie ist es damit, Old Joe?“

Der Alte schüttelte den Kopf. „Du weißt, Major, dass ich nie Alkohol getrunken habe, wenn ich im Kriege war. Ich bin jetzt im Kriege, Major!“

Der Major versuchte zu scherzen: „Etwa gegen mich?“ Er lachte dabei, als sollte das ein Witz sein.

Old Joe blieb ernst, musterte knapp den jungen Lieutenant und sagte dann schroff: „Ja, Major, gegen dich und euch alle hier, wenn es sein muss. Ich wüsste etwas Besseres, aber es liegt an euch.“

„Sir, es ist Ihnen nicht gestattet, den Commander zu duzen!“, schnarrte Lieutenant Hover giftig.

Old Joe wandte sich halb herum, sah den Lieutenant verächtlich an und wandte sich wieder dem Major zu: „Na, Major, was sagst du? Ob es ihn überhaupt schon gegeben hat, als wir beide Black Face zum Teufel gejagt haben? Tu mir den Gefallen, Major, und schick diesen Kleinen raus!“

„Sir, ich verbitte mir …“

Rangier schüttelte besänftigend den Kopf. „Gehen Sie, Lieutenant! Vielleicht lassen Sie sich von Master Sergeant Holm etwas über Black Face erzählen, dann verstehen Sie das alles viel besser.“

„Sir, ich erlaube mir, Ihnen mitzuteilen, dass ich über die Vorgänge einen Bericht an das Regiment schicke.“

Rangier nickte. „Auf dem Dienstweg, Lieutenant Hover, auf dem Dienstweg! Abtreten!“

Der Lieutenant salutierte, warf Old Joe einen vernichtenden Blick zu, den der gar nicht zur Kenntnis nahm, und stapfte mit klirrenden Sporen nach draußen.

„Tja“, brummte Old Joe, „langsam werden unsere Kleinen flügge und bissig. Also reden wir von unserer Sache, Major: Erkläre mir, was du tun willst.“

Rangier zuckte die Schultern, steckte sich eine Zigarette an und sagte dann mürrisch: „Der Befehl für uns ist ganz eindeutig. Wir müssen notfalls mit Gewalt euch aus Bannack und vom Gebiet des Ostufers vertreiben, das gesamte Areal der Reservatsverlegung absichern und durch einen Drahtzaun abgrenzen. Eine Kompanie Pioniere mit Drahtzaungerät ist bereits auf dem Marsch zu uns.“

„All right.“

Rangier sah überrascht auf. „Soll das heißen, dass ihr abzieht?“

Old Joes Faltengesicht verzog sich zum verächtlichen Grinsen. „Hast du davon geträumt, Major?“

„Ja, Old Joe, ich habe davon geträumt. Gewünscht habe ich, dass es keinen Kampf geben wird, bei dem ihr vernichtet werdet. Gewünscht habe ich, dass dieser Drecksbefehl revidiert wird, dass sie ihn in Washington in den Papierkorb werfen. Aber nichts ist. Sie werden es durchsetzen. Zumal dieser Steve Hagary diesen saudummen Brief an den Militärgouverneur geschrieben hat, wo er ihn als Landräuber und Banditen bezeichnet. Dafür wird er auch noch ein Verfahren an den Hals bekommen, euer Steve.“

Old Joe nickte. „Ich habe Steve nie sonderlich leiden können. Er hat immer gegen mich gehetzt. Aber der Brief ist gut. Major, es ist die einzig gute Tat in Steve Hagarys Leben. Säße ich dem Militärgouverneur gegenüber, würde ich alles das, was Steve geschrieben hat, selbst aussprechen.“

„Mein Gott, soll das heißen, dass du dich mit der Regierung anlegen willst, Old Joe? Das ist doch aussichtslos! Die Truppen werden immer mit euch fertig. Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Kein Kraut, Old Joe!“

Old Joe sagte nichts. Er zog an seiner Pfeife und blies dicke Wolken grünlich-grauen Dampfes zur Decke. Sogar dem Major begannen nun die Stimmbänder zu kitzeln, so dass er husten musste.

