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Ein Dutzend schlimmer Wölfe

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein Dutzend schlimmer Wölfe

Copyright

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Ein Dutzend schlimmer Wölfe

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Kathy Scott reist mit der Postkutsche nach Rolleytown. Dort wartet ihr Mann Glenn auf sie. Bei einem Zwischenstopp wird Kathy von Bob Marshal beleidigt, dessen Ziel ebenfalls Rolleytown ist. Das lässt sich die temperamentvolle junge Frau nicht gefallen, und sie verpasst ihm eine Ohrfeige. Damit zieht sie seinen Zorn auf sich. Doch damit nicht genug; Marshal will auch die Ranch des jungen Paares vernichten ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Kutsche rollte vor der Relaisstation aus. Der Stationer und sein junger Helfer kamen schon herbei, um auszuspannen.

Kathy Scott war die Erste, die ausstieg. Eine bildhübsche junge Frau, mit dunklem Haar und hellen Augen. Ein Kontrast, der ihr blendend stand. Behände sprang sie vom Trittbrett und verschmähte die ausgestreckte Hand des Fahrers.

„Wie lange haben wir noch bis Rolleytown?“, fragte sie über die Schulter mit dunkler Stimme.

„Zwei Stunden, Madam“, erwiderte der Fahrer und blickte bewundernd auf die geschmeidige Figur der jungen Frau. Schade, dachte er, dass sie schon verheiratet ist. Dazu noch mit diesem Glenn Scott, der vor ein paar Wochen die Double-M-Ranch übernommen hatte, von der jedermann im County wusste, dass sie allen Vorbesitzern keine Reichtümer eingebracht hat.

Kathy Scott sah sich um. Vor dem aus Felsstein gebauten Relaishaus standen eine Menge Pferde. Neben der Tür saßen auf einer schattigen Bank sieben Männer, von denen ihr einer besonders auffiel. Er kam ihr wie ein Buddha vor. Breit, massig hockte er nahezu unbeweglich auf der Bank, eine Zigarre im Mundwinkel und in den Augen einen kalten Blick, der alles, was er sah, nach dem Verbrauchswert zu taxieren schien.

Die Männer neben diesem Fleischberg sahen auch nicht viel anziehender aus. Kathy, die ein Kind dieses wilden Landes war, kannte diese Sorte, die vom Revolver lebte und die Arbeit scheute.

Die Pferde — auch das beobachtete Kathy sofort — hatten allesamt einen Brand, ein schräges C. Sie kannte dieses Ranchzeichen nicht und überlegte noch, wohin es gehören könnte, als einer der Männer neben dem Buddha durch die Zähne pfiff. Ein anderer rief: „Hallo. Baby, in diese Richtung, da bist du richtig!“

Kathy drehte sich um, wen er wohl meinen könnte, aber da war nur der Fahrer. Sie begriff, dass es ihr galt und drehte den Männern ostentativ den Rücken zu.

„Fahren wir bald weiter?“, fragte sie den Fahrer.

Der grinste, nickte dann und meinte: „Sie sehen ja, Madam, die frischen Pferde kommen gleich.“

„Du wirst uns doch nicht schon wieder verlassen, Baby?“, rief einer der Männer zu Kathy herüber.

Kathy, deren Temperament das nicht länger gelassen hinnehmen wollte, drehte sich um und sagte heftig: „Weiß der Kuckuck, zu welcher Mannschaft ihr gehört, aber ich würde etwas darum geben, euren Boss fünf Minuten vor Augen zu haben!“

Sie sah, dass die Männer lachten und alle auf den Buddha blickten, der jetzt lächelte und mit Bassstimme sagte: „Das Vergnügen sollten Sie sich gönnen, Kleines. Ich bin der Boss dieser Crew.“ Kathy stemmte die Fäuste in die Hüften, musterte den Fleischberg von oben bis unten und sagte giftig: „Dann sollten Sie sich für Ihre Männer schämen.“

Viel schneller und gewandter, als Kathy sich das vorstellen konnte, war der Fleischberg auf den Beinen und kam auf sie zu. Sie erkannte, dass er trotz seines Bartes und seiner Fülle gar nicht so alt sein konnte. Und das, was sie für Fett angesehen hatte, schienen bei ihm Fleisch und Muskeln zu sein. An der Art, wie er ging, mit kleinen, wippenden Schritten, ahnte sie etwas von seiner urigen Kraft.

Er blieb dicht vor ihr stehen und überragte sie um Haupteslänge. Lächelnd sah er sie an.

„Es tut mir wirklich leid, Darling, aber die Jungs sind nun mal etwas wild. — Immerhin sollten Sie wirklich bei uns bleiben. In Rooleytown wird Ihnen bestimmt nichts weglaufen. Wir reiten heute Abend auch dorthin.“

Sie überlegte noch die Antwort, als er seine fleischige Pranke auf ihre Schulter legte und anzüglich sagte: „Reite mit uns, Herzchen! Ich nehme dich auf mein Pferd, da kannst du dich an meiner Brust ausruhen.“

Bis dahin hatte Kathy sich beherrschen können. Jetzt hakte es aus. Sie schlug mit ihrer kleinen festen Hand blitzschnell zu, dass es wie ein Peitschenschlag brannte.

„Sie Flegel!“, fuhr sie ihn an. „Ich bin keine Dirne. Scheren Sie sich in den Urwald zurück, aus dem Sie gekommen sind!“

Der massige Mann stand wie erstarrt. Seine linke Wange färbte sich dunkel, schließlich aber verdunkelte sich das ganze Gesicht. Wut, heller Zorn kam in dem Mann hoch. Als gar noch der Fahrer hellauf lachte, schrie der Geohrfeigte bebend vor Zorn: „Das zahle ich dir heim, du Biest!“

„Ich habe nicht mit Ihnen Schweine gehütet, Mister“, erwiderte Kathy wild. „Sie haben eine verheiratete Frau vor sich, Sie Urwaldmensch! Scheren Sie sich hier weg, Sie verpesten mir die Luft zum Atmen!“

Er holte tief Luft, und einen Augenblick lang schien es, als wollte er Kathy zwischen seinen Fäusten zerreiben. Doch als er den Blick des Fahrers, des Stationers und schließlich aus den eines seiner Männer sah, drehte er sich um und stapfte keuchend zurück zur Bank.

