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Mord im Zeichen des Regenbogens

2020 110 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Mord im Zeichen des Regenbogens

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

Mord im Zeichen des Regenbogens

 

 

Ein Küsten-Krimi

 

von Rainer Keip

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kathrin Peschel, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

Nach einer Idee von Rainer Keip und Jörg Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

***

 

 

Klappentext:

 

Auf einem Partyschiff mit einem Event für Schwule, das vor der polnischen Ostseeküste tourt, wird ein grausames Verbrechen begangen und der Täter kann nur einer der Feiernden gewesen sein. Ewa Stepinska, die zum Tatort gerufen wird, erscheint kurz darauf mit Falk Möller, ihrem Kollegen und Lebenspartner aus Deutschland am Kolberger Hafen, wo das Schiff gerade angelegt hat. Sie gehen zuerst von einer Eifersuchtstat aus, doch als ein weiteres schrecklich zugerichtetes Opfer auftaucht, glaubt man nicht mehr daran.

Wenige Tage später soll in Kolberg ein CSD-Umzug mit einigen Tausend Teilnehmern stattfinden, der durch die kürzlich verübten Morde auf dem Spiel steht. Doch Ewa und ihr Team wollen alles in ihrer Macht Stehende tun, um dieses Spektakel stattfinden zu lassen. Doch sie können nicht ahnen, wer der Täter ist und dass ihr eigenes Leben am seidenen Faden hängt …

 

 

***

 

 

1.

 

Roman Krol schaute zufrieden auf die zuckenden Körper, die sich im Takt des Techno Sounds bewegten. Die Lautstärke lag weit über hundert Dezibel, aber das schien niemand der Tanzenden zu kümmern. Anwohner, die sich über die enorme Lärmbelästigung hätten beschweren können, gab es nicht, da sich die Feiernden auf See vor Kolberg auf einem Partyschiff befanden.

Die Mewa war am frühen Nachmittag aus dem Kolberger Hafen ausgelaufen und befand sich nun auf dem Rückweg. Die Sonne näherte sich bereits den Baumwipfeln, die man vom Schiff aus sah, als es sich gegen halb sieben dem Hafen wieder näherte.

„Gute Idee, dass mit dem Ausflugsdampfer“, hörte er die Stimme seines Freundes Tomasz Tonder neben sich, der ihm förmlich ins Ohr schreien musste, um sich überhaupt Gehör zu verschaffen. Dabei schob er ihn in einen winzigen Verschlag, der als Abstellraum diente, und zog die Tür zu. Dort drinnen war es natürlich laut, aber bei Weitem nicht so ohrenbetäubend wie draußen.

„Sehe ich auch so“, grinste Roman und gab Tomasz einen zärtlichen Kuss auf die Wange. „Keine Cops, keine nervigen Hools nur wir unter uns. Wie laufen die Vorbereitungen zum CSD?“

„Wir rechnen mit fünftausend Teilnehmern. Ganz schön viel für so ein Nest wie Kolberg.“

„Es kommen ja auch bestimmt ein paar aus Deutschland und Dänemark rüber. Mal ehrlich, hättest du gedacht, dass wir eine Genehmigung für die Veranstaltung bekommen?“

„Eigentlich nicht, obwohl; zuerst haben wir das ja als eine Art Volksfest deklariert“, grinste Tomasz ihn breit an. „Wenn wir direkt von einer Schwulen- und Lesben-Parade gesprochen hätten, hätte es wohl Schwierigkeiten gegeben. Aber wir sind hier ja schließlich nicht in den Bergen oder im Osten. Hast du schon gehört, dass man dort einige Gebiete für schwulenfrei erklärt hat?“

„Ja. Das weckt Erinnerung an die schlimmsten Jahre“, sagte Roman seufzend. „Man könnte meinen, dass wir immer noch im Mittelalter leben, oder in Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Die Gesellschaft hat sich in den letzten Jahren ganz schön gewandelt, und das zu unseren Ungunsten.“

„Tja, der Klerus ist hier immer noch sehr einflussreich.“

 

*

 

Als die Anlegestelle des Schiffes in Sicht kam, gesellten sie sich wieder zu den Feiernden. In fünf Tagen sollte die CSD-Parade stattfinden und für Roman und Tomasz war der Tag noch lange nicht zu Ende. Die beiden waren die Initiatoren der Schwulen- und Lesben-Parade und es gab noch allerhand zu tun. Die genaue Route des Zuges stand zwar schon lange fest, aber es gab noch einiges an Organisatorischem, was erledigt werden musste.

Die Kolberger Polizei hatte sich als überraschend offen gezeigt und alle Bereiche stellten Beamte zum Schutz der Veranstaltung ab. Romans Kontaktperson war eine Frau von der Mordkommission, Ewa Stepinska, die sich völlig unaufgeregt mit der ganzen Sache befasste und zu der Roman einen guten Umgang pflegte. Als er das erste Mal den Kontakt zur hiesigen Behörde knüpft hatte, war sie sofort bereit, für den sicheren Ablauf der Parade zu sorgen. Im Laufe der Organisation hatte er auch ihren Freund, einen Hauptkommissar von der deutschen Polizei, kennengelernt, Falk Möller, der mit dem Thema ebenfalls entspannt umging.

Die Musik verstummte und das Schiff näherte sich nun dem Anlegesteg, der im Licht der untergehenden Sonne erstrahlte. Langsam legte das Partyschiff an und die ersten Feiernden gingen von Bord, als Roman einen gellenden Schrei ausmachte, den jemand an Land ausgestoßen hatte. Er blickte sich um und schaute zu der Person, die mit ihrem Finger auf das Heck des Schiffes zeigte.

