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Der lange Weg nach Idaho Falls

2020 127 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der lange Weg nach Idaho Falls

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

Der lange Weg nach Idaho Falls

Westernroman von R. S. Stone

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Nach einem verheerenden Großbrand in Montana City, dem auch das berühmte „Opera House“ zum Opfer fällt, beschließt der berühmte Theatermann Jacques Devereaux, dem das Opera House gehörte, gemeinsam mit seiner Frau und seiner Schauspieltruppe den Aufbruch nach Idaho Falls.

Als Führer heuert er Lee Favor an, einen hartbeinigen Texaner, der vor Jahren seine Ranch und seine Frau verlor, und seitdem ziellos durch das Land reitet. Zunächst ist dieser ganz und gar nicht begeistert. Ihm missfallen sowohl Devereaux und dessen Frau, als auch die gesamte Theatergruppe, die in seinen Augen einfach nur weltfremde Individuen sind. Doch als Devereaux ihm zweitausend Dollar für den Job bietet, willigt er schließlich ein.

Schon bald darauf sitzt ihnen eine Schar übler Banditen auf den Fersen, die nicht nur an Devereaux‘ Geld Interesse haben, sondern sich auch für die Mädchen der Truppe interessieren. Zudem haben diese Burschen noch eine Rechnung mit Lee Favor offen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1. Kapitel

Der Frachtwagenzug zog sich träge am Canyon Ferry Lake vorbei und erreichte Montana City an einem warmen Frühlingstag im April des Jahres 1878. Aus allen Richtungen eilten Menschen herbei und bestaunten den Zug der schwerbeladenen Wagen, die hintereinander über die Main Street rollten. Der vorangegangene Winter war sehr hart gewesen, und nur wenige Frachtwagenzüge waren in den letzten Monaten über die verschneiten Gebirgsketten in die Stadt gekommen. Laute Rufe und Schreie gellten den Männern auf den Wagenböcken entgegen. Einige Schüsse wurden in die Luft gefeuert.

Lee Favor, der an der Spitze des Zuges ritt, lenkte seinen Mausgrauen an Stacy Wallaces Wagen heran. »Sieht so aus, als würden wir schon sehnsüchtig erwartet werden, was, Stacy?«

Der Frachtboss lachte kehlig auf und spie einen Strahl Kautabaksaft auf den staubigen Boden. »Zur Hölle«, raunte er und wischte sich mit dem Ärmel seiner Mackinaw-Jacke über den breiten Mund. »Möchte nicht wissen, wie viele Wetten darauf abgeschlossen wurden, ob wir in diesem Monat ankommen oder nicht. Es ist meine vierte Fahrt nach Montana City. Und jedes Mal ist es dasselbe. Die Leute führen sich auf wie die Wilden, wenn ein Wagenzug mit Proviant und Waren in die Stadt gefahren kommt.«

Lee Favor zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Ist doch alles recht gut verlaufen von Sheridan bis hierher. Ich kam mir streckenweise recht überflüssig vor.«

Der Frachtboss blickte ihn staunend an. »Du hast Nerven, mein Junge. Vor ein, zwei Jahren noch hättest du nicht so ‘ne Lippe riskiert, mein Freund. Da hättest du verdammt froh sein können, wenn dir dein Skalp auf dem Kopf geblieben wäre. Viele Wagenzüge sind nicht bis nach Montana City durchgekommen. Wir hatten mächtiges Glück, dass wir auf keine aufständischen Roten gestoßen oder irgendwelchen Wegelagerern vor die Flinte gelaufen sind. Aber darauf kannst du dich nicht immer verlassen. Vor drei Monaten ist es entschieden schlechter gelaufen. Wir kamen zwar in Montana City an. Aber nur noch mit der Hälfte der Männer und der Wagen. Verdammt, das war ja auch der Grund, weshalb ich wollte, dass du als Begleitschutz mit uns fährst.«

»Ich hab‘s auch nur getan, weil ich dir ‘nen kleinen Gefallen schuldete.«

Der Frachtboss winkte mürrisch ab. »Ich weiß, dass ich dich nicht umstimmen kann, ganz bei mir ins Frachtgeschäft einzusteigen. Hab mir unterwegs ja den Mund fusselig geredet, um dich umzustimmen. Aber du bist halt ein sturer Hund, Lee Favor. Dabei ist das doch wirklich ‘ne lohnende Sache. Wenn ich nur …«

»Gib dir keine Mühe, Stacy Wallace«, fiel ihm Lee Favor sofort ins Wort. »Bei mir bist du an der falschen Adresse. Ich habe andere Pläne, wie du weißt.«

Wallace schnitt eine verächtliche Grimasse. »Ja. Du jagst immer noch dem Traum deiner Ranch hinterher, die du vor ein paar Jahren unten in Texas aufgeben musstest, Lee! Die Sache ist vorbei, die Ranch erledigt. Wird Zeit, dass du dir andere Ziele steckst, mein Junge.«

Lee Favor schüttelte den Kopf. »Damals konnte ich sie nicht halten, Stacy. Es war schwer gewesen, sie aufzubauen. Aber als ich es einigermaßen geschafft hatte, brach mir die verdammte Dürre das Genick. Ich brachte das Geld für die Hypotheken nicht mehr auf. Und als auch noch Linda starb, war für mich alles vorbei. Aber mittlerweile habe ich mich erholt und bald das Geld zusammen, um noch mal ganz von vorn anzufangen. Wirst sehen, Old man, diesmal wird es klappen. Auch, wenn‘s noch ein oder zwei Jahre dauern wird.«

Wieder winkte Wallace mit der rechten Hand ab, während die Linke die Zügel des Maultiergespanns umfasste. »Ich weiß nicht so recht, Cowboy. Irgendwie hast du dafür seit zwei Jahren viel zu viel Hummeln im Hintern gehabt. Hier ‘n Job, da ‘n Job. Für einen, der sich mit dem Gedanken trägt, wieder sesshaft zu werden, war‘s ‘n bisschen zu viel an Rastlosigkeit. Findest du nicht?«

Lee Favor grinste Wallace breit ins Gesicht. »Aber ich habe dabei ‘n bisschen Geld verdient, und jeden Cent gespart.«

»Und ich biete dir die Möglichkeit, viel mehr Geld zu verdienen, wenn du bei mir einsteigst. Aber da stoße ich bei dir nur auf taube Ohren, mein Junge.«

»Richtig. Auch, wenn wir unterwegs ‘ne Menge Spaß hatten, das Frachtgeschäft ist eben nichts für mich. He, Stacy – jetzt, da wir ja in Montana City sind, brauchst du mich ja nicht mehr, richtig? Glaube kaum, dass wir noch auf Wegelagerer oder kriegerische Cheyenne stoßen werden, stimmt‘s? Ich möchte mir den Staub aus der Kehle spülen und mir ‘n heißes Bad gönnen. Außerdem …«

»Ich weiß, was du willst, Lee Favor! Du hast wieder mal Hummeln im Hintern.« Wallace wies mit ausgestreckten Arm auf ein zweistöckiges Gebäude, vor dessen Eingang ein wuchtiger Mann am Haltebalken lehnte. Er trug einen auffallend teuren Anzug und paffte an einer langen Zigarre. »Dort drüben im Star Palace kriegst du alles, was dein rastloses Herz begehrt, mein Junge. Aber hüte dich vor dem Burschen, der da vor dem Eingang lümmelt. Der Kerl in seinem schicken Zwirn und der Zigarre im Gesicht. Das ist Broderick Campeau, er kam vor drei Jahren hierher. Der hatte Pläne, um schnell reich zu werden. Mit Whisky und Huren. Mittlerweile ist er stinkreich und hält in Montana City alle Fäden in der Hand. Der hat ‘nen mächtigen Einfluss hier. Aber nicht jeder hat ihn unbedingt in sein Herz geschlossen. Wenn du verstehst, was ich damit sagen will …«

Lee Favor nickte. Er hatte bereits von Broderick Campeau gehört, einem Mann mit dem untrüglichen Instinkt für Geschäfte – egal, welcher Art. Dennoch nahm Lee sich vor, Campeaus Star Palace einmal von innen anzusehen.

