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Trevellian, Blues und blaue Bohnen

2020 119 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian, Blues und blaue Bohnen

Copyright

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Trevellian, Blues und blaue Bohnen

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Meine beiden Einkaufstüten aus umweltfreundlichem Packpapier waren randvoll und schwer. Die Glastür von Avery’s Cash & Carry, die sich automatisch öffnete, entließ mich unter das Vordach.

Acht Uhr abends, Ecke Madison Avenue und East 67th Street. Avery’s hat bis zehn geöffnet. Der Platz für Leute wie mich, die nur nach Büroschluß einkaufen können. Frauen eilten hochhackig mit kurzen Schritten. Männer stürmten den Supermarkt eher langbeinig. Ein kleiner Junge lief aufgeregt an mir vorbei ins Freie - wohl voller Freude, daß er seine Mom nach einem langen Arbeitstag endlich für sich hatte.

Etwas knallte. Ich konnte nicht darauf achten.

Denn der kleine Blondschopf rannte auf die Fahrbahn, wollte zu einem Auto auf der anderen Seite. Mir stockte der Atem. Aber ich reagierte noch im selben Sekundenbruchteil. Ich ließ die Packpapiertüten fallen und sprintete los.

»Tabbie!« schrie eine entsetzte Frau hinter mir.

Dann krachte es, als würde die Erde beben.

Bremsen tönten kreischend in dieses Krachen, das wie Donner nachhallte. Schreie gellten aus dem Supermarkt, vom Bürgersteig, von allen Seiten. Ich sah nur den kleinen Tabbie, den ich an den Schultern erwischte und vom Asphalt zurückriß - weg von der mächtigen Stoßstange eines Lincoln Continental, dessen Bremsweg erst 20 Meter entfernt endete.

Der Kleine zuckte unter meinen Händen zusammen, erschrak erst jetzt. Auf der anderen Fahrbahnseite heulten durchdrehende Reifen. Ich sah einen dunkelblauen Buick Skyhawk nach links davonjagen. Eine andere Limousine wurde brutal abgedrängt.

Ich ruckte herum.

Entsetzen packte mich.

Betontrümmer türmten sich mannshoch. Staub stieg daraus auf, und rostiges Moniereisen ragte als Stachelgewirr in die graue Wolke.

Jemand nahm mir den Jungen ab. Wo war die Frau, die ihn gerufen hatte -seine Mutter? Meine Gedanken überschlugen sich und brachten doch den Skyhawk mit dem Geschehen in Verbindung. Da war dieser Knall gewesen.

Mein Jaguar stand drei Fahrzeuglängen weiter rechts. Ich warf mich hinter das Lenkrad und schaffte alles in Sekunden: Anlassen, Hotlicht aufs Dach, Sirene dazuschalten, Kupplung kommen lassen. Mit wimmernden Hinterreifen fächerte das Heck meines roten Flitzers über die Fahrspuren, vorbei an wegtauchenden Motorhauben und fluchenden Gesichtern von Fahrern hinter den Windschutzscheiben. Dann hatte ich den Jaguar auf Gegenkurs und rammte ihm das Gaspedal gegen den Blechbauch.

Mit seinen 83 PS unter der Haube war der Skyhawk ein lächerlicher Wicht gegen meine 269 Jaguar-Pferde.

Und der Fahrer kriegte es spätestens in dem Moment mit, als ich ihm zwei Kreuzungen weiter im Nacken saß.

Die Avenue hatte ich buchstäblich leergefegt. New Yorker kennen die wichtigen Unterschiede. Einen Streifenwagen der City Police nimmt man nicht immer gleich ernst. Ein roter Renner aber, mit lärm- und lichtstarken Polizei-Apparaturen ausgestattet, mußte schon etwas Besonderes sein.

Der Kerl im Skyhawk duckte sich. Ich sah ihn kaum noch hinter der Kopfstütze. Er versuchte, das letzte bißchen herauszukitzeln, das sein Vierzylinder noch auf Lager hatte. Über kurz oder lang würde er zum Amokfahrer werden, wenn er die Kontrolle über seinen Schlitten verlor. Längst war mir klar, daß er etwas mit dem eingestürzten Vordach zu tun hatte.

Ich zog den 38er. Ihn zu überholen und abzudrängen war bei der Raserei zu riskant. Die Tachonadel meines Jaguars stand bereits auf 60 Meilen pro Stunde. Wenn der Fliehende nach rechts zog, gerieten Fußgänger in höchste Gefahr. Ich ließ die Scheibe herunterschnurren und nahm den Smith & Wesson in die Linke. Dann stieß ich den kurzen Lauf in den Fahrtwind.

Nur um Millimeter zog ich das Lenkrad nach rechts.

Die Millimeter brauchte ich, um seinen linken Hinterreifen zu erwischen. Der 38er ruckte und bellte in meiner Linken. Ich feuerte nach dem Point-Verfahren, dem Zielen mit dem Zeigefinger, der gestreckt am Waffenrahmen liegt, wobei der Mittelfinger für den Abzug da ist. Vier Kugeln jagte ich aus dem Lauf.

Mindestens eine traf. Oder alle vier. Es würde mich nie interessieren, das genau herauszufinden.

Der Skyhawk scherte in einem jähen Winkel nach rechts aus.

Ich stieg auf die Bremse, nahm den Dienstrevolver ins Wageninnere.

Während die Jaguarreifen radierten, sträubten sich mir die Nackenhaare. Die Fußgänger spritzten nach zwei Seiten auseinander. Zum Glück waren sie durch das Sirenengeheul rechtzeitig aufmerksam geworden.

Der Skyhawk raste schlingernd auf eine Baulücke zu. Der Wagen tanzte regelrecht, behielt aber seine Richtung. Der Fahrer schien das Bremspedal nicht mehr erwischen zu können.

Ich brachte den Jaguar zum Stehen. Die Sirene erstarb mit einem langgezogenen Klageton. Ich schnellte ins Freie, übergab den Smith & Wesson aus meiner Linken an die Rechte.

Der Skyhawk raste mit krachend durchschlagenden Stoßdämpfern über die Bordsteinkante hinweg. In der Baulücke befand sich ein Parkplatz. Wegen des Halbdunkels, das dort herrschte, konnte ich ihn nicht einmal sofort überblicken. Ich lief von meinem Jaguar weg, ließ ihn stumm, nur noch mit kreisendem Rotlicht, auf der Fahrbahn stehen.

Stahl und Blech zerrissen mit Knirschen und Bersten. Dazu ein dumpfer Schlag von der Gewalt einer Explosion.

Diese Reiß- und Biege-Geräusche von Stahl und Blech hielten an. Es klang wie eine Kettenreaktion.

