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Leseprobe

Table of Contents

Gestalten der Finsternis

Das Irrenhaus des Grauens

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

Ripper reloaded

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Ein altes Haus an einer regennassen Straße

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Prozession ins Totenmoor

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

Tödlicher Hass

Die Toten von Kezar Falls

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

Prozession ins Totenreich

Nachts enthauptet

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

Gestalten der Finsternis

 

 

Acht unheimliche Romane und Geschichten

von acht Autoren in einem Band

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Pixabay mit Kerstin Peschel, 2020

Schlusskorrektorat/Redaktion: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane und Geschichten enthalten:

 

Das Irrenhaus des Grauens von Walter G. Pfaus

Ripper reloaded von A.F. Morland

Ein altes Haus an einer regennassen Straße (Originaltitel: Brick House On A Wet Street) von Michael Minnis

Prozession ins Totenmoor von Rolf Michael

Tödlicher Hass von Benyamen Cepe

Die Toten von Kezar Falls von Manfred Weinland

Prozession ins Totenreich von Alexander Naumann

Nachts enthauptet von Wolf G. Rahn

 

 

***

 

 

Das Irrenhaus des Grauens

 

 

von Walter G. Pfaus

 

 

 

Klappentext:

 

Von einem Wahnsinnigen erdacht – von einem Dämon in die Tat umgesetzt.

Clair Garden soll zum Opfer eines verfluchten Testaments werden. Auf dem Spiel stehen vier Millionen Dollar, ein Betrag, bei dem so manch einer schwach werden kann. Ihr Gegenspieler: Brad Staiger, ihr nicht sonderlich gemochter Vetter, der die die gleiche Summe erbt.

Es gibt nur einen Haken; um wirklich erben zu können, müssen beide in das Haus der verstorbenen Tante einziehen und dort ihr restliches Leben verbringen. Nichts leichter als das? Weit gefehlt, denn es gibt auch eine Klausel, und die hat es in sich …

Clair passieren fortan unerklärlich schreckliche Dinge, die sie an den Rand des Wahnsinns treiben und zu ihrem völligen Zusammenbruch führen. Auch träumt sie von Dingen, Gestalten, Ereignissen die es nicht geben kann. Sie wird in eine nahegelegen Klinik eingewiesen, wo sie sich anfänglich gut erholt – bis sie eines Tages Laura, ihre Zimmergenossin, tot in ihrem Bett auffindet. Damit nimmt das unfassbare Grauen seinen Anfang. Nichts scheint es aufhalten zu können. Was geht in diesem Haus vor sich, das vorgibt eine Klinik für psychisch Kranke zu sein? Ein dramatischer Kampf zwischen Gut und Böse lässt das Blut in den Adern gefrieren. Wer steckt hinter all diesen Gräueltaten und wer wird am Ende diesen Kampf überleben?

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Der Zug kam mit tosendem Lärm und mit hoher Geschwindigkeit auf sie zu.

Claires Augen weiteten sich. Entsetzen zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab sowie Angst und Panik.

Das entfernte Rollen der Räder wurde immer lauter. Die Umrisse der Lokomotive wurden deutlicher, größer, wuchsen langsam aber stetig zum stählernen Ungetüm. Das harte, schlagende Rattern übertönte jetzt fast alle Nebengeräusche. Das schrille Pfeifen der Lokomotive brachte sie fast zum Wahnsinn.

Das Unheil war nicht mehr aufzuhalten.

Claire stand wie erstarrt. Sie wollte sich lösen, wollte wegrennen. Aber sie konnte nicht. Wie hypnotisiert starrte sie auf das Ungeheuer, das immer näher auf sie zukam.

Renn weg!, signalisierte ihr Gehirn. Bleib nicht einfach stehen. Lauf oder wirf dich flach auf den Boden. Aber ihre Beine, ihr Körper gehorchten ihr nicht. Sie war wie gelähmt, so, als ob an ihren Beinen zentnerschwere Bleiklötze hängen würden.

 

 

2. Kapitel

 

Mit weit aufgerissenen Augen und geöffnetem Mund starrte sie dem nahenden Tod entgegen.

Der Lärm stieg ins Unerträgliche. Er zerrte an ihren Nerven. Ihr Körper zitterte, bebte, wurde von den aufgepeitschten Nerven hin und her geschüttelt.

Noch knapp zehn Meter war der Zug entfernt. Noch fünf. Noch vier. Noch zwei …

Ein markerschütternder Schrei übertönte selbst das schrille Pfeifen.

Und dann trat völlige Stille ein.

Nur das leise, abgehackte Wimmern erfüllte den Raum.

Claire lag am Boden, als zuckendes, zusammengekrümmtes Nervenbündel.

Ihr Wimmern ließ langsam nach. Sie richtete sich zitternd halb auf. Ihr tränennasses Gesicht war immer noch von der ausgestandenen Todesangst gezeichnet.

Sie blickte sich um, stand auf und hielt sich an einem Sessel fest, weil ihre Knie zitterten.

Aber sie konnte nichts entdecken. Das Wohnzimmer war wie immer.

Kein Zug. Kein Pfeifen. Kein Lärm.

Mein Gott, ich bin doch nicht wahnsinnig. Ich habe es doch ganz deutlich vor mir gesehen. Es war eine dieser riesigen, neuen Lokomotiven. Und das Pfeifen und der Krach … Das kann ich mir doch nicht alles eingebildet haben. Der Zug ist ja direkt über mich …

Sie sah an sich hinunter. Keine Schramme, keine schmutzigen Kleider, nichts.

Aber verdammt noch mal, da war doch …

Sie sah sich gehetzt im Wohnzimmer um, rannte von einer Wand zur anderen, suchte, wusste aber nicht, nach was sie suchen sollte. Und sie fand auch nichts.

Was wollte sie eigentlich finden? Einen Zug im Wohnzimmer? Einen fahrenden Zug? Und dazu noch so ein riesiges Ungetüm, das genau auf sie zukam und sie überfahren wollte.

Ich bin ja verrückt. Nichts habe ich gesehen. Überhaupt nichts. Und auch nichts gehört.

Ob Brad …

Aber das ist ja Blödsinn. Wie sollte er einen Zug ins Wohnzimmer zaubern.

Es gibt Filme. Projektoren, die solche Filme in einen Raum projizieren.

Aber dann müsste irgendwo ein Projektor stehen. Sie sah aber keinen. Vielleicht von außen …

Sie öffnete die Tür, suchte den Korridor ab, dann im angrenzenden Zimmer.

Nichts!

Ratlos stand sie im Korridor. Es war unheimlich still. Nur aus dem Wohnzimmer hörte sie das laute Ticken der alten Standuhr. Dazu kam dann noch das leise Quietschen und Knarren im Gebälk des alten Hauses.

Bei jedem Schritt knarrte es unter den Füßen. Aber auch wenn sie ruhig stand und den Atem anhielt, hörte sie es irgendwo im Hause knistern.

Claire erschauerte. Sie schüttelte sich. Dieses verdammte Haus. Sie hatte es nie gemocht. Sie würde auch nie in diesem Haus wohnen, wenn nicht dieses verfluchte Testament wäre, das sie dazu zwang, ihr ganzes Leben lang darin zu verbringen. Ansonsten müsste sie auf vier Millionen Dollar verzichten.

Ihrem Vetter schien es gar nichts auszumachen, in so einer Bruchbude zu wohnen. Er hatte sich sogar darauf gefreut.

Ob er deshalb so entzückt war, weil er wusste, dass ihr dieses Haus unheimlich ist?

Sie dachte an die Klausel im Testament.

 

… sollte einer meiner beiden Haupterben länger als ein Jahr in einer Irrenanstalt zubringen müssen, so ist er enterbt, sein Teil geht auf den anderen über. Dasselbe gilt beim Tod eines der Erben.

 

Umbringen kann er mich ja nicht. Das wäre zu auffällig. Die Polizei würde besonders intensive Nachforschungen anstellen …

Aber beim Wahnsinn …

Plötzlich rannte Claire die knarrende, alte Treppe hinauf. Vor einer Tür verharrte sie. Ihr Atem ging schnell und rasselnd. Dann drückte sie die Klinke nieder.

Brad Staiger saß in einem alten Schaukelstuhl mit hoher Lehne. Zwischen seinen Lippen qualmte eine Zigarette. Auf seinen Knien lag ein Buch.

»Was hat dich denn gebissen?«, fragte er überrascht.

Claire blieb stehen und starrte ihn an.

»Wo warst du? Ich meine, wie lange bist du schon hier in deinem Zimmer?«

»Seit wann kümmert dich das? Bisher …«

»Ich habe dich was gefragt!«, unterbrach sie ihn barsch.

»Ich bin schon seit zwei Stunden hier.«

»Und du hast den Raum nicht verlassen?«

»Nein.«

Claire sah ihn zweifelnd an.

»Sag mal, was hast du denn?«, fragte er lauernd.

»Nichts«, sagte Claire schnell.

Sie ging hinaus und zog die Tür hinter sich zu.

Über das mädchenhafte Gesicht ihres Vetters zog ein hämisches Grinsen.

Aber das sah Claire nicht mehr. Sie ging mit müdem, schleppendem Gang auf ihr Zimmer und legte sich ins Bett.

 

 

3. Kapitel

 

Die Ratte war groß und fett und saß genau vor ihrem Gesicht.

Mit einem wilden, spitzen Schrei schoss Claire in ihrem Bett hoch. Panische Angst ließ ihren Körper erzittern. Ekel kroch in ihr hoch.

Die Ratte huschte zum Fußende des Bettes.

Ein zweiter Schrei löste sich von ihren Lippen. Sie zog die Beine an und sprang aus dem Bett.

Im Schein der brennenden Nachttischlampe, sah sie, wie die Ratte versuchte, am Bettgestell hinunterzuklettern.

Aber das Holz war glatt. Sie konnte sich nicht halten, rutschte und fiel mit einem hässlichen Bumms auf die ausgetretenen Dielen.

Claire drückte sich gegen die Wand, streckte die Hände gegen die Decke und schrie mit schreckverzerrtem Gesicht aus Leibeskräften um Hilfe.

Die Ratte schien etwas verwirrt. Sie wusste nicht, wohin sie laufen sollte.

Sie kam auf Claire zu. Die rannte schreiend zur Tür. Die Ratte huschte in dieselbe Richtung.

Claire, der Hysterie nahe, lief wieder zurück und sprang auf ihr Bett.

Sie zitterte wie Espenlaub, hielt sich beide Hände vor den Mund und starrte mit schreckgeweiteten Augen auf das fette graue Tier, das jetzt unschlüssig von einer Richtung in die andere lief.

Die Tür wurde aufgerissen, und Brad Staiger stolperte über die Schwelle.

»Was ist denn los?«, fragte er bestürzt. »Warum schreist du denn zu nachtschlafender Zeit so herum?«

Die Ratte war inzwischen unter dem Bett.

»Da!« Claire deutete wimmernd unter das Bett. »Eine Ratte. Sie saß genau …«

Sie krümmte sich zusammen, weinte und hielt sich am Bettgestell fest.

Brad schaltete die Deckenbeleuchtung ein.

»Eine Ratte sagst du?« Er kam langsam näher. »Aber wie soll hier eine Ratte hereinkommen?«

Er beugte sich hinunter.

»Tatsächlich, da ist sie ja. Na warte, dich werde ich schon bekommen.«

Er sah sich um, erblickte einen Besen, nahm ihn und stocherte damit unters Bett.

Die Ratte huschte hervor und rannte an der Wand entlang zur nächsten Ecke.

Brad schlug nach ihr. Ein kleiner Hocker fiel polternd um. Aber die Ratte hatte er nicht getroffen. Sie verschwand jetzt hinter dem Schrank.

Brad rückte den Schrank ein wenig nach vorn und schlug mit dem Besen blindlings nach ihr.

Ein quietschender Laut ertönte. Das fette, ekelerregende Tier kam wieder hervor. Brad trat nach ihm. Er verfehlte es und schlug sofort mit dem Besen nach. Diesmal traf er.

Mit einem hässlichen Quieken blieb die Ratte liegen. Blut spritzte aus ihrem Kopf. Ihre krallenartigen Beine zuckten.

Noch ein weiterer Schlag, das Geräusch von brechenden Knochen war zu hören, dann war das Tier tot.

Claire, die bis jetzt die Jagd mit angstverzerrtem Gesicht verfolgt hatte, wandte sich nun ab. Sie würgte und musste sich übergeben.

Brad stellte den Besen weg, packte die tote Ratte am Schwanz und hob sie hoch.

»So«, sagte er, »ich hoffe, du kannst nun schlafen. Sie wird dich nicht mehr stören.«

Er trug die Ratte triumphierend zur Tür.

»Gute Nacht, meine liebe Base«, ergänzte er noch. Dann zog er die Tür hinter sich ins Schloss.

Claire zitterte noch immer. Vom Grauen gepackt saß sie auf ihrem Bett und wischte sich über das Gesicht. Es war weiß wie eine kalkige Wand.

Dann stand sie abrupt auf und verließ fluchtartig das Zimmer.

Das Haus war alt, aber riesengroß. Im oberen Stockwerk befanden sich sieben Schlafräume.

Claire ging auf wackelnden Beinen ins letzte Zimmer auf der Südseite.

Es war mit alten, aber noch gut erhaltenen Möbeln ausgestattet. Ein dicker, flauschiger Teppich umrahmte das Doppelbett.

An den Wänden hingen viele Bilder, auf denen Claires Vorfahren in Öl verewigt waren. Aber nur Frauen waren abgebildet. Und alle waren alt, hässlich und runzlig. Keine von ihnen war auch nur im Mindesten hübsch.

Eine Ahnengalerie im Schlafzimmer, in der die Hässlichkeit Trumpf war.

Den wohl furchterregendsten Eindruck machte das Bild über dem Bett. Auf ihm war die kürzlich verstorbene Meta Garden abgebildet. Von ihr hatten Brad und Claire je vier Millionen Dollar geerbt.

Claire starrte auf das Bild – und spuckte es an.

»Du alte Hexe«, zischelte sie. »Du konntest uns nicht normal erben lassen. Du musstest unbedingt noch eine deiner verrückten Ideen ins Testament bringen. Ich hasse dich. Ich …«

Und dann merkte sie, dass sie nur mit einem Bild sprach. Sie verstummte, zog das Nachthemd über den Kopf und ging nackt über den Korridor ins Bad.

Das Bad war groß. Es hatte drei durch Plastikvorhänge abgeteilte Duschen und zwei Badewannen.

Claire ging in die erste Duschkabine und drehte den Warmwasserhahn auf. Das auf sie niederprasselnde Wasser tat ihr gut. Sie wechselte von warm auf kalt, erschauerte beim kalten Wasser und gab wohltuende, stöhnende Laute beim warmen Wasser von sich. Sie spürte, wie ihre Lebensgeister in ihren Körper zurückströmten.

Durch das Rauschen der Dusche hörte sie nicht die plumpen, tapsigen Schritte im Bad. Sah nicht, wie sich die affenähnliche Gestalt in die zweite Duschkabine zwängte.

Claire hatte die Augen geschlossen. Ihr Kopf war nach hinten gebeugt, das Wasser rieselte au f ihr Gesicht und ihre vollen Brüste.

Plötzlich wurde der Plastikvorhang zur Seite geschoben, und zwei stark behaarte Hände mit leicht gekrümmten, krallenartigen Fingern kamen zum Vorschein.

Sie tasteten nach ihr. Die Hände berührten ihren Körper, streichelten über ihren Busen, wanderten weiter zu ihrem Hals.

Die erste Berührung nahm Claire noch gar nicht richtig wahr. Als der Griff etwas fester wurde, versuchte sie es als etwas Lästiges abzutun ohne hinzusehen.

Dann spürte sie die Haare. Sie erstarrte. Ein Schrei löste sich von ihren Lippen. Blitzschnell drehte sie sich um.

Sie sah in das Gesicht eines Dämons.

Die teuflische Fratze mit den großen, weit abstehenden Ohren und dem Pferdegebiss, mit den übergroßen Eckzähnen, ließen ihren Schrei ersticken.

Mit einem leisen Seufzer fiel sie ihn Ohnmacht.

 

 

4. Kapitel

 

»Du solltest einen Arzt aufsuchen«, sprach Brad zu der noch immer leicht verwirrten Claire.

»Nein.«

»Aber es wäre besser für dich.«

»Nein.«

Brad zuckte mit den Schultern. Er schenkte ihr Kaffee ein, schnitt ein Brötchen auseinander und reichte es ihr.

Claire belegte es zitternd mit Wurst, hob die Kaffeetasse und führte sie an ihren Mund.

Aber sie zitterte so stark, dass sie den Kaffee verschüttete. Das heiße Getränk verbrühte ihre nackten Schenkel. Vor Schreck ließ sie die Tasse fallen. Sie zerbarst klirrend auf dem Boden.

Brad stand langsam auf.

»Jetzt rufe ich aber doch den Arzt an«, meine er zu ihr. »Du kannst ja nicht mal die Tasse halten.«

»Ich will keinen Arzt«, keifte Claire schrill.

»Aber Mädchen, du bist doch krank. Deine Nerven sind – milde ausgedrückt – nicht gerade die Besten.«

»Ich bin nicht krank. Ich bin gesund wie du. Vielleicht ein bisschen durcheinander, das ist alles.«

»Ein bisschen durcheinander?« Brad lachte auf. »Wenn du das, was du mir heute Nacht erzählt hast, einem Arzt sagst, dann schickt der dich sofort in ein Irrenhaus.«

»Ich bin nicht verrückt!«, schrie Claire ihn an.

»Das habe ich doch auch nicht behauptet.« In Brads Augen glomm ein kleines Feuer. Sonst blieb sein Gesicht völlig unbewegt.

Claire sagte, um Fassung bemüht:

»Mir fehlt überhaupt nichts, im Gegenteil. Ich habe etwas zu viel: dich! Wenn du tot bist, geht es mir wieder glänzend. Ich bin sicher, dass du für alles, was mir gestern Abend und heute Nacht passiert ist, verantwortlich bist.«

Brad grinste sie spöttisch an.

»Natürlich, ich bin dafür verantwortlich, dass du spinnst. Dass ich nicht lache. Am Ende habe ich noch in der Lokomotive gesessen, die dich überfahren hat.« Brads Worte trieften vor Hohn. »Vielleicht bin ich auch in das Gewand des Dämons geschlüpft. Oder ich bin Dr. Jeckill«

Er lachte schallend und schlug sich dabei auf die Oberschenkel.

Claire lachte nicht. Wilder Hass verzerrte ihr schönes Gesicht. Sie stürzte sich auf Brad, wollte ihm mit ihren langen Fingernägeln das Gesicht zerkratzen.

Brad fing sie spielend ab, packte sie an den Handgelenken und drehte ihre Arme nach außen.

Claire biss ihn in den Unterarm und trat mit ihren Schuhen nach seinen Schienbeinen.

Das Lächeln verschwand von seinen Lippen. Er wurde wütend. Mit beiden Händen griff er nach ihrem rechten Arm und drehte ihn auf ihrem Rücken so lange nach oben, bis das Mädchen schmerzgeplagt aufschrie.

»Lass mich los, du Bestie! Lass mich sofort los!«

»Ich habe es nicht gern, wenn man nach mir tritt. Und beißen habe ich auch nicht gern. Merk dir das fürs nächste Mal. Klar?«

Er gab sie frei.

Claire massierte ihren Arm und entgegnete wütend:

»Du hättest ihn mir fast gebrochen.«

»Sicher doch, Baby. Das sollte dir eine Lehre sein. Wenn du wieder einmal derartige Anwandlungen bekommst, dann breche ich dir den Arm wirklich.«

Sie setzte sich wieder an den Tisch, nahm mit der linken Hand ihr Brötchen und biss hinein.

Zweifelnd sah sie Brad nach, der ihr aus der Küche eine neue Tasse holte.

Ob er wirklich nichts damit zu tun hat? Fragte sie sich im Stillen.

Er hat etwas damit zu tun. Ich kann mir das unmöglich alles eingebildet haben.

Oder doch?

Aber ich habe doch ganz deutlich diese furchtbaren Hände auf meinem Körper gespürt. Ich spüre sie noch immer.

Sie zog fröstelnd ihre Schultern zusammen, als sie an die teuflische Fratze dachte.

Brad kam mit einer neuen Tasse zurück, stellte sie vor Claire auf den Tisch und schenkte ihr Kaffee ein.

»Wenn du diesmal trinkst, dann halte sie bitte mit beiden Händen«, gab er ihr, mit leichtem Zorn in der Stimme zu verstehen.

Er kann es nicht gewesen sein, dachte Claire. Er ist viel kleiner als dieses dämonenhafte Wesen … Außerdem sind seine Hände zart und völlig unbehaart. Genau wie sein Gesicht. Er hat kaum einen Bart, trotz seiner achtundzwanzig Jahre. Und er ist klein und schlank.

Aber wer soll es sonst gewesen sein?

»Was starrst du mich so an?«, bluffte er noch immer leicht zornig.

»Ich überlege mir gerade, wo du den Affenpelz versteckt hast.«

»Du bist also immer noch der Meinung, dass ich dir diesen Schrecken eingejagt habe?«

»Ja.«

»Nun hör mir bitte mal gut zu, mein altes Mädchen.«

»Ich bin nicht dein altes Mädchen!«, brauste Claire auf.

»Na gut, entschuldige bitte. Ich meinte es nicht so.« Er nahm einen Schluck Kaffee.

»Gehen wir nochmals alles der Reihe nach durch; Du hast mir von dem Zug im Wohnzimmer erzählt und dass du dann in mein Zimmer gekommen bist. Ich aber kann mich nicht daran erinnern, dass du gestern auf meinem Zimmer warst.

Weiter hast du mir erzählt, eine Ratte wäre in deinem Schlafzimmer gewesen, genau vor deiner Nase, und ich hätte sie dann totgeschlagen. Ich habe dir vorher schon erklärt, dass ich in meinem ganzen Leben noch keine Ratte totgeschlagen habe. Und das stimmt.

Dann das mit deinem Affen oder was es auch sonst war. Du sagtest, es wäre beim Duschen gewesen. Du warst nicht beim Duschen. Und du warst auch nicht in Tante Metas Schlafzimmer. Du hast in deinem Bett geschlafen!«

»Aber …«

»Kein aber! Als ich dich heute Morgen wecken wollte, hast du laut geschrien und bist aufgewacht. Du hast das alles nur geträumt. Hörst du, du hast das geträumt.«

Claire schüttelte nur stumm den Kopf.

»Ich kann das einfach nicht glauben«, hauchte sie verzweifelt. »Es war alles so wirklichkeitsnah.«

»Träume sind eben manchmal so.«

»Aber die Hände mit diesen Krallen, ich spüre sie noch immer an meinem Körper.«

»Denk einfach nicht mehr daran. Wir wollen es vergessen, ja? Solche Träume sollte man immer schnell vergessen.«

Claire nickte stumm. Mehr und mehr glaubte sie, was Brad sagte. Es klang alles so einleuchtend.

Sie hob wieder die Tasse an ihren Mund und trank. Diesmal zitterte sie nicht.

 

 

5. Kapitel

 

Die kleinen Schlangen ringelten sich um ihre Beine und um ihre Arme. Die größte der Schlangen lag ganz ruhig um ihren Hals. Eine weitere wand sich über ihr Gesicht.

Claire öffnete die Augen und sah zuerst noch gar nichts. Ein Schlangenkörper lag genau über ihren Augen. Die schleifenden Bewegungen auf ihrer Haut waren kaum spürbar.

Sie bewegte ihre Beine, zog sie an ihren Körper und merkte, dass etwas nicht stimmte.

Sie richtete sich ein Stück auf. Die kleine Schlange auf ihrem Gesicht rollte weg. Die größere blieb an ihrem Hals hängen. Sie rutschte lediglich ein Stück ab.

– Und dann sah Claire, was um sie herum war.

Der Schrei, der sich ihrer Kehle entrang, ließ einem das Blut in den Adern gefrieren.

Sie saß mitten in einem flachen Korb, der mit Stroh ausgefüllt war. Um sie herum lauter sich windende Schlangen. – Große und kleine.

Sie schrie – weinte und zitterte. Ein eisiger Schauer nach dem anderen jagte über ihren Rücken. Ekel stieg in ihr hoch. – Und Angst, panische Angst.

Dann schoss sie plötzlich hoch und schüttelte die Schlangen einfach von sich ab.

Mit dem Ausdruck des Entsetzens und spitzen Fingern griff sie nach der Schlange um ihren Hals, weil diese sich nicht abschütteln ließ.

Jeden Moment rechnete sie damit, dass die Schlange zuschnappen würde. Sie könnte sich in ihren Hals festbeißen und in wenigen Minuten ihren Tod herbeiführen.

Aber die Schlange biss nicht. Sie ließ sich einfach nur widerwillig von ihrem Platz vertreiben.

Claire zog sie mit einem Ruck weg und warf sie zu Boden. Sie schüttelte sich und fing an zu weinen.

Sie sprang aus dem Bett, rannte zur Tür, riss diese auf und stürmte aus dem Zimmer. Dabei zog hinter sich die Tür hastig ins Schloss und drehte den Schlüssel um.

Sie hastete den Gang entlang und schrie mit bebender Stimme nach Brad. Doch der war nirgends zu sehen.

Sie lief die Treppe hinauf und riss alle Zimmertüren auf.

Von Brad keine Spur …

Von Weinkrämpfen geschüttelt, ließ sie sich am oberen Treppenabsatz zu Boden sinken. Ihre Hände hielten das Treppengeländer umspannt.

Und dann kam Brad Staiger angelaufen. Er kam von draußen, rief nach ihr und sah sie tränenüberströmt auf der Treppe sitzen.

»Mein Gott, Claire, was ist denn nun wieder passiert?« Er eilte zu ihr, legte den Arm um ihre bebenden Schultern. »Claire, was ist los? Was hast du? – Sprich mit mir!«

Claire konnte lange Zeit überhaupt nichts sagen. Sie zitterte und bebte, brachte jedoch kein Wort hervor.

Brad half ihr hoch und brachte sie in ihr Zimmer und legte sie aufs Bett.

»Nun erzähl mal, mein Kind.« Seine Stimme klang schmalzig und hörte sich an, als spräche ein Vater zu seinem kranken Kind. »Was war es denn diesmal? War es wieder der Hund?«

Claire schüttelte schluchzend den Kopf.

»Der Tiger?«

Wieder Kopfschütteln.

»War es vielleicht wieder Dracula?«

Brad grinste gemein.

»Es war – es waren Schlangen.«

»Schlangen?« Brad schüttelte ungläubig den Kopf. »Wo?«

»Unten.«

»Zeig sie mir.«

Claire hatte sich wieder etwas beruhigt, erhob sich und ging, zusammen mit Brad, die Treppe hinunter.

Vor der abgeschlossenen Tür blieb sie stehen.

Brad Staiger schloss auf und ging hinein. Wenige Sekunden später kam er zurück.

»Wo sind die Schlangen?«

»In dem Korb.«

»Hier ist aber kein Korb.« Brad sah sie an und nickte vor sich hin.

»Aber es war doch …«

Claire riss ihm die Tür aus der Hand und schoss ins Zimmer.

Dort gab es keinen Korb und erst recht keine Schlangen.

»Nein!« Claire schlug sich die Hände vors Gesicht. Sie fing erneut an zu zittern. »Ich habe sie doch deutlich gesehen. Ich habe sie gespürt. Sie bewegten sich auf mir, schlangen sich um meinen Hals.«

Brad wandte sich langsam zu ihr um.

»Ich werde nun nicht mehr länger zusehen«, sagte er. »Du brauchst einen Arzt.«

»Nein!« Claire rannte auf ihn zu und hielt ihn zurück. »Bitte keinen Arzt. Er wird mich wegbringen, in ein Irrenhaus. Und das willst du doch, nicht wahr? Das willst du doch?«

»Ich will gar nichts. Ich tue nur, was sein muss. Du bist krank und brauchst einen Arzt.«

»Ich bin nicht krank!« Claire packte ihn verzweifelt mit beiden Händen am Hemdkragen. »Du hast die Schlangen wieder weggebracht. Nicht wahr, du warst es?«

Brad grinste spöttisch.

»Kannst du mir sagen, wie ich das gemacht haben soll?«

»Während ich nach dir suchte, hast du sie verschwinden lassen.«

»Aber du hast doch gesehen, dass ich von draußen kam. Wie hätte ich es also anstellen sollen?«

»Du bist durchs Fenster geklettert.« Ihre Stimme war mittlerweile schrill – verzweifelt.

Brad griff nach ihren Händen und nahm sie langsam von seinem Hemd weg.

»Es gibt eine Menge Leute, die bezeugen können, dass ich in der Stadt war«, erwiderte er abweisend.

»Um die Schlangen durch das Fenster hinauszubringen, brauchst du höchstens zwei Minuten.«

»Draußen im Auto sitzt Mary. Sie wird bezeugen können, dass ich sofort ins Haus gelaufen bin.«

»Mary ist eine Hure«, stieß Claire erregt hervor. »Sie ist deine Geliebte und wird immer das tun, was du von ihr verlangst. Schließlich lebt sie von deinem Geld.«

»Mary ist ein anständiges Mädchen«, widersprach Brad leise. Aber in seinen Augen blitzte es gefährlich auf. »Ich werde nicht zulassen, dass eine Verrückte, wie du, sie beschimpft.«

Langsam holte Brad aus und schlug sie ins Gesicht. Und dann noch einmal.

Claire schlug zurück. Sie kratzte und biss und schrie. Blut lief ihr aus Mund und Nase. Aber sie achtete gar nicht darauf. Sie gebärdete sich wie eine Wahnsinnige.

Brad hatte diesmal Mühe, sie abzuwehren. Sie entwickelte enorme Kräfte, und er konnte nicht verhindern, dass sie ihm das Gesicht zerkratzte und ihm ein Büschel Haare ausriss. Ihre Schuhspitze traf ihn schmerzhaft am Schienbein.

Doch dann bekam er sie endlich in den Griff. Er umschlang sie von hinten und presste ihre Arme eng an den Körper.

»Hör zu«, sagte er japsend. »Wenn du nicht sofort aufhörst, dann schlage ich dich zusammen.«

Claire schien es gar nicht gehört zu haben. Sie trat weiter mit den Füßen nach ihm.

Da schlug Brad, weil er keine andere Möglichkeit mehr sah, kurzerhand so zu, dass ihr Widerstand gebrochen wurde und sie in sich zusammensackte.

Brad ließ sie zu Boden gleiten.

»Ich dachte schon, du wirst mit ihr überhaupt nicht fertig«, sagte eine verführerische Stimme neben ihm.

Es war Mary. Er hatte sie gar nicht kommen hören.

»Sie ist verdammt zäh«, sagte Brad keuchend und wischte sich über das Gesicht. Es brannte wie Feuer, und er stöhnte laut auf.

»Sie hat dich ganz schön zugerichtet.«

»Das wird sie mir büßen.«

Er verzog schmerzhaft das Gesicht, als Mary die Kratzspuren mit einem weißen Taschentuch betupfte.

Dann sagte er, mit aufgebrachter Stimme:

»Jetzt mache ich Schluss mit ihr. Ich habe genug. Jetzt ist sie endgültig reif.«

 

 

6. Kapitel

 

Sie stand völlig starr da, war überhaupt nicht fähig, einen Schritt zu tun. Und trotzdem kam der Abgrund immer näher.

Sie hörte das Rollen und Poltern von Steinen. Dumpf schlugen die Gesteinsbrocken unten auf.

Auf der anderen Seite des Abgrunds sah sie Steinböcke auf den Felsen herumspringen, die das Rollen der Steine verursachten.

Das Aufschlagen der Steine hallte laut in die Stille dieser Steinwüste.

Der Abgrund kam noch immer unaufhaltsam näher. Claire wich zurück.

Aber bei jedem Schritt, den sie zurückging, sah es so aus, als würde sie vorwärtsgehen.

Der Rand des Abgrunds kam in greifbare Nähe.

Ihre Augen weiteten sich immer mehr. Sie wollte sich umdrehen und davonrennen. Aber da bekam sie plötzlich einen Stoß in den Rücken.

Mit einem fürchterlichen Schrei stürzte sie.

Sie fiel nicht weit. Bebend fand sie sich auf dem Fußboden des Wohnzimmers wieder.

Der Abgrund war verschwunden, als hätte es ihn nie gegeben. Es gab keine Berge und Steinböcke. Kein Hallen von aufschlagenden Steinen. Nur das Wohnzimmer.

Claire sah sich am Boden sitzend um. Um sie herum war alles still. Niemand befand sich in ihrer Nähe.

