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Trevellian gegen den programmierten Tod

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian gegen den programmierten Tod

Copyright

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Trevellian gegen den programmierten Tod

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Das Lichtbündel der Scheinwerfer schwenkte vom Highway weg. Sergeant Delbert Murray reckte sich auf dem Beifahrersitz des Streifenwagens und unterdrückte ein Gähnen. »Nichts los«, knurrte er. »Einfach nichts los heute nacht.«

Auch der Parkplatz schien leer zu sein. Kein Daddy-Typ, der in seinem Wagen eine Anhalterin vergewaltigte. Kein Dealer, der seinen Stoff im fliegenden Fahrzeugwechsel an den Mann brachte.

Patrolman Geoff Burke beugte sich über das Lenkrad, spähte ins Licht und tupfte auf die Bremse. »He, was ist das?«

»Wo?« Der Sergeant rieb sich die Augen. Er blinzelte.

»Da hinten, vor dem Gebüsch.«

»Sehe nichts.«

»Ist ja auch getarnt. Irgend so eine Armykiste.« Burke ließ den Streifenwagen im Schrittempo weiterrollen.

Das Licht erfaßte Panzerketten, olivgrün geschecktes Stahlblech und einen Turm mit Zwillings-MG. Der Turm drehte sich plötzlich, und die beiden Mündungen glotzten die Polizeibeamten an.

Murray und Burke blinzelten verblüfft. Das Ding sah aus wie ein Panzer, war aber viel zu klein, kleiner als der Streifenwagen.

Der Turm mit den beiden ummantelten MG-Läufen und den trichterförmigen Mündungsbremsen schwenkte noch ein Stück nach rechts, ruckte dann wieder nach links und stoppte.

Bläulich-weiße Blitze zuckten aus dem rechten Lauf. Die Geschoßgarbe hämmerte kurz. Fünf oder sechs Kugeln. Schmetternd pflügten sie den rechten Kotflügel des Streifenwagens auf.

»Der schießt auf uns!« brüllte Murray und ließ sich vor den Sitz fallen. »O verdammt, ist der denn verrückt! Gas, Geoff! Gas, verdammt noch mal!«

Der Patrolman war vor Entsetzen sekundenlang starr. Mit geweiteten Augen sah er, wie der MG-Turm erneut diese ruckenden Bewegungen vollführte und dann stehenblieb.

Burke trat das Gaspedal durch. Er rammte es auf das Bodenblech, als könnte er durch die Ki’aft seiner Beinmuskeln auch den Achtzylinder zur Höchstleistung erwecken.

Kreischend drehten die Hinterreifen durch.

Mündungsblitze zuckten jetzt aus beiden Läufen.

Die Projektile rasten quer durch die Motorhaube und stanzten ihr Parallelmuster in das Blech, unter dem der Achtzylinder röhrte. Es krachte in rasender Folge, begleitet von einem Scheppern und Bersten, das den Beamten durch und durch ging. Es war, als bräche der Motorblock in tausend Teile.

»Explosivgeschosse!« schrie Murray. »Dieser Idiot schießt mit Explosivgeschossen!«

Burke kam zu keiner Antwort mehr. Die Maschinengewehre verstummten. Der Streifenwagen tauchte nach vorn, und die Federung ächzte wie bei einer Vollbremsung. Aus. Stille.

Murray und Burke warfen sich nach rechts und links aus dem Wagen und zogen im Abrollen ihre Dienstrevolver.

Der MG-Turm setzte sich in Bewegung, als die Beamten der State Police hochfederten. Die Zwillingsläufe schwenkten in einem Winkel von 90 Grad hin und her und fächerten ihre Geschosse in anhaltenden Garben.

Sergeant Delbert Murray und Patrolman Geoff Burke schafften es nicht mehr, ihre Revolver in Anschlag zu bringen. Der Geschoßhagel schleuderte sie auf die Betonpiste des Parkplatzes.

Die Maschinengewehre stellten ihr Feuer ein. Aus dem Heckbereich des kleinen Panzerfahrzeugs ertönte ein dumpfes Abschußgeräusch.

Sekundenbruchteile danach schlug die Granate durch das Dach des Streifenwagens und riß ihn mit brüllender Detonation auseinander.

Die beiden toten Beamten wurden unter den Trümmern begraben.

 

 

2

Der vordere Teil des Möbelwagens war als Kommandostand eingerichtet.

Ein Stromaggregat summte im Verborgenen, und die Schwingfeuerheizung verbreitete wohlige Wärme. Zigarettenrauch stieg in gekräuselten Schwaden empor und wurde von einem Luftumwälzer in die kühle Nacht geblasen.

Die beiden Männer saßen vor einem Schaltpult, das mit verschiedenen Keyboards, Sensortasten und Monitorbildschirmen ausgestattet war.

»Allright, das wär’s«, sagte Byron White und ließ die Videokassette zurückspulen. Er lehnte sich auf dem Drehstuhl zurück und zündete sich eine neue Zigarette mit der Restglut der vorherigen an. »Jetzt sehen wir uns den ganzen Kram noch mal von vorn an. Im Zusammenhang wirkt das erst richtig.«

Joe Palmer nickte zustimmend. Er zog seinen gefüllten Kaffeebecher unter dem Automaten hervor, der an der Seitenwand der Kabine hing. Vier Stunden hatte er mit dem Kettenraucher White in der fahrbaren Einsatzleitstelle zugebracht. Genau siebenmal hatte sich die automatische Videokamera eingeschaltet und beeindruckende Bilder von dem Geschehen auf dem Highway-Parkplatz geliefert.

Palmer beobachtete den anderen, wie er mit den Tasten der Videoanlage herumfingerte und immer wieder an dem Glimmstengel zwischen nikotingefärbten Fingern nuckelte. Palmer, selbst topfit — breitschultrig, athletisch gebaut und durchtrainiert —, hatte für genußsüchtige Menschen wie White nur Verachtung übrig. Der Syndikatsboß war 48, also 15 Jahre älter als er, trug einen unglaublich breiten und massigen Oberkörper auf kurzen Stummelbeinen und keuchte ständig, als würde er jeden Moment seinen letzten Schnaufer tun. Whites kleine Augen ruhten hinter Fettpolstern, und der schwarze Vollbart verbarg das Doppelkinn nur unzureichend.

Die Videomaschine stoppte. White beugte sich vor. Der Drehstuhl knarrte bedrohlich.

»Okay, paß gut auf jetzt, Joe! Du siehst, wie zuverlässig die Elektronik arbeitet.« White tippte auf die Starttaste. Das Monitorbild begann zu flimmern.

