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Gelber Strom

2020 253 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Gelber Strom

Copyright

Des Landes Pulsader

Hundemann

Chinesische Riviera

Die Straße der guten Gerüche

Mann ohne Gesicht

Schanghaiabenteuer

Fan-Tan

Im Winde schwankende Bambussprossen

Schanghainacht

Das Bad des Dschingis Khan

Ma Yü lächelt

Das Gesicht des Tschang Pi

Auf dem Yangtsekiang

Beschauliche Flussfahrt

Yangtsepiraten

Krokodil im Yangtse

Ma Yü betet

Chiquitas Gruß

Die Stimme des Fernen Ostens

Osten und Westen

Die Große Exzellenz Wang

Welt in Scherben

Der Ferne Osten ohne Maske

Fünffingerberg

Sie chömmet

Die Ahnen

Gelber Strom

Roman von Ernst F. Löhndorff

Der Umfang dieses Buchs entspricht 253 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch, das in einer frühen Fassung „Yangtsekiang“ hieß, widme ich meinen Freunden im Land Cathay und wünsche ihnen Hoffnung, Glück und Frieden. Dreimal in meinem Leben war ich dort, zuletzt während des chinesisch-japanischen Krieges 1958 nur einige Monate. Die Geschichte, die ich hier erzähle, ist nicht die meine, ich reihte nur Erlebtes und Gehörtes wie eine Kette schwarzer, grüner, weißer und rosiger Jadeperlen auf. Die Hauptpersonen: jener prächtige alte Chinese und seine von inneren und äußeren Konflikten hin und her gerissene Tochter Ma Yü haben gelebt, und es gab und gibt unzählige wie sie. Auch das leidende und hoffende, unsterbliche große chinesische Volk, seinen Fleiß und seine seelische Sauberkeit habe ich erlebt. Und der heute dort mächtige Kommunismus ist nur die harte, zwangsläufige Folge im Dasein eines seit mehr als hundert Jahren von fremdem und eigenem Freibeutertum um den Ertrag seines Fleißes gebrachten Volkes. Auch das wird vorübergehen, denn das ehrliche, geduldige, traditionsbewusste Volk der Chinesen lässt sich nicht zerstören und wird leben.

Laufenburg i. Baden, 1954

Der Roman spielt zwischen den beiden Weltkriegen.

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der Entstehungszeit der Romane und unterlagen seitdem einem steten Wandel. So kommen beispielsweise immer mal wieder „Neger“ vor. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung. Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Des Landes Pulsader

Weit von hier, in einem Land, das den meisten von euch nur unklar aus den Purpurschleiern wunschkräftiger Träume auftaucht, wenn die Gedanken auf den windschnellen Zauberrossen eines sehnsüchtigen, unstillbaren Fernwehs spazieren reiten – dort braust ungestüm oder fließt rauschend und wälzt sich streckenweise fast lautlos, aber dennoch mit unheimlicher Macht ein gelber Strom. Wunderbarerweise nennen ihn die gelben, lächelnden Bewohner jener Gegend nicht nur den „Pappel- und Weidenstrom“, sondern den „Blauen Strom“. Yangtsekiang!

In einsamer majestätischer Bergwelt, wo in uralten, geheimnisvollen Klöstern rote und gelbe kluge Lamapriester in grauen Felstälern wachen und sinnen und büßen; wo der zottige Yakbüffel mühsam die verschneiten Pässe überquert; wo seltsame klappernde Gebetsmühlen und flatternde, zerrissene Fahnen auf fast unzugänglichen Gipfeln das Reich der „Dämonen“ beherrschen und wo feierlich eintöniges „Om mani padme hum“ der Betenden gleich gedämpften Gongschlägen hallt – dort kommt er in kristallener Bläue aus den dunklen Bergschrunden und eisgrünen Gletschern hervor. Im Land des ewigen Buddha – der Yangtsekiang.

Später, im langen Lauf, verliert er den seidig-blauen Glanz und wird gelb. So gelb wie die Haut der lächelnden, geduldigen und geplagten Menschen, die an seinen Ufern in wimmelnden Städten, Dörfern oder einsamen Hütten und auf Kähnen und Sampans auf dem Wasser oder im Elend unter freiem Himmel obdachlos geboren werden, leben und sterben und wiederkommen. Gelb, wie die Erde, die er ernährt! Gelb, wie die Prachtgewänder der alten Mandschu-Kaiser, die diese Farbe zur herrschenden machten. Gelb, wie die Drachen, die dem Lande gütige Symbole sind. Gelb, wie die Segel der Dschunken und deren Holz, die er weiterträgt oder auch vernichtet. Gelb, wie die unermesslichen Sümpfe und Seen, die er bildet, wenn er grollend seine Dämme durchbricht, die stellenweise achtzig Meter hohen Ufer mit riesigem Schwall überflutet und die gelbe Erde mit Hunderttausenden von Menschen und Tieren erbarmungslos verschluckt.

Not und Tod, Zwist und Verzweiflung bedrohen diese gelben Menschen von allen Seiten, aber fast immer lächeln sie. Warten und lächeln.

Und langsam gleitet die Dschunke den breiten Strom hinab. Der Yangtse windet sich durch die Landschaft. Hügel mit Dörfern und Klöstern; von Menschen wimmelnde Anlegeplätze; Baumgruppen, aus denen die hellgrünen Trauerweiden ihre zarten langen Bogen herabhängen lassen. Und einsame Gehöfte, gelber Löß, grüne, überschwemmte Reisfelder, wo fleißige Menschen die jungen Pflänzchen behüten. Kaolingfelder.

Unter blauem Himmel segeln silberweiße Wolken und um die weichen fließenden Konturen der Landschaft webt die Sonne strahlende Netze.

Lächelndes Land und lächelnde Menschen. Lächelnder weißer „Tschang Pi“ und lächelnde „Kleine Blume“ aus dem Reich der Mitte, deren Geschichte ihr nun hören werdet.

In gewaltigen Windungen, die ihr anvertraute Dschunke sanft schaukelnd, zieht eine der großen Wasserstraßen Chinas durch das gelbe, mit grünen Büschen und gelb-grauen Dörfern besprenkelte Land. Gleichmäßig, wie ein leises unaufhörliches Lied, das Chinas Ewigkeit besingt, rauscht der große, schimmernde Yangtse. Weit von hier, weit von uns.

 

Hundemann

Gerade waren die Gefängnisinsassen von Hongkong dabei, ihren vorgeschriebenen Spaziergang zu machen. Die Korridortür, neben der ein eurasischer Beamter saß und die reizvollen Nuditäten eines Magazins studierte, war offengeblieben. Der große grauhaarige Mann, dem die Freiheit in wenigen Tagen bevorstand und der deshalb das Privileg hatte, an dem Exerzitium der andern nicht mehr teilnehmen zu müssen, konnte jene aus seiner Zelle beobachten. Meist Chinesen der Kuliklasse, ein paar elegante Mischlinge dazwischen und einzelne Europäer. Sie saßen wegen Diebstahls, Überfalls, Mädchenhandels und anderer Delikte, wie sie in allen großen Städten des Fernen Ostens nicht selten sind. Einige wenige mochten auch unschuldig sitzen, und dass er selbst kein Verbrecher war, sondern nur auf eine abgekartete Geschichte hin verhaftet wurde, wusste der Grauhaarige am besten. Morgen, spätestens in zwei Tagen würde er, freigesprochen aus „Mangel an Beweisen“, in die Freiheit zurückkehren.

Vorschriftsmäßig marschierten die anderen um das Viereck des Innenhofes, wobei der Hintermann dem vor ihm Schreitenden beide Hände auf die Schultern legen musste. Und so bildeten sie eine ununterbrochene Kette. Aufseher, mit glimmenden Zigaretten im Mundwinkel, passten auf, dass die Untersuchungshäftlinge nicht miteinander sprachen oder sich Kassiber zusteckten.

Der Mann in der Zelle kannte das. Auch er war bis gestern zweimal am Tag seit seinem Hiersein – welch unendlich lange Zeit dünkten ihn die Monate – Glied einer solchen stumm wandernden Menschenschlange gewesen.

Er zog seine Drillichjacke aus, setzte sich auf die Pritsche und dachte an die Freiheit.

Jeder Gefangene muss Matten aus einer sehr harten Schilfart flechten. Mechanisch arbeiteten seine Finger, wobei er in den Hof schaute. Er seufzte. Übermorgen kam die Entlassung! Da ein Stigma ihn zeichnete, würden die meisten seiner weißen Bekannten ihn nicht mehr kennen wollen. Einige, sogenannte gute Kerle, würden ihm heimlich ein paar Dollars in die Hand drücken. Arbeit? Die gab ihm keiner mehr. Oder doch, gewisse Leute gibt es überall, die einen sogenannten Schiffbrüchigen sehr gut für ihre dunklen Zwecke gebrauchen können. Wenigstens eine Zeitlang. Bis jene wieder ins Gefängnis wandern oder in einer Opiumkneipe verkommen oder auch eines Tages, mit einem Messerstich im Nacken, tot aus dem Hafenbecken gezogen werden.

Er hatte bei den verflossenen gemeinsamen Spaziergängen im Hof schon manche mehr oder weniger deutliche Angebote erhalten. Auch Adressen und Stichworte wurden ihm zugeflüstert.

Vielleicht, dachte er, wäre es gar nicht so dumm, sich den chinesischen Piraten drüben in der Biasbay, unweit von Hongkong, anzuschließen!

Da hausen, kaum fünfzig Seemeilen von dem Kriegs- und Handelshafen Hongkong entfernt, in der berüchtigten Biasbay, einige Zehntausende Chinesen in Dörfern und auf Dschunken, die das ehrsame Seeräuberhandwerk ihrer Vorväter und Väter genau so ausüben, wie diese. Und die Einkünfte, die sie durch Ausplünderung von Küstendampfern, Dschunken und aus Lösegeldern entführter Kaufleute erzielen, legen sie durch Mittelsmänner, die meist sehr angesehene Leute in den Städten sind, mit guten Zinsen mündelsicher in guten Banken an.

Mancher Großbankier und Handelsfürst gehörte früher der ehrsamen Gilde der Biaspiraten an und darf nun zuweilen bei den Empfängen des Gouverneurs im Palast rassige Cocktails schlürfen. Denn überall in der Welt gilt das Sprichwort: Geld stinkt nicht! Non olet! Das wussten schon die alten Römer und sicher auch schon die Cromagnonleute vor zwölftausend Jahren.

Der Eurasier an der Tür war immer noch in die spritzigen Revuegirls seiner Zeitschrift vertieft, und langsam wanderte jetzt der Blick des Gefangenen über die Risse und Sprünge seiner Zellenwand. Seit gestern war der Brotteig, mit dem er die Spalten verklebt hatte, von der Hitze ausgetrocknet und herausgefallen.

