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Trevellian - Wer überlebt, bestimmt der Boss

2020 126 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian - Wer überlebt, bestimmt der Boss

Copyright

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Trevellian - Wer überlebt, bestimmt der Boss

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Carl Dobson stemmte sich schnaufend aus den Polstern des Beifahrersitzes hoch. »Sieht so aus, als ob ich nichts mehr vertragen kann, wie machst du das bloß - den ganzen Abend nüchtern bleiben?«

Milo Tucker grinste. »Wenn ich für dich den Fahrer spiele…« Seine Stimme war wie abgeschnitten. Blitzschnell packte er zu, erwischte Dobson im Nacken und stieß ihn mit dem Kopf voran nach unten. Dobsons Schädel schrammte über das Handschuhfach. Er schrie vor Schreck und vor Schmerz.

Das Hämmern hallte wie Donner zwischen den Hauswänden. Die Kugelgarbe zerschmetterte Sicherheitsglas und stanzte Karosserieblech. Glaskrümel regneten ins Wageninnere. Dobson schrie nicht mehr.

Milo hatte sich nach links geworfen, stieß sich von der Mittelkonsole ab und schnellte mit der auffliegenden Fahrertür auf den Asphalt.

Der zweite Feuerstoß der MPi hackte wütend in die Wagenflanke. Dobsons Überlebenschancen sanken auf ein Minimum. Spätestens in der nächsten Sekunde mußte sich der Heckenschütze eingeschossen haben.

Milo rollte sich auf dem Asphalt zum Wagenheck, zog den Colt Cobra und kam halb hoch. Geduckt ging er neben dem Kofferraum in Stellung.

Seine Bewegung war nicht unbemerkt geblieben.

Der dritte Kugelhagel schrammte über die Kofferraumklappe.

Milo spürte den sengenden Luftzug der Geschosse. Es war, als ob eine heiße Hand über seine Haare strich. Er duckte sich tiefer und zerbiß einen Fluch auf den Lippen. Der Schießer war ein gerissener Bursche. Der wußte, daß ihm von Dobson im Moment die geringere Gefahr drohte. Der andere konnte ihm Dampf unter dem Hintern machen — Milo Tucker, der sich Milo Durante nannte.

Der Schießer war schnell, verteufelt schnell.

Kurze, hastige Schritte waren nur für eine halbe Sekunde zu hören. Dann hämmerte die MPi von neuem los, ohne daß Milo auch nur eine Chance gehabt hätte, seinen kurzläufigen Revolver in Anschlag zu bringen.

Das Plexiglas der linken Heckrückleuchte flog auseinander, von den Kugeln in tausend Bestandteile zerlegt. Wie ein Schwarm rötlicher Kleinstinsekten schwirrten die Splitter nach allen Seiten davon.

Dem G-man war klar, was ihm blühte. Der MPi-Mann versuchte, ihn zuerst zu töten, denn es gab keinen anderen Weg mehr, Dobson auszuschalten.

Die nächste Geschoßgarbe würde nicht mehr an ihm vorbeisirren.

Ohne länger zu überlegen, warf sich der G-man lang ausgestreckt auf den feuchtkühlen Fahrbahnbelag. Blitzschnell glitt er nach links unter den Wagen.

Gerade noch rechtzeitig.

Dort, wo er eben noch gekauert hatte, rissen Geschosse eine Reihe von blumenkohlartigen kleinen Kratern in den Asphalt.

Milo gelang es, sich bis unter die Heckstoßstange voranzuarbeiten.

Der Schießer, der in einer Toreinfahrt stand, sah ihn im selben Moment. Er schwenkte die MPi und senkte den Lauf.

Milo hatte den Colt nur um einen Sekundenbruchteil schneller im Anschlag. Visieren und Durchziehen waren eins. Die stupsnasige Waffe ruckte in seiner Rechten. Zweimal. Meterlang stach das Mündungsfeuer in die Dunkelheit.

Die Mündungsblitze der Maschinenpistole wanderten schräg nach oben weg. Von der Wucht der Einschüsse getrieben, wankte der Heckenschütze in den Torweg. Seine vollautomatische Waffe verstummte. Ein Scheppern erklang hohl, als die MPi zu Boden fiel.

In die beklemmende Stille klang leises, noch fernes Sirenengeheul. Jemand hatte die City Police angerufen.

Milo robbte unter dem Wagen hervor. Ihm blieb keine Zeit, das Notwendige zu tun. Seinen Auftrag durfte er nicht gefährden. Unter keinen Umständen!

Er hatte einen Mordanschlag verhindert. Es war Notwehr gewesen — in jeder Beziehung, denn der heimtückische Schießer hatte es auch auf ihn abgesehen gehabt. Er würde seine Handlungsweise jederzeit vor dem District Attorney rechtfertigen können.

Er halfterte den Colt und schwang sich hinter das Lenkrad. Dumpf fiel die Tür ins Schloß. Die Hinterreifen kreischten gequält, als Milo das Gaspedal durchtrat.

Dobson sah ihn mit großen, flackernden Augen von der Seite an. Er hatte sich wieder aufgerichtet und betastete seinen Kopf mit der rechten Hand.

»Diese Schweine«, flüsterte er. »Diese verfluchten Schweine machen tatsächlich Ernst.«

»Hast du was abgekriegt?« fragte Milo und zog den Wagen an der nächsten Kreuzung nach links. Das Sirenengeheul wurde wieder leiser. Ein Zeichen dafür, daß man ihnen nicht folgte. Die Cops konzentrierten sich auf den Ort des Geschehens. Sie hatten noch keine Ahnung, daß da jemand das Weite suchte.

Dobson lachte leise. Es klang abgehackt. »Du hast mir fast den Schädel eingeschlagen. Aber sonst bin ich heil geblieben.« Er winkte ab, als sei der Vorfall nebensächlich und belanglos gewesen. Doch seine Hände zitterten, als er sich gierig eine Zigarette anzündete.

Milo sah es, ohne den Kopf wenden zu müssen. »Bist wohl ein wichtiger Mann, was? Mordanschläge gibt es doch normalerweise nur bei Präsidenten und solchen Leuten.«

Dobson lachte erneut, übertrieben und gekünstelt diesmal. »Da kannst du mal sehen, mein Lieber!« Er klemmte sich die Zigarette zwischen die Zähne und boxte dem Mann, den er für Milo Durante hielt, freundschaftlich in die Rippen. »So einen Superstar kutschierst du hier durch die Gegend. Davon kannst du später mal deinen Enkelkindern erzählen.« Sein gewollte Heiterkeit steigerte sich zu schallendem Gelächter.

