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Erbitterte Feinde

2020 146 Seiten

Leseprobe

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Erbitterte Feinde

Copyright

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Erbitterte Feinde

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 146 Taschenbuchseiten.

 

Lenhard Jackson reitet mit seiner Bande nach Laudon. Dort hat sich der Storebesitzer Ray Haynes die Beute eines Raubzuges angeeignet, die sich Jackson nun holen will. Mit dem Geld und dem Schmuck verlassen die vier Wölfe den Ort und hinterlassen zwei Tote: den Sheriff und Haynes.

Die Banditen trennen sich; jeder soll seiner Wege gehen. Jackson reitet nach Sandorcity, um sich dort niederzulassen. Nils Ferguson, der Marshal der Stadt, erkennt die Gefährlichkeit des Fremden, der sich nun Clark Doddleby nennt. Beide werden zu erbitterten Feinden.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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https://twitter.com/BekkerAlfred

 

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1

Sie sind zu viert. Leicht vorgebeugt sitzen sie in den Sätteln ihrer struppigen Pferde. Die breiten Krempen ihrer Hüte sind weiß von Schnee, ihre Gesichter werden durch vorgebundene Reittücher verhüllt. An ihren dicken Wolljacken hängen Eiskristalle. Doch das Fell ihrer Pferde ist trotz der niedrigen Temperatur schweißbedeckt.

Sie reiten schnell, und ihr Ziel ist schon nahe. Vor ihnen liegt es als dunkle Insel im weißen Feld der Winterlandschaft. Laudon heißt diese Stadt, und sie befindet sich hart am Fuße der Black Hills.

Lenhard Jackson wendet sich im Sattel um und mustert seine drei Gefährten.

„Alles klar?“, fragt er rau.

„Alles klar, Sweet!“, murmeln die Männer.

Vier Wölfe reiten ins Tal. Seit Wochen sind sie unterwegs, um jetzt zum Sprung anzusetzen. Lenhard Jackson, genannt „Sweet“, führt dieses gefährliche Rudel. Und er hat es bis in diese Gegend geführt, in neues Land sozusagen. Unten in Texas hängen allzu viele Steckbriefe. Jetzt soll Wyoming das neue Jagdrevier sein. Eine friedliche Stadt inmitten verschneiter Prärien und Wälder ahnt nicht, welche Gefahr sich ihr nähert. Niemand weiß es, auch Torry Dorvic, der Sheriff, nicht. Denn diese Raubwölfe warnen ihn nicht. Sie kündigen sich nicht an.

Sweet führt seine Meute. Doch nicht er allein ist gefährlich. Jeder dieser vier Männer stellt eine Bedrohung anständiger Menschen dar. Da ist der rotblonde Andy Maxwell, dessen massige Figur sich schwer über das Sattelhorn beugt. Da ist Pierre Dupont, einer der raffiniertesten und schnellsten Revolverkünstler der Staaten. „French Slim“ nennt man ihn. Er ist schlank, sehnig, aber nicht groß. Der vierte im Rudel ist Richard Gerdoway, den niemand unter diesem Namen kennt. Dagegen verursacht allein der Name Leaden Bullet, die Bleikugel, ein Frösteln der Furcht bei denen, die davon sprechen. Leaden Bullet ist nicht nur der Schwergewichtigste von allen, er ist auch der älteste Reiter in dieser Horde. Mit seinen neununddreißig Jahren ist er um ein Jahrzehnt älter als Sweet, der „Leitwolf“. French Slim mag etwa fünfundzwanzig Jahre als sein, sechs Jahre älter als der massige Andy Maxwell.

Jeder von ihnen ist ein Spezialist auf seine gefährliche Art. Der „Kopf“ aber ist Sweet. Er ist der klügste Raubwolf in diesem Rudel.

Dieses Rudel reitet jetzt von Süden her in Laudon ein.

Sweet wendet sich halb um.

„Neben dem Saloon ist der Store. So hat man es mir beschrieben. Also ihr wisst, wie wir es machen.“

„Gibt es hier einen Sheriff?“, fragt Leaden Bullet.

„Möglich, aber wahrscheinlich wärmt er sich den Rücken. Bis er es mitbekommen hat, sind wir weg. Wir haben eine Stunde Zeit. Dann beginnt die Dämmerung. Und merkt euch, Männer, sollten wir uns verlieren: der Treffpunkt ist Sandorcity. Vergesst auch nicht, was ich euch über die Black Hills sagte! Sie sind kein Versteck. Es wimmelt dort von Jägern und Leuten, die euch bald auffinden würden, ganz abgesehen von den Indianern. Unser Ziel liegt im Süden. Meidet also die Berge im Nordosten! Und nun los!“

 

 

2

Ray Haynes ist alt. Frierend hockt er vor dem Kanonenofen in der Ecke seines Stores. Er hält die Arme fest an die Brust gepresst und sieht aus glänzenden Augen auf die Ladentür. Die Wärme des Ofens vermochte bisher die Eisblumen an den Scheiben nicht aufzutauen. Doch darüber macht sich der Alte keine Gedanken. Ihm gefallen diese Eisblumen in ihren bizarren Formen. Leider aber versperren sie ihm den Blick auf die Straße.

Ray möchte so gerne mit jemandem schwatzen. Aber der warme Ofen ist zu verlockend. Auch als er die Stimmen von Männern draußen hört, als das Geräusch schnaubender Pferde bis zu seinen Ohren dringt, bleibt er sitzen. Die Neugier ist geringer als die Angst vor der Kälte.

Dann geht die Tür auf.

Niemand kann sagen, was der Alte empfindet. Zusammengekrümmt hockt er am Ofen und starrt auf Andy Maxwell, der mit angewinkelten Armen und halb geöffneten Händen auf ihn zukommt. Das erfordert Rays Aufmerksamkeit so sehr, dass er die anderen beiden Männer nicht bemerkt, die dem Hünen Maxwell folgen. Er sieht nur in die grünen Augen Maxwells. Und er muss wohl fühlen, wozu dieser Fremde entschlossen ist.

„Ray Haynes, bist du es?“, fragt der Mann an.der Tür.

„Ja, ich bin es“, murmelt Ray.

„Uns schickt ein Mann namens Thomton. Dieser Mann wurde in San Antonio gehängt. Bevor man ihn schnappte, schleppte er sich verletzt aus dieser Gegend weg bis hinunter nach Texas. Er hatte ein Kutsche überfallen. Man jagte ihn. Unterwegs ließ er seine Beute bei einem Mann namens Ray Haynes. Die Stadt, in der er an jenem Tag blieb, heißt Laudon. Wir sind gekommen, um zu kassieren, Ray Haynes. Oder ...“, fügte Sweet sehr gedehnt hinzu, „hast du Einwände?“

Ray Haynes sieht auf Sweet. Er scheint den drohenden Blick Andy Maxwells ganz vergessen zu haben. Und so erwidert er: „Ich habe das Geld nicht mehr.“

„Geld? Ja, aber nicht nur Geld, Ray. Da sind auch die Schmucksachen und so allerlei Dinge. Na, du weißt schon. Also, nun mal 'raus mit den Sachen!“

In Ray Haynes' Augen flackert Angst. Natürlich erinnert er sich genau an den schwerverletzten Banditen, der nachts zu ihm kam. Und er weiß auch, warum er diesem Menschen half. Niemand in Laudon kennt dieses Geheimnis. Niemand ahnt, dass der ehrbare Storebesitzer Ray Haynes seit Jahren die Beute dieses Banditen an den Mann gebracht hat. Deshalb ist Ray Haynes reich. Sein Bankkonto ist beträchtlich. Aber auch das wissen nur sehr wenige.

Er hat Angst, und er ist trotzig. Geld übt auf ihn eine magische Kraft aus. Der Besitz von viel Geld war stets sein Ideal, es ersetzte ihm Religion und Weltanschauung. Geld, Geld!

„Nichts bekommt ihr, nichts! Ich habe kein Geld mehr.“

Die drei Männer sehen sich an, blicken wieder auf Ray, dann gibt Sweet dem bulligen Andy Maxwell einen Wink. Andy Maxwell ist es gewohnt, derartige Befehle mit dem Zeigefinger zu bekommen. Und er weiß, was er zu tun hat.

