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Union Pacific Express 46

2020 116 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Union Pacific Express 46

Copyright

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Union Pacific Express 46

Western von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 116 Taschenbuchseiten.

 

Glenn hat schwer geschuftet und aus dem Nichts in kurzer Zeit eine kleine Farm aufgebaut, um seiner Frau ein Heim zu schaffen. Jetzt ist er auf dem Weg zur Bahnstation, um sie abzuholen.

Als er durch das Tal reitet, begegnet ihm ein Nachbar und hält ihn auf. Der Mann stellt ihm komische Fragen und hebt plötzlich sein Gewehr, um ihn zu töten. Glenn schafft es, sich seiner Haut zu wehren, doch schon kommt neuer Ärger auf ihn zu. Ein Blizzard fegt durch das Tal. Hohe Schneewehen behindern Glenn. Da sieht er zu allem Unglück, dass die Brücke, über die die Bahnstrecke führt, schwer beschädigt ist. Die Brücke, über die der Zug fahren wird, in dem Glenns Frau sitzen wird.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

„Geben Sie mir doch noch eine Chance!“, fleht der bärtige Royce. Hager, mit Frostbeulen im Gesicht und zerschrammten Händen steht er vor dem klobigen Schreibtisch.

Dahinter sitzt ein breiter Mann, dessen Haar schon spärlich geworden ist; doch die Brauen sind buschig und tiefschwarz. Das Gesicht ist hart, der Blick verrät Energie. Alles in allem ein Mann, der gewohnt ist, Erfolg zu haben. Mr. James Siddlebey hatte diesen Erfolg drei Jahrzehnte lang. Jetzt ist er reich. Nicht nur die solide Kleidung verrät das, jeder in dieser Stadt weiß es.

Siddlebey schüttelt den Kopf. „Nein, Royce“, erwidert er bestimmt. „Ich habe mit Ihnen ausgemacht, dass Sie nach der Ernte zurückzahlen. Es ist kein schlechtes Jahr gewesen. Nun haben wir Winter. Vor Weihnachten wollte ich Sie auch nicht unter Druck setzen. Aber nun ist Mitte Januar. Entweder zahlen Sie bis heute Abend oder Sie verlassen Ihre Farm.“

Royce steht die Verzweiflung in seinem wettergegerbten Gesicht. „Mr. Siddlebey, ich kann doch jetzt bei dieser Kälte nicht wegziehen. Mr. Siddlebey, ich habe eine sechsköpfige Familie. Wir haben doch tiefen Winter. Wohin sollte ich denn?“

Siddlebeys Gesicht gleicht einer starren Maske, als er entgegnet: „Sie wussten doch auch schon im September, dass Winter kommen wird. Sie wussten es, und wo ist das Geld? Allein der Weizen

hat Ihnen zehnmal mehr gebracht, als Sie mir schulden...“

„Aber Sie wissen doch, dass Maxwell es mir schon gepfändet hat, bevor ich einen einzigen Schein sah.“

Siddlebey nickt. „Ja, das weiß ich. Und soll ich nun dafür den Finger in den Mund stecken? Ich will mein Geld auch! — Sie haben gepokert, Royce. Ein Mann mit Ihren Schulden kann nicht pokern.“

„Bitte, Mr. Siddlebey, lassen Sie uns jetzt im Winter nicht...“

Siddlebey betätigt die Tischglocke. „Bis heute Abend, Royce, nur noch bis heute Abend ...“ Ein Clerk aus Siddlebeys Bank tritt ein. Siddlebey wendet sich ihm zu und sagt: „Mr. Royce möchte gehen. — Übrigens, Nixon, haben Sie festgestellt, wann der Zug in Cheyenne ist?“

Der schmalbrüstige Clerk nickt eifrig. Devot erwidert er: „Gewiss, Mr. Siddlebey, gewiss. In etwa fünf Stunden ist der Zug hier, und wenn keine Verspätung vorliegt, wird er morgen früh in Cheyenne sein.“

„Gut, und noch etwas. Mr. Royce will heute Abend die zweitausend Dollar bringen. Ist er bis neun nicht hier gewesen und hat das Geld gebracht, sagen Sie Masterson Bescheid, Nixon!“

„Mr. Siddlebey, bitte!“, ruft Royce, der noch immer im Zimmer steht. Verzweifelt hebt er die abgearbeiteten Hände. Doch Siddlebey beachtet ihn gar nicht.

Nixon aber erwidert untertänig: „Gewiss, Mr. Siddlebey, gewiss, ich werde alles veranlassen.“

Plötzlich wendet sich Siddlebey wieder dem Farmer zu. „Gut, ich will kein Unmensch sein. Ich werde warten, bis ich aus Cheyenne zurück bin. Besorgen Sie sich das Geld doch bei Ihrem Pokerfreund Maxwell. Also damit gebe ich Ihnen noch drei Tage.“ Er lächelt mokant, aber er hat einen weittragenden Entschluss gefasst, ohne es zu wissen.

Denn nun lächelt auch Royce. Etwas verzerrt und keineswegs erleichtert. Nur die Idee ist es, diese furchtbare Idee, die seiner Verzweiflung entsprang. Sie lässt ihn lächeln.

In diesen Minuten bei Siddlebey ist aus dem friedlichen Farmer, der außer seiner Pokerleidenschaft keine Laster hatte, ein von Teufeln gehetzter Mann geworden. Eine Idee hat sich in sein Hirn gesetzt. Eine schreckliche Idee, die er für die Lösung aller Probleme hält.

„Nun dann. Royce, sehen Sie zu, dass Sie es auftreiben“, sagt Siddlebey und geht aus dem Zimmer.

Der hagere, große Farmer folgt ihm gesenkten Hauptes und mit schweren Tritten seiner klobigen Stiefel.