Als ich den Bürgersteig erreichte, sah ich, was es war. Ein kreidebleicher Parkwächter'wankte aus seinem Häuschen hervor, den Mund weit offen vor F assungslosigkeit.

Passanten scharten sich hinter mir zusammen, bildeten einen schweigen-, den Halbkreis. Auch mir verschlug es die Sprache.

Es war einer dieser Behelfsparkplätze, die dann doch über Jahre hinaus bestehen bleiben. Das gibt es überall in Manhattan. Ein Gebäude in einer Häuserzeile wird abgerissen, aber der Neubau verzögert sich. Also nutzt man das Grundstück als Parkplatz. Oftmals mehrstöckig. Stahlgerüste mit Liftplattformen sorgen dafür, daß man die verfügbare Fläche verdoppeln oder verdreifachen kann.

So ein Ding stand auch auf diesem Grundstück.

Und der Buick Skyhawk war mitten hineingerast.

Chevys, Fords, Chryslers und auch ein Mercedes waren mit ihrem Kartenhaus zusammengestürzt. Ein Haufen aus Chrom und Blech, der sich selbst zusammengeballt hatte, durchsetzt von geknickten und verbogenen Stahlpfeilern.

Ganz unten der Buick. Das Heck stand schräg empor, die Hinterräder drehten sich zwei Zentimeter über der Erde. Im Halbdunkel waren die Glaskrümel der Heckscheibe zu erkennen, die auf dem Kofferraumdeckel lagen.

Ich ging darauf zu.

»Sir!« schrie der Parkwächter und geriet fuchtelnd in Bewegung. »Halt! Bleiben Sie stehen, Sir! Sie können doch nicht…«

Im Gehen zeigte ich ihm den FBI-Adler. »Rufen Sie die City Police an«, sagte ich. »Wir brauchen Spurensicherer.«

»Und einen Ambulanzwagen?«

»Das sehen wir gleich.« Ich trat auf das angehobene Wagenheck zu. Natürlich sah auch ich die Gefahr, die den Parkwächter so besorgt gemacht hatte.

Eine kleine, falsche Bewegung konnte den Riesenhaufen aus Stahl und Blech weiter in sich zusammensacken lassen.

Ich brauchte nichts zu berühren.

Der hintere Dachteil hatte noch fast seine ursprüngliche Höhe, so daß ich ins Wageninnere blicken konnte. Vorn war alles zusammengequetscht. Mir drehte sich der Magen um. Der Leichnam des Fahrers war schrecklich zugerichtet. Ich wandte mich ab. All die Jahre an Berufserfahrung können einem doch nicht dieses flaue Gefühl ersparen.

Der Parkwächter stand in der offenen Tür seines Häuschens, den Telefonhörer noch am Ohr. Ich schüttelte den Kopf und fischte nach der Zigarettenpackung in meiner Jackettasche.

»Keinen Ambulanzwagen«, sagte der Mann im Häuschen.

Ich zündete mir eine Zigarette an, holte den Jaguar von der Straße und wartete. Über Funk erfuhr ich, daß bei Avery’s noch ermittelt wurde. Es gab nur eine Vermißte, nach weiteren wurde aber noch geforscht. Die Betontrümmer des Vordachs wurden bereits weggeräumt. Bergungsspezialisten der State Police waren Minuten nach dem Unglück mit Horchgeräten angerückt. Aber sie hatten kein Lebenszeichen mehr hören können. Erkennungsdienstler untersuchten jetzt die Betontrümmer.

Jene einzige Vermißte hießt Manuela Stoke. Verheiratet, 25 Jahre alt, Mutter eines vierjährigen Kindes, männlich. Ich brauchte nicht nach dem Namen des Vierjährigen zu fragen.

Tab.

Sie nannten ihn Tabbie.

Radio Cars der City Police rauschten heran, um den Parkplatz abzusperren. Ich wartete, bis die Spurensicherer da waren. Ein Autokran erschien zwei Minuten später.

Ich fühlte mich innerlich zerrissen. Einerseits drängte es mich zu Avery’s. Ich mußte wissen, was mit dem kleinen Jungen war. Andererseits brauchte ich Gewißheit Über den Mann im Buick. Was hatte er mit dem eingestürzten Vordach zu tun gehabt? Vielleicht überhaupt nichts? War er nur ein zufälliger Beobachter gewesen, der vor Schreck davongejagt war? Und ich hatte ihn mit meiner Verfolgung in den Tod getrieben?

Der Lieutenant, der das Erkennungsdienstkommando leitete, half mir bei meiner Entscheidung. Mit Hilfe des Autokrans, so sagte er, würden sie den Buick wahrscheinlich schon in ein paar Minuten unter dem Trümmerhaufen hervorziehen könrien. Das war das Vordringliche, natürlich.

Es klappte. Alles, was herumstand, begab sich auf Weisung des Lieutenants auf die andere Straßenseite. Dann zog der Autokran mit flach gestrecktem Ausleger, von der Fahrbahn aus, den Buick unter den Tonnenlasten von Schrott hervor.

Der Trümmerhaufen bewegte sich nur noch wenig. Das Knirschen von Stahl und das Krachen von platzendem Blech hielten nur minutenlang an. Dann war wieder Ruhe. Cops leiteten den Verkehr zweispurig an dem Engpaß der Absperrung vorbei. Der Lieutenant und drei weitere Beamte stürzten sich auf den eingedrückten Buick. Ich sah, wie sie grau im Gesicht wurden. Der Lieutenant winkte mich herbei, an die rechte Seite des Wagens.

Ein Stück vom Beifahrersitz war zu erkennen. Genug, um Gewißheit zu haben. Der flache graue Kasten, der da lag, war zerborsten. Aber die Drähte und Kippschalter und die Stummelantenne waren noch deutlich genug erhalten. Ein Sender. Fernzündung für Bomben, Sprengsätze und ähnliches. Wieder mußte ich an den Knall denken, den ich vor dem Einsturz des Vordachs gehört hatte.

Ich bat den Lieutenant, seinen Bericht an den FBI-Distrikt New York zu schicken, zu meinen Händen.

Mit Rotlicht und Sirene jagte ich zurück in Richtung Supermarkt. War es die Ironie eines teuflischen Schicksals, daß es den Mann mit dem Fernzünder auf eine ähnliche Weise erwischt hatte wie sein Opfer?

Opfer?

Himmel, nein, ich mochte noch nicht daran glauben. Manuela Stoke wurde vermißt. Sie war noch nicht gefunden. Es gibt die verrücktesten Zufälle. Vielleicht hatte sie gesehen, daß ich Tabbie gerettet hatte, und sie war in einer Art erleichtertem Schockzustand in den Supermarkt zurückgewichen. Möglicherweise hatten die Cops dort noch nicht alle Personalien aufnehmen können. Möglicherweise hatte sich Manuela in einem Nebenraum verkrochen.

