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Sie reiten für Gerechtigkeit

2020 767 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie reiten für Gerechtigkeit

Um das nackte Leben

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

Im Sattel der Verdammten

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Der Henker wartet

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

Unter Wölfen

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

49. Kapitel

50. Kapitel

51. Kapitel

52. Kapitel

53. Kapitel

Der Todestrail-Kurier

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

Aus Freundschaft wurde Hass

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

Sie reiten für Gerechtigkeit

 

 

Sechs Western großer Autoren in einem Band vereint

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Werner Oeckl und Kerstin Peschel, 2020

Schlusskorrektorat, Redaktion: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

In diesem Band sind folgende Romane enthalten:

 

› Um das nackte Leben von Heinz Squarra

› Im Sattel der Verdammten von John F. Beck

› Der Henker wartet von Glenn Stirling

› Unter Wölfen von Heinz Squarra

› Der Todestrail-Kurier von John F. Beck

› Aus Freundschaft wurde Hass von Glenn Stirling

 

 

***

 

 

Um das nackte Leben

 

 

von Heinz Squarra

 

 

Klappentext:

 

Wie der Mensch zur reißenden Bestie wird, wenn er um das nackte Leben kämpft …

In Texas wütet ein ungewöhnlich strenger Winter, mit klirrender Kälte und meterhohem Schnee. Fünf Männer hausen eher in einer Hütte, als dass sie dort wohnen. Sie leben zwar noch, aber das ist auch das Einzige. Seit über einer Woche haben sie nichts mehr zu essen.

John Barker überwindet seinen Stolz und reitet zur Ranch des Rinderbarons Clifton Peterson, für den die Männer den Sommer über hart gearbeitet haben und bittet um ein paar Nahrungsmittel für seine hungernden Kumpane. Diese werden ihm vom Rancher kategorisch verwehrt. Und damit beginnt der verzweifelte und auch blutige Kampf um das nackte Leben der fünf Freunde, der sie im Laufe der Zeit zu wahren Tieren, zu Bestien werden lässt, die nur ein Ziel kennen: Am Ende des Winters noch am Leben zu sein, egal welche Konsequenzen das für andere hat …

 

 

***

 

 

1. Kapitel

 

John Barker wendet den Blick vom prasselnden Kaminfeuer, als Peggy Peterson den Raum betritt. Sie ist ein gertenschlankes Mädchen mit sehr blonden Haaren und sehr blauen Augen. Und sie ist die Tochter des Ranchers, auf den ihn langsam ein wilder Zorn packt.

Peggy zieht die Tür hinter sich zu und sagt: »Du sollst ins Esszimmer kommen, John. Es ist schon gedeckt. Dad erwartet dich.«

John bewegt sich nicht. Er blickt sie an, und sie erscheint ihm auf einmal fremd. Dabei kennt er sie nun schon drei Jahre, und er weiß, dass sie seine Zuneigung erwidert, obwohl ihr Vater bestimmt nichts davon hält.

»Ich kam nicht, um an eurem Tisch zu essen, Peggy«, sagte er sanft. »Ich kam wegen Vorräten. Ich habe dir gesagt, dass Brad Segal sehr krank ist und dass alle Boys in der Hütte nichts mehr zu essen haben. Hast du es deinem Vater nicht gesagt?«

»Doch, John. Natürlich habe ich es gesagt. Aber … Na ja, er sagte, es würde zu weit führen, wenn er die Boys durch den Winter schleppen würde, nur weil sie im Sommer für ihn gearbeitet haben. Er wird dir das sicher selbst noch sagen. – Komm jetzt!« Ihre letzten Worte kommen drängend. Sie wendet sich schon wieder ab und geht durch die Tür hinaus.

John setzt sich langsam und fast schwerfällig in Bewegung. Er geht hinter ihr her. Er blickt dabei durch das Fenster nach draußen. Der Ranchhof ist mit Schnee bedeckt. Dicke Eiszapfen hängen drüben von der Regenrinne des Bunkhauses. Der Wind heult an den Kanten der Gebäude, und die Pferde im Korral haben sich dicht zusammengedrängt. Schneefontänen werden vom Sturm peitschend in die Höhe getrieben.

Er tritt in den dunklen Flur, sieht drüben die offene Tür des Essraumes und geht hinein. Peggy steht neben dem Tisch. Dahinter sitzt Clifton Peterson auf einer breiten, rot gepolsterten Bank, deren Lehne mit Schnitzereien versehen ist.

»Hallo«, sagt der Rancher. Er ist fünfzig Jahre alt und ein mittelgroßer, fleischiger Mann mit rundem Gesicht und Wurstfingern. Seine Wangen glänzen rosig, und seine Augen strahlen die Fleischschüssel auf dem Tisch an.

Der Geruch, der John entgegensteigt, lässt ihm den Speichel im Munde zusammenlaufen. Er spürt plötzlich den Hunger wie einen bohrenden Schmerz, und er fragt sich, wie lange es nun her ist, seit er das letzte Mal vor einer solchen Fleischschüssel saß.

Ah, es ist lange her. Er weiß nicht mehr, wie lange es nun ist, aber das spielt auch keine Rolle.

Peggy hat einen Stuhl zurechtgerückt und blickt ihn an.

»Setz dich, John«, meint der Rancher mit einer einladenden Geste. »Ich freue mich, dass du dich wieder einmal sehen lässt. Ich glaube, es ist schon wieder vier Wochen her, seit dich der Wind auf diese Ranch getrieben hat.«

»Es war zu Weihnachten«, erwidert John, ohne seine Stellung zu verändern.

»Yeah, richtig. Zu Weihnachten«, nickt der Rancher. »Willst du dich nicht endlich setzen?«

»Nein.«

Die Haltung des Ranchers auf der Bank versteifte sich.

»Peggy sagte mir schon, dass du Vorräte haben willst«, knurrte er. »Für die vier anderen Boys in der Hütte. Aber das geht nicht. Setz dich, ich werde dir alles erklären.«

John bleibt auf dem gleichen Fleck stehen und schüttelt den Kopf.

»Ich kann nicht, Rancher«, wirft er hin. »Ich habe zwar mächtigen Hunger, aber ich kann nichts essen, wenn ich daran denke, dass die anderen Männer in der Hütte hungern. Unsere Vorräte sind seit einer Woche restlos alle. Wir haben nichts mehr! Gar nichts! Keine Krume Brot, kein Gramm Fett, keinen Kaffee, nichts!«

Clifton Peterson steht langsam auf, geht um den Tisch herum und lehnt sich an das Fenster.

Peggy weicht gegen die Wand zurück, und das Heulen des Sturmes draußen steht für Sekunden überdeutlich im Raum.

Dann sagt Peterson: »Sie haben im Spätsommer, als wir nach Abilene kamen, den Mond vom Himmel holen wollen, mein Junge. Sie haben gezecht, bis sie alle unter den Tischen lagen. Sie haben alles verjubelt, was sie verdient hatten. Was kann ich dafür, wenn sie nun nichts mehr haben?«

»Der Winter fing sehr zeitig an«, entgegnet John leise.

»Was kann ich dafür? Ich mache das Wetter nicht. Sie hätten ihr Geld einteilen müssen. Jeder hier unten in Texas weiß, dass ein Cowboy über den Winter ohne Stellung ist. Es ist nichts Neues. Es ist auch keine Erfindung von mir.« Peterson lacht unmotiviert. »Es ist eben so«, redet er weiter und zuckt die Schultern. »Jeder weiß es. Und jeder muss sich danach richten. – Komm, setz dich.«

John geht zurück und greift nach der Türklinke.

»Ein Sack voll Mehl, etwas Schmalz und Fleisch würde uns zwei Wochen weiterhelfen«, sagt er. »Ist es wirklich unmöglich, das zu bekommen?«

»Ich kann das nicht machen, John. Es würde anderen zu Ohren kommen. Die Winterreiter kämen in Scharen zu mir. Nein, es geht nicht. Sie hätten in Kansas nicht alles verprassen sollen.«

John Barker lächelt schwach. Es ist ein bitteres Lächeln, das gar nicht richtig sichtbar wird.

»Wir waren vier Tage in Abilene«, sagt er hart, und sein Gesicht scheint plötzlich wie aus Stein gemeißelt zu sein. »Vier ganze Tage! Und wir hatten drei Monate harter Arbeit hinter uns. Tag für Tag hatten die Boys ihr Leben riskiert, um Ihre Herde nach Kansas zu bringen. Ihre Herde, Peterson! Sie kamen mit fast allen Tieren dort an und machten ein gutes Geschäft. Gewiss, das geht mich nichts an. Aber wenn wir schon ausrechnen, was der Einzelne hätte tun müssen, dann muss die ganze Rechnung aufgemacht werden. Die Boys bekamen einhunderfünfzig Dollar für den ganzen Trail. Bei den meisten ging schon die Hälfte für den Vorschuss ab, den sie unterwegs hatten nehmen müssen. Was blieb ihnen? – Sie aber kassierten für die sechstausend Rinder über einhunderttausend Dollar. Und mehr als die Hälfte davon ist Ihr Reingewinn.«

Petersons Kopf ist zornrot angelaufen. Er kommt einen Schritt auf John zu und bleibt wieder stehen. Und Peggy drückt den Rücken fester gegen die Wand hinter sich.

»Hast du ein Recht, über meinen Gewinn nachzudenken?«, knurrt Peterson. »He, Bursche, hast du ein Recht dazu?«

»Niemand hat ein Recht dazu, sagt man. Ich wollte Ihnen nur vorrechnen, dass Sie Ihrer hungernden Mannschaft einen Sack Mehl schulden.«

»Sie können herkommen und sich satt essen. Sie können auch eine Nacht im Bunkhaus schlafen. Es ist geheizt.«

»Sie werden nicht kommen. Und Sie wissen das ganz genau. Sie sind zu stolz, sich etwas zu erbetteln.«

Der Rancher lacht knurrig und abgehackt. »Komisch«, meint er schließlich. »Du bist doch auch Texaner. Bist du nicht zu stolz, dir etwas zu erbetteln?«

»Nein, Rancher. Ich will, dass alle gut über den Winter kommen.«

»Du meinst, es ändert etwas, wenn man nicht nur für sich bittet?«, fragt Peterson lauernd,

»Ich meine, dass Brad Segal sehr krank ist. Er hat mehrfach Blut gespuckt. Die Boys sagen, es wäre die Lunge. Und die Boys haben Hunger. Sie werden nicht kommen und betteln. Aber sie werden irgendetwas tun, um weiterleben zu können. Und deshalb bin ich hier!«

»Du meinst, sie werden Rinder stehlen, einen Laden in Pecos ausrauben oder irgend so etwas, wie?«

»Was sie tun werden, weiß ich nicht. Jedenfalls wird sie ihr Selbsterhaltungstrieb zu etwas zwingen. Und Ihre Sturheit spielt dabei auch eine Rolle. Ich bitte Sie …«

»Hinaus!«, donnert Peterson. »Es fehlt gerade noch, dass ich in meinem eigenen Haus beleidigt werde. Hinaus, hörst du nicht!« John blickt einen Herzschlag lang in die flammenden Augen des Rinderbarons, dann drückt er die Klinke nieder und tritt in den Flur hinaus. Hinter sich schließt er die Tür. Er hört Petersons raue Stimme durch die Wand dringen, versteht aber nicht, was er noch sagt.

John Barker schlägt sich den Kragen der Mackinshaw-Jacke hoch und zieht den dicken Wollschal über die Nase und den Hut tief in die Stirn. Er tritt vor das Haus und sieht den Vormann Alan Schoop durch das Schneetreiben kommen.

John steigt die Stufen hinunter.

»Hallo«, ruft Schoop, der ein großer, klotziger Mann ist. »Was gibt es heute?« John denkt daran, dass dieser Mann jeden Tag sein gutes Essen und jeden Monat seinen guten Lohn hat. Und mit ihm haben das noch die Männer der Winterwache bei den Rindern. – Die Männer, die Glück hatten, als der Winter anfing.

Er blickt den Vormann an, ohne ihn richtig zu sehen. Es ist, als würde er durch ihn hindurchschauen.

»He!« macht Schoop. Er grinst von einem Ohr zum anderen.

Da geht John an ihm vorbei die Treppe hinunter und durch den Hof zu seinem Cayusen, den er am Korral angehalftert hat.

Schoop blickt ihm nach und schüttelt den Kopf. Dann steigt er die Treppe weiter hinauf.

 

 

2. Kapitel

 

Peggy wendet sich vom Fenster ab, als sie den Reiter nicht mehr sehen kann. Sie schaut erst ihren Vater, dann den Vormann an, der eben den Raum betreten hat.

»Setz dich, Al«, meint der Rancher und lässt sich schnaufend auf der Bank nieder. »Nimm Johns Teller. Der verbohrte Narr wollte kein Essen, wie er keinen Job wollte, als die anderen gehen mussten.«

»Was hat er gewollt?«

»Was schon? Für die anderen Essen betteln. Wahrscheinlich auch für sich. Er war damals in Abilene verdammt sparsam. Nun hat er sicher sein ganzes Geld in Mehl, Schmalz, Tee, Kaffee und Fleisch umgesetzt. Und das alles hat er den anderen in den Rachen geworfen.«

Der Vormann nickt, während er sich an den Tisch setzt.

»Er ist ein Narr«, brummt er. »Ein Gerechtigkeitsnarr, der etwas verändern will. Alles, was er tut, zielt darauf ab, die Rancher zu zwingen, alle Cowboys auch den Winter über zu beschäftigen. Ich glaube, sie werden nun Vieh stehlen, wenn sie nichts mehr haben. – Deine Nordweide ist ihnen am nächsten.«

Peterson hebt den Kopf.

»Ich dachte schon daran«, bekennt er. »Wie viel Männer haben wir dort?«

»Zwei. Ketterer und Fiddler. Sie werden aufpassen, so gut das bei dem Wetter möglich ist.«

»Setz dich doch, Peggy!«, fordert der Rancher seine Tochter auf.

Sie schüttelt den Kopf, blickt dabei auf ihren Vater, der sich eben mit der Silbergabel einen Fleischbrocken aus der Schüssel fischt.

»Ich verstehe nicht, wie ihr essen könnt, während andere, die ihr kennt, verhungern!«, ruft sie hart und wendet sich ab.

Hinter ihr schlägt die Tür zu. In der großen Wanduhr klingelt es leise.

»Sie liebt ihn«, sagt Alan Schoop über den Tisch. »Das wissen Sie auch, was?« »Ich bin nicht blind, Al. Ich habe ihr schon gesagt, dass sie sich das aus dem Kopf schlagen muss. Ich bin ein Rinderking. Es geht nicht, dass meine Tochter mir einen armen Schlucker anbringt. Ich habe ihr das gesagt.«

»Und was hat sie geantwortet?«, fragte Schoop indem er sich vorbeugt.

»Nichts.«

Schoop lehnt sich enttäuscht zurück. »Nichts«, echot er. »Keine Antwort ist bekanntlich auch eine Antwort.«

»Yeah, manchmal. Aber ich weiß, dass sie auch sehr an mir und dieser Ranch hängt. Sie wird sich ausgerechnet haben, dass es zu nichts führt, mir nicht zu gehorchen. – Du reitest nachher sofort zu unserer Nordweide. Wenn ein Rinderdieb auftauchen sollte, so ist er möglichst lebend zu fangen. Wir müssen ein Exempel statuieren.« »Wollen Sie ihn hängen?«

»Rustler wurden immer gehängt«, knurrt Peterson auf seinen Teller blickend.

»In Pecos gibt es einen Sheriff«, wirft der Vormann hin. »Ich weiß, dass er etwas gegen das alte Präriegesetz hat. Er will, dass Banditen vor den Richter der Stadt gebracht werden.«

Peterson blickt auf.

»Es ist bei diesem Wetter unzumutbar, einen Rustler in die Stadt zu bringen. Wir haben hier auch kein Jail, in dem wir ihn aufheben können. Der Sheriff wird das einsehen müssen.«

Peterson schneidet sich eine Ecke des saftigen Fleisches ab und schiebt das Stück in den Mund.

 

 

3. Kapitel

 

Es dunkelt schon, als John Barker die einsame Hütte in dem weiten, von vulkanisch schwarzen Felsentürmen eingeschlossenen Tal auftauchen sieht. Noch immer umgibt ihn dichtes Schneetreiben, und bei jedem Schritt versinkt der Cayusen bis zur Brust und kann sich nur schwer weiterkämpfen. Der Wind zerrt an Johns Hutkrempe und fährt wie mit langen, spitzen Nadeln unter seine dicke Jacke.

Er sieht die Tür aufspringen. Eine lange Lichtbahn fällt in den schimmernden Schnee und eine Stimme ruft: »John, bist du das?«

»Yeah«, schreit er zurück. Und der Wind treibt das Wort vor ihm her.

Er hält vor der Hütte und blickt Jesse Freed, dem kleinen, drahtigen Halbblut ins Gesicht.

»Du hast nichts, Amigo«, sagt Jesse feststellend. »Weißt du noch, was ich dir sagte?«

»Yeah, Jesse, ich weiß es. Aber ich konnte nicht glauben, dass er so hartherzig sein kann. Es war vergebens. Wie geht es Brad?«

»Schlecht. Er redet im Fieber. Er müsste noch einmal nach Pecos, zum Doc. Aber der Kerl verlangt fünf Dollar für die Behandlung. Wir haben keine fünf Dollar mehr.«

John Barker steigt ab. Er hat an das alles gedacht, und er weiß, dass ihre Lage ohne Hoffnung ist.

Jesse nimmt die Zügel des Pferdes und führte es um die Hütte herum zum Anbau.

John geht durch die offene Tür und zieht sie hinter sich zu. Er blickt die beiden Männer an, die am Tisch unter der Kerosinlampe stehen und ihn anstarren. Sie sehen beide hohlwangig und stoppelbärtig aus, und es ist, als wäre ihr Lebenswille tief gesunken. Sein Blick gleitet zu dem dritten Mann weiter, der sich ruhelos in seiner Bunk hin und her wälzt und leise, abgehackte Worte ausstößt.

»Er phantasiert«, meint Larry Goodman, der mittelgroße Reiter am Tisch. »Vor einer Stunde war er ganz klar und wollte seinen Colt haben.« Larry schweigt und beißt sich auf die Unterlippe.

»Vielleicht kannst du dir denken, zu was er ihn haben wollte, John«, dehnt Sam Strohter, der andere am Tisch. Er ist ein großer, schmaler, fast knochiger Mann.

»Ich kann es mir denken«, nickt John. »Es ist gut, dass ihr sie ihm nicht gegeben habt, die Waffe.«

»Es ist eben nicht gut!« schnauft Strorther. Und er hämmert mit der Faust auf den Tisch. »Er könnte jetzt schon alles hinter sich haben. Und verdammt, wir hätten sie ihm gegeben, hätten wir gewusst, dass du mit leeren Händen zurückkommst! Er quält sich nur noch. Vielleicht quält er sich noch lange. Warum? Für ihn gibt es keine Hoffnung mehr.«

John geht um den Tisch herum und beugt sich über den Kranken. Brad Segals Gesicht sieht gelblich aus, und hektische rote Flecken brennen auf seinen Wangen.

»Was hat er gesagt?«, will Strother wissen.

John wendet sich um. Er geht zum Tisch zurück und schaut die beiden Männer abwechseln an. Dann blickt er zum gemauerten Herd in der Ecke, in dem ein dürftiges Feuer brennt. Über dem Herd hängt ein Topf an einer Kette von der Decke herab. Schneewasser dampft in ihm.

»Warum sagst du nichts?«, forscht Sam Strother. »Er muss doch etwas gesagt haben! Oder hast du nicht gefragt?«

»Doch.«

Strother will noch etwas sagen, aber Larry Goodman winkt ab.

»Hör auf«, schnaubt er. »Er hat das gesagt, was wir uns vorher ausgerechnet hatten. Er weiß, dass hier nur fünf Mann hausen. Nur ein Rest seiner Mannschaft, die er in den Winter schickte. Und er weiß, dass einer von uns todkrank ist. Wir sind für ihn keine Gefahr. – Hat er dir etwas zu essen gegeben, Partner?«

»Ich habe es nicht genommen«, entgegnet John und lässt sich müde auf einen Baumstumpf sinken, der als Stuhl dient.

»Nicht genommen.« Goodman nickt. »Ich hätte es auch nicht genommen. – Aber was wird nun?«

Jesse Freed kommt in die Hütte. Ein eisiger Luftzug weht vor ihm her und bläst ins aufsprühende Feuer. Jesse schließt die Tür und zieht fröstelnd die Schultern ein.

»Wir haben kein Holz mehr«, sagt er. »Morgen muss einer von uns losreiten. Vielleicht sollten wir auch die sechste Bunk verfeuern. Diesen Winter kommt niemand mehr.«

»Sie bleibt stehen«, erwidert John. »Im Winter kann immer ein Reiter kommen, der dafür dankbar ist.«

Jesse wendet sich dem Herd zu und stochert im Feuer herum.

»Ich habe Hunger«, knurrt Larry. »Irgendetwas muss passieren. Ich habe seit einer Woche außer drei dünnen Suppen nichts zwischen die Zähne bekommen. Ich friere schon, weil ich so hungrig bin! – Hörst du, John, ich friere vor Hunger!«

»Yeah, ich höre es. Wir müssten versuchen, eine Antilope zu schießen.«

»Sie sind letzte Woche vor dem Blizzard in die Davis Mountains geflohen«, wendet Sam ein. »Hier unten gibt es davon keine einzige Kuh mehr. Und in die Berge kommen wir bei diesem Sauwetter nicht. Wie ist es mit dem Schwarzbären, dessen Spuren du letzte Woche gesehen hast, Jesse?« »Weiß auch nicht. Er muss sich irgendwo verkrochen haben. Vielleicht hat er Nahrung gefunden. Er war bestimmt auf der Suche danach.«

»Wir müssten gemeinsam versuchen, ihn aufzustöbern«, schlägt John Barker vor.

»Damit stehlen wir uns nur selbst die Zeit«, knurrt das Halbblut. »Ich weiß etwas Besseres.«

»Was?«, fragt Sam und setzt sich auf einen knarrenden Stuhl. Er blickt Jesse abwartend an.

»Abilene!«, schreit der Kranke in diesem Moment verzerrt und hebt den Oberkörper halb in die Höhe. »Hoo, Freunde! Abilene. Treibt sie!« Er macht mit der rechten Hand eine Bewegung, als wollte er eine Peitsche schwingen. Dadurch sinkt sein der Stütze beraubter Oberkörper auf die Bank zurück.

Larry ist mit zwei raschen Schritten bei ihm und drückt ihn nieder, als er sich abermals hochstemmen will.

»Abilene, Partner!«, lacht der Kranke hohl. »Ah, siehst du es? Viele Saloons! Und dort, Partner. Es sind Mädchen! Siehst du es?«

»Yeah, Brad, ich sehe es«, sagt Larry ernst. »Aber du musst jetzt schlafen.« »Dort gibt es saftige Steaks«, beharrt der Kranke. »Partner, ich will jetzt ein saftiges Steak. Ein Steak, hörst du!«

»Yeah, Brad. Nachher bekommst du ein Steak.«

Die verkrampfte Haltung des Kranken entspannt sich plötzlich. Wie leblos liegt er wieder auf der Pritsche und nur sein rasselndes Atmen verrät, dass er immer noch unter ihnen ist.

Larry kommt an den Tisch zurück und blickt John an.

»Wir holen ein Kalb«, sagt er gedehnt. »Von hier bis zu Petersons Herde im Norden sind es knapp vier Meilen. Am Morgen haben wir das Fleisch hier.«

John blickt sie der Reihe nach an, und er erkennt, dass sie alle auf diesen Satz gewartet haben. Jeder hat sich nur bis jetzt gescheut, ihn selbst auszusprechen. Nun ist es heraus, steht zwischen ihnen. Und sie blicken ihn an, als sollte er nun sagen, wie sie es machen wollen.

»Es ist der einzige Weg, der uns zu Fleisch führt«, sagt Sam in die eingetretene Stille hinein. »Wenn wir es jetzt nicht machen, werden wir so schwach sein, dass wir nicht mehr in die Sättel kommen. – Jetzt kann es sogar noch einer machen. Wir losen es aus.«

»Yeah, das denke ich auch«, meint Jesse und nickt heftig.

»Ihr seid verrückt«, sagt John. »Peterson weiß genau, dass wir nichts mehr haben. Er wird sich längst ausgerechnet haben, dass dies unser nächster Schritt sein wird. Sie werden die Herde scharf bewachen. Und sie werden den, der es macht, aufhängen.«

»Dann reiten wir zu seiner Westherde. Damit wird er nicht rechnen«, sagt Sam. »Der Weg ist etwas weiter. Aber bis zum Mittag kann der Mann mit dem Fleisch zurück sein.«

Sam steht auf und geht zu einem Wandbrett neben dem Herd. Er kommt mit einem Paket Spielkarten zurück, das er verdeckt auf den Tisch wirft.

»Wer die höchste Karte zieht, macht es«, sagt er. Er spricht leise, und sie blicken sich wie Verschwörer an.

»Lasst es!«, knurrt John rau. »Wir werden einen anderen Weg finden. Wenn sie irgendetwas merken, kommen sie hierher.«

»Der, der es macht, zieht das Kalb unterwegs ab und zerschneidet es. Sie können uns nie beweisen, dass es sein Kalb ist.« John blickt Sam an und schüttelt den Kopf.

»Nein. Es hat keinen Sinn. Wir reiten uns damit nur noch tiefer ins Unglück. Glaubt mir, wir können hier keinen Tag mehr leben, wenn sie etwas gemerkt haben. Wo wollen wir dann hin?«

»Ich habe jetzt Hunger!«, schreit Sam und schlägt auf den Tisch. »Was interessiert es mich, was morgen oder nächste Woche sein wird. Gar nicht!« Er greift nach den Karten, zieht eine heraus und wirft sie herum.

»Kreuz As«, sagt Jesse. »Die höchste Karte, Sam.«

Strother schein etwas zu verschlucken, und sein Gesicht ist noch fahler geworden, sodass es wie durchsichtig aussieht … »Yeah«, gibt er flach zurück. »Kreuz As. Ich werde reiten.«

»Bleib hier!«, kommandiert John, als Strother zur Tür gehen will.

Sam bleibt stehen und wendet sich um. »Was ist noch? Wir haben ausgelost. Ich habe verloren.«

»Du hast voreilig eine Karte gezogen. Wir waren uns noch nicht einig.«

»Doch, John. Wir waren alle dafür, nur du nicht. Und wir haben einmal beschlossen, dass wir das machen, was die Mehrheit beschließt.« Er dreht sich fest um und geht hinaus. Der Wind heult wieder herein und fährt ins Feuer. Dann knallt die Tür zu.

Das Wasser im Topf über dem gemauerten Herd beginnt lauter zu singen.

»Wir haben noch etwas Tee«, meint Larry. »Vielleicht wärmt der uns, damit wir diese Nacht schlafen können.«

 

 

4. Kapitel

 

Peggy betritt den großen Wohnraum der Ranch fast geräuschlos. Trotzdem hört der Rancher sie. Er lässt seine acht Wochen alte Zeitung sinken und blickt ihr entgegen. Sie ist an der Tür stehengeblieben.

Peterson setzt sich in seinem Sessel zurecht und hustet auffordernd.

Aber Peggy sagt nichts. Sie blickt ihn an, und ihre sonst sehr blauen Augen sind heute dunkel.

»Was willst du?«, fragt er mit einem Blick zu dem achtarmigen Leuchter, der an der perlenverzierten Kette von der gekalkten Decke hängt.

»Es ist wegen den Männern in der Weidehütte draußen«, sagt sie herb.

»Was ist mit ihnen?«

»Ich wollte dich bitten, sie nicht zum Äußersten zu treiben. Alle anderen Reiter haben das Land verlassen. Sie sind nach Kansas, New Mexiko oder in andere Staaten. Du weißt, dass es zweifelhaft ist, ob sie im Frühjahr zurückkommen. Es wäre in deinem eigenen Interesse, dir diese Leute zu erhalten.«

»Und was soll ich tun?«

»Sie wie Menschen behandeln, Dad. Sonst nichts.«

Peterson steht mit einem Ruck auf und kommt ein paar Schritte auf sie zu. Direkt unter dem gewaltigen Leuchter bleibt er stehen.

»Wie Menschen …?«

»Yeah. John hatte recht. Diese Männer haben dir dein Geld verdient. Gewiss, du hast ihnen die Ausrüstungen gegeben, die Pferde und die Rinder. Aber ohne diese Männer hättest du nie ein Rind nach Kansas gebracht. Sie haben es verdient, wenigstens im Winter nicht hungern zu müssen.«

Peterson kommt noch näher und stemmt die Hände in die Hüften.

»Der Rancher bin ich«, sagt er schleppend. »Ist das klar?«

»Ich habe dich darum gebeten«, erwidert sie kühl. »Auch John bat dich.«

»John … John! Ich kann diesen Namen schon nicht mehr hören! Weißt du, dass er ein verdammter Narr ist? Er hätte für den ganzen Winter Arbeit gehabt. Leichte Arbeit!«

»Er hätte sie auch genommen, wenn die anderen ebenfalls hätten bleiben können, Dad. – Weißt du, was er einmal zu mir sagte? ›Wenn ich bleibe und im Winter um die Herden reite, dann muss ich damit rechnen, einmal auf einen Mann schießen zu müssen, mit dem ich Steigbügel an Steigbügel geritten bin und der vielleicht sogar vieles für mich getan hat. Deshalb ist er gegangen, wenn andere gehen mussten.« Peterson leckt sich über die Lippen. »Ich hatte gedacht, du hättest ihn dir endlich aus dem Kopf geschlagen«, erwidert er unwirsch. »Merke dir einst: Er wird auf dieser Ranch niemals eine Stimme haben. Vielleicht stelle ich ihn im Frühjahr nicht einmal mehr ein. Warum, weißt du. Kümmere dich jetzt um das Essen für die Männer der Winterwache.« Er dreht sich um und geht zu seinem Sessel zurück.

Peggy spürt ein heißes Brennen auf der Stirn, und sie hat eine harte Erwiderung auf der Zunge. Sie blickt auf den breiten Rücken ihres Vaters und verschluckt die Worte, die sie am liebsten sagen möchte.

Sie greift nach der Klinke und geht hinaus.

In der Küche sieht sie den Vormann. Er sitzt am Tisch und säbelt sich gerade mit seinem Messer einen großen Kanten vom Maisbrot. Als er hineinbeißt, sagt Peggy: »Weißt du, wie es ist, wenn man fürchterlichen Hunger hat? Wenn man friert und kein warmes Feuer findet?«

»Nein, Miss. Ich hatte immer einen Job, falls Sie das meinen.« Schoop grinst sie an.

»Mein Vater hatte dich zur Nordweide geschickt. War es dir draußen zu kalt?« »Ich habe die Leute zur Wachsamkeit ermuntert. Jetzt reite ich zur Westweide. Ich habe mir überlegt, dass sie es vielleicht dort versuchen. Sie kennen sich mit der Wache recht gut aus.«

»Dann solltest du keine Zeit verlieren«, entgegnet sie knapp.

Alan Schoop säbelt sich noch ein Stück Brot ab und schiebt es in die Tasche. Schließlich geht er hinaus.

Peggy lehnt sich gegen den Tisch und blickt ihm nach, bis die Tür zufällt. Sie hört noch seine Schritte im Flur. Dann fällt abermals eine Tür zu. Ein Pferd wiehert. Gedämpfter Hufschlag verklingt.

Peggy blickt über die Regale an der Wand. Sie denkt flüchtig daran, dass sie Schoop das Essen für den Herdenreiter Raksin hätte mitgeben müssen. So wollte es ihr Vater. Aber irgendwie spürt sie plötzlich einen bitteren Groll auf alle Männer, die hier leben. Sie geht zu einem Kasten, aus dem sie einen Sack zieht. Und in diesen packt sie alles, was in den Regalen lagert. Sie schleift den Sack zu einer zweiten Tür, die direkt in den Hof führt.

Schneidend fährt ihr der eisige Wind entgegen, und die tanzenden Schneeflocken setzen sich in ihre Haare und in die Augen. Sie schleift den Sack über die Veranda und wirft ihn an der Ecke in den Hof hinunter. Sie weiß jetzt, dass ihr Vater wahrscheinlich nur deshalb so hartherzig ist, weil John Barker bei den Männern im Wintercamp ist. Ihn will er loswerden, ihretwegen.

Sie steigt über das Geländer und springt hinter dem Sack her. Sie zieht ihn zum Stall weiter und verbirgt ihn unter dem Heu. Anschließend geht sie zurück. Jetzt kann sie nicht reiten. Es würde zu sehr auffallen. Aber am Morgen wird es klappen. Niemand wird etwas merken, wenn sie es geschickt anfängt.

 

 

5. Kapitel

 

Mitternacht ist vorbei. Aber noch immer hält das Heulen des eisigen Windes an, und noch immer fällt der Schnee in dichten Flocken.

Die Longhorns stehen dicht zusammengedrängt in der Talmulde, und das Klappern der langen, geschwungenen Gehörne dringt bis zu Rodd Raksin, der im Schutze eines Felsenturmes ein kleines Feuer entzündet hat und sich daran die kalten Finger wärmt.

Ein Pferd stampft durch den Schnee, und das Knarren von Sattelleder dringt an die Ohren des Cowboys. Er greift nach seinem Gewehr, lässt es jedoch wieder los, als er den Vormann Alan Schoop erkennt.

»Glaubst du nun, dass sie es hier nicht versuchen werden?«, forscht Raksin.

»Ich weiß nicht«, gibt der Vormann zurück. »Irgendwo werden sie es sicher versuchen.«

»Kann ich mir nicht denken, Al. Sie wissen ganz genau, was auf Rinderdiebstahl steht. Und sie wissen auch, dass der Boss keine Gnade kennen wird. Sie sind alle Narren, dass sie im Lande geblieben sind.«

»Was hättest du denn gemacht, wenn Peterson dich in den Winter geschickt hätte?« »Ich wäre nach Arizona gegangen«, meint Raksin und hält die Hände wieder über das Feuer. »Ich habe gehört, in Tombstone wäre Gold gefunden worden. Warum soll man es nicht mal versuchen, wenn man mit seiner Zeit sowieso nichts anzufangen weiß.

»Well, deshalb sind sie Narren.«

Schoop gleitet aus dem Sattel und stellt sich neben Raksin ans Feuer. Er wärmt sich ebenfalls die Hände, während er den Kopf dreht und zur Herde blickt, die er im tanzenden Schnee wie hinter einem Vorhang sehen kann.

»Du kannst zurückreiten«, brummt der Cowboy. »Gegen Morgen kannst du wieder hier sein. Ich habe Hunger, verstehst du!« »Yeah, ich hatte es vergessen. Okay.« Schoop bringt ein paar dicke Handschuhe aus der Tasche und zieht sie über. Dann steigt er in den Sattel und reitet davon.

Rodd Raksin wärmt sich noch einen Moment die Hände. Dann tritt er das Feuer aus und steigt ebenfalls auf sein Pferd.

Langsam reitet er in die Talmulde der Pferde hinunter. Er kommt um ein paar trockene, kahle Pinienbüsche und hat die Tiere nun direkt vor sich. Schnee glitzert auf den erdbraunen Rücken. Er nimmt schnell eine dunkle Farbe an.

Rodd Raksin denkt daran, dass es mindestens zweitausend Longhorns sind, die hier im Tal zwischen den Felsen stehen. Keiner weiß genau, wie groß die Herde wirklich ist. Im Frühjahr wird sie gezählt werden.

Irgendwo ist das langgezogene Heulen eines Wolfes zu hören.

Raksin zieht die Schultern fröstelnd zusammen. Durch einen Schenkeldruck setzt er sein Pferd in Bewegung. Er reitet um die Herde herum, und er denkt in diesen Minuten daran, dass er seinen Job behalten konnte, weil John Barker mit den anderen gegangen war.

Zuerst hatte Peterson offenbar gar nichts gegen John Barker gehabt. Dann waren aber mehrmals Worte wie »Gleichmacher« gefallen. Yeah, John wollte vieles verändern. Vielleicht will er es jetzt immer noch. Er hatte immer von mehr Gerechtigkeit gesprochen.

Raksin hält sein Pferd an und wischt sich einen Eistropfen von der Nase. Ihm kann es gleich sein. Dieses Jahr hat er seinen Job. Und wenn er im nächsten Winter keinen hat, wird er nach Tombstone trailen. Vielleicht hat er dort Glück und braucht nie mehr auf die Rindertrails zurückzukehren.

Langsam reitet er weiter. Die Kälte kriecht wieder durch seinen Körper, und er denkt, dass der Winter eine völlig überflüssige Jahreszeit ist.

Plötzlich bringt er das Pferd mit einem heftigen Ruck zum Stehen. Er reckt den Kopf vor, um besser durch das Schneetreiben sehen zu können. Und gleichzeitig greift er mit einer rein mechanischen Bewegung nach dem Gewehr im Scabbard. Er hat ein Geräusch gehört, kann es aber noch nicht deuten. Doch es kann kein Wolf oder Bär sein, denn die Herde ist ruhig geblieben. Da schnaubt ein Pferd. Und plötzlich taucht ein Mann auf. Er reitet von links nach rechts und hält etwas in der Hand. Es sieht wie ein Lasso aus. Rodd Raksin packt das Gewehr fester. Er kann den Mann nicht erkennen, denn der hat den Hut tief in die Stirn gezogen und den Schal bis über die Nase gebunden. Und der Mann hat ihn noch nicht entdeckt. Rodd Raksin hebt das Gewehr langsam an.

Da schwirrt das Lasso durch die Luft. Ein Longhorn stampft mit den Hufen auf den Boden, Gehörne klappern.

»Go on!«, schnauft der Mann, und an der Stimme, die durch den Schal dringt, erkennt Raksin ihn.

»Hallo, Sam«, sagt er sanft.

Der Reiter fährt im Sattel herum, lässt das Lassoende aus der Hand fallen und treibt sein Pferd genau eine Länge näher.

»Hallo, Sam«, wiederholt Raksin gedehnt und lässt den Hahn des Gewehres knackend zurückspringen. »Ich hatte nie gedacht, dass du es wirklich machen würdest. Bist du allein?«

»Wir sind vermutlich beide allein«, entgegnet Sam Strother. »Ich bin schon eine ganze Stunde hier. Ich sah dich und Schoop am Feuer. Dann ritt der Vormann weg. Ich hatte angenommen, du würdest am Feuer bleiben. Die Herde läuft hier nicht weg.« »Du hast angenommen, es wäre sehr leicht, ein Rind zu holen«, dehnt Raksin und nickt. Er lässt das Gewehr nicht sinken. »Du hast dich aber geirrt. Ich habe bei Peterson meinen Job und nehme ihn verdammt ernst. Und ich habe dich eben beim Viehdiebstahl erwischt. Nimm die Hände hoch! Ich muss dich zur Ranch bringen.«

Sam Strother leckt sich über die Lippen. Auf seiner Stirn perlen kalte Schweißtropfen. Ein irres Licht funkelt in seinen Augen.

»Brad ist sehr krank«, antwortet er unsicher. »Er hat es mit der Lunge, Rodd. Auch die anderen werden krank werden. Wir haben nichts mehr zu essen. Wir brauchen ein Kalb. Rodd, niemand weiß genau, wie viele Rinder hier stehen. Wir waren doch immer gute Kameraden. Die Boys in, der Hütte haben Hunger!«

»Nimm die Hände hoch!«, grollt Raksin. »Und halte keine Volksreden! Hörst du nicht?«

Das Gewehr zuckt, und Strother sieht durch das dichte Schneetreiben die schwarze Mündung, die genau auf seinen Kopf zielt.

»Ich habe versprochen, ein Kalb zu holen«, versucht es Sam noch einmal. »John war bei Peterson gewesen. Er wollte Vorräte. Aber der Rancher gab ihm nichts. Rodd, siehst du nicht ein, dass ein Mensch essen muss?«

»Höre auf. Ich habe hier meinen Job. Ich kann nicht jetzt, mitten im Winter, nach Arizona reiten. Es ist zu spät. Ich muss meinen Job behalten. Und jeder muss irgendwie mit seinem Schicksal fertig werden. Nimm die Finger hoch. Ich will nicht auf dich schießen. Es ist Petersons Sache, das zu regeln.«

»Du meinst, es geht dich nichts an, wenn er mich hängen lässt, was? Du meinst vielleicht sogar, du hättest nichts damit zu schaffen, wenn du den Strick über einen Baum werfen musst. – Rodd, denke doch an Brad! Er war dein bester Kamerad! Er hat dir geholfen, als in Kansas ein fast blind gewordener Bulle auf dich losging. Hast du das alles vergessen? – Brad ist sehr krank!«

»Halts Maul! Hände hoch!« Und das Gewehr zuckt höher, und plötzlich jagt eine lange, rot-gelbe Stichflamme aus der Mündung. Das Peitschen des Schusses lässt die nahen Rinder zusammenfahren. Und Strothers Hut fliegt davon.

Sam ist zusammengezuckt. Er hat unbewusst nach dem kalten Kolben des Colts gegriffen, den er sich mit dem Gurt über die schwere Wolljacke geschnallt hat. Er schwingt die Waffe hoch, während das grollende Echo von den Felstürmen zurückkommt. Und er schießt, weil er nicht die Hände heben will, weil er nicht hängen will, und weil er ein Kalb holen wollte.

Er sieht Raksin im Sattel schwanken und nach links kippen. Das Pferd steigt Schnaubend hoch, dreht sich und rast an der Flanke der Herde davon, um im Schneetreiben zu verschwinden.

Der Cowboy liegt verkrümmt auf der Erde, halb im hohen Schnee begraben.

Sam Strother beugt sich über den Hals seines Pferdes. Er hält den rauchenden Colt noch immer wie einen sinnlosen Gegenstand in der Hand. Er sieht mit Erschrecken, dass Raksin sich immer noch nicht bewegt. Und er wird sich erst ganz langsam bewusst, dass er auf ihn geschossen hat.

