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Der Marshal und der Meineid

2020 120 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Marshal und der Meineid

Copyright

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Der Marshal und der Meineid

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 160 Taschenbuchseiten.

 

Ihm waren Recht und Gesetz das Höchste. Er war überzeugt von seiner Mission, Recht und Gesetz auch in Skymoore durchsetzen zu müssen. Aber er brachte nur Blut, Tod und Tränen. Niemand blieb sein Freund, und die Frau, die er liebte, wandte sich von ihm ab. Er war einsam; er schien verloren. Aber er gab nicht auf, obgleich sie ihm nach dem Leben trachteten. Es wurde ein verzweifelter Kampf, und er kämpfte ihn bis zum Schluss. Das ist die Geschichte von US-Marshal Thomas P. Worth.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Kurz vor Mittag betrat Thomas Worth das Sheriff Office. Das kleine Büro befand sich in einem schäbigen Anbau neben dem „Lonestar Saloon“.

Das hagere, kantige Gesicht Ganters wandte sich ihm zu. „Was Neues von Archer?“ Ganter wischte die Akten und Notizen vor sich zur Seite und zog sich das kleine Tabakfass heran.

Bevor Worth antwortete, betrachtete er den nicht mehr jungen Sheriff, von dem es hieß, er hätte mit seiner Intelligenz mehr Banditen zur Strecke gebracht als mit dem Colt. Und Worth kannte auch

Ganters Devise: Keine Gewalt, lieber ein Netz.

Worth erinnerte sich an Ganters Frage und erwiderte: „Es ist ihm nichts nachzuweisen. Die Bahn hat ihn eingestellt. Ich kann nichts dagegen tun. Nichts, Steve.“

Steve Ganter schüttelte den Kopf. „Wir bekommen Ärger genug, wenn er hier bleibt. Ich habe in meinem ganzen Leben nicht soviel geredet, um den Colonel zu überzeugen, dass Archer entlassen werden muss. Gut, der Colonel hat ihn gefeuert, aber nicht, um ihn jetzt als Bahnlager-Wächter zu sehen, dazu in unserer Stadt. Verstehst du, Tom, was ich meine?“

Worth nickte. „Du glaubst, dass der Krieg zwischen der Double-T von Colonel van Luns und Chrislers Kreuz-im-Kreis mit Archers Hinauswurf beendet ist?“

Ganter schlug die Faust auf den Tisch, dass die Schriftstücke hochflatterten. „So ist es. Beide sind den Kampf leid. Beide haben in diesem verdammten Weidekrieg zusammen sieben Männer verloren. Zwei weitere sind Krüppel fürs Leben. Für Archer war das nicht schlecht, es war sein Brot, anderer Leute Kriege auszufechten. Aber nun reicht es uns allen. Wir wollen keine Revolverleute im County. Archer muss weg, ganz weg. Er hat auch bei der Bahn nichts zu suchen. Es muss etwas geben, was man ihm nachweisen kann.“

„Wenn er bei der Bahn arbeitet, kannst du nichts machen. Die Bahn untersteht dem Bundesrecht, Steve. Es ist ihm auch nichts vorzuwerfen, nicht einmal Totschlag. Immer war es Notwehr.“

Ganter lachte bitter. „Dummes Zeug, Tom. Du weißt selbst, wie so eine Notwehr provoziert wird. Er ist ein verdammter Bandit. Und ich wünschte, er fiele einmal rückwärts eine Treppe hinunter. Nichts als verdammten Ärger hat er diesem Land gebracht. Ein verfluchter Hundesohn ist er, nichts weiter.“ Ganter steigerte sich so in seine Erregung, dass er aufsprang und Worth anschrie: „Ich habe diesen mistigen Krieg satt. Ich will Frieden hier. Wir alle wollen Frieden. Es gibt genug andere Sorgen. Die Trockenheit, die Kälberseuche. Warum zum Teufel kannst du der Bahn nicht klarmachen, was sie zu tun hat? Das ist jetzt deine Sache. Du bist US Marshal. Sag ihnen, was mit Archer los ist. Sie sollen ihn von mir aus sonstwo einsetzen, aber nicht hier, nicht in meiner Stadt, nicht vor meiner Nase!“

„Es gibt keinen Anlass, keinen Nachweis, Archer von seinem Posten zu entfernen“, erklärte Worth.

Er mochte diesen Revolvermann Archer nicht. Genau gesagt, war er mit Ganter einer Meinung. Wenn es dem Sheriff endlich gelungen war, den Weidekrieg zwischen der Double-T-Ranch und der Kreuz-im-Kreis mit viel Geschick und Schläue zu beenden, dann bedeutete das Frieden im County.

Archer, der Revolvermann, hatte viel dazu beigetragen, dass dieser Frieden hinausgezögert wurde. Ganter wollte diesen Mann für immer aus dem County haben. Aber Archer hatte sich einen Job bei der Atchison, Topeka & Santa Fe Railroad gesucht und gefunden. Die Bahn hatte schnell schießende Lagerwächter gern, zumal man Archer keine strafbare Handlung nachweisen konnte. Dabei wusste jedes Kind, wie er es vermieden hatte, zum Mörder gestempelt zu werden. Immer hatte sein Opfer zuerst gezogen. Und Archer hatte „in Notwehr“ gehandelt.

„Ich werde ihn unter einem Vorwand ein paar Tage einsperren“, meinte Ganter nachdenklich. „Immer mal so ein paar Tage. Einmal wird er von allein wegreiten.“

„Das wäre wider das Gesetz und wider das Recht!“, erklärte Worth scharf.

Ganter runzelte die Stirn. „Manchmal glaube ich, einer ist auch mit fünfundzwanzig zu jung, um Marshal zu sein, was?“

Worth spürte, wie ihm vor Zorn das Blut ins Gesicht stieg. Aber er zwang sich zur Beherrschung. „Du wirst sehen, wie lange du mit deinem selbstgestrickten Rechtsbegriff klarkommst. Für mich jedenfalls gibt es nur ein Gesetz und ein Recht, und das ist nicht in Skymoore gemacht worden. Aber es gilt auch für diese Stadt Skymoore.“

Ganter wurde mit einem Male ruhig. Er lehnte sich zurück, lächelte sanft und sagte: „Ich verstehe dich, Tom. In deinem Alter, und das ist jetzt zwanzig Jahre her, mein Junge, da dachte ich auch so verklemmt wie du. Heute weiß ich, dass es egal ist, wie man Ruhe und Frieden halten kann, Hauptsache, man hat beides!“

 

 

2

Worth war diese ewige Kompromissbereitschaft Ganters zuwider, er begriff zwar, worum es dem Sheriff ging, aber er mochte die Methode nicht. Seines Erachtens konnte es nur eine dauerhafte Regelung geben, und die war auf dem geltenden Recht und Gesetz aufgebaut. Sheriff Ganters Auslegung lehnte er entschieden ab. Er dachte daran, wie Ganter, um den Frieden wieder ins County zu bringen, einen Cowboy der Kreuz im Kreis-Ranch aus der Haft entlassen hatte, obgleich dieser Mann nachweislich einen Weidebrand auf dem Gebiet der „Double-T“ ausgelegt hatte. Trotzdem entließ ihn Ganter, weil er dafür bei Kreuz-im-Kreis-Rancher Chrisler eine Benutzung der Nordtränke für die Double-T-Rinder aushandeln konnte. Ein wahrer Kuhhandel, schien es Worth. Allerdings, und das musste er sich eingestehen, war nun wirklich Frieden. Aber würde das von Dauer sein? Konnte ein echter Frieden auf so einem wackeligen ausgefeilschten Fundament stehen?

Er kam nicht dazu, seine Gedanken weiterzuspinnen. Denn jetzt handelte das Schicksal. In dieser Sekunde sollte ein Krieg beginnen, den US Marshal Thomas P. Worth allein gegen ein ganzes County führen musste.

Denn in dieser Sekunde fiel ein Schuss drüben beim Bahnlager.

Worth sprang mit einem Satz zum Fenster und riss es auf. Er sah zum Bahnlager hinüber, wo jetzt ein Reiter um die Baracke galoppierte. Worth erkannte ihn sofort. Der Mann auf dem Schecken, dieser schmale junge Bursche, war Jan van Luns, der einzige Sohn des Colonels.

Ziemlich erregt, der Junge, dachte Worth und beobachtete, wie der Reiter sich umsah, doch es folgte ihm niemand. Denn er trieb er sein Pferd an, als ginge es um Leben und Tod. Jetzt war er in Höhe des Saloons. Er erkannte Worth am Fenster des Office, und sein Gesicht wurde blass.

„Eh, halt mal!“, rief Worth, aber der junge Reiter tat das Gegenteil und schlug auf sein Pferd ein. Wie von Furien gehetzt verschwand er hinter der Straßenkurve vor dem Nordausgang der Stadt.