»Du brauchst mich nicht mehr zu überzeugen«, entgegnete Palmer. »Am liebsten würde ich das Monstrum gleich mitnehmen.«

Byron White lächelte geschmeichelt, als wäre er für eine selbsterbrachte Leistung gelobt worden. Mit einer andächtigen Kopfbewegung deutete er auf den Bildschirm, der jetzt die erste Aufnahme zeigte.

Ein schwerer Kenworth-Sattelschlepper rollte mit erlöschenden Scheinwerfern auf dem Parkplatz aus. Palmer glaubte das Fauchen der Druckluftbremsen zu hören, aber die Videoaufnahmen liefen ohne Ton. Der Truckdriver sprang aus dem Führerhaus, verschwand im Gebüsch und tauchte nach kurzer Zeit wieder auf. Auf dem Beifahrersitz war undeutlich ein Girl zu sehen, mit dem sich der Driver anschließend in der Koje vergnügte. Wegen der Spiegelungen der Windschutzscheibe waren Einzelheiten nicht zu erkennen.

»Das müssen wir noch verbessern«, feixte White. »Die Kamera muß schärfere Bilder machen. Im wahrsten Sinne des Wortes.« Der Syndikatsboß kicherte, und sein Oberkörper geriet dabei in wogende Bewegungen. Er zündete sich eine Zigarette an.

Palmer schüttelte unwillig den Kopf. Das Kameraauge war im Turm der Kampfmaschine installiert, und es erfaßte praktisch alles, was die Identifizierungselektronik auch erfaßte. Trotzdem waren die Videoaufnahmen Nebensache. Sie spielten bei der eigentlichen Arbeit der Maschine keine Rolle. Palmer empfand Whites verspielte Freude an der Technik als kindisch. Außerdem nervten ihn das Keuchen und die ständige Qualmerei des Dicken.

»Moment mal«, murmelte Palmer unvermittelt. »Steht das Ding eigentlich noch immer auf dem Parkplatz?«

»Unsinn«, lachte White. Mit überlegener Miene betätigte er einen Schalter, der einen zweiten Bildschirm in Betrieb setzte. »Infrarotaufnahmen. Die Kamera ist direkt über uns. Wird durch Funkimpulse des Roboters gesteuert.«

»Das heißt, das Ding läßt sich selbst filmen?«

»Haargenau.«

Palmer konzentrierte sich auf das Infrarotbild. Es war flau und grau und zeichnete die Umrisse nur verschwommen. Trotzdem ließ sich erkennen, was draußen im nächtlichen Weideland am Rand des Highways geschah.

Die Kampfmaschine brach aus dem Gebüsch hervor und überwand mit wippenden Bewegungen die Leitplanke, die als Parkplatzbegrenzung diente. Mit erhöhter Geschwindigkeit rollte das Kettenfahrzeug den angrenzenden Hang hinunter, walzte einen Stacheldrahtzaun nieder und überquerte einen Feldweg. Auf dem Weg zu seiner Leitstelle tauchte es vorübergehend in einer Bodenmulde unter.

Palmer wartete, bis der Roboter wieder zu sehen war. Dann wandte er sich dem anderen Monitor zu.

»Die sind immer noch in Aktion«, gluckste White, wobei er auf dem Filtermundstück seiner Zigarette kaute. »Siehst du das?«

»Laß vorlaufen!« knurrte Palmer. »Oder bist du unter die Spanner gegangen?«

»Blödsinn.« White hielt frischen Tabak an die Kippenglut und nuckelte. Aber er befolgte die Aufforderung seines Geschäftspartners.

Die nächsten Aufnahmen, die das Videoauge der Kampfmaschine gemacht hatte, zeigten Belangloses.

Ein Chevyfahrer vertrat sich die Beine, vollführte Gymnastikübungen und fuhr weiter. Ein Ehepaar zankte sich gestikulierend hinter der Windschutzscheibe und verließ nach der Versöhnung ebenfalls das Bildfeld. Es folgten ähnliche Szenen. Bild Nr. 6 zeigte schließlich ein Motorradpärchen in Nietenlederkleidung. Die beiden stärkten sich aus einem Sandwichpaket und einer Whiskyflasche, rauchten und stülpten wieder ihre Sturzhelme über.

White stoppte den Videorecorder. »Jetzt nehmen wir unser gutes Stück erst mal wieder an Bord«, sagte er und zeigte auf den anderen Bildschirm.

Die elektronisch gesteuerte Videokamera zeigte das Kettenfahrzeug, wie es sich ferngelenkt dem Heck des Möbelwagens näherte. Gleich darauf verschwand es aus dem Blickwinkel des Kameraobjektivs. Statt dessen war ein Rumpeln zu hören. Der Möbelwagen geriet in schwankende Bewegungen. Dann dröhnte der Benzinmotor der Kampf maschine im geschlossenen Aufbau. Nachdem der Motor verstummt war, folgte noch das Poltern, mit dem die Hydraulik die Heckrampe senkrecht gegen den Aufbau drückte. Dann war Ruhe.

White wandte sich einer Schalttafel zu und drückte den Knopf, der die Videokamera auf dem Wagendach in einer Versenkung verschwinden ließ.

»Das Schöne ist«, sagte er und drehte sich mit dem Stuhl, so daß er seinen Nebenmann wieder ansah, »daß du auch mit der Fernlenkung nicht viel Arbeit hast. Du gehst in Stellung, lenkst die Kiste an ihren Einsatzort und speicherst die Route gleichzeitig für den Rückweg. Ich sage dir, die Elektronik ist ein Segen für die Menschheit.« White hob den rechten Arm über den Kopf und klopfte mit dem Handknöchel gegen die Trennwand zwischen Führerhaus und Kommandozentrale.

Der Fahrer, unsichtbar für White und Palmer, ließ den Motor an und setzte den nun schwerbeladenen Möbeltruck gi Bewegung.

Minuten nach dem Geschehen auf dem einsamen Highwayparkplatz war noch immer kein anderes Fahrzeug aufgetaucht. Es konnte sogar Stunden dauern, vielleicht bis zum Morgengrauen, bis jemand die Trümmer des Streifenwagens und die toten Beamten entdeckte.

Die beiden Männer im Kastenaufbau des Trucks sahen sich unterdessen noch einmal die letzte, entscheidende Videoaufnahme an.

Nach ruckenden Schlenkerbewegungen wurde das Bild still und zeigte Motorhaube und Windschutzscheibe des Streifenwagens. Dahinter die hellen Flecke der beiden Gesichter.