Langsam tritt er auf Ray zu, packt ihn schnell an den Schultern und reißt ihn vom Stuhl hoch. Ray strampelt, versucht um sich zu schlagen, aber es ist schließlich Andy Maxwell, der ihn hält und jetzt zusammenschlägt. Wie ein Bündel Elend liegt der Alte am Boden, als Andy von ihm ablässt.

„Beeilt euch!“, knurrt Sweet und blickt durch eine freie Stelle im vereisten Fenster. „French Slim wirkt unruhig.“

French Slim ist draußen und hält seinen Komplizen den Rücken gegen etwaige Überraschungen frei. Und eine solche Überraschung ist bereits auf dem Wege. Während im Store drei Männer eine Antwort aus Ray Haynes herausprügeln, beginnt dreihundert Yards weiter straßenabwärts der Sheriff Torry Dorvic seine zweite Nachmittagsrunde.

Torry ist seit vierzehn Jahren Sheriff von Laudon. Er ist der erste Sheriff dieser Stadt, denn sie existiert auch erst vierzehn Jahre. Sechshundert Menschen in Laudon und Umgebung vertrauen dem Oldtimer, ihm und seinen beiden schnellen Colts. Jetzt befindet sich der weißhaarige Sheriff auf dem rechten Sidewalk, auf eben demselben, der auch vor Ray Haynes’ Laden vorüberführt.

Torry Dorvic hat keine besseren Augen als irgendein anderer in Laudon. Doch seine Augen sehen die Dinge anders. So bemerkt er an den drei Pferden, die da vor Ray Haynes’ Store stehen, dass sie scharf geritten wurden. Sie tragen Sättel, wie man sie im Süden verwendet. Auch ihr Zaumzeug ist nach texanischer Manier gearbeitet, ähnlich der mexikanischen Art. Dann ist noch etwas recht erstaunlich für Sheriff Torry Dorvic. Ein vierter Reiter, ebenfalls auf einem Pferd mit texanischer Trense und einem derartigen Sattel, wartet auf der anderen Straßenseite. Bei flüchtigem Hinsehen ist das alles nicht auffällig. Aber Torry Dorvic sieht von Berufs wegen genauer hin.

Viel im Leben ist Zufall, alles ist Schicksal. Das Schicksal Torry Dorvics ist ein gutes Gedächtnis. Er erinnert sich plötzlich sehr genau an einen Steckbrief. Und das Bild des darauf abgebildeten Mannes Pierre Dupont ähnelt dem jenes Mannes dort drüben wie ein Ei dem anderen. Es ist auch Schicksal, dass French Slim eine Ahnung von dem, was kommen könnte, verspürt. Und ein abgebrühter Mann wie French Slim gibt etwas auf Ahnungen.

Als French Slim seine Hände blitzschnell zu den Colts zucken lässt, wirft sich Torry Dorvic in den Schnee. Es nützt ihm nichts. French Slim ist um viele Klassen besser als er. Bevor Torry die Revolver nur berühren kann, treffen ihn French Slims Kugeln. Das Blut eines Sterbenden rinnt ins blendende Weiß des Schnees.

 

 

3

Ihre Satteltaschen sind prall gefüllt. Vier frische Pferde tänzeln reiterlos neben den Gäulen her, auf denen die vier Wölfe sitzen. Schneeflocken wehen zu Tausenden, zu Millionen durch die Dämmerung. Schweißdampf steigt von Rücken und Flanken der Reittiere. Es geht südwärts. Längst liegt das Tal mit der Stadt Laudon hinter ihnen. Sie halten nicht an. Immer wieder treiben sie die müden Reitpferde voran, um nur ja einen kleinen Vorsprung vor den Verfolgern zu erreichen, damit sie die Pferde wechseln können. Es wird dunkler. Andy Maxwells Pferd stolpert.

„Wir sollten endlich halten, Sweet“, meint Andy.

„Unsinn! Sie sind zu zwanzig Mann. Und ich wette, dass sie in zwei Minuten hier sind. Treib deinen Pinscher an!“

Es geht weiter. Der Schnee wird höher. Das Wehen jedoch nimmt von Minute zu Minute ab. Es schneit auch nicht mehr. Selbst in der Dunkelheit sind die tiefen Spuren im Schnee deutlich zu sehen. Das ist es auch, weshalb Sweet keinen Aufenthalt duldet.

Zwanzig Verfolger sind fest entschlossen, den Tod zweier Männer zu rächen. Dabei ist es weniger die Beute, die von den vier Wölfen gemacht wurde. Ray Haynes liegt erschlagen in seinem Store, und der alte Sheriff Torry Dorvic wurde das Opfer zweier Kugeln. Deshalb setzen die Verfolger ihre Jagd auch dann noch mit aller Hartnäckigkeit fort, als das Schneetreiben wieder einsetzt.

Aber sie haben kein Glück. Der Schnee und der Wind sind Verbündete dieser vier Banditen. Die Spuren werden unkenntlich, die Sicht nimmt infolge des Schneetreibens ab. Schließlich reiten die Verfolger nur noch blindlings durch Wälder und Prärie. Dabei geraten sie in eine falsche Richtung.

 

 

4

In den Bergen der Laramie Ranges verbringen sie den Winter. Vier Monate lang leben sie in der kleinen Blockhütte, die Sweet entdeckte. Langeweile und Kälte plagen sie gleichermaßen. Doch beides ertragen sie gelassen. Und wenn sie in schlechter Stimmung sind, holt Sweet die Beute hervor, legt sie auf den Tisch und braucht keinen Beweis mehr darüber anzutreten, wie reich sie jetzt sind.

An einem Tage, da zwischen Andy Maxwell und Leaden Bullet ein Streit ausbricht, lenkt Sweet die beiden Hitzköpfe dadurch ab, dass er das Aufteilen der Beute verkündet. Sweet verteilt gerecht. Jeder bekommt seinen Anteil an Geld, was pro Mann rund dreitausend Dollar ausmacht. Von größerem Wert allerdings sind die Schmuckstücke: Ringe, Brillanten, Armreifen und Perlenketten. Nicht alles, was sie da auf dem Tisch vor sich liegen haben, stammt aus der Beute jenes Thornton. Vieles gehörte Ray Haynes, vor allem das Bargeld. Bevor er von Andy Maxwell getötet wurde, verriet er das Versteck.

Sweet kennt die Gefahren, gestohlenen Schmuck zu veräußern. Er ermahnt die Komplizen, nur abzuwarten und erst eine geraume Zeit verstreichen zu lassen, bevor einer von ihnen versucht, den Schmuck zu verkaufen.

So entsteht der Plan, in Sandorcity und Umgebung für ein oder zwei Jahre unterzutauchen, die Biedermänner zu spielen und richtige Arbeit zu verrichten.

„Wer nicht arbeitet und vom Gelde lebt, ist verdächtig“, hat ihnen Sweet gesagt. Sie vertrauen auf seine Intelligenz.

Als der Frühling kommt und sogar in den Bergen das Tauwetter einsetzt, reiten sie talwärts. Dann aber, am Beginn der weiten Laramie Ebene, teilen sie sich. Jeder von ihnen soll sich Arbeit suchen: French Slim und Andy Maxwell auf einer Ranch, Sweet und Leaden Bullet in der Nähe von Sandorcity oder vielleicht sogar in der Stadt selbst.

 

 

5

Sandorcity ist keine Sehenswürdigkeit. Die Häuser sind schäbig, abgeblättert; ihre Fassaden schreien geradezu nach Farbe. Die Mainstreet erinnert jetzt im Frühjahr an ein Schlammbad. Inmitten der etwa zwanzig Häuser zählenden Ortschaft befindet sich das klobige Denkmal General Shermans. Die Hand auf dem Säbelknauf, so blickt der steinerne Sieger von Atlanta in die Runde.