Unsinn, knurrte ich mich in Gedanken an. Alles Unsinn!

Vor Avery’s rollte ein anthrazitfarbener Leichenwagen davon - einer von denen, die zum Fuhrpark des Leichenschauhauses von New York City gehörten.

Ich parkte den Jaguar kurz vor der Absperrung, die auch hier inzwischen aufgebaut worden war, zeigte dem zuständigen Cop meinen Dienstausweis und ging auf die Traube aus uniformierten und zivilgekleideten Menschen zu, hinter denen der Bergungstrupp mit schwerem Gerät im Einsatz war., Eine helle Stimme krähte mir entgegen.

»Daddy, Daddy! Da ist der Gentleman, der mir das Leben gerettet hat!«

Der quirlige Blondschopf lief auf mich zu und sprang an mir hoch. Ich schloß ihn in die Arme und spürte seinen Kopf an meiner Schulter. Tränen füllten meine Augen. Es gab hunderttausend Gründe dafür.

Das Gesicht des Mannes, der dem Jungen folgte, war wie aus Stein. »Ich bin Vernon Stoke«, sagte er mit matter Stimme. »Tabbies Vater.« Er hätte es nicht hinzufügen brauchen. Tabbie war ihm wie aus dem Gesicht geschnitten.

Ich ließ den Jungen zu Boden und strich ihm über das Haar. Ich ergriff die Hand, die Vernon Stoke mir reichte. Er war schlank und dunkelblond, gekleidet wie ein hochbezahlter Angestellter. Ich schätzte ihn auf Ende Zwanzig. Tabbie lief zu ihm, schmiegte sich an ihn und blickte zu mir auf.

»Mom ist im Hospital, Sir«, sagte er voller Eifer, wie ein Erwachsener, der eine wichtige Erklärung abzugeben hat. »Sie ist schwer verletzt worden. Sind Sie wirklich G-man, Sir?«

Ich wechselte einen Blick mit Tabbies Vater. Er nickte kaum merklich. Also hatten sie es irgendwie geschafft, dem Jungen die grausame Wahrheit noch zu verbergen.

Ich brachte ein Lächeln zustande, als ich in die großen Augen des Kleinen blickte. »Stimmt genau, Tabbie«, sagte ich. »Ich bin G-man und heiße Jesse Trevellian. Wenn du willst und wenn dein Daddy will, zeige ich dir unser Distrikt Office an der Federal Plaza. Jetzt, wo ich dir das Leben gerettet habe, muß ich mich ja ein bißchen um dich kümmern, stimmt’s?«

»Toll!« rief er. »Toll, Sir! Danke, Sir!«

»Jesse«, entgegnete ich energisch. Seine leuchtenden Augen wurden noch größer. »Ich darf wirklich Jesse zu Ihnen sagen?«

‘ »Klar. Wir kennen uns ja nun schon ziemlich gut, nicht wahr?«

»Daddy, Daddy! Hast du gehört? Ich darf ins FBI-Office! Hast du gehört?« Vernon Stoke sah mich dankbar an. Seine Augen glitzerten, und er schluckte krampfhaft. Aus dem Menschenpulk tauchte ein bekanntes Gesicht auf. Captain John Mills vom Intelligence Service der City Police New York. Ein grauhaariger, untersetzter Mann. In seine Zuständigkeit fallen Anschläge auf Polizeibeamte, hinter denen terroristische oder geheimdienstliche Machenschaften stecken könnten. Der Intelligence Service der City Police ist eine Art interner Geheimdienst für alle New Yorker Ermittlungsbehörden.

Ich gab Vernon Stoke mit einer Kopfbewegung zu verstehen, daß ich noch mit ihm sprechen wollte. Dann trat ich mit dem Captain beiseite. »Wer hat Sie gerufen, John?« fragte ich.

»Die Kollegen vom Bergungsdienst. Es hat genügend Zeugen gegeben, die einen roten - Jaguar mit Rotlicht und Sirene gesehen haben.«

Ich nickte. »Sie nehmen also an, daß es ein Anschlag auf mich war?«

»Mehr als eine Annahme, Jesse. Ich bin sicher. Die Spurensicherer haben eindeutige Hinweise auf Sprengladungen. Das Vordach wurde mit ziemlich schwachen Ladungen zum Einsturz gebracht. Das heißt, die Menge des Sprengstoffs und seine Plazierung wurden sehr genau berechnet. Die Explosion sollte nur schwach sein und im Getöse des Betons nicht einmal mehr auffallen.« Er schnaufte, zündete sich eine Zigarette an und sah mich an. »Die übliche Frage, Jesse: Haben Sie eine Ahnung, wer dahinterstecken könnte?«

Ich stieß die Atemluft durch die Nase aus. »Wenn ich die FBI-Akten durchsehe, finde ich tausend Verdächtige, John. Das wissen Sie. Was ist mit der Frau? Das ist mir im Moment wichtiger.«

»Sie wurde geborgen. Jede Hilfe wäre zu spät gekommen.«

Ich preßte die Lippen aufeinander. Dann schilderte ich dem Captain im Telegrammstil, was meine Verfolgungsjagd ergeben hatte. Mills sagte mir, daß über Funk bereits neuere Erkenntnisse durchgegeben worden seien. Die Kollegen hatten den Toten im Buick Skyhawk identifiziert. Wilfred Atwell. Es gab eine FBI-Akte über ihn. Mit anderen Worten, wir brauchten nur noch herauszufinden, für welches Syndikat er arbeitete.

Ich ging zu Vernon Stoke zurück. Er hatte seinen kleinen Sohn der Obhut zweiter Polizeibeamtinn'en übergeben, die mit ihm auf dem Weg in den Supermarkt waren. Süßigkeiten waren noch immer ein geeignetes Tröstungsmittel. Stoke lehnte an der Motorhaube eines Radio Car und rauchte eine Zigarette.

»Ich weiß, daß es Ihnen wenig hilft«, sagte ich. »Aber der Mörder Ihrer Frau ist selbst nicht mehr am Leben.« Ich berichtete kurz.

