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Trevellian und der Robin Hood der Bronx

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und der Robin Hood der Bronx

Copyright

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Trevellian und der Robin Hood der Bronx

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Die Kleine war 16 Jahre alt. Er hatte sie ausdrücklich gefragt. »Jetzt noch mal nach rechts, dann hinter den Schutthaufen.« Sie hatte die Stimme einer 30jährigen, wie sie ihn dirigierte. Er lenkte den schweren Mercedes 500 über den unebenen Boden und hielt an. Sein Blick fiel nach rechts, zum Beifahrersitz. Der kurze Rock ließ pralle Schenkel unverhüllt. Er hatte einen Glücksgriff getan. Es würde sich lohnen. Sein Herz begann zu pochen.

Die Sonne stach sengend auf das Trümmerfeld. Er drückte den Knopf, der das Schiebedach noch ein Stück weiter öffnete. Das Girl lächelte ihn an und begann, die buntgemusterte Bluse aufzuknöpfen.

»Erst das Geld, Großvater!« sagte sie.

Es versetzte ihm einen Stich, aber seine Gier war stärker als alles Unrechtsbewußtsein. Er wollte zur Brieftasche greifen.

Die Gestalten schnellten aus dem grellen Sonnenlicht hervor wie aus dem Nichts. Den grauhaarigen Mann traf der Schreck wie ein dumpfer Schlag. Sie rissen die Türen auf. Er begann zu zittern. Sein Pulsschlag raste. Warum schrie das Mädchen nicht?

Er sah nicht einmal genau, wie viele Kerle es waren. Alles um ihn herum war wirbelnde Bewegung, Sonnenlicht, abgehackt klingende Atemzüge, scharrende Schritte, sein eigener hämmernder Herzschlag, eisenhart zupackende Fäuste. Einer zerrte ihn hinter dem Lenkrad weg.

Fassungslos sah er, wie sie das Mädchen einfach laufenließen. Vor der Kühlerhaube mit dem funkelnden Stern zupfte das Girl die Kleidung zurecht, warf mit einer schnippischen Miene den Kopf in den Nacken und stolzierte davon. Er wollte hinter ihr herschreien, daß sie Hilfe holen solle, die Polizei verständigen - aber aus seiner Kehle kam nur ein Krächzen.

Sie stießen ihn auf die hintere Sitzbank, und im nächsten Atemzug hatten sie ihn in die Mitte genommen. Zwei Kerle. Der dritte lümmelte sich vorn auf den Beifahrersitz, schob die Unterarme auf die Rückenlehne, stutzte das Kinn auf den Handrücken und grinste. Der Mann hatte schwarzes Kraushaar, ein scharfgeschnittenes Gesicht und hellbraune Hautfarbe. Sein Akzent verriet, daß Spanisch seine Muttersprache war. Ein Puertoricaner, garantiert, wie so viele hier in der Süd-Bronx.

»Wer sich in Gefahr begibt, kommt darin um, alter Mann. Nicht schön, wenn man sich sowas von einem Jüngeren sagen lassen muß, stimmt’s?« Er nickte seinen beiden Komplicen zu. Sie hatten die Wagentüren geschlossen und begannen ihr Opfer zu durchsuchen.

Als erstes reichten sie dem Kraushaarigen, der ihr Anführer sein mußte, die Brieftasche. Mit unbewegtem Gesicht klappte er das teure Kalbsleder auf und blätterte in dem Paß. »Robert Schwartz, hm. Deutsche Vorfahren, tüchtige Leute. Harte Arbeit, großer Erfolg, so läuft das bei euch. Habe ich recht?«

Robert Schwartz hatte eine passende Antwort auf der Zunge. Er wollte sagen, daß man besser daran tat, zu arbeiten statt ehrliche Leute auszurauben. Aber er preßte die Lippen aufeinander. Jetzt nach der jähen Ernüchterung war sein Schuldbewußtsein wach. Dieser Puertoricaner wußte, worüber er spottete. Wenn ein Mann von 60 Jahren halbwüchsige Mädchen in sein Auto lud, dann war es nur ein kleiner Schritt bis zur Lächerlichkeit -selbst dann, wenn die Kleine schon eine ausgekochte Prostituierte war.

Der Kraushaarige blätterte in der Brieftasche. Die beiden anderen warfen alles, was sie zutage förderten, in eine Plastiktüte - Feuerzeug, silbernes Zigarettenetui, die Geldbörse mit dem Kleingeld für Parkgebühren oder Trinkgelder, das mit seinen Initialen bestickte Taschentuch. Sie würden für alles eine Verwendung haben.

In der Süd-Bronx klauen sie wie die Raben. Das hatte er oft genug gehört. Aber er hatte es als Warnung nicht beherzigt. Seine Gier war stärker gewesen. Das kleine Miststück, das mit den Gangstern vermutlich zusammenarbeitete, hatte ihn hereingelegt.

»Sieh an, da hätten wir ja schon was!« sagte der Puertoricaner mit hochgezogenen Brauen. Er wedelte mit dem Scheckheft, daß es klatschte. »Dann fang mal an zu pinseln, Robert Schwartz! Sagen wir… abwechselnd 1000 und 2000 Bucks. Das macht…« Er blätterte das Heft durch. »… von jeder Summe zehn Schecks. Ergibt insgesamt stolze 30 000 Dollar. Richtig gerechnet?«

Schwartz öffnete den Mund. Seine Lippen begannen zu zucken. »Ich… ich soll…?« Er hörte seine eigene Stimme wie ein lächerliches Quäken.

»Natürlich sollst du!« Der Anführer und die beiden Gangster links und rechts neben dem grauhaarigen Mann begannen zu lachen. Der Anführer drehte sich halb um, fand einen goldenen Kugelschreiber im Handschuhfach und drückte ihn dem Zitternden zusammen mit dem Scheckheft in die Hand. »Oder willst du behaupten, du hättest nicht genug auf dem Konto?« Wieder lachten sie. Diesmal laut, grölend.

Robert Schwartz sah sich um wie gehetzt. Das Trümmergrundstück, das ihn an die Nachkriegszeit in Deutschland erinnerte, war riesengroß. Wenn er schrie, würde ihn keine Menschenseele hören. Trotzdem trieb ihn die Angst dazu. Es war eine Instinktreaktion. Er riß den Mund weit kuf.

Doch der schrille Ton, den er ausstieß, war nur kurz und ging in einem schmetternden Hieb unter. Der Mann zu seiner Rechten hatte zugeschlagen. Mit der flachen Hand. Ein breitschultriger Kerl mit eingedellter Nase und kantigem Gesicht.