Und doch hatte Claire das Gefühl, als würde sie beobachtet. Es muss jemand da sein. Sie hatte einen Stoß in den Rücken bekommen. Ganz sicher. Das konnte sie sich unmöglich eingebildet haben. Sie spürte es ja noch immer.

Aber sie konnte niemanden entdecken.

Langsam richtete sie sich auf und versuchte, mit wackligen Knien einen Sessel zu erreichen.

Doch so weit kam sie nicht.

Wie aus dem Nichts tauchte eine Gestalt, die sie erstarren ließ, vor ihr auf.

Dracula!

Das teuflische Gesicht mit den abstehenden Ohren und den mordlüsternen Augen ließ ihren Herzschlag stocken. Aus seinem Mund mit den beiden überlangen Schneidezähnen drang ein tierisches Grunzen.

Er hob die Hände an. Sein Kopf kam ihr immer näher. Eisige Schauer jagten in schneller Folge über ihren Rücken. Abwehrend hob sie ihm die Hände entgegen.

Und dann war er wieder verschwunden, genauso plötzlich, wie er aufgetaucht war.

Claire brach der Angstschweiß aus. Ihre Kehle schien ihr wie zugeschnürt und völlig trocken.

Kaum war das Bild verschwunden, hörte sie eine unheimliche Flüsterstimme.

»Du wirst mein Geld nicht bekommen, hihihi!« Die Stimme wurde etwas lauter. »Ich wusste schon immer, dass du verrückt bist. Deshalb auch die Klausel in meinem Testament.«

Ein hohes, hysterisches Gekicher folgte.

Claire drehte sich im Kreise. Sie konnte nicht ausmachen, woher die Stimme kam. Es schien, als käme sie aus allen Ecken – vor ihr, neben ihr, hinter ihr. Überall war dieses Kichern, das langsam anschwoll.

Sie hielt sich die Ohren zu und rannte zur Tür. Die war abgeschlossen!

Entsetzen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Ein irrer Glanz lag in ihren Augen.

Dann brach das Gelächter abrupt ab.

Claire stand mit dem Rücken zur Wand und tastete sich daran entlang.

Die eingetretene Stille wurde von einem schrillen und lauten Pfeifen unterbrochen. Der grelle Pfeifton drang ihr durch Mark und Bein. Ihre Trommelfelle schienen zu platzen und ihre schon überstrapazierten Nerven begannen zu flattern. Sie zitterte und bebte, bedeckte das Gesicht mit den Händen und hielt sich wieder die Ohren zu.

Aber es half alles nichts, im Gegenteil.

Das Pfeifen schien immer lauter zu werden, unerträglich lauter.

Sie rannte davon, zur nächsten Tür. Doch die war ebenfalls verschlossen!

Claire war eingesperrt.

Das Pfeifen verstummte plötzlich. Dafür hörte sie das gefährliche Knurren eines Hundes.

Und dann sah sie ihn, so groß wie ein Kalb, mit gefletschten Zähnen und triefenden Lefzen.

Sie kannte ihn bereits. Er war schon einmal hier, wollte sie anspringen, aber dann – war er plötzlich weg.

So auch diesmal. Er sprang genau auf sie zu, Claire warf sich wimmernd zu Boden.

Doch sie spürte keinen Hund auf sich. Nichts. Auch das Knurren war weg.

Sie hob ihr tränennasses Gesicht und sah genau in das grelle Licht eines Scheinwerfers.

Und dann war da wieder die Stimme.

»Du bist wahnsinnig Claire, du bist wahnsinnig! Hihihi!«

Das Gelächter schwoll an. Dazwischen immer wieder das schrille Pfeifen und das Fauchen einer Wildkatze. Und diese Stimme. Alles auf einmal … Sie schlug ihre Hände über den Kopf zusammen.

Aufhören! Claire hatte es hinausschreien wollen. Aber ihre Stimme versagte. Sie ging im tosenden Lärm völlig unter.

Der Scheinwerfer wechselte die Farbe.

Grün. Rot. Blau. Dann drei Farben auf einmal.

Und immer noch das schrille Pfeifen sowie das laute, hämische Gelächter, das nicht mehr enden wollte.

Claire wälzte sich auf dem Boden, hämmerte mit den Fäusten auf das Parkett und blieb schließlich mit einem Nervenzusammenbruch auf dem Boden liegen.

Brad erschien in der Tür. Er grinste gemein und böse.

Dann ging er zum Telefon.

 

 

7. Kapitel

 

Die dunkle, vermummte Gestalt, die hinter der Hecke saß, beugte sich ein wenig vor. Seit fast einer Stunde starrte sie nun schon auf das vierstöckige Wohnhaus. Nach und nach gingen dort die Lichter aus. Doch die Gestalt verharrte noch immer völlig regungslos in ihrem Versteck.

Als kurz nach Mitternacht auch das letzte Licht ausging, hieß es nochmals warten.

Die Gestalt wartete geduldig. Sie schien viel Zeit zu haben – und Geduld, schier endlose Geduld.

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Null Uhr dreißig. Jetzt könnte es gehen.

Die Gestalt erhob sich langsam.

Ein weiter, langer Umhang umflatterte ihren Körper und ließ nicht erkennen, ob es sich um eine weibliche oder männliche Person handelte. Auch konnte man nicht feststellen, ob sie dick oder dünn war. Das Gesicht war mit einer schwarzen Tuchmaske verhüllt. Aus zwei schmalen Schlitzen starrte ein graugrünes Augenpaar, in dem es gefährlich glitzerte.

Wie ein lautloser Schatten huschte sie jetzt über den Hof. Ihre Gummischuhe verursachten nicht den geringsten Lärm.

An der Hausecke hielt sie an, spähte hinüber. Nichts zu sehen. Weiter. Zur nächsten Ecke, zur Hintertür.

Sie war offen.

Ohne Licht zu machen ging die vermummte Gestalt durch den Keller. Sie schien jede Ecke, jede Tür und jede Unebenheit auf dem Kellerboden zu kennen.

Zielsicher ging die Gestalt zur Treppe, stieg hinauf und öffnete leise die Tür. Diese quietschte etwas – nur ganz leise.

Sie verharrte einen kurzen Moment. Aber es blieb alles still, im Haus.

Sie drückte die Tür nicht wieder ins Schloss, sondern lehnte diese nur leicht an.

Dann stieg die dunkle Gestalt eine weitere Treppe hinauf. Die Dielen knarrten leicht, sie blieb ein paarmal stehen und lauschte. Doch im Haus rührte sich nichts.

Und dann stand sie vor der Tür …, zog einen Schlüssel aus der Tasche und steckte ihn vorsichtig ins Schloss.

Die Tür war der einzige schwache Punkt in dem Plan. Wenn der Schlüssel von innen steckte …

Aber er steckte nicht, und die Tür ließ sich völlig geräuschlos öffnen.

Die Gestalt trat lautlos ein, zog leise die Tür hinter sich zu und ging zielbewusst auf eine der drei Türen im Korridor zu.

Es war das Schlafzimmer.

Mit dem wehenden Umhang ging die Gestalt zum Bett hinüber, hob die Decke am Kopfende an und schlug mit einem Gummiknüppel kräftig zu.

Ein leises Ächzen war zu hören. Dann trat wieder Stille ein.

Der Vermummte zog eine Drahtschlinge unter dem Umhang hervor und legte sie dem Bewusstlosen, von dem nur ganz schwach die Konturen erkennbar waren, um den Hals.

Dann zog er mit einem Ruck zu.

Sein Atem wurde lauter und hektischer. Es machte ihm Spaß, die Schlinge zuzuziehen, so fest es ging.

Nach einigen Minuten ließ er los. Einen kurzen Augenblick schwebten seine behandschuhten Hände über dem Kopf des Toten. Sie zitterten leicht, öffneten sich zu Krallen, als wollten sie nochmals an den Hals des Ermordeten.

Dann aber löste er die Schlinge. Vorsichtig verstaute er sie in der Innentasche seines Umhanges.

Dann begann er mit einer seltsamen Prozedur. Er balsamierte die Leiche ein.

Nach zwei Stunden harter Arbeit hatte er es geschafft. Er ging ans Fenster, öffnete es und griff nach dem Seil, das dort hing.

Es war ein Flaschenzug, der an der Giebelseite des Hauses befestigt war. Alle Häuser in dieser Gegend hatten einen Flaschenzug an der Giebelseite.

Unter seinem Umhang zog der Vermummte ein Seil hervor, band es um die Mumie und hängte den Haken des Flaschenzuges im Seil ein.

Obwohl die Mumie relativ klein war, hatte die Gestalt in dem weiten schwarzen Umhang sichtlich Mühe, sie auf; die Fensterbrüstung zu heben.

Nach einer Weile, die der Gestalt wie eine Ewigkeit erschien, schaffte sie es doch. Langsam ließ sie die Mumie am Flaschenzug hinunter.

Die Rolle quietschte leise. Aber es schien die vermummte Gestalt nicht zu stören. Sie ließ die Mumie ab, bis sie unten angelangt war.

Dann ging die Gestalt, wie ein Schatten, den Weg zurück, den sie gekommen war, schloss die Wohnungstür wieder ab und ging durch den Keller ins Freie.

Die Mumie lag noch immer dort. Sie hängte den Haken aus und zog den Flaschenzug wieder hoch. Dann packte die Gestalt die Leiche, hob diese ein wenig an und zog sie vorsichtig, um nicht allzu viel Lärm zu verursachen, hinter das Gebüsch. Von dort aus weiter zu dem in der Nähe geparkte Auto.

Wiederum kostete es ihr einige Mühe, die Leiche hochzuhieven und im Kofferraum unterzubringen.

Es klappte nicht …

Der Kofferraum war zu klein.

Ein leiser Fluch löste sich von ihren Lippen.

Sie zerrte die Mumie wieder heraus und verfrachtete sie auf dem Rücksitz.

Dann klopfte sie sich aufatmend die Hände ab, drückte Tür und Kofferraumklappe zu, setzte sich hinters Steuer und fuhr ohne Licht los.

 

 

8. Kapitel

 

Professor Goddard saß an seinem Schreibtisch, den Kopf auf beide Hände gestützt. Vor ihm lag eine Akte.

Es klopfte.

»Herein!«, sagte er, ohne aufzusehen.

Eine schwarzhaarige Frau mit braunem Gesicht und großem Busen kam herein.

Sie trug eine weiße Kleiderschürze.

»Sie ist jetzt da, Herr Professor«, teilte sie ihm mit.

»Wer?«

»Na, Sie wollten doch Miss Garden sprechen.«

»Ach ja, natürlich. Schicken Sie sie herein!«

Claire Garden trat über die Schwelle. Sie war sehr blass und auffallend ruhig.

Unschlüssig blieb sie mitten im Raum stehen.

Die Schwarzhaarige zog die Tür hinter sich zu, als sie den Raum verließ.

»Bitte, nehmen Sie doch Platz«, wies der Professor sie freundlich an. Er deutete auf einen schwarzen Ledersessel vor seinem Schreibtisch.

Claire setzte sich.

»Ich habe gerade Ihre Krankengeschichte vor mir liegen«, begann der Professor. »Sie machen gute Fortschritte. Wenn es so weitergeht, kann ich Sie in drei bis vier Wochen wieder nach Hause lassen.«

Er wartete auf eine Reaktion von Claire Garden. Aber sie blieb völlig ruhig. In ihrem Gesicht zuckte kein Muskel. Nur der matte Glanz in ihren Augen verschwand und machte einem schwachen Leuchten Platz.

»Ich hatte selten einen Patienten, der so schnell wiederhergestellt war wie Sie. Wissen Sie, wie lange Sie hier sind?«

Claire schüttelte den Kopf.

»Es sind jetzt genau acht Wochen. Ich bin wirklich sehr zufrieden mit Ihnen.«

»Sie haben sich mit mir auch sehr viel Mühe gegeben«, hauchte Claire.

»Ich gebe mir mit allen meinen Patienten sehr viel Mühe.« Der Professor räusperte sich. »Ihr Vetter war äußerst umsichtig. Es war richtig von ihm, Sie sofort zu mir zu bringen.«

»Es war nicht mein Vetter, der mich herbrachte.« Claires Gesicht verfinsterte sich.

»Natürlich war es nicht Ihr Vetter, da haben Sie recht«, lenkte der Professor sofort ein. »Aber sicherlich geschah es auf seine Veranlassung hin.«

Claire schwieg.

»Da sich Ihr Vetter noch nicht sehen ließ«, fuhr Professor Goddard fort, »habe ich ihm eine Nachricht zukommen lassen. Ich ließ ihm mitteilen, dass er in drei bis vier Wochen mit Ihrer Rückkehr rechnen kann.«

Über Claires Gesicht zog ein dunkler Schatten, und sie wurde noch um einen Schein blasser.

Der Professor merkte es.

»Sie sind doch damit einverstanden?«, fragte er vorsichtig.

»Sicher, Herr Professor, sicher.«

Aber es klang nicht sehr überzeugend, eher etwas ängstlich. Claire presste die Lippen zusammen. Ihr Mund war nur noch ein schmaler Strich.

»Sie haben immer noch Angst vor Ihrem Vetter«, sagte Professor Goddard.

Claire zwang sich zu einem Lächeln.

»Aber nein«, antwortete sie. »Ich habe keine Angst mehr vor ihm. Das ist vorbei.«

»Aber sie hatten Angst? Sie fühlten sich verfolgt? Sie glaubten, er wolle Sie umbringen?«

Der Professor beobachtete sie genau.

»Ich weiß nicht, ob ich Angst hatte und ob ich mich verfolgt fühlte.« Sie lächelte noch immer. »Jedenfalls, seit ich bei Ihnen bin, fühle ich mich ausgesprochen wohl. Das macht sicher auch die Ruhe hier.«

Professor Goddard nickte befriedigt.

»Es freut mich, dass es Ihnen bei mir gefällt.« Er betrachtete sie eingehend. »Wenn Sie gern noch einige Tage länger hierbleiben wollen, dann geben Sie mir Bescheid. Ansonsten werde ich veranlassen, dass Ihr Vetter Sie in spätestens vier Wochen abholt.«

Claire nickte und stand auf.

Der Professor rief nach der Schwarzhaarigen.

Sie kam herein. Bei näherer Betrachtung konnte man feststellen, dass sie vielleicht Anfang Dreißig und sehr stark geschminkt war.

Sie begleitete Claire in ihr Zimmer.

Vor ihrer Tür blieb Claire plötzlich stehen. Eine Pflegerin hatte ihre Aufmerksamkeit erregt. Sie war schlank und mittelgroß und hatte dunkles, volles Haar.

Langsam kam sie den Gang herunter. Sie sah Claire Garden überhaupt nicht an, blickte zum Boden, hatte beide Hände in den Schürzentaschen und verschwand dann in einem Raum.

»Wer ist die Frau?«, fragte Claire leise.

»Eine Pflegerin.«

»Wie lange ist sie hier?«

»Seit Montag.«

Heute ist Mittwoch, überlegte Claire. Also ist sie erst seit zwei Tagen im Haus.

»Wann haben Sie meinem Vetter geschrieben?«, fragte sie.

»Was hat das …«

»Bitte«, unterbrach Claire sie erregt, »Wann?«

»Vor einer Woche etwa.«

Die Schwarzhaarige sah Claire verständnislos an.

Claire schwieg. Sie drückte die Türklinke herunter und ging in ihr Zimmer.

Sie hatte kein Einzelzimmer, hatte es auch nie gewollt. Die ersten zwei Wochen lag sie allein. Danach wollte sie unbedingt Gesellschaft. Sie hasste es, allein zu sein.

Dann jedoch war sie mit ihrer Zimmerkollegin unzufrieden. Sie war kauzig und versponnen. Claire wusste nie, woran sie bei ihr war.

Als sie das Zimmer betrat, schlief ihre Bettnachbarin. Jedenfalls tat sie so. Aber Claire wusste, dass sie nicht schlief. Es machte ihr einen Riesenspaß, Claire zu erschrecken. Und dabei lag sie immer in Claires Bett. Ihr eigenes Bett benutzte sie nur bei Nacht.

Claire ging zum Fenster und sah hinaus. Das Gesicht der Pflegerin ging ihr nicht mehr aus dem Kopf.

Ob Brad …

»Er ist da!«, sagte Laura Greer, ihre Zimmerkollegin.

Claire fuhr entsetzt herum.

»Wer?«

»Ich wusste, dass er kommt. Ich wusste es. Schon lange habe ich auf ihn gewartet. Dabei hat er mir versprochen, viel früher zu kommen. Aber jetzt ist er da – endlich. Oh, ich liebe ihn. Er ist so schön.«

»Wer ist da? Sage es mir bitte!«

Claire packte sie an den Schultern und schüttelte sie.

Ohne auf Claires Fragen zu antworten sagte Laura:

»Warum hat er mich so lange warten lassen? Sicher ist er böse auf mich gewesen. Darum hat er mich so lange warten lassen. Aber ich werde ihn wieder versöhnen. Ich werde sehr lieb zu ihm sein, dann wird er mich nicht mehr warten lassen. Meinst du nicht auch?«

»Wer, verdammt noch mal? Hörst du, wer? Wen meinst du eigentlich?«

Claire schrie sie an. Sie rüttelte Laura und merkte nicht, wie sich ihre Hände in Lauras Bluse verkrampften.

Laura schien das jedoch nicht mitzubekommen.

»Einmal habe ich ihn gehasst«, sagte Laura mit verklärtem Lächeln. »Aber das ist längst vorbei. Jetzt liebe ich ihn so wie damals, beim ersten Zusammentreffen. Er lief mir gleich nach. Er hatte so weiches Haar und war groß. Und dann seine feuchte Schnauze …«

Laura kicherte. Sie hielt sich die Hand vor den Mund und drehte sich auf die Seite.

Ernüchternd stand Claire auf und ging wieder zum Fenster zurück.

Sie kannte diese Geschichte schon. Mindestens zehnmal hatte Laura sie erzählt. Und doch ist sie diesmal auf diese Geschichte reingefallen.

Die Pflegerin ist schuld. Sie hat mich so durcheinandergebracht.

Verdammt …

Aber sie sah so nach Brad aus. Er hatte schon immer eine Vorliebe für Verkleidungen. Und er hatte dafür auch ein unwahrscheinliches Talent. Er war sogar schon als Maskenbildner bei einer Filmgesellschaft beschäftigt gewesen. Wegen seiner Sauferei wurde er dann aber entlassen. Frauenkleidung hatte er schon immer bevorzugt.

Claire Garden krauste ihre Stirn.

Ob Brad es wirklich wagt? Ob er sich wirklich in irgendeiner Verkleidung in dieses Nervenkrankenhaus schleicht?

Sicher wird er es. Ich kenne ihn. Der Professor ließ ihm die Nachricht zukommen, dass ich bald entlassen werde. Das wirft seine Pläne über den Haufen. Er wird kommen und mich umbringen. Er wollte die Millionen schon immer für sich allein. Und ganz sicher wird er ein bombensicheres Alibi haben.

Knapp hundert Meter vom Haus entfernt war der dunkle Fichtenwald. Die sich im Wind leicht hin und her bewegenden Baumwipfel hatten stets eine beruhigende Wirkung auf sie ausgeübt.

Diesmal jedoch nicht. Ihr kam der Wald nunmehr dunkel und unheimlich vor.

Claire fröstelte. Eine leichte Gänsehaut bildete sich auf ihren nackten Oberarmen. Rasch schloss sie das Fenster.

Es wird Regen geben, dachte sie. Dunkle, schwere Wolken hingen über dem Wald und ließen ihn noch schwärzer erscheinen.

Ein Wetter, das für einen Mord geradezu ideal war.

Sie wandte sich ab und setzte sich in einen Sessel, nahm ein Buch zur Hand und begann zu lesen.

Aber auch die leichte Lektüre konnte ihre Angst nicht vertreiben, die sich immer mehr verstärkte und langsam zur Panik wuchs.

 

 

9. Kapitel

 

Sein Gesicht war von unheimlicher Hässlichkeit. Unzählige kleine Falten und Runzeln bedeckten es. Dazwischen große gerötete Pockennarben. Die übergroßen Ohren hingen herunter wie welke Kohlblätter. Zwischen seinen aufgeworfenen, wulstigen Lippen, die sich zu einem zynischen Lächeln verzogen hatten, sah man zwei Reihen großer gelber Zähne. Die langen grauen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht und stellten sich am Hinterkopf steil auf.

Mit seinen langen, knochigen Fingern begann er die scheinbar tote Frau vor sich auf dem Tisch zu entkleiden. Als es nicht sofort ging, begann er ungeduldig daran zu reißen. Die Bluse ging in Fetzen. Ebenfalls der Rock und der Büstenhalter.

Dann lag sie nackt vor ihm. Die zerrissenen Kleidungsstücke flogen in eine Ecke.

Seine schwarzen Augen, über denen üppige Brauen wucherten, begannen im schummrigen Licht des Kellerraumes zu glühen, als er nun zu der schon vorbereiteten Spritze griff, die gefüllt neben ihm lag.

Sein Mund verzog sich, wurde noch breiter. Sein Gesicht noch hässlicher.

Mit einer schnellen, geübten Handbewegung stieß er die Nadel in die Vene der Frau.

Unter ständigem Grunzen und Stöhnen drückte er die Flüssigkeit der Kanüle in die Blutbahnen. Seine Augen wurden größer. Seine Hände begannen ein wenig zu zittern. Aber nur für einen Augenblick. Dann waren sie wieder völlig ruhig und beendeten die Arbeit.

Mit schreckverzerrtem Gesicht lag die Frau auf dem Tisch. Sie konnte noch nicht sehr alt gewesen sein. Ihre Haut war glatt und zart und wies noch nicht die geringsten Falten auf. Trotz der verzerrten Gesichtszüge konnte man erkennen, dass sie wohl kaum mehr als dreißig Jahre alt war.

Die Kanüle war leer.

Der Dämon zog die Nadel heraus, legte ein Stück Watte in die Armbeuge und winkelte den Arm an.

Dann legte er die Spritze in eine Schachtel zurück und brachte sie in einem Schrank in der Ecke unter.

Alle seine Bewegungen waren hastig und ungeduldig, als hätte er es kaum erwarten können.

Aber was konnte er nicht erwarten?

Die Frau auf dem Tisch rührte sich nicht. Doch das war es auch nicht, was er zu erwarten schien. Dazu war die Prozedur, die er nun begann, doch zu seltsam.

Er balsamierte den Körper der Frau ein. Nur Mund und Nase ließ er frei und die Stelle, in die er eben die Spritze gejagt hatte.

Dann hob er die Mumie hoch wie eine Puppe und trug sie in den angrenzenden Raum.

Der Raum sah aus wie das Labor eines Chemikers. Überall standen dickbauchige Flaschen herum, mit langen, schlanken Hälsen. Reagenzgläser in rauen Mengen. Und überall brodelte und kochte es.

Der Dämon durchquerte den Raum, ging durch eine weitere Tür und kam in ein gruftähnliches Verlies.

Was hier zu sehen war, ließ einem das Blut in den Adern stocken.

Das Kellerverlies war sehr lang, aber nicht besonders breit. An den Längswänden waren je neun Pritschen aufgereiht. Sechzehn dieser Pritschen waren mit Mumien belegt. Zwei waren noch frei.

Der Mann mit dem teuflischen Gesicht legte seine Mumie auf eines der freien Feldbetten.

Dann schritt er mit bestialischem Grinsen die Bettenfront ab. In seinen Augen loderte ein wildes Feuer, als er sein Werk betrachtete.

Das Werk eines Wahnsinnigen in der Gestalt eines Dämons.

Beim letzten Bett auf der linken Seite blieb er stehen. Zuckende Bewegungen um den Mund der Mumie hatten ihn dazu veranlasst.

Wieder einer, schoss es durch sein krankes Hirn. Ein triumphierendes Lächeln lag auf seinen Lippen. Sie werden alle noch, alle werden sie eines Tages wieder auferstehen. Zu einem neuen, ganz anderen Leben. Einem Leben, wie es für sie bestimmt war.

Er ging mit schnellen Schritten in das Labor zurück. Aus einem Glasröhrchen nahm er zwei Tabletten und eilte wieder zurück.

Mit zitternden Fingern schob er die Binden über den Augen der Mumie hoch. Die Augen waren geöffnet. Aber sie hatten nichts Menschliches an sich. Es waren die Augen eines Raubtieres. Sie sprühten und funkelten wie zwei Vulkane.

Der Dämon hielt ihm die Tabletten vor die Augen. Dann schob er sie in den Mund der lebenden Mumie. Gierig wurden sie hinuntergeschluckt.

Die Augenlider senkten sich langsam wieder. Die Mumie schlief ein.

Noch vierundzwanzig Stunden, dann ist auch er soweit, dachte der Dämon, während er die nächste Front abschritt. Er wird ein neues Leben beginnen können, wie die anderen auch. Und er auch …

Er unterbrach die Gedankengänge. Die anderen Mumien lagen still und friedlich.

Ein krachendes, splitterndes Geräusch hatte seine Aufmerksamkeit erregt. Es kam aus einem Nebenraum.

Der Dämon rannte mit eckigen Bewegungen zurück in sein Labor. In aller Eile zog er eine Spritze auf. Er schien zu wissen, woher die Geräusche kamen und wer sie verursachte.

Aus dem Labor führte noch eine weitere Tür. Auf sie steuerte das dämonenhafte Wesen zu.

Vorsichtig öffnete er die Tür einen Spalt und sah in den angrenzenden Raum. Dann schlüpfte er durch und zog sofort die Tür hinter sich zu.

Er lehnte sich gegen die Türfüllung und sah mit glänzenden Augen auf das Schauspiel vor ihm.

Ein fast drei Meter großer Riese versuchte sich aus seinem Gefängnis zu befreien. Das Holz krachte zwischen seinen Fingern, als wäre es Pappe.

Alles an dem Riesen war groß und plump und kraftvoll. Nur der Kopf war klein und hatte das Gesicht eines Babys.

Der Riese hatte den letzten Rest des Holzgitters aus dem Weg geräumt.

Er trat heraus, sah sich um und kam dann mit langsamen Schritten auf den Dämon zu …

 

 

10. Kapitel

 

Kein Zweifel, ihre Zimmerkollegin Laura Greer war tot. Ihre Augen waren starr und blicklos zur Decke gerichtet. Das Gesicht war verzerrt, der Mundstand weit offen.

Als Claire Garden endlich begriffen hatte, was geschehen war, begann sie zu schreien.

Sie rannte auf den Gang hinaus, rief nach dem Pfleger und der Stationsschwester.

Einige Türen wurden aufgerissen. Frauen in langen, wallenden Nachthemden erschienen auf dem Korridor.

Ein paar Frauen gingen in Claires Zimmer und kamen schreiend wieder herausgerannt.

Der Pfleger und die Stationsschwester erschienen. Ein Blick in Claires Zimmer genügte dem bulligen Pfleger, um festzustellen, dass Laura Greer tot war.

Er schloss das Zimmer ab und scheuchte die anderen in ihre Betten zurück. Aber das war nicht sehr leicht. Die Frauen weigerten sich, in ihre Betten zu gehen.

Sie hatten Angst.

Harry Brent, der Pfleger, rief der Stationsschwester zu, sie solle die Polizei anrufen und versuchen, den Professor zu erreichen.

Die ältliche Schwester, die ratlos im Korridor gestanden hatte, ging so schnell sie konnte die Treppe hinunter.

Claire saß wimmernd am Boden. Von Weinkrämpfen geschüttelt, stammelte sie immer wieder unverständliche Worte vor sich hin. Ihr Gesicht war aschfahl, und in ihren Augen war panische Angst zu lesen.

Der Pfleger schob die Frauen kurzerhand in irgendein Zimmer. Immer wenn er einige hineinbugsiert hatte, schloss er ab. Dann nahm er sich die nächsten vor.

Aber allein schaffte er es nicht. Es wurden immer mehr, strömten von unten und von oben herbei.

Zwei weitere Pfleger und der neue Hausmeister kamen ihm zu Hilfe. Doch der Hausmeister war keine große Hilfe. Er hatte einen Klumpfuß und wurde von drei Frauen einfach über den Haufen gerannt.

Wütend schlug er sofort nach ihnen. Und die Frauen schlugen zurück. Sie traten mit den nackten Füßen nach ihm.

Sofort war einer der bulligen Pfleger zur Stelle. Er drängte die schwachsinnigen Frauen, die sich wie Wilde gebärdeten, kurzerhand zur Seite, als wären sie Puppen. Dann half er dem runzeligen Alten auf die Beine.

»Vielen Dank«, murmelte der Hausmeister. Er bückte sich nach seinem Klumpfuß und rieb daran.

»Was ist passiert?«, fragte der Pfleger.

Der Alte schüttelte nur stumm den Kopf. Er richtete sich wieder auf und humpelte zu Claire, beugte sich über sie.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte er mit seiner heiseren Stimme.

Claire hob den Kopf und sah in das alte, runzlige Gesicht. Sie erschrak, schüttelte sich und hob ihm abwehrend die zittrigen Hände entgegen.

»He, was soll das?«, brummte der Alte. Ich will Ihnen doch nichts tun.«

Er legte beschwichtigend seine feingliedrigen Hände auf ihre Oberarme.

Aber Claire ließ sich nicht beruhigen. Sie rappelte sich hoch und flüchtete den Korridor entlang.

Mit funkelnden Augen sah ihr der Hausmeister nach. Er war wütend.

Der Tumult der tobenden Frauen hatte langsam nachgelassen. Die Pfleger waren wieder Herr der Situation. Sie schoben mit vereinten Kräften die letzten Patienten in ein Zimmer.

Harry Brent schloss ab.

Aufatmend wischte er sich die Hände an den weißen Hosen ab und sah sich nach Claire um.

Sie war weg.

»Wo ist sie?«, fragte er den alten Hausmeister.

Der zeigte stumm in die Richtung, in die Claire gelaufen war.

»Wir müssen sie aufhalten, bevor sie noch mehr anstellt«, sagte der Pfleger.

»Glaubst du, dass sie die Greer umgebracht hat?«, fragte einer seiner Kollegen.

»Ich glaube gar nichts. Ich will nur sichergehen.«

»Zuzutrauen ist diesen Frauen alles«, brummte der Hausmeister. Damit wandte er sich um und schlurfte davon.

Die drei Pfleger gingen hinter Claire her.

 

 

11. Kapitel

 

Der Riese kam unaufhaltsam auf ihn zu. Doch der Dämon, der neben ihm wie ein Zwerg wirkte, schien nicht die geringste Angst zu haben. Im Gegenteil. Ein erfreutes Lächeln zog über sein faltiges Gesicht.

Er wusste, dass das, was er nun vorhatte, ins Auge gehen konnte. Aber er wollte und musste es darauf ankommen lassen. Seine weitere Arbeit hing ganz davon ab, wie dieses unheimliche, riesige Wesen mit dem kleinen Kopf auf den Schultern reagieren würde. Sein Lebenswerk wäre mit einem Schlag kaputt, wenn …

Der riesige Fleischkoloss kam immer näher, Seine Schritte waren eckig und ungelenk. Seine Arme standen weit vom Körper ab, als würde er vor Kraft fast platzen.

Die Art, wie er ging, erinnerte an einen Roboter.

Der Mann mit dem teuflischen Gesicht wartete, bis der Riese sich ihm auf drei Schritte näherte.

Schon hob der Koloss die Hände. Es waren Pranken, so groß wie Schaufeln.

Da stoppte ihn ein Schrei des Dämons.

»Halt, Tino!«

Ein Zittern lief durch den riesigen Körper. Einen Moment sah es so aus, als wollte Tino noch weitergehen. Aber dann blieb er doch stehen.

Seine schon erhobenen Hände sanken herab.

»So ist es brav, Tino«, lobte der Dämon mit seiner hohen Stimme.

Ein Leuchten zog über sein pockennarbiges Gesicht.

Geschafft! Ich habe es geschafft!

Er umrundete sein von ihm geschaffenes Wesen. Sein Gesicht wirkte dabei noch teuflischer.

»Bleib hier stehen, Tino!«, sagte er. »Ich bin gleich wieder hier.«

Er eilte in den nächsten Raum und kam mit einer furchterregenden Dogge zurück. Der Hund fletschte die Zähne, als er den Riesen sah. Er knurrte gefährlich und riss an der Leine.'

Der Dämon machte ihn von der Leine los.

»Mach ihn kalt, Tino! Hörst du, mach ihn kalt!«

Tino drehte sich um.

Im selben Moment sprang ihn die Dogge an. Tino war zu langsam. Er konnte nicht verhindern, dass der Hund seinen Arm zwischen den Fang bekam und sich darin festbiss.

