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Am Ende des Schienenstrangs

2020 127 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Am Ende des Schienenstrangs

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

Am Ende des Schienenstrangs

Westernroman über den Eisenbahnbau der Union Pacific

von R. S. Stone

Der Umfang dieses Buchs entspricht 127 Taschenbuchseiten.

 

Der ehemalige Marshal Buck Rimbaud kommt im Frühjahr 1868 nach Laramie, um beim letzten Bauabschnitt der Union Pacific für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Keine leichte Aufgabe, denn skrupellose Geschäftemacher wie Big Sid Donlevy setzen alles daran, das Vorwärtskommen der Bahn zu blockieren.

Dabei ist ihm jedes Mittel recht. Mord und Totschlag sind an der Tagesordnung. Ebenso Unfälle, Sabotagen und Katastrophen. Als dann auch noch der Zug mit den Lohngeldern überfallen wird, der längst überfällig ist, spitzt sich die Lage dramatisch zu.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Firuz Askin, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1. Kapitel

Der Frachtzug, dem drei Personenwaggons angekoppelt waren, hatte vor etwa einer halben Stunde Cheyenne verlassen und ratterte in zügigem Tempo auf Laramie zu, dem letzten Bauabschnitt der Union Pacific in jenem Frühjahr 1868.

Es war der letzte, welcher die Baustelle mit Material versorgte. Der nächste würde erst wieder in einer Woche fahren.

Buck Rimbaud hatte seine langen Beine auf dem gegenüberliegenden Sitz ausgestreckt. Er blickte aus dem schmutzigen Fenster und sah die karge, eintönige Landschaft in diesem Teil Wyomings vorbeiziehen. Eine flach erscheinende Leere, gestaltlos und einförmig, die nur ab und zu durch eine grasende Büffelherde oder ein paar Gesteinsformationen unterbrochen wurde. Diese schier endlose, leere Weite erstreckte sich über viele Meilen, fernab jeglicher Zivilisation. Aber Buck Rimbaud war weitsichtig genug, zu wissen, dass es in wenigen Jahren gewiss anders aussehen würde. Denn mit der Eisenbahn kämen die Menschen ins Land. Zu Hunderttausenden würden sie einfallen, um sich hier anzusiedeln. Dort, wo jetzt noch friedlich die Büffel grasten, würden Städte entstehen und wachsen. Und vorbei wäre es mit der stillen Einsamkeit, welche das Land derzeit noch prägte. Fortschritt, so nannte man das wohl. Und der hatte bereits begonnen – mit dem Bau der transkontinentalen Eisenbahn, die den Westen mit dem Osten verbinden sollte.

Das Telegramm von General Dodge hatte für Buck Rimbaud nach einer Weltuntergangsstimmung geklungen: »Kommen Sie mit dem nächsten Zug nach Laramie, Buck Rimbaud. Sie werden dringend gebraucht. Seien Sie vorsichtig und sprechen Sie mit niemanden. Alles Weitere in Laramie.

Gezeichnet General Grenville M. Dodge, Leitender Bauingenieur der U. P.«

Kurz und knapp – typisch Dodge, dachte Buck Rimbaud und war gespannt, was ihn in Laramie erwartete. Dann fiel sein Blick wieder auf die zwei Männer, die in Cheyenne zugestiegen waren und und die ganze Zeit über neben der Waggontür standen wie zwei Statuen. Rimbaud wusste, dass es für ihn vor der Ankunft in Laramie noch etwas anderes zu tun gab. Denn ihm war klar, aus welchem Grund diese Kerle in diesem Zug fuhren, und von welchem Kaliber sie waren. In ihren harten Gesichtern ließ es sich erkennen.

So lässig und unbekümmert er auch wirken mochte, innerlich war er bis zum Zerreißen angespannt. Er hatte befürchtet, dass es Schwierigkeiten geben und sein Kommen nicht verborgen bleiben würde. Aber das war ihm egal. Gewiss hätte er den Weg bis nach Laramie reiten können. Aber das hätte länger gedauert, und er wurde ja dringend gebraucht. Auch, wenn er im Augenblick nicht wusste, weshalb.

Die beiden Burschen waren seinetwegen im Zug. So viel stand für ihn schon mal fest.

Nun, Buck Rimbaud war nicht der Mann, der sich vor Schwierigkeiten drücken würde. Ganz sicher nicht. Das Duo bei der Waggontür grinste hämisch zu ihm herüber. Die beiden schienen ihrer Sache sicher zu sein und freuten sich schon auf einen tüchtigen Spaß.

Sollen sie ruhig, ging es grimmig durch Buck Rimbauds Kopf. Je eher, desto besser.

Auf jeden Fall würde es noch vor Ankunft in Laramie passieren. Das war für ihn klar.

Und richtig.

Als der Zug eine Steigung nahm, stieß die Lokomotive ein langgezogenes Pfeifen aus. Wie auf ein Kommando stießen sich die beiden Männer von der Tür ab. Dieser Pfiff war das Signal für sie gewesen. Sie schlenderten lässig zu Buck Rimbaud heran und bauten sich vor ihm auf. Zwei Burschen von etwa gleicher Größe, stämmig wie zwei Eichen. Die vielen Narben in ihren mitleidlosen Gesichtern stammten gewiss nicht von harmlosen Streicheleinheiten. Yank Delaney und Jerry Mullen waren als zwei üble Schläger bekannt. Erwartungsvoll blickte Buck Rimbaud zu ihnen auf. »Na, was soll‘s denn werden, Freunde?«

Der Bursche links, Yank Delaney, schlug mit geballter Faust in seine schwielige Rechte. Sein Grinsen verhieß nichts Gutes. »So, mein Junge, für dich endet die Reise hier. Du wirst jetzt aussteigen.« Er wies mit dem Daumen zum Nebenmann. »Jerry und ich werden dir dabei behilflich sein.«

»Nett gemeint, Jungs. Aber ich komme schon allein zurecht. Außerdem habe ich vor, noch ein bisschen sitzen zu bleiben. Etwa bis Laramie.«

Das Duo wechselte einen vielsagenden Blick miteinander. Wieder war es Delaney, der sagte: »Vergiss es. Du steigst aus. Hier und jetzt. In Laramie gibt es einen Mann, der nicht will, dass du dort auftauchst.«

Daher weht also der Wind!, dachte Buck Rimbaud. Er grinste freudlos zu Delaney auf. »Wer ist denn dieser Mann?«

»Das braucht dich nicht zu interessieren. Los, hoch mit dir. He, Jerry, zieh schon mal die Bremse! Der Gentleman hier möchte den Zug verlassen.«

Der Gentleman dachte an alles, nur nicht ans Aussteigen. Während sich Mullens wuchtiger Arm nach der Notbremse ausstreckte, um den Zug zum Halten zu bringen, schnellte Buck Rimbaud von seinem Sitz hoch. Dabei riss er sein Knie hoch und rammte es Delaney mit voller Wucht zwischen die Beine. Gewiss nicht sehr sportlich, aber darauf konnte Buck Rimbaud nun keine Rücksicht nehmen.

Delaney Augen weiteten sich, und sein Mund flog sperrangelweit auf. Dem Tritt in die Weichteile folgte blitzschnell eine glasharte Rechte genau gegen Delaneys Kinn. Es knallte laut durchs gesamte Abteil, als dessen Zähne aufeinander schlugen. Yank Delaney stolperte mit rudernden Armen nach hinten. Er stieß gegen eine Sitzkante und legte sich zwischen zwei Sitzen in die Ecke.