»Mach sowas nicht noch mal!« knurrte er. »Sonst reiß ich dir den Kopf ab, alter Schürzenjäger!«

»Brems dich, Victor!« gluckste der Kraushaarige. »Vorher muß er noch schreiben.« Wieder dieses Gelächter, das den empfindlichsten Nerv traf. Doch da war eine stählerne Härte in den Augen des Puertoricaners.

Robert Schwartz sah es und begann zu schreiben. Barschecks, wie sie es verlangten. Und er versuchte nicht erst, sie mit einer falschen Unterschrift hereinzulegen. Der Anführer hatte den Paß aufgeklappt und verglich.

Die Hitze wurde unerträglich, obwohl das Schiebedach noch geöffnet war. Schwartz spürte, wie Schweißtropfen auf seiner Stirn hervortraten, abwärts perlten und in seinen Augenwinkeln ein Brennen verursachten. Ein Schweißtropfen fiel auf den zehnten oder zwölften Scheck. Der Puertoricaner sah es.

»Wischt ihm die Stirn trocken!« befahl er. »Wenn er so einen Lappen verschmiert, haben wir 1000 oder 2000 in den Sand gesetzt.«

Der Mann zur Linken von Schwartz, der einen dichten Schnauzbart trug, führte den Befehl aus. Er benutzte dazu das bestickte Taschentuch aus der Plastiktüte. Der Anführer wartete geduldig, bis Schwartz den letzten Scheck ausgefüllt und unterzeichnet hatte. Er nahm das Scheckheft entgegen und steckte es in die Brieftasche, die er dann in seiner Jacke verstaute. Seine Hand kehrte mit einem metallisch blitzenden Reflex zurück.

Was geschah, begriff Robert Schwartz erst, als ein wilder Schmerz verzehrende Glutwogen durch seinen Körper jagte. Der Schwall der Schmerzensglut ging in ein immer träger werdendes Schwappen über. Es erreichte die Augen des grauhaarigen Mannes und verschleierte seinen Blick mit blutigem Rot.

Das letzte, was er noch hörte, war die Stimme seines Mörders, die wie ein nach und nach versiegendes Echo in den Bergen klang.

»Okay, der hat genug… genug… genug…«

 

 

2

Das Schulgebäude an der Eagle Avenue war einer von den für New York typischen Brownstone-Klötzen, überzogen mit jahrzehntealter grauer Dreckschicht, die im erdnahen Bereich noch mit Farbspraysprüchen angereichert war.

»Wenn hier Amerikas Zukunft heranwächst, dann gute Nacht.« Milo murmelte es, als wir den Schulhof betraten. Eine weite Steinpflasterfläche, eingekeilt von anderen Brownstone-Klötzen, alle mit der gleichen Dreckschicht, alle mit den gleichen Spraysprüchen.

»Falsch«, sägte ich. »Hier wachsen die heran, die keine Zukunft haben. Von Anfang an nicht.«

Er blieb stehen und sah mich von der Seite an. »Jetzt fehlt bloß noch, daß du vor Mitleid zerfließt. Wie wär’s, willst du nicht dem ganzen Verein ein kleines Taschengeld spendieren? 50 Dollar pro Nase müßten es allerdings schon sein. Oder, was schätzt du, müssen sie für ihren nächsten Schuß bezahlen?«

»Stell nicht die Dinge auf den Kopf!« knurrte ich. Mehr nicht. Es führte zu nichts, angesichts der Zustände in der Süd-Bronx über Gesellschaftsprobleme zu diskutieren.

Die Horde, die das Steinpflaster bevölkerte, war aus dem Schüleralter längst heraus. Von speckigen Jeans bis zum benieteten Leder, vom kahlen Schädel bis zum giftgrünen Haarbesen war alles vertreten. Vom späten Nachmittag bis in die Nacht war das Gelände der Eagle Grammar School Treffpunkt für Dealer und Junkies, Automatenknacker und Straßenräuber, Streetgangs und einsame Wölfe und Girls, die sich für einen Joint und wenig mehr verkauften.

Wir lenkten alle Blicke schon in dem Moment auf uns, in dem wir vom Bürgersteig auf den gepflasterten Hof einbogen. Unsere Straßenanzüge und die glattrasierten Gesichter waren hier das Gegenteil von normal. Sie machten uns zu Abgesandten einer Welt, die eine halbe Stunde entfernt und doch unerreichbar war. Milo und ich marschierten über ein Feld von leeren Bierdosen, Papptellern, Plastikbechern und zerfledderten Revolverblättern.

Weiter hinten, wo die lungernde Meute unüberschaubar wurde, verdrückten sich die ersten Gestalten in einen Durchgang, der hinter das Schulgebäude führte. Es war wie bei einem Wolfsrudel, das zwischen wehrlosem Opfer und schwerbewaffnetem Jäger zu unterscheiden ansetzt. Die Witterung, die die Meute von uns aufnahm, war auf zehn Meter gegen den Wind eindeutig. Aber wir hatten keinen Grund, uns zu tarnen. Sie sollten von Anfang an wissen, an welche Adresse sie bei uns gerieten.

Milo und ich einigten uns mit einem Blick. Ich beschleunigte meine Schritte und marschierte zügig durch das Gewühl, ehe die Mehrzahl der Lungerer auch nur erfaßte, was ich vorhatte. Obszöne Bemerkungen begleiteten mich. »Bulle« oder »Greiferschwein« waren noch die harmlosesten Komplimente. Schlimm klang die Verächtlichkeit aus dem Mund von halbwüchsigen Mädchen. Ungewollt erschauerte ich. Es hatte damit zu tun, weshalb wir hier waren.

Ich erreichte den bewußten Durchgang und ging breitbeinig in Stellung. Dazu klappte ich das Lederetui auf und ließ den silbernen FBI-Adler im späten Tageslicht schimmern. Wer noch gezögert hatte, sich zurückzuziehen, verharrte jetzt. Wie lange sie mich als Hindernis ernst nahmen, blieb abzuwarten.

Vorn auf dem dreckstarrenden Hof hatte Milo mit der Arbeit begonnen. Er zeigte die Fotos herum. Seit dem Vormittag waren wir unterwegs. Die Fragen blieben immer gleich.

»Kennen Sie diesen Mann und dieses Auto? Der Name des Mannes ist Robert Schwartz. Er wird vermißt. Zuletzt soll er sich in der Süd-Bronx aufgehalten haben.«

Seit dem Vormittag waren die Reaktionen stets die gleichen. Kopfschütteln, Achselzucken, ausdruckslose Mienen, geringschätziges Grinsen, abfällige Bemerkungen. Auch alle Cops in der Süd-Bronx waren mit den Fotos ausgestattet worden. Aber wir konnten nicht verlangen, daß sich ausgerechnet die uniformierten Kollegen in dieser Wahnsinnsgegend auch noch mit einer gezielten Fahndung plagen sollten. Deshalb hatten Milo und ich den direkten Vorstoß unternommen.

