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Der Squawman-Scout

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Squawman-Scout

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Der Squawman-Scout

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Big John Rutler ist voller Hass und sinnt auf Rache, denn Ben Blackman hat seinen Sohn getötet.

Aber auch Rhett Marlow will einen feigen Mörder stellen, der seine Blackfeet-Frau ermordet hat. Bei seiner Suche nach ihm stößt er auf einen Treck und lässt sich als Scout anwerben. Der Grund: Er ist sich sicher, hier den Mörder zu finden.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Big John Rutler - schleppt eine ansteckende Krankheit mit sich rum - brennenden Hass.

Jim Blackman - hat nicht genügend Rückendeckung im eigenen Treck.

Ben Blackman - bestreitet eine Bluttat.

Rachel - muss als Mutter dem Sohn natürlich glauben.

Susan Blair - weiß es besser.

Rhett Marlow - lässt sich als Scout anwerben, den Tod seiner Blackfeet-Frau zu sühnen.

 

 

1

Der Grizzly trat jäh hinter dem Felsen hervor. Sein Tatzenhieb schleuderte Rhett Marlows Braunen gegen die Granitwand. Das Pferd wieherte schrill. Der breitschultrige, ledergekleidete Reiter brachte noch die Füße aus den Steigbügeln, dann prallte er hart auf. Geistesgegenwärtig rollte er vom Steilhang weg, der links von ihm fünfzig Yard tief abfiel.

Rhetts Winchester steckte noch im Sattelfutteral. Den Colt hatte er beim Sturz verloren. Er riss das Bowiemesser aus der fransenverzierten Scheide, sprang auf und entging knapp dem nächsten Hieb der krallenbewehrten Tatze.

Hoch aufgerichtet stand der Grizzly vor ihm, ein gelbgraues, zottiges Ungetüm mit funkelnden Augen und aufgesperrtem Rachen, aus dem ein drohendes Grollen kam. Das Tier war angeschossen. Das erklärte seine Angriffslust.

Rhett wich den sausenden Tatzen aus und stach zu. Der Bär brüllte. Der Fallensteller sprang zurück, presste sich an die Felswand, duckte sich und traf das mächtige Tier wieder.

Eine Tatze streifte ihn, warf ihn zu Boden. Riesenhaft ragte die zottige Gestalt über ihm auf. Krampfhaft hielt Rhett das Messer, aber sein rechter Arm und die Schulter waren taub. Der Grizzly schwankte auf ihn zu, verfehlte ihn aber. In einem Schwall von Steinen sauste er den Hang hinab.

Rhett sprang auf, eilte zum Pferd und zog das Gewehr aus dem Scabbard. Als er in die Tiefe spähte, hing nur mehr eine Staubfahne über einer düsteren Felsspalte.

»Teufel, das war knapp!« Rhett wischte den Schweiß von der Stirn. Dabei dachte er an die Fährte des Wagenzuges, die er jenseits des Bergrückens gefunden hatte, seit langem das erste Zeichen von Weißen in seinem Jagdgebiet. Der Braune lebte noch, aber es gab keine Hilfe für ihn.

»Tut mir leid, alter Junge.«

Rhett erschoss ihn. Dann lud er sich den Sattel auf die Schulter. Wie ein verspätetes Echo hallte ein doppeltes Krachen durch die sonnige Stille des Frühlingstages. Es kam von Rhetts Blockhütte am Bluebird Creek.

 

 

2

Zwei frische Kratzer furchten Nelson Trasks Wange. Mit dem Pferd des Gefährten am Zügel ritt er vor das Blockhaus. Es war aus schenkeldicken Zedernstämmen gefügt, ohne dass ein Nagel dabei verwendet wurde. Die Ritzen waren mit Moos und Lehm abgedichtet, das Schindeldach mit Felsbrocken beschwert. Geschabte Tierhäute ersetzten Scheiben. Der Schatten hoher Hemlocktannen lag auf dem Corral. Einen halben Steinwurf entfernt plätscherte der Creek. Bewaldete Hänge säumten das schmale Tal.

Ein Poltern, Keuchen, dann ein raues Lachen drangen aus dem kastenförmigen Gebäude.

Der sehnige Reiter in dem schwarzen Wildlederhemd, der schwarzen Röhrenhose und den hochhackigen schwarzen Stiefeln brannte sich eine Zigarette an. Ein Colt hing an seinem Gürtel. Der Kolben eines Repetiergewehrs ragte aus dem Sattelfutteral.

»Komm endlich! Wir müssen zurück.«

Ein junger, kräftiger Bursche trat in die offene Tür. Schweißverklebte Strähnen hingen in seine Stirn. Grinsend schnallte er den Revolvergurt um.

»Ach was, die paar Meilen«

Der Knall eines Gewehrschusses hallte über den südlichen Talkamm. Die beiden Männer sahen sich an. Mit verkniffener Miene zog Nelson Trask die Remington aus dem Scabbard. Er wollte etwas sagen, da erkannte er die Bewegung im dämmrigen Innern des Gebäudes.

»Pass auf, hinter dir!«

Der andere wirbelte herum. Das Messer der Indianerin traf nur den Türpfosten. Rabenschwarzes Haar umzüngelte das von Schmerz und Zorn gezeichnete Gesicht. Das Kleid bestand nur mehr aus Fetzen. Erschrocken zog der junge Kerl den Revolver und schoss. Gleichzeitig krachte die Remington des Schwarzgekleideten. Die Treffer stießen die Squaw in die Hütte. Die Pferde wieherten. Task betätigte sofort den Repetierbügel.

»Verdammt!« Zögernd ließ sein Begleiter den Sechsschüsser sinken. Trask warf ihm die Zügel zu. Sein Blick tastete die mit leuchtendem Grün bedeckten Hänge ab.

»Sie ließ uns keine Wahl. Los, zum Teufel, steig endlich auf!«

 

 

3

Rhett Marlow begrub seine junge Blackfoot-Frau unter dem Ahorn auf dem Hügel jenseits des Creeks. Es war Siskias Lieblingsplatz. Ein schlichtes Holzkreuz und ein Strauß Prärieblumen schmückten das Grab. Lange verharrte der Fallensteller daran. Bilder der Erinnerung löschten sein Zeitempfinden. Tiefer Schmerz erfüllte ihn. Das wettergebeizte, bärtige Gesicht wirkte zerfurcht. Sein Gang war schleppend, als er zum Blockhaus zurückkehrte. Siskias Mörder hatten zwar versucht, die Spur zu verwischen, Rhett sah trotzdem, dass es zwei Reiter gewesen waren. Ihre Pferde waren beschlagen, Pferde von Weißen. Vielleicht waren es dieselben Männer, die den Grizzly angeschossen hatten.