Seine Männer verbissen sich ein Grinsen. Der Fahrer aber sagte bekümmert, als Kathy in die Kutsche stieg: „Der sieht wirklich so aus, als würde er Ihnen noch Ärger machen.“

„Wer ist denn dieser Büffelmensch?“, fragte Kathy so laut, dass es jeder im Umkreis hören konnte.

„Das ist Mr. Bob Marshal. Er will in Rooleytown die Handelsgesellschaft übernehmen.“

„Na so was, dann wird es dort bald nur noch Urwalderzeugnisse geben, wie?“, höhnte Kathy.

Der alte Stationer machte eine verzweifelte Gebärde, dass sie leiser sprechen sollte.

„Er hat zwölf Revolvermänner bei sich ... und viel Geld“, flüsterte er warnend.

„Eine ganze Räuberbande also. Na, da wird sich aber der Sheriff in Rooleytown freuen“, behauptete Kathy und ließ sich in den Sitz fallen. Die beiden anderen Fahrgäste, ein alter Mann und eine dicke Matrone, sahen sie scheu an. Aber Kathy achtete nicht darauf. Auch nicht auf Bob Marshal, der jetzt einen seiner Männer zum Stationer geschickt hatte, um sich nach dem Namen Kathys zu erkundigen.

Der alte Stationer sagte nur: „Glenn Scott hat eine Ranch nahe Rooleytown, und sie ist seine Frau. Ihr Vater besitzt auch eine Ranch, eine große. McGowan aus Lamar.“

Bob Marshal bekam die Nachricht, und während sich die Kutsche schon entfernte, sagte er bissig: „Dieses Weib und ihre Sippe werde ich zertreten.“

Der Revolvermann Downing, der neben ihm saß und einen berühmt berüchtigten Namen in seiner „Branche“ hatte, fragte spöttisch: „Nur weil sie sich nicht wie ein Tanzmädchen behandeln lassen wollte?“

„Sei still, du Narr!“, fuhr ihn Marshal an. „Sie ist eine von diesen hochnäsigen Gänsen, die sich wie die Creme der Menschheit vorkommen. — Wenn wir in Rooleytown sind, stellst du beiläufig fest, wo sie ihre Ranch hat.“

 

 

2

Glenn Scott stand vor dem Saloon, der gleichzeitig in dieser winzigen Stadt als Posthalterei diente. Neben dem knochigen Glenn Scott stand der Cowboy Tenn, ein blonder Struwwelkopf mit zerknitterten Gesichtszügen.

„Sie wird sich die Augen reiben, Boss“, sagte Tenn und kaute auf seinem Priem, spie ihn weit aus und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Augen reiben? Wieso?“, erkundigte sich Glenn Scott, der mindestens einen Kopf größer war als Tenn.

„Die Stadt ist gegen Lamar ein Negerdorf. Und die Ranch sieht aus wie ein Camp von McGowans Besitz. Sie ist verwöhnt, unser Kätzchen.“

„Sie weiß, dass sie nicht zum Honiglecken kommen wird.“ Glenn spähte zum Ortsausgang. „Da ist die Kutsche schon!“

Tenn warf noch einen prüfenden Blick auf die beiden Pferde vor dem Buggy. Stämmige Tiere mit breiter Brust und schwerer Hinterhand, wie sie hier ins Gebirge passten. Keine Renner wie auf McGowans Ranch.

Die Kutsche kam, eine dicke Staubwolke hinter sich, rasselnd die Mainstreet herunter. Die Bremsen pfiffen schrill, der Fahrer rief etwas, und nun flogen die Schaumflocken um die Köpfe der Pferde. Kaum stand der Wagen, war Glenn schon an der Tür und riss sie auf. Kathy musste damit wohl gerechnet haben, denn sie sprang heraus, direkt in Glenns Arme. Vor einem Dutzend Neugieriger, die jeder Ankunft einer Kutsche beiwohnten, gab sie Glenn einen Kuss.

Glenn lachte und rief den Leuten zu: „Das ist meine Frau, und das, Kathy, ist Rooleytown.“

„Hallo“, rief Kathy.

Kathy lächelte, und die Leute erwiderten ihren Gruß. Irgendwie hatte sie sofort das Gefühl, dass alle hier ihren Mann mochten.

Dann kam ein weißblonder Mann von dreißig Jahren, tief gebräunt von Sonne und Wind, und an der Weste trug er einen silbernen Stern mit der Aufschrift „Marshal of West County“.

„Hier haben wir Mart Singer“', sagte Glenn und zeigte auf den Marshal. „Er ist hier das Gesetz, Kathy.“

Kathy begrüßte ihn, und der harte Gesichtsausdruck des Marshals wich einem warmen Lächeln.

„Sie werden heute noch Besuch bekommen, Mr. Singer“, sagte Kathy. „Ein gewisser Bob Marshal ist mit seiner Crew unterwegs. Erkundigen Sie sich mal beim Fahrer ...“

Singer wurde wieder ernst. „Bob Marshal aus Denver?“

Der Fahrer, der den Pferdewechsel beaufsichtigte, kam herüber und gab für Kathy die Antwort. „Ja, Mart, aus Denver kommt er. Mit einer Revolvermannschaft, wie du sie zwischen Montana und Texas nicht noch einmal findest.“ Der Fahrer schielte zu Kathy hinüber, die sich an Glenn lehnte, der seinen Arm um ihre Schultern gelegt hatte.

„Bob Marshal aus Denver also“, sinnierte Singer. „Er muss ja vor Geld stinken. Was mag er bei uns wollen?“

Der Kutscher zuckte die Schultern. Leise sagte er zu Singer, dass Kathy und Glenn Scott es nicht hören konnten: „Sie hat ihm eine geklebt, als er ihr auf die Pelle gerückt ist. Das war ein Spass, sag ich dir ...“

Singer sah erschrocken auf Kathy.

„Na“, brummte er, „Dann bekommen wir wirklich Kummer mit Bob Marshal. Der revanchiert sich für alles.“

Der Fahrer zuckte die Schultern und kletterte auf den Bock.

„Zur Seite, Leute, es geht weiter!“, rief er.