Ein Pulk von Rockertypen hätte sich drohend vor mir zusammengeballt. Ich blickte in stoppelbärtige, ungepflegte Gesichter mit kalten Augen. Milo konnte ich nicht mehr sehen, nur noch seine Stimme hören.

»Kennen Sie diesen Mann und…« Gerede, Gelächter und Grölen der Meute hatte schon bei unserem Eintreffen nachgelassen. Jetzt war es vollends still geworden. Eine unausgesprochene Drohung ballte sich zusammen.

In dem Rockerpülk vor mir entstand Bewegung. Die lederumhüllten Burschen wichen auseinander - bereitwillig und respektvoll, wie mir schien. Aber dieser Respekt galt nicht etwa mir.

Die Kerle, die sich da heranschoben, gehörten zu den Leitwölfen. Sie gaben in diesem Rudel den Ton an. Sie waren unauffälliger gekleidet, hatten normale Haarschnitte und bewegten sich mit der lässigen Sicherheit von Männern, die sich in ihrem Revier wußten.

Vier Kerle, längst keine Halbwüchsigen mehr. Die Sorte, die sich nicht mit Kleinkram abgibt. Rauschgiftgeschäfte nur noch ab 5000 Dollar aufwärts, Prostituiertenjobs nur dann, wenn es sich um einen neuen Callgirlring oder ein neu einzurichtendes Bordell handelte. Ich kenne solche Burschen zur Genüge. Sie sind es, die nie ohne Nachfölger bleiben, die immer wieder Blut lecken und einen Stadtteil wie die Süd-Bronx nie aus dem Dreck hochkommen lassen.

Die vier bauten sich in Linie vor mir auf. Sie hatten die Rocker endgültig aus meinem Gesichtsfeld verdrängt. Ich sah die Linie mit kaltem Lächeln an und versenkte das Etui meiner Dienstmarke in die Jackentasche. Alle vier waren Puertoricaner. Dunkelhaarig, schlank, durchtrainiert. Als New Yorker hat man einen Blick dafür, woher die Menschen kommen. Es gibt kaum einen Winkel der Welt, aus dem sie nicht nach New York City streben.

»Dies - ist ein öffentliches Grundstück«, sagte einer mit einem bleistiftdünnen Oberlippenbart. Er stand ganz rechts, Hände in den Hosentaschen vergraben. »Oder irre ich mich, Sir?«

»So ist es, Sie irren sich«, antwortete ich mit freundlichem Nicken. »Das Schulgrundstück gehört der City of New York, Borough of Bronx.«

»Interessant«, sagte der Wortführer und setzte die Miene eines gelehrigen Schuljungen auf. »Dann genießen wir sowas wie ein Gewohnheitsrecht, wenn wir hier rumhängen?«

»Richtig. In der Beamtensprache heißt das: Die Stadt setzt ihre Rechtsansprüche nicht durch.«

Der Wortführer lachte glucksend, und die anderen folgten seinem Beispiel.

»Völlig klar, Mann, völlig klar. Frage mich bloß, was das FBI damit zu tun hat. Ist doch ’ne Bundesbehörde, oder?«

Ich hatte keine Geduld mehr. »Mein Kollege und ich suchen einen Mann«, sagte ich eisig, zog die Fotos hervor und hielt sie den Kerlen hin. »Es handelt sich um einen FBI-Fall, damit wir uns klar verstehen. Robert Schwartz. Falls er ermordet wurde, verlieren wir keine höflichen Worte mehr, Freunde.«

Die vier Gesichter vor mir verhärteten sich.

»Höflichkeit ist sowieso nicht unsere Art«, zischte der mit dem Bleistiftbart. »Besser ihr verschwindet, solange ihr noch Zeit dazu habt. Uns reicht es nämlich, Mister. Immer wenn ihr was wittert, sucht ihr in der Süd-Bronx. Ihr verdammten Bullen macht diesen Stadtteil schlechter als er ist. Ich will verdammt nicht davon reden, wie viele Jungs unschuldig eingesperrt wurden, nur weil sie aus der Süd-Bronx stammen. Hab’ ich recht?«

»Dummes Zeug«, sagte ich trocken. Ich steckte die Fotos wieder ein, denn sie sahen sie ohnehin nicht an. Irgendwo in der Nähe arbeitete sich Milo mit seiner Frage durchs Gewühl. »Kennen Sie diesen…« Ich spürte ein Kribbeln unter der Kopfhaut.

Der Wortführer trat einen Schritt auf mich zu. Sein Gesicht spiegelte Wut. Ich hatte ihn beleidigt. Er begab sich in die Reichweite meiner Fäuste. Eine gezielte Herausforderung. Ein alter Trick - jemand in die Enge treiben, bis er die Nerven verliert und angreift.

Ich ließ mich nicht provozieren. Uns war seit heute vormittag klar, in welche Löwenhöhle wir uns begaben. In der Süd-Bronx verschwinden Menschen, ohne daß sie jemals wiedergefunden werden. Das kann auch G-men passieren.

Der mit dem Bleistiftbärtchen sah sich ruckartig um. Ich wußte, weshalb. Mein Kollege war nicht zu sehen. Er sah also auch nicht, was mit mir passierte. Der Wortführer der Puertoricaner stieß einen scharfen Zischlaut aus und kreiselte wieder in meine Richtung.

Sie waren blitzschnell. Zwei versuchten, mir in den Rücken zu fallen. Der Anführer und ein weiterer gingen frontal auf mich los. So etwas passierte zum ersten Mal an diesem Tag. Was, in aller Welt, wollten die Burschen erreichen? Wenn sie jemand zu decken versuchten, dann brachte es nicht viel, wenn sie zwei FBI-Beamten die Knochen brachen oder sie völlig außer Gefecht setzten. Sie verzögerten die Dinge bestenfalls. War es das? Genügte ihnen das?

Ich zeigte ihnen, daß sie es nicht mit einem Kleinstadt-Cop aus Wisconsin zu tun hatten. Völlig ohne erkennbaren Ansatz tauchte ich weg, wirbelte geduckt herum und fegte die beiden hinter mir mit einem Rundumtritt von den Beinen. Sie schrien auf, als sie auf das harte Steinpflaster schlugen und hatten sekundenlang damit zu tun, sich aufzurappeln.