»Ziel erfaßt!« rief White begeistert, ohne den Blick vom Bildschirm zu wenden. »Das ist genau der Moment, Joe. Jetzt hat die Elektronik den Feind identifiziert. Und da wir ihr den Befehl einprogrammiert haben, geht sie sofort zum Angriff über.«

Auf dem Monitor zuckten die Mündungsblitze. Die beiden Cops starben im Kugelhagel, und der Streifenwagen flog in die Luft.

»Unglaublich!« sagte Palmer.

White schaltete den Monitor aus und blickte auf die schwarzgraue Anzeige der Digitaluhr.

»In 20 Minuten sind wir zu Hause. Dann genehmigen wir uns einen anständigen Drink und reden über die Einzelheiten. War doch nicht mehr als eine Spazierfahrt, was?«

Joe Palmer nickte versonnen. »Sag mal«, entgegnete er gedehnt, »wie war das mit diesem Feindbild?«

»Du meinst, wie der Roboter seinen Feind erkennt?«

»Richtig.«

»Ganz einfach. Wir geben ihm die unverwechselbaren Merkmale des Feindes an. Bei unserer kleinen Vorführung waren das erst einmal die Farben Schwarz und Weiß.«

»Die Lackierung des Streifenwagens«, nickte Palmer. »Und weiter?«

»Dann die Abmessungen. Länge, Breite, Höhe. Komplizierter brauchten wir es in diesem Fall nicht zu machen.«

»Hm.« Palmers Blick nahm einen lauernden Ausdruck. »Könnte ich den Apparat auch auf einen roten Jaguar programmieren?«

»Klar.« White blies die Luft durch die Nase. »Fragt sich bloß, wie viele es davon in New York gibt. Du willst es doch in New York veranstalten, oder?«

Joe Palmer grinste.

»Kann auch irgendwo anders sein. Aber wenn, dann sorge ich dafür, daß es nur ein ganz bestimmter roter Jaguar ist, den wir vollautomatisch auseinanderreißen.«

»Mit Inhalt?« White kicherte wie ein Kind in diebischer Vorfreude.

Palmer hieb ihm auf die schwammige Schulter. »Byron, du verdammter Witzbold. Hast du schon mal einen Jaguar gesehen, der ohne Fahrer fährt?«

 

 

3

Milo und ich betraten die Kantine, schnappten uns eins dieser klappernden Kunststofftabletts und reihten uns in die Schlange vor der Selbstbedienungstheke ein.

Es ging zu wie bei einem Schweigemarsch. Die wenigen Kolleginnen und Kollegen; die hin und wieder ein Wort wechselten, taten es leise und mit niedergeschlagener Miene. Sonst wurde an den Tischen unserer gemütlich eingerichteten FBI-Kantine gescherzt und gelacht. Die Mittagspause brachte immer ein bißchen Heiterkeit in den staubtrockenen Innendienst. Nicht so an diesem Tag.

Ich entschied mich für ein Rumpsteak mit frischem Salat. Milo nahm Spaghetti, in denen er lustlos herumstocherte, als wir am Tisch saßen. Rastlos stand er wieder auf, ging zum Zeitschriftenstand und kehrte mit der Mittagsausgabe der Daily News zurück.

Ich las die Titelzeilen über Kopf, und sie sahen haargenau so aus, wie ich es erwartet hatte.

NOCH IMMER KEINE SPUR VON POLIZISTENMÖRDERN!

»Unmöglich!« murmelte Milo kopfschüttelnd, während er den Text überflog.

»Was meinst du?« entgegnete ich dumpf.

Mein Freund und Kollege sah mich an. »Ich glaube einfach nicht, was hier steht.« Er drehte die Hand um und klopfte mit den Fingerknöcheln auf die knisternde Zeitung. »Die State Police ist nicht hilflos. Es stimmt doch einfach nicht, daß keine verwendbaren Spuren gesichert wurden.«

Ich ließ mein Besteck sinken. »Milo«, sagte ich eindringlich, »was du da vor dir hast, ist eine seriöse Zeitung, kein Revolverblatt. Ich wette mit dir, daß die Leute von den Daily News ihren Text haargenau im Sinne der State Police abgefaßt haben. Die Kollegen werden wissen, was sie tun. Verhalten wir uns denn anders, wenn wir mit der Presse Zusammenarbeiten?«

Milo stülpte die Unterlippe über die Oberlippe und schwieg. Er fuhr fort, seine Spaghetti um die Gabel zu wickeln, und las weiter. Natürlich wußte er, wovon ich sprach. Wenn wir in einem Kapitalverbrechen ermitteln und heiße Spuren verfolgen, würden wir uns einen lausigen Dienst erweisen, wenn wir alles über die Spuren hinausposaunten — durch Zeitungen, Radio und Fernsehen. Manche Ermittlungsergebnisse müssen einfach geheim bleiben. Die Gangster würden uns wahrscheinlich am liebsten um den Hals fallen, wenn wir ihnen durch die Medien rechtzeitig mitteilen, wie wir sie zu erwischen gedenken.

Das war der eine Punkt. Und deshalb gab ich auf die Zeitungsberichte nicht viel.

Aber Milos Pessimismus und die trübe Stimmung der Kollegen waren in anderer Hinsicht mehr als begründet. So wie bei uns im District Office an der Federal Plaza sah es seit gut 24 Stunden vermutlich in allen Polizeidienststellen an der Ostküste aus. Es trifft in jedem von uns den empfindlichsten Nerv, wenn ein Kollege im Dienst getötet wird. Die Gedenktafeln in den Eingängen der Dienststellen sprechen eine Sprache, die unsereinem unter die Haut geht. Denn jeder von uns weiß, daß sein Name irgendwann auch in Marmor gemeißelt dastehen könnte.

… starb in Ausübung seines Dienstes heißt es dann in den Todesanzeigen, und der Sozialfonds des betreffenden Police Departments hilft der Witwe und den Kindern mit einem Überbrückungsgeld. Beklemmend zu wissen, daß ein Mann seiner Familie entrissen wird, weil ein Gesetzesbrecher eiskalt den Finger am Abzug hat. Uns fällt es in solchen Fällen höllisch schwer, die aufkommende Wut im Zaum zu halten und den klaren Kopf zu bewahren, den man von uns im Dienst verlangt — richtigerweise. Ein Polizeibeamter, der sich von Gefühlen wie Haß, Wut oder Rachsucht leiten läßt, ist ein schlechter Polizeibeamter.

Im Fall Murray und Burke fehlte noch jegliches Motiv.