Singer ging zu Glenn Scott hin, dessen junge Frau gerade mit Tenn sprach, der Marshal nahm Glenn an die Seite und sagte leise: „Deine Frau soll diesem Bob Marshal eine runtergehauen haben. Er muss wohl auf ihre Hühneraugen getreten sein. Jedenfalls kannst du dir ausrechnen, dass er euch noch eine Quittung serviert. — Ich kenne Bob Marshal von Denver her. Er hat dort eine weit verzweigte Überlandhandelsgesellschaft. Ziemlich raue Methoden, aber kein Gesetz kann ihm etwas nachweisen. Den Dreck machen für ihn andere. Er selbst steht dann pieksauber da. Erpressung, Nötigung, das sind seine Mittel, doch, wie gesagt, man kann es ihm nicht nachweisen.“

„Und was gibt es für diesen Hai in Rooleytown?“, erkundigte sich Glenn.

„Sicherlich die Handelsgesellschaft. Die Stadt liegt günstig. Von hier aus kann er alle Bergorte und die einsamen Bergranches mit Waren beschicken.“

Glenn sah Singer fragend an. „Na und?“

Singer machte ein besorgtes Gesicht.

„Bob Marshal lebt vom Handel nicht allein, vermute ich.“

„Hier gibt es außer ein paar Rindern nichts zu holen“, erwiderte Glenn. Er fand Kathys Verhalten völlig in Ordnung. Natürlich war sie sehr temperamentvoll, aber wenn ein Mann einer verheirateten Frau — mochte sie noch so jung und hübsch sein — in diesem Lande zu nahe kommt, dann muss er mit einer solchen Reaktion rechnen. Und was dieser Bob Marshal sonst tat, war Glenn ziemlich gleichgültig. Rooleytown war klein, die Rancher im Umkreis keine vermögenden Männer, und andere Reichtümer würde hier niemand erben können. Selbst Viehdiebe suchten sich gewöhnlich andere Gegenden aus, weil es hier im Bergland ungeheuer schwer war, Vieh zu treiben, vor allem in größeren Herden. Das hier war nicht Lamar oder gar die texanische Hochebene. Allerdings konnte das Vieh gut auf den einzelnen Hochweiden gehalten werden, oft wochenlang ohne einen Herdenwächter. Der größte Rancher hier, Gary Baston, besaß mehr als sechstausend Rinder. Mit nur vier Cowboys unterhielt er die Ranch. Den Roundup machten hier alle Rancher gemeinsam, so dass dann genug Leute zur Verfügung standen. Überhaupt herrschte in diesem Landstrich zwischen allen Leuten eine seltene Einmütigkeit. Streitigkeiten wurden vom Ältestenrat in Rooleytown geschlichtet, deren Entscheidung jeder anerkannte.

Das harte Dasein hier in den Bergen hatte die Menschen zum Zusammenhalten gezwungen. Wenn im Winter die Schneemengen wie ein dickes Leichentuch über dieses Land fielen, war jeder auf die Hilfe des anderen angewiesen. Ganz besonders aber in der Tauwetterperiode, wenn die Lawinen zu Tal rasten.

Glenn fühlte sich hier wohl. Er hatte keine überaus gute Ranch, aber sie war — wie ihm sein Schwiegervater McGowan immer wieder versichert hatte — ein guter Grundstein zum Ausbauen. Mit Kathy zusammen würde er es schaffen. Kathy schäumte vor Tätigkeitsdrang über. Auch jetzt saß sie schon auf dem Buggy und konnte es nicht erwarten, zur Ranch zu kommen, die sie bisher nur aus den Berichten ihres Vaters und Glenns kannte.

Glenn, der Kathy seit Monaten nicht gesehen hatte, wollte auch endlich mit ihr ins neue Zuhause kommen, wollte mit ihr allein sein.

„Komm, Glenn!“, rief sie.

Glenn wandte sich Singer zu, der immer noch nachdenklich vor sich hinsah.

„Weißt du, Glenn“, sagte Singer, „wenn Bob Marshal irgendwo seinen Fuß hinsetzt, dann ist da auch etwas zu holen. Umsonst tut der nichts. Aber auch gar nichts.“

Glenn nickte. „Ich auch nicht, Mart. Bis ein andermal!“

Singer winkte Kathy zu und lächelte wieder.

„Eine fabelhafte Frau hast du, Glenn“, sagte er.

Die Ranch lag drei Stunden von Rooleytown entfernt, hoch im Gebirge am Rande eines Hochtales, das von Bergriesen umrahmt wurde. Durch einen Sattel zweier Berge sah man die schneebedeckte Spitze des Viereinhalbtausenders Veto Peak. Gutes, saftiges Gras wuchs hier oben. Die Rinder, scheckiges Höhenfleckvieh, sahen glatt und wohlgenährt aus. Kathy wusste, dass Glenn diese Tiere von dem Scheck gekauft hatte, den er von ihrem Vater geschenkt bekam.

„Weiter oben“, sagte Glenn, „sind noch mehr Weiden. Da habe ich die Longhorns, die wir hier übernommen haben. Sie sind trotz der guten Weide mager wie Hirsche und wild wie Broncos. Aber sie klettern auf den Graten herum wie Dickhornschafe. Ja, Kathy, sehr reich werden wir hier bestimmt nicht. Es wird zehn Jahre dauern, bis wir so richtig über den Berg sind.“

Kathy sah ihn strahlend an.

„Macht nichts, Glenn, wir schaffen es schon!“ Dann stieg sie vom Wagen und ging mit Glenn ins Haus. Es war ein altes Gebäude, sehr geduckt gebaut und ganz von Felssteinen und mannsdicken Baumstämmen errichtet. Ein Haus, das Jahrhunderte überdauern konnte.

Innen wirkte es nicht gerade sehr gemütlich, doch Kathy sah mit einem Blick, dass hier eben die Hand einer Frau gefehlt hatte.

„Wir werden es bestimmt schaffen“, sagte sie, als sie beide Räume des Hauses gesehen hatte. „Wo schlafen die Boys?“

„Bis jetzt haben wir alle drei da drüben im Schlafraum ...“

Kathy sah Glenn an.

„Bis jetzt. Aber nun?“

Glenn rieb sich am Kinn.