Buck Rimbaud schnellte in geduckter Haltung zu Mullen herum. Der hatte inzwischen die Bremse losgelassen, ohne sie betätigt zu haben, und setzte zu einem ausholenden Schwinger gegen Buck Rimbauds Kopf an. Der Mann mochte ein brutaler Schläger sein, aber für Buck Rimbaud bewegte er sich zu langsam. Buck Rimbauds Rechte schoss von unten hoch und schmetterte in Mullens ungedecktes Gesicht. Mullens Kopf ruckte nach hinten und knallte gegen die Bretterwand des Waggons. Nun sprang Buck Rimbaud zwischen den Sitzen hervor und in den Gang hinein. Dabei riss er seinen 36er Remington aus dem Holster. Mullen, der sich von der Wand abstieß, um sich gegen Buck Rimbaud zu werfen, verharrte mitten in der Bewegung. Er wischte sich mit dem Ärmel das Blut von den Lippen und starrte mit großen Augen in die Mündung der Waffe, die auf ihn gerichtet war. Aus den Augenwinkeln beobachtete Buck Rimbaud, wie Yank Delaney stöhnend zwischen den Sitzen auftauchte. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund und stierte aus glasigen Augen zu Buck Rimbaud empor. Die Kampflust schien mit einem Schlag aus ihm gewichen, denn er machte keine Anstalten, gegen Buck Rimbaud vorzudringen. Krampfhaft hielt er sich an den Sitzbänken links und rechts fest und glotzte nur.

»Nun, Freunde. In einem Punkt hattet ihr recht; der Zug wird hier halten. Aber die Planänderung sieht vor, dass ihr zwei es seid, die ihn verlassen werdet! – He, Schaffner!«

Ein kleines Männlein, welches sich bislang geflissentlich im Hintergrund gehalten und nicht gewagt hatte, einzuschreiten, trat zögernd an Buck Rimbaud heran, wobei die Blicke seiner flackernden Augen wieselartig zwischen Delaney, Mullen und Buck Rimbaud umhersprangen. »Sir?«

Buck Rimbaud warf ihm einen kurzen Seitenblick zu, ohne Mullen und Delaney aus den Augen zu lassen. »Schaffner, halten Sie den Zug an. Diese Vögel steigen hier aus.«

Der Schaffner räusperte sich, dann sagte er verunsichert: »Aber das kann ich nicht. Ich habe Anweisung, bis Laramie durchzufahren und …«

»Anhalten, hab ich gesagt. Sofort!«

Mullens drohender Zeigefinger schnellte in Buck Rimbauds Richtung. »Damit kommst du nicht durch! Steck deine verdammte Kanone ein, und wir fangen noch mal von vorn an. Dann wirst du sehen, wer hier den Zug verlässt, sucker!«

Buck Rimbaud zeigte ihm grinsend seine Zähne. »Spar deinen Atem. Denn den wirst du brauchen. Du und dein Kumpel habt nämlich ‘nen ziemlichen Fußmarsch vor euch. Ich rate euch, lieber Richtung Cheyenne zu wandern, statt nach Laramie.«

Der kleine Schaffner stierte unsicher zu Buck Rimbaud auf. Wieder musste er sich räuspern, bevor er schließlich sagte: »Mister, das wird Big Sid Donlevy sicherlich nicht gutheißen, wenn wir den Zug hier anhalten. Wir sollten …«

»Big Sid Donlevy? Nun, was auch immer dieser Donlevy gutheißen wird oder nicht, spielt für Sie jetzt keine Rolle. Darum werde ich mich bei passender Gelegenheit selbst kümmern, schätze ich. Und jetzt ziehen Sie endlich die verdammte Bremse, Schaffner.«

Dem kleinen Schaffner blieb nichts anderes übrig, als sich Buck Rimbauds Anweisungen zu fügen. Er seufzte resigniert und zog mit zittrigen Händen an der Notbremse. Der Zug kam langsam mit quietschenden und kreischenden Rädern zum Stehen – mitten in der langgezogenen Einöde, in der es nichts anderes gab als ein paar grasende Büffel in der Ferne.

Mit vorgehaltener Waffe trieb Buck Rimbaud die beiden Männer vor sich her, hinaus aus dem Waggon. »So, Freunde. Und jetzt runter mit euch. Verschwindet! Und haltet euch in Zukunft von mir fern. Ein gutgemeinter Rat von mir.«

Auf der Plattform wandte sich Mullen noch einmal nach Buck Rimbaud um, und wieder drohte sein mächtiger Zeigefinger den Texaner durchbohren zu wollen. »Glaub mir, sucker!«, schnaubte er zornig. »Wir sehen uns wieder. Und dann gibt’s gewiss kein Händchenhalten. Das schwöre ich dir.«

»Runter!«

Nur zögernd sprang das Duo von der Plattform und bedachte Buck Rimbaud mit den wildesten Flüchen, die selbst einem hartgesottenen Maultiertreiber alle Ehre gemacht hätten. Drohend hoben sie ihm ihre geballten Fäuste entgegen, als zischender Wasserdampf sie einzunebeln begann und der Zug langsam und schwerfällig seine Fahrt wieder aufnahm. Erst, als die beiden Schläger nur noch als Punkte in der Ferne zu erkennen waren, vollzog Buck Rimbauds Remington eine vollendete Drehung und landete zurück im Holster. Der kleine Schaffner, der die ganze Zeit argwöhnisch neben ihm gestanden hatte, schüttelte sorgenvoll mit dem Kopf. »Das wird Ärger geben, Mister. Verdammst viel Ärger. Das waren Big Sid Donlevys Männer. Und mit Big Sid ist nicht zu spaßen.«

Buck Rimbaud schenkte dem kleinen Mann ein breites Schmunzeln, klopfte ihm auf die Schulter, als wenn er sein Kumpel wäre und ließ verlauten: »Mit mir auch nicht.«

 

*

Rusty Kincaid und Half-Half Corderra lehnten nebeneinander an einem Stapel aussortierter Schwellen und beobachteten mit gelangweilten Mienen das Eintreffen des Frachtzuges, der schnaufend den steilen Hang zur Stadt hinuntergefahren kam.

Stadt?

Es war eher ein Sammelsurium aus roh zusammengehauenen Bretterbuden, Waggons und Zelten, an deren Ende sich der letzte Bauabschnitt der Union Pacific befand. Dieses Chaos konnte man wahrhaftig noch nicht als Stadt bezeichnen.

Die Lok kam etwa auf gleicher Höhe mit Rusty und Half-Half zum Stehen. Der Wasserdampf entwich zischend den Ventilen und hüllte sie ein.