Die beiden waren auf einem Parkplatz am Palisades Interstate Parkway bei Tappan im Staat New York regelrecht zusammengeschossen worden. Die Kollegen von der Sonderkommission der State Police hatten Reste von Sprenggeschossen und Stahlsplitter einer Granate gefunden. Auch die Spuren eines Kettenfahrzeugs waren gesichert worden. Man versuchte noch herauszufinden, um welche Art von Militärfahrzeug es sich handeln konnte und wo ein solches Fahrzeug abhanden gekommen war.

Es erklärte aber nicht den Grund des Angriffs. Die beiden Cops hatten keinerlei Funkdurchsage gemacht. Sie mußten völlig überrascht worden sein.

Ich sah John D. McKee, unseren Chef. Er hatte uns entdeckt und steuerte mit seinem Tablett durch die Tischreihen auf uns zu.

»Gibt es Neuigkeiten, Sir?« fragte Milo und tippte auf die Zeitung, die er zusammenfaltete, um dem Chef Platz zu machen.

John D. McKee schüttelte den Kopf. »Noch immer keine brauchbaren Hinweise. Der FBI-Direktor in Washington hat der New York State Police Unterstützung angeboten. Bislang ist darüber noch nicht entschieden worden.«

»Sir«, sagte ich nach kurzem Schweigen, »es gibt da einen Punkt, der noch nicht angesprochen worden ist.«

Der Anflug eines harten Lächelns kerbte sich in die Mundwinkel des Chefs. »Ich weiß, Jesse. Jeder von uns hofft, daß es nicht so ist.«

Ich sagte, wie ich es sah. »Für mich scheint es so, also ob die Mörder aus blindem Haß gehandelt haben. Murray und Burke waren vielleicht nur Zufallsopfer. Vielleicht war es den Killern egal, wen sie vor den Lauf kriegten. Hauptsache, Cops.«

»Nach dem Motto: Nur ein toter Cop ist ein guter Cop«, knurrte Milo.

Die Furchen im schmalen Gesicht des Chefs wirkten wie aus Stein. Er antwortete nicht, aber allein diese Tatsache zeigte uns, daß unsere Vermutung auch andernorts nicht vom Tisch gefegt wurde.

Stand uns eine neue Serie von Polizistenmorden bevor? Mit brutaleren Mitteln als jemals zuvor?

Ein wohltönender Gong aus der Lautsprecheranlage unterbrach unser Gespräch. Und Myrnas rauchige Stimme aus der Telefonzentrale klang noch angenehmer. Ein kleiner Lichtblick an diesem trüben Tag.

»Jesse Trevellian! Special Agent Jesse Trevellian bitte ans Telefon!«

Ich ließ mein halbes Steak zurück und machte mich auf den Weg zu der Telefonkabine neben dem Eingang der Kantine. Myrna hätte den Anrufer noch in der Leitung, als ich mich meldete. Captain Robert Fendrick von der Narcotic Squad der City Police.

»Hallo, Jesse«, sagte er in kameradschaftlichem Ton. »Tut mir leid, daß ich Sie bei einer wichtigen Tätigkeit störe. Aber es ist dringend.«

»Hallo, Bob«, entgegnete ich und lächelte den Telefonhörer an. »Bei mir gibt es nur wichtige Tätigkeiten. Es bleibt sich also völlig gleich, wann Sie anrufen.«

»Allright. Jesse, ich muß Sie um einen Gefallen bitten. Keine offizielle Amtshilfe. Wenn Sie ablehnen, nehme ich es Ihnen nicht einmal übel.«

»Lassen Sie die Katze aus dem Sack, Bob!« Ich zündete mir eine Zigarette an und blies den Rauch gegen das Lochmuster der Schallisolierung.

»In Ordnung. Der Name Mark Botham ist Ihnen ein Begriff? Ich frage aus einem bestimmten Grund.«

»Kann ich mir denken, Bob. Natürlich kenne ich Botham.« Wir vom FBI hatten den Mann selbst aufgebaut. Das mußte schon drei oder vier Jahre her sein. Inzwischen arbeitete er zu unserer vollen Zufriedenheit und gehörte zu unseren zuverlässigsten V-Leuten. Sein Arbeitsgebietin der Unterwelt war das organisierte Verbrechen, vor allem Drogen und Prostitution.

»Wir haben Hinweise auf eine Übergabe bekommen«, fuhr Fendrick fort. »Kokain zum Einkaufspreis von einer runden Million Dollar. Im Straßenverkauf bringt das Zeug ein Vielfaches, je nachdem, wie der Käufer es weiterverarbeitet. Botham hat uns gerade vor einer Stunde die Angaben bestätigt. Und jetzt kommt’s: Palmer ist der Käufer, und Botham hat es zustande gekriegt, den Auftrag für die Übernahme zu erhalten.«

»Fein«, sagte ich. »Besser könnt ihr nicht am Ball sein. Was habe ich damit zu tun?«

»Das Wichtigste, wie es aussieht. Botham ist bereit, die Schau für uns abzuziehen. Aber er will es nur tun, wenn Sie bei ihm sind, Jesse. Auf einen anderen Mann kann er sich nicht verlassen, sagt er.« Ich holte tief Luft und atmete durch die Nase aus. Mark Botham hatte damals bei der Einarbeitung ein besonderes Vertrauensverhältnis zu mir entwickelt. Das lag ganz einfach daran, daß ich ziemlich lange sein Kontaktmann beim FBI gewesen war. Und ich hatte ihn aus ein paar brenzligen Situationen herausgepaukt.

»Er übertreibt zwar gewaltig«, entgegnete ich, »aber ich werde.es ihm kaum ausreden können, seinen Willen durchzusetzen.«

»So ist es. Sie sind also dabei?«

Ich stimmte zu. Bob Fendrick nannte mir die Einzelheiten. Der Einsatz sollte sich im Delaware County abspielen, nordwestlich von New York. Joe Palmer war ein bekannter Racketboß aus New York City. Deshalb stellten City Police und State Police den Einsatz gemeinsam auf die Beine. Und ich sollte die entscheidende Gastrolle spielen.

 

 

4

Bei Drogengeschäften ist es für uns wichtig, den Lieferanten und den Abnehmer bei der Übergabe zu erwischen. Wenn das Zugum-Zug-Geschäft Ware gegen Geld abgewickelt wird, müssen die beteiligten Beamten haargenau im richtigen Moment zupacken, damit weder Käufer noch Verkäufer leugnen können.

Captain Fendrick und ein Lieutenant von der State Police leiteten den Einsatz, der sich in der Nähe des Army-Standorts Kelsey Base abspielen sollte. Es handelte sich um den Stützpunkt eines Transportbataillons, in unmittelbarer Nachbarschaft des Ortes Kelsey gelegen. Großartige militärische Geheimnisse gab es dort nicht. Der Dienst der Soldaten war lahm, und sie hatten viel Zeit, sich um andere Sachen zu kümmern. Eine Gruppe von ihnen sollte bei Transportaufträgen Drogen geschmuggelt haben, die jetzt an den Mann gebracht werden sollten.