Roman rannte so schnell er konnte zum Achtersteven, sah hinunter und das, was er erblickte, ließ sein Blut zu Eis gefrieren. Er sah den nackten Körper eines Manns, der an einem Tau befestigt am Heck des Schiffes baumelte. Voller Entsetzen wandte er sich um und rannte wieder so schnell er konnte in Richtung des Fallreeps, das gerade auf den Kai niedergelassen wurde.

Inzwischen hatte sich eine kleine Menschenmenge versammelt, die vollständig auf die bizarre Erscheinung am Heck stierte. Roman holte sein Handy aus der Tasche und tippte hektisch eine Nummer in das Display.

Nach viermaligem Läuten meldete sich eine Frauenstimme.

„Frau Stepinska? Hier ist Roman Krol.“

„Guten Abend Herr Krol. Was kann ich für Sie tun?“, hörte er ihre Stimme.

„Hier gibt es einen Toten“, sagte er hektisch.

„Wo?“

„Im Hafen. Wir haben gerade mit dem Partyschiff angelegt, als wir die Leiche entdeckt haben.“

„Wo ist sie?“

„Angebunden an ein Tau. Sie hängt nackt am Heck des Schiffes.“

„Okay. Ich veranlasse alles und bin in einer halben Stunde da. Rühren Sie nichts an, bis ich komme.“

„Den Teufel werde ich tun“, hörte Ewa seine nervöse Stimme. „Nachher heißt es noch: Das waren wieder die Homos.“

 

*

 

„War das einer von deinen schwulen Freunden?“, meldete sich Falk, der neben Ewa auf dem Sofa saß, und auf den Fernseher schaute.

„Es gibt Arbeit. Eine Leiche im Hafen“, sagte sie während sie sich eine Jacke überzog. Falk sah sie fragend an. „Du brauchst nicht mitzukommen.“

„Natürlich komme ich mit“, antwortete er und erhob sich ebenfalls.

„Und Iga?“

„Ich rufe bei Jolanta an und bitte sie, dass sie auf die Kleine aufpasst. Wenn sie da ist, komme ich sofort nach.“

„Du bist lieb“, lächelte sie ihn an und gab ihm einen Kuss auf seine Nase. Schließlich rief sie die Streife an, schilderte ihnen die Lage und begab sich zum Hafen, während Falk Ewas Mutter anrief und die Sachlage erklärte.

„Kein Problem, Falk, ich bin in zehn Minuten bei euch“, sagte sie und legte auf.

 

*

 

„Schon erste Erkenntnisse?“, fragte Falk, als er etwa eine halbe Stunde nach Ewa den Hafen erreichte.

„Sie holen die Leiche gerade an Bord. Komm, wir schauen uns solange mal auf dem Schiff um.“

Über das Fallreep betraten die beiden das Partyboot, auf dem sich immer noch jede Menge Personen befanden.

„Hallo Frau Stepinska“, begrüßte Roman Krol Ewa. „Herr Möller“, ergänzte er an Falk gewandt, der den Händedruck erwiderte.

Anfangs war Falk von Ewas Engagement hinsichtlich des CSD nicht gerade begeistert.

Natürlich hatte er nichts gegen Schwule und Lesben. Aber für ihn war die ganze Szene eine fremde Welt. Immer schon gewesen. Beruflich hatte er schon diverse Male in dem Milieu ermittelt und es erwies sich als sehr vielschichtig, was die Personen und deren Neigungen betraf. Aber er hatte nie näheren Kontakt zu jemandem aus diesen Kreisen gehabt und daraus mochte sein Unverständnis resultieren. Ewas Engagement hatte diesen Umstand ein wenig geändert. Sie hatte kürzlich viel Zeit mit Roman Krol verbracht, was ihn am Anfang sogar etwas eifersüchtig gemacht hatte, da sie sich auch außerhalb ihrer Dienstzeit privat mit ihm traf. Aber Ewa hatte ihn nur ausgelacht, als sie merkte, mit welchem Problem er sich beschäftigte.

„Roman Krol ist Schwul. Er ist ein junger Mann der keinerlei Interesse am weiblichen Geschlecht hat, obwohl; von der Bettkante würde ich ihn auch nicht stoßen“, hatte sie schelmisch lächelnd hinzugefügt.

Falks Misstrauen wich dann endgültig, als Ewa ihm den jungen Mann bei seinem Wochenendaufenthalt in Kolberg vorstellte. Er und sein Freund Tomasz Tonder erwiesen sich als aufgeschlossene und nette junge Männer und Falk war beruhigt.

 

*

 

„Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Daher habe ich Sie sofort angerufen.“

„Was auch richtig war, denn der Mann, und davon gehen wir aus, wird sich mit Sicherheit nicht selbst ein Tau um seinen Leib gebunden haben und nackt über die Reling gesprungen sein.“

„Bestimmt nicht. Und mit dem Mann liegen Sie wohl richtig. Frauen waren diesmal nicht mit an Bord.“

„Frauen? Bei einer Schwulenparty?“, fragte Falk verdutzt.

„Sie wissen nicht viel über unsere Szene, nicht wahr?“, fragte Roman Krol mit einem leichten Schmunzeln und warf seinem Freund Tomasz einen vielsagenden Blick zu. Er sprach fast fließend Deutsch. Wie Falk inzwischen wusste, studieren beide Männer Germanistik.