 

 

2

Royce hat zehn Jahre als Holzfäller mit einem Dutzend Norwegern in den Wäldern gelebt, bevor er heiratete und seine Farm gründete. In diesen zehn Jahren ist aus Royce ein Mensch geworden, der sich in der Wildnis zu Hause fühlt. Auch den Umgang mit jenem eigentümlichen Gerät Ski hat er von den Norwegern gelernt. Sonst kennt man hier nur die breiten geflochtenen Schneeschuhe, wie die Indianer sie tragen. Plumpe, hinderliche Dinger, mit denen man nur langsam im Schnee vorankommt.

Doch Royce kann Ski fahren. Er tut es auch im Winter oft genug. Außer seinen Kindern kann es in dieser Gegend keiner.

Royce fährt an diesem Tag nicht zurück zu seiner Farm. Die langen Norwegerskier angeschnallt, fährt er aus Julesbung heraus, den langen weiten Hang zum Lodge Pole Creek hinab, und dann auf der vereisten und zugeschneiten Fläche des Flusses aufwärts.

Rechts neben ihm verläuft die Bahnstrecke der Union Pacific Railroad. Links steigt das Ufer steil an bis hinauf zur Hochfläche, wo Prärie und Wälder hoch von Schnee bedeckt sind.

Klirrende Kälte herrscht hier im Flusstal. Doch Royce, der sich gleichmäßig wie ein Roboter bewegt, spürt sie nicht. Seine dicke Felljacke ist weiß von Reif, und sein Atem geht wie der Rauch aus einer Pfeife in Wolken über die Schultern.

Kein Lüftchen weht. Royce gleitet auf seinen Skiern ohne übermäßige Hast, doch stetig dahin. Hinter ihm steckt die lange Axt, die er stets mitführt, wenn er im Winter unterwegs ist. Und über der Felljacke trägt er seine Sharps umgehängt.

Manchmal wirft er einen prüfenden Blick auf die verschneite Bahnstrecke. Gestern ist hier noch ein Zug gefahren, und so sind die Schienen nur wenig mit Schnee bedeckt und kaum verweht.

Dann aber kommt der erste Wasserfall, der jetzt zu Eis erstarrt ist. Die Bahn führt durch einen Tunnel. Lange steht Royce vor dem Tunnelschlund und überlegt, sieht alles genau an, fährt dann aber weiter außen am Tunnel vorbei, muss den Hang hinauf und fährt dann in Gleitfahrt hinab ins Tal zurück, wo die Bahnlinie den Tunnel wieder verlässt.

Jetzt biegt die Bahn vom Fluss ab und steigt in Serpentinen die Höhe hinauf. Sie erreicht fast die Hochfläche, und die erste Brücke überquert den Creek, die Bahn läuft jetzt auf der anderen Seite, um nach der nächsten Flussbiegung wieder über den Fluss geführt zu werden.

Wieder steht Royce einige Zeit an den Brücken, sieht sie sich an, überlegt, schüttelt dann aber den Kopf und fährt weiter.

Nach drei Meilen hat er den Toger-Creek erreicht, der hier aus einem Seitental in den Lodge Pole Creek mündet.

Die Bahnstrecke geht jetzt ganz oben die Hochfläche entlang und überquert das Toger-Creek Valley mittels einer Brücke von gigantischen Ausmaßen.

Die Brücke ist völlig aus Holz gebaut. Ein Gewirr von Streben, Stempeln und Trägern. Ein ganzer Wald hat daran glauben müssen, um diese Brücke bauen zu können. Unzählige Stürme hat sie schon ausgehalten, hat geschwankt, hat gezittert, aber ist nicht zusammengestürzt. Auch schwere Züge trägt sie, selbst wenn einem angst und bange wird, wenn man dabei zusieht. Viele dieser großen Brücken haben zwei Jahrzehnte gehalten, ohne Schäden zu zeigen. Auch diese gilt als sicher.

Royce steht ganz unten und blickt an dem Gewirr von Holz hinauf. Und dann schnallt er die Skier ab, steckt sie in den Schnee, klopft sich den Schnee von der Jacke und nimmt sein Gewehr von den Schultern. Vorsichtig hängt er es an einem Querbalken auf.

Dann mustert er nachdenklich die Konstruktion der Brücke. Bis er begriffen hat, welche der dicken Rundhölzer am wichtigsten sind. Welche der Rundbäume sogenannte Schlüsselhölzer sind, wie die Bahningenieure sagen. Verstrebungen oder Stützen also, die unentbehrlich sind.

Drei solcher wichtigen Stützen hat Royce entdeckt.

Noch einmal überlegt er, zögert und fragt sich, ob er tun soll, was er tun will.

Doch schließlich wird die teuflische Macht stärker in ihm. Er fragt nicht mehr nach Unschuldigen. Er fragt nur noch nach Siddlebey, der nie mehr mit einem Zug zurück nach Julesburg kommen darf. Nie mehr.

Mit steinerner Miene zieht Royce die Axt aus dem Riemen. Er nimmt den Schneideschutz ab und fährt mit dem Zeigefinger prüfend über die scharfe Schneide. Dann spuckt er in die Hände, fasst den Griff fester und beginnt ins gefrorene Holz zu schlagen. Schlag um Schlag. Wie er es damals zehn Jahre lang getan hat, nur dass damals die Bäume gefällt werden mussten, dies hier aber eine Brücke ist.

Die Toger-Creek-Valley-Bridge.

Zweihundert Männer haben sie in vier Wochen gebaut. Mehr als hundert Männer haben das Holz dafür herangeschafft. Wochenlang.

Ein einziger Mann wird diese Brücke jetzt anschlagen. Drei Stunden wird er benötigen. Aber sie wird davon nicht einstürzen.

Nach Royces Plan soll sie das auch nicht. Der Zug, das Gewicht des Zuges, soll sie zum Einsturz bringen. Aber es kommt anders.