»Wir seh‘n uns später, Stacy.«

Der Frachtboss nickte. »Wenn wir die Waren ausgeladen haben und fertig sind, kommen wir auch ins Star Palace. Dann zahle ich dich aus, und wir trinken ein paar Gläschen zusammen. In Ordnung so?«

»Völlig.«

Lee Favor tippte an die Hutkrempe, zog seinen Mausgrauen herum und trieb ihn zwischen einigen Schaulustigen hindurch auf den Star Palace zu.

 

*

 

Als Lee Favor sich aus dem Sattel schwang und die Zügelenden lose über den Haltebalken warf, spürte er deutlich die Blicke von Broderick Campeau auf sich ruhen. Der Mann stand immer noch vor dem Eingang des Star Palace und seine Blicke schienen alles aufzusaugen, was sich in unmittelbarer Nähe abspielte. Dabei schien er ein ganz besonderes Interesse an Lee Favor zu haben.

Lee Favor strich dem Mausgrauen freundschaftlich über die Mähne, glitt mit einem Satz aus dem Sattel und stampfte ein paarmal mit den Füßen auf den Boden, um die Steifheit aus den Gliedern zu vertreiben. Dann rückte er mit einer einzigen, mechanischen Bewegung den Revolvergurt zurecht und bewegte sich lässigen Schrittes auf den Star Palace zu. Dabei musste er unweigerlich an Broderick Campeau vorbei, der ihn dabei die ganze Zeit mit unverhohlenem Interesse beobachtete.

»Sie seh‘n mir nicht gerade wie ein Frachtfahrer aus, junger Mann«, sagte er mit einer kehlig klingenden Stimme, die den Dialekt eines Mannes aus den Südstaaten verriet.

Lee Favor, der gerade die Flügeltüren nach innen stoßen wollte, verharrte mitten in der Bewegung. Er wandte sich Campeau zu. Ihre Blicke trafen sich, und Lee Favor sah in zwei tiefschwarze, unergründliche Augen. Ein Lächeln zeigte sich auf Campeaus Lippen, die unter einem schwarzen, buschigen Schnurrbart lagen, und zwischen denen die lange Zigarre klemmte. Allerdings erreichte dieses Lächeln seine schwarzen Augen nicht, die auf Lee Favor kalt wirkten.

»Da könnten Sie sogar Recht haben, Mister«, sagte Lee und erwiderte das Lächeln.

Campeau legte seine Zigarre zwischen Daumen und Mittelfinger seiner Rechten und bedachte Lee Favors Antwort mit einem leichten Kopfnicken. »Texas, was?«

Lee Favor grinste. »Wieder ein Volltreffer.«

»Ich brauche einen Mann nur einmal zu sehen, dann weiß ich über ihn Bescheid. Übrigens, meine Name ist Campeau. Broderick Campeau. Ich bin der Besitzer des Star Palace. Hier finden Sie alles, was eines Mannes Herz erfreut. Bleiben Sie länger in Montana City?«

»Möglich.«

Hinter Campeaus Floskeln steckte eine bestimmte Absicht, über die sich Lee noch nicht klar wurde. Aber dieser Mann war gewiss alles andere, als ein Schwätzer von Belanglosigkeiten. Aus den Augenwinkeln sah Lee Favor plötzlich einen Mann, der sich ungestüm durch die Menschenmenge hindurchschob und sich zielstrebig auf den Star Palace zubewegte. Das Gesicht war zu einer grotesken Fratze verzerrt, und seine rechte Hand hinter dem linken Jackeneinaufschlag verborgen. Dann wechselte der Mann schlagartig seine Richtung und hielt genau auf Campeau zu. Sofort war Lee Favor klar, dass dieser Bursche Campeau gewiss nicht freundschaftlich die Hand schütteln wollte. Campeau hatte den Mann noch nicht bemerkt, als dessen Rechte hinter dem Jackeneinaufschlag auftauchte. Etwas Metallisches blitzte im Sonnenlicht.

Dann gellte aus seinem Mund ein Schrei, der wie ein Fluch erklang: »Campeau! Jetzt fährst du in die Hölle, du dreckiges Schwein!«

Lee Favor reagierte instinktiv. Er stieß Campeau mit voller Wucht zur Seite, so dass dieser gegen die Bretterwand krachte und ein wutschnaubendes Grunzen ausstieß, das allerdings in einem lauten Knall unterging. Die Kugel, die ihm zugedacht war, jaulte zwischen Lee Favor und ihm vorbei und schmetterte in die Bretterwand. Ein zweiter Schuss erfolgte. Diesmal aus Lee Favors 44er. Die schwere Waffe ruckte in seiner Rechten, spie Feuer und warf den Mann, der es auf Campeau abgesehen hatte, nach hinten.

Die Menschen stoben panisch auseinander.

Mitten im Straßenstaub blieb der Mann liegen, seine Waffe glitt aus der Hand. Ein keuchender Laut entrang sich den Lippen, dann lag er still.

Lee Favor sah, wie sich der schwere Körper Campeaus von der Bretterwand abstieß und sich auf den Mann im Straßenstaub zubewegte. Er wirkte dabei wie ein Fass auf Beinen. Aber seine klobigen Bewegungen täuschten nicht über das jähzornige Verhalten hinweg, das ihn plötzlich übermannte. Während Lee Favor die verschossene Patronenhülse aus der Kammer stieß, hatte Campeau den Mann erreicht, und er hörte ihn brüllen: »Jig Higgins! Hätt‘s mir denken müssen, dass du sowas eines Tages versuchen würdest. Du hinterhältige, feige Sau!«

Sprach‘s, spie auf den Mann herab und verpasste ihm einen brutalen Tritt in die Seite und setzte sogleich zu einem weiteren Tritt an.

»Campeau! Hören Sie auf!«

Campeau schnellte in Lee Favors Richtung. Lee Favor staunte, wie schnell sich dieser Mann von einer Sekunde auf die nächste wandeln konnte. Campeaus Gesichtsausdruck war verzerrt zu einer Maske brutaler, erbarmungsloser Wut. In den schwarzen Augen loderte der Hass.

»Aufhören?«, kam es keuchend von Campeaus Lippen, und er schnaubte dabei wie ein Bulle, dem man ein rotes Tuch vor den Augen hält. »Ich denke, jetzt fange ich mal richtig an.«

Er hob das Bein, schnellte herum und holte erneut zu einem wüsten Tritt aus, als ihm Lee Favor eine Kugel dicht vor die Füße pflanzte. Staub und Dreck spritzten zu Campeau hoch. Erschrocken und fassungslos stierte er Lee Favor entgegen.

