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5 Spannungsromane: Sherman kommt durch!

2020 547 Seiten

Leseprobe

5 Spannungsromane: Sherman kommt durch!

Earl Warren

Published by BEKKERpublishing, 2020.

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5 Spannungsromane: Sherman kommt durch!

Von Earl Warren

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Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Spannungsromane

von Earl Warren:

Sioux Highway

Ich steige aus!

Der Geistertrucker

Ölpest vor Vera Cruz

Goldfieber!

Spannungsgeladene Romane eines Spitzen-Autors!

Immer wieder kommen die Trucker Sherman und Washburn in abenteuerliche Situationen, geraten zwischen die Fronten krimineller Banden oder in die Intrigen konkurrierender Firmen und Familien-Clans.

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Sioux Highway

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von Earl Warren

Der 450-PS-Caterpillar brummte gleichmäßig unter der Haube. T.O. Washburn riß eine Dose Coke auf und schaute über die sich endlos dehnende Prärie, über der sich der weite Himmel spannte.

»Das ist das Land Sitting Bulls«, sagte der schwarze Ex-Schwergewichtschampion und trank genießerisch von der braunen Brühe. »Historischer Boden, mit Blut getränkt.«

»Genau wie dein T-Shirt mit Cola«, frotzelte Jim Sherman. »Es sind nur noch wenige Meilen bis zu der Indianerreservation am Rosebud River.« T.O. schwärmte weiter, während der Kenworth W 900 den 83er Highway in South Dakota entlangfuhr.

»Hier haben die stolzen Reiter der Sioux ihre Kämpfe gegen die US-Armee ausgetragen! Hier ist General Custers Kavallerie bis zum letzten Mann aufgerieben worden. Und hier hat die Armee beim Wounded Knee Massaker blutig Vergeltung geübt.«

»Heute sind friedlichere Zeiten«, sagte Jim. »Deswegen bringen wir ja auch nur Lebensmittel und Baumaterial in die Reservation und keine Kriegsbeile und Marterpfähle.«

Genau in dem Moment fuhr ein zusammengestoppelter Pritschenwagen vorm »Bison« auf die Fahrbahn. Jim mußte so scharf bremsen, daß T.O. sich den Kopf an der Scheibe stieß.

»Goddam!« fluchte der blonde Texas-Trucker. »Was soll das denn bedeuten?«

Jim hatte instinktiv ausgekuppelt. Der Motor des »Bison«, wie die zwei Trucker ihren roten Ken nannten, lief noch. T.O. rieb sich die Stirn und murmelte nicht jugendfreie Flüche.

Der Truck, der plötzlich aus der Prärie hinter einer Bodenwelle hervorgejagt war, hatte einen weißen offenen Pritschenauflieger und ein violettes Führerhaus. Die Lampen des Trucks waren rund, die Kotflügel geschwungen. Im Führerhaus saßen zwei langhaarige Indianer.

Beide waren noch jung. Der Fahrer war hager und hatte die typische Siouxadlernase. Sein Kumpan war ein Hüne mit stoischen Zügen und einer Nase, wie von einem Huftritt plattgeschlagen.

Jim ließ die Fanfare aufröhren, streckte den Kopf aus dem Fenster und rief: »He, was soll das, ihr Sonntagsfahrer? Gebt schleunigst den Weg frei!«

Da riß der Fahrer, dessen lange Haare unter einer Schildmütze aus Jeansstoff vorfielen, eine Winchester an die Wange und zielte damit aus dem Fenster.

»Schert euch zum Teufel!« schrie er. »Oder ich verpasse euch ein paar Unzen Blei! Wir werden weder der verdammten Alamo Trucking noch sonst jemand auch nur einen Schritt weichen! Sagt eurem Boß Ringman, daß wir unsere Transporte selbst durchfuhren!«

Die Winchester krachte und spuckte heißes Blei über das Kenworth-Führerhaus weg.

»Augenblick mal!« rief Jim. »Wir wissen überhaupt nicht, wer Ringman ist, und für die Alamo Trucking fahren wir auch nicht. Wir sind freie Trucker!«

Der Sioux mit der Winchester feuerte abermals. Die Kugel durchschlug den Fensterholm auf der Shotgunseite. Die Trucker hörten die Kugel pfeifen - kein angenehmer Laut.

»Haut ab!« befahl der Gewehrschütze. »Oder ich ballere euch beiden ein Loch unter den Skalp. Ich bin Joe Twofeather, falls es euch interessiert, und ducke mich nicht vor weißen Stinktieren!«

»Na, na«, sagte T.O. »Das Bürschchen ist mächtig in Rage. Sollen wir ihm eine Lektion erteilen?«

»Der Klügere gibt nach«, murmelte Jim. »Außerdem sitzt dieser Twofeather am richtigen Ende von dem Donnerstock.«

»Wenn die Klügeren immer bloß nachgeben, haben irgendwann die Dummen restlos das Heft in der Hand, Partner.«

»Stimmt auch wieder«, erwiderte Jim halblaut. Laut rief er hinüber: »Reg dich bloß nicht auf, Twofeather! Wir verschwinden ja schon! Dann bringen wir die Ladung eben dorthin zurück, wo wir sie herhaben, und bestellen da einen schönen Gruß von dir, großer Skalpjäger. Uns zittern ja schon die Knochen, wenn wir dich bloß ansehen. - Bitte laß uns am Leben!«

»Trag nicht zu dick auf, Jim«, murmelte T.O.

Aber Joe Twofeather war kein Mann falscher Bescheidenheit und glaubte aufs Wort, was ihm Jim aufband. Großmütig winkte er mit dem Lauf seiner 44-40er Rifle.

»Wendet und fahrt weg! Laßt euch nicht wieder in unserem Reservat blicken.« Spöttisch schaute er auf die rechts und links auf die Conventional-Kühlerhaube gemalten Büffel. »Wir sind gute Büffeljäger, auch was welche aus Metall betrifft.«

Jim zwinkerte T.O. kurz zu und fing mit dem Wendemanöver an. Bei dem einspurigen Highway war es gar nicht so einfach, den mit seinem Auflieger elfeinhalb Meter langen Sattelschlepper in die andere Fahrtrichtung zu bringen.

Dazu war ein mehrmaliges Zurückstoßen notwendig.

Endlich hatte Jim es geschafft. Die hochgezogenen Auspuffrohre bliesen schwarzen Dieselqualm am Dragfoiler vorbei. Jim sah den abenteuerlich aussehenden kleineren Truck, der noch immer quer über der Straße stand, und den aus seinem Fahrerfenster lehnenden Joe Twofeather im Außenspiegel.

»Aufgepaßt, Partner!« sagte er zu T.O. »Jetzt werden wir unsere roten Freunde ein wenig durchschütteln.« Jim fuhr im zweiten Gang an, hielt, kuppelte einen Rückwärtsgang ein und gab Vollgas mit dem breiten Pedal. Der bullige Caterpillar-Motor röhrte auf.

Der »Bison« stieß samt Auflieger zurück. Ehe sich’s Twofeather versah, hatte Jim mit dem Auflieger, der mit einer breiten Stoßstange versehen war, voll die Ladepritsche des kleineren Trucks gerammt.

Jim schob den Indian-Truck samt seinen Insassen herum und glatt in den flachen Graben. Twofeather heulte wie ein Steppenwolf und schoß Luftlöcher.

Da hielt Jim auch schon. Rechts und links sprangen die »Bison«-Trucker aus dem Führerhaus. Jim spurtete zu dem Pritschentruck.

Rasend vor Wut richtete Twofeather sein Gewehr auf den Trucker. Jim schlug ihm den Lauf hoch. Der Schuß löste sich und fuhr in die Wolken.

Im nächsten Moment hatte Jim auch schon die Fahrertür aufgerissen und Twofeather gepackt. Er zerrte ihn aus dem Führerhaus. T.O. stand inzwischen auf der anderen Seite.

Als er die Shotguntür öffnete, sah er sich einem Gebirge von einem Indianer gegenüber. Die Rothaut mit dem bestickten Hemd und den ins Langhaar geflochtenen Zöpfen winkte majestätisch ab, als T.O. ihn anfassen wollte.

»Immer mit der Ruhe, schwarzer Mann«, sagte er guttural. »Ich steige allein aus. Bis ich ausgestiegen bin, solltest du rennen. Sonst nehme ich dich nämlich auseinander, daß du deine Knochen nie wiederfindest, bei Manitu!«

»Das wirst du nicht.«

Der Sioux stieg aus. Er war Über zwei Meter groß. Am Gürtel trug er ein riesiges Skalpmesser, das er jedoch in der Scheide ließ. Gegen diesen Indianer wirkte der gewiß nicht schmächtige T.O. fast wie eine halbe Portion.

»Ich bin Little Elk«, sagte der rote Riese.

»Dann möchte ich Big Elk lieber nicht kennenlernen«, erwiderte T.O. »Roter Bruder, ergib dich. Wir fahren dich und deinen Freund Twofeather zu eurem Reservatsagenten, dem du dann alles beichten kannst.«

»Du freche Wanze!« schnaubte Little Elk und schlug zu.

T.O. pendelte den Schlag aus. Dann zeigte er, wieviel Dampf er in seinen Fäusten hatte. Der gewaltige Sioux schüttelte sich. Er war viel langsamer als T.O. Doch hinter jedem seiner Schläge steckte ungeheure Wucht.

Ein Heumacher kam durch und warf T.O. gegen die violette Fahrerkabine des Indian-Trucks. Little Elk stürmte vor und drosch wieder zu.

Seine Fäuste dröhnten gegen das Karosserieblech - T.O. war weggetaucht - und hinterließen tiefe Beulen. T.O. schmetterte dem Hünen seine verschränkten Hände ins Genick.

Little Elk grunzte. Leicht benommen schüttelte er den Kopf, und dann machte es Wamm! - Little Elk hatte mit seinem gewaltigen Arm gezuckt und T.O. lag im Graben. Der schwarze Shotgun überprüfte Zähne und Kinn.

»Das kann heiter werden«, stöhnte T.O. und rollte sich zur Seite.

Währenddessen kämpfte Jim mit Joe Twofeather um die Winchester. Twofeather wandte einen Trick an, indem er sich nach hinten fallen ließ und Jim die Füße gegen die Brust stemmte.

Er katapultierte ihn über sich weg.

Aber Jim hatte Fallen gelernt und rollte sich auf dem Asphalt ohne Schramme ab. Er hechtete Twofeather an, der gerade durchlud, riß ihn um und hatte ihn kurz darauf überwältigt.

Beschämt schaute der Sioux in die Mündung seiner eigenen noch schwach rauchenden Winchester.

»Bleib ruhig da sitzen!« ermahnte Jim die Rothaut und lief um den Indian-Truck herum.

Er erschien gerade rechtzeitig. Little Elk hatte T.O. mit einem Glückstreffer niedergemacht. Der Sioux stemmte ein Knie auf T.O.s Brustkorb, griff dem Shotgun ins Wollhaar und zückte sein Skalpmesser.

»Ein Negerskalp fehlt mir noch in meiner Sammlung«, murmelte er. »Jetzt wird es dir anders, schwarzer Mann, was?«

»Du willst mich doch nicht wirklich skalpieren?« ächzte T.O.

»Denkst du, ich will dir die Haare schneiden?« fragte der Sioux mit seiner tiefen Stimme. Dann sah er Jim, zuckte nicht mal mit der Wimper und setzte T.O. sein zweischneidiges Skalpmesser an die Kehle. »Laß das Gewehr fallen!«

Jim zögerte. Er wollte den Sioux nicht einfach erschießen. Joe Twofeather tauchte hinter ihm auf. Es war eine heikle Situation, bei der Jim nicht wußte, wie er sich entscheiden sollte.

Da knatterte ein Motorrad quer durch die Prärie heran. Der zierliche Fahrer hinter dem hochgezogenen Lenker der Honda 350 ließ die schwarzrot lackierte Maschine über den Graben fliegen und stoppte bei den beiden noch immer ineinander verkeilten Trucks.

Als der Fahrer den Sturzhelm absetzte und die langen blauschwarzen Haare schüttelte, entpuppte er sich als eine Fahrerin. Ein bildschönes, rassiges Girl mit einem Schuß Indianerblut in den Adern. Die Motorradfahrerin trug einen schwarzen Lederdreß, der ihre Kurven nachmodellierte.

»Was habt ihr denn jetzt wieder angestellt, ihr zwei Sündenböcke?« fauchte die Schöne, die kaum älter als Zwanzig aussah, Twofeather und Little Elk an.

»Nichts, Miß Moreno«, antworteten beide und schüttelten synchron den Kopf. »Wir - äh - es handelte sich nur um einen kleinen Unfall. Nichts von Bedeutung, oder?«

Der weiße und der schwarze Trucker schwiegen. Miß Moreno stellte ihre gelandegängige Honda ab, stellte sich hin und stützte die zierlichen Fäuste in die Seiten.

»Ein Unfall, was? Was hat denn das Gewehr dabei zu suchen?«

»Ich habe es ihm abgenommen«, antwortete Jim, der die Winchester hielt. Er deutete mit dem Daumen über die Schulter auf Little Elk. »Der da wollte meinem Freund die Kehle durchschneiden.«

Little Elk versuchte vergeblich, das Skalpmesser vor den Blicken der jungen Frau zu verbergen. Er schaute verlegen.

»Es war nur ein Spaß, Miß Moreno«, versicherte er. »Wir hatten nur vor, den Truckern abzugewöhnen, uns Konkurrenz zu machen. Die Frachttransporte dieser Reservation werden von der Sioux Self-Help Association erledigt und von niemand anders.«

»Du bist ein unverbesserlicher Hitzkopf, Joe Twofeather!« regte Miß Moreno sich auf. »Es ist ja sehr schön, daß ihr Initiative zeigt und eine Sioux-Truckerlinie eröffnet habt. Doch du kannst doch nicht das Innenministerium zwingen, plötzlich alle Frachten nur noch über dich abwickeln zu lassen. Das ist ein freies Land mit einem freien Wettbewerb.«

»Das ist unsere Reservation«, beharrte Twofeather auf seinem Standpunkt. »Alles, was hierher oder von hier weggeht, fahren wir. Der Stammesrat hat es so beschlossen. -Howgh!«

»Der Rat der Ältesten hat außerhalb der Reservation kaum Einfluß«, sagte die rassige Miß Moreno. »Ich habe bestimmte Stellen angesprochen und an den Gouverneur geschrieben. Es ist möglich, daß die Sioux-Truckerlinie ein Frachtmonopol fürs Rosebud Reservat erhält, aber noch nicht spruchreif. So was braucht Zeit. Mit euren Gewalt- und Extratouren gefährdet ihr bloß alles, was ich mühsam genug in die Wege leite.«

»Die Gegenseite versteht nur eine Sprache, die des Boykotts und der Gewalt«, behauptete Little Elk. »Seit die Weißen in dieses Land kamen, sind unsere Rechte mit Füßen getreten worden. Wir lassen uns nichts mehr gefallen!«

»Schäm dich, so dummes Zeug daherzureden«, stauchte ihn Miß Moreno zusammen. Der Hüne zog den Kopf ein. Die junge Frau wandte sich an Jim und T.O. »Bitte entschuldigen Sie vielmals. Sie müssen wirklich einen ungünstigen Eindruck von unserer Reservation gewonnen haben. Ich heiße Liz Moreno und bin Lehrerin in der Rosebud Reservation.«

Die Trucker stellten sich vor. Liz Moreno schüttelte ihnen die Hand. Sie hatte einen kräftigen und sympathischen Händedruck. Anschließend schauten sich die Trucker den Schaden an dem Pritschenwagen von Twofeather und Little Elk an.

Die Achse war nicht verbogen. Der Schaden würde sich mit ein paar Werkstattstunden Arbeit beheben lassen. Die beiden Sioux schauten die Texas-Trucker zwar finster an, machten aber keine Anstalten mehr, sie anzugreifen oder zu hindern.

Als Jim sagte, dann wollten sie mal zum Reservat fahren und ihre Fracht abliefern, fragte Twofeather: »Und wann bekomme ich meine Winchester wieder?«

»Du kannst sie gleich Über den Schädel geschlagen bekommen«, belehrte ihn Jim freundlich. Dann sagte er: »Der Schießprügel bleibt bei mir. Du hast mir einen zu nervösen Zeigefinger, Freund Twofeather. Über das Loch, daß du uns in den Fensterholm geschossen hast, reden wir auch noch.«

Mit hängenden Ohren stiegen Twofeather und sein athletischer Freund ins Führerhaus des zusammengebastelten Trucks.

»Wie heißt euer Truck eigentlich?« fragte T.O.

»Pink Tomahawk«, antwortete Joe Twofeather stolz. »Er hat einen Maxydine 306-PS-Motor, fast neuwertig mit nur zweihundertachtzigtausend Meilen auf dem Tacho.«

Jim und T.O. fanden das stark übertrieben. 280.000 Meilen waren für einen Sechszylinder-Motor wie den Maxydine eine ganze Menge.

T.O. ging rundherum und kickte gegen die abgefahrenen Reifen. Das Neueste an dem Pritschenwagen war die Farbe, mit der sein altes Metall übermalt worden war.

»Manitus Curse sollte er heißen - Manitus Fluch«, brummte T.O., »Ein richtiger Schlaglochsucher«, blies Jim ins gleiche Horn. »Dann fahrt mal vor uns her, und zeigt uns, welche Schlaglöcher wir nach Möglichkeit meiden sollen.«

Die beiden Sioux-Trucker ärgerten sich schwarz und gelb. Als Twofeather den Motor anließ, hustete und röchelte er wie ein asthmatischer alter Mann.

»Fast neu, was?« sagte T.O. »Aber mehr fast als neu.«

Endlich ruckelte der »Pink Tomahawk« mit der verbogenen Ladepritsche und der beschädigten rechten Seite los. Jim und T.O. fuhren ihm mit dem »Bison« hinterher, an dessen hinterer Stoßstange man kaum einen Kratzer sah. Nur ein Rücklicht des Aufliegers war zerbrochen.

Liz Moreno startete ihre 350er Honda und überholte die Trucker. Sie winkte ihnen zu.

T.O. leckte sich über die Lippen. »Ein Rasseweib«, sagte er. »Die würde ich nicht von der Bettkante stoßen.«

»Was du immer denkst.«

»Was soll ich denn sonst denken?« fragte der schwarze Shotgun. »Woran denkst du denn beim Anblick von Liz Moreno?«

»Ans Truckfahren«, antwortete Jim.

»Hä?«

»Ja. Mit Liz Moreno im Sleeper irgendwo in die Prärie oder auf einen Rastplatz und dann... Na, du weißt schon.«

T.O. rückte seine Kappe zurecht.

»Ja. Ein Glück, daß du so denkst. Ich fürchtete schon, du wärst krank geworden. Aber jetzt wollen wir uns erst mal in der Reservation Umsehen.«

***

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Die Siouxreservation am Rosebud River war trostlos. In der Fabrik gefertigte Wigwams standen hier neben Fertigbaubaracken und -häusern. Das größte Gebäude war das Indian Bureau, wo der Reservationsagent seinen Sitz hatte. Außerdem waren noch Lagerhallen da sowie am Rand der Siedlung eine Auto- und Truckwerkstätte, ein primitiver Frachthof und ein Fuhrpark, der mehr an einen Schrottplatz erinnerte.

Liz Moreno lotste die Texas-Trucker dorthin. Jim und T.O. besichtigten die vier Rostlauben von Trucks. Dagegen war der »Pink Tomahawk« noch ein Renommierstück. Immerhin fuhr er.

»Meine Güte«, sagte T.O. »Wo haben sie denn die Seelenverkäufer bloß aufgetrieben? Das sind alles ausrangierte Uralt-Modelle.«

»Es war das, was das Indian Bureau uns für unseren Fuhrpark vermittelt hat«, meldete sich Twofeather über Funk auf Kanal 19. Er hatte T.O. scharfäugig von den Lippen abgelesen, was er sagte. »Aber jetzt sollen wir dank Miß Morenos Bemühungen drei ausrangierte Army-Trucks erhalten, die noch gut in Schuß sind. Damit können wir dann unserem Frachtgeschäft einen vernünftigen Umfang verleihen.«

Die Texas-Trucker fuhren zum Indian Bureau, wo sie den Indianeragenten Morton Latimer kennenlernen wollten. Von den Sioux hatten sie in dem Reservat, in dem an die zweitausend Indianer wohnten, Säuglinge und Greise inbegriffen, bisher nur wenige gesehen.

Bei dem Magazin, wo die Fracht abgeladen werden sollte, lungerten fünf indianische Arbeiter im Schatten herum.

Nach mehrmaligem Hupen erschien ein Halbblut-Vorarbeiter.

»Für heute ist die Annahme geschlossen«, sagte er.

Jim schaute aus dem Führerhaus auf ihn nieder und sagte: »Es ist doch erst halb drei.«

»Wir arbeiten nur vormittags - an drei Vormittagen die Woche«, antwortete das Halbblut, ein Angebertyp im Western-Look. »Kommt übermorgen wieder.«

»Du spinnst wohl!« mischte T.O. sich da ein und tippte auch gleich an die Stirn, um dem Halbblut zu zeigen, wo es seines Erachtens bei ihm fehlte. Jim hielt ihn zurück.

»Reg dich nicht auf. Das klären wir mit dem Indianeragenten ab.«

»Der steckt mit den Schweinen doch unter einer Decke«, meldete sich Twofeather wieder über Funk, halblaut allerdings. »Wenn die Transporte von der Alamo Trucking angeliefert werden, kann sogar spätabends noch abgeladen werden. Aber alle anderen werden boykottiert.«

Jim rangierte den mächtigen Sattelschlepper, dessen Lack und Chrom im Sonnenlicht glänzten, herum und fuhr zum Verwaltungsgebäude. Liz Moreno stand dort mit ihrem Motorrad. Twofeather und Little Elk waren dem »Bison« hinterhergefahren.

»Mister Latimer hält um die Zeit seinen Mittagsschlaf«, sagte er aus dem Fahrerfenster des »Pink Tomahawk«.

Jim und T.O. wollten es nicht glauben. Sie stiegen aus und stiefelten ins Verwaltungsgebäude, wo es muffig und düster war. Die Computertechnik hatte hier noch keinen Einzug gehalten. Man arbeitete mit Aktenschränken und Hängekarteien. Die Büromöbel waren alt und abgenutzt.

Bei anderen staatlichen Stellen wären sie längst hinausgeschmissen worden. Aber fürs Reservat waren sie noch gut genug.

Eine flachbrüstige, spitznasige Sekretärin hackte im Vorzimmer lustlos auf ihrer elektrischen Schreibmaschine herum und füllte irgendwelche Formulare aus. Jim legte ihr die Frachtpapiere auf den Tisch.

»Ja, ja«, murmelte die Angestellte, eine Weiße, beiläufig. »Mister Latimer kümmert sich darum, sobald er dazu kommt. Das kann eine Weile dauern.«

»Wie lange?« fragte T.O. und stemmte die Boxerfäuste auf den Tisch.

»Nächste Woche, vielleicht wird es auch übernächste. In so einem Reservat gibt es eine Menge zu tun. Es muß alles der Reihe nach gehen.«

»Merkst du was, Jim?« T.O. zog seinen Freund und Partner zur Seite und flüsterte ihm ins Ohr. »Wir sollen für dumm verkauft werden. Frachtlieferungen, die nicht von der Alamo Trucking kommen, werden hier tatsächlich boykottiert. Allmählich beginne ich unsere beiden hitzköpfigen roten Freunde zu verstehen.«

Die beiden Trucker hörten durch die mit Leder gepolsterte Tür eindeutige Schnarchgeräusche. Twofeather hatte nicht gelogen mit dem, was er von dem Indianeragenten behauptet hatte.

Jim winkte T.O. zu. Der Shotgun folgte ihm nach draußen.

»Was hast du denn vor?«

»Das wirst du gleich sehen - und hören.«

Jim fuhr mit dem Dreißig-Tonner direkt bis zu dem Bürofenster, hinter dem der Indianeragent Latimer selig in seinem bequemen verstellbaren Bürosessel schnarchte. Dann zog der Trucker die Reißleine am Dach der Fahrerkabine.

Die Fanfare, Marke Texas-Stierhorn, dröhnte auf, daß der Verwaltungsbau wackelte. Morton Latimer sprang drinnen senkrecht vom Sessel hoch.

Er stürzte ans Fenster, schob es hoch, hielt sich die Ohren zu und brüllte: »Seid ihr verrückt geworden? Was soll dieser Lärm? Gleich rufe ich die Reservationspolizei.«

»Ob das was hilft? Die sind doch alle besoffen«, rief Twofeather herüber.

Jim ließ die Reißleine los.

»Wir haben Fracht für Sie, Mister Latimer«, erklärte er freundlich. »Baumaterial und Lebensmittel, die wir in Sioux Falls übernommen haben. Es ist doch auch in Ihrem Sinn, daß wir schleunigst liefern, oder?« Liz Moreno erschien, zu Fuß und ohne Motorrad, und schaltete sich ein. Sie drohte dem Indianeragenten Konsequenzen an, wenn er wieder seine unlauteren Maßnahmen anwenden würde.

»Ich habe Verbindungen bis hoch zum Kongreß, wie Sie wissen.«

Latimer verzog das froschäugige Gesicht.

»Warum kümmern Sie sich nicht um Ihren Unterricht und mischen sich in Dinge, die Sie nichts angehen?« fragte er. »Also gut, Sie können abladen! Kommen Sie rein!«

Die Trucker fuhren wieder bis direkt vor die Tür. Als sie diesmal ins Vorzimmer kamen, stand die Tür zu Latimers Office offen. Der Indianeragent war so wach wie schon lange nicht mehr. Liz Moreno folgte den beiden Truckern und ließ sich von Latimer nicht wegschicken.

Der Indianeragent war klein und fett. Er hatte einen listigen, verschlagenen Zug im Gesicht, der den Truckern nicht gefallen wollte., Auf Latimers Schreibtisch und auf den halbhohen Schränken stapelten sich die Akten und Unterlagen. Latimer hatte die Arbeit jedenfalls nicht erfunden. Von einer funktioneilen und schnellen Verwaltung war er ungefähr so weit entfernt wie der Mars von der Venus.

Seine Sekretärin hatte ihm die Frachtpapiere von der Ladung des »Bison« schon gebracht. Latimer studierte sie endlos lange und stöhnte, daß er gedrängt würde. Endlich setzte er seinen Unterschriftskrakel auf die Anweisung zum Abladen.

»Gut, ladet ab. Aber es wird genau kontrolliert, daß die Mengen stimmen und es unterwegs keinen Bruch gegeben hat.«

»Bei uns kommt nichts weg, Mister.« T.O. schaute den fetten Agenten anzüglich an. »Bei uns hat auch alles seine Ordnung.«

Latimer schnaufte bloß und zog es vor, nichts mehr zu sagen. Die Trucker und Liz Moreno verließen sein Office. Der Indianeragent wischte sich den Schweiß von der Buckelstirn, obwohl es so heiß in seinem Office nicht war.

Nachdem der »Bison« wieder zur Lagerhalle gefahren war, wo T.O. und Jim die verschlafenen Arbeiter auf Trab brachten, rief Latimer in Sioux Falls an, das rund hundert Meilen entfernt am Kreuz der großen die Nordwestprärien durchschneidenden Highways 90 und 29 lag. Dort befand sich zentral gelegen die Niederlassung der Alamo Trucking.

Eine barsche, befehlsgewohnte Stimme meldete sich mit einem geschnauzten: »Ja?«

»Hier spricht Morton Latimer, Mister Ringman. Ich hoffe, ich störe nicht. Gerade ist eine Truckladung bei mir im Reservat angekommen. Ein blonder und ein schwarzer Trucker haben sie angeliefert. Es sind rabiate Burschen, die ich weder hinhalten noch abwimmeln konnte. -Warum ist dieser Transport denn nicht über die Alamo Trucking abgewickelt worden wie sonst alles? Schließlich haben wir doch eine Abmachung laufen, und ich erhalte Prozente dafür, daß ich Sie bevorzuge.«

»Quasseln Sie nichts ins Telefon, was Sie nicht verantworten können, Sie Schwachkopf!« schnauzte Ringman. Wenn er auch nur annähernd so aussah, wie seine Stimme klang, konnte er leicht zum unsympathischsten Mann im weiten Umkreis gewählt werden. »Da ist bei der staatlichen Agentur was schiefgelaufen. Der Disponent, der sonst alles der Alamo zuschanzt, war krank, sein Chef ausgerechnet in Urlaub. So hat jemand anders, der die Bräuche nicht kennt, den Auftrag an zwei freie Trucker gegeben. Das läßt sich jetzt nicht mehr ändern. Schicken Sie die beiden Trucker so schnell wie möglich wieder weg, Latimer«, wies er den Indianeragenten an. »Wir haben mit den Sioux-Truckern schon genug Probleme und können nicht noch weitere Störenfriede gebrauchen.«

»Mit Twofeather und seinen Fahrern komme ich klar«, versicherte Latimer eifrig. Von Vorsicht am Telefon war jetzt nicht mehr die Rede. »Es sind schlechte Fahrer, und sie haben miserable Fahrzeuge. Ich bin nur noch einen Schritt davon entfernt, die Schrott-Trucks aus Gründen der technischen Sicherheit ganz verbieten zu lassen. Es ist bloß deshalb kompliziert, weil es sich um Indianer und ihre Fahrzeuge handelt und die State Police nicht so ohne weiteres Vorgehen kann.«

»Dann sehen Sie zu, daß Sie diesen Schritt bald tun«, verlangte Ringman. »Dieses Moreno-Girl gefällt mir auch nicht. Diese wildgewordene Lehrerin macht Gott und die Welt verrückt wegen der Zustände im Reservat und setzt sich besonders für die Sioux Self-Help Association und die Sioux-Truckline ein. Jung, hübsch und keß, wie sie ist, stößt sie bis zu Spitzenleuten der verschiedensten Sparten vor. Ihretwegen müssen wir uns bald was einfallen lassen.«

»Ich will sehen, was ich tun kann«, erwiderte Latimer.

Bei dem, was Ringman ihm noch sagte, nickte und dienerte er.

»Ja, Mister Ringman. - Selbstverständlich, Mister Ringman. - Wird sofort erledigt, Mister Ringman. Das erledige ich ganz bevorzugt. - Sie können sich auf mich verlassen. -Danke, Mister Ringman, das wünsche ich Ihnen auch, und einen recht schönen Tag noch.«

Als Latimer auflegte, schnitt er sofort ein anderes Gesicht. Er rief seine Sekretärin herein und schnauzte sie wegen einer Nichtigkeit an. Die Sekretärin hatte eine Natur, die alles kaltließ, hörte nur ruhig zu und blies eine Kaugummiblase, als sie das Office des Indianeragenten verließ.

Die Blase platzte mit leisem Knall. Mehr bedeutete der Vorzimmerkraft der ganze Latimer nicht.