Wäre Royce nicht so verbittert, so mitgenommen und innerlich erregt, hätte sein wacher Instinkt es gespürt, was in der Luft liegt. Doch heute ist mit Royce alles anders. Er spürt nichts. Die plötzliche warme Luftströmung bemerkt er gar nicht. Er schuftet wie ein Berserker. Schlag auf Schlag hallt durch das Tal.

Manchmal hält Royce inne, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Denn mit einem Male ist die Luft noch milder, fast warm geworden, Und der Wind ist lind wie im Frühling.

Royce denkt nur an die zweitausend Dollar, an seine Familie, an den Winter und an Siddlebey, der sterben muss, weil er dann kein Geld mehr zu bekommen hat. Sterben!

Im Zug werden noch mehr Menschen sein als Siddlebey und der Schuldschein. Ja, der Schuldschein, den Siddlebey wie immer bei sich tragen wird. Immer schleppt er alle Schuldscheine mit sich herum.

Die anderen Menschen? Die alle mit in die Tiefe stürzen werden? Royce hat anfangs noch einmal an sie gedacht. Nun nicht mehr. Denn Royce ist nicht mehr derselbe, der er noch vor Stunden gewesen ist. Dieser Royce hier will nur noch Siddlebey vernichten... und den Schuldschein.

Er hat es selbst gewollt, redet sich Royce ein. Er hat die Frist bis nach seiner Reise verlängert. Ein Wink des Schicksals, behauptet Royce vor seinem Gewissen. Aber das Gewissen ist nun gar nicht mehr da.

Es wird dunkel, als käme schon die Nacht. Noch immer ahnt Royce nicht, was sich in den nächsten Stunden abspielen wird.

Doch er zeigt keine Hast. Zufrieden und mit einem diabolischen Lächeln um den Mund sieht er es sich an. Dann steckt er sorgsam die Axt weg, hängt sich das Gewehr um, schnallt die Skier an und fährt zurück.

Er kommt nicht weit. Als er keine Viertelmeile von der Brücke entfernt ist, sieht er den Reiter. Mann und Tier kommen den Fluss herauf. Dem zottigen Pferd reicht der Schnee bis zum Bauch. Der Reiter sitzt krumm und lässig im Sattel, den Hut tief ins Gesicht gezogen.

Schon am Hut und den von Schnee bedeckten Chaparals erkennt Royce in dem Reiter den Rindermann. Ein Anblick, der ihm ein Knurren entlockt. Auch das Pferd kommt ihm bekannt vor. Schließlich weiß er es. Das ist der Mann, der oben in Three Firs eine Ranch in Rekordzeit aufgebaut hat. Eigentlich einer von denen, die Royce nicht hasst. Dieser Scott hat geschuftet wie einstens Royce auch, um sein Anwesen aus dem Boden zu stampfen. Nur drei Cowboys hat er, alles Burschen wie er selbst. Von Scott heißt es auch, er wäre ein verschlossener Mann, der aber immer helfen würde, wenn jemand Hilfe brauchte.

Doch Royce denkt im Augenblick nicht an Scotts guten Ruf. Er rechnet sich nur aus, dass Scott in dieser Richtung auf die Brücke stoßen muss. Da wird ihm bestimmt einiges auffallen. Dazu darf es nicht kommen.

 

 

3

Glenn Scott zügelt seinen zottigen Braunen vor Royce, von dem er nur weiß, dass er ein kleiner Farmer aus dem Valley ist, der sich beim Pokern fast um Hof und Existenz gespielt hat.

„Hallo, Ben!“, ruft Glenn, und seine Stimme klingt wie ein Reibeisen.

Royce hebt die Hand ein wenig und ruft raukehlig: „Hallo, Glenn. Jagd?“ Glenn sitzt ab und versinkt bis über die Knie im Schnee. Er schlägt die Arme um die Schultern und stampft mit den Beinen auf, um sich zu wärmen. „Nein“, erwidert er, „keine Jagd. Ich wollte meine Frau vom Zug in Julesburg abholen. Sie wird jetzt immer auf meiner neuen Ranch bleiben. Aber der Sunday Pass ist verschüttet. Ich komme da mit keinem Pferd und keinem Schlitten durch. Jetzt muss ich sie in Sidney abholen, und wir machen eben den Umweg über Carper’s Tree.“

„Kommt denn ein Zug aus Cheyenne?“, fragt Royce. „Ich denke, heute Abend kommt einer aus der Gegenrichtung, aus Omaha?“

Glenn sieht nicht, dass Royce von Entsetzen gepackt ist. Vielleicht liegt das an Royces bärtigem Gesicht. Vielleicht auch an der Beherrschung eines Pokerspielers, dem keine Regung so leicht anzusehen ist.

„Der Zug aus Omaha trifft sich ja in Sidney mit dem aus Cheyenne. Ich wollte erst mit ihm bis Sidney fahren. Aber über den Telegrafen habe ich erfahren, dass Makers nur ein Pferd frei hat. Aber

sein Schlitten ist zweispännig. So bin ich also losgeritten. Es sind noch gut fünf Stunden Zeit. Wenn der Blizzard nicht früher kommt, schaffe ich es in zwei.“

„Blizzard?“, knurrt Royce, und erst jetzt empfindet er wissentlich, was in seinem Unterbewusstsein die ganze Zeit seine Sinne warnt. Natürlich, alles deutet auf einen Blizzard hin. Die warme Luft, der linde Wind.

„Und Sie, Ben?“, fragt Glenn.

„Jemand hat mir von einem Elchbullen erzählt. Aber ich habe keine Fährte gefunden. Dabei hätte ich das Fleisch gut gebrauchen können.“

Irgendwie hat Glenn das Gefühl, dass diese Angabe nicht stimmt. Zudem ist Royce sehr erhitzt. Und die Axt auf seinem Rücken zeigt keinen Reifbesatz. Im Gegenteil, sie ist sauber, als sei sie eben noch benutzt worden. Zur Jagd?

„Nun gut, ich muss weiter“, sagt Glenn und zieht sich in den Sattel.