Stoke trat seine Zigarette aus. Er sah mich an, und doch war sein Blick leer. »Wissen Sie, Mr. Trevellian, ich habe versucht, mir die Szene vorzustellen, wie sie sich abgespielt hat. Es war eine Verkettung von Zufällen. Nur dem, was kein Zufall war, ist meine Frau zum Opfer gefallen.«

»Ich weiß«, sagte ich. An seiner Miene sah ich, daß es ihm guttat, darüber zu reden. »Es fing damit an, daß Tabbie aus lauter Freude auf die Straße rennen wollte. Ihre Frau war im Ausgang des Supermarktes, hinter mir. Sie ist genau in dem Monent losgerannt, in dem auch ich losgerannt bin. Gut, ich habe Tabbie gerettet. Fest steht aber auch, daß er mir das Leben gerettet hat. Denn Ihre Frau war dort, wo ich hätte sein sollen, als der Kerl auf der anderen Straßenseite den Zünder auslöste.«

Vernon Stoke hatte den Ablauf des Geschehens haargenau so rekonstruiert. Ich sagte ihm, daß wir in Telefonkontakt bleiben würden. Denn es sollten keine leeren Versprechungen sein, die ich Tabbie gemacht hatte.

Ich meldete mich bei Captain Mills und den Erkennungsdienstlern ab und gab auch eine Funknachricht an die FBI-Zentrale durch.

Dann fuhr ich nach Hause.

Ich mußte mich mit den kärglichen Resten begnügen, die mein Kühlschrank noch aufzuweisen hatte. Die Einkaufstüten wären das letzte gewesen, woran ich noch gedacht hätte. Ich verspeiste ein Schinken-Sandwich und beschloß, es dabei bewenden zu lassen. Milo genoß längst seinen Feierabend. Ich hatte ihn an der üblichen Ecke abgesetzt und war dann - ebenfalls wie üblich - zu Avery’s gefahren.

Ich ließ Eiswürfel in ein Glas klimpern und ging hinüber in den Living-room, wo ich einen doppelten Old Grand Dad über die Eiswürfel goß.

Aus dem Vorraum holte ich den Stapel Post, den meine Haushälterin morgens aus dem Hausbriefkasten heraufbrachte. Als ich mich schon abwenden wollte, bemerkte ich ein längliches Kuvert, das durch den Spalt zwischen Tür und Fußboden geschoben worden war. Es mußte nach meinem Eintreffen geschehen sein.

Ich warf die Post zurück auf den Garderobenschrank und riß die Tür auf. Keine Menschenseele war auf dem Korridor. Die Fahrstühle standen still. Ich schloß meine Wohnungstür ab, um vor Überraschungen sicher zu sein. Dann kontrollierte ich das gesamte Treppenhaus einschließlich der Eingangshalle. Ohne Ergebnis.

Der Pförtner hatte in den letzten zwanzig Minuten mindestens zwei Dutzend Leute kommen und gehen sehen. Darunter etwa die Hälfte Fremde -Besucher von Hausbewohnern. Ich gab es auf. Als Briefbote hatte ein Halbwüchsiger fungieren können, der nicht einmal wußte, wie sein Auftraggeber aussah, weil er mehr auf die Dollarnote geachtet hatte, die man ihm für den Job in die Hand gedrückt hatte.

Ich fuhr nach oben, riß den Umschlag auf und zündete mir eine Zigarette an.

GLÜCK GEHABT, TREVELLIAN!

NIMM ES ALS WARNUNG!

DEIN INTERESSE FÜR JAZZMUSIK WIRD ZU GROSS!

DAS NÄCHSTE DACH FÄLLT DIR BESTIMMT AUF DEN KOPF.

Ich nahm einen Schluck von dem eiswasser-verdünnten Bourbon. Ein FBI-Beamter, so heißt es in den Dienstvorschriften, muß stets sachlich und unvoreingenommen bleiben - was auch geschieht. Von gefühlsmäßigen Dingen darf unsereiner sich nicht leiten lassen.

Genau das fiel mir höllisch schwer, wenn ich an den kleinen Tabbie dachte, der seine Mutter verloren hatte.

Ich war in meinen vier Wänden.

Ich konnte meine Wut kochen lassen. Für mich allein. Sie würde erkalten, sobald ich meine Wohnung wieder verließ.

Ich hatte verstanden, worum es ging. Jemand fühlte sich durch Milo und mich gestört, durch unsere bloße Anwesenheit. Die Geschäfte, um die es diesem Jemand ging, brachten so viel ein, daß es auf ein paar Menschenleben mehr oder weniger nicht ankam. Vielleicht war es sogar beabsichtigt gewesen: Außer mir hätten sich noch andere Leute unter dem Vordach befinden können, als der Kerl im Skyhawk seinen Funkzünder betätigte. Es hätte zehn oder zwanzig Tote geben können, und es wäre nicht einmal auf Anhieb sicher gewesen, wem der Anschlag gegolten hatte.

Ich rief Milo an und sagte ihm, was geschehen war.

»Du hast doch etwas vor«, entgegnete ei'. Er kannte mich lange genug, um gewisse Nuancen aus meiner Stimme herauszuhören.

»Natürlich«, antwortete ich. »Ich denke, wir sollten noch auf einen Sprung ins ›Bourbon Street‹ gehen.«

Denn das war es, was die großen Geschäftemacher verhindern wollten.

 

 

2

In der Altbauwohnung an der Lafayette Street lastete die Hitze, die im Laufe eines sonnigen Tages durch die Backsteinwände gesickert war.

Kevin Eckstine spürte es wie einen Keulenschlag, als er den schalldichten Probenraum verließ. Die Kabine, in einem Zimmer an der Straßenseite aufgebaut, war vollklimatisiert. Eckstine stellte den kleinen Aluminiumkoffer mit der Trompete griffbereit in den Flur. Er warf einen Blick auf die Armbanduhr und beeilte sich. Er duschte und zog sich frische Sachen an. Nach einer halben Stunde Fahrtzeit mit dem Taxi würde er das ›Bourbon Street‹ gerade noch rechtzeitig erreichen, um in der Garderobe den feinen Zwirn für den Auftritt Uberzustreifen.

Er versorgte sich mit einem Vorrat an Kleingeld und Zigaretten und nahm den Alukoffer. Er schloß die Tür auf und löste die Sicherungskette.

Die Tür flog auf ihn zu, schneller, als er sie öffnen konnte. Mit knapper Mühe konnte er ausweichen.

Es nützte ihm nichts.

Ein Stoß traf ihn vor die Brust - wie von einer Eisenbahnschwelle, die zehn Mann als Rammbalken führten. Er wurde zurückgeschleudert. Seine Beine verhaspelten sich. Den Koffer verlor er aus der Hand, und der Länge nach schlug er auf den Teppich im Living-room. Mit dem Kopf rutschte er gegen ein Tischbein. Der Anprall war gering, und sein Schrei entstand mehr aus Wut als aus Schmerz. Er bot alle Energie auf, stieß sich mit den Händen ab und schaffte es, auf die Beine zu kommen.

