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Trevellian und der schweigende Tod

2020 124 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und der schweigende Tod

Copyright

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Trevellian und der schweigende Tod

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

»Und das ist wirklich dieses Ding?« Brownie Farrow kaute sein Kaugummi schneller und spähte blinzelnd durch die Windschutzscheibe. Der Parkplatz vor dem Newark Airport war in mildes Sonnenlicht getaucht.

Der Mann, den Milton Daniels und Brownie Farrow beobachteten, schleppte zwei lange Pakete aus dem Gebäude der Zollabfertigung und lud sie in den Kofferraum seiner schwarzen Jaguar-Limousine. Die Pakete schienen beträchtliches Gewicht zu haben, denn der Mann im eleganten hellgrauen Anzug wischte sich den Schweiß von der Stirn, bevor er sich ans Steuer setzte.

»Der schweigende Tod im Kofferraum«, sagte Daniels mit einem beinahe andächtigen Nicken. Er grinste breit. »Wär’ doch ein schöner Filmtitel, was?«

Farrow lachte glucksend. »Bloß wir sind hier nicht in Hollywood, Milt. Bei uns geht’s richtig rund.«

Daniels klopfte ihm vom Beifahrersitz her auf die Schulter. »Dann sieh mal zu, daß der Junge dich mit seinem schwarzen Schlitten nicht abhängt!«

Farrow, dessen harte Gesichtsmuskeln durch die Kaubewegungen wie Stränge spielten, antwortete mit einem empörten Seitenblick. Er packte den Zündschlüssel, als wollte er ihn abbrechen. Der Achtzylindermotor des Plymouth röhrte dumpf. Wieder griff Farrow mit eiserner Faust zu, als er den Wählhebel der Automatik in Fahrposition stellte.

»Du brauchst nicht gleich den wilden Mann zu markieren«, knurrte Daniels. »Ich glaube dir ja, daß du besser bist als alle anderen.«

Farrow brummte nur. Er starrte nach vorn. Seine Kaumuskeln bewegten sich nicht mehr. Er sah aus wie ein Formel-I-Pilot beim Warten auf das Startzeichen.

Daniels betrachtete ihn aus den Augenwinkeln heraus. Er empfand wie so oft leises Unbehagen. Farrow konnte ihm unheimlich werden. Und doch war er der beste Mann, den er hatte. Die anderen zogen manchmal über Brownie Farrow her, weil er nur 1,60 m groß war. Und genau das mußte der Punkt sein, den er wettzumachen versuchte. Brownie war ein Muskelpaket, ein erstklassiger Schütze, und er fuhr wie der Teufel. Wenn er Gelegenheit hatte, eins davon oder alles zusammen zu beweisen, war er überglücklich.

Der schwarze Jaguar setzte sich mit aufblitzenden Rückfahrscheinwerfern in Bewegung. Lucius D. Wogan, der Mann, der die Pakete eingeladen hatte, war ein gemächlicher Fahrer. Nach dem Ausscheren aus der Parkbucht ließ er die schwere Limousine nur langsam anrollen.

Brownie Farrow stieß einen verächtlichen Zischlaut aus. »Zwölf Zylinder! Mann, damit würde ich anders umgehen.«

»Dann möchte ich aber nicht neben dir sitzen«, nuschelte Daniels.

Ein geschmeicheltes Lächeln huschte über Farrows hartes, bartloses Gesicht. Milton Daniels lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor dem mächtigen Brustkasten. Man mußte die Klaviatur der Reizworte nur beherrschen, dann konnte man mit Brownie besser umspringen als mit jedem Werkzeug.

Der schwarze Jaguar glitt auf Samtpfoten vorbei. Im Sonnenlicht funkelten die silbernen Radkappen. Wogan war hinter den getönten Scheiben nur als Schattenriß zu erkennen. Er nahm die Fahrspur, die vom Parkplatz auf den State Highway 22 zuführte.

Auf dem Flugfeld stieg eine zweistrahlige Kurzstreckenmaschine in die Luft. Hatte sie Wogans Pakete gebracht? Möglich. Daniels wußte, daß der Frachtzubringerdienst von New Yorks Flughäfen nach den umliegenden kleineren Airports von solchen Kurzstreckenjets bewerkstelligt wurde.

Farrow folgte dem Jaguar mit einem Abstand, den er zwischen drei und fünf Fahrzeuglängen wechseln ließ. Geschickt verstand er es, mindestens jeweils zwei andere Wagen zwischen dem schwarzen Schlitten und dem Plymouth zu lassen.

Die Verkehrsdichte auf dem Highway war gering. Newark hatte die morgendliche Stop-and-Go-Quälerei bereits hinter sich. Wogan blieb unter dem Tempolimit und ließ seinen Jaguar mit 40 Meilen pro Stunde dahinrollen. Farrow begann, mit den Fingerkuppen auf dem Lenkrad zu trommeln.

»Ruhig Blut!« sagte Daniels. Er zündete sich eine Zigarette an, um zu zeigen, daß er selbst völlig gelassen war. »Unser Freund kommt noch früh genug ans Ziel. Laß ihn die letzten Minuten genießen!«

Brownie Farrow lachte sein glucksendes Lachen, das seinen klotzigen Oberkörper in ruckende Bewegungen brachte. »Menschenskind, Milt, du meinst es mit anderen manchmal viel zu gut.«

Daniels lachte pflichtschuldig, und Brownies Heiterkeit wuchs dadurch noch. Sie befanden sich noch in den Wohnbezirken von Newark. Linker Hand erstreckte sich das ausgedehnte Grün des Weequanic Park. Wogan wohnte draußen in Scotch Plains. In einem Seitentrakt seines Bungalows betrieb er sein Geschäft. Laufkundschaft hatte er nicht. Seine Aufträge wurden in großem Stil und nur schriftlich abgewickelt. Das einzige, was er seinen Kunden vorweisen mußte, waren Musterstücke. Und die holte er fast immer vom Newark Airport ab.

Die dichte Besiedlung der Stadt versickerte in Grünflächen, gepflegten Grundstücken mit einzelnen Häusern, Tennis- und Golfplätzen, Seen mit Wanderwegen und Sonnenstränden. Die verantwortlichen Kommunalpolitiker wußten, welche Freizeitwerte sie der hart arbeitenden Bevölkerung schuldig waren.

»Aber wie kriegt er so was durch den Zoll?« fragte Brownie Farrow unvermittelt.

Daniels schmunzelte. Es war Brownies Art, lange über eine Sache nachzudenken und dann die abschließende Frage zu stellen, als hätte sein Gesprächspartner alle Überlegungen mitgekriegt. In diesem Fall allerdings war es klar, worüber Brownie gebrütet hatte.