»Ich sagte, Sie sollen es lassen!«

Campeaus Mund klappte auf und sogleich wieder zu. Aus dem Saloon kamen einige Männer herausgestürmt. Jeder hatte einen Revolver in der Hand. Lee Favor brauchte kein Hellseher zu sein, um zu wissen, dass sie zu Broderick Campeaus Leibwache gehörten. Als diese Burschen erkannten, dass anscheinend keine Gefahr mehr bestand, wanderten die Colts in ihre Holster.

Und dann hörte er den Besitzer des Star Palace schon brüllen: »Ach, kommt ihr auch mal zum Vorschein, ja? Wofür bezahle ich euch? Etwa, dass man mich hier in aller Seelenruhe erledigt? Eine schöne Hilfe seid ihr. Vielen Dank, ihr Schwachköpfe. Jetzt brauche ich euch nicht mehr. Schert euch wieder rein! Alle!«

Sie gehorchten wie dressierte Hunde. Lee Favor staunte nicht schlecht darüber. Dieser Broderick Campeau schien tatsächlich das zu sein, was man im Allgemeinen von ihm erzählte. Ein gedrungener Mann mit einem imposanten Schnurrbart bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge, die sich inzwischen wieder neugierig zusammengerottet hatte. Auf seiner Brusttasche glänzte der Sheriffstern, als wäre er gerade frisch poliert worden.

Sheriff Tom Townsend.

Unterwegs hatte Stacy Wallace Lee Favor viel von diesem Mann erzählt. Townsend war ein ehrgeiziger Geschäftsmann aus Kanada, der 1876 in Montana City eintraf, genau an dem Tag, als Wild Bill Hickock in Deadwood erschossen wurde. Noch im gleichen Jahr hatte man Townsend in Montana City zum Sheriff gewählt. Er galt als unbestechlich und zielstrebig.

Und als Townsend seine eisigen Blicke auf den am Boden liegenden Mann warf, schüttelte er nur mit dem Kopf. Als er sich dann Broderick Campeau zuwandte, wusste Lee Favor, dass diese beiden Männer keine Freunde waren.

»Jig Higgins, Broderick! Ich hatte dich gewarnt.«

»Was denn, Townsend? Verdammt, der Kerl kam angestürmt und wollte mir von hinten eine Kugel verpassen.« Campeaus Zeigefinger wies auf Lee Favor, der sich langsam den beiden Männern näherte. »Dieser Mann hat‘s rechtzeitig vereiteln können. Er stieß mich zur Seite, so dass Higgins‘ Kugel nur knapp an mir vorbei in die Bretter schlug.« Campeau wies mit dem Finger auf das Loch in der Wand. »Hier, sieh genau her!«

Townsend hob in gespielter Überraschung die Augenbrauen. »Donnerwetter! Und dann ist Higgins plötzlich tot umgefallen, was?«

Lee Favor trat an Townsend heran. »Nein, es war meine Kugel, die ihn traf. Er hatte es herausgefordert, und ich keine andere Wahl.«

Tom Townsends rauchgraue Augen musterten ihn abschätzend. »Okay, Mister, es gibt keinen Grund, an Ihren Worten zu zweifeln. Ich habe Sie vorhin mit dem Wagenzug ankommen sehen. Ich kenne Stacy Wallace schon lange und weiß, dass er seine Leute sorgsam auswählt. Außerdem glaube ich kaum, dass Sie sich freiwillig in gewisse Privatfehden einmischen würden, die hier untereinander herrschen. Nun, um Jig Higgins ist es nicht schade. Der hatte nicht viel getaugt.« Er schickte einen harten Blick in Campeaus Richtung. »Aber diese verdammte Sache wäre vermeidbar gewesen, Brod. Und du weißt das ganz genau.«

Lee Favor wunderte sich, dass Broderick Campeau diesmal seinen Mund hielt. Sheriff Townsend wandte sich an die Umherstehenden und wählte zwei Männer aus. »Burchardt und Donahue, ihr schafft die Leiche zum Totengräber. Und der Rest verschwindet hier von der Straße. Es gibt nichts mehr zu gaffen. Also los, haut endlich ab und geht an eure Arbeit.«

Nach diesen Worten sah er erneut auf Broderick Campeau, und Lee Favor glaubte in diesen Blicken eine unausgesprochene Warnung zu erkennen. Dann wandte sich Townsend ab und verschwand in der sich auflösenden Menge.

Campeau trat an Lee Favor heran, reichte ihm seine wulstige Hand. »Mir sind vorhin die Gäule durchgegangen. Mein Temperament, Sie verstehen? Trotzdem möchte ich Ihnen danken, Mann. Sie haben mir das Leben gerettet.«

»Campeau, wenn ich schon auf einen Mann schießen muss, will ich wenigstens wissen, warum.«

Jetzt setzte sich ein breites Grinsen in Campeaus fleischiges Gesicht. »Ist doch ganz einfach. Der Idiot war sauer auf mich, weil ich‘s seiner Frau mal so richtig besorgt hatte.«

Er klopfte Lee Favor auf die Schulter, als würde er ihn schon lange kennen, drehte sich um und ging schweren Schrittes zum Eingang des Saloons. Dort drehte er sich noch einmal zu Lee Favor herum. »He, Mann, was stehen Sie da noch ‘rum? Kommen Sie rein. Ich will Ihnen einen mächtig großen Drink spendieren. Na kommen Sie schon. Oder wollen Sie auf der Straße Wurzeln schlagen?« Er sprach seine Worte, als wäre nichts gewesen, und Lee Favor schüttelte fassungslos den Kopf. Dann folgte er Campeau durch die Schwingtüren in den Saloon.

 

 

2. Kapitel

Rebecca Devereaux blickte von ihren Papieren auf, die ausgebreitet auf dem Tisch lagen, und sah herüber zu ihrem Mann. Der stand bereits eine ganze Weile am Fenster. Seine straffe Haltung verlieh ihm das Aussehen eines Feldherrn, der mit erhobenem Kinn und nach hinten verschränkten Armen den Ausgang einer Schlacht beobachtete. Dabei stand er nur am schmutzigen Fenster ihres gemeinsamen Hotelzimmers und starrte hinunter auf die Straße.

Auf Rebeccas rot geschminkten Lippen erschien ein leichtes Schmunzeln. Denn sie wusste genau, dass Jacques die Menschen dort unten studierte. Ihre Bewegungen, Gestik und Mimik in sich aufnahm und sie verarbeitete. Alles, was Jacques tat, hatte irgendwie immer mit seiner Arbeit zu tun. Er war Schauspieler mit Leib und Seele und von dem brennendem Ehrgeiz getrieben, stets einer der Besten zu sein. Plötzlich hörte sie ihn sagen, ohne dass er sich zu ihr umwandte: »Er hat es wieder einmal geschafft, Rebecca. Unglaublich. Aber wahr!«

Eine steile Falte zeigte sich zwischen ihren geschwungenen Augenbrauen. »Was meinst du, Liebster?«

»Campeau. Gerade ist ein Anschlag auf ihn vereitelt worden. Aber dieser Kerl hat einfach des Teufels Glück.«

»Waren das die beiden Schüsse, die ich vorhin gehört hatte?« Ihre Stimme klang völlig teilnahmslos, so, als hätte sie gerade übers Wetter gesprochen. In den Jahren, in denen sie hier in Montana City lebten und das »Opera House« führten, konnte sie einfach nichts mehr erschüttern. Montana City war eine wilde, ungezügelte Stadt, und selbst Sheriff Townsend hatte redliche Mühe, sie unter Kontrolle zu halten. Mord und Totschlag waren nicht selten an der Tagesordnung. Und Tage, an denen nicht ein einziger Schuss fiel, schien es in Montana City nicht zu geben. In den ersten Wochen hatte es Rebecca noch zutiefst berührt, wenn jemand eines gewaltsamen Todes starb. Sie erinnerte sich an die Nacht, als Cole Emmett Johnston starb. Sie hatte ihn gern gehabt, diesen verwegenen Burschen mit den wehenden, roten Haaren und seinem langläufigen Walker-Colt an der Seite. Für sie schien dieser Mann schier unverwundbar zu sein, allein durch seine Erscheinung und seine sonore Stimme, deren Klang immer noch in ihren Ohren lag. Und dennoch traf ihn die tödliche Kugel von hinten in den Rücken. Ja, an diesem Tag hatte sie geweint. Danach gab es keine Helden mehr für sie.

