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Trevellian und das Verbrechen der Saison

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und das Verbrechen der Saison

Copyright

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Trevellian und das Verbrechen der Saison

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

»Irgendwo habe ich Sie schon mal gesehen.« Ted Elbert dachte angestrengt nach.

»Ja«, bestätigte der Mann. »Durch das Auge Ihrer Kamera.« Dann glitt ein Lächeln über sein hartes Gesicht.

»Sie meinen… ich habe Sie fotografiert? Einen Kollegen?«

Der andere schüttelte immer noch lächelnd den Kopf. Es sah fast wie Mitleid aus.

Ein jäher Verdacht stieg in Elbert auf. »Dann sind Sie gar nicht Greenberg?« Der Fremde blies leise lachend die Luft durch die Nase. Er griff unter sein Jackett. Dreimal hintereinander drückte er ab. Der Schalldämpfer ließ die Schüsse nicht lauter klingen als das Zuschlägen einer Tür.

Der Mörder begann mit seiner Suche. Viel Zeit hatte er nicht, denn Ted Elbert war ein gefragter Mann.

Ich ließ den roten Flitzer in die East 153rd Street gleiten. Bezirk Melrose in der Süd-Bronx. Eine Gegend, in der noch ungefähr jedes zweite Haus bewohnt ist. Die Straße sah nicht anders aus als die gesamte Umgebung. Dreck und Unrat, soweit das Auge reichte. Rauchgeschwärzte Fensterhöhlen in den Gebäuden, deren Eigentümer mit Hilfe von Brandstiftern Versicherungen geschröpft hatten. Und überall lärmende Kinder, palavernde Jugendliche und Fast-Erwachsene, die einfach nur in den dunkleren Ecken standen und Blicke aus schmalen Augen verschickten.

Ich parkte meinen Jaguar als leuchtend roten Fremdkörper an der Bordsteinkante. Vor mir ruhten die verbeulten Reste eines Checker-Taxis auf den Felgen. Neugierige Jungenaugen starrten durch das glaslose Heckfenster auf die mächtige rote Motorhaube, die sich wie aus einer fremden Welt herangeschoben hatte.

Ich stieg aus und schloß ab. Es sah schlimmer aus, als es war. Keiner würde sich so schnell über meinen fahrbaren Untersatz hermachen und die beweglichen Teile abmontieren. Kritisch wurde es erst nach Einbruch der Dunkelheit. Ich hatte nicht vor, so lange zu bleiben.

Blicke verfolgten mich aus allen Richtungen. Ich trat über den Gossendreck hinweg auf den Bürgersteig, wo Unkraut aus den Steinritzen wuchs. Hausnummern gab es nicht mehr. Wer sich hier zurechtfinden wollte, mußte sich auskennen.

Ich umrundete das Checker-Wrack und stieß auf zwei Girls. Beide etwa 16, beide schwarzhaarig. Einen alten Laternenpfahl hatten sie sich als Rückenstütze ausgesucht. Ausweichen konnte ich ihnen nicht mehr, wenn ich nicht unsicher wirken wollte.

»Buenos dias«, sagte ich.

Die beiden wechselten einen Blick, verzogen keine Miene, sahen mich wieder an. Augen unter Make-up aus dem Supermarkt. Augen, die schon alles gesehen hatten.

»Brich dir keinen ab, Hombre!« sagte die eine mit hartem portorikanischen Akzent. Die andere grinste.

»Okay. Ich brauche eine Auskunft«, entgegnete ich auf englisch. Ich fischte meine Zigarettenschachtel aus der Jackentasche.

»Und du willst mit Glimmstengeln bezahlen?«

»Bist du sicher, daß du nichts anderes brauchst?« Das war die andere. Sie besaß eine Stimme wie nach 20 Jahren Nachtclub-Erfahrung.

»Hundertprozentig sicher.« Ich zündete mir eine Zigarette an, ohne ihnen die Schachtel hinzuhalten. Es beeindruckte sie. Vielleicht hatten sie das Gefühl, daß ich sie für voll nahm. »Ich suche die Familie Sangrador.«

»Was haben die verbrochen?«

»Nichts. Ich treffe eine Lady bei ihnen.« Es stimmte, und sie wußten es. Wenn eine gutgekleidete junge Frau wie Dana Morrison in einer Straße wie dieser auftauchte, blieb das keinem Menschen verborgen.

»Übernächstes Haus«, sagte die Kleine mit der Nachtclubstimme.

Ich ließ den beiden meine Zigarettenschachtel da.

 

 

2

Es war ein Bild des Jammers, eingerahmt von Küchendünsten, lauten Kindern und einem Spanisch sprechenden Rundfunkansager, der fortwährend aus einem Kofferradio auf der Fensterbank tönte.

Dana Morrison klappte die echt lederne Mappe mit Notizblock und silbernem Kugelschreiber zusammen. Ein Werbegeschenk, wie es Journalisten alle Jahre wieder erhalten. Dana empfand ihre eigene Anwesenheit in der viel zu engen, stickigen Wohnung als eine Herausforderung. Mußte sie diesen Menschen nicht wie die verkörperte Ungerechtigkeit erscheinen?

»Perdonen me, Ustedes«, sagte sie und stand von dem einfachen Küchenstuhl auf. »Verzeihen Sie, ich muß mich verabschieden. Meine Zeit wird knapp.«

Elena Sangrador, eine füllige Frau von 38 Jahren, erhob sich mit dem Baby auf der anderen Seite des Tisches. Sie sah ihren Mann an, der am Kohleherd lehnte. Dann gab sie das Kleinkind zu der Dreijährigen und der Vierjährigen, die auf der Sitzbank über Comics kicherten. Zwei weitere Kinder lärmten im Nebenraum, der als Schlaf- und Spielzimmer gleichermaßen diente.

»Ich glaube nicht, daß Sie uns helfen können, Señorita. Wenn die Zeitungen etwas ausrichten könnten, würde es hier in der Bronx anders aussehen.« Elena Sangrador sprach einen schwer zu verstehenden portorikanischen Akzent. Das einwandfreie Spanisch des Rundfunksprechers hörte sich dagegen blasiert an. »Niemand hat uns davor gewarnt, nach New York zu gehen. Niemand hat uns zurückgeschickt, als wir hier ankamen. Wie unsereins lebt, interessiert niemand!« Die schwarzen Augen der Frau glühten, stachen in das seidig schimmernde blonde Haar der Journalistin und in den teuren Stoff ihres sommerlicheleganten Hosenanzugs.

Dana Morrison erschrak. Bis vor einer Minute hatte Elena Sangrador noch ziemlich sachlich geschildert, was es bedeutete, mit einer siebenköpfigen Familie auf 42 Quadratmetern Wohnfläche zu leben. Wohnfläche war ein hochtrabendes Wort für diese Höhle.