Über ihm war an der Wand ein Klappbrett, auf dem sein Essgeschirr stand. Ein Kanten Brot lag noch drin. Mit Speichel – denn Wasser erwies sich als unzweckmäßig – knetete er die Krume zu einem Teig. Verschmierte damit die Mauerritzen, denn in ihnen wohnten Legionen blutdürstiger Wanzen, die nur auf die Nacht lauerten. Unter der Zellendecke warteten die Moskolis, zu gleichem unlöblichem Tun auf Nahrung erpicht. Er schleuderte seinen Schuh nach oben, aber die dadurch Getöteten wurden durch neuen Zuschub ersetzt.

Er schrak hoch. Wer brüllte denn da so entsetzlich? Er hielt sich die Ohren zu, und aus anderen Zellen tönten protestierende Stimmen. Ein paar Chinesen begannen zu miauen.

Aber jener brüllte und tobte weiter. Es war der Neger Billy. Der hatte seiner chinesischen Geliebten, einer Hure vom Kennedystadtteil, nach vorangegangenem Zank um wenige Dollars Hongkongwährung den Hals abgeschnitten. Und sollte nun nach englischem Recht für diese Untat am Halse aufgehängt werden. Und er wollte doch nicht sterben!

Der Einsame bemühte sich, nicht mehr hinzuhören. Schließlich hatte er während der letzten Jahre in China Dinge erlebt, gegen die die Verzweiflung des schwarzen Mörders ein Kinderspiel war. Und wenn Billy ein Chinese gewesen wäre, so hätte er nicht ohnmächtig gegen sein verdientes und unabwendbares Schicksal losgetobt, sondern wäre ruhig geblieben. Der Chinese fürchtet den Tod nicht, er ist für ihn nur die Brücke zu einem weiteren Dasein.

Aber Billy stammte aus Jamaika, und deshalb brüllte und weinte er. Aber ebenso plötzlich, wie er angefangen, hörte er wieder auf. Und auf einmal fing er an zu singen, und wie viele Neger hatte er eine wunderbar klangreiche modulationsfähige Stimme. Uralte ergreifende Wiegenlieder und fromme Spirituals, an denen die farbige Bevölkerung Westindiens und der Vereinigten Staaten so reich ist, erfüllten das Gefängnis mit ihrer beruhigenden Macht. Dem Lauscher stieg es heiß in die Kehle.

Nachdem er noch die Strophen von „John Browns Body“ gesungen, schwieg der Neger mit tiefem Aufschluchzen.

Schritte nahten. Der Beamte an der Tür schaute auf, nickte kurz und vertiefte sich wieder in das bunte Heft. Ein Wärter kam und brachte einen gestern eingelieferten Chinesen vom Verhör zurück. Man wusste bereits unter allen Insassen, dass er im Verdacht stehe, ein kleinerer Mittelsmann der Biasbayleute zu sein.

Als der schlanke, in die schwarze Tracht chinesischer „Meeresleute“ gekleidete Kantonese an der Gittertür des einsamen Grüblers vorbeigeführt wurde, flog ein Papierknäuelchen durch die Öffnung aufs Bett.

Der Mann mit dem grauen Haar entfaltete neugierig das Papier. Englische Worte waren darauf gekritzelt, sichtlich mit dem Pinsel geschrieben. Eine Adresse in Wan Chai, die man ihm schon mehrmals zugeflüstert hatte. Irgend jemand war darauf erpicht, die Bekanntschaft eines bald entlassenen, aus „Mangel an Beweisen“ freigesprochenen Zuchthausvogels zu machen. Eines Weißen, der, wie man im Osten sagt, „sein Gesicht verloren hat“.

Stirnrunzelnd las er die Unterschrift, oder war es ein Stichwort? Nein, dieses stand auch da. „Tz‘uei“. Eile. Die Unterschrift war englisch: „Dogman“. Also Hundemann. Merkwürdiger Name. Den hatte er doch schon irgendwo gehört oder gelesen! Da fiel ihm ein, dass man im Klub über die Angelegenheit gesprochen hatte.

Es war eine jener furchtbaren wahren Geschichten; tragisch, dunkel, wie sie im Fernen Osten und gar nicht selten vorkommen. Wie Märchen fangen sie an und enden als scheußlicher Spuk.

… es waren einmal zwei chinesische Brüder. Sie wohnten in der Nähe der wegen ihrer Seiden und prachtvollen Stickereien berühmten, zwischen Hongkong und Schanghai liegenden Hafenstadt Swatau. Beide waren Kaufleute, sehr angesehen, wohlhabend und einander in brüderlicher Liebe zugetan. Sung Wah, der Ältere, liebte die schöne Mei Po, und die Hochzeit wurde nach den üblichen Verhandlungen und Zeremonien auf einen bestimmten Tag festgesetzt.

Am Vorabend des Freudenmorgens für Sung Wah verschwand er plötzlich spurlos. Große Aufregung herrschte, und überall wurde gesucht. Wochenlang suchte man, dann monatelang. Doch blieb der vermisste Bräutigam unauffindbar, und nicht die geringste Spur wurde entdeckt.

Ah Quong, der Jüngere, setzte Himmel und Hölle in Bewegung, seinen geliebten Bruder zu finden. Die Nachforschungen erstreckten sich auch bis zu den Piraten der Biasbay, mit denen beide, wie fast jeder tüchtige chinesische Kaufmann der dortigen Umgegend, heimliche, aber ersprießliche Beziehungen unterhielten. Aber auch diese Seeräuber wussten nicht, was aus dem verschwundenen Sung Wah geworden sein konnte. Endlich wurde angenommen, dass er aus irgendeinem Grund, vielleicht um ein Verbrechen seiner Ahnen zu sühnen, an verborgener Stelle Selbstmord beging, um die erzürnten Geister zu versöhnen. Solches ist im Reiche der Mitte nicht selten.

Der jüngere Bruder übernahm kummervoll die Erbschaft und ließ dem geliebten Sung Wah in seiner frisch bezogenen Hongkongvilla zum Gedenken eine wunderschöne Säule errichten, vor der er jeden Monatsersten viele Räucherstäbchen und das für solche Zwecke in den Begräbnisinstituten erhältliche falsche Papiergeld verbrannte. Pietätvoll nannte er die schöne Säule „Die Erinnerung an heimgegangene Güte und Sanftmut“.

Nebenbei tröstete er die hübsche Mei Po so zärtlich und erfolgreich, dass sie ihm Herz, Hand und die damit verbundene reiche Mitgift zu Füßen legte. Dann vergingen ungefähr sechzehn Jahre. Ah Quong war noch reicher geworden und lebte mit Mei Po, einer Kinderschar und etlichen, diskret in einem anderen Stadtteil untergebrachten Konkubinen herrlich und in Freuden, „wie der liebe Gott in Hongkong“. Die Säule der „Erinnerung an heimgegangene Güte und Sanftmut“ stand im Garten seines Palastes.

Auf einmal machte ein neuer Piratenführer der Biasbay, namens „Dogman“, sehr von sich reden. Und auf Ah Quong, der sich, wie bald durchsickerte, eine gut schießende Leibwache hielt und dessen gepanzertes Auto keine Revolverkugel durchließ, wurden mehrere missglückte Entführungsversuche und auch Attentate gemacht. Bis durch den Mund eines – nach Erstattung des Lösegeldes und Abschneiden der Ohren – aus der Piratenhaft entlassenen Macaokaufmanns die Wahrheit ruchbar wurde und Ah Quong zwang, seine chinesische Leibwache um einige tüchtige weiße Abenteurer zu verstärken und nur noch sehr selten sein schönes Haus im Universitätsviertel zu verlassen.

Jener Hundemann entpuppte sich nämlich als der verschollene Sung Wah!

Ah Quong, der Jüngere, der damals auf das Geschäfts- und Liebesglück seines Bruders neidisch wurde, hatte diesen von einigen ergebenen und gut bezahlten Banditen entführen lassen. Aus irgendeinem Grunde – wer kennt die Schnörkel der chinesischen Seele? – ließ er ihn nicht umbringen, was eigentlich am bequemsten gewesen wäre, sondern in einem verborgenen abgelegenen Gebirgsdorf in einen Bambuskäfig stecken. Dieser Käfig war derart gebaut, dass der Gefangene darin weder stehen, auch nicht richtig sitzen, geschweige denn liegen konnte. Sondern er musste wie eine Kugel geballt kauern. Sechzehn Jahre verbrachte der Unglückliche, ohne zu sterben und ohne wahnsinnig zu werden, in dieser teuflischen Marter. Bis er durch einen Zufall befreit und nach Biasbay geschleppt wurde, wo er kraft alter Beziehungen und seiner durch die Haft geschärften Intelligenz einer der Anführer wurde und durch seine Taten bald in den Ruf einer entsetzlichen Grausamkeit kam.

Sung Wah oder wie er sich jetzt nannte, Dogman, war im Bambuskäfig zu einer unvorstellbaren Missgestalt geworden. Sein Körper bildete einen gekrümmten Klumpen, die Beine waren auch krumm, ohne Spur von Fleisch oder Sehnen und vermochten den Körper, auf dem der normal entwickelte Kopf schlenkerte, nicht zu tragen. Nur die Arme waren nicht verkrüppelt, und mit ihnen klammerte sich Hundemann, da er nicht gehen konnte, am Hals seines Dieners fest, der ihn huckepack trug.

Dies ist die Geschichte der beiden chinesischen Brüder, die so wahr ist, wie die Sonne im Osten auf- und im Westen untergeht!

Und dieser Hundemann, über den die furchtbarsten Geschichten im Umlauf waren und immer wieder die Zeitung füllten, hatte ein Auge auf den aus „Mangel an Beweisen“ freigesprochenen Insassen der Gefängniszelle geworfen.

Nachdenklich starrte er vor sich hin. Die Moskitos begannen zu summen, das elektrische Licht flammte auf. Der Beamte legte sein Magazin weg, seufzte, gähnte dann und zündete sich eine Zigarette an. Im Hof klirrten die Blechgeschirre der Essenholer. Und aus den Ritzen, für die der Brotteig nicht mehr gelangt hatte, krochen die Avantgarden der Wanzen.

 

 

Chinesische Riviera

Schimmernd lag zarter, pastellfarbener Dunst und Duft über der schönen Landschaft.

Er war mit der Tram auf den Victoria Peak gefahren, hatte den bekannten, nach allen Seiten mit der herrlichsten Fernsicht gesegneten Rundgang um den bezaubernden Berg gemacht und sich dann auf einer versteckten Bank niedergelassen. Hinter ihm ragte das letzte Drittel des grasbewachsenen, pyramidenförmigen Berghauptes gegen den Himmel. An diesem, der wie das blaue sanft gewölbte Innere einer Riesenkuppel aus Lapislazuli aussah, schwamm eine einzige Wolke, deren Ränder perlmuttartig und golden gleißten.