Ein Funkeln trat in Rhetts graue Augen. Seine Schultern spannten sich. Der Schecke im Corral wieherte. Am Gatter hing der Sattel mit dem Lasso und der Winchester, den Rhett zurückgebracht hatte. Bevor Rhett der Mörderfährte folgte, hatte er noch etwas zu erledigen. Er betrat das Gebäude, das zwei Jahre Siskias und sein Zuhause gewesen war. Er hatte die glücklichste Zeit seines Lebens hier verbracht. Ohne Siskia erschien ihm alles fremd, abweisend. Er würde nur noch hierher zurückkehren, Siskias Grab zu besuchen. Die Petroleumlampe zerschellte am Boden. Mit starrer Miene riss der Trapper ein Streichholz an. Da sah er den flachkrempigen schwarzen Hut, der unter dem Tisch lag. Einer der Mörder hatte ihn offenbar in der Hast des Aufbruchs vergessen. Eine Bussardfeder steckte am Band aus Klapperschlangenhaut.

Rhett hob ihn auf. Dann warf er das brennende Streichholz in die Petroleumpfütze. Eine Stichflamme fauchte empor. Draußen wieherte der Schecke wieder.

Gierig leckte das Feuer nach den vertrauten Einrichtungsgegenständen.

Stumm wandte Rhett sich ab.

 

 

4

Der Reiter kam aus der Flammenröte des Sonnenuntergangs. Er reagierte weder auf den Anruf des Postens, noch auf das drohend erhobene Gewehr. Das bartumrahmte Gesicht schien aus dunkelbraunem Holz geschnitzt. Fransen säumten die Nähte des abgewetzten Antilopenlederanzugs. Eine Fellmütze, ein rotes Halstuch und Stiefel mit flachen Absätzen gehörten dazu. Am Gürtel hingen Colt und Bowiemesser. Die Winchester 66 lag quer überm Sattel.

Der Posten fluchte, als der Schecke an ihm vorbeistampfte.

Die zwölf Planwagen standen im Kreis. Bodenwellen durchzogen die Grasfläche ringsum. Die Buschinseln verschwammen in der allmählich hereinbrechenden Dämmerung. Ein Feuer brannte in der Wagenburg. Am eisernen Dreibein hing ein rußgeschwärzter Kessel. Es roch nach Bohnen, Kaffee und frischem Brot. Die Pferde und Maultiere standen im Seilcorral, jedes mit einem umgehängten Futtersack. Auf halber Strecke zwischen Wagen und Feuer hielt Rhett Marlow. Derb gekleidete Männer tauchten auf. Einige hielten Gewehre, andere trugen Revolvergurte. Die Waffen passten irgendwie nicht zu ihnen. Trotzdem wirkten sie entschlossen. Die Frauen trugen einfache Kattunkleider und Schutenhüte. Auch einige Kinder waren da. Alle blickten auf den Reiter.

Da löste sich ein hagerer Mann mit knielangem Mantel und Schlapphut aus der Schar. Sein Gesicht wirkte ledrig. Graue Fäden durchzogen den dunklen Vollbart. Er besaß ein siebenschüssiges Spencergewehr.

»Ich bin Jim Blackman, der Treckboss. Wir sind Siedler und wollen nach Oregon. Wer sind Sie?«

»Rhett Marlow, Pelztierjäger und Fallensteller. Wissen Sie nicht, dass der Oregon Trail einiges weiter südlich verläuft? «

»Wir haben in Bozeman überwintert und wollen über den Lolopass zum Columbia River.«

»Das geht ihn nichts an, Jim.« Ein stiernackiger Mann, der eine doppelläufige Parker-Schrotflinte hielt, schob sich neben den Anführer. Er musterte Rhett misstrauisch. »Weiß der Teufel, vielleicht hat Rutler ihn geschickt.«

»Wer ist Rutler?«

»Mister, das hier ist unser Camp. Ich bin Russ Tompkins, Blackmans Stellvertreter. Wenn hier jemand Fragen stellt, dann wir. Solltest du behaupten, dass dich der Zufall hergeweht hat, kaufen wir das nicht ab. Also, was willst du?«

»Einem von euch den Hut zurückbringen.« Rhett nahm den schwarzen Stetson mit der Bussardfeder vom Sattelhorn und warf ihn auf den freien Platz. Verblüffung zeichnete sich auf den Gesichtern, dann drehten sich alle Köpfe mechanisch in dieselbe Richtung.

Ein sehniger, schwarz gekleideter Mann lehnte mit einer Zigarette im Mundwinkel an einem Conestoga Schoner.

Rhett erkannte sofort, dass es kein Siedler war. Ein langläufiger 45er steckte in dem am Oberschenkel befestigten Holster. Das scharflinige Gesicht war verkniffen. Zwei rote Kratzer hoben sich auf der Unken Wange ab. Als alle ihn ansahen, stieß der Sehnige sich grinsend vom Wagen ab und hob den Hut auf.

»Tatsächlich, mein Stetson. Ich war heute Nachmittag hinter ’nem Dickhornschaf her, als ich ihn verlor.«

»Wie heißt du?«

»Nelson Trask.« Die Augen des Schwarzgekleideten verengten sich. »Was ist, Marlow? Bist du wirklich bloß wegen dem Hut hier? All right, steig ab, ich lad dich zu ’nem Drink ein.«

»Zuerst solltest du erklären, wie der Stetson in meine Hütte kam, drei Schritte neben meine vergewaltigte und ermordete Frau.«

Das Tuscheln und Scharren ringsum setzte schlagartig aus. Eine Siedlerfrau hielt ihrem plappernden zweijährigen Sohn rasch den Mund zu. Nur die Flammen knisterten. Rötlicher Schein übergoss die Gesichter.

Trask hielt noch den Hut. Seine Rechte hing gekrümmt über dem Walnussholzgriff des 45ers.

»Leute, ich glaub, bei dem Burschen ist ein Rädchen locker.«

»Ich warte auf ’ne Erklärung, Trask.«

»Verdammt, Marlow, ist Ihnen klar, welche Beschuldigung Sie da erheben?«, stieß Blackman hervor.

Rhett ließ den Schwarzgekleideten nicht aus den Augen.

»Es waren zwei Kerle, die meine indianische Frau überfielen, während ich nach den Wolfsfallen am Bluebird Creek sah. Ihre Fährte führte mich hierher.«

»Das muss ein Irrtum sein«, keuchte Blackman.