»Vielleicht bringt mein Bericht keine unmittelbare Hilfe«, sagte Dana leise. »Aber wenn man immer wieder auf diese Zustände hinweist…«

»Dann sehen Sie sich um!« Die Stimme der Portorikanerin wurde schrill. »Wir sind kein Einzelfall.«

»Das weiß ich.«

»Nichts wissen Sie. Sie lassen sich eine Stunde zu uns herab und glauben, alles erfahren zu können. Jorge!« Ihr Kopf ruckte nach rechts.

Der Mann am Küchenherd zuckte zusammen und richtete sich auf. »Ja, Elena?«

»Warum sagst du nichts über deinen Bruder? Warum erzählst du es ihr nicht?«

»Nun, ich…« Sangrador, seit zwei Jahren arbeitslos und Wohlfahrtsempfänger, knetete seine Finger.

»Wenn es noch etwas gibt«, forderte Dana Morrison ihn auf, »dann notiere ich es gern. Notfalls schiebe ich meinen nächsten Termin auf. Ich könnte telefonieren.« Der unerwartete Stimmungswandel der Portorikanerin machte sie schuldbewußt. Es war ein Schuldgefühl, das sie einerseits als absurd empfand, dem sie sich jedoch andererseits nicht entziehen konnte, solange sie in der Nähe dieser Menschen war.

»Mein Bruder«, sagte Jorge Sangrador gepreßt, »wohnt auf der anderen Seite. Auf der anderen Seite vom Hinterhof, meine ich. Er hat fünf Kinder, und dann noch die Eltern seiner Frau… und nicht mal fließend Wasser. Die Wände sind feucht und…«

»Wir haben es komfortabel, verglichen mit denen da drüben«, unterbrach Elena Sangrador ihren Mann. »Das sollten Sie sich ansehen, Señorita. Dann kriegen Sie ein richtiges Bild. Jorge wird Sie hinüberführen.«

Es klang wie ein Befehl. Dana Morrison brachte nicht die Willenskraft auf, sich zu widersetzen. Sie spürte, daß jede Ausrede die Frau erst richtig in Wut gebracht hätte.

Als sie dem gebeugt gehenden Mann durch den düsteren Hausflur folgte, fühlte sie sich ein wenig erleichtert. Dieser Jorge Sangrador war nicht zu beneiden. Sicher wurde es ihm häufig zu eng in den vier Wänden, und das lag dann nicht nur an den miserablen Wohnverhältnissen.

Im Hinterhof hing eine Wolke von Gestank, die kein Windhauch jemals vertreiben würde. Es roch nach verfaulten Abfällen. Irgendwo unter den Bergen von Gerümpel mußten sich Gullys befinden, aus denen die nicht mehr funktionierende Kanalisation ihren übelriechenden Atem aufsteigen ließ. Ein paar Trampelpfade führten durch das Wirrwarr. Sangrador hatte es eilig. Dana Morrison blickte an der Rückseite des gegenüberliegenden Gebäudes empor. Leere Fensterhöhlen gähnten schwarz.

»Aber… das Haus ist ja…«

»Eben drum, Señorita.« Sangrador drehte sich nicht einmal um, während er es murmelte.

Dana holte ihn ein, als er den türlosen Korridor der Ruine erreichte. Verkohlte Holzstücke und Mörtelbrocken bedeckten den Boden.

»Hören Sie, Jorge. Das Haus ist doch überhaupt nicht mehr bewohnbar!«

»Das ist es, wovon meine Frau gesprochen hat, Señorita. Die Familie meines Bruders wohnt im vorderen Teil, oben im 2. Stock. Da sieht es noch ein wenig besser aus.« Er wandte sich nur kurz um. »Wird Ihnen vielleicht schlecht? Möchten Sie lieber…«

»Nein, nein«, wehrte Dana ab. »Ich sehe mir das an. Ich habe es versprochen.«

Sangrador ging weiter, eiliger jetzt. Die Treppe war ausgebessert worden. Trotzdem hatte Dana das beklemmende Gefühl, daß eine der knarrenden Stufen unter ihr zerbrechen würde. Sie atmete auf, als sie den 2. Stock erreichten. Helleres Tageslicht flutete von der Straßenseite herein, enthüllte schuttübersäte Fußböden, Wände mit geschwärzten Tapetenresten und Türangeln, an denen nur noch Holzsplitter hingen.

»Hier entlang«, sagte der Portorikaner. Unter seinen Schuhsohlen knirschte es. Dann blieb er stehen und zeigte einladend auf eine Türöffnung zur Linken. Es war ein Raum wie alle anderen.

»Dort drin?« Dana Morrison zog erstaunt die Augenbrauen hoch.

»Das ist nur der Vorraum, Señorita. Die Wohnung beginnt an der nächsten Tür. Mein Bruder benutzt die Zimmer, die noch einigermaßen brauchbar sind. Gehen Sie nur hinein!«

Die Journalistin folgte der Aufforderung, ging drei Schritte weit in die Ruinenhöhle hinein. Ihre Fassungslosigkeit wuchs. Wie konnten Menschen unter diesen Umständen überhaupt noch existieren? Sie erinnerte sich an Bilder aus Europa. So hatten Häuser und Städte dort nach den Bombenangriffen des letzten Krieges ausgesehen. Dana drehte sich um.

»Jorge, wollen Sie nicht auch…« Sie brach ab.

Der Korridor war leer. Dana lief zurück. Verwirrung ergriff sie. Sangrador war nicht mehr zu sehen. Aber da waren auch keine Schritte. Spielte er Verstecken mit ihr, ein Mann, der den Humor verloren hatte? Es knirschte hinter ihrem Rücken. Sie holte erleichtert Luft.

»Jorge, solche Scherze sollten Sie nicht…«

Ein Stoß traf sie in den Rücken, hart und schmerzhaft. Dana stürzte vornüber und schlug mit dem Gesicht in den Mörteldreck, bevor sie auch nur einen Schrei ausstoßen konnte. Sie erschrak bis ins Mark, als eine derbe Faust ihre Schulter packte und sie herumriß.

 

 

3

Das Geschrei war durchs ganze Haus zu hören. Eine Frau keifte in den schrillsten Tönen, und ein Mann brüllte, als wolle er die Wände wackeln lassen. Alles in spanischer Sprache. Ich verstand nur eins: Es spielte sich hinter der Wohnungstür der Sangradors ab. Ich verzichtete auf das Anklopfen und öffnete.

Das Geschrei brach nicht ab. Ich brauchte eine Sekunde, um mich in dem Durcheinander zurechtzufinden. Der Mann hatte seinen Wutausbruch nicht unter Kontrolle. Die Frau setzte sich zur Wehr, füllig und bebend. Ihre Stimme stieg in grelle Höhen. Kinder, überall verteilt, heulten im Chor mit. Ein Nachrichtensprecher meldete unbeeindruckt das Weltgeschehen vom Fensterbrett.

