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Trevellian und die Abstauber

2020 131 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und die Abstauber

Copyright

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Trevellian und die Abstauber

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Wie zwei glühende Augen zuckten die Bremsleuchten noch einmal kurz auf. Dann erlosch das leise Summen des Motors. Stille. Die Schatten, die sich im Kastenaufhau des Sattelschleppers bewegten, konnte ich nur ahnen. Zwischen den stählernen Stelzen unter dem Westside Highway schluckte die Dunkelheit fast alles.

Ich hob das Walkie-talkie.

»Macht den Laden dicht! Bitte Bestätigung. Over.«

Schnarrend meldeten sich die Stimmen meiner Kollegen kurz nacheinander. Nicht mehr als zwei Sekunden vertickten. Noch während ich das Walkie-talkie in meine Jackentasche sinken ließ, begann der Tanz. Scheinwerfer flammten auf, Motoren brüllten. Sternförmig jagten die Lichtfinger auf den Sattelschlepper zu und rissen ihn unbarmherzig aus dem schützenden Dunkel. Jetzt wurden die Schatten lebendig. Ich sah sie nach zwei Seiten weghuschen.

Die ersten Schüsse!

Im selben Moment schnellte ich los, verließ meine Deckung hinter der rostigen Wellblechhaut eines Pierschuppens. Der Smith & Wesson lag schon in meiner Rechten. Bremsen kreischten jetzt. Die Fliehenden hatten keine Chance, der Helligkeit zu entrinnen.

Viel zu schnell schloß sich der Kreis der gleißenden Scheinwerferpaare um sie. Sechs FBI-Dienstlimousinen kamen mit wimmernden Reifen zum Stehen. Türen flogen auf. Geduckt tauchten die Kollegen ins Freie. Eine Megaphon-Stimme dröhnte. Milo Tucker, mein Freund und Kollege!

»Hier FBI! Stehenbleiben und Hände hoch! Sonst…«

Ein bellender Schuß schnitt ihm ab, was er noch über den Waffengebrauch sagen wollte. Ich sah den Mündungsblitz in der Nähe des Sattelschleppers, warf mich auf den feuchten Asphalt. Nur drei Meter war der Dienstwagen entfernt, hinter dem Joe Kronberg und Leon Eisner in Deckung kauerten. Irgendeine ferne Straßenlampe erzeugte einen matten Schimmer auf dem Stahl ihrer Revolver.

Noch ein zweiter Schuß blaffte vom Sattenschlepper herüber. Die ihre Wagen an der Twelfth Avenue geparkt hatten, also jenseits der schwarz aufragenden Hochstraße, saßen dort fest. Anders auf unserer Seite, an der Wasserfront des Hudson River. Das Hafenbecken zwischen den Piers 76 und 78 konnten wir nicht hundertprozentig abriegeln.

Während ich hochkam und geduckt weiterhastete, eröffneten meine Kollegen das Feuer. Die Revolver, überwiegend im Kaliber 357er Magnum, hämmerten ohrenbetäubend. Ich erreichte die Längsseite von Joe Kronbergs Dienstwagen. Aus den Augenwinkeln heraus sah ich Joes Handzeichen. Ich brauchte nicht zu befürchten, daß mich eine Kugel aus den eigenen Reihen erwischte.

Eine Sekunde lang verharrte ich hinter der offenen Beifahrertür. Auf der freien Fläche im Lichtkreis war keine Gestalt mehr zu sehen. Die in Richtung Hafenbecken geflohen waren, hatten sich im Schutz ihrer Autos verschanzt. Ein heller Chevrolet Citation und ein metallicsilberner Camaro. Beide Wagen standen unmittelbar an der Kaimauer.

Auch dort zuckten jetzt bläulich-weiße Mündungsblitze. Ich zog den Kopf ein. Gerade noch rechtzeitig! Eine Kugel klatschte Über mir in das Türfenster, und tausend kleine Krümel von Sicherheitsglas regneten auf mich herab.

Joe und Leon erwiderten das Feuer. Auch von dem Dienstwagen, der uns gegenüberstand, wurde jetzt geschossen. Die Schüsse verdichteten sich zu rasender Folge. Irgendwo in der Nähe zerplatzte einer unserer Scheinwerfer, kurz darauf ein zweiter. Ich hörte die knappen Stimmen der Kollegen, die sich untereinander verständigten. Ein Schrei gellte langgezogen. Aber das kam vom Sattelschlepper.

Ich schnellte nach rechts weg und schlug Haken. Joe und Leon unterstützten mich mit schnellerer Schußfolge. Noch im Laufen sah ich, wie eine Gestalt aus dem Camaro herauskugelte. Nur ein erstickter Schrei war zu hören. Der Mann hatte versucht, hinter das Lenkrad zu kriechen.

Die Mündungsblitze wurden spärlicher. Meine Kollegen deckten den Camaro und den Citation mit einem wahren Kugelhagel ein. Die dunkle Wasserfläche des Hafenbeckens wuchs mir entgegen. Ich hatte keinen Blick für die Lichterkulisse von Weehawken, die ihren Glanz von der anderen Seite des Hudson River bis zur Flußmitte schimmern ließ. Hinter einem Stahlpoller an der Kaimauer warf ich mich in Deckung. Das Heck des Camaro war nicht mehr als zehn Meter von mir entfernt.

Ein Projektil prallte von dem Stahlklotz vor mir ab und orgelte mit durchdringendem Jaulen in den Nachthimmel. Eine zweite Kugel sirrte mit sengendem Hauch haarscharf über mich hinweg. Weiter hinter mir klatschte das Stahlmantelblei gegen das Wellblech des Pierschuppens.

Ich machte mich flach, schob den 357er rechts am Poller vorbei.

Das Hämmern der Schüsse hatte ein wenig nachgelassen. Ich hörte wütende Schreie. Dort drüben beim Sattelschlepper schienen sie in Panik zu geraten.

Ganz in meiner Nähe hatte ich es wieder mit Schatten zu tun. Die Zeitspanne eines Atemzugs genügte mir, um sie zu erkennen. Zwei Männer waren es, die zwischen dem Karosserieblech des Chevrolet Citation und der Kaimauer kauerten.

Der Mann, der mir am nächsten war, feuerte im selben Moment, in dem ich den Smith & Wesson in Beidhandanschlag brachte. Seine Kugel schrammte über den Asphalt. Zu tief! Einen Sekundenbruchteil lang glaubte ich, daß der Abpraller mich erwischen würde. Eine Wolke von winzigen Asphalt- und Dreckteilchen schlug mir entgegen. Ungewollt kniff ich die Augen zusammen und rechnete schon mit dem Einschlag des Projektils.

Sein Zielfehler war mein Glück. Der Abprallwinkel rettete mich. Das Geschoß fauchte schräg an mir vorbei!

Ich riß die Augen wieder auf. Anvisieren und Durchziehen gingen fließend ineinander über. Der schwere Revolver wummerte. Er ruckte in meinen Fäusten und wollte mit Urgewalt nach oben weg. Ich hielt ihn in der Visierlinie und ließ den butterweichen Abzug noch einmal über den Druckpunkt hinweggleiten.

Im versiegenden Mündungsblitz sah ich, wie die Gestalt vornüberkippte und sich streckte.

Der andere, der neben dem vorderen rechten Citation-Kotflügel hockte, geriet in jähe Bewegung. Ich begriff, daß er der letzte war, mit dem wir es hier noch zu tun hatten.

