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5 Spannungsromane: Rache, krumme Touren und ein Trick aus Hollywood

2020 547 Seiten

Leseprobe

5 Spannungsromane: Rache, krumme Touren und ein Trick aus Hollywood

Earl Warren

Published by BEKKERpublishing, 2020.

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5 Spannungsromane: Rache, krumme Touren und ein Trick aus Hollywood

Von Earl Warren

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Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Spannungsromane

von Earl Warren:

Highway-Kid

Catcher, Trucks und krumme Touren

Absturz in Alaska

Shelbys Rache

Der Hollywood-Trick

––––––––

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Spannungsgeladene Romane eines Spitzen-Autors!

Immer wieder kommen die Trucker Sherman und Washburn in abenteuerliche Situationen, geraten zwischen die Fronten krimineller Banden oder in die Intrigen konkurrierender Firmen und Familien-Clans.

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Copyright

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author /

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Highway-Kid

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von Earl Warren

»Was ist denn da vorn los?« fragte T.O. Washburn. »Das sieht mir nach einer Entführung aus.«

»Abwarten«, meinte Jim Sherman und trat leicht auf die Bremse. »Wir werden es uns mal anschauen.«

An der Auffahrt zum Interstate Highway 55 versuchten zwei bullig gebaute Männer gerade, einen etwa zwölfjährigen rothaarigen Boy in einen grünen Buick Electra zu zerren.

Der Junge schrie aus Leibeskräften und sträubte sich. Er trat einen der Männer ans Schienbein, daß der aufschrie und auf einem Bein hüpfte. Er packte den Jungen am Kragen und holte mit der Rechten zum Schlag aus. »Warte, du Teufelsbraten, dir werde ich es zeigen!«

Bevor der Mann zuschlagen konnte, dröhnte eine Mehrklangfanfare, Marke Texas Stierhorn, markerschütternd los. Die Männer fuhren zusammen. Vor ihnen ragte der mächtige Kühlergrill eines Kenworth Conventional W 900 auf. Der brandrote Truck mit den zwei aufgemalten Büffeln an beiden Seiten der langgezogenen Kühlerhaube war vom Truck Stop Springfield North gekommen.

Er hatte Auflieger und Anhänger hinter sich, ein Heavy-Long-Hauler und schweres Geschoß. Im Führerhaus hinter der Windschutzscheibe saßen ein schwarzer und ein weißer Trucker. Beide gestikulierten.

»Hilfe!« schrie der Boy und hielt sich an der Dachkante des Buicks fest, in dessen Fond die Männer ihn drängen wollten. »Helft mir, Trucker!«

T.O. lehnte sich aus dem Fenster. Aus zweieinhalb Meter Höhe schaute er auf die Szene nieder.

»Was habt ihr mit dem Boy vor?« fragte er die zwei Männer, die dunkle Anzüge, auffällige Krawatten und Sonnenbrillen trugen. Vertrauenerweckend sahen sie nicht aus, eher wie zwei Ganoven. »Was soll das werden?«

»Halt du dich da heraus, Schuhputzer!« antwortete der eine. »Der Boy ist ein Ausreißer. Wir sind beauftragt, ihn zu seinem Vormund zurückzubringen. Das geht dich gar nichts an.«

»Ich will nicht zu meinem Vormund!« schrie der Junge. »Ich will zu meinem Vater. Er ist ein Trucker wie ihr.« Das galt Jim und T.O. »Helft mir!«

Angst und Verzweiflung des Boys waren unverkennbar. Der eine Mann war um den Buick herumgelaufen und von der anderen Seite in den Fond gestiegen. Er zog den Boy nun ins Auto. Sein Kumpan schlug die Tür zu und klemmte sich hinters Steuer. Auf dem Rücksitz hielt der zweite Mann den Jungen gepackt.

Noch dröhnte der 450-PS-Motor des »Bison«, wie Jim und T.O. ihren Kenworth nannten. Jim fackelte nicht. Er fuhr wenige Meter vor, schlug dabei das Steuer ein und klemmte den Buick mit seinem dreißig Meter langen Long Hauler ein.

T.O. öffnete schon die Tür. »Einen Schuhputzer hat er mich genannt, dieser Krawattenständer«, grollte er. »Dem werde ich einen Schuhputzer geben.«

Damit sprang der schwarze Hüne und Ex-Schwergewichtsboxer aus der Kabine, landete federnd und ging auf den Buick zu. Er klopfte gegen die Scheibe.

»Aussteigen«, verlangte er. »Jetzt will ich erst mal genau Bescheid wissen, wer ihr seid und weshalb ihr den Jungen gegen seinen Willen mitnehmen wollt. Erzählen kann man mir viel. Ich will was Schriftliches sehen.«

Die beiden Männer protestierten und schimpften, T.O. solle sich aus dem Weg scheren und der Kenworth den Weg freigeben. Man würde sonst eine Amtshandlung behindern. Doch T.O. ließ sich nicht einschüchtern. Da der Buick auch nicht zurückstoßen und auf der anderen Seite am Lastzug vorbeifahren konnte, stieg der Fahrer endlich aus.

Jim war auf den Shotgunsitz herübergerutscht und lehnte sich sitzend aus der Kabine. Er spitzte die Ohren.

Der Buickfahrer hielt T.O. eine Lizenz unter die Nase. Sie zeigte sein Foto.

»Saul Murchison von der Shackleton Detektivagentur, Chicago«, sagte der Bursche, als ob das ganz was Besonderes wäre. »Das im Auto ist mein Kollege Bill Jonas. - Hier haben Sie auch noch ein Schreiben von Mister und Missis Tyrone Dexter, Highland Park, Chicago, in dem die Shackleton Agency beauftragt wird, den Boy zurückzubringen.« Murchison zückte seine Brieftasche und kramte darin. »Da ist zudem eine Fotokopie der Vormundschaftsvollmacht von Mister und Missis Dexter für ihren Neffen Pete. - Sind Sie nun zufrieden?«

T.O. schaute sich die Schriftstücke an. Er erkannte sie als echt und wollte sich schon geschlagen geben, als der Junge losschrie: »Mein Onkel und meine Tante mißhandeln mich. Ich halte es nicht mehr aus bei ihnen. Ich will zu meinem Daddy, der ein Trucker ist. - Ich will nicht zurück zu Onkel Tyrone und Tante Helen.«

Der zweite Privatdetektiv im Fond hielt dem Boy den Mund zu.

»Willst du wohl deine Klappe halten, du Lümmel?« schrie er. »Gleich gibt es was hinter die Ohren.«

T.O. reichte die Schriftstücke zu Jim hoch, der sie sich anschaute und zurückgab.

»Wollen Sie uns noch weiter behindern?« fragte Murchison aufmüpfig. »Der Fall ist doch wohl klar, oder?« T.O. rieb sich Über die Bartstoppeln. »Mir gefällt die Art nicht, wie Sie mit dem Boy umspringen«, sagte er. »Er ist schließlich ein Kind, und ich halte nichts davon, wenn zwei ausgewachsene sogenannte Privatdetekive Kinder bedrohen oder gar schlagen. Wie ist das übrigens mit dem Schuhputzer, den Sie mir gerade an den Kopf geworfen haben, Murchison? Der Schuhputzer von so einem Al-Capone-Verschnitt, wie Sie einer sind, bin ich noch lange nicht. -Ich finde, daß Sie sich dafür entschuldigen sollten.«

Hinterm Anhänger wurde gehupt.

Der Langtransport blockierte die Ausfahrt, und es wollten auch noch andere Trucker auf den Highway. Jim meldete über Funk zurück, man habe was abzuklären, und die Trucks hinter ihm sollten sich mal ’nen Moment gedulden.

Murchison knirschte mit den Zähnen.

»Also gut, ich entschuldige mich«, fauchte er. »Können wir jetzt endlich fahren?«

»Erst wenn ich weiß, weshalb ausgerechnet eine private Detektivagentur mit der Fahndung nach dem ausgerissenen Jungen beauftragt wurde«, meldete sich Jim, der das Funkmikro wieder eingehängt hatte. »So was ist doch üblicherweise Sache der Behörden. Weshalb hat man sie in dem Fall nicht hinzugezogen? Ist an den Miß-' handlungen, die der Junge angibt, vielleicht was dran? Er soll sich offen und ohne Angst zumindest zu uns äußern können.«

»Hilfe!« schrie der Boy wieder.

Da verpaßte ihm der zweite Privatdetektiv eine Ohrfeige. Wutentbrannt wollte T.O. die Tür aufreißen, die jedoch von innen verriegelt war. Plötzlich spürte er etwas Kaltes und einen Druck überm Ohr. Als er aufschaute, sah er aus den Augenwinkeln, daß ihm Murchison eine Pistole an den Kopf hielt.

Die sechzehnschüssige Beretta war entsichert und durchgeladen.

»So«, sagte der Chicagoer Privatdetektiv. »Jetzt langt es mir mit dem Gequatsche. Ihr gebt uns sofort den Weg frei und laßt uns den Jungen zu seinem Vormund zurückbringen, oder es knallt. Von euch dämlichen Truckern haben wir uns lange genug aufhalten lassen. - Steig in eure Mühle, Schwarzer, und dann verschwindet, aber fix!«

Wieder ertönte die Mehrklangfanfare eines der Trucks, die sich an der Ausfahrt stauten. Saul Murchison wurde einen Moment abgelenkt. Das war sein Fehler. Jim stand schon auf der Lauer. Mit einem blitzschnellen Tritt oben vom Führerhaus aus brachte er die Beretta F 96 aus der Richtung.

Und nur einen Moment später landete T.O. bei dem Privatdetektiv einen bilderbuchmäßigen Haken. Murchison knickte zusammen und sagte »Umpf!«, was T.O. mit »Sehr richtig!« beantwortete. Blitzschnell entriß er dem Angeschlagenen die Pistole und hielt damit ihn und . ’nen Kumpan im Auto im Schach.

Das Blatt hatte sich gewendet. T.O. stand in Combatstellung da und hielt die Pistole mit beiden Händen. Jim grinste breit.

»Austeigen und die Flossen hoch!« befahl T.O. in schönster Filmgangstermanier dem Privatdetektiv Jonas. »Laß sofort den Boy los!«

»Prima, ihr seid Mordstypen!« jubelte Pete Dexter, als Jonas mit langem Gesicht ausstieg. Er schnappte sich einen Campingbeutel, der im Fußraum lag, und kam hinter Jonas her.

Jim forderte Pete auf, in den »Bison« zu klettern, und ließ ihn vorbei. Murchison und Jonas wollten aufmucken. Doch T.O. befahl ihnen gleich, die Klappe zu halten und sich breitbeinig und am Buick abgestützt hinzustellen, mit dem Gesicht zum Wagen.

»Ihr kennt das ja sicher«, sagte der schwarze Hüne und klopfte die beiden nach Waffen ab, nachdem er Jim die Pistole zugeworfen hatte.

T.O. wurde nicht fündig. Er schaute sicherheitshalber auch noch im Handschuhfach ihres Buick nach, weil er sich ungern, in den Rücken schießen ließ. Auch da war keine Schußwaffe mehr. T.O. ließ die beiden in der unbequemen Haltung stehen.

»Ihr beide könnt zur eurer windigen Detektei zurückgurken«, sagte er, »und dort Bescheid geben, daß wir zwei, nämlich die Trucker T.O. Washburn und Jim Sherman aus San Antonio in Texas, die Sache mit Pete Dexter in die Hand genommen haben. Wir werden seinem feinen Onkel mal auf den Stiftzahn fühlen, ob das mit den Mißhandlungen stimmt. Gegebenenfalls schalten wir die Jugendbehörde ein, damit sie ihm die Vormundschaft entzieht. -Sonst noch Fragen?«

Die zwei schimpften wie die Rohrspatzen.

»Der Junge lügt doch wie gedruckt!« behauptete Murchison. Mit einer Hand rieb er sich immer noch sein Kinn. »Das wird Sie teuer zu stehen kommen...«

»... sagte das Callgirl zum Kunden«, spottete T.O. »Freunde, wir müssen weiter. Kommt uns nicht noch mal in die Quere. Wenn ihr wieder mal ein Kind verschleppen wollt, paßt besser auf, daß keine Trucker dabei in der Nähe sind.«

Damit stieg T.O. ein, denn das Hupkonzert hinterm »Bison« wurde ungeduldiger. Aus dem Bordfunkgerät drang ein wirrer Wortsalat, in dem Satzfetzen vorkamen wie »... haben unsere Zeit nicht gestohlen!« und »Haltet euren Kaffeeklatsch woanders ab!«

Jim war hinters Lenkrad gerutscht. Die Pistole hatte er auf die Ablage gelegt. Pete Dexter saß stolz wie ein Schneekönig links auf dem Shotgunsitz, so daß T.O. noch genug Platz übrig hatte. Dumpf knallte die Tür der Fahrerkabine zu. Der massige Caterpillar-Motor bullerte unter der Haube im Leerlauf. Jim legte den Gang ein und senkte den Fuß aufs enorm breite Gaspedal.

»He!« rief Murchison, als sich die 63 Tonnen auf dreißig Rädern in Bewegung setzten. »Was ist mit meiner Pistole?«

»Die kannst du dir bei den Dexters abholen!« rief T.O. durch den Motorenlärm zurück. »Oder kauf dir ’ne neue.« Saul Murchison blieb stehen und fluchte mörderisch hinter dem Kenworth her. Dieselauspuffgase umwehten den Privatdetektiv. Weitere Trucks samt Aufliegern und Anhängern rollten an ihm vorbei und auf den Highway, wo sie sich in den Verkehr einfädelten.

Die Auffahrt bebte durch die Kraft der starken Motoren. Murchison konnte dem urigen Bild der vorbeifahrenden Highway-Giganten nichts abgewinnen. Mit hängenden Ohren trottete er zu seinem Partner Jonas zurück.

»Das ist in die Hose gegangen«, sagte er. »Wäre schade, wenn uns die fette Prämie fürs Zurückbringen des Jungen durch die Lappen ginge. Aber darüber ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich rufe mal unsere Auftraggeber an und schildere ihnen die Sachlage.«

»Du willst ihnen erzählen, daß die zwei Trucker uns eingemacht haben?«

»Bin ich blöd?« Murchison tippte sich an die Stirn. »Denen sage ich, daß ein ganzes Rudel von Truckern über uns hergefallen ist, mit Brecheisen und was nicht noch allem. Daß sie uns drohten, unseren Buick plattzuwalzen, wenn wir den Jungen nicht herausrücken. Wir sind von einer erdrückenden und bis an die Zähne bewaffneten Übermacht bezwungen worden, klar?«

Jonas nickte.

***

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Inzwischen bedankte sich Pete Dexter ein ums andere Mal, daß ihm die Trucker aus der Patsche geholfen hatten. Stolz und aufgeregt schaute er durch die in der Mitte geteilte Frontscheibe. Er trug saubere Jeans, Turnschuhe, ein T-Shirt unter der Bomberjacke und hatte auf dem Kopf eine Baseballmütze, unter der ihm das widerspenstige feuerrote Haar vorquoll. Mit seiner Jungenstupsnase und den kecken Sommersprossen sah er aus wie ein richtiger Lausebengel. Weil er so klein war, konnte er kaum über die Kühlerhaube gucken und sah den Highway erst in vierzig, fünfzig Metern Entfernung. Er äußerte sich aber sachkundig zu dem 900er Kenworth.

»Ist das ein Sechs- oder ein Achtzylinder? Welche Maschine und wieviel PS habt ihr? Was für ein Getriebe?«

»Sechszylinder, Caterpillar, 450 PS«, antwortete T.O., dem der Bengel gefiel. »Fuller-RTO-Getriebe, zehn Gänge, zusätzlich zwei Kriech- und Rückwärtsgänge und 'nen Overdrive, wenn dir das was sagt, Fete.«

»Klar. Damit kann man ’ne Menge Benzin sparen«, äußerte Pete altklug. »Den hatte mein Dad in seinem alten Mack RS 700 nicht drin. Er wollte sich dann einen Super-Liner kaufen, mit allen Schikanen, Fernsehen und einem extra Bett für mich im Sleeper, wenn ich mal wieder mitfahre. Leider habe ich Dad und seinen neuen Mack noch nie gesehen.«

»Was ist denn das für eine Geschichte mit dir und deinem Valer, Pete?« fragte Jim. Der blonde, breitschultrige Texaner hielt das Steuer lässig und hatte den Ellbogen auf den Holm vom heruntergekurbelten Fenster gestützt. »Deine Mom ist gestorben?«

»Ja. Vor vierzehn Monaten. An Krebs. Da kann man nichts machen.«

»Das tut mir ehrlich leid, Junge«, sagte Jim. »Jetzt lebst du also bei einem Vormund. Sind deine Eltern geschieden gewesen, oder wie kommt es, daß du nicht zu deinem Vater gekommen bist, nachdem deine Mom starb?«

»Ja. Sie wurden geschieden, als ich fünf Jahre alt war. Ich habe dann zunächst bei meiner Mom in Chicago gelebt. Damals hat mich mein Vater noch regelmäßig besucht, wenn er in der Gegend war. Er ist immer auf Ferntouren gewesen, auch in Kanada und Mexiko. Als ich acht war, sind wir zu meinem Großvater in die Villa in Highland Park gezogen.« Das war ein Vorort von Chicago. »Da war Mom nämlich schon krank und konnte nicht mehr arbeiten. Großvater mochte meinen Dad nicht. Für Grandpa waren Trucker Tunichtgute und Habenichtse.«

Das war starker Tobak.

»Dein Grandpa ist auch gestorben?« fragte T.O.

»Ja, vor drei Jahren, als ich neun war«, antwortete Pete.

»Was war er denn von Beruf?« forschte T.O.

»Börsenmakler.«

»Na dann«, konnte sich Jim nicht verkneifen, seinen Kommentar zu den Ansichten dieses Mannes über Trucker zu geben. »Nachdem ihr zu deinem Großvater gezogen seid, konnte dein Dad dich nicht mehr so häufig sehen?«

»Genau, Mister Sherman. Das gab immer einen Riesenkrach und ein Getue, wenn Dad mit seinem alten Truck anrollte. Dreimal hat Großvater Dad die Polizei auf den Hals gehetzt, um seinen Truck abschleppen zu lassen. Immer wollte er ihm was anhängen. Mom hielt den Krach nicht aus. Sie war schon zu krank. Einmal hat Dad meinem Großvater sogar Prügel angedroht. Da hat er Dad wegen Hausfriedensbruch und Nötigung angezeigt. Kurz danach ist er gestorben. Doch Onkel Tyrone und Tante Helen, die dann in die Villa zogen, waren genauso wie er. Am Erntedankfest vor zwei Jahren ist Dad zum letzten Mal da gewesen, um mich zu sehen. Ich wurde eingesperrt. In seinem Zorn ist Dad mit seinem Mack durchs Villentor und quer über den Rasen gefahren. Onkel Tyrone ist auf der Flucht vor Dads Truck in den Swimmingpool gefallen. Das war lustig. Aber damit hörte der Spaß auch auf. Die Polizei kam und holte Dad ab. Onkel Tyrone ließ ihm verbieten, auch nur in meine Nähe zu kommen. Seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen.«

»Dann hast du also zum letzten Mal vor zwei Jahren von deinem Vater gehört, Pete«, sagte Jim. Er mußte an seine gescheiterte Ehe mit Cora-Mae denken, der ältesten Tocher des Trucker-Kings. Sie hatten keine Kinder gehabt, die unter der Scheidung hätten leiden müssen. »Wie heißt dein Dad denn, Pete?« fragte Jim.

»Ryan Basey. Meine Mutter nahm nach der Scheidung ihren Mädchennamen wieder an und gab ihn auch mir. Kennt ihr meinen Dad vielleicht?«

»Was glaubst du, wie viele Trucker zwischen der Ost- und der Westküste unterwegs sind, Pete?« fragte Jim. »Ich kenne zwar eine Menge Ryans, doch von einem Ryan Basey wüßte ich im Moment nichts. - Ist dir der Name ein Begriff, T.O.?«

Der Shotgun schüttelte bloß den Kopf. Pete wußte das CB-Handle seines Vaters nicht, auch nicht, ob er für eine Firma fuhr oder selbständig war. Den früheren Mack RS 600 Cabover seines Vaters beschrieb er als dunkelblau und riesig, mit aufgemalten Girls am Kühler, was nun auch keine sehr nützliche Angabe war.

Pete kannte den derzeitigen Wohnsitz seines Vaters nicht. Im Grunde genommen wußte er nur den Namen, daß er ein Trucker war und vorgehabt hatte, sich einen Mack Super-Liner zu kaufen, das Flaggschiff und größte Geschoß der Firma Mack. Doch ob Basey das auch getan hatte, war Pete ebenfalls nicht bekannt.

»Du hast also keine Ahnung, wo dein Vater zur Zeit ist?« fragte Jim.

»Irgendwo auf den Highways, und er will mich bei sich haben«, antwortete Pete mit kindlicher Überzeugung. »Ihr Trucker haltet doch alle so toll zusammen. Ihr könnt ihn bestimmt finden, wenn ihr euch umhört.«

Jim lachte kurz auf.

»Finden könnte man ihn schon, vorausgesetzt, daß er noch Trucker ist«, erwiderte Jim. »Nur kann das eine Weile dauern. Und du kannst nicht so einfach mit uns durch die Gegend gurken. Du mußt doch zur Schule, oder?«

»Jetzt sind Herbstferien. Deswegen bin ich ja ausgerissen, weil ich nämlich wieder mal Hausarrest hatte. Meinem Onkel und meiner Tante kann ich nichts recht machen. Ständig bin ich zu laut, im Weg, zu wild oder zu frech. Die beiden können Kinder nicht ausstehen.«

Jim fragte sich, weshalb sie dann die Vormundschaft für ihren Neffen übernommen hatten, und ob Pete in allen Punkten die Wahrheit sprach. So auch, was seinen Vater betraf. Klar idealisierte Pete ,den fernen Trucker-Vater, der vielleicht gar nicht hielt, was er sich von ihm versprach.

Auf Jims und T.O.s Fragen, wie ihn sein Onkel und seine Tante mißhandelten, was er vorhin geschrien hatte, zählte Pete gleich einen ganzen Katalog auf. Demnach wurde er wirklich für jede Kleinigkeit mit Essensentzug, Schlägen, Einsperren und dem zwangsweisen Trinken von Rizinus bestraft.

»Dein Onkel läßt dich Rizinus trinken?« fragte T.O., dem das doch zu merkwürdig erschien.

»Nein, er nicht, sondern Tante Helen«, sagte Pete. »Davon bekommt man ordentlich Bauchweh. Und wie das Zeug schmeckt - iihhh! Onkel Tyrone läßt mich mit Vorliebe auf dem harten Steinfußboden vor der Terrasse knien, auch im Winter. Manchmal stundenlang. Danach muß ich mich jedesmal bei ihm bedanken, weil diese Strafen nur zu meinem Besten dienen, damit ich nicht so ein Nichtsnutz wie mein Vater werde. Wenn ich bei Tisch mal nicht ganz gerade sitze, gibt es mit dem Lineal auf die Finger. Mein Onkel hat mich auch schon über Nacht in den Heizungskeller gesperrt und solche Sachen.«

Jim und T.O. schauten sich Über Petes Kopf weg an. Entweder hatte Pete eine blühende Phantasie und schwindelte, daß sich die Kabinendecke hätte biegen müssen, oder seine Verwandten waren Unmenschen. Die Trucker begriffen bloß nicht, warum sie das hätten machen sollen. Oder spielte vielleicht Geld eine Rolle?

»Zu Lebzeiten deiner Mutter wurdest du anders behandelt?« fragte T.O.

»Ja, sicher. Das hätte Mom nie zugelassen, daß sie so mit mir umspringen, ganz gleich, wie krank sie war. Grandpa ist auch anders gewesen. Da hatte ich noch viel Freiheit. Nur meinen Vater mochte er eben nicht. Solange Mom noch lebte, waren ihr Bruder und ihre Schwägerin ja scheißfreundlich zu mir - oh, entschuldigt den Ausdruck.«

»Wir haben schon schlimmere gehört«, antworteten die Trucker lachend. Jim schlug vor: »Ich bin Jim, das ist T.O.« Pete sagte ganz ernst: »Ihr könnt mich Pete nennen«, was wieder Gelächter auslöste.

»Gibst du uns dein großes Pfadfinderehrenwort, daß du in allem die Wahrheit sprichst?« fragte Jim den Boy.

»Aber natürlich«, antwortete Pete beleidigt. »Sehe ich vielleicht wie ein Lügner aus? Mein Onkel und meine Tante mißhandeln mich, ich kann es bloß nicht beweisen. Zweimal habe ich schon mit jemandem darüber gesprochen, einmal mit einer Lehrerin, dann mit unserem Baseballtrainer vom Sportclub. In beiden Fällen haben Tyrone und Helen mich als einen path... pytho... na ja, so einen besonders schlimmen Lügner hingestellt. Zum Rektor der Elementary School sind sie gegangen und zu wem noch alles und haben sich bitter beklagt, daß sie doch alles für mich täten und daß ich so schwierig und undankbar wäre. Sogar der Schulpsychologe hat ihnen geglaubt. Da fragt man sich, wozu der eigentlich studiert hat.«

»Bist du denn wegen der Mißhandlungen mal zum Jugendamt gegangen, Pete?« fragte Jim.

»Nein, nach den Pleiten vorher nicht mehr. Da kommt einmal im Jahr eine Fürsorgerin, und die wickeln Tyrone und Helen sowieso ein. Für diese Fürsorgerin bin ich der böse, verstockte Junge, der seinen guten Vormundseltern viel Kummer bereitet. Tyrone und Helen sind raffiniert. Sie mißhandeln mich so, daß keine Spuren davon Zurückbleiben. Wenn Tyrone mich schlägt, dann mit einem nassen Handtuch. Und mit dem Lineal auf die Finger, da siehst du auch nicht viel.«

Jim schaltete den Overdrive ein. Der »Bison« rollte energiesparend mit 55 Meilen über den Highway, in Richtung Chicago, wo die Trucker eine Ladung Rinderhälften in einer Konservenfabrik abzuliefern hatten. Sie hatten die Fracht in Wyoming übernommen, als Sondertransport.

Nachdem sie den totgeglaubten Henry B. Ryland gefunden und nach San Antonio zurückgebracht hatten, waren Jim und T.O. auf eine weite Tour gegangen. Damit, daß Ryland noch lebte, war sein Testament hinfällig, das die RTC-Firmenanteile aufsplittete und Jim mit zehn Prozent an dem Trucker-Imperium beteiligte. Jim trauerte dem keineswegs nach.

Er war heilfroh, daß sein früherer Schwiegervater noch lebte. Jim wünschte nichts sehnlicher, als daß Ryland sich völlig erholte und wieder der kraftstrotzende, energiegeladene Trucker-King wurde. Bei der RTC hatte derzeit noch Sharkey Lerby das Sagen, der infamste Stinkstiefel von Texas. Denn Ryland war noch längst nicht wieder auf dem Damm.

Zudem hatte sich über den Buschtelegraphen, nämlich die Über CB- und die Rubberband funktionierende Verbindung der Trucker quer durch die Staaten, Merkwürdiges zu Jim und T.O. herumgesprochen. Seit kurzer Zeit erfolgten geheimnisvolle Anschläge auf RTC-Trucks, bei denen jeweils die Trucks samt der Ladung vernichtet wurden.

Die Highway-Piraten kaperte jeweils die Trucks mit raffinierten Mitteln. Fahrer und Shotgun wurden betäubt und irgendwo ins Gelände gelegt, womöglich noch gefesselt, und dann hörte man, daß es wieder mal einen Knall gegeben hatte oder daß ein Truck samt Fracht ausgebrannt war. Welchen Sinn das haben sollte, wußten Jim und T.O. nicht.

Jedenfalls wurde die RTC von einem geheimnisvollen Gegner angegriffen und geriet in Verlegenheit. Jim hätte derzeit nicht in Lerbys Stinkstiefeln stecken mögen, sah aber auch keinen Grund, sofort zurückzubrausen und seine Hilfe anzubieten. Schließlich gab es für die Ermittlungen gegen die Highway-Banditen das FBI und alle möglichen Polizeibehörden.

Jim und T.O. fuhren erst mal weiter ihren Kurs und kümmerten sich um ihre Angelegenheiten. Die Beteiligungsbande zwischen Jim und der RTC waren zerschnitten. Sharkey Lerby hatte Jim deutlich und oft genug gesagt, was er von ihm hielt.

Jims Gedanken schweiften an Ort und Stelle und zu Pete zurück.

»Jetzt hast du es also nicht mehr ausgehalten und bist ausgebüchst?« fragte er.

»Ja, Jim. Vorgestern abend, nachdem ich wieder mal ohne Essen ins Bett mußte, reichte es mir. Da bin ich bei Nacht weg, und ich legte Tyrone und Helen einen Brief hin, daß ich zu meinem Vater gehen würde.«

Das mit dem Brief war unvorsichtig gewesen, da er die Dexters gleich auf die richtige Spur lenkte. Pete war, wie er erzählte, von Highland Park aus per Anhalter zu einer Highway-Raststätte außerhalb Chicago gefahren. Dem Fahrer hatte er vorgeschwindelt, seine Mutter würde dort arbeiten.

»Von der Raststätte fuhr ich mit einem älteren Ehepaar weiter«, erzählte Pete. »Denen habe ich erzählt, ich müsse zu meinem Daddy, der ein Trucker sei und am folgenden Tag an einem bestimmten Truck Stop eintreffen würde. Dort habe ich die Trucker nach meinem Daddy gefragt. Doch keiner konnte mir weiterhelfen.«

Pete klang sehr enttäuscht. Er hatte offensichtlich geglaubt, seinen Dad würde jeder Trucker kennen und es wäre ein Kinderspiel, ihn zu finden.

»Ich bin mit einem Freightliner weitergefahren. Das war vielleicht eine Schleuder. CB-Handle .Fliegende Rakete‘. Ein Conventional mit Turbolader und 525 PS. Wenn der abging, da wackelte die Wand. Ein toller Truck.«

»Du bist also an verschiedenen Truck Stops gewesen und hast deinen Vater vergeblich gesucht?« fragte T.O.

»Klar bin ich nicht an einer Stelle geblieben, damit Tyrone und Helen mich nicht so schnell wifeder zu fassen kriegten. Seit ich aus der Villa weg bin, habe ich unterwegs mal kurz im Truck und letzte Nacht ein paar Stunden am Boden von einem Truck-Stop-Waschraum geschlafen, in einer Ecke, wo man mich nicht so leicht sah. Da war es wenigstens warm. Zu essen und trinken kriegte ich von den Truckern auch. Freundlich waren sie ja, bloß wegen meinem Däd konnten sie mir nicht helfen. Beim Truck Stop in Springfield wollte ich wieder Anhalter spielen. Doch da tauchten die beiden Männer auf.«

»Sie müssen sich über CB-Funk bei den Truckern nach dir erkundigt haben«, sagte Jim. »Tja, Pete, das ist nicht so einfach, deinen Dad zu finden, wie du es dir vorgestellt hast. Gibt es denn in der Villa niemanden, der bezeugen könnte, wie schlecht du behandelt wirst?«

»Nur der Butler wohnt ständig im Haus. Aber dem ist alles wurst, solange er freien Zugang zum Weinkeller hat. Daß Dienstmädchen und Reinemachfrau nichts mitkriegen, so schlau sind Tyrone und Helen schon lange. - Ja, glaubt ihr mir denn nicht?«

»Wir müssen genau Bescheid wissen, worauf wir uns einlassen, wenn wir dir helfen sollen, Pete«, sagte Jim. »Wir fahren jetzt erst mal nach Chicago und liefern unsere Fracht ab. Jetzt ist es halb zehn. Um spätestens 15 Uhr müßte das erledigt sein. Dann suchen wir deinen Onkel und deine Tante auf.«

»Muß icn mit?« fragte Pete entsetzt. »Ich dachte, ihr seid meine Freunde?«

»Wir lassen dich nicht im Stich, mein Junge«, versprach T.O. »Aber ein paar Takte mit deinem Onkel und deiner Tante müssen wir schon reden. Denn wenn wir dich einfach widerrechtlich mitnehmen, kann man uns wegen Kindesentführung belangen. Da mußt du schon verstehen, daß wir Vorsorgen müssen. Aber du brauchst keine Angst zu haben. Wir sind clever, wenn es darum geht, Leuten auf den Zahn zu fühlen und ihnen die Wahrheit zu entlocken.«

Pete war anzusehen, daß er da seine Zweifel hatte. Der Boy gähnte. Die Lider sanken ihm herab.