„Darüber könnt ihr später philosophieren“, ging Ewa dazwischen. „Vermissen Sie einen ihrer Gäste?“

„Ehrlich gesagt habe ich da keinen Überblick. Tomasz führt eine Liste der geladenen Gäste, aber die meisten Anwesenden sind wohl deren Freunde und Bekannte. Wir haben auch ein paar Jungs aus Deutschland und Dänemark an Bord.“

„Okay. Sie bringen gerade die Leiche von Bord“, sagte Ewa, die über die Reling nach unten auf den Pier schaute. „Wer von Ihnen begleitet uns?“, richtete sie die Frage an die beiden Jungs.

„Ich mach das“, antwortete Tomasz. „Ich hab die Liste der Einladungen geschrieben und kenne mehr Leute als Roman.“

Ewa, Falk und Tomasz verließen das Schiff und gingen zu der Stelle, an der die Leiche abgelegt worden war, die mittlerweile unter einer weißen Plane lag, um Schaulustige nicht zu animieren, Handyfotos zu schießen. Streifenpolizisten hatten den Kai abgeriegelt, aber hinter der Absperrung versammelten sich immer mehr Gestalten, die neugierig, aber auch teilweise recht aggressiv das Geschehen beobachteten. Falk hörte einige polnische Wortfetzen, die nicht danach klangen, als wenn sie Anteilnahme an dem grausigen Fund nehmen würden.

„Hools“, sagte Tomasz leichthin zu Falk, der ihn fragend anschaute. „Das sind wir mittlerweile gewohnt.“

„Was wollen die?“

„Was die wollen? Uns an den Kragen gehen. Für die sind Menschen wie wir Perverse, Abartige die es auszurotten gilt.“

Kopfschüttelnd folgte Falk Ewa, die bereits den Toten erreicht hatte.

„So was hab ich noch nie gesehen“, murmelte einer der Polizisten, die den Leichnam geborgen hatten. Ewa sah ihm ins Gesicht, das eine leicht weißlich-grüne Farbe angenommen hatte. Plötzlich würgte der Mann und rannte zu einer der Lagerhallen, um sich zu übergeben.

Fragend schaute sie seinen Kollegen an.

„Ist ein harter Anblick, Frau Kommissarin“, sagte er leise und hob die Plane an.

Mittlerweile waren auch Falk und Tomasz hinzugekommen und die drei schauten fassungslos auf den toten Körper. Der Mann war nackt und um seinen Oberkörper hatte man ein Seil gebunden, das unter seinen Achseln gezogen hinten befestigt war. Eine klaffende Stichwunde war im Bereich der Brust zu erkennen. Ewas Blick fiel in seinen Schritt, und ihr stockte der Atem. Der Mann war offensichtlich kastriert worden. Dort wo sein Skrotum und sein Glied hätten sein sollen, klaffte eine große, blutverschmierte Wunde. Sein ebenfalls blutverschmierter Mund war mit grauem Panzerband abgeklebt, aber an der Form seiner Wangen konnte man erahnen, was sich in seiner Mundhöhle befand.

„Hier fasst mir niemand etwas an“, ordnete Ewa an, während Tomasz und Falk auf die nackte Leiche blickten.

„Kennen Sie ihn?“, fragte Ewa Tomasz über ihre Schulter blickend.

„Das ist Kenny Korthaus, einer unserer deutschen Gäste“, sagte er mit stockender Stimme.

„Kenny?“, fragte Falk.

„Er heißt bestimmt anders, aber so nennen …, oder besser, so haben wir ihn genannt. Mein Gott! Das ist ein Albtraum.“

„Aber ein sehr realer“, stellte Ewa nüchtern fest und wandte sich von der Leiche ab. „Der Bereich wird vollständig abgeriegelt und dass mir keiner auf den Gedanken kommt, irgendwelche Informationen bezüglich des Zustands der Leiche an die Presse zu geben“, wandte Ewa sich an die Streifenbeamten, die ihrer Forderung sofort nachkamen und die Schaulustigen weiter zurückdrängten.

„Schaut mal. Jetzt sind schon Lesben bei der Polizei“, hörte Ewa eine aggressive Stimme aus der Menge. Sie wandte den Kopf und sah einen Mann, der sie unverhohlen angrinste.

„Soll ich dir mal zeigen, was ein richtiger Schwanz ist?“, rief er ihr höhnisch grinsend zu und öffnete seinen Hosenstall. Falk beobachtete die Szene und, obwohl er kein Wort von dem verstand, was der Mann Ewa zurief, deutete er die Szenerie richtig.

„Falk“, schrie Ewa, die genau wusste was nun kam, aber es war zu spät.

Mit zwei schnellen Schritten ging er auf den Mann zu und feuerte seine Rechte mitten das Gesicht des Provokateurs. Mit einem lauten Knacken brach dessen Nasenbein und im nächsten Moment fing er sich einen Haken ein, der ihn endgültig zu Boden schickte. Zwei Polizisten fielen ihm halbherzig in den Arm und zogen Falk weg, während der Mann auf dem Boden lag und sich nicht mehr rührte.

Im Nu war auch Ewa bei ihm, packt ihn an seinem Hemd und schrie ihn an.

„Bist du nicht mehr bei Trost? Wie kannst du ihn einfach niederschlagen?“

„Er hat dich beleidigt und dafür gibt’s was auf die Zwölf“, sagte er im ruhigen Ton. „Ich bin nicht dienstlich hier und wer meine Frau beleidigt, muss eben die Konsequenzen tragen, so einfach ist das.“

Ewa sah ihn fassungslos an und aus den Augenwinkeln erspähte sie die feixenden und gleichzeitig anerkennenden Mienen ihrer Kollegen, denen Falk mittlerweile kein Unbekannter mehr war und die wussten, in welcher Beziehung er zu Ewa Stepinska stand.