Jacques Devereaux drehte sich zu ihr um.

»Ich konnte genau sehen, was passierte, Rebecca. Ein Fremder hat Jig Higgins getötet, nachdem der versuchte, dem großen Broderick Campeau eine Kugel zu verpassen. Du hättest es sehen sollen.« Devereaux versetzte sich in die Position eines Schießenden. Er spielte die Rolle eines Revolverhelden, deutete mit Daumen und Zeigefinger eine Waffe an und rief in theatralischer Gebärde: »Es ging ganz schnell. Ja, unheimlich schnell! Der Fremde stieß Broderick beiseite. Higgins schoss. Peng! Daneben. Nun zog der Fremde. Peng! Er traf. Mit einem Schuss! Higgins fiel zurück, landete im Staub und starb. Rebecca, nicht mal zwei Sekunden! Ja, das hättest du sehen sollen. Es ging so glatt, so unvorstellbar glatt, und dennoch musste es sein.«

Rebeccas Lächeln wurde breiter, je mehr sich Jacques in Rage redete. Da war er wieder; jener großartige Colonel Jacques S. Devereaux, der auf der Bühne stand und dabei alles gab. Er war völlig in seinem Element.

Rebecca schüttelte nur den Kopf. »Manchmal bist du wie ein großes Kind, Jacques Devereaux«, kam es nicht ohne Spott über ihre Lippen. Sogleich spürte sie, dass sie ihn verletzt hatte, und es tat ihr leid. Sie erhob sich hinter ihrem Sessel und trat auf sie zu. Sie war eine große, schlanke Frau, nur wenige Zentimeter kleiner als Jacques. Sie war sehr schön, ihr Alter von vierzig Jahren, das sie bereits erreicht hatte, war ihr kaum anzusehen. Rebeccas Gesicht war makellos und glatt. Nicht eine Falte fand sich darin. Große, ausdrucksvolle Augen in blauer Farbpracht waren die Spiegel ihrer Seele. Sie wurden heller, wenn sie lächelte. Und dunkler, wenn sie sich ärgerte. Wallendes, flammend rotes Haar umhüllte ihr Gesicht und fiel in schwerer Fülle an ihren runden Schultern herab.

Nun war sie dicht bei ihm, legte ihre schmale Hand mit den feingliedrigen Fingern auf seine Brust. »Ich wollte dich nicht kränken, Jacques.«

Seine Hand fuhr durch ihr rotes Haar. »Rebecca, ich bin bestürzt über die Teilnahmslosigkeit, die du dir in den letzten Jahren angeeignet hast. Ja, in der Tat.«

Sie sah zu ihm auf. »Wundert dich das etwa? Oh, Jacques, was erwartest du? Du weißt, was ich von dieser Stadt halte, von diesem Sündenpfuhl der Hölle und den Menschen, die hier leben, mit ihrer unersättlichen Gier nach Gold und dem Silber. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Entweder wird man krank davon oder man stumpft einfach ab. Ich höre die Schüsse, aber ich ignoriere sie. Es ist mein Schutz gegen diese Hölle hier. Und ich habe es satt, hier noch länger zu leben.«

»Rebecca, wir haben hier unser Theater. Wir haben Erfolg. Die Menschen umjubeln uns. Selbst in Boston und New York schreiben die Zeitungen von dem großartigen Opera House in Montana City. Wir haben hier sehr viel Geld verdient. Nicht nur das. Wir sind berühmt.«

Rebecca schüttelte leicht den Kopf. »Ist dir denn gar nicht aufgefallen, dass es nicht mehr so ist, wie es noch vor wenigen Monaten war? Dass unsere abendlichen Auftritte nicht mehr sämtliche Plätze füllen? Jacques, du verschließt die Augen vor der Wahrheit.«

Jacques Devereaux‘ Brauen zogen sich zusammen. »Wahrheit? Von welcher Wahrheit sprichst du?«

Wollte er es nicht sehen? Oder konnte er es nicht?

Rebecca wies mit ausgestrecktem Arm auf den Papierwust, der über dem Schreibtisch lag.

»Jacques, das da sind die Unterlagen für eine Bilanz, die ich erstelle. Und die Ausgaben decken sich vielleicht gerade noch mit den Einnahmen. Ja, Jacques, du hast richtig gehört: Gerade noch! Jedenfalls, was die vergangenen Monate betrifft. Das ist die Wahrheit. Du weißt, dass der Goldboom allmählich abklingt. Montana City wird wahrscheinlich bald Geschichte sein. Und dann möchte ich wissen, ob Zeitungen weiterhin über uns und das Opera House berichten. Jacques, werde endlich wach. Ist dir denn noch nicht aufgefallen, dass tagtäglich immer mehr Leute hier verschwinden? Es nimmt ab, Jacques. Abgesehen von den üblichen Schießereien und Messerstechereien untereinander, die eher noch zunehmen.«

Sie sah, wie es in ihm arbeitete. So sehr sich dieser Mann auf seine Schauspielerei konzentrierte, alles in sich aufnahm, stets um Verbesserung seiner Kunst bemüht war, so sehr verschloss er andererseits die Augen vor der Realität, die ihn umgab. Sein Leben war das der Bühne. Etwas anderes gab es nicht. Nur selten ließ er unangenehme Wahrheiten an sich heran. Ja, so war Jacques Devereaux.

Alles in ihm schien sich in diesen Augenblicken aufzulehnen. Sie sah es in seinen Augen, die sich verdunkelt hatten, als wäre ein höllisches Gewitter im Anzug. Sie befürchtete schon einen seiner theatralischen Ausbrüche. Aber er besann sich, atmete tief ein und wieder aus. Eine Weile kam nicht ein einziger Ton aus ihm heraus, was völlig untypisch für ihn war.

Er senkte den Kopf und presste die Lippen fest zusammen. Für einen kurzen Moment sah es für Rebecca so aus, als würde er zu weinen beginnen. Er war ein sensibler Mann und hatte in manchen Situationen nah am Wasser gebaut.