Er hatte wenig geschlafen und Streß und Aufregungen hinter sich.

»Weißt du was?« fragte T.O. »Warum haust du dich nicht in unseren Sleeper und horchst die Matratze ab? Bei uns bist du gut aufgehoben. Wir wecken dich schon, wenn du gebraucht wirst.«

Pete war so müde, daß er zustimmte. T.O. zog den dicken Vorhang vorm Durchstieg auf und wies Pete an, nach hinten zu klettern, während Jim in gemäßigtem Tempo weiterfuhr. Pete legte sich lang. Der Reißverschluß wurde wieder zugezogen.

»Ihr seid ja flott eingerichtet, Trucker!« rief er laut, als er auf der oberen Liege lag. »Ihr laßt mich wirklich nicht im Stich?«

»Dreimal großes Pfadfinderehrenwort, Pete!« rief Jim zurück.

Als T.O. fünf Minuten später nachschaute, schief der Boy. Er hatte die Schuhe und seine Oberbekleidung ausgezogen. Sie lagen zusammengeknüllt am Boden des Sleepers, der rucksackartig an den Kenworth angebaut war und 2,20 m breit, 1,70 m tief und knapp 1,80 m hoch war. Das reichte für zwei übereinander angeordnete Schlafkojen, damit bei einer nächtlichen Rast beide Trucker schlafen konnten.

Pete schlummerte scheinbar friedlich. Währenddessen zerbrachen sich Jim und T.O. den Kopf, wie sie ihm helfen konnten. Denn auch wenn sich seine Geschichte als wahr herausstellte, konnten sie nicht einfach einen zwölfjährigen Jungen ohne die Erlaubnis der Erziehungsberechtigten mitnehmen.

Die Erziehungsberechtigten waren aber die Dexters.

»Vielleicht haben Sie ja die Detektei Shackleton in seinem Interesse mit der Suche nach Pete beauftragt, statt zur Polizei zu gehen«, überlegte Jim laut. »Vielleicht wollten sie nicht, daß er in der Erziehungsanstalt landet. Die Shackleton-Detektive halten dicht, wenn sie einen Ausreißer aufgreifen.«

»Ha, wie reell die zwei Ganovengesichter sind, kannst du an der Kanone sehen, die da vor dir liegt, Jim. Wer solche Leute beauftragt, jder hat etwas zu verbergen. Ich bin geneigt, dem Jungen zu glauben.«

»Glauben heißt etwas behaupten, was man nicht weiß, T.O.«, sagte Jim nüchtern. Er drehte sich einhändig eine Zigarette. Der rote Kenworth Long Hauler fuhr auf dem schnurgeraden, vierspurigen Highway durchs HUgelgelände von Illinois. Der Herbst färbte die Wälder bunt. Die Sonne schien; es war ein schöner Tag. Satt brummte der Motor. Genug Sprit im Tank, das Gaspedal unterm Fuß und eine gutbezahlte und reichliche Fracht - was wollte ein Trucker mehr? »Wir schauen uns die Dexters mal an.«

»Und ob wir das werden«, entgegnete T.O. hitzig. »Wenn auch bloß ein Teil von dem stimmt, was uns der Junge Über sie erzählt hat, dann können sie was erleben. Dann blase ich ihnen nämlich so den Marsch, daß sie noch als Greise käsebleich und schlotternd aus dem Rollstuhl springen, wenn sie bloß daran denken.«

***

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Die Konservenfabrik Michigan Beef befand sich in dem Chicagoer Industrievorort Gary in einer tristen Umgebung. Hier erstreckten sich lauter alte Fabrikbauten. Der Lake Michigan schwappte schmutzigtrüb an die Ufer. Von Motor- und Segelbooten, wie sie sonstwo den Lake Michigan bevölkerten, war hier nichts zu sehen. Auch versuchte hier kein Angler sein Glück. Die paar Fische, die hier noch umherschwammen, waren längst nicht mehr zum Verzehr geeignet.

Der »Bison« bog vom Interstate Highway 90 ab, der Chicagos Häusermeer von Nord nach Süd durchschnitt.

»Chicago«, sagte T.O. träumerisch. »Die Stadt, die den Ruf Al Capones und das Odium der Schlachthöfe nie losgeworden ist. Ein dreifaches Meer.«

»Wie das?« fragte Jim.

»Tags ein Häusermeer, nachts ein Lichtermeer - frühmorgens gar nichts mehr. - Ah, da ist das Hinweisschild zur Konservenfabrik. Michigan Beef Vollfleischkonserven. Steaks und Stews für den Großabnehmer gibt’s auch. Ich dachte, die stellen nur Hunde- und Katzenfutter her. - Wußtest du eigentlich, daß dreißig Prozent der verkauften Hunde- und Katzennahrung von Menschen verzehrt werden?«

»Von dir vielleicht, von mir nicht. Pete schläft noch. Wir 'wollen unsere Fracht schnellstmöglich loswerden. Dann fahren wir gleich weiter nach Highland Park. Ich meine übrigens, die zwei Privatdetektive eben im Außenspiegel gesehen zu haben. Aber ich bin mir nicht ganz sicher.«

»Kann schon sein, daß sie uns folgen«, meinte T.O. »Heranwagen sollen sie sich lieber nicht.«

Der insgesamt dreißig Meter lange Sattelzug quälte sich durch engste Straßen. Natürlich hatte irgendwo einer so geparkt, daß man nicht vorbei konnte. Gellendes Gehupe rief den Fahrer auch nicht herbei.

T.O. stieg aus und winkte Jim mit dem Lastzug zurück. Man bog ab, stieß in die andere Straße zurück und gelangte dann in der anderen Richtung ums Karree zur Konservenfabrik. Dort saß eine Art Gnom in Pförtneruniform in seiner Loge und schaute trübe über die Sportzeitung weg.

Er verwies die Trucker an die Laderampe. Dazu mußte man rechts um die Halle fahren, was wieder äußerst schwierig wurde. Jims Armmuskeln spielten bei der Millimeterarbeit, mit der er den Lastzug dirigierte, wie das nur ein Könner schaffte. Endlich stand alles so, wie er es wollte. Die Druckluftbremsen zischten.

»Geschafft.« Jim stellte den Motor ab. »Jetzt brauchen wir nur noch die Papiere abzuliefern, unseren Scheck in Empfang zu nehmen und abzudampfen.«

Das Ausladen war nicht Sache der Trucker. Das hatten Arbeiter von Michigan Beef mit dem Gabelstapler zu erledigen. Pete schaute aus dem Durchstieg zum Sleeper.

»Sind wir schon da?« fragte er verschlafen.

»Was heißt hier schon?« fragte Jim. »Es ist halb drei. Warte im Führerhaus. Wir sind gleich zurück, und dann geht es weiter.«

Pete preßte die Lippen zusammen. Jim und T.O. entging der betretene Gesichtsausdruck, mit dem Pete an seine Verwandten dachte. Die Trucker stiegen aus dem Führerhaus. T.O. sprang wie immer von der Unterkante Führerhaus 1,30 m tief auf den Boden.

Jim sagte, auch wie immer: »Du brichst dir noch mal ein Bein. Aber denk bloß nicht, daß ich dann deine Arbeit mit erledige.«

»Ja, ja, du alte Unke. Und so was will von den Pionieren abstammen. Mit solchen wie dir hätten sie den Alamo kampflos geräumt und...«

Das Zuschlägen der Tür unterbrach die weiteren Worte. Pete sah die Trucker davongehen. Er stieg nach vorn und setzte sich auf den Fahrersitz. Pete war wieder vollständig angezogen. Er dachte an seinen Vater und wie es ihm jetzt wohl ging, wo er sich überhaupt befand.

Gegen Jim und T.O. war Pete mißtrauisch. Sie wollten ihn doch zu seinen Verwandten zurückbringen, so wie er es sah. Wahrscheinlich belügen sie mich nur und wollen mir gar nicht helfen dachte er. Oder sie lassen sich von Tyrone und Helen einwickeln, wie alle anderen bisher auch. Warum sollten sie besser oder klüger sein? Ich muß weg hier, sonst haben die Dexters mich gleich wieder beim Haken.

Am liebsten wäre er mit dem Trucker abgebrummt. Doch Jim hatte den Zündschlüssel mitgenommen. Zudem gelangte Pete mit dem Fuß nicht mal ans Gapedal, und er schaute kaum übers Steuer.

Er überlegte, holte dann seinen Campingbeutel, der im Sleeper lag, und stieg klammheimlich aus. Doch Pete hatte sich ein wenig zuviel Zeit gelassen. Gerade als er Weggehen wollte, um das Fabrikgelände zu verlassen, bogen Jim und T.O. mit vier Männern von der Firma Michigan Beef um die Ecke.

»He, Pete, wohin willst du denn?« rief Jim.

Pete stutzte. Hohe Mauern rahmten den Fabrikhof ein, auf dem noch zwei weitere Lastzüge standen. Im Hintergrund standen Paletten übereinandergestapelt und türmten sich Container. Pete konnte nicht weg vom Gelände, dazu hätte er nach vorn und an den Truckern vorbei gemußt.

Sonstwo auf dem Hof konnte er sich schlecht verstecken. Pete wollte durch die Fabrik, wo er die Verfolger abzuhängen hoffte. Irgendwo würde es einen Ausgang geben, durch den er sich davonstehlen konnte.

Er rannte leis und sah, über die Schulter blickend, wie Jim ihm nachspurtete. T.O. rief, er sollte keinen Quatsch machen. Ihr bringt mich nicht zurück zu den Dexters! dachte Pete und warf Jim den Campingbeutel vor die Füße. Jim sprang darüber weg.

Pete kletterte pfeilschnell auf die Laderampe, rannte auf ihr entlang und flitzte durch eine Metalltür in die Konservenfabrik. Jim folgte ihm knapp hinterher. Pete geriet in einen Dunst nach Fleischabfällen und verdorbenem Fleisch, der noch viel intensiver als draußen war. Wenn das Michigan Beef so schmeckte, wie es hier roch, sollte man es besser nicht essen.

Pete fand sich in einer teilautomatisierten Fabrik wieder, wo Rinderhälften automatisch ausgebeint, zerteilt und auf Förderbändern weitergeleitet wurden. Es war laut, und es stank. Hilfskräfte in schmierigen weißen Kitteln, mit Mützen am Kopf, damit keine Haare ins Fleisch fielen, gingen umher, bedienten die Maschinen und beförderten auch mal heruntergefallene Teile zurück auf den Rost.

Von der anderen Seite der Halle ertönte besonders ohrenbetäubender Krach. Dort wurde das Fleisch eingedost und liefen die Konservendosen die Bandstraßen entlang, wo sie verschlossen und etikettiert wurden.

Die Fabrik fraß Stunde um Stunde Hunderte Rinder-, Schweine- und Sonstwashälften und spuckte dafür Abertausende von Konservendosen aus. Jim sah Pete unter den Förderbändern durchkriechen. Er folgte dem Jungen, den er nicht aus den Augen verlieren wollte.

Eine übergewichtige Walküre mit Kittel und Gummischürze schrie Jim etwas zu, das er nicht verstand, und schwenkte ein riesiges Hackmesser. Womöglich verwursten sie mich auch noch, wenn ich hier aufs Band gerate, dachte Jim. Dann gehe ich als Dosenfutter raus.

Pete rannte eine gewinkelte Metalltreppe hoch. Auf der zweiten Etage der Halle, die wie die anderen einen Gitterrostboden hatte und nur einen Teil der Hallenfläche einnahm, sollte er gestoppt werden. Doch Pete krabbelte dem schwarzen Arbeiter, der ihn mit ausgebreiteten Armen fassen wollte, zwischen den Beinen durch. Dann sprang er sofort wieder auf und flitzte weg.

Jim schrie dem Schwarzen zu, er müsse den Boy fangen.

»Zutritt für Unbefugte verboten!« brüllte der Schwarze zurück.

»Ich gehe nicht ohne den Jungen raus!« antwortete Jim und schob den Mann zur Seite.

Eine Lautsprecherdurchsage hallte. Jim verstand sie nur halb - er und Pete wurden aufgefordert, sich bei einem Vorarbeiter zu melden. Ein frommer Wunsch. Eine Etage tiefer kam Jim an einen Durchgang. Plötzlich wanderten lauter Rinderhälften auf ihn zu, die an Haken hingen. Die Haken wiederum liefen in einer Führungsrille. Jim zwängte sich zwischen den Rinderhälften durch, sah Pete laufen - und erwischte ihn gerade noch, bevor er in einen brodelnden, dampfenden Bottich im Boden fiel.

Wie es aussah, wurden dort Rinderhufe und Knochen mit einer Lauge von den letzten Fleischresten befreit. Dann wurde daraus Düngemehl gewonnen. Die Lauge war stark ätzend, und wäre Pete hineingefallen, wäre es ihm übel bekommen.

Jim zerrte ihn zurück.

»Was ist denn bloß in dich gefahren, du Lümmel?« rief er. »Wenn du baden willst, such dir einen anderen Pool aus.«

Zum Dank für seine Hilfe trat Pete Jim gegen das Schienbein, offenbar etwas, auf das er geeicht war. Jim ließ einen Moment locker, und Pete riß sich los und rannte schon wieder weg, diesmal die Treppe hinunter. Dann kletterte er auch noch Über ein Geländer, balancierte auf einem Band, daß Jim schon fürchtete, eine Zerhackmaschine würde ihn erfassen, sprang aber noch rechtzeitig ab.

Jim folgte auf anderem Weg, sah Pete aber nicht mehr. Arbeiter kamen Jim entgegen. Man schaute, man fragte, überall wurde nachgesehen, doch Pete blieb wie vom Erdboden verschluckt. Jim fürchtete schon, ihm sei etwas zugestoßen, als eine letzte Möglichkeit untersucht wurde.

Mit einem Vorarbeiter zusammen betrat Jim einen Kühlraum. Auch dort baumelten die obligatorischen Rinderhälften und halben Schweine. Jim wurde an einen Film mit seinem Namensvetter, dem Boxer Jim, erinnert, als der sich im Sparring mit halben Rindern im Kühlhaus fittrainiert hatte.

T.O. war vor Lachen fast abgebrochen, als er den Film gesehen hatte.

Die beiden Männer fröstelten im Kühlhaus. Sie wollten es schon verlassen, als Jim ein Klappern hörte, ähnlich wie von Kastagnetten. Er folgte diesem Geräusch und fand Pete, der sich in die Ecke gekauert hatte. Der Junge war schon zehn Minuten im Kühlhaus Und schlotterte.

Jim packte ihn am Kragen.

»Na, du Ausreißer? Jetzt habe ich dich doch wieder. Was sollte die Extratour denn?«

Pete konnte nicht antworten. Er fror und klapperte zu sehr mit den Zähnen.

***

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Als Jim Pete zum »Bison« zurückbrachte, fand er T.O. im Clinch mit einem Firmenveterinär vor. Der Mann wollte die Trucker nicht weglassen, bevor er die Ladung geprüft und sein erstes Okay zu der Abnahme gegeben hatte. Außerdem mußten der Auflieger und der Anhänger samt Fracht und ohne gewogen werden, um einen Betrug mit zuwenig Gewicht auszuschließen.

»Wie lange soll das denn dauern?« fragte T.O. »Denkt ihr vielleicht, wir haben unterwegs die halbe Ladung gefuttert oder verscherbelt?«

»Wir denken hier überhaupt nichts, wir halten uns an die Vorschriften«, erklärte der Fleischbeschauer. »Ihr könnt unsere Kantine aufsuchen und, selbstverständlich gegen Bezahlung, das gute Michigan Beef genießen. Bei Feierabend sagen wir euch dann, wie weit wir gekommen sind.«

T.O. schwoll der Hals an.

»Ich will mich doch nicht mit eurem Sohlenleder von Fleisch vergiften«, sagte er. »Wir haben die Rinderhälften ordnungsgemäß abgeliefert. Es sind 45 Tonnen. Wenn es sein muß, fahren wir die Kühlcontainer noch auf die Waage. In den Papieren steht genau drin, wieviel der Auflieger und der Anhänger wiegen. Wenn ihr das abzieht, werdet ihr ja wohl das Gewicht der Ladung errechnen können. - Wir wollen unseren Scheck haben.«

Einen Teil hatte der Absender bezahlt, das weitaus meiste von den Frachtkosten sollte Michigan Beef berappen. Der Veterinär und der Lademeister schüttelten synchron den Kopf.

»Ohne Wiegen nach Ausladen und Fleischbeschau gibt es keinen Scheck«, sagte der Veterinär. »Das steht auch in Ihrem Frachtvertrag. Haben Sie das Kleingedruckte denn nicht gelesen?«

»Nein. Was denn noch alles?« fragte T.O. »Wißt ihr, was der Unterschied zwischen euch und dem Fleisch drinnen ist? Da drinnen sind halbe Ochsen.«

Das beeindruckte den Veterinär und den Lademeister jedoch auch nicht. Man war hier eine rauhe Sprache gewöhnt. Jim mischte sich ein. Man einigte sich darauf, daß die Trucker absatteln und erst mal wegfahren sollten. Am folgenden Vormittag sollten sie wiederkommen und würden, wenn alles in Ordnung war, bezahlt werden. Auf die Abfertigung zu warten, wäre sinnlos gewesen. Der Veterinär konnte lange brauchen.

Jim und Pete stiegen ein. T.O. löste die Arretierung und zog die Spiralkabel für Strom und Druckluft vom Auflieger ab. Er verstaute die Kabel und kurbelte die Stützbeine vom Auflieger herunter. Jim klinkte die Rockinger-Sattelkupplung automatisch aus. T.O. kletterte ins Führerhaus.

Den Rest konnten die Leute von der Konservenfabrik selbst erledigen. Pete saß zwischen den Truckern, als sie vom Hof fuhren. T.O. murrte wegen des Aufenthalts.

»So wird man reingelegt. Wenn wir gleich eine Anschlußfracht übernommen hätten, eine Terminlieferung, wären wir aufgeschmissen.«

»Wir haben aber keine«, sagte Jim, während sie durch den Feierabendverkehr in Richtung Highway 90 fuhren.

Mit der Zugmaschine allein kam man schnell voran. Jim mußte'aufpassen, daß er nicht zuviel Gas gab.

»Wir könnten aber eine haben«, beharrte O.T. auf seiner Meinung. »Hier geht es ums Prinzip. Ein solches Verfahren ist unfair.«

»Gut, du hast recht, und ich habe meine Ruhe. Jetzt zu dir, Pete. Was ist denn bloß in dich gefahren, plötzlich verschwinden zu wollen?«

Pete fragte nach seinem Gepäck, dem Campingbeutel, und T.O. erklärte ihm, daß er das längst wieder im Sleeper verstaut hatte. Dann berichtete Pete von seinen Ängsten, und daß er den Truckern, die er ja erst kurz kannte, nicht traute. Und daß er auf gar keinen Fall zu seinen Verwandten zurück wollte.

»Wir lassen dich nicht hängen, Junge«, sagte Jim. »Paß mal auf.«

Er erklärte, was er sich vorstellte.

***

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Die Villa stand im vornehmen Viertel Highland Park direkt an der Uferpromenade. Hohe Mauern mit oben einbetonierten Eisenspitzen und einem Alarmdraht umgaben ein großes Grundstück mit alten Bäumen und Blumenrabatten. Der Rasen war so gepflegt, als ob er mit der Nagelschere geschnitten würde.

Die weiße Villa war L-förmig erbaut und zweigeschossig, mit Baikonen, einer teils überdachten Terrasse und einem Wintergarten hinten. Der Swimmingpool war um die Jahreszeit schon leer.

Schönwetterwolken zogen über den Lake Michigan hin. Die Sonne meinte es noch einmal gut an diesem Oktobertag.

Tyrone Dexter war ein großer, beleibter Mann, konservativ gekleidet, mit kurzgeschorenem Haar und randloser Brille. Sein Lächeln war so falsch wie seine Zähne. Er zeigte Fremden gegenüber stets eine heuchlerische Freundlichkeit, klagte gern, wie schwer er es doch hätte, wie verderbt doch die Welt sei, und er wies vorzugsweise auf seine guten Werke hin. Sie bestanden hauptsächlich in seiner Phantasie.

Helen Dexter, seine Frau, war mit 31 Jahren sieben Jahre jünger als ihr Mann, der durch seine Art schon altväterlich wirkte. Sie war flachbrüstig, spitznasig, hatte lockiges, brünettes Haar und trug ein teures Modellkleid. Zudem war sie mit Schmuck behängt wie ein Christbaum.

»Ach, daß wir diesen gräßlichen Jungen wieder bei uns aufnehmen müssen«, klagte sie. »Aber es bleibt wohl nichts anderes übrig. - Diese Fernfahrer, die ihn herbringen, müßten bald aufkreuzen. Womöglich verlangen sie noch eine Belohnung?«

»Zehn Dollar sind genug«, verkündete Tyrone. »Schließlich handelt es sich ja um eine moralische Pflicht, einen ausgerissenen Jungen wieder in den Schoß der Familie zurückzugeleiten. - Laß das nur mich erledigen. Ich wipimele die schon ab. Viel wichtiger ist, daß wir ihren Argwohn beschwichtigen. Pete hat ihnen bestimmt allerlei erzählt.«

Die Privatdetektive Murchison und Jonas hatten bei den Dexters angerufen, Jim und T.O., nachdem sie die Konservenfabrik verließen, ebenfalls. Jim hatte sich am Telefon in einer Fernsprechzelle nicht weiter geäußert, sondern nur gesagt, wann man mit Pete erscheinen würde.

»Wir müssen den Männern wenigstens einen Imbiß anbieten«, meinte Helen. »Wir müssen froh sein, daß sie Pete nicht der Polizei übergeben haben. Dann wären eine Menge Dinge zur Sprache gekommen und an das Jugendamt weitergeleitet worden. Die Fürsorgerin haben wir zwar immer beschwatzt, aber dort arbeiten auch noch andere Leute.«

»Ja, ja, hm, hm. Höchste Zeit, daß wir Pete endlich klein kriegen und in unserem Sinn erziehen können.« Das hieß, daß er ein Duckmäuser und Heuchler werden sollte, der sich nicht regte und nichts mehr zu melden hatte. »Was den Imbiß für die Trucker betrifft, werde ich Jerome sagen, er soll zwei Lachsbrötchen vorbereiten. Das muß genügen.«

Es klingelte. Tyrone Dexter nahm den Hörer der Sprechanlage ab, die ihn mit der Einfahrt verband. Wegen der Bäume und der Mauer ums Grundstück konnte man nicht sehen, wer vorm schmiedeeisernen Einfahrtstor hielt. Jim meldete sich über die Sprechanlage.

Tyrone Dexter drückt den Knopf, der das Tor öffnete, ließ die Trucker aufs Grundstück fahren und wandte sich übers Haustelefon an den Butler.

Man hörte den Motor des »Bisons«. Die rote Kenworth Conventional Zugmaschine mit dem langen Kühler und den übers Kabinendach ragenden Auspuffrohren fuhr vor die Villa und hielt neben dem dort parkenden Caddy Seville Elegante. Der schwarze Fourwheeler wirkte mickrig gegen den wuchtigen und dennoch formschönen Truck, durch dessen Frontscheiben man die Trucker und Pete sah. »Da sind sie«, sagte Tyrone unnötigerweise. »Jetzt heißt es aufgepaßt, Helen. Das sind rüde Burschen, bestimmt nicht allzu intelligent.« Tyrone Dexter tippte sich an die Stirn.

Jim, T.O. und Pete stiegen aus und gingen zum Haus. Es klingelte. Der Butler öffnete. Jim sah eine schlaksige, hagere Figur mit wäßrigen Blauaugen vor sich. Der Butler Jerome trug eine wespenfarbige Weste. Er roch stark nach Wein und nach Pfefferminz, das er lutschte, um seine Fahne zu übertünchen.

Er hörte sich die Namen an und sagte, die Herrschaften würden schon warten. Man möge ihm folgen. Betont steif ging er vor den zwei Truckern und dem Jungen her.

»So eine Kreuzung von Weinschlauch und Kleiderständer habe ich selten gesehen«, flüsterte T.O.

Pete, der seinen Campingbeutel über der Schulter trug, lachte trotz seiner Sorgen. Man betrat nun den Salon, in den sich die Dexters begeben hatten und wo sie sich die Ehre gaben. Der Boden war mit Parkett getäfelt. Ein Lüster, eichene Tafel, Seidentapeten und Gemälde alter Meister vervollständigten die Einrichtung. Das Ganze wirkte verklemmt und bigott.

Der Butler meldete die Trucker an. Tyrone Dexter kam ihnen mit ausgebreiteten Armen entgegen.

»Ich bin ja so froh, daß Sie uns den Jungen heil wiederbringen, Mr. Sherman und Mr. Washburn. Er bereitet uns solche Sorgen. Dabei geben wir uns die größte Mühe mit ihm. Aus purer Nächstenliebe und Christenpflicht haben wir die arme Waise bei uns aufgenommen, nachdem seine Mutter, meine arme Schwester, ach so früh starb und der Vater sich nie um ihn kümmerte. Und wie lohnt es uns Pete?«

»Du lügst, Onkel Tyrone!« sagte Pete mutig. Der Butler stand bei der Tür schweigend im Hintergrund. »Mein Dad wollte mich sehr wohl besuchen, und er hat mir auch regelmäßig geschrieben und mich anrufen wollen. Aber das habt ihr ja immer verhindert!«

»Ryan Basey ist ein Schurke und ein Herumtreiber«, behauptete Tyrone Dexter. »Er hatte es immer nur auf das Geld meiner Schwester abgesehen. Zuletzt hat er betrunken hier Sachschaden angerichtet und herumkrakeelt, so daß wir zu anderen Maßnahmen greifen mußten, um ihm Einhalt zu gebieten. Seitdem hat er nichts mehr von sich hören lassen. Er zahlt weder Unterhalt, noch schrieb er mal in den letzten zweieinhalb Jahren, was auch nicht anders zu erwarten gewesen ist.«

»Gemeine Lügen!« rief Pete wieder. Tyrone wollte die Trucker gleich wieder wegschicken. »Gott vergelte es Ihnen, daß Sie Pete in den Schoß seiner Familie zurückgeführt haben, Mr. Sherman und Mr. Washburn. Mit Güte und auch einem Quentchen Strenge wollen wir Pete auf den rechten Weg bringen. Anders haben wir es nie gehalten. Es geschieht alles zum Besten des Jungen. - Hier sind zehn Dollar.« Tyrone zog den Schein mit großer Geste aus der Brieftasche. »Jerome wird Ihnen einen Imbiß reichen, und dann entschuldigen Sie uns bitte. Wir sind sehr beschäftigt, und Sie wollen sicher weiterfahren.« Jim traf keine Anstalten, nach den lumpigen zehn Dollar zu greifen. Tyrone Dexter zog die Brauen hoch.

»Wollen Sie etwa mehr Geld für die selbstverständliche Pflicht, die Sie erfüllt haben? Das ist ja die Höhe.«

»Behalten Sie Ihren Schein«, antwortete Jim. »Pete hat uns allerhand über Mißhandlungen und einen Psychoterror erzählt, dem er hier ausgesetzt sei. - Wie verhält es sich damit?«

»Ich weisch von nichts«, nuschelte der Butler, der für wenig Geld arbeitete und trotz seiner Promille voll einsatzfähig war.

Er ging hinaus und brachte die zwei Lachsbrötchen auf einem Silbertablett.

»Bitte!« forderte Jerome die Trucker förmlich zum Zugreifen auf.

»Die Schrippen könnt ihr euch in die Haare schmieren«, sagte T.O. Breitbeinig stand er da, ein Hüne von Mann mit schwarzer Lederjacke und rotem Hemd darunter. Die Hände hatte der schwarze Exschwergewichtsboxer schützend auf Petes Schultern gelegt. »Der Junge hat uns diese Dinge sehr überzeugend geschildert. Vielleicht spielen ja finanzielle Interessen eine Rolle, daß Sie die Vormundschaft für ihn übernommen haben. Sie scheinen ja sehr hinterm Geld her zu sein.«

Das konnte man schon an der Art erkennen, wie Tyrone die zehn Dollar gleich wieder weggesteckt hatte. T.O. stach hier in ein Wespennest. Helen Dexter rang wieder die Hände. Tyrone setzte eine finstere Miene auf und wurde jetzt kurz und bündig.

»Das brauchen wir uns von Ihnen nicht unterstellen zu lassen«, fauchte er. »Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus und das Grundstück! Sonst verständige ich die Polizei und zeige Sie wegen Hausfriedensbruchs an.«

»Nicht genug, daß uns der Junge nur Sorgen bereitet, jetzt bringt er uns auch noch neues Truckerpack ins Haus, nachdem wir das alte endlich losgeworden sind!« jammerte Helen. »Tyrone, ich will diese unmöglichen Menschen nicht länger unter meinem Dach haben.«

»Natürlich, meine Liebe. - Also, gehen Sie gutwillig, oder muß die Polizei kommen? Ich versichere Ihpen, daß es Pete bei uns gut geht und kein Grund zur Klage für ihn besteht. Wir haben uns wohl nichts mehr zu sagen.«

Tyrone Dexter trat ans Telefon, hob den Hörer ab und tastete eine Nummer ein.

»Police Station Highland Park West? Hier spricht Tyrone Dexter, Sea Avenue 36.«

»Wir gehen, Mister«, sagte Jim und hob beschwichtigend die Hand. »Wir wollen keine Scherereien haben. Wenn Sie uns Ihr Wort geben, daß Pete gelogen hat, müssen wir Ihnen wohl Glauben schenken. Schließlich sind Sie der Vormund.«

»Einen Moment noch, ich glaube, es hat sich erledigt«, sagte Tyrone in den Hörer. Und zu Jim gewandt: »Selbstverständlich versichere ich Ihnen das als ein Honoratior dieser Gemeinde.« Dabei deckte er den Hörer mit der Hand ab. Jim und T.O. schickten sich an zu gehen. »Leben Sie wohl«, verabschiedete Tyrone sie frostig.

Er sprach noch wenige Worte in den Hörer und legte auf. Der Abschied zwischen den Truckern und Pete war kurz. Sie klopften ihm auf die Schulter, ermahnten ihn, es mit der Wahrheit in Zukunft genauer zu nehmen und vor allem nicht mehr auszureißen, und verließen die Villa. Kurz darauf hörte man den urigen Sound des Caterpillar-Motors. Der »Bison« spuckte blauen Abgasqualm aus den silbern glänzenden Auspuffrohren und fuhr davon.