»Rodd!«, schreit er.

Nichts. Der Mann rührt sich nicht. Die Schneeflocken setzen sich auf seine Jacke, und der Wind reißt sie heulend wieder in die Höhe.

Sam Strother steigt mit hölzernen Bewegungen ab und geht zögernd auf den Liegenden zu. Er berührte ihn an der Schulter.

»Rodd!«, ruft er wieder. »Rodd, so sprich doch! Rodd, es … es … Du hättest nicht auf mich schießen dürfen! Rodd, man schießt nicht auf einen hungrigen Mann. Rodd, hörst du nicht?«

Raksin bewegt sich nicht Und Sam zieht ihn endlich herum und starrt aus weitoffenen Augen auf das kleine Loch in der Stirn des Cowboys.

Da springt ihn die Panik wie ein wildes Tier an. Er wirft sich herum und jumpt in den Sattel. Er reißt das Pferd auf der Hinterhand herum und prescht auf den Einschnitt zwischen den schwarzen, teilweise mit Schnee bedeckten Felsentürmen zu.

 

 

6. Kapitel

 

John Barker schlägt die Axt immer wieder in die gleiche Kerbe, bis der starke Ast knackend bricht und zur Erde fällt. Er lässt die Axt sinken und wischt sich den Schweiß mit dem Ärmel der Mackinshaw-Jacke von der Stirn. Er hebt mit einem Ruck den Kopf, als er den trommelnden Hufschlag hört.

Auch sein Pferd hat den Kopf gehoben und die Ohren steil in die Höhe gestellt.

Da tauchen sie auf. Ein langgestrecktes Rudel Antilopen kommt vor dem heulenden Sturm aus östlicher Richtung.

John Barker reißt die Winchester aus dem Sattelschuh und presst den Kolben gegen die Schulter. Er lässt das Rudel vorbeilaufen und zielt auf die letzte Kuh, die etwas zurückgeblieben ist.

Krachend entlädt sich die Waffe. Die Antilopenkuh überschlägt sich. Die schlanken Beine trommeln noch drei Herzschläge lang durch die Luft, dann sinken sie seitlich nieder.

Das Rudel verschwindet im Schneetreiben.

John Barker lässt das rauchende Gewehr sinken und leckt sich den Pulvergeschmack von den Lippen. Er greift nach den Zügeln seines Pferdes und geht auf die Kuh zu.

Sie ist tot. Der Blattschuss hat sie voll getroffen. John denkt an die hungrigen Männer in der Hütte. Hier ist Fleisch – viel Fleisch! Und gleichzeitig denkt er an Sam, der das Kreuz As zog.

Alles war überstürzt. Und es stimmt gar nicht, dass die Antilopen bereits alle in den Bergen Schutz gesucht haben.

Er bückt sich über das dampfende Tier und greift nach dem Messer, das er im Stiefelschaft trägt. Er schlitzt den Leib mit einem Schnitt auf und weidet das Tier aus. Zehn Minuten später zieht er die Lassoschlinge über die Läufe und bindet das andere Ende des langen Riemens am Sattelhorn fest. Er greift nach den Zügeln und zieht das Pferd mit der schleifenden Last dahinter, zu dem Ast zurück. Er bindet auch diesen am Sattel fest und führt das Pferd durch den tiefen Schnee fort.

Es ist heller geworden, als er die Hütte vor sich auftauchen sieht. Jesse steht vor der Tür. Er muss ihn gehört haben.

John bleibt vor ihm stehen und zeigt nach hinten.

»Mein Gott!«, stößt das Halbblut hervor. »Du hast Holz und Fleisch!«

»Yeah. Ist Sam zurück?«

»Nein. Er kann noch nicht zurück sein.« »Es wäre doch möglich gewesen, dass er sich alles noch einmal überlegt hat«, entgegnet John schwach. »Wir brauchen nun kein Kalb mehr. Es war alles sehr überstürzt, Jesse.«

Das Halbblut machte das Lasso vom Sattelhorn los, während John in die Hütte geht. Er sieht zuerst Larry, der am Feuer kniet und in die Glut bläst. Er hat ein nasses Stück Holz daraufgelegt.

Brad Segal dreht sich in seiner Bank und murmelt etwas Unverständliches.

»Es geht ihm schlecht«, sagt Larry Goodman, ohne sich umzudrehen. Er bläst wieder in die Glut und eine kleine Flamme züngelt an dem nassen Holz in die Höhe. »Er hat wieder Blut ausgespuckt. Ich frage mich schon die ganze Zeit, ob ihm überhaupt noch zu helfen ist. Was meinst du, Partner?«

»Ich weiß nicht«, gibt John zurück und geht zum Tisch, auf dem ein leerer Becher steht.

»Larry, hilf mir!«, ruft Jesse von draußen. »Die Kuh ist bestimmt zwei Zentner schwer!«

Larry geht hinaus.

John nimmt den Becher, geht zum Herd und schöpft sich den dünnen Tee aus dem Kessel, den er in langsamen Schlucken trinkt.

Larry und Jesse schleifen die Antilopenkuh in die Hütte.

Brad richtet sich plötzlich auf seinem Lager auf und schreit: »Gib mir den Colt, Larry! Hörst du nicht, Freund?«

Larry steht stocksteif und blickt John an, der sich langsam dem Kranken zuwendet. Er sieht die glasigen Augen, die ihn starr anblicken, und er fragt sich, ob Brad ihn überhaupt noch erkennt.

»Den Colt, Larry!«, schreit er und hustet dann heiser, sodass sein ganzer Körper wie im Fieber geschüttelt wird.

John drückt ihn auf das Lager zurück und zieht ihm die Decke bis unter den Hals.

»Sei ruhig, Brad«, sagt er eindringlich. »Wir haben wieder Fleisch. Wir haben auch Holz. Gleich wird es warm in der Hütte werden. Jesse kocht dir Fleischbrühe. Du wirst sehen, es wird dann bald besser.«

»Es brennt so sehr«, entgegnet der Kranke schwach. Er bringt die Hand unter der Decke hervor und zeigt dorthin, wo seine Brust sein muss. »Hier, Larry. – Gib mir meinen Colt, Amigo. Wir waren doch immer gute Freunde. – Hörst du, Larry!«

»Ich bin John, Brad. Erkennst du mich nicht?«

Brad Segal dreht den Kopf. Sein rasselndes Atmen erfüllt die ganze Hütte.

»John?«, fragt er. »Ja, natürlich. Du bist John. Gib mir meinen Colt.«

»Es wird bestimmt besser werden, Brad. Du darfst die Hoffnung nicht verlieren.« »Er hat Fleisch mitgebracht, Brad!«, ruft das Halbblut. »Hier, sieh doch!«

Brad will sich hochstemmen, sinkt aber mit einem ächzenden Laut auf sein hartes Lager zurück. Seine bleichen Lippen zucken. Er hat die Augen jetzt geschlossen, und wieder schüttelt ihn das heisere Husten. John hält ihn fest, bis der Anfall vorbei ist. Dann sieht er einen dünnen Blutfaden auf den Lippen des Kranken. Doch jetzt ist sein Atem etwas ruhiger geworden.

»Er wird einschlafen«, sagt Larry leise. »Los, Jesse, fang mit der Fleischbrühe an. Vielleicht hilft sie ihm wirklich.«

Draußen wiehert ein Pferd.

»Das ist Sam«, sagt John. »Kann er jetzt zurück sein?«

»Es ist noch zu früh«, murmelt das Halbblut und steht neben der Kuh auf.

»Dann hat er es sich doch noch überlegt«, erwidert John und geht zur Tür.

Als er sie aufstößt, fegt der Wind fauchend herein, und Schnee weht in den Raum. Draußen hält ein Pferd. Peggy gleitet aus dem Sattel und kommt mit steifgefrorenen Beinen auf ihn zu.

John gibt die Tür frei, schiebt sich hinein und gibt Larry ein Zeichen, sich um das Pferd zu kümmern.

Der Cowboy geht hinaus. Die Tür fällt zu.

Peggy ist am Tisch stehengeblieben. Sie blickt auf den Kranken, der die Augen offen hat. Er blickt sie an.

»Wer ist das, Larry?«, fragt er hohl.

»Miss Peterson, Brad«, entgegnet John Barker. »Die Tochter vom Boss.«

»Vom Boss«, meint Segal schleppend. »Haha, vom Boss!« Er richtet sich etwas auf. »Geben Sie mir den Colt, Miss! Schnell, ehe er es sieht!«

Peggy dreht sich hilflos und blickt John an.

»Er erkennt dich, Peggy. Aber man muss ihm sagen, wer vor ihm steht. – Da, ich habe eine Antilopenkuh geschossen. Es wird ihm bald besser gehen.«

Brad sinkt auf sein Lager zurück und schließt die Augen.

Peggy hockt sich neben dem Herd auf eine umgestülpte Kiste und zieht die schmalen Schultern zusammen.

»Wie lange habt ihr schon nichts mehr zu essen?«, fragt sie.

»Es ist unwichtig. Jetzt haben wir wieder etwas. Hat dein Vater dich geschickt?« »Nein. Er weiß nicht, dass ich hier bin.« Die Tür fliegt auf, und Larry wuchtet den Proviantsack vor sich herein. Dann folgt er selbst und schließt die Tür.

»Seht euch das an, Freunde!«, ruft er. »Die Miss bringt uns etwas! Verdammt, jetzt sind wir aller Sorgen enthoben. Wir haben Fleisch, Mehl, Zucker, Kaffee – alles! Hoo, Freunde! – Und vielen Dank, Miss.« John blickt auf ihr goldschimmerndes Haar. Ein paar Schneeflocken sitzen darin, die jetzt auftauen. Das klare Wasser rinnt über ihre Stirn.

»Wo ist Sam?«, fragt sie in die Stille, die plötzlich wie eine Ernüchterung eingetreten ist.

»Sam«, sagt Jesse und richtet sich von der Kuh auf, über die er sich wieder gebeugt hat. Er lässt die Hand mit dem langen Messer sinken. »Sam ist Holz holen.« »Holz?«, fragt Peggy und furcht die Stirn, wobei sie auf den starken Cottonwoodast blickt. Dann schaut sie John an. »Ihr habt doch Holz.«

»Er holt eben noch mehr Holz«, knurrt Larry. »Dieser Ast reicht nicht ewig. Es ist sehr kalt. Wir müssen tüchtig heizen.« John dreht sich um und geht zum Fensterausschnitt. Er schlägt die Decke zurück und blickt hinaus. Niemand ist zu sehen und kein Geräusch zu hören.

»Larry, du lügst«, hört er Peggy Peterson sagen. »Wo ist er wirklich?«

»Er holt Holz, zum Teufel! Ich weiß gar nicht, warum Sie sich so brennend dafür interessieren. Bis jetzt hat sich kein Mensch um uns gekümmert. Wir haben seit vielen Tagen nichts mehr zu essen. Wir frieren vor Hunger. Jesse hat schon versucht, einen Schwarzbären zu erlegen. Aber er verlor die Spur. Vielleicht ist Sam jetzt hinter einem Coyoten her. Er kann noch nicht wissen, dass John zufällig auf dem Wege des Antilopenrudels stand.«

Peggy steht mit einem Ruck auf.

John lässt die Decke sinken und hakt sie fest. Er wendet sich um und blickt sie an.

»John, was ist hier los?«, fragt sie schnappend, und ihre Nase sticht spitz und weiß aus dem schmalen Gesicht.

»Wir dachten, die Antilopen wären schon alle vor dem Blizzard letzte Woche in die Berge geflohen«, erwidert er rau. »Es war auch reiner Zufall, dass ich doch noch ein Rudel sah. Brad ist sehr krank. Und wir anderen werden auch alle krank werden, wenn wir nichts zu essen bekommen. Deshalb war ich gestern auf der Ranch. – Vergebens! – Und deshalb ist Sam jetzt nicht da.«

Sie kommt bis an den Tisch und stützt die Hände dort auf. Sie schaut ihn flammend an und ihre Lippen zucken.

»Wie soll ich das verstehen?«, fragt sie scharf.

»Wir konnten nicht wissen, dass du uns etwas bringen würdest, Peggy. Wir danken dir dafür, aber gestern konnten wir es nicht wissen. Wir hatten kein Holz mehr, und der Hunger hat uns alle um den Verstand gebracht. Die Hartherzigkeit, deines Vaters tat ein Übriges dazu.

Jesse hat schon den Balken von der Anbautür verfeuert. Trotzdem haben wir. gefroren. Und Brad verlangte immer wieder nach seinem Colt. Der Schmerz bohrt in ihm. Und er weiß nicht, dass es nicht nur die Lunge, sondern auch der hungrige Magen ist. Verstehst du jetzt?«

»Ich verstehe nicht«, sagte sie schroff. »Du musst deutlicher werden.«

Larry hat ein Brot aus dem Sack gelangt und schneidet es mit seinem Messer in mehrere Teile, die er auf den Tisch legt.

»Also vielen Dank, Miss. – Esst, Boys!« Er nimmt ein Stück und schlägt die Zähne hinein. Ein zweites Stück wirft er dem Halbblut zu, und mit einem dritten geht er zu Brad.

»Ich werde dich füttern, Partner«, hören sie ihn sagen.

John blickt auf das Brot. Er hat auf einmal keinen Hunger mehr. Er hört Larry schmatzend essen und zwischendurch leise, auf den Kranken einreden.

»John, ich rede mit dir!«, sagt Peggy scharf. »Du bist mir eine Erklärung schuldig.«

Jesse kommt mit dem Messer an den Tisch und treibt es mit einer heftigen Bewegung tief in die Eisenholzplatte.

»Er hat Ihnen doch alles gesagt!«, schreit er wie irr. »Wir hatten kein Holz, nichts zu essen, der Tee war fast alle! Wir waren verzweifelt, als John nichts brachte, und wir wussten alle, welche Überwindung es ihn gekostet hatte, zur. Ranch zu reiten. – Und dann umsonst. Umsonst bei einem Mann gebettelt, dem wir sechstausend Rinder durch die Hölle nach Kansas getrieben hatten! – Wissen Sie nicht, was das heißt? Wissen Sie wirklich nicht, wie hungrige Männer dann reagieren, wenn sie schon ihren Stolz verleugnet haben und bettelten? – Wir haben es mit Karten ausgemacht. Mit ganz simplen Spielkarten, Miss. Wir wollten Karten ziehen. Sam fing damit ab. Er zog das Kreuz As. Und dann ist er geritten. Verstehen Sie nun?«

Peggys Wangen haben sich gerötet. Steif dreht sie den Kopf und blickt von Jesse zu John, der an der Wand lehnt.

»Ich verstehe immer noch nicht«, haucht sie. »John, was soll das bedeuten?«

»Du weißt es doch. Du hast alles, verstanden, Peggy. Es war zu viel. Diesmal war der Winter zu hart für uns. Wir alle wissen auch, dass er noch lange nicht zu Ende ist. Wir hatten keine Hoffnung und keine Wahl mehr. Und ich selbst hätte gestern nicht glauben können, dass mir heute die Kuh über den Weg läuft. Es ist wie eine Ironie des Schicksals. Es will mit uns auf eine grausame Art spielen.«

»Wo ist Sam?«, schreit sie ihn an. »Wo, John?«

»Er ist nach Südosten geritten«, wirft Larry kauend hin. »Zu der Westweide Ihres Vaters, Miss. Nun wissen Sie wohl endlich Bescheid.«

Tiefe Stille senkt sich über den Raum, und das Heulen des Windes draußen an den Ecken der Hütte und unter der Dachkante dringt pfeifend herein. Und dazwischen das harte Atmen des Mädchens und ihr unbegreifliches Kopfschütteln.

»Ihr seid offenbar alle um den Verstand gekommen«, haucht sie endlich. »Ihr wisst doch, dass Dad in solchen Dingen keine Gnade kennt.«

»Wir hatten Hunger«, meint Jesse. »Ehe wir Baumrinde kauen, stehlen wir lieber Vieh, Es ist uns gleichgültig, was dann kommt. Wir dachten darüber nicht nach. Wir wollen uns wenigstens noch einmal satt essen.«

»Hast du eine Ahnung, wie es ist, aufgeknüpft zu werden, Jesse?«

»Nein«, bekennt das Halbblut. »Doch ich glaube, das Verhungern ist schlimmer, Miss.« Er zieht das Messer aus der Tischplatte und wendet sich wieder der Antilope zu.

Da dringt das Schnauben eines Pferdes durch das Pfeifen des Windes.

Larry steht mit lauschend vorgestrecktem Kopf und greift mit einer schnellen Bewegung nach dem Frontiercolt in seinem Holster.

Da schnaubt das Pferd erneut.

John hakt die Decke aus und sieht den Reiter draußen im tiefen Schnee. Das Pferd ist fast bis zu Brust eingesunken. Der Mann sitzt zusammengesunken und wie schlafend im Sattel.

»Wer ist es?«, fragt Larry scharf.

»Sam«, erwidert John dunkel und lässt die Decke fallen. Er dreht sich um. »Es ist Sam. Er hat kein Kalb bei sich.«

Larry atmet auf und lässt den Colt los. »Er scheint es sich anders überlegt zu haben«, sagt er. »Vielleicht sah er das Antilopenrudel ebenfalls.«

»Yeah, vielleicht«, nickt John und blickt zu Peggy, die ihre Augen fast ganz geschlossen hat.

Jesse geht zur Tür.

 

 

7. Kapitel

 

Sam Strother kommt langsam und schwer in den Raum. Er macht den Eindruck eines Mannes, der bis zur Tür eine schwere Last auf den Schultern getragen hat und die Wucht jetzt immer noch spürt. Er geht zum Herd und hält die blaugefrorenen Hände darüber.

Jesse rumort im Anbau.

»Was ist los, Sam?«, erkundigt sich Larry mit kratziger Stimme.

»Nichts.«

»John hat die Kuh geschossen. Und die Miss hat uns Proviant gebracht. Es ist sogar etwas Tabak dabei.«

»So?«

»Was ist los, Sam?« Larry dreht den Kopf, blickt zu John und zuckt die Schultern.

John Barker spürt die Gefahr, die auf sie alle wie eine Lawine zukommt. Irgendetwas ist ganz anders, als sie alle gedacht haben. Er stemmt sich von der Wand los und geht zu Sam hinüber. Neben ihm am Herd bleibt er stehen.

»Warst du dort?«, fragt er.

»Yeah.«

»Und weiter?«

Sam hebt langsam den Kopf. Unter den dichten Bartstoppeln sieht sein Gesicht so grau wie Asche aus. Er dreht sich, blickt auf die Antilopenkuh, dann zu Larry, anschließend zu Peggy und schließlich zu dem Kranken, der die Augen geschlossen hat und offenbar schläft.

»Es ist alles gegen uns«, sagt er knarrig. »Schoop war bei der Herde. Schoop und Raksin. Ich habe sie lange beobachtet. Dann ritt der Vormann weg. Raksin stand an einem Feuer hinter einem Felsen. Ich dachte, er würde dort bleiben und sich wärmen. Ich ritt zur anderen Seite. Es konnte gar nichts geschehen. Aber dann …«

»Was war dann?«, fragt Peggy drängend und kommt näher.

Sam dreht sich und schaut sie dunkel an.

»Dann, als ich das Lasso warf, war er plötzlich da. Er hatte das Gewehr in der Hand. Er sagte, ich sollte die Hände heben. Und dann schoss er. Mein Hut flog fort. Und dann … dann schoss wieder jemand. Ich glaube, das war ich.«

Er dreht sich schwer um, stampft zur Tür, zieht sie auf und blickt in das dichte Schneetreiben hinaus.

Larry schaut John an.

»Es ist seltsam«, sagt Sam Strother, ohne sich umzudrehen. »Man reitet mit einem Mann zusammen viele hundert Meilen. Man rettet ihm das Leben und umgekehrt. Man pokert zusammen, trinkt zusammen, und doch lernt man sich nie richtig kennen. Er wollte mich zur Ranch bringen. Ich weiß ganz genau, dass er das wollte. Und als er schoss, fühlte ich den Kolben des Colts zwischen den Fingern. Ich weiß nicht, warum ich schoss.«

Strother dreht, sich um und blickt sie starr der Reihe nach an.

»Aber ich wollte ihn bestimmt nicht töten«, fährt er fort. »Bestimmt nicht, hört ihr! Ich wollte nur irgendetwas tun, um nicht die Hände heben zu müssen. Dann fiel er aus dem Sattel, und hatte ein kleines, hässliches Loch in der Stirn.«

Peggy stützt sich am Herd, als müsste sie sich halten, um nicht zu fallen.

»Das ist doch unmöglich«, sagt Jesse von draußen herein. Dann kommt er in die Hütte und zieht die Tür zu.

»Yeah, das dachte ich auch«, nickt Sam. »Aber ich glaube, ich habe es genau gesehen.« Er kommt bis zum Herd zurück, und Peggy geht vor ihm weg, als hätte er eine ansteckende Krankheit. »Meine Spur werden sie nicht finden«, sagt er, und sein Blick nimmt einen irren Ausdruck ab. »Bestimmt nicht, Freunde! Es war ein Unglück. Wir werden es abstreiten!«

»Und wo hast du deinen Hut?«, fragt Larry.

Strother streicht sich über den Kopf. Er scheint erst jetzt zu merken, dass er den Stetson nicht mehr hat.

»Ich … ich muss ihn Unterwegs verloren haben«, sagte er fad.

»Du sagtest vorhin, Raksin hätte ihn dir vom Kopfe geschossen, Sam. Hast du ihn danach wieder aufgehoben?«

»N… nein.«

»Dann werden sie alles wissen. Hast du auch dein Lasso vergessen?«

»Ich … ich weiß es nicht.«

»Es war nicht mehr am Sattel«, meldet sich das Halbblut. »John, wie lange werden sie brauchen, um hierherkommen zu können?«

John setzt sich auf die Bank hinter dem Tisch und stemmt die Ellenbogen auf die Eisenholzplatte. Er blickt ins prasselnde Herdfeuer und spürt die Wärme, die sich schnell ausbreitet.

Alles haben sie. Alles! Fleisch, Kaffee, Mehl, Tabak, eine warme Hütte.

Und nun so etwas. Vielleicht hat Sam es wirklich nicht gewollt. Aber wer wird danach fragen? – Niemand!

»Wer hat alles Karten gezogen?«, fragt Peggy in das schwer lastende Schweigen.

»Nur ich«, dehnt Sam. »Ich bin ganz allein schuld.«

»Nein«, wirft John Barker ein. »Wir haben alle mitgespielt. Du brauchst es jetzt nicht auf dich allein nehmen zu wollen, Sam.«

»Yeah, das stimmt«, bekennt das Halbblut und nickt müde. »Wir sind alle daran beteiligt. Wir hätten alle das Fleisch genommen, weil wir es brauchten. Wir konnten nicht wissen …«

Peggy unterbricht ihn durch eine scharfe Handbewegung.

»Dann seid ihr alle Mörder!«, ruft sie schrill und stürmt zur Tür hinaus.

Larry, macht eine Bewegung, als wollte, er ihr folgen. Dann aber bleibt er stehen.

John hat den Kopf etwas gehoben. Er hört Peggy im Anbau, und er weiß in dieser Sekunde, dass er sie verloren hat. Ein sinnloses, Spiel, das er nicht wollte, ist schuld daran. Sam war zu hitzig. Aber auch er hatte ihn nicht zurückgehalten. Vielleicht hätte er es gekonnt. Sie sind alle schuld. Und vielleicht hätte jeder von ihnen in seiner Lage genauso gehandelt.

Eine Tür schlägt zu. Ein Pferd wiehert, Hufe klappern …

 

 

8. Kapitel

 

»Sie ist fort«, sagt Jesse und schließt die Tür.

Er dreht sich um, und seine Augen schimmern wie glühende Kohlen durch das fahle Halbdunkel der Hütte. Für Minuten ist nichts als das Prasseln des Feuers zu hören.

»Wir müssen fort«, sagt Larry schließlich. »Wir haben mindestens noch drei Stunden Zeit. Der Schneesturm wird, unsere Spuren zudecken. – John, hörst du nicht! Wir müssen verschwinden!«

John Barker steht auf. Er blickt zu Brad hinüber, der die Augen wieder offen hat und zur dunkeln Decke hinaufblickt.

»Brad, kannst du aufstehen?«, fragt er.

Segal dreht den Kopf mit einer schwerfälligen Bewegung.

»Es ist etwas geschehen«, redet John flach weiter. »Etwas sehr Schlimmes. Wir müssen reiten, Brad!«

Larry und Jesse gehen zu ihm und ziehen ihn von der Pritsche herunter.

Brad hustet und erbricht Blut. Dann sinkt sein zitternder, ausgelaugter Körper zwischen den Männern, die ihn halten, zusammen.

Larry schüttelt den Kopf. Er gibt Jesse ein Zeichen. Sie lassen Segal wieder auf die Pritsche sinken.

»Nein«, sagt Goodman. »Jetzt bringen wir ihn nicht fort. Er braucht, Ruhe, Wärme und kräftiges Essen. Alles findet er hier. Draußen wird er uns unter den Händen sterben.«

»Aber wir können nicht hierbleiben!«, schreit Sam mit überkippender Stimme. »Sie werden mich holen kommen! Sie werden mich hängen! Peterson wird nicht einmal den Sheriff bemühen und schon gar nicht den Richter! – Und das würde auch nichts ändern. Sie halten alle zusammen!«

John Barker presst die Lippen fest zusammen. Er schaut zu Brad, dem das mit Speichel vermischte Blut noch aus dem Munde läuft.

»Wir bleiben«, bestimmt Larry Goodman. »Mit dem Rancher sind sie nur vier Mann. Wie ich Peterson kenne, wird er es unter allen Umständen alleine machen wollen. Wir können die Hütte gut verteidigen. Und wir haben auch genug Munition. Wir können uns lange verteidigen. Wenn es gar nicht anders geht, müssen wir kämpfen, bis der Weg frei ist. Es liegt ganz an ihnen.«

John hakt die Decke aus und schaut wieder hinaus ins Schneetreiben. Er kann den Himmel nicht sehen, aber er ahnt, dass viele graudunkle Wolken über ihnen sind und dass das Wetter noch lange so bleiben wird.

»Wenn … wenn es so weit ist, dass wir uns nicht mehr verteidigen können«, sagt Sam kratzig, »versprecht ihr mir dann, es kurz zu machen? Ich will nicht aufgeknüpft werden!«

»Sie würden uns alle aufknüpfen, Sam«, erwidert John, ohne den Kopf zu drehen. »Du musst dir darüber keine Gedanken machen.«

Larry geht zur Tür und wieder zurück zu Brad Segals Lager.

»Wenn er nicht wäre«, sagt er, »dann wäre alles sehr einfach. Wir würden reiten. Es ist bald der erste Februar. Der Zahlmeister aus Fort Stockton muss bald wieder kommen. Mit seinem Geld könnten wir fortreiten, in den besten Hotels übernachten und die saftigsten Steaks essen. – Wollen wir nicht endlich an die Antilope gehen?«

Jesse kniet neben der Kuh nieder und beginnt, das Fleisch zu zerteilen, nachdem er ein Stück des Felles abgezogen hat.

Sam hockt sich auf die Bank hinter dem Tisch und starrt auf den festgestampften Boden vor seinen Stiefelspitzen.

»Es ist seltsam«, murmelt er gepresst. »Im Sommer sind alle Männer auf der Ranch Freunde. Im Herbst versucht fast jeder, einen Winterjob zu bekommen. Und im Winter ist einer des anderen Feind. Aber am komischsten daran ist, dass man im Frühjahr wieder gut Freund ist.«

Jesse wirft ein Stück Fleisch auf die Kante des Herdes.

Larry geht mit dem Topf hinaus, gießt den dünnen Teerest aus und füllt Schnee hinein. Er kommt wieder herein und hängt den Topf an die leise klirrende Kette.

Der Schnee sinkt im Topf schnell zusammen. Larry bringt noch mehr Schnee und füllt ihn ebenfalls in den Topf.

»Wenn ich fortreite, ziehen sie sicher ab und lassen euch in Frieden«, meldet sich Sam Strother wieder.

»Du bleibst«, bestimmt John. »Wo willst du denn bei diesem Wetter hin?« »Irgendwohin.«

»Quatsch. Du hast keinen roten Cent in der Tasche. Kein Mensch gibt dir für nichts und wieder nichts eine Unterkunft. Du wirst jämmerlich erfrieren – irgendwo! Deshalb wirst du bleiben. Ganz davon abgesehen, trifft die Schuld uns alle. Einen wie den anderen.«

»Peterson selbst ist schuld!« Schnauft Larry und ballt die Hände zu mächtigen Fäusten. »Er und alle Rinderbarone in diesem Land! Er allein trägt die Verantwortung.«

 

 

9. Kapitel

 

Sie beißen in das saftige Fleisch, aber es ist jedem anzusehen, dass es nicht richtig schmeckt.

John steht am Fenster und blickt in das wilde Treiben hinaus. Er fragt sich, wann sie nun endlich kommen. Neben sich hat er die Winchester stehen, und er sieht Sam, nahe der Tür, der sich die siebenschüssige Spencer unter den Arm geklemmt hat. Lustlos schiebt John sich den letzten Bissen in den Mund. Sam isst gar nichts. Er hat auch noch gar nichts angerührt. Und sein Gesicht sieht immer noch grau aus.

John dreht den Kopf und blickt wieder hinaus. Da sieht er sie sie kommen, nebeneinander über die Kuppe des flachen Walles ins Tal. Es sind vier Mann.

John greift nach dem Gewehr und schiebt es mit dem Lauf nach draußen. Er blickt auf die Reiter, deren Pferde sich mühsam durch den Schnee kämpfen. Er nimmt das Gewehr an die Schulter und drückt ab.

Sirrend streicht die Kugel durch das Schneetreiben. Die Reiter halten an.

Sam stößt die Tür mit einem heftigen Ruck auf und tritt hinaus. Er lehnt sich gegen die Wand und wartet. Er will jetzt nicht noch einmal voreilig sein. Er weiß genau, dass alles nur noch schlimmer würde.

Die Reiter scheinen zu beraten, dann kommt einer von ihnen langsam näher. John erkennt, dass es der Rancher ist.

»Sam komm herein!«, bestimmt er. »Mach die Tür zu!«

Strother kommt in die Hütte und schließt die Tür. Sein keuchendes, abgehacktes Atmen übertönt das Prasseln des Feuers.

»Du musst ganz ruhig sein«, sagt Larry. »Wir sind alle deine Freunde, Sam.« »Yeah, Larry, ich weiß. Vielleicht hätten wir doch reiten sollen.«

»Was nützt es, wenn wir uns retten und Brad dafür opfern, Sam?«

»Yeah, du hast recht.«

Der Reiter hält knapp fünf Yards vor der Hütte. Sein Gesicht sieht weiß und verkrampft aus, und das Kinn springt eckig hervor. Er nimmt etwas vom Sattelhorn und wirft es in den Schnee.

John sieht, dass es ein Hut ist. Und an den Silbernägeln und dem Loch in der Krone erkennt er, dass es Sams Hut ist.

»Du weißt, was geschehen ist«, grollt Peterson mit tiefer, knurriger Stimme. »Wir haben den Hut, ein Lasso und einen Toten gefunden. –Du hast ein Gewehr in der Hand. Du hast also auf uns gewartet. Wir dachten, ihr wärt es alle gewesen. Aber Peggy hat zugegeben, dass sie hier war und euch helfen wollte. Sie weiß jetzt, dass ihr keine Hilfe verdient habt. Und wir wissen nun, dass es Strother war. Ihr habt ihn geschickt. Peggy hat alles gesagt.

Es wird am besten sein, wenn ihr die Waffen streckt und es schnell hinter euch bringt.«

»Was?«, fragt John leise, sodass es kaum bis an des Ranchers Ohren dringt.

»Du weißt ja, was wir mit Rinderdieben und Mördern machen. Auf dem Trail hast du es oft gesehen.«

»Ich habe nie viel davon gehalten, Peterson.«

»Yeah, ich weiß. Du hattest immer Mitleid mit den Halunken. Vielleicht nur deshalb, weil du selbst einer bist.«

»Wenn du mich noch einmal beschimpfst, schieße ich dich vom Pferd«, entgegnet John kühl. »Es stimmt, wir haben hier auf euch gewartet. Wir wussten, dass ihr kommen würdet. Und wir wussten auch, dass ihr allein kommen würdet. Es ist euch nämlich zu umständlich, aus Pecos den Richter zu holen. Aber vielleicht würde das auch nichts ändern. – Yeah, wir sind nun Rinderdiebe und Mörder. Aber wir haben noch Munition und glauben, uns hier eine ganze Zeit halten zu können. Vielleicht wird Brad darüber gesund. Er hat damit nichts zu tun. Er hat geschlafen, als wir es ausmachten. Wenn du die Sache jemals dem Richter erzählen solltest, dann vergiss das nicht. Ich lege großen Wert darauf.«

Peterson rutscht im Sattel hin und her, und dann fragt er schnaubend: »Ihr wollt euch nicht ergeben?«

»Nein. Zum Sterben ist für uns immer noch Zeit. Wenn ihr schießt, werden wir auch schießen. – Da ist übrigens noch etwas: Sam hat in Notwehr gehandelt. Er wollte Raksin nicht töten. Es war ein böser Zufall.«

»Schon gut, Barker. Erschossen ist erschossen. Rodd hat meine Herde bewacht. Er konnte nur erschossen werden, weil er einen Rinderdieb gestellt hatte. – Okay, wie ihr wollt. Wir werden euch ausräuchern. Es dauert nicht lange, dann kommt ihr von selbst.«

Der Rancher will sein Pferd wenden, als John ruft. »Wir waren uns über Brad noch nicht einig, Peterson! Wenn du einsiehst, dass er damit nichts zu tun hat, könntest du ihn doch zur Ranch bringen lassen! Einer kann hereinkommen und ihn holen.« »Segal steht nicht auf meiner Lohnliste, Barker.« Peterson dreht sein Pferd und reitet davon.

Da steht Jesse neben John. Er hat seine Sharps in der Hand.

»Wenn ich ihm in den Rücken schieße, ist alles vorbei«, meint er gedehnt.

»Gar nichts ist vorbei, Jesse. Brad ist dann immer noch krank und nicht transportfähig. Und Schoop wird dann nicht mehr alles allein machen wollen. Er wird einen Mann in die Stadt schicken. Dann kommt der Sheriff mit einer Posse. Und dann sind wir verloren.«

»Denkst du nicht, dass Peterson auch auf den Gedanken kommt?«

»Doch. Aber er wird eine Weile dazu brauchen. Du musst dich um Brad kümmern. Vielleicht können wir ihn doch bald wieder auf die Beine bringen.«

»Du hoffst also, ausbrechen zu können?« »Eine andere Hoffnung verbleibt uns nicht. Und natürlich nehmen wir Brad mit. Auch wenn sie ihm nichts tun, würden sie sich nicht um ihn kümmern. Sie sind wie Tiere. Die Kranken stoßen sie aus.«

 

 

10. Kapitel

 

Das Schneetreiben hat etwas nachgelassen, und auch der Wind heult nicht mehr ganz so laut um die Ecken der Hütte.

Die vier Männer am Fuße des flachen Hügels ziehen sich etwas auseinander und steigen von den Pferden. John sieht, wie sie sich bücken. Schnee fliegt hoch.

»Was soll das?«, fragt Jesse, der plötzlich wieder neben Barker steht.

»Sie bauen wohl einen Windschutz um die Pferde. Sie richten sich offenbar auf eine lange Belagerung ein. Damit war zu rechnen.«

Gleich darauf sehen sie einen Reiter nach Osten jagen.

»Das ist Fiddler!«, presst das Halbblut durch die Zähne.

»Er wird etwas holen«, sagt John. »Campgeräte, Waffen, Munition, Proviant. Irgendetwas.«

»Oder den Sheriff aus Pecos mit einer Posse«, meint Jesse.

»Das glaube ich nicht. Peterson wird es sich als Ehre anrechnen, uns selbst auszuheben. Du wirst sehen, sie bauen sich einen regelrechten Schneebunker.«

Da kracht ein Schuss. Die Kugel fetzt neben Johns Gesicht einen langen Splitter von der Fensterkante, weht in die Hütte hinein und fährt ratschend in die Wand hinter Brads Bank.

Der Kranke stößt einen Schrei aus.

Larry wirft die Tür auf und feuert nach draußen. Schneefontänen werden von seinen Kugeln in die Höhe gewirbelt.

Dann wird es still.

»Mach die Tür zu, ich friere«, sagt Sam mit klappernden Zähnen.

Da kracht abermals ein Schuss. Ein Projektil schrammt in die Wand. Staub rieselt von den Dachsparren. Brad fährt auf seinem Lager in die Höhe. Seine Augen stehen weit offen.

»Was ist los?«, fragt er spröde. »Wer hat geschossen?«

John geht zu ihm hinüber und drückt ihn auf die Matratze zurück.

»Draußen sind Männer, die etwas gegen uns haben«, erklärt er. »Wir werden mit ihnen fertig, Brad. – Jesse, hast du noch Fleischbrühe für ihn?«

»Yes.« Jesse geht zum Herd und kommt gleich darauf mit einer Blechtasse, aus der es dampft. John nimmt ihm die Tasse ab und hält sie dem Kranken an die Lippen.

Brad trinkt mit gierigen Schlucken.

»Ah, das tut gut«, sagt er. »Ich fühle mich schon viel besser. Wie viele Tage sind es noch, bis der Zahlmeister durch die Schlucht kommt?«

Eine Kugel reißt die Decke ganz vom Fenster und wirft sie über den Tisch. Eine zweite Kugel fährt pochend ins Deckengebälk.

Larry hat sich umgewandt und lehnt mit dem Rücken an der Wand. Er blickt zu John herüber.

»Wer hat dir das gesagt, Brad?«, erkundigt er sich leise.

»Ich«, meint Larry. »Heute Morgen, als du Holz geholt hast und die Antilope zufällig über deinen Weg lief. Ich habe dabei daran gedacht, dass in zehn Monaten wieder Winter sein wird. Immer wieder wird ein Winter kommen. Und immer wieder werden wir hungern und frieren. Einmal müssen wir es doch machen. Wenn es im Lande keine freien Rothäute mehr gibt, wird es auch keine Forts mehr geben; und keinen Zahlmeister, der mit drei Soldaten durch eine Schlucht reitet!«

»Schlag dir das aus dem Kopf, Brad«, sagt John schwer. »Wir werden niemals einen Zahlmeister überfallen.«

»Aber dann kann ich nie nach Saint Louis, John.«

»Was willst du denn dort?«

»Larry hat gesagt, da gebe es ein Sanatorium. Dort kann ich gesund werden.« John dreht den Kopf.

»Hast du das wirklich gesagt?«

»Yeah.«

»Warum machst du ihn so verrückt?« »Verrückt? Ich mache ihn doch nicht verrückt. Ich habe es im letzten Sommer in Abilene in einer alten Zeitung gelesen. Es ist die Wahrheit. Mit seinem Anteil könnte er nach Saint Louis gehen und gesund werden!«

John gibt Brad den Rest der Fleischbrülle zu trinken und stellt den Topf dann au den Tisch. Er blickt Larry an.

»Du kannst es ruhig glauben«, sagt der. »Ich habe ihm keinen Blödsinn erzählt.« »Wie viel kostet so eine Behandlung?« »Das stand nicht in der Zeitung. Aber sein Anteil wird sicher reichen.«

John blickt zum Fenster hinaus. Er sieht hinter dem Schneehaufen einen Mann aufstehen, das Gewehr heben und schießen. Er wirft sich nieder, weil ihm im letzten Moment der Verdacht kommt, er könnte zu sehen sein. Jaulend kommt die Kugel herein und kratzt über die Tischplatte.

John steht neben dem Tisch wieder auf. Er sieht den weißen Strich. Er verläuft vom Fenster aus genau in die Richtung, in der er gestanden hat.

»Es wäre ein Bauchschuss geworden«, sagt Larry trocken. »Ich glaube, wir sollten nun besser zielen.«

John blickt hinaus. Der Mann mit dem Gewehr ist wieder verschwunden. Er weiß, dass es der Cowboy Ketterer war. Ihn hat er einmal vor zwei Jahren in Dodge City vor einem Revolverhai gerettet, mit dem er sich angelegt hatte. Aber daran wird der Cowboy jetzt sicher nicht denken.

Brad steht auf einmal zwischen ihnen. Er hustet leise und kratzig.

»Ich fühle mich wirklich besser«, meint er mit einem schwachen Grinsen. »Gib mir meinen Colt, Jesse!« Er dreht den Kopf. »Jesse, du hast ihn doch!«

»Heute Morgen sagtest du, Larry würde ihn haben«, meint John. »Zu was brauchst du ihn?«

»Es geht mir wirklich besser. Ich will mich nicht mehr erschießen. Ich will mit in die Schlucht, John! Und dann nach Saint Louis!«

»Du solltest dir das aus dem Kopfe schlagen, Brad. Wenn ihr etwas gegen die Armee unternehmt, werden sie euch immer und überall hetzen.«

»Das machen sie sowieso«, knurrt Sam. »Irgendwie müssen wir doch aus dem Dreck heraus. Und dazu brauchen wir Geld!« »Es wird euch schneller unter den Fingern zerrinnen, als ihr selbst glauben könnt. Es geht sehr schnell, dann seid ihr dort, wo wir heute auch nur sind. Vielleicht vier Wochen – vielleicht auch acht.«

»Du bist verrückt«, schnaubt Sam. »Es wird uns mehrere Jahre reichen. Jesse und ich würden vielleicht sogar etwas damit anfangen. Wir haben schon alles besprochen. Wir würden Pferde, einen Wagen und Campgeräte kaufen. Und wir würden vier Männer einstellen und dann im Busch Rinder fangen. Sie gehören dem Mann mit dem längsten Lasso, die Mavericks. Das weißt du ja. Mit einer kleinen Herde ziehen wir dann nach Norden. In Dakota soll es nichts als Indianer geben. Dort nehmen wir uns ein Stück Land und bauen eine Ranch auf.«

John blickt zu Jesse hinüber.