„Ja, ich will auch heim.“ Royce wischt sich die Wassertropfen getauten Schnees aus dem Bart und steckt die Skistöcke in den Schnee. „Reiten Sie auf dem Fluss weiter?“, fragt er beiläufig.

Glenn wundert sich über diese Frage. „Natürlich, es ist der beste Weg. Haben Sie etwa geglaubt, ich wollte mit dem Pferd über die Berge?“ Er lacht, und Royce lacht mit.

„Sie haben recht, es war eine dumme Frage.“ Dann nickt er Glenn zu, ergreift seine Skistöcke und fährt weiter.

Glenn treibt den zottigen Braunen an. Plötzlich ertönt hinter ihm Royces Stimme: „Du hättest nicht reiten sollen, Scott!“

Dass Royce ihn duzt, irritiert Glenn nicht. Aber etwas im Tonfall ist alarmierend.

Er dreht sich um, und er sieht, dass Royce wieder steht, das Gewehr abgeschultert hat und es direkt auf Glenn richtet.

„Du brauchst die Hände nicht zu heben, Scott“, sagt Royce, und es klingt, als müsste er sich selbst Wut auf Glenn machen. „Dein Weg ist falsch, und ich kann es nicht ändern. Du hast zu gute Augen. Scott, du siehst zuviel. Aber ich habe sechs Menschen zu ernähren, da kann ich kein Risiko eingehen.“

Glenn weiß nicht, was in Royce gefahren ist, aber er spürt, dass er sich in äußerster Lebensgefahr befindet. Warum Royce schießen wird, ist ihm ungewiss, aber, dass er jeden Augenblick abdrückt, sieht Glenn ihm an.

Ein kaum merkliches Zusammenziehen der Augen, ein kaum erkennbares Zucken der Schultern von Royce, und Glenn wartet keine Sekunde mehr. Er wirft sich aus dem Sattel.

Der Schuss donnert wie aus einer Kanone über ihn hinweg. Wäre er im Sattel geblieben...

Glenn ist in den Schnee gefallen, fasst zum Revolver und zieht ihn. Er sieht durch den Schnee, der ihm auf den Brauen klebt, dass Royce hastig nachzuladen versucht. Die einschüssige Sharps hätte zwar einen Büffel umgerissen, doch nun wird Royce es nicht schaffen.

Royce lädt sehr schnell, und er ist fast damit fertig, als Glenn ruft: „Weg mit dem Gewehr! Fallen lassen!“

Royce denkt nicht daran. Hass verzerrt sein Gesicht. Hass auf das eigene Missgeschick vielleicht.

Er reißt das Gewehr hoch. Doch da zögert Glenn nicht mehr. Wer weiß, ob der Colt funktioniert? Er ist bereift und voller Schnee.

Doch der Peacemaker lässt Glenn nicht im Stich. Donnernd fegt das Geschoss aus dem Lauf.

Royce will sich zur Seite werfen. Aber er tut genau das Schlechteste. Denn Glenn hatte ihm auf die Schulter gezielt. Jetzt, gerade als der Schuss fällt, ist Royce mit dem Hals im Ziel. Und dort trifft es ihn.

Er lässt das Gewehr fallen und langt mit beiden Händen an die Wunde. Blut pulsiert durch die Finger. Vergeblich glaubt Royce, es mit den bloßen Händen verhindern zu können, dass er verblutet. Doch seine Schlagader ist getroffen. Die Schwäche kommt zusehends. Er sinkt in den Schnee, der überall mit roten Tupfen besprenkelt ist.

Glenn steht auf und stapft zu Royce hin. „Du Narr, du verdammter hinterhältiger Halunke ...“ Da sieht er, dass Royce verloren ist Er kann nicht helfen. Aber Royce hätte noch so viel zu sagen. Er kann es nicht mehr. Auch sein Kehlkopf ist verletzt. Royce kann nicht sagen, dass er eine Brücke angeschlagen hat. Er kann überhaupt nichts mehr sagen. Und nach zehn Minuten ist er tot. Eingeschlafen. Zuletzt hat er nichts mehr gespürt.

Glenn weiß nichts von der Brücke. Gar nichts. Er wird es auch nicht gleich erfahren, denn gerade als er sich über Royce beugt, beginnt die schwarze Wand des sich nähernden Blizzards näher zu kommen. Immer näher.

Als Glenn begreift, wie nahe die Gefahr schon ist, handelt er rasch. Er geht zu seinem Pferd, das bereits unruhig wird. Steif zieht er sich in den Sattel und reitet bis zu einer überhängenden Felswand. Er hat sie eben erreicht, als das Unwetter losbricht.

 

 

4

Der Blizzard jagt von Norden her durch das Toger-Creek-Tal. Es ist für den Schneesturm wie eine Straße, und was ihm im Wege steht, reißt er um. Tannen werden geknickt, andere einfach umgebrochen, und die gefrorenen Stämme knacken wie Glas. Dann prallen Sturm und Schnee gegen die Toger-Creek-Brücke. Hunderte Male ist der Sturm dagegen geprallt, aber nie hat er

sie stürzen können. Doch nun schwankt sie. Träger wirbeln im Sturm. Hölzer splittern. An der Westseite werden an die vierzig Querhölzer und Träger weggerissen. Doch die Brücke fällt nicht. Sie steht, leicht durchgebogen ist sie oben, und am Westufer sieht es aus, als stürze sie jeden Augenblick zusammen, aber sie steht noch.

Der Sturm tobt und schüttelt im Gebälk. Wieder gelingt es ihm, eine ganze Serie von Traghölzern herauszuwirbeln. Dann lässt der Blizzard nach. Die Schneemassen, die er vor sich hergeschoben hat, bleiben liegen. Doch alles hat sich im Tal abgespielt. Nicht oben auf der Hochfläche. Dort hat der Sturm die Schienen nicht verweht, sondern noch freigelegt. Doch die Telegrafenleitung hat er zerstört. Auf eine Länge von drei Meilen steht kein Mast mehr.