„Darüber habe ich noch nicht nachgedacht. Vielleicht müssen wir noch ein Haus bauen.“

Tenn kam herein, setzte den Hut ab und schleuderte ihn gekonnt auf einen langen Nagel, der aus der Wand ragte.

„Madam“, sagte er, „wir haben noch eine feste Hütte eine Viertelstunde von hier. Ces und ich werden dort schlafen.“

Kathy dankte ihm mit einem Lächeln, und Glenn, dem das gar nicht recht war, die Cowboys abzuschieben, erwiderte: „Morgen fangen wir an, eine Hütte zu bauen. Fest und stabil.“

Tenn nickte nur und ging.

„Dann sehe ich mal jetzt nach Ces“, sagte er verlegen, als Kathy Glenn umarmte und ihn küsste. Niemand gab Tenn eine Antwort. Er schirrte draußen die Pferde aus, sattelte seinen Braunen und ritt weg. Als er ein Stück weiter war, merkte er, dass er den Hut vergessen hatte. Doch den wollte er nun nicht mehr holen. „Sollen sie heute und morgen ihre Ruhe haben“, brummte er. Ein anderer dachte nicht so wie er.

 

 

3

Jube Downing ritt langsam den Weg, den Stunden vorher der Buggy genommen hatte. Der Auftrag, den er ausführen sollte, schmeckte ihm nicht. Vieles gefiel ihm nicht mehr. Er wusste eigentlich selbst nicht, warum er noch in Bob Marshals Mannschaft ritt. Was aber sollte er sonst tun? Er war jetzt fast vierzig Jahre alt, und die Fährte, die er hinterlassen hatte, war rauchig und manchmal blutig gewesen. Früher war Kampf ihm ein Vergnügen gewesen. Ritterlicher Kampf, in dem er schneller, besser und kaltblütiger war als die anderen. Jetzt sehnte er sich nach irgendeinem Zuhause. Es gab für ihn keines.

Der Mann mit den zwei Revolvern und dem bekannten Namen wurde von keinem Marshal gesucht. Ja, vor Jahren war er selbst Marshal gewesen. In Wichita, in Virginia City, später sogar für zwei Jahre Sheriff in Cheyenne. Er wäre es heute noch, hätte er sich daran gewöhnen können, dass seine Mitmenschen nicht ewig den Kampf wollten. Nachdem er für Ruhe gesorgt hatte, wollten sie ihn nicht mehr. Sein Name und sein Ruf zog andere Revolvermänner an, die sich mit ihm messen wollten, die sich schneller wähnten als er. Den Leuten in Cheyenne missfiel das so, dass ihn der Bürgerrat absetzte. Er zog nach Denver. Und hier sammelte Bob Marshal gerade eine harte Mannschaft, die seine Handelsorganisation gegen eine andere durchsetzte - rau, wild und gnadenlos. Jube Downing hielt sich da zurück. Dennoch genügte schon sein Name, um Angst und Schrecken unter denen zu verbreiten, die sich zuerst Bob Marshal entgegengestellt hatten.

Jetzt wollte Bob Marshal Rooleytown übernehmen. Jube Downing hatte sich schon lange genug den Kopf zerbrochen, um herauszufinden, weshalb. Aber er kam nicht auf die logische Antwort. Die Handelsstation konnte es nicht sein. Sie hätte einen Mann gerade so eben ernährt. Für die Maßstäbe Bob Marshals also völlig uninteressant. Was aber steckte wirklich dahinter? Was lockte den geldsüchtigen Mann Bob Marshal in ein winziges Kaff wie Rooleytown?

Jube Downing hatte es erst ablehnen wollen, diese lächerliche Privatrache Marshals an jener hübschen jungen Frau auszutragen. Vielleicht wäre einer der anderen imstande gewesen, das zu tun, was Marshal aufgetragen hatte. Nein, sagte sich Jube, das werde ich selbst auf meine Art erledigen.

Es ging steil hinauf, und nach zwei Stunden hatte er endlich das Hochtal erreicht, ritt durch den Passweg hinab und sah das weite Grün der Weide, sah hinten die kleine Ranch und die Herde. Er beneidete niemanden, der hier oben sein Leben fristete. Am wenigsten die junge Frau, die eigentlich gar nicht in diese Wildnis zu passen schien.

Es begann zu dunkeln. Die Zinnen der Berge leuchteten im Abendrot. Über dem Gras stieg es kühl auf. Langsam ritt Downing weiter auf das Haus zu. Dort regte sich nichts. Nur im Corral standen vier stämmige Pferde, zottig und derb wie alles hier im Bergland.

Downing wollte gerade rufen, als ein Mann aus dem Haus trat. Ein knochiger Mann mit hellem Haar, nacktem Oberkörper, dessen helle Haut im seltsamen Kontrast zur dunklen Farbe von Gesicht und Hals stand. Die Brust des Mannes war stark behaart, und der ganze Oberkörper schien nur aus Muskeln und Knochen zu bestehen.

„Hallo, ist das die MM?“, rief Downing.

Der Mann sah ihn abschätzend an.

„So ist es, und wer sind Sie?“

Jube Downing tippte an die Hutkrempe. Er nannte seinen Namen und fuhr fort: „Ich wollte einen Mann sehen, der Scott heißt.“

Glenn Scott nickte.

„Steht vor Ihnen. Was ist?“

„Ich wollte diese Ranch von Ihnen abkaufen.“

„Trauriger Einfall. Ich besitze sie selbst erst seit ein paar Monaten und verkaufe nicht.“

„Ich möchte sie aber trotzdem kaufen“, beharrte Downing.

Glenn ging zum Brunnen, schöpfte Wasser und wusch sich, ohne auf den Fremden einzugehen. Als er fertig war und Downing immer noch geduldig auf Antwort wartete, sagte Glenn: „Warten Sie hier draußen! Ich bin auf Besuch nicht eingerichtet. Ich komme gleich wieder.“

Nach wenigen Minuten trat er wieder aus dem Haus, knöpfte sich sein Hemd zu und stülpte sich den Stetson aufs Haupt.

„So, Mr. Downing, jetzt können Sie mir erklären, was Sie zwingt, unbedingt eine Ranch zu kaufen, die keiner verkaufen will.“

Jube Downing saß ab, löste seinem Pferd Gebissstange und Sattelgurt, dann setzte er sich auf den Brunnenrand, während sein Pferd soff.