In Tinos Babygesicht zuckte kein Muskel. Der Ausdruck blieb kalt und unbeteiligt. Nicht mal seine Augen schienen zu leben.

Trotzdem fasste er jetzt mit der freien Hand nach dem Genick der Dogge. Das Tier jaulte auf. Gequält öffnete es sein Maul und ließ den Arm los.

Tino warf ihn wie ein Stück Dreck zu Boden. Dann bückte er sich nach dem wimmernden und jaulenden Tier. Bei dieser Bewegung krachte und knackte es dauernd in seinen Knochen.

Über das faltige Gesicht seines Meisters zog ein dunkler Schatten. Er fürchtete, das Produkt seiner jahrelangen Versuche könnte auseinanderbrechen.

Aber die Knochen des Riesen hielten.

Er griff nach dem Hund, fasste mit einer Hand nach seiner Schnauze und brach ihm mit einem Ruck das Genick.

Ein kurzes Jaulen, einige Zuckungen der Hinterbeine, dann war die Dogge tot.

Aber Tino gab sich damit nicht zufrieden.

Er setzte einen seiner gewaltigen Füße auf den Körper des Hundes, packte einen Vorderfuß und riss ihn mit einer kurzen, ruckartigen Bewegung heraus.

Ebenso verfuhr er mit den anderen Beinen. Dann löste er den Kopf vom Rumpf. Zuletzt noch den Schwanz.

Ein flackerndes Feuer loderte in den Augen des Dämons, als er dieses grausame Schauspiel verfolgte. Unverkennbar, satanische Freude erfüllte ihn. Hämisch verzog er den Mund.

Die abgerissenen Körperteile flogen durch den Kellerraum. Blut spritzte hoch auf, besudelte seine stark behaarten und doppelt so starken Waden wie die eines normalen Menschen.

Neben dem Tierkadaver hatte sich eine große rote Lache gebildet.

Tino begann nun, aus dem Rumpf des Hundes die Eingeweide herauszureißen.

»Schluss, Tino!«, rief der Meister.

Sofort stellte der unheimliche Riese sein grausiges Werk ein.

Er richtete sich auf und blieb seltsam bewegungslos vor seinem Herrn und Meister stehen.

Seine überdimensionalen Pranken waren blutbeschmiert.

Die Freude des Dämons kannte keine Grenzen. Er betastete den muskelbepackten Riesen.

Sein Blick fiel auf die Fleischwunde am linken Oberarm, die von dem Biss des Hundes stammte. Zu seiner Verwunderung floss überhaupt kein Blut aus der Wunde. Sie war feucht, von einer hellen Flüssigkeit.

Der Dämon krauste seine Stirn, schien zu grübeln. Sein Produkt war noch nicht vollkommen. Das bewies auch der kleine Kopf und das Babygesicht.

Aber wozu sollte er … Es genügte doch, wenn er eine Figur geschaffen hatte, die ihm unbedingt gehorchte.

Vielleicht werden die nächsten besser. Sicher, wenn ich meine ganzen Fähigkeiten einsetze. Und ich werde noch so viele schaffen, bis ich meine Pläne verwirklichen kann.

Das Lächeln um seine Lippen verstärkte sich wieder. In seinen Augen funkelte es unheildrohend.

 

 

12. Kapitel

 

Blitzlichter flammten auf. Einige Männer begannen routinemäßig nach Spuren zu suchen.

Dann untersuchte der Arzt die Leiche.

»Und?«, fragte Inspektor Michael Elcott.

»Tod durch Ersticken«, antwortete der Arzt knapp.

»Und wie?«

»Mit einer Drahtschlinge. Hier, sehen Sie … Dieser dünne Einschnitt in die Haut. Sie ist zweifellos mit einer dünnen Drahtschlinge erwürgt worden.«

»Wer könnte es getan haben?«

Der Arzt sah ihn an, als würde er am Verstand des Inspektors zweifeln.

»Ich nehme an, das herauszufinden ist Ihre Aufgabe.«

»Wirklich?« Der Inspektor zog lächelnd die Augenbrauen hoch. »Ich dachte nur. Fragen kann man ja wohl noch, oder? Es hätte doch sein können …«

»Das würde Ihnen so passen, was? Ich tue hier meine Pflicht als Polizeiarzt und liefere Ihnen auch noch den Mörder frei Haus.« Er grinste Elcott frech ins Gesicht. »Selbst wenn ich ihn kennen würde, bände ich es Ihnen nicht auf die Nase. Ich möchte Sie schließlich nicht arbeitslos machen.«

»Typisch.« Inspektor Elcott verzog das Gesicht, als hätte er in eine Zitrone gebissen. »Nur nicht denken. Und vor allen Dingen keinen Handstreich zu viel tun.«

Dr. Warner machte eine wegwerfende Handbewegung und packte seine Instrumente zusammen. Er kannte Inspektor Elcott nun schon seit Jahren. Und er ließ sich immer wieder von dem ewig gutgelaunten Michael Elcott frotzeln.

Inspektor Elcott war klein und hatte ein unscheinbares Aussehen. Er war Mitte Vierzig und immer noch ledig.

Auf den ersten Blick sah er aus, als könnte er keiner Fliege etwas zuleide tun. Sein etwas dümmlicher Gesichtsausdruck hatte schon manchen dazu verleitet, ihn zu unterschätzen. Wer ihn zum ersten Mal sah, traute ihm auch nichts zu.

Aber er war nicht umsonst Inspektor bei Scotland Yard geworden.

Dr. Warner hatte seine Tasche gepackt. Er nahm sie auf und wandte sich zum Gehen.

»Wann bekomme ich Ihren Bericht?«, fragte Elcott.

»Morgen früh um zehn.«

Der Inspektor nickte.

Dann, als wäre es die größte Selbstverständlichkeit der Welt, griff er in die Brusttasche des Arztes, nahm die Zigarettenpackung heraus und steckte sich ein Stäbchen an.

»Verflucht«, entfuhr es Dr. Warner. Er ließ seine Tasche fallen, riss Elcott die Zigarettenpackung aus der Hand und steckte sie in die Hosentasche.

»Eines Tages baue ich wirklich mal eine Bombe in meine Zigaretten. Und ich hoffe …«

»Sicher, Doc. Ich weiß, was Sie tun wollen. Schließlich sagen Sie das schon zum hundertsten Mal.«

»Aber eines Tages …«

Er unterbrach sich, ergriff seine Tasche und ging mit langen Schritten hinaus.

Michael Elcott grinste hinter ihm her.

Die Spurensicherer waren noch bei der Arbeit. Eine mühselige Tätigkeit. Aber sie war nun mal wichtig.

Der Inspektor fragte: »Haben Sie schon etwas gefunden?«

»Nein«, sagte der Beamte, der gerade einige Fingerabdrücke am Balkon abnahm.

»Dachte ich mir«, brummte Elcott. Er suchte nach dem Pfleger Harry Brent und fand ihn draußen im Korridor.

»Wer hat die Tote zuerst gefunden?«, fragte er Brent.

»Claire Garden.«

»Wer ist das?«

»Ihre Zimmerkollegin.«

»Wo ist sie?«

Brent zuckte mit den Achseln.

»Ich weiß es nicht. Sie ist wie gehetzt davongerannt. Wir haben sie gesucht, aber noch nicht gefunden.«

»Ist das bei Ihnen so üblich, dass Patienten einfach so wegrennen?«, fragte Elcott sarkastisch.

Brent hatte eine harte Antwort auf der Zunge. Aber er kam nicht mehr dazu. Mit langen Schritten sah er Professor Goddard heraneilen.

»Der Chef kommt«, sagte er.

Elcott drehte sich um.

Professor Goddard sah sehr angegriffen aus, blass und müde. Seine Pupillen waren groß und schwarz. Die ungekämmten Haare standen ihm wild zu Berge.

Er ging geradewegs auf Brent zu. Elcott schien er überhaupt nicht zu sehen.

»Was geht hier vor?«, fragte er barsch.

Der Pfleger klärte ihn kurz auf.

Goddard ging in das Zimmer der Toten. Brent und Elcott folgten ihm.

Der Professor hob die Decke hoch. Mit großen Augen starrte er in das weiße Gesicht.

»Sie wurde mit einer dünnen Drahtschlinge erwürgt.«

Professor Goddard hob den Blick.

»Wer sind Sie?«

»Inspektor Elcott, Scotland Yard.« Der unscheinbare Beamte zeigte ihm seine Marke.

In den Augen des Professors blitzte es kurz auf. Dann fragte er: »Wer hat Sie hergeholt?«

»Wir wurden telefonisch informiert.

»Ich habe veranlasst, dass die Polizei angerufen wurde«, warf Harry Brent ein.

»Es ist Ihnen doch klar, dass dies hier nicht an die Öffentlichkeit gelangen darf?«, sagte der Professor, ohne Harry Brents Einwurf zu beachten.

»Versprechen kann ich nichts«, erwiderte Elcott mit einem Anflug von Verwunderung. »Aber ich werde sehen, was sich machen lässt.«

Der Professor sah ihn feindselig an.

»Haben Sie schon etwas unternommen, um den Mörder zu finden?«

»Noch nicht. Aber Sie könnten vielleicht dabei helfen. Wir waren eben im Begriff, eine Miss Garden zu suchen.«

»Miss Garden?«

Goddard visierte Brent an.

»Sie ist weggelaufen«, erklärte der Pfleger und wich dem Blick des Professors aus.

»Wie konnte das passieren?«, fuhr ihn Goddard an.

»Die Frauen haben verrücktgespielt. Wir hatten alle Hände voll zu tun, sie zu beruhigen und in die Zimmer einzusperren«, verteidigte sich Brent mürrisch.

»Trommeln Sie das ganze Personal zusammen! Aber ein bisschen flott. Wir werden sie suchen und nicht eher Ruhe geben, bis wir sie gefunden haben. Klar?«

Brent nickte diensteifrig. Er machte sich sofort daran, das Personal auf die Beine zu bringen.

Die Suche nach Claire Garden begann.

 

 

13. Kapitel

 

Das Schwirren über ihrem Kopf wurde immer unerträglicher.

Es wurden immer mehr.

Und sie kamen immer näher.

Claire Garden stand an die Hauswand gedrückt, mit weit aufgerissenen Augen und zusammengepressten Lippen.

Die Fledermäuse schwirrten an ihr vorbei wie Pfeile, manche streiften sie mit ihren Flügeln.

Claire hob die Hände über den Kopf, um zu verhindern, dass sich eine in ihren Haaren verfing.

Sie duckte sich tief auf den Boden. Aber es half alles nicht. Es war, als wäre sie völlig von den widerlichen Tieren eingekreist.

Eine Fledermaus hatte sich in ihr wallendes Nachthemd gekrallt. Claire schlug nach ihr. Die Fledermaus flatterte auf.

Die Tiere kamen näher und näher. Da fasste sich Claire ein Herz. Aus der Hocke heraus sprang sie hoch und lief, so schnell sie konnte, auf den Blumengarten zu.

Die Fledermäuse blieben zurück.

Aufatmend lehnte sie sich an einen Pfosten. Kleine, funkelnde Sterne tanzten vor ihren Augen.

Nach einigen tiefen Atemzügen wurde ihr wieder besser.

Sie drehte sich um und ging ein paar Schritte in den Garten hinein.

Die Nacht war lau, aber stockdunkel. Der Himmel war wolkenverhangen und ließ nur ab und zu das matte Licht des Mondes durch. Drüben am Haus brannten die Hoflampen. Aber ihr Schein reichte nicht bis in den Blumengarten.

Plötzlich blieb Claire erschrocken stehen. Vor ihr waren die Umrisse einer dunkel gekleideten Gestalt zu erkennen.

Von Panik erfasst, drehte sie sich um und rannte blindlings in den riesigen Park hinein, vorbei an Bäumen und Sträuchern. Sie stolperte, fiel zu Boden, rappelte sich wieder hoch und rannte weiter.

Das war Brad! hämmerte ihr Hirn. Das war Brad. Er will mich umbringen. Sie wollen mich alle umbringen. Brad will mich umbringen und …

Das Gesicht der Pflegerin tauchte vor ihr auf. Die Pflegerin mit dem Gesicht von Brad.

Dann das runzlige Antlitz des Alten. Sie hatte geglaubt, Brads Augen zu sehen, als er sich über sie beugte.

Er ist hier. Ich fühle es, ich weiß es. Niemand wird ihn zurückhalten können. Er ist ein Satan und wird mich töten. Er wird mich töten …

In ihrer panischen Angst rannte Claire blindlings weiter.

Sie merkte nicht, dass sie sich im Kreis bewegte und wieder auf den Blumengarten zurannte.

Und dann stand sie vor dem Gartenhaus. Es war dunkel und unheimlich still um das Haus. Nur ihr rasselnder Atem störte diese Stille.

Claire lehnte sich an die Wand des Blockhauses.

Ich muss mich verstecken. Am Tage wird er es nicht wagen. Aber bei Nacht …

Sie ging um das Häuschen herum und suchte nach der Tür. Sie war unverschlossen.

Claire ging hinein. Sie getraute sich nicht, Licht zu machen. Tastend ging sie im Dunkeln weiter.

Ihre Hände ertasteten etwas Weiches, und nur mit Mühe konnte sie einen Schrei unterdrücken.

Ich brauche Licht. Ich brauche unbedingt Licht, sonst sterbe ich noch vor Angst.

Der Raum, in dem sie sich befand, war nicht sehr groß. Sie konnte das etwas hellere Viereck des Fensters sehen. Sie ging hin und zog die Fensterläden zu.

Dann suchte sie nach dem Lichtschalter. Nach einer Weile fand sie ihn.

Die gleißende Helligkeit blendete sie. Claire schloss für einen Moment die Augen.

Dann hob sie langsam die Lider und sah sich in dem kleinen Raum um.

Es war ein Wohnzimmer. Ein Tisch und zwei Stühle standen darin. Eine schwarze Ledercouch, ein Sessel, ein alter Ölofen und ein Schrank vervollständigten die Einrichtung.

Die Wohnung des Gärtners und seines Gehilfen.

Wenn das die Wohnung des Gärtners ist, dann müsste …

Claire konnte den Satz nicht mehr zu Ende denken. Im Türrahmen stand der bucklige Gärtnergehilfe. Sein Buckel war groß und etwas auf die rechte Seite gerutscht. Dadurch wurde sein Körper stark nach vorn gebeugt. Aus seinem langen Pferdegesicht blitzte ein lüsternes Augenpaar, das auf den geöffneten Ausschnitt von Claires Nachthemd gerichtet war.

Langsam drückte der Bucklige die Tür hinter sich zu.

Claire Garden hatte ihn vorher noch nicht gesehen. Sein Anblick flößte ihr Angst ein.

Der Bucklige sprach kein Wort. Er kam nur langsam auf sie zu, streckte seine schmutzigen, schwieligen Hände nach ihr aus und begann schneller und hektischer zu atmen.

Claire ahnte, was jetzt kommen würde. Die fiebrig glänzenden Augen des buckligen Mannes sprachen Bände. Er war offensichtlich entschlossen, die Situation auszunutzen.

Er würde über sie herfallen wie ein Tier.

Sie wich zurück, sah sich gehetzt um. Aber der Raum war eng und klein. Es gab kaum eine Möglichkeit, ihm zu entkommen.

Sie war vom Regen in die Traufe gekommen.

Claire ballte ihre kleinen Hände zu Fäusten, entschlossen, es ihm nicht leicht zu machen.

Sie entsann sich ihres Judo-Lehrganges.

Ist schon ziemlich lange her, dachte sie. Aber vielleicht reicht es noch.

Der Bucklige stand nun dicht vor ihr. Glühender Atem streifte ihre Wangen. Seine Hände fassten nach ihrem Ausschnitt. Es widerte sie an.

Den Hüftwurf habe ich immer gut beherrscht …

Claire drängte sich an ihn und tat, als würde sie ihm entgegenkommen. Sie würgte, um aufsteigende Übelkeit zurückzudrängen.

Der Gärtnergehilfe deutete ihr Würgen falsch. Er glaubte, sie stöhnen zu hören.

Seine Hände wurden zudringlicher. Sie griffen hart und fordernd zu, zerrissen das Nachthemd.

Claire verspürte einen stechenden Schmerz in der Lendengegend, dann am ganzen Körper. Die Schmerzen machten sie rasend. Immer noch konnte sie nicht den entscheidenden Griff ansetzen. Sie war völlig aus der Übung.

Sie sah in sein Gesicht. Es war schweißüberströmt und vor Gier verzerrt. Das machte die Visage noch hässlicher. Sein Mund war weit geöffnet, und sie sah seine großen gelben Zähne, die an ein Pferdegebiss erinnerten.

Dieser scheußliche Anblick steigerte Claires Angst. Gleichzeitig wuchs aus ihrer Verzweiflung auch Kraft.

Sein stinkender Atem drang ihr wieder in die Nase. Er roch nach Schweiß und Alkohol.

Claire packte mit beiden Händen zu, so, wie sie es gelernt hatte. Ein kräftiger Schwung ihrer Hüfte beförderte den Mann auf die Bretter.

Ein tierischer Schrei löste sich von seinen Lippen. Er war genau auf seinen Buckel gefallen.

Mit verzerrtem Gesicht und hervorquellenden Augen starrte er der Frau nach, die panikartig das Haus des Gärtners verließ.

Aufatmend schlug sie die Tür zu und lehnte sich einen Augenblick an die Wand.

Wohin?

Ins Sanatorium zurück?

Nein! Dort ist Brad. Er wird auf mich warten. Er wartet nur auf einen günstigen Moment, um mich umzubringen.

Angriff ist die beste Verteidigung, hatte sie einmal gehört.

Aber wer ist Brad? Hinter welcher Maske hält er sich versteckt.

Die Pflegerin? Es wäre typisch für ihn.

Und wenn er mich sucht?

Die Angst kroch in ihr hoch. Claire erschauerte. Sie fröstelte, verschränkte ihre Anne vor der Brust und ging in die dunkle Nacht hinein.

Das Irrenhaus war mittlerweile hell erleuchtet. Sie sah Taschenlampen aufblitzen. Fackeln wurden angezündet. Rufe wurden laut. Viele Leute schienen unterwegs zu sein.

Sie suchen mich. Sie rufen nach mir. Und Brad wird bei ihnen sein.

Ich muss weg! Ich darf ihm auf keinen Fall in die Hände fallen, nicht bei Nacht.

Claire rannte einfach los.

Durch das zerrissene Nachthemd spürte sie die aufkommende Kälte auf der nackten Haut.

Sie sah die Bäume immer erst im letzten Moment. Nur mit Mühe konnte sie ihnen ausweichen.

Unter einem großen Baum mit weit ausladenden Ästen verhielt sie einen Augenblick. Sie versuchte ihren schweren, rasselnden Atem unter Kontrolle zu bringen. Aber so schnell schaffte sie es nicht. Sie war solche Strapazen nicht gewohnt. Sport war für sie immer ein Fremdwort gewesen. Jedenfalls bis auf das kurze Judo-Training.

Nach einer Minute war sie ruhiger.

Und dann hörte sie die Schritte und den keuchenden Atem. Ein eisiger Schreck durchzuckte ihren Körper.

Brad!

Oder der Bucklige? Oder beide?

Vielleicht ist Brad in das Kostüm des Gärtnergehilfen geschlüpft?

Nein, der Bucklige war echt. Das hatte sie deutlich gespürt. Brad hätte sie auch nicht zu vergewaltigen versucht.

Die plumpen, tapsigen Schritte kamen näher. Der Atem ging rasselnd und lechzend.

Sie versuchte die Dunkelheit mit den Blicken zu durchdringen. Aber es war unmöglich. Sie konnte nichts erkennen. Claire vermochte kaum die Hand vor Augen zu sehen.

Sie sah an sich hinunter. Ihr Nachthemd war hell, an den zerrissenen Stellen leuchtete ihre helle Haut durch. Sie kam sich wie eine brennende Fackel vor.

Aus der Ferne hörte sie wieder Rufe. Lichter tauchten auf und tanzten hin und her.

Das Keuchen war jetzt in unmittelbarer Nähe.

Claire versuchte, sich hinter dem Baum zu verstecken. Aber sie wusste nicht wohin. Ihr war, als kämen die Schritte aus allen Richtungen. Ihre Augen brannten und waren schreckgeweitet. Die Angst schnürte ihre Kehle zu.

Sie drückte sich mit dem Rücken eng an den Baum und lief um ihn herum. Aber sie konnte niemanden sehen.

Doch der harte, lechzende Atem war unüberhörbar. Er war ganz nah.

Und dann sah sie ihn.

Eine eiskalte Hand schien nach ihrem Herzen zu greifen. Ihr Atem stockte.

Vor ihr stand das affenähnliche Ungetüm, das ihr schon einmal beim Duschen begegnet war.

 

 

14. Kapitel

 

Inspektor Michael Elcott beteiligte sich nicht an der Suche nach Claire Garden. Und auch seine drei Mitarbeiter nicht.

Er wartete, bis die Spurensicherer mit der Arbeit fertig waren.

Die Tote war inzwischen hinausgetragen und abtransportiert worden.

Der Inspektor saß auf einem Bett und hatte den Kopf auf beide Hände gestützt. Er schien über etwas nachzudenken. Dabei verzog er immer wieder das Gesicht, schüttelte den Kopf oder nickte.

Anfangs hatten sich seine Leute köstlich darüber amüsiert. Doch das gab sich mit der Zeit. Sie wussten, wenn Elcott sich so verhielt, kam immer etwas dabei heraus.

Dann erhob er sich.

»Lanner!«

»Ja, Inspektor?«

»Gehen Sie doch mal ein bisschen im Haus herum! Vielleicht finden Sie irgendetwas.«

»Okay, Inspektor.«

Lanner, ein schon etwas älterer Beamter, der zur Fülligkeit neigte, wandte sich zum Gehen.

»Eh … Lanner, noch was!«

Sergeant Lanner verhielt seinen Schritt. Erwartungsvoll sah er Elcott entgegen.

»Sagt Ihnen der Name Garden etwas?«, fragte der Inspektor.

»Ich weiß nicht«, antwortete Lanner nachdenklich. »Vorher dachte ich schon, dass ich den Namen irgendwo schon mal gehört habe. Aber mir fällt nicht ein, wo.«

»Sie und Ihr Vetter, Brad Staiger, haben je vier Millionen Dollar geerbt«, sagte Elcott.

Lanner schlug sich die Hand vor die Stirn.

»Richtig! Ich wusste doch …« Er sah den Inspektor an. »Und jetzt denken Sie, dass dieser Vetter …«

»Ich bin sogar sicher, dass dieser Vetter …«

»Glauben Sie, dass er noch hier ist?«

Elcott zuckte mit den Schultern.

»Vielleicht. Auf jeden Fall werde ich ihn jetzt suchen lassen, um sein Alibi zu überprüfen.«

»Aber er hat doch nicht die Garden ermordet, sondern ihre Zimmerkollegin.«

»Er hat die Falsche erwischt«, entgegnete der Inspektor bestimmt.

»Und von der Theorie, dass die Garden ihre Zimmerkollegin umgebracht hat, halten Sie wohl nichts? Schließlich ist sie ja getürmt.«

»Ausschließen möchte ich nichts, aber ich glaube, sie ist vor Schreck und Angst weggelaufen.«

»Herr Inspektor«, Lanner trat dicht an ihn heran, »hier sind doch lauter Irre«, sagte er leise. »Es könnte schließlich jeder gewesen sein. Diesen verrückten Frauenzimmern kann man doch alles Zutrauen.«

»Die schweren Fälle sind eingesperrt«, erklärte Elcott. »Und von den anderen glaube ich es nicht.«

Lanner zuckte mit den Schultern und ging.

Elcott trat wieder ins Zimmer zurück.

Einer der Spurenexperten, der gerade auf dem Balkon war, rief ihn.

»Hier sind Kratzspuren am Geländer«, verkündete der Mann. »Könnten von Schuhen stammen.«

Elcott beugte sich hinunter. Die Farbe vom Balkongeländer war abgeschürft. Er warf einen Blick auf die Außenwand. Aber es war zu dunkel, um etwas erkennen zu können.

»Einen Scheinwerfer!«, rief er einem seiner Mitarbeiter zu.

Frank Vallee, ein junger Sergeant, brachte das Gewünschte. Er schaltete ihn ein.

»Leuchte doch mal die Wand ab!«, sagte Elcott.

Die Wand wies ebenfalls Kratzspuren auf. Es sah aus, als wäre jemand hier heraufgeklettert. Doch bis zum Balkon herauf waren es gut vier Meter. Die Wand war glatt und hatte weder eine Einbuchtung noch Simse. Hier konnte niemand heraufklettern, ohne eine Leiter oder …

»Er wird ein Seil benutzt haben«, murmelte der Inspektor vor sich hin. Das bestätigte eigentlich nur seine Vermutung, dass der Vetter von Claire Garden hier eingestiegen war, um sie umzubringen. Und aus irgendeinem Grund muss er die Falsche erwischt haben.

Aber warum?

Er wandte sich an den Mann vom Spurendienst.

»Versuchen Sie, dort unten Fußspuren zu finden! Machen Sie Gipsabdrücke, wenn es geht!«

»Okay, Inspektor.«

Der Beamte entfernte sich.

Elcott schritt durch das Zimmer auf den Korridor hinaus. Er ging auf die Tür des angrenzenden Raumes zu, hinter der er verhaltenes Murmeln hörte.

Die Tür war abgeschlossen, aber der Schlüssel steckte. Elcott schloss auf und ging hinein.

Sieben Frauen in langen, wallenden Nachthemden saßen um eine am Boden liegende Frau herum.

Die Blicke der Frauen richteten sich auf ihn. Angst und Panik stand in ihren Gesichtern. In die Augen einiger Frauen trat ein irrer Glanz.

 

 

15. Kapitel

 

Seine Arme hoben sich langsam. Die behaarten, krallenartigen Hände kamen auf sie zu, suchten ihren Hals. Das Maul war weit geöffnet, und die langen weißen Zähne leuchteten in der Dunkelheit wie kleine Lichter.

Claires Magen krampfte sich zusammen. Kalter Schweiß brach aus ihren Poren. Sie war unfähig, irgendeine Bewegung auszuführen. Sie war wie gelähmt.

Mit weit aufgerissenen Augen sah sie die Krallen auf sich zukommen.

Und dann löste sich plötzlich etwas in ihrem Hals. Ein markerschütternder Schrei drang aus ihrem geöffneten Mund.

In die behaarte Affengestalt kam mehr Bewegung. Seine Hände schossen nach vorn und erstickten ihren Schrei. Übrig blieb nur noch ein Röcheln.

Aber ihr Schrei war gehört worden. Der schwache Schein einer Taschenlampe tauchte auf. Wie ein langer, schmaler Finger stach er in die Dunkelheit.

Ganz in ihrer Nähe schrie jemand: »Hier ist sie!«

Die Krallenfinger lösten sich von ihrem Hals. Wie ein Spuk verschwand das unheimliche Wesen in der dunklen Nacht, als hätte es sich in Luft aufgelöst.

Claire sank zu Boden, schnappte nach Luft und rieb sich den Hals. Ihre Kehle schien wie ausgedörrt und schmerzte fürchterlich.

Tränen traten in ihre Augen. Durch ein abgehacktes Wimmern wurde ihr Körper hin und her geschüttelt. Sie presste ihre zittrigen Hände vor das Gesicht, und ihr Oberkörper sank nach vorn.

Der Schein der Taschenlampe erfasste sie.

»Kommt hierher!«, rief der Träger der Lampe. »Hier liegt sie!«

Es war einer der drei bulligen Krankenpfleger.

Er beugte sich über Claire. Als er sah, dass ihr Körper zitterte und zuckte, kniete er sich neben ihr nieder.

»Was ist los, Miss Garden?«

Claire hob ihr tränennasses Gesicht, sah den Pfleger an und öffnete den Mund. Aber sie konnte nicht sprechen.

Sie schluchzte auf und krallte sich in seinen Arm.

Aus der Dunkelheit näherten sich trampelnde Schritte. Scheinwerferkegel erfassten die beiden. Das flackernde Licht einer Fackel tauchte im Hintergrund auf.

Der Professor kam heran.

»Sie machen mir ja schöne Geschichten«, sagte er laut und grob. »Das ganze Personal ist auf den Beinen, um Sie zu suchen. Was haben Sie sich denn …«

Und dann sah er, dass sie weinte.

»Was hat Sie denn erschreckt?«, fragte er etwas freundlicher.

Claire versuchte ihm zu antworten. Doch es kamen nur bruchstückhafte Worte über ihre Lippen. Immer wieder wurde sie von Weinkrämpfen durchgeschüttelt.

»Sie muss einen leichten Schock erlitten haben«, sagte der Pfleger leise.

»Das sehe ich auch«, fuhr ihn der Professor an. »Los, nehmen Sie sie hoch und tragen Sie sie ins Haus zurück!«

Man merkte es dem Professor an, dass er nicht gerade sehr erbaut über diesen Zwischenfall war. Dazu kam noch der Mord.

Und die Polizei.

Das war nicht gerade die beste Reklame für sein Haus.

Der Pfleger hob Claire wie eine Puppe vom Boden hoch.

Sie öffnete die Augen und blickte geradewegs in das Gesicht der neuen Krankenschwester. Im Schein der Fackel sah sie Brad noch ähnlicher. Ihre Augen schienen zu glühen wie die einer Katze.

Claire krampfte sich zusammen und vergrub den Kopf an der Brust des Pflegers. Ihre Fingernägel bohrten sich in seinen Rücken wie Messerspitzen.

»Verdammt!«, entfuhr es dem Mann.

»Da er …« Claire deutete in die Richtung, in der sie die Schwester gesehen hatte. Aber dort stand niemand mehr. Da war nur gespensterhafte Dunkelheit, die vom schwachen Licht einer Taschenlampe durchbrochen wurde.

Sie bäumte sich in den Armen des Pflegers auf. Im Schein der beiden Fackeln sah sie die Gesichter des anderen Pflegepersonals. Aber die Krankenschwester mit Brads Gesicht sah sie nicht mehr. Sie war verschwunden.

Er ist es, schoss es ihr durch den Kopf. Ganz sicher. Er ist hier. Und er wird mir keine ruhige Minute gönnen. Er wird mich jagen und dann …

Ihr Körper flog. Der Pfleger musste seine ganze Kraft aufbieten, um sie halten zu können.

»Beruhigen Sie sich«, sagte Professor Goddard. »Niemand will Ihnen etwas tun.«

Der Lichtstrahl einer Taschenlampe traf Claires Gesicht. Sie schloss geblendet die Augen.

Und dann sah sie plötzlich wieder die Farben. Rot und grün und blau und alle auf einmal.

Aus der beruhigenden Stimme des Professors wurde dieses schreckliche Gelächter, das immer mehr anschwoll und zur schrillenden Sirene wurde.

Sie öffnete die Augen. Alles tanzte und kreiste um sie. Das Gesicht von Brad sah sie jetzt wieder ganz deutlich. Um sein Gesicht herum tanzten Köpfe. Die Köpfe des ihr schon bekannten Pflegepersonals. Aber sie hatten keine Körper. Grinsende Gesichter. Alle lachten sie aus.

Claire schrie gequält auf.

»Nein! Ihr könnt doch nicht zulassen, dass er – mich umbringt. Das dürft ihr doch nicht!«

Eine Stimme drang an ihr Ohr, wie aus weiter Ferne. Claire verstand nicht, was sie sagte. Und dann war nur noch das hämische Gelächter da.

Sie bäumte sich wieder auf, versuchte sich aus den Armen des Pflegers zu befreien. Aber seine Arme umspannten sie wie ein Schraubstock. Sie konnte sich nicht rühren.

Claire schrie auf und biss dem Pfleger in den Arm. Sein Fluch hörte sich für sie an wie ein heftiges Donnergrollen. Ihre Trommelfelle begannen zu vibrieren.

Dann wurde es heller um sie. Aber sie konnte nichts erkennen. Alles schwamm vor ihren Augen. Sie hörte Stimmenge murmeln und Lachen.

Claire merkte nicht, wie sie auf ein Bett gelegt wurde. Sie spürte auch nicht den kleinen Stich in ihrem Oberarm.

Ein riesiger Ballon schien seine schwarze Flüssigkeit über sie auszuschütten.

Dann sah und hörte sie nichts mehr.

 

 

16. Kapitel

 

Sergeant Lanner ging suchend durchs Haus. Er konnte sich mit der Theorie des Inspektors nicht so recht anfreunden. Wie sollte dieser Vetter ins Haus gekommen sein? Irgendetwas passte ihm an der Geschichte nicht.