Im Augenblick lehnt Nils Ferguson am Podest des Denkmals, drückt seinen Ellenbogen auf die Stiefelspitzen des Generals und blinzelt gut gelaunt in die Frühlingssonne. Er ist sehr zufrieden mit sich und der Welt. Er hat allen Grund dazu. Schon der Anblick der im Schlamm patschenden Pferde, der fluchenden Kutscher und Gespannreiter erinnert Nils daran, wie gut er es doch hat.

Ja, vor ein paar Monaten war das alles noch anders. Da gehörte er zu Milford Tappers’ Mannschaft. Ein Cowboy unter vielen. Arbeit bei Sonne und Kälte, bei Regen oder Schnee, bei Sturm oder Nebel, hartes Leben in der weiten Prärie. Kurz vor Weihnachten riss bei Nils der Knoten. Er bekam Streit mit Milford Tappers. Am nächsten Tag gab es auf der Barrel-O-Ranch einen Cowboy weniger. Nils tauchte in Sandorcity auf, wo man gerade einen tüchtigen Townmarshal suchte. Nils bewarb sich beim County Sheriff und wurde eingestellt. Man tat es nicht, weil er ein hübscher junger Bursche war, der im letzten Rodeo nicht nur die Bullen, sondern auch die Mädchenherzen bezwang. Nein, ein Marshal muss mehr können. Aber Nils Ferguson kann das. Von denen, die sich beworben hatten, schoss er am besten, und er hatte außerdem den Ruf, der beste Reiter im County zu sein. Es genügte, den Sheriff zu veranlassen, einen Vierundzwanzigjährigen zum Marshal zu ernennen. Seitdem hat Nils den Sheriff nicht mehr gesehen, denn die County Stadt befindet sich neunzig Meilen von hier entfernt.

Trippelnd, die Röcke wegen des Schmutzes gerafft, kommt ein junges Mädchen über den Sidewalk. Obgleich sie nur ein einfaches graues Kleid und eine gar nicht auffällige schwarze Stola trägt, wirkt sie elegant und graziös. Ihr volles, schwarzes Haar wird von dem Silberdrahtnetz kaum gebändigt, als wollte es wie schwere, dunkle Seide über die Schultern herabfließen.

Maureen ist schlank, doch nichts an ihr ist eckig oder mager, trotz ihrer achtzehn Jahre. Es gibt noch mehr Mädchen im County, die es mit Maureen in der Figur und der Schönheit aufnehmen können, doch keine von allen hat so schöne Augen wie Maureen.

„Sie haben es gut, Marshal. Ich beneide Sie“, sagt sie scherzend, und ihr Blick wird spöttisch.

„Maureen, ich habe auf Sie gewartet. Heute Morgen sah ich Sie nicht, und ich dachte: Am Sonntag wird Tanz sein. Wie viele Tänze kann ich bei Ihnen vorbestellen?“

Sie sieht ihn schelmisch an, zwinkert ihm zu und meint amüsiert: „Du meine Güte, Sie wollen doch nicht alle für sich reservieren lassen?“

„Wenn es geht, ja“, erwidert er.

Nils sieht über sie hinweg zur anderen Straßenseite hin. Dort nähert sich ein Reiter mit einem Handpferd. Beide Gäule sind so mager, dass ein Hut in ihren Beckenbeinknochen hängenbleiben würde. Ihr struppiges Fell scheint seit Monaten keinen Striegel oder eine Kartätsche gesehen zu haben. Eines der Tiere trägt texanisches Zaum und Sattelzeug. Das Handpferd stammt anscheinend aus Wyoming. Es ist auch hochbeiniger als der texanische Bronco. Der Reiter selbst wirkt ebenso verkommen und halb verhungert wie seine Pferde. Sein knochiges Gesicht, in dem noch die Spuren von Frostbeulen zu sehen sind, ist von einem struppigen Bart umrahmt.

Zwei Dinge aber wirken gepflegt. Das sind der Revolver und das Lasso.

Der Reiter treibt seine Pferde an und hält auf das Paar am Sherman Denkmal zu. Zehn Schritte vor Maureen und Nils zügelt er seine Tiere, blickt amüsiert auf den steinernen General und meint trocken: „Oben ein Feldmarschall, unten ein Town Marshal. Beide ein Schatten im Vergleich zu Ihnen, Madam!“ Er deutet eine leichte Verbeugung im Sattel an und blickt lächelnd auf Maureen.

Maureen lächelt geschmeichelt. Doch dann wird ihr Blick kühl.

„Sind Sie nach Sandorcity gekommen, um uns das zu sagen?“, fragt sie spöttisch.

Der Fremde lacht.

„Einer schönen Frau zuliebe würde ich von Alaska nach Mexiko reiten, Madam. Aber ich sehe schon, dass der Marshal neben Ihnen sehr böse dreinsieht. Hallo, Marshal, wo kann man hier Arbeit finden?“

Was Nils schon der Bronco und sein Sattelzeug verrieten, bestätigt der Slang des Mannes. Der Fremde ist ein Texaner.

„Wohin willst du, Texasmann?“, fragt Nils.

„Ich sagte es dir schon, Marshal. Ich suche hier Arbeit. Der Winter hat mich in die Berge getrieben. Ich wollte dort jagen. Es wurde nichts. Zum Umkehren war es zu spät. Na, man sieht’s mir an, wie ein Winter in den Bergen zu sein pflegt. In diesem Zustand komme ich nicht sehr weit. Ich dachte mir, ich könnte hier den Sommer über Arbeit finden und vielleicht im Frühherbst weiterziehen.“

„Nils, ich wüsste ...“

Nils jedoch unterbricht Maureen: „Stop! Meine Unterhaltung mit dem Texasmann ist noch nicht beendet. Wie heißt du?“ Nils sagt es streng und befehlend.

„Ich bin Clark Doddleby, war zuletzt Cowboy bei einer Treibherdenmannschaft aus Cheyenne.“

Nils hakt misstrauisch ein: „Bei wem in Cheyenne?“

„Boyd Buchanan, Marshal“, erwidert Doddleby prompt.

„An den hat Vater auch schon verkauft“, mischt sich Maureen wieder ein.

Nils nickt. Er kennt den Viehhändler Buchanan. Doch sein beruflich bedingtes Misstrauen bleibt. „Woher stammt dieser Braune da? Er ist kein texanisches Pferd.“

„Richtig, Marshal“, bestätigt Doddleby. „Ich habe es von Buchanan bekommen, als mein Handpferd von einem Bullen aufgespießt worden war. Das Tier hier hat den Kronenbrand und stammt aus der Gegend von Custer, wie man mir sagte.“

„Irrtum“, korrigiert Nils. „Solche Pferde züchtet McLowell in Laudon.“

„So genau weiß ich es nicht, Marshal“, gibt Doddleby zu. „Man kann schließlich nicht alles wissen. Und ich bin kein Marshal, der alles wissen muss.“ Er lacht und sieht Maureen an. Die stimmt in sein Lachen ein.

„Ich glaube nicht, dass du hier Arbeit finden wirst. Findest du bis morgen Mittag keine, musst du weiterreiten. So befiehlt es die Stadtverordnung, klar?“

Doddleby nickt.

„Ja, ich verstehe. Aber wenn du schon ziemlich pampig bist, Marshal, so kannst du mir doch noch sagen, wo ich eine Chance hätte, Arbeit zu finden.“

Nils blickt in die dunklen Augen des Mannes. Er erkennt das Glitzern, dieses gefährliche Aufleuchten. Eine Stimme in seinem Innern sagt ihm, dass dieser Fremde sehr gefährlich ist, viel schlimmer, als es den Anschein hat. Doch dieses Aufleuchten ist nur kurz. Jetzt blicken diese Augen wieder völlig gleichgültig. Das bärtige Gesicht wirkt entspannt und gutmütig.

„Ich weiß, wo Sie Arbeit finden, Mr. Doddleby“, schlägt Maureen vor. „Bei meinem Vater! Er sucht einen guten Reiter. Jetzt fängt der Handel wieder an. Am besten, Sie fragen ihn selbst. Ich — ich könnte Sie zu ihm führen.“

 

 

6

Leaden Bullet dreht sich die vierte Zigarette. Seit einer Stunde wartet er. Längst ist es Nacht, und wo vorhin in der Dämmerung die Silhouetten der Häuser von Sandorcity zu sehen waren, blinken jetzt die vielen Lichter der Petroleumlampen. Vom Winde verwischt, klingt Musik an die Ohren des Mannes. Lauter jedoch als das ferne Musizieren ist das Rauschen der Tannen, unter denen er steht.