„Ich sehe, dass Sie außer der Herde noch nicht allzu viel investiert haben, Mr. Scott. Ich werde Ihnen einen guten Preis bieten.“

„Es ist sinnlos, ich verkaufe nicht.“ Jube Downing schüttelte den Kopf. „Eines Tages werden Sie doch verkaufen wollen, doch es wird kein Käufer da sein.“

„Verstehe ich nicht.“

Jube entschloss sich, die Katze aus dem Sack zu lassen. Dieser Mann hier gefiel ihm. Er war hart, und man hatte Jube auch irgendwo schon von ihm erzählt. Dennoch würde Bob Marshal mit diesem Glenn Scott fertig werden, wie er überhaupt immer mit Leuten fertig wurde, die er vernichten wollte.

„Hören Sie, Mr. Scott! Ihre Frau hat heute Bob Marshal eine geklebt. Ich bin der Ansicht, dass er zwei verdient hätte. Immerhin, ich reite für Marshal. Er will Sie aus einer kindischen Rachsucht her zu Boden treten, nur um Ihre Frau um Gnade bitten zu sehen. Ich weiß, sagen Sie nichts, Scott! Ich sagte ja auch, dass ich es kindisch finde. Aber Marshal ist so. Ich habe mir etwas Geld gespart. Ich würde diese Ranch fair von Ihnen kaufen, und Sie und Ihre Frau hätten Ihre Ruhe. Marshal wird sich in Rooleytown niederlassen und Ihnen keine Ruhe geben, solange Sie hier sind. Das ist die Wahrheit, Scott.“

Glenn musterte diesen dunkelhaarigen Mann, dessen Schläfen bereits ergraut waren. Der Name Downing war ihm ein Begriff, doch Glenn legte an die Menschen andere Maßstäbe an, als ein anderer es vielleicht getan hätte. Er verdammte Downing nicht seines Rufes wegen. So ein Ruf wurde in der Legende oft viel schlimmer gemacht. Was hatten sie ihm selbst nicht alles schon angehängt, sagte sich Glenn. Trotzdem gefiel ihm Downings Vorschlag nicht. Er glaubte auch einfach nicht, dass es wahr wäre, was Downing von dem ersparten Geld behauptete. Glenn wusste von sich, dass es schwer war, als Cowboy Geld zu sparen. Ein Marshal, wie Glenn es gewesen ist, oder ein Sheriff sammeln auch keine Reichtümer.

„Sie reden zu viel, Downing“, sagte Glenn. „Ich verkaufe nicht an Sie und nicht an sonst wen. Das ist hier meine neue Heimat.“

„Sie haben eine junge Frau, Scott. Wollen Sie, dass Bob Marshal Ihre Frau unglücklich macht, indem er euch beiden hier eine Hölle bereitet?“

„Wenn Sie es so gut mit mir meinen, wie Sie behaupten“, erklärte Glenn, „dann treten Sie doch bei Bob Marshal aus. Es gibt hier noch zwei kleine Ranchs, die vielleicht verkauft würden.“

Downings Blick traf den von Glenn. Einen langen Augenblick sahen sie sich an und schwiegen. Downings Pokergesicht verriet nicht, was in dem Revolvermann vorging. Ziemlich unvermittelt tippte er sich an die Hutkrempe, ging zu seinem Pferd, schnallte das Gebissstück wieder ein, zog den Bauchgurt stramm und saß auf. Wortlos ritt er aus dem Tal.

 

 

4

Als sich Glenn umdrehte, sah er Kathy in der Tür stehen. Im diffusen Licht der Dämmerung erkannte Glenn ihr Gesicht nur als hellen Fleck. Er ging auf sie zu, sah, wie verstört sie wirkte und sagte betont heiter: „Ein spaßiger Vogel, dieser Bursche. Hast du gehört, was er wollte?“

Sie nickte. Fröstelnd hielt sie die Arme über der Brust verschränkt.

„Glenn, er ist nicht spaßig. Wir werden mit diesem Bob Marshal Ärger bekommen. Ich Schaf, wenn ich gewusst hätte, dass dieser Mann sich wie ein Irrer benimmt, hätte ich ...“

Glenn legte ihr den Arm um die Schultern.

„Kleines, nicht doch. Ich bedauere nur eines ...“

„Ja?“ Sie sah fragend zu ihm auf.

Lächelnd erwiderte Glenn: „Du hättest ihm wenigstens zwei Ohrfeigen geben sollen, und schade, dass kein richtiger Mann in der Nähe gewesen ist, der diesem Hundsfott den Marsch geblasen hat.“

„Dieser Downing war auch nicht einverstanden.“

Glenn machte eine wegwerfende Handbewegung.

„Der isst Marshals Brot. Zwischen dem, was er sagt, und dem, was er tut, liegen Welten. Wenn ihn Marshal auf die Reise schickt, um hier einen Tanz zu veranstalten, wird das Downing tun, ebenso wie er früher in den Rinderstädten rücksichtslos aufgespielt hat. Ich habe genug von ihm gehört. Sicher, er ist kein hinterhältiger Bursche. Er hat immer fair gekämpft. Aber sieh mal, Kathy, wenn ihm einer gegenübersteht, der nicht halb so schnell ziehen kann wie Downing, welche Chance hat der bei aller Fairness?“

„Hättest du eine Chance gegen Downing?“, fragte sie ängstlich.

„Im offenen Kampf nicht die geringste. Der könnte mich ziehen lassen und brauchte dann erst zum Colt zu greifen. Ich wäre so sicher wie erledigt, aber das ginge fast allen hier so. Ich kenne keinen, der mit Downing fertig würde. Nicht im Duell.“

Sie schwiegen einige Zeit, dann sah Kathy ihren Mann an.

„Wir sollten meinen Vater benachrichtigen. Vielleicht kann er uns helfen.“

Glenn lachte rau.