Milo lachte mit, wurde dann aber ernst.

»Kann mir nicht passieren, Carl. Kinder, kriege ich nie. Das heißt, bis jetzt ist mir noch keine begegnet, die eins von mir wollte.« Er bog nach links ab in die Tenth Avenue, Fahrtrichtung Downtown. Sie mußten weg von Dobsons Bude, so schnell und so weit wie möglich!

Der Mobster schüttelte tadelnd den Kopf. »Sag sowas nie, wenn Palmers es mitkriegt! Der kann Leute ohne Familiensinn nicht ausstehen. Für ihn sind Frauen hauptsächlich dafür da, daß sie Kinder kriegen. Am besten eins nach dem anderen. Und am allerbesten ist es, wenn’s nur Jungen sind.«

»Klingt südländisch. Wenn dein Boß keinen amerikanischen Namen hätte, würde ich sagen, er ist…«

»Ist er doch, Mann, ist er doch! Sein Großvater hieß noch Palmero, ist damals aus Sizilien rübergekommen. Der würde sich im Grab umdrehen, wenn er wüßte, daß sein Enkel den Familiennamen geändert hat.« Dobson lehnte sich zurück. »Fahr in die nächste Querstraße und stell den Wagen auf einen von diesen unbeleuchteten Parkplätzen! Fingerprints verwischen und dann weg!«

Milo gehbrchte. Für Dobson war er der Vietnam-Veteran, der seit der Entlassung aus der Army nie etwas Rechtes gefunden hatte, obwohl er zu allem bereit war. Einer, der einen guten Job noch zu schätzen wußte.

»Warum setzen sie nur einen einzelnen Burschen auf dich an?« fragte er, als sie den Bürgersteig entlanggingen. Sie waren die einzigen Fußgänger. Nur in den Hauseingängen und Torwegen lungerten ein paar finstere Gestalten.

»Keine Zeugen«, antwortete Dobson. »Wenn es den einen erwischt, gibt es keinen anderen, der vielleicht überlebt und eine Aussage machen kann. Klar?«

»Hm. Und wer hat was davon, dich umzulegen? Darf man das fragen?«

»Darf man. Ob man eine Antwort kriegt, ist ’ne andere Sache.« Dobson grinste und vergrub die Hände in den Hosentaschen. »Aber bei dir will ich nicht so sein. Konkurrenz, sage ich dir, die gottverdammte Konkurrenz! Wenn du bei uns reinkommst, blüht dir das genauso. Sie sind froh, wenn sie einen von uns erwischen können, und wenn’s nur so ein kleines Licht ist wie ich.«

»Komm, komm!« rief Milo. »Du und ein kleines Licht!«

Dobson grinste geschmeichelt. Vor einem Laden mit verstaubten Sexmagazinen blieb er stehen und linste durch das vergitterte Schaufenster. »Du kannst jetzt abhauen, Durante. Ich komme allein klar.«

Milo spielte den Überraschten. »Im Ernst? Wo willst du denn hin, Mann? Ich meine, in' meiner Bude ist noch Platz. Oder wir könnten noch einen trinken gehen und…«

Dobson legte ihm die Hand auf die Schulter. »Bei jedem anderen würde ich sagen, er redet zuviel. Bei dir nicht. Ich weiß, daß du’s ehrlich meinst. Hau jetzt ab!«

Milo zog die Schultern hoch. Er wußte, daß Dobsons Anweisung unwiederruf lieh war. Und es war ihm auch klar, daß es der Stolz des Mobsters nicht zuließ, sich für die Lebensrettung zu bedanken. Trotzdem war die Lage nicht schlecht.

Milo nickte dem dunkelhaarigen Mann noch einmal zu, bevor er sich abwandte und zur Tenth Avenue zurück marschierte. Er fand eine gemütliche Pizzeria, bestellt sich eine Quattro Stagioni und ein Glas Chianti und spielte den Gelangweilten. Wenn es jemand gab, der ihn beobachtete, dann sollte er sich jetzt die Beine in den Bauch stehen.

Anderthalb Stunden später wußte Milo, daß sich kein Mensch für ihn interessierte — abgesehen von der grellgetünchten Bordsteinschwalbe, die in viertelstündigen Abständen dreimal versucht hatte, an seinem Tisch zu landen. Leute, die einen Schein springen ließen, waren knapp geworden, in New York City wie fast überall auf der Welt.

Milo nahm ein Taxi und fuhr nach Downtown in die Mott Street. Dort gönnte er sich einen Expresso in einem Stehausschank, schlenderte bis zur Canal Street und fuhr mit der Subway hoch bis zur West 42nd Street.

Trotz der späten Stunde herrschte dort immer noch lärmender Hochbetrieb. Es gibt Leute in New York City, die die West 42nd für den Nabel der Welt halten. Andere verachten sie als den schlimmsten Sündenpfuhl.

Milo baute sich wartend vor einer Telefonzelle auf, die von einem urwelthaften Wesen besetzt war. Es trug eine Art dunkelbraunes Bärenfell und sah darin aus wie eine zottige Kugel, aus der unten zwei dürre weiße Spinnenbeine ragten. Oben hatte das Wesen noch einen menschlichen Kopf mit einem gesteiften weißblonden Haarkranz, der an mittelalterische Zeichnungen des aztektischen Sonnengottes erinnerte. Nur aus der Form der Beine folgerte Milo, daß es sich um ein weibliches Wesen handelte.

Geduldig zündete er sich eine Zigarette an. Freie Telefonzellen sind in Manhattan selten. Aber Telefonzellen sind immer noch abhörsicher.

Nach fünf Minuten gab das zottige Girl das Glashäuschen frei. Milo trat ein und wählte die Privatnummer seines Freundes und Kollegen Jesse Trevellian.

 

 

2

Die abendlichen Anrufe waren fest vereinbart. Das regelmäßige Lebenszeichen, das Milo von sich geben mußte. Zu seiner eigenen Sicherheit.

Nach dem dritten Rufzeichen nahm ich ab.

»Heute habe ich einen Riesenschritt nach vorn gemacht«, sagte Milo. »Allerdings war der Preis zu hoch.«

»Laß hören!« forderte ich knapp. Ich ahnte, was kommen würde. Bei mir liefen alle Meldungen zusammen, die mit Dobson und dem gesamten Palmers-Syndikat zu tun hatten — auch wenn das nur im entferntesten der Fall war.

Zwei Minuten später wußte ich genau Bescheid.