Unterdessen hatten Jim und T.O. den Auflieger abgesattelt. Das Abladen ging so langsam, daß sie befürchten mußten, der Vorarbeiter und seine Untergebenen würden dabei einschlafen. Obwohl sie dazu nicht verpflichtet waren, faßten die Trucker mit an.

Die Baumaterialien wurden, mit einem Kran von dem oben geöffneten Auflieger gehoben. Nachdem noch die Lebensmittel-Paletten mit dem Gabelstapler abgeladen waren, war der Fall erledigt.

Der Halbblut-Vorarbeiter murrte zwar, von Rechts wegen dürfte er noch nicht abzeichnen, weil noch eine genauere Überprüfung der Lieferung stattfinden müßte. Doch das ließ Jim nicht gelten.

»Willst du deinen Riechkolben in jede einzelnde Konservendose und in jeden Sack mit Bohnen stecken?« fragte er. »Da, schreib deinen Namen drunter, oder mach drei Kreuze, was auf das gleiche herauskommt. Was soll diese Anstellerei? Bei den Lieferungen von der Alamo Trucking seid ihr doch auch nicht so pingelig.«

»Das kannst du laut sagen«, bemerkte Joe Twofeather, der mit seinem Freund Little Elk in die Lagerhalle getreten war.

Der Vorarbeiter zuckte zusammen und wollte ihn hinausscheuchen. Doch Little Elk trat vor und legte dem Vorarbeiter schweigend seine große Pratze vor die Brust. Er packte ihn und hob ihn mühelos einhändig auf eine Palette mit aufgestapelten Säcken.

»Unterschreibst du jetzt endlich?« fragte Jim.

Der Vorarbeiter unterzeiphnete.

»Herzlichen Dank«, sagte Jim und ging zum Verwaltungsbau, seinen Scheck abzuholen.

T.O. begleitete ihn für alle Fälle, falls Jim für seine Unterredung mit dem Indianeragenten einen Zeugen brauchen sollte. Doch Latimer stellte den Scheck sofort und ohne zu fragen aus und wünschte den Truckern eine gute Weiterfahrt. Er war so beflissen, sie loszuwerden, daß Jim Verdacht schöpfte.

»Vielleicht halten wir uns doch noch ein Weilchen in der Agentur auf«, sagte der blonde Texaner mit den stahlblauen Augen und dem sonnengebräunten Gesicht. »Übernachten werden wir auf jeden Fall mal in der Reservationssiedlung.«

»Wozu denn?« schnappte Latimer. »Hier gibt’s absolut nichts Besonderes, was euch Trucker reizen könnte.«

Liz Moreno ging draußen vorm Fenster vorbei, mit schwingenden Hüften, die sich unter der engen Lederhose prall abzeichneten.

»Sagen Sie das nicht«, bemerkte T.O., der sich leger auf die Kante von Latimers Schreibtisch gesetzt hatte. »Jeder Ort hat seine besonderen Reize. Man muß sie nur finden und zu genießen wissen.«

Verdrossen hockte der fette Agent hinter seinem unordentlichen, vollgeräumten Schreibtisch.

»Also ich weiß nicht. Im Grunde genommen ist das ja ein Indianerreservat, in dem Weiße sich nur in besonderen Fällen aufhalten dürfen.«

»Wir sind so ein Sonderfall«, freute sich Jim. »Sie kennen doch die Bestimmungen für Trucker, speziell was die gesetzlich vorgeschriebenen Ruhepausen betrifft? Nachdem wir mehrere hundert Meilen am Stück gefahren sind, sind wir verpflichtet, eine längere Rast einzulegen. - Sie wollen uns doch wohl nicht dazu bringen, gegen das Gesetz zu verstoßen?«

Latimer wand sich wie der Wurm am Angelhaken.

»Natürlich nicht«, gab er nach. »Aber morgen früh fahren Sie dann weiter. Darauf muß ich bestehen. Als Indianeragent und Vertreter des Indian Bureaus kann ich keine nicht zum Reservat gehörigen Personen ohne triftigen Grund länger hier dulden.«

Die Trucker verabschiedeten sich.

Vorm Verwaltungsbau draußen sagte Jim: »Ich hätte Lust, doch noch länger zu bleiben.«

»Ich auch«, sagte T.O.

Bei ihm waren Liz Morenos Kurven der Grund. Bei Jim verhielt es sich so, daß er als echter Mann und Texaner prompt dann blieb, wenn man ihn weghaben wollte.

»Da müssen wir uns was einfallen lassen, damit uns diese menschgewordene Kröte nicht rausschmeißen kann, Partner«, sagte T.O. »Das wird eine harte Nuß werden.«

Die Trucker wußten noch nicht, wie sie sie knacken sollten.

***

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Am späten Nachmittag schauten Jim und T.O. sich interessehalber den Wagenpark und die Fahrer der Sioux Truck Association genauer an. Sie schüttelten bloß den Kopf. Unter den Trucks befand sich tatsächlich noch ein Mack AC, der ein ehrwürdiges Alter von gut siebzig Jahren hatte.

Mit seiner hohen Kabine, den kleinen Fenstern, runden Scheinwerfern und der platten Schnauze wäre der Mack-Veteran viel Geld wert gewesen, wäre er bloß nicht total verrostet und mit zahlreichen aufgeschweißten Metallstücken versehen gewesen. Statt des ursprünglich eingebauten Vierzylinder-Benziner-Motors hatte der Mack AC immerhin einen Sechszylinder-Diesel, vielleicht aus dem Zweiten Weltkrieg.

Die übrigen Trucks waren zwar neuer, aber nicht besser. Der »Pink Tomahawk« mit seinen 306 PS unter der Haube war noch relativ spritzig. Die Fahrer waren auch nicht besser als die Fahrzeuge.

Außer Twofeather und Little Elk waren noch acht Trucker und ein halbes Dutzend Mechaniker da. Wie Jim und T.O. jedoch sofort merkten und sahen, hatten nur zwei oder drei davon überhaupt eine Ahnung von der Materie. Die anderen sahen den Truckerjob entweder als Zeitvertreib an, oder sie verfügten zwar über den guten Willen, jedoch über keine Kenntnisse.

Die beiden »Bison«-Trucker sahen mit Grausen, wie die sogenannten Mechaniker aus dem Reservat einen Vergaser austauschten. Es war ein Akt, bei dem sie den Motor in seine sämtlichen Bestandteile zerlegten. Nachher war zwar der Vergaser an seinem Platz, aber das meiste andere nicht mehr.

Der Motor sollte in der lediglich überdachten Werkstatt probelaufen. Er gab genausowenig Töne von sich wie ein Büffelschädel in der Prärie, nämlich allenfalls ein hohles Sausen, wenn der Wind durchpfiff.

Die Texas-Trucker verdrückten sich. Sie konnten nicht länger Zusehen.

»Mit diesem Material und den Leuten kann die Sioux Association gegen die Alamo Trucking keinen Blumentopf gewinnen«, sagte T.O. »Eigentlich schade.«

»Bist du gegen die Alamo eingestellt?«

»Solange der alte Jeff Corrigan dort das Sagen hatte, war es eine faire und anständige Firma, die gleich nach Rylands RTC kam. Jetzt kommt sie zwar immer noch nach der RTC, aber Sharkey Lerby, den ich nun mal auf den Tod nicht leiden kann, ist dort Geschäftsführer. Ich traue Lerby nicht weiter, als ich ihn werfen kann. Was er sich schon alles geleistet hat, geht auf keine Kuhhaut. Daß er noch nicht hinter Gittern sitzt, muß man als Justizversagen werten.«

»Augenblick mal, T.O. Ausgesprochen kriminell ist Lerby nicht. Was er tut, bewegt sich nur oft hart am Rand der Legalität.«

»Fragt sich, an welchem, Jim. Nach meiner Meinung am falschen. Für die ganz üblen Geschichten hat Lerby bisher noch immer Werkzeuge und Handlanger gefunden. Im einen oder anderen Fall hatte er unverschämtes Glück.«

»Ryland und Lerby haben zur Zeit einen Burgfrieden geschlossen«, fuhr Jim fort, während sie durch das Reservat schlenderten und sich umschauten. Der »Bison« stand ohne Auflieger auf einem Parkplatz bei den meist zerbeulten Straßenkreuzern der Reservatsindianer. »Gegen den abgefeimten alten Bastard Tucker Murphy halten sie zusammen -glücklicherweise.«

»Ja, ja. Ich weiß. Daß diese alte Giftkröte auch keine Ruhe gibt. Wir können froh sein, daß er es nicht speziell auf uns abgesehen hat.«

»Vielleicht hat er das inzwischen doch«, sagte Jim. »Wir haben seine Pläne schon erheblich gestört.«

Der Abend brach herein. Der Himmel mit den dahinziehenden sich türmenden Wolkenformationen über der weiten Prärie flammte im Abendrot. Die Trucker sahen auf ihrem Rundgang zahlreiche Betrunkene in allen Stadien des Rausches.

Die meisten hier genossen täglich Whisky und Selbstgebrannten Fusel. Die Selbstmordrate war wie in den meisten Indianerreservaten extrem hoch. Das erklärte die Lehrerin Liz Moreno, die sie beim Schulhaus trafen, den beiden Truckern.

»Ich habe Kinder im Unterricht, bei denen sich drei oder vier Angehörige oder gar beide Elternteile selbst umbrachten«, erzählte sie. »Das rührt daher, daß die Sioux im Reservat keine Zukunftsperspektive haben. Aus den ehemals stolzen und kriegerischen Herren dieses Landes sind aufs Abstellgleis geschobene Almosenempfänger der US-Regierung geworden. Für Landnutzung und andere Rechte erhalten die Sioux im Rosebud Reservat genug Geld, daß jeder sein Auskommen hat. Doch danach fragen sie nicht. Was sollen sie tun? Mit der Lebensweise der Weißen können sie sich nicht anfreunden. Ihre eigene als Reitervolk der Prärie aber ist unwiderruflich dahin.«

Die Trucker folgten Liz Moreno in ihr gemütlich eingerichtetes Heim, eine Hütte im Reservat. Die Lehrerin bereitete ihnen ein Abendessen, das besonders T.O. mit bestem Appetit verspeiste.

»Davon könnte ich noch mehr vertragen«, sagte der schwarze Hüne. »Sie wissen, was hungrige Trucker brauchen, Miß Moreno.«

»Sagt einfach Liz zu mir.«

Jim war weniger unbedarft als sein Shotgun.

»Was hast du auf dem Herzen, Liz? Du hast uns doch nicht nur aus purer Freundlichkeit eingeladen. Daß wir Twofeather und Little Elk wegen ihres Überfalls heute vormittag nicht anzeigen werden, ist klar. Deswegen wäre keine Einladung zum Essen nötig gewesen.«

»Dir kann man nichts vormachen, Jim, was?« Liz Moreno, in Nappalederhosen, Bluse und einem Indianerband um den Kopf, lachte. »Gut, ich will mit der Sprache herausrücken. Was würdet ihr davon halten, die Sioux Truck Association für eine Weile zu unterstützen, indem ihr die Fahrer einweist, selbst ein paar Touren fahrt und das Unternehmen in Schwung bringt? Wenn das geschafft ist, müssen Twofeather und seine Crew sich allein durchbeißen. Doch im Moment haben sie keine Chance, sich in dem harten Transportgeschäft zu behaupten.«

Den Eindruck hatten die beiden Trucker allerdings auch gehabt. Jim zögerte.

»Wir haben unseren Geschäftssitz in San Antonio, Texas, Liz. Zur Zeit sind wir auf einer weiten Tour unterwegs, aber irgendwann müssen wir auch wieder mal zurück. Wir können hier nicht zum Spaß verweilen.«

»Ihr würdet für eure Mühe natürlich bezahlt«, sagte die schöne Lehrerin ein wenig abschätzig.

»Und wie hoch?«

Liz Moreno nannte einen Betrag, der Jim die Stirn runzeln ließ. Liz’ Bemerkung, außerdem würden die »Bison«-Trucker noch das Rollgeld für von ihnen ausgeführte Frachtaufträge erhalten, riß Jim auch nicht vom Stuhl.

»Ich muß das mit meinem Partner besprechen«, sagte ei; kühl und geschäftsmäßig und zog T.O. mit vor die Tür. »Wir sind nicht die Wohlfahrt«, sagte er draußen. »Wir sind auch nicht für das Wohl und Wehe der Sioux Truck Association verantwortlich. Kannst du mir einen vernünftigen Grund nennen, weshalb wir den Sioux-Truckern auf die Sprünge helfen sollten?«

»Ja.« T.O. beschrieb Kurvenlinien in der Luft. »Den Busen von Liz Moreno und ihre sonstigen Kurven. Ich kann ihr nichts abschlagen. Wenn du nicht .dableibst, bleibe ich allein und unterweise Twofeather und seine indianischen Trucker.«

»Dich hat es ja ganz schön erwischt«, antwortete Jim. Er zündete sich eine Selbstgedrehte an. »Gut, einverstanden, obwohl die Bezahlung mies ist. Aber ich wollte mich von Latimer sowieso nicht verjagen lassen. - Bleiben wir also, und zeigen wir’s ihm und der Alamo Trucking.« So geschah es. Die Trucker übernachteten in einer Baracke, die Liz Moreno ihnen vermittelte. Im Sleeper wollten sie sich nicht unbedingt ausstrecken. T.O. verschwand kurz vor Mitternacht und kehrte erst im Morgengrauen zurück.

Wo er gewesen war, konnte Jim erraten. T.O. roch nämlich noch schwach nach Liz Morenos Parfüm.

Die schöne Lehrerin war heißblütig und zierte sich nicht übermäßig lange, wenn sie einem Mann wie T.O. begegnete.

Vielleicht hatte sie auch deshalb mit ihm geschlafen, um ihn an sich und das Reservat zu binden und ihm einen Anreiz zu bieten, seinen Job als Ausbilder bei der Sioux Truck Association hingebungsvoll zu erledigen. Jim gönnte T.O. seinen Erfolg bei der rassigen Liz und das Vergnügen, war aber ein wenig neidisch.

Liz Moreno erledigte an diesem Tag die notwendigen Formalitäten, daß Jim und T.O. offiziell in der Rosebud Reservation bleiben konnten. Dazu griff sie auf ihre Verbindungen zurück, die bis hin zum Kongreß reichten.

Der Indianeragent Latimer mußte die Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis für Jim und T.O. mit süßsaurer Miene unterschreiben. Kaum daß Liz Moreno sein Office verlassen hatte, rief er wieder bei dem Alamo-Trucking-Niederlassungsleiter Gordon Ringman in Sioux Falls an.

Er schilderte ihm die Sachlage.

»Zum Teufel!« blaffte Ringman durch die Leitung. »Muß ich denn alles selbst in die Hand nehmen? Ich sagte doch, die beiden Trucker müssen aus dem Reservat verschwinden.«

Latimer winselte in den Hörer, es täte ihm furchtbar leid.

»Was soll ich denn machen? Liz Moreno wird sonst an höchster Stelle bis hin zum Gouverneur zuständig. Sie hat gute Gründe vorgeschoben, Sherman und Washburn als Ausbilder für die Sioux Truck Association anzuheuern.«

Kurze Zeit herrschte Stille. Latimer fragte, ob Ringman noch da sei.

»Wo soll ich denn sonst sein? Ich kümmere mich um diese Sache, Mort. Das wäre noch schöner, wenn wir den zweien den Aufenthalt in South Dakota nicht verleiden könnten. Da gibt es doch viele schöne Möglichkeiten. -Wozu hast du deine Reservatspolizisten, Mort?«

»Ich dachte, daß Sie das erledigen wollten, Mister Ringman.«

»Außerhalb des Reservats, ja. Innerhalb bist du zuständig, Morton. Wenn du es schaffst, die beiden Trucker zu vergraulen, zahle ich dir eine fette Sonderprämie.«

Für Geld war Latimer immer zu haben.

»Sie werden nicht enttäuscht sein, Mister Ringman«, sagte er. »Was die vier Trucks von der Army betrifft, die die Sioux Truck Association bestellt hat, werde ich da auch was in die Wege leiten.« Der fette Indianeragent kicherte. »Daran dürften Twofeather und Co. keine Freude haben.«

»Das höre ich gern«, antwortete Ringman in Sioux Falls. »Das Transportgeschäft mit der Rosebud Reservation muß fest in den Händen der Alamo Trucking bleiben. Wo kämen wir denn da hin, wenn lausige Rothäute sich da mausig machten? Wie sagte schon General Sheridan? Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer.«

Damit beendete Ringman das Telefonat. Die Marschrichtung war abgeklärt. Die ersten Schläge gegen die Texas-Trucker lagen in der Hand von Latimer und seiner Reservatspolizei.

***

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Die zwanzig Reservatspolizisten waren eine Schar von Tunichtguten sondergleichen. Morton Latimer bestellte ihren Chef Standing Bear zu sich und erklärte ihm unter vier Augen, was er von ihm erwartete.

Standing Bear war ein stämmiger Oglala-Sioux mit einem dunklen und einem gelblichen Auge, was ihn tückisch erscheinen ließ. Und er erschien nicht nur so, er war es. Er war ein willfähriges Werkzeug in Latimers Hand.

»Wird gemacht, Sir«, versicherte er und legte die Hand salutierend an die blaue Polizeimütze.

Wie Joe Twofeather und viele andere Sioux war Standing Bear bei der US-Army gewesen. Für eine Weile hatte es ihm dort gut gefällen. Den militärischen Drill hatte er ins Zivilleben mitgenommen.

Der Chef der zwanzig Reservatspolizisten bestellte drei seiner Untergebenen zu sich. Ohne Angabe, wessen Anweisungen er ihnen weitergeben würde, forderte er sie auf, den roten Kenworth der beiden fremden Trucker nachhaltig zu sabotieren.

»Wenn der Kenworth-Conventional hinterher auch nur noch einen halben Meter fährt, feuere ich euch!« versprach er seinen Untergebenen. »Laßt euch nicht erwischen. Wann der günstigste Zeitpunkt zum Zuschlägen ist, werdet ihr sehen.« ;

»Woran?« fragte Flying Arrow, der jüngste und dafür auch verkommenste Reservatspolizist.

Standing Bear grinste tückisch.

»Die Werkstatt der Sioux Truck Association wird heute nacht niederbrennen«, kündigte er an. »Haltet euch zur Mitternacht hin bereit.«

Die Vorfahren der Sioux hatten die Nachtstunden noch viel romantischer bezeichnet: Stunde des schreienden Käuzchens. Aufsteigender Mond. Indianermond. Doch ihren Reservatsnachkommen war das zu schwierig.

Die Ausdrucksweise des weißen Mannes war einfacher.

Inzwischen unterhielten sich Jim und T.O. mit Joe Twofeather und Little Elk. Twofeather sah den Vorschlag von Liz Moreno, daß die Trucker die Sioux-Trucker ausbilden und die reservatseigene Frachtlinie in Schwung bringen sollten, mit Bedenken. Er wollte lieber alles allein regeln.

Die hübsche Lehrerin, diesmal im Wildlederrock und mit einer dünnen Bluse, die sich atemberaubend über ihrem sehenswerten Busen spannte, wies Twofeather zurecht.

»Willst du mit der Frachtlinie unbedingt Schiffbruch erleiden, Joe?« fragte sie. »Du hast überhaupt keine andere Wahl.«

Die fünf unterhielten sich in der heißen Baracke, die als Büro und Werkstatt der Sioux Truck Association zugleich diente. Das Office war abgeteilt. Nebenan schwatzten und arbeiteten die indianischen Mechaniker, bei deren Arbeitsleistung sich der RTC-Werkstattleiter Pat O’Neill sämtliche Grauhaare ausgerissen hätte.

Twofeather sagte: »Ich finde, das sollte eine rein indianische Angelegenheit bleiben.«

»Jetzt sag bloß noch, daß du Vorurteile gegen mich hast, weil ich ein Schwarzer bin!« regte T.O. sich auf.

Twofeather, im Overall, mit seiner Armeemütze auf dem Kopf, straffte sich.

»In meinen Adern fließt das Blut stolzer Krieger, schwarzer Mann. In deinen das von Sklaven.«

Jim schlichtete, weil T.O. sonst über den Tisch Twofeather an den Hals gesprungen wäre.

»Du hast es nötig, du Reservatsbolzen!« fauchte T.O. den Sioux an, der das Truckerhandwerk bei einem Army-Transportbataillon gelernt hatte. »Schau dir doch mal an, was heute mit den einstmals so stolzen Sioux und anderen Indianern los ist. Da leisten meine Leute aber doch erheblich mehr.«

Twofeather wollte das nicht auf sich sitzen lassen. Es wäre fast zu Handgreiflichkeiten gekommen. Doch Jim hielt T.O. zurück. Der riesige Little Elk umschlang Twofeather mit seinen gewaltigen Armen.

»Ruhe!« sagte er. »Ich bin dafür, daß Jim Sherman und T.O. Washburn uns unterweisen. - Howgh!«

Für den roten Hünen war das eine bemerkenswert lange Rede. Twofeather besann sich, zumal Liz Moreno abermals argumentierte, es ginge ja gar nicht anders.

Schließlich schlug Joe Twofeather mit den zwei Truckern ein. Er ließ von einem halbwüchsigen roten Laufjungen die Friedenspfeife aus seinem Wigwam holen und stopfte sie. Dramatisch rauchte er die ersten Züge und blies den Rauch zur Sonne, zur Erde und in alle vier Himmelsrichtungen.

»Manitu sei mit unserem Pakt. Der Große Geist möge uns durch den weißen und den schwarzen Mann Kraft und Weisheit vermitteln. Die Zeiten haben sich gewandelt, seit mein Ururgroßvater Red Cloud den Büffel jagte und den Tomahawk schwang. Ich, Zwei Federn vom Adler der Berge« -so lautete Joe Twofeathers voller Name in der Siouxsprache - »lenke das Stahlroß, doch ich bin ein Sioux und Krieger geblieben.«

Little Elk rauchte. Liz Moreno durfte nicht. In dem Punkt waren die Sioux noch echte Machos. Bei den Zeremoniellen hatten die Frauen sich strikt zurückzuhalten.

Jim Sherman ergriff die Friedenspfeife. Sie war mit einer Mischung von Bull-Dorham-Tabak und getrockneten Kräutern gestopft.

Auch Jim rauchte in der vorgeschriebenen Weise.

»Der Große Geist kennt mein Herz«, sagte er. »Ich werde mein Bestes geben und redlich die Interessen der Sioux Truck Association vertreten.«

T.O. folgte. Er paffte eine mächtige Rauchwolke durchs offene Fenster.

»Der Büffeltruck wird auf den Schwingen des Windes durch die Prärien stürmen, durch die Black Hills und am Big Muddy entlang«, sagte der schwarze Shotgun. »Wie eine Herde sollen ihm immer mehr Trucks der Sioux Truck Association folgen, auf daß die Prärie unter ihren Motoren erzittert. Stolze Federschleppen wehen aus den Führerhäusern der metallenen Büffel mit den mächtigen Rädern, deren Sound die Prärien und die Berge durchdringt. - Die Skalps eurer Feinde sollen vom Big Switch, der CB-Funkantenne, im Fahrtwind flattern. - Howgh, die Schwarze Faust hat gesprochen!«

Alle Zuhörer staunten. Jim mußte sich zusammennehmen, um nicht lauthals loszuprusten.

Später fragte er T.O.: »Das mit den Skalpen am Big Switch hättest ‘du nicht unbedingt zu bringen brauchen. Am Ende nimmt Twofeather das noch wörtlich.«

»Die er skalpiert hat, leben alle noch«, behauptete T.O. unerschütterlich. »Ich wollte ihm einen draufgeben. Die Sprüche, die er draufhat, kann ich schon lange.« '

Liz Moreno schaute den schwarzen Ex-Schwergewichtschampion verliebt an. Jim hätte neidisch werden können. Er und T.O. begannen noch am gleichen Tag mit der Umorganisation der Sioux Truck Association und der Schulung für die Fahrer und die Mechaniker.

Ein knochenhartes Stück Arbeit stand ihnen bevor. Wenn ihre Feinde es zuließen, daß sie es taten.

***

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Flying Arrow und zwei weitere Reservatspolizisten schlichen sich lautlos an den »Bison« heran, der wie ein Gebirge aus Metall, Lack und Chrom auf seinen zehn Rädern neben den Sioux-Schrott-Trucks stand. Der »Pink Tomahawk«, mickrig wirkend gegen diesen Giganten der Highways, stand gleich nebendran.

Die drei Reservatspolizisten verbargen sich in der Nähe des »Bison« hinter einem Kanaskabusch. Sie rechneten damit, daß vielleicht ein Trucker im Sleeper übernachten würde. Deshalb warteten sie erst einmal ab.

Der Halbmond glänzte hoch am Himmel. Kojoten heulten in der Prärie. Im Reservat war es auch nicht leise. Einige Radios und Fernseher, die zu laut gestellt waren, lärmten.

Betrunkene grölten. Irgendwo war ein Streit im Gang. Die Reservationspolizei hätte eigentlich eingreifen sollen, tat es aber nicht.

Minuten verstrichen. Dann flammte der Feuerschein auf, der als Zeichen für sie gedacht war. Zuerst war nur ein Flackern zu sehen. Doch rasch wurde das Feuer immer größer.

Die Büro- und Werkstattbaracke,, ein Stück von dem Parkplatz für die Trucks entfernt, brannte lichterloh.

Rufe erschollen. Eine Feuersirene heulte auf. Im Sleeper des »Bison« polterte es. Die Sleepertür wurde aufgerissen. Jim Sherman erschien mit wirrem blondem Haarschopf. Der Trucker fuhr in seine Jeans und die Boots und rannte zum Feuer.

Als er weg war, hatten die drei Sioux freie Bahn. Lautlos huschten sie zu dem roten Kenworth W 900.

Flying Arrow zog sein Bowieknife aus der Scheide, um die Truckreifen aufzuschlitzen. Ein neuer Pneu kostete immerhin hundertachtzig Dollar, was die Trucker empfindlich getroffen hätte. Ein Kumpan des jungen Reservatspolizisten mühte sich ab, um den Tank zu öffnen, in den er Zucker hineinschütten wollte. Das versulzte Tank, Treibstoffleitungen und Motor gründlich, und der Motor würde dann nicht mehr anspringen.

Der dritte Sioux schließlich hatte vor, die Motorhaube des Conventionais zu öffnen und sich ein wenig mit dem Innenleben des 450-PS-Caterpillar zu beschäftigen. Danach sollte damit nicht mehr viel Staat zu machen sein.

In dem allgemeinen Durcheinander achtete scheinbar niemand auf die drei Saboteure. Flying Tomahawk wollte gerade die Karkasse des linken Vorderreifens vom »Bison« durchstechen.

Da sah er eine schattenhafte Bewegung und einen hellen Schimmer. Es war der von Jim Shermans blonden Haaren.

Eine stahlharte Truckerfaust traf den verräterischen Reservatspolizisten. Für Flying Arrow ging das Licht aus. Doch seine beiden Kumpane waren nicht so leicht zu erledigen.

Während Jim mit dem einen kämpfte, zog der andere einen schweren Coltrevolver, seine Dienstwaffe als Reservatspolizist.

»Aus dem Weg, Yellow Wolf!« forderte er seinen Kumpan auf.

Yellow Wolf sprang zur Seite, und der Texas-Trucker schaute Über den bewußtlos am Boden liegenden Flying Arrow in die Revolvermündung. Sie kam ihm so groß vor wie die von einem Truck-Auspuffstutzen.

Jim hatte keine Gelegenheit mehr, den Reservatspolizisten anzuspringen. Er würde auf jeden Fall zu langsam sein.

Doch da krachte es links von der Bodenwelle. Der Sioux mit dem 44er Colt schrie auf und schoß in die Luft.

Bevor er einen zweiten Schuß abgeben konnte, hatte ihn Jim beim Kragen, entriß ihm den Colt und schlug hart zu. Der Sioux brach in die Knie.

Er preßte beide Hände auf seinen Hosenboden, aus dem Blut sickerte. Liz Moreno trat aus dem Schatten mit einer rauchenden Mehrlader-Schrotflinte in den Händen.

Die rassige Lehrerin sagte, was man von ihr nicht so leicht erwartet hätte: »Sei froh, daß ich nur Vogelschrot geladen habe, Black Stick. Sonst hättest du keinen Hintern mehr.«

Der dritte Sioux ergab sich.

»Ich bin sofort mit der Flinte hergelaufen, als ich den Feueralarm hörte«, erklärte Liz, die im Nachthemd war. »Ich hatte offenbar den gleichen Gedanken wie du.«

»Dann wollen wir diese drei Salzknaben mal irgendwo einsperren«, schlug Jim vor. »Das heißt, nachdem die vier Buchstaben des einen verarztet sind.«

»Er kann sich von jetzt an mit Fug und Recht Scarbottom - Narbenhintern - nennen«, erwiderte Liz grinsend.

Sie war bei aller Schönheit eine durchaus handfeste Natur. Bei der Feuerstelle, wo die Flammen hoch in den Himmel loderten, begannen die Löscharbeiten. Die Reservatsfeuerwehr rückte an und schloß rasch die Schläuche an.

Doch dann stellte sich heraus, daß das Druckgerät nicht funktionierte. Das Wasser tropfte nur aus den Hochdruckschläuchen. Der Druckmanometer war zweifellos sabotiert worden.

T.O. und den Sioux blieb nichts anderes übrig, als eine Eimerkette zu bilden. Zudem wurde eine uralte mechanische Feuerspritze von anno dazumal aus dem Lager geholt. Aber bis sie überhaupt an der Brandstelle eintraf, war dort schon nichts mehr zu retten.

Die Wassergüsse aus Eimern waren nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Zudem mußten die Löschenden immer weiter vor der Hitze des Feuers zurückweichen, die immer stärker wurde.

Bald war es überhaupt nicht mehr möglich, die Feuersbrunst mit Eimergüssen zu erreichen. Die mechanische Spritze traf zu spät ein.

Machtlos mußten die Zuschauer Zusehen, wie die Baracke mit dem An- und dem Vorbau niederbrannte. T.O. und den Sioux blieb nur übrig, die in der Nähe stehenden und durch den Funkenflug gefährdeten Wigwams und Baracken mit Wassergüssen zu schützen.

Jim und Liz Moreno sperrten die drei Saboteure inzwischen in einen festen Schuppen ein. Black Stick-Scarbottoms verletzter Körperteil War notdürftig verbunden worden. Darauf sitzen konnte der rote Reservatspolizist allerdings nicht.

Der Trucker und die rassige Viertelindianerin stellten einen, jungen Burschen als Wache vor den Schuppen. Dann liefen sie zu der Brandstelle, wo sich der Reservatsagent Latimer und Standing Bear mit einigen Reservatspolizisten eingefunden hatten. Latimer spielte sich auf und gab Einsatzkommandos, auf die keiner groß hörte.

Der Feuerschein rötete die Gesichter und beleuchtete die ganze Indianersiedlung. Funkengarben stoben gen Himmel.