»Indem er sich an die Vorschriften hält«, antwortete Daniels. »Wogan ist ein durch und durch korrekter Mann. Wenn er das nicht wäre, hätte er seinen Laden längst dichtmachen können. Er hat eben viel Geduld für den Papierkrieg und das ganze Drum und Dran.«

»Und jetzt machen wir den großen Schnitt daraus«, sagte Farrow feixend. »Wenn der arme Kerl wüßte, daß seine ganze Arbeit umsonst war!«

»Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben.«

Die Augen des kantigen Mannes verengten sich unwillig. »Was ich anfasse, läuft! Oder hast du jemals was anderes feststellen müssen?«

»Himmel, nein«, sagte Daniels schnaufend. »Ich rede nicht von deiner Rolle. Wenn unser Geschäft ein Geschäft werden soll, dann müssen wir uns noch einiges einfallen lassen.«

Farrow war besänftigt und versank wieder in Schweigen. Daniels drückte seine Zigarette aus und öffnete das Handschuhfach. Vorsichtig nahm er ein rechteckiges Kunststoffgehäuse heraus. Es war nur wenig größer als ein Walkie-talkie und hatte an der oberen Schmalseite zwei kleine Schalter. Der eine bewirkte die Batteriestromversorgung für den Sender, und der andere löste das alles entscheidende Funksignal aus.

Brownie Farrow hatte die Bastelei besorgt. Auch in solchen Dingen war er Fachmann. Daniels klappte das Handschuhfach zu und hob den Sender in Armaturenbretthöhe.

»Wir haben Zeit«, sagte Brownie gelassen. »Noch zwei Kurven.«

Daniels nickte. In seinen Mundwinkein bildeten sich Furchen der Anspannung. »Denk dran, daß du mir das Kommando gibst!« Er mußte sich auf seinen Nebenmann verlassen, denn er selbst konnte Entfernungen nicht einmal auf 100 Meter genau schätzen.

»Mach dich nicht selbst verrückt! Ich vergesse nichts, das weißt du genau.«

Daniels nickte nur. Bei aller Einfachheit hatte Brownie doch bemerkt, daß er nervös wurde. Einfältige Seele, dachte Daniels, dein dickes Fell müßte man haben. Aber Brownie konnte andererseits nicht ermessen, was auf dem Spiel stand. Ein Millionengeschäft! Man mußte es nur richtig anleiern.

Zur Linken tauchten die ersten dichten Buschgruppen des Echo Lake Park auf. Daniels richtete sich im Sitz auf und straffte seine Haltung. Die beiden Kurven, von denen Brownie gesprochen hatte, lagen hinter ihnen. Der Highway verlief jetzt eine gute Meile weit geradeaus, mit deutlichem Gefälle. Das Ende der Geraden bildete eine ziemlich enge Linkskurve mit einem angrenzenden Parkplatz. Dahinter waren die in viel Grün gebetteten Häuser der Ortschaft Mountainside zu sehen.

Die Motorhaube des Plymouth fraß den Fahrbahnbeton in sich hinein. Farrow überholte einen älteren Dodge und schloß bis auf 30 Meter unmittelbar hinter den Jaguar auf. Daniels schaltete die Stromversorgung des Senders ein. Eine dunkelrote Leuchtdiode zeigte die Betriebsbereitschaft an.

Die Jaguar-Limousine schwebte auf Reifen und Federung stetig wie auf einem Luftkissen.

Brownie Farrow kniff die Augen zusammen. Seine Lippen bewegten sich. Er zählte die Begrenzungspfähle ab. Noch 150 Meter bis zur Kurve.

»Fertigmachen!« sagte Brownie.

»Sender ist fertig«, antwortete Daniels.

Sekundenlang waren nur das Motorengeräusch und das Singen der Reifen zu hören.

»Jetzt!« zischte Brownie Farrow.

Der Kippschalter klickte leise, als Daniels ihn herumknipste.

Wie gebannt starrten die beiden Männer nach vorn.

Sekundenbruchteile nach dem Auslösen des Senders knallte es. Nicht übermäßig laut. Ungefähr so, als ob einer in die Hände klatscht, hatte Brownie prophezeit, als er seine Sprengladungen ausgetüftelt hatte. Milton Daniels mußte ihm recht geben. Kein unbeteiligter Autofahrer konnte annehmen, daß es sich um eine Explosion handelte — oder, genauer, um zwei Explosionen zum selben Zeitpunkt.

Daniels und Farrow konnten nicht mehr sehen als eine dünne Rauchfahne, die über dem Dach des Jaguars aufstieg. Bestenfalls hatte sich die Motorhaube ein wenig angehoben. Das Wichtigste mußte unter der Haube geschehen sein, wo Farrow die kleinen Ladungen blitzschnell und unauffällig am Lenkgestänge angebracht hatte.

Die beiden Männer im Plymouth hielten den Atem an.

Einen Moment lang schien es, als würde die schwarze Limousine unbeirrt weiter dahinschweben.

Doch dann stieß Brownie Farrow einen Triumphschrei aus.

Der schwarze Jaguar rollte geradeaus — so, als wäre Wogan am Lenkrad eingeschlafen.

Farrow betätigte ordnungsgemäß den Blinker, um auf den Parkplatz auszuscheren. Bevor die Fahrer hinter ihm spitzkriegten, was sich abspielte, würde schon alles gelaufen sein.

Wogans Wagen rauschte haargenau in die Parkplatzeinfahrt. Er schrammte nur mit der linken Flanke ein wenig an der Buschbegrenzung entlang. Im nächsten Moment war den nachfolgenden Autofahrern schon durch den Plymouth die Sicht versperrt.

Farrow stieg in die Bremse, als der Jaguar gegen die Betonmauer prallte, die den Parkplatz von dem dahinterliegenden Abhang trennte. Das Krachen von Blech auf Beton war lauter als die Explosion vor wenigen Sekunden. Das Hinterteil der Limousine schien sich anzuheben, um dann wieder federnd abzusacken. Karosserieblech faltete sich kreischend zusammen.

Farrow hatte den Plymouth zum Stehen gebracht. Eine einsame Jaguar-Radkappe rollte nach links davon, als die beiden Männer auf den Kofferraum zurannten. Daniels hatte vorsichtshalber einen Seitenschneider mitgebracht.

Aber das Glück war auf ihrer Seite. Durch den Anprall hatte sich die gesamte Karosserie verzogen. Der Kofferraumdeckel schwang fast von allein hoch.