»Was ist mit dem MPi-Schützen?« fragte Milo gepreßt. »Hast du schon etwas gehört?«

»Ja«, antwortete ich. »Der Mann ist tot. Joel Norris, einer aus dem Claymore-Syndikat. Alter, fang nicht an, dich mit Selbstvorwürfen zu plagen! Du hast in Notwehr gehandelt. Das ist eindeutig.«

»Nur fehlen die passenden Zeugenaussagen. Und weshalb sollte einer, der in Notwehr gehandelt hat, vom Tatort verschwinden?«

»Fang nicht damit an! Du weißt verdammt genau, daß alles geregelt ist. Sofort nachdem uns der Fall gemeldet wurde, haben wir die Mordkommission Über deinen Einsatz informiert. Auch der zuständige Attorney ist unterrichtet.«

»Okay, dann bin ich beruhigt.« Es klang nicht sehr überzeugend, und das war nicht erstaunlich. Kein G-man, kein Polizeibeamter tötet einen Menschen und geht hinterher im Handumdrehen wieder zur Tagesordnung über. Daß man nur in Notwehr zum äußersten Mittel greift, versteht sich dabei von selbst.

»Hast du sonst noch etwas?« fragte ich. »Ja«, antwortete Milo heiser. »Bist du schreibbereit?«

Ich brummte zustimmend und notierte mir die Stichworte, die er durchgab. Nachdem wir unser Gespräch beendet hatten, rief ich den diensthabenden Kollegen von der Nachtbereitschaft an und nannte ihm die Einzelheiten. Es mußten ein paar Vorbereitungen für den nächsten Morgen getroffen werden.

Ich genehmigte mir meinen Feierabend-Bourbon und eine Zigarette und versenkte mich in die Couchecke.

Milo hatte seinen Telefonbericht mit einer Erfolgsmeldung begonnen, und das war der entscheidende Punkt. Seit vier Wochen lebte er als Milo Durante in einem schäbigen möblierten Zimmer an der Tenth Avenue, zwischen West 50th und 5 Ist Street. Er war aus Chicago herübergekommen — ausgestattet mit der besten Legende, von der ich je gehört hatte.

Den echten Milo Durante gab es tatsächlich. Wahrscheinlich hauste er irgendwo in Montana oder South Dakota in einer einsamen Berghütte und wurde rund um die Uhr von US-Marshals bewacht. Die Behörden versorgten ihn mit einer neuen Identität. Wenn er in einigen Wochen oder Monaten wieder unter Menschen ging, hatte Milo Durante endgültig aufgehört zu existieren. Spätestens dann mußte auch mein Freund und Kollege seinen Einsatz beendet haben.

Der echte Durante war Zeuge in einem Strafprozeß gegen Chicagoer Gangster gewesen. Der Attorney und die zuständigen Behörden hatten sich vorher verpflichtet, ihn vor der Rache der Verurteilten und ihrer in Freiheit lebenden Komplicen zu schützen. Federal Witness Protection Program nennt sich das — Schutzprogramm der Bundesbehörden für Zeugen. Es hat den Nachteil für die Betroffenen, daß sie nie wieder in ihre wirkliche Identität zurückkehren können. Doch die meisten ziehen ein Leben unter anderem Namen dem Tod vor.

Es war Milo gelungen, sich in den Machtbereich des Palmers-Syndikats einzuschleichen. Windermeere, unser Maskenbildner, hatte meinen Freund und Kollegen in die Mangel genommen und einen täuschend echten Milo Durante aus ihm gemacht. Dazu trug vor allem der dichte Schnauzbart bei.

Er hatte Dobson kennengelernt und sich mit ihm angefreundet. Wir hatten unsere Erkundigungen eingezogen und Dobson umgekehrt sicherlich auch. In Chicago hatte er immerhin in einem blutigen Machtkampf zwischen zwei Gangsterorganisationen überlebt. Er paßte nach Manhattan wie die Faust aufs Auge.

Carl Dobson war schon kein kleiner Mobster mehr. Bei Gary Palmers, in dem fast militärisch straff organisierten Syndikat, hatte Dobson den Rang eines Gruppenführers. Was wiederum dazu führte, daß die Konkurrenz ihn im Visier hatte. Der abendliche Mordanschlag vor seiner Wohnung hatte es bewiesen.

Für uns war dieser Anschlag im Grunde ein Glücksfall. Milo mußte sich in Dobsons Augen als Bewerber um einen Job im Syndikat endgültig bewährt haben. Auch waren die Zeiten vorbei, in denen der Mob nur reinblütige Sizilianer in seine Reihen aufnahm. Denn dann hätte nicht einmal Steve Tardelli eine Chance gehabt, Milos Rolle zu spielen. Wegen seiner blonden Haare nützte Steve der italienische Name gar nichts. Jeder Sizilianer stufte ihn sofort als Nachkömmling der ungeliebten Norditaliener ein.

Solbald die entscheidende Information von Milo eintraf, konnten wir losschlagen. Unser Aufgabengebiet war bekannt. Auf der einen Seite das voll funktionierende Palmers-Syndikat. Auf der gegnerischen Seite die Mitstreiter Claymores, den Palmers durch Spitzel und raffinierte Schachzüge ans Messer geliefert hatte.

Claymore saß mit seiner Führungsspitze im Gefängnis und versuchte offenbar von dort aus, seine zum Torso geschrumpfte Gang wieder zu einem vollwertigen Organismus zu machen. In der Unterwelt wurde gemunkelt, daß das auch gelingen konnte.

Claymores Restgang stand mit dem Rücken an der Wand und ging überhöhte Risiken ein. Es sollte das größte Rauschgiftgeschäft abgewickelt werden, das New York City jemals erlebt hatte. Wann das stattfinden sollte, war für uns vom FBI genauso interessant wie für Palmers und seine Leute.

Der Anschlag auf Dobson hatte ebenso seinen Sinn wie ähnliches Geplänkel, das in den vergangenen Wochen stattgefunden hatte. Die Konkurrenten versuchten, sich gegenseitig zu schwächen, damit man zum entscheidenden Schlag ausholen konnte.

Meine Kollegen und ich wollten auf alle Fälle dabei mitmischen.

 

 

3

Die straff gepolsterten Sitze vibrierten unter uns. Das Heulen der warmlaufenden Turbine war dank der Helme und der Cockpitschalldämpfung nur als sanftes Hintergrundrauschen zu hören. Ich rückte das bleistiftdünne Mikro der in den Helm integrierten Funksprechanlage zurecht und warf einen Blick auf meine Armbanduhr.

6.45 Uhr morgens.

Steve Tardelli, neben mir auf dem Copilotensitz, hob die rechte Faust mit aufgerichtetem Daumen und sah mich dazu fragend an. Ich schüttelte den Kopf. Für einen Start war es noch zu früh. Wir hatten nicht die leiseste Ahnung, wie der Einsatz ausgehen würde. Deshalb konnte wir es uns nicht leisten, Treibstoff zu verschwenden.