Der Anführer und sein Kumpan waren durch den Angriff ins Leere nach vorn gerissen worden. Ich federte neben ihnen hoch, als sie noch damit beschäftigt waren, ihr Gleichgewicht einzufangen.

Den Mann unmittelbar vor mir brachte ich mit zwei betonharten Handkantenhieben zu Fall. Dann knöpfte ich mir den mit dem bleistiftdünnen Oberlippenbärtchen vor.

Er hatte sich gesammelt. Er versuchte mit einem Uppercut bei mir zu landen. Beinahe gelassen blockte ich den Hieb ab. Er keuchte vor Wut und Anstrengung. Auch seinen Versuch, mit einer Geraden zu treffen, vereitelteich reaktionsschnell. Zu einem neuen Angriff ließ ich ihn nicht kommen.

Mit einem Trommelfeuer meiner Fäuste trieb ich ihn auf die Brownstone-Wand hinter seinem Rücken zu und nagelte ihn fest. Er brüllte vor Schmerz, aber er schaffte es nicht, die Arme hochzureißen und sich die Fäuste vom Leib zu halten.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Milo, der durch die Meute vorgedrungen war, den anderen Kerl auf die Beine zog und ihm Handschellen verpaßte. Die beiden Strolche, die ich von den Beinen gefegt hatte, waren verschwunden. Die Sekunden, in denen der Fluchtweg zum Hinterhof frei gewesen war, hatten ihnen genügt.

Mein Mann verdrehte die Augen, ließ die Arme sinken und sackte in sich zusammen.

Fürsorglich bewahrte ich ihn davor, zu hart auf die Steine zu fallen. Ich setzte ihn an die Wand und ließ die Acht um seine Handgelenke klicken.

Als ich mich aufrichtete und umdrehte, war der Schulhof wie mit einem groben Besen leergefegt. Denn der Unrat lag noch immer da. Es sah aus, als ob die ganze Horde ihren Ballast fallen gelassen und sich in Luft aufgelöst hatte.

»Fehlanzeige«, sagte Milo düster. »Hier in der Bfonx laufen die ahnungslosesten Engel hereum, die man sich nur vorstellen kann.«

»Nicht ganz«, entgegnete ich. »Zumindest diese beiden Amigos scheinen irgend etwas verbergen zu wollen.«

»Optimist«, sagte Milo.

Wir setzten sie nebeneinander an die Wand, damit ich sie leicht im Auge behalten konnte. Milo lief zum Dienstwagen, um einen Funkspruch abzusetzen. Wir brauchten einen Streifenwagen der City Police, der die Festgenommenen für uns in den Zellentrakt an der Federal Plaza schaffte.

Ich durchsuchte die Kerle. Beide trugen kleine Browning-Pistolen in Halftern unter dem Hosenbund. Außerdem hatten sie Klappmesser bei sich, aber keine Papiere. Ich räumte die Eisenwaren beiseite und zündete mir eine Zigarette an. Ich konnte von Glück sagen, daß ich sie schnell außer Gefecht gesetzt hatte, bevor sie zu ihrem Waffenarsenal greifen konnten.

Der mit dem dünnen Bärtchen kam zu sich. Der andere würde ohnehin kein Wort von sich geben, da er seinen Anführer neben sich hatte. Ich verschwendete nicht die Zeit damit, sie nach ihren Namen zu .fragen. Unsere Erkennungsdienstler erledigen so etwas mit Hilfe der Fingerprints im Handumdrehen.

»Machen wir da weiter, wo wir aufgehört haben!« sagte ich. »Noch immer keine Ahnung, ob ihr den Mann gesehen habt, den wir suchen?«

»Total keine Ahnung, Sir.« Er versuchte zu grinsen, doch es wurde mehr eine schmerzerfüllte Grimasse. »Warum muß dieser Typ denn ausgerechnet in der Süd-Bronx verschwunden sein, he?«

»Wir haben klare Hinweise«, entgegnete ich rauh. »Ältere Männer mit dicken Brieftaschen haben ihren Grund, wenn sie manchmal hier aufkreuzen.«

»Kleine Amateurnutten.« Diesmal gelang dem Puertoricaner das Grinsen tatsächlich.

»So kann man nennen«, nickte ich. »Schwartz hat seinem Geschäftspartner gesagt, daß er einen Abstecher in die Süd-Bronx machen werde. Es gibt solche Vertrauensverhältnisse.«

»Ach, nein!« höhnte der Bleistiftbärtige. »Wie schön für den armen Mr. Schwartz! Vielleicht hat er sich für ’n paar Tage mit so einer kleinen Schlampe in eine Absteige zurückgezogen. Soll ja Vorkommen, was?« Er lachte meckernd, und der andere fiel mit ein.

Ich griff mir den Großspurigen, packte ihn am Kragen und zog ihn näher zu mir heran. »Die Sache ist ernster als du denkst, Amigo«, sagte ich gefährlich leise. »An dem Tag, an dem Schwartz verschwand, hatte er abends einen wichtigen geschäftlichen Termin. Den hätte er niemals versäumt, ohne Laut zu geben.«

Ich schenkte mir weitere Erklärungen. Was wir sonst noch wußten, ging nur uns etwas an. Robert Schwartz war Junggeselle und Mitinhaber einer großen Elektronikfirma, die ihren Hauptsitz drüben in Weehawken, New Jersey, hatte. Außerdem ein Office in Manhattan und mehrere Zweigwerke in verschiedenen anderen Bundesstaaten. Deshalb die Zuständigkeit des FBI, seit der zweite Inhaber der Firma Vermißtenanzeige erstattet hatte. John D. McKee, Chef des FBI-Districts New York, hatte Milo und mich mit dem Job beauftragt. Wir wußten auch, daß Schwartz des öfteren in der Süd-Bronx auf dem Girlie-Trip gewesen war. Sollte ihm dieser Hang jetzt zum Verhängnis geworden sein?

»Wenn schon!« sagte mein Gegenüber geringschätzig. »Was macht’s, wenn eurem sehr verehrten Mr. Schwartz wirklich was zugestoßen ist? Es gibt Verbrechen, die gar keine Verbrechen sind - wenn man noch ein bißchen Menschenverstand hat. Aber s.o was wird in euren Schädel wohl nie reingehen.« Ich horchte auf. Auf einmal hatte ich die vage Ahnung, daß es goldrichtig war, diese beiden Burschen festgenommen zu haben. Aber ich ließ mir von meinen Gedanken nichts anmerken.

Sie sollten nicht wissen, daß meine Vermutungen bereits in eine ganz bestimmte Richtung gingen.