Trotz der raschelnden Zweige hört Leaden Bullet den dumpfen Hufschlag. Angespannt lauscht er, presst das rechte Ohr auf den Boden und erhebt sich wieder. Ein Lächeln huscht über sein ledernes Gesicht. Er wartet, bis er den Reiter sieht, legt die Hände an den Mund und stößt ein seltsam klingendes Pfeifen aus. Kaum ist es verklungen, wird der merkwürdige Pfiff aus der Dunkelheit heraus erwidert.

„Sweet?“

„All right, Buddy“, sagt Sweet und steigt ab. „Wo steht dein Klepper?“

„Weiter hinten bei den Jungtannen. Stell deinen daneben! Kommen French Slim und Andy auch?“

„Glaub’ nicht. Habe sie nicht mehr gesehen. Was weißt du von ihnen, Leaden Bullet?“

„Bring erst den Gaul weg, dann erzähle ich’s dir!“

Als Sweet sein Pferd angebunden hat und zu Leaden Bullet zurückkehrt, sitzt der auf dem Boden und ist dabei, sich wieder eine Zigarette zu drehen. Er sieht zu Sweet auf und fragt: „Ist da ein Fest in der Stadt?“

„Tanz. Alle Gänse und Hammel von Sandorcity und Umgebung haben sich versammelt.“

Leaden Bullet mustert den Kumpan verständnislos.

„Tanz ist doch schön, Sweet. Ich wünschte, ich könnte teilnehmen. Es war in Pecos, dass ich zum letzten Mal tanzte. Vor Jahren. Ah, wenn ich so daran denke, möchte ich ...“

„Denk nicht daran, dann hast du keine blöden Ideen! Hör zu, was ich dir sage: Ich habe einen Job bei dem hiesigen Viehhändler. Und für dich wird auch ein Job zu haben sein. Warte noch zwei oder drei Tage!“

„Ah, ich habe Arbeit noch nie geschätzt, Sweet. Und in einer Stadt möchte ich erst recht nicht sein. Ich hab’ mir's genau überlegt, Sweet. Lieber suche ich ’nen Job auf der Ranch, wo auch French Slim ist. Dort bist du nicht unter so vielen wie in der Stadt.“

„Unsinn, Leaden Bullet. Ich zum Beispiel habe einen prima Job. Der Boss ist ein alter Trottel. Er hat eine hübsche Tochter, ein Goldkind. Ich weiß heute schon, dass sie eines Tages mein Lied singen wird.“

„Was tut sie jetzt?“

„Sie tanzt, was sonst.“

Leaden Bullet schüttelt verständnislos den Kopf.

„Sie tanzt. Du sagst es in aller Ruhe. Hast du ein Auge auf sie geworfen?“

„Man muss vorsichtig bleiben, Leaden Bullet. Sie hat einen Pfau, der hinter ihr her ist. Wäre er nicht ausgerechnet der Marshal, würde ich mich nicht daran stören. Aber so muss ich das berücksichtigen.“

„Ist er gefährlich?“

„Nein, ich glaube nicht, dass er nur einem von uns das Wasser reichen kann. Er ist ziemlich jung für einen Marshal. Mädchen scheinen ihm mehr zu bedeuten als der Stern. Immerhin muss man ihn im Auge behalten.“

„Du willst nicht etwa hier Wurzeln schlagen, Sweet?“, erkundigt sich Leaden Bullet misstrauisch.

Sweet lacht.

„Und wenn, was dann? Stell dir vor, wir würden anlangen, ehrsame Leute zu werden, wie? Vielleicht kaufen wir Land, Vieh und was sonst dazu gehört, um eine Ranch zu haben.“

„Sweet!“, ruft Leaden Bullet besorgt.

Unbeirrbar fährt Sweet fort: „Du sagst selbst, dass es schön ist, wenn man tanzen kann, wenn man sich bewegen kann wie ein anständiger Mensch. Ah, wir sind doch reich. Warum sollten wir nicht plötzlich zu sogenannten anständigen Bürgern werden, he?“

„Sweet, du bist drei Tage in dieser verdammten Stadt. Drei lächerliche Tage. Ein Fratz hat dir den Kopf verdreht. Und nun glaubst du Narr daran, dass es möglich ist, mit einem Mal zum ehrsamen Spießer zu werden. Sweet, ich würde lachen, wenn es nicht so gefährlich wäre, was du sagst. Sweet, so beginnt dein Untergang. Daran zerbrichst du. Lass es sein, Sweet! Pack deinen Krempel und reite mit uns weiter! Irgendwohin, Sweet, nur weg von hier! Weg von diesem Fratz, der dich verrückt macht!“

„Menschenskind, niemand braucht doch zu wissen, wer wir sind? He, mich nennt man jetzt Clark Doddleby. Und ich bin von nun an für alle Welt Clark Doddleby. Vielleicht bleibe ich es.“

„Und was wird aus uns, Sweet?“

„Ihr müsst mich vergessen. Die Beute ist geteilt. Ihr könnt ohne mich ebenso leben.“

„Ja, ich werde das den anderen klarmachen. Und du bleibst bei deinem Entschluss?“ Sweet nickt. „Gut, wir waren Partner, gute Partner, Sweet. Wir haben manche böse Sache gemacht. Aber Freunde sind wir dennoch, gute, ehrliche Freunde. Wenn du in Not bist, sollst du wissen, dass du diese Freunde auch später noch hast. Du kennst die Adresse von Cat Lilly?“

„Natürlich, Cat Lilly in Dodge City.“

„Richtig. Durch sie wirst du uns immer erreichen. Und ich weiß, Sweet, dass du uns noch brauchst, bitter nötig sogar.“

 

 

7

In einer leerstehenden Camphütte treffen sich French Slim, Leaden Bullet und Andy Maxwell am Morgen des nächsten Tages. Alle drei haben sie ihre Pferde und ihr Packzeug mitgebracht.

„Was ist passiert, Leaden Bullet?“, erkundigt sich French Slim.

Leaden Bullet lehnt sich an die Hüttenwand und rollt eine Zigarette.

„Er ist durchgedreht, Jungs. Es hat ihn erwischt. Natürlich ein Weib. Genauso, wie es mir schon mal passierte. Und bei ihm wird es genauso enden.“

„Ein Weib?“, fragt French Slim und blickt überrascht zu Leaden Bullet auf. „Er ist jetzt noch nicht ganz vier Tage in diesem Drecknest, und da hat er schon ...“

„Er hat nicht“, unterbricht ihn Leaden Bullet mit geringschätzigem Grinsen. „Er will erst haben. Der Teufel soll dieses Frauenzimmer holen, in das er sich vergafft hat. Ein ehrbarer Mensch will er werden, hat er gesagt. Ehrlich arbeiten wird er, erklärte er mir. So ein Narr.“

„Und du hast es ihm nicht ausreden können?“, empört sich French Slim.

„Du hättest ihn sehen sollen. Ganz fanatisch war er. Ah, ich sage euch, es hat ihn erwischt. Da helfen keine Pillen.“

„Und wir? Was sollen wir machen?“, fragt Andy. „Soll’n wir ihm den Hochzeitsbraten servieren?“ Er lacht polternd und schlägt sich auf die Schenkel.

„Hör mit dem dummen Gequatsche auf!“, erregt sich French Slim. „Er hat uns in die Tinte gesetzt, dieser Narr. Was meinst du, Leaden Bullet?“

„Nehmt es nicht so wichtig! Ich weiß genau, dass er in ein paar Wochen wieder zu uns gehört. Er ist unser bester Mann. Ohne ihn sind wir nur die Hälfte wert. Rede nicht, French Slim, auch deine Kanonen ersetzen seine Intelligenz nicht. Er ist schlau. Keiner von uns hat das im Hinterkopf, was er drin hat.“

„Und du meinst, es lohnt sich?“, forscht French Slim.