Das tat er nicht. Aber die Worte, die folgten, kamen mühsam aus ihm heraus: »Ich weiß, Rebecca, ich weiß. Du bist eine Frau, die sich genau wie ich der Schauspielerei verschrieben hat. Auch dein Herz gehört der Bühne. Aber du hast etwas, das ich nie haben werde. Den ungetrübten Blick für die Realität. Das ist etwas, worum ich dich beneide. Ja, auch ich habe den Umbruch bemerkt. Aber du kennst mich ja. Ich verschließe lieber die Augen, statt …«

Sie strich ihm sanft über die Wange. »Lass uns hier unsere Zelte abbrechen, Jacques, und woanders neu anfangen. Du weißt, dass wir das bereits mehrmals getan haben und immer wieder neue Erfolge dabei verbuchen konnten. Was ist schon Montana City, hm?«

»Rebecca, das Opera House, ein eigenes Theater, das ist etwas, was ich mir schon lange erträumt hatte. Wir haben es uns doch mühevoll erarbeitet und – ich kann hier nicht weg.«

»Erinnerst du dich noch, als wir vor einigen Wochen über Idaho Falls gesprochen hatten, Jacques? Du hattest selbst diese Idee, dorthin zu gehen. Dort lebt dein Bruder, ein angesehener Chirurg, und gemeinsame Freunde sind ebenfalls dorthin gezogen. Dort sind die Menschen nicht so roh und rücksichtslos wie hier. Warum packen wir es nicht an? Gemeinsam, mit unserer Truppe. Oh, ich denke nicht, dass auch nur ein einziger böse sein würde, wenn wir dieser höllischen Stadt den Rücken kehren und uns auf den Weg nach Idaho Falls machen würden. Jacques, was meinst du?«

»Idaho Falls? Meinst du wirklich, Rebecca?« Nachdenklich sah er erst sie an, dann aus dem Fenster.

Sie lachte ihn hoffnungsvoll an und legte ihre Hände um seinen Nacken. »Ja, Jacques! Das meine ich. Und wie ich das meine! Ein neues Opera House in Idaho Falls, viel größer, viel schöner.«

Er hatte Zweifel. Sie sah es in seinen Augen. Dennoch sagte er: »Ich muss darüber nachdenken, Rebecca, in Ruhe.« Er zog sanft ihre Hände von sich. »Ich werde jetzt einen kleinen Spaziergang machen, Rebecca. um nachdenken.«

Sie nickte ihm aufmunternd zu, und als er dann das Zimmer verlassen hatte, legte Rebecca ihre Hände zusammen wie zu einem Gebet.

 

*

 

»Was denn, du willst schon gehen, Cowboy?«

Lee Favor antwortete nicht. Er trat an den Stuhl heran, über den er seine Kleidung gelegt hatte. Aus der Hemdbrusttasche zog er sein Rauchzeug hervor, drehte sich eine Zigarette.

Genügend Spaß hatte er gehabt, keine Frage.

Aber noch länger bleiben? Nein, das wollte er nicht.

Von draußen drang der Lärm der Straße zu ihm in das kleine Zimmer, das die blonde Stella bewohnte, die auf dem Bett lag und ihn die ganze Zeit über fragend beobachtete. Es war gewiss schon Mitternacht, aber diese Stadt kam nie zur Ruhe. Sie war laut, wild und hektisch. Das war nichts für Lee Favors Geschmack. In ihm keimte wieder einmal die Unruhe auf. Er wollte weiter, und wenn es mitten in der Nacht sein sollte. Der Wunsch nach Einsamkeit hatte ihn gepackt. Viel zu lange schon war er von Menschen umgeben gewesen. Für ihn reichte es. Er sehnte sich wieder nach einsamer Stille, irgendwo dort draußen, an einem prasselnden Lagerfeuer, zwischen Hügeln und Tälern, an einem kleinen Bach. Über ihm die sternklare Nacht und in der Ferne würde ein Coyote heulen. Genau das war es, was er sich in diesen Augenblicken sehnlichst erwünschte.

Er war nun mal so. Ein Mann, der die Einsamkeit liebte. Es hatte vor einigen Jahren einmal eine andere Zeit gegeben. Aber das war längst vorbei.

»He, Cowboy, was stehst du da ‘rum und grübelst? Komm wieder zu mir ins Bettchen. Wir haben noch die ganze Nacht vor uns.«

Er drehte sich zu ihr um, sah, wie sie sich verheißungsvoll über die Lippen leckte.

Die ist tatsächlich unersättlich, dachte er, während er ein Streichholz an der rauen Tischkante anriss und es in der hohlen Hand an die Zigarette führte.

»Blondlocke, es war schön mit dir. Aber ich muss nun weiter.«

Sie starrte ihn ungläubig an. »Mitten in der Nacht? Cowboy, tickst du nicht ganz sauber?«

Er fuhr lachend in seine Klamotten. »Nenn es, wie du willst, meine Schöne«, raunte er ihr zu und stülpte sich den schwarzen Texashut auf den Kopf. Den rückte er mit einer kurzen Bewegung zurecht, sah zu, wie sie sich aufrichtete und ihn verständnislos anstarrte. Dabei zog sie einen Schmollmund und schüttelte den Kopf.

»Zieh nicht so ‘n Gesicht, Kleine. Wenn ich wieder mal in Montana City auftauchen sollte, bist du die erste, die ich besuchen werde. Mein Wort drauf.«

»Du bist ein komischer Vogel, ehrlich, Cowboy.«

Wieder lachte er auf, tippte an die Hutkrempe und trat an die Tür. Gerade wollte er das Zimmer verlassen, als von draußen ein unheimliches Geschrei erklang. Mitten in der Bewegung hielt er inne. Das hörte sich nach allem anderen als betrunkenen Goldgräbern oder Cowboys an. Das Geschrei war erfüllt von Angst und Panik. Und dann vernahm er den schrillen Ruf einer Frau: »Feuer! Feuer! Die Stadt brennt lichterloh! Rettet euch! Feuer! Feuer!«

Lee Favor riss die Zimmertür auf, und sogleich drang scharfer Brandgeruch in seine Nase. Er stieß einen Fluch aus, und er schrie Stella zu: »Los, Mädchen! Raus hier! Aber schnell!«

»Was ist denn …«

Lee Favor lief auf sie zu, packte ihren Arm und zog sie aus dem Bett. »Riechst du nicht den verdammten Rauch? Wir müssen hier schleunigst verschwinden. Los, mach schon.«

»He, ich muss mich erst anziehen, Cowboy!«

Rauchschwaden zogen am Korridor entlang, drangen bereits zur Tür herein.

»Vergiss es!«, herrschte er sie an und riss sie einfach mit sich. Im Vorbeilaufen erhaschte Stella noch ihr Kleid, dann zog er sie aus dem Zimmer. Mit Stella im Schlepp hastete Lee Favor den schwach beleuchteten Korridor entlang. Beißender Rauchgestank hüllte die beiden ein, und Stella begann zu husten. Sie blieb plötzlich stehen, aber Lee Favor riss sie unbarmherzig weiter. Das unverkennbare Knistern von Feuer drang an ihre Ohren, und als sie die Treppe zum Saloon erreichten, sahen sie, dass dort bereits einiges unten in Flammen stand. Die riesigen Vorhänge brannten lichterloh, die Reste fielen brennend auf den Bretterboden. An mehreren Stellen gleichzeitig stiegen züngelnden Flammen empor. Das Feuer fraß sich von außen durch das Gebälk und hatte bereits viel Beute gemacht.

Menschen schrien und suchten ihr Heil in der Flucht, während einige Beherzte versuchten, mit Wassereimern das Feuer zu löschen.

Vergeblich.