Die telegrafische Verbindung zwischen Julesburg und Sidney ist unterbrochen.

In diesem Augenblick rollt — weit vom Schauplatz des Blizzards entfernt — der Zug aus Omaha in Julesburg ein. Kurz danach besteigt ihn Mr. James Siddlebey.

Dieser Zug, der Union Pacific Train 55, ist mit insgesamt siebenundneunzig Menschen besetzt. Die drei Pullman-Expresswagen und der Packwagen werden von einer 440 American Standard gezogen, die unter der Nummer 89 fährt.

Um die gleiche Zeit ungefähr befindet sich der Union Pacific Express 46 mit einer modernen 460 Baldwin-Lok an der Spitze seiner fünf Wagen zwanzig Meilen vor Sidney. Dort ist die Strecke normal, Schnee, Kälte, aber keine Stürme, keine Wehen auf den Gleisen. Die Telegrafie zwischen Cross Station und Sidney ist in Ordnung. Der Zug kommt von Cheyenne und fährt rasch ostwärts. Er wird in wenigen Minuten Sidney erreichen, viel früher, als Glenn weiß. Denn der Conductor in Julesburg, der ihm die Ankunft des Zuges in Sidney nannte, hatte sich in der Zeit vertan. Ein Versehen. Nichts mehr.

Vielleicht hat dieser Bahnbeamte nicht daran gedacht, dass seit einer Woche andere Fahrzeiten gelten. Ihm selbst kann das auch gleich sein, denn er verwaltet nur das Güterlager.

Seit einer Woche treffen sich beide Züge, der aus Omaha und der aus Cheyenne, nicht mehr in Sidney. Seit einer Woche begegnen sie sich auf der Ausweichstelle Custer’s Repose, die etwa eine Meile entfernt von der Toger-Creek-Brücke ostwärts liegt. Oben auf der Hochfläche sind die Ausweichgleise mit den beiden Weichen noch im Herbst gelegt worden. Dort oben befindet sich auch eine kleine Holzbaracke, in der ein älterer Mann den Telegrafen bedient und die Weichen überwacht.

An diesem Januartag ist aber das Schicksal gegen die Union Pacific Railroad und gegen die Menschen, die mit dem Express 46 unterwegs sind. Während der Zug 55 noch immer in Julesburg hält, erreicht der Express 46 Sidney.

Binnen fünf Minuten ist der Zug abgefertigt. Aber er bekommt noch keine Ausfahrt. Wie es scheint, besteht für die insgesamt hundertelf Menschen in diesem Zug Hoffnung. Man hat keine telegrafische Verbindung zu Custer’s Repose. Wird deshalb der Zug in Sidney aufgehalten?

 

 

5

Glenn Scott hat meterhohe Schneewehen vor sich. Der Blizzard hat aus dem Tal eine Schneegrube gemacht. Alles ist darunter begraben, auch der tote Royce.

Mühsam quälen sich Glenn und sein zottiges Pferd voran. Immer wieder versinken sie im Schnee. Längst muss Glenn vor seinem Pferde gehen, doch mitunter scheint es, als kämen sie nie mehr aus dem Schnee heraus.

Mann und Tier dampfen vor Anstrengung, und nun ist mit dem Blizzard auch die Kälte wiedergekommen, noch stärker, noch schneidender.

Der Schnee ist pulvrig, leicht wie Watte. Er verschafft den Hufen des Pferdes keinerlei Halt. Es ist wie ein Kampf gegen Windmühlenflügel.

Endlich gelingt es Glenn, mit dem Pferd an die Mündung des Toger-Creeks heranzukommen. Und da sieht er die Brücke.

Sie steht noch, aber selbst ein Laie begreift, dass sie im äußersten Fall noch diese Nacht übersteht, falls nicht der geringste Lufthauch sie umwirft.

So lange steht sie gar nicht mehr. Gerade als Glenn mit Schaudern an die Gefahr denkt, die eine zerstörte Brücke für die Züge bedeutet, knackt es, dann prasseln einzelne Hölzer zu Tal, und mit einem Male vollendet ein leichter Windstoß die komplette Zerstörung. In einer Wolke aufwirbelnden Schnees und mit gewitterartigem Gedonner bricht das Bauwerk zusammen. Der Aufschlag unten ist leise, gedämpft von den Schneemassen. Und wo eben kühnes Ingenieurwerk das Tal überspannte, ist jetzt Himmel, düsterer Winterhimmel, der sich zusehends verdunkelt, denn es wird Nacht.

Glenn wundert sich, wie ruhig das Pferd alles mitangesehen hat. Doch als er erkennt, wie erschöpft das Tier ist, versteht er das.

Der Blizzard hat es unmöglich gemacht, rechtzeitig Sidney zu erreichen, Glenn geht noch immer von der Ankunftszeit aus, die ihm der Conductor in Julesburg genannt hat. Und so kreisen seine Gedanken nur darum, wie er nach Sidney gelangen könnte. dass für Kathy, seine Frau, Gefahr bestand, ja, dass der ganze Zug in Gefahr ist, denkt er nicht. Mit der Brücke sind die Telegrafenleitungen abgerissen. Das konnte er vorhin genau erkennen. Also wird der Zug in Sidney festgehalten werden. Und der andere, der aus Omaha kommt, wird nicht aus Julesburg herausgelassen. Ein ganz klarer Fall, so scheint es Glenn.

Von der Ausweichstelle, die nur eine Meile von hier auf der Hochfläche im Herbst gebaut wurde, weiß Glenn wenig. Er hat nur einmal davon gehört, doch ist zum Beispiel nicht bekannt, dass dort ein Telegraf ist und ein Mann da oben postiert wurde.