Worth zwängte sich an Ganter vorbei und verließ eilig das Büro. Mit langen Schritten ging er schräg über die Straße zum Bahnlager hinüber. Von rechts kamen der Schmied und sein rußgeschwärzter Geselle. Auch links vom Lager näherten sich zwei Leute, Arbeiter aus Svensons Zimmermanns-Team, das am neuen Schulhaus baute.

„He, du verrückter Bulle, nun warte wenigstens auf mich!“, hörte Worth den Sheriff hinter sich rufen. Aber er wollte nicht warten. Ganter holte ihn erst vor dem Bahnlager ein. Der lange Sheriff war ein wenig außer Atem, und so stieß er hervor: „Was ist überhaupt los?“

„Das da!“, sagte Worth, der jetzt um die Barackenecke bog und die am Boden liegende Gestalt sah, neben der eine Frau kniete.

„Verdammt! Das ist doch Archer“, rief Ganter überrascht.

Die Frau sah auf; in ihrem Gesicht spiegelte sich Entsetzen. Sie musste Zeugin der Tat gewesen sein. Aber sie schwieg. Ihre Lippen pressten sich zusammen, als wolle sie um keinen Preis nur eine Silbe sprechen.

Worth beugte sich über den auf dem Rücken liegenden Archer. „Ist er tot?“, fragte er und wollte sich davon überzeugen.

Er blickte in das bleiche Gesicht des Mädchens, und jetzt erkannte er sie auch. In den wenigen Wochen, die er hier weilte, war er ihr erst einmal begegnet. Man erzählte viel über Belle Dorothy, die man kurz Belle nannte. Man behauptete, dass sie ein großes Herz besäße und schon viele Verehrer gehabt habe. Archer war ihr besonderer Freund gewesen. Der junge van Luns sollte angeblich ebenfalls ein Verhältnis mit ihr haben. Luns, dachte Worth. Lag hier der Beweis? Mord aus Eifersucht? Weshalb sonst war van Luns vorhin davongejagt?

„Wer hat es getan?“, fragte Ganter, und das war die Frage, die Worth gerade hatte stellen wollen.

Die Frau erhob sich. Eine schöne Frau, wie Worth feststellte. Rassig, feurig. Ihr brünettes Haar glänzte im Sonnenschein, und die Blässe des Gesichtes gab ihren Zügen einen madonnenhaften Ausdruck. Aber eine Madonna ist sie wohl nicht, sagte sich Worth.

Ich kann noch nicht darüber sprechen“, flüsterte kaum vernehmbar.

„Ich habe den jungen van Luns davonreiten sehen“, meinte der korpulente Schmied.

Jetzt schüttelte Belle spontan den Kopf. „Nein, van Luns war es nicht … er … er wurde selbst bedroht von ihm hier …“ Sie blickte kurz auf den Toten, sah aber gleich wieder weg, als schmerzte sie dieser Anblick.

Ganter hob den Revolver auf, der in Archers halb geöffneter Hand lag. Er roch am Lauf, aber das Resultat schien ihn nicht zu befriedigen. Er reichte die Waffe Worth und meinte: „Kein Schuss ist in der letzten Stunde daraus abgegeben worden.“

„Er hat ihn auch gar nicht in der Hand gehabt, als er starb“, erwiderte Worth und nahm den Colt, ein Whitneyville Walker Modell mit prunkvoll verziertem Griff.

Ganter musste diese Feststellung überhört haben, denn er reagierte nicht darauf, sondern bemühte sich um Belle. „Kommen Sie, Miss Doubleday. Das ist kein Platz für eine Frau!“ Und zu den Arbeitern und dem Schmied gewandt fuhr er fort: „Holt Richie, der kann sich um ihn kümmern. Er soll den Doc mitbringen.“

Worth kniete sich neben den Toten, aber hier konnte wirklich kein Arzt mehr helfen. Immerhin wollte Worth sichergehen. Der Schuss hatte Archer genau von vorn in die Brust getroffen. Es musste seiner Ansicht nach für Archer überraschend gekommen sein, denn die linke Hand des toten Revolvermannes war unnatürlich verbogen. Auch war diese linke Hand durch einen Holzsplitter verletzt. Holz, das aus der Barackenwand stammte.

Ganter und Belle waren schon verschwunden, und nun standen die Menschen in dichtem Kreis um Worth und den Toten. Worth beachtete die Leute nicht. Dass der Revolver nach dem Tode Archers in dessen Hand gelegt worden war, stand für Worth aus zwei Gründen fest: Einmal war Archer Linkshänder und dafür im ganzen Süden bekannt. Außerdem trug er das Holster links und würde nie mit der Rechten ziehen. Und dann als Bestätigung die Sache mit dem Splitter. Die linke Hand schien sich an die Wand gestützt zu haben, bevor der Mörder auftrat. Dann war völlig überraschend der Schuss gefallen. Dabei hatte Archer wohl noch nach dem Revolver greifen wollen, vielleicht noch nicht einmal. Auf alle Fälle war der Splitter beim hastigen Herabgleiten der Hand ins Fleisch eingedrungen.

Richie, der Leichenbestatter, kam mit dem Doc. Worth nickte den beiden zu und ging. Als er sich eine Gasse durch die Menge bahnte, hörte er, wie jemand sagte: „Um Archer ist es nicht schade. Der es getan hat, dem sollten wir ein Denkmal setzen!“

Worth fuhr herum und sah den Sprecher, einen alten Mann aus dem Generalstore. Er wusste nicht, wie dieser verhutzelte Alte hieß, aber das interessierte ihn jetzt auch nicht. „Es war Mord! Und wer so was tut, bekommt den Strick und kein Denkmal!“, fauchte er den Alten an.

Der zuckte verdattert zusammen, und ein jüngerer Mensch, der neben ihm stand, meinte beruhigend: „Nun mal langsam, Marshal. Archer war ja schließlich auch nicht gerade ein Musterknabe, wie?“

Die Menge um Worth pflichtete in aufgeregtem Gemurmel dem Sprecher bei. Worth antwortete nicht, sondern ging weiter. Er ahnte zum ersten Male, was ihm bevorstand, und doch konnte er sich das jetzt nicht ausmalen, wie hart es werden würde.

 

Belton’s Skymoore Epigraph vom 7. Juli 1892:

Der berüchtigte Revolvermann Virgil Archer im Duell erschossen. Unbekannter tötet den Bahnlager-Wächter Archer vor den Augen von Miss Dorothy Doubleday und Mr. Jan-Markus van Luns. Sheriff Ganter leitet die Untersuchungen. Miss Doubledays Zeugenaussage protokolliert.

Thomas Worth stammte aus einer alten Viehzüchtersippe im texanischen Brushland an der Grenze, wo das Leben wirklich kein Honiglecken ist. Die Arbeit bei der Herde, das Round-up im Besonderen, war täglich eine neue artistische Glanznummer. Es war kein Zufall, dass Cowboys, die im Brushland gearbeitet hatten, oben in der offenen Prärie überaus geschätzte und hochbezahlte Herdenmänner wurden.

Das Leben im Brushland hatte Worth geformt. Er war verschlossen, ein wenig spröde und wortkarg. Und wie alle Männer aus dem Brushland hatte er einen Dickkopf, dem nur ein Mann aus Kentucky Part halten konnte.

So herb wie das Land, aus dem er kam, war auch Worths Äußeres. Ein Jungstier hatte ihm einmal mit dem Horn Kinn und Unterlippe aufgeschlitzt, und diese Narbe machte den blonden Schädel nicht anziehender. Und doch schien er den Frauen zu gefallen.

Zwei Dinge bestimmten sein Tun und Handeln: seine Überzeugung von Recht und Gesetz und seine Bescheidenheit. Er hatte gelernt, dass ein Mann eine Menge Dinge zu tun hatte, die seine Pflicht waren. Einen Lohn dafür gab es nicht. So war es unten im Brushland gewesen.

Hier oben in Skymoore war das anders. Hier prahlte jeder mit dem geringsten Können. Und deshalb verachtete Worth die meisten der Leute hier oben.

Catherine van Luns war eine Ausnahme. Catherine und Worth waren befreundet, sehr befreundet, soweit das sein abgeklärtes und zurückhaltendes Temperament zuließ. Denn im Brushland galt es als unmännlich, wenn ein Mann einer Frau die ganze Zuneigung zu erkennen gab, jedenfalls bei der Frau, die man heiraten wollte. Und Worth wollte Catherine heiraten. Einiges stand dem im Wege, vor allem der Reichtum der van Luns’ und die Abneigung des alten Colonels gegen alles, was aus Washington kam. Und aus Washington kam zum Beispiel das Gesetz.