Das Inferno breitete sich in Windeseile weiter aus. Hinter sich hörte Lee Favor das Mädchen kreischen. An den Schwingtüren kam es zum Stau, da sich mehrere Menschen gleichzeitig den Weg nach draußen erkämpfen wollten. Sie schlugen wild umher, schrien, drängelten, stießen und schubsten. Lee Favor hörte einen Mann schreien: »Schlagt die Fenster ein! Springt durch die Fenster raus!«

Stühle wurden geworfen, schmetterten voller Wucht gegen die Fensterscheiben. Glas zerbarst in Tausende von Scherben, die auf den Gehsteig prasselten. Nun gaben auch die Löscher auf und schoben sich durch die zerschlagenen Fenster nach draußen.

Lee Favor hatte die letzte Stufe der Treppe erreicht, immer noch das kreischende Mädchen mit sich ziehend. Inmitten des Tohuwabohus erkannte Lee Favor Brod Campeaus bullige Gestalt. Er hörte den Mann schreien: »Bleibt hier und löscht weiter! Verdammt! Noch können wir den Laden retten! Kommt zurück!«

Der Mann schien wie von Sinnen. Er drehte sich im Kreis, fluchte und drohte mit erhobenen Fäusten, während rings um ihn das Feuer tobte. Doch niemand schenkte ihm Beachtung. Keiner dachte im Traum daran, auch nur eine Sekunde länger im brennenden Saloon zu verweilen, der jeden Augenblick einzustürzen drohte. Lee Favor rief ihm im Vorbeilaufen zu: »Campeau, schwingen Sie Ihren gottverdammten Hintern endlich raus hier! Wollen Sie gegrillt werden, Mann? Hier ist nichts mehr zu retten!«

Im gleichen Augenblick sah er, wie sich von oben der schwere Kronleuchter von der Decke zu lösen begann. Broderick Campeau befand sich genau darunter. Lee Favor schob Stella vor das offene Fenster und schrie ihr zu: »Spring raus!«

Dann kümmerte er sich nicht weiter um sie, sondern machte einen gewaltigen Hechtsprung auf Campeau zu. Er erwischte den Mann mitten im Sprung. Beide segelten über den Boden hinweg. Keine Sekunde zu früh. Der schwere Kronleuchter sauste von der Decke und schmetterte auf die Bretter. Genau auf die Stelle, wo eben noch Broderick Campeau gestanden und getobt hatte. Glassplitter spritzten den beiden Männern entgegen, und diese rissen im Liegen die Arme hoch, um ihre Gesichter zu schützen. Dann sprang Lee Favor auf die Füße und half dem schweren Campeau auf. Beide stürmten sie ins Freie. Lee Favor vorweg, der unbeholfene Campeau keuchend hinterher. Sie waren gerade durch die Flügeltüren gekommen, als eine Wand einbrach und den brennenden Star Palace endgültig zum Einsturz brachte.

Lee Favors Blicke fielen zunächst auf den Platz, an dem er vor einigen Stunden seinen Mausgrauen abgestellt hatte. Der Platz war leer. Dennoch atmete Lee Favor erleichtert auf. Sein Mausgrauer hatte sich gewiss losgerissen und war aus der Gefahrenzone galoppiert. Irgendwo würde er geduldig warten, bis Lee Favor ihn fand.

Nein, um dieses Tier brauchte er sich vorerst nicht zu sorgen.

Dann sah er zu den Häusern der Stadt, die größtenteils in Flammen standen, sah die Menschen, die verzweifelt versuchten zu retten, was es zu retten gab.

Viel war es nicht. Denn in dieser lauen Frühjahresnacht legte das Feuer fast die ganze Stadt Montana City in Schutt und Asche.

 

 

3. Kapitel

Der Morgen graute. Überall stiegen noch die Rauchschwaden aus den Trümmern zum Himmel empor. Die Luft war erfüllt von Rauch und verbranntem Holz. Ein Bild der völligen Verwüstung tat sich den Menschen auf, die vollkommen erschöpft, mit versengten Kleidern und rußgeschwärzten Gesichtern auf den Gehsteigen und auf der Straße standen. Lee Favor sah ihre Hilflosigkeit, ihre Verzweiflung, ihren Zorn und ihre Trauer. Sie hatten gekämpft, aber die meisten von ihnen hatten binnen von einigen Stunden alles verloren. Viele waren in den Flammen umgekommen.

Das Star Palace lag völlig in Schutt und Asche. Nur noch ein paar verkohlte Trümmer, aus denen vereinzelt noch Qualm stieg, legten Zeugnis darüber ab, das hier der größte Saloon Montana Citys gestanden hatte. Lee Favor ließ achtlos den leeren Eimer fallen, den er noch in der Rechten hielt. Er wischte sich mit seinem blutigen, rußverschmierten Arm über die Stirn. Er sah nicht anders aus als all die anderen, hatte mit ihnen versucht, das über Montana City rasende Flammenmeer zu bekämpfen. Nun war auch er am Ende seiner Kräfte. Ein galliger Geschmack legte sich auf seine Zunge, als zwei Männer einen verkohlten Leichnam auf einer Trage aus einem zerstörten Gebäude ins Freie trugen.

Hufschlag ließ ihn herumwirbeln, und seine geröteten Augen hellten sich auf.

Der Mausgraue trabte mit hängenden Zügeln über die Main Street. Das Tier stieß ein freudiges Wiehern aus, als es seinen Herrn erkannte. Lee Favor lief ihm entgegen, strich über die Nüstern und zog den großen Kopf zu sich an seine Brust. »Wusste ich‘s doch, dass ich mir um dich keine Sorgen machen brauche, alter Junge«, raunte er dem Tier ins Ohr. Als wenn es die Worte seines Herrn verstanden hätte, stampfte es mit dem Vorderhuf ein paarmal auf den Boden.

Jemand klatschte laut in die Hände, rief: »Ein Mann und sein Pferd. Was für ein harmonisches Bild in dieser Trümmerwüste. Bravo! Bravo!«

Lee Favor wirbelte herum. Der Mann, der ihm gegenüber auf den verkohlten Gehsteigbohlen stand, passte ganz und gar nicht in das Bild der hiesigen Verwüstung. Er war schlank, trug einen Anzug, der an einigen Stellen Verschmutzungen aufwies. Ein hoher Zylinder, etwas in Mitleidenschaft gezogen, thronte auf seinem Kopf. Seine Finger steckten in schwarzen Handschuhen, und in seinem eher bleich wirkenden Gesicht zeigte sich nicht der Hauch von Ruß. Entweder hatte er es sich irgendwo waschen können, oder aber, und die Vermutung war für Lee Favor naheliegender, er hatte sich erst gar nicht großartig bei der Brandlöschung beteiligt.

Langsam schritt dieser Bursche auf Lee Favor zu. Er war etwas über mittelgroß und musste zwangsläufig zu Lee Favor aufblicken. »Eine wahrhaftig schlimme Tragödie und zweifellos das Ende dieser Stadt, nicht wahr, junger Freund?«

Lee Favor beäugte ihn mit skeptischen Blicken. »An deren Rettungsversuch Sie ganz offensichtlich keinen großen Anteil hatten, Mister. Wenn ich mir ihr sauberes Gesicht so ansehe …«

Diese zynische Bemerkung winkte der andere mit einer lapidaren Handbewegung beiseite. »Oh, denken Sie das nicht, junger Freund. Mein Name ist Jacques Devereaux. Colonel Jacques Devereaux, wenn Ihnen das etwas sagt.«

Das tat es nicht, und Lee Favor schüttelte den Kopf.