Frühe Sonnenstrahlen blinzelten rötlich-matt und mehrfach gebrochen durch den Wolkenkratzerdschungel von Manhattan Downtown. Auf unserer Seite herrschte noch trübes Zwielicht. Über uns ragten die Türme des World Trade Center auf, düster und drohend mit ihrer noch fast dunklen Westseite. Die Plattform, auf der unser Bell Jet Ranger sich warmheulte, war auf einem alten Pier am Hudson River aus mächtigen Pinienbohlen zusammengefügt. Träge und mit schmutzig schaumigen Wellen wälzte sich der Fluß auf die Upper Bay zu.

Ein ankommendes Funkgespräch begann mit scheppernden und krachenden Lautsprechergeräuschen. Wir konnten froh sein, wenn atmosphärische Störungen uns den Job nicht überhaupt restlos verdarben. Nicht selten bricht der Funkverkehr in New York City in einem hoffnungslosen Chaos zusammen.

»Charlie für Alpha«, drang eine kratzende und völlig verzerrte Stimme an mein Ohr. »Charlie für Alpha! Alpha, bitte kommen! Over.« Nur mit viel Fantasie konnten Steve und ich uns vorstellen, daß es sich bei dem Urheber dieses Quäkens um Blackfeather, unseren indianischen Kollegen, handelte.

»Alpha für Charlie«, meldete ich mich. »Bitte kommen! Over.«

»Objekt Delta soeben an Ort und Stelle eingetroffen. Delta setzt sich in Bewegung. Jetzt! Over.«

»Verstanden, Charlie«, antwortete ichj »Over und Ende.« Ich gab Steve ein Handzeichen.

Er nickte. Von jetzt an war er für den Funkverkehr zuständig. Navigationsaufgaben würde es für ihn zunächst nicht geben. Ich erhöhte die Drehzahl der Turbine, und das Vibrieren unserer Libelle nahm zu. Noch einmal blickte ich auf die Armbanduhr.

6.58 Uhr.

Der Zeitplan stimmte. Linhart war mit der ersten Morgenmaschine aus Washington D. C. um 6.50 Uhr auf La Guardia gelandet. Nur fünf Minuten hatte er gebraucht, um den für ihn persönlichen gecharterten Shuttle-Hubschrauber zu erreichen. Blackys Mitteilung besagte, daß der Helicöpter jetzt gestartet war. Nach zwölf Minuten Flugzeit würde er den Downtown-Heliport unmittelbar oberhalb der Ferry-Terminals erreichen.

Ich zog den Bell hoch. Mit gesenkter Nase jagte ich die Maschine der City Police in Richtung Flußmitte, nahm Kurs auf die am Horizont erkennbare Hudson Bridge und ging in einen zügigen Steigflug über. In Höhe des Empire State Building ging ich auf Gegenkurs und nahm das World Trade Center als vorläufiges Zielobjekt.

Unter uns war der Hudson River mittlerweile zu einem stumpfgrauen Band zusammengeschmolzen. Gebäude, Straßen und Autos glichen einer naturgetreuen Modellanlage des südlichen Manhattan.

»Sind wir nicht zu früh dran?« rief Steve über Bordfunk.

»Wir gehen in Lauerstellung«, antwortete ich. »Das ist besser als minutenlanges Kreisen.«

Steve sah mich verblüfft an, erwiderte aber nichts. Immerhin — er hatte sich meinen fliegerischen Fähigkeiten anvertraut. Der Job konnte ein Himmelfahrtskommando werden. Deshalb hatte ich das Risiko keinem Piloten von der City Police zumuten wollen.

Ich nickte Steve beruhigend zu. Wie die meisten Kollegen weiß er, daß ich die Lizenzen für Sportflugzeuge und Hubschrauber besitze und das jährliche Flugstundensoll noch immer erfüllt habe.

Der Doppelturm des World Trade Center wurde größer und größer — kantige Riesenpflanzen, die aus briefmarkenkleiner Wurzel emporzuwachsen schienen. Steve sah die weißen Landekreuze auf der Dachplattform des nördlichen Turms und zog verstehend die Augenbrauen hoch.

Über Funk kündigte ich mich beim Flugservice des World Trade Center an.

Zwei Minuten später setzte ich die Landekufen unseres Vogels butterweich auf eins der beiden Kreuze und senkte die Turbinendrehzahl ab. Die Kanzelnase war nach Brooklyn gerichtet, dessen scheinbar endloses Häusermeer von den Strahlen der auf steigenden Sonne vergoldet wurde. Aus dem Dunst schälten sich die Brücken über den East River. Wir konnten den gesamten Downtown-Bezirk von Manhattan überblicken.

Ich glaubte, die Gefühle eines großen Raubvogels nachempfinden zu können, der sich den höchsten Punkt in der Landschaft als Ausguck ausgesucht hat. Nur waren Steves und meine Absichten nicht räuberischer Art — auch wenn wir vorhatten, jemand im Genick zu packen.

Uns blieb keine Zeit für eine Lagebesprechung.

Weit entfernt im Nordosten wuchs ein flirrender Punkt über der Wiliamsburg Bridge heran. Der Punkt vergrößerte sich rasch, und die Farbkombination Blau-Gelb wurde erkennbar — die Farben des Shuttel Air Service. Shuttel bedeutet Pendelverkehr. Die Firma beförderte mit ihren Hubschraubern eilige Fluggäste von den New Yorker Airports nach Manhattan oder umgekehrt.

Bei der Maschine handelte es sich um einen Bell UH1B, ausgemustertes Army-Modell, generalüberholt, neulackiert.

Ich wartete, bis der dickbauchige Vogel die Brooklyn Bridge überflogen hatte und mit dem Sinkflug in Richtung Heliport begann. Blacky hatte inzwischen die Kollegen verständigt, das wußten wir. Joe Kronberg, Les Morell, Hyram Wolfe und Floyd Winter waren in der Nähe des Heliport unauffällig in Stellung gegangen. Unterstützt wurden sie von Streifen der City Police, die ebenfalls in ausreichendem Sichtschutz bereitstanden.

Ich drehte die Turbine hoch und zog den Steuerknüppel zu mir heran. Unser Jet Ranger erhob sich willig von der luftigen Plattform. Zum Schein ließ ich ihn über den Wolkenkratzern ein paar 100 Meter weit in Richtung Uptown schweben.