»Sie versuchten die Fährte zu verwischen, aber ich bin unter Blackfeet aufgewachsen. Sie brachten mir alles bei, was ein Mann in der Wildnis wissen muss - darunter auch, eine Spur bis an ihr Ende zu verfolgen.«

»Trask, um Himmels willen, sag ihm, dass er sich irrt!«

»Ich weiß nur, dass ich den Stetson auf der Jagd nach ’nem Dickhornschaf verlor. Vielleicht steckt John Rutler dahinter.«

Die Sehnen auf Trasks rechtem Handrücken spannten sich. Aus den Augenwinkeln beobachtete Rhett die Umstehenden. Keiner bewegte sich. Nichts deutete darauf hin, wer Trasks Kumpan war. Der Schecke stand reglos. Rhett beugte sich vor.

»Woher stammen die Kratzer auf deiner Wange?«

»Übertreib’s nicht, Marlow! Ich sagte schon, dass ich auf der Jagd war. Ich hab mich im Wald an einem Zweig verletzt.«

»Es sind Kratzer von einer Hand. Unter den Fingernägeln meiner Frau fand ich Hautfetzen.«

»Dann schieß doch!«, schrie Trask. Plötzlich hielt er den 45er. Ein Dröhnen füllte die Wagenburg.

Nicht nur Trasks Waffe blitzte. Eine Stichflamme verließ auch Rhetts Winchester. Gleichzeitig warf der Trapper sich seitwärts vom Pferd. Er war sofort wieder auf den Füßen, brauchte aber nicht nochmals abzudrücken. Trasks Sechsschüsser lag am Boden. Der Schwarzgekleidete kniete. Sein Gesicht war schmerzverzerrt.

Rhett lief zu ihm. »Wer war der andere?«

Die Zuschauer hielten den Atem an. Trasks Lippen bewegten sich.

»Zur Hölle mit dir, Marlow!« Dann fiel er vornüber.

Rhett fuhr herum, auf das Krachen eines weiteren Schusses gefasst, aber niemand bewegte sich. Die Doppelmündungen von Tompkins Parker Gun bedrohte ihn.

»Worauf wartet ihr? Dieser Narr hat den Scout erschossen. Keiner von uns kennt den Weg über die Berge. Wenn Rutlers Schießer uns erwischen, trägt er die Schuld.«

Rhett ging langsam auf ihn zu.

»Warst du mit Trask in meiner Hütte am Bluebird Creek? «

»Dann wärst du nicht dazu gekommen, ihn umzulegen, Indianerfreund.« Wut zeichneten Tompkins’ grobschlächtige Züge. Blackman schob sich dazwischen.

»Nimm dich zusammen, Russ!« Dann wandte er sich an Rhett. »Tompkins hat nichts mit dem Tod Ihrer Squaw zu tun, Marlow. Er war den ganzen Tag beim Wagenzug. Zwei Männer ritten mit Task auf die Jagd, mein Sohn Ben und Mike Hattaway.«

Hastig rückten die Siedler von den beiden ab. Die Mütter brachten ihre Kleinen zu den Wagen. Der Abstand zwischen den jungen Männern betrug zehn Yard.

Rhett hatte beide im Blickfeld. Sie waren kräftig gebaut, ungefähr gleich alt, jeder trug einen Sechsschüsser am Gurt. Ben Blackman besaß dunkelbraune Haare und ein knochiges Gesicht. Mike Hattaway war rotblond, etwas kleiner und stämmiger. Sie waren mit Flanellhemden, Farmerhosen und derben Stiefeln bekleidet. Feindselig starrten sie Rhett an.

Blackman schnappte: »Habt ihr nichts zu sagen?«

Tompkins spuckte aus.

»Was zur Hölle soll das, Jim? Willst du den eigenen Sohn diesem Verrückten ans Messer liefern? Wer weiß, was am Bluebird Creek wirklich geschah.«

»Ich werd’s rausfinden. - Ben, Mike, wo wart ihr nachmittags?«

»Wir stießen zusammen mit Trask auf ’nen Grizzly«, antwortete Blackmans Sohn mürrisch. »Mike brannte ihm ’ne Kugel auf, aber das Biest entkam. Es war der größte Grizzly, den ich je sah. Wir verloren seine Spur am Zusammenfluss vom Bluebird und Redbird Creek. Da trennten wir uns.«

»Wer ritt mit Trask?«

»Jeder von uns ritt allein. Wir trafen uns erst kurz vor der Wagenburg wieder. Der Bär ging uns durch die Lappen. Well, ich war zwar am Bluebird Creek, aber von ’ner Hütte bemerkte ich nichts.«

»Ich blieb auf der anderen Bergseite«, berichtete der junge Hattaway. »Wenn Trask tatsächlich ... ich meine, wenn Marlows Geschichte stimmt, war Trask mit der Indianerin allein. Ich kann’s mir aber einfach nicht vorstellen. Schon eher, dass Marlows Squaw Besuch von Big John Rutlers Revolverschwingern bekam. Vielleicht gingen Trask vorhin nur die Nerven durch, nachdem Marlow ihn so massiv beschuldigte.«

»Die Mörder sind hier«, wiederholte Rhett. »Trask war einer, den zweiten krieg ich auch. Es ist besser, er stellt sich freiwillig, bevor ich wiederkomme.« Er stiefelte zu seinem Pferd. Tompkins’ Parker Gun bewegte sich mit.

»Er wird uns die Rothäute auf den Hals hetzen, zu denen seine Frau gehörte, wenn wir ihn reiten lassen. Wir haben mit Rutler schon genug Kummer. Marlow, wenn du aufsteigst, schieße ich.«

»Auf einen Mord mehr kommt’s dir wohl nicht an, was?« Rhett hielt die Zügel. Die Mündung der Winchester wies nach unten.

Der Stiernackige knirschte: »Wofür, zum Teufel, hältst du dich eigentlich, Squawman? Für mich ist ein Weißer, der sich mit den Rothäuten einlässt, ein lumpiger Verräter, um den’s nicht schade ist. Weg mit der Knarre, weg vom Gaul, sonst knallt’s! Wir nehmen dich mit, bis feststeht, dass uns keine Gefahr mehr von Rutler und deinen roten Freunden droht.«

Beifälliges Gemurmel erklang. Blackman presste die Lippen zusammen. Grimmig näherte Tompkins sich dem Trapper.

»Bist du taub oder hast du’n Brett vorm Hirn? Glaub ja nicht, dass ich bluffe!«

Rhett schob die Winchester in den Scabbard. Plötzlich wirbelte er herum, schlug die Parker zur Seite und schickte Tompkins mit einem Kinnhaken zu Boden. Ein Wutschrei gellte. Er kam von dort, wo Blackmans Sohn stand.

»Lasst ihn nicht entkommen!«, rief ein anderer. Gewehre und Revolver flogen hoch.

Rhett sprang aufs Pferd. Sein Colt krachte. Der Schuss traf das Dreibein mit dem Kessel. Das Gestell kippte. Zischend ergoss der Inhalt sich in die Glut.