Vom 83er Highway war Sirenengeheul zu hören und flackerte Rotlicht. Die Feuerwehren von weiter entfernt liegenden Ortschaften näherten sich. Doch sie würden viel zu spät kommen, um das Niederbrennen der Baracke noch zu verhindern.

Jim und Liz Moreno, die ihre Shotgun unterm Arm trug, informierten T.O., welchen Sabotageakt sie verhindert hatten. Die beiden Trucker und die Lehrerin gingen sofort zu dem fetten Latimer. Standing Bear hörte mit, was sie vorbrachten.

»Welche von meinen Leuten sollen das getan haben?« fragte Standing Bear mit fassungsloser Miene. »Ich kann es nicht glauben.«

Latimer kniff die Schweinsäuglein zusammen. Er ging mit seinen drei Informanten und den Reservatspolizisten sofort zu dem Schuppen. Die drei dort Inhaftierten schwiegen sich aus.

Latimer ließ sie ins Reservatsgefängnis stecken. Von dort waren sie am nächsten Morgen seltsamerweise verschwunden, ohne daß das Zellenschloß beschädigt gewesen wäre oder jemand etwas gehört oder gesehen hätte.

Im Reservat waren die drei nicht mehr aufzutreiben.

Die Sheriffs der umliegenden Counties und die Beamten der State Police schüttelten die Köpfe, als sie die Fahndungsmeldung erhielten.

Gesucht werden drei Indianer, ehemals Mitglieder der Rosebud-Reservatspolizei. Die Namen folgten, eine knappe Beschreibung und schließlich für den einen Gesuchten: Besonderes Kennzeichen: ein zerschossener Hintern. .

Der Captain der State Police South Dakota gab an seine Untergebenen durch: »Sofort jeden verdächtigen Siouxhintern überprüfen. Wenn ihr den richtigen gefunden habt, legt ihm Handschellen an.«

Ein State Policeman aus dem Nachbarstaat Nebraska, der den South-Dakota-Captain nicht zu fürchten hatte, fragte über Funk zurück, wie man feinem Hinterteil Handschellen anlegen sollte. Er erhielt keine Antwort.

***

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Die Werkstatt- und Bürobaracke war komplett abgebrannt. Die Sioux-Trucker zogen lange Gesichter. T.O. äußerte sich indessen zuversichtlich.

»Viel war mit der Schrottbude sowieso nicht los«, sagte er. »Jetzt könnt ihr euch von dem Versicherungsgeld wenigstens eine ordentliche Werkstatt hinstellen.«

»Versicherung?« fragte Twofeather. »Wir haben keine.«

Der schwarze Shotgun faßte sich an den Kopf. Wie sich herausstellte, irrte sich Twofeather aber, oder vielmehr er wußte nicht ausreichend Bescheid. Liz Moreno hatte nämlich bei einer speziell für Reservatsindianer zuständigen Gesellschaft eine Versicherung abgeschlossen.

Der Schadensexperte erschien am folgenden Tag. Er schaute sich alles an.

»Das war einwandfrei Brandstiftung«, sagte der kleine Mann, ein Weißer. »Haben die polizeilichen Untersuchungen denn schon etwas ergeben?«

»Wir strengen uns mächtig an«, antwortete Standing Bear als Chef der Reservatspolizei. »Es sind auch Detectives von der State Police hier gewesen. Ich sehe es als eine persönliche Herausforderung an, die Schuldigen an dem Brand zu finden. Daß drei meiner Reservatspolizisten offensichtlich einen Sabotageakt auf den Kenworth von Mister Sherman und Mister Washburn verüben wollten, empört mich zutiefst. Nie hätte ich gedacht, daß sich verbrecherische Elemente unter meinen Leuten befinden.«

Er schwafelte noch eine Weile weiter und war heilfroh, als der Versicherungsdetektiv schließlich wieder abfuhr. Der scharfe, forschende Blick des kleinen Mannes hatte ihm nicht gefallen.'

Mit der Schadensregelung würde es einige Zeit dauern. Versicherungen zahlten nie so prompt und schnell, wie sie die Beiträge kassierten. Zudem mußte erst einmal das Ergebnis der polizeilichen Nachforschungen abgewartet werden. Ob die Schuldigen entlarvt und gefaßt werden konnten oder nicht, spielte eine erhebliche Rolle.

Daß die Baracke niedergebrannt war, erwies sich dann aber doch als vorteilhaft. Die alte Baracke hatte viel zu unvorteilhaft im Camp gestanden. Jim und T.O. ließen vier Wigwams versetzen, um Platz zu erhalten, und einen Fertigbau räumen.

Danach konnte man hier einen ordentlichen Frachthof eröffnen, da auch noch ein Magazin in der Nähe stand.

Der Indianeragent Latimer erschien mit Standing Bear im Gefolge.

Der fette Indianeragent kaute an seiner Zigarre. Sein Anblick veranlaßte T.O., der mit freiem Oberkörper an einem Motorblock arbeitete, zu der Bemerkung: »Da kommen die Schmierbacke und der Stinkmokassin.«

»Du wirst niemals ein feiner Mann«, tadelte ihn Jim. »Du solltest mehr auf deine Umgangsformen achten.«

»Warum? Während der Fahrten bin ich doch mit dir zusammen.«

»Eben drum.«

Morton Latimer betrat die neue Baracke, die in kürzester Zeit unter Jims und T.O.s Mithilfe aufgestellt worden war.

»Sie haben hier eigenmächtig Veränderungen vorgenommen«, tadelte der Indianeragent. »Dazu hätten Sie erst einmal verschiedene Anträge einreichen müssen. Wie stellen Sie sich denn das vor?«

»Ich stelle mir gar nichts vor«, antwortete Jim, der in einer Abschmiergrube stand und sich mit dem zusammengeflickten Motor des »Pink Tomahawk« herumplagte. »Warum sollte ich mir irgendwas vorstellen?«

»Sie wissen genau, was ich meine. Ich kann nicht dulden, was hier geschehen ist. Die Werkstatt- und Bürobaracke wird sofort wiedpr abgerissen. Außerdem verlange ich, daß der frühere Zustand wiederhergestellt wird, also die Wigwams wieder an ihre Plätze gestellt werden und die Fertigbaubaracke wieder für ihren früheren Zweck eingesetzt wird.«

Jim reichte es. Er stieg aus der Grube und tippte Latimer mit seinem ölbeschmierten Zeigefinger aufs weiße Hemd.

Ein schwarzer Fleck blieb zurück.

Latimer beschwerte sich. Sofort eilte T.O. »hilfsbereit« mit einem Putzlappen herbei, um den Fleck fortzuwischen. Dadurch wurde Latimers Oberhemd noch öliger.

»Das tut mir aber leid, Mister Latimer«, sagte T.O. mit Unschuldsmiene.

»Ihr wollt mich wohl verarschen, was?« blaffte Latimer. »Standing Bear!«

»Hier!«

»Nimm die zwei Trucker wegen Beleidigung und Verstoßes gegen die Vorschriften des Indian Bureaus fest. Sie verlassen noch heute das Reservat.«

Der Chefpolizist nestelte an seiner Pistolentasche. Da legte sich ihm eine schwere Hand auf die Schulter. Standing Bear drehte sich um und sah sich Little Elk gegenüber, der wie ein Gebirge über ihm aufragte.

Ehe Standing Bear sich’s versah, hatte der über zwei Meter große Sioux ihn am Kragen gepackt und hob ihm mühelos hoch. Standing Bear schrie auf.

»Laß meinen Chefpolizisten sofort los!« zeterte Latimer.

Little Elk grunzte verächtlich.

»Ich wollte ihm nur in die Augen sehen«, sagte er mit grollender Baßstimme. »Es sind die Augen eines Stinktiers und eines Verräters.«

Die beiden Trucker und im Hintergrund der Werkstattbaracke stehende Sioux grinsten. Little Elk ließ Standing Bear abrupt los. Der Chef der Reservatspolizei landete auf dem Hosenboden.

Als Little Elk sich ihm näherte, wich Latimer hastig zurück.

»Nein! Faß mich nicht an!«

Joe Twofeather kam herein. Er hatte eine Zigarette im Mundwinkel hängen und hielt einen Kriegstomahawk in der Hand. Der Blick, den er Latimer zuwarf, war alles andere als freundlich.

»Was willst du mit der Mordwaffe?« zeterte der Indianeragent.

»Ich übe mich nur ein wenig für die Auftritte vor den Touristen«, antwortete Twofeather gelassen. Er steckte den Tomahawk in den Gürtel und zog statt dessen ein Skalpmesser, dessen Schärfe er mit dem Daumen prüfte. »Ich könnte auch mal ein wenig Skalpieren üben.«

»Hilfe!« zeterte Latimer, der mit dem Rücken gegen die Wand stieß, in die Ecke getrieben war und keinen Ausweg mehr wußte.

»Sie sind aber mächtig nervös, Mister Latimer«, sagte Jim. »Richtig durcheinander. Unter dem Aspekt sind sicher auch Ihre Äußerungen zu verstehen, uns des Reservats zu verweisen. Sie sollten sich das noch mal gut überlegen.«

Latimer war aschgrau im Gesicht. Standing Bear war wieder aufgestanden, verhielt sich jedoch so stumm und ruhig wie ein Baum. Der Indianeragent wandte sich zur Barackentür, durch die strahlender Sonnenschein einfiel.

»Ich rufe die Armee zu Hilfe!« verkündete er. »Ich verhänge den Ausnahmezustand über das Rosebud Reservat.«

»Damit würden Sie bloß Ihr Versagen eingestehen, Latimer«, erwiderte Jim ebenso ruhig wie kalt. »Sie haben hier merkwürdige Sitten einreißen lassen und Ihren Bereich schlecht im Griff. Vorletzte Nacht hat es eine Brandstiftung und die versuchte Sabotage an unserem Truck gegeben. Jetzt stellen Sie sich Maßnahmen in den Weg, die einem positiven Trend und Aufschwung bei den Sioux dienen. - Was werden wohl Ihre Vorgesetzten denken, wenn Sie jetzt noch die Armee brauchen? Daß Ihre gesamte Reservatspolizei korrupt und unfähig ist und Sie...«

Das Wörtchen »auch« sagte Jim nicht. Latimer wischte sich mit fahriger Geste den Schweiß von der Stirn.

»Wir sprechen uns noch!« verkündete er, um sich einen halbwegs guten Abgang zu verschaffen. »Das lasse ich mir nicht bieten.«

Die Aussprache fand am Nachmittag in Latimers Office statt. Jim und T.O. traten mit Liz Moreno an, die gerade von der Schule kam, wo sie Nachmittagsunterricht gehalten hatte. Die Trucker hatten sie inzwischen beim Unterricht gesehen und wußten, daß sie ihren Stoff beherrschte und gut mit den Kindern zurechtkam. Selbst bei den größten Lümmels vermochte sie sich durchzusetzen.

Latimer war allein. Er hatte ein Fernschreiben von seiner Vorgesetzten Dienststelle auf dem Schreibtisch, das ihm Sondervollmachten bescheinigte und mit dem er seine Besucher beeindrucken wollte.

Jim ließ sich nicht bluffen. Er nahm sich den Schrieb, bevor ihn Latimer daran hindern konnte.

Das Fernschreiben aus Washington war gefaltet. Jim las zuerst das Datum.

»Das ist ja zwei Jahre alt. Was steht denn da drüber? Bohnen- und Rapsernte. Es handelt sich um die Erlaubnis, die Farmprodukte vom Reservat frei zu verkaufen, ohne erst mit dem Indian Bureau Rücksprache nehmen zu müssen. - Mehr haben Sie nicht aufzubieten, um uns einzuschüchtern, Mister Latimer?«

Der Indianeragent lief purpurrot an. Er setzte zu einer Epistel an, die Liz Moreno jedoch sofort unterbrach.

»Sie wissen, daß Ihre Stellung nicht unumstritten ist, Mister Latimer. Nach dreien Ihrer Reservatspolizisten wird steckbrieflich gefahndet. Der Rest ist auch nicht unbedenklich.«

»Ich...« Latimer riß sich den Kragen auf. »Mir dreht es das Herz im Leib herum, mit euch zu verhandeln.«

T.O. saß auf der Schreibtischkante. Latimer wagte nicht, ihn zu verscheuchen.

»Hoffentlich auf die richtige Seite«, erwiderte der Shotgun mitleidlos. »Das war doch vorhin hoffentlich nicht Ihr Ernst, sich den für die Sioux positiven Fortschritten im Reservat in den Weg zu stellen? Das würde den üblen Verdacht auf Sie werfen, nicht die Interessen Ihrer Schutzbefohlenen zu vertreten.«

Latimer ächzte wie ein Schwerkranker.

»Ihr könnt bleiben, Trucker, und der neueingerichtete Frachthof auch. Ich - äh - natürlich bin ich immer bestrebt, daß es meinen Sioux gutgeht.«

»Davon sind wir überzeugt«, mischte Jim sich ein. »Den Eindruck hatten wir gleich, als wir Sie sahen. Dann geben Sie uns mal die Papiere für den neuen Frachthof.«

»Das dauert...«

»... nur zehn Minuten?« unterbrach Jim den Agenten. »Ich bin angenehm überrascht. Das enthebt Sie doch glatt des Verdachts, ein Komplott mit weißen Transportunternehmern zum Nachteil Ihrer Reservatsindianer geschmiedet zu haben.«

Latimer schaute in die stahlblauen Augen des Truckers und gab endgültig nach. Er fertigte aus, was von ihm verlangt wurde.

Zum Schluß sagte er noch: »Wenn ich lauter solche Antragsteller wie euch hätte, du lieber Gott!«

»Dann würde aus Ihnen vielleicht noch mal so was Ähnliches wie ein anständiger Mensch«, sagte T.O.

Mit vor Wut stieren Augen schaute der Agent den Truckern und Liz Moreno nach. Er sah, wie die rassige Liz sich an den schwarzen Shotgun schmiegte. Latimer war selbst keine Augenweide. Er wußte aber genau, wie sich verliebte Frauen bei anderen Männern verhielten.

Die beiden haben ein Verhältnis, schoß es ihm durch den Kopf. Der ränkevolle Verstand des Reservatsagenten suchte ab sofort nach Möglichkeiten, wie er dieses Wissen für sich ausnutzen konnte.

Eine Lehrerin sollte unbescholten sein. Ihr Verhältnis mit einem Trucker, dazu noch einem Farbigen, konnte ihr, wenn man es ihrer Vorgesetzten Dienststelle auf die richtige Weise beibrachte, die Entlassung oder zumindest Versetzung einbringen.

Aber erst rief Latimer wieder in Sioux Falls bei der Alamo Trucking an. Trotz Durchwahl hatte er diesmal nur Ringmans Stellvertreter. Ringman rief später zurück.

»Sind die Trucker weg?« bellte er durch die Leitung.

»Das hat nicht so geklappt, wie ich es mir vorstellte, Mister Ringman.«

Der Indianeragent wand sich Wieder wie der Wurm am Angelhaken. Der Alamo-Trucking-Niederlassungsleiter stieß wüste Flüche aus, horchte aber auf, als Latimer auf das Verhältnis Liz Morenos mit T.O. zu sprechen kam.

»Schicken Sie einen Bericht, der sich gewaschen hat! Das sind ja Zustände - scheußlich. Ich werde dem zuständigen Ministerium einen Wink geben. Es wird Zeit, daß da aufgeräumt wird.« Ringman fragte lauernd: »Wegen der Brandstiftung gibt es keine Beweise?«

»Nein, Mister Ringman. Die Ermittlungen gehen weiter. Es sieht jedoch nicht sehr erfolgversprechend aus.«

Wie üblich legte Ringman grußlos auf. Latimer war froh, daß er nicht mehr mit ihm zu reden brauchte. Ringman setzte seine Ziele kompromißlos durch und schreckte, wie Insider wußten, vor nichts zurück. Latimer hätte ihn nicht zum Feind haben wollen.

***

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Gordon Ringman war nicht der einzige, der T.O.s Verhältnis mit Liz Moreno aufs tiefste mißbilligte. Das war auch bei Joe Twofeather der Fall.

Als Liz Moreno nach Feierabend auf ihrer Honda CB 350 durch die Prärie knatterte und T.O. an einer tieferen Stelle des Rosebud Rivers schwamm, trat Twofeather zu dem Ex-Boxer.

T.O. stieg aus dem Wasser und frottierte sich ab. Der Shotgun war noch immer fit wie in seiner aktiven Boxerzeit. Er hatte kein überflüssiges Gramm Fett am Leib.

»Hallo, Joe, gibt’s irgendwelche Probleme?«

»Ja. Es ist wegen Liz.«

»Ich habe gesehen, wie du sie anschaust. Du bist verliebt in sie, ja?«

»Schon lange, und ich habe es ihr mehrfach gesagt. Aber ich bin nicht ihr Typ. Über ein paar freundliche Worte von ihr bin ich niemals hinausgekommen. Deshalb habe ich mich auch mit der Sioux Truck Association mächtig ins Zeug gelegt, weil ich ihr imponieren wollte. Und jetzt kommst du daher, ein Fremder, ein Trucker, und gewinnst sie einfach so mir nichts, dir nichts!«

Der hochgewachsene, drahtige Sioux konnte nicht weitersprechen. T.O. nickte, wechselte seine nasse Badehose und zog sich an.

»Das wurmt dich. Das kann ich verstehen. Mir ist es mal genauso wie dir ergangen, als ich noch ein ganz junger Spund war. Damals habe ich mir wegen eines Mädels beinahe ein Bein ausgerissen. Aber sie beachtete mich überhaupt nicht. Ich hätte aus Luft sein können, was sie betraf. Da kam da so ein Rock ’n Roller daher, so ein Reserve-Elvis mit Fetthaar und Klampfe, und eroberte sie im Nu. -Mann, was war ich sauer. Ich habe den Gitarrenquäler sogar provoziert und vertrimmt. Ich boxte damals schon, und er war ohne Chance gegen mich. - Weißt du was? Hinterher habe ich mich noch mieser gefühlt, weil ich nicht mit Anstand verlieren konnte. Wenn eine Frau dich nicht haben will, kannst du nichts machen.«

»Ja«, sagte Twofeather. »Aber Liz steckt mir wirklich im Blut. Ich würde meinen rechten Arm hergeben, wenn ich sie für mich gewinnen könnte.«

»Ich kann dir nicht helfen.«

»Vielleicht doch«, murmelte Twofeather. »Bevor ihr gekommen seid -Jim und du -, war ich der kommende große Mann im Reservat. Derjenige, der was auf die Beine stellte und die Sioux-Trucklinie aufbaute. Jetzt habt ihr mir den Rang abgelaufen.«

»Für dich und deine Stammesgenossen wird es noch genug zu tun geben, Joe. Mein Partner und ich bleiben nicht auf Dauer im Reservat, nur bis eure Trucklinie läuft, für die morgen die vier Armeetrucks eintreffen. Finde dich damit ab, daß Liz mein Girl ist, oder wende unfaire Tricks an und grolle und schmolle, Joe. Du bist ein Mann und ein Sioux. Du wirst es verkraften.«

Wortlos drehte sich Twofeather auf dem Hacken seines Mokassins um und ging weg. T.O. konnte nicht Voraussagen, wie er reagieren und ob bei ihm die Fairneß über die gekränkte Eitelkeit siegen würde.

Der Shotgun kehrte wieder an seine Arbeit zurück. Sie war hart genug. Twofeather war noch der beste Fahrer bei den Sioux. Doch im Moment hatte er keine Lust und war mürrisch und geistesabwesend.

Daß Liz Moreno ihn verschmäht und sich für T.O. entschieden hatte, nagte an ihm.

Die übrigen Sioux-Trucker brachten nur schwer ein gutes Verhältnis zu den schweren Trucks mit den dröhnenden Motoren zustande. Jim und T.O. bemühten sich, ihnen dabei zu helfen.

Was die Kfz-Mechanik betraf, sagten die zwei schon gar nichts mehr. Die Sioux-Mechaniker schienen alle lauter Daumen an ihren Händen zu haben.

»Die Redmen tun sich schwer mit der Technik«, sagte Jim in der Werkstattbaracke zu seinem Partner. »Ich bezweifle, ob die Sioux-Trucklinie jemals ein Erfolg wird.«

»Am Anfang ist’s immer chaotisch«, tröstete ihn T.O. »Die Sioux lernen schnell, und sie überwinden ihre Scheu. Bederfke, daß von den angehenden Fahrern welche dabei sind, die bis vor kurzem die Kupplung nicht von der Bremse unterscheiden konnten.«

»Was heißt: bis vor kurzem? Manche können es immer noch nicht. Mich schaudert es jedesmal, wenn ich im Bison Fahrunterricht gebe. Wenn die ausgemusterten Armeetrucks erst hier sind, setzen wir sie als Lernfahrzeuge ein.«

»Du siehst das alles zu schwarz, Partner. So schlecht sind die Sioux-Trucker auch wieder nicht.«

»Hast du eine Ahnung«, antwortete Jim bitter. »Du bist doch hauptsächlich wegen Liz Moreno da.«

»Stimmt«, gab T.O. zu, ohne mit der Wimper zu zucken. »Du solltest dir auch ein Girl suchen. Vielleicht Latimers Sekretärin?«

»Dieses Bügelbrett? Nein, danke.«

Am nächsten Tag stand den beiden Freunden und den Sioux-Truckern eine unangenehme Überraschung bevor.

***

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Die Eisenbahnlinie führte über Valentine in Nebraska ins Reservat. Die vier Armeetrucks waren zwei tarnfarbene Peterbilt Conventionais vom Typ 359 mit 350-PS-Cummins-Dieselmotoren, Typ NTC 35I-Big Cam mit vierzehn Liter Hubraum und zwei stumpfschnauzige Mack-Cruise-Liner mit 380 und 400 PS. Auch die Mack-Cabovers wiesen das gefleckte Olivgrün der US-Army-Trucks auf.

Sämtliche Reservatsbewohner hatten sich versammelt. Nur Morton Latimer ließ sich nicht blicken. Ein Teil seiner Indianerpolizisten unter der Führung von Standing Bear stolzierten herum wie die Pfauen.

Liz Moreno stand an der Spitze ihrer Schulkinder. Die Reservatssioux hatten zu Ehren dieses Tages, der für sie eine neue Zeit einleiten sollte, ihren traditionellen Federschmuck und die Wildlederkleidung angelegt. Es ging zu wie bei einem großen Powhow, einem Indianertreffen.

Junge Sioux saßen auf Mustangs, manche auch auf Leichtmotorrädern. Liz Moreno war nicht einzige Bykerin im Reservat.

Unruhe herrschte unter den Wartenden. Sie steigerte sich, als der Amtrac-Zug mit der schweren Diesellok und den paar Passagier- und zahlreichen Güterwagen eintraf.

Die Trucks standen unter Planen geschützt auf zwei Güterwagen, festgezurrt, damit sie sich auch bei einer Vollbremsung nicht bewegen konnten.

Der Häuptling des Reservats, Twofeathers Onkel, ein weißhaariger, würdig aussehender Sioux mit bis auf den Boden reichender Federhaube, schwang seinen Speer. Sein Mustang tänzelte.

Jim und T.O. standen vorn am Bahnsteig in ihrer üblichen Truckerkluft, als der Zug stoppte. Die Güterwagen mit den vier Trucks wurden von einer Rangierlok übernommen. Amtrac-Personal dirigierte die Rangierlok.

Nur wenige Reisende trafen mit' dem Zug ein, der gleich weiterfuhr. Die Reservatssioux umringten staunend die neugelieferten Trucks, die alle nicht mehr als eine Viertelmillion Meilen auf dem Tachometer haben sollten.

Da viele Dieselmotoren gut und gern ihre fünfhunderttausend Meilen hielten, handelte es sich um Supergelegenheiten. Besonders in Anbetracht der Tatsache, daß dank Liz Morenos ständiger Intervention das Indian Bureau die vier Trucks zur Existenzgründung für die Reservatssioux günstigst finanzierte.

Sie waren so gut wie geschenkt.

Joe Twofeather und andere lösten die Planen, die neben die Schienen flatterten.

Plötzlich trat unter den zuvor so begeisterten Zuschauern lähmende Stille ein.

Denn auf der Kühlerhaube der Conventionais und dem Kühlergrill der Cabovers festgebunden lag je ein toter .Kojote. Die Kadaver waren schon aufgedunsen. Jeder trug Federn am Kopf festgesteckt.

Auf der Windschutzscheibe der Peterbilts wie der Macks stand rot hingesprüht: »No Trucks for the red pigs.«

Der unversöhnliche Haß, der aus dieser Geste sprach, verschlug den Zuschauern den Atem.

»Das ist eine abgrundtiefe Gemeinheit«, erklang Liz Morenos helle Stimme deutlich vernehmbar.

Jim boxte T.O., der wie gelähmt dastand, in die Seite.

»Laß uns mal die Trucks näher anschauen, Partner. Mir schwant Fürchterliches.«

Die Trucker turnten auf die Güterwagen hoch. Twofeather hatte als Leiter der Sioux Truck Association die Frachtpapiere und die Truckschlüssel von dem Amtrac-Frachtdisponenten erhalten. Er gab Jim und T.O. mit zitternder Hand die Schlüssel.

Andere Sioux legten Eisenbleche von der Bahnsteigkante auf die Güterwagen, damit die Army-Trucks herunterfahren sollten.

Das erwies sich jedoch als unmöglich. Schon der erste Blick unter die Motorhaube des ersten Trucks, einer mächtigen 359er Peterbilt-Zugmaschine, zeigte den Truckern, daß der Motor total hinüber war.

Da waren Teile zerschlagen, Leitungen durchgeschnitten, ja sogar mit einem Schweißbrenner war gearbeitet worden. Motorteile fehlten.

Zudem schnupperte T.O.

»Da ist Säure in den Drehstromgeneratur gegossen worden«, sagte der Shotgun. »Der Motor ist völlig hinüber.«

Im Führerhaus des Peterbilt sah es ähnlich chaotisch aus: herausgerissene, durchtrennte Leitungen, eine durchgesägte, verbogene Lenksäule. Sogar die Sitze hatten die Vandalen aufgeschlitzt.

Der 600-Liter-Tank war durchlöchert wie ein Teesieb, die Rockwell-Anhängerkupplung total hinüber.

»Nicht mal die Achslager sind mehr heil«, sagte Jim, der sich Werkzeug besorgt hatte und gründlich nachschaute. »Da sind Stahlspäne drin.«

Ein so gründliches Zerstörungswerk hatten Jim und T.O. selten gesehen. Es war sadistisch. Die Trucks waren geradezu geschlachtet worden.

Dem weißen und dem schwarzen Trucker standen die Tränen in den Augen, obwohl es nicht ihre Trucks waren. Nur ein Trucker konnte ihre Gefühle nachvollziehen.

»Diese Schweine«, zischte T.O. »Wenn ich die in die Finger kriege. Jetzt laß uns nach den anderen Trucks schauen.«

Die übrigen Lastwagen waren genauso zugerichtet worden. Nur der letzte, ein Mack Cruise Liner, hatte weniger abgekriegt, vermutlich, weil den Saboteuren die Zeit knapp wurde.

Standing Bear gab sich getroffen.

»Nein, was für eine Gemeinheit«, sagte er, nachdem er sich überzeugt hatte, daß der Schaden auch groß genug war. »Das tut mir aber leid für die Sioux Truck Association. Ich werde sofort Fahndungsfernschreiben an die Behörden schicken und Mister Latimer informieren. Er wird genauso entsetzt sein wie ich.«

Twofeather entriß seinem Onkel den mit Federn geschmückten Speer und holte zum Wurf gegen Standing Bear aus.

»Lügner!« brüllte er den Chef der Reservatspolizei an. »Du bist mit schuld daran! - Manitu soll dich strafen, du feiger Kojote!«

Standing Bear und seine vier Reservatspolizisten zogen sich zu ihrem Patroljeep Cherokee zurück. Sie holten Schußwaffen hervor, Revolver und Gewehre, und richteten sie auf die sie feindselig anstarrende Menge.

Standing Bears Gesicht war röter als sonst, denn es war heiß, und er hatte getrunken.

Er zielte mit dem schweren Revolver auf Twofeather.

Der Hitzkopf Twofeather hätte den Speer nach ihm geworfen und ein Blutvergießen provoziert. Doch T.O. sprang hinzu und entriß Twofeather den Speer. Er stellte sich vor den Sioux.

Jim stellte sich vor die vier Reservatspolizisten. »Schießt, wenn ihr euch getraut!« sagte er.

Liz Moreno drängte sich durch und stellte sich an Jims Seite. »Wollt ihr auf eure eigenen Stammesbrüder schießen?« fragte sie halb hysterisch.

»Laßt die Verräter fahren!« rief nun auch der Häuptling. »Ich befehle es!«

Der Patroljeep war umringt. Murrend zogen sich die wütenden Sioux zurück und gaben den Weg frei. Die vier Reservatspolizisten stiegen eilig ein.

Standing Bear fuchtelte mit dem Revolver aus dem Fenster.

»Ich lasse mich nicht bedrohen!« schrie er. »Das werdet ihr bereuen!« Der Eklat war vorprogrammiert. Da es unmöglich war, die vier Army-Trucks von den Guterwagen zu fahren, schoben die Trucker und hilfreiche Sioux sie per Hand zu der neuen Werkstattbaracke. Was eine Triumphfahrt mit den Sioux-Truckern am Steuer hatte werden sollen, wurde ein Trauerzug.

Flüche und Verwünschungen erschollen. Die Squaws jammerten, wie sie es bei Sterbefällen zu tun pflegten. Kinder weinten.

Twofeather und Little Elk aber schworen Rache.

»Die Weißen gönnen uns nichts«, sagte Twofeather. »Sie wollen nicht, daß wir aus dem Elend herauskommen. Hinter dem Anschlag stecken unsere Feinde.«

»Ringman?« flüsterte Little Elk, so daß nur Twofeather es hören konnte.

»Ringman.« Twofeathers Faust krallte sich um das Skalpmesser. »Wir werden ihm einen Besuch abstatten.« Morton Latimer blieb in seinem Agenturgebäude und zeigte sich nicht. Es brodelte in der Reseryation. Der Indianeragent wollte sich keiner Gefahr aussetzen.

»Ich hätte gute Lust, einen der toten Kojoten zu holen und ihn Latimer um die Ohren zu schlagen!« verkündete der »Bison«-Shotgun.

»Dann landest du bloß im Gefängnis und fliegst aus dem Reservat«, warnte ihn Jim. »Dann kann ich allein auch nichts mehr retten, und die Sioux Truck Association ist komplett aufgeschmissen. Das wollen Latimer und seine Hintermänner doch nur.« .

T.O. kickte gegen eine leere Coladose, daß sie in hohem Bogen davonflog. Die ganze hilflose Wut des bärenstarken Shotguns lag in der Geste.

Allmählich legte sich T.O.s heißester Zorn.