Er fragte sich bei Betrachtung des schönen Bildes, wie viele Menschen wohl außer ihm noch ihre Gedanken mit diesem himmlischen Flaggschiff in eine unbekannte, traumhafte Zukunft segeln ließen?

Eine gottgesegnete Gegend, diese Insel Victoria, mit den an die unteren Falten des Berges sich anschmiegenden Häusermassen von Hongkong. Von hier oben aus sieht die Landschaft mit den einzelnen, in üppigem, blumenbuntem Grün ertrinkenden Villen, den braunen, gelb, rot und grün gestreiften Bergen überall, dem vielfarbigen ruhelosen Gewimmel der Dschunken, Dampfer und Barkassen im Hafen zwischen Hongkong und Kowloon, dem blauen Meer im Halbkreis und den auf flimmernden Horizontstrichen schwimmenden lockenden violetten Inselchen wie eines der irdischen Paradiese aus.

Er verzog sein Gesicht. Wusste genau, da er diese Stadt und ihre Menschen gut kannte, welch ein brodelnder Kessel schlimmster Leidenschaften und welch ein Tummelplatz wüster, erbarmungsloser unsichtbarer Kämpfe zwischen reich und arm der scheinbare Garten Eden wirklich ist.

Ein großer Tropenschmetterling mit nachtblauen Zackenschwingen umflatterte die karminroten Kelchblüten, die von ihren Ranken über die Bank baumelten. Chinesische Elstern schwirrten kreischend den dichtbewachsenen Steilhang hinab und fielen hinter Zwergpalmen und Bananenstauden in einen herrlichen Garten ein. Schimmernde Eidechsen huschten über den zementierten Weg. Und deutlich klang das Echo der begeisterten Menge, die in „Happy Valley“ die Pferderennbahn umsäumte, zu dem Einsamen hinauf.

Er zündete sich eine Pfeife an. Und dachte, dass er wohl nach Schanghai müsse. Die Stadt, deren Internationalität weit größer ist als etwa die New Yorks, hat schon manchen bereits alles Aufgebenden wieder auf die Füße gestellt. Oder – er spuckte aus – ihm den Todesstoß versetzt!

Eine chinesische Amah ging langsam mit ihren Schützlingen, zwei blonden kleinen englischen Mädchen, vorüber. Neidisch fast schaute er ihnen nach. Die wussten nicht, wie schlimm das Leben sein kann!

Sie lebten und lachten froh in den Tag hinein, so lange sie noch Kinder waren. Sicher wohnten sie in einer der prachtvollen Villen, wie sie überall in den Falten des Peaks schneeweiß blinkten.

Ein schwitzender Rikschakuli zog sein blankes Wägelchen im Trab den Privatweg zu einem Gebäude hinauf. Tief unten, am Wasserrand, an dem die Füße der „Neun Drachenberge“ das Festland bei Kowloon umkrallten, löste sich ein weißer italienischer Passagierdampfer vom Kai. Frohe Musikklänge mischten sich mit den Echos von der Rennbahn und dem laut hallenden Tuten der Schiffssirene. Das Wasser schillerte in violetten, blauen und sattgrünen Streifen. Rot-gelbe Dschunken schaukelten wie Nachtfalter mit zusammengelegten Schwingen auf der leise wogenden Fläche. Und in der Ferne ragten die Umrisse einzelner Inselchen aus bläulichen Dünsten und glichen Edelsteinen, die wahllos aufs Meer geschüttet waren. Dahinter klaffte der Horizont gleich dem Innern einer wunderbaren Perlmuschel. Und noch weiter weg, den Blicken des Träumenden unsichtbar, lag Biasbay, der Schlupfwinkel chinesischer Piraten. Hundemann, jener schreckliche, bedauernswerte Mensch, der ihm angetane Unbill mit furchtbaren, zum Himmel schreienden Taten an seinen Landsleuten rächte, wohnte dort.

Und was blieb ihm vielleicht anderes übrig? Seine Freunde in Hongkong, die Bills, Dicks, Toms und wie sie alle hießen, hatten ihm nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis die kalte Schulter gezeigt, und keiner wollte ihn mehr kennen. Das meiste von seinen Sachen hatte er schon verkauft, und die Trödler gaben nicht viel für getragene „Gentleman belongings“, wenn sie auch fast neu waren. Der alte Roe, bei dem er früher wohnte und der ihn wieder aufnahm, sagte ihm gestern, dass er das Zimmer brauche.

Also Schanghai auf gut Glück oder Hundemann! Eigentlich reizte ihn dessen Angebot, schlug eine abenteuerliche Ader in seinem Innern an. Wenn er also die auf dem Papierchen stehende Adresse aufsuchte und sich erkundigte, was man von ihm wolle, so war das noch längst keine Verpflichtung.

Wahrscheinlich handelte es sich um Schmuggel von Waffen, Likören und Pariser Parfüms. Das war nicht so schlimm, so lange es sich nicht um Rauschgift handelte. Trotzdem bedurfte es der Überlegung, denn schließlich ist Schmuggel eine gesetzwidrige Sache.

Gähnend stand er auf, steckte sich eine neue Pfeife an und ging nach der Peakstation. Ihn hungerte. Seine Barschaft war schon so knapp, dass er sich nur eine bescheidene Mahlzeit pro Tag leistete.

Die dünnen opalisierenden Schleier der kurzen tropischen Dämmerung, die nur ein Hinübertaumeln des Tages in die bestirnten Arme der dunkelblauen Nacht ist, woben über See und Land. Hunderte von Dschunken sahen jetzt auf der matten Silberflüche aus wie die Dukatenfalter, wenn sie über Kornfeldern tanzen.

 

 

Die Straße der guten Gerüche

Die Millionen Lichter von Kowloon und Hongkong rieselten in funkelnden Kaskaden die Berge hinab oder ballten sich in den niederen Stadtteilen gleich Diamantrosetten. Der Widerschein untermalte den Himmel mit hellrosa Lasur. Dazwischen sprühte es wie gelbe Wunderlampen, sie zuckten und zogen Kreise. Bald groß und bald klein, in der Ferne zartem Goldstaub ähnlich, bohrten sich die Sterne der Tropenwelt durch die rosigen Dünste und schleuderten schillernde Reflexe auf das ölig glatte Wasser, zwischen Insel und Festland.

Unbeschreiblicher Lärm, wie nur China ihn kennt, zusammengesetzt vom Geknatter der Pulverfrösche, dem Klappern zehntausender Sandalen und hoher Absätze, Gequiek mannigfacher Musikinstrumente, dem Grunzen lasttragender Kulis, den Stimmen lachender und plaudernder oder zankender Menschen und noch vielen anderen Geräuschen, umfing ihn. Um ihn brodelte China.

Langsam ging er durch das Gedränge der brausenden, von seltsamen tausenderlei Gerüchen erfüllten Gassen von Wan Chai. Reizend frisierte, bildhübsche Chinesinnen mit zart bemalten Gesichtern steckten die Köpfe aus dunklen Torwegen in das wogende Straßenlicht und hefteten ihre schwarz schillernden Augen in stummer, asiatischer Überlegenheit auf den Europäer.

Ein Rikschakuli trabte eine Weile neben ihm her, ein andermal stellten sich ihm zwei der in Wan Chai nicht seltenen japanischen Freudenmädchen in weißen Matrosenblusen und kurzen blauen Röcken, einladend lachend, in den Weg. Aus düsteren Gewölben, in denen erblindete elektrische Glühbirnen, qualmende Petroleumfunzeln und bunte Papierlaternen im vergeblichen Wettstreit miteinander rangen, roch es nach Sandel- und Kampferholz. Seide knisterte, Pantöffelchen klapperten, geheimnisvoll süße Stimmen lockten. So süß und betörend wie nie gehörtes Vogelgezwitscher! Opiumhöhlen künden sich durch ihren eigenartigen Geruch an. Ein Leichenzug marschiert vorbei, und die weiß uniformierten Musiker, die von Weitem wie die Marinekadetten von Annapolis aussehen, spielen einen frohen Marsch. Breitspurig schlendern englische Matrosen durch die Straßen.

Die zahlreichen Bogenlampen, Papierlampions, Fackeln und Laternen verbreiten ein rötliches, qualmdurchsetztes Dämmern. Zeitweilig glänzen satte, karminfarbene Schlaglichter auf den nackten, von Schweißrinnsalen durchzogenen Rücken starkknochiger Kulis und auf den lieblichen porzellanartigen Gesichtchen der mit jener ihnen eigenen Grazie schreitenden Chinesinnen.

Zu Hunderten hocken Obdachlose längs der Häuser, schlafen oder kochen auf offener Straße mitten im Gewimmel ihrer sich absolut nicht darum kümmernden glücklicheren Landsleute ihren Reis. Die bunten, mit phantastischen Schriftzeichen bemalten Schilder hängen senkrecht von Dächern fast bis auf die Köpfe der Menschen hinab und heiße Luft macht das Papier zittern und knarren.

Dichter wurde der Qualm, beklemmender die brodelnden Düfte Ostasiens und enger zusammengedrängt die wogende, durcheinander quirlende, gelbe, unbekümmerte Menschheit.

Plötzlich fühlte er eine sachte Berührung in seiner Brusttasche. Griff zu und packte eine gelbe Hand, deren Besitzer vergeblich die Flucht ergreifen wollte. Er sah, dass ihm die Tasche von außen mit einer von den geschickten chinesischen Dieben mit Vorliebe benützten Rasierklinge aufgeschnitten war. Niemand hatte im Gedränge darauf geachtet oder es der Mühe wert gefunden, den fremden, weißen Barbarenteufel zu warnen. Grimmig betrachtete er den jungen, in rosa Baumwolle gekleideten Chinesen. Lachte kurz auf und sagte dem Erstaunten im Kantondialekt: „Umsonst! Weder diese Tasche noch meine anderen enthalten Werte, oh ehrenwerter jüngerer Herr Bruder aus der Langfingerzunft. – Fettih, fettih, chop, chop! Packe dich schnell!“ und gab ihm einen gelinden Stoß, der ihn in die Masse seiner Landsleute beförderte, wo er verschwand.

Der Europäer versuchte jetzt, sich zu orientieren. Mit Hongkong und dessen diversen Stadtteilen ziemlich vertraut, verließen ihn nun doch die Kenntnisse.

Schon mehrmals war er an den Mündungen dunkler, übelriechender Gässchen vorbeigekommen. Grade gegenüber einer solchen hatte ein Sargmacher Laden und Werkstätte. Beides schien gut zu gehen, trotz später Stunde schafften Meister und Gesellen emsig, und Berge frischer Sägespäne breiteten sich um sie aus.