„Genau das. Es lohnt sich, auf ihn zu warten, ihm zu helfen, wenn er in die Patsche gerät. Und er wird hineingeraten, so sicher, wie ich Leaden Bullet bin.“

„Äh, sagte er nichts vom Marshal?“, will Andy wissen.

„Er hält ihn für eine Niete“, erwidert Leaden Bullet.

„Irrtum, Buddy, der ist keine Niete“, widerspricht French Slim. „Frag Andy, was mit diesem Marshal los ist!“

Andy nickt. Sein breites Schlägergesicht verzieht sich zum Grinsen.

„Der ist verdammt scharf, dieser Bursche. Auf der DC Ranch, wo ich mit French Slim arbeite, sagen sie, dieser Marshal ist eine harte Nummer. Er schießt und reitet wie keiner im County. Alle sagen, er hätte einen verdammt hellen Kopf.“

„Heller als deiner bestimmt“, erwidert Leaden Bullet abfällig. „Aber er rennt den Weibern nach, übrigens auch der Kleinen, auf die es Sweet abgesehen hat. Und er ist jung, zu jung für einen erfahrenen Marshal. Vielleicht ist er keine Niete, aber gegen uns kommt er nie an, noch nicht gegen Sweet allein.“

„Was soll also geschehen?“, forscht French Slim erregt. „Ich habe es satt, Sweets Launen mitzumachen. Er will aufhören. Gut. Soll er. Ich für meinen Teil mache weiter. Und ihr?“

„Wir auch, aber er ist unser Freund. Wir bleiben in der Nähe. Er braucht eines Tages unsere Hilfe.“ Leaden Bullet dreht sich nach diesen Worten um und blickt auf die Prärie hinaus.

„Da kommt Sweet!“, ruft Leaden Bullet plötzlich.

Zu dritt starren sie durch die offene Tür auf den Reiter, der langsam näher kommt.

 

 

8

Er lächelt, wie er es immer tut. In seinem Blick ist die alte Überlegenheit. Auch die lässige Art, aus dem Sattel zu gleiten, erinnert noch an Sweet, den gefürchteten Leitwolf. Doch sein Äußeres hat sich gewandelt. Sein Anzug ist neu, auch der Hut. Was die Kumpane am meisten erstaunt, ist die Tatsache, dass er keine Waffe trägt. Sweet waffenlos. Das verstehen sie nicht.

„Ich bin gekommen, damit ich euch warnen kann. French Slim, du bist wieder einmal aufgefallen. Dich kennen allmählich zu viele Leute. So einen Zwerg gibt es nicht alle Tage.“

French Slim wird rot vor Wut. Zwerg hat ihn Sweet genannt. Ein Wort, das er hasst.

„Ha, sagtest du Zwerg zu mir? Verdammt, ich werde dir zeigen, was ein Zwerg kann!“ Seine Hände zucken zu den Coltgriffen. Ja, er trägt zwei Revolver, dieser kleine, schmächtige Mann.

„Lass die Kanonen stecken, Giftpilz!“, mahnt Andy gutmütig.

„Was ist los, Sweet? Rede endlich!“, fordert Leaden Bullet.

Sweet verschränkt die Arme über der Brust, lächelt wieder und amüsiert sich über die Unruhe seiner Komplizen.

„Ein Rancher hat dich erkannt, French Slim. Er schickte heute Morgen einen Boy in die Stadt. Zum Marshal natürlich. Wenn du jetzt auf deine Ranch zurückreitest, wirst du schon erwartet. Aber wie ich an den Pferden sehe, hast du gar nicht die Absicht.“

„Nein, wir ziehen weiter. Und du wirst mitkommen!“, erklärt French Slim scharf.

Sweet lacht.

„Ich? Hat euch Leaden Bullet nicht erzählt, was ich mache?“

Jetzt reden sie zu dritt auf ihn ein, aber er bleibt bei seinem Vorhaben.

„Warum, zum Teufel, bleibst du in diesem dreckigen Kaff?“, fragt Leaden Bullet schließlich. „Nimm das Mädchen mit und ...“

„Es geht nicht um das Mädchen. Sie ist nett. Schön, aber deshalb bleibe ich doch nicht hier. Nein, Freunde, wenn ihr mir nur fünf Minuten zuhört, werdet ihr mich verstehen. Sandorcity ist in einem Jahr schon eine Goldgrube. Und deshalb bleibe ich. Ihr könntet auch bleiben. Doch weil sie French Slim wieder einmal erkannt haben, würde ich sagen: Reitet weiter und kommt in einem halben Jahr zurück.“

„Das verstehe, wer will“, meint Leaden Bullet.

„Wenn ihr wiederkommt, setzt ihr euch ins gemachte Nest. Das ist ein Versprechen. Ihr wisst, dass ich bis heute noch immer Wort hielt.“

„All right, woraus baust du das Nest?“, will Leaden Bullet wissen.

„Aus Macht, Buddy, aus der Macht über dieses Kaff und die Hinterwäldler hier. Nur eine Aufgabe müsst ihr vorher lösen.“

Leaden Bullet lacht. „Davon sprach ich schon - du meinst den Marshal?“

„Ja, er ist mir im Weg. Ich kann es nicht selbst tun. Er muss weg!“

„Geht klar, Sweet. Und in einem halben Jahr sehen wir uns dann wieder, was?“

„Stimmt genau. Brauche ich euch eher, erfahrt ihr es bei Cat Lilly.“

So trennen sie sich. Und sie sind noch immer die gleichen Wölfe. Einer von ihnen trägt den Schafspelz.

 

 

9

Die Zukunft steht nirgendwo zu lesen. Nils Ferguson kennt sein Schicksal nicht, als er mürrisch von der DC Ranch nach Sandorcity zurückreitet. Der Ritt zur Ranch war vergebens. Jener Mann, den man als den berüchtigten French Slim erkannt hatte, ist verschwunden, mit ihm auch der Hüne, in dem Nils den Banditen Anthony Maxwell vermutet. Zwei aus einem gefährlichen Quartett. Fehlen noch die beiden anderen. Einen kennt Nils von der Beschreibung: den fast vierzigjährigen Leaden Bullet, den Mann mit den Bolas. Bleibt noch der Anführer Sweet Jackson. Von ihm kennt Nils kein Bild. Die Beschreibungen dieses Banditen widersprechen sich. Viele seiner Opfer reden nicht mehr, und die einen „Hit“ überlebten, wissen nicht mehr so genau, wie Sweet aussah. Keiner hat ihn längere Zelt zu Gesicht bekommen.

Alle Fremden sind verdächtig, überlegt Nils. Da ist doch dieser Doddleby. Auch ein Fremder. Ich muss feststellen, woher er kommt, ob seine Angaben stimmen. Er muss einen Ausweis haben. Auch wenn er nichts mit den Banditen zu tun hat, wäre es ganz gut, ihm auf den Zahn zu fühlen. Natürlich, das wäre sogar prächtig. Ich muss es einrichten, denkt er weiter, genau dann nach seinen Papieren zu fragen, wenn Maureen in der Nähe ist. Sie soll es miterleben, wie ich ihn zusammenstauche. Ho, es wird ihr vielleicht helfen. Hat sie sich am Sonntag nicht ekelhaft benommen? Ich bestelle die Tänze, und was tut sie? Tanzt mit allen anderen, zum Schluss sogar mit Doddleby. Dabei war der den ganzen Abend weg und kam erst zum Schluss. Und mit ihm ist sie nach Hause gegangen. Mit ihm! Dieser Tramp, dieser hergelaufene Strolch spannt mir nach drei Tagen, die er hier ist, schon das Mädchen aus.

Er überlegt, ob Doddleby etwas mit den vier Banditen zu tun haben könnte. Möglich ist es schon, sagt er sich. Doch Doddleby trägt keine Revolver. Seit er bei dem Viehhändler Sommersgide arbeitet, sieht man ihn nur waffenlos. Ein Trick?, fragt sich Nils. Er glaubt es nicht. Banditen tragen seiner Meinung nach stets Waffen. Sie können nicht ohne sie sein, denkt er.