Dann hörte man auf der Straße den Klang des sich entfernenden Kenworth. Der Butler schaute auf das Kontrollämpchen neben der Tür. Es zeigte an, daß das Einfahrtstor sich schloß.

»Gehen Sie wieder an Ihre Arbeit, Jerome«, forderte Tyrone Dexter ihn auf. Helen stand vor Pete und schaute ihn mit vor Wut funkelnden Augen an. »Jetzt zu dir, mein Junge«, sagte Tyrone mit tückischer Freundlichkeit. »Der Streich soll dir nicht unvergolten bleiben. Jetzt ziehe ich andere Saiten auf.«

***

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»Du kleine Kröte«, fuhr Tyrone Dexter seinen Neffen an. »Du bist genauso ein Galgenstrick und Taugenichts wie dein Vater. Aber dich kriege ich schon noch klein. Den Rest der Ferien hast du Zimmerarrest. Schlafen wirst du im Heizungskeller, hinter verschlossener Tür. Ich verbiete dir Bücher, Radio, alles. Nur ein paar Schulbücher kannst du dir mitnehmen.«

»Auf die pfeife ich auch!« rief Pete trotzig. »Und wenn ihr mich totschlagt, ihr bringt mich doch nicht davon ab, zu meinem Daddy zu wollen.«

»Unterbrich mich nicht!« sagte Tyrone. Blitzschnell zog er das metallene Lineal hinterm Rücken hervor, das er kurz zuvor aus der Schublade geholt hatte. Schon hatte Pete einen Schlag auf die Finger weg. Der Junge verbiß sich den Schmerz.

»Hr-hm!«

Die Dexters zuckten zusammen. Jemand hatte sich ganz in ihrer Nähe geräuspert. Sie schauten sich um - und sahen T.O. vorm offenen Fenster stehen und hereinschauen. Das Gesicht des Shotguns verhieß nichts Gutes.

»W-w-wo kommen S-Sie denn her?« stammelte Tyrone Dexter.

»Ich bin gar nicht weggefahren«, antwortete T.O. »Jim kehrt auch gleich wieder um. Er hat sich nur ein Stück entfernt.«

Man hörte schon wieder den Klang des heranfahrenden »Bison«. Zwischen die Flügel des Villentors hatte Jim ein Stück Holz geklemmt, damit das Schloß nicht einschnappte. Jim konnte es jetzt mit der breiten Stoßstange des Kenworth leicht aufdrücken.

T.O. kletterte geschmeidig zum Fenster herein.

»Tyrone, beschütze mich!« kreischte Helen. »Der Schwarze will über mich herfallen.«

»Nicht mal für Geld und gute Worte, Lady«, schnaubte T.O. »Halten Sie sich da raus!« Helen kreischte gekünstelt auf, rang wieder die Hände und sank in einen Sessel, wo sie die Ohnmächtige mimte. T.O. baute sich drohend vor Tyrone Dexter auf. »Du Heuchler und Schleimer, der Junge hat also die Wahrheit gesagt. Jetzt habe ich es mit eigenen Ohren gehört.«

Während T.O. Tyrone Dexter seine Boxerfaust unter die Nase hielt, sah man schon den Kenworth vors Haus fahren. »Am liebsten würde ich dir mal was verpassen.« knurrte T.O. »Es ist ungeheuerlich, was ihr dem Jungen angetan habt! Ihr gehört ins Gefängnis, ihr Pack.«

»T.O., ihr habt mich nicht im Stich gelassen!« rief Pete überglücklich. »Es hat alles geklappt, wie es besprochen war. Jetzt nehmt ihr mich mit und sucht mit mir zusammen meinen Daddy?«

»Ja, mein Junge«, sagte T.O. mit weicher Stimme. »Und wenn wir dafür bis nach Alaska hoch fahren müssen, wir finden ihn. - Dexter, Sie können es sich aussuchen. Wenn Sie die Polizei auf uns hetzen, packen wir dort gleich aus, wie Sie mit Pete umgesprungen sind. Andernfalls soll Petes Vater die nötigen Maßnahmen in die Wege leiten. Wir stellen uns ihm als Zeugen zur Verfügung. - Genau weiß ich nicht, was hier gespielt wird und weshalb ihr Pete dabehalten habt. Aber es ist jedenfalls irgendwas Mieses, Gemeines gewesen.«

Jim war inzwischen vor der Villa ausgestiegen und hatte den Butler zur Seite geschoben, der auf sein Sturmklingeln hin öffnete. Nun trat Jim ein. Pete lief zu ihm. Jim schloß sich, nachdem er Bescheid erhalten hatte, T.O.s Ausführungen voll und ganz an.

»Wir fahren; hier hält uns nichts länger«, sagte er und strich Pete Über den wirren roten Haarschopf. »Was du brauchst, kaufen wir dir unterwegs. -Was ihr Pete angetan habt, dafür werdet ihr euch verantworten müssen. An eurer Stelle würde ich mich bis auf die Knochen schämen.«

»Die Polizei...«, stammelte Tyrone Dexter.

»Rufen Sie sie doch!« forderte Jim ihn auf.

Er erhielt den allerletzten Beweis, falls noch einer notwendig war, wie sehr sich die Dexters im Unrecht befanden. Tyrone wagte nicht anzurufen. Jim führte den freudestrahlenden Pete hinaus, der außer seinem Beutel nichts mitnahm. T.O. schmetterte die Tür zu, daß es nur so knallte und die »ohnmächtige« Mrs. Dexter zusammenzuckte. Die Trucker und der Boy stiegen in den »Bison«.

Jim übernahm wieder das Steuer. Der bullige Caterpillar brüllte auf, und Jim lenkte den schweren Truck durch das Tor auf die Straße.

Auf der Sea Avenue sagte, T.O. zu Pete: »Na siehst du, das hat doch toll geklappt. Und du sorgtest dich schon.«

»Ihr seid Pfundskerle«, sagte Pete strahlend. »Aber warum hast du Tyrone denn nicht verprügelt, T.O.? Verdient hätte er es.«

»Weiß Gott«, erwiderte T.O. »Aber ich bin kein Schläger. Wenn jemand mich angreift, dann wehre ich mich, oder ich lange auch mal zu, um jemand aus der Patsche zu helfen. Doch sonst schlage ich nicht.«

»Aber du bist doch Boxer gewesen?« fragte Pete.

»Eben drum«, sagte T.O.

Man würde die Nacht außerhalb von Chicago in einem Motel verbringen. Am kommenden Morgen war dann der Scheck von der Konservenfabrik Michigan Beef abzuholen, wo der muffige Veterinär bis dahin hoffentlich seines Amtes gewaltet hatte. Dann würde die Suche beginnen, von der Jim und T.O. noch nicht wußten, auf wen sie dabei stoßen würden.

Pete war vollauf davon überzeugt, daß sein Dad sich nichts sehnlicher wünschte, als ihn bei sich zu haben. Doch in den letzten zweieinhalb Jahren konnte sich bei Ryan Basey einiges verändert haben. Vielleicht war er inzwischen gar nicht mehr so wild darauf,' seinen Sohn wiederzusehen.

Aber das war alles hypothetisch.

Zuerst einmal mußte man Basey finden.

***

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»Wenn man uns das Sorgerecht für den Jungen wegnimmt, sind wir aufgeschmissen«, sagte Tyrone Dexter im Salon zu seiner Frau. Jetzt zeigte Dexter sein wahres Gesicht und verzichtete auf die heuchlerischen Floskeln. »Du weißt, daß ich bei dem New Yorker Börsenkrach letztes Jahr, alles verloren habe.«

Tyrone Dexter war geschäftlich nie so ein As gewesen wie sein Vater. Er hatte in der gleichen Branche gearbeitet, als Börsenmakler und Rentenpapierhändler, jedoch in New York. Nach dem Tod des alten Dexter waren die in New York hoch verschuldeten Tyrone und Helen Dexter froh gewesen, in der Dexter-Villa in Chicago einen Unterschlupf zu finden.

Der alte Finanzhai Brad Dexter hatte seinen Pappenheimer Tyrone jedoch gekannt und sich auch mit dessen sauertöpfischer Gattin nie gut verstanden. Die Villa und den größten Teil seines Vermögens, außer dem Pflichtteil für Tyrone, hatte der alte Dexter seiner Tochter Marnie und deren Sohn Pete vermacht.

Tyrone hatte seinen Pflichtteil beim Börsenkrach verloren. Als Petes Vormund konnte er über Millionen verfügen, die er diesmal vorsichtigerweise nicht selbst verwaltete, und mit Helen in der Villa leben. Wenn aber Ryan Basey die Vormundschaft für seinen Sohn erhielt, waren auch Vermögen und Villa weg.

Dann standen sie auf der Straße. Und von ehrlicher, harter Arbeit zu leben, hatten diese Schmarotzer niemals gelernt. Sie hatten also allen Grund zur Besorgnis.

»Eine ganz üble Klemme, in die wir da geraten sind«, sagte Tyrone, auf und ab gehend, die Hände auf dem Rücken. »Ich wünsche den Kerlen die Pest an den Hals! Es wäre alles so einfach gewesen, wenn die Shackleton-Detektive uns Pete wiedergebracht hätten. Einmal müssen unsere Methoden ja fruchten und seinen Willen brechen. Dann ist er eine Marionette in unserer Hand. Bis er volljährig wird, sind es noch ein paar Jahre. Bis dahin haben wir das Geld sowieso, und dann kann man weitersehen. - Zuerst gilt es, ihn wieder zu uns zu bringen. An die Polizei wende ich mich liebe nicht.«

»Wenn Pete erst mal bei seinem Vater ist, sieht es schlecht für uns aus«, bemerkte Helen.

Kurz darauf - die Dunkelheit brach schon herein - trafen die Shackleton-Detektive Murchison und Jonas bei der Villa ein. Der Hausherr öffnete selbst.

Im Salon schimpfte Tyrone Dexter zunächst wie ein Rohrspatz, daß die Private Eyes sich Pete hatten abjagen lassen. Dann rückte er damit heraus, daß die Trucker Peter wieder mitgenommen hatten.

Murchison fragte nach seiner Pistole. Davon wußte Tyrone Dexter nichts. Bei dem Trouble hatte Jim sie im »Bison« liegengelassen.

»Was erwarten Sie jetzt von uns, Sir?« fragte Murchison. Er ließ sich in den Sessel fallen und zündete sich eine Zigarette an. Helen Dexter schimpfte gleich wegen des Rauchs. Mürrisch drückte Murchison die Kippe aus.

»Ich will immer noch meinen Neffen zurückhaben«, verlangte Tyrone Dexter. »Sie müssen ihn den Truckern abjagen. Auf keinen Fall darf Pete seinen Vater finden. Wie Sie das anstellen, ist mir egal. Ich frage nicht - ich will nur das Ergebnis sehen - und ich zahle.«

»Das müssen Sie auch«, sagte Murchison. »Aber nicht nur den bisher vereinbarten Tarif und lumpige zweitausend Dollar Erfolgsprämie. - Für zehntausend Dollar hätten mein Partner und ich wesentlich weniger Skrupel. Für zwanzigtausend - gar keine mehr Pro Mann, versteht sich. Mit unserem Agenturleiter Shackleton mögen Sie abrechnen, wie Sie wollen. Uns interessiert unser Verdienst. - Von meiner und meines Partners Forderung erzählen Sie ihm besser nichts. Shackleton ist nämlich noch viel geldgieriger als wir.«

Tyrone Dexter zeterte, er würde beraubt.

»Nie und nimmer lasse ich mich auf diesen Wucher ein! Es gibt auch noch andere Detekteien. Eher fahre ich selbst hinter den Truckern her.«

»Daran hindert Sie keiner, Mister«, sagte Murchison, und er und sein Partner standen auf. »Das würde ich gern mal sehen, wie Sie den zwei hartgesottenen Truckern den Jungen abluchsen. - Oder wenden Sie sich halt an die Polizei.«

»Dag - hm - möchte ich nicht.«

»Wie Sie wollen, Sir. Wir haben tien Jungen einmal gefunden und schon in unserer Gewalt gehabt. Wir würden das auch wieder schaffen. Jetzt können wir die zwei Trucker einschätzen, die uns bei dem Truck Stop in Springfield überrumpelten.« Murchison log hinzu: »Und die sich Unterstützung bei ihren Kumpels holten. Noch mal würde uns so was nicht passieren. - Aber wenn Sie meinen, daß Sie neue Leute besser und billiger einsetzen können, bitteschön. Vielleicht können Sie ja den Studentenschnelldienst beauftragen. Das sind die Allerpreiswertesten.« Das war der blanke Hohn. Murchison und Jonas wandten sich zum Gehen. Tyrone Dexter rief sie von der Tür zurück.

»Bitte, bleiben Sie noch.« Er versuchte, den Preis zu drücken, doch Murchison hatte gesehen, wieviel den Dexters an einem Erfolg lag, und ließ sich nicht erweichen. »Also gut«, stimmte Tyrone Dexter zähneknirschend zu und zückte gleich sein Scheckbuch, um einen saftigen Vorschuß auszuzahlen.

»Herzlichen Dank. Sie hören von uns«, sagte Murchison zum Abschied und nahm den Scheck an sich.

Pfeifend schlenderten die Shackleton-Detektive aus der Villa. Tyrone Dexter trauerte der unerwarteten Ausgabe noch etwas nach, faßte sich dann aber, indem er sich überlegte, wieviel auf dem Spiel stand. Nachdem die Detektive abgefahren waren, wandte er sich wieder an seine Gattin.

»Wenn Pete zurück ist, sorgen wir dafür, daß er nicht nochmal ausbüchst und weitere Probleme bereitet. Mir ist da eine Möglichkeit eingefallen.«

»Und die wäre?«

»Psychopharmaka«, sagte Tyrone Dexter. »Das ist die Lösung. Wir setzen den Boy so unter Medikamente, daß er lammfromm wird. Dann kann er uns keine Streiche mehr spielen. Ich werde mich mal genau erkundigen, was da am besten geeignet ist.«

»Aber das ist doch auf die Dauer schädlich, besonders bei einem Kind im Entwicklungsalter«, gab Helen zu bedenken.

»Es müssen ja nicht die stärksten Mittel sein«, sagte Tyrone. »Vielleicht, genügen schon sogenannte Beta-Blocker. Sollten sich bei Pete später Schäden einstellen, um so besser. Dann können wir ihn nämlich entmündigen lassen und behalten damit das Vermögen. So wird es gemacht.« Tyrone Dexter redete sich in Eifer. »Daran soll uns kein Trucker hindern.«

Selbst Helen erschrak vor der Skrupellosigkeit ihres Mannes. Doch ihre Habgier überwog gegen die Hemmungen. Sie stimmte Tyrone zu.

»Hast du eine Ahnung, wo sich Ryan Basey derzeit herumtreibt?« fragte sie. »Wann hat er sich denn eigentlich zuletzt gemeldet?«

»Das war vor einem halben Jahr«, erwiderte Tyrone. »Er rief mich im Büro an.« Tyrone hatte in der City ein Immobilienbüro mit drei Mitarbeitern. Das half ihm, die Zeit herumzubringen, und gab ihm einen geschäftlichen Anstrich. Damit unterblieb auch die peinliche Frage des Vormundschaftsgerichts, wovon die Dexters als Vermögensverwalter für ihr Mündel eigentlich lebten. Denn eigentlich hätten sie Petes Besitz nicht angreifen dürfen. So konnte Tyrone behaupten, er würde den Lebensunterhalt von seinem Einkommen als Immobilienmakler und -Verwalter bestreiten. »Er wollte wissen, wie es Pete und Marnie geht. Ich habe ihm gesagt, bestens, und ihm klargemacht, daß Marnie nichts von ihm wissen wolle. Basey meldete sich aus Colorado Springs. Er fährt wohl hauptsächlich im Mittleren Westen als freier Trucker.«

Tyrone lachte verächtlich.

»Wie kann einer seinen Lebensunterhalt dadurch bestreiten, Trucks über die Highways zu fahren? Und was für eine knochenharte Schinderei das ist. Ständig in Hetze und Zeitdruck, lange Stunden hinterm Steuer, kein Komfort, hastig hinuntergeschlungene Mahlzeiten. Für mich wäre das nichts.«

Helen küßte ihren Gatten auf die Wange.

»Du hast das ja auch nicht nötig. Basey weiß bisher nicht einmal, daß seine Exfrau verstorben ist?«

»Nein. Und das ist für uns auch besser so.«

***

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Bei Michigan Beef wurde der Scheck abgeholt und auch gleich bei der Chicago Citizen Bank eingelöst. Dann hielt man am Ufer des Lake Michigan. Jim warf Saul Murchisons Beretta so weit er konnte ins Wasser. Es spritzte auf, und dann war die Pistole weg.

»Weshalb hast du sie denn nicht behalten, Jim?« fragte Pete. »Wenn wir mal überfallen werden, hättest du dich mit der Pistole zur Wehr setzen können.«

»Ich mag keine Schußwaffen«, sagte Jim. »Sie geben einem Mann ein trügerisches Gefühl von Stärke, und die Lösungen, die sie schaffen, sind immer diktatorisch und blutig. So ein Ding fasse ich nur an, wenn es unbedingt sein muß. Zum Glück passiert das selten.«

Für Pete als Zwölfjährigen war es eine ganz tolle Sache, eine Pistole oder ein Gewehr zu besitzen. Er staunte über Jims Ansichten.

»Dein Dad würde das bestimmt ähnlich sehen«, behauptete Jim. »Jetzt gibt es eine Überraschung, Pete.« Jim zog den Boy zum Kenworth. »Schließ deine Augen.«

Pete kniff die Augen zu. T.O. reichte Jim die Schildmütze mit dem Kenworth-Firmenemblem aus dem Führerhaus. Jim hatte die Mütze in Petes Größe bei einer Kenworth-Filiale im Chicagoer Stadtteil Burbank heimlich besorgt.

»Jetzt bist du ein Trucker, Pete!« sagte Jim feierlich und klopfte dem Boy auf die Schulter. »Herzlich willkommen, Partner. Wir haben auch schon ein CB-Handle für dich: Trucker Kid.«

Pete faßte an die Mütze, die wie angegossen paßte, setzte sie ab, betrachtete sie und wollte es noch gar nicht glauben.

»Aber... ich weiß doch noch viel zu wenig«, sagte er. »Ich kann auch gar keinen Truck fahren. Ihr nehmt mich doch nicht für voll.«

»Trucker Kid, so was will ich nicht mehr von dir hören«, sagte T.O. »Sofort setzt du deine Mütze- auf, und dann fängst du an, das Metier zu lernen. Dein Dad hat dir zwar schon einiges beigebracht, aber da bist du noch zu jung gewesen, um viel zu kapieren.«

»Da war ich noch ’n Baby!« rief der Steppke. »Jetzt bin ich schon fast ein Mann.« Er reckte sich zur vollen Größe seiner hundertneunundvierzig Zentimeter und setzte die Mütze wieder auf. Stolz rückte er sie zurecht und klopfte die Hände ab. »Dann wollen wir mal mit den Lessons anfangen, Trucker T.O. - Also, ich höre?«

T.O. stellte sich vor den Kühlergrill, der Pete weit überragte. Die massive stählerne Stoßstange des »Bison« war fußbreit und vierkantig. In die Stoßstange waren zwei Breitstrahler eingebaut, darüber waren je zwei nebeneinanderliegende Scheinwerfer in die Kotflügel integriert. Zudem hatte der Kenworth noch die Blinkleuchten auf den Kotflügeln sowie ein von der Fahrerkabine verstellbares Spotlight und vier Leuchten am Dach. Wenn der »Bison« bei Nacht über den Highway rauschte, hatte er einen regelrechten Lichterbaum aufgesetzt.

T.O. packte die Kühlerfigur, nämlich das rote Kenworth-Markenzeichen mit dem K und darunterliegenden W im Kreis, und zog mit aller Kraft daran. Die Arretierung wurde gelöst, und die Motorhaube klaffte auf wie ein riesiges Maul, in dem man den Motor sah.

»Das ist ein wassergekühlter Sechszylinder-Motor von 16 Litern«, erklärte T.O. »Mit Füller R T 910 Zehnganggetriebe und Spicer-Doppelscheibenkupplung.« T.O. zeigte Pete verschiedene Teile. Dafür, daß der Motor schon einige hunderttausend Meilen auf dem Buckel hatte, sah er tadellos aus. »Alles, was mit den Achsen zusammenhängt, stammt von Rockwell«, fuhr T.O. fort. »Eine FF 931 P vorne, und zwei für eine Höchstlast von 17 Tonnen vorgesehene SQHD hinten.«

Jim erwähnte technische Raffinessen des chromglitzernden, gigantischen Kenworth-Langhaubers, neben dem selbst ein Brocken wie T.O. noch klein und unbedeutend wirkte. Zu den Raffinessen gehörten zum Beispiel die selbstentfrostenden Rückspiegel.

»Eine Kleinigkeit, aber wenn du bei minus fünfzehn Grad bei schneidendem Eiswind über den Highway donnerst, bist du froh darüber. Die Kühlerhaube besteht übrigens aus Kunststoff und ist aus einem Stück gegossen. Jetzt hör dir mal den Sound der 450 PS ohne Verkleidung an.«

Jim stieg ein und ließ den Motor an. Pete hielt sich die Ohren zu. Jim ließ den Motor kurz laufen und stellte ihn dann wieder ab. Man erläuterte Pete, wie die vom Führerhaus verstellbare Rocking-Sattelkupplung funktionierte, und schaute auch unter den Truck.

Pete bestaunte die schweren und wuchtigen Reifen, von denen jeder seine sieben- bis achthundert Dollar kostete.

»Das kann ich mir nicht alles merken«, sagte Pete.

»Mit der Zeit wirst du es schon lernen«, sagte Jim. »Schließlich sollst du uns ja eine Hilfe sein. Oder meinst du, wir würden dich nur als Ballast durch die Gegend fahren?«

Sie stiegen ein. Man fuhr zu einer Frachtagentur in North Chicago, um neue Ladung aufzunehmen. Jim und T.O. waren in der Nacht im Motel übereingekommen, ihre Frachten nach der Suche nach Petes Dad auszurichten. Ganz leer fahren konnten und wollten sie nicht.

Doch bei Transporten quer durchs Land mußten sie früher oder später auf Ryan Basey stoßen, vorausgesetzt, daß er noch in der Branche war. Sollte das nicht der Fall sein, mußte es wenigstens Trucker geben, die ihn kannten.

In der Frachtagentur warteten mehrere Fahrerteams auf Transporte. Von draußen hörte man das Dröhnen von starken Motoren. Wuchtige Trucks -verschiedene Marken, Cabover und Conventionais - rollten an und ab. Die knalligen Farben, glitzernder Chrom und die bei allen angebrachten Malereien gaben jedem eine persönliche Note. Die Namen klangen nach der Weite und Freiheit der Highways mit sich: »Red Rooster«, »Prairie Skipper«, »Hot Hammer«, »Steel Snail« und wie sie alle hießen.

In der Frachtagentur saß man am Tisch, trank Kaffee, den es umsonst gab, und schaute den Disponenten an ihren Computerboards zu.

»Ladung Computer I’napolis!« rief ein Disponent mit Singsang in den Raum. »Tarif Dreißig A Zwo zum Ersten. East Chi, Driver.«

Zwei weitere Trucker von anderen Heavy Haulern wollten die Fracht haben. Einer steckte zurück; er hatte sich nachweislich zu spät gemeldet. Doch der andere, ein schwarzbärtiger Freightliner-Pilot, der Linke Link genannt, wollte davon nichts wissen.

»Du hast im Nordwesten überhaupt nichts zu suchen, Sherman, du Texaswanze!« röhrte er. »Ich bin ein Einheimischer. Die Fracht geht an mich und meinen Shotgun. - Ist das klar?«

»Einigt euch«, erklärte der Disponent und wedelte schon mit den Papieren, die der Drucker ausgespuckt hatte.

»Tragen wir’s aus«, sagte Jim. »Du kannst dich an meinen Shotgun halten, Linke Link.«

»Bin ich dämlich, mich mit dem Muskelprotz anzulegen? Ich wähle die harte Tour - gegen dich.«

Während sich Jim und der Linke Link an einem Tisch gegenübersetzten, erklärte T.O. dem Boy, daß der Ruf des Disponenten vorhin im Klartext einen Soforttransport nach Indianapolis bedeutete, abzuholen in East Chicago und mit Transportrisiko beim Fahrer. Tarif A Zwo bedeutete zwei Cents per Doppelzentner und Meile, Dreißig die Tonnage.

»Na, wieviel sind das bei 185 Meilen nach Indianapolis?« fragte T.O. und hielt Pete den Taschenrechner hin.

Pete tippte, ein.

»Elfhundertzehn Dollar«, sagte er. »Für die paar Stunden. Ihr verdient aber toll.«

»Von wegen. Wenn du unsere Kosten abziehst, dazu noch die An- und Abfahrt, Wartezeit und das Suchen nach einer neuen Fracht, ist es schon weniger. Was glaubst du, wie hoch die Betriebskosten des Bison sind? Trotzdem ist das noch eine gute Fuhre. -Jetzt paß auf.«

Um sich über die Fracht zu einigen, begannen Jim und sein bärtiger Kontrahent mit Armdrücken. Der Linke Link war ein starker Bursche. Der Kampf schwankte unentschieden. Andere Trucker feuerten die beiden an.

Der Linke Link trug seinen Namen zu recht. Er trat Jim unterm Tisch heftig mit seinem genagelten Schuh auf den Fuß, um ihn dadurch zu überrumpeln. Jim zuckte zusammen, verbiß sich den Schmerz und drückte plötzlich und mit aller Kraft. Die Hand des Linken Link knallte auf die Tischplatte.

»Das war’s«, sagte T.O. und rieb sich die Hände. »Los, Pete, unser erster gemeinsamer Transport beginnt.« Die beiden Trucker und der rothaarige Boy verließen die Frachtagentur.

»Wann müssen wir denn abliefern, Jim?« fragte T.O.

»Um 15 Uhr wird die Frachtannahme geschlossen. Der Disponent hat mir extra ans Herz gelegt, wir sollten uns beeilen.«

»Mann, jetzt ist es neun. Das schaffe ich ja, wenn ich rückwärts fahre. Selbst die Rakete ist nicht so auf Zack, wie T.O. Washburn mit seinem Truck.«

Sie fuhren los. Die Ladung wurde in East Chicago übernommen. Dann begann die Fahrt auf dem Highway 65. In einem zufällig zusammengewürfelten Truckkonvoi brauste der »Bison« gen Süden. Wieder fragten die Trucker, zu denen sich jetzt auch Trucker-Kid Pete Dexter zählte, die anderen nach Ryan Basey.

Bei der Frachtagentur waren sie schon negativ beschieden worden. Jetzt war es das gleiche. Keiner kannte einen Ryan Basey, der mal einen Mack RS 600 Cabover gefahren hatte.

»Warum sucht ihr Basey denn?« wurde gefragt. »Schuldet er euch Geld, oder hat er einem von euch die Frau ausgespannt?«

»Weder noch, Kenosha Charlie«, antwortete Jim dem Trucker, der diesen Namen über die Rubberband angegeben hatte. »Sein Sohn sitzt hier bei uns im Kenworth. Trucker-Kid Pete ist zwölf Jahre alt, schnuppert zum ersten Mal die große Freiheit der Highways und hat seinen Dad seit zweieinhalb Jahren nicht mehr gesehen. - Die Eltern wurden geschieden.«

»Truckerlos«, meinte Kenosha Charlie. »Der Job ist ein zu hartes Leben für die meisten Frauen, und wenn erst Kinder da sind, geht’s sowieso nicht mehr. - Herzlich willkommen in unseren Reihen, Trucker Kid. - Three cheers for the Kid!«

Über CB-Funk erschallten donnernde Hurrarufe aller Trucker, die mithörten. Pete bedankte sich.

»Gebt doch bitte nach überallhin weiter, daß ich meinen Dad suche«, meldete er über Funk. »Gesucht wird Ryan Basey - von seinem Sohn Pete. Sagt ihm: Ich brauche dich, Dad.«

»Ja, mein Junge«, antwortete der hartgesottene Kenosha Charlie mit butterweicher Stimme. »Der Spruch schwirrt quer durch den Kontinent, von Trucker zu Trucker weitergegeben, über die Jim Mountains und durch die Salzwüsten von Utah, von New York bis L.A. Und wenn es sein muß, sogar bis zum Mond. - Wir finden deinen Vater für dich, Pete, ganz gleich, wo er ist.«

Pete drückte die Sprechtaste und sagte einfach: »Danke, Freunde.«

Jetzt wußte er es gewiß: Er war in die Gemeinschaft der Trucker aufgenommen.

***

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Die Computer wurden in Indianapolis rechtzeitig abgeliefert. Das »Bison«-Team hatte das Glück, sofort eine Anschlußfracht zu erhalten - Baumaschinen nach Kansas City. Sie sollten allerdings schon am anderen Morgen in aller Frühe dort auf einer Großbaustelle abgeliefert werden.

»Die Geräte werden dringend gebraucht!« erklärte man Jim, T.O. und Pete bei der Abholung um 18 Uhr in einem Vorort von Indianapolis. »Sonst gerät die Firma in Terminverzug und muß Konventionalstrafe bezahlen.«

»Wir liefern zuverlässig, pünktlich und schnell«, sagte Jim. »Wir satteln sofort auf und brummen ab.«

»Langsam!« entgegnete der Betriebsleiter. »Die Kommission ist noch nicht völlig zusammengestellt.«

Sie wurde es auch so schnell nicht. Es war zum Verzweifeln. Als die Lagerarbeiter des Baumaschinengroßhändlers endlich alles in Auflieger und Anhänger untergebracht hatten, stellte man fest, daß durch einen Computerfehler die falschen Maschinen verstaut worden waren. Das Ganze ging zurück an die Rampe. Auflieger und Anhänger wurden wieder entladen, und man holte das richtige Gerät herbei. Ein paar Dinge fehlten.

Inzwischen war es Mitternacht geworden. Der Betriebsleiter bat die Trucker um Geduld. Die Arbeiter schoben eine Sonderschicht ab.

Trotzdem - hätten Jim und T.O. nicht mit zugepackt, Versandkisten gewuchtet und Maschinen mit dem Kran aufgeladen, wäre es nie was geworden. Eigentlich war es keine Aufgabe der Trucker, beim Be- und Entladen zu helfen. Sie waren Spezialisten fürs Fahren, den Schwerlasttransport, und das reichte schon.

Doch Jim und T.O. mochten sich nicht mit den Händen in den Hosentaschen dazustellen, wenn andere schufteten. Davon abgesehen drückte ihnen der Betriebsleiter, für ihre tatkräftige und fachmännische Hilfe dankbar, ein paar Scheine in die Hand.

Schwarzes Geld, Schmiermittel, für das ein Trucker immer mal dankbar war. Pete Dexter schief inzwischen schon in der Koje. Der Boy wachte auch nicht auf, als der bullenstarke Motor des »Bufalo« aufröhrte und die Trucker vom Hof fuhren. Da war es halb zwei Uhr nachts, und bis Kansas City hatte man Über fünfhundert satte Meilen zu fahren. Jim und T.O. knobelten, wer die ersten dreihundert Meilen herunterreißen sollte.

T.O. gewann, bekannte dann aber in einem Anfall von Ehrlichkeit, daß er gemogelt hatte.