„Der hat Eier in der Hose“, hörte sie den Kommentar eines ihrer Kollegen und wandte sich kopfschüttelnd ab, aber innerlich macht ihr Herz einen Freudensprung. Natürlich konnte sie das niemals offen zugeben, aber sie war stolz auf Falk, weil er sie auf diese Weise verteidigt hatte.

 

*

 

Inzwischen hatte man Kennys Leiche in einen großen Plastiksack verpackt und wartete auf den Leichenwagen, der sie in die Pathologie bringen sollte.

Ewa folgte zusammen mit Falk den Beamten der Spurensicherung, die nun das Partyschiff betraten. Sie gingen zum Heck des Schiffes, wo sie ein Seil erblickten, dessen ein Ende an die Reling gebunden war und das andere als Haufen auch dem Boden lag. Die beiden zogen sich Plastikschuhe sowie einen Ganzkörperanzug über und betraten den Bereich des Tatortes.

„Ein gewöhnliches Tau, wie wir es auch auf der IGA haben“, bemerkte Falk, als er das Seil mit seinen Latexhandschuhen näher untersuchte. Die IGA war Ewas und Falks Segelboot, das sie seit zwei Monaten gemeinsam besaßen und nach Ewas Tochter Iga benannt hatten.

„Bekommst du überall als Meterware.“

„Der Mord ist hier passiert“, hörten sie die Stimme eines ihrer Kollegen von der Spurensicherung. Hier ist eine größere Blutlache.“

Die beiden schauten zu dem Mann, der rechts hinter einem der Schiffsaufbauten stand.

„Der Platz ist gut gewählt, von oben nicht einzusehen“, schaute Falk hoch zur Brücke, die sich gute drei Meter über ihm befand.

„Vermutlich wäre es sowieso niemandem aufgefallen, zumindest der Mord an sich nicht“, murmelte Ewa. „Sonst noch etwas Auffälliges gefunden?“

„Nichts, keine Fußabdrücke, gar nichts. Das Seil bringen wir in die Kriminaltechnische. Vielleicht finden wir fremde DNA, aber so wie das Ding aussieht, ist es schon hunderte Mal benutzt worden.“

Ewa schaute auf die Uhr. „Tomasz stellt uns eine Liste von den Personen zusammen, die sich seiner Meinung nach an Bord befanden, fehlen allerdings diejenigen, die er nicht kannte, und die Streife ist dabei, die Namen und Anschriften der noch anwesenden zu notieren. Hoffen wir mal, dass unser Täter dabei ist. So, für uns war es das erst mal.“

Ewa und Falk verließen in dem Moment das Schiff, als man dabei war, die Leiche abzutransportieren.

„Wer von der Gerichtsmedizin hat heute Abend Dienst“, fragte sie den Fahrer des Leichenwagens.

„Frau Doktor Kaczmarek“, antwortete der Fahrer und Ewa stieß ein Stoßgebet in den Himmel, da sie fast eine Freundschaft zu der Pathologin verband.

„Bestellen Sie ihr einen schönen Gruß und richten Sie ihr aus, dass die Leiche sofort obduziert werden muss. Wir haben nur noch fünf Tage bis zur Veranstaltung und ich brauche schnellstmöglich Ergebnisse.“

„Richte ich ihr aus“, sagte der Fahrer und der Wagen setzt sich in Bewegung.

„Und wir beide fahren ins Präsidium und ich erstatte Kaminski Bericht. Der Fall ist so brisant, dass ich ihn über das, was wir bis jetzt erfahren haben, in Kenntnis setzen muss. Über den Leichenfund weiß er ohnehin schon Bescheid, aber bestimmt hat man ihm nicht über alle Details informiert.“

 

*

 

Eine Viertelstunde später saßen sie dem Leiter der Mordkommission gegenüber.

„Schöne Scheiße“, sagte er betroffen, als Ewa ihm die Einzelheiten über den Fund und Zustand der Leiche geschildert hatte. „Das hat uns gerade noch gefehlt. Sie wissen ja selbst, gegen welche Widerstände die Veranstalter der CSD-Parade zu kämpfen hatten, damit sie überhaupt stattfinden kann und jetzt das. Glauben Sie, der Täter ist in der Hooliganszene zu finden?“

„Ganz ehrlich? Nein, das glaube ich nicht. Hier ist jemand am Werk, der ein klares Zeichen setzen wollte. Die Hooligans, die wir am Kai angetroffen haben, waren nur auf Randale aus. Das sind Schläger, keine Schlächter. Aber wir werden natürlich unsere Ermittlungen auch in diese Richtung fortsetzen.“

„Ist der Tote schon identifiziert“, fragte Kaminski.

„Ja. Ein gewisser Kenny Korthaus, deutscher Staatsbürger, aber Kenny war wohl nur sein Spitzname. Mehr wissen wir noch nicht“, antwortete Falk an Ewas Stelle.

„Nun gut. Warten wir die Ergebnisse ab, die die Spurensicherung und die Gerichtsmedizin liefern. Mehr können wir im Moment nicht tun. Da die Sache höchsten Stellenwert einnimmt, können Sie sich ein Team zusammenstellen, das Sie bei ihren Ermittlungen unterstützt. Dabei haben Sie freie Hand, Frau Stepinska. Das bezieht sich natürlich nur auf unsere Beamten“, fügte er lächelnd hinzu als er Falks Blick bemerkte, der ihn hoffnungsvoll anschaute.

„Ist mir schon klar“, grinste Falk, obwohl er gerne etwas anderes gehört hätte.

Die beiden standen auf verabschiedeten sich und verließen Kaminskis Büro.

