Lade Inhalt...

Whisky-Calloway

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Whisky-Calloway

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

31

32

33

34

35

36

37

38

39

40

41

42

43

44

45

46

Whisky-Calloway

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Ausgerechnet der abgehalfterte und alkoholsüchtige Ben Calloway wird angeheuert, um einen Mörder in die nächste Stadt zum Gericht zu bringen. Die Schuld scheint festzustehen, doch Calloway bekommt Zweifel daran. Als er und sein Schützling auf dem Weg überfallen werden, erkennt er schnell die wahren Zusammenhänge. Alles wäre einfacher, würde er nicht von seiner Gier nach Alkohol getrieben.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Calloway kroch hinter das tote Pferd. Aber kein Schuss durchbrach mehr das Brausen des Windes, der seit Tagesanbruch die Wüste in graugelbe Schleier hüllte. Staub füllte die Nüstern des braunen Wallachs und bedeckte das Blut an seinem Hals.

Calloway zog die Bandana über Mund und Nase. Bleischwer lag der 44er in seiner Rechten. Zwei Jahre waren verstrichen, seit die Waffe zum letzten Mal Feuer und Blei gespuckt hatte. Zwei Jahre, die Ben Calloway wie eine halbe Ewigkeit erschienen. Der Colt war einmal wie ein Teil von ihm gewesen. Nun kam er ihm fremd und ungewohnt vor. Der brünierte, über den Sattel ragende Lauf wackelte leicht.

Calloway lauschte, versuchte etwas von seiner Umgebung zu erkennen. Aber alle mehr als zwanzig Yard entfernten Felsen, Dünen und Kakteen verschwammen im Staub, den der Wind von Süden, wo Lonewells lag, heran peitschte. Ein ab- und anschwellendes Heulen lag in Calloways Ohren. Wenn auch seine Coltfaust zitterte und jede Faser in ihm nach einem Drink lechzte, sein Instinkt funktionierte noch. Es war der sechste Sinn eines Mannes, der sein halbes Leben lang mit einem unsichtbaren Partner Bügel an Bügel geritten war – dem Tod.

Sie waren da. Sie belauerten ihn. Männer mit Gewehren und langen Staubmänteln, die plötzlich wie Schemen auf einem Höhenkamm aufgetaucht waren und sofort geschossen hatten. Calloway wartete. Er spürte, wie die Ruhe in ihn zurückkehrte – ein lange vermisstes Gefühl der Sicherheit.

Für einen wie dich ist es besser, mit fünfzig in den Stiefeln zu sterben, als hinter ‘ner schmutzigen Ladentheke dahinzuvegetieren. Mit diesen Worten hatte sich Old Pete in Pueblo von ihm verabschiedet. Pete, der Säufer, Stallbursche und Saloonausfeger. Der einzige Freund, den er in Pueblo besaß.

Ein Grinsen spannte Calloways Mundwinkel. Noch ist es nicht soweit, Pete, dachte er grimmig. Warte ab, bis ich wieder richtig in Fahrt bin. Ich werde dich noch überleben, alter Sumpfbiber!

Ein Schatten jagte plötzlich auf ihn zu. Calloways Sechsschüsser blitzte. Der Wind zerriss den Donnerknall. Dann fluchte der große, breitschultrige Mann. Ein Tumbleweedballen wirbelte an ihm vorbei. Der Fetzen eines rauen Lachens schallte zu ihm.

»He, Calloway!«, rief ein Mann. »Kleiner Vorgeschmack auf die Hölle. Hättest in Pueblo bleiben und noch ein paar Jahre Schnürsenkel verkaufen sollen, bevor der Teufel dich holt. Dann hättest du wenigstens ‘n ordentliches Begräbnis bekommen. Hier draußen werden dich die Geier fressen, old Bov!«

»Ketloe«, murmelte der ehemalige Revolverkämpfer mit zusammengebissenen Zähnen. Der Wind verbog seine Stetsonkrempe. Staub brannte in Calloways Augen. Aufs Geratewohl schickte er eine Kugel in die Richtung, aus der die Stimme kam

Da blitzte und knallte es aus drei Gewehren. Die Mündungsflammen wirkten wie Kreidestriche in den wogenden Schwaden. Der Körper des toten Braunen schien zu zucken. Calloway presste sich in den Sand. Nat, Joe und Warren Ketloe, dachte er.

Sie waren Vettern. Eine üble Bande von Schießern, Raufbolden und Viehdieben. Ihre Winchestergewehre schwiegen nun. Calloway hörte das Gluckern der auslaufenden Canteen-Flasche. Mechanisch ersetzte er die abgeschossenen Patronen. Ein Wiehern erreichte ihn. Dann wieder die raue Stimme von zuvor.

»Das war's, Calloway. Dreißig Meilen nach Lonewells, ohne Pferd, ohne Wasser. Das hättest du vielleicht damals geschafft, bevor du zu saufen angefangen hast. Damals, als du Abe in die Hölle geschickt hast, du verdammter Bastard. Denk an ihn, wenn du im Staub liegst und nicht mehr weiter kannst.«

Der Wind trug das Klirren von Sattelzeug und Hufgestampfe zu Calloway. Es konnte eine Falle sein. Aber die Sicht verschlechterte sich. Er bot für die Ketloes ein mindestens ebenso undeutliches Ziel wie sie für ihn. Er wartete einige Minuten, ehe er sich erhob. Kein Schuss.

Da lief er geduckt auf die Anhöhe zu. Gleich darauf fand er die Stelle, von wo sie auf ihn geschossen hatten. Der Staub deckte bereits die Hufabdrücke zu. Nur ein paar leere Patronenhülsen glänzten in einer Felsspalte.

Calloway kehrte nicht mehr zu seinem toten Wallach zurück. Der zerschossene Sattel lohnte die Mühe nicht, ihn mitzuschleppen. Der Wind zerrte an seiner verstaubten Jacke. Das Gewicht des 44ers zog den Büffelledergurt rechts hinab. Sandkörner knirschten zwischen Calloways Zähnen. Müdigkeit überkam ihn.

Dreißig Meilen nach Lonewells. Dreißig Meilen Staub, Sonnenglut und Durst. Das Heulen des Windes erschien ihm wie Hohngelächter. Da ballte Calloway die Hände und marschierte los.

 

 

2

Ein Schuss hallte durch den Saloon. Gläser klirrten. Das wüste Lachen war bis in das Zimmer im Obergeschoss zu hören. Der schlanke, städtisch gekleidete Mann am Fenster hielt mit unbewegter Miene das Fernglas. Der Blick reichte über die Dächer bis zu den flimmernden Ausläufern der White Sands Desert. Die Silhouette der San Andres Mountains schien vor dem wolkenlosen Himmel zu schweben.

