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Trevellian suchte Mister Nobody

2020 123 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian suchte Mister Nobody

Copyright

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Trevellian suchte Mister Nobody

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Ich hatte ihn.

Regentropfen glitzerten auf dem Beton des Parkplatzes. Eine kühle nächtliche Brise strich um das schmucklose Supermarktgebäude.

Und ich wußte, daß ich ihn kriegte.

Die Falle war perfekt. Milo Tucker spielte den Lockvogel, das Mordopfer. Alle anderen waren auf ihren Posten und warteten auf mein Zeichen.

Schritte knirschten hinter mir. Entsetzt drehte ich mich um.

Wer, zum Teufel, hatte jetzt noch nicht begriffen, daß absolute Ruhe zu herrschen hatte?

»Kennwort!« knurrte ich.

»Da hast du es«, sagte der Mann, der nur als Schatten zu erkennen war.

Meine Rechte zuckte zum 38er. Nicht schnell genug. Der andere hatte den Vorteil der Überraschung. Seine blitzartige Bewegung sah ich nicht. Ich spürte nur den Luftzug. Schmerz explodierte über meiner Stirn und löschte mein Bewußtsein aus.

 

 

2

Wenn eine Laus für schlechte Laune verantwortlich ist, dann mußte dem G-man Milo Tucker an diesem Spätnachmittag eine Hundertschaft von Kleininsekten über die Leber gekrochen sein.

Er rangierte den Jaguar an die Bordsteinkante der West 42nd Street. Milo zog seine langen Beine aus dem engen Jaguar-Cockpit und dachte voller Sorge an den Eigentümer des roten Flitzers.

Für den Fall der Abwesenheit seines Freundes Jesse Trevellian galt eine klare Abmachung: Milos Job war es, den Jaguar zu bewegen. Denn Stillstand ist für einen Rasse-Renner kein Zustand.

Auf dem Bürgersteig hockte eine Gruppe von jungen Burschen. Ihre Uniform bestand aus Jeans und nacktem Oberkörper, dazu kahlem Schädel mit rasierpinselartigem Haarquast in Kopfmitte. Die Passanten schlugen einen großen Bogen um sie. Abgesehen von vollständiger Bekleidung gab es allerdings niemand, der besser aussah als die Pinselhaarigen.

Kleine Läden mit verstaubten Schaufensterscheiben bestimmten das Straßenbild. In einem düsteren Hauseingang hatte sich eine Gruppe Langmähniger niedergelassen. Sie kauerten im Kreis um einen Recorder, aus dem die klagendgutturalen Laute irgendeines indianischen Sonnenkultes klangen.

Mit seinem gutsitzenden Straßenanzug fühlte sich der G-man in dieser Umgebung ohnehin wie ein Zebra in einer Herde von Grauschimmeln.

Die Haarpinselgruppe verlagerte ihr Interesse von leeren Bierdosen und zerknautschten Zigarettenpackungen auf eben jenes Zebra. Der hochgewachsene Mann trat auf den Bürgersteig und spähte suchend an den Hausfassaden entlang.

Einer der Halbnackten, breit und massig gebaut, schraubte sich hoch und stellte sich ihm in den Weg. Zwei weitere folgten, atmeten tief durch und pumpten ihren Oberkörper auf, als befänden sie sich in einem Bodybuilding-Wettbewerb.

»Rück mal ’n Zehner raus, Mann!« sagte der Breite und hielt die Hand auf.

Milo Tucker tat, als bemerkte er ihn erst jetzt. »Hast du einen Erlaubnisschein?«

Der Breite starrte ihn an. Dann lachte er glucksend. Sofort stimmten die anderen mit ein. Aus dem Hauseingang hinter ihnen klagte noch immer die langgezogene Indianerstimme. Alles zusammen war ein abstoßender Chor.

»Erlaubnisschein?« grunzte der Breite, und sein Haarpinsel schwappte vor und zurück. »Wofür, Mann?«

»Für Bettelei«, entgegnete Milo trocken.

Sekundenlang sperrten der Breite und seine Hintermänner nur den Mund auf. Dann prustete die ganze Meute vor Vergnügen los.

»Wenn ich ’n Zehner von dir haben will, Mann, dann krieg ich ihn«, keuchte Milos Gegenüber mit Tränen der Heiterkeit in den Augen. »Dafür brauch ich doch keine Erlaubnis oder so ’n Quatsch. Wetten?«

»Wette angenommen«, knurrte der G-man. Er hatte keine Geduld an diesem Tag, nicht das geringste bißchen. Irgendwann mußte New York wieder eine Stadt werden, in der normale Bürger nicht angepöbelt wurden. Blitzartig packte er zu und erwischte den Kerl mit eisenhartem Griff am Oberarm.

Der Breite schrie vor Überraschung, als er plötzlich nach vorn geschleudert wurde und die Jaguarhaube in den Arm nehmen durfte.

Die beiden Hintermänner erholten sich von ihrer Verblüffung und walzten muskelrollend auf den G-man los. Milo Tucker wirbelte herum. Spielend leicht wich er den Fäusten des ersten aus, schmetterte ihm die Arme mit einem gnadenlosen Handkantenhieb weg und brauchte nur noch einen Sekundenbruchteil, um ihn mit einem weiteren Schlag flachzulegen.

Der zweite Hintermann vergaß seine Angriffsabsichten und zog sich zurück.

Gerade noch rechtzeitig wandte sich Milo wieder dem Jaguar zu. Der Breite wollte gerade hochschnellen. Milo erwischte seinen kahlen Hinterkopf, stieß zu und ließ ihn den roten Lack der Motorhaube küssen. Wieder schrie er.

Alles weitere geschah im Handumdrehen, und die Schar der Pinselhaarigen beobachtete es mit Stielaugen. Der G-man öffnete die Beifahrsrtür, griff nach dem Funkgerät und rief das Revier Midtown South an der West 35th Street.

Eine knappe Minute später war der nächste verfügbare Streifenwagen zur Stelle. Milo zeigte den Cops seine Dienstmarke und ließ die beiden Strolche wegen Bettelei und vorsätzlichen Angriffs auf die Staatsgewalt abtransportieren. Er versprach, seine Kurzaussage telefonisch durchzugeben.

Die Stielaugen wurden noch länger. Sie starrten ihn an, als wäre er ein Wesen aus einer anderen Welt. Milo marschierte auf den nächsten Gebäudeblock zu. Sein Groll hatte sich etwas gelegt. Vielleicht half es, einen kühlen Kopf zu bewahren bei dem, was ihm jetzt bevorstand.

 

 

3

Das Revolverblatt nannte sich selbst »Morning Mirror«. Das heruntergekommene Bürogebäude stammte aus der Nachkriegszeit. Die Fenster im Erdgeschoß waren mit Sperrholz vernagelt und zusätzlich vergittert. Wegen ständig eingeworfener Scheiben und als Schutz gegen Einbrüche.