Nur zwei Kerle waren es, nicht zehn.

Der eine beschäftigte sich noch damit, die Tür von innen zu verriegeln. Der andere, schlaksig, groß und dunkelhäutig wie ein ehemaliger Basketballspieler, tänzelte vor ihm auf den federnden Sohlen seiner Sportschuhe. »Probier’s ruhig, Buddy. Wenn’s schlimm kommt, verpasse ich dir ein paar Matschlippen. Das würde dir gefallen, was?« Der Basketballspieler feixte dazu und entblößte eine Perlenreihe von Zähnen, als wollte er für eine bestimmte Zahnpastamarke werben.

Kevin Eckstine ließ sich nicht beeindrucken. Mit einem von unten heraufgezogenen Hieb der rechten Faust ging er auf den großen Kerl los. Der dunkelhäutige Riese wich mühelos tänzelnd aus. Der ungebremste Vorwärtsdrall riß Kevin auf den anderen zu, der mit seinen tabakbraunen Zähnen für keinen Werbespot geeignet war.

Fäuste wie Metallklötze beendeten Kevins Schwung. Abermals wurde er zurück in seine Wohnung getrieben. Diesmal durchzuckte ihn glühender Schmerz. Die letzten in einer Serie von Hieben spürte er schon nicht mehr. Ebensowenig das Zupacken des Basketballspielers, der ihn auf die Couch beförderte.

Der schlaksige Riese ging zur Wohnungstür und überzeugte sich, daß abgeschlossen und die Sicherungskette vorgelegt war.

Der andere, ein untersetzter Mann mit schmutziggrauem Haar, knurrte ärgerlich. »He, was soll das!« fauchte er. »Glaubst du, du kannst dich auf mich nicht verlassen?«

Der Basketballspieler brachte den Alukoffer mit, als er zurückkehrte. »Du kennst den Spruch mit der Kontrolle«, grinste er. »Die ist immer besser.«

Der Schmutziggraue verzog das Gesicht und wandte sich ruckartig ab, als könne er nur auf diese Weise seinen Ärger in andere Bahnen lenken. Er verschwand in der Küche, durchsuchte lärmend Schränke und Kühlschrank und tauchte mit einer Flasche Bier und einem Glas wieder auf.

Der Basketballspieler hatte scheinbar nachdenklich den Bewußtlosen betrachtet. Eckstine war ein mittelgroßer Mann, schlank, dunkelblond, mit Vollbart. Im Augenblick sah er allerdings weniger gut aus als bei seinen Auftritten.

Der Schmutziggraue versenkte sich in einen Sessel und ließ das Bier ins Glas plätschern.

»Die Rache des kleinen Mannes?« sagte der dunkelhäutige Riese verächtlich.

Sein Kumpan schüttelte den Kopf. »Da du dich ja nur auf dich selbst verläßt, wollte ich dir nichts zumuten. Könnte ja sein, daß ich mir die Finger nicht gewaschen habe.«

Ein Stöhnen lenkte beide ab.

Kevin Eckstine kam zu sich. Er brauchte Ewigkeiten, bis der blutige Schleier zerfaserte, der die Welt verhüllt hatte. Der Schmerz setzte ein. Sein Kopf schien sich in einen Klumpen verwandelt zu haben. Es kostete ihn Mühe, die Augen zu öffnen. Reflexartig betastete er seine Lippen. Er starrte auf seine Finger, die blutig waren.

»Matschlippen«, sagte eine höhnische Stimme. »Erinnere dich an die Ankündigung, Eckstine.«

Kevin hob den Kopf. Er sah den Dunkelhäutigen, der auf der anderen Seite des Tisches stand und den Alukoffer in der Hand hielt.

»Mach dir nichts draus«, ertönte eine andere Stimme. »Du brauchst heute sowieso nicht zu spielen. Die nächsten Tage auch nicht.«

»Deshalb kannst du auch auf dein Horn verzichten«, sagte der Basketballspieler. Er öffnete den Koffer auf dem Tisch und nahm die Trompete heraus. Das kleinste Modell von Vincent Bach, dem weltberühmten Hersteller.

Kevin wollte reagieren, aber er war wie gelähmt.

»Du mußt dir sowieso mal eine richtige Trompete kaufen«, fuhr der dunkelhäutige Riese fort. »Dieses alberne kleine Ding paßt überhaupt nicht zu dir.«

Kevin wollte schreien, daß das alberne kleine Ding durch die vielen Rohrwindungen genau einer nprmalen Trompete entsprach. Daß es sich übrigen um das teuerste Modell auf dem Markt handelte und unter 2 000 Dollar nicht zu kriegen war.

Der Riesenkerl zog eine schwere Automatik unter dem Jackett hervor, ergriff die Waffe am Lauf und hämmerte Schalltrichter und Rohre der Trompete auf dem Tisch platt. Dann hob er den Beulenhaufen aus glänzendem Messing hoch. »Sieht aus wie ein modernes Kunstwerk, was? Mann, Eckstine, wenn du das richtig vermarktest, kannst du’s glatt für 10 000 Bucks an den Mann bringen! Du machst dich an eines von diesen übertourigen Weibern in den Galerien ran und überzeugst die im Bett davon, daß du mit deinem Werk was Besonderes ausdrücken willst.«

»Irgendwas Gequältes!« rief der Schmutziggraue, der seinen Groll vergessen hatte. »Die Angst des Trompeters vor dem ersten Ton. Oder so. Da kann sich doch jeder was drunter vorstellen!« Beide Kerle wieherten.

Der Dunkelhäutige wandte sich ab, nahm ein Bild von der Wand und hängte das Stück Messingschrott an den Haken. Er trat zwei Schritte zurück und verharrte in scheinbarer stummer Bewunderung.

»Phantastisch!« sagte der Schmutziggraue. »Das haut dich aus den Schuhen, was, Eckstine? Dieses Gefühl von Qual kommt irgendwie richtig rüber, stimmt’s?«

Kevin hatte die Augen geschlossen. Er spürte den Geschmack des Bluts von seinen zerschlagenen Lippen. Seine Willenskraft war erloschen. Er wußte, daß diese Bastarde sich den Spaß nicht aus eigenem Entschluß heraus machten.

»Was soll das?« fragte er leise, als sie endlich aufgehört hatten zu lachen.

Erstaunlicherweise war der Riesenkerl ernst, als er antwortete. »Wir passen ein bißchen auf dich auf, Eckstine. Wenn du Glück hast, dauert es nur ein paar Tage. Und wenn du schön parierst, wird Monica in die Geschichte nicht mal reingezogen.«

Kevin schloß die Augen. Etwas Glühendes durchwühlte seinen Magen. Er wußte in diesem Moment, daß er keine Chance hatte. Er war der hilfloseste Mensch der Welt.

