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Der Rote Baron und Fähnrich Torrings Feuerprobe

2020 84 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Der Rote Baron und Fähnrich Torrings Feuerprobe

Klappentext:

Die Person Manfred von Richthofen

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

Epilog

Aus der Feder von Tomos Forrest sind weiterhin erhältlich:

Der Rote Baron und Fähnrich Torrings Feuerprobe

 

 

von Tomos Forrest

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© Roman by Tomos Forrest

© Cover: Kathrin Peschel nach einem Motiv von Claude Monet, 2020

Lektorat/Korrektorat: Kerstin Peschel

Ceated by Thomas Ostwald und Jörg Martin Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext:

 

Freiherr Manfred von Richthofen ist bereits nach wenigen Einsätzen dabei, einer der besten Jagdflieger zu werden. Das jedenfalls behaupten seine Kameraden von der JaSta 2, wie die Elite-Jägerstaffel-Einheit unter Hauptmann Oswald Boelcke genannt wird. Der bemüht sich, weitere Flugzeuge für die erfolgreiche Gruppe zu erhalten und schließlich stoßen auch neue Rekruten zur Truppe, unter ihnen Fähnrich Torring, der Leutnant Richthofen zugewiesen wird. Ihre Einsätze finden unter härtesten Bedingungen im tödlichen Kampf der Gegner statt und bergen eine ungeheuerliche, geradezu schockierende Überraschung für den gesamten Fliegerstützpunkt …

 

 

***

 

 

Die Person Manfred von Richthofen

 

Manfred von Richthofen, erfolgreichster deutscher Jagdflieger im Ersten Weltkrieg (1892 – 1918), erhielt von seinen englischen Gegnern den ehrenvollen Beinamen „Roter Baron“, weil er seinen Fokker-Dreidecker provozierend knallrot angestrichen hatte.

Er war nicht während seiner gesamten Dienstzeit im Krieg und flog Einsätze: Aufgewachsen mit den Möglichkeiten, schon als Junge mit auf die Jagd zu gehen und das Reiten zu erlernen, wurde beides für ihn zu einer Leidenschaft, die sein kurzes Leben prägte. Die Menschen seiner Zeit stürzten sich häufig in ausgelassene Feiern und Vergnügungen, um dem schweren Alltag zu entkommen. Hier werden Abenteuer aus verschiedenen Abschnitten seines Lebens erzählt, auch schon aus der Zeit zwischen Kadettenschule und Militärdienst. Sie sollen versuchen, ein Bild jener Zeit und der Umstände zu vermitteln, die eben nicht nur aus dem Krieg, dem Fronteinsatz und dem Erleben fürchterlicher Tragödien und Schicksale bestand.

 

 

***

 

 

1.

 

Leutnant Manfred von Richthofen war sehr zufrieden. Langsam war die Anspannung des bestandenen Luftkampfes von ihm gewichen, er atmete freier durch und sah auf das dunkle Wasser des Kanals hinunter. Tief unter ihm fuhren zwei Dampfer, aber offenbar zivile Schiffe. Lächelnd erinnerte er sich an den Angriff der englischen Flotte, die plötzlich vor Ostende aufgetaucht war und den Hafen sowie den Strand beschossen hatte.

Ach, das Fräulein Mila!, dachte er ein wenig bekümmert. Ob sie wohl den deutschen Flieger schon vergessen hat? Die achtzehnjährige Mila war Servierkraft in dem Hotel, in dem die deutschen Offiziere untergebrachten waren. Der Leutnant hatte sie mitgenommen, als es in die Aufführung einer sensationellen Nummer des Entfesselungskünstlers Harry Houdini ging (vgl. dazu Der rote Baron und der Anschlag auf Houdini). Der nächste Gedanke des Jagdfliegers galt dem Mann mit den seltsamen Augen. Houdini! Schon ein beeindruckender Kerl, aber – ob es zutrifft, dass auch er ein Spion ist? Der Unteroffizier Karl Wilhelm Müller, ihnen als Zugbegleiter mit besonderen Fähigkeiten zugeteilt, hatte so etwas angemerkt. Und Müller arbeitete für die Spionage-Abwehr, Abteilung III B, in Berlin unter Hauptmann Walter Nicolai. Die beiden Männer hatten zusammen mit Oberleutnant Georg Zeumer einen heiklen Auftrag im Osmanischen Reich erledigt, bei dem schließlich Müller eine Spionin entlarvte.