»Wer sind bloß die Hintermänner?« fragte er. »Hauptsächlich gegen die Sioux-Trucklinie ist die Alamo Trucking. Ob Sharkey Lerby hinter den Anschlägen steckt?«

Jim zuckte die Achseln. »Glaube ich nicht. Was sollen Lerby ein paar Sioux stören? Er hat zur Zeit wirklich andere Sorgen. Nein, den Hai kannst du vergessen.«

»Wer ist denn dann schuld? Latimer ist nur ein Werkzeug.«

»Irgendein übergeschnappter Filialleiter, also eine Regionalgröße. Solche Leute halten sich und ihr Unternehmen oft für den Nabel der Welt und sehen es als krasse Beleidigung an, wenn ihnen jemand Konkurrenz macht. Wenn ein solcher Mann auch noch ein Indianerhasser ist, gibt es eine brisante Mischung.«

»Ringman in Sioux Falls«, sagte T.O. Er hatte sich genau wie Jim über die örtlichen Gegebenheiten und Persönlichkeiten erkundigt. »Den sollten wir uns mal aufs Korn nehmen.«

»Alles zu seiner Zeit«, sagte Jim. »Erst mal sind wir ganz schön in Zugzwang. Liz hat bereits einige Frachtaufträge für die Sioux Truck Association ergattert. Wir sind davon ausgegangen, dafür die Army-Trucks einsetzen zu können. Weil das nicht möglich ist, müssen wir wohl oder übel mit dem Bison einspringen.«

»Ich bin dabei. Jetzt erst recht«, stimmte T.O. zu. »Dann werden wir mal das Kriegsbeil ausgraben, was diesen Ringman betrifft. - Howgh, weißer Bruder.«

***

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Über dem Rosebud Reservat in der weiten Prärie, über die der Abend sank, lag bedrücktes Schweigen. Jim und T.O. gaben nicht auf und richteten die niedergeschlagenen Sioux auf, ihre Trucklinie nicht hinzuwerfen.

»Das Chassis und die Aufliegergabel sind immerhin heil«, sagte Jim. »Da es Sabotage war, wird die Regierung euch Ersatz schaffen.«

»Und wie lange dauert das?« fragte Twofeather, der düsterster Laune war. Auch die Zusage der beiden Trucker, während der kritischen Anfangsphase für die Sioux Truck Association zu fahren, tröstete ihn nicht. »Zuerst müssen wir die Halunken zerschmettern, die an der Zerstörung der Trucks schuld sind«, sagte er. »Sonst wird es immer neue Sabotageakte geben. Die Rädelsführer müssen erledigt werden.«

»Nur nach Recht und Gesetz«, wandte Jim ein.

Twofeather schaute finster drein. »Hier gilt das Gesetz der Prärie. Die alten Regeln der Sioux geben uns das Recht, das uns das Gesetz des weißen Mannes verwehrt.«

»Die Kriegszeiten sind vorbei, Twofeather«, warnte Liz Moreno.

Doch der drahtige Sioux verließ schon die Baracke, gefolgt von Little Elk. Ein Kojote heulte klagend in der Prärie.

»Twofeather brütet nichts Gutes aus«, sagte T.O. mit schlimmer Vorahnung.

»Ich rede mit ihm«, sagte Liz. »Er wird sich besinnen.«

Sie schmiegte sich instinktiv an T.O., dessen Stärke sie genauso bewunderte wie seine Güte und seinen Humor. Denn T.O. hatte ein großes Herz, das seiner Körperkraft in nichts nachstand.

Jim war sich nicht sicher, ob Liz Moreno ihren Einfluß auf Twofeather nicht überschätzte. Früher, solange er geglaubt hatte, ihr Liebhaber werden zu können, hatte sie ihn besser unter Kontrolle gehabt. Jetzt war der junge Sioux verbittert, zudem enttäuscht.

»Morgen kommen G-men«, sagte Jim später zu T.O. »Sie ermitteln zusammen mit der State Police wegen der Trucksabotage.«

»Wie hast du das denn hingekriegt?«

»Bei Verbrechen in Indianerreservaten ist die Bundespolizei zuständig. Wußtest du das nicht? Ich habe vom Fernschreiber der Reservatsschule aus ans nächste FBI Field Office Nachricht gegeben. Latimer wird sich wundern, wenn nicht nur die State Police anrückt«, sagte Jim. »Deine Liz hat mich übrigens noch auf eine Idee gebracht, wie Ringman unter Druck zu setzen wäre. Därauf wäre ich nicht so schnell gekommen. Das ist typisch weibliche Raffinesse.«

»Was meinte sie denn?« fragte T.O. »Sie ist übrigens nicht meine Liz.«

»Du weißt schon, was ich meine. Lerby legt nach den Skandalen in der letzten Zeit größten Wert auf ein möglichst sauberes Image der Alamo Trucking. Am liebsten würde er Westen mit sieben Weißmachern tragen und jedem Alamo-Trucking-Mitarbeiter eine verordnen. Er kann sich keinen weiteren Skandal leisten.«

»Bisher ist Ringman nichts nachzuweisen, Partner«, sagte T.O. »Da kannst du mit der Öffentlichkeit oder der Presse gar nichts ausrichten.«

***

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Liz Moreno war anderer Ansicht als T.O., was ihre Idee betraf, Ringman über die Presse zuzusetzen. Die Lehrerin wußte, an wen sie sich zu wenden hatte.

So kam es, daß Sharkey Lerby am Morgen, als er bei der Alamo Trucking eintraf, einschlägige Pressemeldungen aus dem Nordwesten vorfand. Sogar der »San Antonio Chronicle«, ein Blatt, das gern kritisch über Lerby und die Alamo Trucking berichtete, hatte die Meldungen aufgegriffen.

Lerby hatte seinen 500 SL auf den für ihn reservierten Tiefgaragenplatz gestellt. Die Sonne knallte vom Himmel und ließ die Auspuffgase der zum Alamo-Frachthof an- und abfahrenden Heavy Hauler in Hitzeschwaden verschwimmen.

Die Zentrale der Alamo Trucking Company lag im Nordwesten von San Antonio zwischen der Vanee Jackson Road und dem Northwest Expressway, zu dem die Alamo Trucking eine eigene Zufahrt hatte. Mit ca. zwölfhundert Trucks im Einsatz hatte die Alamo Trucking sechzig Prozent des Volumens der größeren RTC, Rylands Firma, die ihre Zentrale am anderen Ende der Stadt hatte.

Lerby hoffte sehnsüchtig, seinen früheren Schwiegervater zu Ubertreffen. Er hielt sich für cleverer und vielseitiger als King Ryland.

Lerby, mit sportivem Jackett, Hemd mit kurzem Kragen und einer Schnürsenkelkrawatte, die eine Krawattennadel in Form eines Sombreros hielt, war etwas müde. Er hatte, seit er von Darlene geschieden war, häufig wechselnde Freundinnen.

Die letzte war kurzerhand und ohne sein Wissen bei ihm eingezogen. Sie hatte Lerbys Haushälterin beschwatzt. Die schöne Blondine war Lerby bald so auf den Nerv gegangen, daß es ständig Streitereien gegeben hatte. In der letzten Nacht hatte er nach einem Riesenkrach morgens um drei ein Taxi bestellt und die Freundin damit in ein Hotel geschickt.

Wenig Schlaf, geschäftliche und private Probleme, Ärger und Streß zehrten an Lerby.

Wenn er die Umsatzkurve an der Wand seines Office’ sah, von dem aus er einen Teil des Alamo-Frachthofs überblicken konnte, wurde ihm sowieso anders. Vor Monaten, als er bei der Alamo Trucking anfing, von der launischen, sexbesessenen Nell Corrigan in die Position als Geschäftsführer geboxt, hatte er sich ganz andere Steigerungsraten erhofft.

Doch nach dem Satelliten-Desaster und anderen Härten und Rückschlägen mußte Lerby froh sein, daß er überhaupt noch auf seinem Geschäftsführerstuhl saß.

Nell Corrigan bescherte ihm allmählich graue Haare. Sie hatte die Moral einer läufigen Katze und verbrauchte Geld nicht, sie vernichtete es. Nell brachte es fertig, ganze Boutiquen leerzukaufen. Wenn ihr ein Liebhaber gefiel, und die wechselte sie wie die Hemden, konnte sie ihm schon mal einen Sportwagen schenken.

Um ihr flottes Leben zu finanzieren, griff Nell bedenkenlos in die Kasse der Alamo Trucking. Wenn Nell nicht wäre, könnten wir zwanzig Trucks mehr laufen haben, sagte Lerby gelegentlich.

Er griff nach der Pressemappe.

»South Dakota Post«, war der Ausschnitt gekennzeichnet. Das Datum war das heutige.

»Alamo Trucking indianerfeindlich?« las Lerby die Überschrift. Und von einer anderen Zeitung: »Truck-Großunternehmen ruiniert indianische Kleinfirma«.

Lerby sprang senkrecht vom Bürosessel hoch. Übers Haustelefon bestellte er sofort - »Auf der Stelle, sage ich!« - seinen Syndikus Harvey B. Gatsby zu sich. Der lange Firmenanwalt und leitende Manager der Alamo Trucking rannte wie ein Sprinter durch die Gänge und war nach dreißig Sekunden da.

»Was ist das für ein Bullshit?« fragte Lerby barsch.

»Da ist in South Dakota ein Konkurrenzkampf gegen eine in der Gründung begriffene Truckline von Reservatsindianern im Gang«, erklärte Gatsby, der die Meldungen kannte. »Jemand, der auf der Seite der Reservatssioux steht, hat Meldungen in die Presse lanciert.«

»Und Rivers vom Chronicle greift sie auf, wie alles, was uns schadet«, sagte Lerby und wies auf die »Chronicle«-Schlagzeile. »Wer ist Niederlassungsleiter in der Gegend dort?«

Gatsby wußte es nicht aus dem Stegreif. Lerby schaute ihn abschätzig an und schaltete den Computer ein.

»Gordon Ringman«, las er vom Bildschirm ab. »Guter Mann. Er liegt mit seinem Umsatz weit über dem Durchschnitt vergleichbarer Niederlassungen der Alamo und erreicht RTC-Niveau. Dynamisch und clever. - Well, aber mit diesen Sioux hat er sich in die Nesseln gesetzt. Rufen Sie ihn an, und pfeifen Sie ihn zurück, Harv. Wir können uns keine negativen Schlagzeilen und Meldungen mehr erlauben. Unsere Niederlassungsleiter sind die Güte in Person, ohne dabei den Umsatz zu schmälern, klar? Da wir an Ryland und seiner RTC Image nicht kratzen können, müssen wir uns bemühen, ein ebenso gutes zu erhalten.«

Gatsby hätte gern gesagt, zu Zeiten des an einem Herzinfarkt verstorbenen Jefferson Corrigan wäre das Image der Alamo Trucking zehnmal besser gewesen als in der Ära Lerby & Nell Corrigan. Doch in Lerbys Gegenwart hielt er lieber den Mund und nickte nur artig.

Eine Neuigkeit jedoch hatte er. Damit wartete er auf. »Ich hörte von einem unserer Fahrer, der durch South Dakota fuhr, daß Jim Sherman und T.O. Washburn dort sind, und zwar in dem Rosebud Reservat, von dem in den Pressemeldungen berichtet wird.«

»Wo die zwei sind, gibt’s Ärger«, sagte Lerby, dem seine sämtlichen Todsünden einfielen. »Ringman soll sich zurückhalten oder verdammt vorsichtig sein.«

»Befürworten Sie denn die Konkurrenz durch die Sioux Truck Association, Mister Lerby?«

»Ich befürworte überhaupt keine Konkurrenz, nicht mal durch einen Ochsenkarren«, erwiderte Lerby. »Aber die Alamo Trucking darf deshalb nicht negativ dastehen. - Sehen Sie zu, wie Sie das Ringman beibringen. Ich will einen Bericht von ihm. Heute noch. - Klar?«

»Yes, Mister Lerby. Ich bin schon dabei.«

»Dann stehen Sie hier nicht herum.«

Gatsby, ein Mann, der immerhin Harvard-Absolvent war und mehrere akademische Grade hatte, fegte hinaus. Die gesamte Universitätsausbildung konnte ihm das fehlende Rückgrat nicht ersetzen.

Lerby widmete sich seiner Arbeit. Er verfügte Über eine enorme Konzentrationsfähigkeit. Ein anderer als Lerby wäre unter den mannigfaltigen Belastungen längst zusammengebrochen. Lerby gedieh dabei meist sogar noch.

Weniger Freude hatte er, als die San Antonioer Klatschreporterin Sue Wagmiller bei ihm aufkreuzte und zuckersüß flötete: »Ich hörte, Sie hätten sich von Ihrer Freundin getrennt, dieser entzückenden Wie-heißt-sie-noch-gleich?«

Als ob du das nicht wüßtest, du Schreckschraube, dachte Lerby.

Die Klatschreporterin, eine walkürenhafte, übermäßig modisch und auf jugendlich gestylte Brünette, an der alle Diäten versagten, war einfach hereingeplatzt. Sue Wagmiller hatte eine besondere Art, sich durch- und in Szene zu setzen.

Lerby verabscheute die alte Giftspritze, die ihr Alter seit gut fünfzehn Jahren mit 39 angab, von ganzem Herzen. Weil er aber genau wußte, welche Macht solche Frauen hatten, dazu noch mit Gesellschaftsspalten in mehreren Zeitungen und dem Fernsehen als Plattform, blieb er freundlich.

»Das finde ich aber nett, daß Sie mal wieder bei mir hereinschauen, Sue. Aber warum sollen wir vom Schnee von gestern reden? Die Lady und ich sind als gute Freunde auseinandergegangen.«

»Ich hörte etwas anderes.« In der Stimme der Gesellschaftsreporterin klang ein harter Unterton mit. »Es hätte stundenlang Streit bei Ihnen gegeben. Das Mädchen habe Sie den gottverdammt fiesesten Bastard unter der Sonne genannt?«

»Davon weiß ich nichts. Gewiß, wir hatten Meinungsverschiedenheiten, doch wo gibt es die nicht? Wegen übermäßiger Harmonie sind wir nicht auseinandergegangen, die Lady und ich. Aber so schlimm ist es nicht gewesen.«

»Sie hätten geschrien, daß sie eine Schlampe sei, und gedroht, sie in den Pool zu werfen, wenn sie ihr gottverdammtes Mundwerk nicht halten würde.«

»Hm, hm, das ist ein Mißverständnis. Sicher hat sich mein Gärtner wieder mit seiner Frau gestritten. Ich werde die beiden ermahnen, mehr Rücksicht auf die Nachbarschaft zu nehmen.«

»Aha. Wahrscheinlich hat dann auch der Gärtner das weinende Girl morgens um drei im Taxi weggeschickt«, sagte die Wagmiller boshaft. »Ins San Antonio Plaza, Zimmer 109. Miß Claire DeBoom.«

Also wußte sie doch Bescheid. Lerby blieb die Spucke weg. Nicht auszudenken, wenn das ausgeflippte, verärgerte Weibsbild über ihn herzog und die Wagmiller das noch öffentlich verbreitete.

»Solche j kleinlichen Zänkereien sind doch unter Ihrem Niveau, Sue«, sagte Lerby. »Wen interessiert schon dieses Mädchen von außerhalb ohne jeden gesellschaftlichen Glaniour?«

»Da haben Sie auch wieder recht, Derek. Was halten Sie übrigens davon, daß Ihre Exgattin Darlene Ryland einen neuen ständigen Begleiter hat? Ein Mann namens Ray F. Jordan ist seit einer Weile mit ihr zusammen.«

Lerby hörte zum ersten Mal von diesem Jordan.

»Was geht mich das an?« fragte er trocken. »Darlene und ich sind geschieden. Sie kann tun und lassen, was sie will.«

»Ich dachte, es stört Sie vielleicht, wenn Darlene mit ihrem Neuen in San Antonio erscheint.«

»Will sie ihn mitbringen?«

»Es könnte ja sein. Ach ja, Derek, einen Gefallen müssen Sie mir dafür tun, daß ich nichts Über Sie und die DeDingsbums schreibe. Der Scheidungsgrund für Ihre und Darlenes Ehe war seelische Grausamkeit. Was genau störte Darlene denn an Ihnen?« Lerbys Zähne mahlten.

»Fragen Sie lieber, was sie nicht störte. Was den Ausschlag gab, war wohl die Art, wie ich mein Frühstücksei aufschlug. Das konnte sie nicht vertragen.«

Sue Wagmiller fühlte sich zu Recht auf den Arm genommen. Macho, dachte sie, verabschiedete sich aber zuckersüß und verließ Lerbys Office. Wenigstens hatte sie ihn wegen der Reservatsgeschichte nichts gefragt. Aber was gingen auch Siouxindianer in einem fernen Reservat eine auf die Upper ten abonnierte Klatschreporterin an?

***

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Ebenfalls in San Antonio unterhielt sich Henry B. Ryland mit seinem gewieften Firmenanwalt Dustin Palmer in dessen Kanzlei. Der drahtige, grauhaarige Trucker-King wirkte angegriffen. Palmer, ein konservativ gekleideter, kahlköpfiger Mittfünfziger, sprach ihn darauf an.

»Die ganze Arbeit wächst mir allmählich über den Kopf«, gestand Ryland, der lässig in dem schweren Lederfauteuil saß. »Ich werde nicht jünger.«

»Henry, du kannst es glatt mit jedem Dreißigjährigen aufnehmen. Ich wäre froh, wenn ich nur die Hälfte von deiner Kondition und Dynamik hätte.«

Ryland winkte ab.

»Ich spüre die Jahre, Dustin, und ich habe viel erlebt. Besonders die letzten Jahre waren kein Zuckerschlecken.«

Ryland brauchte nicht aufzuzählen, was er alles durchgemacht hatte. Palmer wußte Bescheid.

»Leider finde ich keinen würdigen Nachfolger für Lerby als Geschäftsführer der RTC«, sagte Ryland. »Lerby ist ein Schweinehund gewesen, aber enorm tüchtig, und er hat mir eine Menge Arbeit abgenommen. Wieviel, merke ich erst jetzt. Eine Zeitlang habe ich auf Jim Sherman, meinen früheren Schwiegersohn, als Entlastung gehofft. Aber Jim fährt lieber mit T.O. durch die Staaten. Er zieht das unsichere, harte Abenteuerleben eines freien Truckers einem Bombenjob bei der RTC vor.«

Es klang bitter. Ryland war von seinen beiden Töchtern Cora-Mae, Jims Exfrau, und Darlene genauso enttäuscht wie von seinen Schwiegersöhnen, die ihm nicht die Stütze geworden waren, die er sich erhofft hatte. Enkel waren auch keine in Sicht.

»Könntest du Derek zurückholen?« Palmers Worte klangen kühl und geschäftsmäßig. »Ihm gehören immerhin fünfundzwanzig Prozent der RTC. Es wäre das Vernünftigste. So liegt das Viertel Firmenkapital auf Eis, und Lerby ist gegen dich.«

»Bevor ich Lerby zurückhole, fackele ich die gesamte RTC ab!« erwiderte Ryland entschieden. »Mit Lerby bin ich fertig. Wegen Tucker Murphy haben wir einen Waffenstillstand geschlossen und halten gegen diesen alten Schurken zusammen. Aber das ist auch alles, wozu ich bereit bin, und es geschieht' nur im Interesse der RTC. - Du weißt nicht, was es heißt, ein solches Unternehmen zu leiten, Dustin. Manchmal denke ich, es ist genau umgekehrt: Nicht die RTC gehört mir, sondern ich gehöre der RTC. Die Firma frißt mich noch auf.«

»Ist es so schlimm?« fragte Palmer besorgt. »Du solltest kürzertreten, Henry. Denk daran, was Jeff Corrigan passiert ist. Irgendwann ist er tot umgefallen, und er war noch ein paar Jahre jünger als du.«

»Ja. Schade um ihn. Bei der Alamo Trucking ist jedenfalls nichts Besseres nachgerückt. Bei dem Lebenswandel, den Nell Corrigan führt, kann man nur froh sein, daß ihr Vater das nicht mehr erleben muß. Aber kommen wir auf meine Töchter zu sprechen. Cora-Mae ist eine tüchtige, aber für meinen Geschmack zu kalte Geschäftsfrau geworden.«

»Sie verursacht jedenfalls keine Skandale«, bemerkte Palmer vorsichtig- »Nein, aber manchmal wäre es mir fast lieber, sie hätte den einen oder anderen. So ist sie ein Eisberg - mir erscheint es jedenfalls so. Offenbar braucht sie keinen Mann. Das finde ich nicht normal.«

»Sie wird immer noch Jim nachtrauern. Oder hoffen, daß er zu ihr zurückkehrt.«

»Nach der ganzen Zeit? Der Zug ist längst abgefahren, Dustin, und das wissen die beiden auch ganz genau. Ich werde nicht schlau aus Cora-Mae. Doch jetzt zu Darlene. Ich hatte dich gebeten, über ihren neuen Begleiter Erkundigungen einzuziehen, diesen Ray F. Jordan. - Ist das auch wieder so ein Mitgiftjäger, Playboy und Gigolo wie die anderen? Seit der Scheidung von Lerby ist sie außer Rand und Band. Lebenslustig war Darlene ja schon immer, doch was sie sich nach ihrer Scheidung manchmal leistete, war entschieden zuviel. Sie hat wirklich nichts ausgelassen.«

Palmer holte einen Schnellhefter hervor.

»Ich habe die Detektei Pinkerton beauflagt, mir ein Dossier über Jordan zu liefern und ihn durchzuchecken. Das ist das Ergebnis.«

»Kannst du es für einen müden alten Trucker kurz zusammenfassen, Dustin? Das sind mindestens dreißig Seiten. Wann soll ich die alle lesen?«

palmer lieferte die gewünschte kurze Zusammenfassung. Danach war Ray F. Jordan 31 Jahre alt, seine Mutter Mary Jordan verstorben, sein Vater unbekannt.

»Jordan hat eine solide kaufmännische Ausbildung und war bei einer Automobilfirma im mittleren Management tätig. Er hätte gute Aufstiegschancen gehabt. Doch dann entschloß er sich, lieber ein paar Jahre als Trucker hauptsächlich in Mexiko und weiter im Süden zuzubringen.«

»Als Trucker? Wie hat er dabei abgeschnitten?«

»Hier steht, nicht schlecht. Jordan ist meist allein gefahren - Öltransporte von Tampico und so weiter. Laut Pinkerton ist er auch mal in eine Schmuggelgeschichte verwickelt gewesen, die aber nicht zu haarig ausging«

Ryland zuckte die Achseln. »Wer schmuggelt in Mittel- und Südamerika nicht? Das ist dort ein Nationalsport- Was für Trucks hkt Jordan denn gefahren?«

»Lauter Heavy Hauler«, antwortete Palmer. »Die ganz schweren Bomber auf der Langstrecke. Hier steht, daß er mal im Alleinflug von El Paso nach Yucatan innerhalb anderthalb Tagen durchgedüst ist.«

»Donnerwetter!« Selbst Ryland staunte. »Wie hat er das geschafft? Ich kenne die Strecke. Bei den mexikanischen Highways hast du schon nach fünfhundert Meilen das Gefühl, die Wirbelsäule käme dir oben zur Schädeldecke heraus.«

»Er hat jedenfalls etwas Geld auf die Seite gebracht und kann es sich leisten, für eine Weile keinem Job nachzugehen«, fuhr Palmer fort.

»Ein gestandener Mann also, ein Trucker, ein harter Bursche«, sagte Ryland. »Kein Angeber und Schmarotzer, wie sie sich gern an Darlene hängten?«

»Ein Angeber ist Jordan mit Sicherheit nicht. Er scheint ernsthaft an Darlene interessiert zu sein. Bei einer Drogenparty hat er sie aus einer üblen Lage befreit.«

Palmer berichtete. Ryland war ganz Ohr. Er revidierte seine anfangs schlechte Meinung über Ray F. Jordan.

»Das hört sich alles recht vielversprechend an«, sagte er und stand auf. »Dieser Jordan scheint mir kein schlechter Umgang für Darlene zu sein. Aber ich traue ihr nicht. Darlene ist launisch. Sie kann Jordan jederzeit fallenlassen und sich wieder einem ihrer Playboy-Verschnitte an den Hals werfen. Vielleicht lerne ich diesen Jordan ja mal kennen. Es würde mich freuen, wenn Darlene sich gefangen hat und bei ihm den Halt finden würde, den sie dringend braucht. Lerby konnte ihn ihr nicht geben. Darlene ist nun mal labil.«

»Warum forderst du Darlene nicht einfach auf, sich wieder mal in San Antonio blicken zu lassen?« fragte Palmer.

Ryland steckte das Jordan-Dossier in seine Aktentasche.

»Wo bleibt deine Psychologie, Dustin? Ich kenne Darlene besser. Sie folgt grundsätzlich nur ihrem eigenen Kopf. Wenn ich sie auffordere zu kommen, bleibt sie erst recht weg. Wenn ich es lasse und anscheinend keine Notiz von ihr nehme, kommt sie viel eher.«

»Du mußt es wissen, Henry. In der anderen Sache, wegen Tucker Murphy, sind wir noch keinen Schritt weitergekommen. Murphy lebt, und er steckt irgendwo. Wo, weiß kein Mensch. Aber er hat Verbündete, Beziehungen und erhebliche Geldmittel.«

»Dann lauert er also und verfolgt seine finsteren Pläne«, murmelte Ryland. Der Trucker-King hatte so schnell vor nichts Angst. Aber Tucker Murphy fürchtete er. »Es ist unheimlich, einen so erbitterten, rachsüchtigen Feind irgendwo im verborgenen zu haben. Einer offenen Auseinandersetzung wäre ich jederzeit gewachsen. Aber die Ungewißheit, was Tucker Murphy im Schild führt und wo und wie er als nächstes zuschlägt, setzt mir schwer zu.«

»Vielleicht stirbt er ja, bevor er was ausrichtet«, gab Palmer zu bedenken. »Er ist schließlich alt und war dreißig Jahre im Zuchthaus.«

»Der stirbt nicht so einfach, der ist zäh wie ein Stahlgürtelreifen«, sagte Ryland mit widerwilliger Anerkennung. »Wir hören bestimmt wieder von ihm, und dann wird es was ganz Neues und Teuflisches sein.«

»Das klingt, als ob du Angst vor ihm hättest, Henry.«

»Wegen mir selbst nicht, Dustin. Ich bin nahezu sechzig und habe im Leben alles erreicht, was ich wollte, von den privaten Mißhelligkeiten abgesehen. Ich habe Angst um meine Familie - meine Frau Kathleen und meine beiden Töchter Cora-Mae und Darlene. Tucker Murphy wird eine Schwachstelle finden und mich da treffen, wo es wirklich weh tut. Aber ich wehre mich. Zerbrechen kann er mich nicht, nur töten.«

Der Trucker-King verließ die Kanzlei. Dustin Palmer sah ihn vom Fenster in seinem offenen Cadillac Eldorado abfahren. Das Verkehrsgewühl der City von San Antonio verschluckte ihn.

Wirklich schmerzen würde Ryland die Vernichtung seiner Familie und die Zerstörung seines Lebenswerks, der Ryland Truck Company.

Hatte Tucker Murphy das vor? Die Zukunft würde es erweisen.

***

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In South Dakota fuhren Jim und T.O. mit dem »Bison« im Auftrag der Sioux Truck Association. Sie waren ständig auf Achse, um die Sioux-Truckline ins Geschäft zu bringen. Morton Latimer mußte ihnen zähneknirschend sämtliche per Truck ins Reservat zu holenden Transporte zuschanzen.

G-men und Detectives von der State Police ermittelten wegen der Anschläge und Sabotageakte im Rosebud Reservat. Der Indianeragent Latimer zerfloß den Ermittlern gegenüber regelrecht vor Entgegenkommen und war vorsichtiger denn je.

Liz Moreno kümmerte sich im Reservat vehement um die Beschaffung von neuen Trucks für die Sabotierten. Die vier Army-Trucks waren von einer Schrottfirma abgeholt worden. Außer dem »Bison« war von der Sioux' Truck Association zur Zeit nur der »Pink Tomahawk« einsatzfähig, der jedoch nicht viel laden konnte. Joe Twofeather und Little Elk fuhren mit ihm.

Von Rapid City fuhr das »Bison«-Team drei Tage lang Silbererz zu einer Schmelze. Das brachte gutes Geld in die Kasse, wovon Jim und T.O. jedoch nur einen Teil behielten.

Der schwarze Shotgun zappelte am dritten Tag vor Ungeduld hinter dem Lenkrad des roten Kenworth.

»Du wirst schon noch früh genug zu deiner Liz kommen, T.O.«, beruhigte ihn Jim. »Kannst du’s nicht mal drei Tage ohne sie aushalten?«

»Du weißt nicht, was Liebe ist, Jim.«

»Ich entsinne mich dunkel, daß ich damit schon mal Scherereien hatte.« Jim schaute auf die Uhr am Armaturenbrett. »Es ist Zeit zum Mittagessen. Melde uns schon mal in Underwood’s Truck Stop an.«

T.O. griff zum Funkmikro und rief den Truck Stop.

»Underwood, alter Grizzly, hau uns zwei Steaks in die Pfanne, groß wie ein Trucklenkrad, mit Beilagen und allem Drum und Dran. Jim Sherman und T.O. Washburn sind mit knurrenden Mägen im Anrollen. Wir haben eine eilige Fracht und können nicht lange in deiner Kaschemme warten, klar?«

Über Funk erfolgte sofort die Bestätigung: »Hier Underwood’s. Wenn ihr euch noch mal untersteht, meinen tipptoppen Truck Stop eine Kaschemme zu nennen, kommt ihr hier nicht mehr lebend raus. - Die Steaks sind gebont. Groß wie ein Lastwagenrad, und wehe, es bleibt was übrig.«

Die letzte Kehre der Bergstraße durch die Black Hills wurde genommen. Der Truck Stop tauchte auf, ein flaches Gebäude mit Anbau, zu dem eine Tankstelle und kleine Werkstatt gehörten und das blauweiß wie eine Krone die Aufschrift »Underwood’s Truck Stop« trug. Davor standen mehrere Heavy Hauler auf dem Parkplatz. Es war in Truckerkreisen allgemein bekannt, daß es hier erstklassigen Service und vorzügliches Essen gab.

Die PS-Giganten, grellfarbig und jeder individuell gestaltet mit ihren Aufliegern und Anhängern, nahmen eine Menge Platz ein. Die Fourwheeler auf dem anderen Parkplatz wirkten gegen sie unbedeutend.

T.O. ließ die Mehrklangfanfare dröhnen, als sie auf den Parkplatz fuhren. Jim rangierte den mit Auflieger zehn Meter langen Sattelschlepper gekonnt ein. Die Freunde stiegen aus und stiefelten zum Restaurant.

Es war Mittagszeit und das Restaurant gut gefüllt. Sam Underwood, der Besitzer, hatte an den Truckern vom »Bison« einen Narren gefressen und einen Zweiertisch in der Ecke für sie reserviert. Von dort konnten sie durch die Panoramascheibe auf die Schönheiten der Black Hills sehen.