 

 

3

Ich mußte fünf Minuten suchen, ehe ich den Jaguar in eine Lücke an der Bordsteinkante quetschen konnte. Milo und ich hatten einen Fußweg von zwei Gebäudeblocks, bis wir das »Bourbon Street« erreichten. Es war wie jeden Abend. Der Laden, der erst vor einem halben Jahr eröffnet worden war, hatte sich innerhalb von Wochen vom Geheimtip zum absoluten Renner erwiesen.

Milo und ich gehörten zu denen, die sich von der Atmosphäre des Jazzlokals begeistern ließen. An West 44th Street gelegen, zwischen Eightb und Ninth Avenue, erinnerte das »Bourbon-Street« an die legendären New Yorker Clubs der Dreißiger Jahre. Aber dazu gab es einen Hauch von New Orleans, der Geburtsstätte des Jazz. Die Bourbon-Street, im französischen Viertel der Stadt am Mississippi-Delta, ist weltbekannt.

Schon im samtig-weinrot tapezierten Korridor drängten sich die Fans. Vom Teenie bis zu den Silberhaarigen, die die Dreißiger noch selbst miterlebt hatten, war alles vertreten. Ein mitreißender Rhythmus schwebte Über den gedämpften Stimmen. Milo und ich arbeiteten uns voran. Rötliches Licht, viel Messing, Säulen, Samtportieren und Balustraden machten das Herzstück des »Bourbon Street« zu diesem Anziehungspunkt, an dem sich jeden Abend um die 300 Menschen wohler fühlten als zu Hause. Die Musik, die Stimmung, die Einrichtung -alles zusammen erinnerte an die Luxusbordelle von New Orleans und an die mitreißende Eleganz der Clubs zur Zeit des frühen Swing in New York.

Was dabei herauskam, war diese unvergleichliche Art, dem Alltag für Stunden entrinnen zu können.

Milo und ich hatten uns von der Begeisterung mitreißen lassen und das »Bourbon Street« zu unserem Stammlokal gemacht. Selten genug fanden wir allerdings Zeit, unseren Feierabenddrink in dieser außergewöhnlichen Umgebung zu genießen.

Und diese wenigen Besuche waren manchen noch zuviel.

Wir ergatterten einen Platz an einer der Bars in der Nähe der Bühne. Die Band, auf einem Podium der Showfläche, war an dem Erfolg des Lokals wesentlich beteiligt. Die Middle Street Jazz Men, sieben Mann stark, produzierten diesen Sound, der sich von allem abhob, was es derzeit in New York gab.

Wir hörten die letzten Takte von »Jazz Me Blues«. Eine ungewohnte Trompetensequenz stach mir ins Ohr. Kevin Eckstine, dieser brillante Mann am Horn, war für jeden Spaß und alle Arten von Überraschungen gut. Milo orderte zwei Budweiser, während ich mir über die Köpfe der Dichtgedrängten hinweg einen Überblick verschaffte. Rauchschwaden, die unter der samtverhangenen Decke schwebten, bevor sie von den Schlünden der Klimaanlage aufgesogen wurden, erschwerten die Sicht.

Das Erfolgsrezept war einfach und wirkungsvoll.

Diese Band und dieses Lokal sprachen so ziemlich jeden an. Hier waren keine Spezialisten für Bebop, Cool oder Free Jazz gefragt, die Abende lang todernst ihren vergötterten Idolen lauschten. Hier, im »Bourbon Street«, wurde die heitere und unbeschwerte Musik gemacht, durch die der Jazz überhaupt berühmt geworden ist.

Wir genossen das kühle Budweiser. Der Schlußakkord der Middle Street Jazz Men wurde vom Beifall übertönt. Es dauerte fast eine Minute, ehe Rollo Toole, Schlagzeuger und Stimmungskanone der Band, sich über das Mikrofon Gehör verschaffen konnte. »Hallo, Freunde des Dixieland, Freunde des Happy Jazz! Das war’s wieder mal - das erste Stück der Middle Street Jazz Men an einem hoffentlich langen Abend. Wie die meisten von euch sehen können, müssen wir heute abend ohne unseren Trompetenartisten Kevin auskommen. Wie wir vernommen haben, liegt er mit irgendwas im Bett… oder mit irgendwem, das war am Telefon nicht so genau herauszuhören.« Gelächter brandete auf. »Eingesprungen ist dankenswerterweise Larry Gadsen, der eingeweihten Kreisen durch seine Tätigkeit bei den Swing Cats bestens bekannt ist!«

Erneuter Beifall. Gadsen, ein massiger Typ, untersetzt und mit Kinnbart, deutete eine Verbeugung an.

»Der kleine, feine Unterschied wird euch aufgefallen sein, Freunde«, fuhr Rollo Toole fort. »Im Gegensatz zu Kevin bläst Larry ein richtiges, ein ausgewachsenes Horn. Und was dabei vorn herauskommt, kann sich hören lassen, was?«

Der Beifall war mäßig. Gadsen hatte nicht die Publikumswirksamkeit eines Kevin Eckstine. Und die normalmaßige Trompete machte den Kohl auch nicht fett. Ich wechselte einen Blick mit Milo. Er zog die Mundwinkel nach unten. Die Band nur zu sechs Siebenteln original zu erleben, schmälerte den Hörgenuß.

Rollo stellte die restlichen Musiker vor. Eine Prozedur, die immer wieder ankam, obwohl es im Publikum kaum jemanden gab, der die Jungs noch nicht kannte.

»… an der Klarinette Andy Erwin, früher im Hauptberuf Schlangenbeschwörer!« Der Beifall toste, und so ging es jedesmal weiter. »Und unser singender Posaunenengel Horace Frederick… unser Jüngster und Schönster: Eddy Edmonds am Baß… dann Ken Carble, der das viersaitige Banjo spielt, weil ihm sechs Gitarrensaiten einfach zuviel sind… und schließlich Smitty Smith, unser herzensbrechender Tastenbändiger am Piano.«

Larry Gadsen beugte sich zu seinem Mikrofon vor. »An den Drums Rollo Toole«, sagte er in den verklingenden Beifall hinein. »Der Mann, der einen klasse Rhythmus macht und nur den kleinen Fehler hat, daß er manchmal zuviel redet.«

Stille im Publikum. Die Gesichter der sechs Middle-Street-Jazzer versteinerten für Sekunden, und sie hatten erkennbare Mühe, ein Lächeln aufzusetzen, das aber - anders als sonst - berufsmäßig wirkte. Larry Gadsen bemühte sich nicht, ein spöttisches Grinsen zu unterdrücken. Rollo Toole war der Publikumsliebling Nummer eins in der Band und außerdem ein Schlagzeuger der Spitzenklasse. Beides zusammen bewirkte einen großen Teil des Erfolgs der Middle Street Jazz Men - und löste Neid bei anderen Bands aus, die mit der humorloseren Art der Musik kaum jemanden hinter dem Ofen hervorlocken konnten. Gadsens Swing Cats gehörten dazu.