Eine Garbe aus dem Maschinengewehr riss Richthofen aus seinen Träumen. Die Geschosse zerfetzten Teile seines Rumpfes, die getroffene Leinwand löste sich teilweise und knatterte im Flugwind. Der Leutnant reagierte sofort und fast schon mechanisch.

Wie lauten die Anweisungen des Staffelführers Oswald Boelcke in diesem Fall? Wenn Dich der Gegner im Sturzflug angreift, versuche nicht, dem Angriff auszuweichen, sondern wende Dich dem Angreifer zu.

Die Schüsse waren einwandfrei von oben abgefeuert worden, und nun zog Richthofen seinen Fokker-Doppeldecker vom Typ E 1 steil nach oben, ohne sich weiter nach dem Feind umzusehen. Dabei hatte der Leutnant auf den Überraschungseffekt gesetzt, denn er ging davon aus, dass sein Gegner versuchen würde, unter ihm wegzutauchen, um dem weiteren Beschuss zu entgehen. Richthofens Taktik setzte ihn für einen kurzen Moment der Gefahr aus, noch einmal in den Bereich des feindlichen Maschinengewehres zu gelangen, aber der Moment verging ohne erneuten Beschuss.

Dafür war er jetzt über der Maschine, die er als französische Morane-Parasol identifizierte, das erste Jagdflugzeug der Militärluftfahrt überhaupt. Dieser Eindecker wurde in großer Stückzahl gefertigt und verfügte über ein Maschinengewehr. Aber der nur 80 PS starke Motor war der Fokker E 1 mit gleicher Stärke nur dann überlegen, wenn der Pilot, wie in diesem Fall, aus seiner größeren Flughöhe die deutsche Maschine im Sturzflug angriff.

Manfred von Richthofen beherrschte die Dicta Boelcke perfekt. Nach seiner erfolgreichen Ausbildung durch seinen Freund, den Oberleutnant Georg Zeumer, war es Hauptmann Boelcke, der seine Jagdflieger einzeln scharf beobachtete und ihnen seine Lehren beibrachte. Diese Regeln wurden zusammengefasst und waren unter der Bezeichnung Dicta Boelcke jedem der Piloten in der Jagdstaffel vertraut, ja, praktisch in Fleisch und Blut übergegangen.

So stieß der Leutnant jetzt hinter dem Franzosen hinunter, flog dicht an ihn heran und schoss eine erste Garbe in den Rumpf des Gegners. Er hatte Glück, denn seine Geschosse trafen die Maschine besser und aus größerer Nähe. Sie zogen sich wie in einer Linie bis zur Pilotenkanzel, und Richthofen konnte erkennen, dass er auch den Piloten verwundet hatte.

Die Morane-Parasol geriet ins Taumeln, aber der Pilot fing sie rasch wieder ab. Richthofen setzte sich dicht neben sie und gab dem Piloten mit der linken Hand ein Zeichen. Das wiederholte Auf und Ab seiner behandschuhten Faust mit dem nach unten zeigenden Daumen konnte nur bedeuten, dass er den Franzosen aufforderte, zu landen. Doch dazu war der Gegner noch nicht bereit. Er versuchte, durch plötzliches Absacken seiner Maschine hinter Richthofen zu bleiben, doch der hatte mit einem solchen Trick gerechnet, als er die Bewegung des Piloten erkannte. Sofort drosselte er seinen Motor etwas und vollführte einen eleganten Looping, der ihn gleich wieder hinter den Franzosen brachte. Ein kurzer Feuerstoß auf das Leitwerk, und der Gegner gab auf. Dicht gefolgt von Richthofens Maschine setzte er zur Landung auf dem Flugfeld an, und seine Maschine stand kaum, als auch der Leutnant neben ihm zum Stehen kam. Mehrere Soldaten und Offiziere waren sofort zur Stelle, als sich der französische Pilot losschnallte und mit hoch erhobenen Armen aus der Maschine stieg.