Sam Underwood war ein kleiner, stämmiger Mann mit lahmem rechten Bein. Er hatte eine spiegelblanke Glatze, für die er zum Ausgleich einen rabenschwarzen, langen Vollbart trug.

Er begrüßte Jim und T.O. überschwenglich.

»Da, setzt euch. Die Steaks sind schon fertig. Das ist ein Timing, was?«

»Du bist der Beste, Sam«, lobte ihn Jim.

Da meldete sich ein am Verkaufstresen stehender wartender Trucker.

»Wie soll ich das denn verstehen, Sam Underwood? Weshalb bedienst du die beiden stinkenden Indianerfreunde bevorzugt? Ich werde dafür sorgen, daß sämtliche Alamo-Fahrer dein Restaurant meiden, wenn du die beiden nicht sofort hinauswirfst.«

Im Restaurant verstummte die Unterhaltung. Underwood ging sofort auf den Sprecher ios.

»Was fällt dir denn ein, Charlie Pike, du gottverdammter Unruhestifter? Noch so eine Bemerkung, und du fliegst raus!«

Pike, ein knochiger, großer Kerl mit schwellenden Muskeln, stieß den Wirt höhnisch lachend zurück. Sam Underwood konnte sich wegen seinem lahmen Bein nicht abfangen und stürzte über einen Stuhl.

»So geht es allen Indianerfreunden«, sagte Pike. »Ich mag keine Halunken, die auf Nigger stehen. Ich würde eher zur Müllabfuhr gehen, als mit einem stinkenden Schwarzen das Führerhaus zu teilen.«

Um T.O.s Fassung war es sofort geschehen.

»Du gehörst auch zur Müllabfuhr!«

brüllte Jims Shotgun. »Aber in die Tonne hinein, du zweibeiniger Dreckhaufen!«

»Wie hast du mich genannt?«

»Du hast auch noch Dreck in den Ohren!« pfiff T.O. sofort zurück. »Wasch sie dir mal!«

Damit waren die Vorreden erledigt. Charlie Pike stürzte sich auf T.O. Er versuchte, dem Shotgun einen gemeinen Tritt zu versetzen.

Doch T.O. hatte noch immer die schnellen Reflexe aus seiner Boxerzeit. Er fing Pikes Bein mit überkreuzten Handgelenken ab, wich dem Hieb aus und packte das Bein und hebelte es herum. Pike landete auf dem Bauch.

Doch schon stürzten sich vier weitere Schläger auf Jim und T.O., Kerle, die zwar in Trucks hergekommen, doch die keine echten Trucker waren. Jim erfaßte die Situation.

»Das ist ein Rollkommando von Ringman!« rief er. »Vorsicht, T.O.!«

»Machen wir’s auf die alte texanische Weise?« fragte der schwarze Shotgun.

Jim nickte. Die beiden Freunde stellten sich Rücken an Rücken, damit keiner sie von hinten angreifen konnte, und ließen die Fäuste wirbeln. Ihre Angreifer waren gestandene Kerle. Doch hier sahen sie sich zwei stahlharten Männern gegenüber.

Die anderen Trucker im Restaurant hielten sich zurück. Mobiliar ging zu Bruch. Ein gegen Jim und T.O. gestellter Schläger warf einen Hocker in das Regal hinterm Verkaufstresen und räumte ab.

Ein anderer betastete seine wackligen Zähne und spuckte zwei davon aus. Der Zahnarzt würde sich freuen.

Charlie Pike beteiligte sich wieder am Kampf. Jim ließ ihn anstürmen und setzte blitzschnell einen Judogriff an. Pike schlug ein Rad in der Luft und flog durch die Panoramscheibe des Truck-Stop-Restaurants. Es schepperte und klirrte.

»Die Geier fliegen heute wieder tief!« sagte Jim, spuckte sich in die Hände und wandte sich wieder den Angreifern zu, die eine Verschnaufpause eingelegt hatten.

Drei Mann stürmten jetzt noch gegen den schwarzen und den weißen Trucker an. Die Schläger zeigten weniger Begeisterung und Großspurigkeit als zu Anfang, wo sie geglaubt hatten, einen leichten Sieg zu erringen.

Sam Underwood hatte einen Sandsack unterm Verkaufstresen hervorgeholt und ließ ihn auf einen Hinterkopf niedersausen.

Mit den restlichen beiden Schlägern machte T.O. kurzen Prozeß. Er feuerte eine Serie von Haken und Geraden auf sie ab. Die Schläger, bullige Kerle mit viel Muskeln und wenig Hirn, fielen übereinander und blieben liegen.

Jim zerrte einen von ihnen am Kragen hoch. Der Mann stöhnte. Sein linkes Auge war fast geschlossen. Er würde bald ein bildschönes Veilchen spazierentragen.

»Gib zu, daß euch Ringman bezahlt!« verlangte Jim. »Ihr habt uns aufgelauert, stimmt’s?«

»Wir sind bloß Freunde von Charlie Pike«, stöhnte der Schläger.

»Das sind keine Trucker, die haben wir noch nie auf der Piste gesehen«, sagte ein Trucker, der im Restaurant sein Mittagessen verzehrte und dem Kampf ehrfürchtig zugesehen hatte. »Ich weiß auch nicht, was das für ein Geschmeiß ist.«

»Es sind Menschen, wenn auch Halunken«, sagte T.O., der solche Redensarten nicht schätzte. Er schüttelte einen anderen Schläger durch, daß ihm die Zähne klapperten. »Raus mit der Sprache!«

»Charlie Pike hat uns angeheuert«, gab ihm der Mann Auskunft. »In wessen Auftrag, wissen wir nicht. Wir sind mit dem Diamond Reo und dem White Road Commander draußen gekommen.«

»Dann verschwindet damit auch wieder!« befahl Jim.

Charlie Pike würde seinen Auftraggeber nicht verraten. Soviel stand fest. Der Knochige war vor dem zersplitterten Fenster nicht mehr zu sehen.

Doch da brüllte der Motor des orangenen White Road Commanders mit dem silberfarbenen Auflieger auf. 420 PS röhrten ihren satten Song. Qualm schoß aus dem über die stumpfnasige Fahrerkabine hochgezogenen Auspuffrohr.

Der 38-Tonner fuhr auf »Underwood’s Restaurant« zu. »Schnell raus hier!« brüllte Sam Underwood. Gäste und Personal flüchteten aus dem Leichtbau, so schnell sie konnten.

Schon krachte der White, hinter dessen Lenkrad Pikes wutverzerrte Fratze grinste, ins Restaurant. Der schwere Truck durchbrach die vordere Wand glatt, walzte Tische und Stühle platt und krachte gegen den Verkaufstresen, den er aus seiner Verankerung riß.

Bier und Coke sprudelten aus den geborstenen Leitungen. Zum Glück war niemand verletzt worden.

Pike legte den Rückwärtsgang ein, stieß zurück und fuhr weg, ohne sich weiter um seine Kumpane zu kümmern. Doch er kam nicht weit. Ein von »Underwood’s Restaurant« über CB-Funk alarmiertes Patrolcar der State Police stoppte ihn.

Die Policemen legten ihm stählerne Armbänder an. Obwohl sie neu waren und funkelten, gefielen sie Charlie Pike nicht.

Jim, T.O., Sam Underwood und andere Zeugen mußten aussagen. Dann konnten sie ihrer Wege fahren.

Hinterher schüttelte Underwood den zwei Truckern die Hand.

»Damit dürfte Ringman das Handwerk gelegt sein«, sagte der Restaurantbesitzer. »Charlie Pike fährt für die Alamo Trucking. Die Verbindung zwischen Ringmans Indianerhaß und Konkurrenzkampf gegen die Sioux Truck Association und dem Anschlag hier müßte selbst dem Dümmsten aufgehen.«

»Die Beweislage hat oft nichts mit der Intelligenz zu tun«, erwiderte Jim skeptisch.

Am folgenden Tag ließ der Haftrichter in Rapid City Charlie Pike und sein Rollkommando laufen, nachdem sie genug Geld hinterlegt hatten, um für den an »Underwood’s Restaurant« angerichteten 'Schaden aufzukommen.

Woher dieses Geld stammte, war schleierhaft. Auf die Alamo Trucking fiel kein Verdacht. Gordon Ringman hatte seinen Fahrer Charlie Pike schleunigst gefeuert. Daß er Pike und seinem Shotgun einen Anwalt stellte, ihnen in einem anderen Bundesstaat einen Fahrerjob verschaffte und einen Tausender in die Hand drückte, wurde natürlich nicht bekannt. Die Schläger fuhren als freie Männer weg. Jim und T.O. waren zu dem Zeitpunkt bereits wieder im Sioux-Reservat.

Auf dem Truckerkanal 19 hörten sie von der Freilassung ihrer Gegner.

»Damit habe ich gerechnet«, sagte Jim lakonisch, während T.O. sich über die Unfähigkeit der Gerichte aufregte. »So leicht geht ein Fuchs wie Ringman nicht in die Falle. Er hat sich abgeschottet. - Was mich mehr interessiert, ist, wo Joe Twofeather und Little Elk mit dem Pink Tomahawk hin sind.«

»Sollte mich nicht wundern, wenn wir das bald erfahren«, sagte T.O. mit unguter Vorahnung.

***

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Die Niederlassung der Alamo Trucking lag am North Drive von Sioux Falls, direkt beim Joe Foss Field, wie der Airport der 85.000-Seelen-Stadt hieß. Gordon Ringman, der dortige Niederlassungsleiter, war ein stiernackiger, hemdsärmeliger Typ, rotblond, mit schütterem Haar, Sommersprossen und einem ständig gereizten Charakter. Ringman trieb seine Untergebenen unerbittlich an. Er trat jeden Tag früh zu seiner Arbeit an und erledigte sie effektiv und brutal bis spät in den Abend hinein.

Die Ringmans hatten eine siebzehnjährige Tochter - Dixie, die hübsch und ein anderer Typ als ihr Daddy war. An diesem'Abend machte Ringman noch einen Rundgang durch die Niederlassung. Dann wollte er zum Parkplatz, wo seine Tochter, die schon einen Führerschein hatte, ihn abholen sollte.

Doch so weit kam es nicht. Als er, nachdem er dem Nachtwächter begegnet war, um die Lagerhausecke bog, tauchte lautlos ein riesiger Schatten vor ihm auf und packte ihn. Ringman, ein kräftiger Mann, war hilflos wie.ein Kind in dem Griff des Hünen.

Ein zweiter Mann, ein Indianer, wie der Niederlassungsleiter erkannte, stülpte ihm einen Sack über den Kopf. Ringman wurde gefesselt.

Eine kehlige Stimme warnte ihn zu schreien. Wie einen Sack schleppten ihn die beiden Sioux zu einer Seitentür des eingezäunten Alamo-Trucking-Geländes, trugen ihn hinaüs und warfen ihn auf die Ladepritsche des »Pink Tomahawk«. Sie fuhren vom North Drive zur Rice Street hinüber und auf ihr nach Osten aus der Stadt in die Prärie.

Ringman wurde ordentlich durchgeschüttelt. Was weder er noch seine beiden Entführer wußten, war, daß seine Tochter Dixie dem 286-PS-Oldtimer mit der Ladepritsche im Mercury Cougar der Ringmans folgte.

Dixie, ein schlankes Collegegirl mit weißblonden Haaren und engen Jeans, war die Zeit auf dem Parkplatz zu lang geworden. Deshalb hatte sie sich auf dem Niederlassungsgelände die Füße vertreten. Dabei war sie Zeuge der Entführung ihres Vaters geworden.

Den Sheriff zu alarmieren oder sonst jemand Bescheid zu geben, reichte die Zeit nicht. Deshalb fuhr Dixie hinter dem Pritschentruek her. Sie verhielt sich dabei wie eine geübte Detektivin - das hatte sie vom Fernsehen gelernt - und ließ immer ein oder zwei Fahrzeuge zwischen sich und dem »Pink Tomahawk«. Das auffällige zusammengebastelte Fahrzeug konnte sie so schnell nicht aus den Augen verlieren.

Außerhalb der Stadt vergrößerte Dixie den Abstand. Plötzlich war der Truck mit ihrem gekidnappten Vater von der einsamen Landstraße verschwunden. Dixie wendete und fuhr zurück. Sie bemerkte eine Abzweigung, die zu einer abseits gelegenen Farm führte, und fuhr dorthin.

Im Mond- und Sternenlicht sah sie den pinkfarbenen Truck mit den geschwungenen Kotflügeln auf dem Acker stehen. Dixie schaltete die Scheinwerfer aus und stellte den schnittigen roten Mercury hinter einem Strohhaufen ab.

Schleunigst lief sie dann zu dem Truck, wobei sie aufpaßte, nicht gesehen zu werden, und schaute sich nach ihrem Vater um.

Hinter einem Gebüsch hörte das Girl Stimmen. Gordon Ringman erlebte inzwischen die unangenehmsten Minuten seines Lebens. Seine Entführer hatten ihn von der Ladepritsche gerollt und ihm den Sack vom Kopf gezogen.

Ringman sah, daß er zwei Indianer vor sich hatte. Obwohl ihm das Herz klopfte, riskierte er eine große Lippe.

»Laßt mich sofort frei, oder ihr werdet es bitter bereuen! Ihr wißt wohl nicht, wen ihr vor euch habt?«

»Das wissen wir ganz genau«, antwortete Joe Twofeather, der scharfäugig unter der Krempe seines Huts mit' der Adlerfeder daran hervorlugte. »Den Oberhalunken nämlich, der die Sioux Truck Association mit schmutzigen Mittel bekämpft.«

»Das ist nicht wahr!« stöhnte Ringman.

»Feig bist du also auch noch«, zischte Twofeather. »Warum gibst du es denn nicht zu?«

Er zog sein Skalpmesser und packte Ringman bei den Haaren. Der Alamo-Niederlassungsleiter quiekte schrill vor Entsetzen. Dixie wollte hinzuspringen und sich vor ihren Vater stellen.

Doch Twofeather führte den Skalpschnitt nicht aus. Er hatte Ringman nur einen Schrecken eingejagt.

»Für diesmal lasse ich dir noch deine lausige Kopfhaut, Ringman«, sagte der Sioux. »Aber wenn du nicht sofort aufhörst, die Sioux Truck Association zu bekämpfen, verlierst du sie. - Wir kommen wieder, und wir fassen dich, wenn wir wollen. - Verstanden?«

»Ich werde die Sioux-Trucker in Ruhe lassen«, wimmerte Ringman. Wie viele brutale Burschen war er im Grund genommen ein Feigling. Twofeather tätschelte seine Wange. »So ist es recht, Mister Ringman. Wir empfehlen uns. Vergessen Sie, daß Sie uns jemals gesehen haben. Vergessen Sie aber nicht unsöre Warnung, klar?«

Dixie Ringman versteckte sich gerade noch rechtzeitig hinter dem Kanaskabusch, als die beiden Sioux zum pinkfarbenen Pritschentruck liefen. Twofeather und Little Elk stiegen ein.

Der Anlasser schnarrte und sprang beim dritten Versuch an. Der »Pink Tomahawk« fuhr in Richtung vom Highway 29.

Dixie Ringman stürzte zu ihrem Vater, der sich in seinen Fesseln wand.

»Du hier, .Dixie?« fragte er überrascht.

Die Tochter half ihm, die Stricke zu lösen. Mit wutgerötetem Gesicht stand der Niederlassungsleiter auf. Dixie führte ihn zu dem Mercury Cougar.

Ringman zog die versteckte Taschenflasche aus dem Handschuhfach und nahm einen großen Schluck. »Auf den Schreck brauche ich einen«, sagte er. Dann ließ er sich von Dixie Informationen über den Truck geben, mit dem die zwei Sioux weggefahren waren.

Sie hielten bei der nächsten Telefonzelle. Ringman wählte den Notruf und meldete sich. »Zwei Sioux haben mich umbringen wollen«, gab er durch. »Sie sind mit einem pinkfarbenen Truck mit weißer Pritsche weggefahren.«

»Daddy, sie wollten dich doch gar nicht umbringen«, sagte Dixie, die mit ausgestiegen war, dazwischen.

»Bist du still!« Ringman drohte seiner Tochter mit erhobener Hand. Er wandte sich wieder an die Notrufzentrale und sorgte für eine Blitzfahndung. »Ich komme sofort zum Police Headquarters«, sagte er zum Schluß. »Ja, Sie haben mich gleich zu Anfang richtig verstanden. Ich bin Gordon Ringman, der Niederlassungsleiter der Alamo Trucking. - Weshalb es die beiden Rothäute gerade auf mich abgesehen hatten? Na, das sind mordgierige Halunken, die sich irgendwas in den Kopf gesetzt hatten. Meine Tochter ist hinter ihnen hergefahren. Das Licht ihres Autos, mit dem sie dann anfuhr, verscheuchte die Mörder. Sonst wäre es um mich geschehen gewesen. Sie wollten mir die Kopfhaut abziehen.«

Der bullige Mann legte auf. Er fuhr nach Sioux Falls hinein und zu dem Reihenhaus an der Twelfth Street, das er mit seiner Familie bewohnte. Dort forderte er Dixie auf auszusteigen.

Sie widersprach.

»Keine Widerrede«, wies ihr Vater sie barsch zurecht. »Ich will nicht, daß du da mit hineingezogen wirst. Es genügt völlig, wenn ich aussage.« Dixie mußte wohl oder übel ins Haus gehen. Sie sah, wie ihr Vater rasant wendete. Die eckigen Stopplichter des Cougar glühten auf, und er bog mit quietschenden Reifen um die Ecke.

Im Haus mußte Dixie zuerst ihrer Mutter Rede und Antwort stehen. Als sie erwähnte, daß es sich nicht um einen Mordversuch, sondern nur um eine Einschüchterung gehandelt habe, sagte die Mutter, eine unscheinbare, verhärmte Frau: »Dein Vater weiß das gewiß besser.«

Ihre Stimme klang demütig. Sie hatte es längst aufgegeben, gegen den Willen ihres Mannes aufzubegehren.

Es dauerte lange, bis Ringman in der Nacht nach Hause zurückkehrte. Dixie lag solange wach. Sie stand noch einmal auf und fragte ihren Vater, was geschehen sei. Er antwortete nur, die beiden Rothäute wären geschnappt worden.

In den Frühnachrichten, bevor sie zum College ging, hörte Dixie, daß Joe Twofeather und Little Elk aus dem Rosebud Reservat wegen Entführung und Mordversuch an dem Alamo-Trucking-Niederlassungsleiter Gordon Ringman festgenommen worden waren. Sie sahen einer Gerichtsverhandlung entgegen, bei der sie eine langjährige Zuchthausstrafe erwartete.

Dixie ließ das keine Ruhe. Statt zum College, fuhr sie mit dem Bus weiter und stieg um. Sie suchte das Police Headquarters auf. Dort fragte sie nach dem Beamten, der den Fall mit den beiden Sioux unter sich hatte.

Sie wurde zu einem schneidigen jungen Detective Sergeant geschickt, der erst zugänglicher yurde, als sie sich ihm als Gordon Ringmans Tochter und Augenzeugin vorstellte.

Dixie sagte wahrheitsgemäß aus. Der Sergeant ließ das Band mitlaufen und zog einen Kollegen als Zeugen hinzu.

»Ihr Vater hat unter Eid ausgesagt, die beiden Sioux hätten ihn ermorden wollen«, sagte der schwarzhaarige Detective Sergeant. »Meineid ist ein schweres Verbrechen, Miß Ringman, und es ist Ihr eigener Vater. Also überlegen Sie, was Sie sagen.«

»Daddy stand unter Schockwirkung«, antwortete Dixie. »Er ist somit kein objektiver Zeuge. Aber ich bin es.«

Der Detective Sergeant vertiefte sich in Ringmans Aussage, die er gedruckt vor sich hatte, und schickte Dixie ins Nebenzimmer, um sich ungestört mit seinem Kollegen unterhalten zu können.

Dann rief er das Girl zurück und eröffnete ihn »Ihre Aussage ändert die Sachlage ganz erheblich. Danach können Twofeather und Little Elk sogar gegen Kaution freigelassen werden. Die Anklage wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Entführung bleibt aber bestehen.«

Nachdem Dixie ihre protokollierte Aussage unterschrieben hatte, konnte sie gehen. Am Mittag, als sie vom College nach Hause kam, erwartete sie ihr wutschnaubender Vater.

Er ohrfeigte sie links und rechts. »Was fällt dir ein, mich zum Gespött zu machen und den zwei roten Schuften ihren Hals aus der Schlinge zu ziehen? Wenn sie ins Zuchthaus gewandert wären, wäre die Sioux-Trucklinie ein für allemal erledigt gewesen. Aber so werden die Rothäute noch mal davonkommen, Hölle und Teufel! - Was ist bloß in dich gefahren, dich für die zwei Bastarde einzusetzen?«

»Ich habe nur die Wahrheit gesagt, Daddy.« Dixie hielt sich die brennenden, geröteten Wangen. »Ich wollte nicht, daß die beiden zu Unrecht angeklagt und verurteilt werden.«

»Was heißt hier Unrecht? Die Rothäute taugen alle nichts.«

»Was hast du eigentlich gegen die Indianer?« fragte Dixie. »Weshalb willst du die Sioux-Trucklinie unbedingt zugrunde richten? Das bißchen Konkurrenz fällt doch für die Alamo kaum ins Gewicht.«

»Schon ein wenig Konkurrenz ist zuviel Konkurrenz. Was die Sioux betrifft - vergiß nicht, sie haben deinen Urgroßvater umgebracht!«

»Daddy, das ist so lange her! Inzwischen...«

»Sie sind alle Mörder!« unterbrach er sie. »Alle! Du wirst deine Aussage widerrufen und die Sioux belasten, Dixie, sonst kannst du was erleben! Dann hast du hier keine frohe Minute mehr!«

Dixies Mutter gab ihrer Tochter einen Wink, sich zu fügen.

Das siebzehnjährige weißblonde Mädchen mit dem frechen Schopf und den Kulleraugen erwiderte ganz ruhig: »Nein, Daddy.«

Die Antwort waren weitere Ohrfeigen und Schläge. Ringman raste. Es war so schlimm, daß Dixies Mutter trotz ihrer sonstigen Unterwürfigkeit dazwischenging und sich zwischen den Tobenden und ihre Tochter stellte.

Schließlich schleifte Ringman seine Tochter in ihr Zimmer und stieß sie hinein.

»Da bleibst du, bis du dich besonnen hast!« fuhr er sie an, ehe er die Tür zuwarf und von außen abschloß. »Und wenn es wochenlang dauert.«

Schluchzend blieb Dixie sitzen. Sie drückte eins ihrer Stofftiere an sich, bei denen sie schon als Kind Trost gesucht hatte.

Dixie hatte noch nie ein harmonisches Zuhause gehabt. Aber jetzt, das wußte sie, würde sie die Hölle erleben. Sie fragte sich, wie es weitergehen und was mit ihr werden sollte.

Ihr Vater duldete keinen Widerspruch und setzte immer seinen Willen durch. Er war imstande, Dixie wochenlang einzusperren.

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Der Haftrichter setzte Joe Twofeather und Little Elk gegen eine Kaution von zehntausend Dollar pro Kopf auf freien Fuß. Das Geld wurde telegrafisch aus dem Rosebud Reservat angewiesen, wo Liz Moreno eine Sammlung veranstaltet hatte. Zudem schaltete sie durch ihre Verbindungen einen Kautionskommissär in der Hauptstadt ein, der gegen Zinsen und Sicherheit den Restbetrag stellte.

Twofeather und Little Elk mußten sich wohl oder übel in den »Pink Tomahawk« setzen und zum Rosebud Reservat zurückfahren. Unterwegs versuchte ein Mack Cruise Liner, sie vom Highway durch die Leitplanke in eine Schlucht zu drängen.

Durch ein gewagtes Fahrmanöver entging Twofeather der Gefahr. Der Pritschentruck mit der altertümlichen Zugmaschine wischte gerade noch vor der Stoßstange des Mack Cabovers mit den dreifarbigen Alamo-Trucking-Rallyestreifen weg.

Die Hupe des dunkelblauen Mack gellte hinter ihnen. Der Fahrer blinkte auf.

»Sorry, wir haben einen Defekt an der Lenkung«, gab er über CB-Funk durch, weil es Augenzeugen gab. »Das war keine Absicht.«

»Das war versuchter Mord!« antwortete Little Elk.

Ein rauhes Lachen ertönte über Funk.

»Das müßtet ihr erst einmal beweisen.«

Die beiden Sioux-Trucker beeilten sich wegzukommen, wobei sie das Geschwindigkeitslimit von 55 Meilen bedenkenlos überschritten. Deshalb handelten sie sich noch ein Strafmandat von der Highway Police ein, ehe sie das Reservat erreichten.

Dort erwartete sie bereits der Indianeragent Latimer. In seinem Office ließ er ein furchtbares Donnerwetter auf die zwei Sioux-Trucker niederprasseln. Er verbot ihnen strikt, sich jemals wieder in einen Truck zu setzen.

»Ihr habt das Rosebud Reservat und den ganzen Stamm in Verruf gebracht! Es ist unverantwortlich, daß man euch überhaupt frei herumlaufen läßt. Auf keinen Fall dulde ich, daß ihr euch noch einmal ans Steuer setzt. Mit der Sioux Truck Association ist es auch vorbei.«

Latimers Vorzimmerdame protestierte draußen. Dann wurde auch schon die Tür geöffnet. Jim, T.O. und Liz Moreno erschienen. Begeistert waren sie nicht von dem Verhalten Twofeathers und Little Elks, leisteten ihnen aber trotzdem Schützenhilfe.

Jetzt prasselten auf den Indianeragenten Vorwürfe nieder. Wie er denn dazu käme, die Sioux-Selbstinitiative einer eigenen Frachtlinie verbieten zu wollen? Ob er den Aufschwung der Rosebud Reservation fördern oder bremsen wolle?

»Gerade jetzt, wo wir drei neue Trucks anstelle der sabotierten erhalten und die Sioux Truck Association einen Aufschwung erlebt, dürfen Sie sie nicht abwürgen«, sagte Jim. »Twofeather und Little Elk können, dem steht nichts im Weg, im Nahverkehr fahren.«

Latimer mußte klein beigeben. Die zwei Sioux-Trucker waren damit noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Vor dem Office des Indianeragenten nahmen Jim und T.O. sie ins Gebet.

»Während ihr den Blödsinn mit Ringman getrieben habt, haben wir hart gearbeitet, um die Trucklinie in Schwung zu bringen. Jetzt ist es bald soweit, und ihr hättet fast alles ruiniert. - Was habt ihr euch eigentlich dabei gedacht, Ringman damit zu drohen, ihn skalpieren zu wollen? Jetzt wird er erst recht gegen alle Indianer und in Zukunft nur noch gemeiner und mehr auf der Hut sein.«

»Wir dachten, wir könnten ihn damit einschüchtern«, erwiderte Twofeather kleinlaut. »Wir rechneten auch nicht damit, daß wir erwischt würden. Wenn Ringmans Tochter uns nicht gefolgt wäre und uns beobachtet hätte, hätte das auch geklappt. Das Mädchen hat uns andererseits aber auch wieder aus der Klemme mit der Mordanklage geholfen.«

»Ja, wenn«, sagte T.O. »Wenn ich Räder hätte, würde ich Terence Omnibus heißen. Wie heißt denn die Tochter von Ringman? Sie scheint mir in Ordnung zu sein.«

»Dixie«, antwortete Twofeather. »Wir kennen sie nicht persönlich. Doch sie muß sich von ihrem Vater unterscheiden wie der Tag von der Nacht.«

»Hm«, sagte Jim. »Mit ihrer Wahrheitsliebe kann sie sich unter Umständen was Schönes eingebrockt haben. Wir sollten mal nac,h ihr fragen. Wir haben morgen doch eine Fracht nach Sioux Falls, T.O.«

»Stimmt«, erwiderte der schwarze Shotgun. »Wir kümmern uns um das Girl. Außerdem würde ich Ringman gern mal nach Charlie Pike und dem Anschlag in Underwood’s Restaurant fragen.«

»Ringman wird nie zugeben, daß er dahintersteckt«, wandte Jim ein.

»Es kann nicht schaden, wenn er weiß, daß wir ihn im Visier haben«, sagte T.O. »Er ist der Hauptgegner gegen die Sioux Truck Association. Es würde höchste Zeit, daß ihm das Handwerk gelegt wird. Eher können wir nicht in Ruhe wegfahren.«

Jim und auch Liz Moreno stimmten T.O. zu. Twofeathers und Little Elks Meinung war zur Zeit nicht so sehr gefragt.

***

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Einen Tag, nachdem Joe Twofeather und Little Elk in die Reservation zurückgekehrt waren, trafen, wieder per Bahn, die drei neuen Trucks ein. Diesmal waren sie nicht sabotiert worden. Drei Mack RS 700 Cabover, die Serie, die dann der Cruise Liner abgelöst hatte, mit kaum über einer Viertelmillion Meilen auf dem Tacho der kraftvollen 400-PS-Motoren.

Diese Achtzylinder waren ungeheuer langlebig. Erst bei 2100 Umdrehungen gaben sie ihre Höchstleistung ab. Die Fahrerkabinen bestanden sogar aus solidem Stahl. Diese Trucks waren für eine ganze Truckergeneration gebaut und konnten vielleicht sogar noch weitervererbt werden.

So etwas auszurangieren konnte sich nur die Armee leisten. Jeder freie Trucker hätte die RS 700er noch sehr lange gefahren.

Der Indianeragent Latimer stand bei dem wiederum stattfindenden festlichen Empfang im Hintergrund und zog ein saures Gesicht. Standing Bear und seine indianischen Reservatspolizisten waren gleichfalls dabei. Flying Arrow und seine beiden Kojnplizen, die den Brandanschlag auf die Werkstatt- und Bürobaracke verübt hatten, waren noch nicht gefaßt worden. Sie trieben sich drüben in Nebraska im Niobrara-Gebiet herum.

Zwischen ihnen und Standing Bear bestand eine Verbindung. Der Chef der Reservatspolizei mußte sie mit Lebensmitteln und Ausrüstung versorgen. Flying Arrow und seine zwei Kumpane waren zu einer Belastung und einem Sicherheitsrisiko für Latimer und andere geworden.

Zuerst wurden Grußbotschaften von verschiedenen Behörden und Stellen, auch von Privatleuten und Unternehmen zur Ausweitung der Sioux Truck Association vorgelesen. Ein Grußtelegramm mit den besten Wünschen für eine erfolgreiche Zukunft kam von der RTC-Zentrale in San Antonio und stammte von Ryland persönlich.

Der Trucker-King wünschte der Sioux Truck Line das Beste und sagte die Unterstützung der RTC-Niederlassungen in beiden Dakotas und in Nebraska zu. Diese Unterstützung bedeutete viel, mehr noch der daraus sprechende Geist der Fairneß.