Ich steuerte meinen roten Flitzer mit mäßigem Tempo über die Provincial Route in Richtung Kelsey. Die Abzweigung zum Stützpunkt mußte jeden Moment in Sicht kommen.

Die Scheinwerfer erfaßten das Hinweisschild.

Kelsey Base 2 Meilen.

Ich schaltete herunter, zog den Jaguar in die Abzweigung und klinkte das Funkmikro aus. Alle Gespräche liefen über Sectrans, eine moderne Form des Zerhackers, wie sie von der State Police in dieser Gegend verwendet wurde.

Captain Fendrick meldete sich sofort. Ich nannte ihm meine Position. Von beiden Dienststellen standen insgesamt 30 Beamte in den Startblöcken. Ein beruhigendes Gefühl für mich. Und natürlich für Mark Botham, der irgendwo in der Landschaft auf mich wartete.

»Uhrenvergleich«, sagte Fendrick. Atmosphärische Störungen ließen seine Stimme klingen, als würde sie nach jeder zweiten Silbe von Explosionen untermalt.

»10.08 Uhr«, wiederholte der Captain. »Unser Mann müßte in etwa anderthalb Kilometer Entfernung warten.«

»Ich melde mich, sobald ich ihn sehe«, antwortet ich. »Over.«

»Verstanden. Over und Ende.«

Ich hängte das Mikro weg und nahm den Blick nicht von der Betonpiste, die breit genug war, damit zwei schwere Army Trucks sich begegnen konnten.

Der eigentliche Übergabeort befand sich ganz in der Nähe von Kelsey Base. Mark Botham wollte sich in sicherer Entfernung mit mir treffen, damit ich ihn bei seinem Abholgang beschatten konnte. Meine Aufgabe war es wiederum, dabei über Funk Captain Fendrick und die Beamten an die richtige Stelle zu lotsen.

Beiderseits der Fahrbahn erstreckten sich düstere Wälder, nur vereinzelt von Wiesen unterbrochen, deren hüfthohes Gras im Mondlicht silbern schimmerte. Als Farmland wurden diese Flächen nicht genutzt. Ein wildes Stück Natur, an dem jeder Umweltschützer seine helle Freude gehabt hätte.

Ich hatte andere Sorgen. Für Botham war es garantiert der größte Auftrag, den er je gekriegt hatte. Er mußte entsprechend nervös sein. Ich habe selten jemand erlebt, der für zwei Seiten arbeitet und dabei eiskalt bleibt.

Ich ließ den Jaguar im zweiten Gang dahinschlurfen und beobachtete den Seitenstreifen, die Waldschneisen und die Lichtungen.

Unvermittelt sah ich einen aufflackernden Lichtpunkt, der sofort wieder erlosch — weit vor mir, außerhalb des Scheinwerferbereichs. Das Aufflackern wiederholte sich. Jemand hatte sein Feuerzeug angeknipst.

Ich gab Gas. Sekunden später sah ich den Mann im weißen Halogenlicht. Baseballstiefel, enge Jeans, flauschige Wetterjacke aus dunkelgrünem Stoff. Auf dem Kopf trug er eine dunkle Strickmütze, die er über die Ohren gezogen hatte. Frierend trat er von einem Bein auf das andere. Der Abend war kühl. Aber es mußte auch an Bothams dünnem Nervenkostüm liegen, daß er sich so unwohl fühlte. Er trug noch immer einen Schnauzbart. Daran erkannte ich ihn sofort.

Ich stoppte und ließ ihn einsteigen. Er zog die Tür so vorsichtig ins Schloß, als stünde schon hinter dem nächsten Baumstamm ein heimlicher Beobachter.

»Ich bin froh, wenn wir das hinter uns haben«, sagte er statt einer Begrüßung. »Und ich bin froh, daß Sie gekommen sind, Mr. Trevellian. Mit allen anderen gibt’s doch bloß Schiffbruch.« Seine Hände zitterten, als er sich eine Zigarette zwischen die Lippen klemmte und nach dem elektrischen Anzünder am Armaturenbrett suchte. Er fand ihn nicht. »Haben Sie Feuer?« Er sah mich nicht an, als er fragte.

Ich drückte den richtigen Knopf und beobachtete, wie die Glut in seinen Händen zitterte und wie er hastig rauchte.

»Wie geht es weiter?« fragte ich ruhig.

»Oh, wir können uns Zeit lassen«, antwortete Botham und blickte durch die Windschutzscheibe. »Sie waren überpünktlich, Mr. Trevellian. Ich habe ein paar Reserveminuten einkalkuliert.« Er inhalierte Zug um Zug. Er nahm den Glimmstengel kaum noch vom Mund.

Ich griff nach dem Funkmikro und meldete Captain Fendrick, daß ich Botham aufgenommen hatte.

»Alles in Ordnung«, sagte ich, nachdem ich die Durchsage beendet hatte. »Es kann weitergehen, Mark.«

Er hielt das Leuchtzifferblatt seiner Armbanduhr vor die Augen und brummte zustimmend, zögernd: »Wir dürfen nicht zu früh sein, wissen Sie.« Er zermalmte seine Kippe im Aschenbecher.

»Natürlich nicht« sagte ich scheinbar verständnisvoll. Mit keiner Silbe ließ ich ihn merken, daß mir sein Gehabe nicht gefiel. Er war nicht der Mark Botham, den ich kannte. Früher hatte er sich nicht so leicht ins Flattern bringen lassen.

Seine Stimme klang gepreßt, als er weitersprach. »Mein Wagen steht 100 Meter von hier. Mit dem Geld.«

Ich ließ den Jaguar anrollen. »Ist das nicht leichtsinnig? Eine halbe Million mitten in der Landschaft?«

Er lachte angestrengt. »Da kann überhaupt nichts passieren, Mr. Trevellian. Erstens weiß das kein Mensch, und zweitens ist die Kiste abgeschlossen.«

Er zeigte mir die Stelle. Am Rand einer dieser mondbeschienenen Wiesen verlief ein Weg zunächst parallel zum Dickicht und knickte dann nach etwa zehn Metern schräg in den Wald ab.