»Ich fahre die erste Schicht. Ich bin sowieso noch nicht müde. Leg du dich mal lang, Partner.«

Jim leistete ihm aber noch eine Weile Gesellschaft. Er fuhr gern durch die Nacht. Dann war es auf dem Highway nicht so hektisch wie am Tag. Man konnte seinen Gedanken nachhängen, Country-Musik hören und sich unterhalten.

Über den CB-Kanal 19 wurde mit anderen Truckern geschwatzt. Da war ein »Idaho Beaver« mit seinem White Road Commander RC 2 von den großen Seen nach Music City unterwegs, wie Nashville, Tennessee, bei den Truckern hieß. Freimütig bekannte er, die Smokeys hätten ihm gerade ein paar Greenbacks, Dollarnoten, geklemmt, wegen zu schnellen Fahrens.

»Paßt mal auf, wenn ihr weiterfahrt, Bisons. An der Countygrenze haben sie elektronische Waagen. Zudem ist dort ein Sheriff im Amt, so wild wie mit Hummeln im Hintern. Der frißt jeden Morgen zum Frühstück einen ausgewachsenen Trucker.«

»Wir werden ihm quer im Halse steckenbleiben«, sagte Jim. »Ist dir ein Kollege namens Ryan Basey ein Begriff?«

»Nee, Kumpel«, antwortete der »Idaho Beaver« über Funk. »Mich kennt auch keiner unter meinem richtigen Namen Wilbur S. Smith. Aber wenn du den ›Idaho Beaver‹ erwähnst, weiß jeder Trucker im Land Bescheid. - Das CB-Handle von diesem Basey kennt ihr nicht?«

»Wenn wir es wüßten, würden wir es dir sagen, Beaver.«

»Tja, da könnt ihr nur abwarten. Ich verfolge eure Suchaktion und halte dem Trucker Kid die Daumen, daß sich sein Vater bald meldet.«

Der Rest war Small talk, bis die Entfernung für den CB-Funk zu weit wurde. Bisher hatten die Trucker noch keine positive Rückmeldung für ihre Suche erhalten. Man mußte eben Geduld haben. Jeder Trucker hörte CB-Funk, und auch Ryan Basey würde früher oder später mitbekommen, daß man ihn suchte. Oder es meldete sich doch noch jemand, der ihn unter seinem richtigen Namen kannte.

Leider war Basey nie für eine große Truckfirma wie zum Beispiel die RTC gefahren, sonst hätte man schon längst näheres über ihn gewußt. Von Alaska bis Feuerland rollten die rund zweitausend RTC-Trucks, beförderten Güter auf den Highways und leisteten einen wesentlichen Beitrag für den Betrieb der Nation.

Jim gähnte. »Okay, Partner, ich hau’ mich aufs Ohr«, brummte er und stieg in die Sleeperkabine. Do'rt legte er sich auf die obere Liege. Pete schlummerte selig auf der unteren. Bald war Jim eingeschlafen. T.O. summte vor sich hin. Er hörte Donna Fargo »Sticks and Stones« singen. Das Licht vom Armaturenbrett mit den vielen Instrumentenanzeigen und Bedienungselementen sowie der Widerschein von Highwayleuchten und den Lampen am Dach erhellten die Kabine angenehmer als bei Tag.

Durch den dicken, gepolsterten Trennvorhang drang kaum ein Laut von der gedämpften Radiomusik und aus der CB-Box in den Sleeper. Das Motorgeräusch und die Vibrationen durch den rilligen Highway waren im Sleeper zu spüren. Doch Pete hatte den gesunden Schlaf der Jugend; ihn störte das nicht.

Und Jim hatte Diesel in den Adern und schlief in einem rollenden Truck am besten. Wäre das Motorbrummen weggeblieben, oder hätte sich ein bedenklicher Ton eingestellt, etwa vom Differential, wäre er sofort aufgewacht.

T.O. drückte auf die Tube, nachdem er die bedenkliche Countygrenze und jenes County hinter sich gebracht hatte, vor d6m ihn der »Beaver« warnte. Der Interstate Highway 70, der von Indianapolis nach Kansas City führte, zog sich gerade dahin. Die einzigen Höhenunterschiede entstanden durch flache Bodenwellen. Die dreißig Räder des Heavy-Haul-Transports zischten über den Asphalt.

Manchmal sah T.O. die Lichter einer Ortschaft oder Stadt, oder kam an einer Sevice Station und Raststätte vorbei. Er dachte an Pete und die Hoffnungen, die der Boy mit seinem Vater verband.

Pete machte sich gut als Trucker. Schon während der kurzen Zeit, die er im »Bison« mitfuhr, hatte er viel gelernt. Zudem verfügte er über eine technische Begabung. Wenn es so was gab, hatte er Truckerblut in den Adern.

Wehe, wenn dieser Ryan Basey kein ordentlicher Kerl ist und sich nicht richtig um seinen Sohn kümmert, dachte T.O. Pete ist so ein Prachtjunge. Zornig dachte T.O. an die üblen Verwandten von Pete, Tyrone und Helen Dexter. Nach seiner Ansicht hätte man sie mit einem Stein um den Hals im Lake Michigan versenken sollen.

Davon, daß er ein reicher Erbe war, wußte Pete nichts. Doch T.O. schwante, daß die Dexter nur aus finanziellen Gründen die Vormundschaft übernommen hatten. Die Private Eyes Murchison und Jonas streiften T.O.s Gedanken nur flüchtig.

Für ihn war das ein abgehandeltes Kapitel, und er nahm wie Jim an, daß die Dexters ihren Neffen nicht mehr verfolgen ließen. Das stimmte jedoch nicht. In einigem Abstand hinter dem »Bison« fuhr der flaschengrüne Buick mit den zwei Privatdetektiven.

Murchison hatte sich eine neue Pistole besorgt, und er war entschlossen, sie nötigenfalls gegen die Trucker zu gebrauchen. Sein Kumpel Jonas hptte den Liegesitz flachgelegt und sägte vor sich hin. Murchisons Augen brannten vor Müdigkeit. Er hielt sich mit Kaffee und Uppers - Aufputschpillen - wach. Seine Nerven vibrierten davon schon wie Klaviersaiten.

Wir greifen den Boy, dachte Murchison. Und wenn mich so ein verdammter Trucker daran hindern will, verpasse ich ihm als letztes Mittel mit der 45er einen neuen Nabel. Doch vielleicht ließ sich Petes Entführung auch weniger dramatisch bewerkstelligen.

***

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Fünfhundert Meilen - acht Stunden Fahrt mit einem Tankstopp und Pinkelpause. T.O. hatte den 55-Meilen-Limit mit dem Langtransport manchmal gehörig überschritten. Und er war über die vereinbarten dreihundert Meilen hinaus gefahren, statt Jim zu wecken, bis die Morgensonne über die stoppeligen Felder gestiegen war, von denen der Kansasweizen bereits abgeerntet worden war.

Jetzt - fünfzig Meilen vor Kansas City - saßen alle drei im Führerhaus. Es roch nach Diesel, Leder'und Metall, besonders jedoch nach frischem Kaffee, den Pete im Sleeper gebraut hatte.

»Das ist richtiger Hundred-Miles-Mud, Trucker Kid«, lobte T.O. den Boy. »Darin bleibt der Löffel stecken.«

Pete trank seinen Kaffee, Marke Herzschlag, mit viel Milch verdünnt. Er hatte gut geschlafen. Seine Augen glänzten unternehmungslustig. Bei Jim und T.O. fühlte er sich sicher, denn nun hatte er vollstes Vertrauen zu ihnen.

Jim fuhr. T.O. mochte sich nicht mehr auf die Koje hauen; es lohnte vor Kansas City nicht mehr. Im Außenspiegel sah er das Gespann hinter sich. Der wuchtige blaue Anhänger fuhr gut in der Spur.

»Breaker!« rief es da aus der eingeschalteten Squawk Box. Mehrere Trucker hielten auf Kanal 19 ein Schwätzchen. »Hier spricht ›The Rolling Hobo‹. Ich habe die tollste Neuigkeit des Jahrzehnts von den Highways.«

»Hast du dich mit 'nem Sheriff verlobt?« fragte jemand, wohl aus dem silberfarbenen GMC Astro, der auf der Spur neben dem »Bison« mit einem Spezialauflieger dahinbrummte.

Gelächter prasselte aus der Squawk Box.

»Ihr Idioten!« rief der »Hobo« verstimmt. »Ich komme gerade von Colorado herauf.«

»Dann wird dein Verlobter am Ende der County-Mounty Wild Boar Sim Haggerty sein, Hobo?« meldete sich der Spötter wieder.

County-Mounty hieß Sheriff, Wild Boar Wildschwein. Die Trucker pflegten den Policemen urige Namen zu geben. So hieß ein Captain der Highway Patrol in Alabama schon seit Jahren »Der alte Warzenhintern«.

»Wer hat das gesägt?« fragte der »Hobo«. »Der Armleuchter soll sich mir zu erkennen geben.«

»Genügt das CB-Handle?«

»Ja.«

»Santa Claus«, wurde geantwortet, also der Weihnachtsmann.

T.O. drückte die Sprechtaste und meldete sich mit seinem urigen Baß: »T.O. Washburn vom roten K-Whopper Bison. Welche Neuigkeit hast du nun, Hobo?«

»In Colorado haben sie den Hitcher geschnappt, den Anhalterinnen-Würger, der schon sechs Mädchen auf dem Gewissen hat«, meldete der »Hobo« aufgeregt und stolz. »Ihr wißt, jene Bestie in Truckergestalt, die im Mittleren Westen seit zwei Jahren ihr Unwesen treibt.«

Der »Hobo« berichtete, daß die Verhaftung in der letzten Nacht stattgefunden hätte, nachdem das vorgesehene siebte Opfer des Hitchers ihm in letzter Minute entronnen war.

»Das Girl stolperte zum Highway und wurde von einem Wagen zur nächsten Police Station mitgenommen«, schilderte der »Hobo«. »Bei einer Ringfahndung hat man den Hitcher dann im Mesa County gefaßt. Das Opfer identifizierte ihn. Die Nachricht ist so brandneu, daß die Medien sie hoch nicht weitergegeben haben. - Aber bald dürfte sie über den Äther gehen und in der Zeitung stehen.«

»Woher weißt du das denn, Hobo?« erkundigte sich T.O. »Hast du tatsächlich einen besonders guten Draht zum Sheriff vom Mesa County?«

»Blödmann! Ich habe den Polizeifunk abgehört«, gab der »Hobo« zurück. »Der größte Knaller folgt aber noch. - Ratet mal, wer sich als der Hitcher entpuppt hat, als der Highway-Würger?«

»Jetzt gib keine Quizfragen auf«, meinte T.O. »Spuck’s schon aus.«

»Pal Guitar.«

»Nein«, heulte da eine Stimme. »Hier spricht der Rocket Baron. Ich kenne Pal Guitar; er ist ein Freund von mir. Ein Pfundskerl. - Der soll die Mädchen erwürgt haben? Nie.«

»Und doch war er’s«, antwortete der »Hobo«. »Die Smokeys sind überzeugt davon, besonders der Sheriff von Grand Junction, wo Pal Guitar sitzt. Jenes Girl hat ihn nämlich einwandfrei identifiziert, und es gibt noch andere Beweise gegen ihn.«

»Welche?«

»So genau habe ich das nun nicht mitgekriegt. Jedenfalls ist Pal Guitar der Hitcher von Colorado.«

T.O. bedankte sich für die Neuigkeit bei dem »Hobo«, was jedoch in der folgenden Debatte auf Kanal 19 glatt unterging. Zahlreiche Trucker schrien durcheinander, denn fast jeder kannte Pal Guitar, und allen war er ein Begriff. Pal Guitar, wörtlich Kamerad Gitarre, war ein erstklassiger Gitarrespieler und dufter Kumpel, immer zu einem Scherz aufgelegt. Jim und T.O. kannten ihn von flüchtigen Begegnungen und hatten einen erstklassigen Eindruck von ihm gehabt. Es traf sie wie ein Hammerschlag, daß ausgerechnet der allseits beliebte Pal Guitar der Frauenwürger sein sollte. Doch wem konnte man schon ins Herz schauen? Ein lachendes Gesicht und gekonnte Griffe auf der Gitarre bewiesen nicht, daß einer kein Mörder sein konnte.

»Wie heißt Pal Guitar denn richtig?« fragte Pete.

»Das weiß ich nicht«, antwortete Jim. »Ich habe ihn immer mit Pal angesprochen.«

T.O. stimmte zu. Pete wollte wissen, welchen Truck Pal Guitar fuhr.

»Zuletzt, als ich ihm vor ’nem Dreivierteljahr in Missouri begegnete, hatte er ’nen Mack Super-Liner, ein tolles Geschoß«, erklärte Jim.

Flüchtig fiel ihm ein, daß Pete ihnen vorgeschwärmt hatte, sein Vater wollte sich einen Super-Liner zulegen. Doch Jim schob den Gedanken, daß die Übereinstimmung des Fahrzeugtyps was zu bedeuten haben könnte, gleich wieder zur Seite. Schließlich fuhren viele den Mack Super-Liner.

»Da hat also tatsächlich ein Trucker ein Mädchen erwürgt?« fragte Pete entsetzt.

Er hatte von Truckern eine sehr hohe Meinung. T.O. schaltete die CB-Box ab, da man fortwährend über den Hitcher sprach.

»Ja, Junge, die Trucker sind auch nicht alle Engel«, sagte T.O. »Auf den Highways passiert allerhand. Der Hitcher hat in sechs Fällen Mädchen erwürgt, und zwar immer vom selben Typ: blutjung und mit langen braunen Haaren. Der Hitcher nahm jedem Opfer Haarsträhnen und Wäschestücke ab. Eine Haarsträhne wickelte er der Toten um die Hand. Er muß einen pathologischen Haß auf Frauen speziell dieses Typs haben.«

»Wie kann man das bloß?« fragte Pete. »Meine Mom hatte auch ganz langes braunes Haar, bevor sie es durch die Chemotherapie verlor und eine Perücke tragen mußte. - Warum hat er das nur gemacht? Woher kommt sein Haß?«

»Das weiß ich wirklich nicht«, entgegnete Jim. Was sollte er Pete von den Abgründen der menschlichen Natur erzählen? »Denk nicht an den Hitcher. Wenn ein Trucker unter tausend ein Mörder ist, kann das bei jeder anderen Berufsgruppe genauso zutreffen. -Wir suchen deinen Vater, das ist unser Problem. Bald fängt die Schule wieder an, Pete. Du kannst nicht auf Dauer mit uns unterwegs bleiben.«

»Aber mir gefällt es ganz prima!« rief Pete.

»Das glaube ich«, sagte Jim.

T.O. fügte hinzu: »Das wichtigste ist, daß unser Trucker Kid zu seinem Vater kommt und sein Leben in die richtigen Bahnen gelenkt wird. Ein paar versäumte Schultage, wenn es nicht anders geht, stehen dahinter zurück.«

Im Prinzip meinte Jim das auch.

***

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Die beiden Privatdetektive Murchison und Jonas fuhren nicht mal in Sichtweite des »Bison«-Rigs. Sie kannten Jims und T.O.s Ziel, das diese über CB-Funk freimütig anderen beim Trucker-Talk genannt hatten. Beim Stop in Kansas City oder spätestens danach wollten Murchison und Jonas zuschlagen.

»Denn«, sagte Jonas, »nach den zwei Eiltransporten werden sie ja wohl mal eine Pause einlegen. Das ist unsere Chance. - Vor Kansas City hängen wir uns dichter an sie dran.«

»Yeah«, nuschelte Bill Jonas um seinen Chewinggum herum.

***

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Bei der Baustelle zwischen Kansas Topeka Drive und dem Kansas River lauerte der Polier schon auf die beiden Trucker. Er schrie wie am Spieß.

»Wo kommt ihr jetzt her, ihr Tagediebe? Es ist schon nach zehn! In aller Frühe, hat es geheißen! Die Händlerfirma hat uns versichert, daß sie die Fracht gestern um siebzehn Uhr rausgeschickt hätte. Wir stehen hier auf dem Schlauch. Drei Arbeitstrupps spielen Karten, und der Boß tobt.«

Jim erklärte, wann die Fracht durch die Schlamperei des Absenders tatsächlich abgegangen war. Der Polier wollte es zunächst nicht glauben. Doch Jim hatte sich clevererweise einen Stempel von einer Stechuhr im Lager des Händlers besorgt.

»Woher sollte ich den wohl haben, wenn ich um die Zeit nicht dort gewesen wäre?« fragte er den Polier. »Und weshalb war ich wohl da?«

Dem biederen Baustellenleiter klappte der Kiefer herunter. Er setzte den Schutzhelm ab und kratzte sich hinterm Ohr.

»Das ist doch die Höhe!« sagte er. »Diese Hurensöhne wollten euch die Schuld für die Verzögerung in die Schuhe schieben. - Okay, ihr seid schuldlos, Trucker. Dann war das sogar noch ein schneller Transport.«

Er wies die Trucker ein, wo sie abzuladen hatten. Das geschah an,zwei verschiedenen Orten. In der Baubude wurde der Scheck ausgestellt.

»Wir hätten einen Auftrag für euch«, sagte der Disponent dort. »Und zwar brauchen wir dringend Zement in Säcken aus dem Werk in Garnett. Den könnt ihr gleich besorgen.«

Bis Garnett waren es siebzig Meilen, jedoch auf einem Genickbruch-Highway, wie sich noch heraussteilen sollte.

»Das erledigen wir doch glatt«, sagte T.O. »Wie viele Touren?«

»Wir brauchen hundert Tonnen. Wie oft ihr dafür fahrt, ist euer Problem.« Man einigte sich über den Tarif. Per Handschlag wurde der Auftrag besiegelt.

»Wir suchen aber doch meinen Dad«, sagte Pete, als sie auf der Großbaustelle wieder in den »Bison« stiegen.

»Den finden wir schon, auch wenn wir nicht überall durch die Gegend düsen«, beruhigte Jim ihn. »Der Trucker-Buschtelegraph funktioniert zuverlässig von Küste zu Küste. Wenn Ryan Basey entdeckt wird, meldet man das per CB-Funkkette an uns weiter.« Der Kenworth donnerte wieder los. T.O. war die schlaflose Nacht nicht anzumerken. Der Hüne konnte noch ganz andere Dinge verkraften.

Am Kansas River, hinter einer Reihe von Pappeln, hielt der flaschengrüne Buick Electra. Saul Murchison schaute durchs Fernglas.

»Sie fahren wieder ab«, meldete er seinem Kumpel Bill Jonas und stieg auf der Beifahrerseite ein. »Kleb dich an ihren Auspuff.«

Jonas strengte sich an, nicht von den Truckern gesehen zu werden, und spielte seine Trickkiste aus. Die brandrote Kenworth-Zugmaschine, im Verkehr durch ihre Größe spielend auszumachen, fuhr aus der Stadt heraus. Auf einem County Highway, der den Namen Highway kaum noch verdiente, bretterte sie gen Süden.

Der Herbst war bisher zundertrocken gewesen. Der »Bison« wirbelte eine dichte Staubwolke auf, die sich über den ihm folgenden Buick legte. Das tarnte zwar den Buick, aber Murchison und Jonas gefiel es trotzdem nicht. Durchs Gebläse der Klimaanlage kam der Staub ins Auto. Hätten sie die Fenster heruntergekurbelt, wären sie erst recht eingestaubt worden.

»Diese verdammten Schmutzfinken!« schimpfte Murchison. »Das zahle ich ihnen heim.«

Im Kenworth vorn hüpften die Insassen auf den hart gefederten Sitzen. Die Fahrbahn war waschbrettartig, die Straße dreispurig. Damit man überholen konnte, wechselte die Fahrbahnmarkierung jeweils alle zwei Meilen. Mal ging’s in der einen Richtung zweispurig und mit einer Gegenspur, mal umgekehrt.

Doch nicht alle hielten sich an die Markierungen. Plötzlich schoß Jim, der gerade einen gemächlich dahintuckernden Traktor mit Rüben auf dem Anhänger überholte, ein Pontiac Firebird entgegen. Der Pontiac fuhr auf der falschen Spur. Jim trat voll auf die Bremse, daß es Pete und T.O. nach vorn warf, sonst hätte es einen Zusammenstoß gegeben.

Die Druckluftbremsen packten zu. Da der »Bison« ohne Last fuhr, war der Effekt enorm. Der Fahrer des Pontiacs gelangte gerade noch vor der Stoßstange des Kenworth auf die Gegenspur vor das Fahrzeug, das er überholt hatte. Er fuhr gleich weiter, was auch gut für ihn war. Die Trucker hatten das Nummernschild nicht erkennen können.

»Mistfarmer!« schimpfte Jim und schickte dem Davonfahrenden den dröhnenden Klang der Mehrklangfanfare hinterher.

Sie fuhren weiter. T.O. hatte sich eine Beule am Kopf geholt, Pete sich die Stirn gestoßen.

Man unterhielt sich wieder über Pal Guitar. Wie man über CB-Funk mitgekriegt hatte und auch jetzt noch hörte, waren die Trucker aufgebracht Über die Morde des Hitchers. Der Anhalterinnen-Mörder warf ein schlechtes Licht auf die gesamte Truckerbranche.

Als dann der CB-Empfang immer spärlicher und schlechter wurde auf dem abgelegenen County-Highway, schaltete Jim die Squawk Boy ab. Um nicht ständig mit dem unerfreulichen Thema des Hitchers konfrontiert zu sein, hörte man Country-Kassetten.

Garnett erwies sich als ein Nest, in dem sich die Kansas-Kojoten gute Nacht sagten. Die Zementfabrik nebelte die ganze Gegend ein. Der »Bison« lud sich wieder Auflieger und Anhänger auf. Mit zwei Fahrten sollte die Lieferung bewältigt sein. In langsamem Tempo kroch der Kenwort W 900 auf den Highway zurück und diesen entlang.

»Das wird ja ein Schneckenrennen bis Kansäs City«, murrte T.O. »Leute, habe ich vielleicht einen Hunger. Auf der Herfahrt habe ich ein vielversprechendes Restaurant direkt bei der Service-Station gesehen. Wenn ich schon nicht zum Schlafen komme, will ich wenigstens ordentlich essen.«

Jim hatte vor, die erste Fuhre an diesem Tag zu erledigen und die zweite am folgenden Vormittag. Er stimirtte T.O. zu. Es war Mittagszeit, und so sehr brauchte man sich nicht zu beeilen. Jim stellte den Sattelzug am Straßenrand ab. Die drei gingen über die Straße zur Service Station und dem Restaurant hinüber.

Jim kaufte im Vorbeigehen eine Zeitung, den »Kansas Star«, weil ihm die Schlagzeite »Highway-Würger gefaßt« ins Auge sprang. Es handelte sich um eine Mittagsausgabe, die gerade erst gebracht worden war. Die Trucker bestellten Getränke an der Theke und setzten sich mit Pete in das kühle, rustikal eingerichtete Restaurant.

Was die Gäste an den anderen Tischen aßen, sah vielversprechend aus: Steaks oder Schnitzel, die über den Teller hinausragten, und ordentlich Beilagen. T.O. schmatzte, worauf ihm Jim sagte, er solle Pete keine schlechten Manieren beibringen.

Pete wollte ein Schnitzel mit Pilzen; das wußte er schon. Während T.O. und Jim die Speisekarte studierten, schaute er in die Zeitung. Plötzlich wurde er totenbleich. Die Kellnerin kam gerade, um die Bestellung aufzunehmen.

»Für uns beide Steaks, so groß wie Wagenräder, je drei Reihen Kartoffeln, einen gerösteten Maiskolben und Salat«, verlangte T.O. »Für den Jungen ein Jägerschnitzel mit Pommes und Salat.«

Nachdem die Kellerin gegangen war, bemerkte T.O., daß mit Pete etwas nicht stimmte.

»Was ist los mit dir, Junge? Du siehst aus wie Weißbier mit Spucke.«

»Mir ist es nicht gut«, stammelte Pete. »Mein Magen... Ich glaube, ich habe was Verkehrtes gegessen. Oder der kalte Fruchtsaft vorhin ist mir nicht bekommen. Ich gehe lieber mal zur Toilette.«

»Tu das«, sagte Jim. Als Pete aufstand und wegging, rief er: . »Die Zeitung laß aber da. Oder willst du sie auf der Toilette lesen, du Schwerkranker?« Pete schüttelte nur wortlos den Kopf, legte das Blatt auf den Tisch, ohne Jim oder T.O. dabei anzusehen, und lief zu den Toiletten.

»Was hat hat er denn nur?« fragte T.O. verwundert. »Gerade war er noch ganz fidel, plötzlich wie ausgewechselt. Wovon kann ihm denn so plötzlich schlecht geworden sein?«

»Frag mich was leichteres«, erwiderte Jim. »Wenn Pete in einer Viertelstunde nicht zurück ist, sehe ich mal nach ihm. - So schlimm wird’s bei ihm schon nicht sein. - Mal schauen, was sie über den Hitcher schreiben.«

Jim entfaltete die Zeitung und schaute auf die Titelseite. Die Kellnerin brachte die Getränke. Jim bedankte sich und griff nach seinem Glas.

»Ja, das ist Pal Guitar«, sagte er und deutete auf das abgedruckte Foto des Hitchers. »Das hätte ich hinter dem nie vermutet.«

Jim trank von seinem Tomatensaft. Plötzlich verschluckte er sich, das Getränk war ihm in die Luftröhre geraten, und fing entsetzlich zu husten an. T.O. klopfte ihm auf dem Rücken und sagte: »Na, na!«

Jim rang nach Luft.

Als er wieder sprechen konnte, hielt er T.O. die Zeitung hin und japste: »Partner, das glaubst du nicht. Sieh dir mal die Bildunterschrift an.«

T.O. schnappte sich die Zeitung. Unter dem Foto las er: Ryan Basey, genannt Pal Guitar, der Hitchhike-Killer.

T.O. saß da wie vom Donner gerührt. »Das ist ja schrecklich!« brachte er krächzend hervor.

»Wir müssen sofort zu dem Jungen«, sagte Jim und sprang auf.

Das Essen war vergessen. Gefolgt von T.O., stürmte Jim zur Toilette. Pete war nicht dort. Die Trucker riefen den Namen des Jungen, Pete antwortete nicht. Vorm Flur, an dem die Toiletten lagen, führte eine Tür auf den Hof.

Jim und T.O. gingen hinaus. Vergeblich schauten sie sich um.

»Wo kann er denn sein?« fragte Rokky.

Sie gingen zur Tankstelle und fragten den Tankwart, ob er gerade einen zwölfjährigen, rothaarigen Jungen gesehen habe.

»Der ist gerade mit zwei Männern weggegangen«, antwortete der Tankwart. »Dort hinter den Hügel, in Richtung Schrottplatz.«

»Wie sahen die Männer denn aus?« fragte Jim sofort.

»Große, stämmige Burschen in feinen Anzügen. Sie hatten bunte Krawatten von der Art, wie sie bei uns nur besoffene Vertreter tragen.«

T.O. ging ein ganzer Weihnachtsbaum auf.

»Hatte einer von den Kerlen eine Boxernase?« fragte er.

»Ja, Mister. Als ob ihm ein Maultier dagegengekeilt hätte.«

»Das sind die Shackleton-Detektive gewesen«, stellte Jim fest. »Tyrone Dexter hat noch nicht aufgegeben. Hoffentlich ist es noch nicht zu spät, Pete rauszuhauen.«

Die Trucker spurteten los. Durch ein schmales Wäldchen gelangten sie auf einen Feldweg. Dahinter, durch einen Maschendrahtzaun getrennt, ragte der Schrottplatz auf. Dort, am Zaun, stand der grüne Buick. Murchison und Jonas wollten mit Pete gerade ins Auto einsteigen. Der Junge war durch die schreckliche Nachricht über seinen Vater so niedergeschmettert, daß er sich nicht mal wehrte.

»Halt!« schrie Jim.

Die beiden Privatdetektive wirbelten herum. Murchison griff unter die Jacke und zog eine 45er Colt Combat Commander.

»Diesmal stoppt ihr uns nicht, Trucker! Wir wissen auch schon, daß der Vater des Früchtchens da der Anhaiterinnen-Mörder ist. - Verschwindet, ihr beiden!«

Jim lief weiter und hechtete Murchison an. Der Privatdetektiv drückte ab. Die Pistole krachte, und die Kugel pfiff Jim nur eine Handbreit über den Rücken weg. Dann riß er Murchison von den Beinen. Der Privatdetektiv krachte gegen den Buick. Jim kam über ihm zu liegen.

Sie rangen um die Waffe. Pete versetzte Jonas seinen bewährten Tritt gegen das Schienbein. Er riß sich los, als der Mann zusammenzuckte. Er wollte nichts wie weg, fort, sich verkriechen.

Keinen Menschen wollte er mehr sehen.

»Pete, bleib stehen!« rief T.O. ihm hinterher.

Doch Pete kroch durch eine Lücke im Zaun des Schrottplatzes und verschwand hinter den Bergen von Schrott und übereinandergestapelten Autowracks.

***

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T.O. schüttelte Jonas an der Krawatte. Jim entwand Murchison die 45er und stellte ihn unsanft auf die Beine.

»Ihr zwei bleibt da!« befahl er. »Das ist das zweite Mal, daß ihr ein Kidnapping versucht und eine Schußwaffe gebraucht habt. Jetzt ist meine Geduld am Ende. Ich bringe euch zum Sheriff. - T.O., du holst Pete zurück.«

Das war freilich leichter gesagt als getan. T.O. zwängte sich durch die Lücke in dem rostigen Drahtzaun, wanderte Über den Autofriedhof und rief nach Pete. Der Boy antwortete nicht.

»Ihr seid uns heimlich gefolgt und habt Pete hier aufgelauert«, sagte Jim währenddessen zu den Privatdetektiven, die er mit der 45er in Schach hielt. »Was seid ihr doch für eine miese Bande. Ihr müßtet doch inzwischen gecheckt haben, daß Pete von seinen Verwandten mißhandelt wurde. Und daß diese Geschichte nicht sauber ist.«

»Der Junge ist der Sohn eines Mörders«, behauptete Murchison.

»Erstens ist Ryan Basey noch nicht rechtskräftig verurteilt, sondern sitzt erst in Untersuchungshaft«, erwiderte Jim. »Zweitens: selbst wenn er der Hitcher wäre, kann Pete absolut nichts dafür. Damit hätten seine Verwandten noch lange kein Recht, ihn zu mißhandeln. Das ist für mich kein Argument.«

»Trucker«, sagte Murchison, »Tyrone Dexter spuckt einiges Geld aus, wenn wir ihm den Jungen wiederbringen. Überlassen Sie ihn uns. Vergessen wir den Schuß, der mir versehentlich losging. Dafür geben wir euch fünftausend Dollar. - Na, was sagen Sie dazu?«

»Nein.«

Währenddessen setzte T.O. seine Suche nach Pete fort. Er fand Fußspuren des Jungen im weichen Boden. Doch er hätte ihn glatt übersehen, wäre da nicht Petes Schluchzen gewesen, das er einfach nicht unterdrücken konnte.

T.O. öffnete die Tür des mittleren von drei aufeinandergestapelten Autowracks. Pete saß in den Fond gekauert, durch dessen Sitz Metallfedern ragten. Das Gesicht des Jungen war tränenverschmiert.

»Geh weg, T.O.! Ich will dich nicht sehen, ich will niemanden mehr sehen, in meinem ganzen Leben nicht. Ich will sterben.«

T.O. schluckte. Er konnte sich in Petes Lage hineinversetzen, und er wußte, daß er jetzt die richtigen Worte finden mußte, um ihn aufzurichten. Pete war arm dran: Sein Vater, von dem er sich Rettung erhofft hatte und den er bewunderte und vergötterte, entpuppte sich nun als ein Mörder.