»Stehenbleiben!« brüllte ich gegen die zunehmend spärlicheren Schüsse an. »Stehenbleiben, oder…«

Den Rest konnte ich mir schenken.

Meine ernstgemeinte Warnung kümmerte ihn herzlich wenig. Und die Kugeln, mit denen er immerhin zu rechnen hatte, strafte er mit Todesverachtung.

Kopfschüttelnd ließ ich den Revolver sinken, als ich die Silhouette des Mannes sah, wie er mit einem wilden Satz über die Kante der Kaimauer hinabsprang.

Zögern war nicht angebracht. Ich ließ den Smith & Wesson liegen, streifte mein Jackett ab und sprang in dem Moment, in dem von unten der klatschende Aufprall zu hören war. Kurz bevor ich ebenfalls in die dunkle. Brackwasserbrühe eintauchte, sah ich noch den hellen Gischtschwall, der über dem Gangster zusammenschlug.

Ich ließ mich von der Kälte der Fluten gefangennehmen und strebte mit zügigen Arm- und Beinstößen zurück zur Oberfläche. Die Temperaturen der zurückliegenden Spätsommertage hatten nicht ausgereicht, um das Wasser auf mehr als 15 Grad zu bringen. Aber im Hudson badet sowieso niemand freiwillig…

Ich tauchte auf, atmete tief ein und trat einen Moment lang Wasser, um die Lage zu prüfen. Der schwarze Schatten des Schuppens von Pier 76 ragte vor der vereinten Lichtglocke von Manhattan und Weehawken auf. Die Wasseroberfläche hatte aus meinem Blickwinkel einen silbrigen Schimmer. Schmeichelhaft für den Verschmutzungsgrad des Hudson River! Die Schüsse klangen jetzt wie aus weiter Ferne, von der hohen Kaimauer abgeschirmt.

Der Mann peitschte das Wasser mit wilden Kraulbewegungen. Ich schätzte seinen Vorsprung auf zehn Meter, bestenfalls. Er versuchte, den Pier zu erreichen. Dort in dem Gewirr des halbverfallenen Schuppens wähnte er eine Chance, mich abzuschütteln.

Ich setzte ihm nach. Die vollgesogene Kleidung hing wie ein Zentnergewicht an mir.

Und er hörte mich. Begriff schon nach Sekunden, daß der Abstand zwischen uns zusammenschmolz. Er warf sich herum. Ich sah das Weiße in seinen Augen, die blindwütige Entschlossenheit, es mit mir aufzunehmen.

Doch allein auf seine Fäuste wollte er sich nicht verlassen. Stahl blitzte plötzlich auf, als er seine Rechte über die Wasseroberfläche hinausstieß. Das Messer war mehr als eine Handspanne lang, die Klinge schmal und nadelspitz zulaufend. Ich sah es deutlich wie in einer Großaufnahme auf der Kinoleinwand.

Ich glitt im Direktkurs auf ihn zu. War es Enttäuschung, die ich in seinem verzerrten Gesicht las? Enttäuschung darüber, daß ich mich von seinem Mordinstrument nicht beeindrucken ließ? Der Mann hatte ein breites Gesicht mit hervorstehenden Wangenknochen und keinen Bart. Das schwarze Haar hing ihm in klatschnassen Strähnen fast bis auf die Augen.

Ich ließ es darauf ankommen. Meine Nerven waren zum Zerreißen gespannt, als die Entfernung immer mehr zusammenschmolz. Nicht einen Sekundenbruchteil lang gab ich zu erkennen, daß ich ausweichen würde.

Jetzt nur noch ein Meter!

Ruckartig brachte er den Messerarm hoch. Ein fauchender Wutschrei drang über seine schmalen Lippen.

Blitzartig tauchte ich schräg nach rechts weg!

Sein Messerhieb peitschte das Wasser dort, wo ich mich befunden hätte, wenn ich den nächsten Schwimmzug noch zu Ende gebracht hätte. Unter Wasser hörte ich den klatschenden Laut wie ein Dröhnen. Ich krümmte mich und stieß mich mit harten Beinstößen in spitzem Winkel nach links. Sehen konnte ich in der finsteren Brühe nichts. Aber ich hatte richtig geschätzt und bekam ihn in der Hüftgegend zu fassen, noch bevor er das Messer wieder hochreißen konnte.

Ich spürte, wie er zusammenzuckte und mit den Füßen nach mir zu treten versuchte. Meine Atemluft wurde knapp. Ich hatte keine Zeit zu verschwenden.

Zweimal kurz nacheinander stieß ich mit der linken Faust zu. Mindestens einmal mußte ich auf den Punkt getroffen haben. Als ich im nächsten Moment auftauchte, lag er mit dem Gesicht nach unten im Wasser. Ich riß ihn zu mir heran, brachte ihn in die Rettungslage und stellte erleichtert fest, daß seine Hände leer waren. Er hatte das Bewußtsein verloren. Sein Messer befand sich auf dem Weg zum schlammigen Grund des Hudson.

Als ich mit dem Mann im Schlepp die Kaimauer erreichte, waren meine Kollegen bereits zur Stelle. Keine Schüsse mehr. Helfende Hände reckten sich mir entgegen. Gemeinsam schafften wir es, den Reglosen über eine senkrechte Stahlleiter emporzuhieven.

Ambulanzwagen standen mit kreisenden Rotlichtern zwischen den FBI-Dienstwagen. Auch ein dunkelgrauer Kastenwagen des Leichenschauhauses war zur Stelle. Uniformierte Cops waren mit Radio Cars eingetroffen und hatten die Jay Street, die unmittelbar an den Westside Piers entlangführt, beiderseits des Schauplatzes abgesperrt. Jetzt, eine halbe Stunde vor Mitternacht, floß der Verkehr zwar nur noch spärlich. Aber unsere Spurensicherer konnten kein Durcheinander gebrauchen. Drüben in der Twelfth Avenue, jenseits der Hochstraße, veranlaßten Cops mit energischen Schwüngen ihrer Hartholzknüppel die wenigen Autofahrer zum Weiterfahren.

»Ab nach Hause«, sagte Milo, mein Freund und Kollege. »Auf die Trockenleine!«

Joe Kronberg, Steve Tardelli, Leon Eisner und die anderen grinsten. Aber es war schnell weggewischt. In ihren Mienen las ich einen Hauch von Niedergeschlagenheit.

Ich winkte ab und griff nach meinem Jackett, das Steve mir reichte. Mit halbwegs trockenen Fingern zog ich die Schachtel heraus, reichte sie herum und klemmte mir selbst eine Zigarette zwischen die Lippen. Milo gab uns Feuer.

Zwei Sanitäter transportierten den Mann, den ich aus dem Wasser gefischt hatte, ab. Jeder der Ambulanzwagen wurde von zwei uniformierten Cops begleitet.

»Schlechte Bilanz?« fragte ich.

Die Kollegen nickten.

»Keine große Nummer dabei«, sagte Milo. »Alles nur Handlanger. Dein Messerschwinger wird vielleicht der einzige sein, der uns weiterbringen könnte.«

»Falls er die Zähne auseinanderkriegt«, fügte Steve hinzu.

Wir schlenderten hinüber zum Sattelschlepper. Die Erkennungsdienstler waren dabei, ihre Standscheinwerfer aufzubauen.

»Und die anderen?« fragte ich.

»Sind vorläufig nicht vernehmungsfähig«, antwortete Milo.