»Er ist in Höhe Wall Street«, meldete Steve über Bordfunk. Er hatte das Geschehen von seinem Platz aus besser im Blickfeld.

Ich nickte und legte die Maschine auf Ostkurs.

Oberhalb der Brooklyn Bridge jagte ich über den East River hinweg. Gleich darauf, über dem Brooklyn Queens Expressway, legte ich die Maschine in einen scharfen Bogen nach Südwesten.

Der Shuttle-Hubschrauber mit Emerson Linhart an Bord befand sich jetzt im direkten Landeanflug.

Ich stieß mit unserem viel schnelleren Jet Ranger auf ihn zu und mußte wieder an den Raubvogel denken, der sich auf sein Opfer stürzte.

 

 

4

Joe Kronberg und Les Morell hielten den Atem an. Joe packte das Fernglas fester und drehte noch einmal an der Scharf Stellung. Von ihrem Standplatz hinter einem Betonpfeiler des South Street Viaduct konnten sie die gesamte Plattform des Heliport überblicken. Zwei Maschinen standen dort mit schlaff herabhängenden Rotorblättern. Der Hauptbetrieb begann erst später am Vormittag.

»Der hat noch nichts gemerkt«, sagte Les, der wie gebannt zu dem herabschwebenden Shuttle-Hubschrauber spähte.

»Wie sollte er auch?« entgegnete Joe dumpf. » Jesse kommt aus der Sonne heraus. Ganz schön clever für einen, der nie Jagdflieger gewesen ist.«

Les nickte versonnen. »Kannst du Einzelheiten erkennen? Ist Linhart wirklich an Bord?«

Joe wollte nicken. Er wollte seinem Kollegen schildern, daß er den fülligen grauhaarigen Mann hinter dem Kanzelglas der Riesenlibelle sehen konnte. Doch er erstarrte. Die Knöchel seiner Finger, die das Fernglas hielten, traten plötzlich weiß hervor.

Der Hubschrauber befand sich nur noch ein paar Meter über der Landeplattform.

Die Sonne ließ den Schatten des heranrasenden Jet Ranger über ihn hinweghuschen.

Überdeutlich sah Joe Kronberg, wie der grauhaarige Linhart zusammenzuckte. Die füllige, kleine Gestalt schraubte sich vom Sitz hoch. Waffenstahl schimmerte plötzlich unverwechselbar in seinem brünierten Mattschwarz.

»He, was hat das zu bedeuten?« rief Les Morell fassungslos.

Die Turbine des Shuttel Bell heulte auf. Der Jet Ranger stand jetzt wie mit gespreizten Klauen über ihm, bereit zum Zupacken. Die rechte Cockpittür war geöffnet. Steve Tardelli hielt die Thompson Submachine Gun schußbereit auf den Knien. Linhart galt als gefährlich, und meistens hatte er einen oder zwei Body-Guards bei sich. Notfalls mußten die Gangster mit ein paar Warnschüssen aus dem Himmel heraus in Schach gehalten werden, damit die Kollegen am Boden sie überwältigen konnten.

Doch dazu kam es nicht.

Joe Kronberg sah noch das entsetzte Gesicht des Piloten, der zu einer Wahnsinnsreaktion gezwungen wurde. Dann war die unheilvolle Entwicklung der Dinge nicht mehr aufzuhalten.

Der UH1B ging in einen viel zu rasanten Steigflug über. Um nicht mit dem über ihm hängenden Jet Ranger zu kollidieren, jagte er auf das South Street Viaduct zu und stieg im letzten Moment hoch. Nach einer höllisch riskanten Kehre von den angrenzenden Gebäuden schwenkte er wie ein Pendel zum East River.

Abermals folgte eine zu hastige Kursänderung, als der Jet Ranger zur Verfolgung ansetzte. Um Sekunden zu lange blieb der Pilot dicht über der Wasserfläche. Jäh zog er die Maschine hoch. Was er auch tat — das Risiko war teuflisch. Die Brooklyn Bridge unterqueren, seitlich wegschwenken oder darüber hinwegfliegen — in jedem Fall standen die Chancen 50:50.

»Ist der denn wahnsinnig!« schrie Les Morell entnervt.

Der Pilot mußte sich in Panik befinden. Er versuchte, die Brücke zu überfliegen. Jesse schaffte es nicht mehr, sich vor seine Nase zu setzen und ihn abzudrängen.

Er sah aus, als quälte sich der UH1B schräg über die obersten Stahltrossen der Brückenkonstruktion hinweg — wie ein Hochspringer, der den Rekord mit aller Gewalt schaffen will.

Ein häßliches, klatschendes Geräusch entstand.

Einen Sekundenbruchteil lang schien es ohne jegliche Bedeutung. Dann taumelte der dickleibige Bell wie trunken. Im nächsten Moment fiel er an der Nordseite der Brücke wie ein Stein in die Tiefe.

Die Rotorblätter drehten sich noch und peitschten das Wasser beim Aufschlag. Bis zu den Brückenfahrbahnen gischtete es hoch. Es klang wie eine Explosion.

Das aufgewühlte Wasser des East River glättete sich rasch wieder.

 

 

5

Als wir auf der Plattform des Heliport landeten und aus der Maschine stiegen, waren bereits alle Rettungsmaßnahmen veranlaßt — so sinnlos sie auch sein mochten.

Joe Kronberg und die anderen waren zur Stelle, und am Funkgerät unseres Hubschraubers verfolgten wir stumm die Meldungen, die durch den Äther schwirrten.

Es war, wie wir befürchtet hatten: Unser Einsatz war mißglückt.

Milos Information über das Eintreffen Emerson Linharts hatte uns die Möglichkeit gegeben, einen entscheidenden Schlag gegen die Rauschgiftbranche zu führen. Linhart galt als einer der führenden Großdealer, und es hieß, daß er zu wichtigen Vorgesprächen mit Palmers’ Konkurrenten in New York eintreffen werde.

Brachten wir Linhart auf Nummer Sicher, konnten wir wahrscheinlich einen blutigen Bandenkrieg in unserer Stadt verhindern. So hatte Milos These gelautet, und ich hatte ihm recht geben müssen. Mein Plan war es gewesen, den Hubschrauber auf der Landeplattform festzunageln, damit er sich beim Anblick der Kollegen nicht wieder in die Luft erheben konnte.

Mit Linharts wahnwitziger Reaktion hatte ich nicht rechnen können. Er hatte den Piloten, sich selbst und seine beiden Bodyguards umgebracht. Die Rotorspitzen hatten die Stahltrossen der Brooklyn Bridge berührt und die Maschine abstürzen lassen.