Der Mann brüllte wieder in seinem portorikanischen Dialekt, riß zwei knisternd neue 100-Dollar-Scheine aus der Tasche und schleuderte sie zu Boden. Er versetzte der Frau eine schallende Ohrfeige. Jetzt brach ihr Keifen ab. Schluchzend und wimmernd starrte sie mich an. Der Mann wirbelte herum. Schuldbewußtsein stand in seinem Furchengesicht.

»Donde esta Señorita Morrison?« sagte ich rauh. »Wo ist Miß Morrison?«

»Ich habe es nicht gewollt!« schrie Sangrador. Er war verzweifelt und zeigte anklagend auf seine Frau. »Sie war es! Sie war scharf auf das verdammte Geld. Ich will es nicht mehr.« Er schlug die Hände vor das Gesicht.

Ich war mit einem Schritt bei ihm, packte ihn am Kragen und schüttelte ihn.

»Wo?« knurrte ich. Meine Nerven waren in Alarmzustand, Der Mann zuckte zusammen und schien jäh zu erwachen.

»Kommen Sie«, keuchte er, »schnell!«

Ich schickte ihn zurück, als er mir den Weg durch den Hinterhof gezeigt und beschrieben hatte, wie es weiterging.

Die Ruine war unheimlich still. Es war höllisch schwierig, sich in all dem Schutt zu bewegen, ohne ein Geräusch zu verursachen. Noch im unteren Korridor zog ich den Smith & Wesson. Die Waffe lag kühl und glatt in meiner Hand.

Ich bezwang das bohrende Gefühl, zu spät zu kommen. Jede Entscheidung konnte falsch sein. Übertriebene Vorsicht ebenso wie wilde Hast. Die Treppenstufen waren schweißtreibend. Ich brauchte eine quälend lange Minute, bis ich das erste Stockwerk erreichte.

Ein Schrei gellte durch die Ruine, war im nächsten Moment wie abgeschnitten.

Dana Morrison war am Leben! Ich vergaß alle Vorsicht und stürmte los. Selbst wenn sie durch mein Auf tauchen zur Geisel wurde, hatte sie eine bessere Chance. In der Süd-Bronx ist ein Menschenleben nicht viel wert, wenn es hart auf hart geht.

Ich erreichte den 2. Stock. Mörtelbrocken spritzten unter meinen Füßen weg. Die offenen schwarzen Höhlen flogen zu beiden Seiten an mir vorbei. Ich jagte dem Ende des Korridors entgegen, rechnete jeden Sekundenbruchteil mit einer Bewegung — links, rechts, irgendwo. Die Schnelligkeit war mein Vorteil.

Ein Schuß bellte mit dumpfem Nachhall.

Im selben Atemzug lag ich lang im Schutt. Links von mir war eine offene Tür. Vor mir, nur einen Meter entfernt, die Stirnwand des Korridors. Blitzschnell rollte ich miph schräg nach vorn und federte hoch.

Wieder bellte die Waffe. Eine Staubwolke stieg dort auf, wo ich eben noch gelegen hatte.

Ich nutzte die Deckung rechts vom Türrahmen nur einen kurzen Moment lang. Dann schnellte ich mit flachem Sprung in das offene Rechteck hinein. Drei Kugeln sirrten über mich hinweg, während ich den Kopf einzog und mich überschlug. Das Blei klatschte in die Wand. Ich war auf den Beinen, geduckt, den 38er im Beidhandanschlag.

Der Schatten huschte hinten aus dem Zimmer weg.

Ich jagte zwei Kugeln hinterdrein. Der Revolver ruckte in meinen Fäusten. Das Wummern ließ die Trommelfelle schmerzen. Dann waren nur noch wie ein Hohn, hastige Schritte zu hören. Ich setzte nach. Ich rannte an Dana Morrison vorbei, die schluchzend am Boden lag, und hetzte durch die nächsten Räume, die leer waren.

Nichts als ein Labyrinth. Je länger ich es durchsuchte, desto entfernter klangen die fliehenden Schritte. Der Unbekannte hatte mehr Zeit gehabt, sich mit der Ruine vertraut zu machen, als ich. Als ich die Treppe zum ersten Stock erreichte, röhrte ein Automotor, nicht einmal weit entfernt. Ich lief zu einem Vorderfenster.

Unten auf der Straße war niemand. Wenn es in der Süd-Bronx knallt, wissen die Leute, wohin sie zu verschwinden haben. Ich sah nicht einmal mehr den Wagen, mit dem der Mann floh. Die nächste Abzweigung war viel zu nahe.

Zwecklos! Ich schob den Smith & Wesson ins Leder.

Dana Morrison war erschrocken zurückgewichen, als sie meine Schritte hörte. Erst als sie mich sah, glättete sich ihr Gesicht, das von Staub und Schmutz verunziert war. Ich haßte mich dafür, daß ich mich nicht bemerkbar gemacht hatte.

Ihre Jacke und ihre Bluse waren zerrissen. Beides hatte sie notdürftig zurechtgezupft. Ich hatte Dana zweimal bei Pressekonferenzen gesehen, die schon einige Zeit zurücklagen. Eine selbstsichere, kühle Schönheit. Ihre Vorfahren mußten Engländer gewesen sein. Jetzt sah sie hilflos und schutzbedürftig wie ein Reh aus. Der eigentliche Grund unserer Verabredung rückte in den Hintergrund. Der Mann, der vor mir geflohen war, hatte viehische Absichten gehegt. Er hatte geglaubt, sich das leisten zu können, bevor er seinen eigentlichen Auftrag ausführte.

Dana Morrison lebte. Genau das würde dem Unbekannten Schwierigkeiten einbringen. Von verschiedenen Seiten.

Ich legte meinen Arm um ihre Schulter. »Werden Sie es bis zum Wagen schaffen?« Sie preßte die Lippen aufeinander, nickte und sah mich aus tränenfeuchten blauen Augen an.

»Er… er wollte…«

»Sprechen Sie jetzt nicht!« sagte ich. Ich hob ihre Handtasche auf, die in der Mitte des Zimmers lag. Dann führte ich sie behutsam hinaus. Ich sah sie von der Seite an. Sie war kreidebleich, begann aber, sich zu erholen. »Das nächste Mal suchen wir uns einen besseren Treffpunkt aus, denn dann werden Sie sich etwas Zeit nehmen, Dana.«

Sie hetzte von einem Termin zum anderen und ging in ihrem Beruf auf. Hier in Bronx hatte sie sich mit mir verabredet, weil sie nicht mehr als die Fahrtzeit bis zu ihrem nächsten Termin für ein Gespräch mit mir erübrigen wollte. Sie war mit einem Taxi gekommen.