Der hagere und pferdegesichtige Rusty erlaubte sich, einen braunen Strahl Kautabaksaft auf den schlammigen Boden zu spucken und blickte zu seinem Kumpel herüber. »Was meinst du, Half-Half? Ob der Kerl im Zug ist?«

Half-Half Corderra der sich zum Zeitvertreib mit seinem Taschenmesser den Dreck aus den Fingernägeln kratzte, schüttelte den Kopf. »Letzte Nacht fehlten zwei Gäule in Donlevys Stall. Und du weißt wie ich, dass es ausgerechnet die von Delaney und Mullen waren. Was meinst du wohl, wohin diese beiden Drecksäcke geritten sind?« Er gab sich gleich darauf die Antwort selbst: »Richtig, nach Cheyenne, um rechtzeitig in diesen verdammten Zug dort reinzuklettern. Wenn du also mich fragst, Rusty, so dürfte unser Freund gerade einen langen Spaziergang durch die Plains machen – oder irgendwo kalt neben den Schienen liegen.«

»Eigentlich ein Jammer. Möchte nur wissen, woher Big Sid gewusst haben konnte, dass Dodge und Casement einen neuen Aufpasser kommen ließen, nachdem der alte so plötzlich von uns gegangen ist.«

Half-Half machte eine abfällige Handbewegung. »Hast du schon mal erlebt, dass etwas Big Sids große Ohren nicht erreicht hat? Hölle, ich habe das Gefühl, der Kerl hört sogar Flöhe husten. Hat ja auch verdammt viel Leute, die für ihn arbeiten und ihm jeden Mist zutragen.«

Rusty nickte zustimmend, drehte den Kopf zur Seite und spie erneut einen Strahl Kautabak auf den Boden. Diesmal erwischte es ein kleines Kriechtier, das durch den Matsch huschte und mit der neuen Fracht auf dem Rücken eiligst das Weite suchte.

Mit zusammengekniffenen Augen suchte Rusty die Reihe der Waggons ab, die soeben zum Stehen gekommen waren. Wie Ameisen strömten die Menschen aus den Personenwaggons, und Rusty schüttelte den Kopf. Sie kamen von überall her angereist, um beim weiteren Bau der gigantischen Eisenbahnlinie dabei zu sein. Sie kamen aus aus aller Herren Länder. Es waren Männer, die nach Arbeit suchten, Frauen, Glücksspieler, Revolvermänner, Kaufleute und Landspekulanten, Händler jeglicher Art. Es waren gute Menschen unter ihnen und auch schlechte. Aber ganz gleich, ob gut oder schlecht; es waren viele, und täglich wurden es mehr. »Ob die wohl wissen, dass hier die Hölle auf sie wartet, Half-Half?«

Das schmächtige Halbblut zuckte gleichmütig mit den Schultern. »Dieser verdammte Schienenstrang lockt sämtliche Kreaturen an und ist gewiss für manche die letzte Hoffnung. Aber was geht’s mich an? Hätt‘ ja viel zu tun, mich mit den Sorgen anderer zu beschäftigen. He, Rusty! Schau dir den Bursche da mal genauer an.« Half-Half wies mit ausgestrecktem Arm auf einen der mittleren Waggons, auf dessen Plattform eine hochgewachsene Gestalt stand, deren Blicke konzentriert die Umgebung musterten.

»Du meinst den Langen da mit dem schwarzen Texashut?«

»Genau den. Der scheint nach irgendetwas zu suchen. Aber wohl keinen Job als Schienen- oder Schwellenleger. Und wie‘n verkrachter Kartenhai aus Big Sids Truppe schaut der auch nicht aus. Ober was meinst du, Rusty?«

Rusty rieb sich seinen roten Bart. »Hm … sollte mich wundern, wenn er es tatsächlich ist. Der sieht irgendwie aus, wie ‘n Cowboy, mit seinem karierten Hemd und seinen blankgeputzten Stiefelchen. Na, komm, den Vogel seh‘n wir uns mal aus der Nähe an.«

 

*

 

Buck Rimbaud stand auf der Plattform des Waggons, hatte seine abgegriffene Reisetasche neben sich auf die stählerne Plattform gestellt und drehte sich gemächlich eine Zigarette, während er seine Blicke über das vor ihm liegende Geschehen wandern ließ.

Das ist also Laramie, dachte er düster, und es kam ihm vor wie ein Tollhaus, was es gewiss auch war. Überall wimmelte es von Menschen, an jeder Ecke lag Gerümpel herum. Es herrschten das Chaos und ein Höllenlärm. Beladene Fuhrwagen rollten durch den Schlamm, während die Fahrer ihre Tiere in den Gespannen mit Peitschenknallen und lautem Gebrüll in Richtung Baustelle trieben. Nichts schien in keinster Weise ruhig zu verlaufen. Alle bewegten sich hektisch und schrien laut herum. Buck Rimbaud steckte sich die fertige Zigarette zwischen die Lippen und entfachte ein Zündholz. Dies hielt er in der hohlen Hand an seine Zigarette und beobachtete das Duo, das sich auf ihn zubewegte. Es waren zwei seltsame Gestalten, wie er fand. Der eine klein und schmächtig, und dem ein prächtiger Schnurrbart unter der Nase hing. Der andere mittelgroß, in einem abgewetzten Hirschlederanzug gekleidet, mit rotem Bart und einem verbeulten Schlapphut auf dem Kopf. Buck Rimbaud konnte sich ein leichtes Schmunzeln nicht verkneifen, als das komische Pärchen an ihn herantrat. Vor der Plattform des Waggons blieben die beiden Gestalten stehen und blinzelten zu ihm auf. Und es war der Rotbärtige, der zunächst einen Strahl Kautabak in den Matsch spritzen ließ, um dann laut zu verkünden: »Mister, wenn Sie der sind, für den wir beide Sie halten, scheinen Sie höllisches Glück gehabt zu haben. Dass Sie hier in Laramie angekommen sind, meine ich, und dabei noch lebend.«

Buck Rimbauds Grinsen wurde breiter. Er ahnte sofort, worauf der Rotbart angespielt hatte. Seine Blicke glitten von einem zum anderen. »Seid ihr das Empfangskomitee, das mich abholen und zu General Dodge bringen soll? – Kincaid und Corderra, richtig?«

Beide wechselten einen vielsagenden Blick miteinander und grinsten breit.

»Er ist es wirklich, Rusty.«

»Wer hätte das gedacht.«

»Und er kennt unsere Namen.«

»Si, ein erstaunliches Kerlchen.«

»Ja, sehr sogar.«

»Und sehr lebendig.«

»Lebendiger geht’s schon gar nicht mehr.«

Buck Rimbaud gab ein lautstarkes Räuspern von sich. Schlagartig beendeten sie ihren Wortwechsel und blinzelten wieder zu Buck Rimbaud auf.

»Seid ihr zwei nun fertig mit eurer Unterhaltung?«

»Sicher, sicher, Mister. Sie sind Buck Rimbaud, richtig?«

»Richtig.«

Noch ein weiterer Strahl Kautabaksaft landete neben den Schienen, und Rusty Kincaid wischte sich mit dem schmutzigen Ärmel über den Mund. »Nun, ich bin Rusty Kincaid, und das hier ist mein Kumpel Half-Half. Zu Ihren Diensten, Mister Rimbaud.«

Ein breites Grinsen zog sich durch den roten Bart, während Half-Half sich zu den Seiten umsah, nach etwas Ausschau hielt, was scheinbar nicht vorhanden war, und sich dann erneut Buck Rimbaud zuwandte. »Señor Rimbaud, eine kurze Frage. Wegen meiner Neugier, meine ich … es sind nicht zufällig zwei Kerle mit im Zug gewesen? Zwei, die so aussehen wie Gorillas und die sich auch so aufführen wie solche? Beide groß und wuchtig und mit ziemlich zerschlagenen Visagen. Wären doch bestimmt aufgefallen, solche Hombres, würde ich meinen.«

Buck Rimbaud schien einen Moment nachzudenken und schüttelte den Kopf. »Nicht, das ich wüsste.«

»Wirklich nicht?«

Buck Rimbaud rieb sich übers unrasierte Kinn. »Na, wenn ich so darüber nachdenke, dann fällt‘s mir wieder ein. Doch, da gab es zwei, auf die deine Beschreibung passen könnte. Ja, ganz gewiss. Zwei so seltsame Burschen, die in Cheyenne eingestiegen waren.«

»Na, und?«

Buck Rimbaud zuckte gleichmütig die Schultern, belustigt darüber, wie sehr die Neugier den kleinen Half-Half und auch Rusty Kincaid zu übermannen drohte. Beide starrten Buck Rimbaud mit großen Augen an, gespannt, was nun kommen würde.