Nach einer Weile, als Rangier seine Hustenanfälle überstanden hatte, sagte Old Joe gelassen: „Ich habe vorhin der Wells Fargo einen Expressbrief übergeben. An die Anwälte Pauli, Johns & Wendridge. Davon hast du doch sicher schon gehört?“

„Ja, Old Joe, aber auch diese Anwälte helfen dir nichts. Die Regierung wird über euer Land das Kriegsrecht verhängen, und dann bestimmt die Armee nach eigenen Gesetzen.“

„Das Kriegsgericht ist nicht berechtigt. Das werden auch die Zeitungen in Washington schreiben … und in London, denn auch denen habe ich Briefe geschickt.“

Der Major zog die Brauen hoch, und seine Narbe begann dunkelblau anzulaufen. „Old Joe, das hast du getan?“

Old Joe lächelte milde. „Hm-m, habe ich. Sicherlich werde ich noch mehr tun.“ Er machte schmale Augen, aus denen er den Major fast mitleidig musterte.

Rangier zog sein bunt-gewürfeltes Taschentuch aus der Hose und tupfte sich den Schweiß von der Stirn. „Mein Gott, das ist ja eine Kriegserklärung. Old Joe, das geht nicht gut für dich. Auch nicht für deine Leute. Ihr seid ein paar Menschen und könnt euch doch nicht gegen den ganzen Staat auflehnen.“

Old Joe unterbrach den Major mit einer schroffen Handbewegung. „Wenn es um Recht und Gerechtigkeit geht, Major, kämpfe ich gegen die ganze Welt. Entweder sind wir ein freies Land mit ehrlichen Gesetzen, oder wir sind ein verdammter Saustall, in dem nur der Stärkste die Macht hat. Major, wir beide haben einmal dafür gekämpft, Schulter an Schulter, um die Gesetze hier ins Land zu bringen, um sie auch wirksam werden zu lassen. Wir beide haben mit unseren Leuten die Banditen und das Gesindel zum Teufel gejagt. Für das Gesetz taten wir das. Und nun soll das gleiche Gesetz gebeugt werden … vom Staat? Nein, Major, ein Staat, der das Gesetz, das er sich selbst gemacht hat, bricht, handelt wie ein Viehdieb. Und Viehdieben habe ich von eh und je den Krieg erklärt.“

„Mann, sag das nicht so laut!“, rief der Major beschwörend.

Old Joe lachte nur und hieb seine knochige Pranke auf seinen Schenkel. „Laut? Ich werde es dem Präsidenten ins Gesicht brüllen, falls ich dem je begegnen sollte. Ich werde dieses unser aller Recht durchsetzen. Vor dem Gericht, vor der Öffentlichkeit dieser Welt und mit einem guten Gewehr in der Hand, wenn es sein muss.“

Der Major schüttelte matt den Kopf. „Old Joe, Alter! Weißt du auch, was es für uns bedeutet? Wir müssten sogar auf euch schießen!“

„Und jeder von euch, der das tut, wird es bitter bereuen.“

„Utopie! Was richtet ihr gegen die Armee aus?“

„Wartet ab. Kommt, Männer, kommt nach Bannack, um uns zu vertreiben. Major, ich wäre nur froh, wenn du dich beeilen würdest, um den Befehl einem anderen geben zu können. Lass dich versetzen. Du und jene alten Leute von euch, die mit gegen Black Face dabei waren.“

„Ja“, seufzte der Major, „ich glaube, ich tue das wirklich. Wenn ein anderer mir so gedroht hätte, wäre ich vor Lachen vom Stuhl gekippt. Aber wenn du alter verdammter Dickschädel das sagst, ist es blutiger Ernst. Ich glaube, Old Joe, jetzt muss ich einen Whisky haben.“

„Trink deinen Whisky und lass dich versetzen. Und noch etwas: Melde deinem Militärbefehlshaber, dass wir mit der Armee vor zwanzig Jahren einen Vertrag geschlossen haben. Er trägt die Unterschrift eines Generals der US Army und meine auch. Danach hat sich die Armee verpflichtet, das Bannack County nur zu betreten, wenn wir die Armee dort haben wollen. Nimm zur Kenntnis, Major, wir wollen die Armee dort nicht haben. Jeder Soldat, der dort auftaucht, ist ein toter Mann. Sag das deinem Gouverneur von der Militärregierung. Morgen Mittag zwölf Uhr fangen wir damit an.“

„Nimm Vernunft an, Old Joe!“, flehte Rangier. „Um unserer alten Freundschaft willen, nimm Vernunft an!“

Der Alte erhob sich und reckte sich stolz auf. „Major, ich war noch nie so vernünftig wie heute. Ich werde diesen Burschen in Washington beibringen, dass die Gesetze, die man dort gemacht hat, auch im Westen gelten. Eisern! Leb wohl, Major!“

Schon war er draußen, und die Tür schlug hart hinter ihm zu.