Schon im Hinterhof blieb sie stehen und erwiderte meinen Blick. »Ich bin froh, daß es dieser Treffpunkt war, Jesse. Sonst hätten Sie mir nicht das Leben retten können. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen…«

»Lassen Sie es!« unterbrach ich sie. »Es gibt jetzt wichtigere Dinge.« Wir erreichten den Korridor des anderen Hauses. Ich wollte auf die Wohnung der Familie Sangrador zusteuern.

Dana hielt mich zurück. »Bitte nicht, Jesse! Diese Menschen schulden mir nichts. Ich kann sie verstehen. Lassen Sie sie in Ruhe! Die Personenbeschreibung, die Sie brauchen, werden Sie von mir bekommen.«

Ich zögerte einen Moment. »In Ordnung«, sagte ich dann. Dana hatte recht. Ich verstand ihre Gefühle. Ohnehin wurde es Zeit, daß ich sie ins nächste Hospital brachte. Ich glaubte zwar, daß sie keinen Schock erlitten hatte, aber ich war kein Fachmann.

Draußen in der 153th Street erstarben alle Bewegungen, als wir auftauchten. Stumme Blicke folgten uns, bis wir in den Jaguar stiegen und davonfuhren. Wie blitzsaubere Wesen aus unerreichbarer Ferne waren wir eingetroffen, und mit etwas Schmutz aus der Bronx beladen zogen wir wieder ab. Ich war überzeugt, daß hinter jedem dieser Blicke Schadenfreude lag.

 

 

4

»Hallo, Strohwitwer!« sagte Brook McCullom, als er den Garten des Villengrundstücks in New Rochelle betrat. Joe Denaro hatte seine Familie in den Zweitwohnsitz in Florida verbannt, wo der Sommer noch sonniger war.

Denaro war ein Schrank, jedoch nur mittelgroß, was ihm ein untersetztes Aussehen verlieh. Das glatte schwarze Haar lag wie angeklebt auf seinem runden Kopf. Der dünne Oberlippenbart wölbte sich über einer schwarzen Zigarre. Denaro legte die Rosenschere ins Gras und richtete sich auf, als er den Mann kommen hörte. Die Nachmittagssonne warf lange Schatten in den großen Garten, dessen Buschwerk keinen Blick von außen zuließ.

»Dein Blick gefällt mir nicht«, sagte Denaro statt einer Begrüßung. Er nahm die Zigarre aus dem Mund und rollte sie zwischen Daumen und Zeigefinger.

McCullom grinste. Er musterte den anderen, der mit schwarzer Hose, Hemdsärmein und elastischen Hosenträgern nicht aussah wie jemand, der eine Luxusbehausung im feinen New Rochelle, ein Ferienhaus in Florida, einen Privathubschrauber und einen Mercedes-Fuhrpark besaß.

»Du durchschaust einen mal wieder bis auf die Knochen, was?« McCullom zog die Schultern hoch und vergrub die Hände in den Hosentaschen. Er war groß und sehnig, mit grauen Augen, die ständig spöttisch blickten.

Unmutsfalten entstanden auf Denaros Stirn. »Wir gehen ins Haus«, entschied er, klemmte die Zigarre wieder zwischen die Lippen und hakte die Daumen hinter die Hosenträger.

McCullom schlenderte neben ihm her. »Mir wird mulmig«, gestand er feixend. »Immer wenn Big Daddy böse wird…«

»Halt den Rand!« knurrte Denaro. »Ich kenne dich, Brook. Eins kann ich dir schwören: Wenn du nicht deine besonderen Fähigkeiten hättest, würde ich deinen Leichtsinn nicht länger hinnehmen.«

Sie betraten das Wohnzimmer durch den Terrasseneingang. McCulloms falsche Fröhlichkeit war weggewischt. Er gehorchte, als Denaro ihn mit einem Wink aufforderte, die Glastür zu schließen.

»Nenn mich nicht leichtsinnig!« sagte er leise. »Du weißt, daß ich das hasse.« Joe Denaro drehte sich um, den kalten Kamin im Rücken. »Du kannst die Wahrheit nicht vertragen. Das ist es.«

»Willst du behaupten…«

»Schluß jetzt! Was ist los?«

»Nichts, was uns beunruhigen könnte.«

»Brook, ich warne dich!« Denaro nahm die Zigarre und piekte mit ihr in McCulloms Richtung. »Wenn du nicht augenblicklich auf hörst, um den Brei herumzureden, vergesse ich mich.«

»Okay, okay, reg dich ab!« McCullom zündete sich umständlich eine Zigarette an. »Es hätte soweit alles geklappt. Nur im letzten Moment kam ein Kerl dazwischen. Ich habe ihm ein bißchen eingeheizt, und er konnte nur noch meine Hacken sehen.«

Denaros Gesichtsmuskeln spannten sich voller Wut. Er schleuderte die Zigarre hinter sich in den Kamin und stemmte die Fäuste in die Hüften. »Du wagst es, mir das zu sagen?« brüllte er. »Das Girl lebt also, und sie hat deine verdammte Visage gesehen!«

McCullom machte einen zornigen Schritt auf den anderen zu. »Schrei mich nicht an, Joe! Ich habe die Dreckarbeit bislang bestens für dich erledigt. Vergiß das nicht!«

»Mit einigen Schönheitsfehlern«, knurrte Denaro. »Unter bestens verstehe ich was anderes. Du hast dich von Cosciusco austricksen lassen. Wenn das nicht passiert wäre, hätten wir jetzt nicht den Schlamassel.«

»Hölle und Teufel!« fauchte McCullom. »Wenn du einen Besseren hast, warum nimmst du ihn dann nicht? Glaubst du, ich bin auf dich angewiesen?«

Denaros Gesichtsausdruck wechselte in ein abfälliges Grinsen über. »Wie wahr, wie wahr! Und ich frage mich die ganze Zeit, weshalb ich einen gottverdammten Schotten auf meiner Lohnliste habe. Das ist ganz und gar nicht üblich, kapierst du das?«

Brook McCulloms Miene versteinerte. Er ging zwei weitere Schritte auf den anderen zu. »Bist du verrückt, Joe?« flüsterte er drohend. »Fängst du wieder damit an? Merkst du nicht, daß du dir dauernd widersprichst? Woher ein Mann kommt, zählt nicht. Nur das, was er kann. Waren das deine Worte oder nicht? Und was, in aller Welt, hat das damit zu tun, daß ich mit Leuten verwandt bin, die zufällig vor 150 Jahren aus Glasgow rübergekommen sind?«

»Eine Menge.« Denaro grinste breiter. Es schien ihm zu gefallen McCullom in Fahrt zu bringen.