Es ist noch nicht völlig dunkel. Im Westen ist der Himmel noch rötlich. Doch die Sicht ist schlecht. Vom Prärieboden steigt leichter Dunst auf; in der Senke, die sich vor Nils auftut, hängen die Schwaden zwischen den Sträuchern.

Nils' Brauner schnaubt erregt und bleibt stehen. Er wirft den Kopf hoch, beginnt mit der Vorderhand zu trippeln und bläht die Nüstern. Im ersten Augenblick hält Nils das Verhalten für die Scheu vor einem Raubtier oder einer Schlange. Doch er wird eines Besseren belehrt.

Zwischen den Büschen blitzt es auf. Den Bruchteil einer Sekunde später hört Nils den Schuss. Er reißt sein Pferd herum, duckt sich tief über den Hals des Tieres, zieht seinen Colt heraus und schießt zweimal hintereinander ins Gebüsch. Der Braune bricht aus. Er ist derart erschrocken, dass er nicht zu zügeln ist. In wilden Sprüngen jagt er den Hang der Senke hinauf.

Hinter Nils bricht ein Schnellfeuer los. War der erste Schuss wohl mehr als Warnung gedacht, zielen die Gegner jetzt genau. Nach dem vierten oder fünften Schuss, der aus den Büschen fällt, wird der Braune getroffen. Noch entsetzter als zuvor versucht das Tier auszubrechen. Nils hindert es nicht mehr daran, zumal er begriffen hat, wie viele Gegner er hat. Seiner Schätzung nach müssen es drei oder vier sein.

Die Flucht nützt ihm nichts. Ein gut gezieltes Winchestergeschoss beendet das Leben des Braunen. Die Vorderhand knickt ein, der Wallach überschlägt sich und schleudert seinen Reiter dabei durch die Luft. Nils kommt mit der Schulter auf, rollt sich geschickt im Sand und fängt die Wucht des Aufschlages ab. Unversehrt bleibt er liegen. Nach kurzer Orientierung weiß er, wo seine unbekannten Gegner sind. Da vorn ist die Senke. Links von ihm liegt das tote Pferd.

Ich muss zu dem Braunen. Mein Gewehr steckt im Scabbard, denkt er.

Es ist still um ihn herum, als wäre nichts geschehen. Er hebt den Kopf und lauscht. Nichts zu hören. Vorsichtig kriecht er auf den Braunen zu. Die Dämmerung, die eben noch sein Verhängnis war, ist jetzt ein glücklicher Umstand. Ungeschoren erreicht er das tote Pferd, findet hinter ihm sichere Deckung und kann sein Gewehr aus dem Scabbard ziehen. Es ist schmutzig. Er baut das Schloss aus, wischt den gröbsten Dreck herunter und setzt es wieder ein. Noch immer ist nichts um ihn herum geschehen.

Misstrauisch späht er über das Pferd hinweg zur Senke. Dort regt sich nichts. Es ist still, zu still für eine Prärienacht. Keine Insekten, kein Nachtvogel, nichts ist zu hören.

Sie müssen Pferde haben, denkt Nils. Bestimmt sind die Pferde in ihrer Nähe, irgendwo da unten im Gebüsch.

Es reizt ihn, blindlings zwischen die Sträucher zu schießen, doch nach reiflicher Überlegung lässt er es sein. Er beschließt, darauf zu warten, dass seine Gegner den Anfang machen.

Aufmerksam späht er in die Runde. Und da sieht er die Gestalt, die knappe dreißig Yards von ihm entfernt wie eine Statue in der Prärie steht. Schon will er das Gewehr in Anschlag bringen, als er hinter sich, keine zehn Schritte weit weg, den zweiten Mann erkennt.

„Keinen Unsinn, Marshal!“, ruft eine Bassstimme.

Und nun sieht Nils den dritten Mann weit vor sich aus dem jungen Gras der Prärie aufstehen.

Der Mut der Verzweiflung überkommt Nils. Die Falle ist komplett, er sieht es. Sie haben ihn umstellt. Und er liegt vor ihnen wie auf dem Präsentierteller.

Chancen? Gibt es jetzt noch eine? Für ihn kaum. Er sieht nicht eine, nicht den Schatten davon. Nein, es ist aus.

Aber sie schießen nicht. Sie warten noch.

„Steh auf, Marshal, wir sind keine Kojoten! Steh auf! Du sollst den Colt in der Hand halten, wenn du stirbst!“

Nils gehorcht. Er sieht, wie sie näherkommen. Es juckt ihm in den Fingern. Er möchte jetzt schon anfangen, möchte diesen Burschen da vorn niederschießen. Aber er sieht, dass sie keine Waffen in den Händen halten.

Sie fühlen sich sicher, denkt er. Sie wissen, dass ich ihnen nicht entkomme.

Und so ist es.

„Wer seid ihr?“, fragt Nils mit heiserer Stimme.

„Ich bin Leaden Bullet. Den Namen wirst du gehört haben. Der da rechts ist French Slim. Er ist euch ja aufgefallen. Und unser Bullenmann da vorn ist Andy Maxwell.“

„Und wo ist der vierte von euch, wo ist Sweet Jackson?“

Leaden Bullet lacht rau.

„Er ist tot, schon viele Monate, Marshal. Ich sehe, du weißt verdammt wenig. Sweet wurde in Laudon angeschossen und starb in den Bergen. Wir hatten uns in den Black Hills versteckt. Ja, dort liegt unser Sweet. Er hat keine Sorgen mehr, mein Junge. Und nun Schluss! Komm näher zu mir, Andy! Und du, French Slim, tritt an diese Stelle!“

Sie stehen dicht nebeneinander. Drei Wölfe. Keiner von ihnen hält seine Waffe in der Hand. Sie sind so sicher.

Nils steht vor dem toten Pferd. Und als er einen halben Schritt zurücktritt, berührt seine rechte Wade den Sattel. Die Berührung bringt ihn auf die Idee. Es ist der Schimmer einer Möglichkeit. Mit einer Möglichkeit auf Erfolg von eins zu tausend. Dennoch ist er verzweifelt genug, sich daran zu klammem.

„Bist du fertig, Marshal? Dann zieh!“, sagt Leaden Bullet.

Nils zögert noch. Sekundenlang blickt er auf die drei drohenden Gestalten, sekundenlang jagen sich in seinem Hirn die Gedanken. Und dann ist es soweit. Er greift blitzschnell, schneller als je in seinem Leben, zum Colt. Er zieht ihn nicht heraus, hebt ihn nur an und lässt den Hammer nach vorn schnellen. Gleichzeitig springt er etwas zurück, bleibt mit dem Absatz am Sattel des toten Pferdes hängen und rollt über den Leib des Tieres hinweg. Bevor er hinter dem Pferd Deckung findet, trifft ihn French Slims Schuss ins Gesäß. Andy Maxwells Kugel verfehlt ihn um Haaresbreite.

Leaden Bullet kann nicht mehr schießen. Der gefürchtete Bola Werfer wälzt sich schwerverletzt am Boden.

Nils spürt den Schmerz im Gesäß zunächst nicht. Noch ist es nur ein dumpfer Druck, nicht mehr. Er weiß auch nicht, ob es eine schlimme Verletzung ist oder nicht. Er weiß nur eines - wenn er jetzt eine Sekunde die Nerven verliert, ist alles aus.

Er rollt sich zur Seite. Da sieht er French Slim, der um das Hinterteil des toten Pferdes herumläuft. Deutlich erkennt ihn Nils, denn der kleine Revolvermann hebt sich klar vom helleren Hintergrund des Nachthimmels ab. French Slim sieht Nils nicht sofort. Er vermutet ihn offenbar dicht am Pferd.

Nils schießt. French Slim bricht zusammen, wälzt sich zur Seite und findet hinter dem im Tode weggestreckten rechten Hinterbein des Wallachs etwas Deckung.