Da konnte T.O. schon verstehen, daß Pete zusammenbrach.

Er hob den Boy aus dem Auto und preßte ihn an sich.

»Das wollen wir erst mal sehen, ob dein Vater tatsächlich der Hitcher ist«, sagte er dann. »Es sind auch schon welche zu Unrecht verdächtigt worden.«

»Aber das Mädchen hat ihn doch wiedererkannt«, sagte Pete.

»Was weiß ich, wie das zuging. Wir fahren nach Colorado und stellen fest, was da Sache ist. Du gehörst doch zum Bison-Team, Trucker Kid. Freunde helfen einander.«

»Bin ich auch dann noch dein Freund, wenn mein Vater der Hitcher ist, T.O.?« fragte Pete.

»Klar. Du kannst den Kopf hoch tragen und brauchst dich nicht zu schämen. Denn du hast absolut nichts verbrochen.«

Pete klammerte sich an T.O. Er brauchte jetzt die Nähe eines Menschen. T.O. war ein Rauhbein, Schürzenjäger; er flunkerte gern und hatte ein loses Mundwerk. Doch unter der rauhen Schale verbarg er ein goldenes Herz.

Er stellte den bitterlich schluchzenden Pete auf den Boden und gab ihm sein Taschentuch.

»Da, putz dir die Nase. Das war schon ein Hammer, das zu erfahren. Aber noch ist das letzte Wort nicht gesprochen.«

T.O. zwinkerte die Tränen weg, die selbst ihm in die Augen gestiegen waren. In rasendem, ohnmächtigem Zorn dachte er, wie sehr es Pete seelisch verletzen und wie es sein gesamtes späteres Leben überschatten würde, wenn sein Vater tatsächlich der Hitcher war.

Nachdem T.O. und Pete zum Buick zurückgekehrt waren, teilte sich das »Bison«-Team auf. Jim setzte sich mit der Pistole hinter Murchison und Jonas auf den Rücksitz. Er zwang die beiden Männer, ihn zum Sheriff nach Garnett zu fahren.

T.O. und Pete wollten Anlieger und Anhänger absatteln, bei der Service Station stehenlassen und mit dem »Bison« dem Buick hinterher fahren. Das Personal der Tankstelle und der Service Station sollte auf die Ladung achten, damit die Anzahl der Zementsäcke sich nicht auf »wundersame« Weise verringerte.

Im Restaurant stand das Essen der Trucker mittlerweile auf dem Tisch und wurde kalt. Selbst T.O. hatte seinen Hunger glatt vergessen, was bei ihm etwas heißen wollte.

***

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»Da kommt ja der Nigger mit dem Mörderfrüchtchen«, sagte Bill Jonas gehässig, als T.O. und Pete auf dem Hof vom Sheriff’s Office aus dem Kenworth Conventional stiegen.

Jim stand mit dem Sheriff und einem Deputy des sehr ländlichen Bezirks wartend da. Murchison und Jonas, mit Handschellen verziert, waren bei ihnen. Der Sheriff hatte Jim Glauben geschenkt, nachdem er ein Telefonat mit dem Police Headquarters in Chicago geführt hatte. Dabei hatte er Informationen über die Detektei Shackleton erhalten, daß ihm die Ohren klangen.

T.O. hatte Jonas’ Hetze gehört.

»Keine Handgreiflichkeiten unter den Augen der Behörde!« warnte der Sheriff vom Anderson-County den Hünen.

»Ich werde doch nicht handgreiflich«, sagte T.O., drehte sich zur Seite und wirbelte im nächsten Moment herum, um Jonas einen gepfefferten Tritt in den Hintern zu versetzen. Jonas machte einen Sprung und flog gegen einen Streifenwagen. »Fußgreiflich gibt’s ja wohl nicht«, sagte T.O. treuherzig zum Sheriff.

»Für dieses Mal will ich nichts gesehen haben«, brummte der walroßbärtige Sheriff. »Aber tun Sie das nicht wieder. - Sie, Jonas, ermahne ich, Ihre Beleidigungen zu unterlassen, oder sie werden geahndet. Wir sind hier nicht in Chicago.«

Man ging ins Office, einen Betonbau, zu dem Diensträume und auch ein Zellentrakt gehörten. Im Office wurde ein Protokoll aufgenommen.

»Jetzt können wir ja wohl nach Chicago zurück?« fragte Saul Murchison hinterher mürrisch. »Den Boy nehmen wir mit und liefern ihn bei seinem Vormund ab.«

»Das könnte euch passen«, entgegnete der Sheriff. »Ihr bleibt wegen versuchter Kindesentführung und Mordversuchs in meinem Jail. Ihr werdet in Kansas City vor Gericht gestellt. -Euch Trucker wird man für die Verhandlung als Zeugen brauchen.«

»Sie wissen, wie Sie uns erreichen können, Sheriff«, antwortete Jim. »Wie sieht’s mit dem Jungen aus? Sein Vater sitzt in Grand Junction in Haft und wird als der Hitcher beschuldigt. Aber noch ist seine Schuld nicht erwiesen. Laut Gesetz gilt jeder Angeklagte so lange als unschuldig, bis er zweifelsfrei überführt und verurteilt worden ist.«

»Stimmt«, sagte der Sheriff. Er musterte Pete. Der Boy tat ihm leid. Der Sheriff vom Anderson County spielte mit seinem vergoldeten Kugelschreiber. »Ich lasse Pete in eurer Obhut, wenn ihr mir zusagt, euch mit ihm beim Sheriff von Grand Junction in Colorado zu melden.«

»Okay«, sagten Jim und T.O. sofort, während Pete erleichtert lächelte.

Murchison und Jonas protestierten lautstark. Der Sheriff ließ sich nicht auf Debatten ein. Er und zwei Deputies steckten die Privatdetektive ins Jail. Bis zu ihrem Abtransport ins größere Untersuchungsgefängnis von Kansas City würden die Private Eyes hier verbleiben.

»Die Anzeige wegen Kindesmißhandlung, die ihr aufgegeben habt, leite ich nach Chicago an die zuständige Stelle weiter«, sagte der Sheriff zu Jim und T.O. »Mein Bericht geht heute noch ab. Ich würde dem Boy ja wünschen, daß sein Vater zu unrecht verdächtigt wird.«

»Noch ist nicht aller Tage Abend«, sagte der unverbesserliche Optimist Jim. »Wir passen auf Pete auf, solange wir können, und tun für ihn, was in unserer Macht steht.«

»Davon bin ich überzeugt. Sonst hätte ich den Jungen nicht bei euch gelassen und dafür die Verantwortung übernommen. Durch die Zeit, die ihr ihm widmet, werdet ihr von eurer Arbeit abgehalten und nehmt finanzielle Einbußen in Kauf.«

»Geld ist nicht alles im Leben«, antwortete Jim und verließ mit T.O. und Pete zusammen das Sheriff’s Office.

***

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Am Abend lieferten sie die Zementfracht auf der Großbaustelle ab. Jim teilte dem Baustellenleiter mit, daß andere Trucker mit einem Peterbilt 352 Cabover noch vor Mitternacht den Rest der Fracht bringen würden.

»Wir haben uns über CB so geeinigt.«

»Ist allright, Trucker. Das müßt ihr wissen. Hier ist euer Scheck.«

Die Abwicklung ging formlos und schnell über die Bühne. Dann fuhr man auf dem Interstate Highway 70, der von Baltimore an der Ostküste bis nach Utah hinüber führte, nach Grand Junction ab. Der Caterpillar-Sechszylinder röhrte unter der Haube und trieb den Kenworth mit der leeren Sattelgabel mit gedämpfter Kraft voran. Hätte Jim das Gaspedal voll durchgetreten, wäre der »Bison« abgezischt wie ein Geschoß.

Der »Bison« fuhr dem Abendrot entgegen und den Jim Mountains, die sich aus den Ebenen des Mittleren Westens erhoben. Um die 860 Meilen waren es bis nach Grand Junction im grünen Herzen der Colorado-Bergwälder. Jim und T.O. wollten sich am Steuer ablösen und die Tour in einem Stück bewältigen, von einer Tankpause abgesehen.

T.O. lag hinten im Sleeper und schlief wie ein Bär. Pete saß neben Jim auf dem Shotgunsitz. Das Schicksal des Jungen beschäftigte Jim so, daß er seine eigenen Probleme mit der RTC komplett vergaß. Er schaltete den CB-Funk erst ein, als Pete hinten im Sleeper fest eingeschlafen war.

In gedämpfter Lautstärke hörte Jim sich an, was sich andere Trucker erzählten, die wie er auf dem 170 unterm Sternenhimmel dahinfuhren. Die Reifen sangen ihr Lied auf dem Asphalt.

Mit schwarzem Kaffee hielt Jim sich wach. Das Hauptgesprächsthema der Trucker auf der Rubberband war die Ergreifung des Hitchers. Pal Guitar alias Ryan Basey wurde verwünscht bis zum Gehtnichtmehr.

»Wenn ihr uns ihn überlaßt, braucht sich der Richter nicht mehr mit ihm abzugeben«, lautete der Tenor unter den rauhen Truckern. »Das Schwein gehört an die nächste Laterne gehängt.«

Jim mischte sich nicht in den Funkverkehr ein. Er schwieg sich aus, wenn der »Bison« von anderen Truckern gerufen wurde. Denn wie ein Lauffeuer hatte es sich unter den Truckern verbreitet, daß Ryan Baseys Sohn mit Jim Sherman und T.O. Washburn im »Bison« auf Achse war. Die Kollegen hätten zu gern genaueres gewußt.

Auch beim Ablösen der Zementfracht, das über CB-Funk an zwei freie Trucker aus Idaho mit dem »Hoosier Gun« erfolgt war, hatte sich Jim dazu nicht geäußert. Während der Fahrt wurde der »Bison« verschiedene Male von Kollegen erkannt, die hupten und aufblinkten. In mehreren Fällen versuchten andere Trucker, neben dem »Bison« zu fahren und Jim mit Handzeichen zu einer Auskunft aufzufordern. Doch Jim stellte sich stur.

Er winkte höchstens mal, und dann sah er zu, daß er wegkam. Das fiel ihm mit dem unbeladenen Kenworth Conventional nicht schwer, obwohl er sich meist an die Geschwindigkeitsbegrenzung hielt.

Um drei Uhr früh tauschte Jim mit T.O. den Platz hinterm Steuer. Kurz vor sechs, fast schon in Denver, war eine Tankpause fällig. Bei der Tankstelle der Truck Station wurde T.O. von Truckern wegen Pete angesprochen.

»Das ist ja ein Ding, daß ihr mit dem Sohn des Hitchers durch die Gegend kurvt«, hörte T.O. »Will er jetzt immer noch zu seinem Daddy? Fährt er noch mit euch?«

Pete lag im Sleeper wach und hörte die Stimmen.

»Kümmert euch um euren Kram«, beschied T.O. die Kollegen. »Noch ist Ryan Baseys Schuld nicht gerichtlich bestätigt. So ein County-Mounty kann viel behaupten.«

»Willst du dich etwa auf die Seite des Hitchers stellen?«

»Für den Hitcher nicht. Wenn Basey der Hitcher ist, soll er seine gerechte Strafe erhalten. Ich bin nur kein Freund von vorschnellen Urteilen.«

»Es steht doch in jeder Zeitung, daß Basey schon so gut wie überfuhrt ist. Zwar hat er noch kein Geständnis abgelegt, aber das dürfte nur eine Frage der Zeit sein. - Ist der Trucker-Kid jetzt noch bei euch oder nicht?«

T.O. zuckte bloß die Achseln. Er wies den Tankwart an, sich zu beeilen, und stiefelte zur Tankbude mit Shop, wo er mit der Kreditkarte bezahlte. Währenddessen klopfte ein besonders neugieriger Trucker an die Tür des Sleepers.

»Hey, Trucker Kid?« rief er. »Bist du da drin?«

Fast knallte ihm die Tür an den Kopf, als Jim sie aufstieß.

»Meinst du mich? Was fällt dir ein, mich aus dem Schlaf zu brüllen?«

Der »Bison« stand bei einer Zapfsäule unter der Überdachung. Neonlicht spiegelte sich auf dem Lack und Chrom mehrerer Trucks, von denen nur der »Bison« ohne Last fuhr. Pete hatte sich in seine Koje verkrochen. Er scheute sich, Fremden in die Augen zu sehen.

Daß sein Vater der sechsfache Anhalterinnen-Mörder sein sollte, schockte ihn, und er schämte sich dafür.

»Ich hab ja nur mal gefragt«, erwiderte der Trucker, der geklopft hatte. Er zog sich ein paar Schritte zurück. »Ist bei euch der Wohlstand ausgebrochen, daß ihr leer fahrt?«

T.O. kam zurück.

»Wenn du die Augen fest schließt, dann siehst du, was dich das angeht -nämlich rein gar nichts, Kollege«, knurrte er. »Ist der Rig mit dem Insektenfresser da drüben dein Truck?«

Mit dem Insektenfresser meinte T.O. einen Freightliner Cabover mit riesigern Kühlergrill an der hochgezogenen stumpfen Schnauze.

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»Dann steig rein und fahr wieder auf Fliegenfang. Sehen wir aus wie ’ne Auskunftei? Laßt unseren Trucker Kid zufrieden.«

»Dann ist er also noch bei euch?«

»Wir sagen überhaupt nichts.«

T.O. stieg in die Kabine. Jim zog die Sleepertür zu. T.O. drehte den Zündschlüsselö. Der Caterpillar sprang an, und kurz darauf nahm der »Bison« auf dem I 70 die letzte Etappe nach Grand Junction in Angriff, die über die Rockies führte.

Himmelhoch ragende Berge schlossen den Kenworth ein. Der bullige Motor fraß die Meilen. Problemlos bewältigte der »Bison« die steilsten Steigungen. Noch vor der Mittagsstunde erreichte man Grand Junction, eine Kleinstadt von rund 30 000 Einwohnern in den Bergen, am Gunnison River gelegen.

Über die .Abfahrt vom 70er ging es in die Bergtown, die sogar über einen eigenen Airport verfügte. Die breite Hauptstraße mit zahlreichen Geschäften und Hotels entlang fuhr man zum Sheriff’s Office. Es war um einiges größer als das von Garnett. Der Sheriff des Mes Counties erwartete die Trucker und den Sohn Ryan Baseys mit gemischten Gefühlen.

Die Trucker hatten sich Über Funk angekündigt, und das war vielleicht ein Fehler gewesen. Auf dem Parkplatz des Sheriff’s Office, eines kastenförmigen einstöckigen Betonbaus, hielten zahlreiche Pressefahrzeuge. Die Ergreifung des Hitchers war eine Sensation ersten Ranges und hatte Reporter aus allen Teilen des Landes herbeigelockt.

Jim stellte den »Bison« auf einem für Einsatzfahrzeuge reservierten Platz ab. Blitzlichter zuckten, als die Trucker mit Pete aus dem Kenworth Conventional stiegen. Mikrophone wurden ihnen entgegengereckt, und Fragen prasselten auf sie ein.

»Kein Kommentar!« antwortete Jim mehrmals.

Die Trucker hatten den erschrockenen Pete zwischen sich genommen. T.O. bewegte die Arme wie Windmühlenflügel.

»Ruhe, ihr Tintenkleckser!« rief er. »Laßt uns doch erfet mal durch. Im Moment können wir noch überhaupt nichts sagen.«

Eine Fernsehkamera filmte die drei, bis sie durch einen Seiteneingang im Gebäude verschwanden. Die Reporter schrien vor der Tür. Doch Sheriff Marty Sheerman ließ sich nicht erweichen. Er hatte den Reportern mitgeteilt, sie sollten die Pressekonferenz abwarten, die er dann geben würde, und damit basta.

***

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Sheriff Sheerman empfing die Besucher in seinem Office. Er war ein drahtiger Gebirgler mit wettergegerbter Lederhaut. Vom Typ her erinnerte er Jim an den inzwischen verstorbenen Filmschauspieler Randolph Scött, der in seinen Westernrollen ebenso geradlinig wie hölzern agiert hatte.

Sheerman war schon seit fünfzehn Jahren im Amt und betrachtete es als den größten Erfolg seiner Laufbahn, den Hitcher gefaßt zu haben. Den Highway-Würger, hinter dem die Polizeibehörden von fünf Bundesstaaten und das FBI her gewesen waren.

»Du bist also der Sohn Ryan Baseys, Pete«, sagte er und betrachtete den Boy mitleidig: »Ich bin nicht dafür, daß du mit deinem Vater sprichst, Junge. Ihr hättet den Boy nicht herbringen sollen, Trucker.«

»Pete muß die Wahrheit verkraften«, sagte Jim. Er streckte die Beine von sich. Die lange Fahrt - in den letzten Tagen hatte es kaum Ruhe gegeben -steckte ihm in den Knochen. »Wenn Ryan Basey der Hitcher ist, muß er damit leben.«

»Ich sehe absolut keinen Sinn darin, Basey mit seinem Sohn zu konfrontieren«, äußerte der Sheriff. »Basey wurde von einer Farmerstochter aus dieser Gegend, die zu einem Open-Air-Konzert in Denver reisen wollte und dem Hitcher in die Hände fiel, identifiziert. Er hatte sie am Highway aufgepickt, fuhr dann mit ihr in die Berge und hielt ihr ein Messer an die Kehle. Als er sie in seinem Sleeper erwürgen wollte, gelang es ihr im letzten Moment, sich loszureißen, die Tür zu öffnen und zu fliehen. Das Mädchen hatte den Truck beschrieben und Basey, den wir bei einer Straßensperre stellten, einwandfrei wiedererkannt. Basey ist auch in drei Fällen nachweislich an Orten gewesen, wo frühere Opfer des Hitcher gefunden wurden. Oder doch ganz in der Nähe. Was die restlichen Fälle betrifft, läßt sich das noch nicht nachweisen. Doch bei dem vielen Verkehr auf den Straßen und wenn man davon ausgeht, daß der Hitcher vorsichtig war, wundert das nicht.«

»Das ist ein Punkt, wo ich einhaken möchte«, sagte Jim. »Einerseits soll der Hitcher so gerissen sein. Andererseits ist Basey, obwohl er als Schuldiger doch hätte Wissen müssen, daß nach ihm gefahndet wird, arglos in die Falle gefahren.«

»Das war ja Baseys Trick«, entgegnete Sheriff Sheerman. »Er wollte einfach den Harmlosen spielen. Dazu hatte er sich ja auch seine Rolle als der gute Kumpel und fröhliche Gitarrenspieler Pal Guitar aufgebaut. Auch Baseys krankhaften Haß auf junge Mädchen von einem ganz bestimmten Typ ist erklärbar. Seine Exfrau sah so aus wie die Mädchen, die er umbrachte. Basey konnte die Scheidung nicht verwinden. Das warf ihn aus der Bahn.«

»Mir scheint, Sie haben ihn schon schuldig gesprochen, Sheriff«, bemerkte T.O., während Pete verstört dabeisaß.

»Ich sage nur das, was ich weiß«, antwortete Sheriff Sheerman. »Es ist sinnlos, sich Illusionen zu machen. Bringt den Jungen wieder nach Hause.«

»Er hat kein Zuhause«, sagte Jim und erklärte dem Sheriff die Zusammenhänge.

»Das tut mir leid für dich, Pete«, sagte daraufhin Sheriff Sheerman. »Doch ich halte es nur für gut, wenn du deinen Vater nicht siehst. Nicht unter diesen Umständen. So wie ich das beurteile, wirst du noch mal froh sein, daß ihr zweieinhalb Jahre getrennt wart.« Jim bat, in dem Fall wenigstens ihn oder T.O. mit Basey sprechen zu lassen.

»Wir reden ihm ins Gewissen, seine Schuld zuzugeben, wenn er der Hitcher ist«, sagte Jim. »In dem Fall, daß er gesteht, sorgen wir sofort dafür, daß Pete nach Chicago zurückkehrt, freilich in die Obhut der Jugendbehörde und nicht seiner Verwandten.«

»Einverstanden«, erklärte Sheriff Sheerman nach kurzem Überlegen. »Sprechen Sie mit Basey, Mister Sherman. Vielleicht nutzt es ja was.«

Pete tuschelte mit Jim, während der Sheriff zum Zellentrakt telefonierte. Jim nickte. Pete würde sich mit T.O. in den Hof stellen. Wenn sich die Trucker bei der Ankunft nicht getäuscht hatten, lagen die Zellen nach Norden zum Hof hinaus. Jedenfalls befanden sich dort im ersten Stock Betonstäbe vor den Fenstern.

Keine fünf Minuten später schloß der Sheriff im Zellentrakt die Einzelzelle auf, in der Ryan Basey steckte. Auch in der Sammelzelle gegenüber und in anderen Zellen, die alle zum Flur hin eine Gitterwand hatten, waren Häftlinge untergebracht: zwei Frauen und neun Männer.

Sie waren auf den Hitcher alle nicht gut zu sprechen, sondern bedrohten und verhöhnten ihn.

Ryan Basey, ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann mit Karottenjeans und verwaschenem Samthemd, lag mit dem Gesicht zur Wand auf der Pritsche. Erst als ihn der Sheriff anstieß, reagierte er.

»Was wollt ihr von mir? Mir glaubt ja doch keiner.«

»Ich habe Besuch für dich mitgebracht, Basey.«

»Bestimmt wieder ein G-man.«

Basey drehte den Kopf und erkannte Jim, den der Sheriff zu ihm in die Zelle einschloß. Basey setzte sich auf. Verlegen schaute er Jim an, der auf dem Deckel des Toilettenbeckens in der Ecke Platz nahm. Die Zelle war eng und kahl. Doch durch das vergitterte Fenster konnte man hinunter in den Hof sehen, wo T.O. und Pete aufkreuzen würden.

»Hallo, Pal, lange nicht gesehen«, eröffnete Jim die Unterhaltung. Jetzt, da er darauf achtete, bemerkte er eine Ähnlichkeit in Baseys Zügen mit seinem Sohn. »Du sitzt ganz schön in der Tinte.«

Jim drehte zwei Zigaretten und gab Ryan Basey eine. Die Insassen der anderen Zellen pfiffen Jim aus und beschimpften ihn, daß er dem verdammten Mörder auch noch eine Zigarette gab.

»Hau ihm eine rein!« und andere freundliche Aufforderungen wurden gerufen.

Jim beachtete den Krakeel nicht. Basey zuckte jedoch zusammen. Seine Nerven hatten gelitten, und er stand unter einer gewaltigen inneren Anspannung, wie Jim deutlich spürte.

Basey bedankte sich für die Zigarette.

»Mich wundert, daß der Sheriff dich zu mir gelassen hat, Jim. Wie kommt das?«

»Ryan, wir kennen uns schon eine Weile«, begann Jim. »Wir sind beide Trucker. Ich hatte immer eine gute Meinung von dir und vertraute dir. Jetzt frage ich dich auf Ehre und Gewissen: Bist du der Hitcher, oder bist du es nicht? Vertrau dich mir an. Wenn du die Morde begangen hast, gesteh es. Mach reinen Tisch. Ich beschwöre dich. Auf Dauer kannst du die Wahrheit doch nicht unterdrücken.«

Ryan Basey rauchte nervös.

»Mir glaubt ja doch keiner«, sagte er niedergeschlagen. »Für den Sheriff und alle anderen bin ich der Hitcher, weil ich in der Nähe des Tatorts war, einen Mack Super-Liner fahre und dieses verwirrte Girl mich identifizierte.«

»Das ist keine Antwort auf meine Frage«, sagte Jim. »Ryan, mein Shotgun T.O. und ich sind nicht allein da’. Stell dich mal auf die Pritsche und schau aus dem Fenster.«

Ryan Basey gehorchte. Beim Anblick seines Sohnes, der neben T.O. im Hof stand, riß er die Augen auf. Pete sah seinen Vater durch die Gitterstäbe und erkannte ihn.

»Daddy!« rief er und winkte aufgeregt.

Die Bande des Blutes waren in dem Moment stärker als alles andere.

»Das ist doch Pete«, flüsterte Ryan Basey. Es war immerhin eine ganze Weile her, seit er seinen Sohn gesehen hatte. »Er ist ein ganzes Stück gewachsen. Wie kommt denn der Junge hierher, Jim?«

»Mit uns«, antwortete Jim. »Setz dich wieder hin, Ryan. Ihr habt euch gesehen, und das reicht fürs erste.« Ryan Basey konnte sich nur schwer vom Fenster losreißen. »Ein Prachtjunge«, sagte er, als er sich wieder hinsetzte. »Ist seine Mutter auch da?«

Jetzt erst erfuhr Jim, daß Basey noch überhaupt nichts vom Tod seiner geschiedenen Frau wußte. Er sagte ihm vorerst nichts davon.

»Darüber reden wir später. Ryan, liebst du deinen Sohn?«

»Mehr als alles andere auf der Welt. Es war schrecklich für mich, daß man mich von ihm ferngehalten hat. Ich habe Pete so vermißt.«

»Dann frage ich dich jetzt, und ich fordere dich auf, es mir bei Petes Leben zu schwören: Bist du der Hitcher, oder bist du es nicht? Ich muß mich unbedingt auf das verlassen können, was du mir sagst. - Wenn du die Morde begangen hast, dann werden wir Pete ohne Aufsehen aus Grand Junction entfernen, irgendwohin, wo er von dem ganzen Rummel um dich verschont bleibt. Dann darf er nicht darunter leiden, daß du sein Vater bist. Das wäre das letzte, was du noch für ihn tun könntest.« Basey schwieg. Welche Gedanken mochte er haben, was in ihm vorgehen?

»Daddy!« hörte man Pete wieder unten rufen.

Dann vernahm man nichts mehr, denn Pete und T.O. wurden von einem Deputy weggeführt.

»Hast du die Mädchen umgebracht, weil sie den gleichen Typ verkörperten wie deine frühere Frau?« fragte Jim. »Sei ein Mann und sprich offen.«

Basey hob die Fäuste.

»Einem anderen würde ich die Zähne einschlagen, wenn er mir das in dießer Lage ins Gesicht sagte, Jim. - Nein, ich bin nicht der Hitcher. Ich werde zu unrecht beschuldigt. Der wahre Hitcher fährt noch immer frei durch die Gegend. Er muß dunkelhaarig und groß sein und wie ich einen Mack Conventional fahren. - Beim Leben meines Sohnes und bei allem, was mir heilig ist, schwöre ich, daß ich unschuldig bin, Jim. Ich bin kein Engel, aber ich würde doch nie eine Frau umbringen.«

Jim schaute Ryan Basey fest in die Augen.

»Ich glaube dir«, sagte er dann, »und ich werde alles tun, um deine Unschuld zu beweisen und den wahren Täter zu finden. Jetzt habe ich dir Verschiedenes mitzuteilen, was dir nicht gefallen dürfte.«

Ein Deputy erschien und ermahnte Jim, die Sprechzeit bald zu beenden. Jim erbat sich noch einige Minuten. Die anderen Gefangenen indem Trakt pfiffen und klapperten mit Geschirr gegen die Zellengitter. Der Deputy stauchte sie zusarpmen.

Jim berichtete Ryan Basey vom Tod seiner Exfrau. Basey brach unverhofft in Tränen aus.

»Ich habe Marnie wirklich geliebt«, schluchzte er. »Daß sie so jung sterben mußte, ist furchtbar. Das Leben ist mitunter grausam.«

»Ja, Ryan.«

Die nächste Geschichte, nämlich die Behandlung, die sein Sohn bei Tyrone und Helen Dexter erfahren hatte, erregte Baseys Zorn.

»Diese Heuchler und Schleimer!« rief er. »Das haben sie nur wegen des Dexter-Vermögens getan. Sicher ist es an Pete gefallen, oder jedenfalls der größte Teil davon. Das sollen die Dexters mir büßen. Wenn ich wieder freikomme, knüpfe ich mir Tyrone vor. Und seine saubere Gattin soll auch nicht ungeschoren bleiben.«

»Erst mußt du mal frei sein. Und wenn, mußt du sie mit legalen Mitteln angehen. Wenn du wieder mit deinem Truck durchs Tor brummst und das Grundstück verwüstest, landest du bloß im Gefängnis. Dann schadest du dir und deinem Sohn, und die Dexters lachen sich ins Fäustchen.«

Basey versprach, sich zusammenzunehmen. Nach fünf weiteren Minuten verließ Jim die Zelle. Ryan Basey drückte ihm nochmals durch die Gitterstäbe hindurch beide Hände. Basey verschaffte es einen gewaltigen Auftrieb, daß wenigstens ein Mensch, zudem noch ein gestandener Trucker wie Jim Sherman, ihm glaubte.

Er war schon am Verzweifeln gewesen.

»Frag den Sheriff, ob ich meine alte Gitarre haben kann«, bat er. »Das würde mir wenigstens ein bißchen Trost und Ablenkung verschaffen.« Jim versprach, sein möglichstes zu versuchen. Wieder jm Office des Sheriffs, fragte dieser Jim gleich nach dem Ergebnis seiner zwanzigminütigen Unterredung mit Ryan Basey. Als er hörte, daß Basey bei Jim seine Unschuld beeidet hatte, verzog er das Gesicht.

»Natürlich leugnet er. Aber er wird schon noch gestehen. Lassen Sie sich von diesem Verbrecher bloß nicht einwickeln, Mister Sherman.«

Jim redete dem Sheriff zu, nicht nur auf seiner vorgefaßten Meinung zu beharren. Sheriff Sheerman und auch die G-men und State Police sollten weiter nach Spuren suchen. Ryan Basey hatte noch keinen Anwalt, wie Jim hörte. Er wollte sich darum kümmern, ihm einen zu besorgen. Baseys Wunsch, seine Gitarre zu erhalten, lehnte Sheriff Sheerman ab.

»Wo kämen wir denn hin, wenn jeder Häftling in seiner Zelle musizieren wollte? Das würde ein schöner Lärm. Das kommt überhaupt nicht in Frage.«

Jim verließ das Sheriff’s Office. Er schaute sich Baseys Mack Super-Liner an, der in einer Halle der Fahrbereitschaft stand und teils zerlegt war. Spurensicherungsexperten suchten nach weiterem Beweismaterial gegen Basey. Jim durfte nicht näher als drei Meter an den Mack heran. Der silbergesprenkelte Langhauber mit dem elektrisch blauen Farbton hatte an Kühlerseiten und am Führerhaus und Sleeper gleich eine ganze Singband aufgemalt. Die Seitentür des Sleepers stand offen. Drinnen sah Jim Starposter, unter anderem von Elvis Presley.

Ich muß unbedingt mit der Zeugin sprechen, die Basey als den Hitcher identifizierte, dachte Jim. Die auffälligen Malereien am Truck und die Poster im Sleeper müßte das Girl sich gemerkt haben.

»Habt ihr Spuren im Super-Liner gefunden?« fragte Jim einen FBI-Beamten mit Dienstmarke am Revers.

»Das ist streng geheim«, erklärte der G-man Jim. »Um die laufenden Ermittlungen nicht zu gefährden, kann ich es Ihnen nicht verraten. Jetzt gehen Sie bitte.«

»Nach Ihrer Miene zu urteilen, war es bis jetzt eine fruchtlose Arbeit«, klopfte Jim auf den Busch. »Oder?«

Der G-man widersprach nicht, sondern forderte Jim nur abermals zum Gehen auf. Daraus schloß Jim, daß er ins Schwarze getroffen hatte. Er verließ die Halle und fand T.O. und Pete im von Reportern umlagerten »Bison«. Der Kenworth wurde belagert wie eine Festung. Jim knurrte bloß wieder sein »Kein Kommentar«, als er einstieg.