Vor der Abzweigung des Weges hielt ich an. »Ist es nicht besser, den Wagen hier stehenzulassen?«

»Auf keinen Fall«, entgegnete Botham rasch. »Außerdem ist da Platz genug. Eine größere Lichtung. Ich gehe am besten zu Fuß voraus, dann kann ich Sie einweisen. Der Weg ist ziemlich schmal.«

Ich unterbrach seinen Redefluß nicht und ließ ihn gewähren.

Im Scheinwerferlicht sah er bleich aus, wie er mich hinter sich herwinkte, halb rückwärts gehend.

Wir erreichten die Biegung. Die Lichtung, von der Botham gesprochen hatte, konnte ich noch nicht erkennen.

Plötzlich verschwand er aus meinem Blickfeld, fegte mit zwei Riesensätzen nach rechts und tauchte in das Unterholz.

Reflexartig trat ich auf die Bremse und Kupplung. Dann stieß ich den Fernlichtschalter nach unten.

Gleißende Helligkeit füllte den Waldweg aus. Die Baumstämme waren wie eine Wand, der Weg eine Röhre, aus der es kein Entrinnen gab.

Eine Bewegung entstand. Etwas schwenkte aus der Lichtung heraus und brachte sich ruckend in die richtige Position.

Mir sträubten sich die Nackenhaare.

Das Monstrum rollte auf Ketten und ähnelte auch sonst einem Panzer. Verkleinerte Ausführung. Ich erfaßte die Einzelheiten in einem Sekundenbruchteil, wie von einem Blitzlicht erhellt.

Der Turm mit dem Zwillings-MG. Am schräg zulaufenden Bug zwei mattrote Kreise, die wie Facettenaugen eines Insekts aussahen. Elektronische Sensoren, schoß es mir durch den Kopf.

Ich reagierte instinktiv. Ich stieß den Rückwärtsgang hinein, gab Vollgas und ließ die Kupplung fliegen. 265 Pferdestärken katapultierten meinen Flitzer aus der Wegbiegung. Der Motor brüllte. Die Hinterreifen schleuderten Erdbrocken hoch, die wie ein Schwall nach vorn über die Motorhaube hinwegrauschten.

Aus den glotzenden Zwillingsmündungen zuckten bläulich-weiße Flammen.

Das Hämmern der Schüsse hörte ich nicht.

Ich riß das Lenkrad nach links und ließ den Jaguar in rasender Rückwärtsfahrt mit der Schnauze wedeln. Es war meine Rettung.

Die Projektile schrammten über die vorderen Kotflügel. Häßliche kleine Funken stiegen vom Blech hoch.

Mein Flitzer flog buchstäblich vom Weg in das hüfthohe Gras. Es gab ein Geräusch, als würde die Karosserie plötzlich von Sandpapier umhüllt. Ich hatte keine Ahnung, wie der Boden unter dem Gras beschaffen war. Aber mir blieb keine Zeit, darüber nachzudenken. Ich nahm Gas weg, bremste nur behutsam und drückte mir selbst die Daumen, als ich im ersten Gang zügig die Kupplung kommen ließ.

Kein Morast. Die Hinterräder griffen. Ich stieß den Jaguar in spitzem Winkel von meinem Rückwärtskurs weg.

Feuernd tauchte die Mordmaschine an der Wegbiegung auf.

Zwei oder drei Geschosse knallten in das Wagenheck. Explosivmunition! Es ging mir durch und durch, und jäh wußte ich, woran ich war. Vor meinem geistigen Auge sah ich die gestrigen Zeitungsfotos von einem zerfetzten Streifenwagen, unter dessen Trümmern zwei tote Cops lagen.

Ich trat das Gaspedal durch. Willig pflügte sich der Flitzer durch das Gras.

Das Kettenfahrzeug beschleunigte und tauchte wippend in den grünen Wildwuchs. Die Maschinengewehre hatten ihr Feuer eingestellt. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich, wie das Ding mit diesen seltsam ruckenden Bewegungen seine Richtung korrigierte.

Ich hielt wieder auf den Weg zu, zur Straße hin. Im Gelände war ich dem Kettenmonstrum mit meinem tiefliegenden Renner hoffnungslos unterlegen. Ich konnte von Glück reden, wenn ich es noch bis zur festen Fahrbahn schaffte.

Der Grasboden war willig, und die sportlich harte Federung meines Flitzers schüttelte mich durch. Es ratterte wie auf einem Waschbrett. Ich hielt das Lenkrad mit beiden Fäusten fest. Es war mir nicht möglich, zum Funkmikro zu greifen. Ich mußte den Jaguar auf seinem rasenden Kurs halten.

Der entscheidende Moment würde eintreten, wenn ich die wallartige kleine Böschung erreichte, die das Grasland vom Weg trennte. Direkt auf die Straße konnte ich nicht, denn die Fahrbahn war an dieser Stelle erhöht, schätzungsweise einen Meter über Geländeniveau. Die Böschung hatte einen Anstiegswinkel von 45 Grad. Für den Jaguar völlig ausgeschlossen.

Ich konnte nur hoffen, daß der Grasboden so fest blieb wie bisher. Wurde mir eine Sumpf zone beschert, war es aus.

Noch 20 Meter trennten mich von dem Waldweg.

Im Innenspiegel sah ich die Glutaugen des Monstrums. Es holte auf. Wie erwartet. Im freien Gelände war ich hoffnungslos unterlegen.

Jeden Sekundenbruchteil rechnete ich mit neuen Mündungsblitzen aus dem Zwillings-MG. Ich verspürte ein Kribbeln unter den Haarwurzeln. Hakenschlagen oder wedeln konnte ich nicht mehr. Das Risiko steckenzubleiben war zu groß.

Mir blieb nur die Flucht geradeaus. Der kleine Erdwall am Rand des Weges war ein ernstzunehmendes Hindernis. Ich mußte ihn schräg anschneiden, im richtigen Winkel und im richtigen Tempo — mußte vermeiden, auf dem Bodenblech hängenzubleiben oder mich mit dem Flitzer zu überschlagen.

Noch zehn Meter.

Warum, zum Teufel, feuerte das Ding nicht wieder?

Ich duckte mich tief über das Lenkrad. Ich mußte mich so klein wie möglich machen für den Fall, daß das Monstrum seine Geschosse durch die Heckscheibe jagte.

Noch fünf Meter bis zum Erdwall…

Ein dumpfer Schlag ging mir durch und durch. Ich begriff im nächsten Sekundenbruchteil, denn ich erinnerte mich fast gleichzeitig an das Bild des zerfetzten Streifenwagens. Ich rammte das Gaspedal auf das Bodenblech.

Der Jaguar brüllte. Er schleuderte Gras und Dreck hinter sich und machte einen wilden Satz nach vorn.