Colonel van Luns, einst ein enger Freund von General Lee und ein fanatischer Verfechter des Kampfgedankens der Konföderierten, erkannte zwar die Niederlage des Südens im Krieg gegen den Norden an, nicht aber die Herrschaft des Siegers. Für ihn war der Krieg gegen den Norden nur unterbrochen, aber niemals beendet. Es war ihm ein Vergnügen, wenn er Gesetze und Vorschriften, die in Washington ausgedacht waren, umgehen oder gar missachten konnte.

US Marshal Worth aber erhielt seine Befehle aus Washington. Er war dem Sinne nach ein ausführendes Organ des US Bundes. Der Stern auf seiner Weste zeigte das jedem, auch dem Colonel. Und dieser Stern hatte eine Freundschaft zwischen dem Colonel und Worth folglich bisher stets unterbunden.

Worth saß am Fenster des Speisehauses und dachte über die Aussage nach, die Belle gemacht hatte.

Er zweifelte keine Sekunde, dass sie von A bis Z erlogen war. Demzufolge sollte van Luns sich ausgerechnet hinter dem Bahnlager mit Belle getroffen haben. Und dann war angeblich Archer hinzugekommen. Archer, der Belle liebte. Er habe, so behauptete Belle in ihrem Protokoll, eine Auseinandersetzung mit van Luns gehabt, als plötzlich jemand hinter der Schuppenecke aufgetaucht sei, der gerufen habe: „Jetzt bist du dran, Archer!“ Und dann hätte Archer zum Colt gegriffen, aber der Fremde sei schneller gewesen. Luns hätte diesen Fremden nicht abwehren können, weil er unbewaffnet gewesen sei. Und dieser Fremde, der ausgesehen habe wie ein Mexikaner, hätte befohlen, van Luns solle in drei Minuten aus der Stadt verschwinden. Und deshalb sei van Luns davongeritten.

Worth kannte den jungen van Luns. Er war ein verwöhnter und ungeratener Bursche, dem es an vielem fehlte, nur nicht an Frechheit. Niemals hätte van Luns einer solchen Aufforderung, wie jener mysteriöse Fremde sie gestellt haben sollte, Folge geleistet. Dazu war der Junge viel zu stolz und von sich und dem Glanz der väterlichen Ranch eingenommen.

Über solche Märchen könnte Worth nur lächeln, zumal ihm der Doc das Geschoss gegeben hatte, mit dem Archer getötet worden war. Ein Projektil aus einem 44er Starr Cap and Ball 8 Inch Revolver. Von diesen Waffen gab es eine Menge, aber in diesem Falle war es doch eine Besonderheit. Denn das Geschoss war eines von den selbstgefertigten, wie sie die konföderierten Truppen in den letzten Kriegstagen aus Munitionsmangel hergestellt hatten. Und solche Munition war selten. Colonel van Luns jedoch hatte noch eine Menge davon, und er besaß auch einige der Starr Cap and Ball 8 Inch Revolver.

Es gab noch etwas, was Worth verblüffte. Und er war entschlossen, den Sheriff nachher darauf anzusprechen. Ganter hatte sich nämlich die Untersuchung des Falles angemaßt, obgleich er dafür nicht zuständig war. Archer war auf Bahngelände ermordet worden, und dafür war zu Nachforschungen nur ein Bahndetektiv oder ein US Marshal berechtigt.

Am Nebentisch im Speisesaal saß eine Dame. Worth kannte sie nicht; sie musste mit dem Nachmittagszug gekommen sein. Weil er aber immer nur ein Ziel im Auge hatte, beachtete er die Fremde nicht weiter.

Sie lächelte ihm übermütig zu. Er wurde verstockt und steif und wandte sich ab. Er hasste es, wenn Mädchen, die er nicht kannte, so munter zurückblickten.

Nach einem Blick auf seine Taschenuhr stand er auf und ging.

Ganter lag auf seiner Pritsche und las den Skymoore Epigraph. Ohne seine Lektüre abzubrechen oder die Zeitung nur ein wenig zu senken, meinte er: „Wusste, dass du kommen wirst. Na, hast du den Artikel gelesen, den unser famoser Redakteur verbrochen hat?“

Worth zog sich einen Stuhl mit dem Fuß heran und setzte sich: „Es ist genug. Steve. Bis jetzt war es ja ganz schön, wie du dich an der Nase herumführen lässt, aber nun ist Schluss. Das ist nämlich mein Fall, mein Lieber! Und ich denke nicht daran, Märchen zu Papier zu bringen. Märchen, wie sie dir diese Belle diktiert.“

Ganter schleuderte die Zeitung zur Seite. Sein Gesicht spiegelte die Überraschung, aber auch den aufkeimenden Zorn wider, der sich seiner bemächtigte. „Gut, soll es dein Fall sein, Tom. Ich schreie nicht gerade nach Arbeit, so ist das nicht. Aber eines muss ich dir sagen: Belle nimmt ihre Aussage unter Eid, und der junge van Luns tut das auch. Was willst du dem entgegensetzen?!“

„Den Beweis, Steve. Nichts weiter! Und Meineid ist auch ein Delikt, das geradewegs zu den Steinbrüchen oder den Schwefellagern bei Houston führt. Ich werde van Luns heute noch verhaften!“

Ganter sprang von der Pritsche. „Du bist wahnsinnig!“ Er trat vor Worth hin und fuchtelte erregt mit der Hand vor dessen Gesicht herum. „Tom, wenn du noch einen Funken Verstand in dir hast, dann tust du das, was ich dir jetzt sage! Aber zuvor will ich versuchen, ein Argument in dein verdummtes Brushland-Hirn zu hämmern: Wir haben jetzt Frieden hier. Wenn überhaupt noch ein dunkler Punkt vorhanden gewesen ist, dann durch Archers Existenz. Archer war nicht nur ein Revolvermann, er war ein Schuft. Es hat ihm Spaß gemacht, wie sich die beiden Rancher in den Haaren gelegen haben. Ich beweise dir, dass er so manchen Anlass für neue Fehden zwischen dem Colonel und Chrisler absichtlich konstruiert hat. Damals die Sache mit dem zerschnittenen Draht. Das sollten Cowboys von Chrisler getan haben. Und daraufhin hat der Colonel die beiden Feldscheunen von Chrisler abbrennen lassen. Aber es war nicht eine Hand von Chrislers Mannschaft dabei, als der Draht zerschnitten worden ist. Das hat Archer getan! Ich will dir mehr sagen: Ich glaube auch nicht an die Aussage von Belle. Aber ich werde sie akzeptieren. Der Richter wird das auch tun. Es wird sogar so sein: Archer wird den Colonel erpresst haben, wenigstens den Versuch dazu gemacht haben. Und nun kommt etwas, was ich nicht so sicher annehme wie du, nämlich den Mörder. Du glaubst, du müsstest den jungen van Luns verhaften, weil du sicher bist, nur er könnte der Mörder sein. Ich glaube es nicht einmal, weil kein van Luns so dämlich ist. Ich glaube, es wird wirklich einen zweiten Mann geben, den wir nicht kennen. Ob der im Auftrag des Colonels gehandelt hat, ist eine andere Frage.“

„Es ist Mord, Steve“, erklärte Worth unbeeindruckt. „Archer hat vor dem Gesetz dieselben Ansprüche wie jeder von uns. Und wir haben die Pflicht, seinen Mörder vor den Richter zu bringen. Ich werde jetzt reiten, um Jan van Luns festzunehmen.“

„Du wirst nicht hinausreiten!“, keuchte Ganter heiser. Sein Gesicht war in wilder Wut verzerrt. „Ich lasse mir von dir nicht alles zerschlagen. Wenn du selbst deine Zukunft vernichten willst und Catherine für immer zu verlieren gedenkst … ich will hier Frieden. Und deshalb wirst du van Luns nicht festnehmen!“

„Soll das eine Drohung sein?“, fragte Worth gedehnt. „Weg da!“, knurrte er.

Ganter wusste wohl, dass er mit Gewalt bei Worth nichts erreichen konnte. Damit war er ihm außerdem in jeder Beziehung unterlegen. Worth hatte Kräfte wie ein Bär, und er galt als erstklassiger Schütze.

„Du Narr, du simpler Tor!“, schrie Ganter. „Du wirst niemanden haben, der dich unterstützt, niemanden! Nur Feinde werden da sein, nur Feinde!“

Worth drehte sich an der Tür um und sagte langsam, ohne die Stimme zu erheben: „Ich habe noch nie mit anderen gerechnet, Steve. Aber auf mich kann ich mich verlassen. Und auf ihn hier!“ Er schlug gegen sein Revolverholster.

 

 

3

Ohne Hast ging er hinaus, überquerte die Straße und warf kühle Blicke auf die Männer, die noch immer herumstanden und ihn schweigend anstarrten, als er vorüberging.