Milo vertraute sich dem klapprigen Fahrstuhl bis zum 3. Stock an. Hinweisschilder zeigten an, wo sich die verschiedenen Redaktionsbüros in dem Gebäude befanden. Gedruckt wurde in einem Betrieb drüben in Brooklyn.

Der Weg zum Chef der Lokalredaktion führte durch ein Großraumbüro. Elektronische Tastaturen klickerten leise. Die dazugehörigen Computer-Bildschirme gaben bisweilen abgehackte Summtöne von sich. Das Bedienungspersonal, Redakteure und Texterfasser vermutlich, war zur Hälfte weiblich. Gesprochen wurde nur wenig.

Milo erkannte die Taktik des Unternehmens. Das häßliche Äußere des Gebäudes ließ nicht den geringsten Schluß darauf zu, welche enormen Werte an elektronischer Apparatur sich hinter den zugenagelten Fenstern verbargen. Eine widersinnige Art von Eigentumsschutz, wie sie in New York leider viel zu häufig angewendet wurde. Milo spürte, daß diese Überlegung nicht geeignet war, seine Stimmung zu heben.

Victor Giles überwachte den ganzen Laden von einem abgeteilten Büro aus, dessen Wände in der oberen Hälfte aus Glas bestanden. Giles war ein drahtiger Typ — mittelgroß, runder Kopf, flinke Knopfaugen, beginnende Glatze, graumeliertes Haar. Die aufgekrempelten Hemdsärmel unterstrichen seine hektische Arbeitswut. In seinem Mundwinkel klemmte ein bleistiftdünner schwarzer Zigarillo.

Er bemerkte den G-man durch die Glaswand und winkte ihn herein.

»Sie kommen vom FBI«, sagte Giles. Es war eine Feststellung, keine Frage. Mit der Linken wies er auf die Besuchersessel, während er hastig Häkchen auf ein Fernschreibblatt malte. »Nehmen Sie Platz!« brummte er. Dabei überflog er den Text und stieß kleine Tabakswolken aus. Dann drückte er den Knopf einer Sprechanlage. »Christine! Die Vergewaltigungsgeschichte ist jetzt komplett. Holen Sie den Kram ab, und geben Sie den Text ein! Okay?« Er wartete die Antwort nicht ab und ließ den Knopf los. Mit einem Seitenblick auf seine Armbanduhr wandte er sich dem G-man zu. »Allright, Sir. Ich habe genau zehn Minuten Zeit für Sie. Wenn Sie sprechen wollen, dann bitte jetzt.«

Milo blies die Luft durch die Nase, schüttelte den Kopf und stand wieder auf. Er zupfte eine Visitenkarte aus der Jackentasche und warf sie auf den Schreibtisch. »Ich führe keine Gespräche mit Anrufbeantwortern, Mr. Giles. Sie erreichen mich während der Dienstzeit beim FBI-Distrikt. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie wieder auf dem Teppich sind!«

Giles nahm die Visitenkarte, drehte sie zwischen den Fingern und grinste. Ein blondes Girl stürmte auf dicken Turnschuhsohlen herein, schnappte das Fernschreiben aus Giles’ Hand und rauschte wieder hinaus. Milo hielt die Tür offen, um dem Girl zu folgen.

»Mr. Tucker!« rief eine versöhnliche Stimme. »Sorry, tut mir leid. Also, die Redezeit ist unbegrenzt. Gefällt Ihnen das besser?«

Milo drehte sich langsam um. »Ob und worüber wir sprechen, wird sich erst zeigen«, sagte er kühl. »Ihre Andeutung am Telefon war mehr als dürftig.« Er drückte die Tür hinter sich ins Schloß und blieb stehen.

Giles grinste wieder. »Aber die Andeutung reichte, damit Sie sich sofort in Marsch setzten. Ich sagte, ich habe ein aktuelles Foto Ihres Kollegen Trevellian. Hier ist es.« Er griff in die oberste Schreibtischschublade und warf einen Hochglanzabzug auf die Tischplatte.

Obwohl es ihm widerstrebte, konnte Milo nicht anders — er mußte auf Giles zugehen und sich das Foto ansehen.

Es war ein Schock.

Jesse hockte in einem kahlen Raum, die Hände offenbar auf den Rücken gefesselt. Wegen des Blitzlichts hatte er die Augen zugekniffen. Vor seinem Oberkörper hing ein Pappschild mit ungelenk gepinselten Buchstaben.

Ich, der FBI-Bulle Jesse Trevellian, muß sterben, wenn die Forderungen der Gruppe Totem nicht erfüllt werden. Recht und Freiheit für den roten Mann!

»Unsinn«, entfuhr es Milo, »diese Gruppe gibt es überhaupt nicht.« Er nahm das Foto mit und setzte sich wieder in einen Sessel.

»Woher wollen Sie das wissen?« entgegnete Giles lauernd.

»Wir haben sehr genaue Informationen über alle Terroristengruppen. Auch über die .indianischen.«

»Es gibt jeden Tag neue. Die wachsen wie Pilze. Stimmt’s?«

»Nein. Zumindest nicht solche, die mit Geiselnahmen und Morddrohungen operieren.«

»Interessant.« Giles lehnte sich zurück und lächelte wie ein satter Löwe. »Das FBI ist also der Meinung, Trevellian befinde sich nicht in der Hand von Terroristen.« Milo Tucker beugte sich ruckartig vor. »Ich habe keine Erklärung abgegeben, Mr. Giles. Was Sie hörten, war meine private Meinung. Außerdem nehme ich nicht an, daß Sie dieses Foto veröffentlichen.« Er wedelte mit dem Hochglanzabzug.