Rauch quoll nach allen Seiten. Flüche schallten, Schüsse dröhnten.

Rhett preschte zu den Wagen, drehte sich halb und feuerte erneut. Er hielt absichtlich hoch. Die Siedler sprangen in Deckung. Eine Frau schrie hysterisch. Wiehernd schnellte der Schecke über eine Wagendeichsel.

 

 

5

Das Feuer brannte wieder. Reiter drängten zur Lücke, durch die Rhett in die Wagenburg gekommen war. Blackmans schwielige Rechte umfasste die Zügel von Bens Pferd.

»Ihr erwischt ihn ja doch nicht. Bestimmt kennt er jeden Busch und Hügel im Umkreis von zehn Meilen.«

Tompkins fluchte.

»Verdammt will ich sein, wenn ich mir nicht den Skalp von diesem Indianerfreund hole!«

Sechs Reiter waren bei ihm, jeder mit Gewehr und Revolver bewaffnet.

»Du bleibst!«, befahl der Treckboss seinem Sohn. Er griff auch die Zügel von Mike Hattaways Wallach. »Du auch, Mike!«

Die beiden jungen Männer sahen sich an. Dann ließen sie es achselzuckend geschehen, dass Blackman ihre Pferde zum Feuer führte. Tompkins und die anderen galoppierten durch die fahle Dunkelheit davon. Der Hufschlag von Rhetts Hengst wies ihnen die Richtung. Ein Meer aus Sternen funkelten über den Tälern. Am Feuer stiegen Ben und Mike ab. Zögernd kamen die in der Wagenburg gebliebenen Siedler heran. Zwei hüllten Trask in eine Decke und trugen ihn fort.

Der Treckboss teilte Wachen ein. Dann wandte er sich den beiden Jungen zu.

»Also, wer von euch war mit Trask in Marlows Hütte am Bluebird Creek?«

Rachel, seine hagere, grauhaarige Frau, trat in den Lichtkreis. Ein Leben voller Entbehrungen hatte sie gezeichnet.

»Glaubst du einem Fremden mehr als deinem Sohn?«

»Es ist meine Pflicht als Treckboss, die Wahrheit rauszufinden.«

Paul Hattaway, Mikes Vater, trat neben die Frau. Er war jünger als Blackman. Mike besaß in etwa seine stämmige Statur. Hattaway trug einen schwerkalibrigen Revolver. Sein schnurrbärtiges Gesicht war verbissen.

»Verdammt, Jim, die beiden haben doch alles gesagt. Für meinen Jungen leg ich die Hand ins Feuer.«

»Ich hab sie gefragt, nicht dich.«

»Ich kann nur wiederholen, dass ich hinter dem verdammten Grizzly her war«, murrte Mike.

»Wie lange?«

»Zum Teufel, Jim, was soll das?«, protestierte Hattaway.

Mike hob die Schultern.

»Keiner von uns hatte ’ne Uhr dabei. Schätze, drei Stunden.«

»Du hast Trask vor der Wagenburg getroffen?«

»Eine halbe Meile davor.«

»Und Ben?«

»Er kam fast gleichzeitig.«

»Worauf willst du eigentlich raus, Pa?«, rief Ben.

»Trask war ein Revolvermann und Abenteurer, dafür angeworben, dass er’ uns über die Bitterroot Range zum Columbia River führt«, mischte sich Paul Hattaway wieder ein. »Wir wussten nicht viel über ihn. Aber wir wissen genau, dass keiner von uns zu einer solchen Tat fähig wäre.«

»Marlow sprach von zwei Reitern, auf deren Fährte er vom Bluebird Creek zur Wagenburg kam.«

»Er kann sich irren.«

»Marlow wäre kein Mann der Wildnis, wenn ihm ein so entscheidender Irrtum unterliefe.«

»Ich verstehe nicht, Jim, dass du dich so in die Sache verbeißt. Nehmen wir mal an, dass Trask tatsächlich ’nen Kumpan besaß. Was soll mit ihm geschehen? Würdest du ihn Marlow ausliefern?«

»Ich würde dafür sorgen, dass er den Treck verlässt.«

»Du bist der Anführer, Jim, aber das wäre nicht allein deine Entscheidung.«

»Würdest du ’nen Mörder und Frauenschänder beschützen?« Blackmans harter Blick heftete sich auf Ben. »Du hast also ebenfalls den Grizzly gesucht?«

»Sagte ich schon.«

»Wie weit bist du am Creek entlanggeritten? «

Der junge Mann ballte die Fäuste.

»Ich mach’ da nicht länger mit, Pa. Wenn du mich für ’nen Mörder hältst, verschwinde ich.«

»Das ist doch Unsinn!«, schnappte Hattaway. Ben schob sich an Blackman vorbei zu seinem Pferd. Der Treckboss drehte sich.

»Wenn du reitest, nehm’ ich das als Geständnis.«

»Ben, sei vernünftig!«, rief Blackmans Frau.

Der Junge lachte rau.

»Das sagst du besser Pa. Außerdem bläst John Rutler dann vielleicht die Jagd ab. Schließlich war ich’s, der seinen Bruder erschoss. Damals sprach keiner von Mord.«

»Es war eindeutig Notwehr«, antwortete Blackman. »Wir mussten gegen Rutlers wilde Meute zusammenhalten. Das gilt weiterhin. Wenn aber Trask dich oder Mike in etwas hineinzog, das euch nun über den Kopf wächst, erwarte ich vom Betreffenden, dass er sich Marlow stellt.«

Ben lachte wieder.

»Wie ich Russ Tompkins kenne, kommt der nicht ohne Marlows Skalp zurück. Seit die Sioux seine Familie töteten, hasst er alle Rothäute und Renegaten wie die Pest. Dann musst du selber ...« Er lauschte. Schüsse krachten am Talrand.

»Jetzt wissen wir’s!«, rief Hattaway. »Marlow sollte uns in eine Falle locken. Rutlers Revolverschwinger sind da.«

 

 

6

Die Reiter tauchten wie Schemen vor dem Flüchtenden auf. Gewehrfeuer blitzte. Ein getroffenes Pferd wieherte. Der Pulk der Verfolger stob auseinander.

»Zurück, eine Falle!«, schrie Tompkins. Revolver krachten, dann flohen die Siedler.

Rhett zügelte. Die Reiter nahmen ihn in die Mitte. In der Dunkelheit erkannte er bloß, dass sie wie Cowboys gekleidet waren. Nur trugen sie die Revolver tiefer als gewöhnliche Weidereiter. Die Gesichter unter den breitkrempigen Stetsons waren graue Flecken.

»Komm mit, mach keine Zicken!«, befahl einer.