Er dachte an die letzthin wieder gemeldeten Cholerafälle. Dann trat er näher. Sein Aufenthalt in China hatte ihn längst gelehrt, dass man sich auch dem einfachsten Kuli gegenüber großer Geduld und Sanftmut befleißigen muss. Der Arme ist zwar besitzlos und nimmt gern Geschenke an, fühlt sich aber als vollberechtigter Mensch und will nicht mit Fußtritten und Verachtung behandelt werden. Bewundernswert und fast unendlich ist die chinesische Geduld und Langmut, aber in gewissen Dingen reißt sie sofort. Und die Hast und Grobheit Europas und Amerikas empfindet jeder Chinese schmerzlich und er handelt danach, indem er den weißen Teufel einfach lächelnd ignoriert oder ihn ebenso lächelnd in die Irre schickt!

Höflich grüßte er den Meister, lobte ihn wegen seines Fleißes und erkundigte sich endlich beiläufig nach der „Straße der guten Gerüche“.

Anerkennend verbeugte sich der Chinese, und, sympathisch berührt von der Lebensart des Fremden, hielt er in der Arbeit inne. Und pries die guten Zeiten der Sargmacher, die zwar für andere Leute schlecht wären und bedauerte bei sich, dass er diesem weißen Mann wahrscheinlich keinen Sarg verkaufen könne. Denn er sah nicht aus, als ob ihm jemand gestorben sei, und dass die fremden Teufel nicht der chinesischen Sitte huldigen, ihren Sarg schon bei Lebzeiten zu kaufen und in einem Prunkzimmer aufzustellen, wusste er. Schade, dachte der biedere Handwerker und wies mit dem Hobel in das dunkle, morastige Loch, das den Eingang einer Gasse bildete.

„Wenn der ehrwürdige ältere Herr Bruder sich bemühen wolle, seine Schritte auf den ihn gewiss freudig bewillkommnenden Boden jener Gasse dort zu setzen, um sie weiter zu verfolgen, so wird Freude und Zufriedenheit sein suchendes Herz beglücken. Denn diese dort ist die Straße der guten Gerüche, die man in früheren Zeiten: Zum Lächeln schönster Frauen nannte. Diese Lieblichen sind zwar weggezogen und wenn der ältere Herr Bruder womöglich ihr Lächeln sucht, so müsste er ein Stück hier diese Straße zurückgehen und erst dort links einbiegen, wo der Fleischerladen meines Freundes Ab Tschi durch die zufriedenen Gesichter und Lobsprüche seiner zahlreichen Kunden die Güte seiner vortrefflichen Waren sichtbar ankündet. Daneben ist das Haus jener irdischen Freude, die in der Umarmung bezaubernder Frauen für wenige Dollars zu erhalten ist!“

Der Europäer freute sich der blumenreichen Sprache des Handwerkers und entgegnete mit dankbarem Kopfnicken, dass seine Zeit ihm zur unsagbaren Betrübnis nicht erlaube, das „Lächeln gefälliger Frauen“ zu erproben; auch könne er deshalb auf dem Wege nach diesem Paradies sich nicht von der unzweifelhaft vortrefflichen Ware des ehrenwerten, gewiss auf eine lange Reihe ebenso ehrenwerter Ahnen zurückblickenden Herrn Ah Tschi überzeugen. Vielmehr suche er ein Speisehaus, das einem Herrn Ho Ling gehören solle!

Der Sargmacher legte die gespreizten Hände über die Magengrube, schlürfte dazu – wie ein Japaner – mit wonnevollem Gesicht hörbar die Luft ein, rülpste mehrmals kräftig und höflich und sagte dann: „Ho Ling, der Besitzer der Garküche Liebkosung der Eingeweide? Der fremde ehrenwerte ältere, unendlich höfliche Herr Bruder möge nur jener dunklen Gasse folgen und in das Haus eintreten, vor dem eine Papierlaterne hängt, die aussieht wie der Mond, wenn er voll ist und lieblich lächelt. – Der ältere Herr Bruder ist sichtlich weise und liebt das Land China, denn es geschieht selten, dass ein weißer Teufel, ein weißer Herr, die Garküche Ho Lings besucht, trotzdem er zu den besten Köchen von Wan Chai gehört. Und wenn es nicht aufdringlich genommen werde, möchte ich meinem älteren Herrn Bruder den Appetit eines Haifisches und den Magen von zehn Elefanten wünschen! Denn köstlich, fürwahr, kocht der ehrenwerte Herr Ho Ling!“

Er räusperte sich und sprach weiter: „Da der ältere Herr Bruder die Speisen und die Sprache der Chinesen liebt, so hat er vielleicht dennoch andere löbliche Gewohnheiten des Landes Cathay angenommen? Ich habe da einen wundervollen prächtigen Sarg aus echtem indischem Teak, mit wohlriechendem Kampferholz innen ausgekleidet, wodurch bekanntlich die Würmer ferngehalten werden. Die Außenschnitzereien zeigen die berühmte Palikaobrücke, dann die Pagodeninsel auf dem Yangtsekiang und daneben eine Teeernte, über der der lächelnde Teegott mit wehendem Bart auf einer von Seidenspinnern getragenen Wolke schwebt. – Auch sind Dschunken zu sehn, wie sie die Schnellen des Yangtse überwinden. Deutlich erkennt man am Ufer den schmalen Steilpfad und die schwitzenden angestrengten Männer, wie sie an den wie gespannte Saiten tönenden Stricken ziehn. Auf dem Verdeck opfert der Ho Klo Räucherstäbchen und warmen Wein, um die Flussgeister günstig zu stimmen. – Ein wunderbarer Sarg und wert, das Wohngemach eines reichen Mannes jahrelang zu schmücken, ehe die pietätvolle Hand der zahlreichen Söhne ihn hinein bettet. Ich würde auch für meinen älteren, fremden Herrn Bruder, da er unser Land liebt, einen Ausnahmepreis machen. – Sagen wir fünfhundert Dollar Hongkongwährung, damit wäre meine Arbeit notdürftig bezahlt!“

Geduldig hatte der andere zugehört. Jetzt schüttelte er traurig den Kopf und erwiderte: „Ihre Güte ist wie die des großen Drachen, mein ganz alter Herr Bruder – aber leider muss ich bald das Land China verlassen und heimkehren. Und Sie wissen, dass man in Europa der Sitte, seinen Sarg im Voraus zu kaufen und bei sich in der guten Stube aufzustellen, nicht huldigt!“

Bedauernd nickte der Handwerker: „Ja, so habe ich gehört. Jung ist der Westen noch an Weisheit! Ich wünsche Ihnen, ehrenwerter Herr älterer Bruder, eine glückliche Heimkehr. Mögen die Meeresgötter und Untiere der Tiefe Ihnen günstig gesinnt bleiben. Und gedenken Sie manchmal Chinas, wenn es auch andere Sitten hat!“ Er verbeugte sich tief und drückte mit der rechten seine linke Hand.

Der Besucher erwiderte die Höflichkeit und antwortete: „Nicht nur andere, sondern auch gute und sympathische! Tsching leao! Auf Wiedersehn!“ und bog in die dunkle Gasse ein.

Verschwommene Gestalten standen unbeweglich in engen Türhöhlen. Manchmal hörte er zischelndes Geflüster, und einmal lachte jemand lang und unheimlich kichernd. Es roch nach Unrat. Ratten huschten überall.

Endlich winkte der runde milchweiße Lampion, der aussah wie der Mond, wenn er voll ist.

Er stolperte in den Eingang, kam in einen von Speisedüften erfüllten engen Korridor. Zwei schmutzige Glühbirnen brannten prosaisch. Zur linken Hand hing ein grüner, mit rot-golden Drachen bedruckter Vorhang, der sachte schwankte. Stimmen, leises Klappern von Essstäbchen; das Schnarren von Saiteninstrumenten und eines jener chinesischen Lieder, die der Europäer mit Katzengeschrei bezeichnet und nicht daran denkt, was der Chinese wohl zur westlichen Musik sagt.

Eine Treppe führte nach oben. In einer Nische saß überlebensgroß ein feister, gemütlich grinsender Teufel aus Porzellan.

Der Eintretende holte den im Gefängnis erhaltenen Kassiber aus der Tasche.

Plötzlich, wie herbeigezaubert, stand ein junger Chinese vor ihm und radebrechte in Pidginenglisch: „What you want chee, Mastel? No white people chowchow, hele in this house. Was Sie wollen? Kein Weiße-Leute-Essen hiel in dies Haus!“

Er antwortete nur das auf dem Zettel geschriebene Stichwort „Tz'uei!“, und das erst misstrauische Gesicht des Chinesen wurde auffallend freundlich. Ein Wortschwall Kantondialekt sprudelte über seine Lippen, und mit einer Verbeugung bat er den Weißen, ihm zu folgen.

Der „Bigmaster“ sei zwar nicht da, aber der „Littlemaster“ und verschiedene andere würdige Herren wären anwesend – und eine „sehr schöne, ehrwürdige, von den rosigen Zehen bis zum schwarz glänzenden Scheitel mit Liebreiz gefüllte jüngere Schwester!“

Er stieg hinter dem Redseligen die Treppen aufwärts. Der öffnete jetzt eine Tür, rief etwas hinein und ließ ihn dann an sich vorbei.

Es waren fünf Personen in dem mit Rohrsesseln und Lacktischchen möblierten Zimmer. Alle schauten sie ihm prüfend entgegen. Die vier Männer schienen gerade gepokert zu haben, die Karten lagen noch auf dem Tisch. Es waren zwei Eurasier – Abkömmlinge asiatischer Mütter und europäischer Väter; der dritte ein pockennarbiger Chinese und der letzte war reinblütiger Philippino. Sie waren alle sehr elegant angezogen und dufteten nach Parfüm. Dann war noch eine jüngere Frau anwesend, von jener eigenartigen „goldenen Schönheit“, wie sie die Mischung weißer und orientalischer Rassen häufig erzeugt. Sie lehnte an einem Blumenständer und heftete ihre großen, dunklen, mandelförmigen Augen fest auf ihn.

Langsam führten ihre überlangen, nach außen leicht gekrümmten Finger mit den rot lackierten Nägeln einen grünen Jadezigarettenhalter an die schön geschwungenen Lippen. Sie nickte ihm fröhlich zu, und auch die übrigen waren aufgestanden und begrüßten ihn der Reihe nach wie alte Bekannte in einem Englisch, um das sie mancher Oxfordjünger beneidet hätte.