Er kam an einer offenen Tür vorbei. Mary Wood, die ältliche Stationsschwester, saß völlig aufgelöst hinter ihrem Schreibtisch. Einige Medikamentenkästchen hingen an den Wänden.

Ihre Finger spielten nervös mit einer Zigarettenschachtel.

Lanner betrat den Raum.

Erschrocken fuhr Mary Wood auf ihrem Stuhl herum. Sie hatte den Mund schon zum Schrei geöffnet, schloss ihn aber wieder, als sie den Beamten erkannte.

»Ich wollte Sie nicht erschrecken«, sagte Lanner. »Ich wollte mich nur ein wenig mit Ihnen unterhalten.«

»In diesem Haus erschreckt jeder jeden«, sagte Mrs. Wood mit zuckenden Mundwinkeln. »Seit man die Tote gefunden hat, ist der Teufel los. Ich kann schon gar nicht mehr stehen, weil meine Knie so zittern. Seit zehn Minuten versuche ich, mir eine Zigarette anzuzünden. Aber ich schaffe es nicht. Jedes Mal verlöscht das Streichholz in meinen zittrigen Händen. Es ist furchtbar.«

»Ich kann Sie ja verstehen«, sagte Lanner beruhigend. »Aber versuchen Sie trotzdem, mir einige Fragen zu beantworten. Werden Sie das können?«

»Fragen Sie nur«, sagte Mary Wood und versuchte ein Lächeln. »Reden kann ich ja noch.«

Sie steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen, und Lanner ließ sein Feuerzeug aufschnappen.

Begierig sog Mrs. Wood den Rauch ein und inhalierte tief.

»In diesem Sanatorium gab’s wohl noch nie einen Mord?«, fragte Lanner lächelnd.

»Nein, noch nie. Es gab wohl schon Unfälle mit tödlichem Ausgang … Diese Patienten hier – Sie verstehen. Aber bis zu einem Mord ist es noch nicht gekommen.«

Lanner nickte ihr freundlich zu, setzte sich auf die Schreibtischkante und zündete sich ebenfalls eine Zigarette an.

»Sie sind hier die Stationsschwester?«

»Ja.«

»Kannten Sie Miss Garden gut?«

»Sicher. Muss ich ja wohl.«

»Wie war sie, ich meine als Patientin?«

Über Mrs. Woods Gesicht zog ein strahlendes Lächeln.

»Oh, Miss Garden ist eine der nettesten Patientinnen, die ich je hatte. So ruhig und ausgeglichen. Professor Goddard hat sie in den nächsten Wochen zur Entlassung vorgesehen.«

Lanner hob die Augenbrauen. Auf seiner Stirn bildeten sich zwei steile Falten.

»Und die Greer?«

Die Schwester zuckte mit den Schultern.

»Das übliche. Ein Fall wie viele hier.«

»Vertrug sich Miss Garden mit ihr?«

»Natürlich. Mit Miss Garden verstehen sich alle gut.«

Lanner erhob sich.

»Das wäre schon alles«, sagte er und lächelte sie wieder an. »Können Sie mir jetzt noch sagen, wo ich die Unterkünfte des Personals finde?«

»Sie sind im Parterre. Aber da werden Sie sicher wenig Glück haben. Alle sind draußen und suchen nach Miss Garden.«

»Ich versuch’s trotzdem«, sagte Lanner. »Vielen Dank.«

Er ging die Treppe hinunter und wandte sich dann nach links.

Neben jeder Tür hing ein Schild mit einem Namen darauf, mit denen er allerdings nichts anfangen konnte.

Nacheinander ging er durch die Zimmer. Sie waren alle sehr groß und nett und gemütlich eingerichtet. Neben einem Bett und einem großen fünftürigen Schrank gab es noch einen Schreibtisch mit einem reichhaltigen Bücherregal darüber. Daneben dann eine Sesselgruppe und ein kleiner Rauchtisch. Der Boden war mit einem weichen Teppich ausgelegt. Einige Bilder, ein Waschbecken und ein großer Spiegel vervollständigten die Einrichtung.

Fast alle Zimmer waren gleich eingerichtet.

In einem der Räume, der zweifellos von einer Frau bewohnt wurde, fielen Lanner einige Sachen auf, die einem Mann gehörten.

Der Schrank war voller Frauenkleider. Doch neben dem Schrank stand ein Paar schmutziger Herrenschuhe. Auf der Ablage über dem Waschbecken ein Rasierapparat und Rasierwasser. Ein weißes Herrenhemd lag auf dem Bett.

Sieh an, sieh an, dachte Lanner. Hier hat sich wahrscheinlich einer der Pfleger als Dauergast eingemietet.

Er ging hinaus, notierte sich den Namen und machte noch einige weitere Vermerke dazu.

Die Durchsuchung der nächsten Räume brachte nichts mehr von Belang.

Die Tür zur Kellertreppe hätte er fast übersehen. Sie lag etwas versteckt in einer dunklen Nische.

Lanner zögerte.

Was sollte er im Keller?

Er konnte sich nicht erklären, weshalb er dennoch die Kellertür öffnete und langsam die Treppe hinunterstieg.

Irgendein Gefühl, eine Ahnung, zog ihn hinunter.

Das Kellergewölbe war alt, und die Wände waren nass und glitschig. Die Treppe jedoch wirkte sauber und trocken, sodass man gut darauf gehen konnte.

Unten stand Lanner dann in einem Vorraum, von dem drei Gänge und eine Tür abzweigten.

Lanner drückte die Klinke hinunter. Die Tür war abgeschlossen. Er zog seine kleine Stablampe aus der Tasche, leuchtete durchs Schlüsselloch und äugte hindurch. Aber er konnte nichts erkennen.

Der Sergeant wandte sich nach rechts, in den ersten der drei Gänge, und ging hinein.

Er betätigte den Lichtschalter, der sich zu seiner Linken befand. Drei schwache Birnen, die nur an einer losen Fassung von der Decke herunterhingen, warfen ihr fahles Licht in den zwanzig Meter langen Gang.

Viele Türen gingen nach links und rechts ab.

Die erste war offen. Der Sergeant drückte sie ganz auf. Ein klapperndes und polterndes Geräusch ließ ihn erschreckt zusammenzucken. Unwillkürlich griff seine Rechte zum Schulterholster und lockerte die Pistole.

Dann trat er blitzschnell einen Schritt zurück.

Es war keine Sekunde zu früh.

Genau dort, wo er gestanden hatte, sauste ein riesiger Schrankkoffer zu Boden. Krachend und splitternd ging er aus dem Leim.

Danach herrschte unheimliche Stille.

Vorsichtig spähte der Sergeant nach oben. Es war alles ruhig. Die anderen Koffer und Taschen standen in den Regalen.

Lanner nahm die Hand von der Pistole und trat beruhigt über die Schwelle.

Er beugte sich über den zersplitterten Koffer und besah sich den Inhalt.

Der Sergeant stieß einen überraschten Pfiff aus, als er erkannte, um was es sich handelte.

Es war die komplette Ausrüstung eines Maskenbildners. Eine Menge Schminkdosen und Tuben, Perücken in allen Haarfarben und Längen. Und Bärte.

Das interessanteste waren jedoch die Masken.

Lanner nahm eine in die Hand und befühlte sie.

Wieder ein leiser Pfiff. Anerkennend zog er seine Augenbrauen hoch.

Eine wahre Meisterleistung!

Er spannte die Maske über seinen rechten Handrücken und fuhr mit den Fingerspitzen der anderen Hand darüber. Dann machte er dasselbe auf seiner Stirn.

Es gab keinen Unterschied. Die Haut seines Gesichtes fühlte sich genauso an wie das Material der Maske. Auch die Farbe des Materials stimmte mit der Hautfarbe eines Menschen überein.

Jetzt zweifelte Lanner keinen Augenblick mehr an der Theorie des Inspektors.

Mit Hilfe von diesen erstklassig gemachten Masken konnte sich ein Mann verwandeln, wie es gerade nötig war.

Lanner zog ein großes Tuch aus der Tasche und wickelte die Maske ein. Dann steckte er sie nachdenklich in die Innentasche seiner Jacke.

Er zog wieder sein Notizbuch heraus, kritzelte einige Worte hinein und steckte es weg.

Danach suchte er den Schrankkoffer nach einem Namensschild ab. Aber diese Mühe war vergeblich. Ein Namensschild gab es nicht.

Der Sergeant, verstaute die Utensilien notdürftig in dem Rest des Koffers, legte die zersplitterten Holzteile aufeinander und schob alles zusammen an die Wand links der Eingangstür.

Dann zog er die Tür zu und ging weiter.

Elcott wird sich freuen, wenn er wieder einmal recht behalten hat, dachte er.

Der nächste Kellerraum enthielt ebenfalls einige Koffer und Reisetaschen.

Lanner durchsuchte sie flüchtig.

Fast alle waren leer. Einige enthielten Kleidungsstücke. In einer Reisetasche fand er eine Flasche Whisky.

Whisky trank Lanner für sein Leben gern. So kam er auch nicht umhin, einen richtigen Schluck aus der Flasche zu nehmen. Schmatzend schraubte er den Verschluss zu und verstaute die Flasche wieder.

Die nächsten Kellerräume waren voll von alten Möbeln und sonstigem Gerümpel.

Was er jedoch im letzten Raum fand, unterschied sich von all dem anderen. Es waren große, solide Holzkäfige, wie sie für den Transport von Schweinen benutzt werden.

Was macht ein Irrenhaus mit lebenden Schweinen? Oder wird etwas anderes darin transportiert?

Lanner untersuchte die Käfige. Aber bei den schlechten Lichtverhältnissen war dies nicht einfach. Er nahm die Taschenlampe zu Hilfe.

An einigen Latten fand er Haare. Keine Schweineborsten. Es waren Haare. Und zweifellos von einem Tier.

Von welchem?

Lanner wusste nicht, was er davon halten sollte. Er zählte die Käfige.

Fünf Stück.

Der Sergeant schüttelte den Kopf. Wozu, zum Teufel, brauchen die in einem Irrenhaus solche Käfige?

Das leise Rasseln von Ketten schreckte ihn aus seinen Gedanken. Er hielt den Atem an, horchte, vernahm aber nichts mehr.

Hatte er sich getäuscht?

Nach einigen Sekunden hörte er es erneut. Also hatten ihm seine Ohren keinen Streich gespielt.

Aber Lanner konnte nicht ausmachen, woher dieses Rasseln kam. Langsam ging er zur Rückwand des Kellerraumes, lauschte an der Wand.

Nichts.

Er ging zur nächsten Wand.

Wieder nichts.

Mit angehaltenem Atem stand Sergeant Lanner da und wartete.

Und da war es wieder. Ganz deutlich hatte er es gehört.

Er ließ den schmalen Schein seiner Taschenlampe langsam über die Wand wandern. Sie war nicht verputzt. Der Mörtel war teilweise schon zwischen den großen Steinen herausgebrochen. Einige Steine wiesen Risse auf.

Lanner ging näher heran.

Nun war das Rasseln noch deutlicher zu hören. Und dann noch ein Stöhnen, das sich allerdings mehr wie ein Grunzen anhörte.

Seine Neugier war vollends geweckt. Irgendetwas Seltsames war hinter dieser Wand.

Dass er den Knopf fand, war purer Zufall. Seine Finger waren spielerisch über die unverputzte Steinwand geglitten. Da hatte er ihn berührt.

Wie von Geisterhand geschoben, bewegte sich plötzlich die Wand vor ihm.

Ein Stück der Wand, so groß wie eine normale Tür, glitt langsam nach innen.

Heller Lichtschein flutete ihm entgegen.

Lanner zog seine Waffe aus dem Schulterholster und entsicherte sie. Dann trat er unter die Türöffnung.

Ein überraschender Anblick bot sich ihm.

Vor ihm lag, in gleißende Helligkeit gehüllt, ein völlig leerer Raum. Jedenfalls so viel er sehen konnte.

Die Wände waren mit hellblauen Platten getäfelt. Die Decke war weiß getüncht, der Boden mit dunkelblauem Linoleum ausgelegt.

Neugierig ging Lanner einige Schritte weiter.

Plötzlich spürte er einen leichten Zug, gleich darauf ein dumpfes Krachen.

Die Pistole im Anschlag, drehte er sich blitzschnell um. Aber es war schon zu spät.

Die Tür war zu.

Lanner tastete die Wand ab. Diesmal fand er keinen Knopf, keinen Hebel.

Nichts.

Langsam drehte sich Lanner um.

Und dann sah er es. Ein eisiger Schauer rann über seinen Rücken.

Mit weit aufgerissenen Augen starrte er auf das Ungetüm vor ihm.

Es war drei Meter groß, so breit wie ein Kleiderschrank und hatte Pranken wie Baggerschaufeln.

Doch der Kopf war klein und das Gesicht glich dem eines Babys.

Mit langsamen, aber kraftvollen Bewegungen zerrte das Monstrum an seinen Ketten.

 

 

17. Kapitel

 

Einige Sekunden starrte Inspektor Michael Elcott auf die Frau am Boden.

Dann trat er näher und beugte sich über die Gestalt. Sie lebte noch. Ihr Atem ging flach, aber sie lebte.

»Was ist mit ihr?«, fragte er.

Niemand antwortete ihm. Alle sahen ihn nur an. Einige zogen ängstlich den Kopf ein und duckten sich.

»Will oder kann hier niemand reden?«, fragte Elcott sanft.

Die Frauen blieben stumm.

»Na, dann eben nicht.«

Elcott fasste die Frau unter den Armen, hob sie hoch, um sie aufs Bett zu legen.

Da kam Bewegung in die Frauen. Sie fauchten und zischten wie Katzen.

Eine von ihnen schrie wild: »Lass sie liegen! Niemand darf sie töten! Niemand …«

Plötzlich bekam der Inspektor einen Tritt in den Hintern. Kleine, feste Fäuste trafen ihn in die Nieren, auf die Leber, in den Rücken. Sie spuckten nach ihm und kratzten ihn. Eine Hand krallte sich in seine Haare.

Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen Unterleib, als ihn dort ein Schlag traf.

Elcott ließ die Frau zu Boden gleiten und richtete sich wütend auf.

Die Tobenden ließen nicht von ihm ab. Sie schlugen weiter nach ihm. Sie traten, kratzten und spuckten.

Der Inspektor nahm seine Ellenbogen zu Hilfe und schob die Frauen zur Seite. Dann rannte er zur Tür.

Was hätte er tun sollen? Zurückschlagen?

Nein. Die Frauen sind krank. Sie können nichts dafür.

Unter der Tür drehte er sich nochmals um.

Wild entschlossene Gesichter blickten ihn an. Sie waren bereit, weiter für ihre Kollegin zu kämpfen. In den Augen der Frauen lag ein irrer Glanz.

Elcott ging hinaus und befahl einem uniformierten Polizisten, sich vor der Tür zu postieren.

Dann ging er ins Mordzimmer zurück.

Die Spurenexperten waren fertig und gerade dabei, ihre Geräte einzupacken.

»Noch was gefunden?«, fragte der Inspektor einen der Beamten.

Der schüttelte den Kopf.

»Nein.«

Elcott nickte und wandte sich an Frank Vallee, seinen jungen Mitarbeiter.

»Sieh doch mal nach, ob du jemanden vom Personal findest, der mit diesen verrückten Weibern umgehen kann«, sagte er.

Vallee blickte seinen Chef mit einem belustigten Lächeln an. Er sah die wirren Haare und die Kratzer.

»Tja, mit Frauen«, meinte er gedehnt, »ist das so eine Sache für sich.« Er grinste frech.

»Verschwinde, du Rotznase!«, fauchte Elcott. Aber seine Augen lachten. »Schick mir jemanden her, aber schnell! Und dann siehst du nach Lanner. Er müsste eigentlich längst wieder hier sein.«

Vallee verzog sich. Immer noch lag auf seinem hübschen Gesicht, das von halblangen blonden Haaren umrahmt war, ein amüsiertes Lächeln.

Er fand Mary Wood in dem kleinen Büro und schickte sie zum Inspektor. Dann ging er nach unten.

Claire Garden wurde gerade von einem Pfleger hereingetragen. Sie schrie, strampelte mit den Beinen und schluchzte immer wieder gequält auf.

Die Worte, die sie herausschrie, gaben kaum einen Sinn. Er hörte etwas von einem Gärtner und von Brad und Gorilla. Wirres Zeug.

Ihre Finger hatten sich um einen Arm des Pflegers gekrallt. Ihr langes Haar hing wirr nach allen Seiten.

Hinter den beiden kam der Professor. Dann weitere zwei Pfleger und Schwestern und anderes Hauspersonal.

Frank Vallee schloss sich ihnen an. Er blieb dicht bei Claire, um vielleicht doch noch etwas aufzuschnappen, das hätte ausgewertet werden können.

Aber er wurde enttäuscht.

Als Claire auf einen Behandlungstisch gelegt wurde, fragte Vallee den Professor: »Wann werden wir sie verhören können? Sie ist eine wichtige Zeugin.«

»Ich weiß es nicht«, erwiderte Professor Goddard grob. »Sie sehen doch, dass es nicht geht. Sie hat einen Schock.«

»Ich fragte ja auch nur wann.«

»Vielleicht morgen früh, vielleicht auch erst übermorgen. Oder noch später. Lässt sich schlecht sagen. Lassen Sie uns jetzt in Ruhe. Sie sehen doch, dass wir intensiv beschäftigt sind.«

»Okay, Professor, okay.«

Vallee ging hinaus.

Der Professor kam hinter ihm her. Aber er beachtete Vallee überhaupt nicht.

»Wo bleibt dieser Marshall überhaupt?«, brüllte er in den Gang.

Im selben Augenblick kam ein junger schwarzhaariger Mann von der Eingangstür her.

»Schon da«, sagte er mit auffallend hoher Stimme. Er sah gut aus und war kaum älter als fünfunddreißig.

»Wo haben Sie bloß gesteckt?«, fragte der Professor.

»Ich habe geschlafen«, erklärte Marshall. »Schließlich hatte ich vierundzwanzig Stunden hintereinander Dienst.«

»Es ist mir egal, wie lange Sie Dienst hatten. Wenn hier was los ist, haben Sie da zu sein. Klar?«

Marshall, der engste Mitarbeiter von Professor Goddard, antwortete nicht. Er wandte sich ab und bleckte wütend die Zähne. Und diese Zähne passten so gar nicht zu diesem gutaussehenden Mann.

Seine Zähne waren übergroß und unansehnlich gelb.

 

 

18. Kapitel

 

Die Ketten waren fast armdick, und die Verankerung in der Wand machte auch einen sehr soliden Eindruck. Die stählernen Armbänder um seine Handgelenke waren geschmiedet und etwa einen Zentimeter dick.

Ein fast unmögliches Unterfangen für den Riesen, sich loszureißen.

Und doch wurde es Sergeant Lanner mulmig. Mit wachsendem Entsetzen starrte er auf das Monstrum. Er konnte einfach nicht fassen, was er vor sich sah.

Dinge gibt’s, dachte er, die gibt’s gar nicht.

Er schloss die Augen und öffnete sie wieder.

Das Monstrum blieb Realität. Und die laut rasselnden Ketten machten dies noch deutlicher.

Durch die immer heftiger werdenden ruckartigen Schläge splitterten Plattenstücke von der Wand ab. Der Raum begann nach jedem Ruck des Riesen zu vibrieren.

Lanner zweifelte jetzt keinen Augenblick mehr daran, dass es das Monstrum mit dem Babygesicht schaffen würde, die Verankerung aus der Wand zu reißen.

Die Pistole in seiner Hand kam ihm mit einem Mal so winzig und nutzlos vor wie ein Stück Holz. Und doch gab sie ihm etwas Beruhigendes. Die 9mm-Geschosse würden im Ernstfall nicht gerade von dem Riesen abprallen.

Aber wie kommt dieses Ungetüm hierher?

Lanner schüttelte die fragenden Gedanken ab. Es hat keinen Sinn, jetzt darüber nachzudenken.

Mit einer schnellen Bewegung steckte er seine Pistole weg und sah sich nach einer Fluchtmöglichkeit um.

Es schien jedoch keine zu geben. Die Wände waren durchgehend getäfelt, bis zur Decke. Der Boden war ohne jede Unebenheit mit diesem dunkelblauen Linoleum ausgelegt.

Nirgends auch nur das geringste Anzeichen einer Tür oder eines Fensters.

An der Decke befand sich eine Art Luftschacht mit einem dünnen Gitter.

Doch wie sollte er hinaufkommen? Der Raum war gut drei Meter hoch und es gab weder Tisch noch Stuhl.

Aber schließlich war er – Lanner – doch hereingekommen.

Wieder tastete er die Wand ab, diesmal genauer. Seine Finger glitten suchend über die glatte Täfelung.

Nichts.

Verdammt!

Lanner wurde nervös. Kalter Schweiß brach ihm aus. Seine Finger begannen zu zittern, wurden feucht und verloren jedes Gefühl.

Hinter ihm krachte und splitterte es. Der Riese hatte es schon geschafft, eine der Halterungen aus der Wand zu reißen.

Der Sergeant drehte sich um und drückte sich mit dem Rücken an die Wand. Jetzt stand nur noch pure Angst in seinen Augen.

Er bewegte seine schon etwas füllig gewordene Gestalt an der getäfelten Wand entlang. Seine Beine zitterten und versagten ihm fast den Dienst.

Es war unheimlich, dem Monstrum zuzusehen, wie es immer wieder mit langsamen, aber kraftvoll ausgeführten, ruckartigen Bewegungen an der Halterung riss.

Dabei zeigte sein Babygesicht keinerlei Regung, und seine Augen wirkten leblos.

Lanner drehte sich wieder mit dem Gesicht zur Wand. Er war jetzt am anderen Ende des Raumes. Wieder tastete er die Wand ab.

Aber es war genauso vergeblich wie vorher. Die Fläche war durchgehend glatt.

Er wurde bei seiner Suche auch ständig gestört. Durch das heftige Klirren der Ketten und das Vibrieren der Wände konnte er sich nicht konzentrieren.

Das Ungetüm begann jetzt leise, quiekende Laute auszustoßen. Aber sein kleiner Mund bewegte sich nicht. Es sah aus, als wäre sein Gesicht völlig gelähmt. Ein maskenhaft starres Babygesicht auf dem Rumpf eines Riesen.

Und dann löste sich auch die zweite Halterung krachend aus der Wand.

Wieder flogen Stücke der Täfelung durch die Luft. Mörtel und Steinbrocken folgten.

Das hässliche Rasseln der Ketten zerrte an Lanners Nerven.

Doch plötzlich trat für einige Sekunden völlige Stille ein. Sergeant Lanner hielt unwillkürlich den Atem an und sah mit weit aufgerissenen Augen auf das furchteinflößende Wesen.

An den seitlich ausgestreckten Armen des Ungetüms hingen die herausgerissenen Ketten herab. Unter der zerschlissenen Kleidung spielten seine Muskeln.

Langsam setzte sich der Riese in Bewegung. Mit plumpen Schritten kam er auf Lanner zu.

Wie ein Roboter, schoss es dem Sergeant durch den Kopf. Einen Roboter setzt man außer Gefecht, indem man sein ferngesteuertes Antriebswerk lahmlegt.

Aber dies hier war kein richtiger Roboter, sondern ein Mensch. Zumindest hatte er die Gestalt eines Menschen, wenn auch überdimensioniert.

Lanners Hirn arbeitete fieberhaft.

Der Muskelberg war auf fünf Schritte heran. Jedes Mal wenn er einen seiner riesigen Füße auf den Boden setzte, glaubte Lanner, der Raum würde unter der Wucht des Auftretens erzittern.

Einen Menschen kann man töten, indem man ihm ins Herz schießt.

Er zog seine Dienstpistole heraus, hielt sie mit beiden Händen fest und zielte auf das Herz.

Die Detonation des Schusses drohte ihm fast das Trommelfell zu zerreißen. Der Pulverrauch stieg ihm beißend in Nase und Augen.

Lanner hörte deutlich, wie die Kugel in den Körper des Riesen einschlug.

Doch dieser zeigte nicht die geringste Wirkung. Er verhielt nicht einmal seinen Schritt. Unaufhaltsam kam er auf den Sergeanten zu.

Der war für einen Moment verwirrt. Er hatte doch die Kugel einschlagen hören. Aber der Riese tapste weiter. Lanner sah nicht mal Blut.

Er müsste doch zumindest bluten …

Der Sergeant steppte einige Schritte zur Seite. Und dann warf er sich blitzschnell zu Boden.

Keine Sekunde zu früh. Das hässliche Schwirren und Klirren der Kette zog über seinen Kopf hinweg.

Der verkrüppelte Riese hatte mit den Ketten nach ihm geschlagen.

Sofort rappelte sich Lanner wieder hoch und rannte in die Richtung, aus der das Monstrum kam.

Schwerfällig drehte es sich um und kam wieder auf ihn zu. Immer noch zuckte kein Muskel in seinem Babygesicht. Seine Augen waren starr auf Lanner gerichtet, seine Arme standen wieder weit vom Körper weg.

Mit gleichmäßig langsamen, tapsigen Schritten schob er seinen Fleischberg nach vorn.

Der Sergant hatte die plumpe Drehung bemerkt und sofort einen Entschluss gefasst. Einen gefährlichen Entschluss, denn er konnte ins Auge gehen.

Noch einmal legte er seine Pistole an. Wieder zielte er auf das Herz.

Die Wirkung war gleich Null.

Lanner schoss noch zweimal. Auch diesmal vergeblich. Der Riese zeigte keinerlei Reaktionen.

Der Sergeant steckte seine Pistole weg und zog sein Messer heraus. Dann begann er, in genügendem Abstand das Ungetüm zu umkreisen.

Der Riese versuchte, die Kreisungen mitzumachen. Aber er war viel zu langsam.

Als der Sergeant in seinem Rücken angekommen war, warf er sich zu Boden und zerschnitt in einem Zug die Achillessehne des Muskelberges.

Sofort versuchte er wieder, aus dem Bereich des Riesen zu kommen. Doch er schaffte es nicht schnell genug.

Das Monstrum begann zu schwanken. Auf einem Bein drehte es sich um die halbe Achse. Dann fiel es um. Und genau in die Richtung, in die Lanner fliehen wollte.

Durch die Länge des Ungeheuers kam Lanner nicht mehr schnell genug aus dem Gefahrenbereich. Die nach vorn geschwungenen Ketten trafen ihn auf der rechten Schulter.

Der Sergeant wurde zu Boden geschleudert und blieb für einige Sekunden benommen liegen.

Das genügte. Der gefällte Riese kroch auf ihn zu, packte ihn, hob ihn wie ein Bündel Stroh hoch und schleuderte ihn an die Wand.

Unter der Wucht des Aufpralls erzitterte der Raum. Sergeant Lanner fiel wie ein nasser Sack zu Boden. Einige Platten, die sich gelöst hatten, fielen hinterher.

Sergeant Lanner rührte sich nicht mehr.

Das Ungetüm mit dem Babygesicht schleppte sich robbend auf die zusammengekrümmte Gestalt des Yard-Mannes zu. Er schien überhaupt keine Schmerzen zu kennen.

Immer noch war sein Gesicht maskenhaft starr. Seine Bewegungen langsam, aber kraftvoll wie vorher.

Und doch war er angeschlagen. Deutlich sah man auf dem dunkelblauen Boden die nasse Spur, die er hinter sich herzog. Aus seiner Brust tropfte langsam aber stetig die helle Flüssigkeit. Ebenfalls aus seinem Bein, an dem die Achillessehne durchgeschnitten war.

Der Riese hatte Lanner erreicht. Langsam richtete er sich ein wenig auf und begann dann mit seiner Arbeit.

 

 

19. Kapitel

 

»Haben Sie Lanner gefunden?«

»Nein, Inspektor. Noch nicht. Aber ich habe …«

»Ich brauche Lanner«, unterbrach der Inspektor Vallee. »Und zwar schnellstens. Ich habe dir gesagt, du sollst ihn suchen.«

»Schon gut, ich mache mich wieder auf die Socken«, sagte Vallee. »Aber ich dachte, es würde Sie vielleicht interessieren …«

»Was?«

»Man hat die Garden gefunden.«

»Wo ist sie?«

»Unten im Behandlungszimmer. Aber sie ist nicht vernehmungsfähig. Sie hat einen Schock erlitten.«

Inspektor Elcott machte ein saures Gesicht.

»Warum hast du es dann so eilig, mir das mitzuteilen? In fünf Minuten hätte ich es sicherlich auch so erfahren. Und es hätte dann auch noch genügt, wenn sie überhaupt nicht vernehmungsfähig ist.«

»Ich habe da von ihr etwas aufgeschnappt, mit dem ich nichts anfangen kann. Ich dachte nur, ich sage es Ihnen, vielleicht können Sie …«

»Nun rede schon!«, unterbrach Elcott ungeduldig. »Was hast du aufgeschnappt?«

»Als die Garden hereingetragen wurde, stammelte sie etwas von einem Gärtner und Brad und Gorilla. Aber ich konnte keine Zusammenhänge heraushören. Es klang alles so abgehackt und durcheinander.«

Elcott wurde hellhörig.

»Von einem Brad sprach sie, sagtest du? Und von einem Gärtner?«

»Ja. Und von einem Gorilla.«

Brad – Brad Staiger, Claire Gardens Vetter. Sie konnte nur von ihm gesprochen haben.

Aber was sollte der Gärtner?

Ob Brad Staiger und der Gärtner ein und dieselbe Person sind?

Plötzlich hatte es Michael Elcott eilig.

»Such mir Lanner!«, sagte er noch zu Vallee, dann ging er die Treppe hinunter.

Unten traf er auf Dr. Marshall, der sich einen weißen Kittel angezogen hatte.

»Wo wohnt der Gärtner?«, fragte Elcott.

»Drüben im Gärtnerhaus«, antwortete Marshall. Er sah Elcott prüfend an.

Der Inspektor zog seine Marke heraus und hielt sie Marshall vor die Nase.

»Wo ist das Haus?«, fragte er gleichzeitig.

Dr. Marshall betrachtete die Marke kurz, dann nickte er und sagte: »Kommen Sie, ich zeige es Ihnen!«

Er nahm Elcott am Arm und ging mit ihm zum Portal. Unter der Tür blieb er stehen.

»Gehen Sie genau in diese Richtung«, sagte Dr. Marshall. Er zeigte irgendwo in die Dunkelheit. »Sie können das Haus dann nicht verfehlen.«

Ohne ein weiteres Wort lief Elcott los.

Es dauerte einige Zeit, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Doch dann konnte er den schmalen Kiesweg vor sich sehen.

Das Gärtnerhaus fand er schnell. Durch die Ritzen der Fensterläden fiel ein feiner Lichtstrahl, dem Elcott nur zu folgen brauchte.

Bevor er das Haus betrat, schlich er sich einmal um das Haus, um eventuell einen anderen Ausgang zu finden.

Aber es gab keinen. Nur die eine Tür und die Fenster, an denen die Fensterläden zugezogen waren.

Der Inspektor zog seine Pistole heraus und entsicherte sie. Dann drückte er die Türklinke herunter.

Die Tür war offen.

Mit einem schnellen Satz sprang er über die Schwelle und drückte sich sofort an die Wand.

Doch im Haus blieb alles still.

Elcott stand in dem kleinen Wohnzimmer. Die Lampe über dem schweren Holztisch schwankte leicht, als hätte jemand daran gestoßen.

Der Inspektor zog die Tür zu und sah sich im Raum um.

Die Lampe hing jetzt wieder ruhig. Neben dem Tisch lag ein umgestürzter Stuhl. Eine leere Whiskyflasche und ein Pappbecher lagen auf dem Boden.

Aber es war keine Menschenseele zu sehen.

»Ist hier jemand?«, rief Elcott.

Er bekam keine Antwort.

Langsam ging er weiter in das Wohnzimmer hinein, die Pistole im Anschlag.

Die Tür zum Schlafzimmer stand offen. Auch dort brannte Licht.

Das Bett war verschoben und zerwühlt. Und auf dem Laken fand Elcott Blutspuren.

Es war frisches Blut. Er warf die Bettdecke zur Seite und sah noch mehrere Blutspuren.

Was war hier vorgegangen?

Die Antwort auf diese Frage fand Elcott, als er sich umdrehte.

In der Ecke des Schlafzimmers, das etwas im Dunkeln lag, hing ein Mann.

Der Gärtnergehilfe mit dem Buckel.

Ein Schauer zog über den Rücken des Inspektors. Er war vieles gewohnt und hatte in seiner langen Dienstzeit so manches erlebt. Aber ein solcher Anblick ließ auch ihn nicht kalt.

Der Bucklige war an einem dünnen Draht aufgehängt worden. Sein Gesicht war blutüberströmt, und zwischen seinen Lippen hing die Zunge weit heraus.