Vom Fenster aus sah der Major, wie Old Joe mit einem jungen Manne sprach, der ihm den mächtigen Grauschimmel am Zügel hielt. Dem Major kam der junge Mann bekannt vor. Ein blonder Recke mit hagerem Gesicht. Fast sah er aus wie ein Sohn des Alten, doch dazu war er wohl zu jung. Und nun fiel es Rangier ein, wer dieser sehnige junge Bursche war. Der Sohn von Rancher Simmons, dem aufsässigen Texaner. Ja, und ebenso aufsässig wie dieser Rebell Simmons sah auch dieser Junge aus.

Der Alte schwang sich jetzt aufs Pferd, der junge Mann in Cowboykleidung sprang wie ein Husar, ohne den Bügel zu berühren, auf seinen struppigen Cayusen. Dann galoppierten die beiden zum Tor hin.

„Lieber Himmel“, brummte der Major inbrünstig, „lass die Leute in Washington einsichtig werden. Denn Old Joe wird bestimmt nicht zur Einsicht kommen.“

 

 

5

„Wohin geht‘s, alter Häuptling?“, fragte Jimmy Simmons, als sie auf die Berge zuritten.

Der Alte sah den strohblonden jungen Cowboy an und lächelte mild. Immer, wenn er Jimmy sah, verklärten sich seine Züge. Vielleicht mochte er außer anderen Gründen auch deshalb Jimmys Vater so gern.

Jimmy war genau der Junge, den sich Old Joe immer gewünscht hatte. Doch ihm hatte die Natur einen Streich gespielt, was die Wünsche anging. Seine Frau bekam sechs Töchter. Bei der letzten starb sie selbst. Vier der Mädchen überlebten das Säuglingsalter. Drei lebten noch jetzt. Aber Old Joe hatte nie einen Sohn. Noch nicht mal einen Enkel. Denn alle seine Töchter gebaren abermals nur Mädchen. Das war für den stolzen alten Löwen eine bittere Pille, denn bei ihm zählte nur ein Mann. Frauen wurden von ihm behütet, umsorgt, verwöhnt, aber mehr als ein Spielzeug, das man sorgsam behandelt, waren sie nie für ihn gewesen, solange er jung war. Später mochte er Frauen überhaupt nicht mehr. Mit einer einzigen Ausnahme: Bob Simmons‘ Frau, seine Nichte Nathalie. Und sie gebar auch einen Jungen, diesen Jimmy dort, der da so wild und verwegen auf dem struppigen Cayusen saß und in jeder Beziehung Sinnbild dessen war, was sich Old Joe unter einem Nachkommen vorstellte.

„Wohin wir reiten?“, meinte der Alte, als erinnere er sich wieder der Frage des Jungen. „Hm, zu Grand Shield.“

Dem Fünfundzwanzigjährigen entfuhr ein Fluch. „Zu diesem roten Bastard?“

Die Abneigung gegen jeden Indianer war ihm vom Vater eingeimpft. Er hasste und verachtete die Rothäute.

Alle Texaner taten das, denn zu viel Blut hatte der Weiße in Texas geopfert gegen die Indianer. Jimmys Vater war ja aus dem Inferno von Indianerkämpfen hier nach Idaho geflüchtet. Damals gab es hier schon eine Stadt Bannack. Und damals suchte der Führer der Leute in Bannack einen Rindermann, der Viehzucht einrichten würde. Bob Simmons aus Texas kam gerade recht. Zwei Jahre später war er mit Nathalie verheiratet. Und ein weiteres Jahr später kam Jimmy zur Welt. Unter einem Chuckwaggon, denn Nathalie konnte nicht mehr in die Stadt gebracht werden. Auf dem Wege von der Ranch zur Stadt wurde sie entbunden … von Old Joe. Der erste Mensch, der Jimmy gesehen hatte, war dieser knochige alte Mann.