Die Sache mit Royce steckt Glenn noch in den Gliedern. Sicher, er hat in Notwehr gehandelt, aber Royce ist nicht irgendein Schießer oder Tramp. Dieser Farmer hatte eine sechsköpfige Familie zu ernähren, die zu Hause auf ihn wartet und noch nicht weiß, dass Royce nie mehr vor sie hintreten wird.

Mit diesen Gedanken führt Glenn sein Pferd weiter bis an die Trümmer der Brücke heran. Er hat sich ausgerechnet, dass er weiter hinten im Toger-Creek-Valley einen Aufstieg finden wird. Auf der Hochfläche wird er jedenfalls besser vorankommen als hier unten im hohen Schnee.

Und jetzt, im Dämmerlicht der anbrechenden Nacht, sieht er die Stümpfe, die mit einer Axt bearbeitet wurden. Trotz Schnee, trotz eines Gewirrs von Hölzern kann Glenn dies sehen. Er lässt das Pferd zurück und arbeitet sich durch die Trümmer hindurch. Bis er genau sieht, dass drei dicke Träger von einer Axt abgeschlagen wurden.

Jetzt begreift er es. Und nun beginnt er die ganze Geschichte zu verstehen. Die Gerüchte um Royce, von denen er ab und zu durch seine Cowboys hörte, die ihm von Royces Schulden, von seinen verzweifelten Versuchen berichtet hatten, im Pokerspiel Geld zu verdienen. Und da war auch noch eine andere Story. Der Bankier Siddlebey sollte angeblich schon seit dem Sommer noch Zweitausend Dollar von Royce bekommen. Richtig, er hatte ja selbst einmal mitangehört, wie Siddlebey zu Royce sagte: „Ich glaube, bei Ihnen helfen nur brutale Maßnahmen, Royce. Wenn ich das Geld in vier Wochen nicht habe, schmeiße ich Sie von Ihrer Farm. Ich warte nun schon ein halbes Jahr...“

Glenn versteht mit einem Male die Zusammenhänge. Vielleicht ist Siddlebey massiv geworden. Aber, das versteht er nun doch nicht, was hat es mit der Brücke zu tun? Es könnte nur so sein, dass dieser Siddlebey im Zug sitzt, der ... Moment mal! Hatte Royce nicht so komisch gefragt? Hatte er sich nicht gewundert, dass der Zug auch aus Cheyenne käme? Aha! Also wird dieser Siddlebey im Zug nach Cheyenne sitzen.

Ist dieser Zug etwa schon unterwegs?

Die Brücke! Ich muss diesen Zug aufhalten! Ich muss sie warnen!, fährt es Glenn durch den Kopf.

Nun hat er auf einmal keine Zeit mehr. Jetzt kann es um Minuten gehen, vielleicht sogar um Sekunden!

Hastig arbeitet er sich zu seinem Pferd zurück, das wie erstarrt im tiefen Schnee steht.

Glenn wickelt sich einen zweiten Schal um Ohren und untere Gesichtshälfte. Die Kälte hat noch mehr zugenommen. Doch bald ist ihm wieder warm, als er, das Pferd hinter sich, weiter durch die Wehen stampft, bis er endlich nach fast dreißig Minuten den nur wenige hundert Meter entfernten Aufstieg gefunden hat.

Der vereiste Pfad ist schmal. Trotzdem muss Glenn hinauf. Vorsichtig führt er das Pferd weiter. Es geht steil bergan, aber hier liegt kein Schnee. Blankes Eis bedeckt den Pfad. Die Hufe des Pferdes finden darauf kaum Halt. Selbst Glenn rutscht immer wieder aus.

 

 

6

Die zerstörte Brücke befindet sich also eine Meile westlich von Custer’s Repose auf der Strecke nach Cheyenne. Nur für den Zug 46 ist sie eine Gefahr. Der Zug 55 wird, aus Julesburg kommend, sowieso bei Custer’s Repose warten, um den Gegenzug 46 an dieser Ausweichstelle durchzulassen.

Das Tragische ist nur, dass mehrere Umstände zusammentreffen, die diese Situation geradezu heraufbeschwören, von der man sagen könnte, es wäre ein unabwendbares Unglück. Nichts ist unabwendbar daran, nur ein gefährlicher Zufall mischt in diesem Spiel mit.

Der Zufall ist, dass in Julesburg von einem Blizzard nichts bemerkt wurde. Ein weiterer, dass in Sidney zwar starke Kälte herrscht, der Himmel aber sternklar ist.

Noch schlimmer ist es, dass Old Wyman, der Streckenwärter in Custer’s Repose, in der letzten Zeit viel Kummer mit dem Telegrafen hatte. Nicht deshalb, weil Schneestürme tobten, sondern weil Korrosion seine Apparatur immer wieder außer Betrieb setzte. Man hat beim Bau seiner Hütte vergessen, den Telegrafen ausreichend gegen Feuchtigkeit zu isolieren. Da der alte Mann nicht erfrieren will, heizt er stark. Tauendes Eis zieht durch die Holzwände als klamme Feuchtigkeit in die Hütte und lässt Grünspan auf den Messingteilen des Telegrafen ansetzen. Der alte Mann aber wagt es nicht, die Apparatur zu prüfen. Er fürchtet, mit seinen weitsichtigen Augen womöglich beim Zusammensetzen etwas zu übersehen. Als Veteran der Bahn hat er ohnehin Angst, von der Gesellschaft zum alten Eisen geworfen zu sein.

Der Telegraf nach Julesburg und Sidney funktionierte schon nicht, bevor der Blizzard kam. Dieser teuflische Zufall hat es gewollt, dass er bereits eine halbe Stunde vor dem Sturm außer Betrieb war.

Verstümmelte Morsezeichen kamen noch in Sidney an, bevor gar nichts mehr ging. Und das genau ist der Grund, warum alles scheinbar unabwendbar wurde.

In Sidney kennt man indessen die Tücken von Old Wymans Telegrafen. Auch in Julesburg weiß man, dass moderne Technik ihre Schattenseiten hat.