„Wir sind glücklich darüber, dass Sie kamen. Unsere Chiquita hier“, er wies auf die sich kokett in den Hüften Wiegende, „war der Meinung, dass Ihr zartes Gewissen Sie abhalten würde. Aber da sind Sie ja. Hier sind Zigaretten. Whisky oder echten Bourbon?“

Er setzte sich, und alle nahmen wieder Platz, während die Frau geschmeidig um den Tisch glitt. Da sie ihn erwartungsvoll anblickten, fragte er lächelnd: „Und worum geht es, meine Dame und meine Herren?“

Eine Pause entstand, bis der eine antwortete: „Eigentlich nicht viel. Wir möchten Ihnen nur eine Gelegenheit geben. Sie wissen ja, dass der ehrenwerte Bankpräsident und Eisenbahndirektor Tschang Pi Sie auf eine falsche Denunzierung hin einfach entließ und dafür sorgte, dass Sie ins Gefängnis kamen. Unschuldig, wie wir betonen, aber Sie wissen ja, wie das hier und sicher auch in Europa ist. Ein Stigma haftet auf Ihnen, und im Fernen Osten sagt man, dass Sie Ihr Gesicht verloren“ haben. Sie sind als furchtloser Mann bekannt, sprechen verschiedene Sprachen, auch genügend Chinesisch, und das sind Eigenschaften, die wir sehr schätzen. Wir könnten Ihnen Gelegenheit geben, nicht nur eine sehr beträchtliche Summe Geld zu verdienen, sondern auch dem guten Tschang tüchtig eines auszuwischen!“

Chiquita lachte verführerisch, und der Pockennarbige redete weiter: „Wir könnten also jetzt die Sache besprechen, wie Sie dem alten Teufel, der zur Zeit in Schanghai ist, seine Gemeinheit zurückzahlen würden. Am gescheitesten wäre es, Sie schies …“

Der Philippino hustete warnend. Tief schaute die Frau in die Augen des Europäers.

Nun sang sie leise und schlug mit den Fingern den Takt in der Luft: „O Darling, let’s go to the Yangtsekiang!

Farewell Wai Hai Wai.

For we’re going to Schanghai!“

Er schüttelte den Bann ihrer Augen ab. Setzte sich auf und fragte brüsk: „Das also will Hundemann von mir?“

Wieder öffnete die Frau den gemalten Mund, als der Pockennarbige ihr zuvorkam: „Halt deine süße Klappe, Chiquita, und lass die Vampmanieren. Damit richtest du bei dem nicht viel aus. Der kennt den Osten und kennt die Weiber der ganzen Welt!“ Er wandte sich an den Bezeichneten: „Sie ist ein gutes Kind, aber manchmal geht ihr Temperament durch. Sie war rein drauf versessen, diese Unterredung mitzumachen, und wir konnten ihr das nicht gut abschlagen. Und damit keine Missverständnisse aufkommen: Falls Sie beide aneinander Gefallen finden, haben wir nichts dagegen. Chiquita ist Herrin über sich selbst.“ Verständnisinnig lächelten alle vier.

Er stopfte seine Pfeife mit langsamer Umständlichkeit, denn seine Antwort durfte nicht beleidigend klingen. Und sagte endlich: „Um mich mit der Dame bekannt zu machen, ließ Hundemann mich sicher nicht hierherkommen. Es ist ja sehr schmeichelhaft, aber …“

Verbindlich sprang der Pockennarbige in die Bresche: „Sie haben unschuldig im Gefängnis gesessen und waren vorher ein angesehener Mann und Ingenieur. Nach außen hin verloren Sie Ihr Gesicht, denn Gerüchte, ob wahr oder unwahr, verbreiten sich hierzulande sehr rasch. Eine Stellung finden Sie kaum mehr, denn kein sogenannter ehrlicher Mensch zwischen Hongkong, Mukden, Tsitsikar und Yünanfu wird Sie für einen gehobenen Posten in Betracht ziehen. Seien Sie doch nicht so kindisch, ich will Sie gar nicht beleidigen!“, beschwichtigte er, als der andere aufspringen wollte. Und fuhr fort: „Da Sie den Osten kennen, wird es Sie kaum wundern, dass Hundemann neben einer Dschunkenflotte und einigen tausend dazugehörigen, je nach Bedarf als Piraten oder Reisbauern lebenden Dorfbewohnern auch noch andere Dinge sein eigen nennt oder daran beteiligt ist. Zum Beispiel ist er – hinter den Kulissen – der sehr ehrenwerte Teilhaber einer Bank in Hongkong, die Filialen in Saigon hat. Ferner hat er die meisten Aktien einer kleinen rentablen Dampferlinie, die zwischen Hongkong und Manila mit Gemüse, Früchten, Carbaobüffeln und anderen nützlichen, harmlosen Sachen hin und herpendelt. An Eisenbahnen ist er noch nicht beteiligt, aber auch das mag kommen. In China ist zur Zeit alles möglich. – Ich möchte nur sagen, dass Seine Exzellenz, wie sich unser Chef gerne nennen lässt, weil Eitelkeit menschlich ist, immer nach brauchbaren Mitarbeitern sucht. Unser Zwischenmann, der Sie im Gefängnis entdeckte, machte uns auf Sie aufmerksam, und ich denke, dass wir uns zu der neuen Akquisition gratulieren dürfen!“

„Mitarbeiter? Welcher Art? Doch nicht als Seeräuber?“

Der Chinese lachte: „Das ist nichts für Sie. Überlassen Sie diesen primitiven Beruf den dazu traditionell veranlagten Leuten der Biasbay. Und wie ich Sie einschätze, möchten Sie sicher auch nichts mit Schmuggel zu tun haben. Oder …“

Scherzend fuhr er fort: „Eigentlich wäre es ja ein kapitaler Spaß, wenn Sie das, wofür Sie unschuldig im Kittchen saßen, nun ernstlich unternähmen. Hei, welch ein Witzchen! Zu dem wir Ihnen unendlich gern an die Hand gingen!“ Er rieb sich die Hände.

„Der einzige Schmuggel von Bedeutung an diesen Küsten ist der mit Rauschgiften. – Und das sollten Sie als Chinese eigentlich als Schweinerei empfinden. China hat doch einmal Krieg geführt, um sich gegen die freie Einfuhr von Opium zu wehren!“

„Das ist sehr lange her, und die Verhältnisse haben sich geändert, aber …“

Chiquita schaltete sich ein: „Wenn ich Ihnen ein nettes Opiumpfeifchen in meinem netten Appartement auf dem Peak zurechtmache, so werden Sie diesen, wenn mit Maß genossenen Hochgenuss doch nicht ablehnen!“

„Schweig und lass Männer reden!“, fuhr der Manilamann sie wütend an. Sie warf ihm einen unendlich geringschätzigen Blick zu: „Du mit deinem Puppenfigürchen zählst dich als Halbportiönchen doch nicht etwa zu den Männern? Wie komisch!“

„Ruhe und streitet euch nicht. Wenn du deinen hübschen Mund nicht hältst, setzen wir dich einfach vor die Tür!“, drohte der eine Eurasier und sah sie böse an.

Sie zuckte die Achseln, steckte sich dann eine neue Zigarette an. Der Pockennarbige wandte sich an den Weißen: „Was wir von Ihnen wollen, steht eigentlich noch nicht ganz fest. Wir wollten nur einen persönlichen Eindruck von Ihnen gewinnen. Und der ist ausgezeichnet! – Haben Sie Lust, nach Schanghai zu fahren, wo Sie das Weitere erfahren würden und immer noch Nein sagen könnten? Es verpflichtet zu nichts!“

Wieder warf Chiquita ihm einen heißen Blick zu. Er legte die Pfeife weg. „Sie meinten doch, dass ich ein Hühnchen mit Herrn Tschang Pi rupfen könnte? Und jemand sprach sogar von Erschießen!“

„Ach Darling, sei nicht so, die Hauptsache, du gefällst mir sehr!“, sagte Chiquita und lehnte sich eng an ihn. Er roch ihr Parfüm und ihren Körperduft.

Ein eiskalter Blick des Pockennarbigen ließ sie zusammenzucken. „Geh ins Nebenzimmer, schnell!“ sprach er sanft.

Deutliche Angst in den Augen, wandte sie sich um, wiegle sich in den Hüften. Die Tür krachte ins Schloss.

Nun sprach der Pockennarbige weiter: „Ich wiederhole, dass Sie vorläufig durch nichts uns verpflichtet sind. Fahren Sie also getrost nach Schanghai und suchen Sie die Adresse auf, die ich Ihnen geben werde. Selbstverständlich bitten wir um Diskretion. Nachher können Sie immer noch Ihre Entscheidung treffen.“ Der andere spielte mit seiner Pfeife. „Gut. Hier in Hongkong finde ich ohnehin nichts. Aber wie komme ich von hier fort? Ich bin völlig mittellos, und dies ist der letzte reine Anzug, den ich habe!“

„Wissen wir alles! Wir erstatten Ihnen selbstverständlich die Spesen. A fonds perdu, wenn es sein muss! Natürlich muss jemand wie Sie erster Klasse fahren. Aber für die kurze Reise brauchen Sie, wenn Sie nicht wollen, durchaus nicht die sonst nötigen Extraanschaffungen zu machen. Wenn Sie also keinen Abendanzug mehr haben, so lassen Sie sich einfach das große Dinner in der Kajüte servieren. Wir haben nicht die Absicht, zu knausern, da Sie aber sich unschlüssig sind, ob Sie unserer Offerte nähertreten wollen oder nicht, so handeln wir sicher in Ihrem Sinn, die Summe möglichst niedrig zu halten. – Vergessen Sie bitte trotzdem nicht, dass unser Chef Sie nicht für Piraterie engagieren möchte, wir haben auch ehrliche Geschäftsverbindungen.“

„Wenn wir uns jedoch in Schanghai nicht einigen und ich Ihnen das Geld nicht gleich wiedergeben kann?“

Lächelnd sprach der Chinese: „Sie sind zu bescheiden! Und eines Tages könnten Sie sicher das Betreffende zurückerstatten, und wenn Sie dann niemand von uns finden, dann schenken Sie’s den Armen. Es gibt viele in diesem Land, und wir sind keine Unmenschen!“

„Wann soll ich fahren?“ Er kam sich vor wie ein Schwimmer, der auf unbekannter Strömung in dunkler Nacht treibt und kein Land sieht.

„Die Conte Rosso geht morgen Abend in See. Seien Sie bitte morgen Mittag in der Lounge des Gloucesterhotels, dann wird Ihnen unser Freund hier, Señor Alagarto, unauffällig die Fahrkarte bringen!“ Er entnahm seiner Brieftasche eine Anzahl Banknoten und schob sie mit entschuldigender Geste über den Tisch. „Hundert Dollar Hongkongwährung. Das dürfte Sie, wenn Sie sparsam sind, einige Zeit über Wasser halten!“

Mechanisch steckte er das Geld ein. Der Pockennarbige hatte recht! Man hatte ihn auf Probe angestellt, und wenn er nicht wollte, dann gab es für das Geld die schönen französischen Worte, die der Chinese vorhin gebraucht hatte, „a fonds perdu“. Auf jeden Fall kam er auf diese Art billig von Hongkong weg.