»Habt ihr das wirklich ausgemacht?«, fragt er.

Das Halbblut nickt.

»Yes, John. Es geht so nicht weiter. Wir können nicht immer und immer für den gleichen Mann reiten und ihn reicher und reicher machen, wenn er uns schlechter als Hunde behandelt. Yes, so haben wir es besprochen!«

»Hört jetzt auf mit dem Unsinn!«, sagt John scharf. »Ihr redet euch selbst nur etwas ein.«

Das Krachen eines Schusses weht durch das Schneetreiben, das jetzt wieder zugenommen hat. Die Kugel kratzt über das Dach und schrammt irgendwo gegen eine Felswand, um quarrend zum Himmel zu ziehen.

Sam stößt die Tür auf und feuert wütend hinaus.

Brad greift plötzlich nach der Tischkante und stützt sich. Sein ganzer Körper schwankt wie ein dürrer wilder Pflaumenstrauch im Herbstwind. Er sieht gelb im Gesicht aus und zieht kämpfend die Luft in sich hinein. John springt hinzu und stützt ihn.

»Tür zu!«, ruft er. »Mit dem Zug bringt ihr ihn um!«

»Es … es ist schon wieder besser«, sagt Brad krächzend. »Mir geht es bestimmt gut, John. Du kannst loslassen.«

John tritt zur Seite.

Brad lacht hohl.

»Ich könnte reiten«, sagt er unsicher. »Bestimmt, ich schaffe es, John! Denke doch noch einmal darüber nach. Vielleicht können wir das Geld auch so bekommen, ohne den Zahlmeister und die Soldaten zu töten.«

Larry blickt zwischen den beiden Männern aus schmalen Augen hin und her.

»Jesse, mache ihm noch mehr Fleischbrühe. Sie scheint ihm wirklich zu bekommen.«

»Yeah, Larry. Es sieht so aus.« Jesse geht zum Herd und macht sich dort zu schaffen.

»Wir werden in dieser Nacht reiten, Brad«, redet Larry weiter. »Sie merken bei dem Wetter bestimmt nichts davon.«

»Ja, wir werden reiten, Larry. Hast du es gehört, John? Er glaubt auch, dass ich es schaffen kann. Du doch auch?«

»Ich würde es gern glauben, Brad. Nicht wegen dem Geld in der Schlucht. Nur, weil wir hier verschwinden müssen. Ewig können wir nicht bleiben, denn einmal wird Peterson einsehen, dass sein Plan gescheitert ist. Dass er den Sheriff mit einer Posse holen muss. Dann aber müssen wir schon fort sein. Deshalb möchte ich es glauben.«

»Diese Nacht, John. Ich lege mich noch etwas hin.« Er geht schwankend zu seiner Pritsche, setzt sich langsam und legt sich dann. »Jesse, weckst du mich, wenn die Fleischbrühe fertig ist?«

»Yeah, Brad. Schlaf nur.«

Der Kranke schließt die Augen.

Draußen krachen wieder Schüsse. Sie fallen jetzt in dichter Folge, als wollten die Männer da in der schneidenden Kälte draußen etwas erzwingen.

»Ich hätte nie gedacht, dass wir einmal in einer warmen Hütte hocken und Peterson davor stehen bleiben muss.« Larry grinst. »Ist das nicht schön, Freunde?«

John blickt Sam an. Er sieht, dass von dessen Niedergeschlagenheit nicht viel übriggeblieben ist. Er scheint den Schuss auf Raksin schon halb vergessen zu haben. Er blickt weiter zu Jesse, und ihre Blicke begegnen sich.

»Irgendetwas müssen wir doch anfangen, John«, sagt das Halbblut. »Ich will nicht immer der Bastard sein, den man herumstößt und die schmutzigsten Arbeiten machen lässt.«

»Ich kann dich bestimmt verstehen, Jesse. Vielleicht bietet sich einmal eine Chance. Aber das mit dem Zahlmeister ist keine!«

 

 

11. Kapitel

 

Schlürfend trinkt Brad die Fleischbrühe, und seine Wangen bekommen langsam etwas Farbe.

»Fiddler ist immer noch nicht zurück«, sagt Larry, der um die Kante des Fensterausschnittes blickt.

Er dreht sich und blickt John durch das Dämmerlicht an. »Wenn er nur zur Ranch ist, um etwas zu holen, müsste er längst wieder da sein.«

John geht näher zum Fenster. Er hat selbst schon daran gedacht. Und er weiß auch genau, dass ihnen der Cowboy nicht entgangen sein kann. Er kam nicht zurück.

»Dann ist er also nach Pecos und holt den Sheriff mit einer Posse«, sagt Sam Strother unsicher in die folgende Stille.

John dreht den Kopf. Er sieht, dass auf Sams Wangen wieder hektische Flecken brennen, und nun scheint ihm alles wieder deutlich vor Augen zu stehen. Nun lehnt er wieder schief an der Wand, den Kopf eingezogen und den Blick auf den Boden gerichtet.

Brad hustet rau und abgehackt. Dann stellt er den leeren Napf auf die Kiste neben seiner Bank.

»Ich kann mir das gar nicht denken«, sagt er schleppend. »Es passt nicht zu Peterson. Er macht sonst gern alles allein.«

»Vielleicht ist es ihm zu kalt da draußen«, meint Larry. »Er hat keine Lust zu einer langen Belagerung. Ich stelle es mir auch nicht sehr schön vor, vor einer Hütte mit rauchendem Kamin zu stehen.«

»Ob es ihm nicht komisch vorkam, dass er hierher reiten konnte und wieder zurück?«, fragt Jesse.

»Das hat er als selbstverständlich vorausgesetzt«, entgegnet Larry. »Sonst wäre er nicht erst gekommen.«

Brad steht auf und macht ein paar Schritte hin und her.

»Ich bin jetzt fit«, erklärt er bestimmt. »Wir können reiten, sobald es dunkel genug ist.«

Sam stemmt sich mit einem Ruck von der Wand los.

»Wirklich?«, fragt er.

»Yeah«, nickt Brad Segal.

»Draußen ist es sehr kalt«, wirft John Barker ein. »Bis zur Schlucht sind es zwei Tagesritte. Vielleicht müsst ihr dann noch einige Tage warten. Ihr werdet keine Hütte finden, müsst im Freien kampieren und werdet, wenn das Wetter nicht anders wird, morgens tief eingeschneit sein.«

»Wir werden Feuer machen«, sagt Brad. »Es wird euch verraten, aber kaum wärmen, Freund. Well, ich sehe, es geht dir jetzt etwas besser. Die warme Fleischbrühe hat dir gutgetan. Aber die Kälte da draußen wird alles wieder vernichten. Brad, du solltest einsehen, dass es für dich keine Chance ist!«

»Ich halte bestimmt durch.«

Draußen kracht wieder ein Schuss. Die Kugel irrt über das Dach. Noch eine Weile hängt das Sirren in der Luft, dann wird es wieder still.

»Sie wollen uns zeigen, dass sie noch da sind«, meint Larry.

»Wir sind uns also einig?«, fragt Sam. »Heute Nacht, nicht wahr, Brad?«

»Yes, Sam. Heute Nacht.«

Sam blickt zur Wand, hinter der sich der Anbau befindet.

»Wir müssen ein Loch hineinschlagen«, sagt er. »Sie dürfen davon nichts merken. Hinter der Hütte entkommen wir sicher ungesehen. Sie stehen dann vielleicht noch lange draußen in der Kälte, während wir schon lange fort sind.« Er grinst leicht und schief.

John fragt sich, ob es Sam um das Geld geht oder darum, schnell von hier wegzukommen. Er blickt wieder zu Brad. Er weiß, dass der es nicht schaffen wird. Irgendwann wird er schlappmachen. Irgendwann draußen im brüllenden Schneesturm. Und dann wird alles noch schlimmer sein als jetzt.

»Gehst du mit, John?«, fragt Jesse.

»Zur Schlucht?«

»Yeah.«

»Nein, Jesse. Die Soldaten können nichts dafür, dass die Rancher Menschen ohne Herz sind.«

»Ich habe es geahnt, John. Irgendwie bist du anders als wir. Vielleicht haben sie dich noch nicht genug getreten.«

»Vielleicht, Jesse.«

»Unsere Anteile werden sich dadurch vergrößern«, wendet Larry ein.

»Es wird trotzdem zu wenig für die Pläne jedes einzelnen sein«, meint John hart. »Vielleicht wäre es für Brad genug, wenn er durchhalten und alles allein haben könnte. Aber er wird nicht durchhalten!« »Ich halte durch!«, ruft der Kranke schrill und bricht in bellendes Husten aus.

»Du denkst es, bist jetzt wahrscheinlich fest davon überzeugt, Brad. Die Wärme in dir, das Feuer, die Bank, auf der du geschlafen hast, das alles hat deinen Zustand gebessert. Aber glaube mir, es wird sich sehr schnell wieder verschlechtern.«

»Wir müssen noch eine Abmachung treffen, an die sich jeder bedingungslos zu halten hat«, mischt sich Larry wieder ein.

Jesse blickt ihn an. Und auch Sam hat nun den Blick wieder gehoben.

»Es geht um Folgendes«, redet Larry weiter. »Es ist kalt. Es liegt hoher Schnee, und keiner weiß, wohin sein Pferd tritt. Es kann vieles passieren. Über der Schlucht könnte einer abstürzen oder verletzt werden. Ihr versteht doch?«

»Sprich weiter!«, fordert Jesse rau. »Niemand darf erfahren, dass wir es waren, die das Geld abholten. Ein verletzter Mann, der zurückbleibt, ist eine Gefahr für die anderen. Sie könnten ihn finden und ausquetschen. Ihr versteht doch?« »Yeah«, nickt das Halbblut. »Weiter, Larry, was willst du damit sagen?«

Goodman blickt auf John und leckt sich über die Lippen.

»Sie könnten ihn also ausquetschen, und vielleicht sind ihre Mittel geeignet, wirklich etwas aus ihm herauszuholen, selbst wenn er jetzt feierlich versprechen würde, sich eher die Zunge abzubeißen, als etwas zu sagen.« Larry blickt immer noch zu John, und der lächelt in den Augenwinkeln.

»Meinst du mich?«, fragt er.

»Ich meine jeden, John. So wie dich, kann es auch mich betreffen. Keiner darf lebend zurückbleiben. Nur die Toten sind stumm!« Jesse stößt die Luft pfeifend durch die Nase und tritt dicht auf Larry zu.

»Jetzt verstehe ich!«, ächzt er. »Du meinst, der, der nicht mitkommt, muss sterben!« »Genau, Jesse.«

»Das ist … das ist unmöglich!«, ruft Sam mit überkippender Stimme.

»Du musst genau darüber nachdenken«, erwidert Larry. »Wir haben schließlich die Absicht, mit dem Geld unerkannt zu entkommen. Auch wenn dieser oder jener uns damit in Zusammenhang bringen sollte, so kann es keiner beweisen, wenn es keine Zeugen gibt. Und jeder von uns hofft schließlich, lebend mit dem Geld aus der Sache herauszukommen. Vielleicht haben wir sogar alle Glück.«

»Wenn … wenn ich nun wirklich nicht durchhalte?«, fragt Brad mit zitternden Lippen.

»Dann wirst du deinen Colt bekommen, Brad. Und wir werden aufpassen, dass du es richtig machst. Jeder kann es selbst machen. Wir sind doch Texaner. Harte Burschen!«

»Yeah, Larry, wir sind harte Burschen«, gibt Brad zu. »Und was hat das Leben schon noch für einen Sinn, wenn wir es nicht schaffen. – Okay, einverstanden!«

»Ich habe immer gewusst, dass du ein aufgeweckter Kerl bist, Brad.« Larry nickt ihm zu. »Gut. – Sam, wie steht es mit dir? – Einverstanden?«

»Well, ich mache mit.«

»Okay. – Und du, Jesse?«

Das Halbblut blickt zu John, der sich gegen die Wand gelehnt hat. Dann schaut er zu Brad weiter und nickt.

»Ich will nicht mehr der arme Bastard sein. Ich mache mit!«

Larry Goodman grinst stärker.

»Ich stelle fest, wir sind uns alle einig. Wir werden bestimmt an die Bucks kommen und dieses verdammte Rinderland vergessen. – Nur mit dir, John, müssen wir uns erst noch einig werden.«

»Ich mache sowieso nicht mit. Das wisst ihr doch«, entgegnet John.

»Eben, darum geht es ja. Aber du weißt davon. Du kannst uns verraten, auch wenn du jetzt feierlich versprichst, es nicht zu tun. Du weißt doch, dass Peterson ein Mann ohne Gnade ist. Wenn, er etwas erfahren will, erfährt er es auch. Wir könnten bei der Schlucht in eine Falle geraten.« »Ich werde nichts sagen.«

»Ich glaube, darauf kann man sich verlassen«, wendet Jesse ein.

»Du glaubst das«, knurrt Larry. »Aber ich nicht. Ich werde euch mal etwas sagen: Vor Jahren ritt ich mit einem Mann zusammen, der in El Paso während des Winters von Armeewerbern unter Alkohol gesetzt worden war. Sie schoben ihm einen Vertrag hin, und er unterschrieb. Er war betrunken. Aber auch das Handgeld lockte ihn. Er wurde Soldat und fand sich damit ab. Er blieb ein harter Bursche. Er hieß Logan. Vielleicht habt ihr schon von ihm gehört. Überall an den Trailwegen kennt man seinen Namen.«

»Ich hörte von ihm«, sagt Sam. »Er soll in Dodge City ganz allein einen Salon ausgeräumt haben.«

»Genau, das ist er gewesen. Er war also ein Kerl, auf den man sich verlassen konnte. Er ritt als Kundschafter. Quannah Parkers Comanchenhorde schnappte ihn. Die Rothäute wussten, dass Soldaten in der Nähe sind und nach ihnen suchten, um sie über die Grenze zu treiben. Aber die Comanchen fanden die Soldaten nicht, wie auch die Soldaten umgekehrt nicht wussten, wo Quannah Parker war. Das wieder lag daran, dass ihr Kundschafter Logan ausgeblieben war. Quannah Parker legte Logan nahe, das Lager der Soldaten zu verraten. Als er das nicht tat, wurde er an einen Pfahl gebunden. Als er keine Ohren mehr hatte, schwieg er immer noch. Er war wirklich hart. Da banden sie ihn so an, dass seine Füße etwa ein Fuß über dem Boden waren. Darunter machten sie Feuer. – Am nächsten Morgen wurden die Soldaten in ihrem Camp von Schüssen geweckt. Von Schüssen, die sie töteten.«

»Eine wunderbare Geschichte«, entgegnet John. »Ich frage mich nur, woher du sie weißt, wenn die Soldaten alle tot waren.«

»Ein Indianerhändler erzählte sie mir. Er hielt sich während der ganzen Zeit bei den Comanchen auf.«

»Das kann schon sein. Aber noch eine Frage: Willst du Peterson mit Quannah Parker vergleichen?«

»Nein, John. Ich will überhaupt keine Vergleiche anstellen. Ich will nur damit sagen, dass selbst die härtesten Burschen zum Reden zu bringen sind. Und dieses Risiko wollen wir von vornherein ausschalten.«

»Er hat recht, John«, versucht Jesse zu vermitteln. »Du solltest nicht so stur sein. Komm mit uns! Wenn es auch nicht viel für den einzelnen ist. Es wird ein gutes Startgeld sein.«

»Ihr seid alle verrückt. Vielleicht hat euch dieser Winter so verrückt gemacht. Die Kälte und Petersons Unduldsamkeit.«

»Seine Raffgier hat uns um den Verstand gebracht!«, schnappt Larry und beugt den Oberkörper nach vorn. »Er ist ein Mann, der über Leichen geht. Über die Leichen seiner Saisonarbeiter. Mehr sind wir doch nicht.«

»Aber das ist doch kein Grund, nun andere umzubringen, die ihn vielleicht nicht einmal kennen!«

»Sie kennen ihn sehr wohl. Jeder in zweihundert Meilen Umkreis kennt ihn!«, zischt Larry.

»Na schön. Dann kennen sie ihn eben. Aber was ändert das? – Sie haben mit ihm nichts zu tun. Vielleicht waren die Begleitsoldaten auch einmal Winterreiter, die auf der Grubline an die Werber gerieten. – Nein. Ich mache nicht mit. Wenn euch das nicht passt, dann macht, was ihr denkt, machen zu müssen.«

Larry packt den Kolben fester und stößt ein leises, grollendes Lachen aus.

John sieht, dass der Cowboy Goodman jetzt dort ist, wo viele Winterreiter vor ihm schon gewesen sind. Männer, auf deren Köpfe dann hohe Prämien standen. Männer, die man fürchtete und schließlich irgendwo aufhing. Sie alle waren einmal simple, treue Cowboys gewesen. Sie hatten vielleicht auch in einer Hütte gehaust. Ohne Essen, ohne Holz, ohne Tabak. Und in ihren Köpfen hatten sich Gedanken eingenistet, die dann immer mehr Gestalt angenommen hatten. Und dann war es passiert. Eine Postkutsche. Eine Bank. Der Tresor einer schlecht bewachten Ranch. Irgendetwas. Und diesmal nun ein Zahlmeister der Armee. Ein Mann, der wahrscheinlich mit drei Begleitern reiten würde. Eine kleine Lawine. Ein Unglück. Ein ganz simples Unglück, um einer Handvoll Dollar willen.

»Wir sind fest entschlossen und werden hier alle Meinungsverschiedenheiten ausräumen«, erklärt Larry mit dunkler Stimme. »Ich war immer ganz beachtlich schnell. – Sam, du zählst bis drei. Dann schießt jeder von uns beiden so lange, wie er kann!«

Jesse stellt sich am Tisch auf und blickt Larry an.

»Lass das«, sagt er pfeifend. »Wir wissen, dass du besser bist als er. Du bist als Coltmann geritten. Er war immer ein Cowboy. Und er ist der Einzige, der mich immer wie einen gleichwertigen Menschen behandelt hat. Er hat nie Halbblut zu mir gesagt. Er nannte mich auch nie Rothaut, wie du es oft getan hast. Er ist der Einzige, der mir wirklich immer ein Freund war.«

Jesse tritt zurück und schiebt die Hand hinter seinen Rücken.

»Es wird ein ganz fairer Kampf sein«, meint Larry unsicher. »Ich weiß überhaupt nicht, was du daran auszusetzen hast, Jesse. Wenn ich einmal Rothaut zu dir sagte, so war es ein Versehen.«

»Kann sein, Larry. Aber für ihn war ich immer Jesse und nicht das Halbblut

»Mit ihm kommst du nie zu dem Geld.« »Ich gehe mit euch. Aber er kann machen, was er will.«

»Und wenn ich doch anderer Meinung bin?«, fragt Larry scharf.

Jesse bringt die rechte Hand wieder vor, und in ihr liegt sein scharfgeschliffener Bowie-Knife, dessen breite Klinge glitzert.

»Vielleicht bin ich damit noch besser als du mit dem Colt«, sagt Jesse. »Es kann sein, dass dann kein Schuss fällt.«

Larry lässt den Coltkolben fahren und verschränkt die Arme vor der Brust. Er sagt: »Wenn wir es nicht ausmachen, wird der ganze Plan hinfällig. So wie hier können wir nach unserem Gesetz immer wieder vor der gleichen Entscheidung stehen. – Jesse, willst du wirklich auf das Geld verzichten?«

»Nein, du weißt es. Ich habe einen besseren Vorschlag. Er bricht mit uns aus und reitet nach Westen.«

»Er kann gestellt werden.«

»Das ist unwahrscheinlich.«

»Stimmt. Trotzdem kann er gestellt werden. Und dann kann alles verraten werden. Warum muss ich dir immer wieder das Gleiche sagen, Jesse?«

»Wenn du auf ihn schießt, bringe ich dich um. Deine Argumente mögen gut und richtig sein. Aber es ändert nichts. Wenn du auf ihn schießt, bist du ein Mann des Todes!«

»Ich glaube nicht, dass er blufft«, sagt Sam kratzig. »In manchen Dingen hatte er schon immer eine sonderbare Meinung.« »Willst du auch, dass er sterben soll?«, fragt Jesse den Cowboy neben sich.

»Nein, Jesse. Ich kann ihn auch gut leiden. Aber ich habe dem Gesetz zugestimmt. Und ich will das Geld, verstehst du?« »Yeah, ich verstehe. Aber wenn er schießt, bringe ich ihn um!«

»Alter Dickschädel«, knurrt Larry. Er dreht sich um und blickt hinaus. Noch immer heult der Wind um die Hütte, und der Schnee tanzt in der kältestarren Luft.

»Was soll denn nun werden?«, fragt Brad. »Weiß ich auch nicht«, wirft Larry Goodman ein. »Frage doch Jesse.«

Brad hustet leise. Sein Körper zittert, John sieht, dass es ihm schon wieder schlechter geht.

»Du solltest dich hinlegen und schlafen«, sagt er. »Wenn du das nicht machst, bist du wahrscheinlich nicht einmal in der Lage, ohne Hilfe in den Sattel zu kommen.« Brad geht zu seiner Bank und legt sich nieder. Jesse schiebt Holz ins Feuer.

Larry blickt zwischen Jesse und John hin und her und nagt dabei an seiner Unterlippe. Er scheint mit sich selbst zu kämpfen, um zu einem Entschluss zu kommen.

Da kracht wieder ein Schuss. Eine Kugel weht durch das Fenster, schlägt klatschend gegen die Herdkannte und zirpt zur Ecke, wo sie sich ins Holz frisst. Jesse ist erschrocken zurückgesprungen. Dann kracht draußen eine ganze Salve.

»Sie schießen sich warm«, meint Larry. »Aber das bringt uns auch nicht weiter. – Kannst du nicht einen Vorschlag machen, John?«

»Doch. Ihr lasst den blödsinnigen Gedanken fallen. Die Soldaten warten auf ihren Sold. Wir reiten nach Westen.«

»Wir reiten nach Norden und holen das Geld. Jeder Vorschlag hat sich darauf zu beziehen. Ist das klar?«

»Nein, Larry.«

»Was wollen wir denn im Westen? Gold suchen? Das führt doch zu nichts. Wir haben nicht einmal Geld, um einen Claim bezahlen zu können, geschweige noch Schürfgeräte, Wir brauchen Geld! Dann können wir über alles Mögliche reden. Vielleicht bei einer Flasche guten Whisky.«

 

 

12. Kapitel

 

Draußen senkt sich die Dunkelheit schnell über das Land. In der Hütte hat sich nichts verändert. Noch immer stehen sie sich wachsam gegenüber; Männer, die auf dem Wege sind, zu reißenden Bestien zu werden.

Da kommt ein Reiter über den östlichen Hügel. Scharf hebt sich seine Gestalt gegen den noch helleren Himmel ab, und er ist durch das Schneetreiben gut zu sehen Der Mann hat ein zweites Pferd neben sich, das etwas hinter sich herzieht.

Jesse lässt die Pfanne, die er eben auf den Herd stellen wollte, aus der Hand fallen. Klappernd landet sie auf dem Boden.

»Es ist Fiddler«, sagt er bestimmt. »Er war auf der Ranch und hat einen Schlitten gebaut. Er bringt die Campgeräte. Sie richten sich also doch hier ein. Verdammt ist Peterson stur!«

»Dann hat er also doch nicht den Sheriff geholt«, sagt Sam aufatmend.

Larry dreht sich mit seinem Gewehr in der Hand um.

»Wie weit mag es bis zum Hügel sein?«, fragt er.

»Vierhundert Yards«, erklärt John.

»So weit trägt die Winchester«, erwidert Larry und hebt das Gewehr an die Schulter.

John ist mit einem schnellen Sprung bei ihm und reißt das Gewehr herunter.

»Was kann Fiddler dafür?«, schnarrt er. »Soll er sterben, nur weil er jetzt einen Job hat?«

Der Reiter verlässt die Hügelkuppe und verschwindet im Nichts der Dämmerung.

»Du bist ein Narr!«, knurrt Goodman. »Ich glaube, wenn sie vor dir stehen, schießt du immer noch nicht. Aber sie werden schießen. Auch Fiddler wird schießen. Er macht es ganz einfach, um seinen Job nicht zu verlieren. Und du wirst es nicht machen, obwohl es um dein Leben geht.«

Jesse hebt die Pfanne wieder auf.

»Es ist schwer, einen Menschen zu erschießen, mit dem man zusammen geritten ist«, murmelt er. »Larry, ich weiß, dass du vor Wochen auch noch anders gewesen bist. Vielleicht willst du jetzt so sein. Es ist auch deine Sache.«

»Hast du es dir noch einmal überlegt, Jesse?«

»Nein. Es gibt nichts zu überlegen. Wenn du es nur nach deinem Gesetz machen willst, verzichte ich auf die Bucks.« »Willst du das Gesetz jetzt gar nicht mehr anerkennen?«

»Nein, Larry. Es ist nicht gut. Nehmen wir einmal an, Brad schafft es wirklich nur wenige Stunden. Es wäre dann unmenschlich, wenn er sterben soll. Genauso ist es, wenn sich mein Pferd ein Bein bricht. Soll ich deshalb sterben?«

»Wegen dem Pferd noch nicht, Jesse. Aber wenn du dabei stürzt und ein Bein brichst.« »Na, siehst du. Wegen einem Beinbruch braucht ein Mann nicht gleich zu sterben. Ich glaube, du bist schon in der Hölle, dass du so ein Gesetz ersinnen konntest.« »Ich war in der Hölle, als ich darauf kam«, meint Goodman. »Aber ich bin noch einmal auf der Erde gelandet, um den Plan ausführen zu können. – Du machst also auch nicht mehr mit?«

»Mit deinem Gesetz nicht.«

»Er hat recht«, sagt Brad von seinem Lager her. »Es ist gemein. Ihr wisst doch, dass ich krank bin. Nur deshalb mache ich mit! Wenn es mir unterwegs übel wird, damit muss ich rechnen, warum soll ich dann gleich keine Chance mehr haben? Ich will doch nach Saint Louis, um gesund zu werden.«

Eisiges Schweigen setzt ein, und nur Brads rasselndes Atmen erfüllt den Raum. John blickt nach draußen. Außer dem Schnee dicht vor dem Fenster ist nichts mehr zu erkennen.

»Einer von uns muss draußen Wache halten«, sagt er spröde. »Sie können sonst bis ans Fenster kommen und auf uns schießen. – Jesse, übernimmst du die erste Wache?«

»Nein, ich bleibe hier. Entweder Larry geht oder Sam. Oder du selbst.«

»Okay, dann gehe ich.«

 

 

13. Kapitel

 

Schneidend fährt ihm der Wind entgegen, als er vor die Tür tritt. Die Schneeflocken setzen sich zwischen seine Bartstoppeln und tauen schnell. Die grimmige Kälte spannt die Haut straff, und sie fährt wie mit spitzen Nadeln überall hin und macht das Blut zäh und träge.

John geht langsam an der Wand entlang, bis er an der Ecke ist, die den Männern draußen im Tal am nächsten ist.

Er bleibt stehen, stemmt das Gewehr mit der Kolbenplatte in den Schnee und blickt vor sich hin. Der Wind, der um die Ecke zaust, zerrt an seiner dicken Jacke und lässt das Schalende flattern.

Die Füße in den Stiefeln werden schnell kalt. Er denkt daran, dass diese Stiefel schon lange besohlt werden müssten. Der Sattler in Pecos würde das machen. Für zwei Dollar.

Er geht weiter bis zur nächsten Ecke, biegt um diese und kommt zum Anbau. Jesse hat hier einen großen Stein vor die schiefhängende Tür gewälzt, weil er den Schließbalken verfeuern musste. John geht weiter und steht bald wieder an der Ecke, die den Männern da draußen hinter dem Schneewall am nächsten ist. Er starrt in das Nichts aus Nacht, Wind und tanzenden Flocken und hört leise Stimmen aus der Hütte hinter sich dringen.

»Nein!«, sagt das Halbblut plötzlich klar. »Ob er hier ist oder nicht, spielt dabei keine Rolle. Er ist mein Freund. Er war auch dann ein Kamerad, wenn ich nicht neben ihm stand.«

»Du Narr kannst das doch gar nicht wissen«, grollt Larry.

»Ich weiß es.«

»Deine Cherokesenmutter hat dich offenbar mit dem sechsten Sinn ausgerüstet, was?«, fragt Sam Strother. »Vielleicht. Es spielt keine Rolle. Wer etwas gegen ihn unternimmt, muss sterben!« Dann wird es ruhig.

John ist es unangenehm, hier Zuhörer zu werden. Er geht langsam von der Hütte weg. Er versinkt bis zur Hüfte im Schnee und kämpft sich langsam und schwer vorwärts. Er fragt sich nicht einmal, warum er das tut. Er schiebt sich weiter, bis er ungefähr zwanzig Yards von der Hütte entfernt ist. Er tritt den Schnee in einem kleinen Kreis fest, bleibt so stehen und schaut zurück. Er sieht die dunklen Umrisse der Hütte und ein paar schmale, gelbliche Lichtstreifen, die durch die Ritzen ins Freie kriechen und vergeblich gegen die Nacht ankämpfen.

Als er sich wieder umwendet, hört er ein schnaufendes Geräusch und dann einen unterdrückten Fluch. Er krümmt sich etwas zusammen und wartet.

Zwei Minuten geschieht nichts. Dann klappern zwei harte Gegenstände zusammen, und es erschallt wieder ein Fluch.

Und plötzlich taucht die Gestalt vor ihm auf. Sie steckt ebenfalls bis zur Hüfte im Schnee, hat etwas Langes in der Hand und wischt damit den Schnee zur Seite.

John erkennt, dass es Alan Schoop, der große, kräftige und fast bullige Vormann ist. Und im gleichen Moment bleibt Alan stehen. Auch er hat John nun gesehen.

Ein pfeifender Laut kommt aus seinem Munde, dann fliegt der Gegenstand aus seiner Hand durch die Luft, verfehlt John knapp und steckt im Schnee.

John sieht, dass es ein langer mit Lappen umwickelter Stock ist, von dem ein Geruch wie nach Petroleum ausgeht. In der gleichen Sekunde weiß er, was Schoop hier will. Es ist eine Fackel. Er wollte sie bestimmt auf das Hüttendach werfen.

Weiter kann er nicht darüber nachdenken. Schoop wirft sich mit einem Knurren vorwärts und fällt ihn an.

Der Vormann kommt so gewaltig, dass John sich nicht halten kann. Sie verkrampfen sich ineinander und landen im Schnee. Eine Faust zuckt hoch, und John spürt einen stechenden Schmerz in der Brust. Er sieht das hassverzerrte Gesicht dicht über sich und riecht den Schnapsatem des Burschen. Sie haben sich da draußen mit Whisky gewärmt. Und sicher hat das auch ihre Gedanken angeheizt.

»Killer!«, keift der Vormann und zieht die Faust wieder hoch.

John dreht sich unter seinem linken Arm. Schoops; behandschuhte Hand rutscht ab. Er sinkt etwas nach links und hat einen Rammer am Kinn, ehe er sich wieder aufrichten kann. Er wird zurückgedrückt. John schlägt nach, hat für die Beine Luft und zieht sie blitzschnell an. Als Schoop sein volles Gewicht wieder auf ihn wirft, streckt er die Beine aus und stößt den Vormann mit den brüchigen, dünnen Sohlen von sich. Er springt auf und wartet.

Schoop kommt knurrend wieder auf die Beine und greift nach der Fackel, die dicht neben ihm im Schnee steckt.

»Da!«, schreit er.

John duckt sich.

Die Fackel fliegt vorbei. Barker rennt vorwärts und setzt dem Vormann einen steif angewinkelten Haken an, der ihn abermals in den Schnee befördert. Mit einem mächtigen Satz schnellt sich John hinterher und schlägt abermals zu. Er spürt das harte Knacken in seinem Handgelenk und den wilden Schmerz, der seinen Arm bis zum Schultergelenk durchzuckt. Doch er schlägt noch einmal zu.

Als er aufsteht, bewegt sich der Vormann nicht mehr. Seine Augen sind geschlossen, und am Kinn hat er einen langsam anschwellenden Fleck, der eine andere Farbe annimmt.

John sucht nach seinem Gewehr. Als er es in der Hand hat, bewegt sich Schoop immer noch nicht. Er nimmt Schnee und wirft ihn dem Vormann ins Gesicht. Da rührt sich Schoop.

Gleichzeitig ruft vom Haus her eine Stimme: »John? Wo steckst du?«

»Hier. Komm her, Jesse!«

Die kleine, drahtige Gestalt des Halbblutes taucht aus der Dunkelheit auf.

»Es ist Schoop«, sagt John. »Er wollte uns offenbar die Hütte über den Köpfen anbrennen. Wir wollen ihn ins Haus tragen.«

Schoop richtet sich in sitzende Stellung auf und wackelt mit dem Kopf, als wollte er die dumpfe Benommenheit abschütteln.

»Du Schwein, Bestman!«, sagt das Halbblut zischend. »Dafür sollte dich der Satan im finstersten Winkel der Hölle schmoren lassen!«

»Steh auf«, sagt John und hält plötzlich den 45er Bisbee-Colt in der Hand.

Schoop blickt zwischen ihnen hin und her, dann schaut er auf den Colt in der nervigen Hand des Cowboys. Er stemmt sich hoch.

Jesse tritt zurück und zeigt das Kampfmesser in der Hand.

»Wenn du fliehen willst, wird es dich in den Rücken treffen!«, knurrt er. »Los, geh vor uns zur Hütte. Wir haben Fragen an dich!«

Der bullige Vormann blickt wie hilfesuchend zu John.

»Wenn ihr mich umbringt, wird das der zweite Mord sein«, sagt er mit belegter Stimme.

»Wird man uns dann zweimal hängen?«, erkundigt sich Jesse. »Ihr wollt uns doch hängen, nicht wahr, Vormann?«

Schoop schluckt etwas die Kehle hinunter.

»Los«, sagt John. »Es ist kalt draußen. Vorwärts!«

Zögernd setzt sich der klotzige Vormann in Bewegung, geht direkt vor dem Halbblut mit dem Messer in der Hand auf die Hütte zu, deren Tür weit aufgeschwungen ist.

Sam Strother steht im Lichtschein des hohen Rechteckes.

»Wir bringen Al Schoop!«, ruft Jesse. Er beugt sich blitzschnell vor und zieht dem Vormann den Colt aus dem Holster.

Sam geht von der Tür weg. Schoop geht hinein, und Jesse schwingt den Colt hoch und schlägt ihn auf den Kopf des Mannes vor sich, sodass der auf den festgestampften Boden sinkt.

»So haben wir es leichter mit ihm«, erklärte das Halbblut finster. »Larry, mach den Stuhl frei. Wir binden ihn darauf fest.«

»Wozu diese Umstände?«, fragt Goodman. John bleibt an der Tür stehen.

»Was willst du damit sagen?«, fragt er gefährlich leise.

Larry lacht grollend.

»Weißt du es nicht?«

»Nein.«

»Du darfst raten, John.«

»Ich will aber nicht. Und ich will auch nicht, dass wir hier zu einer Killerbande werden. Wir hätten das Ende unseres Lassos schnell erreicht.«

»Wir sind hier für die Männer wie Schoop und Peterson schon so gut wie gehangen«, erklärt Larry. »Ob es nun nur um Raksin geht oder um ein paar mehr, spielt dabei für sie keine Rolle. Nur für uns macht es einen Unterschied. Jeder Feind weniger bedeutet für uns weniger Gefahr.«

Jesse steht unentschlossen.

»Mach weiter«, sagt John und nickt ihm zu. »Sam, du übernimmst draußen die Wache.«

»Okay, John. – Und weißt du, ich bin auch nicht dafür, dass wir nun zu Raubtieren werden. Vor allem hier nicht, wo es gar keinen Sinn hat. Ich habe vorhin schon zu Larry gesagt, dass man es auch mit den Bucks des Zahlmeisters anders machen könnte. Es gibt doch sicher einen Weg, es den Soldaten abzunehmen, das Geld. Meinst du nicht auch?«

»Sicher gibt es einen. Nur ist er anscheinend nicht so einfach wie das Töten.« »Würdest du mitmachen, wenn es ohne Blutvergießen abgeht?«, fragt Larry schnell.

»Ich glaube nein, Larry. Und ich habe dir doch schon gesagt, warum es so ist. – Jesse, wann willst du nun anfangen?« Da beugt sich das Halbblut über den Vormann, greift ihm unter die Arme und zieht ihn hoch, um ihn zu dem Stuhl zu schleifen, den Larry freigemacht hat.

Sam Strother greift nach seinem Gewehr, geht in die Nacht hinaus und schlägt die Tür hinter sich zu. Seine Schritte verklingen im knirschenden Schnee.

Brad hustet leise.

»Denke doch einmal an mich, John«, sagt er vage. »Ich muss nach Saint Louis.«

»Dein Anteil dazu wird nicht ausreichen, – Hört jetzt auf damit.«

»Ein paar Stricke. Am besten ein Lasso«, fordert Jesse.

Larry geht zu einem langen, rostigen Nagel, der in die Wand geschlagen ist. Dort hängt ein Lasso, das er abnimmt und zu dem Halbblut trägt.

John geht zum Fenster hinüber und sieht nach, ob die Decke richtig festgehakt ist.

 

 

14. Kapitel

 

Alan Schoop öffnet blinzelnd die Augen, blickt gegen die flackernde Lampe auf dem Tisch und schaut dann die drei Männer an, die ihn in einem Halbkreis umstehen und ansehen.

Im Hintergrund hustet Brad leise und trocken, und es klingt wie das Bellen eines Hundes in der Ferne. Und der Wind rüttelt mit verstärkter Wucht an den dünnen, morschen Hüttenwänden. Schnee weht durch den Spalt der Tür.

Der Vormann hat die Augen ganz geöffnet, und die Farbe, die in sein Gesicht gestiegen ist, verschwindet wieder.

»Wir haben ein paar Fragen an dich«, sagt John. »Zunächst: Wer hat Raksin gefunden?«

»Ich.«

»Kam Peggy zur Ranch?«

»Yeah. Sie hat zugegeben, hier gewesen zu sein. Sie hat sich von dir nun endgültig losgesagt. Der Boss war darüber nicht ungehalten.«

»Kann ich mir denken.« Larry grinst.

»Was hat Fiddler geholt?«

»Alles, was wir brauchen, um euch auszuheben«, erwidert der Vormann frostig.

»Dem Sheriff hat er nicht Bescheid gesagt?«

»Wir werden mit euch allein fertig.«

»Okay, das war alles.« John dreht sich um, geht bis zur Wand und wendet sich dort wieder um. Er lehnt sich gegen die scharfe Rinde der dünnen Stämme und spürt den Wind im Rücken, der durch die Fugen bläst.

Jesse geht zu einer Ecke. Er kommt mit einer Bullpeitsche zurück, die er ausrollt. Er lässt das bleibeschwerte Ende über den Boden tanzen.

Schoops Gesicht wird grau.

»Kennst du das?«, fragt das Halbblut flüsternd. »Es ist eine Peitsche. Eine Peitsche, mit der man die Longhorns nach Norden treibt. Sie dient eigentlich keinem anderen Zweck. Nur du benutzt sie manchmal zu etwas anderem. – Weißt du es noch? Es war auf dem letzten Trail. Am vierten Tage nach dem Aufbruch. Mein Lasso hatte versehentlich dein Pferd getroffen. Gegen den Kopf. Es scheute, und du bist beinahe aus dem Sattel gefallen. Nur beinahe, Schoop. Dafür hast du mich mit deiner Peitsche geschlagen. Über den Rücken. Es hat noch viele Tage dort gebrannt, und ich habe es nie mehr vergessen können. – Jetzt werde ich dich schlagen. Nur einen Hieb! Über das Gesicht. Du wirst dann auch wissen, wie das ist, denn es brennt höllisch.«

Jesse holt mit der Peitsche aus und wirbelt das bleibeschwerte Ende hinter sich.

Schoop wird auf seinem Stuhl kleiner und zerrt an dem Lasso, das ihn festhält.

John ist mit einem Sprung neben Jesse und reißt ihm die Peitsche aus der Hand.

Das Halbblut fährt zornig herum.

John wirft die Peitsche in die Ecke zurück.

»Wenn einer ein Schwein ist, braucht der andere deshalb nicht ebenfalls dazu zu werden, Jesse«, sagt John. »Binde ihn los. Er kann gehen. Eines Tages wirst du froh sein, besser zu sein als er.«

Das Halbblut steht geduckt und hat die Augen fast geschlossen. Zischend kommt die Luft aus seinem Munde.

»Binde ihn los«, sagt John noch einmal mit harter, glasklarer Stimme, die wie der Frost draußen vor der Hütte klirrt. »Er kann gehen.«

»Wenn er tot ist, können wir unsere Gegner besser übersehen«, meint Larry. »Ich glaube, das wäre ein Vorteil für uns.«

Jesse Freed bewegt sich immer noch nicht.

»Losbinden«, sagt John wieder: »Oder soll ich es machen?«

Da geht das Halbblut auf den Vormann, zu und befreit ihn von dem Lasso.

Schoop steht auf. Er geht an Jesse vorbei und bleibt dicht vor John Barker stehen.

»Thanks«, sagt er leise. »Dafür werde ich dafür sorgen, dass sie es bei dir leicht machen.«

»Verschwinde«, gibt John eisig zurück und stößt die Tür auf.

Schoop geht hinaus.

»Sam, er kann gehen!«, ruft John hinaus.

»Wie ist es mit meinem Colt?«, fragt er.

Jesse hat die Waffe auf einmal in der Hand. Er hält sie mit dem Lauf nach oben und dreht die Trommel Raste um Raste durch. Die gelben Geschosshülsen klappern auf den festgestampften Boden. Jesse schiebt sie mit einer knappen, ruckartigen Bewegung des Beines zur Seite. Dann tritt er an die Tür und wirft dem Vormann die Waffe zu.

Schoop dreht sich um und geht davon. Er verschwindet zwischen Dunkelheit und Schneetreiben.

Sam lehnt an der Wand und schaut ihm nach.