Victor Giles schüttelte mit gespieltem Bedauern den Kopf. »Vermeiden wir, aneinander vorbeizureden, Mr. Tucker! Punkt eins: Was Sie in der Hand halten, ist eine von mehreren Reproduktionen, die ich anfertigen ließ. Das Original ist eine farbige Polaroidaufnahme, die uns durch Eilboten zugestellt wurde — ohne Absender, ohne Begleittext. Punkt zwei: Es gibt im Pressegesetz des Bundesstaates New York keinen Paragraphen, der es dem FBI ermöglicht, Nachrichten zu unterdrücken. Es liegt ausschließlich in meiner Entscheidung, ob ich etwas über den Fall Trevellian veröffentliche. Wenn Sie bereit sind, das Gespräch auf dieser Basis weiterzuführen — bitte!«

Milo mußte sich mächtig anstrengen, um ruhig zu bleiben. »Wenn Sie das Bild veröffentlichen«, sagte er mit erzwungener Langsamkeit, »dann tun Sie genau das, was der Kerl erwartet, der meinen Kollegen in seiner Gewalt hat.«

»Logisch.« Giles lachte leise. »Sonst hätte der Kerl das Bild nicht ausgerechnet an meine Zeitung geschickt. Er weiß eben, daß bei uns Ehrlichkeit und Wahrheit an erster Stelle stehen. Der Mirror unterdrückt keine Nachrichten, und er verfälscht oder frisiert sie auch nicht.«

»Ich bin tief gerührt«, entgegnete Milo spöttisch. »Was haben Sie also im Fall Trevellian vor?«

»Jetzt kommen wir uns näher«, sagte Giles erfreut und beugte sich wieder vor. »Passen Sie auf, ich sage Ihnen, wie ich mir den Text vorstelle! Sie sagen mir anschließend, was Ihnen nicht gefällt. Okay?«

»Einverstanden.«

»Also gut. Folgendermaßen: Der G-man Trevellian hatte gestern abend die Einzelleitung bei einer FBI-Falle für einen gesuchten Verbrecher. Alles war bestens organisiert, aber dann gab es eine Panne, die niemand vorhersehen konnte. Da tauchten doch tatsächlich Unbekannte auf, die ausgerechnet den Einsatzleiter verschleppten. Wahrscheinlich haben sie ihm heimlich, still und leise eins über den Schädel gezogen und ihn dann in ihren Wagen verfrachtet. Als die anderen Einsatzbeteiligten etwas bemerkten, gab es von Trevellian und seinen Entführern jedenfalls schon keine Spur mehr. Das muß man sich mal vorstellen! Ein G-man verschwindet spurlos von einem Ort, an dem es von Polizeibeamten nur so wimmelt! Das FBI läßt sich austricksen, die Elite der Nation!«

Milo hatte sich eine Zigarette angezündet. Er blies den Rauch in die Mitte des Raumes und nickte bedächtig. »Sie sehen die Schlagzeilen schon vor sich, stimmt’s?«

Giles grinste. »Wenn man so lange Zeitungen macht wie ich, Sir, dann hat man’s von einem bestimmten Zeitpunkt an im Kopf, wie die nächste Ausgabe aussieht.«

»Und Sie bleiben natürlich hart an der Wahrheit«, nickte Milo. »Die steht ja bei Ihnen an erster Stelle.«

»Sie haben gut zugehört, Mr. Tucker.«

»Wenn man so lange beim FBI ist wie ich, Sir, dann weiß man von einem bestimmten Zeitpunkt an im voraus, was gewisse Leute sagen werden.«

Giles lachte schallend und schlug vor Vergnügen mit der flachen Hand auf die Schreibtischplatte. »Eins zu null für Sie, Tucker! Mann, so hab ich’s gern! Mit Ihnen kann man Wortgefechte austragen, was?«

»Wenn es die Zeit erlaubt.« Milo sah den Redakteur aus schmalen Augen an. »Sie sagten, Sie hätten das Foto ohne Begleitbrief erhalten. Woher kennen Sie dann die Einzelheiten, von dem Supermarkt-Einsatz?«

Giles’ Heiterkeit zerfaserte. »Glauben Sie nicht, daß Sie mich aufs Glatteis führen können! Nein, Sir. Meine Antwort lautet: Auch wir haben unsere Informanten. V-Leute, wenn Sie so wollen. Wenn ich irgendwas aus der Unterwelt wissen will, kriege ich’s genauso schnell wie Sie. Wetten?«

Der G-man schüttelte müde den Kopf. Eine Auseinandersetzung mit diesem Mann führte zu nichts. Der drahtige Bursche leitete nicht umsonst die Lokalredaktion des Revolverblatts.

»Auf eine sportliche Konkurrenz lege ich keinen Wert. Mir geht es nur darum, daß mein Kollege Trevellian so bald wie möglich in Sicherheit ist.«

»Darf ich das als FBI-Erklärung nehmen?«

Milo nickte, und sein Gegenüber kritzelte etwas auf einen Notizblock.

»Noch eine Erklärung«, sagte der G-man. »Am Einsatzort wimmelte es nicht von Polizei. Wir haben uns auf eine sehr kleine Zahl von Beamten beschränkt, damit unser Mann keinen Verdacht schöpfte.«

»Was für ein Mann?« Giles beugte sich lauernd nach vor.

»Keine Auskunft.«

»Wie klein war die Zahl der Beamten?«

»Auch darauf gebe ich Ihnen keine Antwort.«

»Wie Sie wollen.« Giles ließ seinen Kugelschreiber auf den Notizblock fallen. »Haben Sie eine Botschaft an die Entführer? Das ist schließlich der eigentliche Grund, weshalb ich Sie hergebeten habe.«

Milo mußte tief hinunterschlucken, um die erneute Überheblichkeit des Kerls zu übergehen. »Ja, eine kurze Botschaft. Wir werden Bedingungen erfüllen, soweit es in unseren Kräften steht. Wir werden aber auch mit unnachgiebiger Härte gegen die Täter Vorgehen, falls mein Kollege nicht unversehrt freigelassen wird.«

Giles hatte mitgeschrieben. »Fein«, sagte er, »damit läßt sich was anfangen. Sonst noch etwas, Sir?«

Milo drückte seine Zigarette aus und stand auf. »Ja, da gibt es noch einen Punkt. Ich hoffe, daß ich auf Ihre Gesetzestreue, auf Ehrlichkeit und auf Wahrheitsliebe zählen kann.«

»Klar«, antwortete der Redakteur gönnerhaft. »Sobald uns neue Erkenntnisse vorliegen sollten, werde ich Sie selbstverständlich informieren, Sir. Ach, übrigens, die Repro dürfen Sie gern mitnehmen.« Milo schnappte sich das Hochglanzpapier und beeilte sich, den Glaskasten zu verlassen. Er befürchtete, daß ihm sonst doch noch der Kragen platzte.

 

 

4

Es war kühl und feucht. Beißender Gestank erfüllte die Luft — als ob das Haus, in dem ich mich befand, vor ein paar Tagen abgebrannt war. Was unter den Löschkanonen der Feuerwehr übriggeblieben war, würde noch wochenlang diesen Aschegeruch ausströmen.

Der Kellerraum, kahl und düster, schien jedenfalls weder von Feuer noch von Löschwasser etwas abgekriegt zu haben. Das kleine Fenster hoch oben war mit einem weißen Tuch zugehängt. Nur matte Helligkeit drang herein. Vor ein oder zwei Stunden war der neue Tag angebrochen.