„Ich bin kein Wickelkind, das immerzu Hilfe haben muss. McGowan hat genug eigene Sorgen. Und ob er sie hat. Außerdem hat er schon viel mehr getan, als mir lieb ist. Hier, das Land, die Herde, was du hier sehen kannst, alles hat McGowan bezahlt.“

„Du hast gearbeitet wie ein Pferd, Glenn, glaubst du, ich sehe das nicht? Ich bin auf einer Ranch groß geworden. Vater hat mir gesagt, wie es hier ausgesehen hat, als ihr es kauftet.“

„Nicht der Rede wert, Kathy. Aber ich meine, du solltest wieder zurückfahren. Dieser Bob Marshal scheint wirklich ein etwas unnormaler Bursche zu sein. Es wird vielleicht tatsächlich viel Ärger geben mit ihm. Fahr zurück! Ich werde dich abholen ...“

Sie sah ihn an, schüttelte trotzig den Kopf und stampfte mit dem Fuß auf.

„Jetzt verdienst du eine Ohrfeige, Glenn! Bin ich deine Frau oder nicht? Als deine Frau gehöre ich zu dir. Schon genug, dass ihr mich gezwungen habt, auf der Ranch zu warten, bis du hier ein gemachtes Nest fertig hattest.“

„Kathy, ich ...“

Sie machte ein wütendes Gesicht.

„Glenn, jetzt sag lieber nichts! Ich bleibe und fertig! Ich bin keine Zuckerpuppe. Außerdem glaube ich nicht, dass sich die Leute in Rooleytown von einem so verklemmten Narren ins Bockshorn jagen lassen. Also, Glenn, ich bin da, und Arbeit gibt es genug. Ich habe jetzt zu tun. Sicher willst du inzwischen Ces und Tenn abholen. In einer halben Stunde habe ich etwas zu essen gemacht.“ Sie drehte sich um und ging ins Haus, ohne noch Glenns Antwort abzuwarten.

Erst machte er ein wütendes Gesicht, dann aber lächelte er zufrieden. Im Grunde hatte er es ja von Kathy gar nicht anders erwartet.

 

 

5

Bob Marshal bürstete sich seinen Bart, als Downing ins Zimmer trat. Ein kleines Zimmer mit Bett, Waschschüssel, Stuhl und Kleiderhaken. Ein Zimmer wie Tausende in den kleinen Westernhotels. Der Spiegel war fleckig und hing hinten zum Teil abgeblättert. Im Schein der Kerosinlampe wirkte Bob Marshal vor dem Spiegel wie geschnitzt.

„Na?“, fragte er und wandte sich Downing zu.

„Ich habe gehört, dass du das Hotel gekauft hast“, sagte Downing.

„Das weiß ich selbst besser als du. Was ist mit dieser Ranch?“

Downing ließ sich auf dem Stuhl nieder und begann damit zu wippen.

„Eine kleine Ranch, viel Arbeit, wenig Ertrag, aber dieser Glenn Scott ist der Typ, der daraus etwas macht. Er passt dahin.“

Bob Marshal zog hörbar die Luft ein.

„Verdammt, bist du hingeritten, um sie dir anzusehen? Hast du diesen Mann nicht getroffen?“

„Ich habe mit ihm gesprochen“, erwiderte Downing leichthin. „Ein harter Bursche, wie ich schon sagte.“

Bob Marshals Geduld schien einer Zerreißprobe unterzogen zu werden. Er beherrschte sich noch und sagte leise, aber sehr eindringlich: „Jube, ich bezahle dich nicht, dass du mir Unsinn erzählst. Du hattest den Auftrag, diesem Burschen zu zeigen, wie gut du schießen kannst.“

„Es hat sich nicht so ergeben“, erwiderte Downing gelassen. Er rollte sich eine Zigarette und zündete sie dann an.

Marshal schnappte vor Wut bald über.

„Ich will dir etwas sagen, Jube: In den paar Stunden, die du weggewesen bist, habe ich nicht nur dieses Hotel, sondern auch den Store und zwei Handwerksbetriebe gekauft. Jube, in dieser Stadt wollte keiner so einfach verkaufen. Deine Kollegen haben da etwas nachgeholfen. Nicht, dass deswegen Blut fließen musste. Aber die Leute haben lieber heile Knochen und das Geld für die Bruchbuden.“

,,Hast du dir auch den Sheriff einmal bei Licht besehen?“, fragte Downing lächelnd. „Das ist kein Nussknacker, Bob. Sieh ihn dir an, wenn er nicht von allein morgen früh hier aufkreuzt!“

„Dummes Gerede! Er ist kein Sheriff. Die haben hier gar keinen. Dieser Singer ist Townmarshal, nichts mehr.“

Downing erhob sich und sah Marshal hart an.

„Dir ist ein Irrtum unterlaufen. Singer ist County Marshal. Der Sheriff in Rosita hat ihn hier eingesetzt. Singer hat die selben Vollmachten wie ein Sheriff. Alles andere ist Formsache. Und du wirst dich daran gewöhnen müssen, dass dieser Mann sehr zäh ist. Singer hat einen guten Namen. Er wird dir Fragen stellen.“

Bob Marshal schüttelte verständnislos den Kopf.

„Er wird mir Fragen stellen - was du nicht sagst.“ Einen Ton schärfer fuhr er fort: „Er wird froh sein müssen, wenn ich ihm keine Fragen stelle. Nämlich die zum Beispiel, ob er nicht vielleicht lieber einen weiten Ritt machen möchte. Oder die - ob er nicht sechs Fuß unter der Erde sanft ruhen will! Ich werde diese Stadt übernehmen, Jube, und ich werde die ganze Gegend hier einstecken.“

„Wozu?“

Marshal äffte ihm nach: „Wozu? Blöde Frage! Hast du in den Städten, die du aufgeräumt hast, auch immer ,wozu‘ gefragt? Eh, Jube, du bist mein bester Schütze, aber der Kopf hier, der Kopf, Jube, bin ich! Merk dir das!“

„Ich bin aber kein Typ, der schießt, ohne nachzudenken. Du solltest ruhig die Katze aus dem Sack lassen, damit ich den Sinn begreife. Es würde alles viel besser laufen.“

Marshal sah ihn an, wollte schon etwas sagen und schüttelte dann in einem plötzlichen Entschluss den Kopf.

„Nein, Jube, darüber spreche ich mit keinem.“

Downing zuckte die Schultern, rückte sich seinen Waffengurt gerade und ging an Bob Marshal vorbei.

„Schade, dann muss ich leider aussteigen.“

Marshal fuhr herum.