„Monsieur – herzlich willkommen bei der JaSta 2. Machen Sie uns doch die Freude und seien Sie für eine Weile unser Gast!“, begrüßte Hauptmann Boelcke den verblüfften Piloten. Der Franzose sah sich unsicher um, dann knickte er beim nächsten Schritt im rechten Bein ein und griff mit schmerzverzerrtem Gesicht an seinen Oberschenkel. Jetzt sahen die Umstehenden auch das Blut an der Uniformhose, und man rief nach einem Sanitäter. Richthofen war bei seinem Gegner, reichte ihm die Hand und bot ihm aus seinem ovalen Zigarettenetui eine Zigarette an. Der Pilot griff dankbar zu, Richthofen gab ihm Feuer, und als der Franzose hastig ein paar Züge genommen hatte, war auch der Sanitäter mit einem Helfer und einer Trage gekommen, auf die man den Mann kurzerhand legte und ihn dann ins Hospital beim Flugfeld brachte.

Jemand klopfte Richthofen anerkennend auf die Schulter.

Der Leutnant drehte sich um und sah in das lachende Gesicht des Staffelführers.

„Gut gemacht, Manfred! Fokker wird sich freuen, einmal ein fast unbeschädigtes Exemplar der Franzosen zu bekommen!“

„Schlecht ist der Vogel nicht. Ich habe jetzt schon mehrfach erlebt, dass eine Morane-Parasol höher als unsere Maschinen fliegen kann. Das ist für uns nachteilig, weil sie oft aus der Sonne kommen und uns beharken, noch bevor wir überhaupt wissen, dass sie da sind.“

„Schon klar, aber mach dir keine Gedanken. Wir bekommen in den nächsten Tagen neue Maschinen geliefert. Zusammen mit ein paar Anfängern, die unsere Staffel vergrößern werden!“

„Und? Ist eine Dr.I mit dabei?“

Hauptmann Boelcke kniff ein Auge zu und zog gleichzeitig die Schultern hoch.

„Keine Ahnung, Manfred. Wir werden sehen!“

Beide horchten gleichzeitig auf, als plötzlich hinter ihnen am Himmel Motorenlärm laut wurde und gleich darauf fünf Jagdflugzeuge in einer Formation herangeflogen kamen. Manfred von Richthofens erste Reaktion war, die Lederhaube aufzustülpen und in seine Maschine zu steigen, aber dann erkannte er die deutschen Maschinen.

„Und ich dachte schon!“, sagte er lachend zu seinem Staffelführer, der nach oben deutete und antwortete:

„Kaum ausgesprochen, schon geliefert, so lieben wir das, was, Manfred?“

Die Jagdstaffel 2 hatte schon mehrfach in dringlichen Anfragen an die Generalkommandantur in Berlin um weitere Maschinen gebeten. Die bislang vorhandenen Bomber der Brieftauben-Abteilung-Ostende, wie ihre anfängliche, offizielle Bezeichnung lautete, erwiesen sich als nicht geeignet für einen Einsatz über England. Sie konnten die doppelte Flugstrecke nicht bewältigen, deshalb beschränkte man sich auch im zweiten Kriegsjahr auf die Bombardierung des französischen Hinterlandes und den Luftkampf über dem Kanal.

„Nur zwei Fokker und drei Albatros, noch dazu Zweisitzer. Na gut, die werden wir für die Jungvögel nehmen!“, kommentierte Hauptmann Boelcke die zur Landung ansetzenden Jagdflugzeuge.

Als die Motoren abgeschaltet wurden und die Propeller sich nicht mehr drehten, waren die Neuankömmlinge auch schon angetreten und warteten die Begrüßung durch den Staffelkommandanten ab.

In Boelckes Gefolge waren die Jagdflieger Zeumer, Imnmelmann und Richthofen, wobei Georg Zeumer als Stellvertreter Boelckes galt und zudem als Oberleutnant den nächst höheren Dienstgrad besaß. Aber auf dem Flugfeld herrschte eine eigene Hierarchie, hier galt die Leistung im Kampf, und da waren die vier Jagdflieger etwa gleichauf, wenn auch Boelcke immer noch die meisten Abschüsse aufweisen konnte. Aber insbesondere der Dresdner Max Fritz Immelmann galt als Star unter den Jägern, war er es doch, der die Looping-Technik so beherrschte, dass man inzwischen bei diesem Flugmanöver nur noch von einem Immelmann sprach, wenn einer der feindlichen Piloten mit dieser Technik überflogen und anschließend von hinten angegriffen wurde.

In jeglicher Form des Angriffs ist eine Annäherung an den Gegner von hinten erforderlich, lautete deshalb auch bald eine der Direktiven des Staffelführers Boelcke, die in seine Dicta aufgenommen und von allen Piloten umgesetzt wurde.