 

 

3

Unter freiem Himmel brannten Gartenfackeln, flie sie in leere Flaschen gesteckt hatten. Der flackernde Lichtschein erhellte leere Fensterhöhlen und ausgewaschene Brownstone-Mauern. Jugendliche, deren Gesichter vor Eifer gerötet waren, bedienten die Barbecueanlage. Steaks und Fleischspieße garten mit würzigem Duft auf dem Holzkohlegrill. Auch die Getränke wurden von Jugendlichen verteilt. Ein tragbares Stereogerät hackte Reggaerhythmen in die Abendluft.

Tony Gelesco lehnte sich aus einem der Fenster, die schon seit Jahren ohne Glas und Rahmen waren. Er rauchte einen dünnen Havanna-Zigarillo und trank spanischen Rotwein aus einem Kunststoffbecher.

»Was man nicht alles haben kann, ohne dafür bezahlen zu müssen!« Er sagte es zu seinen beiden Komplicen, ohne sie anzusehen.

Victor Sabato, der Mann mit dem kantigen Gesicht und dem eingedrückten Nasenbein, brummte zustimmend. Juan Olivera, der Schnauzbärtige, lachte leise.

»Nur einen kleinen Schönheitsfehler hat die Sache, Tony. Wenn sie morgen auf die Idee kommen, den ganzen Kasten abzureißen, können wir nichts dagegen machen.«

Gelesco nickte gedankenverloren. Die Szenerie gefiel ihm. Sie hatte einen Hauch abendlich südländischer Gelassenheit. Den großen Raum im ersten Stock des zum Abbruch bestimmten Hauses hatten sie mit Petroleumlampen ausgestattet. Ein Durchgang führte auf das noch intakte Dach des Garagenblocks, wo sich früher ein Dachgarten befunden hatte. Wenn das Wetter schlechter werden sollte, konnten sie den ganzen Barbecuekram abbauen und nach drinnen verfrachten.

»Wir finden immer was Neues«, sagte Gelesco gedehnt. »Hauptsache, unsere Gäste fühlen sich wohl.«

»Wer in den warmen Regen kommt«, feixte Sabato, »der fühlt sich wohl immer prima. Oder?«

»Auf den richtigen Rahmen kommt es an«, murmelte Gelesco. »Der Unterschied ist etwa so, als ob du Sekt aus der Flasche oder aus einem Kristallglas trinkst.«

»Fehlt bloß noch, daß du demnächst die ganz vornehme Tour abziehst«, grinste Olivera.

Gelesco lachte und winkte einer Gruppe von Bekannten zu, die auf den Barbecueplatz hinaustraten, ihn im Fenster entdeckten und mit freundlichen Gesten begrüßten. Er hatte sie alle eingeladen - alle, die rings um die Fulton Avenue in Morrisania, Süd-Bronx, lebten. Mehr schlecht als recht lebten sie hier, die ewig Benachteiligten. Keine Familie, in der es nicht mindestens einen Arbeitslosen, einen Exstrafgefangenen, einen Dealer, einen Junkie und eine Prostituierte gab. Hier, in der Süd-Bronx, hatte jeder alles durchgemacht.

Tony Gelesco wußte, daß sie ihn liebten und bewunderten. So ein kleines Fest, das er hin und wieder veranstaltete war nur ein äußeres Zeichen. Die Leute sollten spüren, daß er sich ihnen verbunden fühlte.

Nach und nach füllte sich die Dachgartenfläche. Die Leute redeten, gestikulierten, aßen, tranken und rauchten. Sie erlebten einen Abend des Überflusses, wie er ihnen nur von Tony Gelesco geboten werden konnte. Das Welfare Office, die Wohlfahrtsbehörde, veranstaltete so etwas nicht. Da gab es nur lappige Schecks, Stempel, Unterschrift und kein bißchen menschliche Wärme.

Gelesco richtete sich auf und gab seinen Komplicen einen Wink. Sie durchquerten den Raum, und er fühlte sich wie ein Hollywood-Star, wie ein Boxweltmeister oder irgend etwas dieser Größe. Die Partygäste, vom ärmlich gekleideten Kind bis zum verhärmten Greis, himmelten ihn an, klatschten Beifall oder riefen anerkennende Worte.

»Du bist der Robin Hood der Bronx!« schrie ein alter Mann mit brüchiger Stimme Gelesco zu. »Der Himmel wird es dir danken!« Die anderen klatschten wie rasend.

Ein Gefühl der Wärme durchströmte Tony Gelesco. Er winkte den Menschen, die ihn und seine Partner verehrten, gönnerhaft zu. Dann betraten sie einen Nebenraum, den sie mit einer provisorisch eingehängten alten Tür verschlossen hatten.

Gelesco setzte sich hinter den wackligen Tisch, auf dem eine blakende Petroleumlampe stand. Er zog vorbereitete Briefumschläge aus den Innentaschen seines weiten Blousons. Sabato und Olivera setzten sich links und rechts von ihm wie Paladine einer ungekrönten Majestät.

Er sortierte die Kuverts und schob drei beiseite, die mit den Anfangsbuchstaben ihrer Namen gekennzeichnet waren.

»All right«, sagte er gedehnt und ließ den Stummel des Havanna-Zigarillos zu Boden fallen. »Was wir haben, sind 30 000 Bucks in bar. Ich werde das Gefühl nicht los, daß wir das Konto unseres Freundes Schwartz noch besser hätten ausplündern können, aber egal. Kleinvieh macht auch Mist, und der Mensch muß zufrieden sein. Ich schlage vor, wir machen es wie üblich: fifty-fifty, und von der Hälfte ein Drittel für jeden von uns.« Er schob seinen Komplicen die Umschläge zu und steckte den eigenen ein. »Zählt nach!«

»Von der Hälfte ein Drittel…« murmelte Victor Sabato mit gefurchter Stirn, während er in das Kuvert linste.

Gelesco und Olivera lachten.

»Vie!« prustete Olivera. »Gib’s zu, daß du in Kopfrechnen schon immer schwach warst!«

Sabato lief rot an, doch Gelesco erstickte den aufkommenden Streit mit einer energischen Handbewegung im Keim.

»5000 für jeden von uns«, sagte er schroff. »Bleiben 15 000 für die Leute. Ich habe 15 Familien benachrichtigen lassen. Einverstanden?«

Sabato und Olivera wußten, daß sie ohnehin nichts mehr dagegen einwenden konnten. Der Schnauzbärtige brummte zustimmend.