 

 

20. Kapitel

 

Frank Vallee glaubte seinen Augen nicht zu trauen. Er hatte gesehen, wie ein stark behaartes Wesen hinter einer versteckten Tür verschwunden war.

Ein Affe. Ein Gorilla.

Mein Gott, ich bin doch nicht verrückt. Oder doch? Die Frauen hier können einen schon so weit bringen.

Er ging zu der Tür. Eine Treppe führte nach unten. Aber es war nichts zu sehen.

Vallee knipste das Licht an.

Die Treppe war leer. Er konnte hinuntersehen. Auch unten war nichts zu entdecken.

Er schüttelte den Kopf.

Wahrscheinlich bin ich doch verrückt. Was soll ein Gorilla in dem Haus? Wie sollte er hereinkommen? Und wo sollte er herkommen?

Vielleicht sollte ich Professor Goddard konsultieren.

Frank Vallee schloss die Tür und drehte sich um. Und da fielen ihm die Worte Claire Gardens ein.

Was sagte sie noch? Sie sprach von einem Brad und vom Gärtner und …

Natürlich! Sie erwähnte noch einen Gorilla. Und er – Valley – hatte gerade einen gesehen.

Er machte auf dem Absatz kehrt und ging vorsichtig die Treppe hinunter. Unten blieb er stehen, hielt den Atem an und lauschte.

Es war nichts zu hören.

Unentschlossen stand er vor den drei Gängen. Wohin? Nach rechts? Nach links? Oder …

Er ging geradeaus, sah sich immer wieder nach allen Seiten um. Doch es blieb alles still.

Irgendwo muss das Tier ja sein.

Er drehte das Licht in dem Gang an und ging langsam hinein. Links und rechts waren Türen. Er versuchte, die Erste zu öffnen. Sie war abgeschlossen.

Auch die nächsten Türen waren verschlossen. Erst die letzte Tür ließ sich öffnen.

Vallee drückte sie vorsichtig auf und machte Licht. Die Birne, die nur an einer einfachen Fassung von der Decke herunterhing, spendete nur einen schwachen, matten Schein.

Aber es genügte, um zu sehen, dass der Raum außer einem sargähnlichen Kasten leer war.

Frank Vallee ging hinein.

Als er das Schnappen der Tür hörte, war es schon zu spät. Sie war zu, von außen wurde der Schlüssel umgedreht. Zwei starke Riegel wurden vorgeschoben.

Sofort warf sich Vallee mit der Schulter gegen die Tür. Aber sie gab keinen Millimeter nach.

Von draußen erklang ein hämisches, spöttisches Lachen. Es hörte sich an wie das eines Irren – hoch und schrill und verrückt.

Der junge Yard-Beamte konnte nicht verhindern, dass es ihm eiskalt über den Rücken lief.

Dann verstummte das Lachen. Es wurde wieder unheimlich still. Nur sein verhaltener Atem und sein schneller pochendes Herz waren zu hören.

Vallee bückte sich nach dem Schlüsselloch. Der Schlüssel steckte noch. Das Schloss wäre kein Problem. Zwei Schüsse aus seiner Pistole würden es ohne Weiteres sprengen.

Aber dann dachte er an die beiden Riegel, die vorgeschoben worden waren.

Wer konnte ihn eingesperrt haben? Der Gorilla? Hat der ihn herunterkommen sehen?

Das ist doch verrückt! Wie soll ein Gorilla …

Und wenn es gar kein Gorilla war? Es muss ein Mensch gewesen sein. Dieses verrückte Lachen, so hoch und schrill. Nur ein Wahnsinniger kann das gewesen sein.

Aber wer?

Egal, verdammt noch mal. Ich muss hier raus. Ich muss sofort hier raus! hämmerte es in Vallees Schädel.

Er sah sich nach einem harten Gegenstand um. Doch es gab keinen solchen. Der Kellerraum war leer, bis auf die Kiste.

Vallee wollte gerade zu der Kiste gehen, als das laute Fauchen einer Wildkatze an sein Ohr drang. Das Fauchen war so grell und laut, dass es in seinen Ohren schmerzte.

Und dann sah er das Tier. Nur knapp einen Meter von ihm entfernt saß ein Tiger auf einem Ast, bereit, sich jeden Moment auf ihn zu stürzen.

Ein eisiger Schrecken durchzuckte seine Glieder. Unwillkürlich wich er zurück.

Er stieß gegen die Kiste, stolperte, fiel halb über sie und rappelte sich wieder hoch.

Das Fauchen wurde nun noch lauter und drang von allen Seiten auf ihn ein. Der ganze Raum schien damit angefüllt zu sein.

Vallee griff zur Pistole. Aber er bekam sie nur halb heraus. Das riesige Tier sprang ab und flog mit weit geöffnetem Maul genau auf ihn zu.

Blitzschnell ließ sich Frank Vallee fallen, rollte sich auf dem Boden ab und kam sofort wieder auf die Beine.

Er wollte sich auf die Raubkatze werfen, wollte sich wehren.

Aber sie war nicht mehr da. Der Tiger war weg und auch sein Gefauche … Es war wieder totenstill wie in einer Kirche. Vallee war völlig allein mit der Kiste.

Verdutzt und mit ungläubigem Staunen im Gesicht, stand Frank Vallee mitten im Raum.

Ich bin doch noch nicht verrückt. So schnell kann es doch nicht gehen. Ich bin doch erst vier Stunden in diesem Haus. Das soll es zwar schon gegeben haben, dass jemand, der unter lauter Verrückten weilt, auch wahnsinnig wird. Aber ganz bestimmt nicht in vier Stunden.

Er rieb sich die Augen, fuhr sich über die Haare und kniff sich in den Arm.

Die Reaktionen waren normal. Als er die Augen öffnete, sah er sich in dem Raum stehen. Die Haare fühlten sich an wie immer. Der Arm schmerzte, als er sich kniff. Und die Kiste war auch da.

Eine Halluzination? Sicher. Anders konnte er sich es nicht vorstellen.

Oder Platzangst?

Vallee war vorher noch nie in so einem engen Raum eingesperrt gewesen. Und die Gemäuer sahen nicht gerade einladend aus. Sie waren alt und grau und an manchen Stellen schon brüchig.

Vallee schüttelte die Gedanken ab.

Raus! Einfach raus hier!

Er ging zu der Kiste und versuchte sie zu öffnen. Aber der Deckel war sehr schwer, und er riss sich dabei die Fingernägel ab.

Frank zog sein rechtes Hosenbein hoch und zog das unter dem Knie befestigte Messer heraus. Mit der Klinge fuhr er in die Ritze zwischen Kiste und Deckel.

Diesmal gelang es. Er konnte den Deckel anheben und mit den Fingern nachfassen.

Wuchtig hob er ihn hoch … und erstarrte.

Vor ihm im Sarg lag eine Mumie.

 

 

21. Kapitel

 

Die Männer vom Spurensicherungsdienst waren nun schon zum zweiten Mal im Irrenhaus. Mit ihnen Dr. Warner.

»Wenn Sie heute Nacht noch eine dritte Leiche für mich haben, dann quittiere ich morgen früh meinen Dienst«, sagte Warner zum Inspektor.

»Aber, mein lieber Doc, das können Sie mir doch nicht antun«, antwortete Elcott. »Mit wem soll ich mich denn dann streiten?«

»Von mir aus mit der Queen persönlich. Ich bin ein alter Mann. Ich brauche meine Nachtruhe.«

Elcott grinste ihn an.

»Ihre Nachtruhe kenne ich«, sagte er. »Die halten Sie doch grundsätzlich in einer Bar ab.« Dann ernst: »War er vorher schon tot?«

»Nein. Er war nur bewusstlos.«

Elcott nickte, sah sich nochmals im Schlafzimmer um.

»Es hat ein Kampf stattgefunden«, konstatierte er und warf einen Blick auf den Toten. »Er sieht kräftig aus. Derjenige, der ihn überwältigt hat, muss über enorme Kräfte verfügen.«

»Das möchte ich nicht sagen«, meinte Dr. Warner. »Der Gärtnergehilfe war ohne Zweifel sehr stark. Aber ein Mann, der etwas von Judo versteht, legt ihn ohne Weiteres aufs Kreuz, auch ohne viel Kraft.«

»Da mögen Sie recht haben.«

Für Inspektor Elcott gab es hier nicht mehr viel zu tun. Und der Doktor war auch fertig.

Sie gingen zusammen zum Haus zurück.

»Ein schwieriger Fall, was?«, fragte Dr. Warner.

»Ja und nein. Ich glaube zu wissen, wer der Mörder ist. Wie gesagt: ich glaube es, obwohl ich keinen blassen Schimmer habe.«

»Das verstehe ich nicht.«

»Macht nichts, Doc. Sie sind ja noch jung. Vielleicht lernen Sie’s noch.«

»Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen, was?« Dr. Warner sah ihn tadelnd an.

»Ich? Nein. Dazu habe ich keine Veranlassung.«

Inspektor Elcott grinste ihn wieder an. Mit einer schnellen Bewegung schoss seine Hand nach vorn, und zwei Finger verschwanden in der Brusttasche des Doktors.

Doch diesmal zog er seine Hand mit einem leisen Aufschrei zurück.

An seiner Hand hing eine kleine Falle, deren starke Feder sich um seine Finger gewickelt hatte.

»Ich sagte Ihnen ja, eines Tages …«

»Verdammt!« Elcott drückte vorsichtig die Feder auf und warf sie im hohen Bogen in die Dunkelheit.

Dann grinste er schon wieder.

»Jetzt haben Sie sich endlich mal revanchiert. Das freut mich für Sie, Doc.«

»Das wird Ihnen nun hoffentlich eine Lehre sein.«

»Ganz sicher, Doc.«

Aber dabei grinste Elcott so schelmisch, dass ihm der Arzt kein Wort glaubte.

Sie gingen ins Sanatorium, das landläufig nur Irrenhaus genannt wurde.

In der Halle kam ihnen die schwarzhaarige Sekretärin des Professors entgegen.

»Ich hätte Sie gern mal gesprochen, Inspektor«, sagte sie leise.

»Bitte. Was haben Sie auf dem Herzen?«

Miss Brooks sah zum Arzt.

»Sie finden mich bei Professor Goddard, wenn Sie mich noch mal brauchen sollten«, sagte Dr. Warner.

»Ist gut, Doc.« Der Inspektor wandte sich wieder Miss Brooks zu. »Was gibt’s also?«

Die Schwarzhaarige druckste verlegen herum.

»Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll. Es ist so … Vielleicht lachen Sie mich auch aus.«

»In meinem Beruf verlernt man das Lachen.«

Miss Brook sah sich um. Sie waren allein in der Halle. Dann sagte sie: »Ich habe das Gefühl, dass in diesem Haus einiges nicht stimmt.«

»Das Gefühl habe ich allerdings auch«, brummte Inspektor Elcott.

»Nein, ich meine, jetzt abgesehen von dem Mord.«

»Sie meinen zwei Morde.«

»Zwei?«

»Ja, der Gärtnergehilfe wurde auch umgebracht.«

»Der Bucklige?«

»Genau der.«

Die Schwarzhaarige sah ihn entsetzt an.

»Das ist ja furchtbar. Wer tut so etwas? Wer kann das getan haben?«

»Ich weiß es noch nicht«, antwortete Elcott wahrheitsgemäß. »Aber Sie wollten mir doch etwas sagen.«

»Ja, natürlich.« Sie sah sich misstrauisch um. »Hier verschwinden manchmal Patienten auf die merkwürdigste Weise. Sie sind einfach weg«, sagte sie dann flüsternd.

Elcott blickte ungläubig auf das schwarzhaarige Mädchen.

»Sind Sie ganz sicher? Kann es nicht sein, dass diese Patienten entlassen wurden?«

»Nein. Alle Entlassungen gehen durch meine Hände. Außerdem handelt es sich um lauter schwere Fälle.«

»Und wie sollte das vor sich gegangen sein? Es können doch nicht einfach Patienten verschwinden, ohne dass jemand etwas merkt.«

»Das ist es ja«, sagte Miss Brooks verzweifelt. »Ich bin die Einzige, die es bemerkt hat.«

»Das verstehe ich beim besten Willen nicht. Die Stationsschwester, die Pfleger – sie müssen es doch bemerkt haben. Ganz abgesehen vom Professor.«

Ihre Augen verdunkelten sich.

»Ich habe den Verdacht, dass der Professor dahintersteckt«, raunte sie.

»Der Professor?«

Die Brooks nickte.

Elcott nahm sie am Arm und zog sie mit.

»Kommen Sie, gehen wir irgendwohin, wo wir ungestört sprechen können! Jetzt müssen Sie mir etwas mehr darüber erzählen.«

»Wir könnten in mein Zimmer gehen.«

»Einverstanden.«

Einige Minuten später saß Inspektor Elcott dem Mädchen im Zimmer gegenüber.

»Versuchen Sie, alles der Reihe nach zu berichten. Wie hat es angefangen? Wie kommen Sie darauf?«

»Also, das war so«, begann die Sekretärin des Professors. »Vor einem halben Jahr kam eine Patientin hierher. Sie war sehr schlimm dran. Sie war bösartig und richtig brutal. Sie schlug, kratzte und biss jeden, der in ihre Nähe kam. Selbst in der Zwangsjacke versuchte sie es noch. Und diese Patientin kannte ich von früher. Sie war mal eine Nachbarin von mir.«

Sie machte eine Pause, nahm eine Zigarette aus der Packung und reichte die Packung auch Elcott.

Der Inspektor gab Feuer.

»Eine Woche nachdem sie bei uns eingeliefert worden war, musste ich, wie schon öfters, eine Überweisung in ein anderes Sanatorium schreiben. Der Professor mag keine solchen schweren Fälle bei sich. Nur solche, die gut zahlen, lässt er hier. – Am nächsten Tag war sie fort. Da es sich um eine Bekannte von mir gehandelt hat, wollte ich mal sehen, wie es ihr geht. Ich fuhr zu dem Sanatorium, das ich immer auf die Überweisungen geschrieben habe. Aber es gab kein Sanatorium mit dem Namen. Es gab überhaupt kein Sanatorium in der Stadt.«

»Und jetzt vermuten Sie, dass der Professor …«

»Ich weiß nicht, was ich denken soll. Ich weiß nur, dass ich – schreckliche Angst habe.«

»Warum sind Sie nicht gleich zur Polizei gegangen?«

»Eben aus Angst.«

»Vor wem?«, hakte der Inspektor sofort nach.

»Ich weiß es doch selbst nicht. Vielleicht vor dem Professor. Vielleicht davor, dass ich mich unsterblich blamieren könnte. Es könnte ja sein …«

Sie unterbrach sich, weil sie selbst nicht an das glaubte, was sie sagen wollte.

»Ist Ihnen sonst noch etwas aufgefallen?«

»Ja …« Sie zögerte. Dann: »Wir haben unten einen riesengroßen Keller. Es ist unheimlich dort. Es gibt eine Menge Gänge und Türen. Und dann hört man manchmal so komische Geräusche.«

»Welche Geräusche?«

Miss Brooks zuckte hilflos die Schultern.

»Es ist schwierig, die näher zu beschreiben. Einfach komisch, selten.«

»Ich werde sie mir anhören«, sagte Elcott und erhob sich.

»Da ist noch was.« Die Schwarzhaarige hielt ihn zurück. »Es gibt dort unten einen Raum, in dem werden Materialien aufbewahrt, die man zum Einbalsamieren von Leichen benutzt.«

Und schon machte Elcott kehrt und rannte aus dem Zimmer.

 

 

22. Kapitel

 

Die Mumie lebte. Sie bewegte sich, warf sich leicht hin und her.

Mein Gott, das ist ja …

Frank Vallee hob den Deckel jetzt ganz hoch und kippte ihn nach hinten.

Es war auch keine richtige Mumie. Die Augen und die Nase waren frei. Ebenso die linke Armbeuge.

Frank Vallee verstand gar nichts mehr.

Ist dieser Mensch hier als Mumie verpackt worden, um auf diese Weise zu krepieren? Oder steckt hier etwas anderes dahinter?

Er fing an auszupacken.

Aber bald wurden seine Hände langsamer. Die Augen, die ihn anstarrten, hatten etwas Lüsternes an sich. Eher tierisch als menschlich. Sie waren rabenschwarz, die Pupillen sehr groß.

Vallee stellte seine Arbeit ein. Er nahm sein Messer zur Hand und schnitt die Binden um den Mund und die Stirn herum auf.

Dann riss er daran und legte das Gesicht frei.

Frank brachte gerade noch rechtzeitig seine Finger weg. Als der Mund frei lag, öffnete er sich und schnappte nach der Hand des Mannes.

Frank Vallee zuckte zurück. Eine eiskalte Hand schien nach seinem Herzen zu greifen, als er in das Gesicht der vor ihm liegenden Mumie blickte.

Es war das Gesicht einer Frau. Aber in den Zügen lag nichts Frauliches mehr. Es war von tiefen Furchen und Falten übersät. Die Lippen waren aufgeworfen und brüchig, als wären sie zu lange dem Sonnenlicht ausgesetzt gewesen. In den Augen glomm ein gefährliches Feuer.

Sie begann zu zischen. Die Lippen öffneten sich, und Schaum trat auf ihren Mund.

Vom Grauen gepackt wich Vallee langsam weiter zurück. Die Frau hob den Oberkörper an. Die Augen funkelten wild, das Zischen wurde lauter und heftiger, der Schaum spritzte auf Vallees Kleidung.

Dann fiel die Mumie zurück.

Aber sie versuchte es wieder. Vallee hatte sie schon sehr weit von ihren Umwicklungen befreit. Zwar waren Arme und Beine noch zusammengebunden, doch sie konnte ihren Körper schon durchbiegen.

Ihre Gesichtszüge wurden noch verzerrter. Aus dem Zischen wurde ein heiseres Krächzen. Sie begann zu keuchen und zu stöhnen.

Aber sie schaffte es nicht. Sie sank erneut nach hinten. Doch unentwegt kämpfte sie weiter.

Wieder erschien ihr Kopf über dem Rand der Kiste. Nun war überhaupt nichts Menschliches mehr an ihr. Ihre Fratze glich der einer mordgierigen Bestie.

Wild und verzweifelt versuchte sie, sich von den letzten Bandagen zu befreien. Immer mehr Schaum trat auf ihren Mund, und die Falten schienen sich zu verdoppeln.

Plötzlich ging das Licht aus.

Vallee stand völlig im Dunkeln. Nur die Augen der mordlüsternen Bestie starrten ihn an wie zwei glühende Kohlen.

Hinter Frank Vallee leuchtete grünliches Licht auf.

Blitzschnell drehte er sich um – und blickte auf ein grünschimmerndes Skelett. Ein klapperndes Geräusch war zu hören. Knochen auf Knochen.

Es bewegte sich, kam genau auf Frank Vallee zu.

Der begann zu zittern. Seine Hand umspannte. das Heft des Messers fester.

Er warf einen gehetzten Blick zurück. Die glühenden Augen waren verschwunden, aber das Skelett blieb.

Der hohle Schädel bewegte sich auf den fleischlosen Schultern hin und her. Der Unterkiefer fiel herab und wurde dann wieder schnell nach oben gezogen.

Das Geräusch der zusammenschlagenden Zähne ging Frank durch Mark und Bein. Es wiederholte sich, wurde immer schneller. Das Klappern wurde lauter, schwoll an, und bald war der ganze Raum davon erfüllt.

Es hörte sich an, als würden hundert Pferde über eine Pflasterstraße jagen, nur noch greller.

Durch Franks Schläfen zuckte ein stechender Schmerz. Seine Trommelfelle vibrierten. Seine Nerven begannen zu flattern und schüttelten ihn durch.

Das Skelett kam langsam aber stetig näher. Und bei jedem Schritt wurde das Geräusch der aufeinanderprallenden Knochen lauter.

Mit einem wilden Schrei stürzte sich Frank auf das grausige Skelett.

Die Hand mit dem Messer stieß nach vorn. Es traf auf etwas Hartes, Steiniges. Funken sprühten, und seine Hand rutschte über einen kompakten, kantigen Gegenstand.

Dumpf schlug sein Körper auf dem Boden auf. Sein Kopf stieß gegen die Wand.

Für einige Sekunden blieb er benommen liegen. Kleine, funkelnde Sterne tanzten vor seinen Augen. Aber er erhob sich sofort wieder, rieb sich den schmerzenden Kopf und reckte sich entschlossen.

Es war totenstill und stockdunkel um ihn. Kein klapperndes Geräusch mehr und kein Skelett.

Nichts.

Nur unheimliche Stille und Düsternis.

Das ist der Anfang vom Ende. So fängt es ganz sicher an. Ich werde verrückt. Nein, ich bin schon verrückt. Ich sehe Gespenster, Wildkatzen und Skelette. Und das alles in einem kleinen, engen Kellerraum.

Frank Vallee, der junge Beamte vom Yard, seufzte schwer. Seine rechte Hand, die das Messer umspannt hielt, brannte wie Feuer. An seiner Stirn bildete sich langsam eine Beule.

Er warf einen Blick zur Kiste und sah genau in das glühende Augenpaar.

Fast atmete er erleichtert auf. Wenigstens ist das keine Halluzination. Die Mumie ist da.

Aber was war das andere? Der Tiger vorher und dann dieses Knochengerüst. Hatte er sich das wirklich nur eingebildet? Hatten ihm da seine Nerven einen Streich gespielt?

Frank Vallee schüttelte den Kopf.

»Nein«, murmelte er vor sich hin. »Das war Wirklichkeit. Was ich gesehen habe, war keine Einbildung. Halluzinationen geben keine Geräusche von sich.«

Er verstummte, richtete seinen Blick wieder in Richtung auf die Kiste. Er konnte sie nicht sehen. Dafür die hell leuchtenden Augen. Und er hörte wieder das ihm schon bekannte Krächzen und laute Stöhnen.

Die glühenden Punkte begannen nun auf- und abzutanzen. Die Bestie schien, sich aufrichten zu wollen.

Das Brennen auf Vallees rechtem Handrücken verstärkte sich. Aber er hatte jetzt keine Zeit, sich darum zu kümmern.

Er hatte genug damit zu tun, die aufkommende Angst zu unterdrücken. Seine Handflächen wurden feucht. Kalter Schweiß brach aus seinen Poren.

Vallee ließ das Messer fallen, wischte sich die Hände an der Hose ab und zog seine Pistole heraus. Er war fest entschlossen, dem Spuk ein Ende zu machen und zu schießen. '

Da verschwanden die glühenden Punkte urplötzlich. Er hörte ein dumpfes Poltern und ein leises Quieken.

Dann trat wieder Totenstille ein.

Doch die lähmende Stille währte nicht lange. Ein seltsames hohes Schwirren drang an seine Ohren. Es schwoll an, ebbte ab und kam verstärkt wieder auf.

Er glaubte, Nervenstränge aus Glas zu haben, die bei dem hohen, schrillen Ton nacheinander platzten.

Sein Körper bebte.

Vor ihm tauchten abermals die glühenden Kohlen auf. Sie begannen zu schwanken. Es waren nicht mehr zwei, sondern vier, sechs, acht. Und noch mehr.

Sie kamen auf ihn zu.

Unter Aufbietung all seiner Kräfte hob er die Pistole an. Aber seine Hand zitterte so stark, dass er nicht zum Abdrücken kam.

Er nahm die linke Hand dazu, stützte die Schusshand ab.

Dann zog er durch.

Der Knall war kaum zu hören. Vallee vernahm auch nicht den Einschlag und das dumpfe Poltern. Er registrierte nur, wie die Lichter plötzlich verschwanden.

Doch das nervenzerfetzende Schwirren blieb.

»Aufhören!«, brüllte er. »Sofort aufhören! Das ist zum Wahnsinnigwerden!«

Frank suchte im Dunkeln nach der Tür und stieß mit dem Kopf dagegen.

Verzweifelt richtete er die Pistole auf das Schloss und drückte dreimal ab.

Es krachte und splitterte. Aber die Tür hielt. Er schoss weiter, bis das Magazin leer war.

Dann trat er mit den Füßen dagegen.

Ein stechender Schmerz fuhr in seine Zehen.

Vallee nahm Anlauf und warf sich mit seinem vollen Gewicht dagegen.

Sie hielt dem Anprall stand. Auch dem nächsten und dem übernächsten.

Beim vierten Mal prallte Vallees Kopf hart gegen das Holz. Mit einem leisen Seufzer brach er zusammen.

 

 

23. Kapitel

 

Den ersten Schuss hörte Inspektor Elcott, als er auf der obersten Treppenstufe war.

Sein Schritt stockte. Er horchte in den Keller hinunter und versuchte herauszufinden, aus welcher Richtung der Schuss gekommen war.

Dann krachten drei weitere Schüsse.

Elcott stürmte hinunter. Er nahm immer drei Stufen auf einmal. Auf der letzten stolperte er und fiel.

Sofort rappelte er sich hoch und rannte in den Gang hinein, aus dem die Schüsse kamen.

Und dann vernahm er dieses unheimliche Schwirren. Es zerrte und riss an seinen Nerven.

»Vallee, wo sind Sie?«, rief er laut.

Er bekam keine Antwort. Dafür hörte das schrille Schwirren auf. Es wurde still.

Inspektor Elcott ging langsam weiter. Die Pistole im Anschlag, versuchte er, eine Tür nach der anderen zu öffnen.

Aber sie waren abgeschlossen.

An der letzten Tür sah er, dass das Schloss zerschossen war. Er schob die beiden großen Riegel zurück und zog die Tür auf.

Vallee fiel ihm fast entgegen.

Seine Hand hielt krampfhaft die leergeschossene Pistole umspannt. Aus seiner Stirn lief ein feiner Blutfaden über sein verzerrtes Gesicht.

Michael Elcott bückte sich, zog seinen Mitarbeiter in den Gang heraus und legte ihn auf die Seite.

Oben auf der Treppe wurde es laut. Miss Brooks hatte Alarm geschlagen. Zwei Pfleger kamen herunter. Und Miss Brooks.

Der Inspektor betätigte den Lichtschalter, der außen angebracht war, und ging in den Kellerraum.

Sein Blick fiel sofort auf die geöffnete Kiste.

Mit Grauen sah er auf die halb ausgepackte Mumie. Das Gesicht sah aus wie ein dreckig-brauner Teigbatzen. Weder Mund noch Nase waren zu erkennen. Nur die weit aufgerissenen Augen, aus denen jetzt nur noch das Weiße leuchtete, waren deutlich zu sehen. Und das Loch, das sich genau zwischen den Augen befand.

Auch die Haut am Hals und über der Schulter war teigig und zerfiel.

Der Schrei, den Miss Brooks ausstieß, ließ Elcott herumfahren. Sie stand neben ihm und war kreidebleich.

Der Inspektor legte den Arm um ihre Schultern.

»Kommen Sie!«, sagte er beruhigend. »Das ist kein Anblick für eine junge Dame.«

Er führte die zitternde Frau hinaus.

Harry Brent hatte Vallee auf die Arme genommen.

»Gehen Sie mit ihm hinauf und kümmern Sie sich um meinen jungen Sergeant!«, sagte Elcott.

Dann nahm er den anderen Pfleger am Arm und zog ihn mit in den Kellerraum.

Entsetzt blieb der Mann vor der Kiste stehen. Seine Augen weiteten sich, sein Mund stand offen, das Gesicht war grau.

»Was – was ist das?«, fragte er mit bebenden Lippen. Dabei hetzten seine Blicke lauernd abwechselnd von der Mumie zum Inspektor.

»Ich weiß es nicht«, sagte Elcott. »Ich möchte, dass Sie sie hinaufbringen. Vielleicht kann der Professor damit was anfangen. Zumindest sollte er wissen, was in seinem Haus so alles herumliegt.«

»Nein!« Der Pfleger hob abwehrend die Hände. »Ich fasse sie nicht an. Ich nicht. Das ist ja entsetzlich.«

Elcott nickte.

»Das kann ich verstehen. Kommen Sie, wir gehen hinauf und suchen den Professor.«

Der Pfleger war schneller draußen, als er hereingekommen war. Der Inspektor folgte ihm, schloss die Tür und schob die beiden Riegel wieder vor.

Dann gingen sie hinauf.

Keiner der beiden sah, wie sich eine dunkle Gestalt mit wehendem Umhang aus dem Nebenraum des Mumienkellers herausschlich und in dem Gang links der Treppe verschwand.

 

 

24. Kapitel

 

Er stand wie erstarrt. Sein dämonenhaftes Gesicht verzog sich und wurde noch hässlicher. Unbeschreiblicher Hass trat in seine Augen.

Vor ihm auf dem Boden lag Tino. Zumindest das, was von ihm noch übriggeblieben war.

Der Fleischberg war völlig zusammengeschrumpft. Da lag nur das riesige Gerippe und eine braune, teigige Masse.

Daneben lag Lanner mit einem ausgerissenen Arm in einer großen Blutlache.

Der Dämon ahnte, was sich hier abgespielt hatte. Er sah das Messer und die Pistole neben Lanner liegen.

Das Produkt jahrelanger Versuche war vernichtet. Dieser Rückschlag warf seine ganzen Pläne über den Haufen. Nun musste er wieder fast von vorne anfangen.

Wütend trat er mit dem rechten Fuß nach dem toten Sergeant. Wie konnte er bloß den Eingang finden? Sicher nur ein dummer Zufall, beruhigte er sich. Jetzt ist er tot. Er wird nichts mehr ausplaudern können.

Aber Tino …

Ein Ruck ging durch den Dämon.

Es hilft nichts. Ich muss weitermachen.

Ich werde neue Tinos schaffen, bessere. Ich werde es ihnen zeigen. Allen werde ich’s zeigen. Und ich werde sie alle ausrotten – bis zum letzten Mann.

Und dann wird nur noch einer herrschen: ich – ganz allein, Meine Geschöpfe werden mir gehorchen. Und sie werden nur das tun, was ich ihnen befehle.

Ein bestialisches Grinsen zog über sein Gesicht. Er gab dem toten Yard-Beamten noch einen Tritt, dann verließ er den Raum.

Von einem aufs modernste eingerichteten Labor ging er in das Verlies seiner lebenden Mumien.

Mit leuchtenden Augen schritt er die Front ab. Vor der letzten Mumie auf der linken Seite blieb er stehen.

Die Mumie bewegte sich und hob leicht den Kopf an. Die Augen funkelten wie zwei eben aufgegangene Sterne.

Weiter vorn bewegte sich eine weitere Mumie. Und dann noch eine dritte.

Der Dämon begann zu keuchen.

Sie werden alle werden wie Tino, nur noch größer und schöner.

Dann fiel sein Blick auf eine Mumie, die anders eingewickelt war.

Das Leuchten in seinen Augen verschwand. Mit eckigen Bewegungen machte er sich daran, die Mumie auszupacken. Er verhedderte sich, wurde wütend und fing an zu reißen.

Ein fremdes Gesicht kam zum Vorschein, weiß und kalt und tot.

Das eines Mannes.

Mit ungläubigem Staunen starrte der Dämon auf den fremden Toten, den er noch nie gesehen hatte.

Er kannte seine Mumien alle. Er hatte sie alle ausgesucht und hierher gebracht.

Aber diesen Toten hier kannte er nicht. Er war ihm völlig fremd.

Wer hatte ihm hier eine Leiche untergeschoben?

Wer wusste von diesem Keller?

Es konnte einfach niemand davon wissen. Es durfte nicht sein.

Und doch gab es jemanden. Der Beweis lag vor ihm.

Durch seinen Körper lief ein Zittern. Sein Mund war jetzt nur noch ein schmaler Strich.

 

 

25. Kapitel

 

Der Gorilla stand lange Zeit vor ihrem Bett und starrte sie aus seinen glühenden Augen an. Sein Blick war stur auf ihren Hals gerichtet.

Dann kam er langsam näher. Seine Finger spreizten sich, bogen sich zu Krallen.

Claire öffnete den Mund und schrie und schrie. Aber niemand schien ihre Schreie zu hören. Sie vernahm selbst keinen einzigen Laut. Es war unerklärlich, fast unheimlich.

Die Krallen berührten ihren Körper, zogen die Bettdecke zurück und strichen leicht über ihre Brüste.

Das affenähnliche Gesicht näherte sich ihr.

Plötzlich sah Claire alles nur noch verschwommen. Das Gesicht vor ihr war von leichtem, rötlichem Nebel umhüllt und drehte sich.

Und dann veränderte es sich. Die Haare verschwanden aus dem Gesicht, und dafür kamen Falten. Unzählige Runzeln. Die wulstigen, dicken Lippen bildeten sich zurück und wurden so dünn wie zwei Striche. Die Augen wurden größer und pechschwarz, und ein loderndes Feuer brannte in ihnen, das sich immer mehr auszubreiten schien.