Ich trug meine eigenen Handschellen auf dem Rücken. Auf stehen konnte ich nicht, da der Kerl meine Arme an einem Wasserrohr festgeschnürt hatte. Außerdem waren meine Fußgelenke zusammengebunden. Ich trug noch immer dieses lächerliche Pappschild um den Hals, mit dem er mich fotografiert hatte.

Immer noch hatte ich Schädelbrummen, aber es ließ sich ertragen. Ich konzentrierte mich darauf, neue Kräfte zu sammeln, auch wenn die Voraussetzungen denkbar schlecht waren.

Ein Geräusch ließ mich aufhorchen. Trotz des ständig summenden Straßenverkehrs hörte ich es. Es setzte sich fort.

Schritte…

Minuten später war er an der Tür. Ich wußte, daß er es war, denn ich kannte inzwischen seine Art zu gehen. Er hantierte draußen herum. Dann knirschte das Vorhängeschloß. Kühle Luft wehte herein. Keine Helligkeit. Der Kellereingang lag also innerhalb des Gebäudes, nicht an einer Außenwand.

Der Mann war hochgewachsen und kantig gebaut. Ich schätzte ihn auf etwa 1,80 Meter. Auffällig war, daß er keine Taille hatte. Ein merkwürdiger Körperbau. Von den Schultern abwärts verlief sein Oberkörper nahezu geradlinig bis zu den Hüften. Er trug Segeltuchschuhe, Jeans und einen braunen Lederblouson. Mehr konnte ich von ihm nicht erkennen, denn über den Kopf hatte er einen schwarzen Leinenbeutel mit Augenlöchern gestülpt.

Er trug einen Karton herein, stellte ihn auf den Fußboden und schloß die Tür hinter sich. »Guten Morgen, G-man«, sagte er spöttisch. Seine Stimme hatte eine mittlere Tonlage und war in keiner Weise auffällig. »Gut geruht?«

»Himmlisch«, antwortete ich. »Ich fühle mich wie neugeboren.«

Er lachte leise. Schlüssel klimperten, als er sie aus der Tasche holte. »Ihr Humor hat jedenfalls nicht gelitten. Oder sollte es sich um Galgenhumor handeln?«

»Das können Sie besser beurteilen als ich.«

Statt einer Antwort beschränkte er sich auf ein Brummen. Er löste die Schnüre von dem Wasserrohr und schloß dann meine Handschellen auf. Es war lächerlich, auch nur an einen Vorteil zu denken. Der Maskierte wich sofort von mir zurück und zog die Waffe, die er in einem Lederfutteral unter dem Hosenbund trug. Ein Revolver aus rostfreiem Edelstahl, silbern glänzend und mit Griffschalen aus Perlmutt, Fabrikat Ruger, Kaliber 357 Magnum. Die Laufmündung glotzte mich an.

Er stieß den Pappkarton mit dem Fuß auf mich zu und lehnte sich an die gegenüberliegende Wand. »Ihr Frühstück, G-man. Guten Appetit!«

Ich massierte meine Handgelenke, in denen es prickelte und brannte wip von tausend Nadelstichen. Dann fiel mein Blick auf die Zeitung, die im Karton obenauf lag.

Es war wie ein Schlag ins Gesicht.

Das Foto schrie mich regelrecht an. Das Schild um meinen Hals hätte mich unter anderen Umständen zum Lachen gereizt. Ich kannte keine indianische Freiheitsbewegung, die ihre Ziele durchzusetzen versuchte, indem sie Menschenleben in die Waagschale warf.

Und die Schlagzeile nahm mit ihren Riesenlettern fast die halbe Seite ein.

G-MAN IN DER GEWALT VON KIDNAPPERN!

Der Text war verhältnismäßig kurz und enthielt zum großen Teil Vermutungen darüber, wie ich vom Einsatzort beim Supermarkt Easy verschwunden war. Es war stets von mehreren Entführern die Rede. In der Beziehung tappten die Sensationsgeier vom Morning Mirror also im dunkeln. Mein Kollege Milo wurde erwähnt. Er hatte gesagt, daß das FBI auf die Bedingungen der Kidnapper eingehen werde.

»Nehmen Sie die Zeitung raus, und fangen Sie an zu essen!« sagte der Maskierte. »Das Schmierblatt können Sie später noch in aller Ruhe studieren. Beim Frühstück muß ich Sie beaufsichtigen. Es geht nicht anders.«

Ich gehorchte. In dem Karton fand ich ein Päckchen mit Sandwichs, einen verschlossenen Styroporbecher mit heißem Kaffee, zwei gekochte Eier und einen Apfel. Mein Aufpasser legte anscheinend Wert darauf, daß ich mich nicht einseitig ernährte.

Ich aß mit Heißhunger. »Wollen Sie im Ernst, daß ich wieder zu Kräften komme?« sagte ich zwischen zwei Bissen. Ich hatte das Gefühl, daß er unter seiner Maske grinste.

»Was ich will, steht noch nicht ganz fest«, antwortete er. »Aber eins ist sicher: Dieser Zeitungsbericht erhöht meinen Marktwert. Das heißt, dank Ihrer freundlichen Unterstützung, G-man, werde ich meine Dollars in Zukunft etwas schneller verdienen.«

Mir blieb das Stück Sandwich fast im Hals stecken.

Hölle und Teufel, der Kerl mißbrauchte mich als Werbeobjekt! Ein FBI-Beamter, der unfreiwillig Werbung für einen Berufskiller betrieb!

»Vielen Dank«, sagte ich trocken. »Damit habe ich wenigstens die Bestätigung, daß Sie der sind, den wir suchen.«

»Was Ihnen nicht viel nützen wird.« Sein Lachen klang hohl unter der Maske. »Nur noch ein paar Jobs, Trevellian, und ich habe ein feines Vermögen zusammen. Das sonnige Südamerika wartet auf mich. Was meinen Sie, wie viele Burschen sich da unten schon zur Ruhe gesetzt haben, ohne daß Ihr Verein sie jemals finden könnte!«

Er hatte leider recht. Es gab dort Staaten, in denen man noch immer leicht verschwinden konnte.

»Machen Sie sich keine falschen Hoffnungen!« sagte ich trotzdem. »Was bei unserem Einsatz passiert ist, war ein Zufall. Ich werde noch herausfinden, wodurch Sie davon Wind gekriegt haben. Anders wäre Ihnen dieser Schachzug nämlich nicht geglückt.«

»Nehmen Sie an, was Sie wollen!« Er winkte ab. »Für mich zählen nur die Tatsachen. Das FBI macht Fehler. Ich bin besser als das FBI. Die Auftraggeber lecken sich alle zehn Finger nach mir.«

Ich verzichtete auf eine weitere Diskussion mit ihm. Statt dessen versuchte ich, mir seine Stimme einzuprägen. Er hatte nicht einmal einen ungewöhnlichen Akzent. Seinej Aussprache nach stammte er aus New York City oder aus der Umgebung. Und er sprach beinahe gepflegt, ohne Schnitzer, schien also eine gute Schulbildung genossen zu haben.