»Die Ketloes haben Pedro in der Mangel«, kam die Stimme einer Frau von der Tür. »Ich verstehe nicht, dass du nichts unternimmst.«

»Lass ihnen den Spaß bis sie merken, dass sie zu früh feiern.«

Der Diamant an Jim Franklins Hand funkelte, als er das Okular schärfer einstellte. Die Frau schloss die Tür und ging zu ihm. Ein moosweicher Teppich dämpfte ihre Schritte. Sie bewegte sich mit katzenhafter Anmut. Eine schwarzhaarige Schönheit mit grünen Augen und lockendem Mund. Grüne Seide umfloss die biegsame Figur. Der Besitzer des Silverhorse Palace reichte ihr lächelnd das Fernglas.

Loreen O'Hara spähte in dieselbe Richtung wie er. Es dauerte eine Weile, bis sie die ferne Gestalt auf einem langgestreckten Dünenkamm entdeckte. Mit bloßem Auge war der Mann nur als dunkler, sich kaum von der Stelle bewegender Punkt zu erkennen. Die Schwarzhaarige zuckte zusammen. »Calloway!«

Franklin lachte leise. »Ich wüsste sonst keinen, der zu Fuß durch die Wüste nach Lonewells kommt.«

Es war kurz nach Mittag. Die Sonne übergoss die wie hingewürfelten Häuser der kleinen Town mit weißem Feuer. Die Luft kochte. Kein Mensch hielt sich zu dieser Zeit im Freien auf, wenn es nicht unbedingt sein musste.

Es war so heiß, dass man auf den Steinen Eier hätte braten können.

Franklin beobachtete die Frau, die die Lippen zusammenpresste und plötzlich den Atem anhielt.

Die staubgraue Gestalt auf der zwei, drei Meilen entfernten Düne sank, wie von einer unsichtbaren Faust niedergedrückt, auf die Knie. Dann neigte sie sich nach vorn, kippte und rollte die sandige Anhöhe hinab. »Er schafft es nicht, Jim.«

»Wenn nicht, dann ist er nicht Calloway.« Franklin fischte ein Zigarillo aus der Brusttasche des Anzugs.

»Er ist Calloway. Aber nicht mehr der Calloway, um den jeder Eisenbahnbandit und Falschspieler einen weiten Bogen schlug. Die hundert Dollar Vorschuss, die du ihm geschickt hast, kannst du abschreiben, Jim. Er ist erledigt.«

»Wetten, dass nicht?«

Franklin brannte das Zigarillo an. Die Frau ließ langsam das Glas sinken. »Ich würde die Wette halten, Jim, wenn ich etwas zu bieten hätte, was dir nicht sowieso gehört.«

Er musterte sie mit kühlem Besitzerstolz. Das Lächeln auf seinem glattrasierten Gesicht wirkte eingemeißelt. Loreen spannte sich, als er eine Hand unter ihr hübsches Kinn legte. »Du könntest an einem Abend im Saloon singen, wie früher, wenn du die Wette verlierst, Honey«, schlug Franklin vor.

Sie schob heftig seine Hand weg. Die grünen Augen blitzten. »Du hast versprochen, dass ich mich nie mehr vor irgendwelchen nach Kühen stinkenden Kerlen hinstellen muss, um mich von ihren Blicken ausziehen zu lassen. Du weißt, wie ich es hasse!«

»Es würde das Geschäft beleben. Aber ich zwinge dich nicht dazu. Außerdem bist du doch überzeugt, dass ich die Wette verliere.«

Die Frau atmete tief durch. »Also gut, Jim. Und dein Einsatz?«

»Was du willst, Honey – außer, dass ich Thompson laufen lasse.«

Ihre Blicke prallten gegeneinander. Dann hob Loreen O'Hara wieder das Fernglas. Das staubgraue Bündel am Fuß der Düne bewegte sich nicht.

»Eine Woche El Paso oder Santa Fe, Jim«, stieß Loreen hervor. »Eine Woche lang raus aus diesem Kaff, zu alten Freunden, allein, Jim.«

Ein Rauchschleier vernebelte Franklins Gesicht. »Mit welcher Garantie, dass du zurückkommst, Honey?«

»Himmel, was sind wir für ein großartiges Liebespaar!« Die schwarzhaarige Frau lachte. Es klang wie brechendes Glas. »Ich werde schon deshalb zurückkommen, Jim, weil ich nicht wieder da anfangen will, wo du mich fortgeholt hast. Irgendwie sind wir ja doch füreinander bestimmt, wie Wolf und Wölfin. Aber du kannst die Wette auch bleiben lassen.«

»Sie gilt.«

Franklin, das Zigarillo zwischen den Zähnen, nahm ihr das Fernglas aus der Hand. Der Mann vor der Düne war zu weit entfernt, um Einzelheiten zu erkennen. Aber er bewegte sich nun. Zehn Sekunden später kniete er. Nochmals zehn Sekunden später stemmte er sich schwankend hoch. Dann probierte er einen Schritt – vorsichtig, als spürte er statt des Wüstenbodens Eis unter den Sohlen. Beim nächsten trat er schon fester auf. Jim Franklin lachte leise.

 

 

3

Nat Ketloe, der Älteste des Trios, war ein bulliger, zottelhaariger Kerl, dem man nicht ansah, wie flink er mit dem Schießeisen umgehen konnte. Ein Stoppelbart umrahmte sein grobschlächtiges Gesicht. Seine Kleidung war ebenso lange wie er selbst nicht mehr mit Wasser, Seife und Bürste in Berührung gekommen. Er drückte dem am Boden liegenden mexikanischen Keeper zum Gaudi seiner Vettern den Stiefel auf den Nacken, während er aus einer Whiskyflasche trank. Verzweifelt, aber erfolglos versuchte der Mexikaner sich wegzuwinden. Joe mit dem Pferdegesicht und den hervorstehenden Zähnen klatschte begeistert die Hände auf die Oberschenkel.

»Er macht das nicht schlecht, wie er den Boden aufwischt. Sei fair, Nat, lass ihn nicht verdursten.«

»Recht hast du, Kleiner«, grölte Nat und schüttete ein Viertel des Flascheninhalts vor Pedro Garcia auf die Bodenbretter.

»Wir sind schließlich keine Unmenschen. Stimmt‘s, Mex? Da, sauf! Los, zum Teufel, es ist schade um jeden Tropfen, der sonst versickert.«

Garcia wand und krümmte sich wie ein Wurm. Blut sickerte aus einer Platzwunde am Hinterkopf. Der Boden ringsum war mit Scherben bedeckt. Mehrere umgeworfene Tische und Stühle lagen vor der Theke.