»Ja, sie fuhren eine Weile mit. In meinem Abteil sogar. Irgendwann schien ihnen die Fahrt langweilig geworden zu sein, und sie wollten aussteigen.«

Rusty Kincaid rieb sich seinen Bart. »Aussteigen? Mister, Sie nehmen uns jetzt mächtig auf den Arm, was? Zwischen Cheyenne und hier gibt es nicht eine einzige Haltestelle.«

»Habe ich auch nicht behauptet.«

Das Pärchen wechselte ein paar staunende Blicke untereinander. »Half-Half, will der Bursche damit sagen, dass er sie aus dem Zug befördert hat? Alle beide? Delaney und Mullen?«

»Hm, ich weiß nicht so recht, Rusty. Aber es klang so in meinen Ohren.«

»Das Bürschlein hat ‘nen sonnigen Humor, Half-Half.« Rusty wandte sich an Buck Rimbaud. »Ist das wirklich so? Haben Sie die beiden Schlägertypen wahrhaftig aus dem Zug geworfen? Lügen Sie uns lieber nicht, wir bekommen‘s ja sowieso raus.«

Buck Rimbaud machte einen Zug aus der Zigarette und schnippte sie dann in den Matsch. »Ihr zwei Vögel gebt ja doch keine Ruhe. Ja, Delaney und Mullen, oder wie sie heißen, machen jetzt einen langen Spaziergang durch die Plains.«

Rusty schlug sich mit der rechten Hand auf den Oberschenkel. »Da soll mich doch der Blitz beim …«

Er ließ den Satz unvollendet. Dafür fing er lauthals an zu lachen. Half-Half fiel in das Lachen ein, das schallend zu Buck Rimbaud auf die Plattform wehte, und er brummte ihnen zu: »Wenn ihr zwei euch wieder beruhigt habt, wäre ich euch sehr verbunden, wenn ihr mich zu General Dodge bringen würdet. Ich hole indes schon mal mein Pferd aus dem letzten Waggon.«

Sie hörten zwar seine Worte, lachten aber weiterhin so sehr bei dem Gedanken an die unfreiwilligen Spaziergänger, dass ihnen die Bäuche schmerzten. Sie freuten sich diebisch darüber, dass es den beiden Schlägern endlich mal jemand gezeigt hatte.

 

 

2. Kapitel

Big Sid Donlevy stand vor dem Eingang seines pompösen Zeltes. Er lehnte lässig an einer Zeltstange und zog an seiner schweren Zigarre. Qualmwölkchen umnebelten sein scharf geschnittenes Gesicht, während er aus zusammengezogenen Augen das muntere Treiben beobachtete, das sich im Camp abspielte. Ein leichtes Lächeln lag unter seinem sauber gestutzten Oberlippenbärtchen. Es war das Lächeln eines Mannes, der mit sich und der Welt im Einklang lag. Jedenfalls im Augenblick.

Plötzlich verdunkelten sich seine Augen. Das Lächeln erstarb, als ein Wagen an ihm vorbeifuhr, auf dessen Bock zwei Männer saßen. Sie allein reichten aus, um ihm eine Zornesfalte zwischen die Brauen zu treiben. Es waren Rusty Kincaid und Half-Half Corderra, zwei von Dodges treu ergebenen Männern und bissig wie Terrier. Aber sie waren es nicht, die seine Stimmung so jäh hatte umschlagen lassen. Dem Wagen folgte dichtauf ein hochgewachsener Mann auf einem braunen Pferd mit einer weißen Blesse. Bei dessen Anblick presste Big Sid seine Zähne fest zusammen. Diesen Mann kannte er zwar nicht, ahnte aber sofort, wer er war oder besser: weshalb er hier war. Und im gleichen Moment wusste Big Sid, dass im Frachtzug auf dem Weg von Cheyenne nach Laramie etwas schief gegangen sein musste.

Die halb gerauchte Zigarre flog in den Matsch, und seine Faust landete klatschend in die linke Handfläche. Er zischte einen Fluch durch seine zusammengepressten Zähne. Nicht sehr laut. Aber laut genug.

»Sorgen, mein Lieber?«, wehte es von hinten an ihn heran. Zornig fuhr er herum und starrte in Laureen Hollybees hübsches, wenngleich auch etwas zu stark geschminktes Gesicht. Sie begegnete seinem Blick mit einem süffisanten Lächeln ihrer kirschroten Lippen.

»Was schleichst du hier draußen herum? Hast du drinnen nicht genug zu tun?«, herrschte er sie an.

Laureen machte einen Schritt auf ihn zu, wobei ihr grünes, tief ausgeschnittenes Glitzerkleid raschelte wie Papier. Mit ihren schmalen Fingern strich sie spielerisch über das Taschentuch in der Brusttasche seines Prince-Albert-Rocks. Dabei sah sie keck zu ihm auf und hauchte ihm ins Gesicht: »Wenn ich eben alles richtig gesehen habe, dann hast du wirklich Grund, dich zu sorgen, Darling.«

Mit einer heftigen Bewegung stieß er ihre Finger von seinem Anzug.

»Was weißt du schon davon? Und überhaupt; wie lange stehst du eigentlich schon hier herum?«

»Lange genug, um zu wissen, dass General Dodges neuer Aufpasser heil nach Laramie gekommen ist, mein Lieber. Und der ist von ganz anderem Kaliber als die anderen Vorgänger.«

»Was denn, kennst du ihn etwa?«

»Das will ich meinen. Sein Name ist Buck Rimbaud. Und wo der auftaucht, verdunkelt sich der Himmel, und die Vögel gehen zu Fuß.« Laureen wurde plötzlich ernst, setzte gewichtig hinzu: »Dodge hat sich diesmal wirklich einen zweibeinigen Tiger herangeholt.«

Big Sid erlaubte sich eine lapidare Handbewegung. »Na, und wenn schon? Wir sind hier schon mit ganz anderen Dingen fertig geworden, Darling. Dieser Buck Rimbaud besteht auch nur aus Fleisch und Blut. Woher kennst du den Kerl überhaupt, dass du so gut über ihn Bescheid weißt, eh?«

»Oh, ich war zufällig Zeuge, wie man versucht hatte, dem Burschen auf die Zehen zu treten. Das war zwei Jahre nach dem Krieg, in Sedalia, Missouri. Unser Freund war zu der Zeit gerade Marshal dort. Spielt auch keine Rolle. Ich habe jedenfalls noch nie einen Mann erlebt, der so schnell und gründlich mit drei Kerlen gleichzeitig fertig geworden ist. Kerle, die der Quantrill-Bande angehörten, falls dir das etwas sagt, Sid.«

Das tat es, und Big Sid strich nervös über sein Oberlippenbärtchen. »Und du hast es mit eigenen Augen gesehen, wie?«