„Halt! Hiergeblieben!“

Downing musterte den schwergewichtigen Mann lächelnd.

„Bestimmst du, ob ich hierbleibe?“, spöttelte er. „Verhebe dich nicht!“

Marshal zündete sich die Zigarre wieder an, die erloschen als Stummel in seinem Mundwinkel klebte.

„Hmm, lass uns einmal in aller Ruhe darüber reden!“ Plötzlich holte er aus und schlug mit seiner Pranke zu. Downing war auf den Schlag nicht gefasst. Er traf ihn am Backenknochen und warf ihn mit voller Wucht an die Tür. Vor seinen Augen tanzten die Sterne. Ihm war, als hatte ihn ein Pferd getreten. Und durch einen rötlichen Schleier sah er Bob Marshal wie eine Wand auf sich zu rasen.

Instinktiv ließ er sich in die Knie sacken. Etwas Weiches prallte wie ein Sack an sein Gesicht, und über seinem Kopf knallte es an das Holz der Tür. Ein Fluch ertönte.

Jetzt sah Downing wieder klar. Blitzschnell richtete er sich auf, schlug mit dem Kopf gegen Marshals Kinn, spürte, wie der andere zurückfiel und schlug dann mit beiden Fäusten in den Leib des fleischigen Mannes. Marshal taumelte unter diesen Schlägen zurück, doch dann fasste er sich wieder, packte den Stuhl und wirbelte ihn herum. Downing duckte sich, und er kam um Haaresbreite unter dem Stuhl weg, warf sich gegen Marshals Knie und riss den schweren Mann zu Boden. Es dröhnte, als wollte das ganze Hotel einstürzen, als der gewichtige Mann auf die Dielen stürzte. Mit einem Sprung war Downing auf den Beinen, ergriff den Waschschüsselständer und schleuderte ihn mit voller Wucht auf Marshal. Einer der eisernen Ständerstreben traf Marshals Nase, die sofort aufplatzte. Marshal schrie auf wie ein Tier. Als sich Downing über ihn beugte, um ihn wieder hochzureißen, damit er den entscheidenden und alles beendenden Schlag laden konnte, sah er aus den Augenwinkeln, wie die Tür sich bewegte. Er sprang mit einem Satz zur Seite und entging dem Schuss, der von der Tür her genau dort unter dem Fenster einschlug, wo Jube eben noch gestanden hatte. Der zweite Schuss des Schützen an der Tür vermischte sich mit Jube Downings Abschuss. Dann brüllte draußen vor der Tür jemand auf, die Tür schwang weit auf, und Jube sah einen seiner bisherigen Kollegen, der sich die Hände an die Hüfte presste.

Jube sah, wie Marshal seinen Revolver zog. Er trat ihm auf die Hand und stieß mit dem anderen Fuß die Waffe zur Seite. Dann war er schon an der Tür, wo sein ehemaliger Mannschaftskollege die Fassung wiedergefunden hatte und den Colt hochriss.

Doch auch diesmal war Jube Downing viel schneller. Er hieb dem anderen den Coltlauf vor die Stirn und sprang an ihm vorbei. Hinter ihm sank der Mann zu Boden. In einem krampfartigen Reflex drückte er im Fallen noch einmal den Revolver ab. Das Geschoss schlug harmlos in die Zimmerdecke.

Marshal hatte sich endlich erheben können, wankte zum Fenster, riss es auf und schrie mit überschnappender Stimme: „Downing ist ein Verräter! Schießt ihn nieder! Macht ihn fertig!“

Zwei seiner Leute standen vor dem Hotel, aber in der Dunkelheit vermochte Marshal sie nicht zu sehen, so dass er noch einmal schrie.

Doch Jube Downing war schon durch die Hintertür entkommen. Am Corral trat ihm einer seiner bisherigen Kameraden entgegen und wollte ihn aufhalten. Doch Downing war jetzt richtig in Fahrt. Er schlug viel schneller zu, als es der andere in der Dunkelheit sehen konnte. Der Mann brach vor Jube zusammen und zwei Minuten später jagte Jube schon auf einem Rappen aus der Stadt.

Indessen hatte Marshals Gebrüll die halbe Stadt auf die Beine gebracht, vor allem aber seine gesamte Mannschaft. Bob Marshal gab es jedoch auf. Er sah ein, dass in der Nacht jede Verfolgung sinnlos sein musste. Wütend rief er seine Leute zurück, von denen einige schon die Pferde satteln wollten.

Marshals Mannschaft vollführte einen Heidenlärm. Marshal selbst schrie wütend herum und stieß Verwünschungen auf Downing aus. Während er wieder ins Hotel ging, versammelten sich seine Leute im Coffeeshop des Hotels, denn Rooleytown besaß keinen eigentlichen Saloon. Der Ausschank - hier Coffeeshop genannt - war einem englischen Pub ähnlicher.

Der Wortführer der Marshal-Crew war ein nicht sehr großer, recht kräftiger Mann mit breitem Gesicht. Die Backenknochen standen weit vor, und die Augen erinnerten an einen Asiaten. Nick Rudenko war auch ein Revolvermann, doch von anderer Art als Downing. Eigentlich war Downing dem hässlichen und brutalen Nick immer schon ein Dorn im Auge gewesen. Die souveräne, selbstbewusste Art Downings hatte Nick Rudenko des Öfteren in kalte Wut versetzt. Endlich war es soweit. Downing stand außerhalb der Crew.

Bis jetzt hatte Downing als eine Art Vormann die Mannschaft an der Kandare gehalten. Nun brach es aus, denn Rudenko sah alles anders an. Der Mann, dem ein Tanzmädchen mit dem Rasiermesser das Gesicht aufgeschlitzt hatte, den die Frauen erst verachteten und dann fürchteten, dieser Nick Rudenko schreckte vor nichts zurück. Seine Mannschaftskameraden erzählten sich manches über ihn, aber so weit reichte ihre Fantasie gar nicht, um das wiederzugeben, was sich Rudenko besonders in seiner Zeit als Trapper in Montana und Nord Dakota geleistet hatte. Dieser Mann war eine Bestie, und er war es gewesen, bevor ihn ein Rasiermesser verunstaltete.