Warren Ketloe war noch mit dem Steak beschäftigt, das der Mexikaner ihm gebraten hatte. Er spülte jeden dritten, vierten Bissen mit einem Schluck aus einer bauchigen Flasche nach, die neben dem Teller stand. Warren war ein großer, kräftiger Bursche. Eine Messernarbe zierte seine linke Gesichtshälfte.

»Seht euch diesen Chillifresser an«, lärmte er mampfend. »Der weiß nicht, was gut für ihn ist. Du musst nachhelfen, Nat.«

Das hätte er seinem bulligen Vetter nicht zu sagen brauchen. Der stieß Garcias Gesicht in die Whiskylache. »Leck das Zeug auf, Greaser.«

Die Flügel der Schwingtür knarrten. Das Geräusch zwang die Köpfe der Ketloes herum. Die Umrisse einer großen, breitschultrigen Gestalt hoben sich vor der flimmernden Plaza ab. Zwei Sekunden verstrichen, bis der Mann die Türflügel losließ und den dämmrigen Silverhorse Palace betrat. Da erst erkannten die Ketloes ihn. Warren fiel die Gabel aus der Hand, Nats Kinnlade klappte herab, und Pferdegesicht Joe holte zischend Luft.

Calloway grinste. Dunkle Linien zerrissen das ledrige, von der Sonne verbrannte Gesicht.

»Die Geier wollten mich nicht.«

Dann stiefelte er an den wie versteinerten Halunken vorbei zur Theke. Bei jedem Schritt rieselte Sand aus seiner Kleidung. Aber der langläufige 44er an seiner rechten Hüfte glänzte blankpoliert. Das Holster schaukelte. Calloway ging wie auf Sumpfboden. Nach der ersten Erstarrung drehten sich die Ketloes mit. Vor Verblüffung brachte keiner ein Wort heraus.

Brandblasen bedeckten Calloways Lippen. Einige waren geplatzt und hatten sich entzündet. Die Haut schälte sich von seinem Nasenrücken und den Wangenknochen. Die Augen waren rot geädert.

Calloway hatte einen halben Brunneneimer ausgetrunken – ein Tropfen auf heißem Stein. Seine Kniegelenke schienen immer noch aus Gummi zu bestehen. Ein Schleier trübte seinen Blick. Kein Wasser konnte den Brand in ihm löschen. Calloway brauchte einen Drink.

Das kapierten auch die Ketloes. Ein Grinsen dehnte Nats grausamen Mund. Er kümmerte sich nicht mehr um den Mexikaner, der ächzend zur Wand hinüberkroch. Warren erhob sich am Tisch neben dem Eingang. Joe stand in der Nähe der Treppe zum Obergeschoss. Nat nickte ihnen zu. Sie waren gut verteilt. Ihre Hände berührten die Kolben der tief geschnallten Colts.

Calloway wandte ihnen den Rücken zu und goss sich einen Drink ein. Er benutzte ein Wasserglas. Seine Hand zitterte so heftig, dass ein Großteil der goldfarbenen Flüssigkeit auf die Theke floss. Joe scharrte ungeduldig mit einem Fuß. Seine Augen brannten.

»Nur die Ruhe«, mahnte Nat. »Es macht keinen Spaß, ‘nen Halbtoten voll Blei zu pumpen. Gieß ruhig noch mal nach, Calloway. Vielleicht geht‘s dir dann ein bisschen besser. Die Wüste hat nicht viel von dir übriggelassen.«

Calloway schüttete den Drink wie ein Verdurstender in die Kehle. Er krümmte sich, hielt sich an der Messingleiste fest. Dann blickte er in den goldgerahmten Spiegel über dem Flaschenregal. Der Schleier vor seinen Augen löste sich allmählich auf. Er sah sein Gesicht wie das eines Fremden, dahinter die verkniffen grinsenden Gesichter der Ketloes.

»Mann, dich hat‘s ja schlimm erwischt«, höhnte Nat, der Bulle. »Vor ein paar Jährchen nannten dich die Pfeffersäcke noch respektvoll Colt-Calloway. Ich lasse Whisky-Calloway auf deinen Grabstein meißeln. Was hältst du davon?«

Calloways Rechte zitterte kaum noch, als er das Glas erneut füllte. Wieder leerte er es mit einem Ruck.

»Nichts«, antwortete er dann.

»Dachte ich mir. Ich frage mich trotzdem, wozu du eigentlich noch deine Kanone mitschleppst?«

»Euer Vetter Abe wartet seit fünf Jahren in der Hölle darauf, dass ihr ihm Gesellschaft leistet – deshalb.«

Joe stieß einen Wutschrei aus und zog. Es war ein Augenblick, an dem Calloways Denken aussetzte und sein Handeln nur mehr aus Reflexen bestand. Erst hinterher wurde ihm bewusst, dass er längst nicht mehr so schnell war wie früher. Aber für Joe und Warren Ketloe reichte es. Joes Revolver steckte noch halb im Holster, als Calloways Blei ihn zwischen die Tische warf.

Warren bekam sein Eisen noch frei. Da traf Calloway auch ihn. Mit einem großen dunklen Fleck auf der Lederweste rutschte Warren an der Wand entlang zu Boden.

Ein Krachen wie von einem Donnerschlag erschütterte das Gebäude. Calloway stützte sich vor der Theke mit einem Knie auf. Pulverrauch umwallte ihn. Sechs Schritte von ihm entfernt stand Nat breitbeinig neben einem Stützpfeiler, den Colt in beiden ausgestreckten Händen. Hass glühte auf seinem stoppelbärtigen Gesicht. Er brauchte nur abzudrücken.

Aber ein winziger Ruck von Ben Calloways Colt würde genügen, um auch ihn zu erwischen.

»Nicht schlecht für einen Hombre, der zwei Jahre lang keine Kanone anrührte«, meldete sich eine lässige Stimme von der Treppe. »Ich würde es an deiner Stelle nicht darauf ankommen lassen, Ketloe. Außerdem hat Calloway eine Kugel bei mir gut.«

Ein metallisches Knacken folgte.

Dann kam ein schlanker, städtisch gekleideter Mann die Stufen herab. Der Derringer in seiner ringgeschmückten Hand sah wie ein Spielzeug aus. Ein tödliches Spielzeug, wusste Ketloe. Fluchend ließ er den Revolver fallen.

»Sie sehen aus, als könnten Sie noch einen Drink vertragen, Calloway. Bedienen Sie sich. Pedro wird Ihnen etwas zu essen und ein Bad richten. Ich bringe Ketloe inzwischen ins Jail. Ich erwarte Sie in meinem Büro, sobald Sie wieder einigermaßen fit sind. Es eilt nicht. Ich bin Jim Franklin.«

»Dachte ich mir«, brummte Calloway und goss wieder Whisky in das leere Wasserglas.