Auch nach dem Ende meines Frühstücks beging er keinen Fehler. Angesichts des Revolvers blieb mir nichts anderes übrig, als seinem Befehl zu folgen. Ich mußte mich auf den Bauch legen und die Handgelenke auf dem Rücken kreuzen. Er ließ die stählerne Acht zuschnappen. Anschließend band er mich wieder an dem Heizungsrohr fest. Den Karton und die Verpackungsreste nahm er mit. Keine Chance, Fingerabdrücke zu sichern.

Im Halbdunkel sah ich nur noch die Zeitung.

Nach einer Weile konnte ich den Artikel auswendig herunterbeten.

 

 

5

»Schon fast ländlich, die Gegend«, sagte Blackfeather und hob für einen Moment die Hand vom Lenkrad, um seinen Kollegen auf den Ausblick hinzuweisen.

Der FBI-Dienstwagen rollte über die wellige Fahrbahn der Lakeville Road in Kensington, Nassau County. Die Grenze nach Queens, New York City, befand sich nur fünf Meilen westlich. Die Landschaft war hügelig, in der Tat fast provinziell. Einfamilienhäuser auf gepflegten Grundstücken in waldreicher Umgebung bestimmten das Bild.

Der Ort blieb zurück. Nur eine halbe Meile weit führte die Straße durch brachliegendes Weideland, das völlig verwildert war. Das Schild eines Maklerbüros wies darauf hin, daß hier bald Baugrundstücke zu erwerben seien.

»Hinter der nächsten Kurve muß es sein«, sagte Milo Tucker. Der V-Mann hatte in seinem Anruf ausdrücklich auf dieses Brachland hingewiesen.

Und es stimmte.

Die Information war also hieb- und stichfest. Ein alter Backsteinbau tauchte rechter Hand auf. Vor und hinter dem Haus gab es geräumige Parkplätze. Das Ganze duckte sich an den Rand eines Wäldchens. Nur die schreiend bunten Reklameschilder paßten nicht in die Landschaft.

Cherry’s Sauna Club Blackfeather, der indianische G-man, stoppte den neutralen Dienstwagen auf dem vorderen Parkplatz. Milo hob das Funkmikro an die Lippen und rief den Einsatzleiter der State Police, die hier im Nassau County zuständig war.

»Alle Positionen bezogen, Sir«, erklärte der Lieutenant, der die uniformierten Beamten eingewiesen hatte. Die Absperrung rings um Cherry’s Sauna Club stand also. In dem Wäldchen, in Bodensenken und hinter Anhöhen waren die Männer der State Police gut getarnt in Stellung gegangen.

»Verstanden«, antwortete Milo. »Haben Ziel erreicht. Verlassen Fahrzeug und gehen direkt vor. Over.«

»Verstanden, Sir. Over und Ende.« Milo schaltete das Funkgerät aus. Er folgte dem Kollegen, der wie immer elegant gekleidet war. Nicht einmal auf eine reinseidene Krawatte hatte er verzichtet.

Milo nickte Blacky zu und lief mit langen Sätzen um das Haus herum. Auch vom hinteren Parkplatz aus gab es einen Eingang.

Der V-Mann hatte die Räumlichkeiten beschrieben. Und Stein und Bein geschworen, daß Gus Manning sich tatsächlich jetzt, zu dieser Stunde, im Bau der Lady namens Cherry auf hielt. Vom Hintereingang aus war die kleine Halle mit dem Whirlpool am schnellsten zu erreichen. Blackys Aufgabe bestand darin, sich Einlaß zu verschaffen und den wichtigsten Fluchtweg zu versperren. Den Rest erledigten notfalls die Cops von der State Police. Man mußte davon ausgehen, daß Manning nicht allein war.

Ein vereinbartes Zeichen für Clubmitglieder gab es nicht. Milo betätigte den Klingelknopf. Läden dieser Preisklasse waren heutzutage auf jeden Kunden angewiesen.

Er sah, daß ihn jemand durch den Spion beäugte. Dann knirschte das Schloß. Die Tür schwang auf. Das Girl, das den Portier spielte, hatte eine lange schwarze Mähne und trug nur ein Bikinihöschen. Die Haarflut umrahmte wirkungsvoll ihre üppige Oberweite. Ihr Äußeres entsprach dem Stil des Hauses. Kunden, die hier Einlaß begehrten, wollten von Anfang an nackte Tatsachen, nichts raffiniert Umhülltes, nichts Angedeutetes.

Milo trat schwungvoll auf die Kleine zu, schloß die Tür hinter sich und ließ sie nicht erst zu Wort kommen. Seine Dienstmarke verschlug ihr ohnehin die Sprache. Ihre herausfordernde Nacktheit wirkte auf einmal fehl am Platze.

»Mr. Manning erwartet mich«, sagte der G-man energisch. »Bringen Sie mich zu ihm! Aber schnell!«

Das Girl sah ihn entsetzt an. Natürlich wußte sie, was das Ganze bedeutete. Gus Manning war kein Kunde. Er vertrat die Organisation, der der Laden gehörte. Und einmal pro Woche überprüfte er, ob die Dienstleistungen noch dem gewünschten Standard entsprachen.

»Muß ich das tun?« hauchte die Schwarzmähnige.

»Ich habe einen Haftbefehl gegen Manning«, entgegnete Milo rauh. »Einen FBI-Beamten bei der Ausübung seines Amtes zu behindern, bedeutet…«

»Genügt es, wenn ich Sie bis zur Tür bringe?« flüsterte sie.

Milo lächelte und nickte. Trotzdem ergriff er vorsorglich ihr linkes Handgelenk, als sie ihn durch einen mit flauschigem Teppichboden ausgelegten Korridor führte. Die Luft war schwül. Mehrere Türen zweigten ab. Das Girl deutete auf eine breitere Tür am Ende des Korridors.

»Abgeschlossen?« fragte er.

Sie schüttelte den Kopf. Er nahm sie dennoch mit, bis er sich überzeugt hatte, daß der Knauf sich drehen ließ. Dann erst ließ er die Kleine laufen. Ihre Brüste wogten, als sie in einem Nebenzimmer verschwand.

Milo zog den 38er, riß die Tür auf und schnellte vorwärts. Breitbeinig verharrte er im nächsten Augenblick. Wie von selbst rastete der Dienstrevolver im Beidhandanschlag ein.

Trotz der schummrigen Beleuchtung erkannte er Manning sofort. Der Abgesandte der Organisation war der einzige männliche Planscher im Whirlpool. Drei gutgewachsene Girls umturtelten ihn.