»Wir haben vier Verwundete und einen Toten«, ergänzte Joe Kronberg. »Der Tote ist der, der das Feuer eröffnet hat.«

»Und bei uns?«

» Blacky hat eine Schramme abgekriegt. Streifschuß.« Joe zog die Schultern hoch. »Der Notarzt hat ihn schon abgeschleppt. Sonst sind wir alle topfit.«

Wir warfen einen Blick in den Laderaum des Sattelschleppers. Einen Scheinwerfer hatten sie dort drinnen bereits aufgebaut. Der Karosserielack von drei Mercedes-Limousinen funkelte. S-Klasse, neueste Modelle. Zwei unten, eine obendrauf, auf einer Spezialrampe, wie sie bei den offiziellen Autotransportern verwendet wird. Sie knackten diese Wagen und brachten sie sofort über eine Reihe von Staatsgrenzen nach Süden. Wenn die New Yorker Cops die Diebstahlsanzeigen an die zuständigen Dienststellen weiterleiteten, befanden sich die teuren Schlitten längst in einer Frisierwerkstatt. Die Verschiffung nach Südamerika lief dann stets über verschiedene Häfen in Florida, Louisiana oder Texas. Sie waren schnell, unsere Autohändler…

Ein V-Mann hatte uns diesmal weitergeholfen. Der Tip war gut gewesen. Zum ersten Mal hatten wir einen Transport abfangen können. Aber die Burschen, die das Ganze steuerten, waren bei der Übergabe nicht dabeigewesen.

Wir hatten uns falsche Hoffnungen gemacht.

 

 

2

Edward Holly verdrehte die Augen, als er erwachte. Er stöhnte, als sein Magen sich verkrampfte. Das Geschrei aus dem Nebenraum drang erst jetzt in sein Bewußtsein. Aber er wußte, daß es genau dieses verdammte Geschrei war, das ihn geweckt hatte. Mit einem Fluch schlug er die Bettdecke beiseite und schwang sich hinaus. Er haßte seine dünnen und graubehaarten Beine, denn er hatte beobachtet, wie das Erschlaffen der Muskeln mit dem Älterwerden einherging.

Hölle und Teufel, mit diesem Gezeter weckten sie das ganze Haus auf!

Er schlüpfte in seine Pantoffeln, zerrte die viel zu weite Turnhose hoch und riß die Tür nach nebenan auf. Es war das einzige Zimmer der Wohnung, das morgens ein paar Sonnenstrahlen abkriegte.

Trish und Gary hockten in diesem milden Licht und bewarfen sich mit dreckigen Worten; Edward Holly schüttelte den Kopf, rieb sich den Schlaf aus den Augen und lehnte sich gegen den Türrahmen. Sie hatten ihn noch nicht einmal bemerkt.

»Glaubst du, ich bin auf dich angewiesen?« fauchte Patricia Holly. »In welcher Welt lebst du eigentlich, he? Es ist immer dasselbe mir dir… immer! Nach jeder gottverdammten Nacht, in der du ein kleines Erfolgserlebnis hattest, denkst du, du kannst den großen Macker markieren. Als ob…«

Gary Martin schlug mit der Faust auf den Tisch, daß das Frühstücksgeschirr hüpfte. Ein Löffel klirrte zu Boden.

»Fang mir nicht so an!« knurrte er wütend. »Hast du denn überhaupt kein bißchen Gefühl für…«

»Nein, hab ich nicht!« überschrie sie ihn. »Ich sage dir, es ist so: Jedesmal nach so einer lausigen Nacht tust du so, als ob die liebe kleine Trish vor dir auf den Knien liegt… und nach mehr bettelt. Dabei…« Sie unterbrach sich mit einem spitzen Kichern, um dann glucksend fortzufahren. »… war bei mir überhaupt nichts. Ich hab dir alles nur vorgespielt. Alles. Damit der kleine Junge auch mal zu seinem Recht kommt.«

Gary Martins schmales Gesicht war kalkweiß geworden. Mit einem Ruck sprang er auf. Hinter ihm fiel der Stuhl polternd zu Boden. Er riß den Mund auf.

»Jetzt macht mal halblang!« fuhr Edward Holly dazwischen. »Alle beide!«

Seine Tochter ruckte herum, daß die dunkle Mähne über ihren Schultern wirbelte und in den Sonnenstrahlen einen tanzenden Schimmer verursachte. Gary Martin starrte den älteren Mann an und bekam den Mund nicht wieder zu.

»Fängst du jetzt an, uns zu belauschen?« keifte Trish. .Ihre braunen Augen sprühten Blitze. Trotz ihrer 33 Jahre sah sie noch immer gut aus, und nur die Ränder unter ihren Augen taten ihr ein wenig Abbruch.

»Das brauche ich nicht«, entgegnete ihr Vater. »Sämtliche Nachbarn kriegen jedes Wort mit, bei eurer Lautstärke am frühen Morgen. Ich könnte mich darüber beschweren, daß ihr mich aufgeweckt habt.«

»Du, Pops?« Trish hatte sich auf ihrem Stuhl umgedreht und stützte die Unterarme auf die Rückenlehne. »Du bist das einzige friedfertige Mannsbild, das ich kenne. Der da…« Sie deutete mit dem Daumen über ihre Schulter. »… hat von dir noch kein bißchen gelernt.«

»Laß ihn in Ruhe!« sagte Edward Holly. Seine Stimme klang so müde, wie er aussah. In seinem Gesicht schienen nur die hellblauen Augen zu leben. Das graue Haar und die stets leicht gebeugte Haltung ließen ihn älter wirken als die 61, die sein Paß belegte. »Manchmal kommt es mir so vor, als ob ihr euch nur dauernd zankt, weil ihr euch mächtig gut versteht.«

»Schön wär’s, Pops.« Gary Martin blies die Luft durch die Nase. »Ich bin auch ziemlich friedfertig, das weißt du genau. Ich meine, deiner Tochter täte es gut, wenn sie einer mal kräftig übers Knie legen und…«

Trish sprang auf und wirbelte herum. »Du?« schrie sie und lachte schrill. Ihre Stimme überschlug sich dabei. »Ausgerechnet du willst…«

»Ruhe!« brüllte Edward Holly. »Hinsetzen! Alle beide!«

Trish zuckte zusammen und blickte ihren Vater erstaunt an. Dann gehorchte sie. Gary, groß und schlank, blond und bartlos, mit 29 Jahren immer noch einem schlaksigen Collegeboy ähnlicher als dem abgebrühten Burschen, der er war, richtete seinen Stuhl auf und ließ sich auf die Sitzfläche sinken. Pops genoß seinen Respekt.

Edward Holly verschränkte die Arme über der Brust.

»Ich verstehe euch nicht. Beim besten Willen nicht. Jetzt, wo wir allen Grund haben, zufrieden zu sein, habt ihr nichts anderes im Sinn, als euch zu streiten. Ist euch überhaupt schon aufgefallen, was für ein Morgen das ist?« Er deutete mit einer Kopfbewegung zum Fenster. Der Hinterhofschacht, den die Morgensonne nur für eine kurze Weile beglückte, war gleißend hell. »Jeder normale Mensch ist bei so einer Sonne froh und… beschwingt.«

Trish grinste amüsiert.