Daniels wuchtete die beiden Pakete heraus und trug sie zusammen mit dem Seitenschneider zum Plymouth, wo er sie in den Bodenraum zwischen den vorderen und hinteren Sitzen versenkte. Brownie lief bereits zur Parkplatzeinfahrt. Er winkte den Fahrern auf dem Highway aufgeregt zu.

Daniels hatte die Türen des Plymouth geschlossen und stelzte scheinbar geschäftig auf den Jaguar zu.

Wogan hing über dem Lenkrad, das Gesicht zur Seite gewandt. Blut sickerte aus seinem Mund. Daniels brauchte nicht zweimal hinzusehen, um festzustellen, daß der Mann tot war.

Er hatte eigentlich nur geplant, daß Wogan bei dem Aufprall das Bewußtsein verlieren würde. Das hätte gereicht. Wenn er aber nicht mehr den Mund aufmachen konnte, hatte das sicherlich auch seine Vorteile.

Daniels und Farrow warteten, bis sich eine Menge Neugierige auf dem Parkplatz drängten. Farrow hatte einen der Fahrer zur nächsten Notrufsäule geschickt, damit er die Polizei verständigte.

Als sich die beiden Männer mit dem Plymouth absetzten, herrschte genügend Durcheinander. Niemand achtete auf sie, und das Sirenengeheul eines Radio Cars der Highway Patrol war erst aus weiter Ferne zu hören.

 

 

2

Die Luft roch nach Brackwasser und Schiffsöl, jener unvergleichlichen Mischung, die die Atmosphäre eines jeden Seehafens prägt. Milo und ich blickten auf den Südzipfel von Manhattan, der irgendwie an ein Fischmaul mit riesigen schwarzen Zahnlücken erinnert — den Fähr-Terminals für Staten Island, Governour’s Island, Liberty Island und Ellis Island.

»Das richtige Wetter für einen Ausflug in die Provinz«, sagte mein Freund und Kollege und reckte die Nase in die laue Brise, die über das glitzernde Wasser der Upper Bay strich.

»Auf Leute wie dich wird der Bürgermeister von Staten Island gern verzichten«, sagte ich.

Unter unseren Schuhsohlen vibrierten die Deckplanken eines jener Fährschiffe, die im Zehn-Minuten-Rhythmus zwischen Manhattan und Staten Island pendeln, dem New Yorker Stadtteil, der so wenig großstädtisch, sondern fast ländlichsittlich wirkt.

Milo wandte sich an der Reling des Mil teldecks zu mir um und lächelte ein väterlich mildes Lächeln, als hätte er es mit einem vorwitzigen Chorknaben und nicht mit einem ausgewachsenen G-man zu tun.

»Keine Sorge, Alter, ich werde Staten Island und seinem Bezirksoberhaupt nicht zur Last fallen. Meinetwegen brauchen sie ihre verstaubten Fassaden nicht blankzupolieren.«

Milo schien seinen größenwahnsinnigen Tag zu haben. Ich schenkte es mir, ihn darauf hinzuweisen, daß wir sowieso nicht an Land gehen würden. Ich warf einen Blick auf meine Armbanduhr. Seit fünf Minuten waren wir mit der Fähre unterwegs. Meinen roten Flitzer hatte ich auf dem Parkplatz beim Battery Park zurückgelassen.

4.59 Uhr. Um Punkt 5 Uhr hatten wir unsere Verabredung auf dem mittleren Achterdeck des Schiffs. Fred Glencullen hatte diesen Treffpunkt ausgewählt, weil er ihn für abhörsicher hielt. Vieles sprach für diese Theorie. Deshalb hatten wir zugestimmt.

Wir marschierten nach achtern. Nur wenige Leute hielten sich im Freien auf. Es war noch nicht die Jahreszeit für Touristen, die von den Fährschiffen aus Manhattans weltberühmte Skyline fotografieren. Die Leute, die tagtäglich von Staten Island nach Manhattan zur Arbeit fahren, haben dafür keinen Blick mehr.

Glencullen stand mutterseelenallein auf der offenen Plattform des Achterdecks.

Ich spähte zur Heckplattform des Oberdecks empor. Keine Menschenseele zu sehen.

Glencullen sah traurig aus mit seinem dichten, herabhängenden Schnauzbart. Vielleicht trugen auch die dunklen Ringe unter seinen Augen zu diesem Eindruck bei. Die fettigen Strähnen seines dunklen Haars waren zu schwer für die Brise, um damit zu spielen. Seine früher einmal stattliche Größe von 1,80 m wirkte jetzt klapprig und zerbrechlich.

Wenn man ihn nicht kannte, konnte man Mitleid mit ihm empfinden. Doch nach meinem Ermessen verdiente er es nicht. Noch vor zehn Jahren hatte der Name Glencullen in den Schlagzeilen der Sportseiten gestanden. Baseball! Fred hatte zu den besten Profis gehört.

Er starrte Milo und mir mißtrauisch entgegen. Dabei zog er an einer Zigarette zwischen tabakbraunen Fingerkuppen.

Durch Scheidung und Suff war er damals abgesackt und in den Fängen der Unterweltsgrößen gelandet. Seitdem schlug er sich als Racketeer schlecht uhd recht durch. Jetzt war er äuf der untersten Stufe gelandet — wenn man es nach den Maßstäben seiner Branche betrachtete.

Er atmete erleichtert auf, als Milo und ich unauffällig unsere Lederetuis mit den FBI-Dienstmarken aufklappten. Gelassen schnippte er den Zigarettenstummel über Bord in die schäumende Hecksee. Scharfäugige Möwen kreisten dort, die Eßbares von Verpackung zu unterscheiden wußten und längst nicht mehr nach einer leeren Hamburger-Pappe hinabstießen.

»Glencullen?« fragte ich der Ordnung halber. »Fred Glencullen?«

Er nickte. Sein Gesicht sah jetzt noch trauriger aus. Möglich, daß es ihn schmerzte, nicht erkannt zu werden. Früher hatteersich verkleiden müssen, wenn er auf der Straße nicht von Autogrammjägern belästigt werden wollte.

Er hatte sich der City Police als V-Mann angeboten. Was bedeutete, daß er in der Unterwelt auf dem absteigenden Ast war. Er brauchte die zusätzliche Einnahmequelle, um überhaupt noch klarzukommen.

»Wieso FBI?« fragte er dumpf.

»Die City Police hat uns um Amtshilfe gebeten«, erwiderte ich. »Wir wollen uns doppelte Arbeit ersparen. Die Kollegen meinen, daß Sie sowieso in unsere Zuständigkeit fallen.«

Glencullens Trauermiene erhellte sich ein wenig. Er begriff. Glücksspiel, Prostitution und ähnliche halbseidene Geschäftsmachereien gehörten im allgemeinen zum Bereich Banden verbrechen. Und dafür ist kraft Gesetz das FBI zuständig.