»Soll das ewig so weitergehen?« maulte Sabato. »Ich meine, irgendwann muß doch mal Schluß damit sein, daß wir die Bucks aus dem Fenster schmeißen.« Gelesco sah ihn mit schmalen Augen an. »Ich nehme es dir nicht übel, wenn du nicht alles kapierst, Victor. Aber ich kann es verdammt nicht vertragen, wenn sich einer nicht hinter die Ohren schreibt, was ich zigmal gesagt habe. Kein Cent ist aus dem Fenster geworfen! Klar? Jeder Cent, den wir verteilen, ist eine Zukunftsinvestition. Die Leute würden sich eher selbst auf den Stuhl schnallen lassen, bevor sie uns den Bullen ans Messer liefern.«

»Das ist wahr«, nickte Juan Olivera bekräftigend. »Verdammt wahr ist das, Vic. Und wenn wir die ganz großen Jobs durchziehen, ist es sowieso egal. Dann fällt für jeden von uns so viel ab…«

Gelesco unterbrach seinen Redeschwall mit einer Handbewebung. »Ruf die Leute rein, Vic! Wir fangen an.« Sabato, der seinen schlanken Landsmann aus Puerto Rico bis eben mit offenem Mund angestarrt hatte, erhob sich ohne ein Widerwort.

Eine Frau war die erste. Hager und gebeugt, hatte sie ihr feinstes Kleid angezogen, das vor zehn Jahren einmal modern gewesen sein mochte. Tony Gelesco sprach sie auf Spanisch an, da die meisten älteren Einwanderer das Englische nie richtig gelernt hatten.

»Maria Elena Rodríguez«, sagte er mit einem Blick auf den obersten Umschlag. »Dein Mann ist letztes Jahr gestorben, und jetzt stehst du allein da mit deinen zwölf Kindern. Die Hälfte von ihnen ist schon erwachsen, aber trotzdem verdient keiner von ihnen Geld. Weil sie in dieser verdammten Stadt keinen Job finden. Weil sie als gottverdammte Spics beschimpft werden. Habe ich recht? Ist es so, Señora Rodríguez?« Seine Worte hatten wie eine flammende Anklage geklungen.

Die Frau blickte aus tränenverschleierten Augen zu ihm auf. »Si, Señor Gelesco, Sie haben recht. Oh, wie recht Sie haben!«

»Schon gut«, nickte er. »Nimm dieses Geld, Maria Elena!« Er schob ihr den Umschlag zu. »Wenn du es gut einteilst, wird es lange reichen. Und mach dir keine Sorgen! Es stammt von einem fetten reichen Schwein, das sich seine Zigarren mit Dollarnoten anzündet.« Er wußte, wie wirkungsvoll solche Sprüche waren, und er wußte auch, daß die Leute gern an solche Legenden glaubten.

Nach einem hastigen Blick in den Umschlag erschauerte die Frau vor Ehrfurcht. Gelesco beorderte Sabato mit einem Wink, sie hinauszuführen, bevor sie vor ihm auf die Knie fallen konnte. Dann brachte Sabato den nächsten heran, einen Familienvater, der seit sechs Jahren arbeitslos war.

 

 

4

Rory Braff verfluchte seinen Entschluß, den Weg über New York City genommen zu haben.

Ein verdammter Truckdriver hatte sich einen Spaß daraus gemacht, anzuhalten und zu behaupten, er sei am Ziel. Gutgläubig wie immer, war Rory Braff ausgestiegen. Und jetzt saß er hier fest, in einem Stadtteil, der aussah wie nach einem Bombenangriff. Der Himmelhund von einem Driver hockte wahrscheinlich längst in einem gemütlichen Highway-Restaurant und erzählte seinen Kumpels, wie er den dämlichen Tramp ausgetrickst hatte.

Rory Braff schnürte sein Deckenbündel wieder zusammen und schulterte es, nachdem er die billige Taschenlampe aus Hongkong-Kunststoff herausgenommen hatte. Suchend schlurfte er los. Keine Straßenleuchte funktionierte. Der Lichtkegel der Taschenlampe glitt über Schutt, aus dem staubbedecktes Unkraut wuchs. Nirgendwo war eine Menschenseele. Rory hatte trotzdem das Gefühl, daß sie sich alle in ihre Löcher verkrochen hatten und ihn beobachteten.

Nicht einmal eine aufgescheuchte Ratte kreuzte seinen Weg.

Irgendwann, nach einer Viertelstunde, stieß der Tramp auf eine Ruine, die den durchdringenden Geruch von kalter Asche ausströmte. Der Bau war abgebrannt wie die meisten in der Umgebung. Warum, zum Teufel, baute hier niemand wieder etwas auf? Rory Braff dachte nicht weiter darüber nach. Er war auf dem Weg nach Maine, wo es noch leichte Arbeit bei altmodischen Farmern geben sollte. Und er hatte den gottverdammten Fehler begangen, sich von einem Driver mitnehmen zu lassen, der über New York City fuhr und ein blöder Witzbold war.

Braff begann, die Räume zu durchstöbern. Er rechnete damit, auf Stadtstreicher zu treffen, denn er wußte nicht, daß er sich in der Süd-Bronx befand, wo seinesgleichen die Wahl unter wesentlich besseren leerstehenden Häusern hatte. Im ersten Stock fand er einen fensterlosen Raum, in dem der Brandgeruch kaum spürbar war. Und in der Ecke gab es einen Stapel von alten Matratzen, die noch annehmbar aussahen. Es überraschte Braff nicht. Der Kodex der Tramps, ein brauchbares Nachtlager auch anderen zu überlassen, galt hier in New York City genauso wie überall auf dem Kontinent.

Rory Braff breitete seine Decken auf der obersten Matratze aus und schlüpfte hinein. Es gelang ihm nicht, eine angenehme Lage zu finden. Mal rutschte er gegen die Wand und dann, wenn er sich herumwälzte, drohte er auf den Fußboden zu fallen. Der Kerl, der dieses Nachtlager hinterlassen hatte, mußte genau so ein Scherzknochen sein wie der Hurensohn von Truckdriver. Wer hier als nächster nächtigte, sollte wohl als Prinzessin auf der Erbse getestet werden. Es mußte allerdings eine ziemlich große Bohne sein, die sich da unter den Matratzen verbarg.

Fluchend schälte sich Braff aus den Decken, steckte sich die Taschenlampe in den Mund und räumte die Matratzen nacheinander weg.

Drei schaffte er.

Dann stieg die Übelkeit so schlagartig in ihm hoch, als ob ihm jemand die Eingeweide mit der Faust von unten her in den Hals rammte.

Rory Braff warf sich herum, taumelte nur zwei Schritte weit und übergab sich. Vor seinen Augen drehten sich blutige Kreise. Er würgte und hustete noch immer, als sich sein Magen längst entleert hatte. Früher, in einer Zeit, die er gern als sein voriges Lebert bezeichnete, war er Soldat gewesen, und er hatte verdammt viel gesehen.