»Manchmal kriegst du deine Anwandlungen, Pops. Dann denke ich, du hättest Wanderprediger werden sollen oder so was. Ich sehe deine Sonne verdammt genau, jawohl. Aber mir bleibt schon der erste Bissen im Hals stecken, wenn ich ihn herumtönen höre.« Mit ausgestrecktem Arm zeigte sie anklagend auf Gary Martin. »Du hättest ihn erleben sollen! Bring mir den Kaffee, Kleines! Hast du die Zeitung schon reingeholt? Wann ist mein Toast endlich fertig?« Trish schnaufte. »Bin ich denn dein Putzlappen? Nur weil er sich letzte Nacht groß und stark gefühlt hat?«

»Mir reicht es«, sagte Gary und stand wieder auf. »Ich höre mir das nicht länger an.« Er wandte sich zur Tür.

»Nein!« schrie Trish. »Das ist ihm zuviel, unserem großen Tönespucker! Ich halte viel von Partnerschaft, mein Lieber. Aber ich kann’s nicht vertragen, wenn einer, den ich aus dem Dreck gezogen habe, sich aufspielt wie ein Pascha.« Gary riß seine Jacke mit einem wütenden Ruck vom Haken. »Darauf habe nur gewartet«, zischte er. »Das kriege ich noch in zehn Jahren aufs Brot, falls wir so lange…«

»Verdammt noch mal, jetzt hört endlich auf«, sagte Edward Holly energisch. »Wir müssen Zusammenhalten, kapiert ihr das denn nicht? Wir haben es jetzt geschafft, und wir werden das ganz große Geld machen. Aber das klappt nur, wenn wir alle drei an einem Strang ziehen. Eure verdammten Streitereien brechen uns noch das Genick.« Er atmete tief durch. »Gary, du gehst jetzt an die frische Luft! Und wenn du nachher wiederkommst, wirst du Trish in die Arme nehmen.« Seine Tochter riß den Mund auf, aber ein Blick von Pops Holly brachte sie zum Schweigen. Gary Martin stieß einen Knurrlaut aus und knallte die Tür hinter sich zu.

Draußen im Korridor hatte er das Gefühl, freier atmen zu können. Er lief die sechs Treppen hinunter und ließ sich vom Sonnenschein in der West 46th Street gefangennehmen. Ein paar Schritte schlenderte er den Bürgersteig entlang. Dann winkte er ein Taxi heran und gab dem Fahrer Order, ihn am Fährterminal beim Battery Park abzusetzen.

Er löste eine Rückfahrkarte aus dem Automaten und war kurz darauf allein auf dem offenen Achterdeck des Fährschiffes, das die Upper Bay von Manhattan nach Staten Island durchpflügte. Der morgendliche Berufsverkehr war vorbei. Nur wenige Leute benutzten jetzt die Schiffsverbindung zwischen den beiden New Yorker Stadtteilen.

Hin und zurück, 20 Minuten Brackwasserbrise. Für Gary Martin hatte das manchmal gereicht, seine Gedanken in Ordnung zu bringen.

Trishs Bemerkung bohrte wie ein Dolch in einer offenen Wunde. Es stimmte. Sie hatte ihm damals auf die Beine geholfen. Damals, als die Army ihm einen Tritt in den Hintern gegeben hatte und kein Mensch mehr mit ihm Geschäfte machen wollte. Trish hatte ihm beigebracht, daß es außer Alkohol noch andere Sachen gab. Aber er hatte nicht erwartet, daß sie ihn dauernd daran erinnerte.

Er zwang sich, nicht mehr daran zu denken, und starrte die vorübergleitende Freiheitsstatue an, ohne sie wirklich zu sehen.

Pops war ein feiner Kerl. Aber er war nicht mehr der Jüngste, und er würde seiner Kratzbürste von Tochter den Vorzug geben, wenn es mal zu Ende ging. Daß die Maschine funktionierte, war ziemlich sicher. Pops hatte sein ganzes Wissen und sein ganzes Können hineingesteckt.

Auf der Rückfahrt von St. George, Staten Island, faßte Gary Martin seinen Entschluß. Er würde Trish in die Arme nehmen, wie vorgesehen. Aber er würde sich auch absichern. Pops konnte irgendwann ins Gras beißen. Das Risiko, daß Trish ihn dann kaltlächelnd ausbootete, war einfach zu groß.

 

 

3

Zwischen all den im Schrittempo dahinschlurfenden Limousinen hatte ich keine Mühe, für meinen Jaguar eine passende Lücke am Fahrbahnrand zu finden. Ich rangierte den roten Flitzer hart an jene Bordsteinkante, die hier, in der Eighth Avenue, stets bei Dunkelheit ihre besondere Bedeutung gewinnt.

Milo verriegelte die Beifahrertür und lehnte sich zurück.

»Ängstlich?« grinste ich, drehte den Zündschlüssel nach links und zog die Handbremse an. Ich zog meine Zigarettenschachtel aus der Tasche.

Mein Freund und Kollege lachte leise.

»Dein Jaguar stinkt nach Dollarscheinen, Alter.« Er deutete mit der Zigarettenglut zum Bürgersteig, »Warte ab, bis sie Witterung aufgenommen halben. Dann fallen sie mit ihrem geballten Charme über uns her. Ich möchte nicht gern vom Sitz gepflückt werden.«

»Sei froh, daß wir uns nicht dienstlich mit ihnen befassen müssen.«

Milo brummte zustimmend. Angesichts der Fleischbeschau im Licht von lauernden Autoscheinwerfern und schwülroten Nachtbarlampen wurden Erinnerungen geweckt. Es hatte Zeiten gegeben, in denen FBI-Agenten gegen den Straßenstrich eingesetzt worden waren. Überall in den Großstädten der USA hatten G-men den Cops unter die Arme gegriffen und die käuflichen Girls in regelrechten Massentransporten vom Straßenpflaster weggekarrt. Das war damals gewesen, als unsere Direktoren in Washington D. C. den alten Geist von Sauberkeit und Ordnung zu Hoovers Zeiten wieder aufleben lassen wollten.

Aber das große Aufräumen hatte nichts genützt.

Sie, die als einzige noch der Mini-Mode nachhingen, schlenderten wieder auf und ab wie eh und je. Wir sahen viele junge Gesichter, in denen alt gewordene Augen kühl abschätzend ruhten. Es war abschreckend.

Ich mochte nicht daran denken, in wie vielen Fällen Drogenabhängigkeit der Grund für diese nächtliche Betriebsamkeit war.

Das rote Lämpchen des Sprechfunkgeräts flackerte auf. Milo schaltete auf Empfang, während ich das Mikro zu mir heranzog. Irwin Forster, einer unserer Vernehmungsspezialisten, meldete sich am anderen Ende der drahtlosen Verbindung.

»Wir haben ihn soweit, Jesse. Euer Mann hat seine Angaben noch einmal bestätigt. Außerdem waren die Rückfragen positiv. Es bleibt also dabei.«

»Wen habt ihr angezapft?« fragte ich.

»Sechs verschiedene V-Leute, alle in Midtown. Vier konnten keine Einzelheiten nennen. Aber zwei haben haargenau das gesagt, was euer Mann von sich gegeben hat, obwohl sie das Ergebnis unserer Vernehmung nicht kannten. Er versucht also tatsächlich, seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Keine Ausflüchte.«

Aus einem Pulk von Kurzberockten, die zu unserem Wagen herüberspähten, lösten sich zwei Blondinen, die wie Zwillingsschwestern aussahen. Wagemutig trippelten sie heran. Ihr geschäftstüchtiges Lächeln fiel wie eine Maske von ihnen ab, als sie das Funkmikro in meiner Hand sahen. Was wir dann zu sehen bekamen, war nicht mehr als der eilige Schwung ihrer Kehrseiten.