„Mein Junge“, sagte er zu Jimmy, und er sagte es väterlich und sanft, „wenn das ein anderer in Bannack gesagt hätte, dass Grand Shield ein Bastard wäre, würde ich ihm das Genick brechen. Aber du weißt es nicht besser. Dieser alte Häuptling ist ein Mann, der noch nie sein Wort brach. Noch nie. Als andere Weiße sich mit den Rothäuten Schlachten lieferten und sich zerfleischten, haben wir beide, Grand Shield und ich, Verträge geschlossen … und sie auch eisern gehalten. Bis heute. Kein Mann in Bannack verlor sein Leben. Kein Indianer wurde von jenem Stamm durch einen von uns getötet. Wir haben es nie bereut, Jimmy. Grand Shield handelte mit uns, ja, als es gegen Black Face ging, diesem schlimmsten Banditen, den ich mir denken kann, war Grand Shield auf unserer Seite. Die Armee, Grand Shields Shoshonen und wir haben diesem Schurken Black Face und seinen mehr als hundert Banditen den Strick gedreht. Grand Shield ist ein Ehrenmann. Er hat nur einen Nachteil, Jimmy: Bis heute hat er nicht schreiben gelernt. Dabei bin ich seit neun Jahren dabei, es ihm beizubringen. Er kapiert es einfach nicht.“

Jimmy grinste belustigt und meinte trocken: „Wenn du weiter keine Sorgen hast, Häuptling. Aber wozu soll ein Besuch bei diesem Burschen gut sein?“

„Du wirst es sehen, mein Junge. Pass nur gut auf! Augen auf und Ohren auf! Merke dir alles, was du siehst und hörst! Merke es dir!“

Jimmy lächelte immer noch, aber er spürte wohl, dass es dem alten Löwen mit dieser Mahnung bitterernst war. „Ja, ich werde achtgeben“, versprach er.

Sieben Stunden später erreichten sie das Hochgebirge. Auf gewundenen Pfaden ritten sie bergan. Und wieder einmal musste Jimmy staunen, wie gelenkig der Alte noch war. Mitunter mussten sie absitzen, um die Pferde zu führen. Dem Alten schien das alles nichts auszumachen.

Noch mehr staunte Jimmy, wenn sie rasteten. Zu Mittag hatten sie einen Salm gefangen, vielmehr hatte Old Joe ihn an einem Bach mit der bloßen Hand erwischt, mit dem Messer getötet und dann aufgeschnitten. Während Jimmy das Schwanzende des großen Fisches briet, aß Old Joe seinen Teil roh. Auch Beeren, die Jimmy überhaupt nicht beachtete, pflückte der Alte und verspeiste sie, wenn sie irgendwo rasteten. Statt des starken Kaffees, den sich Jimmy nach Cowboyart immer bereitete, trank Old Joe ein Gemisch aus Kräutertee und seinen selbstgebrannten Schnaps. Ein Gebräu, das nach Jimmys Meinung gut war, einen Stall zu desinfizieren, das aber einen normalen Menschen umwerfen musste. Old Joe aber trank dieses gallebittere Zeug mit Wohlbehagen. Jimmy musste einmal kosten, wollte aber seitdem lieber den Rest des Weges zu Fuß gehen, als noch einmal davon zu trinken.

Old Joe aß überhaupt kein Fett, wie es Jimmy aus Talg ausließ, um Trockenfleisch darin zu sieden. Alle Cowboys mochten dieses Fett aus Talg. Old Joe lehnte es völlig ab. Wenn er Fleisch briet, dann nur über dem Feuer ohne Pfanne, aber auch das nur wenig, so dass es innen noch völlig roh war. Bohnen mochte er auch nicht, weil sie – wie er sagte – blähten. Das wäre nicht gut und schadete dem Körper. Statt dessen aß er hartes Brot, das er nur anfeuchtete. Jimmy hätte sich daran einmal bald die Zähne ausgebrochen. Der Alte aber kaute diese Brotstückchen, als hätte er das Gebiss eines Zwanzigjährigen.

Dass Old Joe auch ein ganz hervorragender Schütze war und trotz seines hohen Alters kein bisschen zitterte, sah Jimmy bei einer anderen Gelegenheit. Einen Puma, der ein Hirschkalb jagte, schoss Old Joe im Sprung ab. Der Schuss saß millimeterscharf im Herzen.

Old Joe wollte aus Jimmy einen Mann machen, der später in der Lage war, die Menschen in Bannack zu führen. Manchmal schon hatte er dabei auch an Bob gedacht, an Jimmys Vater, doch der schien ihm mit der Stadt nicht verwurzelt genug. Bob hing noch mit einem Bein in Texas. Er sprach zu viel davon. Jimmy jedoch wuchs in diesem Lande auf. Und Old Joe meinte auch, Jimmy sei ein noch härterer und klügerer Bursche als sein Vater.

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941951
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906840
Schlagworte
bannack löwe

Autor

Zurück

Titel: Der Löwe von Bannack