»Sie sind also interessiert«, folgerte er und steckte sich eine neue Zigarette an.

Wir stellten uns neben ihn an die Heckreling.

»Wenn Sie mit offenen Karten spielen«, sagte Milo. »Sollten Sie versuchen, uns auf den Leim zu führen, würde die Sache für Sie sehr schnell zum Bumerang werden.« Gerade das gibt es häufig genug. Racketeers und Syndikate setzen aus ihren eigenen Reihen falsche Informanten auf uns an, damit sie uns irreführen. Läuft dann ein Großeinsatz wegen eines angeblichen Raubüberfalls mit Geiselnahme, so sind bedeutende Polizeikräfte gebunden, und die Gangster können bei ihrem wirklichen Coup ganz in der Nähe in aller Ruhe absahnen.

Glencullens Kopf ruckte herum. Er starrte Milo an und zog mit einem heftigen Zischlaut an seiner Zigarette. »Zu der Sorte gehöre ich nicht, G-man. Nennen Sie mich einen Spitzel, einen- Verräter oder was Sie wollen! Aber glauben Sie bloß nicht, daß es bei mir krumme Touren gibt!«

Eine seltsame Art von Ehre, die er sich da zusammenbastelte.

»Ich habe Ihnen nichts persönlich vorgeworfen«, entgegnete Milo kühl. »Wir haben nur unsere Erfahrungen. Die lassen sich nicht einfach vom Tisch fegen.«

»Hab’ ich ja auch nicht verlangt«, maulte Glencullen. »Aber Sie brauchen mich doch nicht von vornherein einen krummen Hund zu nennen.«

»Glencullen«, sagte ich, »Sie sind überempfindlich. So kommen wir nicht weiter. Allright, wir nehmen zur Kenntnis, daß Sie uns Informationen liefern wollen. Nichts dagegen einzuwenden. Wir brauchen nur noch festzulegen, wo, wann und wie Sie sich mit uns in Verbindung setzen wollen. Die meisten unserer V-Leute erledigen das telefonisch mit einem Codewort oder einem Codenamen. Sie können sich das aussuchen, was in Ihrem Fall am ungefährlichsten ist.«

Er grinste auf einmal und nahm die Zigarette aus dem Mund. Den Filter hatte er mit den Zähnen plattgedrückt. »Ich möchte mich Fred Astaire nennen«, erklärte er rundheraus. »Das hab’ ich mir schon überlegt.«

Milo und ich wechselten einen Blick. Doch wir verzichteten auf einen Kommentar. Glencullens Seelenleben mußte schon ziemlich durcheinandergeraten sein. Früher war er selber berühmt gewesen, und jetzt wollte er den Namen eines berühmten Showstars als Codebezeichnung. Es mußte da Zusammenhänge geben, die ein Psychoanalytiker bestimmt im Handumdrehen aufgedeckt hätte.

»Okay«, sagte ich ruhig. »Können Sie uns schon einen Hinweis geben, in welche Richtung Ihre Informationen gehen werden? Glücksspiel? Prostitution? Oder sogar Drogenhandel?«

Er grinste breiter. »Auch das. Von jedem ein bißchen. Aber erst später. Vorher habe ich ein Ding auf Lager, das ist so heiß, daß Sie sich noch mit Handschuhen die Finger dran verbrennen.«

»Jeder preist seine Ware an«, entgegnete ich lächelnd. »Aber nun bleiben Sie mal auf dem Teppich, Glencullen! Auf Preistreiberei lassen wir uns nicht…« Mir blieben die Worte im Hals stecken. Glencullen hatte den Mund aufgesperrt. Er bewegte die Lippen ruckartig, als wollte er sprechen oder auch nur Luft holen. Doch keins von beidem gelang ihm. Seine Augen drohten aus den Höhlen zu quellen. Die großporige Gesichtshaut wurde auf einmal fahlgrau. Seine Hände zuckten hoch und preßten sich in der Herzgegend auf die Brust. Die Zigarettenglut sengte seine Jacke an.

Ein Röcheln drang aus seiner Kehle, als ich ihn festhielt, bevor er auf die Planken kippen konnte.

Milo rannte im selben Moment los. Die einzige Möglichkeit, rasche Hilfe zu bekommen, war es, einen Notarzt nach St. Georg zu bestellen, dem Fährhafen von Staten Island. Dort mußten wir in zwei oder drei Minuten eintreffen. Die Funkeinrichtung an Bord war vermutlich auf der Kommandobrücke.

Als ich Glencullen zu einer Sitzbank trug, spürte ich, wie sich seine Muskeln verkrampften. Vorsichtig ließ ich ihn auf die Bank sinken. Ich schlug seine Jacke hoch und legte sie ihm unter den Hinterkopf. Seine Augen wurden starr. Ein glasiger Schleier legte sich darüber.

Ich machte mir Vorwürfe. Das Gespräch mit uns mußte ihn so sehr aufgeregt haben, daß sein Herz nicht mehr mitspielte. Doch den Kollaps hatten wir nicht vorhersehen können. Okay, wir wußten, daß Glencullen gewissermaßen ein Wrack seiner selbst war. Aber wenn es um seine körperliche Verfassung so schlecht bestellt war, dann hatten die Kollegen von der City Police die verdammte Pflicht und Schuldigkeit, uns darüber aufzuklären.

Milo ließ auf sich warten. Glencullens Röcheln wurde stärker. Ich tat, was ich tun konnte, und begann mit der Mundzu-Mund-Beatmung.

Als das Fährschiff zwei Minuten später in den Terminal von St. George einlief, stand der Ambulanzwagen schon bereit.

Zwei Sanitätshelfer und der Notarzt stürmten mit einer Trage an Bord, bevor auch nur ein Passagier seinen Fuß an Land setzen durfte.

Fred Glencullen lebte noch, als er abtransportiert wurde.

Der Kapitän der Fähre war ein umsichtiger Mann. Er hatte gehört, daß wir vom FBI waren, und sofort geschaltet. Streifenwagen der City Police rollten Vom nächstgelegenen Revier auf Staten Island an und riegelten den Terminal ab. Niemand durfte das Schiff verlassen, bevör eindeutig feststand, daß Glencullens Zusammenbruch nicht durch Fremdverschulden entstanden war — wie es im amtlichen Sprachgebrauch trocken heißt.

Die eindeutige Nachricht kam keine zehn Minuten später über Funk aus dem Hospital.