Laureen nickte. »Schlimmer noch, mein Lieber … ich stand direkt daneben.«

»Na, dann seid ihr ja alte Bekannte. Freunde, wie?«

Sie lächelte zu ihm auf. »Was denn? Etwa eifersüchtig, Big Sid?«

»Red keinen verdammten Mist.«

Donlevy schob sie unsanft von sich und wandte sich in Richtung Zelteingang. Laureen hielt ihn am Ärmel zurück. »Kein Grund, gleich grob zu werden, mein Lieber. Ich habe dir nur klarmachen wollen, wie die Dinge um diesen Buck Rimbaud stehen.«

»Schon gut, Laureen. Schon gut. Ich weiß jetzt über den Kerl Bescheid und werde mir etwas überlegen. Ich will diesen Rimbaud nicht hier haben. Um keinen Preis. Egal, was es koste.«

»Dann solltest du dir etwas Besseres einfallen lassen, als Typen wie Delaney und Mullen auf ihn anzusetzen. Etwas viel besseres, mein lieber Sid.«

Zum ersten Mal seit ihrer kurzen Unterredung zeigte sich ein Schmunzeln in seinem Gesicht. »Betrachten wir die Sache mit Yank und Jerry als einen kleinen Test. Nun, da unser Freund ihn bestanden hat, wird es fortan keine solcher Tests mehr geben.« Mit diesen Worten ließ er sie stehen und verschwand im Zelt. Laureen blieb noch eine kurze Weile davor stehen, blickte in die Richtung, in die Reiter und Wagen verschwunden waren. Ein seltsames Lächeln begleitete ihre Blicke. Dann zuckte sie gleichmütig die Schultern, raffte ihr Kleid und ging ebenfalls hinein.

 

*

 

»Ich bin verdammt froh, dass Sie endlich hier sind, Rimbaud. Ich hoffe, es gab während der Fahrt keine Schwierigkeiten?«

»Keine nennenswerten, Sir.«

»Das freut mich.«

»Nun, General Dodge, Ihr Telegramm klang sehr dringend, deshalb bin ich so schnell wie möglich angereist. Nun brenne ich darauf, zu wissen, weshalb Sie so dringlich nach mir geschickt haben.«

»Sicher, sicher, mein lieber Freund. Doch zunächst möchte ich Ihnen General Dan Casement vorstellen, den Bauleiter der Union Pacific Railroad.«

General Grenville Dodge wies mit einer eleganten Handbewegung auf einen stattlich gekleideten Herrn, der sich ebenfalls in Dodges nobel eingerichtetem Wohnwaggon befand.

Casement saß in einem Sessel, und als er sich erhob, hatte Buck Rimbaud das Gefühl, einem Mann gegenüberzutreten, der seiner Größe nach wie ein zwölfjähriger Junge wirkte. Nur, dass ein solcher keinen imposanten Bart im Gesicht trug. Buck Rimbaud reichte dem kleinen Bauleiter die Hand. »Freut mich, Sie kennenzulernen, Sir.«

Casement ergriff die dargebotene Hand. Sie wechselten einen kräftigen Händedruck miteinander. Dennoch lag im Gesicht des Bauleiters ein skeptischer Ausdruck, als er zu Buck Rimbaud aufblickte. »An Ihrer Sprechweise höre ich deutlich heraus, dass Sie aus Texas sind, Mister Rimbaud. Auf welcher Seite haben Sie während des Krieges gestanden? Etwa auf der Seite der Rebellen?«

Buck Rimbaud ahnte, worauf der Mann anspielte und auch, wie er ihn einzuschätzen hatte. Sogleich kam seine passende Antwort: »Nur bis zum Jahr ‘64, Sir. Ich wurde verwundet, als wir uns Brownsville zurückerobert hatten. Danach war‘s für mich aus mit dem Krieg. Aber bis dahin habe ich tüchtig mitgeholfen, euch Yankees den Hintern zu versohlen.«

Der kleine Casement wusste Buck Rimbauds Bemerkung folgerichtig zu deuten. Er warf sich mächtig in die Brust, räusperte sich und erwiderte mit einem Tonfall in der Stimme, den nur ein Offizier seines Ranges hervorbringen kann: »Junger Mann, der Süden hat den Krieg verloren. Das scheint Ihnen offensichtlich entgangen zu sein, da Sie wohl das Ende des Krieges nicht mehr mitverfolgen konnten.«

Der belustigte Ausdruck in Casements Augen milderte allerdings die Schärfe seiner Worte, und Buck Rimbaud schmunzelte breit. »Ich denke, Sir, da haben Sie wohl recht.«

Dodge legte seine Hand auf Buck Rimbauds Schulter, zwinkerte ihm bedeutungsvoll zu und und sagte zu Casement gewandt: »Wer weiß, mein lieber Casement, ob der Krieg nicht noch eine entscheidende Wende herbeigeführt hätte, wäre unser Freund hier bis zum Schluss dabeigeblieben.«

Casement nickte brummig. »Wenn ich mir den Kerl hier so anschaue, würde ich es schon fast glauben, Dodge. Aber genug der Lobeshymnen und Vergangenheitsbewältigungen. Wir haben eine wichtige Mission zu erfüllen. Die liegt in unmittelbarer Zukunft und trägt den Namen Eisenbahn.«

»Wobei wir bei dem Punkt angelangt wären, an dem Sie ins Spiel kommen, Rimbaud«, setzte Dodge ergänzend hinzu. Er ergriff einen Zeigestock und bewegte sich auf die Landkarte zu, die an der Stirnwand des Waggons angebracht worden war. Dann tippte er mit dem Zeigestock auf einen markanten Punkt, wandte sich Buck Rimbaud mit ernster Miene zu und sagte: »Das ist Laramie, unser augenblicklicher Ausgangspunkt. Von hier werden die Schienen weiter nach den Westen verlegt, genau durch das Indianergebiet auf die Rockies zu. Die Central Pacific verlegt ihre Schienen von Westen nach Osten, also aus der entgegenkommenden Richtung. Treffpunkt beider Schienen ist in Utah. Genauer gesagt, am Promontory Point. Das ist hier. Wer zuerst ankommt, gewinnt das Rennen. Und ich kann Ihnen versichern, mein lieber Buck Rimbaud, dass es sich für den Gewinner wahrhaftig lohnen wird.«

»Ein Wettrennen zweier Giganten, wie ich sehe.«

»Das sehen Sie völlig richtig. Und ich will verdammt sein, wenn ich es zulassen würde, dass die Central noch vor uns am vereinbarten Treffpunkt ankommen würde. Nun, bislang lagen wir auch gut im Rennen.«

»Bislang, General?«

»Ja, denn da gibt es etwas, das uns Sorgen macht. Tüchtige Sorgen sogar. Nämlich Big Sid Donlevy. Wie ein Geier folgt dieser Kerl mit seiner Schar dem Schienenkopf und verdirbt die Arbeiter mit billigem Schnaps, Glücksspiel und seinen Huren. Je weiter wir nach Westen vordringen, desto schlimmer wird es. Die Arbeiter sitzen lieber in seinem Zelt, statt sich mit ihrer Arbeit zu befassen. Damit nicht genug. Täglich gibt es mindestens einen Toten, wenn nicht sogar mehr. Wir verlieren Zeit, Rimbaud. Zeit, die wir nicht übrig haben. Die Sache droht uns aus der Hand zu gleiten. Und dieser verdammte Donlevy verdient sich eine goldene Nase und lacht sich dabei ins Fäustchen.«

»Ich frage mich, weshalb bislang noch nichts dagegen unternommen wurde, Sir.«

Dodge legte seinen Zeigestock auf eine eichen beschlagene Anrichte und rieb seine Hände ineinander. »Das haben wir, Rimbaud. Wahrhaftig! Aber ich will ehrlich sein: Die, die es versuchten, liegen sechs Fuß unter der Erde. Der letzte Mann, Ihr Vorgänger, starb erst vor einer Woche. Ein Mann namens Larry Gardiner. Man fand ihn an der Baustelle. Mit einer Kugel im Rücken. Das ist der augenblickliche Stand der Dinge.«

Eine kurze Weile herrschte Schweigen, wobei sich die Blicke von Dodge und Casement erwartungsvoll auf Buck Rimbaud legten.