In den drei Doppelsitzern waren die Nachwuchsjagdflieger mitgekommen, und neben einem kleinen, etwas untersetzten Mann aus dem Brandenburgischen waren zwei junge, leicht gebräunte und fast schlaksig wirkende Männer auffallend. Sie wirkten wie zwei große Jungen, strahlten beide um die Wette und stellten sich rasch vor.

„Fähnrich Torring, Fähnrich Warren, Herr Hauptmann. Wie befohlen zur Stelle und bereit, ein Jagdflugzeug zu übernehmen!“

„Ausgezeichnet, meine Herren, aber so einfach geht das bei uns nicht. Haben die Herren ihre Ausbildung in Dresden abgeschlossen?“

„Jawohl, Herr Hauptmann. Fähnrich Torring nach fünfunddreißig Flugstunden, Fähnrich Warren nach sechsunddreißig.“

„Jäger Martens nach zweiundfünfzig Stunden!“, meldete sich der Brandenburger.

„Das ist eigentlich der normale Stand!“, antwortete der Hauptmann lächelnd. „Und damit wir gar keine Geheimnisse verraten wollen, Sie aber als jüngste Mitglieder unseres kleinen Flugzirkus alles wissen sollen: Der Staffelführer benötigte achtundfünfzig Stunden bis zum ersten Alleinflug!“

Die Neuankömmlinge erlaubten sich ein Grinsen, und der Hauptmann ergänzte:

„Das alles hat hier draußen keine Bedeutung mehr. Graue Theorie, meine Herren! Hier wird nicht auf Scheiben geschossen, hier gilt es, den Gegner herunterzuholen, bevor er das mit Ihnen macht. Und dafür gibt es ein paar Dinge, die Sie so beherrschen müssen, dass es Ihnen selbst im Schlaf gar nicht mehr anders einfällt!“

„Jawohl, Herr Hauptmann!“, riefen alle drei gleichzeitig aus und salutierten.

„Gut, rühren. Kommen Sie mit hinüber in das Casino, damit ich Sie den Kameraden vorstellen kann. Ach, übrigens, meine Herren: Torring wird mit Richthofen fliegen, Warren mit Zeumer und Martens mit Immelmann. Merken Sie sie sich den Namen dieses Leutnants, meine Herren! Wir nennen inzwischen einen Looping, um einem Gegner auszuweichen und ihn selbst vor das MG zu bekommen, nur noch nach ihm. Niemand beherrscht diese Technik besser als Leutnant Immelmann!“

Damit schritten die Flieger hinüber zu dem Gebäude, in dem sich das Casino befand.

„Sie kommen also aus Berlin, Torring?“, erkundigte sich Richthofen interessiert, nachdem sie beide ein frisch gezapftes Bier vor sich stehen hatten.

„Ja, ich bin dort geboren und aufgewachsen in Berlin-Frohnau. Mein Vater ist leider seit Kurzem Witwer, aber sehr unternehmungslustig und von meiner Idee, mich als Freiwilliger zu den Fliegern zu melden, vollkommen begeistert. Mein Freund Hans Warren dort drüben …“ Er unterbrach sich und nickte mit dem Kopf in die Richtung, in der der andere Fähnrich mit Georg Zeumer stand. „Er ist so etwas wie ein Sandkastenfreund. Wir wohnten gegenüber und haben uns seit der Zeit eigentlich alles geteilt, alle Streiche gemeinsam begangen und schließlich auch in unserer stetigen Sehnsucht, etwas erleben zu wollen und vor allem fremde Länder zu sehen, beschlossen, Flieger zu werden.“

„Sehr gute Entscheidung, Torring. Aber hier draußen geht es sehr rau zu, und das ist für einen Neuling zunächst einmal sehr hart. Nehmen Sie es mir nicht übel, aber wenn Sie die nächsten zwei Wochen überlebt haben, gibt es gute Chancen, auch das Jahr zu überleben.“

„Oh!“, antwortete der junge Fähnrich überrascht und zog die Augenbrauen dabei nach oben. „Da hatte ich doch auf eine etwas bessere Quote gerechnet.“ Er lachte und hob das Bierglas. „Aber wir haben Krieg, und je eher der siegreich für uns beendet ist, umso besser!“

Die beiden stießen erneut an und tranken ihre Gläser aus.