Fred Glencullen war noch im Ambulanzwagen gestorben. Eine erste Untersuchung hatte ergeben, daß an der Leiche keine äußerlichen Wunden Zu erkennen waren. Mit dem üblichen Vorbehalt wurde Herzversagen als Todesursache angegeben. Die vom Attorney anzuordnende Obduktion und das pathologische Gutachten würden genauere Rückschlüsse erbringen.

Mit der Fähre fuhren wir zurück nach Manhattan. Besondere Eile war nicht geboten. Dabei konnten wir nicht ahnen, daß uns die Zeit schon wenig später höllisch unter den Nägeln brennen würde.

 

 

3

Brownie Farrow spielte mit dem Regler über dem Steuerruder des Kajütboots. Jedesmal, wenn er die Drehzahl nur ein bißchen erhöhte, gab der Innenborder ein dumpfes Blubbern von sich. Das Boot lag vor Treibanker und dümpelte im sanften Wellengang der Upper Bay.

»Laß den Quatsch!« fauchte Daniels, ohne sich umzudrehen. Er zog die Waffe mit dem stummelartigen Rohr aus dem offenen Bullauge zurück. Das Ding hatte etwa die Größe eines schweren Maschinengewehrs. Es bestand in der Hauptsache aus einem länglichen Metallkasten und war mit einer elektronischen Auslösevorrichtung versehen, die die Konstrukteure als Abzug gestaltet hatten — wie bei einer Schußwaffe. Der Bediener sollte das Gefühl haben, einen Schuß abzufeuern. Das war wichtig für das sorgfältige Anvisieren.

»Ich denke, der Fall ist erledigt«, knurrte Farrow. »Wenn wir noch lange hier rumschippern, kriegen die Bullen was mit!«

Daniels ließ die Waffe auf den Bodenteppich sinken und griff nach dem Fernglas, ohne Farrow zu beachten.

Die Entfernung zum Achterdeck der Fähre vergrößerte sich rasch, da das Schiff seinen Kurs auf St. George beibehielt. Doch das Bild, das das Glas lieferte, war immer noch deutlich genug.

Glencullen war zusammengesunken wie ein nasser Sack. Einer der beiden G-men war verschwunden, vermutlich, um Hilfe zu holen. Der andere kümmerte sich um den Sterbenden.

Zweifel befielen Daniels. Er ließ das Fernglas sinken und starrte auf die Wasserfläche. Was, wenn Glencullen am Leben blieb? Wenn die Wirkung der Wunderwaffe nicht ausreichend gewesen war?

Nein, es mußte einfach klappen.

Daniels schob seine Bedenken beiseite. Glencullen war ein glücklicher Zufall gewesen. Der Mann mußte so oder so beseitigt werden, da er im Begriff war, sich bei den Bullen anzubiedern. Im Whiskyrausch hatte er in den Armen einer Prostituierten davon gefaselt. Das Girl war glücklicherweise so vernünftig gewesen, ihn, Daniels, darüber zu informieren. Sfeit jenem Zeitpunkt vor einer knappen Woche ließ er Glencullen beschatten.

Daß der Mistkerl sich nun tatsächlich mit zwei Bullen traf, kam wie bestellt. Ein gefundenes Fressen! Vor ihren Augen klappte er zusammen, und es sah so aus, als ob seine Pumpe plötzlich versagte.

Eine bessere Werbung konnte sich Daniels für den Einstieg in das Geschäft mit der Wunderwaffe nicht vorstellen.

Die Revolverblätter würden durch anonyme Anrufe informiert werden, wenn alles klappte. Denn natürlich würden die Polizeipressestellen einen ungeklärten Todesfall so lange wie möglich geheimzuhalten versuchen. Wenn sich aber die Reporter in den Fall verbissen, gab es nichts mehr geheimzuhalten.

Der Nervenkitzel begann, als vor dem Fährterminal von St. George der Ambulanzwagen auftauchte und Glencullen in Windeseile abtransportiert wurde.

»Mist«, knurrte Daniels. »Geh auf Kurs Hudson River, Brownie!«

»Das hat gar nichts zu bedeuten«, entgegnete Farrow. »Den Ambulanzwagen haben sie doch bestimmt nur für alle Fälle bestellt. Wahrscheinlich ist der Hundesohn schon im Jenseits.« Er lichtete den Anker, ließ das Steuerruder kreisen und schob den Regler nach vorn. Der Bug des Boots hob sich unter der Schubkraft der Schraube.

Auf der Upper Bay waren ständig Sportboote, Frachtkähne, Fährschiffe und nicht zuletzt Überseeschiffe unterwegs. Eine einzelne Nußschale, noch dazu 300 Meter von Glencullens Heckplattform entfernt, fiel daher überhaupt nicht auf.

Daniels spähte noch einmal durch das Glas und ließ es dann neben sich auf die Sitzbank sinken. Mit fahrigen Handbewegungen begann er, die klobig geformte Waffe in ihr Segeltuchfutteral zu verpacken.

»Kein Toter wird mit einem Ambulanzwagen abtransportiert«, sagte er nuschelnd. »Da gibt es ganz genaue Vorschriften.«

»Na und?« Farrow zog die Schultern hoch. »Spätestens in einer halben Stunde wissen wir Bescheid. Ich weiß nicht, weshalb du dich aufregst.«

Milton Daniels nickte nur. Vielleicht hatte Brownie recht. Wenn es mit Glencullen wider Erwarten doch nicht geklappt hatte, mußte man ihn eben auf herkömmliche Weise beseitigen. Die Wunderwaffe funktionierte jedenfalls. Man mußte wahrscheinlich nur lernen, richtig damit umzugehen, damit sie auf der Stelle tödlich wirkte.

Was mit Glencullen war, würde man über bestimmte Zeitungsreporter erfahren, die ihr Informationshonorar nicht ausschließlich von den Verlagen bezogen.