Der kleine Erdbuckel raste auf mich zu. Wenn ich nicht gleich vom Gas ging, würde ich unweigerlich gegen die Baumstämme auf der anderen Wegseite schleudern.

Die Detonation hieb mit urwelthaftem Krachen in den Erdboden. Ich hatte das Gefühl, mitsamt dem Jaguar angehoben und wieder fallengelassen zu werden. Kreischende Schläge bohrten sich durch das Karosserieblech irgendwo im Heckbereich.

Granatsplitter!

Jäh sackte der Wagen hinten rechts weg. Ich spürte einen Ruck in der Lenkung und mußte plötzlich doppelte Kraft aufwenden, um die Richtung zu halten. Die Maschine arbeitete mit unverminderter Drehzahl. Der kleine Erdwall war unmittelbar vor mir. Ich nahm Gas weg und konzentrierte mich darauf, ein Schlingern zu verhindern.

Ein Splitter hatte den Reifen hinten rechts getroffen. Aber ich war noch beweglich. Ohne mein geistesgegenwärtiges Vollgasmanöver wäre es aus gewesen. Die Granate hätte mich und den Jaguar zerfetzt. Die Erkenntnis ließ ohnmächtigen Zorn in mir auflodern.

Ich preßte die Zähne aufeinander und trieb den Wagen schräg über den Erdwall hinweg. Bedrohlich gingen die rechten Räder durch den Drall in die Höhe. Einen Atemzug lang hatte ich das Gefühl, es würde doch passieren — der Flitzer würde sich überschlagen.

Aber dann war es, als überlege er es sich. Wie in Zeitlupe neigte er sich wieder nach rechts. Es krachte, als er mit dem Vorderrad und dem platten Hinterreifen auf den Boden schlug. Ich riß das Lenkrad nach links und rauschte mit der rechten Blechflanke haarscharf an den Baumstämmen vorbei. Knorrige Baumwurzeln hämmerten gegen die nur noch gummiummantelte Felge hinten rechts. Die Stöße drangen durch den Stahlblechkörper des Wagens.

Deshalb hörte ich das Rattern der Maschinengewehre nicht sofort.

Im nächsten Moment jedoch gefror mir das Blut in den Adern.

Mit schmetternden Schlägen rasten die Geschosse durch das Karosserieblech im Heck und durch die kleine Seitenscheibe links hinter mir. Ausschüsse zerkrümelten die Windschutzscheibe vorn rechts.

Längst hatte ich mich tiefer geduckt, soweit es nur ging, ohne aus dem Kurs zu kommen. Der Fahrtwind drückte den Rest der Windschutzscheibe nach innen. Ein Regen von Glaskrümeln prasselte auf mich herab.

Immer noch hämmerten die Maschinengewehre. Aber ich hielt den Wagen in der Richtung, und die Explosivgeschosse trafen jetzt nur das Heck.

Die Mordmaschine mußte eingesehen haben, daß es mit dem Granatwerfer wenig Sinn hatte, ein fahrendes Ziel anzugreifen. Aber normalerweise wäre ich schon nach dem ersten MG-Angriff reif für die endgültige Vernichtung gewesen.

Seitdem waren kaum mehr als zwei Minuten vergangen. Trotzdem erschien es mir wie eine endlos lange Zeitspanne. Captain Fendrick und seine Einsatzkräfte konnten beim besten Willen noch nicht zur Stelle sein.

Stechend kalt stieß mir der Fahrtwind ins Gesicht, als ich vorsichtig über die tanzende Motorhaube nach vorn spähte.

Die Straße war zum Greifen nahe.

Hinter mir schwenkte die Mordmaschine auf den Waldweg ein. Kurze Feuerpause. Wieder sah ich die rötlichen Elektronikaugen im Innenspiegel. 20 Meter hatte ich noch zu bewältigen, bis ich die feste Fahrbahn erreichte. 20 läppische Meter, die mich doch alles kosten konnten. Und ich brauchte mir keine Illusionen zu machen: Fliehen konnte ich vor dem Tötungsapparat nicht mehr. Der rechte Hinterreifen war vermutlich schon zerfetzt.

Noch einmal trat icrf das Gaspedal durch, und noch einmal beschleunigte der Jaguar mit aufbrüllender Maschine.

Erneut zuckten hinter mir die Mündungsblitze aus dem Zwillingslauf. Kreischend zogen die Explosivgeschosse ihre Bahn über das Wagendach, und die, die die Heckscheibe zerschlugen, orgelten mit tödlichem Gluthauch an mir vorbei.

Noch fünf Meter von der Staße entfernt, riß ich den Jaguar nach links. In der Schleuderbewegung wühlten die Antriebsräder den weichen Erdboden auf, der im Einmündungsbereich des Waldwegs aufgeschüttet worden war. Dann jagte ich auf die Betonfahrbahn hinaus.

Die Maschinengewehre waren verstummt. Ich begriff, daß sie bei jeder Richtungsänderung offenbar Sekunden brauchten, um in die neue Visierung gebracht zu werden.

Reaktionsschnell riß ich das Lenkrad herum. Der Jaguar drehte sich wie ein Kreisel in Fahrbahnmitte. Die Reifen kreischten. Im rechten Außenspiegel sah ich Funkenfontänen von hinten rechts. Die Felge, schon völlig frei, schrammte über den Beton. Ich steuerte gegen, und der Flitzer schlingerte in die Richtung, aus der ich gekommen war.

Das Monstrum rumpelte auf dem Waldweg heran, noch zehn Meter entfernt, als ich an der Einmündung vorbeirauschte. Keine Mündungsblitze diesmal. Der Moment war zu kurz zum Erfassen des Ziels.

In meinen Fäusten ruckte das Lenkrad. Ich trieb die Tachonadel bis auf 30 Meilen pro Stunde hoch. Die Felge, an der noch ein Rest von Reifengummi hing, knallte in unregelmäßigen Abständen auf den Beton. Meine Gedanken jagten sich, während ich höllisch damit zu tun hatte, den beschädigten Flitzer am Ausbrechen zu hindern. Welche Höchstgeschwindigkeit hatte die Mordmaschine auf der Straße? War das Ding nur ferngelenkt oder vielleicht doch bemannt? Wie funktionierte seine Zieleinrichtung? Ich konnte das alles nicht in Sekunden herausfinden. Aber eine Überlegung durchzuckte mich.

War der Tötungsroboter etwa auf meinen Jaguar programmiert? Wenn ja, dann saß ich in meinem eigenen Sarg.

Angestrengt spähte ich nach beiden Seiten und kniff die Augen zusammen, um dem schneidenden Fahrtwind zu trotzen. Da war nichts als Wald. Baumreihen wie mit dem Zollstock abgemessen.