Im Schrittempo rollte der »Bison« vom Hof. Die Trucker hängten die Reporter ab. Dann stand Jim zunächst mal Pete und T.O. Rede und Antwort. Pete glaubte an seinen Daddy. Eine Zentnerlast fiel dem Jungen vom Herzen, und er war Feuer und Flamme dafür, für Basey zu kämpfen und seine Unschuld zu beweisen.

Die Männer einigten sich Über das weitere Vorgehen. Zunächst galt es, einen Anwalt für Basey zu finden. Das war jetzt am Sonnabend nicht ganz einfach. Jim telefonierte herum. Es gelang, im achtzig Meilen entfernten Eagle eine junge Anwältin zu erreichen, sogar in ihrer Kanzlei. Sie versprach, sofort nach Grand Junction zu kommen und sich Baseys anzunehmen.

Dann gingen die Trucker wieder zum Mittagessen. Diesmal konnten sie die Mahlzeit verzehren. Doch hinterher war Pete plötzlich wieder verschwunden.

»Was hat er jetzt denn?« fragte T.O. »Der Bengel ist ständig am Ausbüchsen. Dabei hatte ich den Eindruck, daß er an die Unschuld seines Vaters glaubt und ihm mit uns zusammen helfen will.«

»Mir schwant, daß er schon was unternommen hat«, sagte Jim. »Laß uns mal zum Sheriff’s Office und County Jail fahren.«

Vom »Bison« aus sahen die Trucker dann einen Auflauf vorm Sheriff’s Office. Mitten darin stand Pete, mit einem Pappschild, das er wer weiß wo aufgetrieben hatte. Es war an einer Stange befestigt. Auf dem Schild stand mit Filzschreiber ungelenk hingeschrieben: »Ryan Basey ist unschuldig« und »Gib nicht auf, Dad«. Fernsehkameras surrten, und Reporter fotografierten den Jungen, der sich freiweg zu dem vermeintlichen Hitcher bekannte.

»Pete ist ein tapferer Kerl«, sagte Jim. »Bleib du bei ihm und wartet zusammen auf die Anwältin. Ich versuche zu dem Girl vorzustoßen, das fast das letzte Opfer des Hitchers geworden wäre.«

***

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Erst am Sonntagnachmittag gelang es Jim, mit der Zeugin zu sprechen. Die Bergfarm der Winters lag westlich von Grand Junction am Gunnison River. Jim mußte den Eltern von Maybelle Winter abermals Zureden, bevor sie ihn zu ihrer Tochter ließen.

»Wir sind im Moment auf Trucker überhaupt nicht gut zu sprechen«, erklärte der knorrige Farmer Winter Jim. Er schaute auf den in der Herbstsonne glänzenden roten Kenworth W 900.

»Das kann ich verstehen«, antwortete Jim. »Trotzdem bitte ich Sie, nicht vorschnell zu urteilen. Wenn irgendwo in den USA ein Farmer einen Mord begeht, kann man das allen Farmern anlasten?«

»Nein, Mister Sherman. Reden Sie nicht zu lange mit unserer Tochter, und vor allem regen Sie sie nicht auf.«

Maybelles Mutter sprach zuerst mit ihr. Dann betrat Jim Maybelles Zimmer. Ihr Vater blieb in Hörweite, die Mutter im Zimmer. Maybelle, eine zierliche Sechzehnjährige, lag mit verbundenem Hals auf der Couch. Schon als sie hörte, daß Jim ein Trucker sei, zitterte sie.

»Ich will nur etwas aufklären, Maybelle«, sagte Jim sanft. »Du bist um Haaresbreite dem Tod entgangen. Sechs andere arme Mädchen vor dir hatten nicht soviel Glück. Du willst doch auch, daß der richtige Täter gefaßt und zur Verantwortung gezogen wird?«

Maybelle setzte sich auf.

»Natürlich will ich das, Mister. Ich habe den Mann doch erkannt. Er ist es gewesen, da bin ich mir sicher.«

»Hast du den Truck noch mal gesehen, als Basey dir gegenübergestellt wurde?« fragte Jim.

»Nein. Ich sollte ja den Mann wiedererkennen, nicht den Truck.«

Jim verbuchte das stillschweigend als einen Fehler von Sheriff Sheerman.

»Worauf wollen Sie denn mit der Frage hinaus?« erkundigte sich Mrs. Winter.

»Ich will nur ganz sicher gehen«, beeilte sich Jim zu versichern. »Sie wollen doch sicher nicht, daß etwa ein Falscher bestraft wird und der richtige Täter weiter sein Unwesen treiben kann?«

»Natürlich nicht. Wir sind anständige Leute. Der Gerechtigkeit muß Genüge getan werden.«

»Dann gestatten Sie mir bitte noch wenige weitere Fragen. Wo bist du in den Truck des Hitchers eingestiegen, Maybelle, und wie sah er aus?«

»Das war bei Doan’s Truck Stop, westlich von Grand Junction. Eigentlich wollte ich mit einer Freundin zusammen nach Denver. Doch sie wurde krank. Da habe ich mich eben allein aufgemacht.«

»Uns hat sie vorgeschwindelt, sie würde mit dem Greyhound-Bus fahren«, mischte sich Mrs. Winter ein. »Das ist dir hoffentlich eine Lehre gewesen, Maybelle.«

»Ja, Mom. Ich fahre gewiß nie wieder per Anhalter. Es war also gegen Abend. Ich hatte mir ausgerechnet, daß ich mit etwas Glück gegen Mitternacht in Denver sein könnte, wo ich in der Jugendherberge Unterkommen wollte. Ich stellte ml also an die Ausfahrt. Ein dunkelblauer Truck mit einer Bulldoggenfigur vorn auf dem langen Kühler hielt an. Ein riesiges Fahrzeug mit einem weißblauen Anhänger. Der Fahrer machte einen vertrauenerweckenden Eindruck.«

Maybelle schluchzte plötzlich.

»Ich dachte, ich könnte erkennen, wenn ich einen gefährlichen oder schlechten Menschen vor mir habe. Aber ich täuschte mich.«

»Ist dir an dem Truck was Besonderes aufgefallen?« fragte Jim. »Irgendeine Bemalung?«

»Eigentlich nicht.« Maybelle dachte angestrengt nach. »Ich meine, er hätte rote oder orangene Zickzackstreifen gehabt. Doch keine besonders auffälligen.«

»Keine aufgemalten Figuren?«

»Ich kann mich nicht daran erinnern.«

Als Jim sich verabschiedete, war er schon ein ganzes Stück schlauer.

Er fuhr direkt nach Grand Junction und suchte die Anwältin Nella Sparks auf, die sich in einem Motel am Stadtrand einquartiert hatte. Nella Sparks, 28 Jahre alt, rotblond und couragiert, war hübsch und hatte eine gute Figur.

Wichtiger für Ryan Basey würden jedoch ihr scharfer juristischer Verstand und das Engagement sein, mit dem sie an diesen Fall heranging.

Im Motelzimmer hörte sich Nella an, was Jim vorbrachte. Sie machte sich dabei Notizen.

»Das spricht für die Unschuld meines Mandanten«, sagte sie.

Sofort suchten sie und Jim den Sheriff auf. Doch Sheriff Sheerman wollte sich seinen Lieblingszahn nicht ziehen lassen, daß er den Hitcher gefaßt hätte, als Krönung seiner Laufbahn sozusagen.

»Was gehen mich die Gitarrespieler an Baseys Super-Liner an?« fragte er. »Maybelle stand unter Schockwirkung. Was spielt es da für eine Rolle, daß sie -was den Truck betrifft - jetzt abweichende Angaben macht? Der Truck ist nicht über sie hergefallen, sondern der Mann, und den hat sie einwandfrei beschrieben und wiedererkannt.«

»Aufgrund welcher Kriterien haben sie Baseys Truck bei der Kontrolle denn ausgesondert, Sheriff?« fragte Nella Sparks im Büro des Sheriffs.

»Maybelle sagte, es wäre ein dunkelblauer Truck mit einer Bulldogge als Kühlerfigur gewesen. Also ein Mack«, erklärte der Sheriff.

»Es ist doch sehr auffällig, daß Maybelle sich die auffälligen Figuren nicht einprägte, die auf Baseys Mack gemalt sind«, brachte die Anwältin vor.

Sheriff Sheerman zuckte die Achseln und wies abermals auf den Schock hin, der Maybelle durcheinandergebracht hatte. Die G-men, an die man sich dann wandte, versprachen, weitere Spuren zu verfolgen. Doch Jim und Miß Sparks gewannen den Eindruck, daß auch sie Basey nach wie vor für den Hauptverdächtigen hielten.

»In Trucker kreisen kenne ich mich besser aus als das FBI«, sagte Jim, als er und Nella Sparks die im Ort eingerichtete FBI-Einsatzfiliale verlassen hatten. »Jetzt nehme ich die Suche nach dem Hitcher in die Hand. Wir wissen eine Menge über ihn. Wir kennen den Trucktyp, den er fährt, wissen, daß er einige Ähnlichkeit mit Ryan Basey aufweisen muß und wann er hier durchgefahren ist und Maybelle Winter als Anhalterin bei Doan’s Truck Stop mitnahm. Da werde ich mich mal erkundigen.«

Er fuhr die Anwältin wieder zum Motel. Für Nella Sparks war es etwas ganz anderes, im Führerhaus hoch über der Straße zu sitzen und die Kraft des bulligen Sechszylinders zu spüren, als das Fahren mit ihrem Fort Mustang GT.

»Es gibt eine Menge Trucker, die regelmäßig diese Strecke fahren. Unsereins hat ein Auge dafür, was an Trucks unterwegs ist«, fuhr Jim fort. »Dieser dunkelblaue Mack Conventional kann sich schließlich nicht in Luft aufgelöst haben. Dann gibt es noch einen Punkt, der bisher noch nicht erwähnt wurde, dem ich aber einige Aufmerksamkeit schenke.«

»Und der wäre?«

Jim hielt vorm Motel. Die Druckluftbremsen faßten. Der schwere Kenworth Conventional stand abrupter als ein PKW.

»Maybelle sagt, sie habe sjch verbissen gegen den Hitcher gewehrt. Wie wehrt sich eine Frau oder ein Mädchen gegen einen Mann, der über sie herfällt, Miß Sparks?«

»Sie beißt und kratzt.«

»Genau. Der Hitcher müßte zumindest einige Kratzer im Gesicht mit sich herumtragen. Ryan Basey weist aber absolut keine Schramme auf. Der richtige Hitcher hat bestimmt welche. Das soll mir helfen, ihn zu überführen.«

***

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Das Fernschreiben des Sheriffs von Garnett hatte beim Jugendamt in Chicago einigen Wirbel ausgelöst. Die Dexters wurden am Freitag vorgeladen, um sich zu den Vorwürfen zu äußern, die Pete und die Trucker gegen sie erhoben hatten. Tyrone und Helen Dexter stritten glatt ab, Pete je etwas Übles zugefügt zu haben.

Sie konnten mit einem Trumpf aufwarten. Inzwischen wußten sie nämlich, daß Petes Vater Ryan Basey in Colorado als sechsfacher Mörder 'verhaftet worden war.

»Zu so einem Mann wollen diese verantwortungslosen Trucker den Jungen bringen«, hielten die Dexters den Beamten von der Familienfürsorge vor. »Wir wissen nicht, wo er jetzt ist. Pete ist durch die Scheidung seiner Eltern und den frühen Tod seiner Mutter schwer geschädigt worden. Wir haben uns mit ihm die größte Mühe gegeben, und wir wollen trotz aller Schwierigkeiten weiter versuchen, ihm bei uns ein Heim zu geben. Wenn Pete wiederkommt, werden wir einen renommierten Jugendpsychiater hinzuziehen, der ihn behandeln soll.«

Jener angebliche Jugendpsychiater sollte der Drogenaczt sein, den Tyrone Dexter schon im Auge hatte.

»Wir wollen doch nur sein Bestes«, jammerte Helen Dexter. »Deshalb haben wir, als der Junge weglief, auch für teures Geld die Detektei Shackleton beauftragt, statt uns an die Behörden zu wenden. Wir wollten verhindern, daß er mit dem Gesetz in Konflikt kommt, falls er etwas angestellt hat. - Bitte lassen Sie ihn bei uns. Stecken Sie ihn nicht ins Erziehungsheim.«

»Natürlich ersetzt ein Heim nicht die Familie«, sagte der Beamte. Er schaute in die Akten. Die Auskünfte lauteten für die Dexters positiv. »Sie müssen aber zugeben, daß da schwerwiegende Anschuldigungen gegen Sie erhoben wurden.«

»Wem glauben Sie mehr? Irgendwelchen dahergelaufenen Truckern und einem schwierigen Jungen, der zudem von seinem Vater her noch erblich belastet ist?« fragte Tyrone Dexter. »Oder einem angesehenen Ehepaar wie uns?«

»Ihnen«, erwiderte der Dienststellenleiter. »Sobald wir wissen, wo Pete ist, wende ich mich an die zuständigen Behörden und sorge dafür, das er zu Ihnen zurückgebracht wird. Pete hat großes Glück, solche Verwandte zu haben, die ihn trotz allem nicht fallenlassen.«

Am Abend in ihrer Villa sahen die Dexters Petes Bild im Fernsehen. CWS und andere Sender übertrugen das Bild, wie Pete mit der Papptafel vorm Sheriff’s Office und Jail von Great Junction für seinen Vater demonstrierte.

Ein Reporter interviewte den tapferen Jungen.

»Mein Dad ist unschuldig«, erklärte Pete entschieden. »Ich werde von nun an jeden Tag mit dem Schild hier erscheinen, damit er Mut faßt. Er soll wissen, daß sein Sohn an ihn glaubt - und noch andere.«

Pete hatte zu seinem Wort gestanden. Die Dexters gingen bei dem Anblick fast an die Decke.

»Da ist er also!« rief Tyrone. »Das müssen wir sofort dem Jugendamt mitteilen.«

Das hatte jedoch Ubers Wochenende geschlossen. Weil sie durchaus mal ein paar Tage auf ihren schwierigen Neffen verzichten konnten, warteten die Dexters bis Montag ab, bevor sie Maßnahmen trafen. Der Leiter der Familienfürsorge wurde wieder eingeschaltet, der sich an das Familiengericht und an andere Stellen wandte. Danach wurde eine Verfügung nach Grand Junction an Sheriff Sheerman geschickt, er habe dafür zu sorgen, daß Pete umgehend zu seinem Onkel und seiner Tante zurückgebracht würde. Jim und T.O. aber sollten wegen Kindesentführung verhaftet und unter Anklage gestellt werden.

Am Montagnachmittag ging das Fernschreiben nach Grand Junction ab.

***

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Dank des Einsatzes seiner engagierten Rechtsanwältin hatte Ryan Basey seine Gitarre erhalten. Zu bestimmten Stunden durfte er damit vor sich hinklimpern. Da saß er und dachte an seine verstorbene Frau, an das Scheitern seiner Pläne und Vorstellungen, begangene Fehler, die sich nun nie mehr rückgängig machen ließen. Nicht mal aussprechen konnte er sich mehr mit Marnie.

Ryan Basey spielte einen Sinatra-Song und legte sein Herz hinein.

The night is bitter, The stars have lost their glitter.

The winds get colder.

An suddenly you’re older.

And all because of a gal that got away.

Die anderen Gefangenen, die sonst auf dem vermeintlichen Hitcher herumhackten, verstummten. Sie respektierten Baseys Schmerz. Fast noch mehr setzte es ihm zu, daß er hinter Gittern saß, mit einer ungeheuerlichen Anklage am Hals. Daß er nicht heraus konnte, um sich um das zu kümmern, was aus seiner unglücklichen Ehe hervorgegangen war, wohl das einzig positive daran: Pete, sein Sohn.

Basey konnte Pete vom Fenster aus nicht mehr sehen. Doch seine Anwältin und das Wachpersonal erzählten ihm von Petes Aktion. Basey war so gerührt, daß er weinte.

Am Montagvormittag erhielt Basey in einem Sprechzimmer unverhofften Besuch von T.O., der eine Ausnahmeerlaubnis erhalten hatte und mit der Anwältin zusammen kam. Pete durfte nicht zu seinem Dad, solange er unter Anklage stand. Da war nichts zu erreichen.

T.O. berichtete Basey, daß Jim den richtigen Hitcher suchte.

»Das vergesse ich euch nie«, sagte Basey. »Warum tut ihr das? Wir kennen uns doch nicht mal näher.«

»Mach keine großen Worte«, sagte T.O. »Wir Trucker müssen Zusammenhalten. Und dann ist da noch Pete, der seinen Vater braucht. Da müssen wir dich wohl heraushauen.«

Keiner ahnte, was für ein Verhängnis schon wieder über ihren Köpfen schwebte.

***

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Schon am Sonntag begann Jim mit seinen Nachforschungen. Er fragte das Personal vom Truck Stop, Trucker, Anwohner und alle möglichen Leute. Am Montag hatte er eine heiße Spur. Sie führte nach Valentine, Nebraska, wo Jim sofort hinfuhr. Die 700-Meilen-Tour mit leerem Sattel war mörderisch für den Einzelfahrer Jim.

Er pfiff auf die gesetzlich vorgeschriebenen Pausen, denn die Zeit drängte. Am Montagabend langte er in Valentine an. Einer mittleren Kleinstadt. Von hier stammte der Trucker Will Harper her, Einzelfahrer, wie auch Ryan Basey einer war, und Besitzer eines dunkelblauen Mack RWS Conventionais. Harper war die Unauffälligkeit in Person: Um die vierzig, dunkelhaarig, groß und schlank. Er rauchte, trank und fluchte nicht, weshalb ihn Trucker-Lästerzungen mitunter den Heiligen Valentine nannten.

Sogar sein CB-Handle war unauffällig: Valentine nach seinem Heimatort. Jim fragte sich, ob sich hinter diesem Unschuldsengel ein mehrfacher Mörder verbarg. Die einzige Möglichkeit, das herauszufinden, war, Valentine auf den Zahn zu fühlen.

Jim wußte, daß Valentine derzeit zu Hause war und ein paar Ruhetage eingelegt hatte. Das hatte er von der Frachtagentur erfahren, bei der Valentine öfters Aufträge erhielt. Diese Agentur hatte mehrere Niederlassungen im Mittleren Westen.

Als Jim mit dem »Bison« in Valentine einfuhr, herrschte dort ein beschauliches Treiben. Wenn man die Kleinstadt nach den schmucken Häusern und weiteren Äußerlichkeiten beurteilte, konnten hier eigentlich nur gute und harmlose Menschen wohnen. Harper hatte sein Anwesen am Stadtrand in der Nähe der Sand Hills Mission. Ein einfaches Holzhaus mit Garage und Werkstatt.

Will Harpers Mack Super-Liner stand im Freien, bei drei aufgebockten Aufliegern, die dem Trucker gehörten. Jim betrachtete den dunkelblauen Super-Liner im grellen Scheinwerferlicht des »Bison«, der mit laufendem Motor vorm Tor stand.

Jims Herz schlug schneller. Der Super-Liner hatte orangefarbene Zickzackstreifen an der Seite aufgemalt, genau wie es Maybelle Winter beschrieben hatte. Jim hupte mehrfach. Ein Schäferhund kläffte ihn an.

Endlich schlurfte Harper herbei, der hier allein lebte und zu seinen Nachbarn wenig Kontakt pflegte. Er hielt eine Schrotflinte unterm Arm.

»Was willst du denn?« fragte er Jim. »Ich habe niemand bestellt.«

»Ich bin Jim Sherman und muß mit dir reden, Will. Es ist wichtig.«

»Für dich vielleicht, für mich nicht. -Hau ab!«

Damit wollte Harper wieder in sein Haus zurückkehren. Jim zog an der Signalleine, daß die Texas-Stierhorn-Fanfare losgellte. Der Schäferhund flüchtete winselnd vor dem Höllenkrach. Jim sprang aus dem Führerhaus, ließ den Motor laufen und marschierte ans Tor.

»Es ist für dich wichtiger als für mich, Will. Ich muß mit dir Über den Hitcher sprechen - und über das, was du bei Grand Junction getrieben hast.«

Harper blieb steif stehen. Dann drehte- er sich um, und der Lauf seiner Mehrlader-Schrotflinte zeigte auf Jim. Jim wußte, daß eine Shotgun auf die kurze Entfernung Löcher riß, durch die ein Hase springen konnte. Es überlief ihn eiskalt. Denn jetzt war er sich sicher. Die Scheinwerfer des »Bison« beleuchteten Harper grell.

Seine linke Gesichtshälfte wies mehrere Kratzer auf, die ein Pflaster nur teilweise verdeckte.

»Der Hitcher ist verhaftet und sitzt in Grand Junction im Jail«, sagte Harper, den Finger am Drücker. Er strahlte eine so tödliche Drohung aus, daß es sogar den hartgesottenen Jim schockte.

»Wir beide wissen es besser, Will«, sagte er. »Wenn du jetzt abdrückst, bist du dran. Ich habe nämlich aufgeschrieben, wo ich hinfahre, und den Brief in einer Frachtagentur hinterlegt. Mit der Weisung, ihn zu öffnen, wenn ich bis morgen nichts von mir hören lasse.«

Mindestens eine Minute verstrich. Dann drehte Harper sich einfach um und ging ins Haus. Jim folgte ihm.

»Was willst du?« fragte Harper.

»Du bist der Hitcher«, sagte Jim. »Ich weiß es, denn ich habe bei Doan’s Truck Stop gesehen, wie das Girl zu dir in den Truck stieg. Ich fuhr dann weiter, und ich hörte erst später wieder von der Geschichte. Da wurde mir klar, daß dem Sheriff ein Irrtum unterlaufen ist.«

Die Männer saßen sich in Harpers einfach eingerichteter, blitzsauberer Wohnstube gegenüber. Harper hatte die Shotgun im Schoß.

Jim wußte, er mußte behutsam Vorgehen. »Du bist doch krank, Will«, sagte er leise. »Komm mit mir mit. Ich bringe dich zu einem Arzt, nicht zur Polizei. Ich glaube, du...«

In Harpers Augen erkannte Jim, daß etwas mit seinem Gegenüber geschah. Bei Harper schien eine Sicherung auszurasten.

Er kam Harper zuvor. Mit einem blitzschnellen Griff entriß er ihm die Shotgun.

Da sprang Harper ihn mit gefletschten Zähnen und irrem Gesichtsausdruck an. Jim fiel mitsamt dem Stuhl um und kämpfte verbissen mit Harper. Der Mörder-Trucker entwickelte die Kräfte eines Rasenden. Wenn er Maybelle Winter auch mit solcher Kraft überfallen hatte, war es ein Wunder, daß sie davongekommen war.

Es gelang Jim, sich aufzubäumen und Harper abzuschütteln. Harper rollte zur Seite, packte die Schrotflinte und schlug mit dem Kolben nach Jims Schädel. Jim duckte sich weg. Der Kolben knallte gegen die Wand und brach ab.

Jim schlug hart zu, wie er es bei seiner Nahkampfausbildung bei der Air Force gelernt hatte. Doch Harper war nicht von den Beinen zu bringen. Wie ein Berserker griff er Jim immer wieder an.

Dann erwischte Harper ein großes Fleischmesser, das Jim ihm mit Mühe entwand.

Als Jim das Messer in der Hand hielt, flüchtete Harper durchs geschlossene Fenster. Es klirrte, die Scherben flogen. Jim warf das Messer weg und verfolgte Harper auf dem dunklen Grundstück hinter dem Haus.

Da Harpers Anwesen abseits stand, war noch kein Nachbar auf den Lärm aufmerksam geworden. Jim verlor Harper aus den Augen. Er pirschte sich vor und paßte höllisch auf, damit Harper ihm nicht plötzlich eine Axt über den Schädel schmetterte oder ihn sonstwie angriff.

Doch Harper ging anders vor. Plötzlich dröhnte vor dem Haus der 440-PS-Motor seines Mack Super-Liners auf. Im nächsten Moment platzte der Holzschuppen, der Harper als Truck-Garage diente, förmlich auseinander. Jim fluchte und Jagte um das Haus herum. Fast wäre ihm sein Tempo zum Verhängnis geworden. Er raste um die Ecke - und sah den Truck frontal auf sich zurasen.

Jim sprang im letzten Moment zur Seite. Er spürte den Luftzug des vorbeidonnernden Mack. Harper bremste sofort, legte den ersten Rückwärtsgang ein und versuchte, Jim mit der Sattelgabel und ihren acht Rädern zu erwischen. Diesmal brachte ihn nur ein toller Hechtsprung aus dem Gefahrenbereich.

Er fluchtete ins Haus. Doch auch das hielt den rasenden Mörder-Trucker nicht ab. Harper donnerte mit Vollgas in sein Holzhaus. Plötzlich krachte der Kühler des Mack durch die Wand, und der Truck stand in der guten Stube. Jim rannte an ihm vorbei, kletterte übers Tor, das einen Moment später von Stoßstange und Kühler des Mack zersplittei ., und lief zum »Bison«. Doch als er in die Tasche faßte, stellte er fest, daß er die Truckschlüssel verloren hatte.

Jim schaute über die Schulter zurück. Harper hatte wieder zurückgesetzt und gewendet. Jim sah nur die aufgeblendeten sechs Scheinwerfer und über dem gleißenden Licht undeutlich die Umrisse der Fahrerkabine. Harper spielte mit dem Gaspedal. Die hochgezogenen Auspuffrohre spuckten Dieselqualm.

Harper nahm gewissermaßen Maß und visierte Jim an. Jim lief den Schotterweg entlang, der eine Kurve beschrieb. Links von Jim befand sich ein ziemlich steiler Abhang. Jim hatte eine verzweifelte Idee. Mit geballten Fäusten blieb er auf dem Weg stehen und schaute dem Mörder-Truck trotzig entgegen.

»Mörder!« rief er. »Du entkommst deiner Strafe doch nicht, Hitcher!«

Der 440 PS starke Motor brüllte auf. Der dunkelblaue Mack Super-Liner sprang förmlich vor. Mit Vollgas raste Harper auf Jim zu. Jim wartete ab, bis die grellen Scheinwerfer und die breite Stoßstange unterm Kühlergrill ganz nahe waren.

Dann sprang er zur Seite. Der Mack raste vorbei, ins Feld hinein und den Abhang hinunter. Einen Moment schwebte er in der Luft. Dann riß ihn die Schwerkraft nach unten weg. Der Mack knallte mit dem Kühler auf den Boden, überschlug sich mehrmals und blieb schließlich auf der rechten Seite liegen. Jim eilte hin und zog den bewußtlosen Fahrer hervor. Harper lebte. Jim eilte ins Haus zurück - in das, was davon übriggeblieben war. Er hatte Glück. Das Telefon funktionierte noch. Wenig später hörte Jim Sirenengeheul. Zwei Streifenwagen und eine Ambulanz bogen in den Hof ein. Kurz darauf stand Jim vorm Sheriff.

»Ich präsentiere Ihnen den Hitcher«, sagte er und deutete auf Harper, der auf einer Trage weggebracht wurde.

Der Sheriff zeigte sich zunächst ungläubig. Doch als er und seine Beamten Harpers Anwesen durchsuchten, wurden sie überzeugt.

Man fand nämlich Haarlocken, die -wie sich später durch Untersuchungen im Kriminallabor endgültig erwies -Harper seinen Opfern abgeschnitten hatte.

***

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Jim konnte sich erst spät im »Bison« in den Sleeper legen. Die Suche nach den Truckschlüsseln hatte ihn eine ganze Stunde gekostet. Am anderen Morgen war er schon früh wieder wach und fuhr nach Grand Junction zurück. Auf der Hinfahrt hörte er schon über Funk von anderen Truckern, daß man ihn per Haftbefehl suchte. Doch die Entwarnung folgte schnell.

Die Anwältin Nella Sparks legte sich für die Trucker ins Zeug. Sie erwirkte eine sofortige Verfügung beim Bundesgericht, die den Haftbefehl aus Chicago gegen Jim und T.O. außer Kraft setzte. Wegen Pete stritt man sich noch, ob er zu seinen Verwandten zurückzubringen sei oder nicht.

Als Jim am späten Nachmittag in Grand Junction eintraf, hatte sich längst verbreitet, daß er den richtigen Hitcher entlarvt hatte. Die Stimmung in Truckerkreisen war zugunsten von Ryan Basey umgeschlagen. Über hundert Trucks aller Typen und Klassen hielten vorm Sheriff’s Office und demonstrierten mit Verkehrsblockade und gellendem Gehupe dagegen, daß Ryan noch festgehalten wurde.

Der Sheriff schickte Basey schließlich vor die Tür, wo er mit dem CB-Gerät zu seinen Truckerfreunden sprach, um sie von der Straße zu bringen.

»Es ist nur noch eine Frage der Zeit, bis ich auf freien Fuß gesetzt werde, Freunde«, verkündete Basey. »Es ist schön, daß ihr für mich eintretet. Aber ich kann die Zeit abwarten, ohne die Wände hochzugehen, und ihr solltet es auch. - Fahrt wieder auf den Highway, wo ihr hingehört. Macht hier keinen Aufstand. Wenn wir uns später mal begegnen, gebe ich mächtig einen aus, das verspricht euch der alte Pal Guitar!«

Basey hob die Gitarre. Wieder dröhnten die Fanfaren, daß die ganze Town bebte. Doch dann fuhren die Heavy Hauler brav aus der Stadt, tjnd Basey kehrte in seine Zelle zurück.

In Chicago mußten Tyrone und Helen Dexter aus den Nachrichten erfahren, daß ihr früherer Schwager gar nicht der Hitcher war.

Tyrone sprach die prophetischen Worte: »Jetzt geht es uns an den Kragen. Die Dexter-Millionen können wir abschreiben, und Petes Vormund sind wir auch die längste Zeit gewesen.«

Er sollte recht behalten.

***

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Als Jim beim Motel am Stadtrand eintraf, wo er T.O., Pete und die Anwältin treffen wollte, sah er ein Patrol Car der State Police auf dem Parkplatz. Jim schwante böses. Er stieg aus dem »Bison«. Schon auf dem Korridor vernahm er den Disput zwischen der Anwältin, T.O. und den State Policemen.

»Bedaure, aber wir müssen unsere Anweisungen ausführen«, hörte Jim einen Polizisten sagen. »Pete muß mitkommen. Er wird nach Chicago zurückgebracht, wo über sein weiteres Schicksal entschieden wird.«

Jim trat ein. Pete saß verschüchtert da. Nach Chicago zurückgebracht zu werden, war für Pete gleichbedeutend damit, zu seinem Onkel und zu seiner Tante zu kommen.

Die Anwältin protestierte, die Anweisung sei absurd und herzlos. Es half nichts. Die State Policemen beharrten darauf, Pete mitzunehmen.

T.O. stellte sich in Boxpositur. »Nein«, sagte er, »ihr nehmt ihn nicht mit. Hier ist sein Vater, zu dem er gewollt hat. Wenn Ryan Basey auf freiem Fuß ist, fahren wir alle zusammen nach Chicago. Aber Pete bringt ihr nur dann fort, wenn ihr über mich weggeht.«

»Machen Sie sich nicht unglücklich, Washburn!« warnte ihn der ältere Policeman. »Widerstand gegen die Staatsgewalt kann Sie teuer zu stehen kommen.«

Der jüngere Beamte sagte: »Wir müssen Pete mitnehmen. Mir gefällt das auch nicht...«

»Dann lassen Sie es doch einfach!« unterbrach ihn Jim.