Daniels öffnete das Barfach neben dem eingebauten Kühlschrank, ließ Eiswürfel in ein Glas klimpern und lauschte dem Knistern, als er einen doppelstöckigen Old Grand Dad darübergoß. Dann lehnte er sich zurück und ließ den Bourbon durch seine Kehle brennen. Er entspannte sich. Brownie hatte recht. Es gab keinen Grund zur Aufregung, »Du hast es erfaßt«, brummte er. »Warten wir erst mal in aller Ruhe ab.«

»Sag’ ich doch!« Farrow grinste, ohne den Blick von der Flußmitte zu wenden. Zur Rechten schoben sich die Piers und die Wolkenkratzer von Manhattan Downtown vorbei. »Dieser Wogan würde bestimmt den Mund nicht mehr zukriegen, wenn er wüßte, was wir mit seinem Supergerät angestellt haben.«

Daniels kippte den Rest des eisgekühlten Bourbon in sich hinein. Er schüttelte den Kopf. »Glaube ich nicht. Wogan wußte genau, was er eingekauft hat.«

»Woher stammt das Ding eigentlich?«

»Das Herstellerland ist Österreich. Lieferant ist ein Exporteur in Sudfrankreich. Die Jungs in Europa verstehen sich auf solche Geschäfte.«

»Hm. Und diese Superkanone funktioniert mit Laserstrahlen, oder wie?«

»Unsinn. Mit Infraschall, also mit Schallwellen unterhalb der Hörbarkeit. Die töten unsichtbar und schweigend. Und lassen das Ganze dann auch noch nach einem natürlichen Tod aussehen.«

»Haben wir ja miterlebt«, sagte Farrow und nickte, als hätte er alles verstanden.

 

 

4

Mit einem langen Abend hatten wir von vornherein gerechnet.

Manhattans Lichterglanz funkelte bereits unter samtschwarzem Himmel, als bei uns im Büro noch immer kein Ende abzusehen war. Milo schob sich mit zwei dampfenden Kaffeebechern herein und stieß die Tür mit dem Absatz ins Schloß. Unter den linken Arm hatte er zusammengerollte Zeitungen geklemmt. Neben mir hob er den Arm wie ein hektischer Hahn den Flügel, und die Zeitungen klatschten auf meine Schreibtischplatte.

Zwei Abendausgaben, druckfrisch. Der Mirror und der Express. Beides nicht gerade Blätter, die wir wegen ihrer Wahrheitsliebe schätzten.

Milo schob mir einen der Kaffeebecher zu, verbrannte sich an seinem prompt die Lippen und wartete auf meine Reaktion.

Die erste Schlagzeile sprang mich handtellergroß an.

TOD IN DEN ARMEN EINES FBI-BEAMTEN!

Ich faltete die Titelseite des anderen Blattes auseinander, und meine Laune sank endgültig auf den Tiefpunkt.

TREFFEN MIT G-MEN FÜHRTE IN DEN TOD!

Die Zeitungsleute hatten schnelle Arbeit geleistet, das mußte man ihnen lassen. In beiden Fällen brachten sie Archivfotos aus Glencullens Glanzzeit als Baseballprofi. Dazu Aufnahmen von dem Fährschiff, vom Kapitän und vom Hospital auf Staten Island. Die Texte waren mit Spekulationen und Halbwahrheiten gespickt. Unter dem Strich wurde uns vorgeworfen, daß wir den Tod Glencullens verheimlicht hätten, um möglicherweise einen Fehler zu vertuschen. Worin unser Fehler bestanden haben sollte, wurde nicht näher erläutert, aber es stand zwischen den Zeilen.

Wir, die erbarmungslosen FBI-Agenten, hatten den kreislaufschwachen Glencullen so sehr in Panik gebracht, daß er uns unter den Händen weggestorben war. Der Beweis für diesen Vorwurf sei eben, daß wir nicht sofort eine Presseverlautbarung herausgegeben hätten.

»Und?« knurrte Milo, nachdem es ihm gelungen war, den ersten Schluck von dem brühheißen Lebenswecker zu nehmen.

Ich wischte die Geiferblätter in den Papierkorb. »An ihrem Schlagzeilengeschrei werden sie nicht viel Freude haben«, sagte ich. »In diesem Fall waren wir nicht verpflichtet, eine Verlautbarung herauszugeben, bevor das amtliche Obduktionsergebnis vorliegt.«

»Und was nützt uns das? So, wie es aussieht, ist Glencullen tatsächlich an Herzversagen gestorben. Und damit bleibt der Schwarze Peter bei uns. Dafür, daß wir Glencullen nicht aufgeregt haben, gibt es schließlich keinen Zeugen, oder?«

»Natürlich nicht«, entgegnete ich. »Aber mich würde viel mehr interessieren, woher die Zeitungsleute ihren Tip bekommen haben.«

Milo winkte ab. »Jeder, der als Passagier auf der Fähre war, hat etwas mitgekriegt. Und jeder kann deshalb die Redaktionen angerufen haben. Nein, Alter, auf dem Weg landen wir nur in einer Sackgasse.«

Auf den ersten Blick betrachtet, hatte Milo sicherlich recht. Aber mein Gefühl sagte mir etwas anderes. Was es war, konnte ich noch nicht in Worten ausdrücken. Ich ahnte nicht, daß der Fall noch an diesem Abend wesentlich klarer — und zugleich noch rätselhafter werden sollte.

Schweigend tranken wir unseren Kaffee und rauchten eine Zigarette dazu. Mußten wir nicht ehrlich sein und wenigstens vor uns selbst zugeben, daß wir Glencullen nur für einen kleinen Fisch gehalten hatten? Waren wir nicht vielleicht hauptsächlich auf seinen Namen angesprungen, weil er uns noch aus seinen Sportlerzeiten ein Begriff war? Hätten wir die Kollegen von der City Police in einem anderen Fall nicht gebeten, ihren Kram allein zu machen?

Nein.

Hinterher kann man sich selbst alles mögliche andichten. Der Karren steckte im Dreck. Okay. Aber wir kriegten ihn nicht wieder flott, wenn wir uns von Sensationsschlagzeilen und Selbstvorwürfen beeindrucken ließen. Wir mußten die Dinge so nüchtern und sachlich sehen wie in dem Moment, in dem wir die Achterdeckplattform betreten hatten und auf Fred Glencullen zugegangen waren.

Es gibt böse Zufälle im Leben, gewiß. Dieser hier war teuflisch: Ein in allen Polizeiarchiven bekannter Gangster stirbt ausgerechnet in dem Moment an Herzversagen, in dem er sich mit zwei FBI-Agenten unterhalten will!

Ich hatte bereits mit den Kollegen im Hauptquartier der City Police telefoniert. Sie hatten gründliche Erkundigungen eingeholt. Aber es ließ sich nicht daran rütteln, daß über eine Herz- oder Kreislaufschwäche Glencullens nichts bekannt war. Und normalerweise kennen die Reviercops sogar die Schuhgröße ihrer besonderen Freunde.

Mein Telefon meldete sich mit dem Summton für Hausrufe. Ich nahm den Hörer ab. John D. McKee.

»Besprechung beim Chef«, sagte ich, sprang auf und drückte meine Zigarette aus.

Milo fragte nicht erst. Das, worauf wir alle warteten, war das Obduktionsergebnis. Die Pathologen im Leichenschauhaus hatten uns Hoffnung gemacht, daß wir es noch an diesem Abend erhalten würden. Sie mußten zügige Arbeit geleistet haben.