Sein Pferd stand in Mangers Corral neben dem Bahnlager. Der Weißfuchs wieherte vor Freude, als Worth ans Corralgatter trat und ihm zupfiff. Übermütig bäumte sich das Tier auf und galoppierte zum Gattertor. Ein herrlicher Bursche, dieser Fuchshengst. Worth hatte das abgerichtete Pferd aus dem Brushland mitgebracht, weil er der Meinung war, nirgendwo gäbe es besser abgerichtete Pferde als im Land der dornigen Büsche.

Tatsache war, dass die meisten Scouts der Armee Pferde aus dem texanischen Brushland ritten. Die Brushland-Pferde kamen mit wenig Wasser aus, waren sehr geschickt und wendig im bewachsenen Gelände, durchquerten selbst dichten Wald bei Nacht, ohne an jedem Stamm anzustoßen oder ihn zu streifen, galten überall im Rinderland als außerordentlich schnell, und zuverlässig beim Lassowurf und der übrigen Round-up-Arbeit.

Sie kamen beide aus einer harten Schule, Worth und sein Weißfuchs. „Mr. Red“, wie Worth ihn nannte.

„Also, Mr. Red, deine Langeweile ist vorbei. Du wirst auch zu fett, das ist nicht gut. Fett und faul, daran gehen wir zugrunde. Komm, Alter!“

Der Hengst ließ sich satteln und stupste dabei immerzu an die linke Hosentasche von Worth. Endlich langte der Marshal dort hinein und holte ein Stück Weißbrot heraus. Für den anspruchslosen Mr. Red ein Leckerbissen. Dankbar quittierte er diese Zuteilung mit einem heftigen Nicken, das ihm Worth einmal im Outcamp beigebracht hatte.

Mr. Red war kein hochbeiniger Renner. Er wirkte eher ein wenig gedrungen und hatte eine stark ausgeprägte Hinterhand, wie das bei Gebirgspferden häufig der Fall ist. Seine breite Brust verriet eine kräftige und ausdauernde Lunge mit einem starken Herzen. Und noch etwas zeichnete ihn aus: seine Treue und Liebe, mit der er an Worth hing. Aber das beruhte wohl auf Gegenseitigkeit. Auf Worths legendärem Ritt nach Wichita Falls sollte Mr. Red eine große Rolle spielen.

Als Worth am Sheriff-Office vorbeiritt, stand dort Ganter, umringt von einem halben Dutzend Männer. Er schob die vor ihm stehenden Leute zur Seite, um freies Blickfeld zu Worth zu haben.

„Hallo, Tom, du bringst ihn besser nicht hierher, wenn du ihn überhaupt erwischen solltest! Wir wollen an deinem Krieg nicht teilnehmen. Dazu kennen wir den Colonel zu gut. Er wird dir deinen Krieg liefern. Tragt es anderswo aus, nicht in dieser Stadt!“

„Dieser Verrückte, soll er zum Teufel gehen!“, rief einer der Männer. „Als wenn es nicht genug andere Sorgen gäbe! Und alles wegen Archer, diesem Himmelhund!“

„Haltet doch diesen Narren auf, er richtet nur Unheil an!“, brüllte einer der Gesellen des Schmiedes, der neben Ganter stand.

„Unsinn, Männer, der Colonel wird ihm schon heimleuchten!“, sagte ein anderer beruhigend. „Haltet euch die Hände sauber.“

Der Redakteur des Skymoore Epigraph stand in der Tür und rief dem vorbeireitenden Worth zu: „Warum, zum Teufel, wollen Sie das tun?“

Worth wollte erst gar nicht antworten, doch dann sagte er: „Weil das Recht für alle gleich ist, Belton! Für Sie, für mich, für Archer! Dafür sollte auch ein Mann wie Sie eintreten.“

 

 

4

Belton’s Skymoore Epigraph vom 20. Juli 1892:

Schluss mit den Torheiten übergeschnappter Pseudohelden! Ein US Marshal, der die Auslegung des Rechts missverstanden hat, sollte an seinem Tun gehindert werden. In diesem County hat es bisher genug Tote im Weidekampf gegeben. Kommen wir endlich zur Vernunft und legen wir diesen ewig Kampfeslustigen das Handwerk. Sheriff Ganter sollte einschreiten. Und was tut Richter Moon?

Worth dachte an Catherine und wusste, dass alles auf die härteste Probe gestellt werden würde. Es focht ihn nicht an. Er musste seinen Plan durchführen. Vor ihm lag die Double-T-Ranch, vor ihm lag die erste gefährliche Auseinandersetzung.

Das lange, geduckt liegende Ranchhaus schien im Schein der letzten Sonnenstrahlen zu glühen. Die Fenster reflektierten das rote Licht, als brenne es im Hause.

Die Ranch stammte noch aus der rauen Zeit und war fast eine Festung. Rundherum standen die Wirtschaftsgebäude am Haus angeschlossen. Lücken waren von einer Mauer ausgefüllt, die einen Laufgang hatte. Zwei alte Kanonen standen als Zeugen einer turbulenten Entwicklung im Hof. An einer dieser Kanonen lehnte der Colonel. Er sprach mit einem vierschrötigen, krummbeinigen Mann, dessen muskulöser Körper in einem gelbledernen Weideanzug steckte, wie er früher nur von Armeepfadfindern getragen wurde. Den Mann, der diesen gelben, lederbefransten Anzug trug, kannte Worth nur zu gut.

William Learch stammte nämlich aus Worths Heimat. Und schon dort unten waren sich die beiden das erste Mal in die Haare geraten. Später hatten sie einmal zusammen in einer Mannschaft Vieh nach Abilene getrieben, und es war erneut zu einer Schlägerei gekommen, von der in Vernon noch heute die Leute sprachen.

„Sitzen Sie ab, Tom!“, rief der Colonel und winkte einem mexikanischen Peon, Worth das Pferd abzunehmen.

Learch ging grußlos weg, als Worth vor den Colonel trat. Luns war klein, breit in den Schultern und hatte ein straffes, ledernes Gesicht, dessen Kinn immer ein wenig vorgeschoben wirkte. Der buschige Schnauzbart verlieh dem Colonel ein grimmiges Aussehen.

Er war nicht mehr der kühne Offizier, aber er sah auch trotz seines hohen Alters noch sehr gut aus.

„Catherine erwartet Sie erst morgen, Tom.“ In seiner Stimme schwang die deutliche Ablehnung mit, die er Worth zollte.

Worth nickte nur. Umständlich kramte er seinen Tabaksbeutel heraus und drehte sich eine Zigarette. Erst dann sagte er: „Ist der Junge da? Ich muss ihn festnehmen. Er ist verdächtig, Virgil Archer erschossen zu haben. Deshalb bin ich hier.“

Nun war es heraus, und Worth erwartete eine Explosion. Sie kam nicht.

Stattdessen fragte der Colonel ungerührt: „Haben Sie denn einen Beweis, Tom? Schließlich ziehen Sie sich so einen Verdacht nicht aus den Fingern.“ Im Gesicht des Colonels zeigte sich ein Ausdruck der Verbindlichkeit, der Verhandlungsbereitschaft.

Worth spürte die Gefahr. Ihm wäre eine Explosion lieber gewesen. Dieser neue Ton zwang zu äußerster Vorsicht. Damit hatte er überhaupt nicht gerechnet. Hier lag die Möglichkeit einer Falle. Er versuchte diese Schlinge zu erkennen, aber es gelang ihm noch nicht.

„Ich habe den Beweis, dass Belle gelogen hat und die Aussage Ihres Jungen nicht stimmt. Es ist auch ein Beweis vorhanden, mit welcher Waffe Archer erschossen wurde, und weiter gibt es einen Beweis dafür, aus welcher Entfernung es geschah. Das sind eine Menge Beweise. Der Verdacht richtet sich also sehr stark auf den Jungen. Und deshalb werde ich ihn mitnehmen. Das ist es!“

„Hmm, und was halten Sie von einer Kaution, Tom?“, fragte der Colonel, noch immer ruhig und konziliant.