»Ich glaube, du hast einen Fehler gemacht«, sagt er vage. »Er wird dir dafür bestimmt nicht dankbar sein. Sie kennen so etwas nicht. Es passt nicht zu ihnen. Sie werden es wieder versuchen. Diesmal vielleicht anders. Immer haben wir kein Glück. Weißt du, was passiert wäre, wenn er die Fackel hätte aufs Dach werfen können?«

»Yeah, ich weiß. Aber es hat keinen Zweck, jetzt noch darüber nachzudenken oder gar zu streiten. Wir müssen versuchen, anders klarzukommen. Es kann sein, wie es will. Wir werden niemals recht bekommen. Geh hinein, Sam. Ich übernehme jetzt wieder die Wache.«

 

 

15. Kapitel

 

Er stapft durch den tiefen Schnee, spürt den eisigen Wind im Gesicht und an den Händen und überall dort, wo die Mackinshaw-Jacke nicht mehr sehr dich ist.

Hinter ihm öffnet sich die Tür. Jesse kommt heraus. Er schließt die Tür, bleibt einen Moment stehen, und sein Gesicht leuchtet wie ein schmaler Nebelstreifen durch die Dunkelheit.

»Hier bin ich«, sagt John leise.

Das Halbblut bewegt sich auf ihn zu und bleibt dann neben ihm stehen. Ihr Atem steigt wie weißer Rauch in die Höhe, wird vom eiskalten Wind aufgenommen und in Fetzen gerissen.

»Warum willst du nicht mitmachen?«, fragt das Halbblut.

»Was?«

»Du weißt, wovon ich rede. Jetzt ist der günstigste Zeitpunkt. Schoop wird Peterson berichten, warum sein Plan nicht aufging. Sie werden eine Weile brauchen, auf etwas Neues zu kommen. Und dann werden sie es vorsichtiger versuchen. Wir könnten einen großen Vorsprung gewinnen.«

»Hat Larry dich geschickt?«

»Nein, ich komme von mir aus. Du weißt, dass ich es mit dir machen will. Und du weißt auch, warum das so ist.«

»Nein, Jesse. Ich habe überhaupt keine Ahnung.«

»Dann werde ich es dir sagen: Wenn wir das Geld haben, wird alles noch schlimmer sein. Wenn wir genau wissen, dass es für vier Mann zu wenig ist, wird jeder den Anteil des anderes noch dazu haben wollen.«

»Für drei«, wirft John hin. »Du weißt doch, dass Brad es niemals schaffen wird.« »Okay, dann eben für drei. Einer wird des anderen Feind sein. Wir werden uns gegenseitig belauern und umbringen. – Davor habe ich Angst. Aber wenn du mit uns gehst, wird jeder seinen Anteil und seine Ruhe haben.«

»Ich gehe nicht mit, Jesse. Geraubtes Geld bringt kein Glück. Und dann ist da noch etwas: Ein Mann, der raubt und aus Habgier mordet, der kann nicht mehr an sich selbst glauben. Ein Mann muss aber in diesem Land an sich selbst glauben können. Es ist besser, wenn du dir alles noch einmal überlegst. Wir haben noch Zeit. Wir können nach Westen reiten.«

»Wir zwei?«

»Wir zwei und alle, die mit uns kommen wollen.«

»Ich will aber nicht ewig der arme Bastard sein, verstellst du?«

»Yeah, ich verstehe. Dann musst du eben mit ihnen gehen und auf den Moment warten, der dir das Ende bringt. Sicher hast du dir auch schon ausgerechnet, dass sie dich zuerst abschütteln wollen. Es ist alles deine Sache, Jesse.«

Das Halbblut starrt in den Schnee.

John hebt den Kopf, den er gesenkt hatte. Und da sieht er eine Gestalt, und gleichzeitig blüht vor ihm eine grellrote Mündungsflamme auf. Eine Kugel zieht einen heißen Strich über seine Hüfte.

Jesse schreit etwas. Dann krachen mehrere Schüsse gleichzeitig.

John lässt sich fallen. Er sieht, dass auch das Halbblut neben ihm im Schnee liegt. Vor ihnen ist niemand mehr zu sehen. Aber von weiter links tacken Schüsse auf, die peitschend in die Hüttenwände fahren.

»Hölle, sie haben es sich doch schneller überlegt!«, schnauft Jesse.

»Sie wollten die Überraschung für sich nutzen. Fast wäre es ihnen gelungen, wenn der Bursche vor mir nicht zu aufgeregt gewesen wäre.«

Jesse stemmt den Oberkörper hoch. Noch immer ist das Krachen eines Gewehres zu hören. Von links zucken die Flammenblitze durch die Nacht.

Jesse schießt in diese Richtung. Sofort schweigt das Gewehr.

Da kracht es auf der anderen Seite. Jesse lässt sich fallen. Seine Augen schauen zu John, und er sagt: »Sie wollen uns jetzt einkreisen. Peterson hat die Geduld verloren. Sie wollen es schnell machen. Wir müssen in die Hütte zurück.« »Wir müssen draußen bleiben, Jesse. Sie wollen im Moment sicher weiter nichts, als uns hineintreiben. Die Hütte hat nur ein Fenster auf der Türseite. Die drei anderen Seiten, sind leicht zu erreichen, wenn wir drinnen sind. Das ist ihr Plan. – Komm zur Wand zurück!«

Sie stemmen sich hoch und weichen bis zur Wand zurück. Sie lehnen sich dagegen und starren in das Dunkel und in das wilde weiße Treiben.

Von rechts ist das Tacken eines Colts zu hören. Kugeln pflügen vor ihnen durch den Schnee. Jesse schießt, obwohl er niemanden sehen kann.

»Du gehst nach links«, bestimmt John.

Jesse nickt und schiebt sich um die Kante. John geht zur anderen Seite. Er bleibt neben der geschlossenen Tür stehen und ruft leise:

»Kommt heraus! Von drinnen ist nichts zu machen. Sie wollen uns umstellen!«

»Wir lösen euch bald ab«, gibt Larry zurück. »Geh weiter nach rechts. Die Frontseite halten wir vom Fenster aus.«

»Okay«, erwidert John und schiebt sich weiter. Es ist ihm lieber so, denn er möchte die Männer vertreiben und nicht töten, denn er weiß, dass der Hass immer größer werden muss, wenn der Tod die Bank hält. Er schiebt sich um die Kante, gleitet an der Tür des Anbaus vorbei und kommt zur Rückseite. Er hört Gewehrfeuer und die Einschläge neben sich und überall. Und dazwischen ist das trockene Bellen von Jesses 38er Colt.

»Ergebt euch!«, schreit Peterson von irgendwo durch das Schneetreiben und das Heulen des Windes. »Ihr habt keine Chance mehr!«

»Fahr zur Hölle!«, ruft Jesse. Und dann ist wieder das Tacken seines Colts zu hören.

Ein hämisches Lachen erschallt. Dann ein verzerrter Schrei.

John rennt an der Hüttenwand entlang zur nächsten Ecke und sieht Jesse langsam in den Schnee sinken.

»Jesse!«, schreit er.

Eine Gestalt taucht vor ihm auf. Er hebt die Waffe und schießt. Die Gestalt verschwindet wieder.

»Verflucht, wir kommen nicht heran!«, schreit jemand.

John beugt sich über Jesse.

»Hilf mir doch!«, knirscht er. »Es hat meinen Arm erwischt.«

John hilft ihm auf die Beine und lehnt ihn gegen die Wand. Er sieht, dass der Arm des Halbbluts nach unten hängt. Er ist der linke Arm. Und die Rechte mit der Waffe kommt hoch und drückt ab, obwohl kein Ziel zu sehen ist.

»Es ist gut«, haucht Jesse. »Schon gut, Partner, ich kann noch.« Er versucht zu lächeln, aber es wird nur eine Grimasse.

John lässt ihn los und dreht sich. Er gleitet bis zur Ecke zurück und feuert einfach in die Nacht hinaus. Er dreht den Colt, zieht mit eisigen Fingern Patronen aus den Schlaufen seines Gurtes und schiebt sie in die Kammern der Trommel, nachdem er die schwarzverbrannten Geschosshülsen herausgeklopft hat.

Wieder krachen Gewehre. Und aus der Hütte ist ein krachendes Geräusch zu hören, das sich gleich darauf wiederholt.

»Was ist das?«, ruft Jesse.

»Ich weiß nicht«, erwidert John mit verkantetem Gesicht. Neben ihm orgelt eine Kugel in die Wand. Er zuckt zusammen, schießt dann wieder.

»Larry, was macht ihr?«, schreit das Halbblut.

»Wir schlagen die Wand zum Anbau durch!«, schallt es zurück. »Wir können dann die zweite Tür auch besetzen.« Wieder schallen harte Schläge aus der Hütte, und dazwischen ist Brads bellendes Husten zu hören. Dann ein lautes Knirschen, und Sam ruft: »Okay, das Loch ist groß genug.«

Gleich darauf bellen auch an der Anbautür Schüsse auf.

John dreht sich im Halbkreis und sucht das Nichts vor sich ab. Er sieht eine Mündungsflamme und schießt darauf. Er ist nun so weit in die Enge getrieben, dass ihm alles gleichgültig geworden ist. Aber auf seinen Schuss antwortet kein Schrei. Er schiebt sich zurück zur Ecke und sieht das Halbblut an.

»Wie geht es?«, fragt er rau.

»Alles noch okay, Partner. Nur etwas warm am Arm.«

Von der Tür des Anbaues sind immer noch wilde Abschüsse zu hören, und Sam schreit: »Am Ende seit ihr alle tot, ihr Narren!«

Larrys laut knallender Frontiercolt meldet sich auf der anderen Seite, wahrscheinlich am Fenster. Und dann hustet Brad wieder, dem der Pulverdampf in der Hütte zu schaffen macht.

 

 

16. Kapitel

 

Es ist ruhiger geworden. Nur Sams siebenschüssige Spencer knallt hin und wieder. Sonst ist nichts mehr zu hören.

John bleibt neben Jesse stehen und greift nach dessen verletzten Arm. Brads Husten dringt so gedämpft durch die Wand, als wäre er gar nicht mehr in der Hütte, sondern weiter hinten im Anbau. Ein Pferd schnaubt.

»Es ist nicht so schlimm«, sagt das Halbblut. »Ob sie sich zurückgezogen haben?« »Es scheint so. – Warte, ich will es mir nur ansehen. Verbinden können wir es dann in der Hütte.«

»Wollen wir nicht hineingehen?«

»Wir müssen noch etwas warten. Vielleicht wollen sie uns nur täuschen. Es nützt uns nichts, wenn wir jetzt in der Hütte sind und plötzlich brennt sie über unseren Köpfen.«

Jesse beißt die Zähne fest aufeinander, als der Ärmel über die Wunde streift.

John sieht die tiefe Schramme und das dunkle Blut, das über den Arm läuft. Er zieht sich sein Halstuch unter dem dicken Schal hervor und schlingt es um Jesses Arm.

Da wiehert wieder ein Pferd. Und dann ist ein anfeuernder Ruf zu hören. Hufe stampfen. Sattelleder knarrt. Ein Schuss kracht.

John steht einen Moment wie erstarrt, und er kann nicht begreifen, was da geschieht.

»Sie fliehen!«, schreit Jesse. Er will losrennen, rutscht aus und liegt lang auf dem Boden. Sein Colt schlittert durch den Schnee. Er rafft sich wieder auf und greift nach der Waffe.

John biegt um die andere Ecke. Als er zur Rückfront kommt, sieht er die weit offene Tür des Anbaues und drei Reiter, die am Rande seines Blickfeldes verschwinden.

Jesse kommt auf der anderen Seite.

»Ihr Schufte!«, heult er in die Nacht hinaus. Dann kracht sein Colt.

Die drei Reiter sind verschwunden.

Jesse lässt die Hand mit dem Colt sinken.

John geht in den offenen Anbau hinein. Er sieht seinen Cayusen, der den Kopf gedreht hat und die Ohren aufstellt. Daneben steht Jesse Freeds Pinto. Zwei Sättel liegen auf der Erde im dürren Stroh.

»Wir müssen ihnen nach!«, schnarrt das Halbblut.

»Warum? Es ist jedermanns eigene Sache, was er tun will. Uns geht es nichts an, Jesse. Oder willst du immer noch an das Geld kommen?«

»Ich will nicht immer der arme Bastard sein!«, knurrt Jesse finster. »Es hat sich nichts geändert, Partner.«

»Dann reite ihnen nach. Vielleicht sind sie immer noch bereit, mit dir zu teilen. Wie das am Ende aussehen wird, sagte ich dir schon. – Geh, Jesse! Dort steht dein Pferd.«

Das Halbblut steht unentschlossen und schiebt den Paterson-Colt schließlich ins Holster.

»Es ist doch gleichgültig, ob sie es allein machen, oder ob wir mit dabei sind«, knurrt Jesse. »Die Soldaten haben gegen drei Mann, die im Hinterhalt liegen, so wenig eine Chance wie gegen fünf. Siehst du es nicht ein?«

»Doch, Jesse, das stimmt. Deshalb sollten wir vielleicht ebenfalls nach Norden reiten und die Soldaten warnen. – Wie denkst du darüber?«

»Ich will meinen Anteil! Ich will endlich etwas Geld haben, um besser durch den nächsten Winter zu kommen. Ich werde es bestimmt Zusammenhalten.«

»Du wolltest ranchen.«

»Ich will vor allen Dingen leben. Wie ein Mensch, John! Verstehst du, wie ein Mensch. Nicht schlechter als ein Hund!« John blickt durch die Tür auf den Schnee, der dort einen Wirbel bildet. Er hört ein Geräusch in der Hütte und fährt herum. Durch das Loch in der Wand sieht er den Lauf eines Gewehres im zuckenden Lichtschein des Herdfeuers, und eine grollende Stimme ruft: »Hände hoch!«

 

 

17. Kapitel

 

»Na also«, sagt Petersons tiefer Bass hinter John. »Den Anführer und die Rothaut haben sie uns dagelassen.«

John steht steif und spürt den Atem des Mannes im Nacken.

Da wirft sich Jesse mit einem Schrei vorwärts. Er springt genau auf das Loch in der Wand zu. Das Gewehr brüllt auf, und das grollende Donnern lässt die windige Hütte erzittern. Die Pferde schnauben und zerren an den Ketten, mit denen sie an die Wand gehalftert sind. Jesse fällt kurz vor dem Loch in der Wand auf das Gesicht.

Peterson ist mit einem Satz hinter John, als sich der Cayusen dreht und mit dem linken Hinterhuf auskeilt. Das Eisen trifft den Rancher in die Hüfte. Er strauchelt und drückt ab, während er fällt. Seine Kugel fährt peitschend ins Gebälk des Daches. Staub rieselt nieder.

Das Gewehr in der Wand brüllt abermals auf. Die Kugel streift über das Fell des Pintons. Das Tier dreht sich und verdeckt John, der zu Jesse blickt.

Er hört ein Schnaufen hinter sich, und die Erstarrung fällt wie dürrer Putz von ihm ab. Er wirbelt herum und sieht Fiddler, der eben den Colt anschlagen will. John springt ihn an und schlägt zu. Der Rammer wirft Fiddler gegen die Wand und lässt ihn dort zu Boden sinken.

Petersons lautes Schreien übertönt das Inferno. John springt vor und reißt die Kette von der Gebissstange seines Pferdes. Er dreht das Pferd in dem engen Raum, und Schoop, der durch die Tür kommt, prallt gegen das Tier und wird zu Boden geworfen. Wieder kracht ein Schuss. Fiddler schreit auf, wird schlagartig ruhig.

»Mein Gott«, ächzt der Rancher irgendwo. »Das habe ich nicht gewollt.«

John weiß nicht, wie er auf den ledigen Rücken des Pferdes und aus dem Anbau gekommen ist. Er spürt plötzlich die kalte Nachtluft um sich. Wind und Schnee peitschen über sein Gesicht. Er berührt die Flanken des Cayusen mit den Sporen und fliegt in der Spur dahin, die die Männer vor ihm in den Schnee gegraben haben. Hinter ihm krachen Gewehre und Colts, aber er wird nicht getroffen.

Er jagt zwischen die vulkanisch schwarzen Felsentürme. Das Knattern hinter ihm verstummt. Der Wind heult mit doppelter Wucht durch die Kluft zwischen den Felsen, und der Boden ist glatt und freigefegt. Er sieht keine Spur und nichts mehr vor sich. Und die Hufe des Pferdes klappern schnell über den festgefrorenen Boden.

 

 

18. Kapitel

 

Er hält im Schutze einer Felswand und wartet. Und als der Hufschlag aufklingt, springt er vom Rücken des Pferdes, zieht den Kopf herunter und hält dem Cayusen die Nüstern zu.

Er kann sie schemenhaft im Schneetreiben sehen. Und er zählt zwei Mann. Er erkennt, dass es Ketterer und Peterson sind.

Der Vormann ist also bei der Hütte geblieben. Vielleicht hoffen sie, er würde umkehren. Er denkt an Fiddler und hat dessen gellenden Schrei noch in den Ohren. Peterson muss ihn versehentlich erschossen haben.

Der Hufschlag verklingt. Sie sind verschwunden. John springt mit einem Satz auf den Rücken des Pferdes und lenkt es auf den Weg zurück. Er reitet auf seiner eigenen, verwehten Fährte ein Stück zurück und biegt dann nach links ab.

Es hat keinen Sinn, umzukehren. Jesse lag stumm auf dem spärlich mit Streu bedeckten Boden.

Er reitet in westlicher Richtung und biegt nach Norden ab. Er weiß nicht, warum er nach Norden reitet, und er weiß auch nicht, was er tun soll. Alles ist sinnlos. Jesse tot! Raksin tot! Fiddler wahrscheinlich auch tot, wie es nach dem Schrei zu urteilen, klang.

Alle sinnlos gestorben! Wegen einem Kalb, das sie nicht mehr brauchten und auch nie bekamen. Und die anderen auf einem heißen Trail, an dessen Ende ebenfalls das Verderben stehen wird.

Er sucht den Boden nach Spuren ab, findet aber keine. Dann, als er die Felsen hinter sich hat und weites Flachland sich vor ihm ausdehnt, findet er die tiefen Furchen, die die Pferde gegraben haben, wieder.

John Barker folgt ihnen. Vielleicht kann er sie doch noch zur Vernunft bringen, wenn er rechtzeitig kommt.

 

 

19. Kapitel

 

Als im Osten der Morgen graut, hat das Schneetreiben nachgelassen. Nur noch vereinzelt tanzen die Flocken hernieder. Der Wind ist fast völlig abgeflaut.

Er reitet und blickt aus geröteten, brennenden Augen nach vorn. Er kommt über einen freigefegten Hügel und sieht das Pferd unten in der Senke. Es liegt auf dem Boden und ist halb unter dem Schnee vergraben. Daneben liegt ein Mann.

John schnalzt kratzig mit der Zunge. Sein Pferd wird etwas schneller. Er kommt näher und näher und hält dann neben dem Pferd. Es ist tot. Der Mann daneben ist Brad Segal.

John gleitet vom Rücken des Cayusen und geht mit hölzernen Bewegungen näher. Er sieht den Colt, der neben Segal liegt, und das Messer, das er noch in der Hand hält. Segal scheint versucht zu haben, den Leib des toten Tieres aufzuschlitzen. Aber offenbar hat seine Kraft dazu nicht mehr ausgereicht.

John kniet neben dem Mann nieder und dreht ihn auf den Rücken. Er blickt in das blaugefrorene, froststarre Gesicht, hält Segal die Hand vor den Mund und glaubt, dass es noch etwas Wärme ist, die ihm entgegenkommt.

John sucht in allen seinen Taschen, aber er hat nichts bei sich. Keinen Schnaps, der vielleicht noch helfen könnte.

»Brad!«, ruft er.

Die Augenlider des Liegenden zucken, heben sich aber nicht.

»Brad!« John reibt das Gesicht des Kranken, und wirklich schlägt Brad die Augen noch einmal auf. Seine erfrorenen Hände machen eine Bewegung. Die Finger bewegen sich nicht mehr. Er scheint erst überlegen zu müssen. Dann sagt er: »Ah, John. Du bist es, nicht wahr?«

»Yeah.«

»Ich … ich fiel plötzlich. – Wo ist meine Hand? Ich spüre sie nicht mehr.«

»Sie ist erfroren, Brad«, sagt John.

Der Kranke scheint das nicht gehört zu haben.

»Ich habe das Pferd sofort erschossen«, redet er kaum hörbar und ächzend weiter. Dann hustet er trocken und bellend. »Ich wollte es ausnehmen und in seinem warmen … warmen Leib Schutz suchen. Ah, John, irgendwer … hat es mir … einmal erzählt.«

John sieht, wie schwer dem Mann das Reden fällt. Und er weiß, dass Brad jetzt am Ende ist. Er hat es also doch nicht schaffen können. Nur wenige Stunden hielt er durch.

»Und die anderen?«, fragt er.

»Sie ritten weiter. Ich … weiß nicht … ob sie sich umblickten. Aber sie … sie hielten … nicht.«

John nickt Er hat gewusst, dass sie es so machen würden. Sie kennen keine Gnade mehr. Sie sind nun dort, wo sich der Mensch nicht mehr vom Tier unterscheidet. Und alles haben dieser Winter und die Unduldsamkeit eines einzelnen Mannes zuwege gebracht.

»Es … es brennt so sehr«, ächzt Brad. »Gib … mir den Colt!«

John schluckt schwer, und er spürt heiße Tränen, die über seine Wangen rinnen. Er schüttelt den Kopf und sagt: »Ich bringe dich nach Pecos, Brad. Der Doc wird dir sicher helfen.«

Segal hustet wieder, röchelt und spuckt Blut aus. John dreht ihn schnell auf die Seite, um ihn vor dem Ersticken zu bewahren.

Segals ganzer Körper schüttelt sich, wird dann schlaff. John beugt sich tief über ihn. Er sieht, dass er noch lebt. Er steht auf, hebt Segal hoch und schleift ihn zu seinem Pferd.

Dann ist wieder das trockene, bellende Husten da und ein Blutstrom, der Brad aus dem Munde schießt. Er schreit etwas, sackt dann in Johns Armen völlig zusammen. Barker lässt ihn zur Erde sinken. Er dreht ihn und blickt in die gebrochenen Augen.

Brad Segal ist tot. Vielleicht ist es gut so. Er hat es schon ausgestanden. Und er, John, hat es noch vor sich.

Er wischt sich den Schweiß von der Stirn, greift dann nach dem Messer Segals und schaufelt den lockeren Schnee zur Seite. Er kommt bis auf den hartgefrorenen Boden und will mit dem Messer ein Loch hineingraben. Als ihm das nicht gelingt, presst er die Zähne aufeinander und schlägt das Messer wütend in den Boden. Die Klinge bricht ab.

John wirft das Messer von sich und steht wieder auf. Der kalte Luftzug kühlt seine Stirn, und langsam kommt ihm die Beherrschung zurück. Er geht zu dem Pferd des Toten, schnallt ihm den Sattel los und zieht ihn hervor. Er legt ihn dem Cayusen auf, hebt den Toten hinauf und schwingt sich hinter ihm in die Höhe.

So reitet er weiter.

John Barker kommt drei Stunden später zu einem Sandsteinfelsen, der wie ein großer, runder und abgeflachter Kegel mitten im Flachland steht. Er sieht eine niedrige, halb verwehte Höhle, steigt ab und macht den Zugang frei. Er schiebt den Toten hinein und sucht so lange nach Steinen, bis er genug gefunden hat, um den Zugang damit notdürftig zubauen zu können.

Als er das getan hat, steigt er wieder auf.

Drei Stunden später findet er die Furchen wieder, die die Pferde der beiden Männer in den Schnee gezogen haben. Er folgt ihnen den ganzen Tag, ohne die beiden einholen zu können.

Mitten in der Nacht sieht er Feuerschein bei ein paar trockenen Scrubbüschen im Schutze einer kleinen Mulde.

John hält an und blickt hinunter. Im Lichtkreis des Feuers sieht er die beiden in eine Decke gehüllt auf der Erde liegen. Es müssen ihre Pferdedecken sein. Die beiden Pferde stehen in der Nähe. Offenbar sind sie mit den Zügeln aneinandergebunden.

 

 

20. Kapitel

 

Sam Strother fährt in die Höhe und greift nach dem Gewehr, als er den leise klappernden Hufschlag im dämpfenden Schnee hört.

John hält an. Er hält genau an der Lichtgrenze des Feuers.

»Ich bin es«, sagt er.

Da steht auch Larry Goodman auf. Er hat seinen Colt in der Hand und tritt näher ans Feuer, als würde er frieren.

»Schau einer an«, sagt er grinsend. »John Barker. Ganz allein. – Was willst du hier? Und wo ist Jesse?«

»Er ist tot. Sie hatten uns nur getäuscht, als sie nicht mehr schossen. Dann waren sie plötzlich da.«

»Ach. Und du bist ihnen entkommen?« »Yeah. Ihr doch auch. Oder hattet ihr gehofft, wir würden alle nicht mehr aus dem Tal und hinter euch herkommen können?«

Sam und Larry wechseln einen schnellen Blick. Dann sagt Strother: »Wir haben gar nicht darüber nachgedacht, John. Wir wollten unseren Plan ausführen. Du weißt ja, welcher Plan das ist.«

Sein Gewehr macht eine ruckartige Bewegung. Dann fährt er fort: »Du wolltest das nicht. Du wolltest nach Westen, und wir sollten mit dir kommen. Aber wir waren uns darüber einig, dass wir freie Männer sind, John. Männer, die machen können, was sie wollen.«

»Yeah, ich verstehe.«

»Na, siehst du. Und weil wir doch niemals unter einen Hut kommen würden, ritten wir allein los.«

John legt die Hände auf dem Sattelhorn zusammen und fixiert Sam scharf. Er weiß, dass dieser Cowboy erst durch den Schuss auf Raksin so wild geworden ist, wie er sich nun gibt.

»Es sah aus, als wäre Brad noch bei euch gewesen«, sagt er. »Er suchte doch auch nach seiner Chance, nicht wahr?«

Larry und Sam wechseln wieder einen blitzschnellen Blick.

»Er war auch bei uns«, sagt Larry dann leise. »Aber in seinem Fall hattest du recht. Er hielt nicht durch. Er kippte schon nach wenigen Meilen aus dem Sattel. Daran konnten wir auch nichts machen. Pech für ihn. Es war eben ein Versuch. Er konnte ihn gewinnen oder verlieren. Well, er hat verloren. Aber mit dir hätte er auch verloren, denn es ist überall gleich kalt. Und aus der Hütte mussten wir weg.«

John Barker weiß, wie recht Goodman damit hat. Brad Segal hatte keine Chance mehr, nachdem sie sich in der Hütte nicht halten konnten. Und sie hätten früher oder später doch aufgeben müssen. Das sollte sogar nach seinem Plan geschehen.

»Es ist nur nicht schön, dass ihr ihn einfach liegengelassen habt«, sagt er.

»Er war tot. Wir wollten ein Loch graben, aber der Boden ist zu hart gefroren.«

»Als ich ihn im Morgengrauen fand, lebte er noch, Larry.«

Goodman steht bolzengerade und stößt die Luft durch die Nase.

»So, du hast ihn also gefunden.«

»Yeah.«

»Wir hatten gedacht, er wäre tot.« Larry zuckt die Schultern. »Er rührte sich nicht mehr, als er auf den Boden gefallen war.« »Er hat sein Pferd noch erschossen. Das müsst ihr eigentlich gehört haben. Er wollte es aufschlitzen und in den warmen Leib kriechen.«

Sam schüttelt sich und seine Zähne schlagen hart aufeinander.

»Woll… wollte er das wirklich?«, fragt er, und das Grauen springt aus seinen Augen, während sein Gewehr langsam nach unten sinkt.

»Yeah, das wollte er. Er sah wohl keinen anderen Weg mehr. Und er wollte noch nicht sterben. Aber er hat es nicht mehr geschafft. Als ich ihn fand, waren seine Hände so durchsichtig wie Glas. Er konnte sie nicht mehr bewegen. Dann ist er wirklich gestorben.«

Sam blickt zu Larry hinüber, und der hustet kratzig.

»Er hatte unser Gesetz anerkannt«, knurrt Goodman. »Dabei haben wir es gar nicht bis zur letzten Konsequenz durchgeführt. Du weißt doch, was ich sagte: Wer nicht weiterkann, muss sterben.«

»Ich weiß es, Larry. Aber außer deinem Gesetz gibt es noch andere. Eines davon besagt, dass man niemals einen Mann allein lässt, wenn der nicht mehr weiterkann.«

»Er hat gesagt, wir sollten uns nicht um ihn kümmern«, erwidert Goodman unwirsch.

»Stimmt das, Sam?«

»Yeah, es stimmt, John. – Wirklich, du kannst es glauben!«

»Du hast nie gelernt, einen Mann zu belügen, Sam. Und auch das Gewissen wird dich immer verfolgen, wenn ihr euren Plan ausgeführt habt. Eines Tages schießt du dir vielleicht selbst eine Kugel in den Kopf, wenn es nicht andere vorher besorgen. Ich will nicht euer Richter sein. Deshalb bin ich nicht gekommen. Es war Brads Schuld, dass er mit euch geritten ist. Ich werde selbst gesucht und verfolgt. Und es wäre lachhaft, würden wir einer dem anderen den Garaus machen.«

»Was soll die lange Rede?«, wendet Larry ein.

»Ich hatte gedacht, es würde dich nachdenklich stimmen, Larry. Es ist eine Gemeinheit gewesen, wie ich mir keine schlimmere vorstellen kann. Wahrscheinlich hat er so und so keine Chance mehr gehabt, denn auch Peterson wollte ihm keine geben. Aber das ändert nichts. – Ich will euch bitten, noch einmal wie Menschen zu denken. Es ist nun genug Blut geflossen. Fiddler ist auch tot. Peterson hat ihn versehentlich erschossen. Wir wollen zusammen nach Westen reiten und versuchen, alles zu vergessen.«

Larry lachte leise.

»Ohne das Geld, wie?«

»Yeah.«

»Das hast du alles schön hergesagt, Freund. Fast wie ein Prediger. Aber mir ist es gerade, als wäre es an meinen Ohren vorbeigeweht. Sam hat dir vorhin gesagt, dass wir freie Männer sind. Jeder macht, was er denkt.«

»Und du, Sam?«

»Ich habe es satt, John. Ich kann dich gut verstehen und will dir auch alles glauben. Aber ich brauche das Geld. Es geht so nicht mehr weiter. Ich habe nur noch wenige Patronen, und bei unserer Flucht nahmen wir nichts als die Pferde und Gewehre mit. Ohne Geld kommen wir nicht mehr weit. – Es muss sein.«

»Ist das dein letztes Wort?«

»Yeah, John. – Es tut mir leid.« Barker treibt sein Pferd ein paar Längen rückwärts, dreht sich dann und reitet davon. Er ist kein Sheriff und kein Richter, und er denkt, dass er sie nicht zwingen kann, von ihrem Vorhaben abzulassen.

Larry hebt die Hand mit dem Colt höher, aber Sam drückt sie nieder.

»Lass ihn«, sagt er. »Von uns allen ist er der Einzige, der etwas taugt. Es ist zu schade um ihn.«

Larry schiebt den Colt ins Holster. »Vielleicht musst du diesen Entschluss noch bereuen, Sam!«

»Warum?«

»Er kann zu einem Sheriff reiten und uns verpfeifen.«

»Das wird er niemals tun, Larry. Nein, verpfeifen wird er uns nicht.«

Der Reiter ist verschwunden.

 

 

21. Kapitel

 

Seit Tagen ist die Wolkendecke zum ersten Mal wieder auseinandergerissen, und ein milchiger Sonnenschein ergießt sich über das Land. Noch immer ist es sehr kalt, und ein steifer Wind weht aus nördlicher Richtung. Er zerrt an John Barkers Kleidern und scheint ihn aus dem Sattel werfen zu wollen.

Er blickt von der kahlen Bergschulter ins Tal hinunter und sieht die beiden Männer, deren Pferde sich durch den hohen Schnee kämpfen.

Sie reiten immer noch nach Norden. Es ist nun schon der dritte Tag, dass sie diese Richtung einhalten. Und sie werden die Schlucht noch vor dem Abend erreichen.

John kneift die Lippen fest aufeinander. Tränen, die der eisige Wind aus seinen Augen treibt, rinnen über seine Lippen und frieren zwischen den Bartstoppeln fest.

Nichts kann sie mehr aufhalten, solange noch ein Funken Leben in ihnen ist. Immer tiefer führt ihr Weg in den Abgrund, und vielleicht muss noch mancher Mann sein Leben lassen, bis sie eines Tages selbst an der Reihe sind.

Vielleicht atmen dann viele auf. Vielleicht gibt es dann schon Steckbriefe, und alle Menschen nennen ihre Namen mit tiefer Abscheu.

Banditen – Rinderdiebe – Mörder.

Vielleicht ist es warmer Sommer, wenn die Lassos über starke Äste geworfen werden. Niemand wird mehr an einen eisigen, texanischen Winter denken, an frostigen Wind, der übers Land fegte, und an eine kleine, windschiefe Hütte am Rande vulkanischer Berge, in der Männer hungerten. – Vergessen – ausgestoßen! Verzweifelte Männer, die an ihrem Schicksal zerbrachen.

Sie verschwinden hinter einem vorgeschobenen Felsen. Noch eine Weile ist ihre Spur zu sehen, dann deckt sie der vor dem Wind wandernde Schnee zu.

John starrt noch immer hinunter. Er hört nichts als das Singen des Windes und sieht nichts als Schnee, weites, weißes, welliges Land und ein paar kahle Büsche, die sich nach Süden biegen.

Schließlich dreht er sein Pferd und reitet von der Bergschulter. Er denkt daran, dass es noch einen Weg gibt, sie aufzuhalten. Vielleicht verstehen sie den. Vielleicht?

 

 

22. Kapitel

 

Kalt und grau verdrängt der neue Morgen die Nacht. Steine klappern aufeinander. Zwei yardslange Stämme, von ihren Lassos gehalten, sperren den Steinen den Weg in die Tiefe.

Larry Goodman richtet sich auf und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Genug«, sagt er und blickt an den straff gespannten Lassos in die Höhe. Sie sind mit den Schlingen um zwei spitze Zacken befestigt. »Wir schneiden sie gleichzeitig durch«, redet er weiter. »Ich gebe das Kommando.«

»Glaubst du, dass die ganze Lawine so schnell fällt wie der einzelne Stein, mit dem wir es probierten?«, fragt Strother.

»Yeah. Ich habe alles ausgerechnet. Sie bekommen die Ladung genau auf die Köpfe.« Er blickt an der steil abfallenden Felswand in den Canyon hinunter, in dem es noch tiefe Nacht ist. Nur das leichte Schimmern des Schnees in der Tiefe verrät, wo der Boden ist.

Sam reißt einen trockenen Bruchkirschenstrauch aus einer Felsspalte, der dort erfroren ist. Er knickt ihn zusammen und brennt mit steifen Fingern ein Schwefel holz an. Der Wind bläst es aus.

Larry schiebt die Hände in die Taschen seiner Jacke.

»Zwecklos«, sagt er. »Du musst auf der Stelle springen. Das hält dich warm.«

Zwei Stunden später ist es richtig hell. Sam steigt auf einen erhöhten Felsen und blickt über die Berge nach Norden. Weit in der Ferne kann er das verschneite Flachland sehen.

»Nichts«, sagt er und kommt zurück.

Eine weitere Stunde später sucht er wieder den Horizont ab. Dann wieder und wieder. Und am Nachmittag sieht er sie. Vier Punkte schieben sich heran.

»Sie kommen«, sagt er aufgeregt. »Larry, das müssen sie sein!«

Goodman ist mit wenigen Sätzen neben ihm und starrt ebenfalls nach Norden.

Eine Stunde später erkennen sie, dass es Reiter sind. An dem Hut des einen blitzt etwas im klaren Sonnenlicht.

»Noch zwei Stunden«, sagt Larry. »Wenn die Nacht anbricht, haben wir Geld, Amigo! Dann reiten wir in die nächste Stadt und trinken eine Flasche. Und dann geht es nach Westen. Irgendwohin, wo man nichts von diesem verdammten Texas weiß.«

Wieder eine Stunde später sind die Reiter sehr nahe gekommen. Und dann verschwinden sie aus ihrem Blickwinkel. Larry steigt von der Felskuppe und prüft noch einmal die Steinladung, die sie aufgebaut haben. Er grunzt zufrieden.

Sam blickt ihm zu. Tief in seinem Inneren spürt er so etwas wie Widerwillen gegen sich selbst. Aber er unterdrückt dieses Gefühl. Er hat Raksin erschossen. Und wohin er auch kommt, sie werden es als Mord auslegen. Es spielt keine Rolle, was er nun noch macht. Entschlossen steigt er zu Larry hinunter und packt noch zwei Steine hinter die Barriere aus Stämmen.

Larry grinst dazu.

»Für zwei Mann ist es ein Haufen Geld«, meint er. »Ich bin froh, dass alles so gekommen ist.«

Sam richtet sich auf, dreht sich und blickt Larry an.

»Manchmal habe ich das Gefühl, als wolltest du alles allein haben«, sagt er versonnen. »Wirst du bestimmt fair teilen?«

»Na klar, Sam. Wir waren doch immer Freunde. Wieso zweifelst du denn plötzlich an mir?«

»Ich weiß nicht, Larry. Du bist so anders geworden.«

 

 

23. Kapitel

 

Die Soldaten zügeln die Pferde, als sie John Barker aus dem Einschnitt des Canyons kommen sehen. Der Mann mit der Goldlitze auf der Schulter greift nach dem Gewehr im Scabbard, und der mit den beiden Winkeln am Ärmel hebt die Hand im gelben Handschuh.

»Halt!«, ruft er, als wäre eine ganze Abteilung hinter ihm.

John reitet langsam auf sie zu, tippt an seinen Hut und fragt: »Wollen Sie hier durch, Sir?«

»Yes.« Der Zahlmeister aus Fort Stockton nickt. »Warum?«

»Der Canyon ist zugeweht. Der Schnee liegt gut zehn Yards hoch. Er ist nicht passierbar. Ich habe es auch eben versucht.« Die Soldaten wechseln einen Blick untereinander.

»Habe ich mir fast gedacht«, meint dann der Sergeant. »Wir müssen die Berge umgehen, Sir. Das kostet uns sechs Stunden.« »Wo wollen Sie hin?«, erkundigt sich der Offizier an John gewandt.

»Nach Fort Davis, Sir.«

»Das ist nicht unsere Richtung.«

»Nein.«

Der Offizier blickt noch einmal prüfend in den dunklen Einschnitt des Canyons hinein.

John sieht, dass der Mann die Sache gern nachprüfen möchte, und er sagt: »Etwa ein Meile von hier steigt der Schnee hinter einer Biegung wie eine Wand in die Höhe. Er hat sich dort zwischen den Felsen verfangen. Ich muss die Berge in westlicher Richtung umgehen. So long!«

Die Soldaten tippen an ihre erdbraunen Hüte. John reitet davon. Als er sich umblickt, sieht er, dass auch die Soldaten die Pferde wenden. Sie reiten nach Osten.

Er hält an und atmet erleichtert auf. Die Männer verschwinden aus seinem Blickfeld. Noch eine Weile hört er den klappernden Hufschlag auf dem freigelegten Boden, dann verhallt er.

Eine Meile umsonst in den Canyon einzudringen, war dem Offizier offenbar zu viel. Darauf hatte John gesetzt. Er wendet sein Pferd und reitet bis zum Canyonmund zurück. Dort sitzt er ab. Er lehnt sich gegen die Felswand, zieht seinen Colt aus dem Holster und dreht die Trommel durch.

Hier wird er warten, denn er weiß, dass sie kommen werden. Und vielleicht wird sich ihr Schicksal hier endgültig erfüllen.

Hier am Rande der Berge soll etwas zu Ende gehen, das nie hätte beginnen dürfen. Sie sind alle schuld, einer wie der andere. Und vielleicht werden sie hier alle einen Teil ihrer Schuld abtragen können.

 

 

24. Kapitel

 

»Lim… Limpia Canyon«, murmelt Jesse Freed abgerissen, und seine Augen, die tief in den Höhlen liegen, blicken das Mädchen an.

Peggy Peterson schluckt die Tränen hinunter, die ihr in die Augen steigen wollen.

»Danke, Jesse«, haucht sie. »Vielen Dank. Ich werde in Pecos dem Doc Bescheid sagen.«

Das Halbblut schüttelt den Kopf, und das Daunenkissen unter seinem Kopf raschelt leise.

»Es geht … zu Ende, Miss. Ich … danke Ihnen, dass … dass Sie mir … zugehört haben.«

Hufgetrappel ist draußen im Ranchhof zu hören. Dann erschallt ein lautes Kommando.

Peggy erkennt ihren Vater an der Stimme. Sie steht von der Bettkante auf, wirft noch einen kurzen Blick auf den blutverkrusteten Verband auf Jesses Brust und geht dann zur Tür.

Als sie auf die Veranda tritt, führt Ketterer die Pferde zum Korral. Schoop geht zum Bunkhaus hinüber, während der Rancher ihr entgegenkommt und müde die Stufen heraufsteigt.

»Ich habe den Kamin angeheizt«, sagt sie.

Er nickt und geht an ihr vorbei. Sie dreht sich und folgt ihm. Er geht in den großen Wohnraum und lässt sich in den Sessel neben dem prunkvollen Kamin fallen.

»Ihr habt sie also nicht gefunden?«, fragt Peggy, und so etwas wie Hoffnung schwingt in ihrer Stimme.

Peterson hebt den Kopf, blickt sie forschend an und sagt: »Nein. Bei diesem Wetter ist es nicht so einfach. Sie müssen uns getäuscht haben. Wahrscheinlich sind sie über die Grenze nach Mexiko.«

Peggy nickt. Und sie denkt daran, dass sie nicht über die Grenze nach Mexiko sind. Jesse hat ihr alles gesagt.

»Lebt das Halbblut noch?«, fragt der Rancher.