Zum Schluß hielt noch Chief Raven’s Wing, der Siouxhäuptling in der Rosebud Reservation, seine Rede. Er machte es kurz und bündig.

»Mögen die Trucks unserem Stamm Aufschwung und Glück bringen! Möge der Große Geist mit Ihnen und mit den Fahrern sein. - Howgh!«

Die stumpfnasigen Highway-Giganten, noch in der Armeetarnfarbe, hupten gellend und blinkten. Die drei Trucks waren mit Federbändern und indianischen Symbolen geschmückt worden.

»Da fehlt nur noch der Skalp an der Funkantenne«, witzelte T.O.

Damit waren dann die Feierlichkeiten für Jim und seinen Shotgun erledigt. Sie würden, während die Reservatsindianer noch ihr Truckfest feierten, nach Sioux Falls fahren. Die Fracht hatten sie schon, Maschinenteile aus Hot Springs, die sich in einem Spezialauflieger mit verstärkten Achsen und Hochleistungsbremsen befanden.

T.O. verabschiedete sich mit einem Dauerbrenner von Kuß von Liz Moreno.

»Werdet ihr heute noch mal fertig?« fragte Jim aus dem Führerhaus des rot in der Sonne glänzenden »Bison«. »Man könnte fast neidisch werden.«

»Was heißt hier könnte?« fragte T.O. zurück.

Er lachte, daß seine prachtvollen weißen Zähne blitzten, und stieg in das Führerhaus. Der Shotgun war glücklich. Der 450-PS-Caterpillar röhrte auf. Liz Moreno fuhr mit ihrer Honda mit dem hochgezogenen Lenker noch eine Strecke neben dem mächtigen Truck her.

Der »Bison« fuhr davon. Komm wieder, T.O., dachte sie, und ihr Herz war voller Sehnsucht. Sie wußte jedoch, daß sie den Shotgun nicht würde halten können.

Er gehörte auf den Highway, ins Führerhaus eines Trucks, und mußte Dieseldunst schnuppern und dem Horizont entgegenfahren. Ein-, zweimal würde er noch im Reservat sein und dann von Liz scheiden.

Die Lehrerin versuchte, nicht daran zu denken.

T.O. machte sich weniger Gedanken.

»Calumet, Blue Warrior und Thunderchief - schöne Namen haben sich die Sioux für die drei neuen Trucks ausgesucht«, sagte er. »Die Fahrer sind ausgebildet, die Werkstätte steht. - Well, Jim, dann hätten wir eine neue Frachtlinie mitgegründet. Ich habe ein gutes Gefühl dabei.«

»Freue dich nicht zu früh«, erwiderte Jim. »Die Gegenseite schläft nicht. Noch sind Ringman und Latimer da. Der Reservatspolizei traue ich auch nicht Über den Weg.«

»immer diese Probleme. Mal sehen, was wir in Sioux Falls ausrichten können. Diesen Ringman würde ich mir gern einmal vorknöpfen.«

»Aber nicht auf die Tour wie Twofeather und Little Elk.«

Der Ex-Schwergewichtschampion schaute auf seine Boxerfäuste.

»Wo werde ich denn jemanden skalpieren wollen? Ich sammele keine Skalps, sondern K.o.-Siege.«

***

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In Sioux Falls brannten die Lichter. Jim und T.O. hatten ihre Fracht abgegeben, ausgerechnet bei der Alamo Trucking, die den Weitertransport übernehmen sollte. Den Niederlassungsleiter Ringman hatten sie nicht zu Gesicht bekommen.

Jetzt fuhren sie mit dem »Bison« ohne Auflieger zu Ringmans Haus, dessen Adresse sie aus dem Telefonbuch hatten. Sie hofften, den Niederlassungsleiter persönlich anzutreffen.

Beim Reihenhaus in der Twelfth Street hörten die Trucker ein Splittern. Sie hielten am Straßenrand und hatten wegen der sommerlichen Wärme die Fenster der Fahrerkabine heruntergekurbelt.

Jim packte T.O. am Arm.

»Was war das denn? Ob jemand bei den Ringmans einbricht?«

Eine schlanke Gestalt stieg über den weißgestrichenen Gartenzaun. Der Vorgarten und das Reihenhaus der Ringmans waren wie aus dem Ei gepellt, zu tipptopp, als daß hier alles heil hätte sein können. Dann bellte ein Hund in der Nachbarschaft.

Die Tür des Ringman-Hauses wurde aufgerissen. Ein bulliger Mann stürmte heraus. Er stürzte sich auf die schlanke Gestalt, ein Mädchen, und packte sie bei den Haaren.

»Bist du doch abgehauen, verdammte Göre? Warte, dir werde ich’s geben!«

Blitzschnell sprangen die Trucker aus der Fahrerkabine. Jim war noch eine Idee schneller als T.O. Er fiel dem brutalen Mann, der hemdsärmelig und in Hosenträgern war, in den Arm und fing den Schlag ab, bevor er das Mädchen traf.

»Lassen Sie das!«

Der Bullige äugte Jim an.

»Du hast mir gay nichts vorzuschreiben, Trucker! Ich schlage meine Tochter, solange ich will.«

»Nicht, wenn wir dabei sind«, meldete sich da T.O. »Sie sind Gordon Ringman?«

»Und wenn ich das wäre? Nimm deine Finger von mir, Kerl!«

»Jim Sherman und T.O. Washburn aus San Antonio, derzeit für die Sioux Truck Association tätig«, stellte Jim vor. »Sie hassen inzwischen wohl nicht nur Indianer, sondern auch Ihr eigenes Kind, Ringman, was?«

Ringman wollte Dixie packen, die sich hinter T.O. verbarg.

»Geh mir aus dem Weg, Nigger!« schnauzte er.

T.O. pulte mit dem Finger im Ohr. Selbstverständlich blieb er stehen.

»Hat er Nigger gesagt?« fragte er Jim.

Der blonde Texaner nickte.

T.O. packte Ringman am Kragen, erhielt Schläge und einen Tritt gegen das Schienbein von ihm und zeigte ihm, was in seiner Boxerfaust steckte. Ringman knickte zusammen und hielt sich die Leber, auf die T.O. ihm die Rechte gesetzt hatte.

»Damit du mal siehst, wie das ist, Ringman. Kindesmißhandlung ist ein strafbares Delikt. Du bist wohl nicht richtig, deine fast erwachsene Tochter zu schlagen.«

»Er hat mich eingesperrt, nur weil ich bei der Polizei ausgesagt habe, daß die Indianer ihn gar nicht ermorden wollten!« rief Dixie. »Ich gehe nicht mehr zu ihm zurück. Keinen Tag länger lebe ich mit diesem Tyrannen unter einem Dach!«

Sie klammerte sich an T.O.s Arm. Als Ringman das sah, drehte er völlig durch.

»Du bist nicht mehr meine Tochter!« schrie er. »Scher dich aus dem Haus!«

»Das habe ich gerade, Daddy«, sagte Dixie mit leiser Stimme. Sie stieg zu den Truckern ins Führerhaus und fuhr mit ihnen im »Bison« davon.

Sie verließ ihr Elternhaus nur mit dem, was sie am Leib trug, und keinem Cent in der Tasche. Aber sie hatte Freunde und würde weiterkommen, besser und anders als unter dem Einfluß ihres Vaters.

***

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»Wir bringen dich in einem Motel unter«, sagte Jim zu Dixie Ringman. »Morgen früh gehst du zum Jugendamt und wendest dich an eine Fürsorgerin. Sie wird dir zu deinen Rechten verhelfen. Du brauchst nicht bei deinem Vater zu bleiben, wenn er dich so behandelt. Du kannst in einem Wohnheim oder in einer anderen Einrichtung Unterkommen. Die Lösung von deinem Elternhaus...«

»... wird mir nicht schwerfallen«, sagte Dixie. »Das war in den letzten anderthalb Jahren kein Elternhaus mehr, sondern ein Sklavenlager. Ja, ich werde meinen Weg gehen. Ich habe bloß vor meinem Vater Angst.«

»Er wird für dich monatlich einen bestimmten Betrag bezahlen müssen, den das Familiengericht festsetzt. Darum wird er nicht herumkommen, bis du selbst für dich sorgen kannst.«

»Das will ich so schnell wie möglich. Ich mag nichts von ihm haben, von diesem Tyrannen, der meine Mutter zugrunde gerichtet hat. Sie geht umher, und sie erledigt ihre Arbeit. Aber im Grund genommen ist sie innerlich tot. So will ich nicht auch enden. - Ich fürchte nur, er wird mir beim College auflauern. Er ist zu allem fähig. Ich glaube, er betrachtet Mutter und mich als seinen Privatbesitz.«

Jim drehte sich, hinterm Steuer des »Bisons« sitzend, in einer Hand eine Zigarette. Der Kenworth Conventional parkte am Straßenrand. Dixie saß zwischen den beiden Truckern.

»Das Jugendamt ist in solchen Fällen recht fix und fähig«, sagte T.O. »Das geht an den Sheriff und an die City Police. Deinem Vater kann gerichtlich verboten werden, sich dir nähern zu dürfen. Wenn er sich nicht daran hält, landet er im Gefängnis.«

Dixie druckste herum. »Da ist etwas, was ich euch unbedingt erzählen muß«, sagte sie. »Wißt ihr, unser Telefon steht genau vor meinem Zimmer im Flur. Und als Dad heute abend nach Hause kam, da habe ich an der Tür gelauscht, mit wem er telefonierte. Ich glaube, im Rosebud Reservat ist etwas geplant. Dad hat mit dem dortigen Indianeragenten gesprochen.« Das Wort Dad kam Dixie nur schwer über die Zunge. »Von einem vernichtenden Schlag gegen die Sioux Truck Association war die Rede. Dad sagte wörtlich: ,Dann soll Twofeather draufgehen. Fahrt die Trucks zusammen. Es muß Bruch geben. Jeder weiß, daß die Rothäute keinen Schuß Pulver taugen und unfähig sind, mit technischem Gerät umzugehen.«‘

Jim und T.O. schauten sich an.

»Wann soll das stattfinden?« fragte Jim.

»Heute nacht.«

»Dann müssen wir sofort ins Rosebud Reservat«, sagte'Jim. »Wir setzen dich bei einem Motel ab und geben dir Geld, damit du die erste Zeit über die Runden kommst. Trag dich vorsichtshalber unter einem anderen Namen ein, falls dein Vater sich nach dir erkundigen sollte. - Du kommst doch allein zurecht?«

»Klar«, sagte Dixie. »Ich bin kein Kind mehr. Tausend Dank, Trucker, ihr habt mir einen Riesengefallen getan. Hoffentlich hören wir wieder mal voneinander.«

»Ganz bestimmt.«

Die Zeit brannte Jim und T.O. auf den Nägeln. Kaum daß sie Dixie bei einem soliden Motel abgesetzt hatten, fuhren sie mit dem »Bison« gen Westen. Das Geschwindigkeitslimit scherte sie dabei wenig.

Bei der nächsten Telefonzelle versuchte T.O., Liz Moreno zu erreichen, doch sie meldete sich nicht. Jim trommelte mit den Fingern ungeduldig aufs Lenkrad.

»Steig ein, T.O. Vertrödele keine Zeit. In knapp einer Stunde sind wir da.«

»Das wäre um Mitternacht. Hoffentlich reicht das noch.«

T.O. schwang sich auf den Shotgunsitz. Der »Bison« zischte los.

***

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Im Rosebud Reservat verließ Joe Twofeather die Werkstatt, in der er sich bis spät mit den Motoren der drei neuen Trucks vertraut gemacht hatte. Twofeather hatte den Ehrgeiz, der beste Mechaniker und Trucker der Sioux Truck Association zu werden.

Er schaute zu den Sternen empor. Da hörte er ein Sausen hinter sich. Gleich darauf löschte ein Schlag auf seinen Hinterkopf sein Bewußtsein aus.

Flying Arrow, der inzwischen steckbrieflich gesuchte junge Reservatspolizist, und einer seiner Kumpane hatten hinter der Baracke gelauert.

Flying Arrow legte den Sandsack weg.

Die beiden Renegaten packten den Bewußtlosen und trugen ihn zum »Pink Tomahawk«. Standing Bear, der Chef der Reservatspolizei, wartete dort.

Er goß billigen Fusel über Twofeather aus. Das Führerhaus des »Pink Tomahawk«, jenes abenteuerlich zusammengestoppelten Pritschentrucks, stank schon nach dem Mondschein-Whisky. Im Führerhaus eines Mack RS 700 lag der riesige Little Elk, der ebenfalls niedergeschlagen und mit Schnaps übergossen worden war.

»Du stellst den Pritschentruck auf die Schienen, damit ihn der Zug überfährt«, befahl Standing Bear Flying Arrow. »Ich fahre mit dem Mack Amok und beschädige das Agenturgebäude und die anderen Trucks. Wenn der Amoktruck dann gefunden wird, sitzt Little Elk hinterm Steuer, stinkt nach Fusel und ist nicht ansprechbar. Jeder wird glauben, daß er der Amokfahrer gewesen ist. Twofeather wird zu dem Zeitpunkt schon tot sein. Das ist dann der klare Beweis, daß die Sioux-Trucker alle unfähig sind, eine undisziplinierte, saufende Bande, die Amok fährt und Menschen und Material in Gefahr bringt. Das Indian Bureau wird bei der katastrophalen Sachlage die sofortige Auflösung der Sioux Truck Association verfügen.«

Der teuflische Plan lief an. Flying Arrow, der fuchsgesichtige junge Dakota, klemmte sich hinters Steuer des »Pink Tomahawk«. Er drehte das Fenster auf der Fahrerseite herunter, weil ihm der Schnapsdunst sonst den Atem genommen hätte, und fuhr los, ohne Licht von der Reservatssiedlung weg und und am Schienenstrang entlang.

Auf einem Schienenübergang stellte er den Pritschentruck mit den geschwungenen Kotflügeln und den runden Lampen ab. Der junge Sioux zog Twofeather auf den Fahrersitz, herüber und tätschelte ihm, auf dem Trittbrett stehend, auf die Wange.

»Gleich bist du tot«, sagte er in der Siouxsprache. »Schade nur, daß du nichts davon merkst.«

Schon sah man in der Ferne die Stirnlampe der heranrasenden Amtrac-Lok wie einen tiefstehenden, sich vergrößernden Stern. Die Schienen vibrierten schon.

Weit hinter der Stelle, im Siouxcamp, war der Teufel los. Mit dröhnendem Motor raste der Mack durch das Camp und donnerte gegen andere Trucks, Gebäude und Lichtmasten. Standing Bear leistete sich die Amokfahrt. Little Elk hing neben ihm bewußtlos auf dem Shotgunsitz, vom Sicherheitsgurt gehalten.

Der Chef der Reservatspolizei hatte eine Federhaube aufgesetzt. Er war damit hinterm Steuer nicht zu erkennen. Am Schluß der Amokfahrt würde er Little Elk den Federkopfschmuck aufsetzen. Wenn der Hüne dann gefunden wurde, mußte es aussehen, als ob er der Amokfahrer gewesen wäre.

Entsetzte Reservatsindianer rannten aus ihren Baracken und Wigwams. Der massive Truck, mit der Stahlkabine dreizehn Tonnen auf zehn Rädern, richtete schwere Schäden an. Das Führerhaus zeigte noch kaum eine Beule.

Wie Manitus rächende Faust donnerte der stählerne Mack ins Verwaltungsgebäude. Standing Bear fuhr glatt hindurch und kam mit dem Truck auf der anderen Seite wieder heraus. Er stieß einen Kriegsschrei aus.

Er fühlte sich wie der Größte aller Sioux. Keiner wagte es, sich dem entfesselten Truck in den Weg zu stellen. Der Chef der Reservatspolizei fuhr noch einmal quer durch das Camp und brach dabei eine Schneise der Zerstörung.

Inzwischen raste der Zug, von einer schweren Amtrac-Diesellok gezogen, auf den »Pink Tomahawk« zu. Flying Arrow schaute von einer Bodenwelle aus zu, die Arme vor der Brust verschränkt. Es gab keine Rettung mehr für Twofeather und den Pritschentruck, wie es aussah.

Der Lokführer würde den auf den Schienen stehenden Truck erst zu spät erkennen, um seinen Zug noch zum Stillstand bringen zu können.

Da dröhnte ein starker Truckmotor auf. Der »Bison« fegte aus dem Hohlweg, von seinem 450-PS-Caterpillar getrieben, und donnerte auf den »Pink Tomahawk« zu. Jim und T.O. erschienen in letzter Minute am Schauplatz des Geschehens.

Jim drosselte das Tempo und prellte den »Pink Tomahawk« samt dem bewußtlos hinterm Steuer hängenden Joe Twofeather von den Schienen. Die Sirene der Lok gellte schrill.

Jim warf den Rückwärtsgang ein. Schweiß stand ihm auf der Stirn. Die Frontseite der Amtrac-Lok raste heran. Wenn sie den Kenworth traf, würde nur noch ein Trümmerhaufen übrigbleiben, vielleicht sogar der Zug entgleisen, weil der »Bison« stabiler war als der »Pink Tomahawk«, der sich bei dem Zusammenstoß in seine Bestandteile aufgelöst hätte.

Der »Bison« ruckte und blieb stehen. Jim war mit dem Fuß vom Gaspedal geglitten. T.O. schrie auf.

»Weg von den Schienen, Jim!«

Jim trat sofort wieder aufs Gas. Der-Motor war nicht abgewürgt. Jim fuhr mit Vollgas zurück. Gerade noch rechtzeitig. Der Zug donnerte vorbei. Jim atmete aus.

»Geschafft!« stieß er hervor.

»Noch nicht. Da läuft der Schweinehund.« T.O. deutete auf den wegrennenden Flying Arrow. »Wir müssen ihn kriegen!«

Jim gab Gas und fuhr hinterher. Flying Arrow rannte, so schnell er konnte. T.O. öffnete die Tür auf der Beifahrerseite und hechtete aus dem Führerhaus auf den Fliehenden nieder.

Flying Arrow glaubte, ein Berg würde auf ihn niederstürzen. Er krachte zu Boden und rollte sich herum. Doch auch T.O. war für einen Moment benommen.

Der verbrecherische Ex-Reservatspolizist zog eine Pistole. T.O. hob den Kopf. Da drückte Flying Arrow auf ihn ab. Aus, dachte T.O.

Doch es löste sich kein Schuß. Die Pistole hatte Ladehemmung. T.O. erfaßte die Chance - und reagierte sofort. Er schnellte hoch, und mit seiner Faust, die keine Ladehemmung kannte, verpaßte er Flying Arrow einen Hieb, daß er keinen zweiten mehr brauchte.

Den Bewußtlosen lud er sich über die Schulter und warf ihn in den Sleeper des heranfahrenden »Bison«. Dann fuhren sie zum »Pink Tomahawk« und schauten sich Twofeather an, der gerade zu sich kam. Da fuhr Liz Moreno auf ihrer Honda heran. Sie stoppte bei den Truckern und berichtete von der Amokfahrt im Reservat.

»Standing Bear ist der Schuldige! Ich habe ihn erkannt, nachdem er den Truck verlassen hatte. Er steckt mit Latimer in dessen Haus zusammen.«

»Eine schöne Bande ist das«, bemerkte T.O. »Wo bist du gewesen? Ich wollte dich vorhin anrufen.«

»Bei einer Freundin. Schnell, es ist keine Zeit zu verlieren.«

Twofeather war wieder bei Sinnen, wenn auch noch schwer angeschlagen. Die Trucker ließen ihn beim »Pink Tomahawk«, mit dem er zurückfahren sollte, wenn er dazu fit genug war.

Der »Bison« und Liz auf ihrer Honda rasten zum Camp. Dort war Standing Bear gerade dabei, Little Elk Handschellen anzulegen. Wortlos stiegen Jim und T.O. aus und bauten sich vor Standing Bear auf.

»Was soll das?« schrie Standing Bear, als sich die Handschellen um seine Handgelenke schlossen. »Seid ihr verrückt geworden?«

»Dein Spiel ist aus«, antwortete Jim. »Dein sauberer Kumpan Flying Arrow hat eben bei uns im Truck gesungen. Sein Lied wird dir ganz und gar nicht gefallen. Und jetzt knöpfen wir uns deinen Auftraggeber vor.«

Der gefesselte Standing Bear blieb unter der Bewachung von Liz Moreno, und Little Elk zurück, der einen Brummschädel hatte und mit dem nicht gut Kirschen essen war. Latimer hatte sich in seinem Wohnhaus verschanzt. Vor lauter Angst griff er zum Gewehr und drohte, jeden zu erschießen, der bei ihm einzudringen wagte.

»Das haben wir gleich!« sagte Jim und spuckte sich in die Hände.

Er fuhr den »Bison«, ohne anzuklopfen, in das Holzhaus hinein, stieg aus und schnappte sich den verdatterten Indianeragenten, bevor der sich unter den umgestürzten Möbelstücken hervorgewühlt hatte.

»Gnade!« rief der fette Agent, als Jim ihn beim Wickel hatte. Er zitterte wie Espenlaub. »Ich gestehe alles. Gordon Ringman ist mein Auftraggeber. Er hat mich angestiftet, erpreßt. Er ist der Rädelsführer.«

»Und du bist der reine Unschuldsengel, was?« fragte T.O., der durch das Loch in der Hauswand eingedrungen war.

Aufgeregte Sioux versammelten sich im Camp und hielten Powhow. Die Beratung dauerte noch lange, als herbeigerufene G-men mit dem Hubschrauber landeten.

Sie brauchten nur noch die Verhafteten einzusammeln. Die Sachlage war schon geklärt. An dem Tr'uck, mit dem Standing Bear die Amokfahrt unternommen hatte, gab es kaum Schäden. Die anderen Trucks im Camp würden zu reparieren sein.

Die drei neuen Macks waren ziemlieh heil geblieben. Die Sioux Truck Association würde weiterbestehen.

***

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Sharkey Lerby fluchte in San Antonio in sich hinein. Schon wieder ein Skandal, in den die Alamo Trucking verwickelt war! Lerby landete mit dem Firmenjet höchstpersönlich in Sioux Falls und bügelte die Sache glatt, soweit er konnte, indem er Ringman fristlos feuerte.

Ringman wurde vor Gericht gestellt und verurteilt. Der Indianeragent Latimer blieb bei seiner Aussage gegen Ringman, die er bei seiner Festnahme durch Jim gemacht hatte.

Auch Latimer wanderte hinter Gitter. Trotzdem hatte er es noch besser getroffen als Standing Bear und Flying Arrow, die sich wegen des Mordkomplotts gegen Joe Twofeather zu verantworten hatten.

Gordon Ringmans Frau und seine Tochter Dixie, die zu ihrer Mutter zurückkehrte, atmeten auf, als er im Gefängnis verschwand. Sie brauchten den Haustyrannen nicht mehr zu fürchten.

Die Alamo Trucking war durch Lerbys Intervention aus der Sache heraus. Lerby grübelte während des Rückflugs nach San Antonio, wie jemand, der einmal ein fähiger Mitarbeiter gewesen war wie Ringman, so weit hatte kommen können.

Jim und T.O. verließen das Rosebud Reservat. Die Sioux lieferten ihnen einen feierlichen Ritualtanz zum Abschied, in vollem Festschmuck, bemalt und mit Federn im Haar und mit Federhauben. T.O. verabschiedete sich abermals von seiner Liz, diesmal für länger.

»Manitu schütze euch!« sagte der alte Häuptling Raven’s Wing, als die zwei Trucker in ihren Kenworth W 900 stiegen.

Der Auflieger war schon aufgesattelt. Der Motor brummte auf. Mit Tränen in den Augen schaute die schöne Liz dem »Bison« nach, der T.O. auf den Highway zurückbrachte.

ENDE

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Ich steige aus!

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von Earl Warren

T.O. kuppelte aus. Der 430 PS starke Peterbilt Conventional rollte vom Florida Highway herunter, in der einbrechenden, schwülheißen Dämmerung nach Red Oaks, einem Trabantenstadtteil von Baton Rouge. Hier fand sich nichts von der Folklore des Südens. Apartmenthttuser standen in Reih und Glied.

Abends wurden zwischen diesen Wohnanlagen die Bürgersteige hochgeklappt, und wer zu Fuß unterwegs war, den hielt die Polizei an und kontrollierte.

T.O. war fertig. Acht Tage fast ununterbrochen auf dem Bock,Eil- und Risikofrachten quer durchs ganze Land, mit einem Abstecher runter nach Ciudad Juarez und einem bis fast an die kanadische Grenze. Das sollte dem schwarzen Ex-Schwergewichtsmeister erst mal einer nachmachen.

Dafür hätte T.O. sich die Lider jetzt mit Streichhölzern festklemmen können. Da half auch der schwarze Kaffee nichts mehr, den er gallonenweise geschluckt hatte.

T.O. fuhr vor einen Wohnblock mit Geschäften im Erdgeschoß und Wohnungen in den fünfzehn Etagen darüber. Auf dem Parkplatz tummelte sich eine Horde von Halbstarken und ließ zum Spaß die Motorräder aufheulen.

Ein paar von den Burschen machten sich einen Spaß daraus, die Maschinen sich aufbäumen zu lassen, um ihren Girls zu imponieren. Niemand schritt gegen die angeberisch aggressiven Typen ein. Der Hausmeister ließ sich nicht blicken.

T.O. runzelte die Stirn. Der Lärm der Motorradfans hinderte bestimmt seinen Sohn Michael am Schlafen und störte auch dessen Mutter, Sheila Dalton.

Ein warmes, zärtliches Gefühl überkam den über einsneunzig großen Hünen, als er an Sheila und an das Baby dachte. Es war sein Kind, sein Sohn.

Terence Orville Washburn, wie er mit vollem Namen hieß, hatte sich bislang nie binden wollen. Erst durch Sheila hatte er seine Flatterhaftigkeit verloren und durch Verantwortungsgefühl ersetzt.

Er fuhr mit dem kaffeebraunen Long Hauler auf den Parkplatz, knapp an den Motorradfreaks vorbei, die sich mit Entenschwanzfrisuren und schwarzen Lederjacken im Stil der fünfziger Jahre brüsteten.

Der- kaffeebraune 359er Peterbilt trug an der Seitenwand das von einem Airbrush-Künstler aufgemalte Bild einer Flußdschungellandschaft.

In dieser Szenerie ritt ein schönes nacktes Mädchen auf einem freundlich grinsenden Alligator, der eine rote Rose zwischen den Zähnen trug. »Louisiana-Lady« stand in geschwungener Metallic-Schrift darunter. Die nackte Schöne war verdammt lebensecht gemalt, wie T.O. inzwischen ganz genau wußte.

Präzise gesagt, es war Sheila Dalton, die heißblütige, rassige Mulattin, die der Künstler mit sämtlichen Reizen porträtiert hatte. Sheila hatte T.O. gesagt, der Maler sei ein uralter Mann gewesen, der kaum noch den Pinsel halten, geschweige denn mit einer schönen Frau etwas hätte anstellen können.

T.O. war da skeptisch, hatte sich aber gesagt, das wäre vor seiner Zeit gewesen und ginge ihn nichts an.

Die Motorrad-Boys führten weiter ihre Kapriolen auf. Drei rasten um die Zugmaschine herum. T.O. hatte seine letzte Ladung nicht lange zuvor in Baton Rouge abgeliefert. Jetzt wollte er mal rasch nach Sheila und seinem Sprößling sehen.

Sheila war inzwischen aus dem Krankenhaus entlassen worden und seit knapp vierzehn Tagen zu Hause. T.O. fragte sich, wie sie da zurechtkam. Er hielt an, direkt neben einem Cadillac Fleetwood Cabrio mit den Farben des Sonnenuntergangs. Der Achtzylinder-Caterpillar-Motor erstarb unter der Haube.

T.O. gähnte gewaltig und stieg aus. Die Youngster, um die zwanzig junge Kerle mit und ohne Motorräder und sechs Girls, Weiße und Farbige, faßten ihn als Opfer für einen ausgelassenen Schabernack ins Auge.

Die Meute grölte.

»Hey, Louisiana-Lady!« rief einer. »Du bist ganz bestimmt eine ganz heiße Nummer.«

»Auf dem Bild bist du gut getroffen«, sagte ein anderer. »Du bist doch der häßliche Alligator, auf dem die heiße Mieze sitzt. Ein flotter Betthase, diese Kaffeebraune. Mhm.«

T.O. schwoll die Zornesader. Er ging jedoch seines Wegs, den Campingsack, in dem er seine Siebensachen hatte, über der Schulter. Da knatterte ein Motorradfreak auf einer 850er Kawasaki so knapp an ihm vorbei, daß er ihm fast über die Zehen fuhr.

T.O. blieb abrupt stehen. Er atmete dreimal tief durch. Dann zwang er sich zu einem breiten Grinsen.

»Okay, Jungs, okay. Ihr habt euren Spaß gehabt. Jetzt verzieht euch. Laßt mich in Ruhe, und stört die harmlosen Leute in diesem Haus nicht. Die brauchen nämlich Ruhe. Also vergnügt euch anderswo, am besten da, wo ihr niemanden stört.«

»...brauchen ihre Ruhe«, äffte ein rothaariger Vierschrot T.O. nach. »Leute, wir haben uns leider getäuscht. Das ist nicht der Alligator vom Bild, das ist ein lebender Schlafsack.«

Brüllendes Gelächter belohnte den dummen Witz. T.O. juckte es in den Fäusten. Aber so erledigt, wie er heute war, wollte er sich nicht auch noch prügeln.

»Fahrt bitte endlich«, sagte er deshalb nur und ging zur Haustür.

Die Halbstarken grölten hinter ihm her. T.O. stellte sich taub. Arme Irre, dachte er. Ihr lernt es auch noch, wo’s langgeht.

Er klingelte bei Sheila, die auf der Etage 12 A ein Eineinhalb-Zimmer-Apartment hatte. So nannte es sich jedenfalls. Bei seinem ersten Besuch hatte T.O. geflachst, das wäre ein begehbarer Wandschrank mit Nebenfächern.

Niemand öffnete. T.O. läutete wieder. Doch entweder war die Klingel defekt, oder Sheila war nicht zu Hause. Andererseits konnte das schlecht sein, denn wie sollte eine Frau, die erst vor drei Wochen entbunden hatte, schon unterwegs sein?

T.O. hatte Sheila mit seinem Besuch überraschen wollen. In ihrer Bude hatte sie nicht einmal Telefon. Sie war bisher die meiste Zeit sowieso auf Achse gewesen.

»Schwarze Memme!« schrien die Halbstarken T.O. hinterher.

»Feigling! Schlappschwänziger Nigger!«

T.O. zuckte zusammen. Am liebsten hätte er ein paar Motorräder samt den Fahrern durcheinandergewirbelt. Doch er beherrschte sich. Er drückte wahllos Klingeln, um ins Haus zu gelangen.