„Schon Pläne für die Zeit danach?“, wollte Richthofen wissen.

„Fliegen!“, antwortete Torring, und beide brachen in ein fröhliches Lachen aus.

Die Feuertaufe für die drei neuen Jagdflieger sollte schneller kommen, als sie es sich selbst ausgemalt hatten.

Zunächst einmal verbrachten sie jedoch eine ruhige Nacht.

Auch der Jäger wurde zu den anderen im Hotel untergebracht, denn alle Jagdflieger genossen ihren Sonderstatus. Selbst in den wenigen Fällen, in denen es noch keine Beförderung gegeben hatte.

Im Falle des Jägers Klaus Martens konnte das auch nicht mehr lange auf sich warten lassen. Er hatte bereits die Anwartschaft auf den Fähnrich erhalten. Nach einer weiteren Dienstzeit von sechs Monaten würde der Fahnenjunker zum Fähnrich mit Portepee ernannt und leistete künftig seinen Dienst als Offiziersanwärter, umgangssprachlich im Heer als Degen-Fähnrich bezeichnet, denn er durfte die Offiziersseitenwaffen wie Degen, Säbel und Pistole tragen.

 

 

2.

 

„Wir haben noch eine Spanne ausreichendes Tageslicht für den folgenden Auftrag!“, verkündete Hauptmann Boelcke. „Simuliert wird mit den drei Doppelsitzern ein Flug über Feindesgebiet mit dem Ziel, das Flugfeld, auf dem sich gerade Bomber bereit machen, anzugreifen. Die neuen Piloten werden die Maschinen fliegen, ihren mitfliegenden, erfahrenen Jagdpiloten ist unbedingt Gehorsam zu leisten. Alles verstanden? Dann los!“

Richthofen, Immelmann und Zeumer hatten ihre Karten erhalten und ausreichend Zeit vor dem Start gehabt, sich die Route einzuprägen. Jetzt liefen die Motoren rund, die Bremsklötze wurden weggezogen, und eine Maschine nach der anderen hob ab. Der Staffelführer flog seine Fokker E.I, die anderen drei die überführten, doppelsitzigen Albatros-Jagdflugzeuge, umgebaute Aufklärer vom Typ C.III. Den Abschluss machte Karl Bodenschatz, der ebenfalls eine E.I flog. Auf diese Weise sollte sichergestellt sein, dass die drei neuen Jagdpiloten bei ihren Manövern beobachtet wurden und für den Fall der Fälle Unterstützung erfahrener Jäger hatten.

Zunächst verlief alles vollkommen glatt.

Die Staffel flog entlang des Ufers in Richtung De Panne, dem westlichsten Punkt an der belgischen Küste. Hier wurde ein Feld für das feindliche Flugfeld bestimmt, und die neuen Piloten flogen ihren Angriff. Um entsprechende Ziele zu markieren, hatte man die groben Umrisse mehrerer Bomber dort aufgebaut und mit einfachen Planen bespannt, damit die Treffer leichter zu erkennen waren.

Die drei Flieger-Eleven absolvierten jeden Teil der Übung zur Zufriedenheit ihrer jeweiligen Ausbilder an Bord, und als die Dämmerung sich ausbreitete, kehrte man hoch beglückt wieder an die Küste zurück nach Ostende.

Es war etwa in der Gegend von Middelkerke und fast schon in Sichtweite von Ostende, als sie angegriffen wurden. Wie aus dem Nichts kamen plötzlich fünf französische Maschinen auf sie herabgestoßen und eröffneten das Feuer.

„Looping!“, brüllte Richthofen, weit nach vorn gebeugt, seinem Fähnrich zu. Der nickte kräftig mit dem Kopf, zog die Maschine steil nach oben und vollführte den Looping wie ein alter Hase, um gleich darauf das Feuer auf die nun vor ihm fliegende, französische Maschine zu eröffnen.

Mit der ersten Garbe zerfetzte er dem Gegner das Höhenruder, war dichter heran und schoss erneut. Diesmal war der rechte Flügel getroffen, und als die Albatros erneut steil nach oben zog, sahen sie, wie die Streben brachen, der Flügel wie bei einem angeschossenen Vogel zur Seite herunterhing und die Maschine der Erde zujagte, um sich gleich darauf in den Erdboden zu bohren. „Hoch, hoch, hoch!“, brüllte Richthofen seinem Piloten zu, und der warf einen verzweifelten Blick nach hinten, denn der nächste Franzose klebte so dicht hinter ihnen, dass er kaum noch eine bessere Schussposition bekommen konnte.