 

 

*

 

„Hoffentlich bekommen wir wirklich schnell Ergebnisse“, sagte Falk als sie zurück zu Ewas Wohnung fuhren.

Ewa schaute ihn schräg von der Seite an. „Wir? Ich bekomme Ergebnisse. Du fährst morgen Abend zurück nach Stralsund.“

„Ich meinte ja nur“, grummelte Falk. „Glaubst du, sie zieht die Sache vor?“

„Worauf du einen lassen kannst. Gosia Kaczmarek hat bestimmt großes Interesse an der Aufklärung des Mordes.“

„Warum sollte sie?“

„Sie ist vierzig und unverheiratet. Soll ich noch deutlicher werden?“

Jetzt fiel bei Falk der Groschen. „Sie würde natürlich nie zugeben, dass sie auf Frauen steht. Sie hat uns tatsächlich schon einmal einen Verlobten präsentiert, nur um nicht aufzufallen.“

„Was geht hier bei euch in dieser Beziehung eigentlich ab?“

„Tiefstes Mittelalter, was das Thema Sexualität betrifft. Und gerade in der letzten Zeit wird es immer schlimmer. Es ist fast wie eine Hexenjagd und kaum einer outet sich als schwul oder lesbisch. Vor ein paar Jahren haben es zwei Lesben einmal gewagt, öffentlich darüber zu sprechen, dass sie heiraten wollten. Die Sache wurde so thematisiert, dass sie sogar in den Nachrichten kam. Nein, hier bei uns hält man am besten die Füße still.“

„Dann war es völlig richtig, dass ich dem Typen eine Gerade verpasst habe“, stellte Falk trocken fest.

Sie hatten mittlerweile Ewas Wohnung erreicht und betraten die Diele.

„Dafür muss ich mich noch bei dir bedanken“, lächelte Ewa, legt ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn.

„So wie du mich angefahren hast, dachte ich …“

„Dummkopf. Vor allen Leuten blieb mir, als leitende Polizistin, doch gar nichts anderes übrig. Aber als Frau bist du für mich mein Held.“

Verstehe einer die Frauen, dachte Falk und genoss Ewas nun folgende Verführung in vollen Zügen.

 

 

2.

 

Als die beiden am nächsten Morgen das Polizeipräsidium in Kolberg betraten, herrschte in der Mordkommission hektische Betriebsamkeit. Ewa hatte, aufgrund ihrer Beförderung zur Oberkommissarin, die Leitung übernommen und Jurek Bonk zur Verstärkung bekommen, der von der Drogenfahndung kam und nun für die Mordkommission tätig war.

Mit Jurek und seiner Frau Magda waren Ewa und Falk mittlerweile eng befreundet und da ihre Kinder Kasia und Iga im annähernd gleichen Alter waren, verbrachten sie viel Zeit mit den Bonks.

„Immer wenn du bist hier, viel zu tun wir haben“, grinste Jurek, als er auf Falk zukam und ihn freundschaftlich umarmte.

Jureks Deutsch wurde immer besser und die beiden Männer verstanden sich wie auch die Frauen untereinander prächtig.

„Habt ihr die Identität des Toten festgestellt?“, fragte Ewa.

„Ja, haben wir: Konstantin Korthaus, geboren 23.3.1989 in Greifswald/Deutschland, dort hat er auch seinen momentanen Wohnsitz.“

Ein breites Grinsen zog über Falks Gesicht.

„Sag mit jetzt nicht, dass …“, sah Ewa ihn argwöhnisch an.

„Doch. Und damit ist es jetzt UNSER Fall. Der Bezirk Greifswald gehört zu meinem Zuständigkeitsgebiet“, feixte er und holte sein Handy aus der Tasche, um seinen Vorgesetzten, Werner Nübel, mit dem ihn eine lange Freundschaft verband, über die Lage zu unterrichten.

„Warum bleibst du nicht direkt in Kolberg“, frotzelte der. „Dann hab ich hier meine Ruhe und Ewa muss dich die ganze Zeit ertragen“, hörte Falk ihn lachen. „Aber klar. Wenn der Tote aus Greifswald stammte, ist das eindeutig unser Fall, in dem wir involviert sind. So langsam kann ich mich mal mit Ewas Vorgesetzten zum Essen treffen, so oft wie wir telefonieren. Ich kläre das auf dem Dienstweg ab und lasse mal die Vita dieses Konstantin Korthaus überprüfen. Und bestelle Ewa schöne Grüße.“

„Mach ich, Werner“, antwortete Falk und legte auf.

„So, alles in Butter. Schöne Grüße von Werner. Wo waren wir stehen geblieben?“, grinste er Ewa und Jurek an.

„Das es jetzt unser Fall ist“, seufzte sie scheinbar resignierend, aber ihre Augen, mit denen sie Falk dabei anschaute, sprachen eine ganz andere Sprache.

 

*

 

Seit acht Monaten waren Falk und sie ein Paar und hatten schon einige Abenteuer erlebt, bei denen sie nur knapp mit dem Leben davon gekommen waren. Kennengelernt hatte sie sich bei ihrem ersten gemeinsamen Fall im Februar und ihre Beziehung hatte sich nicht bei einer Extremsituation ergeben, sondern bereits bevor der Fall ein dramatisches Ende gefunden hatte. Ewa spürte einfach, dass Falk der Mann ihres Lebens war, und bei ihm hatte sie auch den Eindruck, dass das auch umgekehrt der Fall war. Dieser Eindruck hatte sich gestern Abend im Hafen bei ihr erneut bestätigt.