»FBI!« rief Milo schneidend. »Kommen Sie heraus, Manning! Ich habe einen Haftbefehl gegen Sie.«

Im Pool bewegte sich nur noch das Wasser. Manning und seine Girls waren wie erstarrt.

Einen Atemzug lang glaubte Milo, daß ales reibungslos klappen würde. Doch er hatte den Gedanken noch nicht zu Ende geführt, als er das leise Geräusch rechts hinter sich hörte.

Er wirbelte herum. Drei Kerle spurteten auf ihn zu. Sie waren vollständig bekleidet. Sie hatten anscheinend in einem Nebenraum gelungert, während ihr Boß sich vergnügte.

»Stehenbleiben!« brüllte Milo und hatte die Waffe im selben Augenblick im Anschlag.

Der schnellste der Bodyguards ließ sich nicht beeindrucken. Er war den beiden anderen um drei Schritte voraus — ein bulliger Kerl mit eingedellter Nase. Er glaubte nicht daran, daß der G-man den Revolver einsetzen würde.

Damit hatte er recht.

Milo fintete geschickt, ließ den Angreifer leerlaufen und setzte sofort nach. Den 38er hielt er in der Linken, während er eine brettharte rechte Handkante herabsausen ließ. Er traf den Bulligen punktgenau in der Nackengegend. Aus dem Schwung heraus sackte der Mann auf den wasserfesten Teppichboden — wie eine riesige Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hatte.

Im Whirlpool war Bewegung entstanden. Milo bemerkte es aus den Augenwinkeln heraus. Seine Aufmerksamkeit galt den beiden anderen Bodyguards. Sie zögerten, wichen zurück und entschieden sich dann für den vorläufigen Rückzug.

Der Mann, der plötzlich aus dem Durchgang auftauchte, war dunkelhaarig, athletisch gebaut und ungewöhnlich elegant gekleidet. Einen bestechenden Kontrast zu seinem maßgeschneiderten Anzug bildete die reinseidene Krawatte.

Blacky griff sich einen Leibwächter und trieb ihn mit gepunkteten Fausthieben zurück in die feuchtwarme Halle. Der Kerl stöhnte, gurgelte und ruderte haltsuchend mit den Armen. Es ließ sich nicht vermeiden, daß der andere sein Heil in der Flucht suchte.

Gerade noch rechtzeitig wandte sich Milo wieder dem Whirlpool zu. Die drei nackten Girls hatten die quirlenden Fluten bereits verlassen und verschwanden in einem der vielen Hinterzimmer. Eine dicke Mahagonitür knallte hinter ihnen zu.

Geringe Beweglichkeit war Mannings Nachteil. Wie ein großer, dicker Käfer versuchte er, am jenseitigen Beckenrand hochzukrabbeln. Doch er schaffte es nicht, seine blanke Kehrseite hinaufzuwuchten. Immer wieder rutschte er ab.

Dann, als der von Blacky getriebene Leibwächter mit lautem Klatschen in den Pool stürzte, schrie Manning erschrocken auf.

Milo stand bereits vor ihm und zeigte ihm erst die Dienstmarke und dann den Haftbefehl. Der Anblick des 38ers tat ein übriges, um Mannings Fluchtgedanken endgültig versiegen zu lassen. Milo deutete auf die gekachelten Stufen, die aus dem Becken führten.

»Nehmen Sie den normalen Weg, Manning! Kein Grund zur Eile.«

Der Dicke schnappte nach Luft, öffnete und schloß den Mund, ohne einen Ton hervorzubringen. Es mußte wohl an der wasserreichen Umgebung liegen,- daß er dabei an einen gutgenährten Karpfen erinnerte. Er gehorchte, und Milo überwachte ihn beim Ankleiden in einem Nebenzimmer.

Unterdessen hatte Blacky auch den triefendnassen Leibwächter mit Handschellen verziert.

Wenige Minuten später waren die Kollegen der State Police zur Stelle. Sie hatten den dritten im Bunde der Bodyguards geschnappt. Nach kurzer Besprechung mit den FBI-Beamten organisierte der Lieutenant den Abtransport der Gefangenen.

Den Sauna-Club unter die Lupe zu nehmen, wäre Zeitverschwendung gewesen. Mannings Brötchengeber hinterließen in ihren verschiedenen Etablissements keine Spuren, die einen Hinweis auf ihre weitverzweigten Geschäfte gegeben hätten.

 

 

6

Shari Bancroft hörte das Schrillen des Telefons schon, als sie gerade aufschloß. Sie stürmte in den Korridor, ließ Handtasche und Einkaufstüte fallen, trat die Tür ins Schloß und rutschte auf etwas aus, das auf dem Fußboden lag. Aber sie hielt ihr Gleichgewicht, erreichte den Living-room und riß den Hörer von der Gabel. »Hallo?«

»Miß Bancroft?« Eine sachlich klingende Männerstimme.

»Ja. Mit wem spreche ich?« Shari holte tief Luft, um wieder zu Atem zu gelangen.

»Highway Patrol, Abschnitt Gray Oaks, Yonkers. Lieutenant Thorpe am Apparat. Bitte haben Sie Verständnis, daß ich mich vergewissern muß! Nennen Sie mir Ihren vollen Namen und Ihre Adresse!«

Shari zog die Augenbrauen zusammen und starrte den Telefonapparat an. »Hören Sie, Mister! Ich habe den Verdacht, daß Sie gar kein Lieutenant sind. Wenn Sie glauben, daß Sie gleich anfangen können, mir irgendwelche schmutzigen Sachen zu erzählen, dann haben Sie sich…«

»Wenn Sie wollen, können. Sie zurückrufen«, fiel ihr der Polizeibeamte ins Wort. »Ich habe Ihnen meinen Namen, meinen Dienstgrad und meine Dienststelle genannt. Also bitte, Miß Bancroft!«

»Verzeihen Sie«, antwortete sie leise. »Man erlebt einfach zuviel. Also: Ich heiße Shari Bancroft, bin 23 Jahre alt, ledig und von Beruf Verwaltungsangestellte bei der städtischen Wohlfahrtsbehörde New York. Meine Adresse ist 223, West 56th Street. Genügt das?«

»Ja, danke, Madam. Der Name Ihres Vaters ist Harry Bancroft? Geschäftsführer des Supermarkts Easy an der Steinway Street in Queens?«

»Ja, Sir, das ist richtig.« Shari spürte plötzlich einen seltsamen Druck in der Kehle. Ihre Stimme klang auf einmal nicht mehr klar, sondern unnatürlich heiser. Und ihr Herz schlug heftig und dröhnend, ohne daß sie es wollte. »Um Himmels willen, was ist mit Dad geschehen?«

»Bitte seien Sie tapfer, Miß Bancroft! Ihr Vater ist vor einer Stunde verunglückt. Ein Verkehrsunfall auf dem Interstate Highway 87. Sein Wagen ist aus noch ungeklärter Ursache gegen den Betonpfeiler einer Überführung geprallt. Ihr Vater war auf der Stelle tot, Miß Bancroft. Er hat nicht gelitten. In seinen Papieren sind Sie als nächste Angehörige angegeben. Ich muß Sie leider bitten, das persönliche Eigentum des Toten abzuholen und…«

Shari hörte die Worte des Beamten nur noch wie durch einen Wattebausch. Ihr Blick richtete sich ins Leere, nahm die Umgebung nicht mehr wahr.