Der rothaarige Angeber mit seiner Harley fuhr genau auf ihn los. Er stoppte haarscharf vor T.O., gab dann Vollgas und ließ seine Harley sich aufbäumen.

T.O. zuckte nicht mal mit der Wimper, obwohl es ihm kalt den Rücken herabrieselte. Schließlich wußte er nicht, wie gut dieser Bursche seine Maschine beherrschte.

Der Rotkopf spielte jetzt bloß noch mit dem Gasgriff. Einige seiner Freunde bauten sich mit ihren heißen Öfen angeberisch hinter ihm auf.

»Ich bin Red«, sagte der Rotschopf. »Wie kommst, du denn in den Truck von der Louisiana-Lady, Fellow?«

»Tja«, sagte T.O. »Zuerst habe ich die Tür aufgemacht. Dann habe ich den rechten Fuß aufs Trittbrett gesetzt, dann den linken, dann wieder den rechten eins höher, und dann bin ich eingestiegen. Und schon war ich drinnen.«

»Du willst mich wohl verscheißern, was?« schrie der Rotschopf. »Das läuft bei mir aber nicht ab. Merk dir, ich habe schon als Amateurboxer im Ring gestanden! Mir macht keiner was vor. -Mir nicht!«

Wenn du wüßtest, wen du vor dir hast, dachte T.O.

»Gibst du mir ein Autogramm?« fragte er freundlich.

Da öffnete sich die Haustür. Ein kahlköpfiger, kleiner Mann zerrte den Trucker herein und schloß die massive Tür.

»Da hatten Sie aber Glück, daß ich auf Sie aufmerksam geworden bin«, sagte der Kleine. »Ich wohne nämlich im Erdgeschoß. Red und seine Freunde stammen hier aus der Nachbarschaft. Sie haben einfach zuviel überschüssige Kraft und sind übermütig. Sie meinen es nicht böse.«

»Sie schlagen bloß mal ab und zu jemanden krankenhausreif, nehmen ein Lokal auseinander oder fahren jemanden um, wie?«

»So ähnlieh.«

»Und was sagt der hiesige Sheriff dazu?«

»Nichts. Sein Sohn Jonny gehört mit zu der Meute. Der Sheriff mahnt bloß und wiegelt ab. Kriminell sind die Jungs ja auch nicht.«

»Bloß lästig und unverschämt«, bemerkte T.O. »Ist Sheila Dalton zu Hause?«

»Ihr Ford Mustang steht auf dem Parkplatz. Also müßte sie wohl dasein, besonders, da sie jetzt ja das Baby hat.«

»Hmhm. Da fällt mir ein, ich habe was im Truck vergessen. Das muß ich ganz dringend holen.«

Dem kleinen Mann klappte der Mund auf.

»Sie... Sie wollen doch nicht noch mal hinaus und da vorbei an der Meute? Das kann nicht Ihr Ernst sein.«

»Dies ist ein freies Land. Ich gehe, wohin ich will.«

T.O. gab dem Kleinen den Campingsack zum Halten. Er ging wieder raus. Die Motorradfreaks jubelten.

»Da ist ja der Schlafsack wieder! Hey, Blackboy, laß dir mal über die Plattfüße fahren.«

T.O. ging mitten durch die Meute, ohne sich um irgendwen zu kümmern. Red raste haarscharf vor ihm vorbei. Ein anderer Bursche fuhr T.O. von hinten leicht gegen die Kniekehlen. Die Girls, die mit zu dem Pulk gehörten, juchzten. Sie glaubten alle, ein leichtes, willfähriges Opfer gefunden zu haben.

Einen dummen August, der vor Muskeln nur so strotzte, damit aber nichts anzufangen wußte.

T.O. griff kurz ins Führerhaus und stieg wieder aus. Er ging abermals auf die Motorrad-Boys zu. Red fuhr zwischen den parkenden Autos hindurch. Er hätte T.O. zumindest gestreift, wenn nicht umgefahren.

Der schwarze Trucker sprang zur Seite. Jetzt umringte ihn die Meute und kesselte ihn auf dem Parkplatz ein. Der kleine Mann, der ihn ins Haus gelassen hatte, linste aus der Haustür und sprang von einem Bein aufs andere.

»Jetzt schlagen sie ihn zusammen«, flüsterte er. »Hätte der Bursche doch bloß auf mich gehört.«

Die Motorrad-Boys fuhren johlend auf T.O. los oder umrundeten ihn, wobei sie das Gas mächtig aufdrehten. Dann hielten sie an. Red postierte sich angeberisch mit seiner Harley vor dem Hünen.

»Na, Nigger, willst du uns jetzt endlich erzählen, weshalb du im Truck von der scharfen Lou ankommst? Wie ich hörte, hat sie was Kleines gekriegt. Wahrscheinlich in einem Truck Stop im Stehen gezeugt.«

»Du redest von Missis Dalton?« fragte T.O. gefährlich ruhig.

»Na klar, von der Louisiana-Lady, der scharfen Lou. Mit ihr wäre ich auch einmal gern durch ihren Sleeper gerutscht.«

Zwei Sekunden später lag Red halb unter seinem Motorrad, spuckte einen Zahn aus und hatte eine blutige Nase. T.O. zerrte ihn hoch.

»So, Freundchen, das reicht! Was du zu mir sagst, ist mir egal. Was stört mich denn, was ein Bekloppter redet? Aber von Sheila Dalton wirst du dein dreckiges Maul lassen. - Ein Wort noch, und du kannst dein Motorrad an Krücken humpelnd auf dem Schrottplatz besuchen, verstanden?«

Red hing wie ein nasser Sack im Griff des Hünen. T.O.s Armmuskeln unterm T-Shirt spannten sich. Er stieß Red von sich, daß er zwischen die Motorräder seiner Kumpels flog, die atemlos zuschauten. Daß ihr angeberisches Großmaul von Wortführer eins draufkriegte, hatten sie nicht erwartet.

»Gebt’s ihm!« schrie Red, am Boden liegend, und deutete auf T.O. »Fahrt ihn über den Haufen! Schlagt ihn zusammen! Das lassen wir uns nicht gefallen.«

»Wieso wir?« fragte ein junger Bursche, der ein wenig intelligenter war als die anderen. »Du hast dich doch mit ihm angelegt.«

Ehe die Meute es sich überlegte und über ihn herfiel, kickte T.O. den Seitenständer von Reds Harley zurück und hielt das schwere Motorrad sekundenlang an Lenkstange und Sitz. Dann schob er es mit Wucht mitten hinein in die Motorradcrew.

Die Harley schlug krachend ein und kippte dann um. Das Scheinwerferglas zersprang. Blech verbeulte und verbog sich. Die Motorradrocker erstarrten. Sie zogen die Köpfe ein und wurden ganz klein.

»Los, wir verschwinden«, rief einer.

»Nehmt den Karottenkopf und seinen fahrbaren Schrotthaufen mit«, befahl T.O. »Ich hoffe, das war ihm eine Lehre.«

Red rappelte sich auf. Der Angeber war so klein geworden, daß er mit Hut unter einem Stuhl hätte durchgehen können. Er konnte nicht mal mehr sein Motorrad allein auf die Räder stellen. Freunde halfen ihm dabei.

T.O. kümmerte sich nicht mehr um die Halbstarken, sondern ging zurück ins Haus, wo ihn der kleine Mann aus der Erdgeschoßwohnung begeistert begrüßte.

»Daß ich das erleben durfte, daß jemand Red 0‘Leary zurechtstutzt, ist mir ein innerer Vorbeimarsch. Den Typen haben Sie’s aber gezeigt, Mister. Das hätte ich nie für möglich gehalten. Sie sind ein ganzer Mann.«

Auch andere Hausbewohner erschienen. Das Spektakel hatte Aufmerksamkeit erregt. Sie lobten T.O. über den grünen Klee und überschütteten ihn mit Glückwünschen. Dem ehemaligen Boxer waren die Lobeshymnen peinlich.

Er wehrte sie ab. Irgendwo im Hinterkopf sagte er sich aber, es könnte nicht verkehrt sein, wenn sich herumsprach, daß Sheila Dalton einen starken Beschützer hatte.

»Was hatten Sie denn in dem Truck vergessen?« fragte ihn der Kleine, als er mit seinem Campingsack über der Schulter in Richtung Aufzug ging.

»Das da.« T.O. zeigte einen gebrauchten Kaugummi. »Er hat noch am Lenkrad geklebt.«

Damit stieg er in die Kabine. Der Fahrstuhl beförderte ihn nach oben.

Dort erwartete ihn schon die nächste unangenehme Überraschung.

***

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»Das ist die größte Schweinerei, die ich je erlebt habe«, fauchte die Louisiana-Lady. »Schämen Sie sich denn gar nicht, eine junge Mutter zu erpressen?«

Alan Elkin faßte ihr unters Kinn. Er grinste süffisant. Im nächsten Moment zog er rasch die Hand weg.

Sheila Dalton hatte ihm mit ihren langen Fingernägeln drei tiefe Kratzer zugefügt.

»Vorsicht, Mister, ich suche mir die Männer selbst aus, die mich anfassen dürfen.«

Elkins Bodyguard trat näher, ein weißblonder Modellathlet. Wie sein Boß trug er Designer-Kleidung, allerdings ein bis zwei Klassen billiger.

»Hab dich nicht so«, sagte Elkin. »Ich bin Geschäftsmann, nichts weiter. Wenn du nicht angefaßt werden willst, bitte. Ich will nur mein Geld, und das sofort.«

»Ich sagte doch, daß ich demnächst bezahle.«

»Demnächst ist kein Datum«, erwiderte Elkin. »Ich habe hier einen Wechsel über dreißigtausend Dollar, ausgestellt von einer gewissen Sheila Dalton, 112 Cambercy Road, Robards Houses, Apartment 1285. - Das sind doch Sie, oder?«

»Ihre Intelligenz spricht für sich«, sagte Sheila zu dem mittelgroßen und schlanken Elkin. Seine Augen strahlten eine eisige Kälte aus, die ihr nicht gefiel. »Sie können in ein paar Tagen, wenn mein... äh, Partner zurückkehrt, eine Abzahlung erhalten. Den Rest stottere ich auch noch ab.«

»Ich will jetzt alles.«

Elkin setzte sich in den Korbstuhl.

»Ich habe Sie nicht zum Sitzen aufgefordert!« fuhr Sheila ihn an.

»Ich sitze trotzdem bequem. Bei dem, was Sie mir schulden, sollten Sie freundlicher sein.«

Im Nebenzimmer, das bloß durch einen Raumteiler abgetrennt war, krähte das Baby. Michael Dalton, stolze zwanzig Tage auf dieser Welt, 53 Zentimeter groß und 4500 Gramm schwer, hatte Hunger. Er verlangte nach der Brust seiner Mutter.

Sheila trug einen bequemen Hausanzug. Die Mutterschaft stand ihr gut. Die Louisiana-Lady war fraulicher und reifer geworden, von einer Schönheit, die anders wirkte als ihr früherer Sex-Appeal. Die rassige Kreolin warf die schwarze Mähne zurück.

»Gehen Sie! Ich will mein Baby stillen. Dabei sind Sie höchst überflüssig.«

»Oh, lassen Sie sich durch uns bloß nicht stören.« Elkin schlug die Beine übereinander. »Wir können trotzdem geschäftlich verhandeln.«

Der Motorrad-Radau vorm Haus unten hatte aufgehört. Sheila schenkte dem keine Beachtung. Sie wußte, daß sie hier nicht in der besten Gegend wohnte. Dafür war das Apartment billig und sowieso nur als Absteige zwischen zwei Trucktouren gedacht gewesen.

»Ich denke nicht daran. Das ist meine Wohnung. Verschwinden Sie, oder es passiert was.«

»Was denn?« Elkin grinste. »Willst du uns mit Babywindeln bewerfen, Sheila?«

»Für Sie immer noch Missis Dalton.«

»Oho, wo ist denn Mister Dalton? Seit wann bist du verheiratet?« Elkins Frechheit brachte Sheila zur Weißglut. Wäre das Baby nicht da und sie nach der Entbindung noch geschwächt gewesen, hätte sie längst eine Szene gemacht. »Reden wir vom Geschäft«, fuhr Elkin fort, während Klein-Michael nebenan immer heftiger schrie. »Ich will die dreißigtausend Dollar sofort - oder einen entsprechenden Gegenwert. Das ist ein Sichtwechsel. Er ist bei Präsentierung fällig.«

»Wenn Sie hier irgendwas finden, was Über fünfhundert Dollar wert ist, können Sie es sofort mitnehmen, Mister. Ich sagte, ich zahle...«

»Dann will ich Ihren Truck«, sagte Elkin. »Wo steht er?«

»Oho, so haben wir nicht gewettet!« rief die Louisiana-Lady. »Mein Peterbilt-Sattelschlepper ist gut und gern noch das Dreifache wert. Mindestens. Wenn Sie glauben, den könnten Sie sich für diesen lumpigen Wechsel unter den Nagel reißen, haben Sie sich geschnitten.«

»Das werden wir ja sehen. Rück gleich mal den Kraftfahrzeugbrief Jür den Pete heraus. Ich sehe da nur zwei Möglichkeiten, Lady - Truck oder Geld.«

»Geben Sie mir wenigstens bis morgen Zeit. Sie kriegen das Geld schon. Mein Baby schreit. Ich muß mich jetzt um mein Kind kümmern.«

»Daran hindert dich keiner. Aber ich bleibe. Heute ist Zahltag.«

Sheila Dalton öffnete eine Schublade. Mit zwei schnellen Schritten stand der weißblonde Joey neben ihr und hielt ihre Hand fest. Er zog sie zurück und faßte seinerseits in die Schublade.

»Was haben wir denn da? Wenn das nicht ein 38er Colt Diamondback ist. Du hast doch wohl nicht auf uns schießen wollen, Baby?«

»Ich wollte euch bloß damit verscheuchen«, erwiderte die Louisiana-Lady. »Au, lassen Sie mich los! Sie tun mir weh.«

Das Baby schrie noch lauter. Joey hielt Sheila Dalton fest, die noch nicht in der Verfassung war, sich gegen ihn zu wehren. Sie hatte eine schwere Geburt gehabt. Was sie jetzt erlebte, war Gift für sie.

Der Bodyguard warf seinem Boß den stumpfnasigen 38er Colt zu. Elkin behielt ihn in der Hand.

Da hämmerte eine kräftige Faust gegen die Tür.

»Sheila, was ist los da drinnen? Sofort aufmachen, oder ich schlage die Tür ein!«

T.O. stand draußen.

»Wer ist das?« fragte Elkin.

»Mein Freund - und der Vater des Babys. Er wird sich nicht abwimmeln lassen.«

»So, wird er nicht?« fragte der Bodyguard und ließ seine Muskeln wie beim Posing spielen. »Das wollen wir doch mal feststellen.«

Damit riß er die Tür auf. T.O. stieß ihn vor die Brust und schob Joey zur Seite. Er sah den Revolver in der Hand des überraschten Elkin und schlug ihm die Waffe sofort aus der Hand.

Der schwarze Trucker kickte den Revolver unter die Couch, wo er außer Reichweite war.

»Was hat das zu bedeuten?« fragte der Hüne mit Donnerstimme.

Joey hatte seine Überraschung überwunden und baute sich vor ihm auf. Der Modellathlet mit dem schulterlangen weißblonden Haar wirkte wie das genaue Gegenstück zu dem dunkelhäutigen und -haarigen T.O.

»Ich hätte gute Lust, dir die Zähne einzuschlagen!« drohte er.

»Wenn du die gute Lust behalten willst, laß es«, erwiderte T.O. »Ich frage noch mal: Was ist hier los? Wer sind diese Männer, Sheila, und was hat der Revolver zu bedeuten? Warum - Teufel noch eins! - kümmert sich keiner um das Kind? Weshalb schreit Mike so?«

»Weil er Hunger hat und diese beiden mich am Stillen hindern«, antwortete die Louisiana-Lady.

»Dafür sollte ich euch aus dem Fenster werfen«, sagte T.O. zu den beiden Kerlen. »Aber es ist' der dreizehnte Stock, und ich bin abergläubisch. Also will ich noch einmal gnädig sein, wenn ihr euch benehmt. - Sheila, du stillst jetzt das Baby. - Gentlemen, raus mit euch! So wichtig kann gar nichts sein, daß es wichtiger als das Baby wäre.«

»Ich habe da einen Wechsel«, fing Elkin an.

»Wie schön für Sie. Passen Sie auf, daß Sie ihn nicht verwechseln.«

»Mister, wir sind nicht zum Spaß hier. Sheila Dalton schuldet mir dreißigtausend Dollar, und ich will sie sofort.«

»Jetzt wird erst mal gestillt, und ihr seid still, klar?« entgegnete T.O. brüsk. »Raus, raus, raus!«

Er schob Elkin in Richtung Tür. Der Bodyguard Joey hob seine Faust. Elkin gab ihm einen Wink, sich erst mal zurückzuhalten.

»Soll ich den Wechsel einklagen und den Truck beschlagnahmen lassen?« fragte er. »Ich kenne da kein Pardon. Ich betreibe ein Finanzierungsbüro und bin nicht die Wohlfahrt.«

Ein Kredithai, dachte T.O. Sheila schaute drein, als ob sie kein Wässerchen trüben könnte, und verschwand hinter dem Raumteiler. Sie knöpfte schon die Bluse auf.

»Erledige du das, T.O.«, sagte sie freundlich.

Klein-Mikes Protestgebrüll, weil ihm die schöne und nahrhafte Milchquelle so lange vorenthalten wurde, verstummte. T.O. schaute Elkin an und wußte, daß er hier einen harten Brocken zu kauen hatte.

»Sie werden verstehen, daß ich mich erst mal mit meiner Verlobten besprechen muß, Mister«, sagte er. »Auch können Sie im Moment nicht hier bleiben. Um die Ecke habe ich eine Bar gesehen. Können Sie dort auf mich warten? Ich bin in einer halben Stunde da.«

Elkin gab T.O. seine Karte.

»Hier, damit Sie schon mal wissen, mit wem Sie es zu tun haben. - Okay, ich bin schließlich kein Unmensch. Wir warten in der Bar. Aber lassen Sie sich nicht zu lange Zeit.«

»Darf ich mal einen kurzen Blick auf den Wechsel werfen?«

Elkin zog ihn aus der Brieftasche.

Sein Bodyguard spannte die Muskeln, um einzugreifen, falls T.O. etwa versuchen sollte, das gute Stück zu zerreißen oder zu verschlucken. Genutzt hätte es wenig, der Wechsel war registriert.

»Das ist aber nicht Ihr Name, der darauf steht, Mister Elkin«, sagte T.O.

»Muß er auch nicht sein. Lesen Sie darunter: Oder Überbringer. - Bis gleich, Mister...?«

»T.O. Washburn, freier Trucker.«

Der Kredithai Elkin steckte den in einer Klarsichthülle untergebrachten Wechsel wieder ein. Er und sein starker Mann verließen endlich Sheilas Apartment. T.O. schaute sich die Visitenkarte genauer an: Alan Elkin - Kredite und Finanzierungen stand darauf. Die Adresse war eine aus New Orleans, das nur eine Autostunde entfernt lag.

T.O. schüttelte den Kopf. Wie hatte sich Sheila mit diesem Kredithai einlassen können? Er zerriß die Karte in kleine Schnipsel und warf sie in den Mülleimer. Dann ging er nach nebenan zu Sheila und dem Baby.

Der kleine Michael trank selig an der Mutterbrust. Die Louisiana-Lady lächelte, und wer sie so sah, konnte sich kaum vorstellen, daß diese Frau einen über vierhundert PS starken Truck bändigen und harte Highway-Männerarbeit verrichten konnte. T.O. konnte jetzt keinen Vorwurf Vorbringen.

Er fragte auch nicht. Er schaute nur Sheila und das Kind an. Das Baby hatte kaffeebraune Haut und eine süße winzige Stupsnase. Auf dem Kopf wuchsen schon schwarze Härchen.

T.O. sagte leise, um den kleinen Kerl nicht zu erschrecken: »Hallo, Sohnemann. Papa ist da. Sieh mal, ich hab’ dir was mitgebracht.«

Er zog einen Beißring und eine Babyrassel aus der Tasche. Sheila lächelte.

»T.O., Kinder kriegen frühestens mit drei oder vier Monaten den ersten Zahn. Vorher brauchen sie auch keinen Beißring. Die Rassel ist da schon besser. Noch besser wäre ein Mobile gewesen, das ich über Mikes Wiege aufhängen könnte.«

»Ich besorge sofort eins.«

»So eilig ist es nun auch wieder nicht. Schau mal, der Kleine schaut nach dir.« Das Baby im blauen Strampler verdrehte die Augen. T.O. grinste sofort wie ein Honigkuchenpferd und warf sich in die Brust. Mike wandte seine Aufmerksamkeit aber gleich wieder der Mutterbrust zu.

T.O. war enttäuscht.

»Er sieht dich sowieso noch nicht richtig«, sagte Sheila. »Bisher kann er nur Umrisse erkennen und noch nicht mal Farben unterscheiden. Der Sehsinn bildet sich bei ihm erst noch aus.«

»Ist das bei allen Kindern so?« fragte T.O. wißbegierig.

»Natürlich. Was glaubst du denn?« Sheila legte Mike an die andere volle Brust. T.O. saß still da. Für ihn war das Baby ein Wunder. Das sind meine Frau und mein Kind, dachte er und war stolzer und glücklicher als jemals zuvor in seinem Leben.

Doch das Glück und die Freude waren nicht ungetrübt. T.O. mußte ständig an Alan Elkin und an den Wechsel denken, nach dem er Sheila momentan nicht fragen mochte.

***

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t

Darlene erwachte. Gedämpftes Tageslicht sickerte in das große Schlafzimmer in einem L-förmigen Luxusbungalow im Westen von San Antonio. Die junge blonde Frau faßte neben sich. Der Platz im seidenbezogenen französischen Bett war leer.

Darlene erschrak. Von Kind auf, seit ihre Mutter allzu früh gestorben war, hatte sie diese Angst, verlassen zu werden. Ihre Sehnsucht nach Liebe und Geborgenheit hatte sie manchen Irrweg gehen lassen, denn sie war mit dem Tod der Mutter viel schlechter fertig geworden als ihre ältere Schwester Cora-Mae.

»Ray?« fragte sie ängstlich.

Ray F. Jordan kam fertig angezogen ins Zimmer. Der braungebrannte Mann mit dem jungenhaften Grinsen und dem braunen Haar trug wieder mal einen Jeansanzug. Er setzte sich auf den Bettrand, zog Darlene an sich und küßte sie zärtlich.

Sie schmiegte sich an ihn und genoß die Geborgenheit und die Wärme, die er ihr gab. Ray schmuste mit seiner jungen Frau. Die beiden waren schließlich noch in den Flitterwochen.

»Warum bist du schon angezogen?« fragte Darlene Ryland-Jordan, wie sie seit ein paar Tagen hieß. »Es ist halb acht.«

»Die Zeit, zu der normale arbeitende Menschen normalerweise zu ihrem Job fahren oder schon an der Arbeit sind, Darling. Vergiß nicht, daß meine Probezeit als Geschäftsführer bei der RTC angefangen hat. Das ist eine tolle Chance für mich. Du willst doch nicht auf Dauer mit einer verkrachten Existenz verheiratet sein, die dir auf der Tasche liegt, oder? Außerdem braucht dein Vater dringend Unterstützung durch eine tüchtige und zuverlässige Kraft in der Firma. Die Arbeit wächst ihm längst über den Köpf. Ich hoffe, ich kann seine Erwartungen erfüllen.«

Männer, dachte Darlene. Die meisten davon haben hauptsächlich ihre Geschäfte im Kopf, Geldverdienen, die Karriere, um die sie sich sorgen und für die sie sich aufreiben. Arbeiten können sie nicht genug. Aber an der Zeit, die sie für ihre Frauen übrig haben, hapert es.

Ray begriff, was in Darlene vorging. Schließlich war sie vor ihm mit dem Karrieretyp Lerby verheiratet gewesen. Er küßte sie zärtlich.

Seine Hände streichelten Darlenes reizvollen Körper, den das Neglige mehr betonte als verhüllte.

»Soo eilig habe ich es nun auch wieder nicht, in die RTC zu kommen, Darling«, sagte Ray Jordan. »Sie sind dort über dreißig Jahre ohne mich ausgekommen. Da wird es auf eine halbe Stunde auch nicht mehr ankommen.«

Ray stellte das Telefon so leise wie möglich und schaltete den automatischen Anrufbeantworter ein, um nur nicht gestört zu werden. Das freute Darlene. Ihr erster Mann war da ganz anders gewesen, ein rücksichtsloser Karrierist, wie er im Buch stand, der über Leichen ging und der auch seinen Charme und Liebesbezeugungen gezielt einzusetzen wußte.

Nur ein- oder zweimal in den Jahren ihres Zusammenlebens hatte Sharkey Lerby seine Frau hinter seine Fassade blicken lassen. Was sie dort gesehen hatte, war Darlene noch heute nicht richtig klar.

Vielleicht war er ein innerlich hohler und leerer Mensch gewesen, ohne jegliche höhere Werte, gefühlsarm und kalt. Jemand, der mit erheblicher Energie versuchte, die innere Leere in seinem Innern mit Geld, Macht und Erfolg zu füllen, Chimären, die ihn irgendwann enttäuschen mußten.

Darlene war noch zu jung und ihrem Exmann gegenüber auch zu befangen, um das beurteilen zu können.

Sie schloß Ray Jordan in ihre Arme. Der Zauber der Liebe umfing sie. Darlene - heißblütig und jung - vergaß Lerby völlig.

Eine ganze Weile später blies sie eine blonde Locke aus ihrer Stirn.

»Das nenne ich Flitterwochen«, sagte sie zu ihrem sehnigen, braungebrannten Gatten, der neben ihr lag.

»Allmählich müßte ich aber weg«, sagte Jordan. »Oder bist du zu einer Zugabe bereit?«

Wieder begann das Spiel, das so alt wie die Menschheit war und ihr beliebtestes. Wieder viel später trat Jordan unter der Dusche hervor. Mit dem Handtuch um die Hüften geschlungen, ging er nach nebenan.

Die Signalanzeige des automatischen Anrufbeantworters flackerte zum Zeichen, daß angerufen worden war. Jordan drückte die Wiedergabe taste.

Eine Stimme, die er gut kannte und die ihn frösteln machte, hatte aufs Band gesprochen.

»Hallo, Ray, nachträglich herzlichen Glückwunsch zu deiner Hochzeit. Du weißt, wer am Apparat ist. Schön, daß du gute Arbeit leistest und vorankommst. Wird Zeit, daß wir uns wieder mal sehen. Ich suche dich auf. Den Zeitpunkt erfährst du noch.«

Der Anruf war ein Tiefschlag für Ray F. Jordan. Er hatte versucht, den Mann zu vergessen, der ihn auf Darlene Ryland angesetzt hatte, die bis vor kurzem noch ein ausgeflipptes Playgirl gewesen war, das von einem Skandal in den nächsten stolperte. Jetzt meldete dieser Mann sich wieder. Jordan hatte Geld dafür erhalten, daß er sich an Darlene heranmachte.

Er war für sie zu dem Halt und der Stütze geworden, die sie dringend brauchte - und er hatte sich unsterblich in Darlene verliebt, die anders war, als er sie sich vorgestellt hatte. Nämlich keine Bumsbiene und Skandalnudel, wie die Klatschspalten schrieben.

Die Hochzeit von Ray F. Jordan und Darlene Ryland, geschiedene Lerby, lag erst ganz kurze Zeit zurück. Auch dabei hatte es Probleme gegeben. Verbrecher hatten die Prominentenhochzeit für Raub und Erpressung ausnutzen wollen, waren damit aber gescheitert und saßen jetzt hinter Gittern.

Jordan war zwischenzeitlich in die RTC eingetreten, von Henry B. Ryland zunächst auf Probe als Führungskraft eingestellt. Er hatte die Chance seines Lebens, eine bildschöne, reiche Frau und alles, wovon er jemals geträumt hatte. Jordan hätte durch und durch zufrieden sein können.

Doch er hatte ein ungutes Gefühl wegen jenes Mannes, der sich nun wieder meldete, und wegen der mit ihm getroffenen Abmachungen. Ich werde diesem Landrys sein Geld zurückgeben, dachte Jordan. Ich will mit der ganzen Chose nichts mehr zu schaffen haben. Es ist einfach nicht anständig, Menschen zu hintergehen, die einem vertrauen.

Da berührte ihn jemand an der Schulter. Jordan erschrak entsetzlich. Er war tief in Gedanken versunken gewesen. Er zuckte zusammen und drehte sich um.

Es war Darlene, mit einem goldenen Kettchen um den Hals und Sandaletten bekleidet und sonst nichts.

»Wer war das?« fragte sie.

»Ein Geschäftsfreund von früher.« Jordan hatte sich wieder gefangen. Er löschte das Band. »Er will sich wohl an mich anhängen, nachdem ich durch dich bei der RTC die Treppe raufgefallen bin. Daraus wird aber nichts werden.«

»Er hörte sich aber sehr selbstbewußt an. Als ob er dir was zu sagen hätte.«

»Das hat er nicht, und das wird auch nie der Fall sein.« Ray küßte Darlene auf den Mund und die Augen. »Jetzt muß ich aber tatsächlich weg, oder dein Papa meckert. Du willst doch wohl nicht, daß ich bei der RTC rausfliege?«

Darlene schüttelte den Kopf.

Pfeifend zog Jordan sich an. Als fürsorgliche Ehefrau achtete Darlene darauf, daß er Kaffee und Grapefruitjuice trank und wenigstens ein Toastbrot im Stehen aß. Sie winkte ihm nach, als er in seinem schnittigen Ferrari 8-32 aus der Ausfahrt düste.

Der 320 PS starke Zwölfzylinder-Motor röhrte wie auf der Rennstrecke von Indianapolis. Leider konnte Ray Jordan den Superflitzer höchst selten mal ausfahren. Es handelte sich um ein Hochzeitsgeschenk von seiner Frau.

Auch daran konnte Jordan den Grad ihrer Wertschätzung erkennen.

***

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Das Firmengelände der RTC lag an der Seguin Street im Osten von San Antonio. Hier.war die Zentrale eines Truckimperiums mit sechstausend Beschäftigten und nicht weniger als zweitausend Trucks, meist Heavy-Hauler und knapp darunterliegende Klassen. Henry B. Ryland, der Firmengründer und Chef, hatte mit dem Nichts angefangen, als Trucker mit einem Freund, der dann bald ausstieg, zusammen auf dem Bock.

Er hatte eine sagenhafte Karriere gemacht. Der drahtige Endfünfziger Ryland redete auch heute noch die Sprache seiner Lastwagenfahrer und wußte, wie ihnen ums Herz war. Er scheute sich nicht, selber mit anzupacken, und machte sich in der Werkstatt die Finger schmutzig, um auf dem laufenden zu bleiben, was die Technik betraf.