Er stand an dem Tresen des Coffeeshops, trank seinen Whisky und hörte zu, was seine Kumpane über Downing sagten. Er selbst beteiligte sich nicht an dem Gespräch. Vielleicht war das der Grund, dass er den Marshal früher sah als alle anderen.

Der weißblonde Marshal von diesem Countybezirk stieß die Tür auf, lehnte sich mit dem Rücken dagegen und sah die Männer der Reihe nach an. Als sein Blick auf Rudenko fiel, sagte er hart: „Auf dich wartet der Galgen, Rudenko. Der Steckbrief ist erst zwei Wochen alt. Halte die Hände ganz ruhig und komm ein Stück nach vorn!“

Rudenko rührte sich nicht. Die anderen standen ebenfalls reglos. Nur der Shopkeeper duckte sich etwas hinter das Bierfass, das er mitten auf seiner Theke stehen hatte.

„Komm, Rudenko!“, wiederholte Singer und legte die Hand an den Kolben seines Colts.

„Leg den Stern ab, Mann!“, befahl Rudenko statt einer Antwort.'

Singer zog den Colt.

„Komm, oder ich pumpe dich voll Blei!“, schrie er.

Rudenko hatte die Hände weit von den Waffen.

„Leg den Stern ab, sonst bist du tot, Mann!“, sagte er mit spröder Stimme.

Singer hob den Colt und richtete ihn auf Rudenkos Schulter.

„Komm, oder ich drücke ab!“

Da fiel ein Schuss. Er traf die Lampe. Der Behälter aus Glas zersprang in Scherben. Das Kerosin ergoss sich brennend auf den Boden.

Singer schoss, aber Rudenko stand nicht mehr dort, wo er eben gewesen war. Plötzlich sah er im Schein der zuckenden Flammen etwas auf sich zufliegen.

Das Bierfass!, dachte er entsetzt und wollte ausweichen. Zu spät. Als es seine Schulter und den Kopf traf, fiel gleichzeitig ein Schuss. Auch diesen Schmerz unter dem Hals spürte Singer noch, dann sank er zu Boden.

 

 

6

„In Rolleytown ist die Hölle los“, berichtete der ehemalige Posthalter. Der glatzköpfige Mann war auf dem einzigen Pferd, das ihm verblieben war, zu Glenn Scott herausgeritten. Nun saß er Kathy, Glenn, Ces und Tenn gegenüber, die gespannt zuhörten, was er erzählte.

„Singers Tod war wie ein Signal. Alle Männer in der Stadt sammelten sich“, berichtete er weiter, „aber dieser Bob Marshal schien damit schon gerechnet zu haben. Er behauptete doch glatt, Singer wäre einem Unfall zum Opfer gefallen, und wir sollten doch mit ihm vernünftig verhandeln. Dann erklärte er, er werde diesen Killer, diesen Rudenko, einem Sheriff übergeben, sobald einer hier bei uns auftauchen würde. Ja, und heute Morgen waren sie dann bei einem jeden von uns. Natürlich haben sie sich uns einzeln vorgenommen. Zeugen können sie nicht gebrauchen. Entweder man verkauft — und sie bieten gar keine schlechten Summen — oder sie versprechen einem, alles in Grund und Boden zu treten.“

„Und ihr habt euch alle erpressen lassen?“, fragte Ces, ein langer, schlaksiger Mann, dem die Vorderzähne fehlten.

„Martins hat sich geweigert. Sie haben einer Katze, die aus seiner Scheune kam, das Fell mit Petroleum übergossen und dann angezündet. Das arme Vieh lief prompt in die Scheune zurück. Wir hatten Not, die umliegenden Gebäude zu retten. Später füllten Marshals Leute, voran dieser Rudenko, bei Seilers ein Fass mit Jauche. Sie spannten vier Pferde davor. Zwei der Männer rollten einen dicken Stein vor Martins’ Haus. Dann karriolten sie mit dem Jauchewagen die Mainstreet hinunter, fuhren genau vor Martins’ Haus über den Stein, die Deichsel brach natürlich, der Wagen schlug um und knallte gegen die Hauswand. Ihr wisst, das es kein sehr stabiles Haus ist. Die Wand wurde eingedrückt, und das Jauchefass zerbarst. In dem Haus kann es kein Mensch vor Gestank aushalten. Dann kamen sie wieder und fragten, ob er verkaufen wollte. Martins blieb stur. Da nannten sie ihn einen feigen Hundesohn und seine Frau eine ehemalige Dirne aus Dodge City. Sie sagten das so einfach, als wäre es nichts. Martins tat, was sie erhofften. Er griff zum Colt.“

„Und dann?“, fragte Tenn aufgeregt.

Der glatzköpfige Posthalter, dessen Nase immer etwas bläulich schimmerte, nickte.

„Was dann? Sie ließen ihn ziehen. Dann schossen Rudenko und noch einer gleichzeitig. Wir haben Martins kurz vor meinem Ritt hierher begraben. Er hatte den Colt in der Hand, als er starb. Seine Frau hat verkauft. Und diejenigen, die noch zögerten, verkauften lieber gleich. Marshal hat praktisch die ganze Stadt. Und kein Mensch weiß, weshalb er sie will. Er sagte heute, dass er eine Woche braucht, dann gehörten ihm auch die Ranchs in der Gegend. Nicht alle, hat er gesagt, aber alle, die hier im Westen liegen.“

Glenn sah besorgt auf Kathy.

„Vielleicht fährst du doch besser nach Lamar zurück“, sagte er.

„Er hat recht“, meinte auch Tenn.

Ces nickte.

„Wirklich, Kathy, diese Hundesöhne werden noch die schönste Schweinerei veranstalten.“

„Ich bleibe bei meinem Mann, zu dem ich gehöre. Sollen die ruhig kommen. Hier in den Bergen ist alles etwas anders.“ Sie hob trotzig den Kopf und schlug mit der Faust resolut auf den Tisch.

„Wisst ihr“, sagte der Posthalter, „man kann ihm nicht einmal vorwerfen, dass er uns etwa ausbeutet. Er bezahlt zum Teil mehr, als die Häuser wert sind. Selbst Martins’ Witwe hat er ebenso viel bezahlt, wie er zuvor geboten hatte.“

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941586
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904017
Schlagworte
dutzend wölfe

Autor

Zurück

Titel: Ein Dutzend schlimmer Wölfe