„Das entscheidet nur ein Richter, Sir. Zuerst muss ich Jan mitnehmen. Wenn der Richter eine Kaution annimmt, ist es nicht meine Sache. Und wenn Jan unschuldig ist, wird er vom Richter und den Geschworenen freigesprochen. Das ist eine saubere Sache. Was jetzt ist, das wird ihm immer anhängen. Ich werde noch mit Catherine sprechen.“

Learch kam vorüber. Der Colonel winkte ihm und fragte: „Was sagst du, Will? Der US Marshal Ist gekommen, um Jan-Markus zu verhaften. Wegen Mordes an Archer, wie er behauptet.“

Learch verzog das Gesicht und streifte die Ärmel seiner Lederjacke hoch, wobei die behaarten Unterarme des bulligen Mannes sichtbar wurden. „Ich glaube, Tom, du hattest schon immer ein ausgesprochenes Talent, anderen auf die Zehen zu treten, wie? Wann habe ich dich eigentlich das letzte Mal verprügelt? Es muss schon lange her sein, was? Zu lange, scheint mir!“

Worth blieb ruhig. Das kannte er schon. „Als du mich das letzte Mal verprügelt hast, das war in Vernon, brach ich mir die linke Hand. Du kamst besser davon und brauchtest nur zwei Monate mit dem Bruch von zwei Rippen, einem ausgerenkten Arm und einem gebrochenen Kiefer im Bett zu liegen. Ja, Will, du hast damals ganze Arbeit geleistet. Beim nächsten Gespräch wirst du dir ein Jahr Urlaub nehmen müssen. Frag deinen Boss besser vorher danach.“

Learch wurde blau im Gesicht. Seine Adern schwollen an. „Du kannst das besser gleich ausprobieren, Yankeescherge.“

Worth musste sich zusammennehmen. Er wusste, wie überlegen abgeklärte Ruhe machte. Und so erwiderte er scheinbar gelassen: „Ich bin jetzt im Dienst, Will. Deine freundlichen Worte können mich aus Zeitnot nicht bewegen, verrückt zu spielen. Und wenn du dir nicht selbst einen Maulkorb anlegst, nehme ich dich auch gleich mit nach Skymoore.“

Learch lachte schallend, als habe er einen besonders guten Witz gehört. Da sah er in die Mündung von Worths Colt. Ihm verging das Lachen. „Ich glaube, dir ist eine Fliege ins Hirn gekrochen, was?“, brüllte er los. „Nimm das Ding weg, sonst …“

„Sind Sie verrückt, Marshal?“, rief der Colonel.

„Dreh dich um. Will Learch! Schnall die Waffe ab und lass den Gurt fallen! Das ist ein Befehl!“

Learch wollte nicht gehorchen, aber da sagte der Colonel: „Leg ab und geh ins Bunkhouse!“

Learch gehorchte. Der Waffengurt fiel in den Staub, und der Vormann stapfte auf seinen krummen Beinen über den Hof zum Schlafhaus hinüber. Er drehte sich vor der Tür noch einmal um und schrie: „Wir rechnen noch ab, Worth! Aber beim nächsten Mal stehst du nicht mehr auf, das schwöre ich dir!“

Als Learch verschwunden war, fragte der Colonel: „Sie scheinen eine Vorliebe für eine recht große Zahl an Todfeinden zu haben. Aber seien Sie beruhigt, es wird nicht Learch sein, der Ihnen das Handwerk legt. Dazu ist Learch zu sehr von seiner Kraft und seinem idiotischen Bullenstoß beeindruckt. Sie werden an mir zerbrechen, Tom. Und das ist eine sehr sichere Prognose. Darauf können Sie sozusagen ein Haus bauen. Aber gehen wir jetzt hinein. Schließlich wollten Sie ja meinen Sohn verhaften. Deshalb sind Sie doch hier, wenn ich nicht irre.“ Er ging voraus, und Worth folgte ihm, nachdem er Learchs Revolvergurt aufgehoben hatte. Er hängte ihn im Vorbeigehen säuberlich an einen Sattelhaken.

Die Gelassenheit des Colonels beeindruckte Worth. Er wurde dabei etwas unsicher und war von einer starken Spannung erfüllt. Es erschien ihm undenkbar, der Colonel könne ohne Widerstand den Sohn an das Gesetz ausliefern. Irgendwo musste noch ein Haken sein, die erwartete Falle.

Als er das Zimmer betrat, das sozusagen der Mittelpunkt des Hauses war, begann er zu ahnen, worauf der Colonel hinauswollte. Denn in diesem großen Wohnraum saß nicht nur der junge van Luns, hier hielt sich auch Catherine van Luns auf.

Der junge van Luns hatte vor sich auf dem rohen Tisch sämtliche Einzelteile einer Winchester 73 ausgebreitet und war dabei, das 7 Schuss fassende Magazin zu reinigen.

Catherine strahlte, als sie Worth sah. Der junge van Luns wurde plötzlich sehr nervös und unruhig.

„Hallo, Tom, warum kommst du heute schon?“, erkundigte sich Catherine verwundert.

„Du wirst es abwarten können“, erklärte der Vater.

Worth wich einige Sekunden von seinen festen Gedanken und Plänen ab und betrachtete Catherine. Sie war blond, nicht so strohig hellblond wie er selbst, aber von einer nordischen Art und Rasse. Schmal und streng wirkte ihr Gesicht, wasserhell leuchteten die Augen im Schein der Öllampe. Alles in allem war sie der Typ Frau, den sich Worth zur Gemahlin wünschte. Sie schien ihm so recht ins wilde Brushland im Süden zu passen. Solche Frauen waren zäh und genügsam. Er liebte sie, glaubte er.

„Jan-Markus“, begann der Colonel, „der Marshal ist hier, um dich festzunehmen. Er verdächtigt dich des Mordes oder Totschlages an Virgil Archer. Was hast du dazu zu sagen?“

Der junge van Luns wurde kreideweiß. Seine Hände zitterten, und das Magazin der Winchester entglitt seinen Fingern. Klirrend fiel es zu Boden. Worth sah, wie Catherine zusammenzuckte.

„Ich war es nicht! Ich bin unschuldig!“, stieß der junge van Luns hervor. „Ich habe es nicht getan!“

Worth beobachtete den Colonel. Der zeigte keinerlei Regung. Wie ein völlig Außenstehender fragte er weiter: „Und das soll ich dir glauben? Ein US Marshal kommt nicht zu seinem Vergnügen hierher. Er hat schließlich einen Beweis, wenn er dich festnehmen will. Und er sagt auch, dass deine Aussage vor dem Sheriff erlogen ist.“

Der Junge blickte von einem zum anderen. Schließlich sah er Catherine flehend an und keuchte: „Cat, es ist nicht wahr, was Tom behauptet, es ist nicht wahr!“

Catherine wandte sich ab und blickte Worth an. Er meinte ein Leuchten in ihren Augen zu erkennen, als sie sagte: „Tom, muss das sein? Konntest du es nicht Ganter überlassen? Warum mischst du dich ein?“

„Das frage ich mich auch die ganze Zeit, Tom“, meinte der Colonel und biss das Ende einer Zigarre ab, steckte sie sich an und paffte weiß-blaue Wolken in den Lampenschein.

„Wir wollen es kurz machen“, erwiderte Worth. „Er hat vermutlich Archer auf dem Bahngelände erschossen. Das Bahngelände untersteht dem Bund. Und deshalb war es meine Pflicht, mich darum zu kümmern. Wenn Jan unschuldig ist, und ich wünschte, es wäre so, dann wird das vor Gericht erwiesen werden. Ich habe nicht gesagt: Er ist der Mörder. Ich habe gesagt: Er ist verdächtig, der Mörder zu sein. Das Übrige wollen wir dem Gericht überlassen.“

Jan sprang plötzlich auf. Der Tisch vor ihm wurde umgerissen, alle Teile des Gewehres fielen klirrend und polternd zu Boden.

Mit einem Satz sprang Jan auf die Tür zu. Gleichzeitig riss er etwas aus dem Gürtel. Fast zu spät erkannte Worth, dass es ein Messer war. Da hatte er sich schon dem Flüchtenden in den Weg geworfen. Jan wollte zustechen, doch Worth war geschickt und wich ihm aus, rammte seine Faust in den Jungen und wirbelte ihn mit der freien Linken an der Schulter herum. Jan schlug zu Boden.

Worth trat mit dem Fuß auf den rechten Unterarm Jans, und das Messer entglitt der Hand des Liegenden. Worth stieß es mit der Fußspitze in eine Ecke. Dann erst nahm er den Fuß vom Arm Jans und sagte leise, aber unüberhörbar scharf: „Steh auf!“

Der Colonel beherrschte sich noch immer mit bewundernswerter Energie. Worth gefiel diese Selbstbeherrschung. „Ich habe das nicht so haben wollen“, erklärte er dem Colonel entschuldigend.