Das Maschinengewehr hämmerte los, riss den gesamten Rumpf auf und traf sogar noch einen Flügelteil. Fähnrich Torring bemühte sich, die Maschine stabil zu halten, musste aber erleben, dass sie ihm nicht mehr gehorchte. Sie waren schwer getroffen, der Absturz nur noch eine Sache von wenigen Augenblicken. Die Albatros wackelte und tänzelte in der Luft wie ein angeschossener Greifvogel, der sich noch einmal aufbäumt. Dann war kein Halten mehr, die Maschine gehorchte dem Steuerknüppel nicht mehr, sondern neigte sich zur Erde.

In diesem Moment schoss der französische Jäger, der eine Kurve flog, um noch einmal anzugreifen, dicht vor ihnen vorüber, und trotz ihrer verzweifelten Situation hatte Torring die Nerven, noch einmal sein Maschinengewehr zu betätigen. Mit einem heiseren Auflachen sah er, wie die Kugeln in den Motor einschlugen, gleich darauf Flammen herausschlugen und der Franzose in einer dichten, schwarzen Rauchwolke ebenfalls steil nach unten flog.

Aber auch für die beiden Deutschen gab es kein Entrinnen.

Zwar gelang es dem Fähnrich Torring, die Maschine noch einmal in eine gerade Position zu bringen und damit die Notlandung etwas besser einzuleiten als im steilen Sturzflug. Trotzdem konnte er eine harte Landung nicht vermeiden. Die Albatros hüpfte zwei-, dreimal wie ein Gummiball auf, dann bohrte sich der Motor in den weichen Acker, das Schwanzteil richtete sich auf, die Maschine überschlug sich und blieb schließlich liegen.

Stille breitete sich um die beiden Piloten aus, die leblos in den Gurten hingen.

Dann blinzelte Richthofen etwas, tastete an seinen Gurten, in denen er kopfüber hing, und löste sie nacheinander. An den Seiten hielt er sich fest und rutschte auf diese Weise langsam aus der Maschine und lag schließlich für einen Moment regungslos auf dem weichen Boden.

„Fähnrich Torring?“

Keine Antwort.

Richthofen schüttelte seine Arme und Beine und stellte erleichtert fest, dass er sich nichts gebrochen hatte. Zwar brummte ihm der Schädel und an den Schultern machten sich die erlittenen Prellungen bereits bemerkbar, aber er konnte umherlaufen.

„Torring, sind Sie in Ordnung?“

Er stand neben dem ohnmächtigen Piloten und griff als Erstes an dessen Halsschlagader.

„Gott sei Dank!“, murmelte er leise, öffnete die Gurte des Mannes und zog ihn langsam aus den Trümmern der Maschine. Schritt für Schritt rückwärtsgehend und dabei den Mann unter den Armen mit sich schleifend, entfernten sie sich ein Stück weiter von ihrer Maschine, aus deren Motor eben kleine, bläulich schimmernde Flammen zuckten.

Ein rascher Blick in die nähere Umgebung, und Richthofen sah einen halb verfallenen Stall, kaum zwanzig Meter noch von ihnen entfernt. Erneut griff er dem Fähnrich unter die Achseln und zog den Mann bis unter das Dach.

Bei diesem überraschenden Luftkampf hatte niemand von ihnen weiter auf den Stand der Sonne geachtet. Jetzt war der Leutnant überrascht, dass die letzten, rot-goldenen Strahlen am Horizont versanken.

Aber erneut war da Motorengeräusch in der Luft, und Richthofen hoffte auf die Kameraden, die nach ihnen suchen würden. Gerade wollte er aus dem Stall treten und ein Zeichen geben, da erkannte er die Silhouette der französischen Maschine, die sehr niedrig auf ihre Absturzstellte zuflog. Rasch war er erneut in dem Schuppen und warf sich neben dem Fähnrich auf die Erde.

Da war auch schon das Hämmern der Bordwaffe zu hören.