»Nun, Gentlemen, damit dürfte meine Aufgabe wohl klar genug sein. Wo sind meine Grenzen?«

»Es gibt keine. Hier bei der Eisenbahn sind wir allein auf uns gestellt, und es gibt keine Regeln. Sie vertreten ab sofort das Gesetz. Wie Sie das anstellen, ist allein Ihre Sache. Tun Sie, was in Ihren Augen erforderlich ist, und sorgen Sie dafür, dass der Bau der Eisenbahn nicht behindert wird. Wir werden Sie bei Ihren Aufgaben unterstützen, halten uns ansonsten zurück. Rusty Kincaid und Half-Half Corderra haben wir Ihnen zum persönlichen Schutz zugeteilt.«

»Mit Verlaub, Sir, aber ich denke, ich arbeite lieber allein.«

Casement fragte: »Mögen Sie die beiden Burschen etwa nicht, Mister Rimbaud?«

»Das ist es nicht, Sir, aber …«

»Glauben Sie mir, junger Freund: Diese beiden Männer werden Sie noch nötig brauchen. Sie kennen sich hier aus wie in der eigenen Westentasche und werden Ihnen sehr, sehr nützlich sein. Ich an Ihrer Stelle würde es mir zweimal überlegen, auf die Hilfe beider verzichten zu wollen.«

»Nun gut. Die beiden Burschen scheinen ja ganz in Ordnung zu sein. Schätze, wir werden uns schon vertragen. Was mich betrifft, so möchte ich mich jetzt empfehlen und mir mein neues Arbeitsfeld einmal ansehen. Außerdem habe ich einen mächtigen Hunger.«

Die beiden Männer lächelten verständnisvoll, und Dodge sagte: »Dagegen wüsste ich etwas. Gegen Ihren Hunger, meine ich. Wenn Sie sich der Baustelle entlang Richtung Stadt halten, befindet sich linker Hand ein kleines Restaurant. Dort kann man wunderbar seine Mahlzeiten einnehmen. Und die Besitzerin Deborah Lamont ist eine hübsche Frau. Verdammt hübsch, um es genau zu sagen.« Ein vielsagendes Lächeln huschte über sein bärtiges Gesicht.

»Danke für den Tipp, General Dodge. Ich werd‘s mir merken.« Buck Rimbaud tippte an die Hutkrempe. »Gentlemen!«

Sie nickten ihm zu, und er verschwand aus dem Waggon.

 

*

 

»Ein Mann, der nicht viele Fragen stellt, wie‘s scheint. Ich möchte gerne wissen, woher Sie diesen Rimbaud kennen, mein lieber Dodge, und wieso Ihre Wahl gerade auf ihn gefallen ist.«

Dodge klemmte sich eine Zigarre zwischen die Lippen, hob den Zylinder der Tischlampe und zündete die Zigarre am Docht an. Er paffte ein paar tüchtige Züge, wandte sich Casement zu.

»Ja, er ist ein rauer Bursche, dieser Buck Rimbaud. Hat viel Verstand und kann wahrhaftig mit Colt und Fäusten umgehen. Nun, woher ich ihn kenne, Casement? Ich war Zeuge, wie er vor etwa einem Jahr mit einer wilden Schar von Cowboys fertig geworden ist, die eine Herde nach Sedalia, Missouri getrieben und in der Stadt die Hölle losgelassen hatten. Und diese wilden Burschen, es waren Texaner, hätten gewiss diese Stadt zu Kleinholz verarbeitet, wenn sich ihnen nicht einer entschlossen in den Weg gestellt hätte. Nämlich Marshal Buck Rimbaud.«

»Er war damals Marshal in Sedalia?«, fragte Casement erstaunt.

Dodge nickte. „Ja. Und er war es noch, als ich ihm dorthin ein Telegramm geschickt hatte, dem allerdings zwei Briefe vorangegangen waren.“

Casement runzelte die Stirn. „Sie haben den Mann praktisch abgeworben?“

„Sozusagen – ja, um es vorweg zu nehmen. Nun, mein lieber Casement, damals stellte er sich in Sedalia jener wilden Cowboyschar entgegen, und keine drei Minuten waren sie allesamt lammfromm, nachdem er den Trailboss mit ein paar Hieben in den Staub der Main Street geschickt hatte. Das reichte für die anderen aus, sich anschließend ruhig und gesittet zu verhalten, diese wilden Texaner. Mir hatte das mächtig imponiert. Aber das war noch nicht alles.«

Casement sah Dodge fragend an. »Was denn noch?«

Dodge betrachtete schmunzelnd seine Zigarre. »Wie gesagt, das unerschrockene Auftreten dieses jungen Burschen gefiel mir, und ich lud ihn zu einem Whiskey ein. Und wissen Sie was, mein lieber Casement?«

»Na, raus damit, Dodge. Spannen Sie mich nicht auf die lange Folter.«

»Brownsville.«

Casement sah Dodge fragend an. »Brownsville?«

»Wir sprachen bereits vorhin darüber. Nun, als ich an jenem Tag mit dem jungen Burschen, der so selbstlos ins Geschehen eingegriffen hatte, beim Whiskey saß, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Ja, mein lieber Casement. Diesen Burschen kannte ich. Hatte ihm schließlich das Leben gerettet. Damals, in Brownsville, als es den Rebellen gelungen war, die Stadt zurückzuerobern.«

»Sie haben … was?«

»Sie haben schon richtig verstanden. Ich rettete ihm damals das Leben. Es stimmt schon, was er vorhin sagte. In der Schlacht war er verwundet worden. Wir stießen auf ihn, als wir uns auf den Rückzug machten und er reglos zwischen ein paar Felsen lag. Einer unserer Leute legte auf die reglose Gestalt an, wollte ihm noch eine Kugel verpassen. Ich sah es und schlug dem Kerl die Waffe aus der Hand, ehe er abdrücken konnte. Bei Gott, Casement. Wir waren im Krieg, die Rebellen unsere Feinde. Zudem hatten wir in Brownsville eine tüchtige Niederlage erlitten. Aber einen Wehrlosen abzuschießen, ob Freund oder Feind, das ging mir gegen den Strich. Ja, und somit rettete ich unserem Freund damals das Leben und sorgte dafür, dass er in ein Lazarett kam.«

»Donnerwetter, Dodge. Fürwahr eine noble Geste. Ich wüsste nicht, ob ich ähnlich gehandelt hätte. Mein Respekt, mein lieber Dodge. Aber was geschah dann?«