Der andere reichte ihm die Hand: „Es hat uns allen wirklich Freude gemacht, Sie kennenzulernen. Mehr Freude, als wenn Sie enthusiastisch auf unser Angebot eingegangen wären. – In Schanghai werden Sie Chiquita treffen. Sie ist eine schöne Frau, und einer solchen sieht man vieles nach!“ Lächelnd spreizte er die Finger.

Als sich die Tür hinter den breiten Schultern des „Mannes ohne Gesicht“ geschlossen hatte, sahen sich die vier bedeutsam an.

Alagarto sagte: „Zu ehrlich!“

„Unsinn! Denke an die Gemeinheit, die man ihm antat, und denke an die Gewissensskrupel, die du selber hattest, ehe dich dein Glück zu uns führte. Notabene, nachdem du sechs Monate in Batavia abbrummen musstest. Schuldig allerdings! Dich ärgert nur, dass Chiquita sich für ihn interessiert!“

Eben trat sie ein. „Ist er fort, mein Schwarm mit den grauen Haaren? Fährt er nach Schanghai? Wisst ihr, der gefällt mir!“, sagte sie.

„Du hast ihn mit deinem Gerede beinahe abgeschreckt, denn das ist kein Mann, dem man gleich reinen Wein einschenken kann. Langsam musst du ihn nehmen, dann geht er mit fliegenden Fahnen über!“, warnte der Pockennarbige.

„Ich werde mir Mühe geben. Wie heißt er?“

„Ich glaube nicht, dass du den für deine süßen Privatzwecke einfangen kannst, Kind. Wie er heißt? Ist egal, wir wollen ihn den Mann, der das Gesicht verlor nennen.“

„Ein bisschen lang und sehr zweideutig. Aber romantisch. – Wetten, dass er noch vor Verliebtheit Kopfstehen übt?“

„Solange du unsere Sache nicht vermasselst, kannst du ja dein Glück versuchen!“, brummte der Philippino giftig.

„Besorge dir eine Karte für die Conte Rosso. Aber zweiter Klasse. Das kann erstens deiner Eitelkeit nicht schaden, und ferner darfst du an Bord gar nicht von ihm gesehen werden. Das ist ein Befehl! Verstanden?“

Sie nickte: „Kaum zwei Tage kann ich schon mal niedere Klasse fahren.“ Und vergnügt trällerte sie ein Bruchstück aus dem Schlager „Yangtsekiang“.

 

Mann ohne Gesicht

Ursula lehnte über der Reling der „Conte Rosso“ und bestaunte das bunte, fremdartige Gewimmel der Kowloondocks. Gegenüber, jenseits des Meeresarmes, gleißte Hongkong. Weiße und graue Häuser, auf deren Fenstern der Abglanz der Sonne rot leuchtete, bildeten den von Menschenhand geschaffenen schönen Gürtel, der die blaue Seide der See und die grünen Falten des braunen Berges voneinander trennte, und doch verband er sie gleichzeitig.

Es war drückend heiß, aber die Frau konnte sich nicht von dem bezaubernden Anblick losreißen, den Hongkong bietet.

Das Wasser wimmelte buchstäblich von Dschunken, Sampans und großen wie kleinen Dampfern.

In England hatte sie Nebel gesehen. In Venedig, aus dem die „Conte Rosso“ auslief, sah sie perlmuttfeine und zarte Wasserfarbentöne der Lagunenstadt. Port Said und Port Tewfik waren Tore des Orients, in die sie hineintaumelte.

Dann kam die Hitze des Roten Meeres und farbenglühendes, allabendliches Wolkengetümmel über Arabiens und Ägyptens blutroten und sattbraunen Küsten. Aden – eine künstliche Oase am Fuß der Berg- und Steinwüste des Hadramaut. Bombay, mit seinen staubigen, heißen, menschenvollen Alleen. Colombo, wo das Meer malvenblau den Kokospalmenstrand umkost. Singapur, ein brodelndes, bedrohliches Völkermischmasch, das aus unergründlichen asiatischen Sphinxaugen den Europäer anschaut. Manila, ein sattgrünes, leuchtend buntes und schneeweißes Juwel, in die hellgrün, bräunlich und blau gestreifte Fassung der fruchtbaren Ebenen, grünen Berge und des wogenden Ozeans gebettet. Überall Inselchen und Inseln, und dazu feuchte, erschlaffende

Hitze, viele Gewitter, Sonne und Regen abwechselnd. Und endlich Hongkong! Und bald würde die Reise zu Ende sein und die weiße Frau in Schanghai an Land gehen. In eine zwar vorher geregelte, aber dennoch dunkle Zukunft. Im Fernen Osten, den Ländern der Gegensätze!

Lange war sie Kindermädchen in England gewesen. Beim Durchblättern der „Times“ fand sie eines Tages eine auffallende Anzeige. Ein wohlhabender Chinese suchte für seine Tochter, die drei Jahre in einem Schweizer Internat zugebracht hatte, eine gebildete sprachkundige Gesellschafterin. Bedingung waren: Gute Herkunft und untadliger Leumund. – Das Gehalt kam Ursula märchenhaft vor. Sie meldete sich.

Zu ihrer Freude bekam sie Antwort und wurde gebeten, sich persönlich unter Vorlage ihrer Papiere, Zeugnisse und mit einem neuen Lichtbild bei einer chinesischen Londoner Handelsfirma vorzustellen. Ein gelber, sehr höflicher, verbindlich lächelnder Herr empfing sie voll Liebenswürdigkeit und unterhielt sich eine halbe Stunde mit ihr. Dann sagte er, dass sein ehrenwerter Geschäftsfreund, Herr Tschang Pi, einer der geachtetsten Kaufleute und Bankiers Chinas sei und eine reizende Tochter namens Ma Yü habe.

Er bat Ursula um das Lichtbild, das er mit der nächsten Flugpost nach Schanghai schicken müsse, und verabschiedete sie dann mit einem ziemlich sicheren Versprechen.

Und nun war sie schon in Hongkong! Sie freute sich auf Ma Yü, die ihr keine Fremde mehr war, denn die Chinesin hatte ihr nach jedem Hafen ein langes, warmherziges Funktelegramm geschickt.

Gedankenvoll lächelte sie. Unten auf dem Kai liefen chinesische Arbeiter in Kehltönen grunzend hin und her. Europäer kamen und gingen, denn es ist dort im Osten üblich, wenn ein großer europäischer Passagierdampfer einläuft, an Bord zu gehen, um einen Drink zu nehmen. Das unterbricht aufs angenehmste die sowieso nicht sehr anstrengende Arbeit der dortigen Europäer.

Jetzt brachten schwitzende Kulis das Gepäck neuer Passagiere, das sie an Bambusstäben quer über den Nacken schleppten. Dröhnend tutete der Dampfer zur Abfahrt, um Besucher von Bord zu warnen.

Eine elegant gekleidete Frau, deren exotisch-schönes Gesicht den eigenartig goldschimmernden Teint gemischten Blutes zeigte, ging den Laufsteg zur zweiten Klasse empor.

Kaum war sie verschwunden, als ein großer grauhaariger Mann, dem ein Kuli den Handkoffer nachtrug, zur ersten Klasse hochstieg. Er warf Ursula einen Blick zu, und plötzlich lächelten sich beide an.

Jetzt gingen die letzten Besucher an Land, und die Haltetrossen des Dampfers wurden losgeworfen, nachdem der Anker rasselnd gehievt war. Die Musik spielte den lebhaften „Conte-Rosso-Marsch“; ein paar Japaner am Kai warfen, ihrer Sitte gemäß, bunte Papierschlangen nach den ihnen von Bord aus winkenden Verwandten; Sampans mit gestikulierenden Chinesen tummelten sich wie Mücken um den Schiffskoloss. Und drüben schimmerte Hongkong in zarten Farben gegen einen sattbunten Hintergrund. Summend zog ein Flugzeug über Kai Tak seine Schleifen im Abendsonnenschein.

Ursula wandte sich ab, um in ihre Kabine zu gehen, als der Grauhaarige beinahe gegen sie anrannte. Er verbeugte sich, um Verzeihung heischend, und schaute ihr dann nach.

Der Steward blies das Trompetensignal, das zum Umziehen und dem bald folgenden Souper mahnte.

Der „Mann ohne Gesicht“ ging in seine Kabine, rasierte und wusch sich. Klingelte.

„Steward! Wir großen Kaufleute und Ingenieure des Fernen Ostens haben immer entsetzlich viel Arbeit und vergessen daher manches, was unwichtig ist. Sehen Sie, da merke ich eben, dass ich den zweiten Koffer mit dem Abendanzug in Hongkong liegenließ. So kann ich natürlich nicht zum großen Essen erscheinen! Seien Sie nett, Steward, und bringen Sie mir meinen Tschau in die Kabine. Etliche Horsd’oeuvres, Oliven und Kaviar zum Beispiel! Ein bisschen Mittelmeerlanguste, einen Hühnerschenkel und etwas Salat. Einige Schnitten Papaya und ein Glas Chianti!“

Ein Geldschein stimmte den Steward gefügig und er eilte, um die Wünsche des Signore zu erfüllen.

 

Schiffe, die aneinander vorbeifahren

Auf einer fernen Insel zuckte ein Blinkfeuer. Die Luft war heiß und klebrig.

Der Grauhaarige sah die behäbige, weiß uniformierte Gestalt des Kommandanten nach dem Salon gehen.

Rasch klopfte er die Pfeife aus und suchte die junge Europäerin, die so schwärmerisch alles genoss und wie sie ihn schon mehrfach hatte merken lassen, nicht gestört sein wollte in ihrer Romantik. Er hatte keine Illusionen mehr, und es war wohl gut, das arglose junge Ding, das so reizend lächeln könnte, ein bisschen im Auge zu behalten.

Die kleine Bordkapelle spielte im Barraum schmelzende Weisen von Amalfi und Sorrent. Sie saß in einer Ecke und rauchte.

Sofort begann er in der ihm eigenen explosiven Weise: „Kennen Sie eigentlich China? – Nein, natürlich nicht! Unnütze Frage. Aber vielleicht haben Sie etwas über dieses Land und seine Sitten gelesen?

Nicht viel, also nur das Übliche, Herkömmliche. Nun, lassen Sie sich von mir sagen, dass in diesem Lande des ewigen Lächelns und des Maski die meisten Begriffe, die Sie von drüben mitbringen, total auf den Kopf gestellt werden. Das mag Ihnen eine kleine Ahnung von der Zukunft, die Sie hier erwartet, geben!“

Sie grübelte über den versteckten Sinn seiner Worte. Wollte dieser ungebärdige Mensch sie vor etwas warnen? Wie lächerlich!