»Yes. Er war bei Besinnung. Er hat mir alles erzählt.«

»Was – alles?«

»Alles, Dad. Und alles ist etwas anders, als wir dachten. Sie haben keine Karten gezogen, wie wir annehmen. John war dagegen. Sam soll die Karten auf den Tisch geworfen haben und legte eine um. Es war das Kreuz As. John wollte ihn zurückhalten. Aber Sam hatte nun einmal gezogen und ritt fort.«

»Das hat Jesse gesagt?«

»Yeah, Dad. Ich glaube, sie waren danach sehr verfeindet. Sonst hätten Goodman und Strother doch Jesse und John nicht in der Hütte im Stich gelassen.«

»Was du glaubst ist ganz unwichtig«, knurrt der Rancher. »Sie waren zusammen in der Hütte. Sie haben sich gegenseitig verrückt gemacht. Und sie sind für alles gemeinsam verantwortlich. Ich werde den Vormann nachher nach Pecos schicken. Er wird den Richter informieren, damit er Steckbriefe anfertigen lässt. Sie dürfen uns nicht entgehen. – Jesse hat dir das alles nur erzählt, um sich ein mildes Urteil herauszuschinden.«

Peggy geht bis zum Fenster, dreht sich dort um und blickt ihren Vater eindringlich an.

»Jesse ist nicht mehr zu helfen«, erwidert sie. »Er weiß das selbst. Ich kann mir nicht denken, dass ein Mann kurz vor seinem Tode lügt.«

»Du warst doch selbst in der Hütte. Warum hat John Barker dann dir nicht die Wahrheit gesagt?«

»Er wollte wohl nicht, Dad.«

»Er wollte nicht?«

»Yeah, du kennst ihn doch. Er war mit dabei. Er hat wohl versucht, Sam umzustimmen. Aber es ist ihm nicht gelungen. Deshalb kann er doch nun kein Mörder sein!«

Peterson stemmt sich ächzend hoch und geht mit hallenden Schritten durch den Raum. Er bleibt nach einer Weile am Kamin stehen und stemmt den linken Ellenbogen auf den Sims.

»Ich hatte angenommen, es wäre alles anders geworden«, sagte er schwer. »Ich war davon überzeugt, dass du ihn dir endlich aus dem Kopf geschlagen hast, Peggy. Ich bin ein reicher Mann. Ich kann keinen armen Schlucker als Schwiegersohn gebrauchen. Wie oft muss ich dir das noch sagen?«

»Es geht um die Gerechtigkeit!«, entgegnet sie hart. »Von was anderem ist hier keine Rede.«

»Gerechtigkeit ist, wenn einer für das, was er mit verschuldet hat, zur Verantwortung gezogen wird. Ganz davon abgesehen, suchen wir auch noch nach Strother. Und dann ist da noch die Sache mit Fiddler. Gewiss, es war ein Kampf. Aber sie haben kein Recht, einen Cowboy zu erschießen. Ich habe dir doch gesagt, dass Barker es war, der Yul Fiddler erschoss.«

Er sieht sie verkniffen und prüfend an, dreht sich mit einem Ruck und nimmt seine Wanderung durch das Zimmer wieder auf.

Draußen auf der Veranda sind Schritte zu hören. Sie kommen durch den Flur und verharren vor der Tür. Eine harte Hand klopft gegen das Holz.

»Komm herein, Al«, sagt der Rancher.

Die Tür öffnet sich. Der Vormann kommt herein. Er schließt die Tür und wartet.

»Kannst du losreiten?«, fragt der Rancher.

»Yeah.«

»AI, haben Sie auch gesehen, dass John es war, der Fiddler erschoss?«, mischt sich Peggy ein.

Peterson ruckt herum.

»Natürlich habe ich das gesehen«, erwidert der Vormann schnell und wechselt dann mit dem Rancher einen Blick.

»Komisch«, sagt Peggy. »Ketterer will es auch gesehen haben. Es soll im Anbau neben der Hütte gewesen sein. Jesse lag auch dort. Demnach waren sechs Mann gleichzeitig im Anbau, und außer Jesse muss jeder gesehen haben, dass John Barker es war, der schoss. Das ist wirklich sehr sonderbar.«

»Jesse lag auf der Erde. Er konnte es nicht sehen«, dehnt der Vormann.

»Stimmt. Aber er will etwas gehört haben«, meint Peggy und wirft die Locken zurück. »Und wisst ihr, was er gehört haben will? – Ich will es euch sagen. Du, Dad, sollst gerufen haben: ›Mein Gott, das habe ich nicht gewollt!‹ Das hat er jedenfalls gesagt.«

Peterson macht einen zornigen Schritt vorwärts, fängt sich und bleibt stehen.

»Er lag wie tot auf dem Boden!«, schreit er. »Wie kann er noch etwas gehört haben!«

»Er sagte, er hätte sich nicht mehr bewegen können, und er dachte, er würde jede Minute sterben. Doch er habe alles glasklar aufgenommen, was er hörte. Und er habe nichts weiter gehofft, als das John Barker entkommen würde.«

»Ich verstehe das nicht«, presst der Vormann durch die Zähne. »Was soll denn das heißen? – Das mit ›Mein Gott‹?«

»Das wollte ich von euch wissen«, erwidert Peggy und geht zur Tür, von der der Vormann jetzt wegtritt.

»Peggy!«, ruft Peterson schnarrend. »Bleib hier!«

Sie dreht sich um und schaut ihn an.

»Du hast doch damit etwas ganz Bestimmtes sagen wollen, nicht wahr?«

»Es war eine Frage an euer Gewissen, Dad. Ich nehme an, da draußen in der Hütte ist ein Unglück geschehen. Einer hat Fiddler aus Versehen erschossen. Beinahe genauso aus Versehen, wie Sam Raksin er schoss. Ich habe mir alles noch einmal sehr genau durch den Kopf gehen lassen. – Es geht jetzt nur noch um ein bissen Gerechtigkeit. Um mehr nicht. Ich möchte nicht, dass einem Mann ein Mord angehangen wird, den er gar nicht begangen hat. Vielleicht ist es besser, wenn ihr den Richter nicht verständigt.«

Sie dreht sich und geht hinaus. Die Tür schlägt hinter ihr zu, und Peterson zieht gegen seinen Willen den Kopf ein.

»Dieses verdammte Halbblut«, knurrt der Vormann. »Ich hatte gedacht, er würde nie wieder zu sich kommen. Sonst hätten wir ihn gar nicht auf die Ranch gebracht.« Peterson geht zum Fenster, dreht sich dort und geht zum Kamin zurück.

»Du reitest nach Pecos«, sagt er kalt. »Beeile dich. Wir haben keine Zeit zu verlieren. Sie sollen nicht entkommen.«

»Okay«, nickt der Vormann. Er dreht sich um und geht hinaus.

Peterson wandert weiter durch das Zimmer. Er hat die Arme auf dem Rücken verschränkt und schaut verbissen vor sich auf den Boden. Er hört den Vormann die Verandatreppe hinuntersteigen.

»Hank, mein Pferd!«, schallt es über den Hof und durch das Fenster.

 

 

25. Kapitel

 

Peggy steht oben am Fenster ihres Zimmers und blickt in den Hof hinunter. Sie sieht Schoop, der seinen breiten Patronengurt um die Hüften schlingt. Ketterer kommt mit dem Wallach des Vormanns und hält Alan Schoop den Steigbügel. Der sitzt auf und reitet in nördlicher Richtung davon.

Peggy bleibt am Fenster stehen, bis der Reiter hinter den hoch mit Schnee bedeckten Hügeln verschwunden ist.

Sie dreht sich um, geht zur Tür und hinaus. Sie steigt die Treppe hinunter und betritt auf Zehenspitzen den Raum, in dem Jesse auf einem weißbezogenen Lager liegt. Sie schleicht an das Bett heran, und als sie davorsteht, stößt sie einen Schrei aus, der durch das ganze Haus schallt.

Irgendwo klappt eine Tür, und hastige Schritte kommen durch den Flur. Ihr Vater steht im Zimmer.

»Was ist?«, fragt er.

Peggy schüttelt den Kopf, spürt die Tränen, die aus ihren Augen schießen, und sie zeigt mit der Hand auf Jesse.

Peterson ist mit vier Schritten neben ihr. Er blickt das Halbblut an und sieht die starren, gebrochenen Augen, die zur Decke blicken.

»Aus«, sagt er. »Er hat es hinter sich gebracht. Er hatte Glück.« Er drückt Jesse die Augen zu und wendet sich ab.

»Geh hinaus«, fordert er rau. »Ich habe dir doch gleich gesagt, du solltest dich nicht um ihn kümmern.«

Peggy geht an ihrem Vater vorbei, ohne ihn anzusehen. Und als sie an der Tür ist, sagt sie bitter über die Schulter: »Kein Mensch hätte sich um ihn gekümmert, Dad. – Ihr seid alle fort gewesen. Ihr wolltet, dass er hier stirbt und niemanden etwas sagen kann. Aber er hat mir vieles gesagt – vieles, Dad!«

»Was denn?«

»Es ist unwichtig. Für dich spielt nur der Tod eine Rolle, den du anderen bringen kannst.« Dann schlägt sie die Tür hinter sich ins Schloss.

Peterson dreht sich brummend um.

»Sie wird sich beruhigen«, knurrt er leise. »Eines Tages hat sie alles vergessen.«

 

 

26. Kapitel

 

Peggy steigt die Treppe wieder hinauf, betritt ihr Zimmer und bleibt am Fenster, von der schweren Gardine verdeckt, stehen. Es dauert nicht lange, da sieht sie ihren Vater im Hof auftauchen.

»Hank!«, schreit er über den Hof, das Gesicht dem Bunkhaus zugewandt.

Dort taucht der Cowboy, der seinen Winterjob hat, auf.

»Was ist?«, fragt er.

»Die Rothaut ist tot. Spanne den Wagen an und lade zwei Hacken auf. Wir wollen ihn ein Stück von hier wegbringen und begraben.«

»Okay, Boss.« Ketterer dreht sich um und geht ins Bunkhaus zurück.

Peterson steigt wieder die Veranda hinauf und verschwindet aus Peggys Blickfeld.

Sie bleibt hinter der Gardine stehen und blickt weiter in den Hof hinunter. Ein Windstoß weht am Schuppen vorbei und wirbelt unten den Schnee in die Höhe. Ketterer kommt aus dem Bunkhaus, geht zur Scheune und stößt das große Tor auf. Er rollt den flachen Ranchwagen heraus, geht dann hinein und kommt mit Hacken und Spaten zurück.

Fünf Minuten später hat er zwei Pferde eingeschirrt. Er lenkt den Wagen vor die Veranda. Peggy wendet sich ab, als sie Schritte unter sich hört. Sie weiß, dass sie jetzt den toten Jesse Freed aufladen, und sie will das nicht sehen. Sie geht zum Tisch und sinkt daneben auf den Stuhl.

»Hoo!«, ruft der Cowboy unten. Dann schnauben Pferde und schlechtgeschmierte Buchsen knarren auf den Achsen.

Langsam verklingen die Geräusche. Es wird sehr still auf der Ranch. Peggy lauscht auf ihren eigenen Atem und spürt das Hämmern ihres Herzens.

Sie weiß, dass sie ihm Unrecht getan hat. Aber nicht nur ihm. Auch den anderen. Und es hatte erst Jesse Freed hier auf der Ranch liegen müssen, um ihr alles ins richtige Licht zu rücken.

Die letzten Worte des Halbblutes fallen ihr wieder ein »Limpia Canyon«. Er war sehr verworren gewesen, was er vorher gesagt hatte. Sie muss sich das alles erst noch einmal durch den Kopf gehen lassen. Aber langsam nimmt alles feste Formen an. Ein Zahlmeister aus Fort Stockton. Sie erinnert sich, ihn in Pecos schon gesehen zu haben. Ein paar Begleitsoldaten, und Larry und Sam, die, zusammen mit dem todkranken Brad, das Geld haben wollten.

Sie steht mit einem Ruck auf und geht wieder zum Fenster. Der Hof liegt verlassen in der kalten Sonne des Spätnachmittags. Sie hat keine Ahnung, wann der Zahlmeister bei dem Canyon sein könnte, vielleicht war er schon gestern dort, und vielleicht ist alles ganz anders, als sie denkt.

Aber nein.

Sie dreht sich um, geht zu dem niedrigen, englischen Schrank, öffnet ihn und nimmt Stück um Stück Sachen heraus, die ein Mensch braucht, wenn er eine Reise unternehmen will. Sie macht sich noch keine Gedanken, was sie eigentlich tun will. Sie packt einfach etwas zusammen, verschnürt es zu einem Bündel, verlässt das Zimmer und steigt die Treppe hinunter. Sie fühlt nichts, als sie an ihren Vater denkt, der jetzt mit Hank irgendwo ein Grab aushebt. Etwas entfernt von der Ranch, denn, so meinte er immer, die Rothäute würden stinken. Trotzdem durfte Jesse für ihn arbeiten. Er war ein flinker und zäher Bursche gewesen. Viel besser mit dem Lasso als die meisten Texaner. Vielleicht hatte er deshalb mit ihnen im Bunkhaus schlafen dürfen, und vielleicht waren sie deshalb in dem Gestank nicht umgekommen.

Sie tritt auf die Veranda hinaus. Die Kälte kühlt ihre Stirn. Sie geht zum Stall und sattelt ihre Stute. Dann schnürt sie das Bündel hinter dem Sattel fest. Als sie wieder in den Hof tritt, blickt sie das große Haus an.

Sie weiß in dieser Minute, dass sie es nie wiedersehen wird. Egal, ob sie ihn findet oder nicht. Hier auf dieser Ranch gibt es keine Gerechtigkeit. Nicht für die Männer, die sehen mussten, wie sie mit dem harten Winter fertig wurden. Und auch nicht für sie. Clifton Peterson, ihr Vater, wird sie verheiraten, wenn er die Zeit dazu für gekommen hält. Und er wird sie nicht fragen, ob das auch ihr Wille ist. Er ist das Gesetz. Und alle müssen seinem Gesetz gehorchen.

Sie steigt in den Sattel und reitet nach Nordwesten. Irgendetwas wird sie finden. Wenn nicht ihn, dann wenigstens das Recht, über ihr Leben selbst entscheiden zu dürfen.

Die Ranch bleibt hinter ihr wie ein böser Traum zurück, und sie hofft, diesen Traum eines Tages von sich abgeschüttelt zu haben. Sie dreht sich nicht ein einziges Mal um. Und dann liegen Hügel zwischen ihr und dem großen Haus mit dem Windrad darüber. Der Schnee, der über den Boden wandert, deckt ihre Spuren zu.

 

 

27. Kapitel

 

Sam Strother beugt sich weit nach vorn, um in die Tiefe blicken zu können. Als er sich wieder aufrichtet, schüttelt er den Kopf.

»Wir können sie unmöglich verpasst haben«, schnaubt er. »Aber vielleicht haben wir uns den verkehrten Canyon ausgesucht.«

»Unsinn. Wir sind richtig. Und wir haben doch gesehen, dass sie genau auf uns zukamen. Der Canyon kann auch nicht zugeweht sein. Davon haben wir uns überzeugt.«

»Was soll es dann sein, Larry?«

Goodman vergräbt die Hände tief in den Taschen und zuckt die Schultern.

»Sie übernachten hier auch nicht. Sie reiten in einem Zug und sind gegen Mitternacht im Fort. – Verdammt, ich weiß auch nicht.«

»Ich habe ein ganz komisches Gefühl«, brummt Strother.

»Was für eins?«

»Weiß ich auch nicht. Es ist mir so heiß unter der Haut. Richtig ungemütlich. – Larry, ich schlage vor, wir hauen ab.«

»Was?«

»Ich habe Angst. Ich wette, es passiert irgendetwas, das wir nicht eingeplant haben.«

»Wir brauchen das Geld, Sam. Du musst immer an das Geld denken, sonst an gar nichts. Dann kommen dir auch keine dummen Gedanken. Wir reiten hinunter und sehen nach. Irgendwo müssen sie schließlich geblieben sein.«

Goodman geht entschlossen zu den trockenen, erfrorenen Büschen, an denen ihre Pferde angehalftert sind. Er zieht dem seinen den Bauchgurt des Sattels an, macht die Zügel los und dreht es.

»Los!«, kommandiert er.

Strother geht zu seinem Pferd.

Larry Goodman läuft vor seinem Tier her. Er geht an einer steil abfallenden Geröllhalde vorbei und kommt zu einem Hohlweg, der in einer spitzen Kehre abwärts verläuft. Er führt das Pferd, bis sich der Weg etwas abflacht, dann sitzt er auf und reitet weiter. Hinter ihm kommt Strother, weiß im Gesicht und rote Flecken auf den Wangen. Schweiß glitzert auf seiner Stirn.

»Feigling«, knurrt Goodman über die Schulter. »Ich frage mich, warum ich dich überhaupt mitgenommen habe.«

Sam hustet verlegen.

»Wenn wir sie sehen, wird ohne zu fragen geschossen. Ist das klar?«, fragt Goodman.

»Yeah, Larry. Ich werde bestimmt nicht versagen. Glaube mir, wenn es soweit ist, habe ich keine Angst mehr.«

 

 

28. Kapitel

 

Die Nacht sinkt über das Land. Es ist noch kälter geworden. Die Luft ist kristallklar. Keine einzige Schneeflocke weht zur Erde. Nur der leichte, eisige Wind zaust um die Felsen und verfängt sich heulend in den Felsspalten.

John Barker spürt die Kälte nicht. Ihm ist warm. Und er wartet nun seit Stunden und weiß, dass sie kommen werden.

Die Ungewissheit wird ihnen keine Ruhe lassen. Sie müssen genau wissen, wollen wissen, wo das Geld geblieben ist.

Über der Schneedecke steht ein letzter Hauch Helligkeit, den die Nacht nicht vertreiben kann. Hufschlag klingt auf, weht aus dem Canyon und wird vom Wind aufgenommen und fortgetragen.

»Verstehe ich nicht«, sagt eine gepresste Stimme. »Es ist alles frei. Und doch können sie nicht hier entlang gekommen sein.«

John erkennt sie ganz genau, und er weiß, dass sie ihn nicht sehen, weil er dicht an der dunklen Felswand lehnt.

»Ich sehe auch keine Spuren«, meldet sich Strother. »Vielleicht haben sie uns oben auf dem Felsen stehen sehen. Die Luft war sehr klar. Und wir sahen sie ja auch.«

»Sie haben euch nicht gesehen«, wirft John hin, als die beiden Reiter genau ihm gegenüber auf der anderen Seite der Felsen sind.

Sie halten beide mit einem Ruck an und drehen sich. Und John kann sie nun auch nur noch undeutlich erkennen.

»Wer … wer ist da?«, fragt Strother fahrig.

»Wer schon, Sam. – Ich. Du weißt doch, wer ich bin.«

»Barker«, sagt Goodman verzerrt und dreht sein Pferd, sodass es mit dem Kopf zu John steht. Dann gleitet er langsam aus dem Sattel und treibt das Tier zur Seite.

Sam Strother folgt seinem Beispiel. Sie stehen ihm genau gegenüber.

»Wie kommst du hierher?«, fragt Sam.

»Das spielt doch keine Rolle. Die Soldaten sind fort. Sie haben einen anderen Weg genommen. Ich habe ihnen gesagt, der Canyon sei verschneit.«

Goodman stößt die Luft hart aus dem Munde. Dunkel glühen seine Augen durch die Nacht.

»Du hast ihnen gesagt, der Canyon wäre verschneit?«, fragte er, als könne er den Worten, die er hörte, nicht trauen.

»Genau, Larry. Sie sind nun schon viele Stunden fort. Ihr könnt sie nicht mehr einholen.«

»Fort«, ächzt Sam. »Siehst du, Larry, ich wusste doch, dass etwas dazwischen gekommen ist.«

»Halt’s Maul!«, fährt Goodman ihn grob an. »So, John, du hast sie also fortgeschickt. – Darf man fragen, warum?« »Das weißt du doch, Larry. Ich habe ganz allgemein etwas gegen das Töten. Hier aber sollte es Männer treffen, die mit unserer Sache nichts zu tun haben. Die Soldaten sind auch zu arm, als dass man sie um ihren Sold bringen könnte. Ich habe euch das alles schon viele Male erklären wollen. Aber ihr wolltet es nicht verstehen.«

»Verdammt. Und wir hatten alles so gut vorbereitet«, knirscht Sam Strother.

»So gut, dass wir diese Gemeinheit gar nicht verdauen können«, fügt Goodman hinzu. »Kannst du das verstehen, John?« »Nein, Larry. Ich werde das wahrscheinlich nie verstehen.«

»Du wirst keine Gelegenheit mehr dazu haben. Und weißt du, warum nicht?« »Nein.« John schüttelt den Kopf, obwohl die beiden das höchstens undeutlich sehen können. »Sprich ruhig weiter.«

»Ich werde dich töten. Das heißt, Sam und ich, wir werden es zusammen machen. Du hast keine Chance mehr, mein Junge.« »Ich werde mindestens einen von euch mit auf den langen Trail nehmen«, gibt John zurück.

»So? Hast du vergessen, dass ich schneller bin als du?«

»Nein, ich habe es nicht vergessen, Larry. Aber ich bin darauf vorbereitet, getroffen zu werden. Und ein entschlossener Mann kann immer noch schießen. Wenn er sich nur gut genug auf den Schmerz vorbereitet hat. Ich glaube, ich werde versuchen, auf dich zu schießen.«

Goodman lacht leise.

»Er will dir Angst machen, Larry«, wirft Sam ein. »Aber du bist ja wirklich viel besser als alle anderen.«

»Natürlich bin ich das. Er ist ein ganz gewöhnlicher Kuhtreiber. Ich ritt schon als Coltmann.«

»Wollen wir nicht noch, einmal über alles reden?«, fragt John. »Ihr könnt nichts gewinnen, wenn ihr euch hier und jetzt mit einem neuen Mord belastet. Ich glaube, es ist gerade genug, was wir uns zuschulden kommen ließen.«

»Angst?«, fragt Goodman hämisch.

»Nein, Larry. Ich habe keine Angst. Hätte ich welche, konnte ich fortreiten. Ich hatte viel Zeit dazu. Ihr hättet dann wahrscheinlich nie erfahren, warum die Soldaten nicht gekommen sind. Ich habe gewartet, weil ich mit euch noch einmal über alles reden wollte. Wir sind alle daran schuld, dass Raksin sterben musste. Einer wie der andere. Es spielt keine Rolle mehr, dass ihr fortgeritten seid. Wir haben uns nichts vorzuwerfen. Ihr habt uns verlassen, und ich habe euch vor dem neuen Mord bewahrt. Vielleicht seid ihr der Meinung, dies wäre ein Ausgleich. Wir können jetzt zusammen nach Westen reiten.«

»Netter Vorschlag«, meint Larry Goodman. »Sehr netter Vorschlag, mein Junge! Ohne Geld nach Westen. Mitten im Winter. Wir haben keinen Topf, keinen Proviant, nichts. Weißt du, dass ich Hunger wie ein Steppenwolf habe?«

»Ich auch. Irgendwie schlagen wir uns sicher durch. Larry, es muss doch auch dir genug sein! Raksin ist tot. Brad schaffte es nicht. Jesse ist ebenfalls tot. Fiddler wurde erschossen. Springt dich nicht das Grauen an, wenn du das alles hörst?«

»Nein, John. Ich fühle dabei gar nichts. Es ist mir, als habe ich diese Namen nie gehört und die Männer dazu nie gekannt.

Ich kenne nur noch dich. Und du hast uns die Chance unseres Lebens verpatzt. Wir waren nur noch zu zweit. Es hätte für uns gereicht. Zumindest eine ganze Zeit. Wir wären über diesen Winter gekommen und sicher auch noch über den nächsten. Vielleicht wäre uns sogar etwas eingefallen, wie wir aus dem Geld noch mehr machen könnten. Und nun müssen wir weitersuchen.

Es bleibt uns nichts als Raub und Mord, wenn wir nicht verhungern wollen. Die Soldaten sind entkommen. – Okay. Nun bist du an der Reihe. Und dann werden andere kommen, die wir sicher niemals kennengelernt hätten. Sie alle müssen sterben, wenn sie etwas besitzen. Ich habe schon Spaß daran. Ich habe mich richtig gefreut und malte mir aus, wie sie unter der Lawine schreien würden. Sie sahen sicher alle sehr satt und zufrieden aus.«

»Du bist ein Schwein.«

»Yeah, ich weiß. Aber was macht das.

Ich kenne andere Schweine, die von vielen Menschen wie etwas Besseres behandelt werden. Peterson zum Beispiel ist so ein Tier. In Pecos behandeln sie ihn wie einen King. Und hier unten ist er das zweifellos auch. In Wirklichkeit wäre er das nie geworden, wenn er nicht so skrupellos wäre.

Er geht über Leichen. Er hat das immer getan. Er hat niemals ein Herz gehabt. Vor zehn Jahren lief ihm seine Frau davon. Sie konnte es bei ihm nicht mehr aushalten.

Die meisten Leute nehmen an, Thea Peterson wäre krank gewesen und nach dem Osten gereist. Ich weiß zufällig; dass sie kerngesund ist. Sie lief fort. Sie wollte Peggy mitnehmen, damit sie nicht einmal genauso wird wie ihr Vater. Aber sie entkam ihm mit knapper Not allein. – Das ist Peterson, ein vornehmer und mächtiger Mann. Niemand weiß, wie viele Menschen er getötet hat und auf was er seinen Reichtum begründete. Niemand fragt danach.«

»Larry hat recht, John«, sagt Strother in die Ruhe, die Goodmans hastigen Worten folgt. »Wenn man zu etwas gekommen ist, wird man nicht mehr gefragt, woher man es hat. Es ist schade, dass du das nie einsehen wolltest.«

»Du willst also auch auf diesem Trail weiter, Sam?«, fragt John müde.

»Ich habe mir diesen Weg nicht gewählt, John. Du weißt das ganz genau. Nun bin ich darauf und werde auch immer darauf bleiben. Vielleicht trifft mich bald eine Kugel. Was macht es. Wenn ich nur noch ein wenig besser leben kann als bis jetzt.«

»Wir werden dir eine faire Chance geben«, meint Goodman. »Sam zählt bis drei. Dann kannst du schießen. Alles klar?«

John antwortet nicht. Und er fühlt auch die Hitze nicht mehr, die ihn vorhin beherrschte. Er ist ganz kalt und wartet. Und vielleicht wird sich Goodman, der mit seiner Kunst schon immer prahlte, noch sehr wundern.

»Also, Sam. Zähle laut und deutlich, damit er es hören kann. Niemand soll von uns sagen, wir würden einem Mann keine Chance geben, wenn es sich einrichten lässt.«

»Du bist selbst schuld«, schnaubt Strother, als müsste er sich entschuldigen. Dann zählt er: »Eins … zwei … drei!«

Krachend entlädt sich ein Colt. Ein Schrei weht durch den Canyon, und Larry Goodman sinkt an der Felswand auf den Boden.

Sam Strother springt mit einem erschrockenen Ausruf zurück und geht hinter einem großen Gesteinsbrocken in Deckung.

Strother ist kaum verschwunden, als sein Colt kracht. Die Kugel heult über John hinweg. Ein Pferd wiehert gellend und rast davon.

John Barker springt um die Kante zurück.

»Komm hervor, Sam!«, schreit er. »Es war sein eigener Wunsch!«

»Du bist wie ein Teufel!«, ruft Strother mit zitternder Stimme. »Wieso bist du besser als er?«

»Das spielt doch keine Rolle. Vielleicht hat er sich zu sehr auf seine Schusshand verlassen.«

»Nein. Du bist viel schneller. Und ich habe gesehen, dass du den Colt vorher nicht in der Hand hattest. Wieso weiß das niemand?«

»Die, die es erfuhren, sind alle tot, Sam. Komm hervor, ich habe nichts gegen dich. Du musst nur diesen verdammten Wahnsinn vergessen!«

Die Antwort besteht aus einem Schuss. Das Projektil schrammt gegen die glatte Felswand und sirrt zum nachtdunklen Himmel. Gesteinssplitter schwirren durch die Luft.

Gleich kracht ein zweiter Schuss, dann ein dritter. Ratschend dreht sich die Trommel seines Colts.

»Sam, höre auf!«, versucht es John noch einmal. »Sam, ich stehe jetzt auf und komme zu dir. Sam, hörst du mich? Ich habe nichts gegen dich. Wir werden zusammen nach Westen reiten und alles vergessen! Sam …?«

Keine Antwort.

John fühlt den Schweiß auf der Stirn, der langsam in seine Brauen rinnt. Und von der Erde geht die Kälte aus, die ihn zugleich mit dem heißen Strom durchzieht. Er steht auf, als eine Waffe knackt.

»Sam, warum antwortest du nicht?«, fragt er, während er sich ganz aufrichtet und um die Kante geht. »Willst du immer noch nicht einsehen, dass du auf diesem Wege scheitern musst?«

»Ich bin schon gescheitert, John. Ich, du, wir alle. Und alle außer uns beiden sind tot. – Bleib stehen! Hörst du, komm nicht näher! – John, ich erschieße dich!«

Kalt und hastig kommen die Worte. John bleibt stehen, als wären seine Sohlen, durch die der Wind pfeift, am Boden festgeklebt.

»Ich gehe nicht nach Westen!«, schreit Sam Strother unbeherrscht. »Und ich gehe überhaupt nicht mit dir. Ich gehe dorthin, wohin ich will. Mein Weg wird durch die Hölle führen. Auch du kommst dorthin. Vielleicht treffen wir uns im Fegefeuer wieder. Ich werde dann etwas besser aussehen als du. Ich mache mir noch ein paar schöne Tage. Ich weiß hier in der Nähe eine Farm. – Hörst du, eine kleine Farm! Dort wohnen ein ausgelaugter Mann und eine alte Frau, die ihr Leben lang weiter nichts als gespart haben. Ich hole mir ihr Geld. Es wird ganz leicht sein.«

»Du bist verrückt, Sam. Was können diese alten Menschen dafür?«

»Nichts. Aber was kann ich dafür? Sage mir, ob ich etwas dafür kann?«

»Nein, Sam.«

»Da siehst du es. Sie werden so unschuldig sterben wie ich. Ihre einzige Schuld wird die sein, in diesem Land gelebt zu haben. Mir geht es genauso. Vielleicht war es meine ganze Schuld, immer in Texas geblieben zu sein, obwohl hier für einen armen Mann kein Platz ist.«

»Sam, du wirst nicht zu diesem Farmer reiten. Du gehst mit mir nach Westen.«

Ein wildes, verzweifeltes und irres Lachen schallt durch die Schlucht.

»Willst du mich daran hindern?«

»Yeah.«

»Dann komm her, du Narr! Na komm schon. Ich werde dich niederschießen. Du wirst neben Larry liegen, und vielleicht meinen die Leute, die euch einmal finden, ihr hättet euch gegenseitig getötet! – Na, los, John!«

»Du wirst nicht schießen, Sam! Du wirst jetzt daran denken, dass du immer ein gerader und aufrechter Mann gewesen bist Und du wirst wieder so werden, wie ein guter Texaner sein muss. – Hörst du mich, Sam?«

»Komm nur. Ich werde bestimmt schießen!«, schreit Strother.

John Barker spürt seinen eigenen Herzschlag bis hinauf zum Hals. Dieser verdammte Winter muss sie alle verhext haben. Er lehnt mit der Schulter an der kalten, glatten Wand und hat den Colt noch immer in der Hand.

»Warum kommst du denn nicht?«, fragt Sam Strother. »Glaubst du selbst nicht mehr an deine Überzeugungskraft?«

»Sam, warum willst du unbedingt den Verrückten spielen? – Denke doch einmal darüber nach! Wir brauchen beide nicht in der Hölle zu landen. Wir können in einem anderen Land wieder einer friedlichen Arbeit nachgehen.«

»Wir können es nicht. Es gibt keinen Weg zurück, John. Zwischen uns und einer ehrlichen Arbeit liegt Raksin fünf Fuß unter der Erde. Im Moment gibt es für uns beide nur einen einzigen Weg: Du nimmst dein Pferd und reitest fort. Aber nicht zu der Farm, von der ich sprach.«

»Wir reiten zusammen!«, beharrt John. Er presst die Lippen zusammen, sodass sie wie ein Messerrücken in seinem Gesicht stehen. Und so macht er den nächsten Schritt, fest davon überzeugt, dass Sam im Grunde seines Herzens noch immer der gute, treue Cowboy ist, mit dem er viele hundert Meilen über den Chisholm-Trail nach Norden ritt.

Aber Sam ist nicht mehr dieser Cowboy. Zwischen dem Trail nach Norden und dieser eisstarren Schlucht hier liegt für ihn die Hölle, die in ihm alles Gute auslöschte.

Ein fauchender Mündungsblitz zuckt durch den Canyon und John entgegen. Er spürt den heißen Schlag in der Brust und sieht die tanzenden Sterne vor seinen Augen. Er prallt gegen die Wand und sinkt an ihr langsam nieder. Er fällt auf die Knie, greift mit der linken Hand in den Schnee und stützt sich. Keuchend kommt der Atem aus seiner Brust. Er ringt die Nebel vor seinen Augen nieder, sieht die kalten, grauen Berge wieder und hat das Gefühl, als wollten sie jetzt auf ihn stürzen.

Und plötzlich steht Sam dazwischen. Er hat einen Colt in der Hand, aus dessen Mündung sich Rauch zu kräuseln scheint.

»Bist du noch nicht tot?«, schreit der Cowboy wie von Sinnen.

John will den Kopf schütteln, weiß aber nicht, ob er diese Bewegung wirklich ausführt. Er sieht, wie sich die Hand Sams wieder hebt, wie das Gesicht entstellt und hassglühend auf ihn starrt, und er glaubt, dass dieser Hass allem Leben gilt, das um ihn ist. So wird er reiten und töten – immer weiter. Ein Mann, der seine Angst überwunden hat und eine reißende Bestie geworden ist.

Er merkt, wie sich sein Arm hebt, sieht den zuckenden Mündungsblitz und spürt die Kugel, die an seiner Wange vorbeistreift. Und im Donnergrollen des Schusses drückt er selbst ab. Unbewusst, halb ungewollt. Selbst schon lange ein Opfer dieses gnadenlosen Landes.

Sam schwankt nach links, prallt mit dem Rücken gegen die Granitwand und sinkt an dieser langsam und widerstrebend zusammen.

Durch John geht ein Strom von Entspannung. Seine Finger öffnen sich. Der Colt schlittert über den Boden.

Er fällt nach vorn und spürt den Aufschlag nicht mehr.

Plötzlich ist es still. Nach einer Weile heult irgendwo ein Schakal. Aber niemand hört es.

 

 

29. Kapitel

 

Die Kälte muss ihn zu sich gebracht haben. Er hebt den Kopf, sieht den im kalten Mondlicht glitzernden Schnee und drüben an der Felswand Sam in seltsam verkrümmter Haltung. Er schiebt sich höher, spürt den Stich, der durch seinen Körper geht, und dann das Blut aus der Brustwunde.

»Sam?«, fragt er kratzig.

Seine Worte schallen verzerrt zurück, und er kann nicht glauben, dass er das ist, der da spricht. Er kann aber auch nicht glauben, dass es Sam ist, der da drüben liegt.

»Sam?«, ruft er wieder. »Sam, bist du das?«

Er greift mit den Händen unter seinen Oberkörper und stemmt sich hoch. In seinem Kopf pocht das Blut. Nebel ziehen auf, und wieder tanzen Sterne vor seinen Augen.

Aber irgendwie kommt er auf die Beine. Und er taumelt zu Sam hinüber, beugt sich über ihn und erkennt ihn nun.

»Sam«, sagt er kopfschüttelnd und verzerrt. »Sam, alter Junge. – Warum …?«

Er taumelt zurück, lehnt mit dem Rücken an der kalten Wand und blickt immer noch hinüber zu dem dunklen Klumpen unten an der Wand. Und ein Stück daneben Larry Goodman. Ebenfalls reglos und in einer seltsam verdrehten Haltung.

»Warum?«, fragt er wieder mit hohler Stimme. »Warum sind wir so geworden? Gab es für uns keinen anderen Weg mehr? – Keinen Weg?«

Er leckt sich den Pulvergeschmack von den Lippen und merkt, wie seine Knie wieder nachgeben wollen. Er dreht sich und tastet sich an der Wand entlang vorwärts. Aber nach drei Schritten bleibt er stehen und greift nach seinem Holster.

Er findet den Colt nicht und kehrt taumelnd um. Auch er kann ohne den Colt nicht mehr leben. Er ist ein Stück von ihm selbst geworden.

Er bückt sich, als er die Waffe sieht. Er fällt und liegt lang auf dem Boden, und ein heftiger Schmerz durchzuckt ihn.

Fünf Minuten liegt er mit rasselndem Atem, dann kommt er hoch, das Gesicht vor Schmerz verzerrt. An der Felswand entlang tastet er sich aus dem Canyon und findet sein Pferd in der Spalte, in der er es verborgen hat.

Dreimal versucht er, in den Sattel zu kommen. Er schafft es nicht. Da gibt er es auf, nimmt die Zügel und zieht das Pferd hinter sich her. Er stampft durch den Schnee und weiß nicht, in welcher Richtung er läuft. Aber vielleicht spielt es für ihn auch keine Rolle mehr.

John Barkers Gesicht ist spitz geworden. Die Augen liegen tief in den Höhlen. Er blickt vor sich auf den Boden und geht in einer wirren Linie immer weiter. Er geht nach Osten, genau dorthin, wohin er nicht gehen wollte. Er spürt jetzt keine Kälte und auch keine Hitze mehr. Alles in ihm ist hohl und leer. Nur das Blut ist noch da, das über seine Haut läuft und irgendwo versickert.

Plötzlich fällt er. Er merkt es nicht. Er liegt wie tot auf dem Boden.

Das Pferd ruckt mit dem Kopf nach hinten, als wollte es ihn munter machen. Aber die Zügel gleiten aus seinen Händen.

Das Pferd scharrt den Schnee mit den Hufen weg. Dann senkt es den langen Kopf und bläst ihm den warmen Atem aus den Nüstern entgegen.

John Barker merkt es nicht. Er hat das Bewusstsein verloren, und aus der Brustwunde rinnt unaufhaltsam der Lebensstrom.

Der Wind streicht über ihn hinweg und deckt ihn mit Flugschnee zu. Das Pferd leckt über sein Gesicht, und davon wird er wach.

Er blickt verstört um sich, ist aber augenblicklich klar, als er den Stich in der Brust merkt. Er greift nach dem Steigbügel und zieht sich daran in die Höhe. Dann fassen seine Hände wieder nach dem Sattelhorn, und diesmal schafft er es.

Krumm und schief sitzt er auf dem Cayusen, die Wangen eingefallen und dunkle Ringe um die Augen. John Barker ist nur noch ein Schatten seiner einstigen Persönlichkeit. Alles scheint zu kommen, wie Sam Strother es voraussagte. Diese Land und dieser Winter geben ihm keine Chance.

Das Pferd geht von selbst weiter. Es kann nicht wissen, dass die Richtung falsch ist. Aber was spielt das schon für eine Rolle. Er sinkt auf den Hals des Pferdes und reitet in einem Zustand zwischen Wachen und Träumen dahin.

Und plötzlich fällt er wieder. Sein Stiefel rutscht einfach aus dem Steigbügel und er schrammt mit der Schulter auf den Boden. Der Schmerz, der ihn schlagartig durchtobt, weckt ihn noch einmal. Aber die Klarheit hält nur Sekunden an.

 

 

30. Kapitel

 

Als der Morgen graut, sieht Alan Schoop das Pferd,, das über einem dunklen Klumpen steht. Er zieht die Augen zu winzigen Spalten zusammen und reitet schnell näher. Und er grinst auf eine harte Art in sich hinein, als er den wie tot auf dem Boden liegenden Mann erkennt.

Der Vormann springt neben dem Cayusen zur Erde und dreht den Mann auf den Rücken. Er zieht die Handschuhe herunter und hält John die Hand vor den offenen Mund.

Zufrieden brummend richtet er sich auf und blickt über das Land.

Niemand kommt.

Da bückt sich Schoop wieder, öffnet dem Verletzten die Jacke und sieht nach der Wunde. Sie ist etwa zwei Zoll höher als das Herz.

Er schüttelt den Kopf, zerrt John dann hoch und setzt ihn auf das Pferd. Er bindet ihn fest, damit er nicht herunterfallen kann. Dann steigt, er auf seinen Wallach und reitet in der Spur zurück, in der er gekommen ist.

Er mag eine Stunde geritten sein, als ihm ein zweiter Reiter auf seiner Spur entgegenkommt. Er hält mit einem Ruck an und bringt auch den Cayusen neben ihm zum Stehen.

Schoop beschattet die Augen mit der ausgestreckten Hand, um gegen die tiefstehende Sonne und gegen das Flimmern des Schnees etwas sehen zu können. Er braucht aber noch zehn Minuten, bis er Peggy erkennt.

Verblüfft lässt er die Hand sinken und blickt zu dem Mann neben sich, der noch immer bewusstlos ist. Dann schaut er wieder nach vorn. Sie ist näher gekommen.

Alan Schoop treibt seine Pferde schließlich weiter. Erst vor Peggy Peterson hält er wieder an. Er blickt in ihr fahles Gesicht und in die erschrockenen Augen, die auf John Barker gerichtet sind.

»Da staunen Sie, was?«, fragt er grinsend.

Sie nickt schluckend.

»Yeah. Wo hast du ihn gefunden – oder warst du es?«

»Nein. Offenbar gerieten sie sich gegenseitig in die Haare. Ich weiß auch nicht, konnte keinen weiter sehen. Er muss sich noch weit fortgeschleppt haben. Hat ein Loch über dem Herzen. Aber er lebt noch. Was machen Sie hier?«

»Mein Vater hat mich nachgeschickt«, lügt sie, und sieht ihn nicken. Er macht sich also nicht die Mühe darüber nachzudenken. Er ist jetzt viel zu sehr mit seinem Fund beschäftigt.