Taucher bargen die vier Leichen, bevor sie von der Strömung abgetrieben wurden. Wenig später hievte ein Schwimmkran das Hubschrauberwrack ans Tageslicht.

Ein merkwürdiges Gefühl beschlich mich, als wir den Schauplatz des Geschehens verließen.

Waren wir etwa ungewollt zum Handlanger Gary Palmers’ geworden?

 

 

6

Das leise Klappern von Frühstücksgeschirr gehörte wie selbstverständlich zu den Geräuschen eines milden Vormittags. Singvögel zwitscherten in den Obstbäumen. Im Zwinger gaben die beiden Schäferhunde ungeduldige Winsellaute von sich. Sie ahnten den Zeitpunkt des fälligen Morgenspaziergangs, als hätten sie eine eingebaute Uhr.

Über die Baumkronen hinweg fiel der Blick auf die schillernde Weite des Golfs von Palermo. Segelboote und eine weiße Jacht, die beim Einlaufen in den Hafen ihre heisere Typhonstimme hallen ließ. Postkartenromantik, die Don Ignazio Garnacho jeden Tag von neuem genoß. Nichts von all dem, was er erreicht hatte, nahm er als selbstverständlich hin.

Der schlanke Mann mit dem silbergrauen Haar hob die rechte Hand nur ein wenig und wandte sich seiner Familie zu. Es war das Zeichen, daß nun alle mit ihren belanglosen Gesprächen beginnen durften. Don Ignazio beteiligte sich selten daran. Er zog es vor, schweigend am Kopfende des Tisches zu sitzen und sie anzusehen.

Dieses Frühstück auf der Terrasse der Villa mochte keiner von ihnen missen. Es vermittelte das Gefühl von Herrschaftlichkeit. Fürsten hatten sich in früheren Jahrhunderten an der Parklandschaft dieses Grundstücks erfreut, das bis zum Meeresufer hinunter reichte. Das war längst Geschichte. Schon seit mehr als einem halben Jahrhundert residierte die Familie Garnacho hier, in der bevorzugten Wohnlandschaft am Golf.

Lächelnd sah Don Ignazio seiner Frau zu, wie sie sich in ein Gespräch mit Gianna, der jüngsten Tochter, vertiefte. Mit ihren 22 Jahren hatte Gianna ständig ihre unendlich schwerwiegenden Problemchen zu bewältigen, bei deren Lösung la Mamma immer noch die beste Psychotherapeutin war.

Carmine und Massimo, die beiden jüngeren Söhne des Ehepaars Garnacho, waren noch immer Junggesellen. Und Vincente, der an diesem Morgen durch Abwesenheit glänzte, zog es vor, sich durch ständig neue Frauengeschichten seinen Pflichten zu entziehen, die den Fortbestand des Familiennamens betrafen. Vielleicht war Vincente aber mit seinen 24 Jahren auch noch im Recht, wenn er sich den Wind des süßen Lebens um die Ohren wehen ließ.

Carla, mit 26 Jahren die älteste der Geschwister, lebte nicht mehr in der Familie. Mit Billigung Don Ignazios hatte sie einen jungen, erfolgreichen Chirurgen in Mailand geheiratet. Und es sah ganz so aus, als ob Carla die erste sein würde, die Don Ignazio und seine Ehefrau Lucia zu stolzen Großeltern machen würde.

Don Ignazio wurde aus seinen Gedankengerissen.

Eilige Schritte näherte sich auf dem Weg aus Marmorbruchplatten von den Garagen her. Carmine und Massimo hoben den Kopf. Sie wirkten plötzlich sprungbereit und angespannt. Nur Lucia und Gianna plapperten unentwegt weiter.

Die beiden Söhne sahen den Vater fragend an. Don Ingazio schüttelte sacht den Kopf. Er erkannte jeden aus seiner Familie an den Schritten, ohne zu sehen. Wer dort herbeieilte, war niemand anders als Vincente.

Mit federnden Bewegungen trat Don Ignazios Nachfolger gleich darauf auf die Terrasse. Vincente war mittelgroß und drahtig. Auch mit seinem Gesichtsschnitt und den schwarzen Haaren war er wie ein Abbild seines Vaters in jungen Jahren.

Vincente wandte sich sofort dem Familienoberhaupt zu. Die übrigen Anwesenden begrüßte er nur mit einer flüchtigen Handbewegung. Auf ein zustimmendes Nicken Don Ignazios zog er sich einen Stuhl heran und beugte sich zum Ohr seines Vaters vor, wie er es bei wichtigen und vertraulichen Nachrichten gewohnt war.

»Ich habe eine Nachricht aus dem Gefängnis«, flüsterte Vincente. »Eine schlimme Nachricht. Leider.«

Don Ignazio blieb äußerlich völlig ruhig, obwohl er wußte, daß die Neuigkeiten, die in diesen Tagen aus dem Gefängnis von Palermo an die Öffentlichkeit drangen, stets nur bestürzend waren.

Aber es war auch viel Sensationshascherei dabei.

»Bevor du weitersprichst«, murmelte er so leise, daß die anderen es nicht verstehen konnten, »bist du sicher, daß die Nachricht echt ist?«

»Völlig sicher, Vater. Freunde von mir haben die Meldung herausschmuggeln lassen. Durch Freunde ihrerseits, die ihnen verpflichtet sind. Alle Beteiligten würden sich lieber eine Hand abhacken lassen, wenn…«

Don Ignazio winkte ab. »Schon gut. Das genügt. Du hast inzwischen gelernt, was Zuverlässigkeit ist. Also laß hören!« Vincente senkte seine Stimme weiter, so daß sie nur noch ein Hauch war. »Das Schwein hat wieder herumgeprahlt, Vater. Er hat getönt, er werde jetzt seinen größten Widersacher zu Fall bringen. Genau das hat er gesagt. So lauteten seine Worte. Seinen größten Widersacher…« Vincente holte Luft. Er hatte sich in Zorn geredet. Sein Gesicht rötete sich.