Aber nichts war so schlimm gewesen wie dies hier, unter den Matratzen in einer ausgeräucherten Ruine. Immer noch taumelnd, begann er zu fliehen, hinaus in den dunklen Abend, an die frische Luft. Er war überzeugt, wenn er sich umdrehte, würde er in die grinsende Fratze eines satanischen Wesens starren, das ihm im Nacken hockte.

Zwei Blocks weiter griff ihn eine Polizeistreife auf. Rory Braff war noch nie in seinem Leben so erleichtert gewesen, die Uniformen von Cops zu sehen.

 

 

5

Tony Gelesco nahm das Gesicht der jungen Frau zärtlich in beide Hände. »Sarah, mein Engel, ich bin so froh, daß du gekommen bist.«

Er hatte sich mit ihr in eine Ecke zurückgezogen, wo der Partylärm weniger störend war. Es hatte bislang keinen Regen gegeben, und die meisten Gäste hielten sich draußen auf dem Barbecue-Dachgarten auf.

Sarah Woods lächelte. Sie schloß die Augen, als er seine Lippen auf ihre senkte.

»Tony, um Himmels willen«, hauchte sie, »bring mich nicht gleich um den Verstand! Ich möchte wenigstens noch ein bißchen von deinem großen Fest mitbekommen. Ich möchte ein Steak, ein Glas Rotwein und…«

»So was ist dir wichtiger als ich?«

»Liebe geht durch den Magen, Tony. Hast du das nicht gewußt?«

»Okay, okay, du hast gewonnen.« Er führte sie hinaus, wo sie sich mit Gegrilltem und Getränken versorgten. Sie wechselten freundliche Worte mit einigen Leuten und betraten dann den Nebenraum, in dem Tony und seine Partner zuvor die Mildtäter gespielt hatten.

Sarah war ungewöhnlich ernst geworden. Gelesco blickte sie forschend an, als sie sich eine Zigarette anzündete und einen Schluck von ihrem Rotwein nahm.

»Was ist mit dir, Darling? Was gefällt dir nicht? Ich gebe zu, es ist kein Palast, in dem wir feiern. Aber alle Anwesenden sind zufrieden. Hast du das nicht bemerkt?«

Sie hob den Kopf und sah ihn an. »O doch, Tony. Die Leuten blicken zu dir auf wie zu einem Gott.«

»Ich weiß«, nickte er stolz. »Sie nennen Juan, Victor und mich die heiligen drei Könige.«

»Ich habe es gehört. Warum?«

»Du mußtest es dir denken können, mein Engel. Wir haben am Dreikönigstag angefangen, die Menschen mit unseren guten Gaben zu beglücken. Du weißt, daß der Dreikönigstag für alle Puertoricaner ein wichtiger Festtag ist, der Tag der Geschenke.«

»Richtig. Nun, dann habt ihr euch einen sehr werbewirksamen Tag ausgesucht. Ihr habt inzwischen ein Image. Bist du sicher, daß ihr dem gerecht werden könnt?«

»Was meinst du damit?« Er runzelte die Stirn und zündete sich einen neuen Zigarillo an.

»Die Leute, die ihr beschenkt, vermuten in euch etwas, was ihr nicht seid.«

»Und das wäre?« Gelesco lachte gezwungen. »Welches rätselhafte Wesen schlummert tief in uns?«

Sarah schüttelte energisch den Kopf. »Hör auf, Tony! Du weißt genau, was ich meine. Du bist kein Robin Hood. Du und deine beiden Freunde - ihr seid Traumtänzer, nichts weiter.«

Er lächelte und strich ihr über die Wange. Sie war eine ungewöhnlich schöne Frau. Wenn sie auf der Fifth Avenue spazierenging, kriegten die reichen Gents Stielaugen, und die mit Glitzerkram behängten Ladies verdrehten neidisch die Giraffenhälse.

Sarah war fast weiß. Nur fast, und das gab ihr dieses besondere Etwas. Es rührte daher, daß ihre Mutter Farbige und ihr Vater Weißer waren. Ihre großen dunklen Augen bildeten einen zauberhaften Kontrast zu ihrem hellbraunen Teint und dem glatten, schwarzen Haar, das ohne Natur krause war.

»Irrtum«, sagte er sanft. »Wir wissen, was wir wollen. Ich jedenfalls. In jeder Beziehung. Auch, was dich betrifft. Ich will deine Liebe nicht verlieren.«

Sie legte die Arme um seinen Nacken. »Tony, bring mich nicht um den Verstand! Ich weiß nicht, warum ich es immer noch mit dir aushalte. Du tust unrecht und willst dein Gewissen beruhigen, indem du den sozial Schwachen Geschenke machst. Meinst du nicht auch, daß das ein bißchen zu einfach ist?«

»Himmel, nein! Die Leute sehen es jedenfalls nicht so eng wie du. Dieser Robin Hood muß ein fabelhafter Bursche gewesen sein. Wir tun nichts anderes als er. Und alle Beteiligten leben gut davon. Ist das nichts?«

Sarah seufzte tief. »Ich hoffe, daß es nicht eines Tages ein böses Erwachen geben wird.«

Er legte seinen linken Arm um ihre schlanke Taille und zog sie zu sich heran. Zärtlich küßte er sie. Natürlich.hatte sie recht, das wußte er. Aber sie sah die Dinge aus beruflichen Gründen. Als Sozialhelferin mußte sie das wohl.

Tony Gelesco hatte nicht vor, ihr zu sagen, was der wahre Grund für seine Mildtätigkeit war. Die Menschen in der Süd-Bronx gaben ihm und seinen Komplicen mit ihrem Schweigen den wirkungsvollsten Schutz, den man sich nur vorstellen konnte.

 

 

6

Es war 3 Uhr morgens, als Gelesco und die beiden anderen auf das Gebäude an der Fulton Avenue zusteuerten, wo sie ihre Bleibe eingerichtet hatten. Getrennte kleine Wohnungen in noch halbwegs intakten Räumen. Eine von den Buden, die von den Mietern aufgegeben worden waren, nachdem die Eigentümer absichtlich alles verfallen ließen.

Eine Gestalt löste sich aus dem finsteren Eingang und blieb abwartend stehen, um keinen Verdacht zu erwecken. Gelesco erkannte den Zuträger sofort.