»Eine Menge? Dann frage ich dich: Was hat ein lausiger Sizilianer, das ein Schotte nicht hat?«

Denaros Grinsen schwand. Er legte sich die flache Hand auf den Kopf. »Der Unterschied befindet sich hier oben, mein Junge. Und noch etwas…« Mit einem blitzschnellen Schritt war er bei McCullom. Ein Fausthieb ohne erkennbaren Ansatz schleuderte den sehnigen Mann quer durch den Raum. Das Doppelglas der Terrassentür hielt seinem Anprall stand. »… kein gottverdammter Schotte beleidigt ungestraft einen Sizilianer, noch dazu, wenn er auf dessen Kosten lebt.« McCulloms Sicherungen brannten durch. Er stieß sich ab und stürmte auf seinen Brötchengeber los. Denaro steckte zwei Gerade mit der Unerschütterlichkeit eines Felsbrockens ein. Dann rammte er den Schotten mit einem Trommelfeuer seiner klobigen Fäuste zurück. McCullom wankte wie ein Schilfblatt im Wind. Denaro packte ihn am Kragen und warf ihn in das weiche Ledersofa. Er beugte sich über den Ächzenden, rieb sich die Knöchel und lachte.

»Ich danke Ihnen für dieses Gespräch, Mr. McCullom. Es tut gut zu wissen, daß man noch der Alte ist. Du arbeitest besser mit deinen Mitteln. An meinen Fäusten hat sich noch jeder verschluckt.« Er wandte sich ab, ging zur Bar, füllte zwei Gläser mit Eisstücken und Bourbon und kehrte zurück.

»Schweinehund«, keuchte McCullom und begann zu grinsen.

Denaro gab ihm sein Glas. Die dunklen Augen des Sizilianers blitzten amüsiert. »Von einem Besseren bist du nie bezahlt worden, amico. Runter mit dem Zeug!« Sie leerten die Gläser auf einen Zug. Denaro schenkte nach, setzte sich McCullom gegenüber und erlaubte es, daß sich die Probleme glätteten.

»Wir kriegen es schon in Ordnung, Joe«, sagte der Schotte nach dem zweiten Glas.

»Sicher, mein Junge, sicher. Cosciusco wird wieder in die Staaten kommen. Dann hast du deine letzte Chance.«

 

 

5

Das kalkige Neonlicht ließ die Fotos auf dem Schreibtisch glänzen. Draußen hatte die New Yorker Abendsonne bereits den Rückzug angetreten. Dana Morrison rieb sich die Augen.

»Es ist schwieriger, als ich dachte«, murmelte sie enttäuscht. »Je länger ich die Bilder ansehe, desto mehr kommt mir jedes Gesicht bekannt vor.«

Ich stand von meinem Drehstuhl auf. »Pause.« Ich raffte die Fotos zusammen und schob sie gestapelt beiseite. »Sie sind überanstrengt, Dana. Sagen Sie es, wenn es zuviel wird! Wir können für heute Schluß machen.«

»Nein, nein«, wehrte sie ab. »Es ist nur so… so verwirrend.«

Milo Tucker, mein Freund und Kollege, drückte die Tür mit der Schulter auf. Er schob sich herein, ein Blechtablett aus der Kantine balancierend. In drei Styroporbechern schwappte dampfender Kaffee, daneben drei Sandwiches, säuberlich in Alufolie eingewickelt.

»Automatenkost hält Leib und Seele zusammen«, verkündete Milo und kickte die Tür mit dem Absatz ins Schloß. »Das hier wird uns alle mächtig aufmuntern.«

»Wie sich die Bilder gleichen!« lachte Dana Morrison. »Zwischen den New Yorker Bürokantinen gibt es wohl keine großen Unterschiede.«

»Bei den Daily News habt ihr den besseren Kaffee«, behauptete ich.

»Zeitungsleute werden mehr verwöhnt als FBI-Agenten«, fügte Milo hinzu. Er stellte das Tablett auf seinen Schreibtisch und trug zwei Becher und zwei Folienpakete herüber.

Dana bediente sich aus der Zigarettenschachtel, die ich ihr und Milo hinhielt. Er warf einen Blick auf den Fotostapel, während wir die Sandwiches auswickelten und an den Kaffeebechern nippten. »Nicht weitergekommen?«

Ich schüttelte den Kopf. Dana zog entschuldigend die Schultern hoch.

»Halten wir uns an die Tatsachen, die schon feststehen«, sagte ich. »Seit dem Mord an Ted Elbert sind inzwischen 36 Stunden vergangen. Wir haben das Ergebnis der Laboruntersuchung und der Obduktion.«

»Feg nicht den Erkennungsdienst unter den Tisch!« wandte Milo ein. »Der Mörder hat einen Sack voller Negative aus Elberts Labor mitgenommen.«

»Mehr als eine Aktentasche kann es nicht gewesen sein«, verbesserte ich.

»Immerhin«, meldete sich Dana zu Wort. »Das sind schon ein paar hundert Aufträge, die Ted ausgeführt hat. Ist seine Kartei überprüft worden? Ich meine, dann hätte man einen Anhaltspunkt, für welche Fotoaufträge sich der Killer interessiert.«

Ich nahm den Aktendeckel, in dem sich der Bericht der Mordkommission befand. »Elberts Mörder hat sämtliche Negative der letzten beiden Monate mitgenommen. Das bringt uns nicht weiter. Aber es gibt einen wichtigeren Punkt, Dana. Unser großer Unbekannter scheint sich genau so für Sie zu interessieren wie wir auch. Das bedeutet, daß sich die ganze Geschichte um eine Sache dreht, die Sie mit Elbert gemeinsam erledigt haben.«

»Ich habe bei fast allen Terminen mit Ted zusammengearbeitet. Erinnern Sie sich, Jesse: Das war der Grund, weshalb Sie mich sprechen wollten. Aber woher wollen Sie wissen, daß dieser Kerl in der Bronx derselbe war, der…« Sie stockte.

»Wir werden es herausfinden«, erklärte ich. »Ich habe ein Spurensicherungskommando in die Ruine geschickt. Ted Elbert wurde von drei Projektilen tödlich getroffen. Das hat die Obduktion ergeben, und die Ballistiker im Labor haben festgestellt, daß es sich um Neun-Millimeter-Geschosse handelt. Verfeuert entweder aus einer Beretta Modell 951 oder einer belgischen FN Highpower.«

»Drei Schüsse…« Milo dachte laut nach. »Bei Elbert wohnen noch ein paar andere Familien im Haus. Keiner hat etwas gehört. Also hat der Killer einen Schalldämpfer verwendet. Im übrigen ist in der ganzen Straße zum Zeitpunkt des Mordes kein Fremder gesehen worden.«

»Eine. Wohnstraße«, nickte ich. »Kein Rötsei für mich. Fast alle Leute waren an dem Vormittag zur Arbeit, die Kinder zur Schule. Dieser Redakteur aus Chicago, der den Toten gefunden hat, ist schließlich auch nicht aufgefallen.«

»Sal Greenberg von der Chicago Tribüne«, sagte Dana Morrison. »Er hatte bei Ted eine Fotoserie über die neue Ausstellung im Guggenheim-Museun} bestellt. Wenn ich auch mal schlußfolgern darf: Kann es sein, daß der Mörder von Greenbergs angekündigtem Besuch gewußt hat? Das würde dann bedeuten, daß Ted den Mann für Greenberg gehalten hat. Ich weiß nämlich, daß Ted den Kollegen aus Chicago nicht persönlich kannte.«

»Ihre Schlußfolgerung ist perfekt, Dana.« Ich drückte meine Zigarette im Aschenbecher aus. »Es kann kaum anders gewesen sein. Elbert hätte sonst seine Wohnungstür nicht geöffnet.«

»Ich möchte mir noch einmal die Fotos ansehen«, bat die Journalistin.