 

 

4

Flasche und Glas warteten auch auf Franklins Mahagoni-Schreibtisch. Calloway war allerdings mehr von der schwarzhaarigen Schönheit beeindruckt, die sich wie eine Katze auf dem Plüschsofa räkelte. Das grüne Seidenkleid betonte hinreißende Formen. Der Saum war verrutscht, so dass Calloway die langen, wohlgeformten Beine bewundern konnte. Das rassige Gesicht wirkte jedoch wie unter einer Eisschicht erstarrt. Es gab Männer, die Colt-Calloways pulvergrauem Blick höchstens zwei Sekunden standhielten. An dieser Frau schien er wie an einem Eisblock abzuprallen. Kein Gruß, kein Kopfnicken und schon gar kein Lächeln.

»Setzen Sie sich, Calloway«, lud Franklin ihn ein. Er füllte das Glas, ohne sich selbst ebenfalls einen Drink einzugießen, und schob es dem etwa zehn Jahre älteren Revolverkämpfer lächelnd hin. Es war ein Lächeln, das ein Kribbeln in Ben Calloways Fäusten hervorrief. Aber er dachte an den Brief mit dem Hundert-Dollar-Vorschuss, der ihn aus seinem tristen Alltag in Pueblo gerissen hatte, und ließ sich nichts anmerken. Er zögerte noch.

»Ich habe vor Loreen keine Geheimnisse«, klärte der Saloonbesitzer ihn auf. »Sie schmollt nur, weil Sie Ihretwegen eine Wette verlor. Sie kennt alle meine Pläne. Sie gehört sozusagen zum Haus.«

»Ein Stück Inventar, Jim, wie? Danke für das Kompliment.«

»Du liebe Zeit, ich wollte dich nicht beleidigen, Honey. Na also, Calloway, greifen Sie nur zu. Echter Kentucky Bourbon. Wir haben alle unsere kleinen Schwächen.« Er lehnte sich mit diesem Lächeln, das Calloway nicht ausstehen konnte, auf dem lederbezogenen Stuhl zurück und brannte ein Zigarillo an.

Calloway hob das Glas. Als er es zurückstellte, war es zur Hälfte leer.

»Wenn ich nicht wüsste, dass Sie mich für einen Job brauchen, würde ich denken, Sie haben mir die Ketloes da draußen in den verfluchten White Sands auf den Hals gehetzt.«

»Hm, ich habe mir auch schon überlegt, dass das Auftauchen dieser Burschen kein Zufall sein konnte«, erwiderte Franklin mit einem Blick auf die Frau. Sie reagierte mit einem leichten Gähnen, wobei sie die Fingerspitzen vor den Mund hielt. »Aber diese Halunken sind ja nun zum Glück kein Problem mehr. Wenn Sie die Sache mit Clint Thompson ebenso fix erledigen, Calloway, sind Sie in ein paar Tagen um tausend Dollar reicher. Die hundert Bucks Vorschuss vergessen wir dann.«

Er paffte genussvoll, polierte den Diamantring am linken Ärmel und lächelte. Diesmal war es ein Pokerlächeln. Eine Maske, hinter der Calloway mit seinem wiedererwachten Kämpferinstinkt die eiskalte Entschlossenheit witterte. Er hatte sich drei Stunden Zeit für ein Bad, eine kräftige Mahlzeit und ein bisschen Schlaf genommen. Nun fühlte er sich halbwegs erfrischt. Nur der verdammte Durst war noch immer derselbe. Mechanisch leerte er das Glas.

»Wer ist Thompson?«

»Er sitzt im Jail und wartet auf den Strick, den der Henker ihm in Las Cruces verpassen wird.«

»Nach einer ordentlichen Gerichtsverhandlung«, fügte die Frau auf dem Sofa mit scharfem Unterton hinzu.

»Es gibt nicht den geringsten Zweifel, wie der Urteilsspruch ausfällt.« Franklin beugte sich vor. Sein Blick hielt Ben Calloway fest. »Der verdammte Kerl hat Tom Sanders, unseren Town Marshal, umgelegt, als dieser ihn verhaften wollte. Glatter Mord.«

»Zeugen?«

»Drei. Ich bin einer davon. Es passierte unten im Saloon. Der Schurke rechnete nicht damit, dass Lennox, Denfield und ich ihn ins Jail stecken würden.«

»Und was habe ich damit zu tun?«

»Sie werden Thompson nach Las Cruces verfrachten, wo es einen Richter und einen Henker gibt. Das sind nur drei Tagesritte. Aber Thompson ist gefährlich. Ein Kerl, der weiß, dass er nichts zu verlieren hat. Ich habe schon versucht, ein Aufgebot zusammenzustellen. Aber das würde für jeden Teilnehmer sechs verlorene Tage bedeuten. Da macht keiner mit. Außerdem ist es ein Job für einen Profi.« Franklin öffnete eine Schublade und legte einen versilberten Blechstern vor Calloway. »Betrachten Sie sich als Sanders‘ Nachfolger.«

»Nur der Friedensrichter hätte das Recht, mich zu vereidigen.«

»Recht!« Mit einer verächtlichen Handbewegung schien Franklin das Wort wegzuwischen. »Ich habe das Geld und damit die Macht dazu.«

»Falls Sie es noch nicht begriffen haben, Mr. Calloway«, mischte Loreen sich spöttisch ein. »Jim ist der große Bulle in dem Corral namens Lonewells.«

»Danke, Ma‘am, ich habe kapiert.«

»Damit sind wir wohl quitt, Honey.« Franklin lachte amüsiert auf und füllte Calloways Glas erneut. »Sie machen ja so was nicht zum ersten Mal, Calloway. Sie waren Marshal in verschiedenen Bahnbau- und Goldgräbercamps. Revolver-Marshal. Ich hoffe, dass das Wort Sie nicht stört. Meiner Ansicht nach trifft es genau ins Schwarze. Ein Kämpfer für Recht und Gesetz. Ein Mann, an dem Clint Thompson sich die Zähne ausbeißen wird. Er hat Lennox, Denfield und mir blutige Rache geschworen. Sie werden kein leichtes Spiel mit ihm haben, Calloway. Ich bin fest überzeugt, dass er zu fliehen versuchen wird. Aber es ist nicht unbedingt nötig, dass er tatsächlich Las Cruces erreicht.« Tabakrauch verschleierte Franklins Gesicht.

Calloway hielt schon das Glas. Langsam stellte er es ab. »Was meinen Sie damit?«

»Ich meine, dass niemand Fragen stellen oder dem Kerl eine Träne nachweinen wird, wenn er Sie angreift und Sie ihn, selbstverständlich in Notwehr, erschießen, Calloway.«

Lächelnd streifte Franklin die Zigarilloasche in einen Messingbecher.

Calloway starrte ihn an. Dann drehte er bedächtig das von der Wüstensonne lädierte Gesicht der Frau zu.