Der Grasboden dämpfte das Pochen der Hufe. Sattelleder knarrte, Gebissketten klirrten. Die Reiter jagten um den Hügel herum, an dessen Fuß sie auf die Siedler gelauert hatten. Dann ging’s über eine buschbedeckte Fläche in einen Bergeinschnitt. Bewaldete Kuppen und zerklüftete Felsmassive ragten ringsum auf.

Es waren die Lone Wolf Mountains, Ausläufer der Bitterroot Range. Der Reitwind kühlte Rhetts Gesicht. Die Fremden hielten nach wie vor die Gewehre. Wenn Rhett sich umschaute, erkannte er den matt blinkenden Lauf einer Winchester, die auf ihn gerichtet war.

Schließlich stampften die Pferde zu einem terrassenförmigen Plateau hinauf. Ein Feuer flackerte unter einer überhängenden Felswand. Nicht weit davon standen zwei Planwagen. Ein rotblonder Hüne und eine brünette junge Frau kauerten davor, beide gefesselt. Sie waren wie die Siedler von Blackmans Treck gekleidet.

Die Augen der Frau weiteten sich unwillkürlich, als sie Rhett sah. Mit dem Lederanzug und der Fellmütze hob er sich von den anderen Reitern ab. Einen Moment schien es, als wollte sie ihn anrufen, dann presste sie die Lippen zusammen.

Ein drahtiger Bursche mit ledernen Beinschützern bewachte die Gefangenen. Er war ebenfalls mit Repetiergewehr und Sechsschüsser bewaffnet. Weitere Männer hockten am Feuer. Einer reinigte sein Gewehr, ein anderer drehte sich eine Zigarette, zwei würfelten. Die Ankömmlinge hielten vor dem breitschultrigen Anführer.

Er besaß pechschwarze Haare, ein breitflächiges Gesicht, schmale Lippen und gelbgrüne Augen, die Rhett an einen Wolf erinnerten. Am Büffelledergurt hingen ein schweres Jagdmesser und zwei langläufige Colts, deren Kolben nach vorn ragten.

Rhett wusste sofort, dass dieser Mann Big John Rutler war. Er saß, an die Felswand gelehnt, auf einem Stein und musterte den Fallensteller aufmerksam. Kein Muskel bewegte sich in seinem Gesicht.

Die Reiter saßen ab. Rhett folgte ihrem Beispiel. Einer brachte die Pferde in den Seilcorral.

»Blackmans Leute waren hinter ihm her«, berichtete der Mann neben Rhett. »Er erschoss ihren Scout.«

Rutlers Augen begannen zu funkeln. »Weshalb?«

Die Erinnerung daran, wie er Siskia fand, stieg brennend in Rhett hoch. Seine Miene blieb ausdruckslos.

»Privatsache.«

Rutler lachte.

»Du bist es gewohnt, mit allem Verdruss allein fertig zu werden, was?«

»Bisher hat’s geklappt.«

»Wie heißt du?«

Rhett nannte seinen Namen. Er spürte die Blicke der Gefangenen, schaute aber nicht zu ihnen. Einer von Rutlers Begleitern warf trockene Zweige ins Feuer. Der schwarzhaarige Anführer wandte sich an die Männer neben Rhett.

»Wisst ihr mehr?«

»Wir fanden die Überreste einer niedergebrannten Blockhütte am Oberlauf des Bluebird Creek, nicht weit davon ein frisches Grab. Auf dem Holzkreuz stand ein Name - Siskia.«

Rhett starrte ins Feuer. Rutler beugte sich vor.

»Deine Frau?«

»Ja.«

»Ich verstehe«, dehnte Rutler, um dann aufzubrausen: »Die Hundesöhne haben nicht nur sie auf dem Gewissen. Das sind keine gewöhnlichen Schollenbrecher, sondern hinterhältige Strauchdiebe, Landräuber und feige Killer.«

»Das ist nicht wahr!«, rief die Gefangene. »Wir sind friedliche Siedler, die sich nur zur Wehr setzten, als Sie und Ihre Revolverschwinger uns keine Ruhe ließen. Wir siedelten am Platte River auf Regierungsland. Sie hatten kein Recht, uns zu vertreiben.«

»Hör nicht darauf, Marlow!« Rutler erhob sich und umrundete das Feuer. Er war noch einige Zoll größer und breiter als Rhett. Trotzdem bewegte er sich wie eine Raubkatze. »Mein jüngerer Bruder wurde ein Opfer dieser verfluchten Brut, die Jim Blackman am Platte River um sich scharte. Doch sie alle werden dafür bezahlen. Ich bin Big John Rutler. Die größte Ranch westlich von Omaha gehört mir. Die Burschen, die du hier siehst, werden nicht nur bezahlt, dass sie Lassos schwingen und Kälber bränden.« Er schnippte mit Daumen und Mittelfinger. »Jeder von ihnen trifft mit dem Colt auf zwanzig Schritte die Mitte einer Spielkarte. Wenn du bei mir einsteigst, ist dir deine Rache gewiss - und ein Batzen Geld dazu. Ich habe für Jim Blackman und seinen schießwütigen Sohn je tausend Dollar Kopfgeld ausgesetzt, für jeden weiteren Schollenbrecher fünfhundert. Boten verteilen die Steckbriefe übers ganze Land. Ich brauch’ kein Gesetz und keinen Sternträger. Ich bin wie du, Marlow. Ich regle meine Angelegenheiten allein.«

»Wenn du damals allein auf Blackmans Farm geritten wärst, hätte es nur einen Toten gegeben: dich!«, rief der gefesselte Hüne. »Nicht mal dein Bruder hätte um dich getrauert.«

»Geduld, Svenson, du kommst auch noch dran«, höhnte Rutler. Seine funkelnden Augen hefteten sich wieder auf Rhett. »Die Schufte verließen Nebraska im vorigen Herbst. Ich bekam schnell raus, dass sie nach Oregon wollten. Sie versuchten mich und meine Leute abzuhängen, indem sie vom Trail nach Norden abbogen, ins Goldland von Montana. Der erste Schnee löschte die Spur. Kurz nach Frühlingsbeginn erhielt ich Nachricht aus Bozeman, dass sie dort überwinterten. Svenson, der Schwede, und die Tochter von Bob Blair, den wir auf Blackmans Farm erwischten, hatten zu lange mit dem Aufbruch gewartet, stimmt’s, Svenson?«

»Es war ein Fehler. Wir hätten auf Blackman hören sollen. Doch ich wollte in Bozeman wieder als Schmied arbeiten. Susan bekam das Angebot, eine Pension zu übernehmen. Wenn du noch ’nen Funken Anstand besitzt, Rutler, lass wenigstens sie zurückfahren.«

»Wir brauchen euch beide. Blackman und seine Brut werden keinen Verdacht schöpfen, wenn ihr mit den Wagen wieder zu ihnen stoßt. Doch unter jeder Plane werden zehn von meinen Jungs sitzen. Nicht schlecht, der Plan, Marlow, was? Überleg’s dir! Ein todsicherer Job. Nein, lass dir Zeit! Du solltest zuvor noch wissen, dass ich jeden, der nicht für mich ist, als Feind betrachte. Und meine Feinde werden in der Regel nicht alt.«

Die Kerle belauerten Rhett. Er war ihr Gefangener, auch wenn er seine Waffen besaß. Eine verdächtige Bewegung würde genügen, die Revolver in ihre Fäuste zu zaubern.