»Wir bringen ihn zur Ranch«, sagt er. »Dort wird er hängen.«

»Er wird sterben, ehe wir die Ranch erreichen können«, gibt sie herb zurück. »Siehst du das nicht, Vormann?«

Schoops Gesicht schiebt sich in die Breite.

»Das wäre Pech«, knurrt er.

»Yeah, das wäre Pech. Aber mein Vater wird dafür, kein Verständnis haben. Er will ihn möglichst lebend, das weißt du doch. Er wird dich von seiner Lohnliste streichen, wenn ich ihm sagen muss, dass er gestorben ist, weil ihm niemand half.« »Ich verstehe nicht, Miss.«

Peggy richtet sich in den Steigbügeln auf und blickt hinter sich. Es kommt noch niemand, der sie verfolgt. Und Schoop hat noch nichts bemerkt. Sie muss jetzt eine andere Richtung einschlagen, wenn sie entkommen will.

»Da drüben ist eine Farm«, sagt sie und nickt nach Westen. »Wir können sie in vier Stunden erreichen. Solange hält er sicher noch durch.«

»Was wollen wir mit ihm bei Bender?«, knurrt der Vormann.

»Bender ist länger in diesem Land als irgendeiner von uns. Als er hierherkam, gab es weder einen Store noch einen Doc. Niemand konnte ihm einen Rat geben oder eine Medizin verkaufen. Er musste mit allem allein fertig werden. Mit Krankheiten, mit Pfeilwunden, mit allem. Vielleicht wird er auch mit einer Kugel fertig, die über dem Herzen sitzt.«

Schoop schüttelt den Kopf.

»Wir können auch auf der Ranch …« »Die Ranch ist zu weit«, unterbricht sie ihn kalt. »Pecos ist auch zu weit. Uns bleibt nur die Farm. Los, reiten wir!«

Sie beugt sich vor und reißt ihm die Zügel des Cayusen aus der Hand. Sie dreht das Tier.

»Komm!«, ruft sie über die Schulter. »Ich möchte, wenn er aufwacht, nicht allein mit ihm sein.«

Schoop dreht sein Pferd. Er merkt nichts. Er kann auch nicht wissen, dass Peggy weiter nichts will, als dass er bei ihr bleibt und den anderen, die vielleicht bald kommen, keinen Tipp geben kann.

Sie biegen scharf nach Westen ab, und Peggy dreht sich mehrmals im Sattel, um zu sehen, ob der Wind ihre Spuren zudeckt.

 

 

31. Kapitel

 

Der alte Hiram Bender, von dem niemand weiß, wie alt er wirklich ist, steht vor der Tür, und sein schlohweißes Haar flattert im Wind. Er blickt den Reitern entgegen, und als er Peggy erkennt, tritt er weiter hinaus.

Sie halten vor ihm an. Peggy springt zur Erde nieder, kommt auf ihn zu und hält ihm die Hand hin. Er schlägt mit seiner lederhäutigen, faltigen Rechten ein, und über sein mit Runzeln über und über bedecktes Gesicht zieht ein flüchtiges Lächeln.

»Wir haben einen Verletzten«, sagt sie. »Wir dachten, wir könnten ihn nicht mehr bis in die Stadt bringen, Mr. Bender. Er hat eine Kugel in der Brust. Können Sie ihm helfen?«

Der alte Mann blickt prüfend zu John hinauf, der über dem Pferdehals liegt, von den Stricken gehalten wird und immer noch ohne Bewusstsein ist.

Schoop gleitet aus dem Sattel.

»Er ist ein Bandit«, sagt er. »Wir wollen nicht, dass er so billig davonkommt. Er hat uns viel Schaden gemacht und einen Mann ermordet. Er muss hängen, verstehen Sie?«

Hiram Bender blickt von dem Vormann zu dem Mädchen neben sich.

Peggy starrt auf den Boden vor ihren Füßen.

»Bringen Sie ihn herein«, sagt der Farmer neben ihr. Er dreht sich und ruft. »Martha! Lege ein Leinen über die Bunk in der Küche!«

Schoop befreit John Barker von den Stricken. Peggy tritt neben ihn und hilft ihm, den Bewusstlosen vom Pferd zu heben und in den Räum zu tragen. Sie sehen die ebenfalls sehr alte Frau des Farmers, die ein weißes Betttuch auf eine Pritsche in der Küche deckt. Darauf legen sie John Barker, der von alledem nichts merkt.

Die Farmersfrau geht wortlos zum Herd, nimmt einen Topf und holt draußen sauberen Schnee, den sie über dem Feuer schmilzt.

»Ziehen Sie ihm die Jacke und das Hemd aus«, murmelt der Farmer.

Schoop will das machen, aber Peggy drängt ihn zur Seite.

»Vielleicht kann ich das besser.«

Schoop geht knurrend zu einer Bank an der Rückwand des Raumes und setzt sich nieder. Er bringt seinen Tabaksbeutel aus der Tasche und rollt sich eine Zigarette. An der Trommel seines Colts reißt er ein Schwefelholz an. Während er die Rauchwolken zur Hüttendecke bläst, blickt er zu Peggy hinüber, die dem Bewusstlosen das Hemd an der Wunde mit Wasser ablöst. John Barker wird davon nicht munter.

Schließlich tritt der Farmer heran. Er legt Peggy die Hand auf die Schulter und drängt sie zur Seite. Sie geht um die etwas abgerückte Pritsche herum und lehnt sich dahinter an die Wand.

Bender untersucht John Barker, blickt dann wieder auf das Mädchen. Schließlich schaut er den Vormann an.

»Bringen Sie die Pferde in den Stall«, sagt er. »Sie wollen doch sicher warten, bis Sie den Ausgang wissen.«

»Ausgang? – Wir wollen ihn mitnehmen. – Nicht wahr, Miss?«

Peggy beißt sich in die Unterlippe. Der Farmer schaut sie wieder an.

»Bringen Sie die Pferde trotzdem in den Stall. Es dauert eine Weile.«

Der alte Mann blickt prüfend zu John, den Raum und verlässt ihn. Hart schlägt die Tür hinter ihm zu. Und der Farmer blickt immer noch auf das Mädchen.

»Ich habe Sie im letzten Frühling mit ihm in Pecos gesehen«, wirft er ein. »Yeah, das kann sein.«

»Warum soll er hängen?«

»Der Vormann hat alles gesagt«, gibt sie herb zurück.

»Yeah, das hat er. Ich kann mir aber nicht denken, dass Ihr Vater Sie eine ganze Nacht durch mit dem Vormann durch die Gegend hetzt, um einen Banditen zu fangen. Und dann auch noch einen, mit dem Sie einmal sehr befreundet waren.«

Die Frau am Herd hat sich umgewandt. Peggy ist so bleich wie die Wand, die der Farmer im letzten Sommer mit frischem Kalk bestrichen hat.

»Was hat er denn gemacht?«, will die Farmersfrau wissen.

»Ich … ich kann das alles nicht erklären. Es sind schreckliche Dinge passiert. Der Winter ist so lang. Viele Jahre lag hier so gut wie gar kein Schnee. Und nun ist auf einmal alles anders. Die meisten Männer wurden entlassen, als das Vieh nach Kansas getrieben war. Manche blieben dort. Andere wieder kehrten mit um. Nur wenige behielten ihren Job. Die anderen … mussten sehen …«

»Ach so«, meint der Farmer. »Ja, ich verstehe. Er hat also seit Monaten keinen Job mehr und kein Geld verdient. – Und warum soll er hängen?«

»Es hat Kampf gegeben. Ein Cowboy wurde bei der Herde erschossen. Ein anderer hatte ein Kalb holen wollen. Es war alles ein Unglück.«

»Er ist jetzt ohne Bewusstsein«, sagt der Farmer leise. »Und es ist ein Wunder, dass er überhaupt noch lebt. Es ist grausam, wenn ein Mann hängen muss. Es gibt andere Wege …«

»Ich will, dass er lebt!«, stößt sie hart hervor. »Glauben Sie, dass ihm zu helfen ist?«

»Er ist sehr zäh, sonst wäre er schon tot. Wir werden abwarten müssen.«

Schritte nähern sich. Schoop tritt ein. Er geht wieder zu der Bank im Hintergrund und setzt sich.

 

 

32. Kapitel

 

Hiram Bender hat einen straffen Verband angelegt, während seine Frau die Schüssel mit dem rotgefärbten Wasser und der Kugel darin hinausträgt.

Langsam kommt in John Barkers Gesicht etwas Farbe. Zehn Minuten vergehen, dann zucken seine Lider. Und plötzlich schlägt er die Augen auf.

Schoop steht auf und kommt näher.

John blickt gegen die Decke. Anschließend schaut er Schoop an, den Farmer, dessen Frau, der Tränen über die Wangen rinnen, und schließlich Peggy, die sich auf die Lippen beißt.

»Hallo«, sagt Schoop und grinst breit, wie er immer grinst, wenn er sich stark und überlegen vorkommt. »Da bist du ja wieder. Wir fanden dich. Das heißt, ich fand dich. – Wo sind denn die anderen? Hast du sie nicht mehr gefunden?«

John blickt ihn minutenlang an, dann springen seine bleichen Lippen auseinander.

»Sie sind … alle … tot«, ächzt er.

»Alle tot?«, fragt Schoop mehr feststellend. »Was du nichts sagst. An was starben sie denn?«

John hat die Augen schon wieder geschlossen, als wäre ihm das Sprechen zu viel.

Der Farmer drängt den Vormann zurück. Schoop geht zu der Bank und setzt sich.

»Wie lange müssen wir warten, bis wir ihn mitnehmen können?«, fragt er.

»Eine Woche. Vielleicht auch zwei. Er hat viel Blut verloren. Der Schusskanal ist tief.«

»Eine Woche«, sagt Schoop gedehnt. »Das ist ein Unding, Mister.«

»Wenn Sie ihn lebend zur Ranch bringen wollen, müssen Sie so lange warten.« Das Gesicht des Farmers wirkt bei seinen Worten wie versteinert.

»Die Miss können wir im Haus unterbringen«, sagt die Frau. »Aber Sie müssen im Stall bei den Pferden schlafen. Es tut mir leid. Mehr Platz haben wir nicht.« »Schon gut«, knurrt Schoop.

 

 

33. Kapitel

 

Gegen Mittag des nächsten Tages sieht Schoop über den Bergen dunkle Punkte kreisen.

»Geier«, sagt er. »Dort muss es gewesen sein. – He, Barker! War es dort?«

John, der völlig klar ist, sagt: »Es ist unwichtig, wo es war und weshalb. Es spielt für dich keine Rolle.«

»Hoo!«, schnaubt der Vormann. »Du wirst dich noch wundern, Freund! Was denkst du denn, warum du hier bist?« »Wahrscheinlich damit ich für meine Hinrichtung gesund werde. Aber das spielt auch keine Rolle mehr.«

Schoop knurrt etwas Unverständliches. »Du könntest zur Ranch reiten und einen Schlitten bauen«, sagt Peggy an den Vormann gewandt. »Bis du damit wieder hier bist, ist er vielleicht transportfähig.«

»Ihr könnt mich auch jetzt unter euren Galgen schleppen«, wirft John bitter ein. »Ich halte das bestimmt noch durch.« »Haben Sie das gehört?«, fragt Schoop das Mädchen, blickt dann zu dem Farmer hinüber, der bedächtig an seiner Maiskolbenpfeife zieht.

»Ich habe gesagt, du sollst zur Ranch reiten und einen Schlitten bauen«, sagt Peggy hart.

»Das können wir doch auch hier machen.«

»Mr. Bender hat kein geeignetes Holz dazu. Ich habe ihn schon gefragt.«

Bender zieht für eine Sekunde die Augenbrauen in die Höhe, dann ist er wieder ganz ruhig und schmaucht an der Pfeife. Er kann sich beim besten Willen nicht erinnern, etwas Derartiges gefragt worden zu sein.

»Kann man ihn auf einem Schlitten besser als auf einem Pferderücken transportieren?«, fragt Schoop den Farmer.

»Ohne Zweifel«, entgegnet der, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen.

»Na schön, Miss. Aber Sie haften für ihn.«

»Ich hafte sowieso für ihn«, erwidert sie kühl. »Ich vertrete hier meinen Vater, Vormann.«

Schoop geht knurrend hinaus. Er scheint wenig Lust zu haben, jetzt den weiten Weg zur Ranch zu machen.

Es dauert nicht lange, da kommt er mit seinem gesattelten Pferd aus dem Stall. Peggy lehnt an der Wand der stabilen Hütte und blickt zu ihm hinüber.

»Beeile dich«, sagt sie.

Er knurrt, schwingt sich in den Sattel und reitet davon.

Peggy blickt ihm nach, bis er nicht mehr zu sehen ist. Dann geht sie in die Hütte zurück. Sie sieht den Farmer und seine Frau an, die sie anblicken. Und sie sagt: »Ich habe nichts, das ich Ihnen dafür geben kann. Ich bin von der Ranch meines Vaters mit nichts als ein paar Sachen fort. Schoop, den ich unterwegs traf, bemerkte nichts davon. Er ist so närrisch zu glauben, ein Rancher würde seine Tochter im Winter durch die Nacht jagen, wo er das selbst erledigen könnte. Aber es ist möglich, dass er meinen Vater irgendwo unterwegs trifft. Sie können bald hier sein. Ich weiß nicht, ob Sie mir helfen wollen. Aber ich bin entschlossen, mit John Barker diese Farm jetzt zu verlassen. Wir werden uns irgendwo in ein anderes Land durchschlagen.«

Hiram Bender nimmt die Pfeife langsam aus dem Munde und legt sie auf den Herd neben die Feuerstelle.

»Wir wissen nicht, wie alles war, Miss«, sagt er. »Aber wir haben das geahnt, seit Sie in diese Hütte kamen. Haben Sie auch daran gedacht, dass Ihr Vater ein harter, unduldsamer Mann ist – und ich nur ein alter Mann?«

»Yeah, ich dachte daran. Aber es gibt für mich nur diesen einen Weg. Wir müssen sofort aufbrechen. Wenn mein Vater kommt, können Sie ihm sagen, ich hätte Sie mit einer Waffe bedroht.

Bender nickt zu John Barker hin.

»Er wird sterben«, sagt er.

Peggy dreht den Kopf und schaut John an. Ihre Blicke begegnen sich.

»Er wird sterben, wenn er noch eine Nacht hierbleibt«, gibt sie zurück. »Aber wenn wir es jetzt versuchen, haben wir vielleicht eine kleine Chance, irgendwo noch einmal ganz von vorn als freie Menschen anfangen zu können. – Ich bitte Sie, helfen Sie uns! Er wird hängen, wenn mein Vater hierher kommt. Und mein Vater kommt, weil er mich sucht!«

»Mach den Schlitten fertig«, sagt Martha Bender zu dem alten Farmer. »Wir werden es ihm irgendwie erklären. Ich lege ihm einen frischen, festen Verband an.«

Der Farmer geht hinaus, während die Frau Johns Verband wechselt. Peggy steht daneben und presst die Hände zusammen.

John schaut sie an.

»Warum?«, fragt er. »Warum tust du das?«

»Jesse lebte noch, als sie ihn auf die Ranch brachten, John. Er hat mir das mit Raksin gesagt, wie es war. Es tut mir leid, dass ich angenommen hatte, es könnte anders gewesen sein. – Und dann sagte er noch etwas wegen Fiddler. Sie haben alle behauptet, du hättest ihn erschossen. – Weißt du, wer es war?«

»Ich … ich habe es nicht so genau sehen können.«

»Hat mein Vater gesagt: ›Mein Gott, das habe ich nicht gewollt‹?«

»Es … es kann sein.«

»Warum scheust du dich, das zu sagen. Er war es doch, nicht wahr?«

»Wir wollen nicht mehr daran denken. Ich glaube, ich verstehe dich jetzt.«

Als der Farmer wieder hereinkommt, hat die Frau den frischen Verband fest angelegt.

»Es ist ein Wunder, dass er den Schlitten nicht gesehen hat«, sagt Hiram Bender. »Ich habe beide Pferde davor gespannt.« Er wendet sich John zu und blickt ihn ernst an. »Willst du es, Junge?«, fragt er.

»Wie groß ist meine Chance?«

»Ich weiß es nicht.«

»Haben wir überhaupt eine Chance?«, mischt sich Peggy ein.

»Wo Hoffnung ist, da ist auch eine Chance«, sagt der Farmer versonnen. »Ich wünsche, dass ihr es schafft!«

 

 

34. Kapitel

 

Er steht neben seiner Frau, die sich die Tränen aus dem Gesicht wischt. Und sie blicken beide dem Schlitten nach, der in der Ferne immer kleiner wird.

»Sie werden es bestimmt schaffen«, sagt er überzeugt. »Sie glauben fest daran. Und sie haben noch einen Grund. Vor allem sie. Sie will ihrem Vater beweisen, dass ihm nicht alles gelingt. Solange ich ihn kenne, ist es das erste Mal, dass er bestraft wird.«

»Hast du seine Frau vergessen, die ihn verlassen hat?«

»Nein. Sie war fremd in diesem Land und blieb es. Sie passte nicht zu ihm. Er hat ihr nie nachgetrauert. Wahrscheinlich hätte er sie sonst zurückgeholt. Aber hier ist er der Verlierer.

Sie blicken wieder hinter dem Schlitten her, der im weißen Nichts zu einem Punkt wird und dann verschwindet.

Zwei alte Menschen hoffen mit Peggy Peterson und John Barker, dass ihnen das Schicksal jetzt doch noch eine Chance geben möge.

 

 

ENDE

Im Sattel der Verdammten

 

 

von John F. Beck

 

 

 

1. Kapitel

 

»Nehmt eure Schießeisen zur Hand, Freunde! Gleich ist es soweit!« Die Stimme des Anführers kam gedämpft unter dem vorgebundenen Halstuch hervor.

Das Hufgetrappel und das Holpern der Räder auf der hartgefrorenen Erde wurden lauter. Die vier maskierten Männer zogen die Revolver. Einer bewegte sich unbehaglich im Sattel.

»Hank! Sollten wir nicht …«

»Keine Reden mehr, Luke!«, winkte der vorderste Reiter ungeduldig ab. »Denkt an das Gold! Sechzigtausend Dollar in Gold! Los, vorwärts!«

Die Postkutsche kam in voller Fahrt hinter einer Straßenbiegung hervor, als die vier Banditen ihre Pferde auf die Fahrbahn trieben.

»Anhalten! Sofort anhalten!«

Der Kutscher fluchte und zerrte an den Zügeln. Steine spritzten unter den bremsenden Hufen hoch. Der Beifahrer tastete nach seinem Gewehr, zögerte jedoch, es hochzureißen. Der Anführer der Bande schwang seinen Colt in die Höhe. Der Reiter neben ihm zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Seine Stimme war heiser vor wilder Erregung.

»Nein, Hank! Um Himmels willen, nein, das …«

Der Feuerstrahl raste bereits aus dem Lauf. Die knochige Gestalt des Postfahrers kippte plötzlich nach vorne, noch ehe das Fahrzeug zum Halten gekommen war.

Das Gesicht des Begleitmannes wurde aschgrau. Seine Augen weiteten sich vor Entsetzen und Hass. Er riss das Gewehr an sich.

»Ihr Schurken!«, krächzte er. »Ihr gemeinen …«

Zum zweiten Mal peitschte der Colt des Bandenführers …

 

2. Kapitel

 

Mit hartem Zügeldruck brachte Matt Whittaker seinen Cayuse Hengst zum Stehen. Er stellte sich in den Steigbügeln auf und lauschte mit angehaltenem Atem auf das Anschwellen der Hufschläge, das über die kahlen Hügel trieb. Es war kalt. Das Bleigrau des Firmaments und das tote Braun der Erde wirkten trostlos und öde. Der Atem des Cayuse hing in hellen Dampfwölkchen in der Luft.

Nachdem Matt die Richtung des Hufgetrappels festgestellt hatte, setzte er sich wieder im Sattel zurecht und trieb sein Pferd voran. Hell tackten die Hufe auf der harten Erde.

Matt schlug fröstelnd den pelzgefütterten Kragen seiner Mackinaw-Jacke hoch. Als er wenig später einen flachen Hügelrücken erreichte, sah er die Gäule. Sechs Tiere, und sie waren in einer Senke zum Stehen gekommen. Als Matt wiederum seinen Cayuse zügelte und das Pochen der Hufe verstummte, breitete sich bleierne Stille über das graue Land. Die bewaldeten Hänge der Big Beaver Mountains, die jenseits der Hügel hochragten, wirkten wie ein schwarzer, unheimlicher Wall. Das graue Zwielicht ließ alles drohend und unwirklich erscheinen.

Matt betrachtete die Pferde. Zuerst hatte er geglaubt, es handele sich um ein Rudel Mustangs. Jetzt sah er, dass er beschlagene Tiere vor sich hatte, typische kräftige Zugpferde, wie sie vor Frachtwagen und Kutschen gespannt wurden. Kopfschüttelnd ritt er den Hang hinab auf das Pferderudel zu. Ein Gaul warf witternd den Kopf hoch. Sein schrilles Wiehern drang durchdringend durch die dumpfe Stille. Einen Moment verharrte das Rudel in starrer Reglosigkeit, dann stob es aus der Senke davon, tiefer in die Hügel hinein.

Matt biss sich auf die Unterlippe. Er hatte das schräge »B« an den Flanken der Gäule erkannt, das Brandzeichen von Tobe Barneys Postkutschenunternehmen.

In Matts grauen Augen lag ein wachsames Funkeln. Er gab seinem Cayuse Hengst die Sporen und jagte der Poststraße zu. Er sah die Kutsche schon von weitem. Sie stand quer über der Fahrbahn. Das Pferdegeschirr lag zerschnitten auf der Erde. Es waren also die Banditen gewesen, die die Zugtiere in die Hügel hineingetrieben hatten. Dann bemerkte Matt die verkrümmte Gestalt am Boden, dicht neben dem linken Vorderrad des Fahrzeugs. Während Matt langsam auf die Kutsche zuritt, knöpfte er seine Mackinaw-Jacke auf und legte die rechte Hand auf den Kolben seines alten Walker Colts.

Matt hielt den Hengst neben der reglosen Gestalt an. Er erkannte, dass es hier keine Hilfe mehr gab. Er wollte sich aus dem Sattel gleiten lassen, da schnaubte der Hengst unruhig. Hastig schaute sich Matt um. Der Straßenrand war leer. Hinter den Felsblöcken und den verkrüppelten Kieferstämmen rührte sich nichts.

Der Kutschenschlag schwang knarrend auf. Eine gepresste Stimme befahl: »Keine Bewegung, Mister, sonst hole ich dich mit einem Stück heißen Blei aus dem Sattel!«

Matt erstarrte. Hinter sich hörte er schweres Atmen, und eine harte Stimme sagte: »Nimm die Hände hoch, Mister!«

Matt wurde sich bewusst, dass seine Rechte noch immer auf dem glatten Coltkolben ruhte. Der Gedanke, sich einfach im Sattel herumzuwerfen und die Waffe herauszureißen, schoss ihm durch den Kopf.

»Hast du nicht gehört?« Die Stimme war jetzt dicht hinter ihm. »Hände hoch, Mann – und zwar schnell!«

Es knackte trocken - ein Revolverhahn wurde gespannt.

Matt presste die Lippen zusammen und hob zögernd die Arme. Schritte schlurften über die gefrorene Erde.

»Jetzt kannst du dich umdrehen!«

Matt lenkte behutsam seinen Hengst halb herum. Einige Schritte von ihm entfernt stand ein knochiger hohlwangiger Mann breitbeinig auf der Straße. Seine Augen glänzten fiebrig. Der Revolver in seiner Rechten zitterte leicht.

»Bist wohl zurückgekommen, um dich zu überzeugen, ob wir auch wirklich alle tot sind, was?«, keuchte der Knochige. »Well, wie du siehst, habt ihr mich nicht so richtig erwischt, wie ihr es wolltet. Und glaube nur nicht, dass du jetzt noch eine Chance bekommst, erneut auf mich zu feuern.«

Er machte einen Schritt näher. Er wankte leicht. Und Matt bemerkte den dunklen Blutfleck, der an seiner linken Schulter durch den dicken Jackenstoff gesickert war.

»Hören Sie!«, sagte Matt schnell. »Ich gehöre nicht zu den Banditen, die Sie überfielen.«

»Das kannst du leicht behaupten«, knurrte der andere. »Jetzt trägst du schließlich nicht mehr dieses verdammte Tuch vor dem Gesicht! Ich glaube dir kein Wort.«

»Ich bin Matt Whittaker und besitze eine kleine Ranch drüben am Beaver Creek.«

»Und? Soll ich deshalb annehmen, dass du nicht zu diesen verwünschten Halunken gehörst?« Der Mann lachte mühsam. »Gib dir keine Mühe, ich lasse mich nicht hereinlegen.«

»Ich war in Diggers’ Lodge und habe dort Pferde verkauft«, erklärte Matt eindringlich. »Auf dem Heimweg stieß ich auf die Kutschenpferde. Ich wollte nachsehen …«

»Du solltest dir keine Mühe geben, verdammt noch einmal, habe ich gesagt!« In den Augen des Knochigen sprühte Hass. »Sieh dir Duff Harrow an! Da liegt er am Boden, tot, von einer Kugel mitten in die Stirn getroffen! Seit einem halben Jahr war er mein Begleitfahrer, und ihr habt ihn einfach heruntergeschossen. Ohne Grund! So wie mich! Verlange nur nicht, du Lump, dass ich lange Geduld mit dir habe! Für einen Kerl deiner Sorte gibt es nur eines …«

Die Hände noch immer erhoben, beugte sich Matt leicht im Sattel vor. Sein Blick bohrte sich in die glitzernden Augen des Kutschers.

»Menschenskind! Mann, seien Sie vernünftig! Ich kann ja verstehen, was in Ihnen vorgeht. Aber ich gehöre wirklich nicht zu den Verbrechern. Ich kann es beweisen. Ich habe das Geld für die verkauften Pferde in meiner Satteltasche und den Verkaufsvertrag dazu. Ich werde …«

»Lass die Finger von der Satteltasche!«, fuhr ihn der Kutscher wild an. »Keinen Trick, Mann! Immer die Arme schön oben lassen!«

»Aber ich …«

»Du hast Angst, wie?«, schnaufte der Postfahrer. »Du hast es verdient! Erwarte nur keine Gnade von mir, du Verbrecher! Was meinst du, was vorher in mir vorging, als ich mit der Kugel in der Schulter neben der Kutsche lag und ihr das Gold herausholtet? Ich musste jeden Augenblick gefasst sein, dass ihr entdecktet, dass ich nicht tot bin. Kein schönes Gefühl, muss ich gestehen! Ich …« Er wankte heftiger. Es kostete ihn plötzlich Mühe, die Waffe auf Matt gerichtet zu halten.

»Mann«, sagte Matt ernst, »Sie müssen verarztet werden. Sie brauchen …«

»Halten Sie den Mund! Und keine Bewegung!« Die Revolvermündung ruckte fahrig nach oben und zielte genau auf Matts Stirn. Trotz der Kälte rann der Schweiß in dichten Strömen über das hohlwangige Gesicht des Postfahrers. Matt starrte dem Mann in die Augen und erkannte darin die tödliche Besessenheit.

Er musste handeln, ehe es zu spät war.

Einen scharfen Schrei ausstoßend, drückte er dem Hengst die Sporen in die Seiten. Während das Pferd schnaubend vorwärts schnellte, duckte er sich hastig.

Vor ihm flammte der Revolver. Die Kugel strich pfeifend über ihn hinweg. Dann war der Cayuse auf gleicher Höhe mit dem Postkutscher. Der Mann hatte mühsam eine halbe Drehung gemacht und wollte erneut schießen. Matt warf sich aus dem Sattel auf ihn herab. Sie stürzten beide hart auf die Straße. Der Revolver schepperte davon und verschwand unter der Kutsche. Die knochige Gestalt des Postfahrers erschlaffte jäh. Schweratmend stemmte sich Matt auf die Knie.

Der Mann vor ihm war bewusstlos. Matt knöpfte ihm hastig Jacke und Hemd auf. Die Schulterverletzung war nicht gefährlich, aber der Kutscher hatte bereits viel Blut verloren. Eilig holte Matt das Verbandszeug aus seiner Satteltasche. Als er den letzten Knoten festzog, kam der Kutscher zu sich. Zuerst schaute er ihn benommen an. Dann erinnerte er sich und zuckte erschrocken zusammen.

»Keine Sorge!«, murmelte Matt. »Wenn ich Ihnen wirklich ans Leben wollte, hätte ich mir kaum diese Arbeit gemacht, oder?«

Die Haltung des Mannes entspannte sich langsam.

»Es scheint, ich habe Ihnen unrecht getan. Ich …«

»Schon gut, schon gut! Wie fühlen Sie sich, werden Sie ein paar Meilen auf einem Pferd aushalten?«

»Sie müssen mich nach Diggers’ Lodge bringen!«, schnaufte der Postfahrer. »Ich muss sofort Barney, dem Boss, Bescheid sagen.«

»Das werde ich für Sie erledigen. Meine Ranch liegt ganz in der Nähe. Ich bringe Sie dorthin. Sie brauchen jetzt vor allem Ruhe.«

»Hören Sie!«, keuchte der Verwundete. »Die Banditen haben eine Kiste voller Gold geraubt – Gold im Werte von sechzigtausend Dollar!«

Matt pfiff leise durch die Zähne.

»Das ist allerdings eine ganze Menge!«

»Sie müssen sich beeilen!«, drängte der Kutscher. »Wenn die Kerle entkommen, ist mein Boss ruiniert.«

Matt nickte und erhob sich.

»Ich werde mich beeilen!«

Er ging zu seinem Pferd. Sein Blick streifte die Gestalt des toten Beifahrers. Über die Schulter zurück sagte er mit harter Stimme: »Für diese Verbrecher wird es im ganzen Land kein sicheres Fleckchen mehr geben. Alle werden Jagd auf sie machen – auch ich!«

 

3. Kapitel

 

Sie kamen aus den braunen Hügeln heraus, überquerten die schmale Bohlenbrücke, die über den Beaver Creek führte, und näherten sich den Gebäuden der kleinen Ranch. Virg Reynolds, der verwundete Postfahrer, hing zusammengekauert auf dem hochbeinigen Cayuse. Matt, der hinter ihm saß, hielt ihn mit einer Hand fest. Mit der anderen lenkte er das Pferd an den leeren Corrals vorbei auf den Ranchhof. Das Stalltor war nur angelehnt. Hufe polterten drinnen gegen die dicken Boxwände. Pferdeschnauben war zu hören. Ein Strom warmer Luft, vermischt mit dem Geruch von Heu und Pferdeschweiß, wehte sachte ins Freie. Matts Brüder, mit denen er das Anwesen bewirtschaftete, schienen also kurz vorher von den Weiden zurückgekommen zu sein.

Matt trieb den Hengst am Stall vorbei zum Wohnhaus hinüber. Es war ein niedriges langgestrecktes Balkengebäude mit einem vorspringenden Dach, das von schlanken Pfosten gestützt wurde. Die Tür war geschlossen. Matt hielt an, saß ab und half Reynolds vom Pferd. Der Verwundete stützte sich schwer auf ihn. Der Cayuse drehte den Kopf und rieb die Nüstern an Matts Schulter. Matt tätschelte ihm flüchtig den Hals.

»Ich muss dich enttäuschen, alter Junge! Du kommst noch nicht in den Stall. Wir beide machen uns nochmals auf den Weg nach Diggers’ Lodge, verstehst du?«

Er führte Reynolds zum Eingang. Als sie über die Schwelle traten, schlug ihnen eine Woge angenehmer Wärme entgegen. Im gusseisernen Ofen knackte und prasselte das Feuer. Die Läden waren geschlossen. Die Petroleumlampe an der niedrigen Decke verbreitete trübes gelbes Licht. Reynolds tastete nach der Lehne eines Stuhls, setzte sich aufseufzend und streckte die Beine aus. Matt schaute zur Nebentür, die halb offen stand. Dahinter lagerte graue Dämmerung.

»Ich werde meinen Brüdern sagen, dass sie sich um Sie kümmern sollen«, erklärte er Reynolds. »Ein Becher heißer Kaffee wird Ihnen jetzt sicher guttun.« Er ging zur Nebentür. Er hatte sie noch nicht erreicht, als ein Mann in den Rahmen trat. Er war kleiner als Matt und nicht so breit. Sein dunkelbraunes Gesicht war scharfgeschnitten. Pechschwarzes Haar ringelte sich ihm in die Stirn. Er schaute Matt schnell und scharf an.

»Hallo, Matt! Schon zurück?«

»Ich habe mich beeilt, Jed! Bei der Kälte kein Wunder!«

Jed Whittakers Blick flog an Matt vorbei und traf auf den verwundeten Kutscher, der die Ellenbogen erschöpft auf die Tischkante gestützt hatte. In seinen dunklen Augen glühte es kurz auf.

»Wen hast du da mitgebracht?«

»Virg Reynolds. Er arbeitet als Postfahrer für die Barney Stagecoach Line. Die Kutsche wurde überfallen und …« Aus der Dämmerung des Nebenraumes kam eine seltsam verzerrte Stimme.

»Jed! Wer ist da, Jed? Wer ist gekommen?«

Matt runzelte die Stirn. Er schaute Jed durchbohrend an.

»Das ist doch John, oder?«

»Yeah!«, nickte Jed zögernd und wich Matts Blick aus. »Er …«

Matt beugte sich etwas vor.

»Was ist mit ihm?«

Jed biss sich auf die Unterlippe.

»Er … er ist verletzt, Matt! Es ist alles …«

»Matt?«, kam Johns Stimme dumpf aus der Dämmerung. »Bist du es, Matt?« Jed wandte nervös den Kopf. In seinem scharfgeschnittenen Gesicht arbeitete es.

»Nur ruhig, John! Es ist alles in Ordnung! Ja, es ist Matt. Er ist schon aus Diggers’ Lodge zurück. Du kannst ganz beruhigt sein.«

Matt fasste seinen Bruder hart an der Schulter. Seine Stimme war leise und gepresst: »Was ist passiert, Jed? Heraus mit der Sprache!«

»Warum regst du dich auf, Matt?«, knurrte Jed unwillig. »Es war ein Unfall! Er wird schon …«

»Wo ist Luke?«

»Drüben im Stall. Er kümmert sich um die Pferde.« Jed wollte die Tür hinter sich zuziehen.

»Warte!«, sagte Matt schnell und beobachtete noch immer scharf Jeds Gesicht. »Ich will erst nach John sehen.«

»Das ist nicht nötig. Ich habe ihn bereits verarztet. Er braucht jetzt nur Ruhe.«

»Ich will trotzdem nach ihm sehen.«

»Zum Teufel, Matt! Ich sage dir doch …« Er brach ab, senkte den Kopf und murrte: »Du misstraust mir, wie?«

»Habe ich nicht allen Grund dazu, Jed?«

»Kannst du denn die Sache von damals überhaupt nicht vergessen, zum Kuckuck?«

»Wegen dieser Sache jedenfalls haben wir Texas verlassen müssen und sind hierher nach Montana gegangen, Jed!«, sagte Matt Whittaker ernst zu seinem Bruder.

»Ach was! Das ist lange her! Damals war ich noch ein halbes Kind, als ich mit den Viehdieben gemeinsame Sache machte! Jetzt …«

»Ich kenne dich besser, als du vielleicht denkst, Jed«, unterbrach ihn Matt mit einem bitteren Lächeln. »Du bist seit damals fünf Jahre älter geworden, aber von deiner Wildheit und Heißblütigkeit hast du kaum etwas verloren.« Etwas sanfter fügte er hinzu: »Das soll jetzt kein Vorwurf sein. Sei vernünftig, Jed, und lass mich zu John!«

Mit abgewandtem Blick wich Jed Whittaker zur Seite. Matt trat über die Schwelle und sah John in voller Kleidung auf einem schmalen Bett liegen. Sein blasses Gesicht war ein heller Fleck im Dämmerlicht. Seine Augen schienen unnatürlich groß. Matts Sporen klingelten silbern, als er mit langen Schritten auf John zuging.

»John, mein Junge, was ist mit dir passiert?«

Der Verletzte drehte mühsam den Kopf. Matt glaubte ein kurzes Erschrecken in seinen aufgerissenen Augen zu erkennen. Das blonde Bärtchen über Johns Oberlippe zuckte. Matt stemmte die Hände an die Hüften und beugte seinen Oberkörper vor.

»Was ist geschehen?«, wiederholte er.

Die blutleeren Lippen Johns bewegten sich einige Sekunden, ehe er einen Ton hervorbrachte.

»Eine Kugel in die Hüfte, Matt!«

»Eine Kugel?«

Matts Stimme war plötzlich rau und zitterte vor Anspannung. Johns Blick tastete an ihm vorbei zur offenen Tür, durch die gelbes Lampenlicht flutete.

»Jed!«, murmelte er schwach. »Jed soll dir alles erzählen!« Er schloss die Augen und drehte das Gesicht von Matt ab.

»Nun?«, kam Jeds ungeduldige Stimme von der Schwelle her. »Ich habe dir doch gesagt, dass er Ruhe braucht. Also, lass ihn schlafen, Matt!«

Matt biss sich auf die Unterlippe und drehte sich langsam zu Jed herum. Dessen drahtige Gestalt zeichnete sich im Türrahmen scharf gegen den Hintergrund des gelben Lampenlichtes ab.

»Jed, ich denke, du hast mir allerhand zu erzählen, wie?«

»Es ist nicht viel. Wie gesagt, es war ein Unfall. John hat …«

»Jed!« Matts Stimme war jetzt von schneidender Kälte. »Ich will keine Ausflüchte! Ich will die Wahrheit, hörst du?«

»Wieso? Ich …«

»Ihr habt nicht damit gerechnet, dass ich so früh aus der Stadt zurückkomme«, sagte Matt hart. »Nein, nein, streite es nur nicht ab, Jed! Ich bin mir sicher, dass es mit der ganzen Sache zusammenhängt!«

In Jed Whittakers dunklen Augen flackerte es.

»Matt, ich habe es satt, dauernd in diesem Ton mit mir reden zu lassen. Ich bin kein kleiner Junge mehr, zum Teufel! Ich bin nur ein Jahr jünger als du! Du hast kein Recht …«

Virg Reynolds erregter Ruf aus dem Wohnzimmer unterbrach ihn.

»Whittaker! Großer Himmel, Whittaker, sehen Sie doch!«

Jed fuhr wie von einer Schlange gebissen herum. Seine Hand zuckte unwillkürlich zum tiefgeschnallten Holster.

»Bleibe, wo du bist, Jed!«, rief Matt zwingend. Mit ein paar schnellen Schritten war er an seinem Bruder vorbei. Der verwundete Postfahrer hatte sich von seinem Stuhl hochgestemmt und beide Hände um die Tischkante gekrampft. Sein Mund stand halb offen. Pfeifend blies der Atem zwischen seinen Zähnen hervor.

»Reynolds, was ist los?« Suchend schaute sich Matt im trüb erhellten Raum um.

»Da, Whittaker!«, schnaufte der Kutscher, brachte mühsam einen Arm hoch und deutete auf die dämmrige Ecke neben dem gusseisernen Ofen. Matts Blick folgte der gewiesenen Richtung und entdeckte die schwere eisenbeschlagene Kiste, die er niemals zuvor auf der Ranch gesehen hatte. Die Kiste war mit zwei wuchtigen Eisenschlössern versehen, beide noch unversehrt. Matt fühlte, wie seine Schläfen zu brennen begannen. Mühsam riss er den Blick von der Kiste los und schaute wieder Reynolds an.

Der schüttelte wie benommen den Kopf. Seine Worte waren ein heiseres Flüstern – und trotzdem in der abgrundtiefen Stille deutlich zu verstehen: »Das Gold! Das aus der Kutsche geraubte Gold!«

 

4. Kapitel

 

Ein Schatten legte sich über das schmale tiefbraune Mädchengesicht, als sich die Heftigkeit der Männerstimme hinter der Tür noch steigerte. Die nach der Klinke ausgestreckte Hand zögerte. Schließlich atmete das Mädchen tief ein und öffnete die Tür.

»Und ich sage Ihnen nochmals, Barney, ich kann Ihnen keinen anderen Ausweg lassen. Ich glaube nicht …« Mitten im Satz verstummte die raue Männerstimme, als das Mädchen im Türrahmen erschien. Die beiden Männer standen sich am Tisch gegenüber und drehten gleichzeitig den Kopf.

Sie waren beide ungefähr im gleichen Alter, über fünfzig hinaus. Der eine war untersetzt und stämmig, besaß ein verwittertes, lederhäutiges Gesicht und einen sehr buschigen schwarzen Schnurrbart. Sein dunkles Haar war an den Schläfen wie mit grauen Fäden durchzogen. Der andere Mann war groß, hager, und sein kantiges Gesicht wirkte für sein Alter merkwürdig glatt. Sein grauer, städtisch geschnittener Anzug bildete einen Kontrast zur einfachen Kleidung des Schnurrbärtigen, der aussah wie einer der vielen Goldgräber in dieser Minenstadt.

Die dunklen Augen des Mädchens tasteten rasch über den Mann im Anzug hin und hefteten sich dann besorgt auf den Bärtigen. Ihre Stimme besaß einen seltsam kehligen Tonfall.

»Ist etwas passiert, Vater? Brauchst du mich?«

Der Schnurrbärtige wischte sich aufseufzend über die Stirn.

»Schon gut, Sue!«, murmelte er kratzend. »Du kannst hier wenig helfen.«

Sie trat über die Schwelle. Die Sorge in ihrem ausdrucksvollen braunen Gesicht wurde deutlicher.

»Was ist denn geschehen?«

»Sie wissen es noch nicht, Miss Sue?«, rief der andere erregt. »Die Kutsche ist überfallen worden! Das Gold wurde geraubt – mein ganzes Gold!«

Das Mädchen erstarrte. Tobe Barney sagte rau: »Es ist nicht nötig, Jarrett, dass Sie auch noch meine Tochter mit dieser Angelegenheit belasten.«

Renn Jarrett zuckte die hageren Schultern.