Zwischen seinen dünnen Lippen schoben sich zwei lange Zähne hervor. Die Haare wuchsen von einer Sekunde zur anderen um fast zehn Zentimeter und hingen ihm nun wirr in das Gesicht.

Seine Lippen öffneten sich. Speichel lief an seinen Mundwinkeln herunter und tropfte auf ihren nackten Körper.

Aber sie spürte es nicht. Sie sah nur sein Gesicht, die furchterregenden, langen Zähne und den lodernden, lüsternen Blick in seinen Augen.

Die Zähne hatten ihren Hals erreicht. Der Mund öffnete sich weiter, um die langen Zähne im zarten Fleisch ihres Halses vergraben zu können.

Und da löste sich die Starrheit ihrer Glieder. Sie schlug mit ihren kleinen Fäusten wie wild nach ihm. Aber es war, als würde sie in die Luft schlagen.

Dann hörte sie sich plötzlich schreien. Sie weinte und warf sich hin und her.

Das Gesicht von Dracula verschwand in einem Nebel.

Aus weiter Ferne hörte sie eine beruhigende Stimme, die immer näher kam.

Claire verstand nicht, was die Stimme sagte. Aber sie war ruhig und wohltuend.

Sie schlug die Augen auf und sah sich schweißgebadet im Bett sitzen.

Neben ihr auf der Kante saß Mary Wood, die Stationsschwester.

»Nur ruhig, mein Kind«, sagte sie mit ihrer angenehmen Stimme. »Niemand wird Ihnen etwas tun. Es ist alles gut. Sie haben nur schlecht geträumt.«

Claire sah an sich hinunter. Und dann blickte sie sich im Raum um.

Befreit atmete sie auf, als sie feststellte, dass außer ihr und der Schwester niemand im Raum war.

Die Tür öffnete sich. Dr. Marshall kam herein.

»Es ist alles in Ordnung«, erklärte Mary Wood. »Sie hatte nur einen Albtraum.«

Dr. Marshall setzte sich auf die andere Seite des Bettes und fühlte ihren Puls.

Dann strich er über ihre Stirn und sagte:

»Schlafen Sie jetzt wieder. Morgen wird alles anders aussehen. Ihre Nerven sind ein bisschen überreizt. Sie müssen schlafen. Sie wollen doch entlassen werden, oder nicht?«

Claire schwieg. Sie dachte an das alte Haus mit den knarrenden Dielen und Balken, und Angst trat in ihre Augen.

Mrs. Wood sagte:

»Sicher möchten Sie nach Hause. Sie sind doch gesund. Was sollen Sie dann noch hier?«

Claire Garden sah die Stationsschwester an und dann Dr. Marshall. Der Arzt lächelte und zeigte seine großen gelben Zähne. Seine Augen waren braun und groß, und darüber wucherten dichte, schwarze Augenbrauen.

Mrs. Wood lächelte auch. Sie hatte ein gutmütiges, mütterliches Gesicht, und Claire fand es sehr beruhigend, wenn sie in ihrer Nähe war.

Doch dann sah sie wieder auf Dr. Marshall, und ein leichtes Frösteln überkam sie.

Die Zähne störten sie. Sie erinnerten sie so an das unheimliche Wesen der letzten Nacht.

Als sie an die schrecklichen Bilder dachte, begann sie noch mehr zu frösteln. Eisige Schauer jagten über ihren Rücken, und kalter Schweiß brach aus allen Poren.

Die Stationsschwester drückte sie ins Kissen zurück.

»Schlafen Sie«, sagte Mary Wood. »Sie brauchen den Schlaf.«

Claire zog die Bettdecke bis zum Hals hinauf und schüttelte stumm den Kopf. Über ihrer Nasenwurzel bildeten sich zwei steile Falten. In ihren Augen stand Angst.

Dr. Marshall erhob sich.

»Ich werde Ihnen ein Beruhigungsmittel geben«, sagte er.

Claire sah ihn aufstehen, aber seine Bewegungen waren ganz verschwommen.

Der Nebel kam wieder und verzerrte die Gestalt des Arztes. Seine Stimme ähnelte der von Brad Staiger.

Und dann war nur noch ein Donnern und Grollen um sie. Und der rosarote Nebel.

Claire schrie auf. In ihrem Kopf hämmerte und klopfte es, als hätte sich ein Specht eingenistet.

Sie schlug wild mit den Armen um sich, traf auf irgendetwas Weiches und dann auf etwas Hartes. Ihre Fäuste schmerzten und brannten wie Feuer.

Und dann klammerten sich zwei Arme um sie. Schließlich waren es vier und sechs und acht. Sie wurde aufs Bett gedrückt und konnte sich nicht mehr rühren, nur noch schreien.

Den Stich spürte Claire nicht.

Dann hörte das Hämmern in ihrem Kopf auf.

Plötzlich fühlte sie sich leicht wie eine Feder. Sie fiel, langsam, wie in Zeitlupe, aber immer tiefer und tiefer.

 

 

26. Kapitel

 

Inspektor Michael Elcott stand fassungslos vor der leeren Kiste. Noch vor fünfzehn Minuten war in diesem sargähnlichen Gehäuse dieses unheimliche Wesen.

Jetzt war die Kiste leer.

Elcott leuchtete mit der Taschenlampe hinein. Die Kiste war sauber. Keine Spur von einem zerfallenen Wesen.

Nachdenklich drehte er sich um.

Was ging hier vor?

War er einem furchtbaren Verbrechen auf der Spur?

Der Inspektor zweifelte nicht daran. Hier war bestimmt schon seit einiger Zeit etwas im Gange.

Die verschwundenen Kranken, von denen Miss Brooks erzählt hatte. Die Mumie im Keller. Der Mord an der Greer und an dem Gärtnergehilfen …

An diesem Punkt stockten seine Überlegungen.

Hing das eine mit dem anderen zusammen? Oder war es so, wie er zuerst vermutet hatte?

Er hätte sich gern mit Claire Garden unterhalten. Aber das war nicht möglich. Das Mädchen war völlig fertig.

Ob Claire den Gärtnergehilfen aufgeknüpft hat? Sie sprach von dem Gärtner.

Der Gärtner! Verdammt, sie hat doch vom Gärtner gesprochen und nicht vom Gehilfen.

Aber sie sprach auch von Brad und einem Gorilla. Mit dem Gorilla konnte Elcott nichts anfangen. Aber der Gärtner … Was, wenn er und Brad Staiger ein und dieselbe Person sind?

Jetzt begann sich die Sache abzurunden. Der Gehilfe hat ihn überrascht, und Brad hat ihn getötet.

Und die Greer?

Das war ein Versehen – jedenfalls nach Elcotts Überzeugung. Hätte Brad gleich seine Base erwischt, dann hätte der Gehilfe nicht zu sterben brauchen.

Aber wo ist der Gärtner?

Elcott fiel ein, dass er nach diesem Mann überhaupt noch nicht gefragt hatte.

Und plötzlich dachte er an Lanner.

Wo war der Sergeant?

Elcott kannte ihn lange genug, um zu wissen, dass der nie auf eigene Faust arbeiten würde.

Es muss ihm etwas passiert sein. Vallee hätte es auch fast erwischt. Wobei Elcott sich allerdings noch kein Bild machen konnte, was Vallee zugestoßen sein mochte.

Die Mumie!

Kein schöner Anblick. Sicher nicht. Aber vom bloßen Anblick wird Vallee nicht ohnmächtig. Und davon blutet man auch nicht.

Der Inspektor eilte die Treppe hinauf.

Vallee muss zu sich kommen und erzählen. Vielleicht kann man dann klarer sehen.

Der Inspektor kam am Büro des Professors vorbei. Miss Brooks saß hinter ihrem Schreibtisch und schlief. Die Müdigkeit hatte sie übermannt.

Draußen wurde es langsam hell. Die ersten Sonnenstrahlen warfen ihr angenehmes Licht in den Raum.

Elcott blieb vor dem Schreibtisch stehen.

Miss Brooks Kopf ruckte hoch.

»Mein Gott«, sagte sie und fuhr sich über die Haare. »Haben Sie mich erschreckt.«

»War nicht meine Absicht.« Elcott lächelte. »Der Professor ist noch nicht aufgetaucht?«

Die Schwarzhaarige schüttelte den Kopf.

Der Inspektor nickte nachdenklich und drehte sich um. Im Türrahmen blieb er stehen.

»Die Mumie ist weg, spurlos verschwunden.«

Miss Brooks schlug sich entsetzt die Hand vor den Mund. Ihr Gesicht war von Angst gezeichnet.

»Ich haue ab«, sagte sie gehetzt. »Hier bleibe ich nicht mehr. Es ist unheimlich. Erst verschwinden Patienten auf rätselhafte Weise, dann werden zwei Menschen ermordet. Und jetzt löst sich eine Leiche in Luft auf. Ich gehe auf der Stelle. Das halte ich nicht mehr aus.«

»Bleiben Sie hier«, sagte Elcott beruhigend. »Ich brauche Sie noch. Gehen Sie in Ihr Zimmer und schließen Sie sich ein. Machen Sie nur mir auf.«

Sie sah ihn ängstlich an.

»Tun Sie, was ich Ihnen sage. Wir schaffen es schon. Der Spuk wird bald ein Ende haben.«

Miss Brooks eilte in ihr Zimmer und drehte den Schlüssel um.

Elcott ging in den Raum zurück, griff nach dem Telefon und rief Verstärkung.

 

 

27. Kapitel

 

Sie hatten das ganze Haus und den riesigen Park bis zum letzten Winkel durchsucht und durchgekämmt. Aber Sergeant Lanner war und blieb verschwunden.

Auch im Keller hatten sie nichts Verdächtiges gefunden. Sergeant Vallee sah sich mit besonderer Aufmerksamkeit überall um. Er wusste nicht genau, nach was er suchen sollte. Das Geschehen der letzten Nacht kam ihm jetzt so unwirklich vor, als hätte er alles nur geträumt.

Das Einzige, das er fand, war die Kiste Aber sie war leer. Keine Spur von einer Mumie.

Fast glaubte er, das scheinbar Erlebte tatsächlich nur geträumt zu haben.

Aber Inspektor Elcott war anderer Ansicht.

»Nein, Frank, du hast das nicht geträumt. Ich habe das Schwirren selbst gehört. Es war unheimlich und hätte jeden normalen Menschen zum Wahnsinn getrieben. Irgendetwas war hier unten. Und die Mumie war auch hier. Ich habe sie mit eigenen Augen gesehen. Und Miss Brooks ebenfalls. Den Pfleger nicht zu vergessen.«

»Aber hier ist nichts«, antwortete Vallee verzweifelt. »Wir haben alles abgesucht. Nichts. Rein gar nichts. Es ist einfach zum Verrücktwerden. Und Lanner haben wir auch nicht gefunden. Ihm ist etwas zugestoßen, da bin ich ganz sicher.«

»Ich auch«, sagte Elcott. »Und deshalb werden wir nochmals von vorn anfangen. Wir werden so lange suchen, bis wir ihn gefunden haben.«

Doch auch die zweite intensive Suche nach Sergeant Lanner blieb ergebnislos.

Das Irrenhaus glich einem Polizeihauptquartier. Uniformierte Polizisten und Beamte in Zivil gingen aus und ein, durchstreiften den herrlichen Park und drehten im Haus jeden Gegenstand um.

Jedes Zimmer, jeder Raum wurde unter die Lupe genommen. Abermals ging man im Keller mit besonderer Sorgfalt ans Werk.

Elcott suchte den Kellerraum, in dem laut Miss Brooks das Material zur Einbalsamierung von Leichen liegen sollte. Aber er fand nichts.

Es war fast zum Verzweifeln. Lanner blieb spurlos verschwunden. Nirgendwo auch nur der Hauch einer Spur.

Der Inspektor stand wieder in dem Raum, in dem er die Mumie gesehen hatte, als jemand nach ihm rief.

Er trat in den Gang hinaus.

»Was gibt’s?«, fragte er.

»Sie sollen ans Telefon kommen!«, rief Dr. Marshall von oben herunter.

Elcott ging hinauf.

Mit mürrischem Gesicht deutete Professor Goddard auf den Hörer.

Der Inspektor meldete sich.

Er lauschte einige Zeit, nickte ab und zu und fixierte Professor Goddard.

Dann beendete er das Gespräch..

»Haben Sie schon eine Erklärung dafür, dass wir unten im Keller eine Mumie gefunden haben?«, fragte Elcott.

Der Professor sah ihn nachsichtig und zugleich spöttisch an.

»Tut mir leid, Inspektor. Ich habe sie nicht gesehen. Und ich glaube auch nicht, dass es je eine gegeben hat. Wahrscheinlich hat Ihnen Ihre große Phantasie einen Streich gespielt. Zeigen Sie mir die Mumie, und ich werde Ihnen erklären, wie sie in meinen Keller kommt.«

»Sie war da, Professor. Und nicht nur ich habe sie gesehen. Mein Mitarbeiter Vallee, Miss Brooks und einer Ihrer Pfleger haben sie ebenfalls gesehen.«

Wieder lächelte der Professor spöttisch.

»Mein Pfleger hat zugegeben, sich getäuscht zu haben. Miss Brooks ist völlig durcheinander und weiß nicht mehr, was sie redet. Und Ihr Mitarbeiter gibt ebenfalls zu, dass ihm alles wie ein Traum vorkommt. Was also wollen Sie noch? Lassen Sie mich endlich in Ruhe. Außerdem wäre ich Ihnen dankbar, wenn Sie endlich mein Haus verlassen würden. Ich habe Patienten hier, die zum Teil schwer krank sind. Es ist nicht gut für sie, wenn hier den ganzen Tag eine Armee von Polizisten herumschwirrt. Und für den Ruf meines Hauses auch nicht.«

Inspektor Elcott nickte vor sich hin. Sein Gesicht blieb völlig unbewegt. Es war ihm nicht anzusehen, was er dachte.

»Wenn ich diesen Sergeant Lanner gefunden habe, werde ich das Polizeiaufgebot nach Hause schicken. Aber solange wir ihn nicht gefunden haben, wird gesucht, und wenn es noch Wochen dauert.«

Über das Gesicht des Professors huschte ein Schatten. Auf seiner Stirn bildeten sich Falten, und seine Augen wirkten plötzlich schwarz.

»Ich werde nicht zulassen, dass Sie hier ewig herumsuchen und meine Patienten durcheinanderbringen«, sagte er gefährlich leise. »Ich werde Ihren Chef anrufen.«

Professor Goddard griff zum Telefon.

»Tun Sie, was Sie nicht lassen können«, sagte Elcott gleichgültig und ging, einen letzten abschätzenden Blick auf den Professor werfend, hinaus.

Es dunkelte bereits, und von Lanner war immer noch keine Spur zu entdecken.

Der Inspektor suchte Vallee, zog ihn in eine ruhige Ecke und besprach sich mit ihm.

Danach verließ Vallee das Haus.

Elcott ging in den ersten Stock, um mit Claire Garden zu reden.

Vor der Tür stand ein uniformierter Polizist.

»Kann man mit ihr sprechen?«, fragte Elcott.

Der Beamte schüttelte den Kopf.

»Nein, Herr Inspektor, sie schläft noch.«

Elcott ging trotzdem hinein.

Das Zimmer lag fast völlig im Dunkeln. Nur neben dem Bett brannte eine Stehlampe.

Claire Garden war sehr blass, aber sie atmete tief und ruhig. Elcott hätte am liebsten laut geflucht.

»Es hat keinen Zweck, Inspektor«, flüsterte Mary Wood, die neben dem Bett saß. »Sie schläft, und ich glaube nicht, dass sie so schnell aufwachen wird.«

»Sie holen mich sofort, wenn sie aufwacht, ja?«, flüsterte Elcott zurück.

»Natürlich, Inspektor.«

Auf der Treppe begegnete ihm der Hausmeister, der sich mit seinem Klumpfuß hinaufplagte.

Ein komischer Kauz, dachte Elcott. Man könnte Angst vor ihm bekommen, wenn man ihm nachts begegnet. Er sieht so verschrumpelt und ungepflegt aus. Seine Kleidung ist zu groß, seine Haare sind nicht gekämmt. Und dann noch der Klumpfuß.

Elcott blieb stehen und blickte hinter dem Kauz her, bis er verschwunden war. Dann ging er langsam weiter.

Er sah nicht, wie das Gesicht des Hausmeisters oben an der Ecke erschien. Seine Augen leuchteten im Halbdunkel des Treppenaufgangs kurz auf. Dann verschwand er wieder.

Unten in der Halle kam Vallee aufgeregt auf Elcott zu.

»Er ist wieder zurück.«

»Schon lange?«

»Zwei Stunden«, sagt er.«

»Wo ist er jetzt?«

»Im Gärtnerhaus.«

»Komm!«

Zusammen gingen sie durch die Dämmerung hinüber zum Gärtnerhaus.

Der Gärtner war Mitte Vierzig, hatte ein vom Wetter gegerbtes Gesicht und wasserhelle Augen. Die Haut seines Gesichtes wirkte wie genarbtes Leder, das sich über die ausgeprägten Backenknochen spannte.

Er machte einen ehrlichen und gutmütigen Eindruck. Nur die langen Koteletten störten das Bild.

Erwartungsvoll sah er den Inspektor an, wobei seine hellen Augen ständig in Bewegung waren.

»Sie hatten Ihren freien Tag?«, fragte Elcott.

»Ja.«

»Wo waren Sie?«

»Bei meiner Schwester.«

»Sie wissen, dass ich das nachprüfen kann?«

»Sicher. Aber Sie werden wenig Glück haben. Ich habe meine Schwester vor drei Stunden zum Flughafen gebracht. Sie fliegt nach Südafrika. Ich habe deshalb kein Alibi, das Sie nachprüfen können. Wenn Sie also glauben, dass ich meinen Gehilfen umgebracht habe, dann verhaften Sie mich, aber Sie blamieren sich.«

»Davon war keine Rede«, entgegnete der Inspektor und musterte den Mann vom Scheitel bis zur Sohle. »Wie lange sind Sie hier schon Gärtner?«

»Über ein Jahr.«

»Und wie lange war Ihr Gehilfe hier?«

»Das weiß ich nicht. Jedenfalls länger als ich.«

Elcott nickte.

»Das ist vorläufig alles. Bleiben Sie hier und gehen Sie nicht mehr weg! Klar?«

»Ich hatte nicht die Absicht, wegzugehen«, antwortete der Gärtner mit seiner heiseren Stimme.

Sie verließen das Haus und gingen wieder ins Sanatorium zurück, verfolgt von einem Blick aus wasserhellen Augen.

 

 

28. Kapitel

 

Er wusste überhaupt nicht, wie ihm geschah.

Als er den Schrei hörte, riss er die Tür auf und rannte über die Schwelle.

Da kam sie schon auf ihn zu. Bevor er richtig denken konnte, hatte sie ihn erreicht und rannte ihn einfach über den Haufen. Verdutzt saß er einen Augenblick auf dem Boden und blickte ihr nach.

Dann raffte sich der Polizeibeamte auf und lief hinter ihr her.

»Bleiben Sie stehen, Miss Garden!«, rief er. »So bleiben Sie doch stehen!«

Aber Claire schien ihn gar nicht zu hören. Sie rannte mit Riesenschritten die Treppe hinunter und durch die Halle.

Dort standen einige Polizisten und sahen überrascht hinter ihr her. Einer pfiff anerkennend vor sich hin.

Claire hatte wieder eines dieser weiten, wallenden Nachthemden an. Die Knöpfe vorne waren alle bis hinunter zum Bauchnabel offen. So bot sich den staunenden Männern ein verteufelt sündiger Anblick.

Erst als sie ihren Kollegen schreien hörten, bewegten die Beamten sich. Aber es war schon zu spät.

Claire hatte das Portal erreicht und verschwand draußen im Dunkel der Nacht.

Zwei Polizisten, die vor dem Eingang standen, riefen sie an. Doch Claire rannte weiter, verfolgt von den Polizeibeamten.

Sie war in ihrem hellen Nachthemd, das um ihre Beine flatterte, gut sichtbar und die Männer hatten anfangs kaum Schwierigkeiten, ihr zu folgen.

Claire rannte um die Hausecke. Jetzt war es stockdunkel, denn hier brannte keine Lampe. Sie ließ sich dadurch aber nicht aufhalten. Unentwegt hastete sie weiter.

Ihre Schultern zuckten, und sie wimmerte leise vor sich hin. Ab und zu wischte sie sich die Tränen aus den Augen, damit sie wieder etwas sehen konnte.

Sie musste irgendetwas Schlimmes erlebt haben.

Sie kam nun zur Rückseite des Gebäudes. Aus einigen Fenstern fiel Licht, erleichterte die Sicht.

Claires Atem ging keuchend und abgehackt. Ihre Lungen begannen zu schmerzen, ihre Beine wurden schwer wie Blei. Vor ihren Augen flimmerte es.

Aber sie rannte und rannte.

Es wurde wieder dunkel. Hinter sich hörte sie stampfende Schritte und rasselnden Atem.

Er kommt! Er wird mich einholen und dann wird er mich erwürgen, wie Laura. Vorher hat er es schon versucht. Aber ich bin aufgewacht. Ich bin noch rechtzeitig aufgewacht, um ihm entkommen zu können.

Aber wie lange schaffe ich das?

Er sah aus wie eine riesige Fledermaus. Der weite geschlitzte Umhang, die schwarze Tuchmaske mit den Löchern wie zwei dunkle Höhlen, in deren Hintergrund ein loderndes Feuer brannte.

Und das Schlimmste war die Drahtschlinge in seinen behandschuhten Händen.

Er hat sie immer noch bei sich. Wenn er mich eingeholt hat, dann legt er sie mir um den Hals. Der dünne Draht wird sich in mein Fleisch schneiden und …

Ihr Herz verkrampfte sich, und sie lief noch schneller, angetrieben von ihrer panischen Angst.

Sie merkte nicht, wie sie immer näher zum Haus kam. Dicht an der Wand lief sie entlang.

Sie sah auch nicht das kleine Gebüsch, das direkt an der Hauswand emporwucherte. Erst als sie mit ihren nackten Füßen dagegen stieß, sah sie ihn. Ein stechender Schmerz fuhr in ihre Zehen.

Claire fiel nach vorn und schlug mit der Schulter auf dem Boden auf.

Mit dem Aufprall krachte und splitterte es unter ihr. Erst glaubte sie, es wäre ihr Schlüsselbein, denn rasende Schmerzen breiteten sich in ihrer Schulter aus.

Dann aber merkte sie mit Entsetzen, dass es etwas anderes war. Erst langsam, dann immer schneller gab der Boden unter ihr nach.

Claire wollte schreien. Aber es kam kein Laut von ihren Lippen. Die panische Angst lähmte ihre Stimme.

Und dann wurde sie im wahrsten Sinne des Wortes vom Erdboden verschluckt.

Sie sauste, immer schneller werdend, in die Tiefe. Wie auf einer Rutschbahn.

Nach einer leichten Linkskurve wurde es noch steiler.

Doch jetzt war es keine Rutschbahn mehr, sondern eine steile Treppe.

Die Fahrt endete urplötzlich vor einem Gitter. Doch durch den harten Aufprall wurde es aus der Verankerung gerissen.

Ein Quadratmeter großes Loch tat sich vor ihr auf, gedämpfter Lichtschein kam ihr entgegen. Mehr sah Claire im ersten Moment nicht.

Das lockere Erdreich unter ihr gab nach. Ihre Beine hingen schon über den Rand der Öffnung hinaus. Sie versuchte, sich festzuhalten. Aber überall bröckelte die Erde ab.

Sie rutschte immer weiter nach vorn.

Und dann fiel sie.

Sie fiel nicht sehr weit hinunter. Ihr Fall endete nach knapp eineinhalb Meter auf einer Pritsche.

Aber die Pritsche war nicht leer. Es lag jemand darauf.

Claire hatte sich am Ellenbogen wehgetan. Sonst war ihr nichts passiert.

Sie rollte sich von der Pritsche herunter und sah sich in der neuen Umgebung um.

Und dann zuckte sie zusammen.

Der Schauer, der über ihren Rücken rann, schüttelte ihren Körper durch. Mit weit aufgerissenen Augen starrte sie auf die Pritschen um sich herum.

Sie war von lauter Mumien umgeben.

 

 

29. Kapitel

 

In der allgemeinen Aufregung um Claires Flucht sah niemand die dunkelgekleidete Gestalt mit dem wehenden Umhang und der schwarzen Tuchmaske vor dem Gesicht über den Korridor im ersten Stock huschen.

Er kam aus Claires Zimmer

Neben Claires Bett lag die Stationsschwester Mary Wood. Ihre gebrochenen Augen starrten leer zur Decke. Um ihren Hals zog sich ein dünner, blutunterlaufener roter Ring, und an manchen Stellen des Halses war Blut, das jedoch schon zu verkrusten begann.

Mary Wood war tot.

Überall, wo diese unheimliche Gestalt auftauchte, hinterließ sie den Tod. Und niemand außer Claire, die noch rechtzeitig fliehen konnte, hatte sie zu Gesicht bekommen.

Wie ein Schemen taucht die Gestalt plötzlich auf, verrichtet mit der Präzision eines Roboters ihre Arbeit und verschwindet ebenso schnell wieder, wie sie aufgetaucht ist.

So auch jetzt.

Schemenhaft und ohne ein Geräusch zu verursachen, huschte die Gestalt den halbdunklen, leeren Gang entlang und strebte der Treppe zu.

Auf dem oberen Treppenabsatz hielt sie einen Augenblick an und lauschte. Irgendwo draußen vor dem Haus hörte sie verschwommen die aufgeregten Stimmen von Polizeibeamten.

Aber unten in der Halle war es still.

Auf schnellen, flinken Beinen lief die Gestalt dann die Treppe hinunter. Eng an die Wand gedrückt, war sie kaum zu sehen.

Je weiter sie hinunter kam, desto schwieriger wurde es. Die Halle war hell erleuchtet.

Als die Gestalt die unterste Stufe erreicht hatte, blieb sie wieder einen Augenblick stehen.

Sie blickte sich gehetzt nach allen Seiten um. Niemand war zu sehen.

Die Gestalt mit dem dunklen, geschlitzten Umhang, der sich, wenn sie lief, ausbreitete und dann wie die Flügel einer Fledermaus aussah, wandte sich nach links.

Der Weg bis zur Kellertür war hell erleuchtet. Der Vermummte begann zu laufen. Trotzdem verursachte er nicht den geringsten Lärm. Keine Schritte, kein Schleifen, kein Laut war zu hören.

Es sah fast so aus, als würde er schweben.

Doch diesmal konnte er nicht ungesehen verschwinden. Noch bevor er die Kellertür erreicht hatte, passierte es.

Hinter ihm klappte eine Tür. Er wollte schneller laufen. Aber es war schon zu spät.

»Halt! Bleiben Sie stehen!«

Durch die Gestalt ging ein Ruck. Für den Bruchteil einer Sekunde verhielt sie den Schritt und zuckte zusammen wie unter einem Peitschenhieb.

Doch dann kam Bewegung in den Vermummten. Mit einem weiten Satz war er an der Kellertür. Bevor Constabler Dubbins richtig reagieren konnte, hatte der Vermummte die Tür aufgerissen und war dahinter verschwunden.

Constabler Dubbins, der kurz zuvor aus dem Zimmer von Miss Brooks gekommen war und die dunkel gekleidete Gestalt gesehen hatte, war einen Moment erstarrt.

Es war alles so schnell gegangen, dass er glaubte, einen Geist oder nur einen Schatten gesehen zu haben.

Und dann begann er zu brüllen:

»Bleiben Sie stehen, Mann! Bleiben Sie stehen, oder ich schieße!«

Mit wenigen langen Schritten war er bei der Tür. Noch während er lief, hatte er seine Pistole gezogen.

Aber die steil nach unten führende Treppe war leer. Unten brannte Licht. Und auch dort war nichts zu sehen.

Langsam stieg er die Treppe hinunter.

Ein ungutes Gefühl überkam ihn. Am liebsten wäre er wieder umgekehrt. Ihm war plötzlich, als würde er einem Phantom nachjagen. Und Phantome haben nun mal so gar nichts Menschliches an sich. Sie sind wie Geister. Es sind Trugbilder. Oft glaubt man, sie in den Fingern zu haben, und dann hat man doch nur in die Luft gegriffen. Aber im nächsten Augenblick tauchen sie wieder ganz deutlich vor einem auf. Oder auch hinter einem.

Constabler Dubbins war kein Angsthase. Er jagte bedenkenlos jedem Verbrecher nach, wenn er wusste, dass es sich um ein menschliches Wesen handelte.

Und was war es diesmal? War das denn wirklich kein menschliches Wesen?

Er sah ihn laufen, sah, wie er den Schritt verhielt, als er ihn anrief. Und er sah ihn verschwinden. Wenn auch alles sehr schnell ging, so war es doch Realität.

Ich muss weiter, dachte er. Es ist meine Pflicht, solchen Dingen nachzugehen. Schließlich bin ich Polizeibeamter.

Er gab sich einen Ruck und setzte sich in Bewegung. Aber das ungute Gefühl blieb. Er konnte es nicht verdrängen.

Und dann hatte er die letzte Stufe der Kellertreppe erreicht. Um ihn herum war lähmende Stille. Kein Mensch war zu sehen. Und nichts zu hören.

Vor sich sah er die drei Gänge. Er kannte sie inzwischen gut. Schließlich hatten sie den Keller dreimal durchsucht, jedoch ohne den geringsten Erfolg.

Er sah die vielen Türen.

Hinter welcher mochte er stecken? Wo sollte er anfangen?

Irgendwo zu seiner Rechten hörte er ein leises, klapperndes Geräusch. Dann war es sofort wieder still.

Er horchte noch einige Zeit mit angehaltenem Atem. Doch es war nichts mehr zu hören.

Aber nun wusste er wenigstens, wohin er sich wenden musste. Er ging langsam, die Pistole im Anschlag, nach rechts.

An der ersten Tür lauschte er kurz. Es war still.

Mit der linken Hand griff er zur Türklinke und drückte sie nieder. Dann stieß er sie mit dem Fuß ganz auf und presste sich eng an die Wand.

Als sich nichts rührte, sprang er mit einem Satz in den Raum hinein und sah blitzschnell nach allen Seiten.

Aber hier war niemand. Nur eine Menge Koffer und Reisetaschen lagen in den Regalen.

Constabler Dubbins machte Licht, um sich noch etwas besser umsehen zu können.

Und dann sah er wirklich mehr. Aber es war etwas, das er wohl am wenigsten erwartet hatte.

Erst spürte er diesen fürchterlichen Schlag auf den Hinterkopf. Dann sah er diese vielen bunten, funkelnden Sterne vor seinen Augen, und seine Knie wurden weich.

Die Sterne verschwanden, es wurde Nacht um ihn.

Noch im Fallen hörte er ein hysterisches, hohes Lachen. Dann sackte er zu Boden.

 

 

30. Kapitel

 

Der Schrei, den Claire Garden ausstieß, ging den Polizeibeamten, die nun ebenfalls durch die quadratische Öffnung rutschten, durch Mark und Bein.

Vierzehn der achtzehn Pritschen waren mit Mumien belegt. Die anderen vier waren leer.

Wie weiße, eingepanzerte Larven lagen sie auf den Feldbetten, als warteten sie nur darauf, endlich den Panzer abwerfen zu können, um ihr unheilvolles Werk zu beginnen.

Der Anblick der Mumien war grauenhaft. Entsetzen und panische Angst standen in Claires Gesicht geschrieben. Das Blut war ihr völlig aus dem Gesicht gewichen. Sie war kreideweiß, und ihre Gesichtszüge waren verzerrt.

Doch es kam noch schlimmer.

Die Mumien bewegten sich, rutschten auf den einfachen Liegen hin und her. Einige hoben den Kopf. Ihre Augen funkelten und sprühten, und Claire stellte entsetzt fest, dass es nicht die Augen von Menschen waren. In diesen Augen spiegelte sich primitive Mordlust. Claires grausame Angst wuchs langsam aber stetig zur Panik.

Eine Mumie ganz in ihrer Nähe hatte sich zu viel bewegt und fiel von der Pritsche. Dumpf und mit einem hässlichen Quieken schlug sie auf dem steinernen Boden auf und rollte unter die Pritsche.

Claire sprang mit einem erneuten Schrei zur Seite. Aber dort waren die anderen. Sie stieß gegen ein Feldbett und stürzte über eine Mumie.