Ich bedankte mich bei Irwin Forster und klinkte das Mikro zurück in die Halterung. Milo nickte mir zu. Worte waren überflüssig. Wir brauchten die Sache nur noch abzuwickeln. So einfach war das. Und trotzdem…

Als wir ausstiegen, mußte ich an das denken, was man oftmals über erfolgreiche Schauspieler liest. Die großen Stars, die trotz jahrzehntelanger Bühnenerfahrung vor jedem Auftritt noch Lampenfieber haben.

Bei uns war es eine Mischung aus Jagdfieber und Risikobewußtsein. Der Fehler, eine Routinesache auf die leichte Schulter zu nehmen, konnte der letzte Fehler sein, den man in seinem Leben beging.

Das Four Aces befand sich an der Ecke West 33rd Street und Eighth Avenue. Für uns ein paar Schritte zu Fuß. Die aus beruflichen Gründen anwesenden Bordsteinladys würdigten uns keines Blickes. Es hatte sich schnell herumgesprochen, zu welcher Sorte wir gehörten.

Mein Messerschwinger aus dem Hudson River hatte sich nach stundenlangen Vernehmungen dazu durchgerungen, uns hilfreich zu unterstützen. Seine Hoffnung auf Pluspunkte vor Gericht war nicht unbegründet. Den Verbindungsmann in der bundesweiten Schieberei mit den Luxusautos sollten wir um diese Zeit im Four Aces finden.

Auch eine genaue Schilderung der Räumlichkeiten hatten Irwin Forster und seine Kollegen während der Vernehmung zu Papier gebracht. Wir kannten die Einzelheiten so genau, daß wir uns auskannten wie die Stammgäste, die jeden Abend mit der spärlich bekleideten Weiblichkeit des Hauses scharwenzelten.

Der Türsteher, der uns nach einem taxierenden Blick einließ, kam nicht mehr dazu, die Vorzüge des Ladens für uns herunterzubeten. Wir ließen ihn einfach stehen. Zielstrebig, doch ohne übertriebene Hast marschierten wir durch die schmalen Gassen zwischen verdunkelten Nischen. Anheimelnde leise Musik aus verborgenen Lautsprecherboxen begleiteten uns auf unserem Weg. Wir passierten eine kreisrunde Tanzfläche, auf der sich niemand bewegte. Weiter hinten flimmerten bunte Bilder über eine Leinwand. Ich hatte den Eindruck, daß selbst die Girls von der Bordsteinkante dabei noch rot werden müßten.

Wir drehten uns nicht um. Ich hegte die leise Hoffnung, daß der Türsteher lange genug an seiner Überraschung zu verdauen hatte. Er hatte uns noch nie zu sehen gekriegt. Trotzdem benahmen wir uns wie Leute, die sich auskannten. Es kostete ihn Zeit, seine Schlußfolgerung daraus zu ziehen. Er besaß einen Telefonapparat, um mit dem Thekenpersonal Verbindung aufzunehmen. Daß er das noch nicht getan hatte, bewiesen die Mienen der weißbejaekten Barmänner, deren Blicke interesselos über uns hinwegglitten.

Rechts von dem chromblitzenden Bartresen gab es drei Türen im Halbdunkel. Die eine führte zu den Waschräumen, die andere zu den Räumen für geschlossene Gesellschaften. Milo und ich wählten schnurstracks die mittlere, von der wir wußten, daß sich dahinter das Büro befand. Als die Barkeeper uns verschwinden sahen, brauchten wir von ihnen keine besonderen Schwierigkeiten mehr zu erwarten. Dazu fehlte ihnen die Zeit.

Ich gab Milo eine halbe Minute Vorsprung, damit er den Korridor durchqueren und durch die Hintertür in den Innenhof schlüpfen konnte. Nur eine einsame Neonröhre brannte in dem schlauchartigen Gang. Die Wand zur Linken war kahl und schmucklos. Rechter Hand befand sich der Eingang zum Office, eine violett lackierte Tür.

Ich stürmte hinein, ohne anzuklopfen.

Alles überschlug sich in Sekundenbruchteilen.

Aus den Augenwinkeln heraus sah ich weiße Jacken am vorderen Ende des Korridors: Keine Zeit! Ich mußte mich mit dem befassen, was vor mir lag.

Zwei Männer. Einer vor dem Schreibtisch, einer dahinter.

Der Smith & Wesson lag in meiner Rechten, als ich die Tür mit dem Absatz zukickte.

»FBI«, sagte ich schneidend. »Nehmen Sie die Hände hoch und…«

Der Mann, der auf dem Besucherstuhl saß und mir den Rücken zuwandte, verwandelte sich in einen blonden Wirbelwind. Mit den Händen flog auch sein Stuhl hoch. Und im nächsten Moment war es mit meiner Aufmerksamkeit schlecht bestellt. Ich mußte dem Stuhl ausweichen. Er knallte gegen die Wand. Blitzschnell richtete ich mich wieder auf.

Nicht schnell genug für den blonden Werfer!

Ich sah wieder seinen Rücken, als er mit einem Hechtsprung durch das halboffene Fenster verschwand.

Der Mann hinter dem Schreibtisch war ein dandyhafter Typ. Selmer Crofton! Das Bild in unserem Archiv mußte ziemlich neu sein, denn er hatte sich überhaupt nicht verändert. Er trug einen hellen Sommeranzug und sah aus wie ein Salonlöwe aus der Humphrey-Bogart-Zeit.

Der Schreck hatte Croftons gesunder brauner Gesichtsfarbe einen deutlichen Grauton verliehen. Unsicher vibrierend strebten seine Hände der Zimmerdecke entgegen.

Neben mir flog die Tür auf und krachte gegen den Stuhl, den Croftons Besucher als Wurfgeschoß verwendet hatte. Die Weißjacken stürmten herein. Drei Mann. In der Mitte des Raumes bremsten sie ihren Ansturm, kreiselten herum und wollten auf mich los.

»Zurück, ihr Idioten!« schrie Crofton. »Seid ihr verrückt? Der Mann ist vom FBI!«

Mit der freien Linken lupfte ich mein Lederfutteral aus der Jackentasche, klappte es auf und ließ den Metalladler blinken.

Im selben Moment war von draußen ein anhaltendes Scheppern zu hören. Es hörte sich nach Mülltonnen an, die gleich reihenweise umkippten. Dann hastige Schritte. Jemand brüllte etwas. Ein Schuß krachte. Ich erkannte das trockene Bellen eines Smith & Wesson.

Selmer Crofton und seine Barkeeper ließ ich keine Sekunde lang aus den Augen. Draußen würde es wieder still, bis auf das ewige Rauschen des New Yorker Verkehrslärms, das man schon nicht mehr mitzählt.

»Mein Name ist Trevellian, Spezial Agent«, sagte ich ruhig, obwohl meine Nerven wegen der Unklarheit über Milo immer noch angespannt waren. »Schicken Sie die Männer raus, Crofton! Und ich möchte, daß es keine Zwischenfälle mehr gibt. In ihrem eigenen Interesse.«

Er befolgte meine Anordnung. Die Weißjacken zogen ab.

Schritte näherten sich im Korridor. Ich sprang zur Seite, so daß ich Crofton und die Tür gleichzeitig im Auge hatte. Er grinste, als beobachte er ein unterhaltsames Schauspiel.

Ich atmete auf, als ich Milos Stimme hörte. Er trat ein, und schon an seinem Gesichtsausdruck erkannte ich, was sich abgespielt haben mußte.