Don Ignazio nickte, als habe er nichts anderes erwartet. »Gut, das soll er also gesagt haben. Ein Mann wie Tomasino Rafaele redet viel an einem langen Tag. Wer waren die Zuhörer?«

»Seine Mitgefangenen draußen auf dem Gefängnishof. Es heißt, wenn sie Hofgang haben, schart er sie um sich wie ein Prediger seine Gemeinde. Sie lesen ihm jedes Wort von den Lippen ab — ihm, dem großen Mafioso, der beschlossen hat, von nun an auf dem rechten Pfad zu wandeln und allen schmutzigen Ballast von sich abzuschütteln.«

Don Ignazio lächelte kaum merklich. »Du kannst dich gut in sein Gauklerdenken hineinversetzen.«

»Aber in Wahrheit hat er Angst, stimmt’s? Wann wird ihm endlich das Maul gestopft? Vater, ich habe es schon so oft gesagt: Ich bin bereit, selber das Kommando zu übernehmen…«

Don Ignazio schnitt seinem Sohn mit einer Handbewegung das Wort ab. »Nein. Du irrst dich, Vincente. Tomasino Rafaele hat keine Angst. Wenn es eine Möglichkeit gäbe, ihn zum Schweigen zu bringen, dann wäre das längst geschehen. Nein, mein Sohn, sie haben einen perfekten Schutzwall um ihn herum aufgebaut. Seit sie immer mehr Kriminalbeamte aus dem Norden zu uns holen, verlieren unsere Mittel ihre Wirksamkeit.«

Vincente Garnacho sah seinen Vater bestürzt an. »Um Himmels willen, du sprichst, als ob du vor dem Schwein ins Mauseloch kriechen wolltest!«

Jäh nahm Don Ignazios Gesicht einen harten Zug an. In seinen Augen entstand ein metallischer Glanz, der seinen Sohn zusammenzucken ließ. »Wenn ich beabsichtige, das Handeln und Denken eines alten Mannes an den Tag zu legen, dann wird das meine eigene Entscheidung sein. Keiner meiner Söhne hat das Recht, darüber zu befinden, wann ich alt genug bin, um in ein Mausloch zu kriechen.« Seine Worte waren wie eine Ohrfeige.

Vincente nahm die Zurechtweisung ohne Protest hin. Er senkte den Kopf. »Verzeih! So habe ich es nicht gemeint.«

»Das ist keine Entschuldigung. Ein Mann muß intelligent genug sein, um zu wissen, welche Wirkung seine Worte hervorrufen können — auch wenn er diese Wirkung nicht beabsichtigt.«

»Ja, Vater. Was wirst du jetzt tun?« Don Ignazio erhob sich. Seine Bewegungen wirkten müde. »Es wird eine weitreichende Entscheidung sein. Warte hier bei den anderen!« Er wandte sich ab, ohne eine Antwort abzuwarten.

In den Augen Carmines und Massimos brannte die Neugier. Sie würden Vincente bedrängen, und er würde sich wieder einmal daran weiden, ihnen die Neuigkeiten bröckchenweise hinzuwerfen.

Don Ignazio spürte auch den forschenden Blick seiner Frau. Sie kannte ihn lange und gut genug, um zu ahnen, daß Tiefgreifendes geschehen würde. Nur Gianna bekam nichts mit. Sie war zu sehr mit den eigenen Kleinigkeiten beschäftigt, als daß sie noch Augen und Ohren für ihre Umwelt hatte.

Jeder aus der Familie würden den Schock auf seine eigene Weise empfinden.

Don Ignazio trat in den Garten hinaus und schlenderte den Weg entlang, der zum Meer hinunterführte.

Den Schock konnte er ihnen nicht ersparen. Es fragte sich nur noch, in welchen Bahnen er das weitere Geschehen lenkte. Darüber mußte er nachdenken. In aller Ruhe.

Auf manche wirkte Tomasino Rafaele wie ein Fluch, wie ein Gottesurteil. Don Ignazio teilte solche Ansichten nicht. Seiner Meinung nach gab es nichts, was sich nicht mit Logik erklären ließ.

Viele einflußreiche Familien in Palermo und Umgebung waren ihres Oberhaupts beraubt worden. Rafaele hatte mit seinen Aussagen dafür gesorgt. Gerade jene, die eine solche Gefahr am weitesten von sich gewiesen hatten, waren am ehesten vom Schicksal ereilt worden.

Jetzt hockten sie hinter Gittern und verfolgten die Schlagzeilen, die tagtäglich damit prahlten, welche neuen und großartigen Erfolge Polizei und Staatsanwaltschaft im Kampf gegen die Mafia errungen hatten.

Es waren keine selbstverdienten Erfolge. Es war der Zufallstreffer, der ihnen mit Tomasino Rafaele gelungen war. Durch seine eigene Dummheit hatte Rafaele den Ermittlungsbehörden jene Beweisführung ermöglicht, durch die er sich selbst zu Fall gebracht hatte. Doch in seiner Selbstüberschätzung glaubte Rafaele, daß es andere gewesen waren, die ihm die Fallstricke gelegt hatten — Konkurrenten wie Don Ignazio Garnacho.

Und jetzt folgte die Rache aus dem Gefängnis heraus. Rafaele, der Narr, weidete sich an den vielen Zeitungs- und Fernsehberichten, in deren Mittelpunkt er stand.

Don Ignazio blieb stehen und blickte auf das Meer hinaus. Ohne daß er einen Entschluß gefaßt hatte, sagte ihm eine Ahnung, daß dieser Augenblick der Vergangenheit angehörte. Ein Abschnitt seines Lebens war beendet.

Denn man konnte es drehen und wenden, wie man wollte — man konnte Rafaele einen Narren und einen Schweinehund nennen. Es änderte alles nichts daran, daß man ihn ernst nehmen mußte.

Etwa eine Viertelstunde war vergangen, als Don Ignazio zur Terrasse zurückkehrte. Die Blicke der Familienmitglieder richteten sich voller Spannung auf ihn. Selbst Gianna hatte ihr Plappern eingestellt.

»Ich habe Über Vincentes Mitteilung nachgedacht«, sagte er. Seine Stimme klang müde und gleichgültig. »Hört meine Entscheidung: Wir werden Palermo verlassen. Es geht nicht anders. Ich selbst werde unsere lieben Verwandten in New York anrufen und sie bitten, uns aufzunehmen. Den Gefallen werden sie uns tun. Sie sind es uns schuldig. Alle organisatorischen Dinge wirst du abwickeln, Vincente.«

Der älteste Sohn starrte das Familienoberhaupt entgeistert an. Donna Lucia und die anderen wagten es nicht, auch nur ein Wort zu sagen. Don Ignazios Entscheidungen waren noch immer Gesetz. Daran hatte sich nie etwas geändert.

»Die lieben Verwandten?« rief Vincente aufgebracht. »Du hast sie nie ausstehen können, weil sie ihre sizilianische Herkunft verleugnen. Und jetzt willst du ihnen die Füße küssen?«

Don Ignazios Stimme war eisig, als er seinen Sohn zurechtwies. »In unserer Familie war es nie üblich, daß ich meine Befehle begründen mußte. Und ich habe nicht vor, diese Tradition zu ändern.« Er setzte sich wieder auf seinen Platz am Kopfende des Tisches. »Wir verlassen Palermo nach Einbruch der Dunkelheit. Bis dahin mußt du alles geregelt haben, Vincente. Nur das Notwendigste wird mitgenommen.«

Für die Familienmitglieder hatte der Morgen alle Freundlichkeit verloren. Das eben noch heitere Zwitschern der Vögel war jetzt wie ein schriller Spottgesang.