»Was geschieht mit der Frau?«

»Du kannst sie haben, wenn sie dir gefällt«, grinste John Rutler. Es war eine Falle. Er wartete auf Rhetts Reaktion. Der Trapper gähnte.

»Ich werd’s überschlafen.«

 

 

7

Der Mann neben Rhett hob sofort den Revolver, als der Fallensteller sich aufsetzte. Die Nächte in Montana waren Ende Mai noch ziemlich kühl. Der Mond beschien das Plateau. Silbriger Dunst umhüllte die Planwagen. Svenson war das Kinn auf die Brust gesunken. Auch der Wächter döste.

Nur die junge Siedlerfrau schlief nicht. Sie hatte das Rascheln der Decke gehört und blickte ebenfalls auf Rhett. Wolfsgeheul schallte aus der Dunkelheit, die sich wie ein schwarzer See unterhalb des Plateaus zwischen den Berghängen ausbreitete.

»Was ist?«, knurrte Rhetts Aufpasser.

»Indianer.«

Der Sichelbärtige mit dem Goldring am linken Ohr starrte Rhett halb betroffen, halb misstrauisch an. Lautlos schob Rutler sich zu ihnen. Er wiederholte die Frage.

»Marlow behauptet, dass Rothäute in der Nähe sind.«

Das Wolfsgeheul ertönte wieder, nur hundert Yard vom Hang unter dem Plateau entfernt. Eine Falte erschien zwischen Rutlers buschigen Brauen.

»Wenn es Rothäute sind, fress ich meine Stiefel.«

»Na, dann guten Appetit.«

Rhett erhob sich. Da zielten Rutlers beide Sechsschüsser auf ihn.

»Wenn du mir ’nen Bären aufbinden willst, Marlow, bist du schon so gut wie tot.«

»Macht, was ihr wollt. Ich verschwinde.«

»Nicht, bevor wir Blackmans Treck zum Teufel geschickt haben.«

»Wenn du abdrückst, Rancher, wissen die Blackfeet, dass ihr wach seid.«

»Keine verdammte Rothaut wird’s wagen, das Plateau zu stürmen!«

Wieder heulte ein Wolf. Es klang näher als zuvor. Ein zweiter antwortete. Rhett bluffte.

»Sie wollen euch ablenken. Gewiss sind nur wenige Krieger unter dem Plateau. Der Angriff wird von oben erfolgen.« Er wies auf den Steilhang neben der vorgewölbten Felsmauer. »Je höher der Mond steigt, desto besser wird ihr Schussfeld. Ihr habt nur ’ne Chance, wenn ihr durchbrecht.«

Inzwischen waren auch die anderen wach. Unsicherheit malte sich auf den kantigen Gesichtern. Das Misstrauen blieb in Rutlers Augen. Er setzte zu einer scharfen Erwiderung an, da hörten alle das Klicken eines Steines, der sich aus der Felswand löste.

Das Geräusch kam wie bestellt. Rhett war freilich überzeugt, dass nur ein Nachttier den Steinschlag verursacht haben konnte. Obwohl Rutlers Colts noch auf ihn wiesen, hob er die Winchester auf. Nichts rührte sich mehr. Auch die Wölfe schwiegen.

»Sattelt!«, befahl Rutler. »Spannt die Maultiere an und setzt die Gefangenen auf die Wagen.«

Er lief zum Seilcorral. Die Pferde schnaubten nervös. Sie witterten die Wölfe, keine Indianer.

Jeff war der Sichelbärtige, Tom ein fuchsgesichtiger Typ. Er stieß Rhett mit dem Gewehr an.

»Beeil dich!« Beide begleiteten ihn zu den Pferden.

Als sie an den Wagen vorbeikamen, gab Rhett der Frau heimlich ein Zeichen. Dann drängte der Schecke sich an den anderen Tieren vorbei. Die Fahrer spannten die Maultiere an, sechs vor jeden Conestoga.

»Ich bleib bei Marlow, hol du die Gäule!«, raunte Jeff. Sein Kumpan entfernte sich.

Rhetts Hengst trug noch den Sattel. Plötzlich begann er zu bocken und auszukeilen. Der Fallensteller brauchte beide Hände, ihn festzuhalten. Der Schecke drängte zu den Wagen, aber es war Rhett, der ihn dorthin lotste.

»Verdammt, was ist mit dem Biest?«, schimpfte sein Aufpasser.

Rhett ließ den in der rechten Hand verborgenen Dorn fallen, mit dem er den Schecken gepikt hatte. Als er herumfuhr, hielt er den 44er Colt. Der Hieb schleuderte den Sichelbärtigen zu Boden. Der Kerl, der Susan aufhalf, drehte sich erschrocken. Seine Rechte zuckte zum Colt. Gleichzeitig wollte er einen Warnschrei ausstoßen. Rhett traf auch ihn. Dann vertauschte er den 44er mit dem Bowieknife, durchtrennte erst die Fesseln des Schweden, sodann befreite er die Frau. Sie taumelte gegen ihn, von der Fesselung und dem stundenlangen Kauern geschwächt. Er umfasste ihre Taille und hob sie auf die Fahrerbank.

»Halten Sie sich links am Hang.«

Im dunstigen Mondlicht schimmerte ihr Gesicht kreidig. Sie besaß hohe Wangenknochen, große, glänzende Augen und einen sinnlichen, zugleich herben Mund.

Rhett erhielt keine Zeit für weitere Hinweise. Beim zweiten Fahrzeug erscholl ein wütender Ruf, dann blitzte ein Schuss. Da hechtete Svenson von der Seite auf den Schützen. Er erinnerte Rhett an den Grizzly, mit dem er aneinandergeraten war. Ein Fausthieb des Hünen setzte den Mann außer Gefecht. Mit dem Gewehr des Betäubten schwang Svenson sich auf den Prärieschoner.

Rhett landete im Sattel. Das Bowiemesser steckte wieder in der Scheide.