»Der Bursche war einfach zu schnell«, berichtete Milo. »Ich habe es mit einem Warnschuß versucht, aber er ist in den Hinterhöfen in der Nachbarschaft untergetaucht. Weil ich nicht wußte, wie die Lage hier aussieht, habe ich ihn ziehen lassen.«

»Vergiß es!« Ich deutete auf den Schreibtisch, der unter einem Wust von Papier nur zu ahnen war. In dem Durcheinander standen halbgeleerte Whiskygläser, eine Flasche Old Grand Dad und ein Aschenbecher, in dem noch die Kippen qualmten. »Tu mir einen Gefallen, Alter, und ruf die Spurensicherer!«

Milo griff zum Telefonhörer. »Mit Ihrer Erlaubnis, Mr. Crofton? Unsere Dienststelle wird Ihnen die Gebühren ersetzen.«

Crofton verzog das Gesicht, als hätten wir ihn gezwungen, eine Zitrone hinunterzuwürgen. Ich beorderte ihn an die gegenüberliegende Wand, tastete ihn ab und ließ ihn in einem Sessel Platz nehmen, nachdem ich festgestellt hatte, daß er nichts Eisernes bei sich trug. Milo hatte sein Gespräch mit der FBI-Zentrale an der Federal Plaza beendet. Bis zum Eintreffen der Spurensicherer mußten wir uns die Zeit vertreiben.

Milo und ich setzten uns Crofton gegenüber und versenkten unsere Smith & Wessons in den Halftern.

»Wer war der Mann?« fragte ich und zeigte auf den Stuhl.

Selmer Crofton faltete die Hände über dem rechten Knie. Schlanke, gepflegte Hände.

»Ich kenne meine Rechte, Gentlemen. Deshalb meine Gegenfrage: Was haben Sie mir vorzuwerfen? Haben Sie einen Durchsuchungsbefehl? Einen Haftbefehl? Wenn nicht, darf ich Sie gleich darauf hinweisen, daß Ihr Vorgehen mindestens den Tatbestand des Hausfriedensbruchs und der Nötigung erfüllt.«

»Sie haben viel mit Anwälten zu tun, stimmt’s?« Milo lächelte breit.

»Ich habe mich lediglich über meine Rechte als Staatsbürger informiert. Ist das ein Verbrechen?«

Ich überhörte es. Es war zu albern.

»Sie sind vorläufig festgenommen«, stellte ich fest. »Den Durchsuchungsbefehl werden unsere Kollegen vom Erkennungsdienst mitbringen, und den Haftbefehl legen wir Ihnen noch diese Nacht vor. Auch den Grund dürfen Sie erfahren.« Ich informierte ihn in knappen Worten über unseren Einsatz am Hudson River und den Zeugen, der Irwin Forster ein wohltönendes Lied vorgesungen hatte.

Crofton ließ sich nichts anmerken.

»Ich verlange sofort einen Anwalt! Es kann sich nur um einen Irrtum handeln. Dieser Zeuge kennt mich zufällig und hat meinen Namen angeführt, um seine eigene Haut zu retten. Solche Fälle gibt es schließlich oft genug.«

»Wer war der Mann?« fragte ich und deutete zum zweiten Mal auf den Stuhl.

Diesmal grinste Selmer Crofton.

»Keine Ahnung, Gentlemen. Tut mir aufrichtig leid. Wissen Sie, ich habe meine liebe Last mit diesen aufdringlichen Barbesuchern. Da gibt es immer wieder welche, die es für eine besondere Ehre halten, einen Drink mit dem Chef zu nehmen. Ja, und dann kreuzen sie hier mit einer Flasche in der Hand auf, und ich kann sehen, wie ich sie abwimmele.«

»Eine feine Geschichte«, nickte ich. »Passen Sie auf, daß Sie den Text nicht vergessen haben, wenn Sie ihn das nächste Mal aufsagen müssen!«

Crofton starrte mich wütend an. Er war wieder ein wenig grauer im Gesicht geworden.

 

 

4

Die Maschine des Lincoln Continental summte kaum hörbar. Sanft in der Federung nachschwingend, glitt die schwere Limousine auf den Parkplatz. Edward Holly war versucht, mit dem kleinen Finger zu steuern, so butterweich ging die Servolenkung. Pilzleuchten erhellten das asphaltierte Gelände und ließen den Karosserielack teurer Wagen glänzen. Vom Cadillac bis zum Rolls Royce, vom Mercedes bis zum Jaguar war alles vertreten.

»Mann!« sagte Gary Martin und lachte. »Wie komme ich mir bloß vor!« Andächtig strich er über die Naturseide des schwarzen Anzugs.

Trish schmiegte sich an seine Schulter. »Wie ein Wolf im Schafspelz, Darling. Denk immer daran, daß du mein großer böser Wolf bist! Nichts wird dich umhauen da drinnen.«

Pops Holly brachte die Limousine in einer freien Parkbucht zum Stehen. Der Lichterglanz des Casinos ließ 'es im Wagen fast taghell werden. Himmelstürmend ragten die Lettern Golden Eagle auf. Jachtbesitzer, die sich Atlantic City von der Seeseite her näherten, sichteten den Schriftzug der Spielbank schon meilenweit entfernt. Im Bereich des pompösen Säulenportals herrschte reger Betrieb. Elegant gekleidete Leute, überwiegend Ehepaare, strebten in mattgelbem Licht alter Gußeisenlampen dem Eingang entgegen. Portiers öffneten schwere Türen, dann dezent geübt die Hände, um Trinkgelder im Vorbeigehen einzustecken.

Pops drehte sich zu den beiden im Fond um. »Was Trish meint, ist kein Witz, Gary. Es gilt für uns alle. Wir müssen uns so bewegen, als wären wir die ganz alten Casino-Hasen. Keine staunenden Kinderaugen, verstanden!«

»Sehe ich so aus?« entgegnete Gary Martin. »Hauptsache, es gibt keine Panne mit der Maschine. Alles andere läßt mich kalt wie eine Hundeschnauze.«

Pops schüttelte den Kopf. »Eine Panne gibt es nicht. Und eins sage ich noch mal: Werdet nicht übermütig, wenn die Sache anfängt, sich zu lohnen! Wir machen alles so, wie wir es besprochen haben. Was wir investiert haben, sind knapp 2000 Dollar für den Flug, für das Hotel, für die Klamotten und für den Leihwagen. Die will ich zusätzlich zum Reingewinn wieder drin haben. Nicht mehr. Ist das klar?« Gary und Trish nickten nur. Die Anspannung stand in ihren Gesichtern. Sie wußten, daß sie gelassener werden würden, wenn sie erst einmal in der Höhle des Löwen waren.

Sie stiegen aus.

Gary und Trish nahmen Pops in die Mitte und hakten sich bei ihm ein. Das junge Ehepaar, das dem alten Daddy zur Abwechslung ein Vergnügen gönnte. Die Rolle war glaubhaft. Trish trug ein cremefarbenes Abendkleid, rückenfrei und tief ausgeschnitten, etwa in der Mitte zwischen raffiniert und elegant. Pops hatte seinen dunklen Anzug schon vor Wochen in New York maßschneidern lassen. Seine Statur erlaubt keine Sachen von der Stange. Und einer, dem der Anzugsstoff um Arme und Beine schlotterte, paßte in kein Casino.

Gary legte den Kopf in den Nacken, während sie auf das Portal zuschlenderten. Er schnupperte.

»Die Luft riecht anders als in New York. Nach Meer und Salzwasser, würde ich sagen.«

»Oder nach Geld!« Trish lachte leise.