„Ich finde es nur alles furchtbar interessant“, sagte sie und ärgerte sich dann über die banalen Worte.

Zornig schnaubte er: „Interessant? Klar, denn langweilig ist China nicht, und merken Sie sich, ich persönlich habe nichts gegen die Asiaten. Doch ändert das nichts an der Tatsache, dass diese anders denken als wir. Das haben schon viele an sich erfahren, die alles interessant fanden und dann auf kurzweilige Art zum Teufel fuhren. – Maski, macht nichts. Was?“

Sie lächelte, als ihm schon die nächste Frage über die Lippen sprudelte: „Wie heißt eigentlich der Chinese, für dessen Tochter Sie sich verpflichtet haben? Haben Sie sich beim Konsulat in Europa über die Familie erkundigt, und existiert eigentlich eine solche oder ist’s nur ein aufgelegter Schwindel?“

Mit geschlossenen Augen fing sie an zu erzählen, und als sie endete, wusste er so ziemlich Bescheid über ihre Vergangenheit und alle romantischen Hoffnungen, die sich für sie an diese Wunderreise, wie sie es nannte, knüpften.

„Wie heißt denn der chinesische Bankier und Kaufherr?“, fragte er wieder und setzte sich steil aufrecht, als sie antwortete. Dann seufzte er: „Tschang Pi! Wahrhaftig! Und seine Schanghaiwohnung ist am Great Western Road im Europäerviertel! Hm, das kann ja nett werden, wenn ich Sie dort besuche!“

„Ich habe Sie doch gar nicht aufgefordert!“, sagte sie und lachte innerlich über seine Frechheit.

„Hm, eine Offenheit ist die andere wert, und ich will Ihnen genau erzählen, wie ich mein Gesicht verloren habe. In wenigen Worten kann ich’s Ihnen sagen. Ich arbeitete an der Eisenbahn, deren Hauptaktionär Herr Tschang Pi ist. Eine Rauschgiftschmuggelaffäre wurde aufgedeckt, und auf Grund zufälliger, aber unwahrer Indizien ließ Herr Tschang Pi mich ins Gefängnis stecken. – Ich wurde zwar freigesprochen, aber was nützt das einem Europäer in diesem Land? Keiner glaubt mir, und keiner will mehr mit mir zu tun haben!“

„Aber das lässt sich doch wiedergutmachen, da Sie wirklich unschuldig sind – was ich ohne Weiteres glaube. Herr Tschang Pi und vor allem seine Tochter haben mir sehr nette Briefe geschrieben. Und wenn ich mit ihm rede, wird er Ihnen sicher eine persönliche Rechtfertigung geben und Sie wieder einstellen!“, sagte sie naiv.

Er lachte lautlos. Erklärte dann mitleidig: „Nette Briefe hat seine Tochter Ihnen geschrieben? Wissen Sie, jeder Chinese hat seine Kinder außerordentlich lieb, aber Ma Yü ist nur ein Mädchen, und in diesem Land zählen die Söhne am allermeisten und die Töchter manchmal gar nichts. Am allerwenigsten lässt ein Chinese sich von seiner Tochter ins Geschäft pfuschen, besonders wenn man so an den alten Bräuchen hängt wie der ehrenwerte Herr Tschang Pi. – Tschang Pi wird seine Tochter streicheln, ihr Perlenkolliers, Brillanten, einen neuen Rolls Royce und sogar, wenn sie sich darauf versteift, einen Reitelefanten oder einen zahmen Tiger schenken, denn das kann er sich alles leisten, ohne mit der Wimper zu zucken. Und er wird die kleine Ma Yü weiter streicheln und dazu lächeln, bis sie selber einsieht, dass sie als wohlerzogenes, von jahrtausendealter Familientradition erfülltes gehorsames Kind nicht versuchen darf, ihren ehrwürdigen Erzeuger zu beeinflussen!“

„Wenn ich nun aber selbst Herrn Tschang Pi um Ihre Rehabilitierung bitte!“, warf sie ein.

„Beim Zahne Buddhas, Sie sind ein liebes Mädel! Aber Erfolg haben Sie keinen mit Ihrer Intervention. Der alte Herr wird Sie sehr liebenswürdig anhören und dazu lächeln und dann stundenlang, wenn’s sein muss, um die Sache herumreden, und Sie werden sich einbilden, dass er Ihnen sogar die Sterne vom Himmel holen würde; und wenn er Sie dann gütig aus seinem Büro an die Tür geleitet, werden Sie aber nachher plötzlich erkennen, dass er Ihnen noch nicht mal ’ne Sojabohne versprochen hat, geschweige Ihnen zuliebe mir mein verlorenes Gesicht wiedergibt.“

„Dann müssen Sie selbst mit Herrn Tschang Pi sprechen!“

„Er hat doch auf meine schriftlichen Rechtfertigungen noch nicht mal geantwortet!“, protestierte er und fuhr zornig fort: „Wissen Sie auch, dass Sie gänzlich hilflos sein werden, wenn Herr Tschang Pi – nach chinesischem Kodex wäre dies keine Schande, sondern eine große Ehre für Sie – sagen wir mal, Gefallen an Ihnen findet und versucht, Sie von der Stellung einer Gesellschafterin seiner Tochter, von seinem Standpunkt aus, zu erhöhen, zu verbessern, indem er Sie zu seiner Konkubine machen möchte?“

Empört rief sie: „Wenn Sie so weiter reden, muss ich wohl aufstehn!“

Beschwichtigend antwortete er: „Warum? Weil ich das Kind beim Namen nenne und weil ich etwas erwähne, das von chinesischer Warte aus gesehen, nichts Ehrenrühriges ist? Bedenken Sie, was alles passieren kann, wenn er Sie auf seine Besitzungen ins Innere mitnimmt.“

„Seine Tochter und die Dienerschaft würden mich beschützen. Wir leben doch in keinem Kitschfilm!“

„Nee, aber in China, in einem Lande, wo alles lächelt – auch wenn es lügt, leidet, mordet oder ermordet wird. Haben Sie eine Ahnung von der Ergebenheit richtiger, zur Familie gehörender chinesischer Dienerschaft!“

„Sie übertreiben!“

„Hört, hört und seht die große Kennerin Chinas!“, lachte er.

„Sie machen sich über mich lustig!“

„Ist nicht wahr. Es ist nur die Einleitung zu dem, was ich Ihnen schon längst sagen wollte.“

„Weil wir uns ja schon so lange – sind’s nicht Jahre her? – kennen!“, spottete sie. „Sicher wollen Sie mir einen Liebesantrag machen. Davon entbinde ich Sie im Voraus sehr gern!“

„Liebe? Eigentlich nicht, denn dazu sind Sie mir zu unreif. Aber gern habe ich Sie, verdammt gern!“

Entgeistert starrte sie ihn an.

Die Musik spielte eben ein neues Stück, mit einem Rhythmus, den sie bisher noch nie gehört hatte. Es war eine merkwürdige Musik: grollende Paukenschläge, an- und abschwellendes Jauchzen von Geigen und Celli und im Hintergrund schwirrende Gitarrenakkorde mit ein paar Flötentrillern dazwischen.

Es brachte ihr Blut in Wallung und löste gleichzeitig träumerische Gedanken aus. Statt ihn abzukanzeln und dann sitzen zu lassen, fragte sie erstaunt: „Was ist das für eine Melodie?“

„Chinesische Musik für europäische Ohren zurechtfrisiert. Ein neuer Schlager. Yangtsekiang!“

Doch als wollte sie sich vom Rauschgift dieser Musik zurückreißen, stand sie auf und verabschiedete sich mit kühlem Kopfnicken. Trat aufs Promenadendeck, das um diese Zeit ausgestorben lag. Backbords ragte der schwarze Sägekamm von Chinas Küste. Eine Handvoll gelber Punkte, deren immer mehr wurden – die Lichter der Fischerdschunken von Swatau –, hüpften auf den Wellen. Achtern lag eine große langgestreckte Insel mit gezackten, von flüssigem Silber umspülten Konturen. Zwischen Festland und Insel wirbelte grünlich funkelnd, von hellen Streifen durchkreuzt, das Meer. Und zuckend funkelten die Sterne und flimmerte das breite Band der Milchstraße am dunkelblauen Himmel.

Die Maschine der „Conte Rosso“ stampfte und summte im Takt. Der Sog rauschte.

 

 

Intermezzo

Ein neuer Tag. Voll Hitze und glitzernder Sonne auf blauen Fluten an ferner gelber Küste.

Er hatte gefrühstückt und dann Ursula gesucht. Winkte schon von Weitem. Dann lachte er, als sie seinen Gruß verschmähte und sich eisig abwandte.

Ein alter dürrer Engländer, in einen zimtbraunen Kimono gehüllt, kam vom Bootsdeck herab und ließ sich mit Ursula in ein Gespräch ein. Als er enthusiastisch die Vorzüge der indisch-malaysischen Mango gegen die javanische herausgestrichen und erfahren hatte, dass die Dame noch nie Durianen oder sogenannte Stinkfrüchte gegessen hatte, flaute sein Interesse sofort wieder ab.

Eine Insel aus buntem Gestein wurde in größter Nähe passiert. Davor schwankten zwei malerische Dschunken. Ursula hielt ihre Kodak bereit, um ein paar Aufnahmen zu machen, als die adrette blitzäugige neapolitanische Stewardess Rosetta herbei schwänzelte und der Signorina meldete, dass der Coiffeur jetzt frei sei und warte.

Schmunzelnd sah der Mann, der das Gesicht verloren hatte und augenblicklich scheinbar keinen Pfifferling darum gab, der Verschwindenden nach. Spähte dann umher. Weiter vorne saß ein französisches Pflanzerehepaar aus Indochina über der Lektüre gelb broschierter Romane.

Ein Englishman las die riesige Ausgabe der „Hongkong Daily Mail“. Sonst war das Deck leer.

Eben schaute der Barsteward über seine Türschwelle.

„Sir?“, fragte er dienstbereit mit italienischem Akzent und zeigte erfreut die weißen Zähne, als jener ihn gewinnend anlachte. Und ihm dazu Ursulas Kodak in die Hand drückte. Er bekam den Auftrag, den sich malerisch an der Reling aufbauenden grauhaarigen Cavaliere zu knipsen.

Sogar dreimal hintereinander hatte der Barmixer dieses Vergnügen. Der Passagier steigerte verschmitzt die Großartigkeit seiner Posen.

Mit einem „Danke viel tausend mal, lieber Freund!“, klopfte er ihm dann auf die Schulter und machte ein Gesicht dazu, dass dem biederen Ettore eine lange wundervolle Vista von in Schanghai zu erwartenden Trinkgeldern aufstieg.