»Würden Sie uns vielleicht doch für ein paar Minuten allein lassen, Ma‘am?«

Loreens Augen funkelten. Sie setzte schon zu einer bissigen Erwiderung an. Dann erhob sie sich jedoch und rauschte mit stolz erhobenem Kopf hinaus.

Franklin lachte. »Donnerwetter! Wie haben Sie das bloß gemacht?«

Calloway stand auf, zog einen zerknitterten Hundert-Dollar-Schein aus der Jacke und knallte ihn vor dem Saloonbesitzer auf den Tisch.

»Sie sind ein Schwein, Franklin. Adios!«

Franklins Rechte verschwand sofort unter der Anzugjacke. Sein sonst glattes und gut geschnittenes Gesicht war verzerrt. Wortlos jagte Calloway die Hand an den Coltgriff. Da fing Franklin sich wieder. Nur das heftige Aufglühen der Zigarillospitze verriet ihn. Er lachte gepresst.

»Machen Sie sich nicht lächerlich, Mann. Wo wollen Sie denn hin? Nach Pueblo zurück, nachdem Sie Ihren jämmerlichen Job in Baxters Store gekündigt haben? Ohne Pferd? Ich wette, Sie haben nicht mal mehr genug Geld, sich ‘nen Drink zu leisten.«

»Das ist, verdammt noch mal, nicht Ihr Problem.«

»Mein Problem ist Thompson, der geschworen hat, Lennox, Denfield und mich in die Hölle zu befördern, wenn er dem Galgen entkommt. Deshalb bot ich Ihnen diese letzte Chance, Calloway, auf die Sie zwei Jahre lang gewartet haben wie ein hungriger Köter auf einen fetten Knochen.

Machen Sie mir doch nichts vor, Mann. Sie sind über vierzig und nicht mehr halb so gut, wie Sie früher mal waren. Nachdem auch noch jene Sache in Cheyenne passierte, als Sie mit einem halben Liter Whisky im Bauch aus Versehen einen Unbeteiligten erschossen, vertraut Ihnen niemand mehr einen Revolverjob, geschweige denn einen Marshalstern an.

Zwei Jahre hinter Baxters Ladentheke, für lumpige fünfzehn Bucks pro Monat, wenn auch mit freier Kost und Logis. Reicht Ihnen das nicht, Calloway? Sie sehen, ich bin informiert. Und ich weiß, dass die tausend Dollar, die Sie bei mir verdienen, für Sie ein Geschenk des Himmels sind. Ein neuer Anfang. Dafür kriegen Sie in irgendeinem abgelegenen Winkel doch schon eine kleine Ranch. Und da stellen Sie sich an wie eine alte Jungfer zum Kinderkriegen!«

»Ich bin kein Killer.«

»Aber Thompson ist einer, und wenn er auf dem Trail nach Las Cruces auch nur den Hauch einer Chance wittert, wird er nicht lange fackeln und Sie erledigen, wenn Sie ihm nicht zuvorkommen, Sie verrückter Kerl!«

Calloway schluckte. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Dann löste sich seine Rechte wie von selbst vom Revolver, ergriff das volle Glas und hob es an die Lippen.

»Bringen Sie mich zu ihm«, verlangte er, bevor er trank.

 

 

5

Die beiden Männer im Marshal-Office legten die Pokerkarten weg. Ihre Gewehre lehnten an der mit Steckbriefen tapezierten Bretterwand.

»Bruce Lennox und Jake Denfield«, stellte Franklin sie vor. »Bruce arbeitet als Spieler für mich. Wenn ich mal geschäftlich unterwegs bin, schmeißt er den Laden. Meine rechte Hand, sozusagen. Jake gehört die Circle-D-Ranch acht Meilen südlich von Lonewells. Habe ein bisschen Geld in seine Rinderzucht investiert. Seitdem geht es mit ihm steil bergauf. Stimmt‘s, Jake?«

»Na klar«, der mittelgroße, derbe Mann in Weidereitertracht grinste. Es war ein Grinsen, das seine hellen Augen nicht erreichte. Sie musterten den Revolverkämpfer kalt. Der hagere, dunkel gekleidete Spieler machte ebenso wenig Anstalten wie er, aufzustehen und Calloway zu begrüßen.

»Bruce und Jake bewachen Thompson abwechselnd rund um die Uhr«, erklärte Franklin seinem Begleiter. »Wenn Sie noch irgendwelche Fragen zum Tatablauf haben, werden sie sie Ihnen beantworten.«

»Wieso Fragen?«, dehnte Lennox und zog überrascht die Brauen hoch. Denfield lachte wie über einen Scherz. Er verstummte, als Franklin ihn ansah.

»Ich habe Sanders nicht erschossen!«, erklang es wütend aus dem Hintergrund. Die letzten Sonnenstrahlen blitzten auf den Gitterstäben der beiden Gefängniszellen, in denen Thompson und Ketloe untergebracht waren.

Thompson war ein weißblonder, knochiger Bursche. Seine Reiterkleidung sah ziemlich mitgenommen aus. Calloway schätzte ihn auf knapp über zwanzig. Aber ein raues Leben hatte Thompsons Züge geprägt. In seinen tiefliegenden, in der hereinbrechenden Dämmerung fast schwarz wirkenden Augen brannte ein wildes Feuer. Er starrte auf den Fünfzack an Calloways Jacke.

»Hören Sie, Mister, Sanders war schon tot, als ich in den Saloon kam«, keuchte er. »Alles war …«

»Du liebe Zeit, das interessiert doch Whisky-Calloway nicht!«, unterbrach ihn Nat Ketloe aus der Nachbarzelle. »Der zählt im Geiste längst die Drinks, die er sich für Franklins Moneten leisten kann. He, brauchst du keinen Deputy, Calloway, der aufpasst, dass du unterwegs nicht an ‘ner Whiskyflasche kleben bleibst?«

Lennox und Denfield tauschten einen Blick, entspannten sich und grinsten. Sie gaben sich keine Mühe, es zu verbergen, als Calloway dem Jail mit steinerner Miene den Rücken zukehrte.

»Ich nehme an, dass ein Protokoll vom Hergang der Tat angefertigt wurde.«

Der Spieler schob den Stuhl zurück und stand auf. Sein Grinsen war eine einzige Herausforderung. »Boss, bist du sicher, dass du auch wirklich den richtigen Hombre angeheuert hast?«

Franklin knurrte: »Ich bin doch kein Sternträger. Wozu ein Protokoll? Es genügt, wenn Jake, Bruce und ich als Zeugen vor Gericht erscheinen.«

»Falls es überhaupt zu ‘ner Verhandlung kommt!«, rief Ketloe gehässig. »Thompson, mein Junge, merkst du, wie die dich verschaukeln?«

»Es wird eine Verhandlung geben«, erklärte Calloway ruhig. Er blickte Franklin, Denfield und Lennox der Reihe nach an.