Der französische Gegner wollte offenbar auf Nummer sicher gehen, denn er beschoss das Wrack noch einmal. Im nächsten Augenblick explodierte der Tank, und die hellen Flammen leuchteten hoch in den langsam dunkler werdenden Himmel. In der Ferne erstarb das Motorengeräusch, und der Fähnrich bewegte sich neben Richthofen stöhnend.

„Sind Sie in Ordnung, Fähnrich?“

„Ich glaube, mein Schädel explodiert gleich!“, lautete die Antwort. „Was ist geschehen?“

Richthofen musste bei dieser Frage auflachen.

„Wir wurden abgeschossen, Fähnrich. Gratulation zum ersten Abschuss einer feindlichen Maschine und zum gleichzeitigen Abschuss der eigenen! Es wird wohl eine lange Nacht für uns werden und zudem ein langer Marsch. Können Sie laufen?“

Fähnrich Torring erhob sich mühselig, machte ein paar Schritte und sagte schließlich: „Dann sollten wir wohl möglichst rasch aufbrechen, Herr Leutnant! Ich bin in Ordnung!“

Schweigend machten sich die beiden Piloten auf den Weg durch die Nacht. Der Sternenhimmel war klar und erleichterte ihnen die Orientierung. Doch zunächst einmal mussten sie den vom letzten Regen noch stark aufgeweichten Acker hinter sich lassen und waren froh, endlich wieder festen Boden unter den Füßen zu spüren, als sie auf einer schmalen Chaussee weitergingen.

Irgendwann tauchten vor ihnen in der Dunkelheit die Umrisse eines einsamen Bauernhofes auf. Richthofen wollte gerade sagen, dass sie das Gehöft umgehen und einen Bogen durch ein schmales Waldstück in Kauf nehmen sollten, als zwei große, kräftige Hunde anschlugen und sich wie toll gebärdeten. Zum Glück für die beiden Flieger waren sie an langen Ketten festgebunden, sie hätten sich sonst wohl gleich auf sie gestürzt und ließen sich durch nichts beruhigen.

Hinter einer Scheibe brannte noch Licht, und jetzt wurde eine Tür aufgerissen und eine männliche Stimme befahl den Hunden, still zu sein.

„Wer ist da? Gebt Antwort!“, rief ihnen der Mann in dem seltsamen Gemisch zu, das Richthofen schon längere Zeit in Ostende gehört hatte, aber oft auch nicht richtig verstehen konnte. Die deutschen Soldaten nannten das Flämisch, aber als Sprache ist das keine eigenständige, sondern eher ein Gemisch aus Französisch und noch mehr Anteilen der Niederländischen Sprache.

„Keine Sorge, wir sind harmlose Wanderer auf dem Weg nach Ostende!“, antwortete Richthofen in einwandfreiem Französisch.

„Soldaten? Und in der Nacht hier auf meinem Grund und Boden? Nehmt die Hände hoch und kommt herüber zu mir, ich habe etwas gegen Gesindel jeglicher Art!“, rief ihnen der Mann zu.

„Hören Sie, wir haben nicht vor …“

Ein Schuss krachte unmittelbar und die Stimme vom Haus klang drohend:

„Augenblicklich die Hände über den Kopf, damit ich sie sehen kann! Langsam näher kommen, sonst halte ich beim nächsten Schuss etwas tiefer. Albert, hast du die beiden auf dem Korn?“

„Auf jeden Fall, Vater, ich sehe sie genau und habe den Finger am Drücker!“

„Verdammt!“, fluchte der Leutnant leise. „Das hat uns gerade noch gefehlt! Ich hoffe, die beiden sind einsichtig, wenn wir Ihnen die Lage erklären!“

„Sieht nicht danach aus, Leutnant!“, antwortete Rolf Torring, als sie beide mit erhobenen Händen langsam auf das Haus zugingen. Erneut kläfften die beiden Hofhunde wie verrückt und zerrten an ihren Ketten.

Dann ging alles ganz schnell.

In der Tür hinter dem Mann mit dem Gewehr wurde ein zweiter sichtbar, der ebenfalls ein Jagdgewehr in den Händen hielt. Rasch war er hinter den beiden Fliegern, presste Richthofen den Lauf in den Rücken und schob ihn rücksichtslos in den Flur.

„Verfluchte Boche!“, vernahmen die beiden, dann traf sie ein harter Schlag auf den Kopf und ließ beide auf die Dielenbretter stürzen. Torring, den der Hieb nicht mit der gleichen Stärke wie seinen Leutnant getroffen hatte, wollte sich aufrichten und hatte die Hand schon an der Pistolentasche, als ihn erneut ein schwerer Hieb traf und er neben Richthofen ausgestreckt lag.