Plötzlich linker Hand eine Lücke, schmal wie ein Handtuchs Ich überlegte nicht erst. Im Powerslide zog ich den Flitzer hinein. Die rechte Blechflanke schrammte kreischend an einem Baumstamm entlang. Links hätte bestenfalls noch eine Hand zwischen Bäume und Karosserieblech gepaßt.

Die Schneise verbreiterte sich ein Stück nach rechts. Eine winzige Lichtung. Ich stieß den Jaguar hinein, bremste und griff mir den 357er Magnum aus dem Handschuhfach.

Mit langen Sätzen entfernte ich mich von dem Zielobjekt des Robotkillers.

 

 

5

Am Waldrand ging ich in Deckung, so daß ich die Straße im Blick hatte. Ich glaubte, fernes Sirenengeheul zu hören, war mir aber nicht sicher. Denn die Mordmaschine ratterte auf ihren Ketten heran. Das Ding entwickelte eine beträchtliche Geschwindigkeit. Sie jagte direkt auf meine Position zu.

Ich hielt den Atem an, hob den 357er Smith & Wesson über den Rand meiner Bodenmulde und wartete.

Jetzt aus der Nähe hörte sich das ratternde Gefährt an wie ein Panzer. Bedrohlich und scheinbar unbezwingbar. Es verlangsamte sein Tempo und stoppte dann ruckartig mitten auf der Fahrbahn — nur zehn Meter von mir entfernt. Im Mondlicht konnte ich alle Einzelheiten erkennen.

Der Turm mit dem Zwillings-MG stand still. Zu hören war nur der Benzinmotor, der im Leerlauf brummte. Aber das änderte sich in der nächsten Sekunde. Die Motordrehzahl erhöhte sich, und das Panzergefährt änderte ruckend seine Position. Mit seinen rötlichen Facettenaugen glotzte es haargenau in die Richtung, in der mein Jaguar hinter den Baumstämmen stand. Die Motordrehzahl sank wieder in den Leerlauf ab. Statt dessen war das Summen eines elektrischen Aggregats zu vernehmen.

Einen Moment lang empfand ich so etwas wie Faszination, als ich das Monstrum beobachtete. Ich sah das kurze Rohrende des Granatwerfers im Heck der Mordmaschine. Es bewegte sich nur knapp und stand dann still.

Reaktionsschnell zog ich den Kopf ein und machte mich in meiner Bodenmulde so klein wie nur möglich.

Dumpf wummerte der Abschuß des Werfers. Nur für ein paar Sekundenbruchteile war das Orgeln der Granate zu hören. Dann rumste es. Äste und Laubwerk splitterten und rauschten. Die Splitter richteten keinen Schaden an, da sie zu hoch durch die Landschaft sirrten. Der Zünder war vorzeitig an einem Baumstamm ausgelöst worden.

Mir wurde klar, daß der Tötungsroboter einen Fehler begangen hatte. Seine Zieleinrichtung konnte nicht unterscheiden zwischen freiem Schußfeld und einem Schußfeld, in dem Bäume oder andere Hindernisse standen. Die elektronische Visierung mußte den roten Jaguar geortet haben, und nur das zählte für sie.

Abermals wummerte der Granatwerfer. Ich konnte nur hören, was sich abspielte. Offenbar wurcie die Granate mit ihrer Flanke wiederum von einem Baumstamm abgeleitet, detonierte diesmal jedoch erst, als sie auf den Seitenstreifen der Straße torkelte -7 bedrohlich nahe für mich.

Nahe aber auch für das Kettenmonstrum selbst. Ich hörte, wie eine Serie von Splittern gegen die Panzerung prallte. Möglicherweise vernichtete sich dieser Robotkiller sogar selbst, wenn man ihn falsch programmierte. Aber darauf konnte ich nicht bauen.

Noch während die Detonation verklang, brachte ich den 357er in Beidhandanschlag hoch. Mit den Magnum-Geschossen bringen wir jede normale Limousine zum Stehen, indem wir einfach durch den Kühlergrill oder die Haube in den Motorraum schießen. Mir war aber klar, daß ich die Panzerung der Mordmaschine nicht durchschießen konnte.

Und ich wußte jetzt, daß in dem Apparat kein menschliches Wesen saß. Denn ein Mensch hätte begriffen, daß ich den Jaguar längst verlassen haben mußte. Ich konnte also sorgfältig zielen, fast wie auf dem Schießstand.

Der Smith & Wesson bäumte sich mit trockenem Bellen in meinen Fäusten auf.

Über das Mündungsfeuer hinweg sah ich, wie sich das rechte Glotzauge in rötliche Splitter auflöste.

Sekundenlang verharrte ich. Das summende Elektroaggregat war jetzt nicht mehr zu hören, nur noch das Leerlaufbrummen des Benzinmotors. Der Granatwerfer blieb stumm.

Auf einmal wußte ich, was geschehen war. Meine Revolverkugel mußte jenen Teil der Elektronik zerstört haben, die für die Steuerung des Werfers zuständig war.

Ich wollte auch das linke Facettenauge zerschießen. Doch im selben Moment, in dem ich den kurzen Revolverlauf herumschwenkte, drehte sich die Mordmaschine um die eigene Achse. Der Benzinmotor röhrte los, und mit wippenden Bewegungen beschleunigte das Fahrzeug.

Ich jagte drei Kugeln in den Heckbereich. Doch auch dort war alles gepanzert. Alle drei Geschosse jaulten als Querschläger davon.

Ich sprang auf und verfolgte das ferngesteuerte Kettenfahrzeug mit federnden Sätzen. Es beschleunigte stark, aber im Mondlicht behielt ich zumindest die Umrisse im Auge. Der Jaguar war nicht mehr zu gebrauchen. Ich mußte wenigstens versuchen herauszufinden, wie und wohin die Mordmaschine verschwand.

Das Sirenengeheul war jetzt deutlicher zu hören.

Mit 50 Metern Vorsprung bog der Robotkiller kettenrasselnd in den Waldweg ab, den ich zur Genüge kannte. Ich sprintete. Wenn er im Wald untertauchte, bevor ich ihn im Blickfeld hatte, war die ganze Verfolgung umsonst. Hölle und Teufel, es mußte mir einfach glücken, die Stelle zu finden, von der aus das Ding gelenkt wurde!

Ich erreichte die Abzweigung noch rechtzeitig, um es auf dem Waldweg wiederzusehen.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941685
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904908
Schlagworte
trevellian

Autor

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Titel: Trevellian gegen den programmierten Tod