»Nun, offensichtlich sind Sie kein großer Freund der Bühne und des Theaters, wie es scheint. Wie bedauerlich. Sonst hätten Sie sicher schon von mir gehört. Von mir und meiner Schauspielertruppe. Und auch von dem Opera House, welches bedauerlicherweise den Flammen zum Opfer gefallen ist. Wie so vieles andere auch in dieser Stadt.«

Dieser Bursche sprach in einem Tonfall, der Lee Favor an dessen Verstand zweifeln ließ. Dennoch sagte er: »Tut mir leid für Sie, Devereaux.«

»Ja, sehr bedauerlich, fürwahr. Dennoch nehme ich es als ein Zeichen der Veränderung. Meine Frau und ich hatten ohnehin vor, die Zelte in Montana City abzubrechen, um mit der gesamten Truppe nach Idaho Falls zu ziehen.«

Was immer dieser Mann auch immer dieser Mann planten, es interessierte Lee Favor nicht.

»Dann wünsche ich Ihnen Glück, Devereaux. Und nun entschuldigen Sie mich, ich muss weiter.« Mit diesen Worten wandte er sich ab und schob seinen Fuß in den Steigbügel. Bevor er sich in den Sattel des Mausgrauen ziehen konnte, hielt ihn Devereaux an der Schulter zurück. »Warten Sie, junger Freund. Warten Sie. Hören Sie mich noch einen Augenblick an.«

Lee Favor nahm die Hand vom Sattelhorn und wandte sich Devereaux zu. Der Schauspieler strich mit der behandschuhten Rechten über seinen dünnen Oberlippenbart, setzte ein gewinnendes Lächeln auf seine Lippen, und sprach dann: »Ich möchte Ihnen ein Angebot machen, das Sie gewiss nicht ausschlagen werden, junger Freund.«

»Nun, Devereaux. Ich höre.«

»Es wird gewiss keine Spazierfahrt nach Idaho Falls werden. Und offengestanden bin ich nicht sonderlich vertraut mit den Ortskenntnissen. Keiner meiner Leute wäre das, nicht einmal meine hochgeschätzte Frau. Ich möchte Sie als Führer engagieren, junger Freund. Oh, ich sollte besser Mister Lee Favor zu Ihnen sagen, nicht wahr?«

Lee Favor zog fragend die Brauen zusammen. »Woher wissen Sie meinen Namen? Und wieso ausgerechnet mich?«

»Das lässt sich ganz einfach erklären. Ich habe Sie beobachtet, junger Freund. Seit Sie gestern mit dem Wagenzug nach Montana City gekommen sind. Ja, ich habe ebenfalls mit dem Treckführer gesprochen, jenem Mister Wallace.«

Daher weht der Wind. Zum Teufel mit dir, Stacy Wallace, du verdammte Plaudertasche!, schoss es Lee Favor grimmig durch den Kopf. Aber den Gedanken behielt er für sich. Er schwieg, und Devereaux fuhr fort.

»Mister Wallace sprach in höchsten Tönen über Sie. Zudem konnte ich vom Hotelfenster aus beobachten, wie Sie Broderick Campeaus dicken Hals gerettet hatten. Sehr selbstlos, meine Hochachtung. Sie sind genau der Mann, der uns nach Idaho Falls bringen kann. Bitte erweisen Sie uns Ihre Gunst.«

Der Kerl redete so geschwollen, dass es Lee Favor bereits nach diesen wenigen Augenblicken tüchtig auf die Nerven ging. Er musterte sein Gegenüber und entschied, dass er wenig Sympathie für den Mann aufbringen konnte. Er hatte es in seinem Leben noch nie mit Bühnendarstellern zu tun gehabt. Aber er war sicher, dass der Schauspieler selten oder sogar nie eine Waffe in der Hand gehalten hatte, von einer Attrappe einmal abgesehen. Wahrscheinlich wusste keiner aus dieser Schauspielertruppe mit Gewehr oder Revolver umzugehen. Idaho Falls lag etwa dreihundert Meilen von Montana City entfernt. Normalerweise keine unbedingt gefährliche Reise für einen Mann wie Lee Favor.

Aber mit Schauspielern?

Lee Favor schüttelte den Kopf. Die Sache gefiel ihm nicht. Außerdem wollte er ja schon längst weitergeritten sein.

»Devereaux, mein Vorschlag wäre, Sie suchen sich einen anderen Mann für Ihre Sache. Tut mir leid.«

Devereaux gab sich mit dieser Ablehnung nicht zufrieden. Er war kein Mann, der schnell aufgab, wenn es darum galt, für ihn wichtige Belange durchzusetzen.

»Mister Lee Favor, ich schätze Sie als einen Mann ein, der gewiss nicht abgeneigt ist, sich für diese Reise zweitausend Dollar zu verdienen.«

Zweitausend Dollar! Lee Favor stieß einen erstaunten Pfiff aus. Für einen Mann wie ihn war das ein Haufen Geld. Und es würde seiner Wunscherfüllung nach einer eigenen Ranch sehr nahe kommen – verdammt nahe sogar.

Dennoch blieb er skeptisch. »Zugegeben, das verdient so mancher in ein paar Jahren nicht. Was wollen Sie transportieren? Geschmuggelte Waffen oder etwa Gold?«

Devereaux schüttelte den Kopf. »Weder das eine noch das andere. Nur meine Frau, meine Truppe und mich, Mister Lee Favor. Mit all unserem Hab und Gut.«

Lee Favor rieb sich über sein rußgeschwärztes Gesicht. In ihm begann es zu arbeiten. Devereaux erkannte das, und ein hoffnungsvolles Lächeln erschien in seinem schmalen Gesicht.

»Devereaux, ich werde mir die Sache überlegen.«

Devereaux umfasste Lee Favors Oberarm. »Vielleicht wäre es hilfreich für Sie, wenn ich Sie mit meiner Frau und meiner Schauspielertruppe bekannt machen würde, nicht wahr? Sie werden feststellen, dass wir allesamt sehr umgängliche Menschen sind und Ihnen gewiss auf unserer gemeinsamen Reise ein wunderschönes Programm zur Zerstreuung bieten können, wenn wir dann abends zusammen gemütlich am Lagerfeuer sitzen.«

Oder zusammen gemütlich hinter irgendwelchen Deckungen harren, um uns gegen ein paar wild gewordene Cheyennes oder Wegelagerer zu verteidigen!, jagte es zynisch durch Lee Favors Kopf.

Dieser Devereaux war der Realität so nah wie der Himmel zur Hölle. Aber zweitausend Dollar einfach in den Wind schlagen? Lee Favor entschied, auf Devereaux‘ Vorschlag einzugehen.

 

*

 

Das Opera House befand sich im Süden von Montana City, in der Sherman Street. Auch hier hatte das Feuer der Nacht verheerende Folgen hinterlassen. Dennoch war das große, dreistöckige Gebäude des Opera House nicht bis zur Vollständigkeit zerstört worden. Die Häuserreihen, die sich nordwärts der Sherman Street erstreckten, hatten allerdings etwas mehr Glück. Hier war das Feuer anscheinend langsam zum Erlöschen gekommen. Je weiter es also nordwärts ging, desto weniger rußgeschwärzte Gesichter tauchten auf, und desto mehr unversehrte Gebäude gab es.

Aber es war klar, dass Montana City lange, lange Zeit brauchen würde, um sich von der Verwüstung zu erholen.

Wenn überhaupt.

Während Lee Favor dem Bühnenschauspieler in Richtung des Theatergebäudes folgte, den Mausgrauen an den Zügeln mit sich führend, erkannte er, das viele sich bereits zum Aufbruch machten, um die zerstörte Stadt zu verlassen. Auch Devereaux schien es zu bemerken.