Zu ihrer Tochter Iga hatte Falk ein ganz besonderes Verhältnis entwickelt und ihre kleine Tochter freute sich jedes Mal diebisch, wenn Falk sie wie üblich am Wochenende in Kolberg besuchte. Für sie war er fast schon ein Vaterersatz geworden. Den Ex-Ehemann ihrer Mutter und leiblichen Vater Antek hatte sie nie kennengelernt und Ewa legte darauf auch keinen besonderen Wert.

Falk und Ewa lebten im Grunde in einer Fernbeziehung, aber es war zu ertragen, da sie keine allzu große Entfernung trennte. Wie sich ihre Beziehung weiterentwickeln sollte, darüber hatten sie sich bisher keine großartigen Gedanken gemacht, aber irgendwann musste es zu einer Entscheidung kommen.

In ihrem Hinterkopf hatte Ewa einen vagen Plan, aber dazu benötigte es noch Zeit und nicht zuletzt einige Beziehungen. Aber dieser Tag lag noch in weiter Ferne und im Moment lief alles bestens.

 

*

 

„Die Identifizierung der Leiche“, erinnerte sie.

„Richtig. Werner kümmert sich um das direkte Umfeld von Korthaus. Und wir suchen die Leute auf, mit denen er hier in Kolberg unterwegs war. Ewa du kannst …“

„Mooooment, mein Lieber, so läuft das nicht. Du bist zwar in dem Fall mit an Bord, aber es ist immer noch mein Schiff“, unterbrach Ewa etwas gereizt seinen Redefluss, während Jurek schmunzelnd dem Wortgefecht folgte.

„Das hört sich bei dir im Moment so an, als wenn der große Kommissar aus dem Westen kommt und uns Hinterwäldlern zeigen muss, wo es langgeht. Hörst du dich eigentlich selbst reden?“

„Aber ich wollte doch nur …“, stotterte Falk leicht verlegen.

„Ja, schon gut“, sagte sie nun etwas versöhnlicher.

„Leute von Korthaus brauchen wir nicht zu suchen. Sitzen im Verhörraum“, sagte Jurek.

„Dann mal los“, sagte Ewa und mit Falk in ihrem Schlepptau betraten sie das Verhörzimmer, wo sie zwei junge Männer erblickten, die sie mit bleichen Mienen anschauten.

 

*

 

„Es tut uns sehr leid, was mit Ihrem Freund passiert ist“, begann Ewa das Gespräch und nahm zusammen mit Falk gegenüber den beiden Platz, während sie gleichzeitig den Rekorder anstellte.

Beide Männer waren noch recht jung, höchstens Anfang zwanzig. Aus den Akten kannte Ewa ihre Namen.

Julian Schulte war der Jüngere, klein und von schmächtiger Statur. Sein Gesicht konnte man einfach nur als schön bezeichnen. Er hatte hohe Wangenknochen und für einen Mann ungewöhnlich, geschwungene Lippen, um die ihn wahrscheinlich viele Frauen beneideten. Unter seinen blonden, kurz geschnittenen Haaren schauten sie zwei wache, tiefbraune Augen an.

Der andere Mann war das genaue Gegenteil von Julian, was die Körpergröße betraf. Tobias Vollmer war mindestens so groß wie Falk, aber sein Körper war wesentlich massiger. Auch sein Gesicht konnte man als schön bezeichnen, aber während Julian Schulte feminine Gesichtszüge besaß, waren die von Vollmer sehr maskulin. Er besaß ein kantiges Kinn, schmale Wangenknochen und blickte Ewa mit stahlblauen Augen an, die im Kontrast zu seinem schwarzen, gelockten Haaren standen.

 

*

 

„Ich bin Oberkommissarin Ewa Stepinska und leite die Ermittlungen in diesem Fall. Das ist Hauptkommissar Falk Möller von der Kripo in Stralsund Ich möchte Sie darauf hinweisen, dass Sie lediglich als Zeugen vernommen werden, wobei Sie nicht das Recht haben, Ihre Aussage zu verweigern, es sein denn, Sie sind mit dem Opfer verwandt oder verschwägert. Weiter sind Sie verpflichtet, uns nur die reine Wahrheit zu sagen.“

„Alles klar“, sagte Tobias mit seiner Bassstimme. „Weder Julian noch ich waren mit Konstantin verwandt.“

„Gut. Dann haben wir das geklärt.“

Ewa schlug die dünne Akte auf und wandte sich an Julian Schulte.

„Julian Schulte, geboren am 23.4.1999, wohnhaft in Greifswald.“

„Ja“, antwortete der junge Mann mit einer samtweichen, hellen Stimme.

„Tobias Vollmer, geboren am 12.5.1997, wohnhaft in Stralsund.“

„Das ist richtig“, ertönte ein Bariton.

„Korthaus war Ihr Freund, mit dem Sie zusammen nach Kolberg gekommen sind?“

„Ja. Wir sind gestern mit Kenny angereist, um auf dem Partyschiff zu feiern. Tomasz hat uns zu dem Event eingeladen“, sagte Julian Schulte. „Wir wollten dann am Samstag am CSD teilnehmen.“

„Kannten Sie die Leute, die mit Ihnen auf dem Schiff waren?“

„Ein paar schon“, antwortete Tobias, „aber natürlich längst nicht alle. Viele Schwule aus Polen frequentieren Clubs im Grenzbereich. Bei uns ist es ungleich leichter, unsere Sexualität auszuleben.“

„Das scheint wohl so zu sein“, warf Falk ein. „Das, was ich hier mitbekommen habe, gibt es bei uns nur noch in Einzelfällen.“

„Hatte Korthaus mit irgendjemandem Probleme, der sich mit auf dem Schiff befand?“, fragte Ewa.