Auf gerader Strecke… überhöhte Geschwindigkeit… keine Bremsspuren…

»Vielen Dank für Ihren Anruf«, sagte Shari tonlos und legte auf.

Wie eine Schlafwandlerin erledigte sie die Handgriffe, die sie jeden Tag nach Feierabend zu tun hatte. Ihr Bewußtsein war wie ein gähnend leerer Hohlraum. Sie konnte nicht denken. Nur die Worte des Lieutenants hallten dröhnend in dem hohlen Raum nach.

… ungeklärte Ursache…

… auf der Stelle tot…

… nicht gelitten…

Shari hängte ihre Handtasche an die Garderobe und hob die Einkaufstüte auf. Ihr Blick fiel auf etwas Weißes. Sie war fast darauf ausgerutscht, als sie das Telefon gehört hatte.

Ein Briefumschlag. Mit staunend geweiteten Augen hob sie ihn auf. Keine Briefmarke, kein Poststempel, die Beschriftung ungewöhnlich.

An Shari, meine geliebte Tochter!

Ihr Herzschlag raste, als sie den Umschlag auf riß. Nur ein Bogen Papier befand sich darin. Der Text war nur kurz, die unverkennbare Handschrift ihres Vaters. Ihr Gehirn erfaßte die Buchstaben und formte sie zu Worten. Doch den Sinn begriff sie erst nach einer Ewigkeit, nachdem sie die Sätze wieder und wieder gelesen hatte.

Shari, mein Kleines!

.Du weißt, daß ich seit dem Tod Deiner Mutter ein einsamer Mensch gewesen bin. Es hat mir Freude gemacht, Zusehen, wie Du Dein eigenes Leben angepackt und in die richtigen Bahnen geleitet hast. Ich hoffe, ich bin Dir nicht zur Last gefallen, und ich hoffe ebenso, daß Du mich nicht vermissen wirst.

Für mich hat nichts mehr einen Sinn, Shari. Wenn ich nicht selbst aus dem Leben scheide, werden andere mich töten. Du weißt, was passiert ist, als die FBI-Beamten versuchten, eine Falle zu stellen. Jetzt habe ich einen neuen Drohanruf erhalten. Man läßt mich nicht in Ruhe. Die Organisation ist stärker als ich.

Ich werde Dir die Schande ersparen, daß Dein Vater Selbstmord begangen hat. Es wird aussehen wie ein Autounfall. Bitte habe Verständnis!

Plötzlich, als Shari kraftlos an der Wand lehnte, brachen die Tränen hervor. Der Weinkrampf schüttelte ihren Körper durch. Erst nach langer Zeit versiegte der Tränenstrom. Der Schleier wich von ihren Augen, und sie sah wieder das Stück Papier. Erst jetzt wußte sie, daß sie ein Beweisstück in den Händen hielt.

Milo fackelte nicht lange und ließ sich Manning in einem Vernehmungszimmer des FBI-Distriktgebäudes vorführen.

Mit krawattenlosem Hemd und knittrigem Maßanzug erinnerte er nur noch wenig an den Boß, um den sich alles drehte, sobald er bei den Girls im Club auftauchte. Milo verzichtete darauf, das Spotlight einzuschalten und dem Dicken ins Gesicht zu richten. Statt dessen bot er ihm eine Zigarette an. Die versöhnliche Geste verfehlte ihre Wirkung nicht. Gus Manning griff zu. Seine fleischige Hand zitterte dabei.

»Was soll das ganze Theater?« fragte er nach dem ersten Zug. Er inhalierte den Zigarettenrauch tief. Seine Stimme hatte einen wehleidigen Klang. »Sie wissen, daß mein Anwalt mich in zwei, drei Stunden wieder rausholt, Mr. Tucker.«

Milo nickte. Er tat, als zögere er mit der Antwort. Dann stand er auf und ging zum Kaffeeautomaten in der hintersten Ecke. Mit zwei dampfenden Bechern kehrte er zurück.

»Sie wissen, weshalb ich ohne Ihren Anwalt mit Ihnen reden möchte. Dies ist kein Verhör, Manning.«

Der Dicke nahm seinen Kaffeebecher entgegen. »Wollen Sie mich verwöhnen? Und wenn ich nicht so will, wie Sie wollen, dann ziehen Sie die harte Tour ab?« Der G-man schüttelte den Kopf. »Es soll nur ein Hinweis darauf sein, wie wir miteinander zurechtkommen können — vorausgesetzt, Sie sind zur Zusammenarbeit bereit.«

Manning schlürfte und setzte den Becher ab. »Wüßte nicht, daß meine Karten so schlecht sind.«

»Sie sind schlechter, als Sie denken«, engegnete Milo rauh. »Glauben Sie, der Attorney läßt einen Haftbefehl ausstellen, nur weil ihm Ihre Nase nicht paßt?« Manning wurde nachdenklich. Seine Augen schienen hinter den wulstigen Tränensäcken zu versinken. »Sondern?«

»Punkt eins: Ein FBI-Beamter ist entführt worden, und ein Unbekannter wird ihn vermutlich als Geisel benutzen. Ich brauche Ihnen nichts weiter zu erklären. Es handelt sich um meinen Kollegen Jesse Trevellian, und Sie wissen auch, warum er gefangengehalten wird.«

Gus Manning konnte sich ein hämisches Grinsen nicht verkneifen. »Aha. Deshalb ist der ganze Polizeiapparat in New York scharf wie eine Rasierklinge. Könnte es nicht sein, daß Sie ein bißchen überstürzt handeln, G-man?«

»Ich glaube kaum.« Milo drückte seine Zigarette aus und lehnte sich zurück. »Was den Attorney so sehr beeindruckt hat, ist eine Zeugenaussage. Ein V-Mann hat sie uns besorgt. Und es ist klar, daß das FBI nur V-Leute beschäftigt, mit denen sich vor Gericht etwas anfangen läßt.« Manning wurde bleich. Der Zigarettenstummel verqualmte zwischen seinen Wurstfingern. »Eine Aussage gegen mich?«