Kaum lag die Kodak wieder auf dem Sessel, da kam die reizende Rosetta, wedelte kokett mit dem fast kniefreien schwarzseiden-weißbeschürzten Röckchen, warf dem hochgewachsenen Signore einen heißen Blick zu und ging mit Ursulas Besitztum wieder ab.

Er grinste. Dann verbrachte er eine Stunde auf dem Sportdeck, wo er einem auf Tientsin-Station fahrenden italienischen Marineoffizier zwei Pfund Sterling beim Tontaubenschießen abgewann.

Zufrieden stieg er nach unten und sah die frisch ondulierte Ursula, wie sie eben fotografieren wollte. Sah ihr verwundertes Gesicht, als sie den Film drehte und grinste für sich.

Sie knipste alle noch vorhandenen Aufnahmen und ging dann zum Fotografen, der, im Hauptberuf Speisesaalsteward, ihr versprach, die Aufnahmen zu entwickeln, ehe Schanghai in Sicht käme.

Dann ging er in seine Kabine und las eine wundervoll spannende, aber absolut unmögliche englische Schatzgräbergeschichte, die er im Salon gefunden hatte.

 

 

Tsching Leao

Die „Conte Rosso“ fuhr in den Whang Pu, die riesige Trichtermündung des Yangtsekiang ein und dampfte dann den gelben, breiten, von flachen grünen Ufern umsäumten Strom aufwärts.

Ursula schaute nach dem Panorama. Und sah fast unzählige Schiffe aller Größen und aller Nationen. Flussauf oder flussab kamen sie oder ankerten mitten im Strom. Viele, viele Dschunken glitten vorbei, und jede hatte eine riesige deutsche, englische, italienische, amerikanische, skandinavische oder schweizerische Flagge, und auch die Aufbauten waren mit diesen Kennzeichen der Nationalität bemalt.

„Das tun sie, um sich gegen japanische Fliegerangriffe zu schützen!“, hörte sie den unausstehlichen Menschen sagen und kehrte ihm den Rücken zu.

Japanische Kreuzer, Torpedoboote, Transporter und Hospitalschiffe ankerten in der Runde.

Das Wasser war undurchsichtig und fast seimig, und der drückende Geruch, den jede chinesische Großstadt ausbrütet, lag schwer in der heißen Luft. Eine Kinderleiche trieb vorbei, und Ursula sah entsetzt, wie dicht daneben eine Familienmutter aus einer Dschunke Flusswasser für ihren Kochtopf schöpfte.

Wieder kamen ein paar Tote angeschwommen. Erwachsene diesmal. In der typischen Haltung, nur Hinterkopf und Rücken über Wasser, schaukelten sie vorbei.

„Ertrunkene oder erschossene Soldaten oder Räuber!“, hörte sie die Stimme hinter sich.

Giftgrün leuchteten flache Ufer. Hecken und Weiden grenzten Felder ab. Hässliche Fabriken erhoben sich unweit vom Wasserrand. Viele waren zerschossen und halb zerstört, mit gezackten Löchern in den Mauern, hinter denen der Himmel blass-seiden bläute.

Die Zahl der Dschunken, Sampans, Boote und Barkassen mehrte sich, und ihre schwarzgekleideten, kegelförmige Strohhüte tragenden Insassen und Insassinnen schnatterten und gestikulierten. Wieder kam ein Toter still und bescheiden hinabgeschwommen.

Der Grauhaarige überflog mit den Augen die ihm vertraute Gegend: die nüchternen Ufer, die deutlich Zeugnis von hartnäckigen Kämpfen ablegten. Und die vielen Dschunken und Flöße, die der gelben Wasserfläche einen flammend bunten, von tragischer Romantik und asiatischer Geduld erfüllten Anstrich gaben.

Schanghai kam näher. Ankernde Schiffe, Rumpf an Rumpf, Schornstein neben Schornstein. Der Bund mit seinen riesigen Bank- und Geschäftshäusern, seinem Menschengewimmel, den langen Autoreihen und Rikschas und klirrendem Lärm.

Am jenseitigen Ufer Schuppen an Schuppen, hin und her eilende gelbe Menschen. Kisten und Ballen, Maschinen, schnarrende Kräne mit greifenden Stahlklauen. Lokomotiven und Reihen rangierender Waggons. Manchmal eine klaffende Lücke zwischen zwei Schuppen und dazwischen das Reich der Zerstörung. Ganze Häuserreihen, ein riesiges Stadtviertel, bilden hier einen Trümmerhaufen, durch den die früheren Straßen wie Termitenwege ziehen. Stummes eindringliches Zeugnis chinesischer Tapferkeit und japanischer Treffsicherheit.

Langsam zogen die Schlepper die „Conte Rosso“ gegen den Kai. Die weißen Uniformen japanischer Hafenpolizei tauchten aus dem Gewimmel schwitzender ächzender Kulis. Eine Gruppe Europäer, die gekommen war, um Freunde und Verwandte abzuholen, winkte lebhaft.

Die Passagiere sammelten sich im großen Salon, wo die Passbeamten die Papiere kontrollierten. Menschen, die einander lange nicht gesehen, begrüßten sich.

In einer Ecke stand Ursula.

Plötzlich reckte er die Schultern. Tschang Pi war eben eingetreten. Viel verändert sah er nicht aus, der würdevolle Bauch schien zuzunehmen. Der grauhaarige, in einen hellen gut sitzenden Anzug gekleidete Chinese fragte einen Steward etwas. Eine Amah stand in respektvoller Entfernung. Der Schiffsbedienstete wies auf Ursula.

Die Brillengläser des Asiaten glitzerten, und ein wohlwollendes Lächeln lag auf seinem intelligenten Gesicht. Er winkte der Amah, die ein großes Bukett zart-gelblicher Lotosblumen trug.

Der Lauscher spannte sein Gehör an, seine Blicke saugten sich an der Gruppe fest.

Tschang Pi ging auf Ursula zu, machte eine kleine gütige Verbeugung und schüttelte dann die ihm dargereichte Hand. Trat einen Schritt zurück, und auf seinen Wink legte die freundlich lachende Amah den Strauss in die Arme der Europäerin.

„Oh!“, rief sie entzückt, und sanft lächelte Tschang Pi: „Meine Tochter wollte erst mitkommen, fand es aber dann hübscher, Ihnen auf der Schwelle unseres bescheidenen, armseligen Hauses entgegenzutreten. Wir Chinesen haben unsere kleinen Eigenheiten!“

Ursula atmete den schwach-süßen Duft der so viel besungenen Blumen des Fernen Ostens ein. Sie sagte ein paar dem Lauscher unverständliche Worte. Und Tschang Pi lächelte noch sanfter, machte eine einladende Handbewegung. Er führte Ursula an den Tisch der Passbeamten, die den Chinesen höflich grüßten. Die Kontrolle wurde sehr rasch ausgeübt.

Tschang Pi gab der Amah Befehl, sich um das Gepäck zu kümmern, ging dann mit der Weißen zur Tür. Tschang Pi erblickte den Grauhaarigen, der auf seine Bemühung hin im Gefängnis von Hongkong gesessen hatte, mit undurchdringlich unergründlicher Miene sah er ihn an, kein Muskel zuckte in seinem Gesicht.

Der andere lachte herausfordernd und rief dann Ursula ein lustiges „Tsching leao!“ nach.

Am Kai stand eine glänzende schwarze Limousine, und ein uniformierter Chauffeur hielt den Schlag offen. Ursula sank auf die weichen Polster und nahm die Blumen auf den Schoß.

Als sie nachher über die berühmte „Gartenbrücke“ glitten, wo sie erst von japanischen Soldaten und dann von schottischen Hochländern kontrolliert wurden, sagte Ursula: „Er kam in Hongkong an Bord! Er ist ein Landsmann von mir, der großes Unglück hatte!“

Tschang Pi lächelte und streichelte einen Augenblick väterlich ihre Hand. „Ja, er hatte Unglück, wie man es so nennt! – Ich erinnere mich seiner sehr gut, denn ich selber habe ihn vor ungefähr acht oder neun Jahren angestellt und nach Südchina geschickt. Er schien mir sehr gute Anlagen zu haben und hätte es weit bringen können in unserem Lande. Leider“, er spreizte bedauernd die Finger, „leider machte er sich des fluchwürdigsten Verbrechens schuldig, Rauschgift zu schmuggeln!Maski!“

Er schwieg, und Ursula fühlte, dass er das von ihr angeschlagene Thema nicht weiter verfolgen wollte. Sie fragte aber dennoch: „Er rief Tsching leao! Was bedeutet das?“ Prüfend richteten sich die schwarzen, grundlosen Pupillen des lächelnden Gelben auf Ursula. „Es heißt: Auf Wiedersehen!“

Die Limousine glitt durch die bunten, mit Menschen förmlich vollgepfropften Geschäftsstraßen. Tschang Pi machte Ursula bald auf dieses, bald auf jenes aufmerksam und sagte, als er ihre glänzenden Augen sah, zufrieden: „Es wird Ihnen in China gefallen! Sehr gefallen!“

Die Lotosblumen, die Ursula an sich drückte, dufteten geheimnisvoll. Grellbunte riesige Schriftzeichen hingen von den Häusern, Autos hupten in wilden Dissonanzen, und dazu klapperten Tausende von Sandalen. Sie konnte viele Europäer sehen und auch eine ganze Anzahl, die einen ärmlichen, dürftigen Eindruck machten. „Weißrussen oder europäische Emigranten!“, erklärte Tschang Pi und umfasste Ursula mit einem Seitenblick. Plötzlich setzte einer der typischen Schanghaier Sommerregen ein, und im Nu spannten die Menschen ihre Papierschirme auf. Ursula spähte durch die Scheiben, bis die daran herablaufenden Regentropfen die Sicht verzerrten.

„Ma Yü wird Ihnen eine liebe Freundin sein! Sie wartet auf Sie mit größter Ungeduld – wenn man bei uns Chinesen von Ungeduld reden kann!“, sagte der Kaufherr mit feinem Lächeln und fuhr dann fort: „Es gibt viel Neues für Sie zu sehen, Miss Kirsten. Trotzdem ist Schanghai durchaus nicht China! Aber Sie werden das richtige China und die Chinesen lieben und verstehen lernen. China, das Land der guten, segenspendenden Drachen und der höflichen, geduldigen, leidenden und immer lächelnden Menschen! China, das Land, das ihr Europäer mit eurer Kultur und mit eurem Handel nie erobern werdet, wenn ihr es euch auch einbildet! – Entschuldigen Sie, ich will damit nicht sagen, dass Europa schlecht ist. Im Gegenteil. Aber China ist China!“ Sie hörte am Klang seiner Worte, wie sehr er seine Heimat lieben musste.

Details

Seiten
253
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941609
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
gelber strom

Autor

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Titel: Gelber Strom