„Schon gut, ich auch nicht, Tom. – Jan, gehorche ihm, du machst es damit nicht besser“, sagte der Alte. Worth hörte seiner Stimme an, wie schwer es ihm fiel, objektiv und gelassen zu bleiben. „Überlass alles andere mir, Junge. Sie werden dich gut behandeln müssen.“

Catherine war aufgesprungen und ging mit kurzen Schritten auf Worth zu. Ihr Gesicht hatte die dunkle Röte der Erregung angenommen, in ihren Augen zuckten Blitze. „Tom, du tust hier mehr als deine Pflicht. Du zerstörst alles. Siehst du das nicht selbst? Warum musst du das tun, warum kann das kein anderer für dich machen? Es gibt noch mehr US Marshals. Du verhaftest hier meinen Bruder, hörst du! Meinen Bruder!“ Sie krallte ihre Hände in seine Oberarme und schrie erneut: „Ich will dich nie wiedersehen, wenn du ihn mitnimmst! Nie wieder, hörst du! Es ist aus, wenn du das tust! Aus!“

Das Wort „Aus“ hallte in seinen Ohren wie das Echo eines Hilferufes. Aus, dachte er, aber ich habe einen Eid geschworen, und ich habe eine Pflicht zu erfüllen. Wie hatte sein Vater einmal gesagt: „Junge, du musst dir ein Ziel setzen, musst dir einen geraden Weg errechnen und dann auf das Ziel losmarschieren. Wenn sie dich davon abhalten wollen, geh nicht nach rechts oder links, sonst findest du deinen Weg nie wieder. Bleib auf dem Weg und kämpfe dich nach vorn durch, nach vorn, mein Junge!“ Ja, so hatte der Vater gesagt, und was der Vater ihm erklärt hatte, das stimmte, das war ihm ein unfehlbarer Rat. Er wusste, was er tun musste.

„Catherine, ich möchte nicht, dass es aus ist. Aber ich muss Jan mitnehmen. Auch wenn du es nie verstehen wirst. Ich muss es tun!“

„Gut, dann tun Sie es endlich“, sagte der Colonel.

Catherine trat von Worth zurück und ließ ihn los. „Pfui, ich schäme mich, dir jemals nahegestanden zu haben. Ich schäme mich! Du bist kein Mensch. Dir ist jede menschliche Regung fremd. Du bist eine Maschine. Ein Werkzeug, nichts weiter!“

Worth zuckte unter diesen Worten zusammen, aber dann fing er sich und vermied eine scharfe Entgegnung. „Jan van Luns, ich verhafte Sie! Kommen Sie mit, und leisten Sie keinen Widerstand!“, sagte er scharf und vermied es, Catherine überhaupt noch anzusehen.

„Du Schuft, du Lump!“, schrie Catherine. „Vater sollte dich vom Hof prügeln wie ein wildes Tier!“

„Sei still, Catherine!“, mahnte der Alte. „Er ist Marshal und kann dich dafür belangen. Gehen wir!“

„Aber Vater, willst du wirklich, dass ich …“ Jan sah den Alten hilflos und ängstlich an. Seine übliche Frechheit war in diesem Augenblick wie weggeblasen.

„Tu, was er dir sagt! Geh!“, fuhr ihn der Alte barsch an.

 

 

5

Belton’s Skymoore Epigraph vom 22. Juli 802:

Mr. Chrisler gibt dem Staatsanwalt in Vernon eine geheimnisvolle Erklärung ab. Der Vertreter unserer Redaktion wurde von rohen Elementen der „Kreuz-im-Kreis“ vom Hof geprügelt, als er Informationen über Mr. Chrislers Aussage einholen wollte. Schnöder Triumph von US Marshal Worth, der nun wider jede Vernunft auch noch Miss „Belle“ Doubleday verhaftet und ins Gefängnis von Vernon eingeliefert hat. – Colonel van Luns bestellt den bekannten Advokaten Hauser zum Verteidiger seines Sohnes. Hauser zu unserem Pressevertreter: Wir werden einen Freispruch erwirken, wie ihn Texas noch nicht erlebt hat. – Hoffen wir es, liebe Mitbürger von Skymoore. Das wahre Recht muss bestehen bleiben!

 

 

6

Worth würgte sein Essen hinunter, es schmeckte ihm nicht. Lustlos stocherte er auf dem Teller herum und blickte immer wieder durch das Fenster auf die Straße hinaus. Wenn jemand am Speisehaus vorbeikam und ihn durch das Fenster erkannte, wandte derjenige schnell den Blick ab. Auch sonst mied man Worth in dieser Stadt. Der junge van Luns war beliebt, und der Colonel genoss hier sowieso eine Vorrangstellung, die er seit gestern methodisch ausbaute. Seine halbe Mannschaft befand sich in der Stadt und sorgte für eine emsige Mundpropaganda gegen Worth.

Noch heute sollte es die erste blutige Auseinandersetzung geben und damit den Beginn eines neuen erbitterten Weidekrieges. Die Vorboten dafür zeigten sich Worth schon, als er das Speisehaus verlassen wollte.

Vor der Tür traf er mit Richter Moon und Staatsanwalt Sumpfer zusammen, die wohl gerade mit dem Zug aus Vernon gekommen waren.

Der greise Richter stützte sich müde auf seinen Krückstock und nickte kaum merklich, als Worth ihn grüßte. Sumpfer hingegen gab Worth die Hand. Sumpfer war gut einen Kopf größer als Worth, sah eher aus wie ein Preisringer als wie ein Staatsanwalt und hatte ein breites Bauerngesicht. Er sprach das harte Farmerenglisch des nördlichen Mittelwestens und verriet auch sonst seine Herkunft von dort. Als er Worth die Hand drückte, meinte der, in einen Schraubstock geraten zu sein, aber es gefiel ihm. Solchen Händedruck hatte nur ein aufrechter Mann, sagte er sich.

Worth mochte diesen Hünen, weil er von ihm wusste, wie klar und unbestechlich der in Gesetzesfragen dachte.

„Hoppla, Worth, drehen Sie gleich wieder bei, wir wollen etwas essen und nachher noch etwas trinken. Vielleicht einen Bourbon, was? Wie sieht das bei euch in Skymoore mit einem netten Mädchen aus, wie? Hoho! So einem gut aussehenden Junggesellen wie mir sollte es nicht schwerfallen, ein Frauenherz zu gewinnen, was? Hohoho!“ Er lachte dröhnend, schlug Worth die Pranke auf die Schulter und rief, dass es über die Straße hallte: „Hier in diesem stinkigen Kaff halten ja wohl alle zusammen wie ein Rudel Coyoten, was? Hohoho, wir werden denen schon die Zähne ziehen! Hoho, kommen Sie, Worth, der Richter geht ein vor Hunger. So einen alten Herrn sollte man nicht warten lassen. Meine Güte, zu denken, dass man selbst einmal so alt wird! Hohoho!“ Endlich brach das urige Donnern der Bassstimme ab, und alle drei Männer betraten wieder den Speisesaal.

Der Richter schien über die Gegenwart von Worth ebenso wenig erfreut zu sein wie über die Begleitung durch Sumpfer. Das laute und poltrige Gehabe des bulligen Prokurators ging ihm auf die Nerven, das sah Worth recht deutlich.

Die dicke Frau, die im Speisehaus bediente, nahm die Bestellung entgegen, und sie ging gerade wieder, als das Mädchen den Saal betrat: jenes Mädchen, das schon einmal am Nebentisch von Worth gegessen hatte. Auch heute blickte sie ihn wieder so kess und ungeniert an.

Richter Moon fragte: „Sie wollten mir von einer Aussage erzählen, die Chrisler gemacht hat?“

Sumpfer wurde ernst. „Richtig, es wird Sie auch interessieren, Worth: Chrisler hat einen Zeugen. Einen Mexikaner namens … Moment, ich muss den Zettel suchen …“ Er kramte in seiner Westentasche, fand den Papierschnitzel und las: „Rodrigez Zamogarro, Zureiter bei van Luns gewesen. Bekam am Tage des Mordes an Archer fünfhundert Dollar, sattelte sein Pferd und ritt weg. Aber er kam nicht weit, denn er versackte in der Mexican Bar am alten Lonestar Trail. Und dort war auch ein Cowboy aus Chrislers Mannschaft. Im Suff erzählte Freund Zamogarro eine tolle Story. Das veranlasste den Cowboy der Kreuz-im-Kreis, den Greaser mitzunehmen. Und seitdem ist er auf der Kreuz-im-Kreis. Chrisler lässt ihn scharf bewachen. Ja, und die Story, die Chrisler mir erzählt hat, sagt, dass dieser Mann im Auftrag von van Luns den Mord an Archer begehen sollte. Es ist aber, so behauptet der Greaser, nicht dazu gekommen, denn der junge van Luns war schneller und schoss Archer nieder, als der sich mit Belle Doubleday unterhielt. Der Greaser log dem Colonel vor, er habe die Tat begangen. Er bekam prompt seinen Lohn und zog ab. Das ist die Story. Ich bin hier, um mit Ihnen zu Chrisler hinauszureiten. Wir wollen sehen, was an der Sache dran ist. Richter Moon wird solange die Geschworenen auswählen, die Sheriff Ganter ihm für die Verhandlung vorgeschlagen hat.“

 

 

7

Es war schon spät am Nachmittag. Die Sonne blendete, so tief stand sie, und die Hitze hatte noch nicht nachgelassen. Sumpfer lief der Schweiß in Strömen vom Gesicht; sein Hemd war nass zum Auswringen. Er fluchte auch über den harten Sattel. „Wie lange reiten wir noch bis zu dieser verfluchten Ranch?“

„Gut zwei Stunden, Sir. Sie werden es überleben“, erwiderte Worth lakonisch.