Dodge klemmte sich wieder die Zigarre zwischen die Zähne und zuckte mit den Schultern. »Als wir also in Sedalia zusammen beim Bier gesessen hatten, und ich dann auch wieder wusste, wer er war, hatte ich ihn natürlich für das Projekt der Union begeistern wollen. Nun, zunächst schien er sich noch nicht ganz schlüssig zu sein. Denn scheinbar gefiel ihm wohl der Posten als Marshal ganz gut in Sedalia. Aber ich bin auch später noch beharrlich geblieben, und habe ihn zweimal einen Brief geschrieben. Der erste Brief, den ich von ihm dann als Antwort erhalten hatte, war eher negativ. Die Antwort auf meinem zweiten Brief allerdings ließ mich hoffen, zumal es in Sedalia wohl mittlerweile etwas zu ruhig für unseren Freund geworden war, und ich ihm geschrieben hatte, dass er hier dringend gebraucht werden würde.“

Casement lächelte verschmitzt. „Ich verstehe, Dodge. Und dann kam das Telegramm, nicht wahr?“

Dodge nickte. „Ganz genau. Dieses Telegramm schickte ich ab, kurz nachdem die Sache mit Gardiner passierte. Und das schien Buck Rimbaud zu überzeugen, den Marshal-Posten in Missouri an den Nagel zu hängen und hierher zu kommen.“

»Wirklich interessant. Das alles hört sich recht vielversprechend an. Ich hoffe nur, dass er mit den hiesigen Schwierigkeiten genauso fertig werden kann, wie mit denen in Missouri, mein lieber Dodge.«

Dichte Qualmwolken umnebelten General Dodges Gesicht, als er heftig an der Zigarre paffte. Mit einer fächernden Handbewegung trieb er sie auseinander und ließ verlauten: »Davon bin ich überzeugt.«

»Nun, von Larry Gardiner waren wir auch überzeugt, mein lieber Dodge«, warf Casement als Einwand ein.

»Das ist richtig. Gardiner war ein guter Mann. Aber er war nicht hart genug«, antwortete Dodge und klemmte sich die Zigarre zwischen die Zähne.

 

 

3. Kapitel

Laureen Hollybee war eine sündhaft hübsche Frau und wahrhaftig alles andere als prüde. Sie hatte ihr flammenrotes Haar gelöst, und es fiel in Wellen an ihren nackten Schultern herab. Sie begann sich auf dem Bett zu räkeln und blickte ungeduldig zu Sid Donlevy. Der stand mit dem Rücken zu ihr am schmutzigen Fenster und starrte hinaus. Es ärgerte sie ungemein, wie er dort stand und Löcher in die Luft starrte, statt sich endlich um sie zu kümmern.

»Hör auf, so stumpfsinnig rauszustarren, Sid, und komm her zu mir. Ich will es endlich von dir haben.«

Big Sid Donlevy drehte sich nicht einmal zu ihr um. Stattdessen hörte sie ihn sagen: »Gleich, Darling, gleich.«

»Gleich? Herrgott, Sid Donlevy! Das hast du mir vor zehn Minuten schon gesagt. Erst verspricht du mir ein paar schöne Stunden voller Zweisamkeit, und stattdessen glotzt du nur aus dem Fenster. Was, verdammt, was gibt‘s da schon für dich zu sehen?«, rief sie ihm drängend entgegen und schlug zur Unterstreichung ihrer Worte mit der Faust aufs zerwühlte Laken.

Nun drehte sich Sid Donlevy tatsächlich sich zu ihr herum. Ein erstaunter Ausdruck lag in seinem Gesicht, und sein smartes Bärtchen zuckte etwas beim Lächeln. Nicht nur sein Bärtchen, wie Laureen zufrieden feststellte.

Donlevy ging auf sie zu und strich ihr durchs Haar. Dabei sagte er: »Darling, du schaffst es doch immer wieder, das Blut eines Mannes zum Kochen zu bringen.«

Laureen lächelte aufreizend zu ihm auf. „Hat aber dieses Mal mächtig lange gedauert, bis du dahintergekommen bist. Und nun komm endlich her zu mir – ganz nah“, hauchte sie ihm verheißungsvoll entgegen, schlang ihre Arme um seinen Körper und zog ihn zu sich herunter aufs Bett.

Es pochte heftig an die Tür des Waggons, und Big Sid versuchte sich, aus Laureens Armen zu lösen, was ihm nicht gelang. Denn sie blieb beharrlich. »Wer ist da, zur Hölle?«, rief er barsch nach draußen.

»Ich bin es, Mister Donlevy. Travis Brooks!«, drang es von außen durch die schwere Waggontür.

Big Sid knirschte mit den Zähnen. »Lass dir ‘nen verdammt guten Grund einfallen, mich hier zu stören, Travis!«

»Den habe ich bestimmt, Boss«, drang es durch die Tür zu ihm heran. »Jared Broswell schickt mich. Er sagte, es sei sehr wichtig.«

Ein Fluch sauste über Big Sids Lippen. Diesmal gelang es ihm, sich von Laureen zu lösen, lief zur Eisentür und riss sie mit einem Ruck auf. Draußen vor dem Waggon stand ein schmächtiger Bursche in einem schwarzen Anzug und mit einem Gesicht, das so bleich war, wie die Farbe des Mondes.

»Was gibt es so Dringendes, dass du es wagst, mich hier zu stören? Raus damit, Travis.«

»Sorry, Mister Donlevy. Aber vorhin kam ein Mann in den Union Palace, der es sehr eilig hatte. Er verlangte unbedingt nach Ihnen. Als Sie aber nicht anzutreffen waren, gab er Broswell einen Brief mit einer Nachricht. Jared Broswell schickte schickte mich gleich darauf sofort zu Ihnen.«

Donlevy legte die Stirn in Falten. »Nachricht? Was für eine Nachricht. Und was war das für ein Mann?«

»Ich kannte ihn nicht. Hörte nur, er käme aus Cheyenne und müsse auch dorthin wieder zurück. Aber die Nachricht für Sie sei sehr wichtig.«

»Mehr nicht?«

Travis schüttelte den Kopf.

»Dann gib schon her, diesen verdammten Brief.«

Travis griff in die Innentasche seines Rocks und brachte einen Umschlag zum Vorschein, den er seinem Boss reichte. Ungeduldig riss Donlevy ihm diesen aus der Hand. Das Licht war draußen zu schwach, um Genaueres zu erkennen.

»Warte hier«, raunte er Travis zu und verzog sich wieder ins Innere seines Waggons. Dabei schlug er die schwere Tür vor Travis‘ Nase zu. Laureen hatte sich inzwischen aufgerichtet, das Laken vom Bett ergriffen und um ihre nackten Schultern gelegt. Mit gerunzelter Stirn beobachtete sie, wie sich Donlevy an der Tischlampe zu schaffen machte und den Docht höher drehte, bis es im Waggon hell genug wurde.