»Über kurz oder lang würde sie es ohnehin erfahren, nicht wahr? Barney, hören Sie …«

»Moment, Jarrett!«, unterbrach ihn der Besitzer der Postkutschenlinie. »Sue, es wäre besser, du ließest uns jetzt allein.«

Das Mädchen zögerte.

»Dad, ich bin kein Kind mehr. Ich glaube, diese Sache geht auch mich etwas an.«

Barney wollte antworten. Aber Renn Jarrett kam ihm zuvor. Er fächelte mit seinem flachkronigen Hut durch die Luft und sagte ungeduldig: »Ich habe genug Zeit verloren, Barney. Ich muss es kurz machen.«

»Ich weiß schon, ich weiß«, murmelte Tobe Barney mit gesenktem Kopf. »Sie wollen mich daran erinnern, dass wir einen Vertrag geschlossen haben, in dem ich Ihnen einen sicheren Transport Ihres Goldes garantierte.«

»Genau! Bisher ist es ja auch immer gutgegangen. Aber diesmal …«

Barneys Hände öffneten und schlossen sich.

»Ich habe nie damit gerechnet! Immer ist alles glatt gegangen. Ausgerechnet jetzt, wo die größte Ladung …«

»Ich kann es nicht ändern!« Bedauernd hob Jarrett die Schultern. »Es war die letzte Minenausbeute, die ich vor Einbruch des Winters nach Helena schaffen wollte. Barney, die Kiste, die geraubt wurde, stellt ein Vermögen für mich dar. Sechzigtausend Dollar in Gold, sechzigtausend!«

»Jarrett«, erwiderte Barney kratzend, »der Rest meiner Mannschaft macht sich draußen zum Aufbruch bereit. Wir werden alles tun, um die Kerle zu schnappen.«

»Sie glauben daran?«

»Sie etwa nicht?«, fragte Barney schnell.

Renn Jarrett schüttelte langsam den Kopf.

»Wie wollen Sie es denn anfangen? Der Boden ist seit Tagen hart gefroren. Sie werden kaum mit Spuren rechnen können. Überdies dauert es nicht lange bis zum ersten Schnee. Und dann sind alle Chancen gleich Null.«

»Trotzdem werden wir …«

»Was Sie unternehmen wollen, Barney, ist ganz allein Ihre Sache. Mir geht es darum, die sechzigtausend Dollar, die das Gold wert ist, nicht zu verlieren. Barney, Sie kennen unseren Vertrag! Sie haben das Risiko auf sich genommen! Ich werde die Sechzigtausend von Ihnen bekommen!«

Tobe Barney atmete scharf ein.

Sue sagte schnell und heftig: »Mister Jarrett, glauben Sie nicht, dass es ein ungünstiger Zeitpunkt ist, damit meinem Vater zuzusetzen? Er hat jetzt genug andere Dinge im Kopf und …«

»Tut mir leid, Ma’am!«, wandte sich der hagere Minenbesitzer ihr zu. »Ich muss in erster Linie Geschäftsmann sein, genau wie Ihr Vater.«

»Nur dass sechzigtausend Dollar meinen Vater ruinieren werden«, rief Sue mit blitzenden Augen.

Jarrett breitete die Hände aus.

»Glauben Sie nur nicht, dass ich diesen Verlust so einfach verschmerzen könnte. Meine Mine war nicht so ertragreich, wie Sie vielleicht denken.« Er drehte sich wieder dem Frachtunternehmer zu. »Well, Barney, können wir die Sache an Ort und Stelle regeln?« Er holte ein Blatt Papier aus der Innentasche seiner Anzugjacke. »Sie brauchen nur zu unterschreiben. Ein Scheck über sechzigtausend Dollar.«

Auf Barneys Stirn standen plötzlich Schweißperlen. Er warf seiner Tochter einen verzweifelten Blick zu – der Blick eines Mannes, der sich unversehens am Rande des Ruins sieht!

»Jarrett, können Sie denn nicht abwarten, ob ich Erfolg habe?«

Die Tür ging auf. Ein kräftiger Mann in einer dicken Pelzjacke kam herein. Er hatte einen patronenbespickten Revolvergurt über die Winterkleidung geschnallt.

»Boss!«, rief er Barney zu. »Wir sind zum Losreiten bereit! Ihr Pferd ist gesattelt! Kommen Sie?«

Barney sog scharf den Atem ein.

»Nun, Jarrett? Haben Sie es wirklich so eilig? Vielleicht haben wir doch Erfolg.«

»Ich würde mich für Sie freuen«, nickte der Minenbesitzer. »Trotzdem ist es besser, Sie unterschreiben jetzt!« Barney furchte die buschigen Brauen. »Aber es ist doch …«

»Sie müssen mich verstehen«, sagte Renn Jarrett entschuldigend. »Ich halte nicht nur die Möglichkeit, dass Sie und Ihre Leute das Gold zurückbringen, für sehr gering – ich muss auch daran denken, dass Sie vielleicht überhaupt nicht mehr zurückkommen.«

»Jarrett!«, rief Barney wütend. »Sie behaupten doch nicht …«

»Nein, nein, Barney! Verstehen Sie mich nicht falsch! Ich kenne Sie gut genug, um zu wissen, dass Sie sich nicht auf diese Weise von Ihrer Verpflichtung drücken würden. Außerdem wäre das ja völlig sinnlos für Sie. Ihr Geld liegt wie meines auf der Bank in Helena und ich … Aber lassen wir das! Well, der Haken an der Sache ist, dass die Banditen ziemlich gut mit ihren Schießeisen umzugehen verstehen, das haben sie ja leider bewiesen, nicht wahr? Wenn Sie wirklich an diese Schufte geraten, muss ich fürchten …«

»Dass ich erwischt werde, was?«

»Man muss mit allem rechnen, nicht?«

»Yeah!«, knurrte Barney düster. »Vor allem, wenn man so durch und durch Geschäftsmann ist wie Sie, Jarrett. – Geben Sie her!« Er nahm dem Minenbesitzer den Scheck aus der Hand, griff nach der Schreibfeder, die im Tintenfass auf dem Schreibtisch steckte, und setzte mit schwerer Hand seine Unterschrift auf das Blatt. Renn Jarrett wollte nach dem Papier langen, aber Barney behielt die Hand darauf. Unter gefurchten Brauen blickte er zu Jarrett hoch.

»Moment noch!«, sagte er heiser. »Die Sache muss ihre volle Richtigkeit haben. Jarrett, Sie werden mir jetzt versprechen, dass Sie diesen Scheck erst dann zur Bank in Helena bringen, wenn unsere Aktion gegen die Banditen abgeschlossen ist. Und wenn ich Ihnen die Goldkiste zurückbringe, Jarrett, dann geben Sie mir dieses Papier zurück.«

»Das ist doch selbstverständlich, Barney.«

»Es ist ein Versprechen vor Zeugen, Jarrett!«

»Gewiss, gewiss!«

Barney reichte dem Minenbesitzer wortlos den Scheck. Jarrett faltete ihn zusammen und verstaute ihn in der Innentasche seines Rockes. Barney sagte zu dem Mann in der offenen Tür: »Bret, sage den anderen, dass ich sofort komme! Wir reiten gleich los!«

»All right, Boss!« Der Mann verschwand von der Schwelle, die Tür klappte zu.

Barney beachtete Jarrett nicht mehr. Er ging zur Nebentür. Über die Schulter sagte er: »Sue, bringe mir bitte die Winterjacke! Ich hole inzwischen mein Gewehr.«

Das Mädchen rührte sich nicht. Ihr dunkler Blick glitt zwischen beiden Männern hin und her. Ihr tiefbraunes Gesicht war merkwürdig ausdruckslos. Mit ihrer kehligen Stimme sagte sie leise: »Dad, hast du dich schon erkundigt, ob Mister Jarrett dir bei der Suche nach den Goldräubern helfen wird?«

Barney blieb ruckartig stehen. Einen Moment haftete sein Blick funkelnd an dem hageren Minenbesitzer. Dann zuckte er die kräftigen Schultern und murmelte bitter: »Warum sollte er? Er hat ja seine Versicherung bereits in der Tasche.«

»Aber«, redete das Mädchen ruhig weiter, »es arbeiten Männer für ihn, die besser mit den Waffen umgehen können als deine Leute, Dad. Und immerhin – es ist sein Gold!«

Jarrett verzog ärgerlich die Mundwinkel. Er wollte zu einer heftigen Erwiderung ansetzen. Aber Sue Barneys Blick ruhte so fest und zwingend auf ihm, als könne sie nichts aus der Ruhe bringen. Sekundenlang zögerte Jarrett, dann sagte er gepresst: »Also gut, Barney! Ich werde Ihnen meinen besten Mann mitgeben – Chess Quinton!« Er wartete keine Entgegnung ab, verließ mit steifen Schritten das Büro des Postkutschenunternehmens und warf knallend die Tür hinter sich ins Schloss.

Sue blickte ihm mit ihrer seltsam ausdruckslosen Miene nach. Barney räusperte sich.

»Danke, mein Mädel!«

Sie blickte auf. Zum ersten Mal schwang tiefe Hoffnungslosigkeit in ihrem Ton.

»Danke? Nein, Dad, das sollst du nicht zu mir sagen! Es ist wenig genug, was ich erreichen konnte.« Die Schatten der Sorge ließen ihr Gesicht noch dunkler wirken, als es ohnehin schon war.

 

5. Kapitel

 

Die Tür des Ranchblockhauses flog krachend auf. Ein eisiger Luftzug strömte herein und brachte die gelbe Flamme hinter dem Lampenzylinder zum Blaken. Ehe sich Matt Whittaker noch umdrehen konnte, rief eine harte Stimme: »Keine Bewegung, Freundchen! Lang nur nicht zum Eisen, wenn du nicht auf der Stelle eine Kugel in den Kopf bekommen willst!« Schwere Stiefeltritte kamen in den Raum. Der kalte Luftstrom dauerte an.

Draußen auf dem Hof fragte eine erregte Stimme: »Hank! Heh, was ist denn los?«

Matt kannte diese Stimme. Sie gehörte Luke, dem jüngsten seiner drei Brüder. Matt drehte sich langsam um. Nur wenige Schritte von ihm entfernt stand ein großer breitschultriger Mann. Ein rötlich blonder Stoppelbart umrahmte sein eckiges Gesicht. Seine hellen Augen blickten kalt und wachsam. Die Mündung eines langläufigen 45ers war unbewegt auf Matt gerichtet.

»Jed!«, knurrte der Stoppelbärtige, ohne Matt einen Sekundenbruchteil aus den Augen zu lassen. »Welchen Vogel hat uns denn da der Wind hereingeweht?«

Matt hörte seinen Bruder Jed hinter sich tief ausatmen. Jed zog erst die Nebenzimmertür zu, dann antwortete er: »Du kannst den Colt wegstecken, Hank! Das ist Matt!«

Ein Schimmer des Erstaunens huschte über das eckige Gesicht.

»Matt Whittaker? Der große Matt, von dem du mir immer erzählt hast?« Ein breites Grinsen verzog seine wulstigen Lippen. »Welche Überraschung!« Er ließ die Waffe sinken, steckte sie aber nicht ins Holster zurück.

Hinter ihm erschien Luke auf der Schwelle. Er stockte, als er Matt sah. Sein junges schmales Gesicht wurde schlagartig kreidebleich.

»Matt!«, schnaufte er entsetzt. »Ich … Himmel, wir dachten, du …«

»Ihr dachtet, ich würde erst morgen aus der Stadt zurückkommen, was?« Matts Stimme klirrte vor Kälte.

»Los, komm herein, Junge, und mach die Tür zu!«

Luke kam automatisch der Aufforderung nach. Der eisige Luftstrom erstarb. Der kleine gusseiserne Ofen verbreitete wohlige Wärme. Reynolds hatte den Tisch losgelassen. Auf unsicheren Beinen kam er auf Matt zu.

»Was geht hier vor?«, keuchte er. »Whittaker, haben Sie denn nicht gehört? Da ist die Kiste …«

»Setzen Sie sich wieder, Reynolds!«, unterbrach ihn Matt hart.

»Aber es ist doch …«

»Zum Teufel, Mann!«, fuhr ihn da der Stoppelbärtige mit funkelnden Augen an. »Du sollst dich setzen, wenn dir das Leben lieb ist!«

Virg Reynolds hielt mitten in der Bewegung inne. Sein Blick tastete von einem zum anderen. Seine Augen weiteten sich. Es war ganz still im Haus. Nur das Knistern der Flammen war zu hören. Reynolds’ Atem ging plötzlich schneller. Langsam, Schritt für Schritt, zog sich der Postfahrer zum Tisch zurück.

»So ist das also!«, schnaufte er mühsam. »Ihr habt es also getan! Ihr …« Er stieß mit dem Rücken gegen die Tischkante und blieb stehen.

Als Matt in die Augen dieses Mannes sah, hatte er das Gefühl, sein Magen krampfe sich zusammen. Er wusste genau, was Reynolds jetzt dachte. Matts Blick flog wieder zur Ecke neben dem Ofen. Die unsinnige Hoffnung, sich vorhin getäuscht zu haben, war flüchtig in ihm. Aber da war die Kiste, die schwere eisenbeschlagene Kiste, die aus der überfallenen Kutsche der Barney Stagecoach Line stammte!

Er machte ein paar Schritte zur Seite und lehnte sich gegen die Wand. Plötzlich fühlte er sich kraftlos, wie ausgehöhlt. Er sah die Gesichter seiner Brüder wie durch einen dünnen Nebelschleier.

Da war Jed, nach ihm der Älteste – ein drahtiger schwarzhaariger Mann mit einem Profil, das an einen Raubvogel erinnerte. Keiner von ihnen trug den Revolver so tiefgehalftert wie Jed, und keiner konnte mit der Waffe so gut umgehen. Luke war fast noch ein Junge, hochaufgeschossen, mit Sommersprossen über der Nasenwurzel. Seine blauen Augen konnten manchmal sanft und träumerisch wie die eines Mädchens blicken, manchmal aber sprühte dieselbe Hitze in ihnen wie in Jeds schwarzem Blick. Und da war John, der allein und verwundet draußen im Nebenraum lag und sicher hörte, was hier drinnen gesprochen worden war. Nach Matt war er der Besonnenste unter den vier Brüdern gewesen. Ein ruhiger, schweigsamer Cowboy, der hart zu arbeiten verstand.

Matt seufzte unwillkürlich. Sein Blick fiel wieder auf Virg Reynolds. Der Postkutscher stand noch immer an den Tisch gelehnt. Die Überraschung war aus seiner Miene geschwunden. Hass verzerrte seine Lippen.

»Worauf wartet ihr denn noch, ihr verfluchten Hunde? Los, nehmt doch eure Eisen! Schießt doch, ihr …«

»Sei still, Mann!«, fuhr ihn der Stoppelbärtige an, dessen Namen Matt noch nicht kannte.

»Still?«, keuchte Reynolds. »So still wohl, wie Duff Harrow, der tot draußen auf der Straße liegt, wie? Wer von euch hat ihn denn vom Bock geschossen, heh? Wer von euch hat es getan? Dem verdammten Mörder wird es gewiss nicht schwerfallen, auch mir eine Kugel …« Sein Blick fiel plötzlich auf das Winchestergewehr, das an der Balkenwand hing. Ohne einen Augenblick zu zögern, sprang er auf die Waffe zu.

»Verdammter Dummkopf!«, schrie der Stoppelbärtige und riss seinen 45er hoch.

Mit einem wilden Satz war Matt bei ihm und schmetterte ihm die geballte Rechte an die Schläfe. Der Bandit taumelte, drehte sich mühsam und wollte die Waffe auf Matt anschlagen. Matts Gesicht glich einer steinernen Maske, als er nochmals zuschlug. Er erwischte den Mann genau am Kinn. Der schwere Körper erschlaffte jäh. Einen Stuhl umreißend, stürzte der Desperado auf die Dielen.

Matt fuhr blitzschnell herum, um sich um Reynolds zu kümmern. Der Postfahrer hatte das Gewehr vom Haken gerissen. Aber da war schon Jed bei ihm und prellte es ihm mit einem gezielten Fußtritt aus den Fäusten. Besessen von seinem maßlosen Hass wollte Reynolds mit blanken Fäusten auf seinen Gegner losstürzen. Doch Jed hielt wie durch Zauberei seinen Revolver in der Rechten und hieb Reynolds an die Schläfe. Der Kutscher brach zusammen. Jed fing ihn auf und schleppte ihn zur Bank an der Längswand. Nachdem er ihn darauf gebettet hatte, drehte er sich zögernd zu Matt um.

»Ich musste es tun!«, murmelte er flach. »Er ließ mir keine andere Wahl!«

Matt schaute ihm kalt in die Augen.

»Und das vorhin auf der Poststraße? Musstest du das auch tun, Jed?«

Jeds dunkles Gesicht wurde einige Nuancen fahler.

»Ich habe keine einzige Kugel abgefeuert. Und John und Luke auch nicht!«

»Es war also dieser Kerl?«

Matt wies mit dem Kinn auf den Stoppelbärtigen, der mit ausgebreiteten Armen auf dem Bretterboden lag. Jed nickte mit zusammengepressten Lippen.

»Und deshalb glaubt ihr, es sei alles in Ordnung?«, murmelte Matt gepresst. Ohne eine Erwiderung abzuwarten, fragte er: »Wer ist der Mann?«

Jed antwortete zögernd: »Hank Sturgess! Ich kenne ihn von Texas her.«

»Sturgess?«, wiederholte Matt nachdenklich. »Das ist doch der Bursche, der dich damals in die Viehdiebstähle am Brazos River verwickelte.« Jed schwieg. Matt ballte die Fäuste. Bitter murmelte er: »Damals konnten wir gemeinsam die Sache für dich ausbügeln, Jed. Und diesmal? Diesmal steckt ihr alle mittendrin, und es ist tausendmal schlimmer als damals in Texas.«

»Matt, lass dir erklären …«

»Erklären?«, schrie Matt plötzlich los, und die Wildheit brach aus seinen Augen. »Was willst du denn da noch erklären, Jed? Ich war bei der Kutsche! Ich habe den Toten gesehen …«

Luke sagte mit zitternder Stimme: »Wir alle dachten, es würde ohne Schießerei abgehen. Aber Hank wollte kein Risiko eingehen. John wollte ihn aufhalten, da schoss Hank bereits den Kutscher vom Bock. Der Beifahrer griff zum Gewehr, und auch ihn traf Hank. Das Gewehr jedoch ging noch los, und die Kugel erwischte John. Matt, es ist nicht mehr zu ändern.«

»Bei Gott! Da hast du recht!«, flüsterte Matt mit grauem Gesicht.

Jed schob sich neben ihn. Seine schwarzen Augen glitzerten.

»Matt, lass doch einmal vernünftig mit dir reden! Wir haben eine ganze Kiste voller Gold erbeutet. Sag bloß nicht, wir könnten das nicht brauchen. Was haben wir denn bisher für ein Leben auf dieser Ranch geführt, heh? Es war …«

»Ein ehrliches Leben, Jed!«, sagte Matt eisig.

Jed Whittaker zuckte widerwillig die Schultern.

»Du solltest dich mit den Tatsachen abfinden, Matt.«

»Tatsache ist, dass sich meine Brüder in eine Bande skrupelloser Verbrecher verwandelt haben!«

»Nein!«, rief Luke dazwischen. »Matt, sage so etwas nicht! Hast du mich denn vorhin nicht verstanden? Keiner von uns wollte, dass ein Mord geschieht! Keiner …«

»Er ist geschehen, oder nicht? Und ihr wolltet das Gold rauben, oder nicht? Luke, du suchst vergeblich nach einer Entschuldigung.«

Jed starrte düster zu Boden.

»Mit Vorwürfen kommen wir jetzt nicht weiter. Wir haben das Gold und werden damit verschwinden. Bedenke doch, Matt, wir werden reich sein – wir werden kein kümmerliches Leben mehr auf einer abgelegenen kleinen Ranch fristen. Alles andere müssen wir eben vergessen.«

»Du stellst dir die Sache zu einfach vor«, sagte Matt und schüttelte den Kopf.

»Wieso? Was meinst du, sollen wir tun?«

Matt schaute seinen Bruder eindringlich an.

»Es gibt nur eine Lösung, Jed«, sagte er rau. »Ihr müsst euch dem Gesetz stellen!«

Hinter Matt ertönte ein raues Gelächter. Matt drehte sich um. Hank Sturgess hatte sich aufgerichtet, stand mit verschränkten Armen da und musterte ihn böse.

»Er ist genauso, wie du ihn mir immer geschildert hast, Jed«, grinste er verächtlich. »Ein echter spießiger, anständiger Kuhtreiber! Und ein verdammter Dummkopf dazu!« Er spie Matt genau vor die Stiefelspitzen. Matt war mit einem langen Schritt dicht vor ihm.

»Ich habe keinen Augenblick vergessen, dass Sie ein Mörder sind, Mann! Und ich bin überzeugt, dass Sie meine Brüder in diese schmutzige Sache hineingezogen haben. Achten Sie also auf Ihre Worte, Sturgess!«

»Ach was!«, knurrte der Bandit. »In meinen Augen sind Sie weiter nichts als ein lächerlicher Narr. Da kommt Ihnen eine Kiste voll mit Goldbarren ins Haus geschneit, und Sie reden vom Gesetz. Wie kann ein Mann nur so verrückt sein?! Seien Sie doch froh, dass …«

»Hank, lass das jetzt!«, unterbrach ihn Jed hastig. Er wandte sich an Matt: »Mit dem Gold können wir ein völlig neues Leben beginnen, Matt, das ist dir doch klar! Wir gehen fort aus Montana und …«

»Und der Fluch dieser blutigen Beute wird uns überall begleiten. Nein, Jed, mach dir lieber keine Illusionen! Ein Mann ist dieses Goldes wegen schon gestorben. Wer weiß, ob er der Letzte sein wird!«

»Ich glaube, Jed«, knurrte Sturgess, »es hat keinen Sinn, wenn du ihm zuredest. Ich kenne die Burschen seiner Sorte, stur und anständig bis zum letzten Atemzug. Lass ihn doch! Wir brauchen ihn nicht. Ohne ihn lässt sich die Beute leichter teilen.« Er lachte trocken.

Jed blickte schnell von einem zum anderen. Dann murmelte er: »Also gut! Wir ziehen dich in diese Sache nicht hinein, Matt!«

»Ihr habt es schon getan!«

»Wir reiten wieder! Und wir nehmen auch John mit! Los, Luke, Hank, nehmt die Kiste! Ich werde …«

»Lasst die Kiste, wo sie ist!«, befahl Matt hart.

Die anderen schauten ihn überrascht an. Jed sagte stirnrunzelnd: »Hast du nicht gehört? Wir wollen verschwinden!«

»Das ist kein Ausweg!«

»Verlangst du im Ernst, dass wir uns stellen?«

»Yeah!«

Jed atmete scharf ein und schüttelte den Kopf. Luke stieß erregt hervor: »Matt, wir sind doch deine Brüder! Vergiss das nicht!«

»Meinst du wirklich, ich könnte es einen Moment vergessen?«, fragte Matt bitter.

»Es gibt keinen Marshal oder Sheriff in Diggers’ Lodge«, knurrte Jed. »Wenn wir dorthin reiten und berichten, was geschah, werden wir auf der Stelle gelyncht.«

»Dann reitet über die Berge nach Helena!«

»Nein!«, stieß Jed heftig hervor. »Das ist alles Unsinn! Wir denken gar nicht daran aufzugeben! Los, nehmt die Kiste, Freunde, wir …«

»Ihr bleibt!«, rief Matt scharf und legte die Hand auf den Kolben seines Walker Colts.

»Was?«, flüsterte Jed. »Du willst uns mit Gewalt aufhalten?«

»Wenn ihr mir keine andere Möglichkeit lasst …«

»Seht euch diesen Kerl an!«, rief Sturgess wild. »Er will seine eigenen Brüder an den Galgen bringen!«

»Am Galgen wird nur einer landen«, erklärte Matt grimmig, »und das sind Sie, Sturgess!«

Sturgess schluckte schwer. Eine Ader schwoll an seiner Stirn.

»Matt«, raunte Jed heiser, »so weit kannst du doch nicht gehen. So viel können dir Recht und Gesetz doch nicht bedeuten, dass du …«

»Verstehst du denn nicht?«, murmelte Matt rau. »Ich tue es euretwegen!«

»Unseretwegen? Das verstehe ich nicht.«

»Jetzt habt ihr noch die Chance, mit geringen Strafen davonzukommen. Ich werde sagen, dass ihr euch freiwillig gestellt habt. Und der Mord geht auf Sturgess’ Konto. Es ist das erste Mal, dass ihr …«

»Hört nicht auf ihn!«, schrie Sturgess wütend. »Lasst euch von ihm nicht einwickeln! Ihr seid keine Kinder! Er hat kein Recht, euch zu bevormunden! Denkt an das Gold, Freunde – sechzigtausend Dollar in Gold! Wir werden reich sein, Fellows! Wir werden ein prächtiges Leben führen! Kommt jetzt! Kommt und beachtet ihn nicht weiter! Wenn er auch droht, er wird ja doch nicht schießen – nicht auf seine eigenen Brüder.«

Mit einer flirrenden Bewegung kam Matts Colt aus dem Holster.

»Aber vielleicht auf Sie, Sturgess!«, sagte er kalt.

Einen Moment blitzte es in Sturgess’ Augen auf. Dann hatte sich der Bandit wieder gefangen. Er rieb sein stoppeliges Kinn und grinste verschlagen.

»Das wäre Mord, mein Lieber, glatter Mord!«

»Sie unterschätzen meine Schießkünste, Sturgess! Ich brauche Sie nicht zu töten, um Sie aufzuhalten.«

Jed drängte sich schnell vor Sturgess.

»Geh hinaus, Hank! Wir regeln das schon. Matt, steck jetzt dein Eisen weg!«

»Nein, Jed! Du solltest mich gut genug kennen, um zu wissen, dass ich nicht bluffe. Ich werde euch aufhalten. Und wenn es nötig sein sollte, werde ich sogar dir oder Luke eine Kugel in die Schulter jagen.«

»Matt!«, rief Jed scharf. Matts Lippen waren ganz dünn.

»Ich werde es tun – auch wenn es mir nicht leichtfällt.«

Jed stand mit hängenden Armen da. In seinem Gesicht arbeitete es. Ein wildes Licht sprühte in seinen Augen.

»Matt«, flüsterte er gepresst, »es hat mich schon immer aufgeregt, dass du den Befehlshaber spielst. Aber jetzt – beim Himmel, jetzt fange ich an, dich zu hassen, Matt!«

Matt spürte die Bitterkeit wie einen heißen Strom in die Kehle fließen. Er wollte etwas erwidern. Da war das Schlurfen von Schritten hinter ihm. Er machte einen gleitenden Seitwärtsschritt und drehte sich halb. Die Tür zum Nebenraum stand offen. John schob sich eben über die Schwelle. Der Verband hob sich wulstig unter seinem derben Baumwollhemd ab. Auf Johns kreidebleichem Gesicht glitzerte ein Netz von Schweißperlen. Seine Augen drückten Besorgnis und Verstörtheit aus. Matt wollte ihn zurückschicken, da traf ihn von der Seite keuchender Atem. Wie ein Blitz durchzuckte es ihn, dass es ein Fehler gewesen war, die anderen aus den Augen zu lassen. Aus den Augenwinkeln sah er eine schattenhafte Bewegung. Er duckte sich instinktiv, aber da erwischte ihn bereits ein schwerer Hieb. Er stolperte, wollte die Arme zur Deckung hochreißen, da traf es ihn erneut. Er krachte mit dem Rücken gegen die Balkenwand. Keuchend rang er nach Atem. Wie durch wogende Nebelschleier sah er Hank Sturgess’ eckiges Gesicht vor sich auftauchen. Dann wurde ihm bewusst, dass ihm der Colt entfallen war. Schlaff und kraftlos hingen seine Arme herab.

Sturgess holte zu einem Schwinger aus. Matt biss die Zähne zusammen, stieß sich von der Wand ab und warf sich gegen den Verbrecher. Sturgess’ Faust sauste über seine Schulter weg. Matts Anprall brachte den Banditen aus dem Gleichgewicht. Matt rammte ihm die Faust in den Leib. Sturgess fluchte gepresst. Noch immer halb benommen, wollte sich Matt erneut gegen den Desperado werfen. Da wurde er von hinten gepackt. Kräftige Fäuste zerrten ihm die Arme auf den Rücken.

»Genug jetzt, Matt! Sei endlich vernünftig!« Jeds Stimme war dicht an seinem linken Ohr.

In dieser Sekunde hatte Matt das Gefühl, etwas in ihm würde zersprengt. Etliche Augenblicke herrschte eine seltsame Leere in seinem Innern. Dann breitete sich ein Brennen in ihm aus, wie er es nie zuvor gespürt hatte. Erst jetzt, da ihm Jed mit stählernem Griff die Arme auf den Rücken presste, wurde es ihm voll und ganz bewusst, wie groß die Kluft war, die ihn und seine Brüder trennte. Seine Erstarrung zerfloss.

»Lass los, Jed!«, keuchte er und wollte sich losreißen.

Die schraubenden Fäuste lockerten sich nicht. Und Matt war von Sturgess’ Treffern noch zu sehr mitgenommen, dass er sich befreien konnte. Er wand sich verzweifelt. Vor sich sah er Sturgess, der gegen den Schrank geprallt war. Er wischte sich mit dem Ärmel über das stoppelbärtige Gesicht und kam langsam, lauernd wie ein Raubtier auf ihn zu. Matts Benommenheit löste sich allmählich. Seine Anstrengungen wurden heftiger.

»Luke!«, rief Jed. »Hebe seinen Revolver auf, schnell!«

Der Junge gehorchte. Sturgess war nur noch drei Schritte von Matt entfernt. Ein böses Funkeln lag in seinen Augen.

»Matt, gib doch endlich auf!«, schnaufte Jed wild.

Da kam Matt los. Doch in diesem Moment sprang Sturgess vorwärts, und erst jetzt merkte Matt, dass der Bandit einen Colt zum Zuschlagen bereithielt. Matt riss den Kopf zur Seite. Sturgess’ Hieb streifte ihn schwer und schleuderte ihn auf die Dielen. Vor Matts Augen wurde es schwarz.

Als er herumrollte und hochblickte, stand Sturgess breitbeinig im Zimmer, hielt die Coltmündung genau auf ihn gerichtet und grinste überlegen.

»Nun, Freund Matt, willst du uns noch immer aufhalten?«

Matt, antwortete nicht. Mühsam drehte er den Kopf. Steckender Schmerz durchzuckte sein Gehirn. Drüben beim Ofen standen Jed und Luke neben der schweren Goldkiste. John lehnte schwitzend und schweratmend am Tisch. Keiner seiner Brüder dachte daran, für Matt Partei zu ergreifen. Beklemmende Trostlosigkeit breitete sich in ihm aus. Er hielt sich an einer Stuhllehne fest und zog sich in die Höhe. Unverwandt blieb Sturgess’ Waffe auf ihn gerichtet. Der Bandit nickte den anderen Whittaker Brüdern zu.

»Bringt die Kiste hinaus und stellt die Pferde bereit! In spätestens fünf Minuten brechen wir auf!«

Wortlos bückten sich Jed und Luke und schleppten die Kiste zur Tür. Als Jed öffnete, flutete eisige Luft in das Ranchblockhaus. Die Lampenflamme blakte. Draußen lag das trübe Dämmergrau über dem Land, obwohl es erst Spätnachmittag war. Jed wollte zuerst über die Schwelle treten. Plötzlich stockte er.

»Was ist?«, fragte Luke nervös.

Ehe Jed etwas erwidern konnte, peitschte draußen ein Schuss. Mit einem scharfen Knirschen riss die Kugel eine Handvoll Holzsplitter aus dem Türrahmen dicht neben Jeds Kopf …

 

6. Kapitel

 

Jed stieß eine Verwünschung aus und ließ die Kiste fallen, sprang ins Haus zurück und schlug die Tür zu. Eine weitere Kugel bohrte sich draußen ins Holz. Undeutliche Männerstimmen trieben herüber.

»Verdammt!«, schimpfte Sturgess gepresst. »Die Leute aus Diggers’ Lodge!« Er zwang Matt mit einer ruckenden Coltbewegung, an die Wand zurückzuweichen. Dann war er mit ein paar schnellen Schritten an einem der Fenster an der Vorderfront und öffnete behutsam die Läden. Jenseits der Tür spähten Jed und Luke bereits ins Freie. Über ihre Schultern hinweg sah Matt die Reiterschar, die am Ufer des Beaver Creeks angehalten hatte. Die Männer starrten angespannt zur Ranch herüber – unförmige Gestalten in ihrer dicken Winterkleidung auf unruhigen Pferden. Das Metall von Gewehren und Revolvern blinkte matt. Einer hob eben wieder ein Gewehr an die Schulter und zielte auf die Vorderfront des Ranchhauses. Ein anderer ritt neben ihn und drückte ihm die Waffe herab. Er sprach auf ihn ein, aber die Entfernung war zu groß, dass hier drinnen ein Wort zu verstehen war.

Die Wärme entwich durch die offenen Fenster. Kälte füllte den Raum. Trotzdem brannten Matt Whittakers Schläfen. Er stieß sich von der Wand ab.

Sofort fuhr Sturgess herum. Sein Finger spannte sich am Abzugshebel.

»Vorsicht, Mister!«, knurrte er wild.

»Seien Sie nicht dumm!«, fuhr Matt ihn zornig an. »Ich sitze ebenso in der Tinte wie Sie. Keiner der Männer da draußen wird glauben, dass ich nicht euer Verbündeter bin. Sie werden keinen Unterschied machen.«

»Er hat recht, Hank«, murmelte Jed. »Ich möchte nur wissen, wie uns die Kerle so rasch auf die Fährte gekommen sind. Der Boden ist doch gefroren. Es ist …«

»Du vergisst John!«, sagte Matt. »Er ist verwundet. Als ihr ihn hierher brachtet, wird er Blut verloren haben. Und das hat denen da draußen den Weg gewiesen.«

Hinter ihnen sprang Virg Reynolds von der Bank an der Längswand. Der knochige Postfahrer blickte sich wild im Raum um. Der Schimmer des Begreifens huschte über sein Gesicht. Er keuchte: »Sie sind also da! Sie haben euch schneller aufgestöbert, als ihr dachtet. Gut so, gut so! Jetzt sollt ihr bezahlen, ihr verdammten …«

»Halt dein Maul!«, schrie ihn Sturgess an. »Sonst brenne ich dir eine Kugel auf den Pelz!«

»Yeah!«, schnaufte Reynolds wild. »Das kannst du, was? Zum Teufel mit deiner Drohung!« Er drehte sich den offenen Fenstern zu. »Barney! Boss! Sind Sie da draußen?«

»Yeah!«, kam schwach die Antwort vom anderen Ufer des Beaver Creeks. »Virg! Menschenskind, bist du das? Steckst du da drinnen?«

Der Kutscher legte die Hände trichterförmig vor den Mund.

»Ja, Boss!«, brüllte er: »Sie haben mich gefangengenommen, diese verfluchten Halunken! Sie sind alle hier drinnen! Fünf Mann, Boss! Einer ist verwundet! Holt sie heraus und …«

Sturgess feuerte ihm eine Kugel dicht vor die Füße.

»Die fetzte Warnung!«, schnaubte er. »Die nächste Kugel bekommst du in den Kopf!«

Drüben war der Schuss gehört worden. Stimmen gellten aufgeregt durcheinander. Die Reiter trieben ihre Pferde voran – auf die schmale Bohlenbrücke zu, die über den mattschimmernden Bach führte.

»Verfluchte Sippschaft!«, knurrte Sturgess. »Hol euch alle der Satan!« Er schob den Coltlauf über das Fensterbrett und begann rasend zu feuern. Die Schüsse hallten dröhnend über den Ranchhof, und das Echo rollte von den braunen Hügeln. Auf der Brücke splitterte Holz. Der vorderste Reiter, der den Creek schon halb überquert hatte, riss aufbrüllend seinen Gaul zurück. Die nachfolgenden Tiere stießen gegen ihn. Pferde wieherten und steilten auf die Hinterhand. Ein wirres Knäuel entstand auf der Brücke.

Sturgess jagte schweigend die letzten Kugeln aus seinem Colt. Der Stetson des vordersten Mannes machte einen Luftsprung und wirbelte in den Bach. Ein Pferd wollte schrill wiehernd zur Seite ausbrechen und prallte voller Wucht gegen das dünne Brückengeländer. Es gab ein lautes Bersten und Splittern, dann stürzten Reiter und Pferd mit einem Teil des Geländers ins eisige Wasser. Die anderen zogen sich eilig auf das andere Creekufer zurück, wo sie außer Schussweite waren. Sturgess ließ die Waffe sinken und lud flink die leergeschossene Trommel nach.

»Ich hoffe«, knurrte er, ohne aufzusehen, »ihr lasst mich diesen Kampf nicht alleine austragen. Es geht auch um eure Haut.«

Jed streifte Matt mit einem Seitenblick.

»Ich denke, du verlangst diesmal nicht, dass wir uns stellen. Die Burschen da draußen würden uns alle ohne viel Federlesens an den nächsten Baum hängen. Auch dich!«

»Wir sollten zu verhandeln versuchen.«

»Verhandeln? Das ist doch …«

»Vielleicht können wir sie eine Weile beschwichtigen«, schlug Matt vor, »wenn wir ihnen das Gold zurückgeben.«

»Kommt nicht in Frage!«, brummte Sturgess. »Wir haben uns das Gold nicht geholt, um es einfach wieder wegzuwerfen.«

»Jed, Luke! Was meint ihr?«

»Wie kannst du nur fragen, Matt?! Das Gold hergeben? Niemals!«, stieß Jed heftig hervor.

»Da!«, schnaufte Sturgess. »Sie versuchen es wieder!«

Jed holte sofort seinen Colt hervor. Luke warf Matt einen unsicheren Blick zu, dann zog er ebenfalls. John hatte sich erschöpft auf einen Stuhl gesetzt und die Arme auf die Tischplatte gelegt – zu kraftlos, um in das Geschehen irgendwie einzugreifen.

Jenseits des Baches waren die Reiter ausgeschwärmt. Ohne die Brücke zu benutzen, trieben sie jetzt in breiter Front ihre Gäule durch den Creek. Das Wasser war seicht. Tropfen sprühten glitzernd. Als die Aufgebotsmitglieder die Gäule die Böschung zum Ranchgelände hinaufspornten, begannen sie zu feuern. Mündungsflamme um Mündungsflamme stach entlang ihrer auseinandergezogenen Linie hervor.

Kugeln schlugen mit schwerem Klatschen in die Außenwand des Ranchhauses. Drüben im Stall wieherten die Pferde. Die Reiter ließen die Böschung hinter sich und kamen im Galopp auf die Ranch zugesprengt. Sturgess feuerte, auch Jed begann zu schießen. Ihre Kugeln rissen Erdbrocken neben den Angreifern in die Höhe. Dann brach ein Gaul mit durchdringendem Wiehern in die Vorderbeine. Der Reiter flog in hohem Bogen durch die Luft, überschlug sich am Boden und kam nur mühsam auf die Füße. Die anderen verlangsamten das Tempo, aber unaufhaltsam rückten sie näher. Sie feuerten wie verrückt.

Das Krachen der Schüsse lag wie Gewittergrollen über dem frosterstarrten Land. Luke jagte nun ebenfalls die ersten Schüsse hinaus. Ein paar Angreifer erreichten die Corrals, sprangen geschmeidig von den Pferden und gingen hinter der Umzäunung in Deckung. An den Stangen und Pfosten entlang arbeiteten sie sich auf die Nebengebäude zu.

»Sie kreisen uns ein!«, keuchte Jed. »Es sind zu viele, dass wir sie aufhalten könnten!«

»Zum Teufel!«, knurrte Sturgess. »Dann sage doch deinem feinen Herrn Bruder, dass er sich endlich auch eine Waffe schnappen und in diesem verwünschten Feuerwerk mithalten soll!«

In diesem Augenblick knarrte die Tür. Reynolds war unbemerkt an sie herangekommen und wollte ins Freie. Mit pantherhafter Schnelligkeit war Sturgess bei ihm. Seine Linke krampfte sich um Reynolds’ Schulter. Der verwundete Postfahrer schrie auf. Sturgess zerrte ihn in den Raum zurück. Sein Gesicht glühte vor Zorn.

»Dir werde ich es zeigen!«, schnaufte er.

»Schieß doch!«, schrie Reynolds verzweifelt. »Drück doch endlich ab, verwünschter Bandit!«

Draußen hämmerten Kugeln gegen das Balkenholz. Sturgess richtete den Colt auf den Kutscher. Seine Lippen verkniffen sich.

»Nicht, Hank!«, keuchte der junge Luke Whittaker entsetzt. »Keinen neuen Mord!«

Draußen waren die Aufgebotsmitglieder bei der Scheune angelangt. Jemand schrie zornig: »Zündet alles an! Brennt alles nieder, Leute!«

Der Ruf schien Sturgess aus seiner blinden Wut zu reißen. Langsam ließ er die Waffe sinken. Ein dünnes Grinsen glitt über seine dicken Lippen.

»Beruhige dich!«, lächelte er dem jungen Whittaker zu. »Ich werde dem Kerl nichts tun.«

Jed feuerte zwei Kugeln ins Freie und lud dann hastig seinen Revolver nach. Er drehte halb den Kopf. Sein Gesicht war angespannt.

»Wenn wir nicht bald etwas unternehmen, steht in Kürze das Dach über uns in Flammen. Das Feuer wird von der Scheune auf das Haupthaus übergreifen. Und dann …«

»So weit kommt es nicht«, erklärte Sturgess mit Bestimmtheit. Er sah die erstaunten, fragenden Blicke, und sein Grinsen wurde breiter. »Lasst mich nur machen, Fellows!« Er winkte Reynolds mit dem Colt zu. »Los, ans Fenster mit dir! Vorwärts, sonst geht es dir schlecht!«

»Ich rühre mich nicht von der Stelle!«, antwortete der Kutscher gepresst. »Ich habe keine Angst vor dir, du Lump!«

Sturgess ging schweigend auf ihn zu. Matt machte eine Bewegung.