Sein Faible war aber weniger, an schweren Motoren herumzubasteln. Das überließ er seinem Fuhrparkchef und Werkstattleiter Pat O’Neill, einem alten Haudegen aus den RTC-Anfangszeiten, wo es rauchig und rauh zugegangen war. Ryland schwärmte auch heute noch von der Weite und Freiheit der Highways, von dem unübertrefflichen Geruch nach Diesel, Abgasen und Asphalt, von dem Feeling, das einen überkam, wenn man in einer Truckkabine hinterm Steuer saß, zweieinhalb Meter über der Fahrbahn in einem metallenen Giganten.

Mit Hunderten von PS unterm Fuß, der das Gaspedal dirigierte, und dreißig, vierzig und noch mehr Tonnen Fracht hinter sich. So ein Sattelzug hatte sein Eigenleben.

Es war auch heute noch eine knochenbrechende, zermürbende Arbeit, von Terminen gehetzt, mit einer Marge als Vorgabe, die einzuhalten schwerfiel, und oft gefährlichen Überraschungen. In der Zeit des Wilden Westens hatte es links und rechts von den Trails, die die Trecks zogen, Gräber gegeben, und Gerippe und Wagentrümmer hatten den Weg gesäumt.

Seitlich der modernen Highways, die die USA durchschnitten, gab es das nicht mehr. Sonst hätte allerhand herumgelegen und wären da viele Kreuze gewesen.

Ryland verließ sein Office im Verwaltungsgebäude, wo er den Pulsschlag der RTC spürte. Ständig fuhren schwere Trucks an oder ab. Ihr Motorengedröhn bildete die Geräuschkulisse der RTC.

Der drahtige Trucker-King stiefelte in die Werkstatt zu seinem alten Freund Pat. Mit geübtem Auge sah Ryland, daß alles bestens lief. Er erkundigte sich, weshalb ein Freightliner Conventional schon wieder in der Werkstatt war.

»Wir basteln am Getriebe herum«, erklärte ein farbiger Mechaniker dem Trucker-King.

»Schmeißt es raus. Zeit ist Geld«, sagte der Trucker-King. »Wir haben hier keine Bastelstube.«

»Ein neues Getriebe kostet zweitausend Dollar, Sir.«

»Wenn der Truck nicht rollt, kostet es auch. Falls durch einen Getriebeschaden auch noch Liefertermine platzen, wird es noch teurer. Keine Experimente. Die RTC ist für ihre Schnelligkeit und Zuverlässigkeit bekannt.«

»Wie Sie meinen, Sir. Dann wechseln wir das Getriebe aus, statt noch mal einen Probelauf mit dem alten zu versuchen, wie Pat O’Neill meinte.«

»Macht das, Jungs.«

Manchmal war Pat nicht mehr ganz zeitgemäß. Ryland rechnete heute anders als vor dreißig Jahren, als nur ein paar abenteuerlich zusammengebastelte Trucks für die RTC rollten. Ryland grauste es heute noch, wenn er an die »Glanzstücke« davon dachte.

Der RTC-Werkstattleiter saß in seinem verglasten Office, von dem aus er die Werkstatt komplett überblicken konnte. Wehe dem Mechaniker, der da nicht spurte.

O’Neill schüttelte Ryland die Hand. Pat trug wie immer seinen ölfleckigen Overall mit allerlei Werkzeugen und Papieren in allen möglichen und unmöglichen Taschen.

Ryland erwähnte das neue Getriebe für den Freightliner FLG, worauf Pat nur meinte: »Es ist dein Geld.« O’Neill war stämmig, weißhaarig und hatte eine blühende Gesichtsfarbe. Daß er mittlerweile seine 65 Jahre auf dem Buckel hatte, merkte man ihm nicht an.

»Ist Ray schon da?« erkundigte sich Pat.

»Nein, er kommt heute später. Bisher war er ein Muster an Pünktlichkeit. Der Junge hat vielversprechende Anlagen. Das könnte der Geschäftsführer für die RTC sein, den wir schon lange gesucht haben.«

»Gib ihm bloß keine Vorschußlorbeeren«, mahnte Pat. »Du bist schon mal mit einem Schwiegersohn in der Geschäftsleitung böse hereingefallen.« Pat spielte auf Lerby an, der inzwischen am anderen Ende der Stadt auf dem Top-Manager-Stuhl der Konkurrenzfirma Alamo Trucking saß. Ryland winkte ab. Was er mit Lerby erlebt hatte, wurmte ihn noch immer.

»Geschäftlich war Lerby einsame Klasse«, sagte er. »Da konnte ihm keiner das Wasser reichen. Aber menschlich... Well, reden wir nicht darüber. Ray ist da ein ganz anderes Kaliber. Der Junge ist anständig. Er wird mich und Darlene nicht enttäuschen. Darlene und mich«, korrigierte Ryland die Reihenfolge. Er hakte gleich nach: »Oder bist du anderer Ansicht, Pat?«

»Ich habe es mir abgewöhnt, Ansichten zu haben. Der einzige, für den ich außer für uns beide noch meine Hand ins Feuer legen würde, ist Jim Sherman. Aber der ist ja wohl mit seinem Bison verheiratet und weigert sich, sich auf einen Chefmanagerstuhl bei der RTC zu setzen.«

»Ich kann es ihm nachfühlen«, sagte Ryland. »Meine schönsten Jahre waren für mich auch die, die ich ständig auf Achse war. Sag mir ehrlich deine Meinung Über Ray F. Jordan.«

Pat O’Neill wägte seine Worte sorgsam ab.

»Der junge Mann ist sehr vielversprechend«, sagte er dann. »Er ist intelligent, anstellig und willig. Er hat sowohl im Mangement als auch als freier Trucker praktische Erfahrungen gesammelt, die durch nichts zu ersetzen sind. Dazu ist er ein Individualist, also kein Duckmäuser und Jasager. Er könnte sich wirklich als Gewinn für die Firma erweisen. Aber das ist noch nicht heraus.«

Ryland boxte seinen alten Freund leicht gegen die Schulter.

»Pat, du alte irische Unke. Wenn ich so dächte wie du, Würde ich die RTC nie gegründet haben. Ray ist schon in Ordnung. Ich kann meiner Menschenkenntnis vertrauen. Sie trog mich bisher nur in dem einen Fall - Lerby.«

Ryland konnte sich nicht mehr lange bei Pat aufhalten. Der Piepser in seiner Brusttasche meldete sich. Ryland rief sofort in der Chefetage an.

Er würde sofort da gebraucht, teilte ihm seine Sekretärin mit. Ryland seufzte. Sein Tag hätte 48 Stunden haben können, und jünger wurde er auch nicht. Er tigerte los. Pat schaute ihm nach. Manchmal fragte er sich, wie sein Freund und Chef bei all den Schicksalsschlägen, die ihn schon getroffen hatten, den Streß und die enorme Arbeitslast überhaupt noch bewältigte.

Jefferson Corrigan, Rylands größter Konkurrent, hatte sich eines Tages mit einem Herzinfarkt hingelegt und war nicht mehr aufgestanden. Vielleicht blühte das Ryland auch noch, der älter war als Corrigan bei dessen Ableben und sich nicht schonte.

***

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Sheila hatte ihren Sohn fertig gestillt und gewickelt. Jetzt sollte Klein-Michael aufstoßen. Die Louisiana-Lady drückte ihn T.O. in die Truckerfäuste.

»Du legst ihn über die Schulter und klopfst ihm ganz sacht auf den Rücken. Die Luft, die er beim Trinken geschluckt hat, muß raus. Sonst bekommt er Blähungen.«

»Ich?« fragte T.O.

»Nein, das Baby.«

»Ich meine, weshalb läßt du ihn denn nicht sein Bäuerchen machen? Ich getraue mich kaum, Michael anzufassen. Ich habe eine zermürbende Tour hinter mir. Auf dem Parkplatz unten hatte ich Ärger. Vielleicht habe ich nicht genug Gefühl in den Händen und mache was falsch mit dem Kleinen. Er sieht so zerbrechlich aus.«

»Das ist er nicht. Schließlich ist er unser Sohn. Stell dich nicht an, T.O.« T.O. riß sich zusammen. Er klopfte das Baby, das sein Köpfchen an seiner Schulter hatte, sachte. Endlich rülpste Klein-Michael laut.

»Donnerwetter«, sagte T.O. »Das hätte ich selbst nicht besser gekonnt.« Sheila lächelte. T.O. blieb jedoch ernst. »Wir müssen uns unterhalten, Sheila. Wegen diesem Kerl Elkin und seinem Wechsel.«

Die Louisiana-Lady seufzte. Michael wurde wieder in die Wiege gelegt, wo er rasch einschlief. In zirka vier Stunden würde er sich allerdings wieder melden und energisch seine nächste Mahlzeit verlangen.

Die rassige Kreolin ging mit T.O. nach nebenan. Sie mußten flüstern, um Michael nicht gleich wieder aufzuwecken. Die halbe Stunde war fast vorbei, die T.O. Elkin und seinen Bodyguard zu warten gebeten hatte. Doch der schwarze Hüne war sicher, daß die beiden nicht gleich wegrennen würden.

»Wieso hast du plötzlich dreißigtausend Dollar Schulden bei diesem Elkin?« fragte T.O. »Ich dachte immer, du hättest bloß mit der Bank Probleme.«

»Das sowieso. Aber die Anschaffung meines Peterbilt hat eine Menge Geld gekostet. Am Anfang hatte ich’s auf den Highways nicht leicht. Einer jungen Frau, zudem noch, wenn sie allein fährt wie ich, trauen die Auftraggeber allerhand zu, bloß nicht, daß sie eine tüchtige und zuverlässige Truckerin ist. Mit dem Mißtrauen und den Vorurteilen hatte ich hart zu kämpfen. Die ersten paar Monate habe ich bloß draufgelegt und nicht mal meine Betriebskosten für die Louisiana-Lady hereingefahren. Ich könnte dir da Stories erzählen... Die meisten Trucker sind feine Kerle, aber leider gibt es auch andere. Was glaubst du, welche Angebote ich mir über CB-Funk anhören mußte?«

»Ich kann’s mir lebhaft vorstellen. Dafür bist du nun mal in einem Männerberuf tätig. Aber wir wollen nicht abschweifen. Hier geht es um den Wechsel. Wer ist dieser Barney T. Owles, auf den er ursprünglich ausgestellt gewesen ist?«

»Der Maler, der meinen Truck so schön verziert hat. Der Airbrush-Künstler.«

»Dieser Tattergreis konnte dir dreißigtausend Dollar geben?«

»Er verdient nicht schlecht mit seiner Malerei. Er malt nicht nur Trucks an, sondern alles, was mindestens zwei Räder und einen Motor hat. Barney verstand meine Lage. Er ist ein feiner Kerl. Damit ich mich im Geschäft halten konnte, brauchte ich eine kräftige Finanzspritze. Die Bank wollte Geld. Ich brauchte einen Satz neue Reifen - pro Stück fünfhundert Dollar. Dazu kamen noch ein paar Kleinigkeiten - Sonderzubehör für meine Louisiana-Lady, das ich bis dahin gescheut hatte. Wenn schon, denn schon, dachte ich mir.«

»Und da bist du zu Owles gegangen?«

»Warum nicht? Barney ist ein feiner Kerl. Er hatte ein Herz für meine Lage. Er hätte mit der Rückzahlung lange stillgehalten.«

»Aber?«

»Was - aber?«

»So wie du sprichst, folgen ein Aber und noch was. Das würde ich jetzt gern hören.«

»Barney spielt und wettet für sein Leben gern«, sagte die Louisiana-Lady kleinlaut. »Er setzt auf alle möglichen Rennen und fliegt öfter mal nach Las Vegas.«

»Du hast einen Zocker angepumpt?« fragte T.O. entsetzt. »Und ihm einen Sichtwechsel gegeben? Ja, bist du denn noch zu retten?«

»Barney versprach mir hoch und heilig, meinen Wechsel auf jeden Fall zu behalten. Er muß schwer unter Druck gewesen sein, daß er ihn aus den Händen gab.«

T.O. lief in dem kleinen, aber geschmackvoll eingerichteten Apartment auf und ab wie ein Löwe im Käfig. Seine Müdigkeit war verflogen. Er ballte die Boxerfäuste und wollte vor schierer Verzweiflung losbrüllen.

Da war er quer durch die Staaten gesaust, fast ohne Pause, und hatte sich abgehetzt, geplagt und geschunden, um ein paar Dollars zusammenzubringen. Und kaum war er wieder in Baton Rouge bei Sheila und dem Kind, da hörte er gleich, daß der Schuldenberg noch viel größer geworden war.

Worauf habe ich mich da eingelassen, dachte T.O. Aber jetzt konnte und wollte er nicht mehr zurück.

»Da bist du schlecht beraten worden«, sagte er bloß leise, statt zu brüllen. Schließlich mußte er auf das Baby Rücksicht nehmen. »Ich rede mit diesem Elkin.«

»Das wird wenig nützen. Der kennt kein Pardon. Ich kenne den Typ.«

»Man kann mit jedem so reden, daß er es versteht«, sagte T.O. »Ich will gleich zu ihm gehen.«

»Trotz allem - herzlich willkommen, T.O. Ich bin froh, daß du wieder hier bist.«

Die Louisiana-Lady gab T.O. einen Kuß, der ihm wie mit tausend Volt durch den Körper jagte.

»Du brauchst nicht weiter für mich zu fahren, wenn du nicht willst«, sagte Sheila. »Ich gebe zu, daß es nicht fair war, dir die Sache mit dem Wechsel zu verschweigen. Das tat ich nur, weil ich absolut nicht damit rechnete, daß er mir vorgelegt würde.«

T.O. tätschelte sie und ging aus der Wohnung. Der Lift brachte ihn nach unten. Der Trucker stiefelte um die Ecke in die Bar. Elkin war gerade am Zahlen.

»Wird Zeit, daß du kommst«, schnarrte er. »In einer halben Minute wäre ich weg gewesen.«

T.O. hätte sich Schlimmeres vorstellen können. Er setzte sich zu Elkin und seinem weißblonden Muskelmann an den Resopaltisch. Die Bar hatte den Charme einer Tiefkühltruhe und war für den tiefen' Süden absolut untypisch. Sie war nur mäßig besucht. Vorstadtgigolos und ihre Schönheiten lauschten der Jukebox und träumten von besseren Zeiten.

T.O. orderte eine Coke, Elkin einen Bourbon. Der Kredithai rieb Daumen und Zeigefinger.

»Wie steht es mit der Penunze? Dreißig Riesen sind gefragt.«

»Wie würde es Ihnen denn gefallen, sich in der Lokalpresse wiederzufinden, Elkin? Als Blutsauger, der eine junge Mutter mitsamt ihrem Kind in den Ruin treibt? Abgesehen davon ist Sheila Daltons Truck weit mehr wert, als auf dem Wechsel steht. Rund das Dreifache, würde ich sagen.«

Elkin antwortete: »Dann soll sie doch ein Drittel davon verkaufen und mich auszahlen.«

»Sie wissen genau, daß sie den Truck nicht zerteilen kann. Die Louisiana-Lady muß fahren, um Geld zu verdienen. Ein Truck, der nicht fährt, ist sein Geld nicht wert. - Wie sind Sie übrigens an diesen Wechsel gekommen? Und wofür?«

»Das spielt überhaupt keine Rolle«, erwiderte der topmodisch gekleidete Kredithai rasch. »Ich habe ihn. Das allein zählt.«

»Nicht, wenn Sie den Wechsel einklagen wollen. Da wird schon mal gefragt. Ich schätze, der Wechsel ist für unbezahlte Spielschulden in Zahlung gegeben worden. - Womöglich unfreiwillig, wie?«

Das Aufzucken von Elkins Pupillen verriet T.O., daß er ins Schwarze getroffen hatte.

»Das geht Sie überhaupt nichts an!« sagte Elkin.

Der Trucker faßte über den Tisch und packte den Kredithai am Kragen.

»Paß auf, Bürschchen, ich bin der Vater von Sheila Daltons Kind und will sie demnächst heiraten. Wenn du Sheila und dem Baby noch einmal mit deiner aufgepumpten Figur da auf die Bude rückst, kannst du was erleben. Ich fahre die Louisiana-Lady, und wir lösen den Wechsel ein - mein Wort darauf.«

Mit schmalen, abschätzenden Augen betrachtete Elkin den schwarzen Trucker.

»Dein Wort ist mir keine dreißigtausend wert, Washburn. Wenn ich Sheila noch eine Frist einräumen soll, bevor ich den Wechsel ans Gericht gebe und ihren Truck pfänden lasse, mußt du mir einen Schuldschein geben. Meine Zinsen sind human - nur sechs Prozent.« Elkin legte eine Pause ein, bevor er den Tiefschlag nachsetzte: »Im Monat.«

T.O. fuhr hoch.

»Das ist Wucher!«

Elkin lachte ihm ins Gesicht.

»Nennen Sie es, wie Sie wollen. Das sind nun mal meine Bedingungen. Wenn sie Ihnen nicht passen, versuchen Sie’s doch bei einer Bank, ob sie Ihnen und der Louisiana-Lady dreißigtausend Dollar gibt, bei ihrer Finanzlage. Denken Sie in aller Ruhe darüber nach -genau zwei Minuten. Dann gehe ich nämlich, und der Wechsel platzt mit einem Knall, daß es Miß Dalton samt Truck und Kind aus den Angeln hebt.«

»Elkin, Sie sind ein Schwein.«

»Ich mag Leute, die frei und offen ihre Meinung sagen. Mein Zinssatz beträgt somit sechs Prozent, wie gehabt pro Monat.«

T.O. überschlug, was er verdienen konnte, wenn er gutbezahlte Frachten erhielt und sich ungeheuer anstrengte. Eigentlich war es unmöglich, die Schuld innerhalb einer knappen Frist zurückzuzahlen, insbesondere, weil Sheila auch noch der Bank Geld schuldete.

Doch T.O. konnte unmöglich zulassen, daß Elkin Sheila Daltons prächtigen Peterbilt Conventional pfänden ließ. Elkin war geldgierig. Der Dollar war sein Gott. Das nutzte T.O. aus, der schneller nachdachte als jemals zuvor in seinem Leben.

»Elkin, ich mache Ihnen einen Vorschlag. Wir stückeln den Wechsel in drei Teile, die auf Schuldscheine bei mir laufen. Der erste Schuldschein wird in vierzehn Tagen fällig, mit Zinsen. Der zweite und dritte jeweils vier Wochen danach. Wenn es mir gelingt, das Geld einzufahren, ist der Wechsel bezahlt, und die Louisiana-Lady hat keine Probleme mehr mit Ihnen. Wenn nicht, laufen Sie kein Risiko, denn Sie haben den Wechsel und meine Schuldscheine als Sicherheit.«

Elkin dachte nach. T.O. konnte den Rechner in seinem Kopf förmlich funktionieren sehen.

»Abgemacht«, sagte der Kredithai dann. »Aber nur, wenn wir gleich in mein Office fahren und das schriftlich niederlegen.«

»Wenn’s sein muß.« T.O. gähnte. Die Müdigkeit stellte sich wieder ein.

Die drei Männer verließen die Bar, wobei T.O. den heißen Atem des weißblonden Modellathleten im Nacken spürte. Der Bodyguard Joey hätte sich zu gern mit ihm angelegt, um seinem Boß zu zeigen, wie tüchtig er war.

Auf dem Parkplatz wollte Elkin den Trucker in den offenen Caddy Fleetwood einsteigen lassen. T.O. lehnte ab.

»In der Karre möchte ich nicht mal als Leiche im Kofferraum liegen. Ich fahre lieber mit dem Truck.«

T.O. enterte die »Louisiana-Lady«. Er fühlte sich ein wenig besser, als der 430-PS-Caterpillar unter der langen Haube aufröhrte. Der Trucker legte den zweiten Gang ein, mit dem er auf ebener Strecke üblicherweise anfuhr.

Der Peterbilt mit der aufgemalten Bayouszenerie fuhr durch das abendliche, für T.O.s Geschmack recht stille Baton Rouge hinter dem Caddy Coupe her. Bodyguard Joey saß in protziger Pose auf dem Beifahrersitz und ließ seine weißblonde Mähne im Fahrtwind wehen.

Er schaute die Girls auf den Bürgersteigen an, als ob er sagen wollte: Schaut her, ich bin es, das Muskel- und Machowunder. Es rannte jedoch keine mit heraushängender Zunge und schaukelnden Brüsten hinter dem Caddy und ihm her.

»Der Nigger gefällt mir nicht, Alan«, sagte Joey Bishop, der mit seinem Boß auf vertrautem Fuß stand. Seinem frommen Nachnamen machte Bishop wahrhaftig keine Ehre. »Er hat mir ein viel zu freches Mundwerk. Ich wäre auf diese Schuldscheingeschichte nicht 'eingegangen. Das lohnt doch nicht wegen der paar Prozent Zinsen.«

»Deswegen habe ich’s auch nicht getan, Joey. Ich will den Truck und die dreißigtausend Dollar - plus Schuldscheinzinsen für unsere Spesen. Köpfchen, verstehst du.«

»Nein.«

»Kannst du auch noch nicht. Laß mich nur machen. Es läuft so: Ich lasse diesen Washburn die Schuldscheine unterschreiben. Mit einem Zusatz, daß er auch löhnen muß, wenn er es nicht schafft, den Wechsel einzulösen, so daß der Truck dann ebenfalls an mich fällt. Das jubele ich ihm so geschickt unter, alles wasserdicht und juristisch abgesichert, daß er es nicht merkt. Um das zu checken, müßte er schon die Harvard Business School besucht haben. Wenn er dann unterschrieben hat und auf Tour ist, brauchen wir nur dafür zu sorgen, daß er mit seinen Transporten Pech hat und die Abmachung nicht erfüllen kann. Dann ist er dran. - Krk.« Er machte die Geste des Halsabschneidens.

Beim Capitol bog Elkin rechts ab. Baton Rouge war immerhin die Hauptstadt von Louisiana mit 180 000 Einwohnern. Das Capitol war im Gegensatz zu fast allen anderen Regierungsgebäuden der US-Staaten ein Wolkenkratzer, 138 Meter hoch und mit Aussichtsplattform. Es paßte zu Baton Rouge wie ein Affe in ein Truckführerhaus.

T.O. wühlte sich mit der »Louisiana-Lady« durch den abendlichen Verkehr. In die Tiefgarage des Hochhauses an der Broadmoor Street, wo Elkin sein Office hatte, konnte er nicht. Joey winkte ihn auf einen Parkplatz.

Der Klarsichtlift führte außen am Haus hoch. In dem modernen Glas- und Stahlbetonbau unterhielt Elkin zwei mit Computern, Fernschreiber, Bildkopierer und allen Schikanen eingerichtete Geschäftsräume. Er bat T.O. ,an einem nierenförmigen Acrylglastisch Platz zu nehmen, und legte im Handumdrehen die Schuldscheine vor.

Auf ihrer Rückseite stand eine Menge Kleingedrucktes. Während der Trucker es las, setzte Elkin einen Vertrag auf, der die Sachlage regelte. Der Trucker überflog die Papiere. Ihm schien alles in Ordnung zu sein. Elkins Zinsen waren schon hoch genug - sechs Prozent im Monat, also 72 Prozent im Jahr, mit Bearbeitungsgebühr und allem Drum und Dran ein Dreiviertel der Summe. Da rechnete T.O. nicht mit zusätzlichen Fallen.

Er unterschrieb. Elkin verstaute die Papiere im Safe. Der Trucker behielt seine Unterlagen. Mit falschem Haifischgrinsen schüttelte Elkin T.O. die Hand.

»Das war’s, Mister Washburn. Dann wünsche ich Ihnen viel Erfolg bei der Fahrt. Vergessen Sie nicht, daß in vierzehn Tagen zehntausendneunhundert Dollar fällig sind. Wenn nicht, gebe ich den Wechsel ans Gericht.«

»Wieso zehnneun? Ich rechne zehndrei aus. Sechs Prozent im Monat von zehntausend Dollar für vierzehn Tage.«

»Aber Mister Washburn, die Zinsen laufen selbstverständlich für die gesamte Schuldsumme. Und zwar vom Gesamtbetrag, bis alles abgezahlt ist.«

Elkin grinste. T.O. hätte ihm am liebsten die Faust ins Gesicht gepflanzt.

»Sie schaffen das schon.« Elkin klopfte dem schwarzen Trucker, der ihn ein ganzes Stück überragte, auf die Schulter. »Ich bin nicht die Mafia, sonst würde ich sechs Prozent in der Woche nehmen. - Joey, bring Mister Washburn zur Tür.«

Der Modellathlet riß die Tür auf. Elkin räkelte sich lässig im Bürosessel, die Füße auf dem Tisch. T.O. ging. Als er noch einen Moment vor der nun geschlossenen Tür stehenblieb, hörte er Elkin und seinen Bodyguard höhnisch lachen.

T.O. überlief es. Spätestens jetzt hatte er den Eindruck, einen folgenschweren Fehler begangen und sich und die Louisiana-Lady noch tiefer in die Tinte gesetzt zu haben. Er mußte von jetzt an praktisch rund um die Uhr gegen den drohenden Ruin und die Beschlagnahme und Zwangsversteigerung des Trucks anfahren.

Da brauchte nur eine größere Panne aufzutreten, ein Unfall, brauchte der Scheck eines Auftraggebers fürs Rollgeld zu platzen, und der Fall war gelaufen. Wenn der Peterbilt erst einmal beschlagnahmt war, würden Sheila Dalton und T.O. ihn nie zurückerhalten.

Dann konnte damit nämlich kein Geld mehr verdient werden, und die Schulden wuchsen. T.O. zog sich müde ins Führerhaus. Er fuhr zurück zur Louisiana-Lady. Unterwegs wandte er sich auf dem Trucker-Kanal 19 an alle Trucker, die ihn hören konnten.

»Hi, Hotwheeler, hier spricht T.O. Washburn, CB-Handle Louisiana-Lady.«

»He, T.O., hast du dich einer Geschlechtsumwandlung unterzogen?« meldete sich eine bärbeißige Stimme, der man die Bartstoppeln ihres Besitzers förmlich anhöreh konnte. »Hier spricht Mack Owenshore, der Roadrunner-Colonel.«

»Haha«, machte T.O. Dergleichen Späße hingen ihm mittlerweile zum Hals heraus. »Erweist mir mal einen Gefallen, Jungs. Gebt über die Funkkette einen Suchruf an meinen früheren Partner Jim Sherman im Bison durch. Ich will ihn dringend sprechen. Er soll mich unter folgender Telefonnummer anrufen.« T.O. gab die Nummer des Coffeeshops im Parterre des Hauses durch, in dem die Louisiana-Lady wohnte. Von dort konnte man ihn an den Apparat holen.

»Jim soll sich sofort melden«, sagte T.O. »Mir brennt der Auflieger lichterloh.«

Die Bestätigung, daß der Suchruf über die Funkkette hinausging, folgte prompt. Ein Truck gab den Ruf jeweils so weit wie möglich weiter. Innerhalb kurzer Zeit flog die Suchmeldung über sämtliche Highways und wurde wiederholt, bis Jim Sherman sich meldete.

Die Kameradschaft der Trucker untereinander und ihr Ehrenkodexermöglichten die gegenseitige Hilfe. Es war Ehrensache, den Notruf weiterzugeben.

»Was, du fährst nicht mehr mit deinem Partner Jim?« erkundigte sich der »Roadrunner-Colonel«, der irgendwo in der Nähe von Baton Rouge unterwegs war. »Wie kommt das denn? Ich dachte immer, eure Partnerschaft könnte man nicht mal mit Dynamit auseinanderbringen. Wer hat das denn geschafft?«

»Eine Frau. Ich bin Vater geworden.«

»Ja, dann. Wer ist denn die Unglückliche?«

»Sheila Dalton, die Louisiana-Lady. Deshalb fahre ich jetzt ihren Truck.«

»Paß bloß auf, daß dir damit nicht auch noch ein Verkehrsunfall passiert, Alter«, stichelte der Fahrer des »Roadrunner-Colonel«.

Mithörende Trucker lachten. T.O. explodierte.

»Paß bloß auf, du Igelgesicht, oder ich verbiege dir demnächst mal den Auspuff. Mein Michael ist ein Prachtbaby. Du bist ja bloß neidisch, weil du nichts zustande kriegst, was Hand und Fuß hat, du taube Nuß. Außerdem werde ich die Louisiana-Lady heiraten. - Sonst noch Fragen?«

Eine kurze Pause folgte. Verschiedene Trucker, die noch nichts von T.O.s Vaterfreuden wußten, beglückwünschten ihn. Dann meldete sich der bärbeißige Mack Owenshore noch einmal.

»Dann heirate mal, wenn sie dich nimmt, T.O. Bist ein guter Junge. Warum soll es dir bessergehen als mir? Ich bin auch verheiratet, und solange ich unterwegs bin, funktioniert die Ehe glänzend. Bloß ab dem zweiten Tag bei meiner Alten zu Hause ist der Teufel los. - Aber die Erfahrungen wirst du auch noch machen. Wollt ihr später zusammen fahren? Oder abwechselnd im Job-Sharing wegen des Kindes?«

Darüber hatte T.O. noch nicht nachgedacht.

»Das wird sich noch finden«, sagte er. »Over.«

Damit schaltete er die Squawbox ab. Inzwischen hatte T.O. den Parkplatz vorm Apartmenthaus erreicht. Er klopfte dem Peterbilt Conventional aufs Lenkrad, eine abschließende Geste. Jetzt hatte er die Fahrt endgültig hinter sich, wenn auch nicht für lange.

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend stieg T.O. aus dem Führerhaus. Wie ein Schlafwandler - die Erschöpfung setzte jetzt bei ihm ein -betrat er kurz darauf das Apartment von Sheila.

Er legte sich auf die Bettcouch.

»Bist du mit Elkin einig geworden?« erkundigte sich die Louisiana-Lady.

»Ja. Wir haben eine Frist. Die Einzelheiten erzähle ich dir morgen«, sagte T.O. und gähnte herzhaft.

Sheila half ihm beim Ausziehen, weil dem Ex-Boxer die Augen zufielen.

T.O. glaubte, kaum eine Minute geschlafen zu haben, als es losging.

»Wäh! Wääähhh! Ha-bääähhh! Wääähhh!«

Sohnemann meldete sich. Er hatte Hunger. Sheila, die sich an T.O. gekuschelt hatte, stand sofort auf, um das Baby zu stillen. Das Licht schimmerte T.O. durch den Raumteiler in die Augen. Er drehte sich auf die andere Seite und wollte weiterschlafen.

Es ging nicht. Michael schrie nach dem Stillen immer noch. Sheila sang Wiegenlieder und tröstete ihn.

T.O. wankte zu ihr.

»Was hat er denn? Ist er krank?«

»Nabelkoliken.«

Details

Seiten
547
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941937
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906837
Schlagworte
sherman spannungsromane

Autor

Zurück

Titel: 5 Spannungsromane: Sherman kommt durch!