»Was ist denn los?«

Er antwortete nicht, riss stattdessen ungeduldig den Umschlag auf und zog den darin enthaltenen Brief hervor. Den Umschlag warf er achtlos auf den Tisch, während er den Brief auseinander faltete und las. Viel stand nicht darin. Aber es reichte aus, und Big Sid Donlevy wusste Bescheid. Er nickte, faltete das Papier zusammen und beförderte es in seine Hosentasche. Dann blickte er mit ernstem Gesicht zu Laureen, die ihn fragend anstarrte und sagte. »Okay, Darling, zieh dich wieder an. Du gehst mit Travis rüber in den Saloon. Ich muss für ein oder zwei Tage dringend fort.«

»Noch in dieser Nacht? Was ist denn los?«

Big Sid machte eine lapidare Handbewegung. »Geschäfte. Und die gehen dich nichts an.«

»Die können doch warten, oder etwa nicht?«

Seine Antwort war knapp, aber deutlich. »Nein.«

Laureen zog einen Schmollmund. Aber den registrierte er nicht mehr, weil er sich sogleich brüsk von ihr abwandte. Am Haken neben der Eisentür hing sein Hut. Den zog er herunter, strich über die rundliche Krone und stülpte ihn auf den Kopf. Ohne Laureen noch eines Blickes zu würdigen, riss er die Waggontür auf und trat hinaus. Travis Brooks stand wartend vor dem Waggon.

Donlevy sagte: »Warte hier, bis Miss Laureen sich angezogen hat. Dann geht ihr beide rüber in den Union Palace. Und sag Broswell, dass er mich für ein oder zwei Tage vertreten soll. Ich reite noch heute Nacht nach Cheyenne.«

Travis Brooks war ein Mann, der keine Fragen stellte, sondern das tat, was sein Boss ihm auftrug. So nickte er nur und ließ verlauten: »Werd mich drum kümmern, Mister Donlevy. Sie können sich darauf verlassen.«

Im Vorbeigehen klopfte Donlevy dem Mann auf die Schulter und machte sich eiligen Schrittes auf dem Weg zu seinem Mietstall. Er war nur noch als Schatten zwischen ein paar einzelnen Waggons zu erkennen, als Laureen auf die Waggonplattform trat, ihre Hände in die Hüften rammte und zornig auf Travis niederblickte. »Kannst du mir vielleicht eine Erklärung geben, was das soll, Travis Brooks? Wo will er denn hin, mitten in der Nacht, als wäre der Teufel hinter ihm her?«

»Cheyenne.«

»Cheyenne? Wieso Cheyenne?«

Travis Brooks zuckte mit seinen schmalen Schultern. »Miss Laureen, ich arbeite für Mister Donlevy als Croupier an den Roulettetischen. Aber nicht, um mich in seine Angelegenheiten zu stecken. Und jetzt kommen Sie bitte. Mister Donlevy trug mir auf, Sie mit in den Saloon zu nehmen.«

Für einen kurzen Augenblick wollte sie den schmächtigen, blassgesichtigen Travis ein paar Unflätigkeiten an den Kopf werfen, sah aber rechtzeitig ein, dass dies zu nichts führen würde. So raffte sie ihr Kleid und stieg die Eisenstufen vom Waggon herunter. So folgte sie dem Croupier, der es nicht für besonders notwendig hielt, ihr den Arm anzubieten, in Richtung des Amüsierzeltes.

 

 

4. Kapitel

Es war bereits recht spät, und der Himmel legte sich wie ein schwarzes Tuch über das riesige Camp. Sterne blinkten von oben herab, glitzernd, hell und doch so fern. Hier im Camp, nahe der Baustelle, war es ziemlich ruhig. Doch weiter vorne, in der jungen Stadt, pulsierte das das Nachtleben. Der Wind wehte fernes Gegröle zu Buck Rimbaud heran. Für einen kurzen Augenblick starrte er zum Mietstall herüber, der wie vieles andere auch aus ein paar Bretterwänden zusammengezimmert war, die man schnell bei einer Weiterverlegung des Camps wieder auseinandernehmen konnte, und überlegte, ob er sein Pferd holen sollte. Doch dann verwarf er den Gedanken. Er würde den Braunen nicht brauchen und entschied sich daher für einen kleinen Fußmarsch. Der führte ihn an den Schienen entlang. Vorbei an den Bau- und Wohnwagen, aus denen vereinzelt ein Lichtschein zu ihm hinaus auf die Straße drang. Er arbeitete sich an mit Material beladenen Wagen vorbei und erreichte jenes kleine Restaurant, das ihm General Dodge wärmstens empfohlen hatte. Es war ein Waggon, der eigens als Restaurant umgerüstet worden war. Ein kleines Schildchen war seitlich angebracht, auf dem zu lesen stand: Deborah‘s Dining Room. Das klang nett, und Buck Rimbaud setzte ein breites Schmunzeln in sein Gesicht. Als er eintrat, läutete ein Glöckchen. Das entzückte ihn noch mehr. Der Geruch von frisch gebackenen Pfannkuchen und starkem Kaffee wehte zu ihm heran. Das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Als er sich umsah, stellte er fest, dass er der einzige Gast zu dieser Stunde war. Augenscheinlich vergnügte man sich lieber im großen Amüsierzelt von Big Sid Donlevy, statt sich hier bei einer Tasse Kaffee, Sandwiches oder besagten Pfannkuchen aufzuhalten.

Nun, Buck Rimbaud war dies nur recht. Gesellschaft würde er noch schnell genug bekommen, schneller, als ihm lieb war. Hinter der provisorisch errichteten Theke hantierte eine junge Frau an einem Herd. Sie machte sich an einer Pfanne zu schaffen. Als sie seine Schritte hörte, wandte sie sich jäh zu ihm herum. Buck Rimbaud blickte in ein hübsches, wenngleich von der Hitze gerötetes Gesicht. Sie blies sich eine widerspenstige, braune Locke aus der Stirn und sah ihn mit großen, wasserblauen Augen fragend an. Augen, so klar wie ein Bergsee in Montana, und ihr Mund schien wie zum Küssen gemacht.

Donnerwetter!, schoss es Buck Rimbaud durch den Kopf, Dodge hat keineswegs übertrieben. Diese Miss ist wirklich eine Augenweide!

Sie mochte seine Gedanken erraten haben, so, wie er vor ihr am Tresen stand, denn ihre Lippen formten sich zu einem leicht spöttischen Lächeln, als sie sagte: »Wollen Sie mich weiter begutachten oder auch etwas essen?«

In ihrer Stimme wehte ein leicht kehliges Timbre, das ihm gefiel. So, wie alles andere an ihr auch. So kam er nicht umhin, sich erst einmal tüchtig zu räuspern, bevor er in der Lage war zu antworten. »Sorry, Ma‘am, es sollte nicht so aussehen, als wollte ich Sie anstarren. Tut mir leid.«

Ihr Lächeln wurde breiter. »Aber Sie haben es getan.»

»Ja, Ma‘am. Und ich gebe zu, das mir das, was ich sehe, prächtig gefällt.«

»Sie sind ein Schmeichler, stimmt‘s?«

Verlegen fuhr er sich mit der Hand durch sein stoppeliges Gesicht. »Eher weniger, Ma‘am. Nur ehrlich.«

»Ehrlichkeit bei einem Mann? Mir scheint, eine Tugend, die eher selten zu finden ist.«

Sie lächelte immer noch bei diesen Worten. Ihre Augen aber taten es nicht. Und Buck Rimbaud fühlte, dass sie möglicherweise in vergangener Zeit enttäuscht worden war. Schmunzelnd gab er zur Antwort: »Nun, das kann schon stimmen. Aber das eine oder andere Exemplar dieser Gattung mag es geben, die eine solche Tugend aufrechterhält.«

»Und Sie gehören dazu, was?«

Details

Seiten
127
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941616
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904022
Schlagworte
ende schienenstrangs

Autor

Zurück

Titel: Am Ende des Schienenstrangs