»Sturgess, lassen Sie ihn!«

Der Bandit drehte ihm kurz das Gesicht zu.

»Misch dich da nicht ein, Whittaker! Denk nur ja nicht, dass ich lange zögere, dir eine Kugel in den Schädel zu schicken! Wegen deiner Zimperlichkeit werden wir alle nicht unser Leben auf das Spiel setzen.« Er blieb vor Reynolds stehen. »Geh jetzt ans Fenster!«

»Nein, ich …«

Der Coltlauf kam blitzschnell nach oben und traf den Kutscher an der verletzten Schulter. Virg Reynolds schrie auf und taumelte zurück, aschfahl im Gesicht. Sturgess folgte ihm.

»Nun? Gehorchst du jetzt?«

»Du Mordbandit!«, stöhnte Reynolds. »Du gemeiner …«

Sturgess holte erneut aus, und wieder traf der Schlag Reynolds verwundete Schulter. Der Postfahrer ging ächzend in die Knie. Der Kopf fiel ihm auf die Brust. Sturgess hörte die Tritte, fuhr herum und schlug den Colt auf Matt zurück.

»Zurück an die Wand, schnell!«

Matt wich zurück. Er schaute Jed und Luke an.

»Ihr könnt doch nicht dulden, dass er …«

»Da draußen wartet der Strick auf uns, Matt«, sagte Jed mit dumpfer Stimme.

Sturgess versetzte Reynolds einen Fußtritt. Taumelnd kam der Mann auf die Füße. Sturgess stieß ihn zum Fenster hinüber. Draußen waren die Schüsse verstummt. Eine entschlossene Stimme trieb zum Haus herüber: »Wir geben euch zwei Minuten. Wenn ihr dann nicht ohne Waffen und mit erhobenen Händen aus dem Haus kommt …«

»Barney, sind Sie das?«, unterbrach Sturgess schroff den Rufer. Eine Weile war es still, dann kam die schnelle Antwort: »Yeah! Ich sage euch, ihr habt keine Chance mehr!«

»Ach was, Barney!«, lachte Sturgess höhnisch. »Haben Sie vergessen, dass wir einen Ihrer Leute gefangen haben?«

Wieder war es eine Weile still. Dann trieb Tobe Barneys vor Erregung bebende Stimme wieder auf die Ranch zu.

»Gebt Virg auf der Stelle heraus!«

»Wir werden uns hüten. Er ist unser bester Trumpf!« Sturgess lachte laut und herausfordernd. »Hören Sie zu, Barney! Wenn Sie sich mit Ihren Leuten nicht sofort über den Bach zurückziehen, dann werden Sie Ihren Postfahrer niemals mehr lebend wiedersehen.«

»Ihr Schufte! Ihr elenden Halunken! Dafür werdet ihr eines Tages bitter büßen!«

»Sie sollen nicht drohen, sondern gehorchen! Also: sofort über den Creek zurück – und keinen Schuss mehr! Sehen Sie Ihren Fahrer hier am Fenster stehen? Ich lege ihn vor euren Augen um, wenn ihr nicht gehorcht!«

Hinter der Scheune wurde getuschelt und gemurmelt. Pferde schnaubten. Hufeisen klirrten auf der harten Erdkruste. Die Dämmerung verdichtete sich immer mehr. Bald würde sich Nacht über die Hügel und die bewaldeten Big Beaver Mountains senken. Schließlich klang wieder Barneys Stimme auf.

»Was verlangt ihr noch?«

»Freien Abzug, sonst nichts, und denkt immer daran, der Kutscher ist bei uns!«

»Eines Tages werdet ihr keine Geisel bei euch haben«, rief eine andere Stimme hinter der Scheune hervor. »Und dann werden wir nicht eher ruhen, bis wir den Letzten von euch an einem Ast baumeln sehen!« Es klang wie ein unheimlicher Schwur.

Dann setzten Hufschläge ein. Zögernd zog sich die Kavalkade über den Beaver Creek zurück.

 

7. Kapitel

 

Der flackernde Schein der brennenden Ranch beleuchtete gespenstisch Tobe Barneys schnurrbärtiges Gesicht. Der Postkutschenunternehmer saß gebeugt im Sattel, beide Hände auf das Sattelhorn gestützt, und starrte gedankenversunken in die lodernden, prasselnden Flammen. Das Feuer war ein riesiger glutroter Fleck im Dunkel der Nacht. Das Wasser des nahen Beaver Creek wirkte wie Blut. Hitze waberte über der freien Fläche. Die Scheune war nur noch ein rauchender Trümmerhaufen. Jetzt stürzte donnernd und berstend das Dach des Wohnblockhauses zusammen. Ein Funkenregen wirbelte vor dem samtschwarzen Nachthimmel.

Ein Reiter lenkte sein Pferd neben Barney.

»Was jetzt? Reiten wir in die Stadt zurück?«

Barney riss müde den Blick von dem tobenden Brand los. Er sah Chess Quinton vor sich, den einzigen Mann, den Jarrett ihm mitgegeben hatte. Quinton war ein großer sehniger Bursche, hart-gesichtig und mit undurchdringlichen Augen. In ganz Diggers’ Lodge war er als gefährlicher Revolvermann bekannt. Er hielt ein kurzläufiges Henry Gewehr quer vor sich im Sattel. Im tanzenden Flammenschein schienen sich die dunklen Linien in seinem kantigen Gesicht zu bewegen.

»Nun, Barney?«

Der Postkutschenunternehmer schüttelte grimmig den Kopf.

»Glauben Sie, ich gebe mich zufrieden, dass die Leute diese Ranch in Brand gesteckt haben? Das bringt das Gold nicht zurück- Und Duff Harrow wird davon auch nicht lebendig.«

»Was wollen Sie tun?«

»Welche Frage! Die Schurken sind in die Big Beaver Mountains geritten! Wir folgen ihnen.«

»Ich bin ein guter Fährtenleser, Barney«, sagte Quinton trocken, »aber hier sehe ich keine Chance.«

»Wir reiten trotzdem! Wenn Sie umkehren wollen, tun Sie es! Niemand hält Sie auf!«

»So war es nicht gemeint, Barney.«

»Hören Sie, Quinton«, sagte Barney und drehte dem anderen voll sein Gesicht zu. »Sie gehören zu Jarretts Mannschaft, und ich weiß genau, dass Ihrem Boss verdammt wenig an der Wiederbeschaffung des Goldes liegt. Er hat ja mein Geld als Sicherheit.«

»Ich bin nicht mitgeritten, um über die Geschäfte zwischen Ihnen und Jarrett zu sprechen. Ich …« Quinton brach ab. Einer der anderen Reiter lenkte sein Pferd näher.

»Boss«, raunte er Barney zu, »da kommt jemand auf den Bach zu.«

Barney lauschte. Jetzt hörte auch er die Hufschläge. Er winkte rasch.

»Schnell aus dem Lichtkreis!«

Die Männer ritten in den Schatten hinein. Indessen schwoll das Hufgetrappel an. Am jenseitigen Beaver Creek Ufer schälte sich eine schwarze Reitergestalt aus der Nacht. Die Aufgebotsmitglieder luden schweigend ihre Waffen durch. Der Reiter schien das metallische Knacken zu vernehmen. Mitten auf der beschädigten Bachbrücke brachte er sein Pferd zum Halten. Für eine Weile war nichts zu hören außer dem Tosen und Prasseln des Brandes. Dann rief Barney mit harter Stimme: »Kommen Sie langsam über die Brücke und denken Sie jede Sekunde daran, dass ein Dutzend Gewehre auf Sie gerichtet sind!« Die dunkle Gestalt am Rand des Feuerscheins richtete sich steiler im Sattel hoch.

»Vater, bist du das?«

»Ihre Tochter, Barney!«, knurrte Chess Quinton kopfschüttelnd und ließ sein Henry Gewehr sinken.

»Sue!« rief Barney überrascht. »Hierher, Sue!«

Sie kam über den Bach, und der rote Lichtschimmer umflutete ihre schmale anmutige Gestalt. Sie trug fransenbesetzte Hirschlederkleidung wie ein Indianer. Ihr dichtes pechschwarzes Haar war in zwei dicke Zöpfe geflochten. Das Feuer zauberte einen seltsamen Glanz in ihre nachtdunklen Augen. Locker passte sie sich den Bewegungen des Pferdes an - eine vollendete Reiterin. Barney ritt ihr entgegen.

»Sue! Was willst du hier? Ist in der Stadt etwas geschehen?«

»Nein, Dad! Ihr seid bereits auf die Banditen gestoßen?«

Barney berichtete kurz. Sie saß ganz reglos im Sattel. Dann sagte sie schlicht: »Ich bin hier, um mit euch zu reiten!«

»Sue, das ist …«

»Du weißt, dass ich mit einer Waffe umgehen kann wie ein Mann, Dad. Und – du hast nicht vergessen, dass meine Mutter eine Ogalalla Indianerin war. Wir haben lange Jahre unter den Sioux gelebt, nicht wahr, Dad? Ich kann besser Spuren lesen als mancher Mann.«

»Ich weiß, Sue, ich weiß! Aber dies ist eine gefährliche Sache – eine Sache auf Leben und Tod!«

»Ich habe keine Angst! Dad, ich will dir helfen, das Gold zurückzubekommen.«

»Du bist ein gutes Mädel, Sue!«, murmelte Barney und schaute seine Tochter ernst an. »Aber du musst mich verstehen. Ich würde mir nur Sorgen um dich machen. Ich bitte dich, Sue, reite in die Stadt zurück!«

»Das sollten wir alle tun«, ließ sich Quinton wieder hören, der mit den anderen herangekommen war. Barney blickte sich im Kreis um.

»Jeder kann tun und lassen, was er will. Ich jedenfalls reite weiter, auch wenn ich es allein tun muss.«

»Sie sind der Boss«, rief einer der wettergegerbten Männer. »Sie können auf uns zählen, Barney. Duff Harrow, den diese verwünschten Schufte ermordeten, war uns allen ein guter Kamerad.«

»Sie sehen, Quinton, Sie stehen allein«, sagte Barney mit grimmigem Lächeln.

Der sehnige Reiter zuckte die Achseln.

»Spätestens übermorgen werden Sie mir recht geben, Barney.«

»Ich sagte schon vorher, Sie können jederzeit umkehren.«

Quinton starrte auf das Sattelhorn.

»Jarrett ist mein Boss. Er hat mich Ihrem Kommando unterstellt.«

»Hm!«, machte Tobe Barney. »Dann habe ich die richtige Aufgabe für Sie, Quinton. Bringen Sie Sue in die Stadt zurück!«

»Aber, Dad!«, rief das Mädchen. »Ich …«

»Sue, ich bitte dich, hör auf mich!«

Sie senkte den Kopf. Ein Anflug von Traurigkeit huschte über ihre Miene.

»Wie du willst, Dad!« Sie wendete langsam ihr braunweiß geflecktes Pinto Pferd.

Quinton schaute Barney fragend an. Der Frachtunternehmer nickte ihm zu.

»Bringen Sie sie zurück!«

Sue Barney ritt bereits über die Brücke in die sternenlose Nacht hinein. Quinton spornte seinen grauen Wallach an und galoppierte hinter ihr her. Barney blickte in die Richtung, bis beide Gestalten von der Dunkelheit verschluckt worden waren, dann winkte er den anderen zum Sammeln.

Chess Quinton hörte das Trommeln der Hufe vor sich und bemühte sich, das Mädchen einzuholen. Sue Barney ritt über die erste Hügelkette zwischen der Whittaker Ranch und der Poststraße und bog dann jäh nach Norden ab. Quinton runzelte die Stirn. Er gab wieder seinem Gaul die Sporen. Die Hufe wirbelten hart auf dem gefrorenen Boden.

Das Mädchen hatte ihn gehört. Undeutlich sah er in der Finsternis, wie sie sich halb im Sattel drehte. Dann beschleunigte sie noch das Tempo ihrer Pinto Stute. Quinton fluchte und schüttelte den Kopf. Sein hageres Gesicht war angespannt. Sein Revolvergurt war über der dicken Winterjacke verrutscht, und der Coltkolben schlug in gleichmäßigem Takt klirrend gegen die schweren Messingknöpfe. Allmählich holte der hochbeinige Wallach gegen die kleinere Pinto Stute auf.

»Miss Barney!«, schrie Quinton. »Halten Sie an, Miss Barney!«

Sie duckte sich tiefer auf den Pferdehals. Sie ritt wie eine echte Indianerin. Quinton schaute über die Schulter. Das Feuer auf der Ranch war nur noch ein roter Lichtschimmer über den pechschwarzen Hügelrücken. Von Barney und seiner Crew war nichts mehr zu sehen. Quinton riss den Hut vom Kopf und schlug auf die Hinterhand seines Gauls ein. Er wurde sich kaum der Kälte bewusst, die an seinen Ohren biss.

Yard um Yard holte er auf. Als Sue merkte, dass sie nicht entkam, zügelte sie die Stute. Keuchend brachte Quinton neben ihr sein Pferd zum Stehen.

»Miss Barney! Was soll das? Diggers’ Lodge liegt im Osten …«

»Ich weiß!«

»Aber dann …«

»Warum sind Sie hinter mir her geritten, Mister Quinton?«, fragte sie abweisend.

»Ihr Vater hat mich beauftragt, Sie in die Stadt zu begleiten.«

»Ich reite nicht in die Stadt.« Sue wollte ihr Pferd vorantreiben. Hastig fiel ihr Quinton in die Zügel. »Wohin wollen Sie?«

»In die Berge! Morgen früh werde ich versuchen, die Fährte der entflohenen Banditen aufzuspüren.«

»Ihr Vater …«

»Wenn er nicht weiß, wo ich bin, wird er sich nicht sorgen. Und jetzt lassen Sie mich reiten.«

»Es ist Nacht, Ma’am! Sie können nicht alleine in die Berge.«

»Ich bin eine halbe Indianerin«, erwiderte Sue unbewegt, »vergessen Sie das nicht.«

»Zum Kuckuck! Das ist doch Irrsinn! Ihr Vater hat mir den Auftrag gegeben …«

»Vergessen Sie den Auftrag! Reiten Sie alleine in die Stadt!« Sie riss die Zügel aus seinen Händen und trieb die Stute vorwärts.

»Halt!« Er blieb neben ihr, seine Augen funkelten. »Ich bin bekannt dafür, dass ich keinen Auftrag unerledigt lasse.«

»Diesmal werden Sie wohl keine andere Wahl haben«, entgegnete sie spöttisch.

Er wollte ihr Handgelenk fassen. Da stieß sie einen täuschend nachgeahmten fauchenden Pumaschrei aus. Quintons Wallach scheute schrill wiehernd zurück. Um ein Haar wäre Quinton aus dem Sattel geworfen worden. Sue jagte ihre Pinto Stute weiter in die dunklen Hügel hinein.

Es verging eine Weile, bis Chess Quinton sein bäumendes und kreiselndes Pferd unter Kontrolle gebracht hatte. Die Hufschläge von Sue Barneys Reittier waren nur noch ganz schwach in der Nacht zu hören. Bald darauf war es ganz still. Quinton knurrte eine Verwünschung und schlug die Faust auf das Sattelhorn. In seinem Gesicht arbeitete es. Schließlich straffte er entschlossen die Schultern und ritt in die Richtung, in der das Halbblut-Mädchen verschwunden war.

 

8. Kapitel

 

Das frühe Tageslicht sickerte fahl über die Berge. Es war empfindlich kalt. Die Reiter hatten ihre Gäule unter windzerzausten dunkelgrünen Fichten angehalten und spähten den Weg zurück, den sie bergaufwärts gekommen waren. Die halb durchwachte Nacht hatte Linien der Erschöpfung deutlich in ihre Gesichter gegraben. Kälte und Müdigkeit hatten alle Farbe aus ihren Mienen vertrieben. Fröstelnd zogen sie die Schultern hoch.

»Da!«, zischte Jed Whittaker plötzlich. »Da unten sind sie!« Mit ausgestreckter Hand deutete er in eine dämmerige Schlucht hinab. Schattenhafte Bewegungen waren dort zu erkennen. Hufschläge trieben fern und hohl herauf.

»Verdammt!«, knurrte Sturgess. »Wir müssen weiter!«

»Sie wissen ein Versteck?«, fragte Matt skeptisch.

»Eine verlassene Goldmine auf einem einsamen Felsplateau«, nickte der Bandit. »Dort findet uns niemand. Los, weiter!« Er lenkte sein Pferd unter den Fichten hervor auf das schmale Felsband, das in scharfen Windungen steil nach oben führte. Jed und Luke folgten ihm sofort. Matt schaute John besorgt an.

»Hältst du noch durch?«

Der Verwundete hing verkrümmt auf seinem Pferd, kreidebleich, mit abgezehrter Miene. Er nickte schwach.

»Macht euch nur um mich keine Sorgen!« Er lenkte sein Pferd an Matt vorbei ebenfalls auf das Felsband. Vor ihm trotteten die beiden reiterlosen Gäule, zwischen denen die schwere eisenbeschlagene Kiste hing – die Kiste mit den Goldbarren. Als Matts Blick sie streifte, stieg die alte grimmige Bitterkeit in ihm hoch. Er wusste, diese Flucht vor den Leuten aus Diggers Lodge war erst der Anfang. Bis jetzt konnte er nichts anderes tun, als mit seinen Brüdern und Sturgess reiten, wenn er nicht selbst ein Opfer der aufgebrachten Verfolger werden wollte. Aber die Stunde, in der er wieder vor der Entscheidung stehen würde, war vielleicht gar nicht so fern. Seit jenem Augenblick, da er die geraubte Goldkiste im Wohnzimmer der Ranch gesehen hatte, war das Gefühl in ihm wach, dass sie sich allesamt haarscharf an einem tödlichen Abgrund befanden.

Sturgess schaute über die Schulter.

»Beeilt euch! Reynolds, los, du kommst natürlich weiter mit! Matt, kümmere dich um ihn!«

Matt drehte sich langsam dem Reiter neben sich zu. Er streckte die Hand nach den Zügeln von Reynolds’ Pferd aus. Da riss der Postfahrer mit einem wilden Ruck den Gaul herum, spornte ihn unter den Bäumen hervor auf den Felspfad und preschte hangabwärts davon.

»Whittaker!«, brüllte Sturgess Matt heiser zu. »Schieß ihn ab, Whittaker!«

Matt lenkte seinen Gaul auf den Pfad und rührte sich nicht mehr. Die Hufe von Reynolds’ Pferd hämmerten hell auf dem nackten Gestein.

Jed riss den Colt heraus. Sturgess hielt seine Waffe bereits in der Faust und drängte seinen Braunen an Jed, Luke und John vorbei.

»Whittaker!«, schrie er mit überschlagender Stimme. »Geh aus der Schusslinie!«

Matt saß wie aus Stein gemeißelt auf seinem Cayuse Hengst. Sturgess’ Colt schwang hoch. Der Bandit brüllte: »Aus der Schusslinie, verdammt noch einmal! Dieser Kerl entkommt uns …«

»Lassen Sie ihn reiten!«, sagte Matt ruhig.

»Was?« Sturgess ritt mit zornrotem Gesicht auf Matt zu. »Ich denke nicht daran! Aus dem Weg, Mann, schnell …« Matts Pferd stand quer über dem Felspfad. Sturgess konnte nicht an ihm vorbei.

»Du verfluchter Starrkopf!«, keuchte er. »Wenn du mir nicht sofort den Weg freigibst, bringe ich dich um!« Bergabwärts verschwand Reynolds bereits hinter einer Felsbiegung. Funken sprühten unter den Hufen seines Gauls.

»Whittaker!«, schnappte Sturgess. »Du Dreckskerl! Du hast ihm die Flucht ermöglicht!« Er holte mit dem Colt zum Schlag aus. Matt beugte sich hastig vor und bekam sein Handgelenk zu fassen. Aus eiskalten Augen starrte er dem Verbrecher ins Gesicht.

»Yeah!«, sagte er gepresst. »Yeah, das habe ich mit voller Absicht getan! Wir brauchen Reynolds nicht mehr. Er soll sich ruhig in Sicherheit bringen. Ich will nicht, dass Sie ihn bei passender Gelegenheit für immer zum Schweigen bringen, wie Sie es mit seinem Begleitfahrer getan haben.«

Sturgess’ stoppelbärtiges Gesicht war verzerrt.

»Er wird uns das Aufgebot auf den Hals hetzen!«

»Nein, das wird er nicht! Bis er unten in der Schlucht ist, sind wir schon ziemlich weit von hier entfernt.«

»Ich habe es satt, mir von dir immer alles verpatzen zu lassen«, keuchte Sturgess, ließ die Zügel los und hieb Matt die geballte Linke ins Gesicht. Matts Oberkörper ruckte zurück. Sein Hengst scheute. Matt verlor das Gleichgewicht, hielt aber noch immer Sturgess’ rechtes Handgelenk umklammert. Die beiden Pferde prallten gegeneinander. Ihr schrilles Wiehern drang scharf durch die kalte Morgenluft. Matt und Sturgess stürzten aus dem Sattel. Sie rollten über den steinigen Pfad auf die Bäume zu. Schnaufend kamen sie auf die Beine. Sturgess griff sofort an und erwischte Matt mit einem wuchtigen Schwinger. Matt prallte gegen einen Fichtenstamm, blockte Sturgess nächste Hiebe ab und brachte dann seine linke Gerade vor.

Sturgess taumelte. Matt setzte schnell nach, stolperte jedoch über eine Wurzel. Im nächsten Augenblick klatschte ihm der Haken des Banditen gegen das Kinn. Matt flog rückwärts. Zweige streiften sein Gesicht, und Fichtennadeln rieselten nieder. Ein dürrer Ast zerknackte unter seinen Stiefeln. Wieder schlug Sturgess zu. Matt fiel auf den Rücken. Er rollte herum und kam auf die Füße. Wieder war Sturgess dicht vor ihm. Matt sah die ausholende Bewegung und wollte den Schlag abfangen. Da sagte eine krächzende Stimme: »Genug jetzt! Hört sofort auf, sonst schieße ich!«

Sturgess’ Faust fiel herab.

»Zum Teufel, was soll das!«

John Whittaker hielt einen Revolver in der wankenden Faust.

»Wieviel Zeit wollt ihr denn noch verlieren?«, fragte er mühsam. »Wir müssen weiter!«

»Richtig!«, nickte Matt müde. Er wischte sich über das zerschrammte Kinn. »Aber ohne Sturgess!«

»Was?«, schnaufte der breitschultrige Bandit. »Du verfluchter …«

»Fangt nur nicht wieder an!«, murmelte John schwach. »Ich stecke meinen Colt nicht früher weg, bis ihr Frieden gebt. Matt, das gilt auch für dich!«

Matt schaute John in die Augen. Er merkte, wieviel Mühe es John kostete, sich auf dem Pferd zu halten. Er war am Ende seiner Kräfte.

»Schon gut, John! Ich will keinen Kampf.«

»Dann verlange auch nicht, dass Hank zurückbleibt!«, mischte sich Jed ein. »Er kommt mit! Er war von Anfang an dabei und …«

»Yeah, von Anfang an!«, sagte Matt bitter. »Er hat euch in diese ganze schmutzige Sache hineingezerrt. Er …«

»Hör bloß auf, Whittaker!«, knurrte Sturgess. »Wenn deine Brüder reiche Leute sein werden, haben sie es mir zu verdanken.«

»Und wenn sie am Galgen landen, dann haben sie es auch Ihnen zu verdanken.«

»Das Aufgebot«, sagte der junge Luke drängend. »Ihr dürft das Aufgebot nicht vergessen!«

»Also steigt endlich auf!«, forderte John matt. Er winkte mit dem Revolver. Plötzlich begann er im Sattel zu wanken. »Ich … ich glaube …« Er kippte langsam zur Seite. Matt sprang hinzu und fing ihn auf. Sachte ließ er ihn zu Boden gleiten. Jed saß rasch ab.

»Was ist mit ihm?«

»Bewusstlos! Seine Verwundung ist schwerer, als wir dachten.«

»Verdammt!«, schimpfte Sturgess. »Wir haben wirklich keine Zeit mehr zu verlieren. Whittaker, du weißt doch immer alles besser. Was sollen wir jetzt tun? Du hast Reynolds zur Flucht verholfen. Jetzt wird er uns die Leute aus Diggers’ Lodge auf den Hals hetzen. Es dauert bestimmt nicht lange, bis sie hier oben sind.«

Jed starrte Matt stirnrunzelnd an. Matt ließ seinen Blick über die kleine Schar schweifen. In seinem straffen Gesicht arbeitete es. Seine Augen folgten dem Felspfad, der steil nach oben führte und zwischen Geröllhalden und Fichtenwäldern verschwand.

»Wie weit ist es noch bis zu der Mine, wo wir uns verbergen können?«

»Mindestens zwei Stunden harten Ritts«, brummte Sturgess.

Matt biss sich auf die Unterlippe. Er kniete neben John und schaute besorgt in dessen blasses Gesicht. Bergabwärts waren ferne Hufschläge auf hartem Gestein zu hören. Sie wussten alle, was das bedeutete. Sturgess murmelte eine Verwünschung.

Matt stand ruckartig auf.

»Es gibt nur eine Möglichkeit«, sagte er entschieden.

»Und?« Jed blickte ihn fragend an. »Wir müssen eine Tragbahre anfertigen, auf der wir John mitnehmen können. Wir hängen sie zwischen die Pferde, die jetzt die Kiste tragen.«

»Und das Gold?«

»Das lassen wir zurück«, erklärte Matt mit harter Stimme.

Die anderen starrten ihn an. Einige Sekunden herrschte tiefe Stille. Dann keuchte Sturgess: »Mann, du bist ja verrückt!«

»Wissen Sie einen besseren Vorschlag?«, fragte Matt kalt.

Sturgess ließ die Hand auf den Revolverkolben klatschen.

»Das Gold im Stich lassen? Sechzigtausend Dollar? Niemals!«

»Hier zählt nicht nur Ihre Stimme!«, sagte Matt.

Jed trat einen Schritt vorwärts.

»Matt, du verlangst wirklich zu viel! Wegen dieses Goldes haben wir alles riskiert! Wir …«

»Es ist geraubtes Gold, Jed!«

»Ach, hör damit auf!«

»Jed, es geht um John! Es geht um deinen Bruder!«

Jeds schwarze Augen blitzten.

»Er muss einfach durchhalten, Matt. Wir müssen ihn einfach irgendwie mitschleppen. Aber wir lassen auf keinen Fall die Goldkiste zurück.« Er kam noch näher, kniete ebenfalls neben dem Bewusstlosen nieder und rüttelte ihn sachte.

»John! Wach auf, John! Wir müssen weiter!«

John Whittaker rührte sich nicht. Sturgess lauschte mit schief gehaltenem Kopf bergabwärts. Das anschwellende Hufgetrappel machte ihn nervös. Er bewegte unbehaglich die breiten Schultern.

Matt drehte sich Luke zu, der mit verstörter Miene noch auf seinem Pferd saß.

»Steig ab, Junge, hilf mir die Kiste abladen!«

»Whittaker!«, schrie Sturgess heiser. »Gehen Sie nicht zu weit!« Er riss seinen Revolver heraus.

»Schießen Sie nur!«, sagte Matt eisig. »Dann wissen Barney und seine Männer genau, dass wir noch hier oben sind.«

»Du Narr! Du hirnverbrannter Dickkopf!«, keuchte Hank Sturgess. »Wenn du das Gold nicht in Ruhe lässt, jage ich dir wirklich eine Kugel durch den Pelz.«

Matt beachtete ihn nicht mehr. Sein Blick war fest auf Lukes schmales Gesicht gerichtet.

»Hilf mir, Junge!«

Luke fuhr sich mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen. Seine Schultern waren hochgezogen, aber daran war nicht nur die Kälte schuld.

»Matt«, murmelte er zögernd und wich dem Blick seines Bruders aus, »das geht doch nicht, Matt! Das Gold … wir können das Gold doch nicht …«

Matt wandte sich ab. Bleierne Müdigkeit war plötzlich in ihm. Er fühlte sich einsam und hilflos wie nie zuvor in seinem Leben. Sein Blick fiel auf John. Der Verwundete war zu sich gekommen und hatte sich aufgesetzt. Jed stützte ihn, den Blick abweisend auf Matt gerichtet. Das dünne blonde Bärtchen über Johns Oberlippe zuckte leicht.

»Was … was ist mit dem Gold?«, fragte er brüchig.

Jed knurrte grimmig: »Matt will es zurücklassen!«

»Zurücklassen? Das darf nicht …«

»Um dich auf einer Tragbahre zu transportieren«, setzte Jed hinzu.

John hob abwehrend eine Hand.

»Nein, nein, das nicht! Wenn wir schon dies alles auf uns nehmen, dann dürfen wir die Beute nicht …«

»Hör zu, John!«, sagte Matt eindringlich. »Du bist schwer verletzt. Dein Leben muss dir mehr bedeuten als das Gold.«

»Ich halte schon durch«, schnaufte John. »Ich schaffe es schon. Jed, hilf mir hoch!«

Jed stützte ihn, als er sich hochstemmte. John wankte. Schweiß trat ihm auf die Stirn.

»Das ist doch Wahnsinn!«, stieß Matt rau hervor. »John, du warst doch immer ein vernünftiger Mann. Hat denn das Gold euch alle verrückt gemacht?«

»Wann siehst du denn endlich ein, Whittaker«, knurrte Sturgess, »dass du gegen uns nicht ankommst? Entweder fügst du dich, oder du haust ab. Letzteres wäre mir lieber.«

Matt hörte nicht auf ihn. Er sagte: »John, für dieses Gold ist bereits ein Mann gestorben. Willst du der Nächste sein?«

»Hör endlich auf mit deinen Predigten!«, fuhr Jed ihn zornig an. »John ist alt genug, um sich selber für etwas zu entscheiden. Verdammt, Matt, wir haben es satt, dass du dauernd unseren Vormund spielst. Wenn du auch der Älteste von uns bist, so hast du doch kein Recht …«

»Ich fühle mich für euch verantwortlich. Begreifst du denn nicht, Jed?! Ich bin mit euch gekommen, um euch zu helfen. Ich kann nicht glauben, dass ihr schon so weit auf dem gesetzlosen Weg seid, dass es keine Umkehr mehr für euch gibt. Ich will …«

»Du machst dir falsche Hoffnungen, Matt«, unterbrach ihn Jed heftig. Er wollte noch etwas hinzusetzen, aber John bat: »Bringe mich zu meinem Pferd, Jed! Hilf mir in den Sattel! Ich werde reiten!«

Matt schüttelte in wütender Ohnmacht den Kopf. Er begriff, dass er mit Worten nichts erreichen konnte. Er fühlte Sturgess’ spöttischen Blick auf sich gerichtet, und es kostete ihn Mühe, ruhig zu bleiben.

John war mit Jed neben seinem Pferd angelangt. Er streckte die Hand nach dem Sattelhorn aus.

In diesem Augenblick krachte bergaufwärts ein Schuss. Die Kugel prallte wuchtig gegen einen Stein und surrte dicht an den Männern vorbei in die Fichtenzweige hinein …

 

9. Kapitel

 

Sturgess fluchte wild. Jed schrie: »In Deckung! Schnell!«

Oben blitzte es erneut auf, und die Detonation hallte donnernd zwischen den Felswänden. Gesteinssplitter flogen den Männern um die Ohren. Sie zerrten hastig die Pferde unter die Bäume. Sturgess und Jed holten ihre Gewehre aus den Scabbards. Luke kniete neben John, der ermattet an einem Fichtenstamm lehnte. Matt duckte sich hinter einem moosüberzogenen Felsklotz am Pfadrand.

Bergaufwärts peitschte wieder ein Schuss. Die Kugel fetzte scharf durch das Zweigwerk und ließ einen Regen aus Fichtennadeln niedergehen. Die Gäule schnaubten nervös.

»Ein einzelner Mann mit einem Gewehr«, stellte Jed Whittaker gepresst fest. »Matt, kannst du seinen Standpunkt ausmachen?«

»Ja! Da oben bei dem Gesteinshaufen dicht am Pfad. Er hat ausgezeichnetes Schussfeld.«

»Zum Henker!«, grollte Sturgess. »Ich verstehe das nicht. Der kann doch unmöglich zum Aufgebot gehören.«

Jed knurrte: »Wir sollten uns lieber den Kopf darüber zerbrechen, wie wir hier herauskommen. Der Bursche ist zwar allein, aber wenn wir uns aus dem Wald wagen, schießt er uns wie die Hasen ab. Hank, du kennst diese Gegend. Können wir tiefer ins Gehölz hinein?«

»Nein! Wir würden nur in eine Sackgasse geraten. Unser einziger Weg führt diesen Pfad hinauf. Wir …« Eine Kugel schlug in den Baumstamm, hinter dem Sturgess stand. Rindenstücke wirbelten durch die Luft. Das Echo des Schusses rollte weithin. Jed nagte an seiner Unterlippe.

»Die Männer aus Diggers’ Lodge werden sich noch mehr beeilen, wenn sie diesen Lärm hören. Ich sage euch, wir haben ziemlich wenig Zeit.«

Sturgess schob seinen Karabinerlauf durch eine Astgabel und spähte bergauf.

»Wenn sich dieser vermaledeite Bursche nur sehen ließe. Ich würde es ihm schon besorgen.«

»Ein neuer Mord, wie?«, sagte Matt beißend.

»Du Schafskopf!«, schrie Sturgess ihm wütend zu. »Kannst du dir deine dämliche Anständigkeit nicht endlich an den Hut stecken? Oder hast du noch immer nicht begriffen, dass wir in spätestens einer Stunde als Leichen an diesen Bäumen hängen, wenn wir den Kerl da oben nicht aus dem Weg räumen.«

Wie zur Antwort kam eine neue Kugel den steilen Hang herab. Moosfetzen flogen von dem Felsblock, der Matt schützte. Sturgess jagte wütend ein paar schnelle Schüsse aus seinem Karabiner. Sein stoppelbärtiges Gesicht war verzerrt. Er ließ fluchend die Waffe sinken, als er feststellte, wie sinnlos es war. Das Echo verrollte. In der eintretenden Stille war bergabwärts das Poltern von Gestein zu vernehmen. Das Wiehern eines Pferdes trieb schwach herauf.

»Das Aufgebot!«, flüsterte Luke Whittaker erregt. »Sie erwischen uns! Wir sind verloren!« Seine Worte überschlugen sich.

»Nur ruhig, mein Junge, ganz ruhig!«, murmelte Jed. »Noch haben sie uns nicht. Wir werden bis zum letzten Atemzug kämpfen.« Seine Stimme war eiskalt. Über Matts Rücken rieselte ein eisiger Schauder. Sturgess brummte heiser: »Wir haben nur eine Wahl. Wir müssen angreifen!« Er deutete mit dem Gewehrlauf hangaufwärts.

Dort oben flammte es wieder hinter dem Gesteinshaufen auf. Das Pfeifen der Kugel lag durchdringend in der Luft. Zögernd holte Matt seinen Walker Colt aus dem Holster.

»Schießt aus allen Rohren!«, sagte er entschlossen. »Ich werde versuchen, an die Felsen da oben heranzukommen.«

»Du?«, dehnte Jed erstaunt.

Matt wog die Waffe in der Faust.

»Wenn ich auf den Pfad springe, dann fangt zu schießen an. Zwingt den Mann da oben in Deckung!«

»Matt«, sagte Jed ernst, »es ist ein weiter Weg da hinauf. Und du hast keine Deckung.«

»Ich weiß!«

»Warum willst du das tun?«

Matt dachte an das Aufgebot, das von Minute zu Minute weiter den Berg heraufkam. Wenn er und seine Brüder nicht bald den Weg fortsetzen konnten, dann würde es zu einem wilden Kampf kommen – einem Kampf, in dem viele Männer den Tod finden würden. Und es war schon mit dem einen Mann genug, der beim Postkutschenüberfall gestorben war. Matt zuckte die Schultern.

»Einer muss es schließlich versuchen, nicht wahr?« Er sah, dass Jed noch etwas sagen wollte, winkte hastig ab und rief: »Schießt jetzt!« Gleichzeitig schnellte er hinter seiner Deckung hervor auf den offenen Pfad, der sich vom Wald weg steil den Hang hinaufschlängelte. Von oben kam eine Kugel. Sie prallte klirrend gegen den Felsen, hinter dem er eben noch gelegen hatte. Dann setzte hinter ihm, zwischen den Bäumen, das rasende Hämmern der Gewehre ein. Er hörte das Schwirren und Jaulen der Kugeln schräg über sich.

Geduckt, den Colt krampfhaft umklammernd, hetzte er in langen Sätzen den steinigen Pfad hinauf. Sein Blick war starr auf die Felsen gerichtet, wo ihr unbekannter Gegner in Deckung lag. Nichts regte sich jetzt dort. Das wilde Schnellfeuer hielt den Fremden in Deckung.

Matts Atem ging keuchend. Matt spürte nichts mehr von der beißenden Kälte. Wenn er nicht an die Deckung des Gegners herankam, ehe der andere feuern konnte, war er verloren. Steine kollerten unter seinen Stiefeln weg. Jed hatte recht gehabt - es war ein weiter Weg-

Die Felsen, auf die er zuhielt, glichen dem Trümmerhaufen eines eingestürzten Hauses. Plötzlich erkannte Matt die schattenhafte Bewegung zwischen den hohen zerklüfteten Steinen. Er verdoppelte seine Anstrengung. Unten dröhnten noch immer pausenlos die Gewehre. Und er konnte jetzt schon den Anprall der Geschosse gegen die Felsen durch seinen rasselnden Atem hören. Dann, als er nur noch wenige Yard von den Felstrümmern entfernt war, verstummte das Schießen wie abgeschnitten. Er musste sich jetzt in Schusslinie der Gewehre befinden. Nun konnten ihm seine Brüder nicht mehr helfen.

Ein Gewehrlauf erschien plötzlich zwischen dem grauen Gestein und richtete sich direkt auf ihn. Im vollsten Lauf hechtete sich Matt vorwärts. Er schlug hart auf die Steine. Ellenbogen und Knie brannten. Aus dem Gewehrlauf vor ihm zuckte ein Feuerstoß. Matt schleuderte sich zur Seite. Etwas ging wie ein scharfer Peitschenhieb über seinen linken Oberarm. Seine dicke Mackinaw-Jacke war plötzlich aufgefetzt, Blut sickerte dünn hervor. Er spürte kaum den Schmerz. Mit einem Satz war er auf den Beinen, jagte aus seinem Colt einen Warnschuss über die Felsen hin und sprang vorwärts. Ein neuer Feuerstrahl brach peitschend aus dem Gewehr. Da hatte Matt Whittaker den Gesteinshaufen schon erreicht, warf sich keuchend hinter einen kantigen Block und wartete, bis sich sein Atem etwas beruhigt hatte.

Das Tageslicht war trüb. Eine bleigraue Wolkendecke verbarg die Sonne. Hier zwischen den Felsruinen war es dämmrig und still. Behutsam verließ Matt seine Deckung und schlich, lautlos tiefer in das Gesteinsgewirr hinein. Nichts war zu sehen und zu hören. Er arbeitete sich an die Stelle heran, wo er vorher den Gewehrlauf gesehen hatte. Aber da waren nur einige mattglänzende Patronenhülsen auf dem grauen Felsboden, sonst nichts. Er wandte sich um. Steine rollten ganz in der Nähe. Ein Schatten huschte zwischen zwei hohen Felssäulen. Geduckt glitt Matt vorwärts, bog um einen mannshohen Gesteinsklotz – und hatte plötzlich den Gegner direkt vor sich.

Alles ging blitzschnell!

Matt erkannte nicht mehr, dass es sich um eine schlanke, in fransenverziertes Hirschleder gekleidete Gestalt handelte. Schwarzes Haar fiel in zwei dicken Zöpfen geflochten auf die Schultern herab. Es war ein Indianer!

Der Rote prallte erschrocken zurück, wirbelte herum – und da bekam ihn Matt bereits an der Schulter zu fassen. Es war nur ein Gedanke in ihm: Er musste diesen Mann überwältigen, ohne dass noch ein einziger Schuss fiel!

Der andere schrie unterdrückt auf, machte eine halbe Drehung und wollte mit dem Gewehrlauf nach Matt schlagen. Für den Bruchteil einer Sekunde sah Matt zwei wild blitzende dunkle Augen vor sich. Dann war seine freie Faust schon nach oben gesaust und erwischte den anderen seitlich am Kopf. Der Indianer wurde zu Boden geschleudert. Sein Gewehr schlitterte über den steinigen Untergrund davon. Matt stand mit angeschlagenem Colt da und wartete, dass der andere auf die Füße kam. Der Ledergekleidete rollte mit einem unterdrückten Stöhnen herum und stützte sich auf die Ellenbogen. Matt machte einen Schritt auf ihn zu. Erst jetzt erkannte er das Gesicht des anderen genauer. Er verschluckte die Warnung, die er ausstoßen wollte. Sekundenlang fühlte er nichts anderes als maßlose Verblüffung.

Er hatte eine junge Frau vor sich!

Sie richtete sich langsam auf. In ihren Augen war kein Schimmer von Furcht. Mit dunkler Stimme rief sie heftig: »Worauf warten Sie denn noch? Schießen Sie doch, Sie Bandit!«

»Ma’am, es tut mir leid, dass ich …« Plötzlich verlor er seine Unsicherheit, machte einen Schritt ganz nahe an sie heran und sagte scharf: »Ist es Ihnen klar, dass Sie mich vorhin beinahe erschossen hätten?«

»Hat ein Mann wie Sie Besseres verdient?« Sie wollte zur Seite ausweichen. Er packte schnell ihr Handgelenk.

»Wer sind Sie?«

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Titel: Sie reiten für Gerechtigkeit