»... aber wir haben den dienstlichen Befehl dazu.«

Plötzlich war Pete verschwunden. Die Männer und Nella Sparks schauten sich um. Wo mochte der Boy sein? Das Aufröhren des Caterpillar-Sechszylinders vom »Bison« zeigte es ihnen. Als sie aus dem Bau stürzten, sahen sie Pete ani Steuer sitzen. Er fuhr gerade weg. Dabei guckte er kaum übers Lenkrad. Alle füin waren perplex.

»Verdammt! Ich habe die Schlüssel stecken lassen«, sagte Jim. »Aber wie kommt er nur ans Gaspedal?«

Pete hatte den Truckern in der Zeit, die er mit ihnen fuhr, einiges abgeschaut. Doch er war natürlich noch weit davon entfernt, die 450 PS des schweren Kenworth Conventional zu beherrschen.

»Der Junge ist vor lauter Angst, weggeschleppt zu werden, durchgedreht!« schrie T.O. die Beamten an. »Da habt ihr was Schönes angerichtet.«

Den State Policemen schlug das Gewissen.

»Wir müssen ihn stoppen, Pat, bevor ein Unglück geschieht!« rief der jüngere Beamte, ein schlanker, sportlicher Mann.

Die Policemen rannten zum Patrolcar und rasten mit Rotlicht und Sirene los. Der Motelbesitzer erschien. Er händigte Jim sofort die Schlüssel seines Chevy Corsica aus. Jim und T.O. rasten dem Polizeiwagen hinterher.

Pete wollte nichts wie weg. Doch in seiner Aufregung schlug er die falsche Richtung ein und raste in die Stadt hinein. Auf . das Gaspedal hatte er einen Stock geklemmt, den er draußen aufgelesen hatte. Wie entfesselt jagte der rote Kenworth W 900 dahin.

Der Motor dröhnte. Die Polizeisirene gellte hinter Pete. Vor ihm wischten Autos wie Schemen zur Seite. Die Fahrer machten dem heranrasenden Truck Platz, und das war ihr und auch Petes Glück. Er konnte den Stock nicht mehr lösen. Pete war ganz mit Lenken beschäftigt.

Vergeblich versuchte Pete, die Fußbremse zu erreichen. Er berührte sie mit der Schuhspitze, aber es fehlte ihm die Kraft, das Pedal voll durchzutreten. Truckfahren war Männerarbeit. Der zwölfjährige Pete konnte sie noch nicht leisten. Es fiel ihm schon schwer, wenigstens das Lenkrad unter Kontrolle zu halten.

Die State Policemen fuhren jetzt neben ihm. Der junge Beamte lehnte sich aus dem Seitenfenster.

»Anhalten, Junge!« schrie er aus Leibeskräften. »Halt an!«

»Ich kann nicht!« rief Pete jämmerlich aus dem heruntergekurbelten Fenster.

Er raste bei Rot auf eine Kreuzung zu, gerade noch bevor der Gegenverkehr losrollte. Das Patrolcar hatte hinter den »Bison« eingeschwenkt und blieb an ihm dran. Jim und T.O. mußten an der Ampel warten. Der letzte Akt der rasenden Fahrt spielte sich zwischen Pete und der State Police ab.

Sie näherten sich der nächsten Kreuzung. Der »Bison« schlingerte und streifte einen Schulbus, dessen Fahrer hart bremste. Dann war Pete durch die Stadt durch und geriet auf die Highwayauffahrt.

Er hupte, und im letzten Moment schwenkte ein Buick Skylark mit einem Campinganhänger im Schlepp zur Seite. Pete gelangte auf den Highway. Er war völlig in Panik. Salziger Schweiß lief ihm in die Augen. Pete hatte alle Hände voll zu tun, um ein Ausscheren des schwere Kenworth zu verhindern. Auf den naheliegenden Gedanken, einfach den Zündschlüssel zurückzudrehen und abzuziehen, kam er gar nicht.

Das Patrolcar fuhr neben dem »Bison« auf dem Highway. Die übrigen Verkehrsteilnehmer wichen aus. Der junge Beamte winkte Pete zu und griff vom Patrolcar aus nach dem Türgriff des »Bison«. Der Fahrtwind wehte dem State Policemen die Dienstmütze weg. Sein dunkelblondes Haar flatterte im Wind.

»Ich steige rüber, Pat! Fahr dichter ran!« rief er dem Fahrer zu.

»Bist du verrückt, Wally?« schrie der zurück. »Das wird dein Tod.«

»Ich muß es riskieren! - Los, fahr!«

Der Fahrer betete lautlos. Der junge State Policeman hangelte sich durchs Fenster. Den Türgriff konnte er nicht erreichen. Doch er hielt sich an dem Luftfilter-Topf vor der Fahrertür fest, stieß sich mit den Füßen ab und knallte mit den Schuhen gegen den 300-Liter-Tank.

Dann gelang es ihm, das rechte Knie aufs Trittbrett zu bringen. Er fand Halt, verbesserte seine Lage und konnte sich aufrichten.

Er stand auf dem Trittbrett, hielt sich an der Halterung des Außenspiegels und am Türholm fest und griff an Pete vorbei. Der Policeman Wallace A. Brigham tat das, was Pete nicht eingefallen war, nämlich den Schlüssel abziehen.

Das Röhren des Sechszylinder-Triebwerks verstummte abrupt. Der »Bison« rollte aus. Als Jim und T.O. mit dem Chevy Corsica eintrafen, half Policeman Brigham Pete gerade, aus dem Kenworth zu steigen. Der Junge war käsebleich, ihm schlotterten die Knie.

Jim und T.O. stürzten aus dem Chevy und auf Pete zu.

»Dir sollte man den Hintern versohlen!« rief T.O. »Das soll dein Vater als erste Amtshandlung erledigen, wenn er das Sorgerecht für dich hat. - Was hast du dir denn dabei gedacht?«

»Ich... ich wollte... doch nur weg«, stammelte Pete kleinlaut.

Jim ballte die Rechte und schaute zum bewölkten Himmel. Er war aber heilfroh, daß nichts weiter passiert war, daß er Pete im Moment nicht mal eine Standpauke halten konnte. Statt dessen lobte er den Policeman Brigham für seinen Mut und sein Geschick, mit dem er Schlimmeres verhindert hatte.

Denn lange wäre Petes Fahrt nicht mehr gutgegangen. Der State Policeman wehrte bescheiden ab, das sei doch eine Selbstverständlichkeit gewesen.

»Das ist die Untertreibung des Jahrhunderts«, tönte T.O.

State Police Corporal Brigham strich sich die Haare zurecht. Und zum erstenmal in seiner Laufbahn wurde er rot.

***

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Der Gouverneur von Colorado sprach schließlich im Fall Pete Dexter ein Machtwort. Der Boy blieb in Grand Junction. Am folgenden Tag wurde die Anklage gegen Ryan Basey endgültig fallengelassen und er auf freien Fuß gesetzt. Überglücklich konnte er seinen Sohn in die Arme schließen. Pete würde bei ihm bleiben.

Mit dem Sorgerecht für Pete würde auch das Dexter-Vermögen an Ryan fallen. Obwohl er darauf nie spekuliert hatte, wollte er es doch nicht ausschlagen.

»Mit dem Dexter-Vermögen im Rückhalt werde ich eine Frachtagentur übernehmen und außerdem noch zwei oder drei Trucks mit festangestellten Fahrern laufen lassen«, erklärte Basey bei einem Abschiedsessen Jim und T.O. »Ständig unterwegs sein kann ich nicht mehr, denn ich will mich um meinen Sohn kümmern. Pete ist das Wertvollste auf der Welt für mich.«

»Pete ist ein Prachtjunge«, sagte T.O. und strich dem Boy über das rote Haar. »Paß gut auf ihn auf, Pal Guitar. -Trucker Kid, bleib so, wie du bist. Geh immer geradeaus und laß dich nicht unterkriegen.«

Basey und Pete winkten den beiden Truckern lange nach, als sie in den »Bison« stiegen und losfuhren. Die nächste Fracht wartete schon.

Das Motorengebrumm entfernte sich. Noch einmal gellte die Mehrklang-Fanfare. Dann bog der »Bison« um die Kurve und entschwand Baseys und Petes Blick.

ENDE

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Catcher, Trucks und krumme Touren

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von Earl Warren

Die Sonne von Texas knallte auf den Interstate 45. Ein Fahrseugkonvoi näherte sich dem Ort Robbins von Norden her. Zwei bullige Trucks, abenteuerlich bunt bemalt, mit ebensolchen Aufliegern und einem Anhänger, führten ihn an. Ihnen folgten Fourwrheeler mit angehängten Wohnwagen oder Campingtrailern.

Der vorderste Truck war ein Mack Cruise-Liner mit flacher Schnauze und einem urigen 525 PS starken Cummins-Triebwerk. Auf die Frontseite des Cabovers war ein grünes Fratzengesicht gemalt. Der Kühlergrill wirkte wie dessen Metallgebiß. Der Windabweiser sah aus wie die Kopfbedeckung des im 55-Meilen-Tempo den Highway entlangfahrenden Ungetüms.

Die heiße Luft flimmerte über dem sechsspurigen Highway. Vom Führerhaus aus sah es aus, als ob Wasserlachen auf der Straße stehen würden. Es war aber nur die Luftspiegelung in der gnadenlosen Hitze.

Sie verzerrte die Konturen des Mack Cruise Liners, auf dessen Auflieger und Anhänger bullige Catcher und hübsche Girls in einer Dschungellandschaft gemalt waren, wo die Catcher mit Eingeborenen und wilden Tieren kämpften.

Entgegenkommende und den Konvoi überholende Fahrzeuge hupten begeistert. Über CB-Funk wurden mit der bunten Fahrzeugschlange - die übrigen Fahrzeuge waren ebenfalls bunt angemalt wie ein rollender Videoclip - launige Sprüche gewechselt.

All American Wrestling Federation stand in bunten Lettern auf den Truckaufliegern und -anhängern. Die Kolosse der Highways wälzten sich voran, mit brummenden Motoren und Dieselqualm spuckend.

Der Mack Cruise Liner hatte das CB-Handle »Beefcake George«, nach seinem Fahrer, einem bärtigen Muskelmann, der fast aus den Jeans und dem T-Shirt platzte. Neben Beefcake George saß Hugh Hercules, ebenfalls ein Catcher, und spielte auf seiner Mundharmonika.

»Hör bloß mit dem Gequäke auf!« klagte Beefcake George. »Das kann ja kein Mensch mit anhören.«

»Das ist das Lied vom Tod aus dem gleichnamigen Western.«

»Das Lied vom Trommelfellriß ist es, so wie du es bringst.«

»Du hast eben kein Kunstverständnis«, sagte Hugh Hercules beleidigt. Er ließ das Folterinstrument sinken. »Wie weit ist es noch bis Houston?«

»Gut sechzig Meilen«, knurrte Beefcake George, der zu seinen Muskeln ein ordentliches Übergewicht mit sich herumschleppte. »Eine Stunde Fahrt, wenn ich auf die Tube drücke. Dann haben wir es geschafft und können im Astrodome auftreten. Das gibt eine volle Kasse. Blödsinnigerweise soll ich mal wieder gegen Alaskana verlieren. Dieser Angeber. Dem würde ich zu gern mal die Fresse polieren.«

»Er ist ein Ekel«, stimmte Hugh Hercules zu. »Wenn das in Houston nicht klappt, sind wir schwer aufgeschmissen. Dann ist der AWF pleite.«

AWF war das Kürzel für die Wrestling Federation, wobei Wrestling für Show-Berufsringen stand. Der Sport hatte in den USA und in Kanada zahlreiche Fans. Beefcake George Huggins hörte das satte Brummen des Motors. Er hatte ein Ohr dafür, daß alle stimmte. Bevor er Proficatcher wurde, hatte Beefcake George Trucks gefahren.

»Was sollte denn schiefgehen?« fragte er.

»Könnte ja sein«, sagte Hugh Hercules, der im Gegensatz zu dem verfetteten Beefcake ein Modellathlet von fast zwei Metern Größe war. »Ih der letzten Zeit sind wir vom Pech verfolgt gewesen. Es würde mich nicht wundern, wenn...«

Was Hercules wundern würde oder auch nicht, erfuhr Beefcake George nie. Es krachte nämlich gewaltig im Motor direkt unter seinen Füßen. Aus dem Kühlergrill schossen Flammenzungen. Es sah aus, als ob das grüne Monstçrgesicht Feuer spucken würde. Im Nu herrschte eine höllische Hitze in der klimatisierten Kabine.

Die Catcher schrien auf. Beefcake George trat voll auf die Bremse. Der Heavy Hauler geriet ins Schleudern. Der Anhänger riß von der Kupplung, deren Königszapfen brach, und stürzte um. Der folgende Truck, ein Freightliner Conventional, rammte den umgestürzten Anhänger, aus dem sich allerlei Kram über die Fahrbahn ergoß, mit der breiten Stoßstange.

Er schob ihn ein Stück herum.

Der brennende Mack stand. Beefcake George und Hugh Hercules sprangen mit qualmenden Socken in Todesangst aus dem Führerhaus, in das die Flammen hineinleckten. Die beiden Catcher rannten von dem brennenden Mack weg. Sie hatten das nackte Leben gerettet. Der Schock saß ihnen noch in den Knochen.

Der Mack brannte lichterloh. Normalerweise war Diesel kaum entflammbar, nur unter enormer Hitze. Um einen Dieselmotor in Brand zu setzen, bedurfte es schon eines offenen Feuers, das eine Weile unter ihm brannte, oder aber eines Sabotageakts durch einen Brandsatz. Beim Mack Cruise Liner des Catcherverbands mußte das letztere der Fall gewesen sein.

Der Konvoi hielt. Auch der übrige Verkehr stand. In der Gegenrichtung staute sich der Verkehr durch langsam vorbeifahrende Neugierige. Fette schwarze Rauchwolken zogen über den Highway und in die Umgebung.

Ein heilloses Durcheinander und Ratlosigkeit herrschten unter den Betroffenen. In dieses Chaos schob sich ein roter Kenworth W 900 mit aufgemalten Büffeln zu beiden Seiten der langen Haube. Hinter der Frontscheibe saßen ein schwarzer und ein weißer Trucker, die mit einer Ladung Konserven ebenfalls auf dem Weg nach Houston waren.

Die Mehrklangfanfare schaffte Platz. Jim Sherman und T.O. Washburn standen wieder mal im Begriff, mit beiden Füßen in eine ganz heiße Sache einzusteigen.

***

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Schon seit einer Weile fuhren Jim und T.O. mit dem »Bison« hinter dem Konvoi her. Sie sahen die bunten Trucks und Anhänger von der Seite. Fünf Pkw, die zum Konvoi gehörten, fuhren momentan brav hinter den Trucks.

»Ist das ein Zirkus?« fragte T.O., der das Lenkrad in seinen kräftigen Boxerfäusten hielt und mit dem Fuß spielerisch das breite Gaspedal niederdrückte.

Jim lutschte an seiner Dose mit Lemon Juice.

»Nö, das sind Catcher. War das nicht was für dich, da einzusteigen? Wenn die Firma Sherman & Washburn bankrott geht, weil uns- Sharkey Lerby endgültig das Wasser abgräbt, kannst du ja dein Glück im Catcherring versuchen. - He, was geht jetzt denn ab?«

Rauch und Flammen schossen vom vordersten Truck empor. Er geriet ins Schleudern. Es krachte. T.O. bremste mit Gefühl, denn auch er fuhr einen voll beladenen Sattelschlepper mit insgesamt siebzig Tonnen durch die Gegend. Wenn er damit durch die Leitplanke krachte oder gar in die vor ihm entstehende Fahrzeugschlange, blieb kein Auge trocken.

Die Luftdruckbremsen griffen bei den insgesamt 28 Rädern des Schwerlastzugs. Der »Bison« samt Ladung wurde von T.O. mit der Stotterbremse gestoppt. Die beiden Trucker T.O. Washburn und Jim Sherman spähten aus dem Führerhaus. Qualm wehte über den Highway und versperrte ihnen die Sicht.

Sie sahen von ihrem erhöhten Beobachtungsposten aus zwei Männer von dem brennenden Mack Cruise Liner wegrennen.

»Wir müssen zu löschen versuchen, Partner«, sagte Jim. »Noch ist der Tank des Mack nicht explodiert.« T.O., der schwarze Exschwergewichtschampion, bekreuzigte sich.

»Ich bin doch nicht lebensmüde. Willst du dir unbedingt den Hintern wegsprengen lassen?«

»Gib dir ’nen Ruck und fahr zu! So schnell fliegen die Tanks schon nicht in die Luft.«

T.O. hupte und blinkte. Man räumte den Weg frei. Fourwheelers rollten zur Seite. Die Insassen stiegen teils aus, standen aber tatenlos herum und schauten fasziniert den brennenden Truck und den umgestürzten Auflieger an, statt etwas zu unternehmen. Und bis die Smokeys und dann die Feuerwehr eintrafen, würde es noch eine Weile dauern.

Zu lange! Es mußte sofort etwas geschehen, wenn es kein Riesenfeuer auf dem Highway 45 geben sollte, in dem noch weitere Fahrzeuge explodieren würden. Der »Bison« war jetzt nur noch zwanzig Meter von dem umgestürzten Anhänger entfernt.

Jim schrie: »Stop!«, und bevor T.O. noch richtig hielt, sprang Jim schon aus dem Führerhaus. Er holte sich den Feuerlöscher aus der Sleeperkabine, deren seitlichen Außeneinstieg er öffnete, und lief zu dem brennenden Truck, dessen zwei 300-Liter-Tanks jeden Moment Feuer fangen konnten. Dieselöl hatte einen höheren Flammpunkt als Benzin. Doch wenn es brannte, dann lichterloh, wie man bei Heizöl sah. Im Prinzip waren Heizöl und Diesel dasselbe, nur daß beim Diesel etwas mehr Wasser entzogen worden war.

»Paß bloß auf, Jim!« rief T.O. Er hatte die Tür geöffnet und lehnte sich weit aus der Fahrerkabine. »Wenn das mal gutgeht«, murmelte er.

Jim rannte gegen die glühende Hitze an, die ihn zurücktreiben wollte. Er schützte das Gesicht mit dem erhobenen Arm und ging entschlossen vor, obwohl die lodernde Glut an dem ohnehin heißen Tag seine Haare und Brauen versengte.

Der Motor des Catcher-Trucks brannte. Das Feuer fraß sich in die Kabine. Jim hantierte am Feuerlöscher und sprühte den Löschschaum in die lodernden Flammen und durch den Kühlergrill.

Über und unter den Truck zischte der Löschschaum. Natürlich erlosch das Feuer nicht gleich davon. Der Motor brannte und glühte weiter. Um ihn zu löschen, hätte man die Kabine hochklappen müssen, um an das Triebwerk zu gelangen.

Nur in der Fahrerkabine, deren Türen offenstanden, konnte Jim das Feuer bändigen. Die Hitze trieb ihn zurück. Zudem war die Kapazität seines Schaumlöschers erschöpft. Doch jetzt griff T.O. mit dem Feuerlöscher des zweiten Catcher-Trucks ein, den er sich geholt hatte.

Er löste Jim ab. Es gelang, das Feuer unter Kontrolle zu halten. Zwei Patrolcars der Highway Police jagten mit flackerndem Rotlicht und Sirenengeheul heran. Ihnen folgte ein Löschzug der Highway Station Normangee. Die Feuerwehrleute, auf brennende Fahrzeuge und deren Ladungen spezialisiert und mit Asbestanzügen geschützt, erledigten den Rest.

Der Truck war zwar hinterher nur noch ein flammengeschwärztes, teils ausgebranntes Wrack. Aber die Tanks hatten kein Feuer gefangen, und der Auflieger war auch noch heil. Der Verkehr wurde an dem umgestürzten Anhänger vorbeigeleitet. Eine Fahrbahn blieb frei.

Ein Hubschrauber der State Police landete. Aus ihm kletterten außer zwei ranghohen State Policemen der Sheriff des Madison Counties und ein Brandspezialist. Wie der Sheriff mitteilte, waren Kranfahrzeuge unterwegs, um den umgestürzten Anhänger wieder aufzustellen.

Der teils ausgebrannte Mack Cruise Liner mußte abgeschleppt werden, nachdem man den Auflieger abgesattelt hatte. Das würde nicht ganz einfach sein. Die Rockwell-Aufliegerkupplung hatte sich durch die Erschütterung verbogen.

Jim und T.O. sprachen inzwischen mit den Catchern, die betrübt auf dem Highway standen. Noch war die Fahrtrichtung Süden größtenteils blockiert. Der Verkehr floß wie durch ein Nadelöhr. Trucks konnten überhaupt nicht durch.

Noch nie hatten sich Jim und T.O. von einer solchen Sammlung von Kraftprotzen umringt gesehen. Selbst in Zivilkleidung wirkten die Catcher furchteinflößend. Auch in Haar- und Barttracht - meist kahlrasierter Schädel oder Irokesenbürste - wollten sich die Catcher vom Normalverbraucher unterscheiden.

Eine Größe von unter Einsneunzig und ein Gewicht von weniger als zwei Zentnern waren bei diesem Berufsstand Mangelware. Wenn mal ein kleinerer dabei war, dann war er fast so breit wie hoch. Die muskelstarken Burschen wurden von ihren Hands, den Helfern der Catchertournee, begleitet.

Und von ein paar Frauen. Einige der Catcher waren verheiratet oder hatten eine feste Freundin. Die übrigen Girls waren Groupies; Frauen, die bei einem Mann Masse mit Qualität gleichsetzten.

Rund vierzig Personen, 25 davon Catcher, gehörten zu der Gruppe. Acht waren weiblich. Jim und T.O. sahen drei bildhübsche Girls, doch auch eine Lady mit den Formen einer Weltmeisterin im Kugelstoßen, wobei die Kugel schon aus Schreck vor der Optik der Lady weit weghüpfte.

Das Sagen bei den baumlangen und muskelstarken- Schwergewichtlern hatte jedoch eine etwa vierzigjährige, ziemlich kleine Lady mit karottenrotem Haar und glitzernden Ringen an den Fingern. Sie trug Hosen und eine verschwitzte Bluse. In ihrem knallrot geschminkten Mund steckte eine erloschene Zigarre, und ihre Stimme hörte sich an wie das Organ eines Rekrutenausbilders.

»Ich bin Claire DeMaire«, sagte diese kleine Gewalt - sie maß in hochhackigen Boots knapp Einssechzig - und schüttelte Jim und T.O. jeweils die Hand. »Man nennt mich Marvellous Claire. Ich bin die Chefin der AWF, der gottverdammt besten Wrestler-Federation auf der ganzen Welt, oder ich will nur noch von stinkigen Heringen leben. - Ohne euch wäre das noch schlimmer ausgegangen.«

Marvellous Claire drehte sich zu ihren Catchern um, stemmte die Fäuste in die Seite und musterte die Muskelmänner verächtlich.

»Da, seht sie euch an! Beefcake George und Hugh Hercules sind glatt getürmt, und von den anderen hat sich auch keiner getraut, zum Feuerlöscher zu greifen. - Männer! Ein wirklich guter Mann ist drei Cent wert, sage ich immer, und für einen halben Dollar kaufe ich alle guten Männer der Welt ein. Und habe noch Geld für ’nen Doughnut übrig.«

Marvellous Claire hatte ein waffenscheinpflichtiges Mundwerk. Von ihren Catchern widersprach ihr zunächst keiner. Doch dann meldete sich ein blondlockiger Bursche im Glitzeranzug, den er auf der nackten Haut trug.

»Claire, du kannst von uns doch nicht verlangen, daß wir so ein Risiko eingehen. Davon steht nichts in unserem Vertrag.«

»Willst du mich Mores lehren, Frank Alaskana, du Angeber?« fragte die Verbandsleiterin. »Angst hast du gehabt, weiter nichts. Zwei Trucker haben euch gezeigt, was Mumm ist. Ihr solltet euch schämen.«

Alaskana maß fast zwei Meter. Er hatte ein bombastisches Gehabe, das er auch außerhalb des Catcherrings an den Tag legte.

»Ich fürchte weder Mensch noch Bestie«, sagte er hochmütig. »So brauche ich von dir nicht mit mir reden zu lassen, Claire. Ich kann jederzeit bei der UW-Foundation Unterkommen.«

»Das ist unsere große Schmutzkonkurrenz, die Universal Wrestling Foundation«, sagte Claire DeMaire zu Jim und T.O. gewandt. »Ihr Präsident Cal Blythe ist ein solcher Gauner, daß man die Finger nachzählen muß, wenn er einem die Hand gibt. Aber ich will nicht von ihm reden, genausowenig wie vom Würger von Boston. - Du könntest schon zu ihm gehen, wenn du bei mir nicht haushoch verschuldet wärst, Frank Alaskana. Es ist noch gar nicht so lange her, daß du jammernd zu mir kamst und mich anflehtest, dir eine Chance zu geben.«

Alaskana verschränkte die Arme und drehte Marvellous Claire den Rücken zu. Sie kniff hinter seinem Rücken ein Auge zu, klopfte sich auf den Bizeps, tippte sich dann an die Stirn und streckte Alaskana die Zunge heraus. Das versöhnte Jim mit ihrer Revolverschnauze.

Claire DeMaire hatte Humor. Sie konnte zweifellos auch über sich selbst lachen.

»Ich fürchte, wir stecken da ganz schön in der Patsche«, sagte Claire DeMaire. »Wir müssen noch heute nach Houston. Sonst können wir morgen abend nicht im Astrodome auftreten.« Das war die größte Kongreß- und Sporthalle von Houston. »Und dann ist die AWF hin. - Puff, geplatzt! Dann hat der Gauner Cal Blythe mit seinem Verein Universal Wrestling allein das Feld und wird Catcher und Zuschauer gleichermaßen betrügen.«

»Besorgen Sie sich doch einfach einen anderen Truck, Madam«, sagte T.O. höflich zu Claire DeMaire. »Das kann doch keine Riesenkunst sein.«

»Hast du schon mal versucht, einem nackten Mann in die Tasche zu fassen, Blackboy?« fragte Claire DeMaire fröhlich. Jedem anderen hätte T.O. den Blackboy übelgenommen. Doch Marvellous Claire konnte man einfach nicht böse sein. »Uns gibt keine Bank mehr was. Diese Tournee ist unsere letzte Hoffnung.« Sie schaute zum »Bison«, diesem in der Sonne glänzenden, chromglitzernden Traum mit der geballten Kraft von 450 PS. »Einen schönen Truck habt ihr da, Freunde.«

»Und eine schöne Ladung, Lady«, sagte Jim, der sofort verstand, worauf Marvellous Claire hinauswollte. »Die bringen wir dann nach Houston, und dann suchen wir uns die nächste. Wir sind nämlich freie Trucker und müssen Geld verdienen, um unseren Ken-Whopper am Laufen zu halten.«

Jim wußte genau, daß Claire DeMaire ihn und seinen Partner einwickeln wollte, damit sie für sie fuhren. Er hatte durchaus Verständnis für die Notlagen anderer, vertrat aber die Meinung, daß man sich am besten selbst half.

Man konnte nicht fortwährend für alle möglichen und unmöglichen Leute einspringen und dabei am Ende noch pleite gehen. Eine Weile hatte es für Jim finanziell ja günstiger ausgesehen, als er nach dem vermeintlichen Tod von King Ryland zehn Prozent von der RTC geerbt hatte. Doch jetzt war der King wieder da, und er legte sich wie eh und je ins Zeug. Das freute Jim, doch die RTC-Beteiligung war damit weg.

»Ihr seid doch patente Burschen«, sagte Claire DeMaire. »Was würdet ihr davon halten, gegen spätere Zahlung und Prämie sowie Freikarten für sämtliche AWF-Wrestling-Shows im nächsten halben Jahr die Fracht da zu übernehmen?«

Sie deutete auf den Auflieger und den Anhänger. Der Mack Cruise Liner, diese traurige Ruine, qualmte und stank noch vor sich hin. Die Brandspezialisten und die Policemen standen in seiner Nähe, konnten jedoch noch nicht heran. Die Kran- und Abschleppfahrzeuge waren noch nicht da.

»Nichts«, antwortete Jim knapp. Der blonde Texas-Trucker rückte den Stetson, den er sich aus dem Führerhaus geholt hatte, in den Nacken. »Bedaure, Lady. Aber der Job eines freien Truckers ist einfach zu hart, als daß wir uns aus purer Gutmütigkeit auf unüberschaubare Risiken einlassen können. - Fahren Sie mit dem Freightliner nach Houston. Satteln Sie dort ab, kehren Sie um und holen Sie dann den Rest. Da brauchen Sie keinen zweiten Truck.«

»Der Freightliner hat leider einen Getriebeschaden«, sagte Marvellous Claire. »Ich hoffe, daß er es noch bis nach Houston packt. Dort muß er erst einmal in die Werkstatt. Wie wir das bezahlen sollen und wie er dann weiterfährt, das steht noch in den Sternen.«

»Aber sonst fehlt euch nichts«, sagte Jim. »Catchen könnt ihr noch selbst, oder kracht es da auch im Getriebe?«

»Mister Sherman, ich sehe, daß Sie uns nicht beispringen wollen«, sagte Marvellous Claire. »Sie sind ein Mann, der aufs Geld sieht, und haben statt des Herzens eine Registrierkasse. Da kann man nichts machen. - Entschuldigen Sie, daß ich Sie aufgehalten und gefragt habe. Ich dachte, bei Ihnen wären vielleicht noch die alten Pioniertugenden lebendig. Doch das ist nicht der Fall. - Ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt.«

»Danke, gleichfalls«, antwortete Jim und wollte zum »Bison« gehen, obwohl die Worte der Catcher-Chefin ihn wurmten.

Sie hatte den Texaner in ihm angesprochen, den noblen Ritter der Highways. Aber das war blanke Absicht und Berechnung gewesen. T.O. zuckte bedauernd die Achseln. Da kann man nichts machen, hieß das. Ich schließe mich meinem Partner an.

Er drehte sich gleichfalls um.

Frank Alaskana sagte verächtlich: »Truckergesindel! Immer nur auf ihren Reibach aus!«

Das mußte gerade er sagen. T.O. kribbelte es im Nacken und auch in den Fäusten. Er hätte dem blonden Showringerhünen gern mal gezeigt, daß er von seiner Profiboxerzeit noch nicht viel verlernt hatte. Doch T.O. beherrschte sich.

Prügeln war dumm, es sei denn, man mußte sich wehren und sich oder andere verteidigen.

Es sah schon so aus, als ob die Trucker die Szene verlassen wollten, als sich ein anderer Wrestler einmischte. Er hatte im Hintergrund gestanden. An der Hand hielt er ein neunjähriges Mädchen mit dunkler Brille, ein süßes Kind. Seine Frau stand neben ihm, wie ihr Mann und die Kleine tiefschwarz.

»T.O., alter Kumpel!« sagte dieser Catcher in Shorts und mit tigergemustertem T-Shirt.

Jim stieg bereits in den »Bufallo«. Er wollte losfahren, wenn die Strecke geräumt war, und mochte sich nichts mehr sagen lassen. Wenn die All American Wrestling Federation pleite ging, fand er das bedauerlich, aber da brauchte er nicht aus Sympathie deren Los zu teilen. Zudem gab es noch andere Nothelfer als ausgerechnet immer das »Bison«-Team.