Der Staatsanwalt schnaufte. „Mensch, Worth, ich bewundere Sie. Ihr verdammten Buschmänner müsst doch einen Hintern aus Leder und eine Lunge wie ein Blasebalg haben. Und irgendwo habt ihr noch einen Höcker wie ein Kamel, wo ihr euren Wasserbedarf aufspeichert. Ich habe nicht gesehen, dass Sie während des Rittes einen Tropfen getrunken haben. Und ich besitze keinen feuchten Klecks mehr. Meine Flasche ist leer.“

„Davon kommt Ihr Durst, Sir. Sie reden auch zu viel. Dort hinten ist das Outcamp der Kreuz-im-Kreis.“ Er wies nach vorn, wo auf einer Bodenwelle eine Rinderherde weidete. Kurz darauf sahen sie auch die Gebäude in der Senke, daneben das hohe Windrad der Wasserpumpe.

„Na, dem Himmel sei Dank, jetzt bekommen wir etwas zu trinken.“ Sumpfer wischte sich den Schweiß von der Stirn und stöhnte laut.

Es kam nicht dazu. Sie ritten gerade durch eine Senke und konnten bis zur nächsten Bodenwelle weder die Herde noch das Camp sehen. Außerdem gab es hier unten mannshohe Mesquitesträucher und Spanish Bayonets, deren weißer Blütenzauber aufdringlich süß duftete.

Worth verspürte eine Unruhe in sich, die ihn immer angesichts einer Gefahr befiel. Und auch Mr. Red schien einen Hinterhalt zu wittern. Er spitzte die Ohren nach vorn und ging plötzlich langsamer.

Der Anwalt wollte gerade wieder etwas sagen, als Worth die Bewegung hinter einem Mesquitestrauch sah. Bevor Sumpfer zum Reden kam, griff Worth seinem Pferd in die Zügel, riss das erschrockene Tier herum, so dass der Hüne Sumpfer um ein Haar aus dem Sattel gestürzt wäre.

Es geschah in allerletzter Sekunde. Denn schon krachte der Schuss. Worth sah das Aufblitzen zwischen den Zweigen drüben und duckte sich unwillkürlich.

Jetzt begriff auch Sumpfer. Als Worth rief: „Runter!“, ließ er sich vom Pferd gleiten. Auch jetzt wieder gerade noch rechtzeitig. Zwei Gewehrschüsse verfehlten ihn um wenige Zoll.

Worth war schon aus dem Sattel und überließ Mr. Red sich selbst. Der Fuchshengst war darauf abgerichtet und galoppierte zurück. Mehr oder weniger unschlüssig folgte ihm der graue Wallach Sumpfers.

Von weiter rechts fielen jetzt ebenfalls Schüsse. Worth vermutete gut und gerne vier Gegner. Vielleicht waren noch mehr da, und sie hatten sich auch nach links hin versteckt.

Ihn verblüffte die Unverfrorenheit der Heckenschützen. Schließlich befand sich das Kreuz-im-Kreis-Outcamp ganz in der Nähe. Dort mussten die Schüsse gehört werden. Oder gab es da niemanden mehr, der sie hören konnte? Vielleicht sah alles ganz anders aus, und Chrislers Männer lagen dort vor ihm – und nicht, wie Worth annahm, eine Crew vom Colonel.

Er hatte im Augenblick wenig Gelegenheit, sich über die Gründe des Überfalls Gedanken zu machen. Er hatte vorhin beim Absprung sein Gewehr mitgenommen. Sumpfer hingegen hatte überhaupt keine Waffe. Einen Colt trug er nicht, und das Gewehr halte er im Scabbard gelassen. Das Pferd lief irgendwo dort hinten damit herum.

„Bleiben Sie platt am Boden!“, zischte Worth dem Hünen zu.

„Geben Sie mir das Gewehr, ich bin gut damit. Versuchen Sie, von links an diese Mistvögel heranzukommen!“, erwiderte der Anwalt.

Worth hatte befürchtet, Sumpfer könne sich im persönlichen Einsatz als Versager herausstellen. Es erleichterte ihn, dass er da offensichtlich eine falsche Vermutung hegte.

Er gab Sumpfer die Winchester 73 und schob ihm ein gefülltes Ersatzmagazin und einen Beutel mit Munition zu. „Vorsicht vor Sand“, flüsterte er.

Der Hüne nickte. „Keine Sorge, das Geschäft kenne ich. Nur mit dem Revolver bin ich schlecht. Hauen Sie jetzt ab!“

Worth kroch nach links, robbte in der Deckung zweier Spanish Bayonets weiter und spähte dann vorsichtig nach vorn. Der Boden war heiß, und die Luft darüber schien ohne die geringste Spur von Sauerstoff zu sein. Hinzu kam dieser süßliche Blütenduft, der zum Niesen reizte.

Der Gegner schien abzuwarten; er lauerte auf ein Ziel.

Doch diesmal feuerte Sumpfer zuerst. Knall und Aufschrei kamen fast gleichzeitig. Worth erkannte nur eine Bewegung der Zweige weiter rechts vorn, aber er sah den Mann nicht, der getroffen worden war. Er hörte nur das laute Ächzen und eine Männerstimme, die sagte: „Leg dich auf den Rücken, es ist halb so wild.“

Blindlings feuerte Worth mit dem Colt in halber Mannshöhe in den Mesquitestrauch, rollte sich sofort seitwärts weg und wartete im Schutze einer leichten Erhebung ab.

Prompt kam die Antwort. Eine wilde Salve aus mindestens vier Gewehren prasselte in die Gegend, wo Worth eben noch gelegen hatte.

Jetzt schoss auch Sumpfer wieder. Und Worth stellte befriedigt fest, dass der Anwalt seine Stellung gewechselt hatte.

Als erneut drüben Schüsse aufblitzten, die diesmal in Sumpfers Richtung fielen, schoss Worth mit Ziel auf die Mündungsfeuer. Es war etwas weit für einen Revolver, aber er hatte keine andere Wahl und rechnete mit der moralischen Wirkung und einem Zufallstreffer.

Seine Rechnung ging auf. Jemand brüllte drüben: „Mein Bein, verdammt, mein Bein! Charly, komm doch her! Dieser Bastard hat mir das Knie … ah, Charly, komm doch!“

Worth schob sich weiter zur Seite. Denn nun deckten sie ihn ein. Er musste sich still verhalten und fest auf den Boden pressen, so gut es eben ging. Sie ließen ihn nun nicht mehr zum Zuge kommen. Immer wieder krachten drüben Schüsse, und einige davon fetzten den Sand keine Handbreit neben Worth auf.

Sumpfer erwies sich als erstklassiger Kampfgenosse. Er feuerte, was er im Magazin hatte, und drüben stellten sie ihr Schießen ein.

Worth nutzte die Gelegenheit, rutschte ein wenig zurück, stemmte sich ein und wartete, bis Sumpfer wieder schießen würde. Das erfolgte kurz danach. Der Anwalt hatte offenbar das zweite Magazin eingeschoben.

Kaum war der Schuss Sumpfers gefallen, da schnellte Worth hoch, sprang mit zwei langen Sätzen über eine offene Fläche, hechtete hinter eine Gruppe von Büschen und landete genau auf den Beinen eines Gegners.

Es kam für beide so überraschend, dass zunächst keiner von ihnen aktiv wurde. Worth hatte sich an den Sporen des Cowboys an der Hüfte verletzt, aber der Schmerz trat hinter der akuten Gefahr zurück.

Worth sah ein breites, stupsnasiges Gesicht mit buschigen Brauen. Und er erkannte die Verblüffung des Mannes. Weil er seinen Schock schon überwunden hatte, war er weiter als sein Gegner. Er zog die Beine an, stieß sich mit dem linken Arm ab und schlug mit der Faust zu. Der Schlag hätte nur die halbe Wirkung gehabt, wenn der andere nicht gerade in diesem Augenblick versucht hätte, sich zur Seite zu drehen. So traf ihn Worths Faust mit voller Wucht am Hals. Der Cowboy krümmte sich nach vorn und wurde fast ohnmächtig vor Schmerz.

Worth nutzte seine Chance, riss das Gewehr aus den Händen des Mannes, rollte sich zur Seite, um nicht aus der Deckung zu kommen, und zog dem Überrumpelten den Revolver aus dem Holster, bevor der Mann sich zur Wehr setzen konnte. Als der die Wucht des Schlages überwunden hatte, war es zu spät. Worth war mit einem Satz bis zur nächsten Deckung übergewechselt und hatte den Entwaffneten zurückgelassen.