John D. McKee sah uns mit einer Miene an, die wir an ihm nur zu gut kannten. Ernst und Nachdenklichkeit kerbten ein paar zusätzliche harte Linien in sein schmales Gesicht. Er hatte nur die kleine Schreibtischlampe eingeschaltet, und sein graues Haar schimmerte silbern im mattgelben Lichtkreis.

Wir setzten uns. Der Chef riß ein Blatt von einem Block für Gesprächsnotizen Und hielt es unter die Lampe.

»Dr. Selmer ist der Chefpathologe«, sagte er, und es schien, als hätte er vergeblich nach einer passenden Einleitung gesucht. Denn natürlich kannten wir Dr. Selmer. »Er hat mich vor drei Minuten angerufen.«

»Ein vorläufiges Ergebnis?« entgegnete ich.

»Richtig. Das Gutachten wird gerade geschrieben. Vielleicht wird es weitere Gutachten geben. Das hängt von der Entwicklung der Dinge fest. Aber eins steht für Dr. Selmer und seine Kollegen unumwunden fest: Fred Glencullen ist keines natürlichen Todes gestorben.«

Es war wie der Einschlag einer Bombe. Milo und ich sahen den Chef entgeistert an.

»Der Notarzt hatte Herzversagen festgestellt«, murmelte Milo mit gefurchter Stirn.

»Was auch nicht angezweifelt wird«, sagte John D. McKee. »Nur glauben die Gutachter nicht daran, daß ein Infarkt die Ursache war. Glencullens Kreislauf soll stabil gewesen sein. Er litt auch an keinerlei Gefäßverengungen.«

»Dann hat sich sein Lebenswandel nicht sonderlich ausgewirkt«, folgerte ich.

Der Chef sah mich an. »Vergessen Sie nicht, daß er aktiver Sportler ist! Vielleicht hatte er einen gewissen Vorschuß. Aber wie dem auch sei — es gibt einige Tatsachen, die den Pathologen unerklärlich sind.«

»Zum Beispiel?« sagte ich atemlos. »Rätselhafte Hirnschäden«, antwortete Mr. McKee. »Auch an den übrigen weichen Organen konnten ähnliche Schäden festgestellt werden, wenn auch in unterschiedlichem Ausmaß. Dr. Selmer und seine Kollegen sind der Meinung, daß solche Schäden oder Funktionsstörungen beispielsweise durch extrem starke Schallwellen ausgelöst werden können.« Milo stieß einen ungläubigen Zischlaut aus. »Aber weshalb sind Jesse und ich dann noch am Leben? Wir standen direkt neben Glencullen.«

Der Chef nickte mit ernster Miene. »Und Ihnen ist auch keine unerträgliche Geräuschentwicklung aufgefallen.«

»Nein«, antwortete Milo erstaunt. »Sehen Sie, das sind Punkte, die den Pathologen vorerst genauso rätselhaft sind wie uns.«

»Es gibt Schallwellen, die man nicht hören kann«, sagte ich nachdenklich.

»Infraschall«, bestätigte der Chef. »Schallwellen unterhalb der Hörbarkeitsgrenze.«

»Unmöglich«, sagte Milo überzeugt. »Kann man so etwas bündeln und damit einen bestimmten Punkt treffen — wie mit einem Laserstrahl zum Beispiel?«

»Wir werden es herausfinden«, entgegnete John D. McKee. »Ich nehme an, daß bestenfalls das Verteidigungsministerium in Washington Fachleute für eine solche Frage hat.«

 

 

5

In der weiß gefliesten Küche lag der Geruch von Oregano wie ein fest eingebauter Duftmantel. Die beiden Pizzaöfen strömten stickige Hitze aus und überforderten die Ventilationsluke unter der Decke des fensterlosen Raums hoffnungslos.

Geoff Perkins arbeitete mit schwungvollen Handbewegungen. Wegen der Hitze trug er nur dünne Jeans und ein ärmelloses weißes Trikothemd. Jeder Handgriff saß und war tausendfach geübt. Die fertigen Pizzas schob er wie am Fließband in die Durchreiche. Es machte ihm Spaß, das Mienenspiel der Serviergirls zu beobachten.

An ihren Augen konnte er ablesen, ob sie gute Trinkgelder gekriegt hatten, ob sie ihr Freund gut oder schlecht behandelt hatte, ob sie auf ein neues Kleidungsstück stolz waren oder ob sie den Job in der kleinen Pizzeria an der Ninth Avenue in Manhattan ganz einfach satt hatten.

Trotz pausenlosem Hantieren mit Hefeteig und Zutaten hatte Geoff Perkins Zeit, seine privaten Studien zu betreiben. Die Durchreiche und das zusätzliche rechteckige Guckloch ermöglichten es ihm, die Gäste an den Tischen unter der südländischen Dekoration zu beobachten. Es mußte an den Nischen liegen, daß sich nach und nach ein besonderer Publikumskreis herausgebildet hatte. Giovanni, der Inhaber, hatte eine glückliche Hand bewiesen, als er den Leuten in den Ecken und Winkeln des Ladens das Gefühl völliger Ungestörtheit vermittelte.

Geoff Perkins, den seine Eltern, italienische Einwanderer, noch auf den Namen Gofredo Perugi getauft hatten, wartete den Einbruch der Dunkelheit ab, wie an jedem Abend. Dann änderte sich das Bild vorn im Laden langsam. Die Pizzabesteilungen wurden weniger. Dafür kriegten Giovanni und das Thekenpersonal mehr zu tun. Chianti und andere Weine aus Italien wurden ausgeschenkt, und manch einer versuchte mit einem Espresso, seine Kraftreserven für den weiteren Abend zu festigen.

Geoff stülpte seine Kopfhörer Über und schaltete den Kasten ein, der wie eine kompakte Stereoanlage aussah. Wer nicht wußte, wie das Ding funktionierte, konnte damit auch nicht umgehen. Geof fs Kollegen hatten oft geflucht, weil sie dem Kasten keinen einzigen Ton Musik entlocken konnten. Er hatte dann nur mitleidig gegrinst. Mittlerweile rührten sie die Anlage nicht mehr an. Keiner von ihnen ahnte, daß es die Grundlage für einen ansehnlichen Nebenverdienst Geoffs war.

Er tastete die Codeziffer ein, die die Stromversorgung des Geräts erst ermöglichte. Nur ein Rauschen drang zunächst aus den Kopfhörern. Dann tippte Geoff auf die Empfangstaste und ließ den ersten von insgesamt sechs Minisendern kommen. Zwei Frauenstimmen stachen ihm in den Gehörgang.