Der Spieler grinste. »Aber klar. Die Idee mit dem Deputy ist übrigens nicht schlecht. Wenn der Boss mich ein paar Tage entbehren kann, begleite ich dich, Calloway.«

»Red kein Blech, Bruce«, wies Franklin ihn ärgerlich zurecht. »Wofür, glaubst du, bezahle ich Calloway tausend Bucks?«

Ketloe pfiff durch die Zähne. »Teufel, ‘ne Menge Geld für deinen Skalp, Junge! He, Franklin, ich wette, Whisky-Calloway hätte es für die halbe Summe auch gemacht.«

»Wenn du nicht endlich die Klappe hältst, Nat, komme ich rein und verpass dir Armbänder und einen Knebel.«

»Mann, du scheinst ja heute schon einiges hinter die Binde gegossen zu haben. Übernimm dich bloß nicht.« Der bullige Halunke legte sich auf die mit Eisenketten an der Wand befestigte Holzpritsche, verschränkte die Hände unterm Kopf und pfiff misstönend.

Thompson beobachtete die Männer im Office mit verkniffener Miene. Obwohl die größte Tageshitze längst vorbei war, blieb Lonewells wie ausgestorben.

»Ich breche vor Sonnenaufgang mit Thompson auf«, entschied Calloway. »Ich brauche zwei kräftige Pferde, Franklin, dazu Wasser, Proviant und Pferdefutter für drei Tage. Well, das war's, Gentlemen. Ich löse Sie ab und übernachte im Office.«

»Ich dachte, der Boss hat für dich ein Zimmer im Silverhorse reserviert, damit du deinen Job ausgeruht antrittst.« Lennox betonte seine schleppende Sprechweise. »Du siehst aus, als könntest du ‘nen Hut voll Schlaf brauchen, Calloway. Jake und mir macht es nichts aus, uns diese Nacht auch noch um die Ohren zu schlagen. Wir sind schließlich um einiges jünger. Könnte ja sein, dass Thompsons Freunde gerade dann versuchen, ihn herauszuhauen, wenn du von ‘nem Fass Whisky und tausend Bucks träumst.«

Calloway beherrschte sich. Seine Stimme klang unverändert. »Wenn ich nicht dafür sorgen kann, dass der Käfig zubleibt, hätte ich den Stern nicht genommen.«

»Das ist es ja.« Lennox seufzte scheinheilig. »Ein Stern und ein Revolver sind immer nur so viel wert, wie der Mann, der sie trägt. Ein altes Sprichwort.«

»Es gibt ein älteres: Kläffende Köter beißen nicht.« Calloway wartete nur auf die Reflexbewegung, mit der der Hagere die Anzugjacke hinter den Coltkolben schob. Sein blitzschneller Fausthieb warf Lennox an die Wand. Die Gewehre fielen um. Lennox streckte die Hand nach einem aus.

»Bruce!«, schrie Denfield warnend.

Der Spieler hob das hassverzerrte Gesicht. Calloways Coltmündung bannte ihn. Aus dem inzwischen dunklen Jail drang Ketloes Lachen.

»Du hast ein großartiges Talent, dir Freunde zu machen, Calloway.«

Lennox kämpfte noch mit sich. Da stellte Franklin einen Fuß auf das am Boden liegende Gewehr. »Reiß dich zusammen, Bruce.«

Calloways Colt tauchte ins Holster zurück, als der Spieler sich erhob.

»Raus!«, befahl er. Lennox trat dicht vor ihn, starrte ihm in die Augen, wandte sich dann aber schweigend ab und verließ das Office. »Das gilt auch für Sie, Denfield.«

Der Rancher blickte Franklin kopfschüttelnd an. »Wofür, zum Teufel, hält der Kerl sich eigentlich?« Er drehte sich in der Tür nochmals um und spuckte aus, ehe er Lennox folgte.

»Vergessen Sie nicht, von wem Sie den Stern haben, bevor Sie mich ebenfalls rausschmeißen«, erklärte der Saloonbesitzer. »Ich hatte vor, Ihnen nach Ihrer Rückkehr aus Las Cruces den Posten des Town Marshals als Dauerstellung anzubieten, für fünfzig Bucks pro Monat. Daraus wird ja nun wohl nichts mehr.«

»Ich hätte sowieso darauf verzichtet.«

 

 

6

Calloway schlief auf einer Matratze neben der unverschlossenen Tür, voll angekleidet, mit dem Sechsschüsser unter der zum Kopfkissen gefalteten Decke.

Er wusste nicht, was ihn weckte. Im selben Moment, als er die Augen öffnete, war er hellwach. Eine Eigenschaft, die er sich in den Jahren als Revolver-Marshal in Dutzenden wilder Railroad- und Digger-Towns erworben hatte.

Er rührte sich nicht, wartete, lauschte. Die unregelmäßigen Atemzüge aus den beiden Zellen verrieten ihm, dass Thompson und Ketloe ebenfalls wach waren. Der Mond goss bleiches Licht ins Office. Aber Calloways Lager und das Jail befanden sich in der Finsternis.

Die Stadt war still. Nur weit draußen in den Hügeln, hinter denen Jake Denfields Ranch lag, heulte ein Kojote. Bisher hatte Calloway keinen Bewohner von Lonewells außer Franklin und Anhang zu Gesicht bekommen. Er fragte sich, was einen Mann wie Jim Franklin in diesem Kaff festhielt und woher das Geld kam, mit dem er seinen aufwendigen Lebensstil finanzierte, sich obendrein an Denfields Viehzucht beteiligte und auch noch einen Tausend-Dollar-Marshal aus eigener Tasche bezahlte.

Ein Brett knackte auf dem Vorbau. Calloway ergriff den 44er. Da erschien eine behandschuhte Faust vor dem Fenster. Sie umklammerte einen Revolver, der die klirrende Scheibe durchstieß. Ein orangefarbener Blitz erhellte das Office und die Zellen. Die Männer darin sprangen auf Schatten, die sofort wieder in der Dunkelheit versanken. Ketloe fluchte wild. Thompson rüttelte an der verschlossenen Gittertür.

Calloway federte hoch, riss die Tür auf, sah draußen aber nur noch eine huschende Bewegung an der Ecke des schmalen, zwischen den Nachbarhäusern eingeklemmten Gebäudes. Er hechtete hinaus, rollte sich ab und erwartete den nächsten Feuerstoß und Mündungsknall. Staub umwölkte ihn. Tritte hetzten an der Bretterwand von Clemfords Generalstore entlang. Calloways erster Impuls war, hinterher zu stürmen. Da fiel sein Blick auf die Officetür. Sie war nur von innen zu verschließen.