»He, Chico«, sagte er kopfschüttelnd. »Hast du etwa die ganze Nacht hier gewartet? Warum warst du nicht auf unserer Feier?«

»Du wirst lachen, Tony«, entgegnete der drahtige kleine Puertoricaner. »Ich war da. Du hast mich bloß nicht gesehen im Gedränge. Und dann gab es da ein Girl, das ich abgeschleppt habe. Jedenfalls komme ich erst jetzt dazu, dir zu sagen, was ich sagen wollte.«

»Dann schieß los!« Gelesco führte ihn in den Torweg, verteilte Zigaretten und gab allen Feuer.

»Was haltet ihr von einem Supermarkt?« fragte der Zuträger mit dem siegessicheren Lächeln des Wissenden.

»Mann, o Mann!« stöhnte Sabato. »Geh nach Hause, Chico, du hast einen zuviel getrunken!«

»Schwachsinn zur späten Stunde«, fügte Olivera hinzu. »Das mußt du uns wirklich nicht zumuten, Amigo.«

»Und du, Tony?« Chico sah den hochgevvachsenen Anführer des Trios erwartungsvoll an. »Traust du mir auch zu, daß ich euch belästige, um Schwachsinn zu erzählen?«

Gelesco grinste breit. »Ich kenne dich besser, Chico. Mach deinem Namen Ehre!«

Der drahtige kleine Mann schien vor Stolz um ein paar Millimeter zu wachsen. »Vom Universe habt ihr gehört, denke ich. Das ist dieser Riesenladen, den sie vor drei Jahren gebaut haben.«

»Zwei andere Supermärkte hat er an die Wand gedrückt«, nickte Gelesco. »Pleite. Und was ist damit?«

»Es könnte was für euch sein. Ich weiß, daß es sich kaum noch lohnt, an die normalen Tageseinnahmen ranzugehen. Die Burschen sind vorsichtig geworden und schaffen ihre Bucks alle paar Stunden zur Bank. Aber mit dem Universe ist es was besonderes. Die bauen zur Zeit um und vergrößern. Bei der Wiedereröffnung in ein paar Tagen wird der Teufel los sein. Ich habe gehört, daß die Einnahmen an so einem Tag drei- bis viermal höher sind als sonst.«

»Hey!« sagte Olivera und hieb dem Zuträger auf die Schulter. »Das mit dem Schwachsinn nehme ich zurück.«

»Und nüchtern scheinst du auch zu sein«, brummte Sabato.

»Wann kannst du uns mehr Einzelheiten liefern?« fragte Gelesco nur.

»Morgen, spätestens übermorgen. Ich habe da einen guten Kontakt zum Personal. Muß nur ein bißchen geschmiert werden.«

Gelesco zog eine 100-Dollarnote aus der Tasche und drückte sie dem Drahtigen in die Hand. »Geh mit der Beteiligung nicht zu hoch, Chico! Solche Leute werden manchmal größenwahnsinnig. Das liegt daran, daß sie wissen, wieviel für uns drin ist.«

Die Zähne des Zuträgers blitzten in der Dunkelheit, als er lachte. »Aber ihr, Tony — ihr wißt, wie man sich unangenehme Typen vom Hals schafft.«

 

 

7

Ich ließ Milo an der East 147th Street zurück und fuhr weiter in Richtung Norden. Daß wir Robert Schwartz auf diese Art und Weise finden würden, hatte ich fast erwartet.

Der Tramp, der die Leiche entdeckt hatte, war ins Hospital eingeliefert worden. Er hatte einen Schock erlitten. Nachdem ich den Toten gesehen hatte, wußte ich, warum. Milo blieb zusammen mit der Mordkommission an Ort und Stelle, um in der Umgebung herumzuhorchen.

Ich rauschte mit meinem roten Flitzer durch die Ruinenlandschaft der Süd-Bronx. Von Zeit zu Zeit sah ich Häuser, die noch bewohnt wurden. Aber es gab keine Neubauten, die ein Zeichen dafür gewesen wären, daß es aufwärts ging.

Ich parkte den Jaguar an der Cauldwell Avenue und legte die letzten zehn Meter suchend zu Fuß zurück, da längst nicht mehr alle Gebäudefassaden Hausnummern trugen. Wie erwartet hatten unsere Erkennungsdienstler die beiden Festgenommenen im Handumdrehen identifiziert. Jorge Murieta und Paco Rubän. Beide waren vorbestraft, und beide wohnten im selben Haus, hier an der Cauldwell Avenue. Ich hatte wieder die Fotos von Schwartz und seinem Mercedes bei mir.

Kinder hockten zu beiden Seiten auf den Stufen, die zum Hauseingang hinaufführten. Sie waren verstummt, als sie mich erblickt hatten. Kein Wort, das mir gegolten hätte. Weder ein Gruß noch ein Fluch. Nur dieses eisige Schweigen des Mißtrauens und diese haßerfüllten Blicke aus illusionslosen Augen. Diese Kinder waren nur noch äußerlich Kinder. In ihrer Seele waren sie alt und verbittert.

Im Hausflur herrschte trübes Halbdunkel. Es stank nach dem Kot von Katzen und Hunden. Aus den Wohnungen in den oberen Stockwerken tönten Radiogeplärr, frühe Fernsehprogramme, streitende Ehepaare und schreiende Kleinkinder. Ich begann die Treppe hinaufzusteigen.

Nach der ersten Biegung blickte ich auf nackte Beine, Boxerhöschen und T-Shirt. Darüber ein Mädchengesicht, das ebenfalls die Spuren dieses seltsamen frühen Alters trug. Bei meinem Anblick nahm das Gesicht der Kleinen sofort einen geschäftsmäßigen Ausdruck an. Es war wie das Lächeln, das eine Verkäuferin auch dann noch anzuknipsen versteht, wenn sie kurz vor Feierabend das 100. Paar Schuhe verkauft. Die Kleine erhob sich vom Treppenabsatz und legte ihre Hände wirkungsvoll auf die schon ausgeprägten Hüften.

Ich fackelte nicht lange und nahm ihr die Illusion, indem ich sie auf meinen Silberadler blicken ließ. Das verkaufsfördernde Lächeln versiegte.

»Und?« fauchte sie. »Habe ich was verbrochen, Mister?«

»Nicht, daß ich wüßte«, entgegnete ich. »Wohnst du hier?«

»Ja.«

»wie heißt du?«

»Ist das eine Vernehmung?« Sie mußte eine Menge Fernsehkrimis gesehen haben. Der gewiefte Syndikatsboß hätte die Frage nicht stilechter gestellt.

»Nicht doch«, sagte ich lächelnd. »Ich suche die Familien von Jorge Murieta und Paco Rubän.«

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941562
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v904015
Schlagworte
bronx hood robin trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und der Robin Hood der Bronx