Die beiden Freunde sahen sich an. „Nicht, dass wir wüssten“, antwortete Tobias für beide. „Es gab auch niemanden, der Eifersüchtig hätte sein können. Kenny hatte mit keinem der Anwesenden irgendwas. Überhaupt war er eher ein schüchterner Typ.“

„Aber er muss jemand auf der Party kennengelernt haben und ist ihm zum Bug des Schiffes gefolgt. Ihnen ist nichts aufgefallen?“

„Nein. Wir haben ihn auch nicht vermisst. Da war so viel Trubel. Er hat sich kurz mit einem Mann unterhalten, aber das war ziemlich am Anfang der Party, nachdem das Schiff den Hafen verlassen hatte.“

„Können Sie den Mann beschreiben?“, fragte Falk hoffnungsvoll.

„Etwa so groß wie Kenny, also so um die eins fünfundsiebzig, untersetzter Typ, etwas älter aber ansonsten nichtssagend. Niemand, von dem man sagen würde: Wow. Aber ich habe ihn auch nur flüchtig gesehen“, sagte Julian.

„Was hatte er an? Lassen Sie sich ruhig Zeit.“

Julian dachte nach und schüttelte schließlich den Kopf. „Da müsste ich jetzt lügen. Kann sein, dass es mir noch einfällt, aber jetzt möchte ich nichts Falsches sagen. Glauben Sie, dass der Typ etwas mit der Sache zu tun hat?“

„Kann sein, muss natürlich nicht. Aber wir brauchen alle Informationen, so nebensächlich sie einem erscheinen mögen.“

„Haben Sie beide Kenny danach noch mal gesehen?“, fragte Ewa.

„Hm. Weiß nicht. Du?“, fragte Julian seinen Freund.

„Ich nicht … Doch. Kurz nachdem die beiden miteinander gesprochen hatten, ging Kenny nach vorne in Richtung der Toiletten“, grinste Tobias nun schwach. „Ich hab noch gedacht, dass er endlich mal jemand aufgerissen hat, aber er war allein.“

„Und das assoziieren Sie mit dem Gang zur Toilette?“, fragte ihn Falk verwundert.

„Nun ja. Sie scheinen nicht viel von unserer Szene zu wissen, habe ich recht?“, fragte Julian ihn leicht grinsend.

Diese Frage hatte ihm vor Kurzen noch Roman Krol in ähnlicher Form gestellt.

„Nein. Aber ich sollte mich vielleicht mal kundig machen“, lächelte Falk. „Woher kannten Sie sich eigentlich?“

„Ich bin ihm mal auf die Toilette gefolgt“, sagte Julian trocken und Ewa prustete los.

„Entschuldigen Sie bitte, aber der war gut“, versuchte sie sich zu beherrschen und war froh, dass sich die Stimmung etwas entspannt hatte.

„Wir drei kennen uns schon seit Jahren. Nicht, dass wir untereinander etwas gehabt haben, aber kennengelernt haben wir uns in einem Club in Stralsund, dem Cher Noir, wenn Ihnen das was sagt“, wandte er sich an Falk.

„Kenne ich aus der Zeit, als ich bei der Sitte war. Da hatten wir öfter mal einen Einsatz wegen des Aufenthaltes von Minderjährigen.“

„Mich haben Sie nicht erwischt“, grinste Julian. „Das erste Mal, als ich den Club besucht habe, war ich fünfzehn. Damals hab ich Kenny und den Großen hier kennengelernt und seitdem sind wir befreundet“, sagte er und seine Stimme wurde schwer. „Ich kann es immer noch nicht fassen, dass er tot ist. Wer tut denn so etwas? Sicher, wir sind Anfeindungen jeglicher Art gewohnt. Was meinen Sie, welche Kommentare wir auf unseren Social Media-Profilen von manchen Trollen gedrückt bekommen, aber dass jemand seine Drohungen in die Tat umsetzt? An Bord waren nur Schwule. Wir haben uns völlig sicher gefühlt und dann das.“

Julian schlug seine Hände vor den Kopf und rieb seine Augen.

„Das war es fürs Erste“, sagte Ewa leise und stand auf. „Wenn Ihnen noch etwas einfällt, hier ist meine Karte. Sie können mich jederzeit anrufen. Und verlassen Sie nicht die Stadt. Wir haben mit Sicherheit noch Fragen an Sie.“

„Romek hat mir erzählt, dass Sie so etwas wie eine Schirmherrschaft über den CSD bei der Polizei übernommen haben“, sagte Tobias, als er Ewa und Falk die Hand reichte. „Danke dafür. Hoffentlich kriegen Sie das Schwein, das Kenny das angetan hat.“

„Morde werden zu über neunzig Prozent aufgeklärt“, antwortete Falk. „Wir werden unser Bestes tun.“

 

*

 

„Was meintest du damit, dass du dich kundig machen willst. Existiert bei dir eine Seite, die ich noch nicht kenne?“, fragte Ewa Falk mit belustigter Stimme.

„Mal ehrlich und ohne Flachs. Ohne die Schwulenszene genauer zu kennen, können wir keine richtigen Ermittlungen durchführen. Und ich glaube nicht, dass in unserem Team jemand ist, der sich da genau auskennt.“

„Und den Part willst du übernehmen.“

„Wir, mein Schatz, wir.“

„Welche Rolle soll ich denn da übernehmen? Soll ich mich als androgyner Mann verkleiden?“

„Keine schlechte Idee. Aber Roman hat doch Frauen erwähnt, die diesmal nicht mit von der Partie waren. Das soll er uns mal näher erklären.“

 

*

 

„Sie sind halt unsere Busenfreundinnen“, klärte Roman die beiden auf, als sie ihn in seinem Büro aufsuchten, das in der Nähe des Gebäudes der Pathologie lag, zu dem sie eigentlich unterwegs waren.