»So ist es.«

»Was für eine Aussage?«

»Das will ich Ihnen sagen. Sie haben im Fall Bancroft als Auftragsübermittler fungiert. Das heißt, Sie haben die Anweisungen für den bezahlten Killer in einen toten Briefkasten gebracht. Was dann beim Supermarkt passiert ist, haben Sie wahrscheinlich gelesen. Wollen Sie noch mehr Einzelheiten? Bei dem toten Briefkasten handelte es sich um ein Autowrack an der Jay Street vor Pier 99. Unsere Erkennungsdienstler haben dort ein paar hübsche Fingerprints von Ihnen gesichert. Der Organisation Shaftoe würde es bestimmt wenig gefallen, wenn Sie unter diesen Umständen frei herumliefen.« Beim Klang des Namens war Manning zusammengezuckt. Er stöhnte auf, wie unter einem Schmerz. »Hören Sie auf!« bat er weinerlich. »O verdammt, hören Sie bloß auf!«

»Gut«, sagte Milo. »Dann reden wir über die Zukunft. Haben Sie von dem Schutzprogramm für wichtige Zeugen des Bundesanwalts gehört?«

»Ich wußte, daß Sie mir damit kommen würden«, murmelte Manning dumpf.

»Es ist ein Angebot. Wenn Sie lieber mit Ihrem Anwalt reden wollen…«

»Damit Shaftoe in einer Stunde weiß, daß Sie mich in den Sack gesteckt haben? Nein, Sir, ich habe keine Wahl. Ich muß Ihr Angebot annehmen.«

»Gut. Sie werden für die Übergangszeit an einem geheimen Ort unter Polizeischutz gestellt und erhalten später eine völlig neue Identität. Sie werden alle Brücken,zu Ihrer Vergangenheit abbrechen müssen.«

»Fällt einem nicht schwer, wenn man dafür das Leben noch ein bißchen genießen kann.«

Milo lächelte verständnisvoll. Dieses Zeugen-Schutzprogramm des FBI war eins der wenigen geeigneten Mittel, um brauchbare Aussagen gegen die großen Bosse des organisierten Verbrechens zu erhalten. Graham Shaftoe gehörte zu den größten.

»Wir brauchen einen Hinweis auf den unbekannten Killer«, sagte Milo. »Der Attorney wird Sie glatt umarmen, wenn Sie uns etwas Brauchbares liefern.«

»Da lasse ich mich denn doch lieber im Sauna-Club umarmen«, entgegnete Manning grinsend. Er wurde ernst. »Der Bursche ist ein Unbekannter, arbeitet aber mit Erfolg. Kein Mensch hat ihn jemals gesehen. Nur durch Mundpropaganda hat er sich einen Namen gemacht. Es heißt, daß er noch nie einen Auftrag in den Sand gesetzt hat.«

»Und wie beauftragt man ihn?«

»Man gibt eine Kleinanzeige auf. In einer der großen Tageszeitungen. Der Morning Mirror reicht dafür wohl nicht.« Manning grinste anzüglich. »Text: Suche Mister Nobody. Dann eine Telefonnummer. Man kann also sichergehen, daß sich nur der meldet, der gemeint ist.«

»Und weiter?« fragte Milo. Er ließ sich nicht anmerken, daß er innerlich wie elektrisiert war.

»Wenn er anruft, nennt man ihm einen toten Briefkasten, bringt den Auftrag schriftlich hin, und er meldet sich dann wieder telefonisch. Wenn er den Auftrag annimmt, nennt er seinen Preis.«

Milo stand auf. »Alles Weitere nehmen wir später zu Protokoll.«

Gus Manning blickte zu ihm auf. »Jetzt haben Sie’s eilig, was?«

 

 

7

Ich hatte mich getäuscht, wenn ich glaubte, übermäßig gut behandelt zu werden. Die Mittagsmahlzeit war ausgefallen. Ein paarmal waren spielende Kinder zu hören gewesen. Ich brüllte aus Leibeskräften, doch ohne Erfolg.

Das Tageslicht hatte sich verändert. In ein oder zwei Stunden, so schätzte ich, würde es dunkel werden. Vielleicht tauchte mein Entführer doch noch einmal auf, um mir das Abendessen zu bringen.

Schon vor Stunden hatte ich beschlossen, mich auf eine solche Möglichkeit vorzubereiten. Den ganzen Nachmittag scheuerte und dehnte ich die Schnur am Wasserrohr. Beim Frühstück hatte ich gesehen, daß ich mit einer Kunststoff-Wäscheleine mit dünnem Drahtkern an das Rohr gebunden war.

Das Zeug war überaus reißfest. Aber ich baute meine Hoffnungen auf den rostigrauhen Eisenmantel des Wasserrohrs.

Nach stundenlangem Auf und Ab meiner Handgelenke und nach ebenso langem Zerren war ich jetzt sicher, daß sich allmählich etwas tun müsse.

Ich sollte mich nicht täuschen. Wenige Minuten später klang das schabende Geräusch auf dem Eisenrohr plötzlich anders — hell und dünn.

Die Kunststoffummantelung war durchgescheuert — mindestens von einer, wenn nicht gar von mehreren Schnurwindungen! Der blanke Drahtkern kratzte jetzt über das rostige Eisen.

Der kleine Erfolg beflügelte mich. Ich bewegte die Arme schneller hinter dem Rücken und achtete nicht auf den Schmerz, den die Stahlkanten der Handschellen verursachten. Ein paar Druckstellen und Abschürfungen waren nichts, verglichen mit dem, was der Killer mit mir vorhatte.

Plötzlich ruckte es, und auf einmal vergrößerte sich der Abstand der Schnur vom Wasserrohr. Ich verspürte das kindliche Verlangen, in Triumphgeschrei auszubrechen. Aber ich beherrschte mich. Mindestens an einer Stelle war der Drahtkern durchgescheuert. Ich ließ locker, krümmte die Hände nach oben und konnte die Schnur nach und nach auseinanderzupfen.

Ohne Zeit zu verlieren, rappelte ich mich auf. Im ersten Moment fühlte ich mich höllisch unsicher. Meine Beine waren wie Gummi. Dann, nach ein paar Lockerungsübungen, konnte ich in dem engen Raum umherhüpfen, ohne sofort das Gleichgewicht zu verlieren. Bei gefesselten Fußgelenken und mit den Händen auf dem Rücken war das keine leichte Übung. Aber ich schaffte es, zum erstenmal einen Blick durch das Kellerfenster zu werfen. Ich bog den Kopf in den Nacken und sah eine rauchgeschwärzte Fassade mit glaslosen Fensterhöhlen. Der Himmel war wolkenverhangen. Es regnete.

Details

Seiten
123
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941678
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904907
Schlagworte
mister nobody trevellian

Autor

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Titel: Trevellian suchte Mister Nobody