Deshalb kommt weder in Julesburg noch in Sidney jemand auf die Idee, es könnte ein Sturm die Leitung zerrissen haben, besonders nicht in Sidney, wo der Himmel Tausende von Sternen zeigt.

Aber noch einmal bietet der gleiche Zufall eine Gnadenfrist.

 

 

7

Express 46 steht abfahrbereit. Die funkelnagelneue Baldwin-Lok 115 mit drei Triebachsen und zwei Laufachsen vorn steht unter Dampf. Heizer Jack Zander geht mit der Schmierkanne noch einmal um seine Maschine, ölt dort einen Pleuel, da ein Schublager. Weißer Dampf weht ihm um das von grimmiger Kälte blaugefrorene Gesicht. In seinem Schnurrbart perlt Eis.

Oben auf dem Fahrstand beugt sich der schmalgesichtige Lokführer Paul Middlebrook aus dem Fenster, blickt zurück über die Seitenfront der vier Pullmanwaggons und des Packwagens.

Der Bahnsteig ist nur mit leichtem Schnee bedeckt. Ein paar Kisten stehen in Höhe des Packwagens, und nur der Stationsbeamte ist noch draußen zu sehen. Alle anderen, die jemanden zum Zug brachten oder von da abholten, haben sich längst in das Stationsgebäude verzogen.

Das Zischen und Prusten der Lok klingt bei dieser Kälte unwirklich lärmend. Grelles Licht fällt aus dem Headlight, der großen Stirnlampe vorn auf der Lok. Dagegen wirken die wenigen Laternen vor dem Stationshaus matt und funzelig.

„Was ist, Jim, warum fahren wir nicht?“, ruft Jack Zander dem Stationsbeamten zu, der langsam näher kommt.

„Wir haben keine Verbindung mit Wyman.“

„Keine Verbindung mit Wyman? Vorige Woche hattet ihr auch keine.“

Der Stationsbeamte bleibt unterhalb des Fahrstandes stehen und grinst zu Middlebrook hinauf. „Sie wollen ja schon lange einen Jüngeren nach Custer’s Repose schicken, aber der Streckenboss meint, Wyman wäre schon dabeigewesen, als die Linie hier zu laufen begann, nun soll man ihn nicht abschieben wie einen alten Gaul.“

„Recht hat er. Wyman ist zuverlässig. Was kann er dafür, wenn ihm die Gesellschaft einen miserablen Telegrafen gibt“, meint Middlebrook, und seine Bassstimme dröhnt wie aus einem Tunnel über den Bahnsteig.

„Wollt ihr warten, bis Wyman zu Fuß Bescheid gesagt hat?“, fragt Zander spöttisch.

Der Stationsbeamte schüttelt den Kopf. „Nein, ihr könnt bald fahren, aber wir trauen uns nicht, den Güterzug eine Stunde später nachzuschicken. Deshalb telegrafiert Powers gerade mit dem Boss in Cheyenne, ob wir den Güterzug nicht direkt hinter eurem fahren lassen können.“

„Ankoppeln?“, knurrt Zander.

Middlebrook bleckt die Zähne. „Wir fahren mit einer Expresslok, und ihr hängt uns eine lahme Pittsburgh mit einem Güterzug dahinter. Da sind wir ja die doppelte Zeit unterwegs.“

„Jim, das kann doch nicht euer Ernst sein“, ruft Zander empört.

Der Stationsbeamte zuckt die Schultern. „Wenn ich auf ein Zeichen aus Custer’s Repose warte, könnt ihr stehen, bis ihr schwarz werdet. Dann schon lieber mit dem Frachtzug zusammen fahren.“

Zander lacht schallend. „Mann, wenn wir noch eine American Standard vor dem Zug hätten, wären wir direkt froh, von einer Pittsburgh bei der Talfahrt mitgebremst zu werden. Aber hier ... sieh dir diesen Prachtschinken doch einmal genau an! Dieses Pferdchen hier flitzt doppelt so schnell wie eine Standard. Wenn ich dieser Elly ordentlich Kohle unter den Hintern streue, macht sie die Strecke bis Julesburg in der halben Zeit. Und diesem Tierchen willst du einen Güterzug an den Schwanz binden. Dazu noch mit ’ner halbverrotteten Pittsburgh. Mann, Jim, auf einer Pittsburgh bin ich schon gefahren, als diese Strecke noch gar nicht existierte.“

„Hört doch damit auf! Wenn ich euch fahren lasse, und unterwegs ist etwas passiert, ein Achsenbruch oder sonst etwas. Dann erfahre ich das doch nicht. Wenn der Telegraf ginge, wüsste ich genau, wann ihr in Julesburg oder schon vorher in Custer’s Repose angekommen seid. So aber würde der Güterzug womöglich hinten auf euren Express knallen.“

„Das stimmt. Dazu ist sogar eine Pittsburgh gut genug.“ Middlebrook nickt gelassen. „Also warten wir auf den Güterzug... Da kommt ja auch Powers.“

Der Telegrafist läuft über den Bahnsteig und ruft schon von weitem: „Der Boss stimmt zu. Wir sollen ankoppeln.“ Er blickt zu Middlebrook hinauf. „Er lässt euch sagen, ihr sollt auf Sicht fahren. Lieber zwei Stunden später in Julesburg als gar nicht.“

„So ein blitzgescheiter Junge!“, höhnt Zander.

„Ja, er war schon immer ein kluges Kind.“ Middlebrook wendet sich Jim zu. „Nun los, hängt die Pittsburgh mit dem verdammten Güterzug dahinter.“

„Und sag dem Boss, Powers, dass er sich mal etwas einfallen lassen soll, was den Telegrafen in Custer’s Repose angeht“, fügt Zander hinzu.