T.O. hatte die Stimme des Catchers erkannt. Er kehrte wieder um. Die AWF-People wichen zur Seite. T.O. stand vor einem schwarzen Schwergewicht mit kahlgeschorenem Schädel. T.O. war schon kein Leichtgewicht, doch sein Gegenüber übertraf ihn an Masse noch um einiges. Trotz seiner furchteinflößenden Figur wirkte er nicht grimmig, wenn man ihm in die Augen schaute.

Sie blickten freundlich und auch ein wenig melancholisch in die Welt.

»Tobe Jackson!« rief T.O. nach kurzem Überlegen. »Ohne Haare hätte ich dich fast nicht erkannt. Das waren noch Zeiten, als wir dreimal um die Schwergewichtsmeisterschaft von Louisiana geboxt haben. Du warst der Titelverteidiger. Ich entthronte dich, wurde im Revanchekampf geschlagen...«

»Aber nur durch Schiebung«, sagte Jackson. »Du hattest mir nämlich gar keinen Tiefschlag verpaßt, weswegen du zu Unrecht disqualifiziert wurdest.«

»Stimmt, und du reklamiertest das auch, was ich sehr anständig fand. Beim folgenden Kampf habe ich mir dann endgültig den Titel geholt.«

»... und mich mächtig versohlt«, ergänzte Jackson und rieb sich die Boxernase. »Wie ich hörte, hast du dem Boxsport inzwischen ja auch den Rücken gekehrt. Mich hat es zu den Catchern verschlagen. Das ist meine Familie. - Grace, meine Frau, und Alicia, unser einziges Kind.«

T.O. grüßte Mrs. Jackson und sagte zu dem Mädchen mit rotem Kleid und süßen Zöpfen: »Hallo, Kleine.«

Alicia streckte die Hand aus, um T.O.’s Pranke zu ergreifen, und griff vorbei.

»Was ist denn mit ihr?« fragte T.O., nachdem er Alicias kleine Hand ergriffen und geschüttelt hatte.

»Sie ist blind«, sagte Jackson. »Alicia leidet an einer seltenen Form der Netzhautablösung. In einer Spezialklinik an der Ostküste könnte man ihr helfen. Aber das kostet eine Menge Geld, das ich nicht habe. Deshalb will ich es mir als Catcher verdienen. Aber wenn die AWF den Bach runtergeht, sieht es sauer aus. Blythe von Universal Wrestling nimmt mich nicht. Ich bin ihm zu anständig und habe ihm mal die Meinung gesagt, was seine Methoden betrifft.«

T.O. schluckte. Er schaute das kleine Mädchen an, und plötzlich kam er sich schuldig vor. Er hatte ein schlechtes Gewissen, weil er sehen konnte und kerngesund war und weil er kaltblütig hatte wegfahren wollen. Alicia Jackson sah den Himmel und das grüne Gras nicht, nicht die Trucks, keine Tiere und keine anderen Kinder. Sie lebte in einer ewigen Nacht.

»Wenn das mit der AWF klappt, Tobe, kannst du das Geld für die Operation zusammenbringen?« fragte T.O.

»Mit ein wenig Glück und der Hilfe Gottes«, sagte Tobe Jackson, der ein gläubiger Mann war. »Ich will aber dich und deinen Partner nicht mit den Problemen und Sorgen meiner Familie behelligen, T.O. Ihr müßt an euch denken, das sehe ich ein. Hat mich gefreut, daß wir uns mal wieder begegnet sind.«

»Bei diesen Profitgeiern ans Gewissen zu appellieren hätte sowieso keinen Zweck«, giftete der Modellathlet Alaskana im Hintergrund. »Das sind stupide Diesel- und Meilenfresser, sonst nichts.«

»Missis DeMaire, sagen Sie der Figur dort, der das Stroh zum Kopf herauswächst, daß sie besser die Klappe hält«, meinte T.O. »Ich will mal mit meinem Partner reden.«

Er war noch nicht beim »Bison«, als Alaskana vorstürzte.

»Was hast du gerade gesagt, Nigger? Dir breche ich alle Knochen!«

Andere Wrestler hielten Alaskana zurück. T.O. zählte im Geiste bis zehn und schaffte es gerade noch, ruhig Blut zu bewahren. Er stieg ins Führerhaus des »Bison«, wo Jim ungeduldig wartete. Weil der Motor abgestellt war, war es im Führerhaus kochend heiß geworden. Die Fenster waren heruntergekurbelt. Bei der Fahrt würde man sie schließen, und dann würde die Klimaanlage wieder auf Touren kommen.

»Hast du deinen Stehkonvent endlich beendet, T.O.?« fragte Jim. »Wir müssen noch ein paar Meilen fahren, bevor es für heute genug ist.« Er deutete auf den Außenspiegel. »Da sehe ich die Raumfahrzeuge. Die Hooker rollen an. Bald geht es weiter.«

»Ja«, sagte T.O., »aber nicht mit den Konserven, sondern mit den Anhängern von den Catchern. Unsere jetzige Fracht übergeben wir an Kollegen.« Dazu war nur ein Funkspruch nötig. Frachten waren hart umkämpft, und es gab immer Trucker, die keine oder wenig hatten und gern einsprangen. Allerdings nicht umsonst. »Es hat sich was Wesentliches geändert, Partner.«

»Da bin ich aber gespannt«, sagte Jim. »Hat die Zigarrenlady dich hypnotisiert?«

»Sie nicht, aber ein blindes Mädchen.«

Und T.O. erzählte dem betroffenen Jim.

***

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»Da fährt unsere schöne Fracht hin, die uns sicheres Geld gebracht hätte«, sagte Jim. »Ich will ja nicht jammern, aber mich stimmt das traurig.« T.O. tröstete ihn: »Jim, Geld ist nicht alles.«

»Stimmt«, sagte Jim. »Es gibt auch noch Goldbarren, Aktien und andere Wertpapiere, Immobilien und sonstige Kapitalanlagen.« Er grinste. »Sollte ein Scherz sein, Partner. Alicias Los geht natürlich vor. Der gesamte Catcherzirkus hätte mich ja kaltgelassen. Sollen die Kerls doch was Ordentliches arbeiten, statt durch die Gegend zu ziehen und die Superringer und Kraftmaxen zu spielen. Was Claire DeMaire betrifft, die geht sowieso nicht unter. Mit dem Mundwerk nie. Mit der kleinen Alicia ist’s etwas anderes. Sie kann sich nicht selber helfen. Und die Operation muß bald stattfinden, sonst ist es zu spät, um ihr das Augenlicht wiederzugeben.«

»So hat es mir Jackson gesagt, und ich glaube ihm. Er ist nämlich zu anständig, um mich anzulügen.« Alicia mußte zunächst mit dem Laser-Skalpell operiert werden, nach einer Methode, die nur wenige Spezialisten auf der Welt beherrschten. Dann galt es, Netzhautverpflanzungen vorzunehmen. Danach mußte man abwarten. Das Risiko der Operation stand fünfzig zu fünfzig, daß es etwas nutzte. Wenn nicht, dann war alles umsonst gewesen.

Marvellous Claire DeMaire mit ihrer Revolverschnauze und andere AWF-Catcher unterstützten das Vorhaben der Jacksons. Ein Teil ihrer Gagen ging dafür drauf. Claire De-Maire hatte verboten, das öffentlich zu verbreiten.

»Sonst«, sagte sie, »ist der schlechte Ruf flöten, den ich mir jahrelang mühsam genug aufgebaut habe. Zudem ist das eine interne Angelegenheit unserer Catcherfamilie. Also haltet gefälligst die Klappe, ja?«

Jim und T.O. waren die ersten Außenstehenden, die durch Tobe Jackson eingeweiht wurden. Sie waren gerührt.

»Natürlich helfen wir dem Mädel«, sagte Jim. »Und wehe dem, der uns daran hindern will.«

»Wie meinst du das?«

»Der Mack ist nicht ausgebrannt, weil eine brennende Kippe in den Luftansaugstutzen flog. Dahinter steckt viel mehr.«

»Ein Brandsatz, der bestimmt durch die Erhitzung des Motors gezündet wurde«, sagte T.O. »Das dauerte dann aber eine ganze Weile, wenn man bedenkt, daß unsere Wrestler zuletzt in Oklahoma City aufgetreten sind.«

»Keiner sagt, daß der Brandsatz dort einmontiert wurde«, bemerkte Jim. »Das kann genausogut unterwegs während einer Pause oder beim Tanken geschehen sein, als man mal unter die Haube guckte.«

»Das würde aber den Verdacht nahelegen, daß zumindest einer der AWF-Leute ein Saboteur ist«, meinte T.O. nach kurzem Nachdenken.

»Oder mehrere«, sagte Jim. »Schwarze Schafe gibt’s überall. -Sprechen wir mal mit dem Sheriff.«

Die Trucker stiegen aus. Sie hatten ihre Fracht an einen Kollegen abgegeben, der hocherfreut damit weggefahren war, gegen Erstattung von einem Drittel der Frachttaxe, was eine Menge war. Aber so waren nun mal die Bräuche.

Auf dem Highway 45 floß der Verkehr wieder. Die Kranfahrzeuge, spezielle Schwerlast-Trucks mit Kranaufbauten und Hydraulikständern, die sich wegen der Gewichtsverlagerung ausfahren ließen, hatten den umgestürzten Anhänger auf die Räder gestellt. Das nutzte jedoch wenig. Er war so beschädigt, daß er nicht fahrfähig war.

Marvellous Claire würde ihn für ein Spottgeld verkaufen müssen. Die beiden Trucks gehörten der AWF. Claire DeMaire hatte sich ihrerzeit, als sie die AWF gründete, überlegt, daß Leasing auf Dauer zu teuer käme. Zwei Trucks beförderten Claire DeMaires Office und dienten den Catchern und ihren Familien teils für Wohn- und Schlafzwecke, teils zum Transport des Inventars der AWF-Truppe. Dazu gehörten Spezialmatten, Sportgeräte, ein zerlegbarer Catcherring, Kostüme und dergleichen. Sogar eine Offset-Druckmaschine stand im Auflieger des Freightliners, damit die Catcher ihre Werbeplakate billig drucken konnten.

Vorräte und dergleichen wurden auch noch transportiert, zudem ein Zirkuszelt, das die Catcher für ihre Auftritte in Kleinstädten aufbauen konnten. Dort kam zwar kein Fernsehen hin, aber die Landbewohner freuten sich wie die Schneekönige, daß sich mal so eine Abwechslung bot, und bezahlten stolze Eintrittsgelder.

Wenn da auch nöch Wrestling-Stars auftraten, die vom Fernsehen her bekannt waren, war das Zelt bei sämtlichen Kampfveranstaltungen ausverkauft. Dann konnte man die Zuschauer stapeln, und nur die feuerpolizeilichen Sicherheitsbestimmungen schränkten die Zuschauerzahl ein.

Bei allem, was die AWF-Truppe mit sich führte, wurden zwei Auflieger und zwei Anhänger leicht voll. Der größte Teil der Catchertruppe reiste in Pkw übers Land: im Station Waggon, Kleinbus oder auch, wie bei Alaskana, der den Kampfnamen Billion-Dollar-Prince trug, im goldfarbenen Cadillac Corniche.

Der Caddy war Alaskanas ganzer Stolz. Er hielt sich extra einen Sklaven - er nannte den Schwarzen Bodyguard oder Butler -, der ihn bei jeder Gelegenheit polieren mußte. Manchmal flogen Top- oder Gaststars zu AWF-Auftritten an. Doch das Gros der Veranstaltungen bestritt die Truppe, die ständig durch die Lande reiste, von Kanada bis an die Mexikogrenze, ständig auf Achse. Es war ein Zigeunerleben wie beim Zirkus, und man mußte das Reisen im Blut haben, um es auf Dauer zu vertragen. Viele Catchertalente scheiterten daran, daß sie das nicht konnten.

Jim und T.O. gingen zu dem ausgebrannten Mack Cruise Liner. Mittlerweile hatte man die Kabine des Cabover gekippt. Der Sheriff vom Madison County und der Brandspezialist schnüffelten unter der Haube. Der Brandspezialist packte einen Untersuchungskoffer aus.

»Daß das ein Brandsatz gewesen ist, sehe ich mit bloßem Auge«, sagte Jim. »Er hat dort über der Zylinderkopfhaube gesessen.«

Man sah noch eine zerbröselte, ausgeglühte Masse, die an dem Metall haftete. Die enorme Hitze hatte schlagartig den Motor in Brand gesetzt, wobei das austretende Dieselöl verflammte. Der Brandspezialist ließ sich bei seinen Untersuchungen nicht stören.

Der Sheriff nahm Jims und T.O.’s Personalien auf.

»Ich brauche auch noch Ihre Aussage«, sagte er.

»Die können Sie haben.«

Nachdem der Sheriff alles auf Band aufgenommen hatte, gab er ihnen einen Rat: »Habt ein Auge offen, damit sich der Anschlag nicht wiederholt. Missis DeMaire sagte mir, daß in der letzten Zeit mehrere Sabotageakte erfolgt sind. - Ihr wollt euch ja wohl der AWF-Truppe annehmen?«

»So ist es, Sheriff«, erwiderte Jim.

Der Sheriff und die State Policemen hatten bei ihren Verhören der AWF-Leute nichts erfahren, was den oder die Täter entlarvt hätte. Der Insider war zu schlau vorgegangen. Die AWF-Leute wollten noch nicht recht glauben, daß einer der ihren ein so gemeiner Lump sein könnte und vor nichts zurückschreckte. Schließlich gehörte die Truppe schon eine Weile zusammen.

Jim und T.O. waren da cooler und sahen das sachlicher. Sie verabschiedeten sich von dem Sheriff, der die Catcher nach Houston weiterfahren lassen wollte.

»Denn«, sagte er, »was soll ich die ganze Bande auf dem Highway festhalten? Das bringt mir nichts und denen auch nichts.«

Da der Anhänger ausfiel, lag es an Jim und T.O., mit dem »Bison« einen anderen zu holen.

»Zeit ist Geld, Jungs«, mahnte Claire DeMaire, als sie sich verabschiedeten.

»Dann bring deine Zeit zur Bank, Claire«, erwiderte Jim.

Man fuhr zu einer Spedition nach Bison, fünfzehn Meilen weit, um dort einen Anhänger zu holen.

Ein Teil der Catchertruppe sollte bereits nach Houston weiterfahren, während der Rest auf dem Highway auf Jim und T.O. wartete.

»Da haben wir uns ja was Schönes eingehandelt«, sagte Jim, als sie mit dem »Bison« auf dem Weg nach Bison waren, einem kleineren Ort. »Ausgerechnet mit Catchern müssen wir uns einlassen.«

»Was hast du gegen Catcher?« fragte T.O. »Sie haben eines der Grundnahrungsmittel erfunden - das Catchup.«

»Über deine Kalauer krümmt sich mein Bandwurm. Du kennst dich doch mit Boxen und Ringen besser aus als ich. Was für Leute sind diese Catcher eigentlich, und was wird hinter den Kulissen gespielt? Da gibt es ja wohl eine Rastereinteilung in Gute und Böse, Sympathische und Unsympathische. Die Kämpfe sind größtenteils Show, oder?«

»Stimmt«, sagte T.O. »Der Sieger wird immer vorher bestimmt. Jeder Catcherverband kürt seine eigenen Weltmeister, die den Goldenen Gürtel - echt Messing! - tragen. Die Weltmeistertitel werden nach mir unerfindlichen Kriterien vergeben, mal nach Gewichtsklasse, Alter und Kampfstil. World Champion hört sich jedenfalls immer gut an. Der Kampf selbst ist Show. Es sind alle Griffe erlaubt. Aber die Burschen sehen schon zu, daß sie sich gegenseitig nicht zu Weh tun oder sich gar ernsthaft verletzen. Sie wollen schließlich Geld verdienen und sich nicht umbringen. In der Hitze des Kampfes kann es aber schon mal geschehen, daß die Sicherungen durchbrennen und aus Show Ernst wird. Ganz harmlos ist der Sport nicht. - Ein gehöriges Schauspielertalent gehört dazu. Die schmerzverzerrten Gesichter sind gespielt. Wenn diese Jungs wirklich immer Ernst machen würden, wäre die Hälfte von ihnen nach dem Kampftag tot oder im Krankenhaus.«

»Verstehe«, sagte Jim. »Und jeder hat seine besondere Masche?«

»Stimmt, jeder ist auf seine Weise eine Persönlichkeit. Sympathen können dabei genauso als Publikumsmagnet wirken wie Unsympathen. Ist einer verhaßt und buht ihn das Publikum tüchtig aus, so ist es seine Masche, das noch zu fördern. Denn dann kommen die Leute, weil sie entweder das scheinbar Böse fasziniert oder weil sie den Fiesling endlich mal verlieren sehen wollen.«

»Und wie wird man Catcher?«

»Hauptsächlich handelt es sich um frühere Ringer«, antwortete T.O. »Einige Grundkenntnisse müssen die Wrestler mitbringen. Richtige Profis stoßen seltener dazu. Mein früherer Boxgegner Jackson ist so ein Beispiel. Jailhouse Jackson lautet sein Kampf -name, und er, diese Seele von Mensch, dem seine Frau und die kleine Tochter über alles gehen, hat im Catcherring den Finsterling zu spielen. Dabei hat er außer Falschparken noch nie was verbrochen.«

T.O. bog vom Highway ab. Der »Bison« zog ohne Ladung mit seinen 450 PS ab wie eine Rakete. T.O. mußte an sich halten, um nicht voll aufs Gas zu treten.

»Eine Frage noch, Partner«, sagte Jim. »Beantworte sie mir ehrlich. Meinst du, du bist diesen Catchern körperlich gewachsen? Würdest du dir Zutrauen, es in einem ernsthaften Kampf mit jedem von ihnen aufzunehmen?«

»Im Boxring würde ich sie alle ausknocken«, sagte T.O. überzeugt. »Bei einem Freistilkampf, also mit Ringen, Schlagen, Treten, Spucken und was sie da sonst nqch alles treiben, würde es schwieriger. Dann könnten mich ein paar von diesen Burschen aufs Kreuz legen. Aber die Mehrzahl davon nicht.«

»Womit Menschen alles ihr Geld verdienen«, sagte Jim. »Hast du diesen Fettkloß mit dem Dschingis-Khan-Bart und der Irokesenbürste am Kopf gesehen? Der wog doch bestimmt vier Zentner.«

»Das war Giant Bruno. Ich habe einen Blick in das Programmheft geworfen, das Claire DeMaire mir gab. Den mußt du erst mal in seinem Kampfdreß sehen. Da kringelst du dich. Und der andere, der mit den langen Locken, das ist Mart the Python. Er nimmt eine lebende Pythonschlange mit in den Ring und läßt sie dann über seinen besiegten Gegner kriechen. Dann haben sie noch einen nachgemachten Russen, der ungefähr so viel Russisch kann wie ich, und einen Chinesen, der Giftgas spucken kann. Natürlich ist es kein richtiges Giftgas. Er verfärbt nur seinen Atem mit irgendeinem Zeugs, und wenn er dann seinen Gegner damit anbläst, fällt der um. Das ist eigentlich laut den Regeln verboten. Aber der Schiedsrichter schaut nie hin. Der Schiedsrichter hat seine Rolle genau wie die Kämpfer.«

Jim schüttelte bloß den Kopf. »Wir gehen bunten Zeiten entgegen«, sagte er. »Aber wenn es für einen guten Zweck ist, fahre ich auch mal einen Catcher-Zirkus. - Was soll’s? Nur mit der einen Fahrt nach Houston wird Claire DeMaire ja wohl nicht zufrieden sein.«

»Das denke ich auch. Nach Houston steht Dallas auf dem Programm.« Während der Wartezeit hatte sich T.O. ausführlich mit Tobe Jackson und anderen unterhalten. »Wenn die AWF in beiden Städten besteht, wo auch das Fernsehen die Kämpfe überträgt, ist sie saniert.«

Das bedeutete, daß die Gegner zuschlagen mußten, wollten sie nicht ihre Chance verpassen.

Mit dem neuen Auflieger von der Spedition fuhr man sofort zu den am Highway zurückgebliebenen Catchern zurück. Die Sonne stand als tiefroter Ball über dem Brushland beim Brazos im Westen. Der Touring-Manager der AWF, die rechte Hand von Claire DeMaire, schaute schon ungeduldig auf die Uhr.

»Wo seid ihr geblieben? Wir müssen nach Houston. Beeilt euch gefälligst.« T.O. sprang aus dem Führerhaus und baute sich vor dem Touring-Manager auf.

»Eins will ich dir gleich sagen, Meister«, meinte er grimmig. »Herumscheuchen lassen wir uns von dir nicht. Wir sind keine Laufburschen, kapiert? Wir arbeiten hier auf freiwilliger Basis mit, und das will ich auch respektiert wissen.«

»Ich dachte ja nur...« stotterte der Manager.

»Dann denk ruhig weiter, so hast du ein schönes Hobby für ruhige Stunden«, sagte nun Jim. »Aber sprich nicht so viel über deine Gedanken, ja?«

Der Manager fühlte sich zu Recht auf den Arm genommen. Er kannte Jim und T.O. halt noch nicht sehr lange. Sie waren unkompliziert, schnoddrig und hatten das Herz auf dem rechten Fleck. Wenn es sein mußte, riskierten sie Kopf und Kragen für eine gute Sache und schufteten rund um die Uhr. Aber sie mußten das von sich aus einsehen und wollen. Sonst lief gar nichts.

Der ausgebrannte Mack-Truck war abgeschleppt worden. Die Trucker stellten den mitgebrachten Auflieger ab. Er wurde beladen, wobei die Catcher mit anpackten. Dabei schnaufte Giant Bruno, der mit dem Mongolenbart und der Irokesenbürste, wie ein Walroß.

»Was hast du denn?« fragte T.O. den Vier-Zentner-Mann.

»Ich kann nicht schwer heben«, stöhnte der Schrecken aller Catcherringe von der Ost- bis zur Westküste.

»Was kannst du nicht?« fragte T.O.

»Nicht schwer heben, Mann. Ich hab’s mit dem Rücken. Meine Bandscheiben sind auch nicht mehr die besten.«

»Wie kannst du denn dann Catcher sein?«

»Ach, die paar Minuten im Ring schaffe ich schon. Die Kämpfe dauern ja nur drei bis vier Minuten, aber Dauerbelastungen bin ich nicht gewachsen.«

»Trainierst du denn nicht?« fragte T.O., der sich an das immense Trainingspensum seiner aktiven Boxsportzeit erinnerte.

Da war er jeden Morgen zehn Meilen gelaufen, hatte dann geboxt und gesparrt, Kombinationen geübt, Gewichte gestemmt, Zirkulartraining nach sportärztlicher Anleitung absolviert und war abends noch in die Sauna gegangen. T.O. hatte geackert wie ein mittleres Kraftwerk.

»Wie denn?« fragte Giant - was Gigant bedeutete - Bruno. »Hast du schon mal ’nen Elefanten Polka tanzen sehen? Bei meiner Figur erwartet keiner von mir, daß ich dem Gegner mit zwei Füßen ins Gesicht springe, Überschläge aufführe oder auf den Ringseilen herumturne. Meine Gegner besiege ich, indem ich mich einfach auf sie drauffallen lasse. Wenn ich das mehrmals tue, ist der Fall erledigt.«

Manchmal walzte Giant Bruno dabei auch den Ringrichter platt, wenn er mit dessen Entscheidungen nicht einverstanden war. Schnaufend setzte er sich auf die Leitplanke.

T.O. widmete sich wieder'dem Beladen. Giant Bruno schaute zu. Zum Schluß wurde aufgesattelt und angekuppelt. Der »Bison« bildete diesmal den Schluß mit dem Auflieger und dem Anhänger.

Die restliche AWF-Truppe fuhr voran, in Richtung Houston, wo der Freightliner Conventional FLC 12064 C trotz des beschädigten Getriebes gerade noch eingetroffen war. Jetzt stand er fahruntüchtig auf dem Parkplatz.

»Dann müssen wir den wohl auch noch in die Werkstatt schleppen«, sagte Jim und hängte sich eine Zigarette in den Mundwinkel.

T.O., der erklärte Nichtraucher, sagte nichts dazu. Solange Jim das Führerhaus nicht ständig einqualmte, war es okay.

***

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Im Head Office der Ryland Trucking Company in San Antonio an der Seguin Street brannte auch spätabends noch Licht. Auf dem Frachthof und bei den Lagerhallen arbeitete nur der Nachtdienst. Doch auch spätnachts rollten noch Fernlastzüge an und ab, denn das Truckergeschäft lief rund um die Uhr.

Sharkey Lerby, der intrigante Schwiegersohn des Trucker-Kings Henry B. Ryland und Jim Shermans Intimfeind, hatte die Firmenleitung wieder abgeben müssen. King Ryland hatte sich von dem schweren Unfall, der ihn monatelang als Mann ohne Gedächtnis über Amerikas Straßen hatte irren lassen, wieder erholt. Mit harter, jedoch gerechter Hand und der gewohnten Dynamik führte Ryland wieder die RTC. Seine Gedächtnislücken waren fast alle geschlossen. Derek »Sharkey« Lerby wurde in den Hintergrund gedrängt, denn einen Mann wie Ryland aufhalten zu wollen war das gleiche, wie sich mit bloßen Händen gegen einen von Rylands insgesamt zweitausend RTC-Trucks zu stemmen, die von Feuerland bis Alaska fuhren.

Eine geradezu wütende Energie trieb den Trucker-King. Er war ein Kind seiner Zeit, dieser mittlerweile fast sechzigjährige Mann, voller Fortschrittsglauben.

Lerby, ein smarter Dreißiger, saß hinter, seinem Edelstahlschreibtisch und studierte Computerauszüge. Manchmal fragte er über die EDV-Anlage Daten ab. Dann schwirrten Zahlenkolonnen über den grünen Bildschirm. Lerby besaß ein glänzendes Zahlen- und Faktengedächtnis. Die menschliche Seite interessierte ihn dafür wenig. Da ging er nach Arbeitskapazität und dem Nutzen, den er aus jemandem ziehen konnte, und der Rest war ihm wurst.

Lerby stöhnte. Daß er im Frachtgeschäft gelandet war, hatte bestimmte Gründe. Diese Sparte kannte er jetzt, und er würde auch darin bleiben. Lieben tat er sie nicht. Lerby hätte auch mit Erfolg Öl oder Computer verkaufen können. Ihm ging es beim Geschäft hauptsächlich um die Macht und die Befriedigung seines Egos - und ums Geld.

Das Abenteuer der Highways war ihm völlig fremd, und er hätte jeden, der ihm davon erzählte, nur verständnislos angesehen.

Mary-Anne Colter, seine hübsche Sekretärin, mit der ihn auch noch eine Liebesaffäre verband, klopfte an. Mary-Anne war für einen Mann wie Lerby geradezu ideal. Billig und arbeitstüchtig und für alles da und jederzeit bereit.

»Besuch für dich, Derek. Er ist durch den Hintereingang gekommen, über die Feuerfluchttreppe.« Mary-Anne zögerte einen Moment, um ihre Abneigung merken zu lassen. »Es ist dieser Slater«, sagte sie dann.

Der dunkelhaarige Lerby, vom Scheitel bis zur Sohle ein Businesstyp mit glattem, jungenhaftem Gesicht und Blauaugen, zuckte zusammen. Lerbys Augen konnten je nach Bedarf kindlichunschuldig, freundlichleutselig und eiskalt blicken, so wie man eine Mehrfarbenlampe umstellte.

»Was sucht der hier?«

»Das hat er mir nicht gesagt. Aber es wäre dringend.«

»Laß ihn rein, in Dreiteufelsnamen, und paß auf, daß wir nicht überrascht werden. Der King ist noch im Haus. Entsetzlich, wenn er hier hereinplatzen würde und Slater vorfinden würde. Er kennt ihn zwar nicht persönlich, aber mit seiner Menschenkenntnis würde er sofort checken, was für eine Ratte Matt Slater ist.«

»Es freut einen doch immer, wenn man beliebt und gern gesehen ist«, sagte Matt the Rat, wie sein Spitzname lautete, und trat ein. Er ließ den Stetson auf einen Aktenschrank segeln. »Hallo, Lerby. Schönes Büro und hübsche Sekretärin, die Sie da haben.«

Lerby spürte körperliches Unbehagen, als Slater sich vor ihm in den Besuchersessel pflanzte. Mary-Anne Colter schaute empört. Lerby winkte sie hinaus. Mary-Anne verschwand noch empörter. Sie hatte erwartet, Lerby würde das Subjekt Slater zusammenstauchen.

Gerade er, der sich sonst schon aufregte, wenn ein Trucker ihn allzu leger grüßte, ließ Slaters Benehmen durchgehen. Lerbys Sekretärin wußte nicht, was Slater für ihren Chef alles abwickelte. Und was er von ihm wußte. Deshalb konnte er sich einiges erlauben.

Lerby schluckte also seinen Groll hinunter und fragte mürrisch: »Mußten Sie hierherkommen? Wie sind Sie überhaupt aufs Gelände gelangt?«

»Aber Mr. Lerby, ich habe so meine Mittel und Schleichwege«, winkte Slater ab. »Wenn ich es nicht will, sieht mich keiner. Bei dem Brandanschlag, der noch gar nicht mal so lange zurückliegt, bin ich schließlich auch nicht bemerkt worden.«

»Nicht so laut!« zischelte Lerby. »Sind Sie wahnsinnig, hier davon zu sprechen?«

Das Fazit dieser Katastrophennacht, in der Slater den Sprit aus einem Hochdrucktank hatte fließen lassen, waren zwei niedergebrannte Tanks und die Vernichtung eines Teils des Fuhrparks gewesen, dazu ein schwerverletzter Wachmann, der ahnungslos mit seiner Zigarette den Großbrand ausgelöst hatte.

Die Schuld an der Katastrophe hatte man Pat O’Neill angelastet. Eine Millionenklage der Versicherung kam auf ihn zu. Erst in der letzten Zeit sah Pat wieder Land, nachdem sich King Ryland nachdrücklich auf seine Seite stellte. Zudem liefen immer noch die Untersuchungen über die mysteriösen Vorgänge in jener Nacht, deren materielle Schäden inzwischen wieder beseitigt waren.

Das Ergebnis seiner Intrige gegen O’Neill, die er letztendlich ganz umsonst angezettelt hatte, verursachte Lerby Magendrücken. Lerby hatte sich dazu hinreißen lassen, weil er den King tot wähnte und sich die RTC unter den Nagel reißen wollte.

Doch dann war Ryland wieder auf getaucht... Und Slater war als Mitwisser noch gefährlicher geworden. Slater war skrupellos, ein schmieriger, verschlagener Privatdetektiv, den Lerby immer für Dreckarbeiten eingesetzt und auch entsprechend behandelt hatte.

»Lerby, ich brauche Geld«, sagte Slater.

»Wozu denn, zum Teufel? Ich habe Ihnen doch erst neulich zehntausend Dollar gegeben.«

»Ich spiele halt gern, und ich habe auch die eine oder andere kleine Freundin. Das kostet einiges.«

Lerby stöhnte.

»Warum gehen Sie nicht zur Abwechslung wieder mal Ihrem Job als Privatdetektiv nach und verdienen selber Geld?« fragte Lerby bissig.

Details

Seiten
547
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941920
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906836
Schlagworte
hollywood rache spannungsromane touren trick

Autor

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Titel: 5 Spannungsromane: Rache, krumme Touren und ein Trick aus Hollywood