Roman Krol betrieb neben seinem Studium ein kleines Unternehmen für Party- und Eventmanagement. Seiner Erfahrung auf dem Gebiet verdankt der CSD in Kolberg seine Entstehung.

„Wenn Gays feiern gehen, sind immer ein paar Mädels mit am Start, die besten Freundinnen eben.“

„Und die sind lesbisch?“, fragte Falk.

Roman lachte auf. „Nein. Sie sind hetero, aber fühlen sich in der Schwulenszene pudelwohl. Sehen Sie es mal so: Sie können ausgelassen feiern, ohne von irgendwelchen Typen angebaggert zu werden, obwohl: Ganz so ist es auch nicht mehr, weil die Heteromänner auch nicht auf den Kopf gefallen sind. Die schönsten Frauen trifft man auf Schwulenpartys. Das können Sie mir glauben.“

Falk sah ihn verblüfft an. „Darauf wäre ich nie gekommen.“

„Ist aber so. Ich habe schon Partys erlebt, da waren vielleicht sechs Männer und fünfzehn Frauen. Und glauben Sie mir: Ich hab von den Mädels schon Dinge erfahren, die sie noch nicht einmal ihrer besten Freundin erzählen würden. Da gibt es immer mal wieder Zickenkriege und bei einem schwulen Mann kann man so richtig sein Herz ausschütten, gerade wenn es um die Partnerschaft oder um das Verhältnis zu Männern im Allgemeinen geht. Wir haben zwar eine andere sexuelle Neigung, aber wir sind ja immer noch Männer.“

„Also so eine Art Kummerkasten“, grinste Falk.

„So in etwa. Aber warum fragen Sie eigentlich?“

„Wir wollen uns in der Szene etwas umschauen und das am besten anonym“, antwortete Ewa für Falk. „Und aus Sicherheitsgründen müssen wir das zu zweit machen. Aber ich kann von keinem meiner Kollegen verlangen, mit mir zusammen direkt in der Schwulenszene zu ermitteln. Daher ist es gut zu wissen, dass ich da überhaupt nicht auffalle.“

„Tun Sie nicht, wenn es sich auf die normalen Clubs beschränkt. Es gibt natürlich auch Bereiche, wie Saunaclubs zum Beispiel, wo ein striktes Frauenverbot herrscht. Wenn Sie wollen, begleite ich Sie beide.“

„Nun gut. So weit sind wir noch nicht. Zunächst müssen wir das Ergebnis der gerichtsmedizinischen Untersuchung abwarten. Ach ja, Julian Schulte hat uns gegenüber erwähnt, dass er Korthaus gesehen hat, wie er sich mit einem Mann, um die eins fünfundsiebzig, etwas älter und von untersetzter Statur unterhalten hat. Ist Ihnen da jemand aufgefallen?“

Krol dachte kurz nach. „Stimmt, da war was, aber so genau hab ich auch nicht hingeschaut.“

„Haben Sie den Mann später noch mal gesehen?“, fragte Falk.

„Nein. Ich habe aber auch nicht drauf geachtet. Gekannt hab ich ihn auf jeden Fall nicht und ich würde ihn auch nicht wiedererkennen. Ich hab das nur am Rande beobachtet.“

„Falls Ihnen noch irgendetwas einfällt, Sie haben ja meine Karte“, sagte Ewa.

 

 

3.

 

Etwas angewidert starrten Ewa und Falk auf den blitzenden Stahl des Obduktionstisches, auf dem die nackte Leiche von Konstantin Korthaus lag. Dort, wo sich eigentlich seine Geschlechtsteile befinden sollten, klaffte ein tiefes Loch, aber hier, in der Sterilität der Pathologie, nahm dies viel von dem Grauen, das sie noch zum Zeitpunkt der Bergung der Leiche beschlichen hatte.

Dr. Gosia Kaczmarek schien das nicht besonders zu berühren. Falk dachte unwillkürlich an Jutta Dittrich, die Chefpathologin in Rostock, als er Gosia Kaczmarek betrachtete. Die beiden hätten Schwestern sein können, so sehr ähnelten sie sich. Auch aus diesem Raum tönte den beiden Musik entgegen, als sie sich den Obduktionsraum näherten, aber im Gegensatz zu Jutta Dittrich stand Dr. Kaczmarek wohl eher auf die klassische Muse, da ihnen Beethovens 9. Sinfonie entgegenschallte.

„Die Todesursache ist eindeutig“, sagte sie mit einer volltönenden Stimme auf Polnisch, während Ewa fast simultan übersetzte, und wies auf die Stichwunde mitten in der Brust. „Eine relativ schmale Klinge. Ich tippe auf ein Kampfmesser, beidseitig geschliffen. Der Stich traf ihn mitten ins Herz. Er war sofort Tod. Die Verletzung im Genitalbereich wurde ihm post mortem zugefügt und, wie ihr euch schon denken konntet, wurden seine Genitalien in seinem Mundraum deponiert. Das Klebeband, handelsübliches übrigens, diente dazu, dass sie nicht versehentlich rausfallen konnten. Wenn ihr mich fragt, wollte der Mörder ein klares Signal setzten: Ich hasse Schwule.“

Details

Seiten
110
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941784
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906322
Schlagworte
mord regenbogens zeichen

Autor

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Titel: Mord im Zeichen des Regenbogens