Jetzt erst bemerkte er, dass Sumpfer nicht mehr schoss. Es musste ihm etwas zugestoßen sein. Worth entschloss sich – komme, was wolle – zu seinem Kampfgenossen zu kriechen, um nachzusehen, was dort geschehen war. Doch er kam nicht mehr zur Ausführung seiner Absicht.

In der eintretenden Dämmerung versuchten die Gegner einen Angriff. Erst fielen einzelne Schüsse von drei Seiten, dann sah Worth die Schatten vor dem hellen Horizont des Abendhimmels. Er schoss, wälzte sich auf die Seite, schoss wieder und wechselte unentwegt die Stellung.

Trotzdem wäre er verloren gewesen. Er erkannte jetzt, dass seine ursprüngliche Annahme, gegen vier Gegner zu kämpfen, irrig gewesen war. Sieben Mann tauchten dort vor ihm auf. Einige sprangen vor, die anderen zwangen Worth durch ihr Feuer in die Deckung.

Doch nun trat das ein, von dem man später sagen würde, es sei von Worth abgemacht und ausgeklügelt worden. Nichts von dem war richtig. Worth wurde davon genauso überrascht wie seine Gegner, und es war ein Schachzug des Zufalls, so unwahrscheinlich es klingen mag.

Von links tauchten etwa zehn Reiter auf, die sich rasch näherten. Zunächst ließen sich Worths Gegner davon nicht stören.

Doch dann hatten sie offenbar begriffen und brachen das Feuer ab. Einer nach dem anderen versuchte, ungeschoren davonzukommen und setzte sich nach rückwärts ab. Aber Worth verpasste seine Chance nicht, wollte auch nicht den Schatten einer Möglichkeit ungenutzt lassen. Er warf das leer geschossene, erbeutete Spencergewehr weg, weil er dafür keine Munition besaß. Ungeachtet der Gefahr richtete er sich auf und feuerte auf die zurückgehenden Gegner mit dem Colt.

Die Reiter waren nahe genug, und sie griffen in den Kampf ein. Ihre Schüsse trieben die fliehenden Männer nach rechts auf Sumpfers Stellung zu.

Verzweifelt und in die Enge getrieben erwiderten die Fliehenden das Feuer. Doch das alles war nur eine Sache von Sekunden. Den Flüchtenden gelang es, ihre Pferde zu erreichen, die sie offenbar ganz in der Nähe versteckt hatten. Noch fielen ein paar Schüsse, dann jagten die Gegner davon. Zwei ihrer Verletzten ließen sie zurück. Sie mitzunehmen fehlte ihnen die Zeit, denn sie wurden sofort verfolgt.

Als die wilde Verfolgerschar an Worth vorbeiraste, erkannte er an der Spitze der Reiter den Rancher Chrisler. Er hatte seine halbe Mannschaft mitgebracht.

Der Weidekrieg war wieder ausgebrochen.

In der Dämmerung gab Worth den Verfolgern kaum eine Chance. Im Gegenteil, sie riskierten, in eine Falle zu geraten. Und das mussten auch Chrisler und seine Männer erkannt haben. Sie kamen bald zurück.

Worth suchte Sumpfer und fand ihn schwer verletzt hinter einem ebenfalls verletzten Gegner liegen. Ironie des Schicksals. Die beiden, die sich vorhin noch gegenseitig verletzt hatten, versuchten sich zu verbinden. Jeder den anderen, Leidensgenossen trotz allem. Schmerz ist schlimmer als Hass.

Sumpfer lächelte Worth trotz seiner Schmerzen an und meinte: „Ein bisschen Blei in der Schulter tut der Liebe keinen Abbruch, was? Das wird die kleinen Mädchen in Skymoore sicher nicht weiter stören, hoho! Verdammt, und ich hatte mir vorgenommen, morgen Abend auf diesem Ball, den sie veranstalten, ein bisschen im Seelenleben der weiblichen Bevölkerung zu forschen. Wird wohl nichts draus werden, meine ich. Wer kam da übrigens dazwischen?“

„Chrislers Mannschaft. Sie kommen schon zurück“, erwiderte Worth und blickte in die Dunkelheit. Dann riss er ein Streichholz an und brachte einige dürre Grasbüschel zum Brennen. So sah er Sumpfers Schulterverletzung deutlicher.

Chrisler und seine Männer ritten heran und saßen ab. Der hagere, fast dürre Chrisler trat an Worths Feuer und winkte einem seiner Männer, den verletzten Cowboy zu verbinden, der neben Sumpfer lag.

„Die lieben Freunde von der Double-T“, meinte er, und seine heisere Stimme klang hoch und gereizt. „Jetzt stellt sich also der Colonel sehr offen gegen das Gesetz, scheint mir. Wir werden da ein wenig mitmischen. Wer ist verletzt?“, fragte er über die Schulter zurück einen seiner Männer.

Die Cowboys der „Kreuz-im-Kreis“ trugen einen Verletzten heran, und dann brachten sie zwei Tote. Beides Cowboys der „Double-T“.

„Sie werden wissen wollen“, sagte Chrisler, „wieso wir gekommen sind? Bevor diese Burschen Ihnen auflauerten, waren sie auf der Ranch. Ich hatte nur ein paar Mann dort. Alle anderen waren im Westcamp, also gerade entgegengesetzt von hier. Es gelang der Bande des Colonels, Rodrigez Zamogarro mitzunehmen, und als er sich kurz nach seiner Überwältigung zur Wehr setzen konnte, schossen sie ihn nieder. Er ist in meinen Armen gestorben. – Das ist ein Blutbad heute, wie wir es seit zwanzig Jahren nicht mehr in so kurzer Zeit erlebt haben. Ich habe auf der Ranch außer Zamogarro noch einen Mann verloren. Drei sind verletzt. Eben ist Joe mit seinem Pferd gestürzt, hat sich aber zum Glück nur geprellt. Ich glaube, Marshal, es ist Zeit, auch den Colonel einzusperren.“

Worth ließ sich so leicht nicht zu fanatischen Handlungen hinreißen. Er beugte sich über den einen Verletzten, einen jungen rothaarigen Burschen, der noch keine zwanzig Jahre alt sein mochte. „Wer hat euch geführt?“

„Der Befehl kam von Learch, aber geführt hat uns Simmons. Ich glaube nicht, dass der Colonel etwas davon gewusst hat.“

„Er schützt seinen Boss. Das wird er nicht umsonst tun“, meinte Chrisler spöttisch. „Fragen Sie ihn, Marshal, wie viel er dafür bekommt!“

„Ich schwöre Ihnen, Marshal, er hat uns keinen Befehl gegeben. Learch hat das getan, und erst, als der Colonel weg war. Er ist nach Skymoore gefahren.“ Der Verletzte sah Worth in die Augen. „Glauben Sie mir, Marshal. Learch sagte, dieser Greaser Zamogarro sei ein windiger Vogel, der jetzt aus Chrisler Geld herausschlagen will, nachdem er es umsonst bei unserem Boss versucht hat.“

„Er hat es nicht umsonst getan, Junge!“, fauchte Chrisler, und seine dürre Hand wedelte dem Verletzten vor dem Gesicht herum. „Warum konnte er auf einmal alle Schulden bezahlen? Wieso hat er eine Lokalrunde nach der anderen in der Greaser Bar bestellen können, was? Er hatte die Taschen voll. Fünfhundert Dollar. Dafür sollte er einen Mann töten. Und als es ein anderer für ihn getan hat, sollte er für diese fünfhundert Bucks das Maul halten. Das ist die Wahrheit, und ihr Burschen wisst das sehr genau.“

Worth richtete sich auf. „Wie wäre es mit einem Wagen, Mr. Chrisler? Damit könnten wir die Verletzten auf Ihre Ranch bringen. Und dort wären sie auch zunächst sicher.“

Chrisler nickte. „Gut, wir regeln das.“

„Pflegt die verletzten Männer der Double-T gut“, mahnte Worth. „Es sind wertvolle Zeugen. Ich schätze, Sie wissen das auch, Mr. Chrisler.“

Chrisler stimmte zu. „Wir geben uns Mühe“, versprach er.

„Schickt uns den Doc heraus“, meinte Sumpfer ächzend. „Und gib mir jetzt einen Fetzen Papier und einen Stift. Ich will Moon ein paar Zeilen schreiben. Er muss den Haftbefehl für Learch ausstellen.“

„Bravo, das ist ein gutes Wort!“, rief Chrisler, und seine Männer nickten beifällig.

Nach einer mehrstündigen Rast im Camp der „Kreuz-im-Kreis“ brach Worth mit Mr. Red auf, um nach Skymoore zurückzureiten.

 

 

Details

Seiten
120
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941944
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906839
Schlagworte
marshal meineid

Autor

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Titel: Der Marshal und der Meineid