»Angst, Calloway?«, erkundigte sich Ketloe höhnisch, als er auf die Schwelle zurücktrat.

Drüben im Obergeschoss des Silverhorse Palace flammte Licht hinter mehreren Fenstern auf. Bezeichnenderweise blieb es in den Häusern ringsum dunkel.

»Was ist los, Calloway?«, rief Franklin über die Plaza. Calloway hörte genau hin, aber die Besorgnis in der Stimme des Saloonbesitzers klang echt.

»Alles in Ordnung«, antwortete er. »Offenbar hat sich nur jemand einen kleinen Scherz geleistet.«

Das heftige Zuklappen eines Fensters folgte ihm ins Office. Er schob den Riegel vor und ließ den Rollladen herab, ehe er die Petroleumlampe anzündete. Sein durchdringender Blick heftete sich auf Clint Thompson, dessen schweißbedecktes Gesicht hinter den Gitterstäben glänzte. »Du wirst mir sicher verraten, wer das war.«

»Bist du verrückt? Mann, die Kerle wollten mich umlegen, damit sie selber ungeschoren aus der Sache rauskommen.«

»Damit sagst du ihm nichts Neues, Junge«, maulte Ketloe. »Wofür, glaubst du, blättert Franklin ihm tausend Bucks hin?«

Calloway ging langsam auf Thompson zu. Unwillkürlich wich dieser vor dem großen, ledergesichtigen Mann zurück. »Es waren mindestens zwei. Einer wollte mich fortlocken. Der oder die anderen hätten dich aus dem Bau geholt. Der Schuss galt nicht dir. Die Kugel steckt in der Decke. Also, wer war‘s?«

»Hölle und Verdammnis, ich kenne niemanden in diesem Kaff!«

»Vielleicht hast du Freunde auf einer der Ranches im Süden, oder du warst mit sonst jemand in Lonewells verabredet. Behaupte bloß nicht, der Zufall hat dich hergeweht.«

»Ich war auf dem Weg zur mexikanischen Grenze allein, Mann. Ja, zum Teufel, ich hatte guten Grund, quer durch die Wildnis zu reiten und allen Pfaden und Postkutschenlinien auszuweichen. Droben in der Gegend von Albuquerque war ich in eine üble Viehdiebstahlgeschichte verwickelt.«

»Na also.«

»Nichts, na also. Man hat mich reingelegt, für ein Rindertreiben angeheuert, bei dem sich hinterher rausstellte, dass die verdammten Viecher geklaut waren. Na schön, ich bin kein unbeschriebenes Blatt. Aber ein Killer? Niemals.«

»Vielleicht hast du durchgedreht, als Sanders dich im Silverhorse verhaften wollte.«

»Blödsinn. Er war tot, als ich reinkam. Mitternacht war vorbei, und ich hatte mich im Mietstall nebenan verkrochen, weil ich keinen Dollar mehr für ‘n richtiges Nachtquartier übrig hatte. Ich lief hin, als ich den Schuss hörte. Mein Fehler. Aber Franklin und Company hätten mir den Mord sicher sowieso angehängt. Für die kam ich wie bestellt in dieses Drecksnest. Frag sie, wenn du wirklich willst, wer den Sternträger umgelegt hat.«

»Amen«, brummte Ketloe. »Gleich fängt Calloway an zu heulen und lässt dich frei. Noch nie was von diesem Schießer-Bastard gehört, wie? Tja, so schnell vergeht die Zeit, Whisky-Calloway.«

»Du erstickst noch an deiner eigenen Bosheit, Nat. Leg dich wieder aufs Ohr, Thompson. In vier Stunden ist es hell. Dann sind wir nach Las Cruces unterwegs.«

 

 

7

Obwohl die Sonne gerade erst am Horizont stand, beobachteten ein Dutzend Gaffer den Aufbruch. Sie drückten sich scheu unter den Vordächern herum, zerlumpte, stumme Gespenster in der schwindenden Dämmerung. Es war kühl. Ein dünner, goldfarbener Streifen glühte über dem östlichen Horizont. Denfield hielt die beiden Pferde, als der neue Marshal mit Thompson aus dem Office trat. Es waren kräftige Tiere aus Morristers Mietstall. Sie trugen das Circle-D-Brandzeichen von Denfields Ranch.

»Du nimmst den Braunen, Thompson«, bestimmte Calloway. »Du weißt, was passiert, wenn du zu fliehen versuchst.«

Der Gefangene antwortete mit einem Fluch. Die Stahlkette zwischen seinen Handgelenken klirrte. Franklin und Lennox lösten sich von der Bretterwand.

Calloway spürte die Blicke des Spielers wie Dolchspitzen. »Ich hoffe, ich habe nichts vergessen.«

Franklin lächelte durch den Zigarilloqualm.

»Deckenrollen, Wasserflaschen, Munition, Verbandszeug, Proviant, Pferdefutter, Hufzange, Lederriemen, Streichhölzer«, zählte Denfield grinsend auf. »Alles da, einschließlich ‘ner Flasche Kentucky Bourbon.« Er blickte Lennox an. Sie lachten.

Calloway ging um die Pferde herum, hob jeden Huf auf und sah Loreen am Fenster über dem Salooneingang, als er sich aufrichtete und den Stetson zurückschob. Sie verharrte reglos. Eine Fülle schwarzen Haares umrahmte ihr Gesicht.

»Steig auf!«, befahl Calloway dem Gefesselten, der ebenfalls zum Fenster hinaufblickte.

»Wird‘s bald!« Lennox versetzte Thompson einen Tritt. Ketloes Lachen schallte aus dem Office, als der Gefangene in den Sand stürzte. Die Pferde wieherten. Denfield, der die Zügel hielt, stemmte sich ein.

»Dreckskerl!« Thompson wälzte sich keuchend herum und zog sich am Steigbügel des Braunen hoch. Plötzlich wirbelte er herum. Denfields Revolver lag in seinen zusammengeketteten Händen. Erschrocken prallten Franklin und Denfield zurück. Nur der Spieler zeigte sich nicht überrascht. Thompson befand sich noch in der Drehung, als sein Remington hochflog.

Calloway kam ihm zuvor. Der große, breitschultrige Sternträger tauchte unter dem Bauch des Braunen durch, umschlang Thompsons Beine und riss ihn um. Lennox fluchte. Um ein Haar hätte er abgedrückt und Denfield getroffen.

»Ihr Hundesöhne steckt alle miteinander unter einer Decke!«, brüllte Thompson. Er lag auf dem Rücken und schlug mit dem Revolverlauf nach Calloways Gesicht, als der über ihm auftauchte. Calloway bog den Kopf weg. Seine Linke fegte die Waffe zur Seite, die geballte Rechte traf Thompson seitlich am Kinn.