»Ruhe!« zischte Pops. »Solche Witze könnt ihr erst machen, wenn wir unter uns sind und wirklich abgestaubt haben. Gary, ist bei dir alles in Ordnung?«

»Klar. Ich habe soviel Bewegungsfreiheit wie ein Sprinter auf der Bahn.« Er blickte an sich hinab. Ein wenig athletischer sah er aus, durch seinen gewachsenen Brustumfang. Aber sonst trug die Maschine kaum auf. Pops hatte das Ding so konstruiert, daß er es mit Klebestreifen am Oberkörper befestigen konnte, unter dem Hemd. Das Auge der Zielvorrichtung befand sich in der Krawattennadel, sah aus wie ein dunkler Edelstein und war durch hauchdünne Drähte mit dem übrigen Mechanismus verbunden. Das Steuergerät, nicht größer und dicker als eine Zigarettenschachtel, trug Gary in der rechten Außentasche seines Jacketts.

Sie erklommen die Portalstufen und die Glastüren gaben den Blick in die marmorgetäfelte Halle frei. Drinnen, gleich hinter den Türen, leuchtete das helle Blau von Uniformhemden.

»Himmel!« flüsterte Gary Martin. »Cops!«

»Nichts Ungewöhnliches, Mann.« Pops zischte es, ohne den Kopf zu wenden. »Jedes Casino hat seine Sicherheitsmaßnahmen. Reiß dich zusammen!«

Gary lächelte wie nach einer humorvollen Bemerkung. Ein Hauch von teurem Parfüm empfing sie, als sie sich unter die Besucher mischten, die durch die Glastüren strebten. Gary drückte dem Portier auf ihrer Seite das notwendige Trinkgeld in die Hand. Dann bemühte er sich, die Cops beiderseits des Eingangs nicht zu beachten.

An der Reception trugen sie sich in die Besucherkartei ein. Mr. James Howard sen., Mr. James Howard jun. und Ehefrau Cynthia aus Baltimore. Pässe wurden nicht verlangt. Dieser Teil der Spielordnung war im Grunde ein Witz.

Fürsorglich, wie es sich für Sohn und Schwiegertochter gehörte, brachten Trish und Gary den grauhaarigen Mann in den großen Roulettsaal, wo nur gedämpft gesprochen wurde. Wie viele Tische es gab, ließ sich nicht genau feststellen. Zu viele Menschen standen herum und beobachteten das Spielgeschehen. Für Edward Holly und seine beiden jüngeren Begleiter war es der erste Grund zum Aufatmen.

Die Maschine arbeitete nicht völlig geräuschlos. Deshalb hätten sie die Sache in einem spärlich besetzten Saal nicht durchziehen können.

Geduldig warteten sie, bis an einem Tisch ein Platz frei wurde. Pops setzte sich und kaufte beim Kesselcroupier Jetons und Plaques für 10 000 Dollar in unterschiedlichen Stückelungen. Es war der Rest seines Kapitals, das, was er in den letzten Jahren durch seine Hehlergeschäfte beiseite geschafft hatte. Ungefähr noch einmal soviel hatte die Entwicklung der Maschine gekostet.

Trish und Gary ließen Pops allein in dem von mächtigen Kristalleuehtern erhellten Saal. Sie hatten Zeit. Er würde seine Spiele machen wie die anderen auch. Keine gewagten Einsätze. Ein bißchen gewinnen, häufiger verlieren, nichts Aufsehenerregendes.

»Langsam geht es mir besser«, sagte Trish, während sie auf die hauseigene Bar Carré zusteuerten. »Jetzt noch ein kleiner Drink, und der Druck in der Magengegend ist endgültig weg.«

»Ich fühle mich schon ganz wie zu Hause«, entgegnete Gary grinsend. »Wie wäre es mit dem Restaurant statt der Bar? Mal so richtig…«

»Bist du verrückt?« flüsterte Trish, nachdem sie sich vergewissert hatte, daß niemand in unmittelbarer Nähe war, der ihnen zuhören konnte. »Pops bringt dich um, wenn du sein Geld verschleuderst.«

»Laß uns erst mal mit dem Abkassieren anfangen. Dann sehen wir anders aus.« Eine gute Stunde lang hielten sie sich in der Bar auf, gönnten sich ein paar Cocktails der mittleren Preisklasse und vertieften sich in ein Gespräch über Urlaubsmöglichkeiten in Louisiana. Dann kehrten sie zurück in den Roulettsaal, wo sich nicht viel verändert hatte.

Die Leute harrten aus. Stammgäste eines Casinos brauchten sich zweifellos keine Gedanken darüber zu machen, wann sie am nächsten Morgen aufstanden. Trish und Gary hatten sich vor diesem ersten Test der Maschine in verschiedenen Casinos umgesehen. Mindestens 90 Prozent der Besucher gehörten zur Oberschicht, zur Upper Society.

Der Tisch, an dem Edward Holly spielte, war ebenso umlagert wie die anderen. Trish und Gary brauchten eine Weile, bis sie einen geeigneten Stehplatz in Höhe des Roulettkessels fanden — Pops gegenüber, so daß sie mit ihm Blickkontakt aufnehmen konnten. Der Stapel seiner Jetons und Plaques hatte sich kaum verändert. Verloren hatte er jedenfalls nicht, eher ein bißchen dazugewonnen.

Trishs Aufgabe war fast unbedeutend. Sie hatte sich so an Garys Seite zu stellen, daß die Bewegungen seiner Hand in der Jackentasche nicht zu sehen waren. Mit zwei Knopfdrücken am Steuergerät schaltete er die Maschine und ihre elektronische Zieleinrichtung ein. Das leise Rauschen erschien ihm überdeutlich. Einen Moment lang hatte er das Gefühl, die Menschen würden sich umdrehen, und alle Blicke würden sich auf ihn richten.

Nichts dergleichen. Die Gespräche hielten an. Sie reichten aus, um das Geräusch der Maschine zu überlagern. Trish fuhr fort, über Louisiana zu reden. Gary antwortete mit einsilbigen Bemerkungen. Seine Sinne fieberten darauf, die Aufgabe zu bewältigen.

Das Geräusch der Elfenbeinkugel, die in den rotierenden Kessel fiel, ließ Gary hellwach werden. Das »Nichts geht mehr« des Chefcroupiers klang teilnahmslos. Gary Martin konzentrierte sich auf die Kugel, die über die entgegengesetzt kreisende Kesselscheibe mit den Nummernflächen rollte. Sein Blickfeld war frei, also auch seine Ziellinie.

Die Kugel blieb auf der 33 liegen. Enttäuschtes Gemurmel und spitze Freudenschreie von zwei ältlichen Ladys waren zu hören. Geschickt arbeitete der Handcroupier mit dem Rechen. Gewinne glitten den strahlenden Gesichtern entgegen. Verlorene Jetons verschwanden in Richtung Bank, verfolgt von teils sorgenvollen und teils gleichmütigen Mienen. In Minutenschnelle war der grüne Filz des Tableaus wieder leer. Pops hatte diesmal kein Glück gehabt.

»Machen Sie ihre Einsätze!« forderte der Chefcroupier.

Holly hob den Kopf nur für einen winzigen Moment. Sein Blick streifte Gary scheinbar flüchtig. Pops setzte hundert Dollar auf 17 und 20, dann jeweils 200 Dollar auf erstes und letztes Drittel.