»… warte ich jetzt nur noch darauf, daß er mich nach Florida in Urlaub schickt. Damit er in unserer ehelichen Wohnung ungestört mit seinem Häschen ins Bett hupfen kann!«

»Und was tust du? Fährst du wirklich nach Florida, oder kommst du vorzeitig zurück und erschießt das Häschen im Ehebett?«

»Wenn, dann beide. Ich kriege doch mildernde Umstände. Vielleicht sogar Unzurechnungsfähigkeit wegen… wegen…«

Geoff wartete nicht ab, bis den beiden Ladys das Wort Affekthandlung einfiel. Er schaltete auf Sender Nr. 2 um.

Fernes Gemurmel und Verkehrsrauschen waren zu hören. Ein Blick durch das Guckloch zeigte, daß der betreffende Nischentisch noch frei war. Geoff berührte die dritte Sensortaste.

»… sage ich dir, das kann das Geschäft des Jahrhunderts werden.« Eine gedämpfte, vorsichtige Männerstimme.

»Für dich vielleicht«, entgegnete ein anderer, ebenfalls leise. »Du kriegst deinen Prozentanteil. Aber ich muß mich garantiert mit ’ner kleinen Pauschale abfinden. Auf der Verkaufsseite bist du immer besser dran, Hank, das weißt du genau.«

Der andere lachte knarrend. »Du brauchst nicht jetzt schon anzufangen, den Preis zu drücken. Ich habe noch nicht mal einen Preis. Vorerst geht’s nur darum, ob Interesse besteht.«

Es gab eine kurze Pause. Der hochempfindliche Minisender Ubertrug das Klicken eines Feuerzeugs und das Rauschen von ausgeblasenem Zigarettenrauch. Geoff Perkins war hellwach geworden. Doch er arbeitete mit gelangweilter Miene weiter und tat, als pfiffe er den Song mit, der ihm in die Ohren tönte.

Doch die beiden Männerstimmen waren weitaus bessere Musik für seine Ohren. Den einen, der Hank genannt wurde, kannte er. Er brauchte nicht einmal hinzusehen. Die Stimme ließ sich mühelos identifizieren. Hank gehörte zu den Stammkunden der Pizzeria. Einer, der Geschäfte anleierte oder ganz einfach Nachrichten in die richtigen Kanäle leitete. Die Nischen bei Giovanni waren dafür bestens geeignet.

»Wir müssen das natürlich nachprüfen«, antwortete der andere Mann. »Wie soll mein Boß wissen, daß dieser Apparat tatsächlich zuverlässig funktioniert? Das mit Glencullen kann ein Zufall gewesen sein.«

»Blödsinn! Was glaubst du, weshalb die Zeitungen drüber berichten? Das wurde alles in die Wege geleitet. Kostenlose Werbung, kapiert?«

Wieder war dieses gedämpfte, knarrende Lachen zu hören.

»Mann, Hank, machen wir uns doch nichts vor! So, wie du dir die Sache denkst, läuft sie einfach nicht. Nimm mal ein Gegenbeispiel! Auf Kennedy Airport knallt eine Boeing auf die Betonpiste. Ich lese in der Zeitung, daß das Höhenruder nicht funktioniert hat. Hinterher komme ich zu dir und sage, ich habe einen superschlauen kleinen Blechkasten zu verkaufen, der das Höhenruder von Flugzeugen lahmlegt Was wurdest du dann sagen, he?«

Der dumpfe Laut eines abgesetzten Glases war aus dem Kopfhörer zu vernehmen. »Okay, okay, mein Boß hat natürlich damit gerechnet, so was zu hören. Deshalb habe ich Vollmacht, die Katze aus dem Sack zu lassen.«

»Da bin ich mal gespannt.«

»Dann paß gut auf, Les!« Hank senkte seine Stimme zum verschwörerischen Flüsterton, und Geoff drehte den Verstärker mit einer beiläufigen Handbewegung weiter auf. »In den nächsten Tagen liefern wir euch ein Beispiel. Sag deinen Leuten, daß sie gut aufpassen sollen, was auf der United Nations Plaza passiert! Ein hohes Tier aus dem Ausland wird umkippen und seinen letzten Seufzer tun.«

»Welches hohe Tier?«

»Karin ich noch nicht sagen. Jedenfalls kein Mitglied der UNO, sondern ein Besucher aus dem Ausland. Staatsbesuch, wie das so heißt.«

»Also gut. Ich gebe es weiter. Richte deinem Boß aus, daß wir auf die Vorführung mächtig gespannt sind! Wenn es als Beweis ausreicht, lassen wir wieder von uns hören.«

Schluckgeräusche waren zu hören. Dann wieder ein Glas, das auf die Tischplatte gestellt wurde. Münzen klimperten, gefolgt von einem gemurmelten »So long«.

Geoff Perkins schaltete den Verstärker aus, behielt aber den Kopfhörer auf den Ohren. Ungläubig starrte er durch das Guckloch und sah nur noch den Rücken eines Mannes, der die Pizzeria verließ. Was er belauscht hatte, wollte verdaut werden. Da redeten zwei Burschen über eine seltsame Todesart, die man verkaufen konnte, als verhandelten sie übereine Lieferung Parmesankäse!

Abermals blickte Geoff durch das Guckloch. Hank Mercer, der Mann mit dem sensationellen Verkaufsangebot, verließ nach einem Moment ebenfalls das Lokal. Keine Frage, mit dem anderen zusammen wollte er nicht gesehen werden.

Geof fs Gedanken Uberschlugen sich. Er mußte sich höllisch zusammenreißen, um sich überhaupt noch auf das Pizzabacken zu konzentrieren. Was er da eben belauscht hatte, war heiß, superheiß. Garantiert war es die größte Sache, in die er jemals unbemerkt seine Nase gesteckt hatte. Im Vorbeigehen fischte er die Kassette aus dem automatisch mitlaufenden Recorder und ließ sie in die Gesäßtasche seiner Jeans verschwinden.

Über die Sache mit Glencullen hatte er gelesen. Und jetzt sollte ein hohes Tier auf ähnliche Weise umgelegt werden!

Wer immer Hank Mercer beauftragt hatte, er besaß eine Waffe, die schweigend tötete. Daran gab es, verdammt noch mal, nichts zu rütteln.

Eine Sekunde lang spielte Geoff Perkins mit der Idee, sein Wissen meistbietend zu verkaufen. Aber er kehrte rasch wieder auf den Teppich zurück. Er wollte nicht sterben wie Fred Glencullen, der arme Hund.

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941692
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904913
Schlagworte
trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und der schweigende Tod