Sie war einer Ohnmacht nahe. Taumelnd kam sie wieder in die Höhe.

Ein weiterer dumpfer Aufprall hinter ihr ließ sie erschreckt herumfahren.

Vor ihr stand ein uniformierter Polizist.

Ein weiterer und noch ein dritter folgten. Selbst in den Gesichtern der Beamten stand das blanke Entsetzen. Fassungslos starrten sie auf die Einbalsamierten, die immer mehr zu rasen begannen und ihre Körper immer höher warfen.

Claire stürmte auf den ersten Beamten zu und warf sich ihm an die Brust.

»Bitte«, flehte sie stockend, und Tränen rannen über ihr Gesicht, »bringen Sie mich hier weg! Bitte, bringen Sie mich weg! Ich bin …«

Weiter kam sie nicht. Eine befreiende Ohnmacht umfing sie. Ein leiser Seufzer drang über ihre Lippen. Dann sank sie langsam zu Boden.

Der uniformierte Yard-Beamte, an dessen Brust sich Claire geworfen hatte, konnte sie gerade noch abfangen, bevor sie ganz zu Boden fiel. Er schleppte sie zurück zur Wand. Die beiden anderen Polizisten halfen ihm. Gemeinsam versuchten sie, Claire durch die Öffnung zu schieben.

Aber da saß im selben Moment ein vierter Beamter. Und auch er konnte sich im lockeren Erdreich nicht halten. Er sauste herunter.

Es wäre sinnlos gewesen, die bewusstlose Claire durch die Öffnung zu schieben. Niemand konnte sich in dem abschüssigen Gang halten.

Sie legten Claire auf eine der freien Pritschen zwischen den Mumien. Ein idealer Schlafplatz. Wäre Claire noch nicht ohnmächtig gewesen, so wäre sie es jetzt bestimmt geworden. Aber so merkte sie nichts davon. Blass und ruhig lag sie zwischen den sich hin- und herwerfenden Mumien.

Gerade als der fünfte Polizist durch das Loch in der Wand rutschte, öffnete sich die Tür auf der gegenüberliegenden Seite mit einem Ruck.

Im Türrahmen stand der Dämon!

Die Yard-Beamten waren wie versteinert. Mit weit aufgerissenen Augen starrten sie auf diesen unheimlichen, an Hässlichkeit kaum noch zu übertreffenden Menschen. Aber es war nicht nur die dämonenhafte Fratze mit den übergroßen Ohren, die sie lähmte.

Mehr noch die Waffe in seiner Hand.

Sie sah aus wie eine neuartige Maschinenpistole. Sie war neu, das stimmte. Aber es war keine MP. Die Waffe war viel schlimmer.

Die Beamten kannten das Ding. Es war vor zwei Jahren von einem Verrückten erfunden worden, der sich nach einem Amoklauf durch London, bei dem es zehn Menschen das Leben kostete, selbst erschossen hatte.

Die Regierung hatte damals alles unternommen, um die von ihm hergestellten Waffen ausfindig zu machen. Jeder Winkel Englands war durchsucht worden. Man wollte vermeiden, dass dieses furchtbare Instrument in die falschen Hände geriet.

Aber anscheinend war das nicht gelungen.

Der Beweis lag vor ihnen in den Händen des Dämons, der jetzt das Gesicht zu einem teuflischen Grinsen verzog und, ohne ein Wort gesprochen zu haben, einfach den Abzugshahn der Waffe durchzog.

Es machte nur ein dumpfes Plopp, das sich anhörte wie das Herausspringen eines Sektkorkens.

Der Kopf des vordersten Polizisten flog ruckartig zurück. Genau zwischen seinen Augen war ein kreisrundes Loch. Wie vom Blitz getroffen brach er zusammen.

Doch damit war es noch nicht vorbei. Eine dumpfe Explosion folgte. Kopf und Hals des schon toten Polizisten wurden regelrecht von seinem Rumpf getrennt.

Und dazwischen wieder dieses hässliche Plopp.

Ein zweiter Polizist stürzte.

Wieder eine Detonation.

Eine Blutfontäne spritzte hoch und färbte die in der Nähe liegenden Mumien in dunkles Rot.

Die anderen Beamten hatten sich endlich gefangen. Die Starrheit war verflogen. Blitzschnell warfen sie sich zu Boden und zückten ihre Pistolen.

Das nächste Geschoß aus der furchtbaren Waffe bohrte sich in die Wand. Die Explosion riss ein riesiges Loch hinein. Die Gesteinsbrocken surrten den Beamten gefährlich um die Ohren.

Einer wurde von einem größeren Brocken an der Stirn getroffen, und sofort lief das Blut über sein Gesicht und in seine Augen, nahm ihm die Sicht.

Die anderen schossen zurück.

Aber da stand der Dämon nicht mehr im Türrahmen. Er war verschwunden. Die Tür stand weit offen, und sie konnten einen Teil des Labors sehen.

Wütend feuerten sie noch einige Schüsse ab. Glas splitterte, irgendein Behälter fiel scheppernd zu Boden. Dämpfe bildeten sich im Labor und hüllten es in einen fast undurchdringlichen Nebel.

Die Beamten erhoben sich und pirschten sich vorsichtig zur Tür vor.

Der vordere Uniformierte schob langsam den Kopf nach vorn, um das Labor besser übersehen zu können.

Im selben Augenblick hörte er den Einschlag dicht neben seinem Kopf.

Sofort warf er sich zurück.

Keine Sekunde zu früh, denn die nachfolgende Explosion riss ein Loch in den Türrahmen. Holz splitterte, der Türrahmen hing schräg in der Öffnung.

Und dann dröhnten Schüsse in der Mumiengruft.

 

 

31. Kapitel

 

Inspektor Michael Elcott und Sergeant Frank Vallee hörten die Schüsse und die Explosionen, als sie gerade das Büro von Professor Goddard durchsuchten.

Elcott hob den Kopf und lauschte, dann war er mit einem Satz an der Tür.

»Komm, Vallee!«, rief er und hastete über den Korridor. »Ich habe das Gefühl, als würden wir jetzt dem Geheimnis auf die Spur kommen.«

Vallee folgte ihm sofort.

Sie liefen auf die Kellertür zu. Ein Uniformierter, der sie gerade holen wollte, sah die beiden.

»Inspektor!«, rief er laut und aufgeregt. Seine Lippen zitterten. »Kommen Sie hierher, Inspektor! Es geht nach draußen!«

»Aber die Schüsse kommen doch vom Keller.«

»Ja, natürlich. Aber wir sind durch einen Eingang von draußen hinuntergelangt.«

Elcott sah Vallee an, und der starrte zurück. Ein Leuchten ging über sein Gesicht.

Er schlug sich die Hand vor die Stirn.

»Das ist es. Deshalb haben wir auch nichts gefunden. Ein Eingang von außen. Warum sind wir auch nicht gleich darauf gestoßen?«

Elcott erwiderte nichts. Stumm lief er hinter dem uniformierten Kollegen her.

Und dann standen sie vor dem Loch.

Wieder setzte Vallee zu irgendeinem Kommentar an. Aber er unterließ es dann doch.

Inspektor Elcott rutschte einfach die Bahn hinunter. Vallee kam hinterher.

Dann standen sie mit Entsetzen und Grauen vor dem Blutbad und sahen die blutdurchtränken, sich wild aufbäumenden Mumien.

Ein Beamter, der mit bei der ersten war, kam auf den Inspektor zu und berichtete ihm kurz.

»… und er hat diese furchtbare Waffe bei sich«, entfuhr es ihm atemlos und stockend. »Die Waffe, die dieser Roggers erfunden hat, vor zwei Jahren.«

Elcott hob die Augenbrauen, dann nickte er.

»Wie kamen Sie eigentlich hier herein? Wie haben Sie den Eingang gefunden?«, fragte er.

»Wir haben ihn nicht gefunden. Es war die Garden. Als wir sie verfolgten, brach sie ein, und wir kamen hinterher.«

Wieder nickte Elcott. Er war im Bilde. In sein Gesicht trat ein harter, entschlossener Ausdruck.

Und nun zeigte sich, dass er nicht umsonst Inspektor bei Scotland Yard war.

Er ließ sich von der unübersehbaren Panik seiner Kollegen nicht anstecken. Im Gegenteil. Seine Ruhe und Kaltblütigkeit übertrug sich sogar noch auf die anderen.

Die Dämpfe im Labor hatten sich etwas verzogen. Elcott warf einen Blick in den Raum. In der Mitte standen der Labortisch, einige Reagenzgläser und Fläschchen darauf. An der Stirnseite des Tisches ein Schrank, fast in gleicher Höhe mit der Tür.

Mit einem Hechtsprung warf sich Elcott in den Raum, rollte sich ab und landete genau hinter dem Schrank.

Hinter ihm detonierte eines der Geschosse in der Wand. Gleich darauf ein zweites.

Steinsplitter trafen ihn, und er deckte sein Gesicht mit den Armen ab.

Dann schoss er blindlings in die Richtung, aus der er das dumpfe Plopp gehört hatte.

Er hatte den Dämon noch nicht zu Gesicht bekommen, hörte nur dieses Keuchen und wieder das Sektkorkengeräusch.

Der Einschlag war fast wieder an derselben Stelle. Das Loch in der Wand war nun schon so groß, dass sich ein Mann darin hätte verstecken können.

Und dann hechtete Vallee herein und kam genau neben ihm zu liegen. Zu zweit schossen sie über den Tisch hinweg in die Richtung, in der sie den Verrückten vermuteten.

Sie leerten beide ihre Magazine.

Ein leiser Aufschrei und ein langgezogener Fluch zeigte ihnen, dass sie getroffen hatten.

Sie luden nach.

Der Schmerzensschrei des Dämons machte die Uniformierten mutig. Sie drangen in den Raum.

»Er türmt!«, rief einer.

Elcott erhob sich. Er sah die offene Tür auf der anderen Seite.

Die Dämpfe hatten sich jetzt völlig verzogen, und man konnte wieder ganz klar sehen.

Aber niemand kümmerte sich um das Labor. Es war völlig unwichtig.

Langsam gingen sie auf die offene Tür zu.

Doch noch bevor sie die erreichten und etwas sahen, hörten sie es.

Das laute Knurren und Bellen eines Rudels hungriger Wölfe drang ihnen entgegen.

Und dann sahen sie die Bestien.

Es waren keine Wölfe, sondern riesige Hunde, so groß wie Kälber. Sie fletschten wild die Zähne, und in ihren Augen glitzerte es mordlustig.

Inzwischen waren es fünfzehn Polizisten geworden. Und alle schossen gleichzeitig. Sogar eine Maschinenpistole war zu hören.

Die Detonationen in dem aufs modernste eingerichteten Labor zerrissen ihnen fast die Trommelfelle. Der Pulverrauch kitzelte in ihren Nasen und brannte in ihren Augen. Einige mussten husten.

Doch die Salve zeigte ihre Wirkung,

Als das Echo der Schüsse abgeebbt war und sich der Pulverrauch verzogen hatte, wälzten sich fünf Hunde in ihrem Blut.

Ein qualvolles Jaulen und Winseln erfüllte den Raum. Die Hundeleiber zuckten noch einige Augenblicke, dann wurde es wieder still.

Und dann sah Elcott den Dämon, und das Grauen packte ihn.

Wer ist dieser furchtbare Mensch?

Ist es überhaupt einer?

Oder ist es eine Bestie?

Elcott glaubte eher das Letztere.

Noch bevor er seine Pistole hochreißen konnte, war der Dämon durch eine weitere Tür verschwunden.

Der Inspektor setzte sofort nach, gefolgt von vierzehn weiteren Polizisten. Ohne einen Blick auf die getöteten Hunde zu verschwenden, stiegen die Beamten über sie hinweg.

Der nächste Raum war kalt und feucht, es roch muffig und nach Blut. In einer Ecke lagen zersplittertes, abgebrochenes Holz und Ketten.

Sonst war er leer.

Elcott stürmte weiter. Mit einem riesigen Satz war er im nächsten Raum.

Und was er dann sah, ließ seine bisherige Kaltblütigkeit schwinden.

Vor ihm auf dem Boden lag Sergeant Lanner. Neben ihm sein ausgerissener Arm.

Lanner war tot, das sah Elcott auf den ersten Blick. Ein eiskalter Schauer rann über seinen Rücken, und zugleich packte ihn eine ohnmächtige Wut.

Neben Lanner sah er das riesige Gerippe, das in einer dreckig-braunen, dickflüssigen Masse lag.

Im Unterbewusstsein hörte er einen schrillen Pfiff. Er sah, wie sich mitten in der Wand plötzlich eine Tür, wie von Geisterhand geschoben, öffnete und der Dämon hindurchschritt.

Unter der Tür drehte sich die Bestie noch einmal um und richtete die furchtbare Waffe auf Elcott.

Blitzschnell ließ der Inspektor sich fallen. Das Geschoß schwirrte dicht über seinen Kopf hinweg und bohrte sich krachend in die Wand.

Fast über die Hälfte der hellblauen Platten fielen durch die darauffolgende Explosion von der Wand polternd zu Boden.

Inspektor Elcott schoss am Boden liegend auf den hässlichen Teufel. Doch er hatte zu überhastet abgedrückt. Seine Kugel traf nur die Wand. Dann war der Dämon verschwunden, und die Tür schlug wieder zu.

Nichts deutete mehr darauf hin, dass hier gerade noch eine Tür war. Es waren nur noch die hellblauen Platten zu sehen.

Frank Vallee stürmte mit den anderen Polizisten herein. Und als wären sie gegen eine Mauer gelaufen, blieben sie plötzlich mit weit aufgerissenen Augen stehen.

Was sie sahen, erschien ihnen so unwirklich und so phantastisch, dass sie an ihrem Verstand zu zweifeln begannen.

Mit ungelenken, plumpen Schritten kam ein fast drei Meter großer Riese mit dem Kopf eines Babys und den Füßen eines Elefanten auf sie zu …

 

 

32. Kapitel

 

Das Summen und Brummen verstärkte sich. Dazwischen mischte sich grollender Donner. Blitze durchzuckten sein Gehirn. Er war fest davon überzeugt, dass sich ein richtiges Unwetter in seinem Kopf austobte.

Stöhnend richtete er sich auf. Er befühlte seinen Hinterkopf und stellte eine faustgroße Beule fest.

Schmerzhaft verzog er das Gesicht, als seine Hand die Beule berührte. Das Brummen in seinem Schädel wollte nicht aufhören.

Und dann stutzte er.

Das war kein grollender Donner in seinem Kopf. Das waren Schüsse.

Der Schmerz war plötzlich wie weggeblasen. Er erhob sich und tastete im Dunkeln nach dem Lichtschalter.

Was ist eigentlich los?

Wo bin ich?

Langsam kam die Erinnerung wieder.

Die schwarzgekleidete Gestalt mit dem weiten Umhang. Er hatte sie verfolgt, bis in den …

Er hatte den Lichtschalter gefunden und das Licht angeknipst. Die Koffer und Taschen in den Regalen brachten ihn vollends in die Wirklichkeit zurück.

Er war dem Vermummten nachgegangen, und der hatte ihn dann hier niedergeschlagen.

Er hätte sich ohrfeigen können, dass er nicht vorsichtiger gewesen war. Aber diese Einsicht änderte nichts mehr an den Tatsachen.

Langsam öffnete er die Tür. Draußen im Gang brannte Licht. Er trat hinaus.

Und dann begann es im Keller zu dröhnen. Ein wahres Inferno von Schüssen setzte ein. Es klang, als wäre ein Dutzend Maschinengewehre an der Arbeit.

Und genauso schlagartig, wie es angefangen hatte, hörte es auch wieder auf.

Constabler Dubbins stand unschlüssig im schwach erleuchteten Gang des Kellers.

Es war fast unmöglich festzustellen, woher die Schüsse gekommen waren.

Aus dem Keller, das stand fest. Aber aus welcher Richtung?

Er lauschte einen Moment, doch es war nichts mehr zu hören. Lähmende Stille umgab ihn.

Und dann ging er einfach los und riss sämtliche Türen auf. Er machte Licht, überzeugte sich, dass niemand im Raum war, und ging zur nächsten Tür.

Aber umsonst. Er fand nichts.

Unschlüssig stand er in der letzten Tür des Kellerganges. Er hatte auch hier nichts gesehen.

Langsam zog er die Tür zu und ging zurück. Da hörte er wieder eine Explosion und gleich darauf einen Schuss.

Diesmal war er sicher. Es kam von ganz hinten, vom letzten Raum, den er schon durchsucht hatte.

Verdammt, das gibt es doch nicht. Hält mich hier einer zum Narren?

Er rannte zurück – und dann sah er ihn.

Das Blut stockte in seinen Adern, als er in die hässliche Fratze blickte.

Der Dämon war ebenso überrascht, hier auf jemanden wie Dubbins zu stoßen. Er glaubte, alle Polizisten hinter sich gelassen zu haben.

In den Augen von Constabler Dubbins trat ein ungläubiger Ausdruck. Und ganz mechanisch, ohne es zu wollen, zog er den Abzug seines Revolvers durch.

Es wurde ihm gar nicht bewusst, dass ihm diese Reaktion das Leben gerettet hatte. Der Dämon hatte gerade seine Waffe angehoben, als die Kugel seine Brust traf.

Immer wieder drückte Dubbins ab. Aber die Bestie blieb stehen. Er wankte und versuchte gewaltsam, die Waffe anzuheben. Aber er schaffte es nicht.

Er konnte lediglich noch abdrücken. Die Kugel bohrte sich neben seinen Füßen in den Zement. Die nachfolgende Explosion riss Gesteinsbrocken aus dem Boden. Die Schuhe und Hosenbeine des Dämons wurden zerfetzt. Blut floss in das Loch, das der Sprengkörper gerissen hatte.

Grenzenloser Hass leuchtete aus den Augen des Dämons. Immer noch versuchte er mit letzter Kraft, seine Waffe auf den Constabler zu richten.

Da drückte Dubbins noch einmal ab. Er hörte den Einschlag in der Brust des Dämons und sah, wie dessen Körper zurückgeworfen wurde. Blut sprudelte über die wulstigen Lippen und lief ihm über das Kinn.

Und dann sackte er zusammen. Schwer schlug er auf dem Boden auf, rollte sich seitlich ab und blieb mit ausgebreiteten Armen auf dem Rücken liegen.

Im selben Augenblick brach ein nicht enden wollendes Inferno von Schüssen los.

Der Keller erdröhnte, die Wände zitterten. Es hörte sich an wie grollender Donner. Der Weltuntergang schien nahe.

Der Dämon hörte es nicht mehr. Er starrte mit gebrochenen Augen zur Decke. Für ihn war es ein würdiger Abschied, von einem solchen Inferno ins Jenseits begleitet zu werden.

Langsam stieg Dubbins über den Toten hinweg und ging zur letzten Tür. Er öffnete sie und machte Licht.

Die Schüsse ebbten langsam ab. Sie fielen nur noch vereinzelt.

Und dann hörte Constabler Dubbins einen dumpfen, schweren Fall.

Die Schüsse waren ganz verstummt. Lähmende Stille folgte.

Und in diese Stille hinein ertönten die Pfiffe, erst tief, dann immer höher und schriller.

Dubbins glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als sich plötzlich die Wand bewegte und eine türgroße Öffnung freigab.

Elcott war der Erste, der herausstürmte. Er sah den verdatterten Constabler und brüllte:

»Wo ist er?«

»Ich – ich habe ihn – erschossen«, stotterte Dubbins.

»Wo?«

Stumm zeigte der Uniformierte in den Gang hinaus.

Inspektor Elcott rannte an dem Verdutzten vorbei, und seine Kollegen drängten hinter ihm her.

Und dann standen sie fassungslos um den Toten herum und starrten auf die seltsame, unglaubliche Szenerie, die sich ihnen bot.

Das Gesicht des Dämons glättete sich. Die Falten verschwanden. Die Ohren gingen zurück und wurden kleiner. Selbst die Haare wurden in Sekundenschnelle kürzer.

Übrig blieb das Gesicht von – Professor Goddard!

 

 

33. Kapitel

 

Claire Garden kam langsam wieder zu sich. Sie lag auf der Seite, und als sie die Augen aufschlug, sah sie genau in die glitzernden Augen einer Mumie.

Sie stieß einen spitzen Schrei aus und fuhr hoch. Am Fußende ihrer Pritsche lag eine weitere Mumie.

Wieder schrie sie gellend auf. Sie sprang, von panischer Angst gepackt, von der Pritsche und wollte über die am Boden liegende Mumie hinwegsteigen.

Da hob der Einbalsamierte den Oberkörper, starrte sie aus brennenden, blutunterlaufenen Augen an und rollte sich gegen ihre nackten Beine.

Claire stürzte, schrie, rappelte sich hoch, stolperte über ihre eigenen Beine und fiel wieder zu Boden.

Und dann sah sie das viele Blut und die übel zugerichteten Polizisten. Das Grauen packte sie, und sie musste sich übergeben. Sie würgte, hustete und erstickte fast an dem Erbrochenen.

Zitternd kroch Claire auf die Tür zum Labor zu. Sie wusste nicht, wohin es ging. Aber sie wollte einfach weg. Weg von diesem Platz des Grauens und des Todes.

Ihr weißes, wallendes Nachthemd war inzwischen rot vom Blut der toten Polizisten. Staub und Dreck vermischte sich mit dem Blut, und es nahm an manchen Stellen eine dreckig-braune Farbe an, wurde steif wie ein Brett.

Aber Claire merkte es nicht. Sie schleppte sich bebend zur Tür, richtete sich auf und rannte in das Labor.

Ihre Füße brannten und schmerzten, als sie über die Steinsplitter lief, die der Sprengkörper gerissen hatte. Doch sie achtete nicht darauf. Sie verzog nicht einmal das Gesicht. Nur Angst und Panik waren darin zu lesen.

Claire nahm auch nicht wahr, dass sie durch ein Labor hastete. Sie sah nur die offene Tür am anderen Ende und stürmte darauf zu.

Dann durchquerte sie den muffig riechenden, schwach erleuchteten Zwischenraum und gelangte in den blauen Keller.

Das riesige Gerippe, das in der braunen, breiigen Masse lag, sah sie viel zu spät.

Mit beiden Beinen stand sie in dem Brei, rutschte aus und fiel über die Knochen, die splitternd und krachend unter ihr zerbrachen.

Es stank nach Fäulnis und Verwesung. Ekel kroch in ihr hoch.

Claire versuchte aufzustehen. Aber der dicke Brei hing an ihrem Nachthemd und klebte fest. Das Hemd wurde schwer wie Blei und zog sie unwiderstehlich wieder nach unten.

Und dann sah sie den toten Sergeant Lanner und den nackten Koloss, der mitten im Raum lag.

Mit Entsetzen verfolgte sie, wie das Fleisch des Riesen faltig wurde und schrumpfte und an manchen Stellen schon vom Gerippe abfiel und ebenfalls zu einem zähflüssigen Brei wurde.

Claire war das alles unbegreiflich. Das konnte doch nicht wahr sein. Was sie hier sah, konnte man doch nur träumen.

Das kann doch nur ein Albtraum sein, ging es ihr durch den Kopf. Ein drei Meter großer Riese zerfällt vor meinen Augen.

Sie schüttelte sich, schloss die Augen und öffnete sie wieder. Aber es war alles wie vorher. Und der verwesende Gestank machte es ihr nur noch deutlicher.

Und plötzlich wurde ihr schwindlig. Alles drehte sich um sie. Dann wurde sie von tiefschwarzer Nacht umfangen.

Claire hörte und sah nichts mehr.

 

 

34. Kapitel

 

Die Yard-Beamten sahen einander verständnislos an. Sie konnten einfach nicht begreifen, dass das, was sich ihnen darbot, Wirklichkeit war. Das alles war so unfassbar, so phantastisch, dass keiner von ihnen es geglaubt hätte, wenn sie es nicht mit eigenen Augen gesehen hätten.

»Ich ahnte, dass hier etwas Furchtbares vor sich geht, nachdem ich mit Miss Brooks gesprochen hatte«, sagte Inspektor Elcott in die lähmende Stille. »Doch das hier …Was hat er bloß vorgehabt? Was wollte er mit den Riesen? Er hat aus Menschen Bestien gemacht. War das wirklich seine Absicht? Oder sind sie einfach danebengegangen? Ich glaube, das werden wir wohl nie erfahren.«

»Aber man könnte doch diese Mumien untersuchen. Und dann müsste man feststellen können, was er mit den armen Menschen gemacht hat«, wandte Frank Vallee ein.

Elcott nickte.

»Vielleicht«, sagte er. Er warf wieder einen Blick auf. den Toten, und das Grauen schüttelte ihn.

Dann gab er sich einen Ruck.

»Tragt ihn hinauf und holt Dr. Marshall«, befahl er den Uniformierten.

Im selben Augenblick kam Dr. Marshall um die Ecke, gefolgt von seinen drei Pflegern.

Der Inspektor sah ihnen entgegen. Er fixierte vor allen Dingen den Pfleger, der mit ihm die Mumie in der Kiste gesehen hatte.

Aber er benahm sich nicht anders als die anderen. Er war genauso erschreckt und verdattert wie sie, als er den toten Professor sah.

Dann hob er den Kopf. Seine kleinen Schweinsäuglein wanderten wieselflink hin und her. Als er glaubte, von niemandem beobachtet zu werden, schlich er sich verstohlen davon.

»Halt!«, brüllte Elcott.

Der Mann kümmerte sich nicht um den Ruf. Er wurde nur noch schneller und versuchte die Treppe zu erreichen.

Da peitschte ein Schuss durch den Keller.

Der Fliehende blieb stehen, als wäre er gegen eine Wand gerannt. Dann brach er wie vom Blitz getroffen zusammen.

Inspektor Elcott sah sich nach dem Schützen um. Es war einer der uniformierten Polizisten gewesen.

»Verdammt!«, zischte Elcott. »Musste das sein?«

Er eilte zu dem Pfleger und drehte ihn auf den Rücken. An den weit aufgerissenen Augen, die leer zur Decke starrten, stellte er fest, dass hier nichts mehr zu retten war.

»Ich – ich wollte …«, stotterte der Polizist, der geschossen hatte.

Elcott brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen. Es war sinnlos, weiter darüber zu reden. Der Pfleger, der Einzige, der über den Professor hätte etwas sagen können, war tot. Auch wenn er sich darüber aufregen würde, könnte er ihn nicht mehr lebendig machen.

Vielleicht war es auch gut so.

Die vier Männer, die den toten Professor trugen, blickten ihn fragend an.

Der Inspektor nickte ihnen zu.

»Bringt ihn hinauf!«, sagte er resigniert. Dann wandte er sich an Dr. Marshall. »Kommen Sie, Doktor, ich möchte Ihnen etwas zeigen!«

»Ich werde nichts tun, bevor Sie mir nicht gesagt haben, was hier gespielt wird. Warum ist der Professor tot? Warum musste einer meiner Pfleger sterben? Ich glaube, Sie sind mir auf der Stelle eine Erklärung schuldig.«

»Später, Doktor, später.« Elcott winkte ab. »Kommen Sie erst mal mit. Dort drüben sind Menschen, denen Sie vielleicht noch helfen können.«

Dr. Marshall sah ihn verwirrt an. Aber Inspektor Elcott nahm sich nicht die Zeit für viele Worte. Er packte den Arzt einfach am Arm und zog ihn mit.

Harry Brent, der andere Pfleger und Frank Vallee und einige andere Polizisten folgten.

Im blaugetäfelten Raum fanden sie Claire Garden und den zerfallenden Riesen.

Dr. Marshall und die beiden Pfleger prallten entsetzt zurück. Ihre Augen wurden immer größer, Ungläubigkeit und Ekel breitete sich auf ihren Gesichtern aus.

Der Arzt verfärbte sich grau. Er schien allmählich zu ahnen, was hier vor sich gegangen war.

Harry Brent ging zu Claire, zog ihr einfach das von der klebrigen, stinkenden Masse bedeckte Nachthemd aus und nahm sie auf die Arme.

»Was ist mit ihr?«, fragte Sergeant Vallee.

Dr. Marshall hatte sich wieder etwas gefangen. Er untersuchte Claire kurz und konstatierte:

»Sie ist nur ohnmächtig. Sonst ist sie sicher okay. Bringen Sie sie rauf, Brent!«

Der nickte und ging.

Inspektor Elcott stand vor Sergeant Lanner. In seinem Gesicht arbeitete es. Lanners Tod schien ihm wirklich sehr nahezugehen.

Dann gab er sich einen Ruck und wandte sich an die uniformierten Beamten.

»Nehmt ihn mit!«, sagte er leise. Seine Stimme klang belegt. Aber er fasste sich erstaunlich gut und trat auf Dr. Marshall zu, dem es anscheinend völlig die Sprache verschlagen hatte.

Lanner war tot. Ihm konnte niemand mehr helfen. Aber zwei Räume weiter lagen Menschen, verpackt als Mumien. Und sie lebten, wie er feststellen konnte. Vielleicht war ihnen noch zu helfen.

»Kommen Sie weiter, Doc!«, forderte Inspektor Elcott. »Das ist noch nicht alles. Ich habe Ihnen einiges mehr zu zeigen.«

Dr. Marshall ließ sich willenlos mitziehen.

Elcott führte ihn durch das Labor hinüber in die Mumiengruft.

Es roch nach Blut, und es herrschte ein furchtbares Durcheinander.

Nur noch drei der Mumien lagen ruhig auf ihren Feldbetten. Die anderen waren heruntergefallen und wälzten sich auf dem Boden.

Es war ein Bild des Grauens, fernab menschlichen Vorstellungsvermögen.

In der Mitte des Raumes lagen die getöteten Polizisten – enthauptet und völlig ausgeblutet. Um sie herum bewegten sich die Mumien und saugten das Blut mit ihren einbandagierten Körpern gierig auf.

»Mein Gott, das ist ja furchtbar«, entfuhr es Dr. Marshall. »Wer ist das? Wer sind die Menschen?«

»Ich glaube, Doktor, dass Sie einige als ihre Patienten wiedererkennen werden«, sagte Elcott.

Der Arzt begann sofort damit, eine der Mumien auszupacken.

»Nicht, lassen Sie das!«, rief Frank Vallee entsetzt. »Es sind Bestien. Sehen Sie sich die Augen an, wie sie vor Mordlust glühen. Sie haben zwar noch die Körper eines Menschen, aber die Instinkte wilder Raubtiere. Wenn man sie aufwickelt, werden sie nur eines tun: morden!«

»Aber wir können sie doch nicht einfach so liegen lassen«, sagte Dr. Marshall erregt. »Wir müssen doch etwas tun. Wir müssen ihnen helfen.«

»Denen ist nicht mehr zu helfen«, sagte Sergeant Vallee. Er dachte an den Keller und an die Kiste, in der er die Mumie gefunden hatte und einige Zeit mit ihr eingesperrt war.

Ein Schauer lief über seinen Rücken.

Der Arzt kümmerte sich nicht weiter um Vallee. Er packte die Mumien aus.

Frank Vallee wollte ihn daran hindern, aber Inspektor Elcott hielt ihn zurück.

»Lass ihn!«, sagte er leise.

Er zog seine Pistole heraus, lud sie nach und entsicherte sie. Dann wichen sie langsam zur Wand zurück und beobachteten das Tun des Arztes.

Vallee hatte recht.

Die Frau, die unter den Binden zum Vorschein kam, war kein menschliches Wesen mehr. Sie entpuppte sich als eine wahnsinnige, mordgierige Bestie.

Dr. Marshall wich zur Seite, als sie ihn angreifen wollte. Ein Schaudern überkam ihn, als er die gefletschten Zähne und die brennenden Augen sah, in denen die Mordlust stand.

Elcott wagte nicht zu schießen. Er hatte Angst, den Arzt zu treffen. Aber es wurde auch nicht notwendig.

Die nackte Frau rannte an Dr. Marshall vorbei, hinüber ins Labor. Und dann begann es zu poltern und zu klirren. Gläser zerbarsten, Flammen schlugen fauchend durch die Tür.

»Raus!«, schrie Elcott.

Er hob Vallee hoch und drückte ihn durch die Öffnung in der Wand, durch die sie hereingekommen waren.

»Hol ein Seil!«, rief er ihm nach.

Wenige Minuten später standen sie alle draußen. Unten gab es eine ohrenbetäubende Explosion, Hitze drang durch das Loch.

Das Labor und die Mumien wurden ein Opfer der Flammen. Die von Sergeant Vallee benachrichtigte Feuerwehr, die schon nach zehn Minuten eintraf, konnte das Feuer bald unter Kontrolle bringen, sodass es keinen weiteren Schaden anzurichten vermochte.