Nils feuert noch einen Schuss ab. Ob er French Slim getroffen hat, ist nicht sicher. Doch da taucht Andy Maxwell auf. Der schwergewichtige Bandit ist mit einem Satz auf die Flanke des Pferdes gesprungen. Bevor Nils schießen kann, setzt Andy zum zweiten Sprung an. Mit aller Kraft will er sich auf den Marshal werfen. Da drückt Nils ab. Das Geschoss schlägt in Andys Schulter. Aber dadurch ändert sich nichts. Der Riese landet dicht vor Nils, wirft sich nach vorn und kann seine Bärenpranken in des Marshals Schultern schlagen.

Nils will den Colt hochreißen, aber bevor er das kann, trifft ihn Andys Faust mit der Wucht eines Hufes unters Kinn. Nils spürt, wie er das Gleichgewicht verliert, wie sich alles um ihn zu drehen scheint. Rote Punkte und gelbe Schleier wehen vor den Augen. Dann ist es aus. Er verliert das Bewusstsein.

Andy zieht ihn hoch, stemmt ihn aus und schleudert ihn mit aller Kraft, deren er fähig ist, auf den Sattel des Pferdes. Hart schlägt Nils auf und bleibt reglos liegen. Blut rinnt aus Andys Schulterwunde. Er bemerkt wohl auch die Verletzung, spürt, wie der Schmerz dumpf einsetzt, wie die Muskeln ihm den Dienst versagen. Doch er brummt nur, stopft sich sein Halstuch unters Hemd, flucht unterdrückt und kümmert sich dann nicht mehr um die Verletzung. Er tut, als sei sie unwichtig für ihn.

Langsam geht er zu French Slim hin. Der kleine Revolvermann stöhnt. Andy beugt sich zu ihm herab. Die Bärentatze packt French Slim an der Jacke.

„Wo ist es, Bruderherz? Wo hat es dich erwischt?“, fragt Andy.

„Die Brust!“, stöhnt French Slim. Er hustet.

Andy langt in die Tasche, holt eine Zündholzschachtel heraus und streicht ein Hölzchen an. Da sieht er das Blut, das aus French Slims Mund rinnt. Der kleine Revolvermann liegt leblos am Boden.

„Verdammt, du hast es zu leicht genommen, Zwerg“, sagt der Hüne. „Auch Leaden Bullet meinte, wir könnten den Marshal in die Tasche stecken. Verdammt, keiner hat auf diesen Burschen richtig aufgepasst. Ah, eine Schande!“

Er rüttelt French Slim, hebt ihn auf, weil ihm das Bücken wehtut. Und wie ein Kind hält er den Revolvermann im Arm, legt sein Ohr an die Brust des Kumpans. Langsam lässt er French Slim wieder zu Boden gleiten.

„Aus, mein Junge, aus. Einmal ist es eben aus“, brummt der Hüne. „Wir haben ihn nicht gewogen, diesen Gelbkopf aus Sandorcity. Zu leicht befunden haben wir ihn. Ah, auch für ihn ist es aus.“ Er wendet sich um und stapft schwerfällig auf Nils zu.

Die Schmerzen haben eingesetzt, starke Schmerzen. Doch der Hüne erträgt sie. Durch nichts lässt er sich anmerken, wie es in seiner Schulter brennt und bohrt.

„Komm, Andy, komm!“, ächzt es weiter drüben. Andy sieht auf. Ja, da ist noch Leaden Bullet.

„Ich komme, Bruderherz“, erwidert Andy und geht mit schweren Schritten zu Leaden Bullet hin.

„Hilf mir, hilf!“, stöhnt Leaden Bullet. Er presst beide Hände auf die Magengegend.

Nils erlangt das Bewusstsein wieder. In seinem Kopf dröhnt und brummt es. Er hört das Klopfen seines Pulses im Ohr, und er spürt die Schmerzen der Gesäßverletzung. Es dauert Sekunden, bis er sich wieder zurechtfindet. Aber es ist nicht besser geworden. Steht da drüben nicht Andy Maxwell, beugt er sich nicht über den verkrümmt hockenden Leaden Bullet? Natürlich, da sind sie wieder, die beiden Wölfe. Wo ist der dritte?

Nils verflucht es, dass die Nacht so hell ist. Die Sicht ist jetzt wesentlich besser als vorhin während der Dämmerung. Am Nachthimmel prangen die Sterne, hinten über den Bergen steht der Mond als breite Sichel. Sein Schein taucht das Land in ein fahles, unwirklich anmutendes Licht.

Nils bemerkt, wie Andy von Leaden Bullet ablässt, den Revolver zieht und die Waffe hebt. Er zielt auf ihn, auf Nils.

Mit äußerster Kraft wirft sich Nils herum. Keine Sekunde zu früh. Andys Schuss schlägt dort, wo Nils eben noch gelegen hat, in den Sand. Nils hat seinen Colt noch, hebt die Waffe und lässt den Hammer vorschnappen. Sein Schuss und der von Andy krachen gleichzeitig. Nils spürt den Einschlag an der Schulter; wie ein heftiges Brennen ist es. Andy taumelt. Er stolpert ein paar Schritte nach vorn, droht zu fallen, fängt sich aber und hebt wieder den Revolver.

Nils feuert den letzten Schuss, der in seiner Trommel ist. Er sieht, wie Andy unter dem Treffer zusammenzuckt, doch der Riese fällt nicht. Torkelnd kommt Andy auf Nils zu. Und während er wie ein weidwund geschossener Bär einherstapft, schießt er. Nils rettet nur die Unsicherheit dieser Schüsse. Und als Andys Revolver leergeschossen ist, steht es pari.

So schnell er kann, versucht Nils nachzuladen. Andy dagegen hat das alles nicht mehr vor. Die Hände weit vorgestreckt, kommt er näher. Er will Nils mit den Fäusten zerschlagen.

Nils hat noch zwei Patronen in der Trommel. Er könnte schießen. Aber er tut es nicht. Andy ist waffenlos. Natürlich ist er auch so noch gefährlich, trotz der Verletzung. Es ist für Nils kein Grund, mit dem Colt zu kämpfen.

„Steh!“, brüllt er.

Andy kommt näher. Noch drei, noch zwei Schritte trennen ihn von Nils. Deutlich erkennt Nils das Blut, das aus der Schulterwunde fließt, sieht das verzerrte Gesicht des Hünen, blickt in die glänzenden Augen dieses Gegners. Ein dumpfes Brummen kommt aus Andys Mund.

„Steh!“, brüllt Nils.

Mit einem urigen Schrei wirft sich der angeschossene Riese nach vorn. Nils kann nicht zeitig genug ausweichen. Ein Schlag von Andys Pranke reißt ihn zu Boden.

Andy ist angeschossen, er ist waffenlos, aber dieser Muskelberg scheint einer uneinnehmbaren Festung zu gleichen. Als wären alle Kugeln an ihm abgeprallt, wirft er sich behände auf Nils. Nichts von seiner Schwerfälligkeit ist geblieben. Zweihundert Pfund Muskeln und Knochen pressen Nils zu Boden.

Mit der Rechten kann Andy nicht mehr richtig kämpfen. Nils hat ihm den Oberarm verletzt. Dafür tut es die Linke noch. Und mit dieser Linken holt Andy aus, um seine Bärentatze auf Nils’ Schädel zu wuchten. Mit aller Kraft wird er das tun, ebenso, wie er früher beim Rodeo zuschlug, um einen Stier zu betäuben. Niemand in Texas hat es ihm nachgemacht. Nils ist kein Stier. Wenn Andy seinen Schlag anbringen kann, mit voller Wucht landen kann, dann überlebt ihn Nils nicht.

Nils sieht über sich das Gesicht des Hünen; er bemerkt die Absicht des Mannes.

Heißer Atem weht in Nils’ Gesicht. Er versucht, den Revolver, den er noch immer in der Hand hält, unter dem Knie des Hünen hervorzuziehen. Ja, Andy presst den Arm mitsamt der Waffe auf die Erde.

Da sieht Nils die erhobene Faust. Gleich muss sie niederzucken, gleich wird ihm diese Pranke den Schädel zertrümmern wie ein Hammer. In verzweifelter Anstrengung reißt Nils den Kopf zur Seite. Und da schlägt die Faust herunter. Sie trifft nicht. Wie ein Komet schlägt sie dicht neben Nils’ Ohr auf den Boden. Es dröhnt dabei.