»Tut mir leid, alter Junge, dass ich dich drangsalieren musste«, raunte er dem Hengst zu.

Rutlers Männer und ihre Pferde bildeten ein Durcheinander. Waffenstahl blinkte. Doch die meisten standen sich gegenseitig im Weg. Eine Kugel pfiff an Rhett vorbei.

»Marlow, du verdammter Bastard!« Es war Toms Stimme.

Die Stichflamme aus der Winchester beleuchtete sein wutverzerrtes Gesicht. Er repetierte, doch Rhett kam ihm zuvor. Fluchend prallte der Revolverschwinger gegen einen Kumpan. Dann traf Rhett das Pferd des Anführers, als dieser sich gerade hinaufschwingen wollte. Der breitschultrige Rancher brachte sich mit einem Hechtsprung aus dem Bereich der wirbelnden Hufe. Im Wegwälzen stieß er beide Sechsschüsser hoch.

»Marlow, das bezahlst du!«

Rhetts Schuss ließ Sand und Steine aufstieben. Svenson und die Frau packten die Zügel. Der Schecke drehte sich wiehernd im Pulverdampf.

»Fahrt zu!«, gellte Rhett.

 

 

8

Die Wagen fegten aus dem Bergeinschnitt. Gleißende Helligkeit überflutete die grasbewachsenen Bodenwellen. Die Sonne ging über den Bergen auf, hinter denen, viele Meilen entfernt, die Goldgräbercamps um Bozeman lagen. An den Büffelgrashalmen funkelte Tau. Die Räder flirrten. Die Peitschen knallten wie Revolverschüsse. Unter den Planen rumpelte und schepperte es. Schaum flockte von den Nüstern der Tiere. Svenson deutete mit der Peitsche nach vorn.

»Da sind sie!« Die Planendächer des Trecks leuchteten über einem langgestreckten Kamm. »Hüüyaah!« Der Hüne schwang wieder die Peitsche.

Rhett galoppierte neben ihm. Ein Blick über die Schulter zeigte ihm, dass Susan gleichen Abstand hielt, eine knappe Wagenlänge seitlich hinter Svensons Gefährt. Auch sie feuerte die Graufelle mit Rufen und Peitschengeknall an, die Füße breit eingestemmt. Das Haarband war aufgegangen. Zerzauste Strähnen umwedelten das erhitzte Gesicht. Das hochgeschlossene, einfache Kleid umspannte feste Brüste und kräftige Schenkel.

Die Verfolger holten auf. Es waren nur neun Mann, Rutlers halbe Crew, die in dichtem Pulk aus der Kerbe sprengten. Rhett, Svenson und Susan hatten sie in einem mehrfach verzweigten Canyon abgehängt, aber seit Tagesanbruch ritten sie wieder auf ihrer Spur.

Mitleidlos spornten sie die Gäule an. Jacken und Halstücher flatterten. Die Gewehre steckten noch in den Scabbards. Sie hatten die wie Segel schimmernden Wagenplanen ebenfalls entdeckt und versuchten die Flüchtenden einzuholen, bevor diese Hilfe vom Treck bekamen.

Rhetts ledergekleidete Gestalt wirkte wie verschmolzen mit dem grauweißen Pferd. Das Dröhnen der Hufe und Rattern der Räder lag in seinen Ohren. Für Sekunden dachte er wieder daran, was Svenson und Susan ihm berichtet hatten.

Big John Rutlers Imperium erstreckte sich westlich von Omaha bis zur Mündung des Loup River in den Platte. Er war Herrscher über mehrere Ortschaften, besaß etliche Handelsstationen und war Teilhaber an einem Frachtunternehmen, das die Forts am Fuß der Rockys mit Nachschub versorgte. Sein Wort war bei seinen Anhängern Gesetz. Wer aufmuckte, nahmen seine Revolverschwinger in die Mangel. Ahnungslos ließen sich die Siedler um Jim Blackman auf dem von ihm beanspruchten Land nieder. Es war Regierungsgebiet. Rutlers Herden besaßen auch ohne die Parzellen am Platte River genug Wasser und Gras. Doch für Big John war es ein Einbruch in seine Domäne, den er nicht hinnahm. Schollenbrecher waren ihm ohnehin ein Gräuel. Er hielt sich nicht mit Drohungen auf. Seine Reiter sperrten den Siedlern die Zufahrt zu den umliegenden Handelsposten und Stores. Als das erste Korn sprießte, jagten sie eine Rinderherde über die Felder. Es kam zum Schusswechsel.

Die Siedler stellten Wachen auf. Trotzdem stand eines Nachts ein Anwesen in Flammen. Bei der Zusammenkunft auf Blackmans Farm am nächsten Tag rückte Rutler mit seinem jungen, schießfreudigen Bruder Bill und einem Dutzend Revolvermännern an, »reinen Tisch zu machen«, wie er sich ausdrückte.

»Wir schlugen den Angriff ab«, erzählte Svenson. »Es gab auf beiden Seiten Tote und Verwundete. Susans Vater war unter denen, die wir auf Blackmans Farm begruben. Doch der Erste, den’s traf, war der junge Rutler. Ben Blackman erschoss ihn, als er von ihm herausgefordert und bedroht wurde. Danach stand für uns fest, dass Big John mit seiner gesamten Streitmacht wiederkommen würde. Wir mussten fliehen, einen neuen Anfang wagen. Es war verdammt schwer, alles im Stich zu lassen, aber das genügte Rutler nicht. Er schwor uns Rache. Wir hofften vergeblich, dass er im Winter aufgeben würde.«

Die Gewehre der Verfolger peitschten jetzt. Die Planendächer hinter der Bodenwelle schienen noch immer gleich weit entfernt.

»Hüüyaah! Lauft, ihr lahmen Tanten!«, dröhnte der Schwede. Rhett zog die Winchester aus dem Sattelfutteral, die Gegner auf Distanz zu halten.

Da brach das rechte Hinterrad von Susan Blairs Conestoga. Die junge Frau schrie, als das Heck plötzlich wegsackte. Das Achsenende bohrte sich in die Erde. Trotzdem schleifte das Sechsergespann das schwer beladene Fahrzeug noch zehn Yard weiter. Susan klammerte sich an die Seitenlehne.

Die Verfolger triumphierten. Svenson fluchte.

»Fahr weiter!«, rief der Trapper. Er wendete. Mit wenigen Galoppsprüngen erreichte sein Schecke den »gestrandeten« Prärieschoner.

Susan wollte die Maultiere ausschirren, doch die Schüsse der Angreifer zwangen sie in Deckung.

Rhetts Winchester blitzte. Der Repetierbügel schnellte auf und ab. Ein Verwundeter schrie, ein Pferd stürzte. Die anderen prallten zurück.