 

 

7

Milo nahm einen Schluck aus der Bierdose, streckte die Beine auf dem knarrenden Sofa aus und griff nach der Fernbedienung für den Fernseher. Er schaltete die Programme durch, und der Kasten röhrte in höchster Lautstärke von der Waschmittelreklame bis zu einem Kriegsfilm, in dem finster blickende Deutsche gutherzige Amerikaner umbrachten.

Es war Milo anfangs höllisch schwergefallen, das Leben des Mannes zu führen, den er darzustellen hatte. Vortäuschen ließ sich dabei nichts. Auch die Wohnungsnachbarn mußten mitkriegen, daß er tagsüber einen faulen Lenz hatte. Er gehörte zu der Sorte, die in den Tag hinein döste und erst abends oder nachts munter wurde. Dieser Eindruck mußte sich festsetzen, und zwar bei jedem, dem er irgendwann oder irgendwie begegnete Dieser Milo Durante verdiente sein Geld nicht mit einem normalen Job. Das munkelte inzwischen jeder in dem Haus an der Tenth Avenue, zwischen West 50th und 5 Ist Street.

Im Treppenhaus knarrten die Stufen. Die Kinder, die eine Etage tiefer lärmten, wurden still. Milo hatte die Geräusche des Hauses zu deuten gelernt. Da war jemand im Anmarsch, der nicht hierher gehörte.

Er tastete nach dem Colt Cobra, den er in Kopfhöhe unter das Polster des Sofas geschoben hatte.

Das Treppenknarren und die Schritte endeten. Jemand klopfte.

»Come in!« brüllte Milo gegen den Fernsehdonner von Artilleriegeschützen an.

»He, was ist hier los?« Carl Dobson schob den Kopf durch die nur knapp geöffnete Tür. »Welcher Krieg ist ausgebrochen?«

Milo winkte ab und tippte auf die Tontaste, die dem Fernseher die Gurgel abdrehte. »Wenn man vom Teufel spricht!« brummte er und grinste.

Dobson schloß die Tür hinter sich, kam näher, warf einen Blick auf das stumm flimmernde Fernsehbild und zupfte sich eine Zigarette aus der Packung, die auf dem Tisch lag.

»Mit wem willst du denn geredet haben? Hast du eine Puppe da irgendwo?« Er deutete auf den offenen Durchgang zur Küche und zu den übrigen Räumen.

»Ausnahmsweise nicht«, antwortete Milo feixend, schwenkte die Beine vom Sofa und bediente sich selbst aus seiner Zigarettenschachtel. »Hab’ in Gedanken gesprochen. Oder Selbstgespräche geführt. So genau weiß ich das nicht mehr. Drehte sich aber um dich.«

»Und? War’s was Gutes?« Dobson fing die Bierdose auf, die Milo ihm zuwarf.

»Wie man’s nimmt. Wenn du nicht geklopft hättest, hätte dich mein 38er-Lauf begrüßt. Ich denke nämlich, daß wir schon ein paarmal zusammen gesehen worden sind.«

»Ja, und?«

»Wenn sie es auf dich abgesehen haben, könnte es sein, daß sie sich auch mit mir beschäftigen.«

»Damit mußt du rechnen. Oder heißt das, du hast die Hosen voll?«

»Sehe ich so aus?« Milo grinste noch breiter. »Und jetzt kreuzt du auch noch in meiner Bude auf! Wegweiser für das nächste Schießerkommendo, was?« Dobson stellte seine Bierdose ab, kaum daß er sie geöffnet hatte. »Ich kann auch wieder gehen.«

»Himmel, seit wann bist du so leicht beleidigt? Ich sag’ doch nur, was ich denke. Kannst du das nicht mehr vertragen?«

»Klar doch«, murmelte Dobson und wiegte den Kopf hin und her. Er nahm die Bierdose wieder auf und trank. Mit dem Handrücken wischte er sich den Schaum von den Lippen. »Sieht so aus, als wären wir in der letzten Zeit alle ein bißchen nervös geworden.«

»Ich nicht.« Milo grinste wieder. »Gegen Chicago ist New York direkt eine Erholung für mich.«

»Fang nicht an rumzuprahlen! In Chicago hast du noch auch in einer Sache dringesteckt, und es wurde dir zu brenzlig. Oder?«

»Ja, weiß ich. Kann mir hier auch passieren. Völlig klar. Aber ein bißchen Spaß wird doch wohl noch erlaubt sein. Ist ja auch egal. Von dir kriege ich schließlich keine Dienstanweisungen, oder?«

»Könnte sich aber ändern«, sagte Dobson geheimnisvoll und nuckelte an der Bierdose.

Milo beugte sich vor, furchte die Stirn und sah ihn aus schmalen Augen an. »Wenn das heißen soll, daß du mich für einen Job haben willst, dann spuck es aus! Klartext, Mann! Ich kann es nicht leiden, wenn einer um den heißen Brei herumredet.«

»Liegt nicht an mir. Du bringst mich mit deiner Quatscherei dauernd vom Thema ab. Also…« Er gab sich einen Ruck. »Erstens muß ich mich bei dir bedanken. Hast mir das Leben gerettet.« Er sagte es schnell und hastig und wechselte dann sofort das Thema. »Zweitens dreht es sich nicht um einen Job. Eher um etwas Festes, sozusagen.«

Milo gab seine Zufriedenheit nicht zu erkennen. Er wußte, wie schwer es Dobson fiel, sich zu bedanken. Vielleicht hatte er sogar den Befehl erhalten, es zu tun. Denkbar war es. Wenn er Milo ein Angebot machte, dann mußte er zumindest mit Palmers darüber gesprochen haben.

»Du weißt, ich bin an festen Sachen nicht mehr unbedingt interessiert.« Dobson knurrte unwillig. »Red keinen Quatsch, Mann! Wenn uns ein Einzelgänger nicht in den Kram paßt, kann er’s verdammt schwer haben. An deiner Stelle würde ich nicht lange überlegen.«

»Vielleicht gehe ich zur Konkurrenz«, sagte Milo und lachte glucksend.

Details

Seiten
126
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941647
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904900
Schlagworte
boss trevellian

Autor

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Titel: Trevellian - Wer überlebt, bestimmt der Boss