Auf dem Schreibtisch nebenan summte Milos Telefon. Ich gab Dana den Bilderstapel aus unserer Kartei. Komplett war die Sammlung nicht. Wenn wir es mit jemand zu tun hatten, der nicht aus dem New Yorker FBI-Distrikt stammte, mußten wir auf das Zentralarchiv in Washington zurückgreifen.

Milo stieß ein »Okay« in den Hörer, ließ ihn in die Gabel fallen und lief hinaus. Ich nahm das Blatt, auf dem ich die Stichworte von Danas Personenbeschreibung notiert hatte. Groß, schlank bis dünn, blasse Gesichtsfarbe, mittelblondes Haar. Damit ließ sich herzlich wenig anfangen. Dana hatte ihre Beobachtungsgabe im Moment des Entsetzens überschätzt.

Während sie sich erneut mit den Bildern befaßte, rief ich den Erkennungsdienst der Mordabteilung Manhattan Süd an, die für die Anfangsermittlungen im Fall Elbert zuständig war. Sie standen in Verbindung mit ihren Kollegen in der Bronx, die zugesagt hatten, sich in der Ruine umzusehen. Der Kollege, der sich am anderen Ende der Leitung meldete, hieß Garfield. Ein Detective Sergeant.

»Fein, daß wir dem FBI mal wieder Schützenhilfe leisten dürfen«, sagte Garfield. »Wäre ich einer vom alten Schrot und Korn, würde ich sagen, wir machen den Kleinkram, und ihr nehmt die Lorbeeren in Empfang.«

»Ich weiß, daß Sie das nicht sagen, Garfield.«

»Richtig. Wir haben selbst genug um die Ohren. Muß man froh sein, wenn einem das FBI einen Fall abnimmt.«

»Ich bin ungeduldig«, entgegnete ich. »Haben Sie Neuigkeiten aus der Bronx?« Die Ermittlungen in dem Mordfall waren Milo und mir übertragen worden, weil Elbert aus einem anderen Bundesstaat stammte. Immer wenn bei einem Verbrechen mehrere Bundesstaaten im Spiel sind, wird das FBI automatisch zuständig. Ted Elbert hatte seinen Hauptwohnsitz in Philadelphia gehabt und erst seit einem knappen Jahr in New York City gearbeitet.

»Kein Laborergebnis«, antwortete der Kollege von der City Police. »Aber eine Auskunft vorweg. Die Jungs in der Bronx haben ein paar Geschosse aus der Wand gepflückt und schwören Stein und Bein, daß es sich um Neun-Millimeter-Blei handelt. Vollmantel, genauer gesagt.«

»Danke«, antwortete ich. Ich fühlte mich um einen Schritt weiter.

»Noch etwas, Trevellian. Der Mann, der Sangrador gespickt hat, soll Portorikaner gewesen sein. Sangrador will ihn nicht gekannt haben. Wenn er nicht lügt, muß es ein Mittelsmann gewesen sein. Korrekt?«

»Anzunehmen. Der Mann, den wir suchen, muß Amerikaner sein.« Ich sah, daß Dana Morrison zustimmend nickte. Sie mußte es wissen. Ich bedankte mich bei Garfield und legte auf. Dana sah mich an. Ich erklärte ihr, was ich in Erfahrung gebracht hatte.

»Dann sind Sie wenigstens nicht auf meine Hilfe angewiesen«, murmelte sie. »Mit den Fotos hat es nämlich beim besten Willen keinen Zweck.«

Milo stürmte lautstark herein. In seinen Händen flatterte ein meterlanges Fernschreiben. »Haltet euch fest!« strahlte er. »Washington hat die Vergleichsdaten ausgespuckt. Der Computer ist ein As. Wenn er recht hat, ist Elbert der fünfte Fall in einer Serie.«

Ich starrte meinen Freund und Kollegen an. Am Nachmittag, gleich nachdem alle erkennungsdienstlichen Daten Vorlagen, hatte Milo sie an das National Crime Information Center (NCIC), die zentrale elektronische Datenverarbeitung beim FBI-Hauptquartier in Washington D. C., durchgegeben. Dort wird alles erfaßt, was innerhalb der Vereinigten Staaten irgend eine Ermittlungsbehörde auf den Plan ruft — vom Ladendiebstahl bis zum Kapitalverbrechen. NCIC ist eine Datenbank von unschätzbarem Wert, wie es sich auch jetzt für uns erwies.

»Welche Parallelen?« fragte ich gespannt. Dana brauchte ich nichts zu erklären. Durch ihren Beruf hatte sie oft genug mit Polizeiarbeit zu tun.

Milo setzte sich auf die Schreibtischkante und nahm sich den Telexanfang vor. »Das ist überdurchschnittlich, Alter. Insgesamt sechs Punkte, und zwar folgende: Alle fünf Mordopfer, einschließlich Elbert, sind Fotografen bei überregionalen Tageszeitungen. Alle fünf wurden in ihren Wohnungen beziehungsweise Labors überrascht, ohne daß sie Verdacht schöpften. In allen fünf Fällen verwendete der Täter Neun-Millimeter-Geschosse. Und jedes Opfer wurde durch Kopfschüsse getötet. Allen wurden Negative gestohlen, und bei jedem handelte es sich um Negative aus den letzten beiden Monaten.«

Ich stieß einen leisen Pfiff aus. »Dafür, daß der Killer jedesmal dasselbe Kaliber verwendet, gibt es eine einfache Erklärung. Schalldämpferwaffen sind Sonderanfertigungen. Die wechselt man nicht wie das Hemd.«

»Wer waren die Mordopfer?« wollte Dana Morrison wissen.

Mein Freund und Kollege las vor: »Vance Bonsey vom Chronicle in Los Angeles. Jack Drury vom Observer in Houston. Harry Monett vom Telegraph in San Francisco. Und William Finnegan vom Western Star in Minneapolis.«

Dana sprang auf. »Finnegan und Drury kenne ich! Beide sind Wirtschaftsredakteure. Und ich habe in den letzten zwei Monaten mindestens ein halbes Dutzend Termine für unsere Wirtschaftsredaktion übernommen, gemeinsam mit Ted Elbert. Was ich jetzt brauche, ist mein Terminkalender!«

»Dann los!« sagte ich kurzentschlossen. »Stellen wir fest, ob der Automatenkaffee bei den Daily News besser ist.«

 

 

6

Beifallsgebrüll brandete an dem Ecktisch auf und übertönte den Lärm, der ohnehin in der kleinen Kneipe herrschte. Dunkle Eichenbalken umrahmten Rauchschwaden und mattes Licht aus alten Kutschwagenlampen.