Das zweite Stück, »Honeysuckle Rose«, wirkte weniger fetzig als sonst. Natürlich bestärkte sich dieser Eindruck jetzt dadurch, daß man wußte, auf welche Weise die Jazzmänner ersatzgeschwächt waren. Gadsen spielte im Vergleich zu Eckstine unsauber, und sein Trompetenton war flach, gelegentlich schrill und auf eine kalte Weise glatt.

Doch das war es nicht allein, was nicht stimmte. Die Stimmung innerhalb der Band war angespannt. Rollo Toole hatte versucht, das zu übertünchen. Aber es war ihm durch die bissige Bemerkung Gadsens zerstört worden.

In der ersten Pause bahnten Milo und ich uns einen Weg zu dem Aufenthaltsraum hinter der Bühne. Unsere Ahnung bestätigte sich. Es waren nur sechs Mann in den leichten schwarzen Anzügen mit den silbernen Revers. Sie unterbrachen ihren heftigen Wortwechsel, als wir eintraten. Wir kannten uns von Anfang an, denn Milo und ich hatten zu den ersten Gästen des »Bourbon Street« gehört, als die Jazzabende noch gewissermaßen im familiärem Kreis stattgefunden hatten.

»Was ist los?« fragte ich kurzangebunden. Milo und ich setzten uns nicht erst.

Eddy Edmonds schob Bierflaschen über den langen Tisch, die sie sich einzeln öffneten. Zu ihren Auftritten kamen sie hur im Taxi.

»Wenn ihr es nicht gemerkt hättet, wärt ihr nicht hier«, sagte Andy Ervin. »Gadsen verkriecht sich lieber in seiner Garderobe. Ist das nicht eindeutig?«

»Das wundert mich nicht«, entgegnete ich. »Kevin ist doch nicht wirklich krank. Oder?«

Horace Frederick antwortete. »Wir haben keine Ahnung. Die Inhaber stellten uns vor vollendete Tatsachen, als wir heute abend ankamen. Gadsen wurde uns praktisch aufs Auge gedrückt. Dabei hat Kevin sich mit keinem Wort abgemeldet.«

»Gestern abend erfreute er sich bester Gesundheit«, fügte Ken Carble hinzu.

»Und er ist telefonisch nicht zu erreichen«, sagte Rollo Toole. »Die Story mit der Krankheit habe ich notgedrungen erfunden. Was sollte ich denn machen?«

»Und Monica?« fragte Milo. »Weiß sie nichts?« Monica Dale war Kevins Freundin. Wir hatten sie ebenso kennengelernt wie die Ehefrauen und Freundinnen der übrigen sechs Musiker.

»Monica hat auch nicht die leiseste Ahnung«, antwortete Rollo. »Sie war heute nachmittag noch .mit Kevin zum Shopping, und dann haben sie sich beide in ihre jeweiligen vier Wände verzögen. Monica ist jetzt losgefahren, um bei Kevin nach dem Rechten zu sehen.«

»Wann war das?« erkundigte ich mich rasch.

»Vor einer halben Stunde. Wir haben kurz vor dem Auftritt noch mit ihr telefoniert.«

Milo und ich einigten uns schnell. Ich ließ mir Kevin Eckstines Adresse geben und fuhr los. Mein Freund und Kollege blieb in dem Jazzlokal.

 

 

4

Die Wohnungstür stand offen.

Ich zog den 38er. Es war dunkel geworden. Aber auch zu keiner anderen Tageszeit leistet es sich irgend jemand in New York, seine Bleibe nicht mit Sicherungskette oder -riegel und mindestens einem Yale-Schloß abzusperren.

Schon gar nicht in einer Gegend wie an der Lafayette Street, einer Querstraße der Canal Street, wo Kevin Eckstine wohnte.

Mit der Linken schob ich die Tür so weit auf, daß ich den Flur überblicken konnte. Ich achtete darauf, daß der Türknauf nicht gegen die Wand schlug. Jacken und ein heller Sommermantel hingen an der Garderobe.

Ich ließ meine Beinmuskeln explodieren, brachte mich selbst auf Schwung und stieß in flachem Sprung bis zur freien Teppichfläche des Livingrooms vor. Über die linke Schulter rollte ich mich ab. Aus meinem Vorhaben, sofort hochzufedern, wurde nichts.

Ein hartes Krachen zwang mich auf den Boden.

Geschoßblei zwitscherte über mich hinweg und löste auf der anderen Seite des Zimmers einen Scherbenregen aus. Der Nachhall des Schusses hinterließ ein Singen in meinen Ohren. Durch den Raum zwischen zwei Sesseln konnte ich erkennen, daß die Glasfront eines Schranks getroffen worden war. Ich suchte mir einen der Sessel als Deckung aus.

Erneut krachte es. Es war der typische Klang einer Automatik. In der Sessellehne über mir entstand ein faustgroßes Fransenloch. Schaumgummiflocken und Holzsplitter schwebten herab. Die Kugel klatschte in den nächsten Sessel.

Ich schob mich ein Stück nach rechts, so daß ich es riskieren konnte, an dem wuchtigen Sitzmöbel vorbeizuspähen. Nahe vor mir waren ein Zeitungsständer und eine Stehlampe. Ich stieß den Smith & Wesson nach vorn. Ein Oberkörper und ein Arm erschienen für einen Sekundenbruchteil im offenen Türrahmen eines Nebenraums.

Der Mündungsblitz zuckte grellrot, bevor ich den 38er in der Visierlinie hatte.

Ich schaffte es mit knapper Not, zurückzuweichen. Deutlich spürte ich das Sengen des Geschosses an meiner rechten Gesichtshälfte. Das Krachen des Schusses, im geschlossenen Raum verstärkt, war wie ein Hammerschlag für die Trommelfelle. Hinter mir löste sich eine Bodenvase in große bauchige Scherben auf. Ich unterdrückte einen Fluch.

Dieser Kerl war kein Anfänger mit seiner Automatik. Und er mußte einen verteufelt guten Grund dafür haben, in einer offenstehenden Wohnung sofort zu schießen, ohne zu fragen, was ich wollte.

Die Art meines Eindringens schien ihm nicht gefallen zu haben.