Thompson ließ den Sechsschüsser fallen. Seine Hände umkrallten Calloways Hals. Da zerrte der Revolverkämpfer ihn hoch und setzte ihm nochmals die Rechte ans Kinn. Die Handschellenkette klirrte, als Thompson auf den Hosenboden fiel. Er spuckte und keuchte.

Calloway bückte sich nach seinem Hut. »Versuch so was nicht wieder, du Narr.«

 

 

8

Franklin blickte den Reitern nach, bis sie hinter einer Bodenwelle am Rand der Wüste verschwanden. Die Feuerspeere der aufgehenden Sonne umstrahlten sie noch einen Augenblick. Auf den Dächern von Lonewells schienen plötzlich Flammen zu züngeln. Franklin gab Lennox und Denfield einen Wink. Sie folgten ihm ins Office. Ketloe drückte das stoppelbärtige, zu einem Grinsen verzogene Gesicht an die Gitterstäbe. Aber die Männer beachteten ihn nicht.

Der schwarzgekleidete Spieler zog den Rollladen hoch und begutachtete die zerborstene Fensterscheibe. Er grinste verkniffen. »Ich möchte zu gerne wissen, wer Thompson heute Nacht befreien wollte.«

Denfield hüstelte. Franklin nahm die Landkarte von der Wand und legte sie über die Papiere auf den Schreibtisch des Marshals.

»Spielt doch keine Rolle mehr«, knurrte er. »Was zählt, ist, dass wir uns wahrscheinlich in Calloway getäuscht haben.«

Als er wir sagte, blickte Lennox den gedrungenen Rancher an. Denfield schüttelte warnend den Kopf. »Ich lass es jedenfalls nicht drauf ankommen, dass er Thompson tatsächlich in Las Cruces abliefert«, fuhr Franklin fort. Sein rechter Zeigefinger zeichnete auf der Karte den Weg von Lonewells nach Las Cruces nach. »Wie viele Männer kannst du in den nächsten Stunden in den Sattel bringen, Jake?«

»Ein Dutzend, wenn du willst.«

»Die Hälfte davon genügt auch. Aber es müssen Burschen sein, die nicht gleich Magendrücken bekommen, wenn ein Fünfzack vor ihren Revolvern auftaucht.«

»Du kennst sie doch, Jim.« Jake Denfield grinste. »Alles nur ‘ne Geldfrage.«

Franklin tippte mit dem Finger auf die Karte. »Schick sie zur Wasserstelle am Apache Rock. Da sollen sie auf Calloway und den Jungen warten. Wenn sie Thompsons Befreiung vortäuschen, klappt vielleicht doch noch alles nach Plan. Wer immer Thompson aus dem Bau holen wollte, hat uns ‘nen großen Gefallen damit erwiesen. Der Junge wird genauso drauf reinfallen wie Calloway.«

»Wenn nicht?«

»Dann sollen deine Leute dafür sorgen, dass keiner von den beiden am Leben bleibt. Lasst sie da draußen liegen. Es muss so aussehen, als hätten sie sich gegenseitig gekillt.«

Lennox rieb sich die Hände. Sein hageres und meist fahles Gesicht bekam etwas Farbe. »Ich reite mit Jakes Leuten.«

»Wirst du nicht. Dann hätten wir Thompson genauso gut hier in Lonewells erledigen können.«

»Das wollte ich schon neulich, als er in den Saloon platzte, nachdem Sanders …«

»Möchtest du vielleicht, dass ein US Deputy Marshal in Lonewells herumschnüffelt?«, unterbrach Franklin ihn scharf. »Das hätte uns gerade noch gefehlt. Nein, Amigos, nur alles schön nach Recht und Gesetz. Wenn Calloway und Thompson sich am Apache Rock in die Wolle kriegen, dann haben wir nichts damit zu tun. Wichtig ist, dass wir währenddessen in der Stadt sind. Das gilt auch für dich, Jake. Sobald du deine Reiter losgeschickt hast, kommst du wieder nach Lonewells. Verlier keine Zeit.«

Denfield räusperte sich. »Schätze, Jim, es gibt da noch ein kleines Problem«, murmelte er mit einem Blick zu den Zellen.

Nat Ketloe ließ die Gitterstäbe los, als hätte er sich die Hände an ihnen verbrannt. Blässe überzog sein Gesicht. Der Saloonbesitzer lächelte kalt.

»Nur keine Aufregung, Amigos. Vielleicht brauchen wir ihn noch.«

 

 

9

Loreen saß vor dem Spiegel und kämmte sich, als Franklin das luxuriös eingerichtete Zimmer betrat. Ihr Haar knisterte. Ein hauchdünnes Nachthemd umhüllte ihre biegsame Gestalt. Die runden, festen Brüste zeichneten sich deutlich darunter ab.

»Nicht so stürmisch, Jim!«, rief sie, als Franklin sie an beiden Armen packte und hoch zerrte. »He, du tust mir weh!«

»Wer war noch beteiligt?«, zischte er. Seine Augen funkelten. »Los, zum Teufel, spuck es aus.«

»Was ist los, Jim? Wovon redest du?«

Franklin presste die Lippen zusammen und stieß sie wütend auf das breite, damastbezogene Bett. Dann wandte er sich heftig ab, riss mehrere Schubladen heraus und wühlte in ihnen. Die Frau stützte sich auf die Ellenbogen. Das Nachthemd rutschte von ihrer linken Schulter. Ein seidiger Schimmer bedeckte die Haut.

»Jim, ich verlange eine Erklärung!«

Franklin hielt plötzlich inne. Dann zog er einen kurzläufigen 38er Smith und Wesson unter einem Wäschestoß hervor. Er richtete sich auf. Sein Gesicht wurde zur höhnischen Fratze. »Du verlangst eine Erklärung?«, fragte er.

Die ehemalige Saloonsängerin setzte sich auf. »Du weißt doch, dass ich diese Waffe besitze, Jim.«

»Klar, sonst hätte ich sie nicht gesucht.« Franklin lachte hart, klappte die Stahltrommel auf, roch an der Mündung. »Eine Kugel fehlt. Außerdem hast du vergessen, den Pulverruß wegzuwischen.« Er warf den Revolver auf die Spiegelkommode und trat ans Bett. »Wer schuldet jetzt wem eine Erklärung, he?«

Loreen wollte aufstehen, da spürte sie Franklins Hand auf ihrer nackten Schulter. »Antworte!«

»Vielleicht wollte ich dir eine Menge Verdruss ersparen, Jim. Calloway ist längst nicht so heruntergekommen, wie du gerechnet hast. Ich traue ihm nicht.«

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941791
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906323
Schlagworte
whisky-calloway

Autor

Zurück

Titel: Whisky-Calloway