Gary Woodford war aufgestanden. Er hob die Hände und verneigte sich nach allen Seiten. Die Runde seiner Kollegen wurde lauter. Fäuste hämmerten auf die Tischplatte und ließen den Schaum des schwarzen irischen Biers in den Gläsern schwappen.

»Danke, danke!« rief Woodford lachend. »Keine Vorschußlorbeeren! Ihr werdet gleich alle rauslaufen.«

Das Fäustetrommeln ging in Gelächter über.

»Immer bescheiden, der Junge!« rief einer der Redakteure. »Wir wissen, daß du deinen Beruf verfehlt hast, Gary!«

»Du singst sie doch alle an die Wand!« schrie ein anderer, und wieder folgte brüllendes Gelächter.

Gary Woodford entfernte sich mit beschwichtigenden Gesten, grinsend, rückwärtsgehend. Dann drehte er sich um, denn er spürte, daß seine Schritte unsicher wurden. Er schüttelte den Kopf, um klarer zu sehen. Auch an den anderen Tischen und an der Theke wurde nun Beifall geklatscht.

Der vollbärtige Chef der vierköpfigen Folkgruppe beugte sich über sein Mikrofon und ließ ein »Willkommen« aus den Verstärkerboxen dröhnen. Gary Woodford stieg auf die Bühne. Der Bärtige nahm den Hals seiner Gitarre beiseite, und Woodford klopfte ihm auf die Schulter. Er blickte in die Runde, soweit Zigarettenrauch und Halbdunkel das zuließen. Woodford war sich der Blicke aus weiblichen Augen bewußt. Er kannte seine Wirkung — groß, sportlich und dunkelhaarig, mit einem Schnauzbart, der seinem gutgeschnittenen Gesicht etwas von der Härte jener Männer verlieh, die auf großen Werbeplakaten über weite Prärien ritten.

»Wir freuen uns über den ersten Gastsänger des Abends!« rief der bärtige Gitarrist ins Mikrofon. Er und seine drei Mitstreiter — mit Banjo, Mandoline und Bodhran, der irischen Trommel — stammten aus Dublin. In Lokalen an der amerikanischen Ostküste begleiteten sie einen Reklamefeldzug für irisches Bier, irischen Whiskey und irischen Cream-Likör.

Gary Woodford warf die Arme hoch, und wieder wurde getrampelt und geklatscht. Er einigte sich mit der Gruppe auf »When Irish Eyes Are Smiling« und sang es mit viel Schmalz in der Stimme. Seine Mutter, die von der fernen grünen Insel in Europa stammte, hatte ihm das Lied beigebracht. Der Beifall wurde zum Orkan, noch bevor der letzte Akkord verklungen war.

Woodford genoß es, gefeiert zu werden. Er stieg vom Podium, und spürte die Wirkung des Alkohols. Das schwarze irische Gebräu war ungewohnt. Einer seiner Kollegen, Halpin aus der Lokalredaktion, war vom Tisch aufgesprungen, hüpfte mit einem Hut durch die Sitzreihen und sammelte Cents für den »singenden Fotografen des Boston Star«.

Als Woodford zu den anderen zurückkehrte, standen neu gefüllte Gläser bereits auf dem Tisch. Die Kollegen begrüßten ihn lautstark, prosteten ihm zu, und kurz darauf kehrte Halpin mit einem weiteren Tablett voll Biergläser zurück. Es war das Ergebnis seiner Sammlung. Vom Podium tönte mittlerweile eine hohe Frauenstimme, die das Lied vom Indianermädchen »Shenandoah« in den Griff zu kriegen versuchte.

Nach zwei Zigarettenlängen bekam Gary Woodford keinen Schluck mehr hinunter. Er stemmte die Hände auf die Tischplatte und schob sich hoch.

, »Tut mir leid, Jungs«, murmelte er.

»Jeder Tag hat sein Ende.« Er spürte, daß seine Zunge schwer geworden war.

»Was ist los?« schrie Halpin. »Ist dir der Gesangserfolg zu Kopf gestiegen?«

»Das wohl nicht«, grinste Woodfords Nebenmann. »Er kann den harten irischen Stoff nicht vertragen.«

Woodford hörte ihre Bemerkungen noch, als er schon den Ausgang erreichte. Er hatte 14 Stunden Arbeit hinter sich und keine ordentliche Mahlzeit im Magen. Kurz nach Redaktionsschluß hatten ihn die anderen mitgelotst, rüber ins Constitution, die Stammkneipe, die ausnahmsweise mal mit Musik aufwartete.

Draußen lehnte sich Woodford einen Moment gegen den Türrahmen. Die frische Luft tat ihm gut, doch in seinem Magen brannte die Flüssigkeit, von der er zuviel zu hastig hinuntergekippt hatte. Die Leuchtreklame über der Tür war ausgeschaltet, und nur noch jede zweite Straßenlampe brannte. Nur drüben, im Verlagsgebäude des Boston Star war es hell und lebendig. Die Rotation lief bereits, ein Zeichen dafür, wie höllisch spät es sein mußte. Woodford sah nicht auf die Uhr. Er wollte nicht wissen, wie viele Stunden Schlaf ihm morgen fehlen würden.

Er stieß sich von der Wand ab. Sein Wagen stand auf der anderen Straßenseite, auf dem Parkplatz neben dem Verlagsgebäude. Woodford lauschte dem Nachhall seiner eigenen Schritte. Die fremden Schritte, die sich hineinmischten, drangen zu spät in sein Bewußtsein. Er wirbelte herum.

Der Mann war aus dem Torweg gleich neben der Kneipe aufgetaucht. Nicht mehr als ein Schatten. Dunkler Mantel, die Hutkrempe tief ins Gesicht gezogen. Gary Woodford zuckte zusammen, als sich etwas Hartes von rechts in seine Nierengegend bohrte. Er konnte den Atem des Mannes spüren, doch er sah in der Dunkelheit nichts als das Weiße der Augen.

»Ganz ruhig bleiben, Bruder«, sagte eine warnende Stimme. »Wir gehen ein Stück gemeinsam, und dann nehmen wir meinen Wagen. Du darfst dich sowieso nicht mehr ans Steuer setzen.«

Woodford merkte, wie sein Herzschlag zu rasen begann, 'mit einem Schlag fühlte er sich stocknüchtern. »Was… was wollen Sie?« keuchte er.