»Montana City wird bald als Geisterstadt in die Geschichte eingehen«, hörte Lee Schauspieler sagen. »Mister Favor, meine Frau und ich hatten ein Vermögen in das Opera House gesteckt. Das zahlte sich schließlich auch aus. Wir haben hervorragende Erfolge erzielen können, so lange es mit dem Goldrun aufwärts ging. Die Menschen kamen von überall, um uns spielen zu sehen. Doch in den vergangenen Monaten wurde es immer weniger. Ich habe lange Zeit meine Augen davor verschlossen. Meine Frau Rebecca hat sie mir wieder geöffnet. Ein schmerzlicher Moment. Und wissen Sie was?«

Lee Favor sah den schlanken Mann fragend an. »Was?«

»Es geschah in der letzten Nacht, einige Stunden, bevor das Inferno über die Stadt gekommen ist. Ich sehe es als ein Zeichen. Ja, eine Art Botschaft, eine Fügung des Schicksals. Finden Sie nicht?«

Lee Favor zuckte nur die Schultern. Was hätte er darauf erwidern sollen? Er dachte an sein eigenes Schicksal, damals, als die Dürre kam und er seine Ranch aufgeben musste und zudem Linda verlor, seine Frau. Danach hatte er viele Meilen hinter sich gebracht und wollte vergessen. Doch vergessen, das konnte er nie. Aber an Schicksalsfügungen, daran glaubte er nicht. Dinge geschehen, und ein Mann muss damit fertig werden – irgendwie. Das war eher Lee Favors Philosophie. Er versuchte, diesen sonderbaren Mann zu verstehen, was ihm nur schwerlich gelang. Devereaux führte ihn zum Opera House, wies mit einer Handbewegung zum Eingang.

Lee Favor runzelte die Stirn. »Da rein?«

Devereaux nickte. »Meine Truppe hat sich im Theater versammelt. Wir haben über den Aufbruch gesprochen und waren uns alle einig.« Ein schüchternes Lächeln zog sich über seine Lippen. »Und ich machte mich schließlich auf, nach Ihnen zu suchen. Wir brauchen ja dringend einen Führer, nicht wahr?«

Daraufhin erwiderte Lee Favor zunächst nichts. Vor dem dreistöckigen Gebäude, das einmal weiß gewesen war, stellte er den Mausgrauen ab. Er warf die Zügel lose über eine Haltestange, die paradoxerweise unversehrt geblieben war, und folgte Devereaux den rußgeschwärzten Stufen ins Gebäude hinein.

Im Inneren stank es stark verbrannt. Und das Ergebnis der Verwüstung legte Zeugnis über die vergangenen Stunden ab. Die Inneneinrichtungen waren zumeist allesamt den Flammen zum Opfer gefallen. Dort, wo es zu den Logenplätzen ging, die treppenförmig nach oben stiegen, hatte das Feuer am schlimmsten gewütet. Alles war schwarz und verkohlt. Nichts war mehr zu gebrauchen. Langsam begann er Devereaux verstehen. Denn um dieses Theater wieder aufzubauen und so herzurichten, wie es einst gewesen war, würden sehr große Investitionen erforderlich sein.

Vielleicht war es für diesen Theatermann mit seiner Truppe tatsächlich besser, das Feld zu räumen, um woanders neu zu beginnen.

 

*

Mrs. Devereaux trat auf ihn zu und reichte ihm lächelnd ihre zarte Hand. »Mister Lee Favor, ich freue mich, dass Sie sich entschieden haben, uns nach Idaho Falls zu bringen.«

Sie sagte das in einem Ton, als wäre die Sache für sie völlig klar. Nur zögernd legte er seine lassonarbige Rechte in ihre dargebotene Hand. Er sah ihr direkt in die Augen – Augen einer willensstarken Frau, die gewohnt war, dass man ihren Wünschen zu folgen hatte. Sie ist eine schöne Frau, die aber sehr genau weiß, was sie will, dachte er in diesem Augenblick, denn das war genau der erste Eindruck, den er von Rebecca Devereaux gewann. Er begegnete ihrem Lächeln mit einem festen Blick. »Mrs. Devereaux, noch habe ich nicht zugestimmt.«

Sie neigte ihren Kopf und schürzte die Lippen. »So? Sind denn zweitausend Dollar nicht Grund genug für Sie, Mister Lee Favor?«

»Nun, vielleicht. Vielleicht auch nicht.«

Er warf einen Blick zu den anderen Mitgliedern der Schauspielertruppe. Keiner von ihnen, weder die Männer noch die Frauen, sahen im entferntesten danach aus, dass in Montana City in der vergangenen Nacht die Hölle getobt hatte. Er sagte nichts, aber er dachte an all die Menschen, die vor wenigen Stunden noch verzweifelt gegen die Flammen gekämpft und von denen einige nicht überlebt hatten. Diese Leute hier sahen sauber aus und adrett – zu sauber, zu adrett! Keiner von ihnen machte den Eindruck, als hätten sie unter Einsatz ihres Lebens geholfen und wie alle anderen gegen den verheerenden Brand Widerstand geleistet. Nein, nicht ein einziger von ihnen.

Lee Favor versuchte, nicht darüber zu urteilen. Sie hatten sich auf ihre Art aus der Affäre gezogen, wollten überleben. Aber es gefiel ihm nicht. Die ganze Truppe gefiel ihm nicht. Rebecca Devereaux schien seine Gedanken zu erraten. Ein kurzer Blick zu ihrem Mann, dann wieder zu Lee Favor. »Sie zögern, Mister Favor?«

Lee Favor sah sie wieder unvermittelt an, und dabei waren seine Augen hart wie Flintstein. Dennoch hatte er in diesen Sekunden seinen Entschluss gefasst. »Nun, Lady, hören Sie zu. Ihr alle hört genau zu. Ich werde es Ihnen allen nur einmal sagen. Denn wenn wir unterwegs sind, gelten ganz andere Bedingungen als die, die Sie wahrscheinlich gewohnt sein mögen. Sie mögen als Schauspieler und Bühnendarsteller ja prächtig in Form sein. Keine Frage. Aber all dies zählt da draußen nicht. Bis nach Idaho Falls werden wir gewiss vier, wenn nicht sogar fünf oder sechs Wochen unterwegs sein. Unterwegs gibt es wilde Ströme, unwegsames Gelände, und man muss mächtig darauf aufpassen, den Skalp, den man auf dem Kopf hat, zu behalten. Banditen können uns auflauern, kriegerische Cheyenne. Wenn wir also da draußen sind, will ich mich auf jeden einzelnen verlassen können. Es wird hart werden und unangenehm. Gewiss keine Vergnügungsreise ins Paradies. Und noch eins stelle ich von vorneherein klar: Die Befehle gebe ich. Nur unter diesen Bedingungen werde ich Ihr Angebot annehmen und Sie nach Idaho Falls bringen. Etwas anderes lasse ich nicht gelten.«

Während er sprach, bemerkte er in den Gesichtern der Umherstehenden den leichten Anflug von Unwillen. Rebeccas Augen hatten eine dunkle Farbe angenommen, und Jacques Devereaux bedachte Lee Favors Worte mit einem leichten Räuspern.

Details

Seiten
127
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941739
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v906310
Schlagworte
falls idaho

Autor

Zurück

Titel: Der lange Weg nach Idaho Falls