Doch was der Professor im Keller vorgehabt hatte, blieb ungeklärt. Er hatte das Geheimnis mit ins Grab genommen.

 

 

35. Kapitel

 

Dr. Marshall stand vor dem versammelten Personal und sah sie der Reihe nach an. Dann sagte er:

»Eigentlich wollte die Polizei das Sanatorium schließen. Doch in Anbetracht unserer Patienten sah man vorläufig davon ab. Die Leitung des Hauses wurde mir übertragen. Ich bitte sie also alle, mich in jeder Hinsicht zu unterstützen. Wir werden noch einige Tage die Polizei im Haus erdulden müssen. Doch für heute Nacht haben wir Ruhe. Sie sind alle weggefahren. Nur draußen am Eingangstor stehen zwei Beamte.«

Er machte eine Pause. Mit keinem Wort hatte er den Professor erwähnt. Er hatte es auch nicht vor.

»Wir werden heute Nacht versuchen, wieder Ruhe in unsere Patienten zu bringen, um ihren Heilungsprozess nicht zu verzögern. Miss Garden geht es wieder besser. Sie liegt im ersten Stock in einem Einzelzimmer und schläft. Ich hoffe, dass sie alles gut überstanden hat. – Sie hatte wohl am meisten von uns zu leiden«, fügte er leise hinzu.

Alle nickten bestätigend.

»Gehen wir also an unsere Arbeit.« Er sah auf die Uhr. »Um Mitternacht können sich bis auf die eingeteilten Nachtwachen alle zu Bett begeben.«

Die Versammlung löste sich auf.

 

 

36. Kapitel

 

Sie spürte den leichten Luftzug und wusste, dass er nun kommen würde, um sie umzubringen.

Aber sie war ganz ruhig.

Angestrengt versuchte sie, die Dunkelheit im Zimmer mit den Augen zu durchdringen.

Es gelang ihr, und sie sah, dass er langsam auf sie zukam. Sie wartete noch einen Augenblick, dann drückte sie auf den Lichtschalter.

Vor ihr stand die Gestalt in dem weiten Umhang und der schwarzen Tuchmaske.

»Guten Abend, Brad«, sagte Claire ruhig.

Jedenfalls klang es so. Trotzdem vibrierte ihre Stimme kaum merklich.

Die Gestalt in dem weiten Umhang blieb stehen. Dann kam ein heiseres, hohes Lachen hinter der Maske hervor.

Er warf den Umhang ab und zerrte die Maske vom Gesicht.

Es war nicht Brad, sondern – der Hausmeister!

Claire erschrak. Aber sie fasste sich sofort wieder.

»Ich dachte mir, dass du in irgendeiner Verkleidung auftauchen würdest. Du brauchst mir also nichts vorzuspielen.«

Wieder dieses Lachen.

»Du bist ein gescheites Mädchen«, sagte er. »Aber das nützt dir alles nichts mehr. Du wirst jetzt endlich sterben! Diesmal habe ich nicht die Falsche.«

»Laura musste also nur sterben, weil du das Bett verwechselt hast?«, fragte Claire schnell.

»Natürlich. Ich wollte dich. Ich warf tagsüber mal einen Blick in euer Zimmer, sah diese Greer im Bett liegen und merkte mir das Bett. Ich konnte schließlich nicht ahnen, dass sie nachts im anderen Bett schläft.«

Er zog langsam die Drahtschlinge heraus.

»Warte noch!«, sagte Claire Garden. Sie zitterte. »Was geschah mit dem richtigen Hausmeister, der eingestellt werden sollte?«

Ein Grinsen zog über das faltige Gesicht des Alten. Die Augen bekamen einen sonderbaren Glanz.

»Warum sollst du es nicht wissen, was du für einen genialen Vetter hattest.« Er machte eine kleine Pause. Dann stolz: »Als ich dich einmal nachts besuchen wollte, fiel ich in dasselbe Loch wie du. Und ich kam wie du zu den Mumien. Aber ich schrie nicht, sondern überlegte. Und da kam mir eine glänzende Idee. Nachdem wir beide in Tante Metas Haus übergesiedelt waren, zog ein alter Mann mit Klumpfuß in meine vorhergehende Wohnung. Durch Zufall erfuhr ich, dass er hier im Sanatorium als Hausmeister anfangen wollte. Ich brachte ihn um, balsamierte ihn ein und legte ihn zu den anderen Mumien. So war ich sicher, dass man ihn nie finden würde. Und jetzt erst recht nicht, da sie ja alle im Keller verbrannt sind.«

»Aber es muss doch auffallen, wenn plötzlich eine Mumie mehr im Keller lag«, sagte Claire.

»Natürlich, das dachte ich auch. Deshalb nahm ich eine Mumie mit und legte sie im Keller in diese Kiste. Es kostete mich einen Haufen Arbeit. Aber wenn man die andere Leiche fand, war mir das egal, denn sie konnte mich ja nicht verraten. Außerdem hatte ich vor, dich damit ein wenig zu erschrecken. Ich habe auch gleich meinen Filmprojektor dort unten installiert. Ich wollte dich hinuntertragen und dort das Spiel fortsetzen, das wir zu Hause schon durchgespielt haben. Aber dann kam dieser junge Polizist dazwischen. Da habe ich ihn eben meine Macht spüren lassen. Und ich hätte ihn fertiggemacht, wenn nicht der andere gekommen wäre. Das vollkommene Durcheinander schaffte dann der Pfleger, als er die Mumie verschwinden ließ. Ich wusste selbst nicht, warum er es tat. Aber für mich war es gut.«

»Aber weshalb hast du das im Keller hergerichtet, wenn du mich doch umbringen wolltest?«

»Das war nur für alle Fälle. Du weißt doch, ich bin ein gründlicher Mann.«

»Und weshalb musste der Gärtnergehilfe sterben?«, fragte Claire. Sie dachte mit Schaudern an das Erlebnis mit dem Buckligen und schüttelte sich.

Der Alte lachte hämisch und schrill.

»Er hat dir wohl ganz schön zugesetzt? Am liebsten hättest du ihn doch selbst umgebracht, oder nicht?«

Claire gab ihm keine Antwort.

»Den Buckligen habe ich nur umgebracht, weil ich solche Leute nicht ausstehen kann«, sagte der Alte.

Claire schnappte nach Luft.

»Du bist – du bist ja verrückt!«, stieß sie hervor. »Mein Gott, du bist wahnsinnig. Und dazu gemeingefährlich. Du mordest aus Lust am Morden …«

Er keuchte und hob die Schlinge an.

»Du wirst damit nicht durchkommen«, sagte Claire schnell. Sie versuchte ihn hinzuhalten. »Man wird Nachforschungen anstellen und feststellen, dass du kein Alibi hast.«

Sie glaubte, ihn an der richtigen Stelle erwischt zu haben.

Aber der Alte lachte nur.

»Du kennst mich anscheinend immer noch nicht«, sagte er zynisch und klopfte sich selbstherrlich an die Brust.

»Wie willst du das machen? Du bist doch hier. Wie willst du dir also das Alibi verschaffen?«

Der Alte ließ die Schlinge etwas sinken.

»Das sollst du noch erfahren«, sagte er mit unverkennbarem Stolz in der Stimme. »Darauf bin ich am meisten stolz. Es war nämlich meine Glanzleistung. Ich sagte dir ja schon, dass ich ein gründlicher Mann bin. Und du kannst mir glauben, dass ich für ein ausgezeichnetes Alibi gesorgt habe. Schon seit Tagen fährt Mary mit einem Freund von mir, der mein Gesicht hat, durch Schottland. Ich habe ihm eine hervorragende Maske gemacht. Und jeder, der ihn sieht, wird ihn für Brad Staiger halten. Die beiden werden sich überall so auffällig wie möglich benehmen, damit man sich noch lange an sie erinnern wird. Es wird mich also niemand verdächtigen können, denn ich war niemals hier. Ich bin seit Tagen in Schottland.«

»Aber dein Freund wird dich verraten, wenn er hört, dass du jemanden getötet hast.«

»Für was hältst du mich eigentlich? Für einen Trottel? Natürlich wird er mich nicht verraten, weil er keine Gelegenheit dazu bekommt. Sobald ich dich erledigt habe, und das wird in wenigen Sekunden sein, werde ich den beiden nachreisen. Als nächster wird dann mein momentaner Doppelgänger sterben. Bei Mary weiß ich es noch nicht. Aber sicher werde ich auch sie eines Tages umbringen.

Der ist ja wahnsinnig, dachte Claire, als sie ihn angewidert betrachtete. Wie kann so ein Verrückter noch frei herumlaufen?

Und dann kam er und zog die Drahtschlinge auseinander. Um seinen Mund lag ein zynisches Lächeln.

Knapp zwei Meter vor dem Bett verharrte der Runzlige, als wäre er gegen eine Wand geprallt.

Er starrte genau in die Mündungen von zwei Pistolen. Und sie wurden nicht von Claire gehalten.

Inspektor Elcott und Sergeant Vallee hatten sich ruckartig hinter dem Bett aufgerichtet.

»Es ist aus!«, sagte Elcott. »Legen Sie die Schlinge weg und treten Sie zurück!«

Langsam wich er zurück.

»Ihr kriegt mich nicht«, sprudelte er hasserfüllt hervor. Schaum trat auf seine Lippen. »Mich nicht! Mich nicht!«

Dann griff er in die Jacke und zog einen Revolver heraus.

Elcott und Vallee schossen gleichzeitig.

Stumm, mit weit aufgerissenen Augen und ungläubigem Blick, brach er wie vom Blitz getroffen zusammen.

Elcott kniete neben ihm nieder und riss ihm die Maske vom Gesicht.

»Es ist Brad«, flüsterte Claire Garden. »Er ist es!«

Dr. Marshall kam hereingestürmt, gefolgt von Harry Brent.

»Es ist vorbei«, sagte Inspektor Elcott leise. Er deutete auf Claire. »Sie war sehr tapfer und hat Furchtbares durchgemacht. Aber jetzt ist, Gott sei Dank, alles überstanden.«

Der Arzt nickte. Er beugte sich über das Mädchen und deckte es behutsam zu.

Das Irrenhaus des Grauens hatte seinen Schrecken verloren.

 

 

ENDE

Ripper reloaded

 

 

von A.F. Morland

 

 

***

 

 

Er war gefährlich.

Er war grausam.

Er war blutrünstig.

Er war vor langer Zeit gestorben, doch er kam zurück.

Und er hatte nichts verlernt …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

Er ist anders, dachte Maya Frazer, während sie den keuchenden Mann geduldig auf sich ertrug. Ganz anders als alle Typen vor ihm. Ohne Leben. Kalt. Irgendwie tot. Obwohl er sich hart und brutal in mir bewegt. Ich habe so etwas noch nicht erlebt. Hört sich irre an, ist aber so.

Sie hatte ihn in einem kleinen, gemütlichen East-End-Pub angesprochen. »Hi, ich bin Maya.«

»Hi, Maya«, hatte er lächelnd erwidert. Ein Mann, dessen Äußeres sich schlecht einordnen ließ. Nicht schön. Nicht hässlich. Im Grunde genommen unscheinbar.

Sie hatte lasziv ihr Becken vorgeschoben, damit er wusste, was für eine sie war. »Spendierst du mir einen Drink?«

Er hatte genickt. »Warum nicht? Was darf’s denn sein?«

Sie hatte kokett mit einer blonden Locke gespielt und ihm einen Blick in den tiefen Ausschnitt ihrer gut gefüllten Bluse gegönnt. »Ein doppelter Scotch würde mich ganz schnell in Stimmung bringen.«

»Kannst du haben.« Er hatte den Drink für sie geordert und mit ihr angestoßen.

»Wie ist dein Name?«, hatte sie sich erkundigt, obwohl es ihr eigentlich egal gewesen war.

»Jack«, hatte er geantwortet.

Sie hatte ihre Lider verführerisch gesenkt und leise gefragt: »Möchtest du ein bisschen Spaß haben, Jack?«

Er hatte gegrinst. »Hört sich gut an.«

»Ich bin ein ziemlich schlimmes Mädchen.«

»Noch besser.«

Sie hatte aufgezählt, wofür sie sich begeistern konnte und ihre Preise dafür genannt. Nachdem sie sich geeinigt hatten, hatte Maya Jack in ihre Wohnung mitgenommen, wo er jetzt tun durfte, wofür er bezahlt hatte.

Nachdem er das vereinbarte Kontingent weidlich ausgeschöpft hatte, verschwand sie ins Bad, um sich seinen Lustschweiß vom Leib zu waschen – mit ein bisschen mehr Sorgfalt als sonst, ohne dafür eine plausible Erklärung zu haben.

Anschließend schlüpfte sie in einen flauschigen weißen Frotteemantel, kehrte ins Schlafzimmer zurück und riss erschrocken die Augen auf.

 

 

2. Kapitel

 

»Hör mal, bist du von allen guten Geistern verlassen?«, herrschte Maya Frazer den Freier an. »Was ist dir denn da eingefallen?«

Er stand komplett angezogen auf dem hellen Flokatiteppich neben dem Bett. »Ich denke, ich muss dir das erklären.«

»Was gibt es da zu erklären?«, konterte sie bissig. »Du kannst doch nicht …«

»Ich musste das tun«, fiel er ihr ins Wort.

»Mann, du bist wohl nicht ganz dicht«, empörte sie sich mit schriller Stimme. »Was ist los mit dir? Bist du bescheuert oder was? Was soll das Geschmiere? Du wirst mir den Schaden bezahlen.«

»Es ist eine Nachricht«, sagte Jack.

»Für wen?«

»Eine Information.«

»Für wen, verdammt?«, schrie Maya wütend.

Er stellte die Spraydose, mit der er die Wand besprüht hatte, auf den Nachttisch. Über der extra breiten Lustwiese stand in blutroten Lettern: JACK IS BACK.

»Machst du das überall, wo du hinkommst?«, fragte ihn Maya Frazer aggressiv. »Mir sind ja schon viele Spinner untergekommen, aber …«

»Wenn du mir zuhörst, wirst du alles verstehen.«

»Ich muss die Wand neu tapezieren lassen.«

»Ich denke nicht, dass das nötig sein wird.«

»Soll das etwa so bleiben?«

»Hör mir doch endlich zu!«, verlangte Jack, den Maya für geisteskrank hielt.

Sie streckte die Hand vor. »Geld«, forderte sie forsch. »Ich will Geld sehen.«

Er ignorierte ihre Hand. »Ich war schon mal in der Gegend«, begann er ernst, still, gelassen, beinahe verträumt. »Ist schon eine Weile her. Ziemlich lange sogar. In der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts sah hier alles ganz anders aus. Das Pub, in dem du mich angesprochen hast, existierte zum Beispiel noch nicht. Und so manches Haus auch nicht. Oder nicht in der heutigen Form. Damals kam es in England – wie man überall nachlesen kann – durch Einwanderung und hohe Geburtenraten zu einem explosionsartigen Bevölkerungszuwachs. Zahlreiche Iren flüchteten vor einer mörderischen Hungersnot in unser Land und viele Zuwanderer kamen aus Osteuropa und Russland noch hinzu. Das führte zwangsläufig vor allem in London zu katastrophalen Umweltproblemen. Das Gebiet um den Hafen war total übervölkert. Es gab kaum Arbeit und so gut wie keine Wohnmöglichkeiten. Geld war knapp. Gelegenheitsprostitution war an der Tagesordnung. Es wurde gestohlen, geraubt, geplündert, vergewaltigt und gemordet. Du kannst dir das wahrscheinlich nicht vorstellen, aber ich habe es erlebt und mit eigenen Augen gesehen. Vor dir steht ein Zeitzeuge, Maya.«

Vor mir steht ein gottverdammter Psychopath, dachte sie, während es ihr kalt über den Rücken lief.

»Der Metropolitan Police Service schätzte, dass es im Oktober 1888 allein in Whitechapel um die tausendzweihundert Prostituierte und zweiundsechzig Bordelle gab«, sagte Jack. »Diese käuflichen Weiber verbreiteten bedenkenlos Lustseuchen jeder Art. Viele brave Männer, die sich bei ihnen infiziert hatten, gingen elend an schrecklichen Krankheiten zugrunde. Ich sagte mir, wie viele andere auch, dass man nicht länger tatenlos zusehen dürfe, dass man das eindämmen und dagegen ankämpfen müsse, doch niemand hatte die Courage, tatsächlich etwas zu unternehmen. Das war zu allen Zeiten so und wird immer so sein. Die Menschen sind grundsätzlich feige. Alle wollen, dass etwas geschieht, sind aber nicht bereit, die Ärmel hochzukrempeln, Verantwortung zu übernehmen und wirklich etwas zu tun.« Jack zog die Augenbrauen zusammen und knurrte mit finsterer Miene: »Ich habe etwas getan.«

Mayas Kehle wurde eng. Meine Güte, er denkt doch nicht etwa, schon mal gelebt zu haben, ging es ihr durch den Sinn. Er kann unmöglich allen Ernstes glauben …, Jack the Ripper zu sein.

 

*

 

Jack lächelte. »Ich sehe, du kannst mir folgen.«

»Ich möchte, dass du gehst, Jack«, sagte Maya Frazer mit belegter Stimme. Allmählich bekam sie Angst vor ihm.

»Ich bin mit meinen Ausführungen noch nicht fertig.«

»Sie interessieren mich nicht.«

»Es ist mir sehr wichtig, dass du verstehst …«

»Geh!«, fauchte sie ihn an. »Sofort! Sonst rufe ich die Polizei!«

»Fürchtest du dich vor mir?«

»Verschwinde, Psycho!«, schrie sie hysterisch. »Ich will mit dir nichts mehr zu tun haben!«

»Dazu ist es leider zu spät«, sagte Jack mit aufgesetztem Bedauern. »Die Würfel fielen in dem Moment, als du mich im Pub angesprochen hast. Da haben die Dinge ihren Lauf genommen und nun ist nichts mehr davon rückgängig zu machen, Herzchen.« Er nahm seinen Gesprächsfaden wieder auf. »Man hat viel Unwahres über mich verbreitet. Man nannte mich Leather Apron und Whitechapel Mörder, schob mir Morde unter, die ich nie begangen habe. In Wahrheit waren es fünf. Nur fünf. Nicht mehr. Mary Ann Nichols war mein erstes Opfer und mit Mary Jane Kelly war Schluss. Vorgehabt hatte ich allerdings – das gebe ich gerne zu – mehr Morde. Ein Dutzend hätte es werden sollen, aber mich suchte eine schwere Krankheit heim, die es mir unmöglich machte, das gesteckte Ziel zu erreichen. Als es mit mir zu Ende ging, flehte ich den Teufel an, mir die Rückkehr zu ermöglichen, damit ich das Dutzend voll machen kann, doch er ließ sich sehr, sehr lange damit Zeit. Bis heute. Aber nun ist Jack back, und du hast die Ehre, mein sechstes Opfer zu werden.«

Maya stand vor einer Kommode aus hellem Kirschholz. Sie riss aufgewühlt die oberste Lade auf, griff nach dem Revolver, der darin zwischen Slips, String-Tangas, Spitzen-Dessous und Push-up-BHs lag, und richtete ihn auf Jack.

»Raus, du kranker Bastard!«, fauchte sie. »Auf der Stelle! Sonst verpasse ich dir eine Kugel in deinen hohlen Schädel.«

Er blickte fast traurig auf die Waffe in ihrer zitternden Hand. »Wenn die Kugel nicht aus Silber und nicht geweiht ist, kann sie mir nichts anhaben.« Er zuckte mit den Schultern. »Sorry. So sind die Regeln. Ich habe sie nicht gemacht.«

Er griff nach hinten und brachte mit einer raschen, fließenden Bewegung ein Messer zum Vorschein. Die Klinge, auf der blitzende Reflexe tanzten, war beängstigend lang und frisch geschliffen, wie Jack sein entsetztes Opfer wissen ließ.

»Keine Sorge«, sagte er mit unpassender Sanftheit. »Es wird sehr schnell gehen. Ich bin schließlich kein Unmensch. Kurz nachdem ich dir die Kehle durchgeschnitten habe, wirst du nichts mehr spüren – und auch keine Angst mehr haben.«

Er setzte sich ohne Eile und in aller Ruhe in Bewegung. Für ihn stand fest, dass Maya ihrem Schicksal nicht entrinnen konnte. Sie drückte verstört und angstbebend ab. Der Schuss krachte ohrenbetäubend laut.

Die Waffe bäumte sich wild in ihrer Hand auf, spie Feuer und Blei und die Kugel traf ihn auch, doch es war so, wie er gesagt hatte.

Der Treffer blieb ohne jede erkennbare Wirkung. Das Projektil stoppte ihn nur kurz. Dann ging er, fast gemächlich, weiter auf sein Opfer zu.

 

 

3. Kapitel

 

Eve Freeman stieg mit katzenhafter Geschmeidigkeit aus ihrem weißen Prius. Die langbeinige Schöne trug ein elegantes Kostüm von Donatella Versace, das ihre makellose Figur hervorragend zur Geltung brachte.

Sie hatte glattes, brünettes, schulterlanges Haar, braune Samtaugen und ein bezauberndes Lächeln, mit dem sie jetzt den uniformierten Polizisten begrüßte, der darauf zu achten hatte, dass die Absperrung mit dem blau-weißen Plastikband auch ernst genommen wurde.

»Hallo, Ron.«

Der Bobby strahlte sie an. »Oh, Miss Freeman. Schön, Sie zu sehen. Wie geht es Ihnen?«

»Ich kann gar nicht genug klagen«, scherzte sie schmunzelnd.

»Ich habe Ihr letztes Buch gelesen.«

Eve Freeman, die Nichte des bekannten Parapsychologen Owen McAdams, war sowohl als Journalistin als auch als Autorin erfolgreich.

»Ich hoffe, es hat Ihnen gefallen«, sagte sie lächelnd.

»War ein echter Pageturner«, sagte der Uniformierte begeistert. »Spannend von der ersten bis zur letzten Zeile.«

»Das freut mich.« Eve zeigte auf das Plastikband. »Darf ich durch?«

»Sie immer.« Ron Major hob das Band so hoch, dass sie sich kaum zu bücken brauchte, um die Sperre zu passieren.

»Danke, Ron.«

»Ist mir eine Ehre.«

Hinter der Absperrung herrschte der gewohnte organisierte Tumult. Auf der Straße. Vor dem Haus. Im Treppenhaus. Und erst recht in der Wohnung der ermordeten Prostituierten. Polizeiarzt, Tatortfotograf und Spurensicherungsexperten machten mit Routine ihren Job.

Das Ganze glich einem bis ins kleinste Detail durchinszenierten Ameisenhaufen, in dem es keine Leerläufe gab, weil jeder genau wusste, was zu tun war.

Nahezu alle Anwesenden kannten Eve Freeman – nicht nur, weil sie Journalistin war und Bücher schrieb, sondern vor allem deshalb, weil sie eine Zeit lang mit Oberinspektor Fisher zusammen gewesen war.

Zwei schöne Menschen, die aneinander Gefallen gefunden hatten und einen Teil ihres Lebensweges gemeinsam zurückgelegt hatten. Eve Freeman hörte Russell Fishers sonores Organ schon, bevor sie ihn sah.

Es war diese unverwechselbare, wohlklingende Stimme gewesen, in die sie sich zuerst verliebt hatte. Und dann erst in den Mann. Wenn es nach ihr gegangen wäre, wären sie noch immer ein Paar gewesen.

Doch Russell Fisher waren Beruf, Karriere, vor allem aber Geld, Wohlstand und Luxus, wichtiger gewesen – und ein solch komfortables Paket hatten ihm die Boysens, die zu den zehn reichsten Familien des Landes gehörten, in Aussicht gestellt, wenn er sich entschließen würde, die nicht besonders attraktive Ludmilla Katharina Emma Yolanda Boysen – ein Mauerblümchen par excellence – zur Frau zu nehmen. Er hatte hungrig angebissen und den Köder gierig geschluckt.

Inspektor Leone von Scotland Yard, ein kleiner Mann mit zerknittertem Gesicht, der entfernt an den legendären TV-Inspektor Columbo erinnerte (nur der abgelutschte Zigarrenstummel fehlte), trat soeben aus der Wohnung. Er war zwar keine Respektsperson wie Russell Fisher, aber schlau, scharfsinnig und intelligent. Ein loyaler Freund, Partner und zuverlässiger Intimus des Oberinspektors. Er hatte Aufstieg und Ende der Liebe von Eve und Russell aus nächster Nähe miterlebt und bedauerte noch immer, dass diese – in seinen Augen märchenhafte – Love Story nicht gehalten hatte.

Er wirkte geistesabwesend. Vielleicht sogar ein wenig verstört. Als Eve ihn ansprach, zuckte er zusammen und richtete seinen blinzelnden Blick – noch nicht ganz da – auf sie. Ein unechtes Lächeln huschte über sein Gesicht.

»Eve.«

»Ist alles in Ordnung, Luke?«, erkundigte sie sich. »Du siehst blass aus.«

Er wackelte mit dem Kopf. »Du hast nicht gesehen, was ich gesehen habe.«

»Ist es so schlimm?«

»Noch schlimmer«, antwortete Luke Leone mit belegter Stimme. »Ich bin ja nun schon ein paar Jährchen beim Yard, aber das … Nein … Was zu viel ist, ist genug.«

Eve wollte an ihm vorbeigehen.

Er verzog sein faltenreiches Gesicht und schüttelte den Kopf. »Das würde ich mir an deiner Stelle nicht antun.«

Sie lächelte ihn beruhigend an. »Ich weiß, ich sehe nicht so aus, aber ich kann was vertragen.«

»Das dachte ich bis heute auch«, seufzte der Inspektor.

Eve ließ sich von ihm nicht aufhalten und ging in die Wohnung. Die meisten Beamten befanden sich im Schlafzimmer. Aber einige waren auch in den anderen Räumen.

Als der gut aussehende Oberinspektor Eve erblickte, kam er ihr entgegen. »Mal wieder den Polizeifunk abgehört?«, fragte er mit rügendem Unterton. »Du weißt, dass das …«

»Verboten ist?«, fiel sie ihm schmunzelnd ins Wort. »Haben Sie noch nie etwas Verbotenes gemacht, Oberinspektor Fisher? Wie geht es Ludmilla Katharina Emma Yolanda? Ist sie noch glücklich mit dir?«

Er ging auf ihren leichten Spott nicht ein. »Und du? Bist du wieder in festen Händen?«

»Ich bin mit meiner derzeitigen Situation zufrieden«, behauptete Eve Freeman.

Er sah sie zweifelnd an. »Ehrlich?«

»Warum sollte ich lügen?« Eve deutete mit dem Kopf Richtung Schlafzimmer. »Was gibt’s da drinnen?«

»Hast du Lukes Gesicht gesehen?«

»Erlaubst du mir einen Blick?«, fragte Eve.

Russell Fisher runzelte die Stirn. »Willst du dir das wirklich antun? Einem Kollegen wurde schlecht. Er hat sich übergeben. Da drinnen hat ein Wahnsinniger ganz schrecklich gewütet. Er hat sein Opfer grausam abgeschlachtet und ausgeweidet, hat der Frau die Kehle durchgeschnitten, den Bauch aufgeschlitzt, ihr die Gedärme um den Hals geschlungen und einen Teil der Gebärmutter mitgenommen. Kein normaler Mensch ist zu so etwas fähig.«

»Ich möchte trotzdem …«

Der Oberinspektor atmete schwer aus. »Na schön. Aber sag hinterher nicht, ich hätte dich nicht gewarnt.«

Eve nickte und ging an ihm vorbei. Sie machte sich auf einen entsetzlichen Anblick gefasst, doch was sie gleich darauf zu sehen bekam, überstieg ihre grässlichsten Befürchtungen. Das war tatsächlich das Werk einer grausamen, herzlosen, abgrundtief bösen Bestie.

 

 

4. Kapitel

 

»Jack is back?«, fragte Owen McAdams. »Stand das wirklich so an der Wand?«

»Genau so«, bestätigte Eve Freeman. »Mit roter Farbe. Ich dachte zuerst, es wäre mit Blut geschrieben. Aber es war gesprayt.«

Sie befand sich im Haus ihres Onkels. Bücher, wohin man blickte. Das ging schon in der Diele los, erstreckte sich über das gesamte Erdgeschoss, zog sich die Treppe hinauf und bis in die letzten Winkel der oberen Räume hinein. Bücher, Bücher, Bücher. Schwere Folianten. Alte und neue Schriften über paranormale Phänomene, Teleportation, Telekinese, Spiritismus, Wunder, Himmelserscheinungen, Aberglaube, Okkultismus, Parapsychologie, Hexerei, Mysterien, Dämonologie, Geisterglaube, Exorzismus und vieles mehr.

Und der alte, eingetrocknete Mann mit den langen, schlohweißen Haaren und der dicken Hornbrille auf der Nase hatte sie alle gelesen.

Er war ein Experte auf all diesen Gebieten, eine Koryphäe und gern gesehener Gastdozent in den Hörsälen vieler einschlägiger Institutionen im In- und Ausland.

»Jack is back«, murmelte Professor McAdams nachdenklich. »Der Ripper ist zurück.«

»Hältst du das für möglich, O.O.?«, fragte Eve Freeman. Sie hatte irgendwann im zarten Kindesalter angefangen, ihn nicht mehr Onkel Owen, sondern liebevoll O.O. zu nennen, und das hatte sie – sie war inzwischen fast dreißig – beibehalten.

Der Parapsychologe nahm die Brille ab und rieb sich die müden Augen. »Wenn die Hölle die Hand im Spiel hat, ist so gut wie nichts unmöglich.«

»Es könnte sich um einen geisteskranken Nachahmungstäter handeln.«

Professor McAdams setzte seine Brille wieder auf und schaute seine Nichte durch die dicken Gläser ernst an. »Glaubst du das?«

Eve Freeman seufzte. »Im Gegensatz zu dir fällt es mir sehr schwer, zu akzeptieren, dass der Ripper tatsächlich zurückgekehrt ist, O.O.«

Der Parapsychologe betrachtete seine knöchernen Hände. »Er hat sich wieder eine Prostituierte geholt. Du hast gesehen, was er mit ihr gemacht hat. Das ist haargenau seine Handschrift.« Er strich sich über das widerspenstige schlohweiße Haar. »Man nimmt an, dass er nach dem fünften Mord verstorben ist …«

»1888!«, warf die junge Journalistin und Buchautorin ein. »Und jetzt erst kommt er zurück? Warum erst jetzt? Nach so langer Zeit?«

Owen McAdams zuckte mit den schmalen Schultern. »Die Wege des Teufels sind unergründlich.«

»Schreiben wir irgendein – aus Sicht der Hölle – besonderes Jahr?«, fragte Eve.

»Nicht, dass ich wüsste«, gab ihr Onkel zur Antwort. »Es gibt Teufelsjahre und – ganz allgemein – Jahre des Bösen. Doch nach geheimen kirchlichen Aufzeichnungen hat die Welt erst wieder in drei Jahren mit dem nächsten schwarzen Schatten zu rechnen. Dann wird sich das globale Unheil häufen, schlechte Menschen werden an die Macht kommen und nichts unversucht lassen, um die Apokalypse über ihr Volk zu bringen.« Er musterte seine Nichte nachdenklich. »Ich gehe davon aus, dass sich Scotland Yard des Falles angenommen hat.«

Eve nickte.

»Und – wer …«

»Russell.«

»Ist er noch immer mit Ludmilla Katharina Emma Yolanda Boysen verheiratet?«

»Selbstverständlich. Warum fragst du?«

»Du hast viel besser zu ihm gepasst«, befand der Parapsychologe.

»Äußerlich ja«, pflichtete Eve dem alten Mann bei. »Aber charakterlich …«

McAdams rümpfte die Nase, als würde ein übler Geruch durch den Raum schweben. »Die Boysen ist eine unmögliche Person. Ich hatte das Pech, sie auf einer Wohltätigkeitsveranstaltung kennenzulernen. Ich mag sie nicht.« Er hob die Hände. »Okay, für ihr Aussehen kann sie nichts. Aber sie meint, alles besser zu wissen, ist dünkelhaft und unbelehrbar. Das macht sie extrem unsympathisch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Russell mit ihr glücklich ist.«

»Sein Bier«, sagte Eve gleichgültig.

»Angenommen, die Ehe hält nicht …«

Eve ahnte, worauf er hinaus wollte. Sie hob warnend den Finger. »O.O.!«

»Nur mal angenommen«, sagte der Weißhaarige. »Hätte Russell noch mal eine Chance bei dir?«

Details

Seiten
617
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941760
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906320
Schlagworte
finsternis gestalten

Autoren

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Titel: Gestalten der Finsternis