Gary griff den kleinen Hebel des Steuergerätes mit Daumen und Zeigefinger und prägte sich die Position der 17 im Kessel ein. Das Setzen und Ansagen der Spieler schien sich endlos hinauszuzögern. Dann, endlich, ertönte wieder die monotone Stimme des Chefcroupiers.

»Nichts geht mehr!«

Die Elfenbeinkugel, vom Kesselcroupier geworfen, begann zu kreisen. Gebannte Blicke folgten ihr. Doch niemand bemerkte den winzigen Lichtpunkt, der auf der Kugel stand. Die Kugel kam in einem der Nummernfächer zum Stillstand. Die Kesselscheibe bewegte sich immer langsamer.

Und stand vor der 17.

Gary Martin war versucht, einen Triumphschrei auszustoßen. Beinahe staunend musterte er die Leute. Warum, zum Teufel, hatte kein Mensch mitgekriegt, daß er die Drehung der Scheibe mit dem Lichtstrahl verlängert hatte? War es denn so verdammt einfach, das Glück zu erzwingen und Gewinne abzustauben?

Mit unbewegter Miene zahlte der Kesselcroupier den Gewinn an Pops Holly aus. 35fach plus Einsaz, das machte 3600 Dollar. Keine Sensation. Aber Kleinvieh macht auch Mist, dachte Gary Martin, und ein Gefühl der Wärme durchlief ihn, als er Trishs bewundernden Blick spürte.

Beim übernächsten Spiel zogen sie den nächsten Gewinn durch. Dann noch drei weitere Gewinne in unregelmäßigen Abstanden. Kurz darauf mahnten Trish und Gary ihren »Daddy« zum Aufbruch. Gary hatte die Maschine ausgeschaltet. Pops lieferte das übliche Trinkgeld beim Chefcroupier ab. Dann, nachdem sie die Jetons und Plaques in Bargeld eingetauscht hatten, nahmen sie in scheinbarer Gelassenheit einen Drink an der Bar.

Erst eine halbe Stunde später, als Pops den Lincoln Continental auf den nahen Pacific Boulevard gelenkt hatte, ließen sie ihrem Siegesgefühl freien Lauf.

»Menschenskind!« brüllte Gary Martin und schlug Trish mit der flachen Hand auf den Oberschenkel, daß sie aufschrie. »Das ist ein Kinderspiel! Das ist ein gottverdammtes Kinderspiel!«

»Ich habe es nicht anders erwartet«, sagte Pops ruhig. Der Lichtschein der Straßenlampen enthüllte sein selbstzufriedenes Lächeln im Innenspiegel. »Jetzt wird gefeiert!« rief Gary. »Dagegen ist nichts einzuwenden, mein Kleiner.« Trish schmiegte sich an ihn. »Wie sieht der Kassensturz aus, Pops?«

»Wenn ich die Kosten abziehe, haben wir fast 11 000 Dollar abgesahnt. Natürlich hätten wir mühelos das Zehnfache abkassieren können.«

»Und warum haben wir es dann nicht getan?« schrie Gary Martin übermütig.

»Niemals werden wir das tun«, entgegnete Pops. »Wir müssen unauffällig bleiben wie die grauen Mäuse. Und wir dürfen auf keinen Fall nur andauernd gewinnen.«

»Auch in Las Vegas nicht?«

»Nein, auch da nicht.«

»Okay, okay«, brummte Gary und lehnte sich zurück. »Bleiben wir eben bescheiden. Hauptsache, das Ganze artet nicht in Arbeit aus.« Der Schiffbruch, den er bei Crofton erlitten hatte, war vergessen. Crofton wußte zwar Bescheid. Aber es sah nicht so aus, als ob er mit seinem Wissen noch etwas anfangen konnte.

Gary Martin machte sich darüber keine Sorgen mehr. Vorerst war seine Freude stärker, und die Zweifel an Trish und ihren Gefühlen für ihn standen weit im Hintergrund.

 

 

5

Der Tag schien bedeutungslos. In den Nachmittagsstunden setzte feiner Regen ein, den der Wind in den Straßenschluchten von Manhattan zu Schwaden verdichtete und über Menschen und Autos hinwegtrieb. Ein Blick aus unserem Officefenster lohnte sich nicht. Kurz vor Dienstschluß rief ein Kollege aus der Fernschreibzentrale an.

»Telex aus Washington, Jesse. Es dreht sich um diese Fahndung, die ihr vorgestern losgelassen habt. Gary Martin…«

»Gleich zum Chef damit!« unterbrach ich ihn, sprang auf, tippte auf die Telefongabel und tastete die Nummer des Vorzimmers von John D. McKee. Helen, seine Sekretärin, hatte selten pünktlich Feierabend. Ich war froh zu hören, daß der Chef Zeit für uns hatte.

Schon auf dem Weg zur Tür gab ich Milo einen Wink. Er folgte mir stirnrunzelnd, war aber froh, seine Aktenstapel für eine Weile hinter sich lassen zu können. Im Korridor sagte ich ihm, worum es ging.

Bis vor einer Minute war der Stand der Dinge nicht ermutigend gewesen. Den Haftbefehl für Selmer Crofton hatten wir erhalten. Crofton war aber trotzdem nicht davon überzeugt, daß er sich die Dinge von der Seele reden mußte, die uns interessierten. Sein Anwalt bestärkte ihn in dieser Schweigsamkeit.

Unsere Spurensicherer hatten ein paar Fingerprints in Croftons Nachtbar-Büro aufgetrieben. Der Mann, der uns durch seinen gekonnten Fenstersprung entwischt war, hieß Gary Martin und war bei NCIC registriert. NCIC steht für National Crime Information Center, das Zentralarchiv des FBI-Hauptquartiers in Washington D. C., zu dem neben den FBI-Field-Offices auch alle anderen Polizeidienststellen in den Vereinigten Staaten direkten Zugriff haben.

Garys Martins Printcodes waren aktenkundig, seit er in die Uniform der US Army geschlüpft war. Heute war er 29 Jahre alt. Vor fünf Jahren hatten sie ihn unehrenhaft aus dem Dienst entlassen. Als Sergeant bei einer Nachschubeinheit hatte er seine Chancen ausgenutzt. Vom Eßbesteck bis zur kompletten Lastwagenladung Army-Parkas hatte er alles verschachert, was sich abzweigen ließ. Außerdem war er in das Rauschgiftgeschäft eingestiegen und hatte seine uniformierten Mitbürger mit dem Traumstoff beliefert. Eine anschließende Gefängnisstrafe hatte Martin abgesessen und war dann in der Versenkung verschwunden.

Helen hatte das Telex aus Washington bereits erhalten und sofort ins Büro des Chefs gebracht.

»Ich sehe keine großen Hoffnungen in der Angelegenheit«, sagte John D. McKee und bewegte das Fernschreibebild zwischen seinen schlanken Künstlerhänden. »Der Gesuchte wurde beim Betreten des Spielcasinos Golden Eagle in Atlantic City beobachtet. Ein Zufall, wenn man so will. Einer der Sicherungsposten hatte sich das Fahndungsfoto gut genug eingeprägt. Martin war in Begleitung von zwei noch nicht identifizierten Personen. Eine Frau zwischen 30 und 40 und ein älterer Mann. Die weitere Beschattung ist gewährleistet. Versprechen Sie sich etwas davon?«

»Eine Menge«, antwortete ich. »Crofton ist eine Schlüsselfigur in dem Autohändlerring. Jeder seiner Kontakte kann uns weiterbringen.«

Details

Seiten
131
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941548
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903771
Schlagworte
abstauber trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und die Abstauber