»Berechtigte Frage«, antwortete der Fremde. »Ich werde es dir später erklären. Vormärts, marsch!«

Gary Woodford gehorchte. Er hatte das Gefühl, sich selbst dabei zu beobachten, wie er mechanisch ein Bein vor das andere setzte. Und ständig war da dieser Druck in der rechten Seite. Er wußte, daß er der Gefahr nicht entrinnen konnte. Nicht aus eigener Kraft.

»…early in the morning. What shall we do with the drunken sailor…«

Ein rauher Chor, der plötzlich um die Ecke an der nächsten Straßeneinmündung dröhnte. Ein Chor von Männerstimmen, die sich an ihrem eigenen donnernden Widerhall von den Gebäudewänden erfreuten. Es war die Freude von Betrunkenen.

Woodford spürte, wie sich die Haltung des Unbekannten an seiner Seite versteifte. Der Mann wollte ihn über die Straße dirigieren, aber ein glücklicher Zufall schickte genau in diesem Moment ein langsam dahinrollendes Taxi in die Washington Street. Der Fahrer spähte nach möglichen Kunden, denen die eigenen Beine zu unsicher geworden waren.

Und dann waren die schwankenden Gestalten heran. Fünf Mann, die die ganze Breite des Bürgersteiges einnahmen. Sie stoppten ihre Schritte, wankten vor und zurück, und ihr Gesang verendete in einem lallenden Durcheinander.

»Weg hier!« zischte der Fremde. »Los, rüber auf die andere Seite!«

Gary Woodford handelte geistesgegenwärtig. »Hallo!« grölte er. »Freunde von der Wasserseite! Welcher rostige Eimer hat euch nach Boston getragen?«

Die schwankenden Sealords antworteten mit wildem Gejohle. Woodford verstand nur, daß sie aus England kamen. Mehr nicht. Aber er verspürte grenzenlose Erleichterung, als sie begannen, ihn und den Fremden torkelnd zu umringen.

»Trinken wir einen zusammen?« schrie Woodford mit dem Mut der Verzweiflung. Der Druck wich aus seiner Nierengegend.

Die Männer aus dem Hafen grölten Zustimmung. Der Fremde huschte aus ihrer Mitte weg, als sie sich schulterklopfend enger um den Fotografen scharten. Dann setzten sie ihren tapsenden Weg fort. Woodford fühlte sich eingekeilt zwischen ihnen und dennoch frei, unendlich frei. Er sang ihre rauhen Lieder mit und drehte sich mehrmals um. Von dem Kerl mit Hut und Mantel war nichts mehr zu sehen.

Gary Woodford wußte, daß er diese Nacht im Bier ertrinken würde. Er war heilfroh darüber.

 

 

7

Der Aufenthaltsraum in der Redaktionsetage der New York Daily News war ein behaglicher Salon, verglichen mit unserer FBI-Kantine. Es gab Ledersessel, echte Zimmerpflanzen und hübsche runde Couchtische. Wir waren die einzigen Besucher. Die Redakteure und Reporter arbeiteten noch an ihren Bildschirmgeräten.

Dana Morrison hatte Milo und mich nur eine halbe Stunde alleingelassen. Sie war von ihren Kollegen aufgehalten worden, bei denen der Mordanschlag auf die junge Redakteurin Gesprächsthema Nummer eins war. Es hatte sich nicht verheimlichen lassen, denn andere hatten die Termine übernehmen müssen, für die Dana an diesem Tag noch vorgesehen gewesen war. Wir hatten aber erreicht, daß über das Geschehen in der Süd-Bronx zunächst keine Zeile veröffentlicht wurde. Es half weder uns noch Dana, Pferde scheu zu machen, die wir noch nicht einmal aufgezäumt hatten.

Ihre Augen leuchteten, als sie sich zu uns an den Tisch setzte. Sie hielt eine ledergebundene Mappe auf den Knien. Die Nachwirkungen dessen, was sie in der Gebäuderuine erlebt hatte, waren verflogen.

»Nun?« erkundigte sie sich lächelnd und deutete dabei auf die Pappbecher, die vor uns standen. »Ist der Kaffee bei uns besser oder nicht?«

»Dana«, sagte ich in gespielt drohendem Tonfall, »fangen Sie nicht an, etwas auf die lange Bank zu schieben!«

»Sie gibt doch keine Ruhe«, grinste Milo. »Also, um es klarzustellen: Es bleibt bei unserem Urteil. Zeitungsleute werden mächtig verwöhnt.«

»Ich habe es nicht anders erwartet«, seufzte sie. Ihre Miene strahlte etwas wie Siegesgewißheit aus, als sie ihre Mappe aufklappte. »Ich habe gefunden, was wir suchen. Hundertprozentig.« Sie hob den Kopf, blickte erst Milo und dann mich an und wurde ernst. »Fassen Sie meine Freude nicht falsch auf! Ich bin einfach froh darüber, daß es einen Weg gibt, den Mörder von Ted Elbert und seinen Kollegen aufzuspüren.«

»Lassen Sie hören!« forderte ich.

»Es war vor sieben Monaten. Im New Yorker Rockefeller Center fand ein internationales Treffen führender Wirtschaftspolitiker statt. Beteiligt waren außerdem Vertreter von Gewerkschaften und Unternehmerverbänden. Die Presse wurde dazu von der New Yorker Handelskammer eingeladen, und ich habe die Teilnehmerliste vor zehn Minuten in meinen Unterlagen gefunden. Bei uns gilt nämlich die Regel, daß wir sämtliches Informationsmaterial mindestens ein Vierteljahr im Schreibtisch aufbewahren. Das hat gute Gründe.«

»Elbert und die anderen vier Fotografen aus dem Fernschreiben waren bei diesem Termin«, vermutete ich.

»Richtig«, nickte sie. »Und nicht nur das. Es war in den letzten zwei Monaten die einzige Geschichte für uns, die wirklich überregionale Bedeutung hatte. Ich habe meinen Kalender durchforstet. Alle anderen Termine drehten sich ausschließlich um örtliche Themen. Das deckt sich auch mit Ted Elberts Dienstplan.« Dana stockte, bevor sie weitersprach. »Die Einsatzlisten werden bei uns im Archiv gesammelt. Jeder kann nachsehen, wann er wo gewesen ist.«

»So weit so gut«, sagte ich. »Sie haben noch mehr, Dana. Ich sehe es Ihnen an der Nasenspitze an.«

Sie lächelte wieder und reichte mir die Liste, die im Kopf das Siegel der New Yorker Handelskammer trug. Ich überflog zwei Reihen von Namen; in der ersten Spalte die Redakteure, daneben die Fotografen, die sie begleitet hatten. Fünf Namen kannte ich aus dem Washingtoner Telex.

Es gab einen sechsten, der von keiner Verbrechensstatistik erfaßt war.

Gary Woodford, Bildjournalist beim Boston Star!

 

 

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941579
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904016
Schlagworte
saison trevellian verbrechen

Autor

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Titel: Trevellian und das Verbrechen der Saison