Einen Augenblick lang verliert Andy die Konzentration. Sein Knie ist nicht mehr so fest auf Nils’ Arm wie zuvor. Und diese winzige Chance nutzt Nils aus. Er reißt den Colt hervor, der Schuss löst sich aber unbeabsichtigt, und Andy macht einen nicht mehr gutzumachenden Fehler.

Nils bietet ihm den ungeschützten Kopf. Doch Andy hat offenbar die Übersicht verloren. Er nimmt die Gelegenheit nicht wahr. Er sieht einfach nicht, dass er jetzt seinen Schlag anbringen könnte. Stattdessen wirbelt er herum, packt mit der Linken Nils’ Unterarm und umklammert ihn wie eine Stahlschelle. Dann beginnt er die Hand zu drehen. Er biegt Nils den Unterarm zurück.

Vor Schmerz und aus Furcht, den Arm zu brechen, gibt Nils dem Druck nach, trommelt mit der Linken auf Andys Brust, trifft auch die Verletzung, doch der Riese lässt nicht locker, sondern scheint zu beabsichtigen, Nils’ Hand zu brechen.

In seiner Verzweiflung rollt sich Nils zur Seite, stößt mit dem Knie gegen Andys Brust. Dieser Schlag ist auch für den Hünen arg. Nur einen Moment lang lässt er die Hand lockerer. Nils versucht sie loszureißen. Da packt Andy wieder fester zu. Wie in einem Schraubstock sitzt Nils’ Hand mit dem Revolver fest. Und den Revolver will Andy jetzt haben. Obgleich sein rechter Arm verletzt ist, will er mit der Rechten zugreifen, versucht er, den Colt aus Nils' Hand zu entwinden. Er packt den Lauf, dreht die Waffe wie einen Hebel. Nils ist kaum mehr in der Lage, die Waffe zu halten.

Andy zieht den Colt mit einem Ruck auf sich zu. Nils muss loslassen. Seine Hand streift noch den Hammer, bleibt an ihm hängen und zieht ihn zurück. Andy, der den Revolver am Lauf gepackt hält und an sich reißen will, erkennt die Gefahr nicht. Als der Colt aus Nils’ Hand heraus ist, schnappt der Hammer wieder vor. Der Schuss löst sich und trifft Andy ins Herz.

Nils kann es gar nicht so schnell fassen, wie es geschehen konnte. Denn Andy bricht über ihm zusammen. Reglos bleibt er liegen.

Mühsam arbeitet sich Nils unter dem Schwergewicht Andys hervor. Seine Verletzungen schmerzen, lähmen ihn. Als er schwer atmend verharrt und die Arme aufstützt, hört er ein Schaben, ein Schleifen. Er hebt den Kopf und sieht Leaden Bullet.

Leaden Bullet ist stehengeblieben. Breitbeinig, leicht schwankend, so steht er gut zehn Schritte vor Nils. Er beugt den Oberkörper nach vorn. Eine Hand ist auf den Unterleib gepresst, in der anderen aber hält er den Revolver.

Nils hat nicht mehr die Kraft, diesem Schuss rechtzeitig auszuweichen. Er sieht noch das Aufblitzen und spürt gleichzeitig den Schlag am Kopf. Vor seinen Augen flimmert es, dann meint er, sich in einem Karussell zu befinden. Die Gestalt Leaden Bullets dreht sich vor seinen Augen, rotiert wie ein Windmühlenflügel. So sieht er es. Die Sinne schwinden ihm. Langsam sinkt sein Kopf in den Sand. Der Körper erschlafft.

Nils sieht nicht mehr, wie Leaden Bullet auf die Knie fällt, wie er sich ächzend wieder aufrichtet und stolpernd in die Senke taumelt. Immer wieder fällt er, rafft sich hoch und erreicht nach endlosen Mühen die Pferde. Das Aufsitzen wird beinahe zur Unmöglichkeit. Aber er schafft es. Als er endlich im Sattel sitzt, neigt er sich nach vorn, krümmt sich vor Schmerzen und droht wieder vom Pferd zu rutschen. Schwächeanfälle überkommen ihn. Doch seine Energie, sein stählerner Wille, zu leben und durchzuhalten, die sind stärker als alle Schwäche. Er nimmt das Lasso vom Sattelhorn und windet sich den Lederriemen um die Oberschenkel, befestigt es am Sattelhorn und am Zwiesel. Er wird nicht mehr so leicht vom Pferd rutschen können. Das Lasso hält ihn.

Es kostet ihn Überwindung, den Falben anzutreiben. Und als das Tier sich in Bewegung setzt, verursacht dem Reiter jeder Schritt des Pferdes Höllenqualen.

 

 

10

Ein betrunkener Cowboy befand sich auf dem Heimritt, als die Schüsse fielen. Er ritt der Schallrichtung nach und fand drei reiterlose Pferde, zwei tote Männer und — Marshal Nils Ferguson. Zuerst hielt er Nils auch für tot.

Später wurde der Cowboy etwas nüchterner. Er bemerkte, dass Nils noch atmete, und verband ihn. Er hob ihn nachher auf sein Pferd und brachte ihn in die zehn Meilen entfernte Stadt.

Dort liegt Nils. Der junge Doc hat ihn behandelt. Es steht schlimm um Nils, sehr schlimm. Die Gesäßverletzung ist weniger gefährlich, die Kopfverletzung dagegen umso mehr. Das Geschoss ist in die rechte obere Stirnkante eingedrungen, hat das Stirnbein durchschlagen und blieb im Scheitelbein stecken, als es den Schwung verlor.

Es sieht also schlecht aus für Nils Ferguson. Und da hilft es ihm wenig, wenn Hunderte Menschen für ihn hoffen, wenn täglich Dutzende vor dem Fenster seines Krankenzimmers stehen, den jungen Doc mit Fragen bestürmen.

Die ganze Stadt hat nur ein Gesprächsthema: Marshal Nils Fergusons Kampf und Schicksal und den Fund, den man in den Satteltaschen zweier Banditenpferde machte.

Seit Tagen ist der County Sheriff in der Stadt. Nicht nur er ist sich darüber klar, welch heroischen Kampf Nils bestanden hat. Ein großer Teil der in Laudon geraubten Werte ist wieder da. Aus Laudon kommen der Sheriff und zwei Deputies, außerdem noch einige Augenzeugen, die damals den Kampf zwischen Sheriff Dorvic und French Slim erlebten. Auch ein US-Marshal trifft in Sandorcity ein. Er hat auch den Berechtigungsschein des Gouverneurs von Wyoming mitgebracht. Mit diesem Schein wird Marshal Nils Ferguson eines Tages seine Belohnung von zweitausend Dollar einkassieren können — wenn er wieder gesund wird. Doch Nils Ferguson ist noch immer ohne Bewusstsein.

Der Arzt wagt die Operation noch nicht. Nils ist zu schwach, doch die Aussicht, dass er etwas kräftiger wird, ist gering. So schickt der junge Doc in seiner Bedrängnis nach dem berühmten Chirurgen David Goldstein in Denver, der bis zur Ermordung James Garfields durch Guiteau der Leibarzt des Präsidenten war. Dieser tüchtige Mediziner ist vor einer Woche von einem Kongress aus Europa zurückgekehrt.

David Goldstein, von dem die Welt einmal sprechen wird, wenn er in Amerika die von seinem deutschen Freund und Kollegen Professor Bier entwickelte Rückenmarkanästhesie einführt: dieser Chirurg Goldstein kündigt telegrafisch seinen Besuch in Sandorcity an.

Denver ist weit. Goldstein wird eine Woche benötigen, um mit Bahn und Kutsche die Strecke bis Sandorcity zu bewältigen.

„Nils’ Zustand ist bedenklich. Sein Puls wird täglich schwächer. Das Herz droht zu unterliegen, droht stillzustehen, weil es einfach nicht mehr die Kraft hat, um durchzuhalten. Eine Woche noch. Wird er es schaffen, wird das Herz weiterschlagen?

 

 

Details

Seiten
146
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941593
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904018
Schlagworte
erbitterte feinde

Autor

Zurück

Titel: Erbitterte Feinde