Ich änderte meine Taktik. Langsam und lautlos drehte ich mich auf der Gürtelschnalle. Dann rollte ich mich auf den Rücken und stieß den Sessel um. Noch bevor es polterte, hatte ich mich abgestoßen und war hinter dem nächsten Sitzmöbel verschwunden.

Das Poltern löste eine Serie von drei Schüssen aus.

Alle Kugeln bohrten sich mit klatschenden Lauten in den umgekippten Sessel.

Noch während der dritte Schuß verklang, ruckte ich nach rechts und stieß den 38er im Beidhandanschlag nach vorn. Die Visierlinie hatte ich im selben Sekundenbruchteil - Schulterhöhe, zwei Handbreit links neben dem Türrahmen.

Alles lief in einer einzigen blitzartigen Bewegung ab: Anschlägen, Zielen, Durchziehen.

Blondes Haar schimmerte wehend.

Mich durchfuhr ein eisiger Stich.

Mein Zeigefinger krümmte sich bereits. Die ausgelöste Bewegung ließ sich nicht mehr rückgängig machen.

Geistesgegenwärtig schaffte ich es, den Dienstrevolver hochzureißen. Der Schuß brach dumpf wummernd, und ich sah, wie Holz aus dem oberen Teil des Türrahmens gefetzt wurde.

Grund zum Aufatmen hatte ich trotzdem nicht.

Mit dem Schimmern des schulterlangen Blondhaars glühte ein neuer Mündungsblitz auf. Wieder brachte die Kugel mich in arge Bedrängnis. Wenn es sich um eine gängige Automatik handelte, befand sich noch eine Patrone im Magazin.

»Monica!« rief ich. »Laß den Unsinn! Ich bin es - Jesse Trevellian!«

»Das kann jeder sagen!« schrie sie. »Raus! Verschwinde!«

Allein am Klang ihrer Stimme hörte ich, daß ihre Nerven zum Zerreißen gespannt waren. Aber sie zögerte mit dem nächsten Schuß, mit der letzten Kugel.

»Ich werfe dir meinen Dienstausweis hinüber!« rief ich.

»Auch das ist kein Beweis!«

»Himmel, du müßtest meine Stimme erkennen, so, wie ich deine erkenne! Außerdem sollten wir keine Zeit verschwenden. Oder weißt du etwa, was mit Kevin passiert ist?«

»Nein«, antwortete sie matt.

Ich warf das Lederetui mit der ID-Card und dem metallenen FBI-Adler über die Sessel hinweg.

»In Ordnung«, sagte Monica Dale zwei Sekunden später. »Heb trotzdem die Hände, wenn du aufstehst.«

Ich verstaute den 38er im Schulterholster und befolgte ihre Anweisung.

Monica starrte mich an. Sie war bildhübsch - schlank, mit diesem schulterlangen blonden Haar und großen blauen Augen. Sie trug Jeans, einen leichten hellblauen Pullover und Tennisschuhe. Die Automatik, eine Beretta 951, wirkte in ihrer schmalen Hand fehl am Platze.

Sie ließ die Waffe sinken. »Tut mir leid, Jesse«, sagte sie leise. »Ich konnte ja nicht wissen…« Sie hob die Schultern, wußte nicht weiter.

»Seien wir froh«, entgegnete ich, »daß wir uns nicht aus gegenseitiger Ahnungslosigkeit umgebracht haben. Wie kommst du an so ein Ding?« Ich zeigte auf die Beretta. Ich zündete mir eine Zigarette an und ging auf Monica zu.

»Völlig legal«, antwortete sie. »Willst du meinen Waffenschein sehen?«

»Ich muß ihn sehen«, nickte ich.

Sie sicherte die Waffe und holte ihre Handtasche aus der Küche. Sie verstaute die Pistole darin und reichte mir ein in Plastik eingeschweißtes Dokument. Es war alles in Ordnung. Ich hatte nicht gewußt, daß Monica in einer Filiale der Chase Manhattan Bank als Kassiererin arbeitete. Da sie neben dem Zweigstellenleiter über einen Schlüssel zum Tresorraum verfügte, gehörte sie zu den besonders gefährdeten Personen, die im Staat New York mit seinem strengen Waffengesetz eine Lizenz erhalten können.

Ich erzählte ihr, was ich wußte.

»Als Rollo bei mir anrief«, sagte Monica, »bin ich sofort losgefahren. Die Wohnung war abgeschlossen, aber ich habe einen Schlüssel. Ich konnte sofort sehen, daß etwas passiert sein mußte.«

Sie zeigte mir den offenen Aluminiumkoffer auf dem Tisch. Dann die zerbeulte Taschentrompete an der Wand.

»Ich bin in Panik geraten«, fuhr Monica fort. »Daß ich die Wohnungstür offengelassen hatte, ist mir gar nicht mehr bewußt geworden. Erst als du hereingestürmt bist… nun, den Rest weißt du.«

Es gab keine Nachricht, keine Lösegeldforderung, nicht den winzigsten Hinweis darauf, was mit Kevin Eckstine geschehen sein konnte.

Ich rief im District Office an und veranlaßte, daß die übliche Fahndungsmaschinerie in Gang gesetzt wurde.

John D. McKee hatte erfahren, was geschehen war, und er hatte sofort sein Office aufgesucht. Der Kollege in der Zentrale verband mich mit ihm.

»Sie können mich ab sofort ständig hier erreichen, Jesse«, sagte der Chef. »Im übrigen haben wir Hinweise von V-Leuten. Dieser Atwell, der an der Madison Avenue den Funkzünder ausgelöst hat, gehört allem Anschein nach zum Judson-Syndikat.«

Ich bedankte mich für die Information und versprach, mich zu melden, sobald ich neue Erkenntnisse hatte. Was Atwells Syndikatszugehörigkeit betraf, so brachte uns das nur bedingt weiter. Zu wissen, daß jemand Mitglied einer Verbrecherorganisation ist, und den Spitzenleuten der Organisation eben dies nachzuweisen, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Dahinter verbirgt sich auch der Grund, weshalb Syndikate überhaupt noch existieren können.

Judson gehörte zweifellos zu den schlimmsten Erscheinungsformen dieser Pestbeulen.

Bei der City Police forderte ich ein Spurensicherungskommando an. Wir warteten ab, bis die Beamten eingetroffen waren. Monica übergab ihnen ihren Schlüssel für Kevins Wohnung. Dann fuhren wir los, Richtung »Bourbon Street«.

 

 

Details

Seiten
119
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941753
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906315
Schlagworte
blues bohnen trevellian

Autor

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Titel: Trevellian, Blues und blaue Bohnen