Rhett sprang ab und feuerte aus der Deckung des Wagens. Dann hob er Susan in den Sattel. Bestimmt kam sie mit einem Reitpferd ebensogut zurecht wie mit dem Maultiergespann. Sie wirkte auf frauliche Weise robust. Allerdings war ihr sonnengebräuntes Gesicht jetzt mit fahler Blässe bedeckt.

»Reiten Sie! Ich halte die Kerle auf.«

Sie duckte sich, als Kugeln das Fahrzeug trafen.

»Es sind zu viele. Geben Sie mir den Colt, Marlow. Ich kann damit umgehen.«

Die Rutler-Schießer schwärmten aus. Ihre Gewehre krachten.

»Verschwinden Sie!«, schrie Rhett und versetzte dem Hengst einen Schlag auf die Hinterhand. Wiehernd stob er davon. Susan hielt sich mit einer Hand am Sattelhorn fest. Ihre Haare wehten. Das Kleid war bis über die Knie gezogen, damit sie auf dem Pferd sitzen konnte.

Rhett zielte. Ein Verfolger der Frau stürzte aus dem Sattel. Wütend feuerten die Kumpane auf Rhett. Ein Maultier brach zusammen. Die übrigen zerrten an den Sielen. Kugeln löcherten die Plane. Rhett lud. Das Röhrenmagazin fasste fünfzehn Schuss. Als er die Waffe wieder hob, waren zwei Angreifer vierzig Yard entfernt auf gleicher Höhe mit ihm. Pulverrauch umwehte sie.

Rhett ließ sich auf die Knie fallen, hörte das Pfeifen der Projektile und schoss. Dann tauchte ein Reiter auch hinter ihm auf. Eine Kugel prallte am Wagen ab. Rhett musste unter das Fahrzeug, damit sie ihn nicht trafen. Auf dem Bauch feuerte er wieder. Schießend galoppierten sie um den Conestoga herum.

Querschläger jaulten. Erdbrocken umwirbelten Rhett. Schweißrinnsale sickerten über sein bärtiges Gesicht. Die Augen glänzten stählern.

Die Revolverschwinger wollten ihn festnageln, bis Rutler mit dem zweiten Trupp kam.

Das Jaulen der Kugeln ließ ihn kalt, Er brauchte ein Pferd. Die Mündung der Winchester bewegte sich mit einem Vorbeigaloppierenden. Er hielt ein Stück vor, dann feuerte er. Der Braune lief noch einige Yard mit leerem Sattel. Ein Vorderhuf verfing sich in den schleifenden Zügeln. Rhett schätzte die Entfernung auf dreißig Yard. Trotzdem wollte er es wagen. Er spannte sich, zog die Beine an. Die Kerle würden nicht erwarten, dass er mit feuerspuckendem Gewehr unter dem Wagen hervorschnellte.

Da schwoll das Hufgetrommel an. Noch mehr Gewehre krachten. Dann tauchte ein weiteres reiterloses Pferd in Rhetts Blickfeld auf. Gleichzeitig durchlief ein Zittern den Grasboden. Heisere Rufe ertönten.

Die Rutler-Schießer flohen.

Rhett kroch unter dem Conestoga hervor. Reiter auf schweißbedeckten Pferden umringten ihn. Sie kamen vom Treck.

Rhetts Hengst war an Jim Blackmans Sattel festgeleint.

 

 

9

Die Wagen standen. Deckungslose Fläche dehnte sich zu den bewaldeten Talhängen. Kein Hufschlag ertönte. Trotzdem hielten die Siedler ihre Waffen schussbereit.

Blackman spähte zur Bodenwelle, von der ihre Fährte kam. Seine Frau saß auf dem Conestoga, die Zügel in den verarbeiteten Händen. Sie sah Rhett nicht an. Blackman schob die Spencer ins Sattelfutteral und band den knochigen Braunen an das Fahrzeug.

»Rutler hat nicht genug Reiter, uns im offenen Gelände zu überrennen.«

»Wir kommen bald tiefer in die Berge«, murmelte Emmery. »Er wird irgendwo am Weg zum Lolopass auf uns lauern.«

»Es gibt mehrere Trails zum ‚Pass.«

Rhett saß noch auf dem Schecken. Alle Blicke hefteten sich auf ihn. Da stapfte der stiernackige Russ Tompkins an der Wagenreihe entlang, hinter ihm vier grimmig blickende Männer, dieselben, die Rhett nach seiner Flucht aus der Wagenburg verfolgten. Einer trug einen Verband am Arm. Die Kugel eines Rutler-Reiters hatte ihn gestreift.

Rhetts Hände blieben auf dem Sattelhorn. Breitbeinig und mit angeschlagenem Gewehr baute Tompkins sich vor ihm auf.

»Entwaffnet und fesselt den Kerl!«

Die vier wollten Rhett vom Pferd zerren. Björn Svenson trat dazwischen.

»Seid ihr nicht dicht? Marlow hat seinen Skalp nicht nur für Susan und mich riskiert. Big John wollte seine Killer auf den Wagen verstecken. Sie hätten euch alle ausgelöscht.«

»Du scheinst noch nicht zu wissen, dass Marlow unseren Scout erschoss, den einzigen Burschen, der sich in Bozeman bereit fand, uns über den Lolopass nach Oregon zu führen.«

»Marlow erwähnte es - dazu, dass er noch den zweiten Mörder seiner Indianerfrau beim Treck vermutet.«

»Trotzdem hältst du zu ihm?«

»Was, zum Teufel, würdest du an seiner Stelle tun?«

Tompkins spuckte wütend aus.

»Ich hätt’ mich schon mal gar nicht mit ’ner Squaw eingelassen. Weißt du auch, dass Marlow bei den Rothäuten aufwuchs? Er scheint darauf sogar stolz zu sein. Wenn du mich fragst ...«

»Svenson hat recht«, unterbrach Jim Blackman den Indianerhasser. »Wir stehen in Marlows Schuld, gleich, aus welchem Grund er Susan und Svenson half. Marlow, ich bedanke mich für alle im Treck. Rutler ist kein Mann, der ’ne Niederlage vergisst. Demnächst wird’s auch für Sie ’ne Kopfprämie geben.«

»Ich kann damit leben.«

»Wir boten Nelson Trask zweihundert Dollar, damit er uns über die Bitterroot Range und durchs Land der Nez Perce bringt. Ich biete nun Ihnen dieselbe Summe dafür.«

»Jim, vergiss dabei nicht, dass er’s auf Mike und Ben abgesehen hat«, erinnerte Paul Hattaway. Rhett blickte ihn ruhig an.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941777
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906321
Schlagworte
squawman-scout

Autor

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Titel: Der Squawman-Scout