Gleich darauf versammelten sich neben dem Bauern und seinem Sohn auch die beiden durch den Lärm geweckten Knechte. Sie drehten die Ohnmächtigen auf den Rücken, nahmen ihnen die Pistolen ab und fesselten dann Hände und Füße. Anschließend wurden sie aufgenommen und über den Hof in eine Scheune getragen, wo man sie wie zwei Säcke auf die Strohballen warf. Danach wurde ein schwerer Balken vor das Tor in die Halterungen gelegt, und die vier Männer gingen lachend zurück ins Haupthaus.

 

 

3.

 

„Torring, sind Sie auch hier?“

„Ja, Herr Leutnant, und ich denke mal, nicht mehr sehr lange Zeit!“

Richthofen gelang es erst beim zweiten Versuch, sich trotz seiner Fesseln aufzurichten. Es roch stark nach Stroh und Heu, aber nur sparsam drang das Mondlicht durch die Ritzen der Bretter.

„Hört sich vielversprechend an. Wenn es nach mir ginge, würde ich diese gastliche Stätte auch rasch wieder verlassen. Unglaublich, dass ein solcher Übergriff von diesen … Bauern gewagt wurde. Die gehören vor ein Kriegsgericht!“

„Mir würde es genügen, mit heiler Haut davonzukommen, wenn Sie erlauben, Herr Leutnant!“, kam die Stimme des Fähnrichs, der sich offenbar mit seinen Fesseln abmühte.

„Können Sie Ihre Hände bewegen?“

„Ein wenig. Aber was viel besser ist – ich habe mein Messer aus dem Stiefel gezogen und bin dabei, die Stricke durchzuschneiden.“

„Sie haben ein Messer im Stiefel versteckt? Alle Achtung!“

Rolf Torring gab ein glucksendes Lachen von sich.

„Es ist eigentlich nur eine dünne, scharfe Klinge ohne richtigen Griff. Wahrscheinlich habe ich als Kind zu viele Abenteuer-Bücher gelesen, aber jetzt zeigt es sich, dass es gar nicht verkehrt ist, solche Dinge von seinen Papierhelden zu übernehmen. Zack – das war es also!“

Es raschelte heftig im Stroh, dann tasteten die Hände des Fähnrichs nach den Fesseln Richthofens, und der bemühte sich, sie so zu halten, dass sein Gefährte erkennen konnte, wo er schneiden musste.

Keine Viertelstunde später waren die beiden frei und tasteten sich durch ihr Gefängnis an den Wänden entlang.

„Durch das Haupttor geht es jedenfalls nicht hinaus!“, vermeldete Richthofen, nachdem er mehrfach vergeblich dagegengedrückt hatte.

„Vielleicht gibt es hier bei den Strohballen noch einen Hinterausgang oder wir können eines der Bretter lösen!“

Trotz ihrer gemeinsamen Bemühungen fanden sie keine weitere Tür, dafür aber eine Leiter, die auf den Boden führte und zudem ein etwas lockeres Brett direkt neben den aufgestapelten Strohballen.

Torring trat zweimal mit dem Stiefelabsatz dagegen und konnte es lockern, doch das Geräusch schallte weit durch die Nacht, und erschrocken zischte ihm Richthofen zu:

„Das war zu laut, die Hunde schlagen erneut an!“

Er eilte hinüber zum Scheuneneingang und presste sein Gesicht an die rauen Holzbretter, um etwas erkennen zu können. Im nächsten Moment war er wieder bei dem Fähnrich und raunte ihm zu:

„Ich fürchte, die Burschen haben etwas gehört und kommen zurück, um nach uns zu sehen. Schnell noch ein Brett heraus, damit wir uns durchquetschen können.“

Das tat der Fähnrich zwar, aber diesmal bemühte er sich, kein weiteres Geräusch zu machen. Trotzdem waren die Hunde jetzt sehr nahe zu hören, und eine unwirsche Stimme rief ihnen etwas zu.

Details

Seiten
84
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941531
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903769
Schlagworte
baron fähnrich feuerprobe rote torrings

Autor

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Titel: Der Rote Baron und Fähnrich Torrings Feuerprobe