Es dauert eine halbe Stunde, bis die Pittsburgh 460 mit der Nummer 21 angehängt ist. Dahinter ein Frachtzug mit sechzehn Wagen. Für die enormen Steigungen und Gefälle der Strecke ziemlich viel.

Middlebrook sieht es und meint zu Jim: „Ihr seid heute so sparsam, Jim. Am besten, wir warten noch ein Dutzend Güterzüge ab und hängen sie dahinter. Ich bin direkt gespannt, wie sich das an der Toger-Creek-Brücke macht, wo wir mit acht Prozent Gefälle ankommen.“

„Du wirst es schon packen, Paul“, erwidert Jim gleichgültig. „Bis jetzt hast du noch jedesmal Vorstellungen geben wollen, wenn wir mal einen Sonderwunsch hatten. Und nachher ist alles wie von selbst gelaufen.“

„Also mit dieser Last im Kreuz fühl’ ich mich auch nicht gerade wohl“, erklärt Zander.

Der Lokführer und der Heizer der Pittsburgh kommen nach vorn. Zwei alte Haudegen der U.P.R.R. „Hallo, Paul, hallo Jack!“, ruft der Lokführer. „Wir machen nur dreißig Sachen, wenn alles drauf ist. Ich denke, dafür werdet ihr Verständnis haben müssen.“

Zander nickt. „Paul hat sich schon damit abgefunden, dass wir Schildkröten im Schlepp haben.“

„Vielleicht sollte ich dir dafür eine Schaufel Kohle um die Ohren schmeißen, du eingebildeter Affe!“, brüllt der Heizer der Pittsburgh.

Jim winkt ab. „Schluss jetzt! Steigt auf euren Dampfer! Jetzt wird gefahren.“

„Ab und zu hat Jim doch noch Talent zum Eisenbahner“, frotzelt Zander.

Kurz darauf beginnt das Läutewerk der Baldwin-Lok zu laufen. Die Dampfpfeife kreischt schrill auf, und hinten antwortet die Pittsburgh mit urigem Pfiff, der sich wie das Schnauben eines Wales anhört.

Die Baldwin pufft, Dampf quillt dick auf den Bahnsteig und hüllt Jim ein. Die Räder drehen durch. Zander zieht die Sandschütte, und nun packen die Räder und ziehen an. Hinten schnaubt die dicke Pittsburgh wie ein Ackergaul.

Der Konvoi fährt. Schneller, immer schneller, und endlich ist das Läuten der Baldwin fern. Nur die rote Lampe am Schluss des Frachtzuges ist eine Weile zu sehen, dann sieht Jim auch sie nicht mehr.

Als Jim zum Stationsgebäude geht, steht in der Tür eine Frau, ganz mit einer Decke eingehüllt, die sie über den dicken Mantel geschlagen hat. Im trüben Licht kann Jim ihr Gesicht nur als hellen Fleck ausmachen.

„Mister, sind Sie der Telegrafist?“, fragt sie mit einer Stimme, die Jim verrät, dass es keine alte Frau sein kann.

„Nein, Madam, aber warum warten Sie hier in der Kälte? Drinnen brennen drei gute Sägespäneöfen. Die Wärme würde Ihnen besser tun, als hier in der Kälte zu stehen ...“

„Ich war eben drin, aber man hat mir gesagt, der Telegrafist wäre draußen.“

„Nicht mehr. Kommen Sie, ich führe Sie zu ihm. Wollen Sie telegrafieren?“

„Ja, nach Julesburg.“

„O Madam, da haben Sie aber seltenes Pech. Die Leitung funktioniert nicht.“

„Mein Gott“, sagt sie verstört, „da hätte ich doch besser im Zug bleiben sollen.“

Sie gehen in Jims Büro, wo es anheimelnd warm ist, und im Lampenschein der Kerosinbeleuchtung sieht Jim, wie hübsch die junge Dame ist. Er wird gleich noch freundlicher als eben und bietet ihr eine Tasse heißen Kaffee an. Sie nimmt das Angebot an und fragt dann: „Gibt es wirklich keine Möglichkeit, mit Julesburg Verbindung ...?“ Jim schüttelt den Kopf. Der Anblick der schwarzhaarigen Schönen verwirrt ihn. Den Ehering an ihrer linken Hand hat er noch nicht bemerkt, obgleich sie die Handschuhe ausgezogen hat.

„Es gibt keine Möglichkeit. Unser Telegraf hat seine Mucken, Madam. Aber warum sind Sie denn ausgestiegen, wenn Sie doch nach Julesburg wollten?“

„Da war jemand im Zug, der meinen Mann kennt. Er sagte mir, er hätte ein Pferd und einen Schlitten bereithalten müssen, und...“

Powers ist eingetreten und hat die letzten Worte gehört. „Ah, sind Sie etwa Mrs. Scott?“ Als sie nickt, fährt er fort: „Das Telegramm Ihres Mannes war so ungefähr einer der letzten Sprüche. Ich wette, er wird bald hier sein. Er wollte ja mit einem Pferd kommen, weil Makers nur ein Pferd verleihen kann. Es war sicher Makers, der Ihnen Bescheid gegeben hat, Madam?“

„Ja, ich glaube, so ähnlich heißt er. Ich habe seinen Namen nicht so genau verstanden.“

„Na ja, dann warten Sie mal hier auf Ihren Mann“, sagt Jim lächelnd, und der Gedanke, diese hübsche Frau eine Weile bei sich zu wissen, ist ihm absolut nicht unangenehm. „Ihr Mann wird schon kommen. Wer weiß, wozu es gut ist, Madam“, fügt er hellseherisch hinzu.

 

 

8

Als Glenn die Hütte erreicht, sieht er zunächst nur den schummrigen Lichtschein aus dem Fenster fallen. Das ganze Haus ist über und über mit Schnee bedeckt, ausgenommen die Vorderseite, die windgeschützt war, als der Blizzard herantobte.

Glenn lässt sein Pferd stehen, tritt an die Tür und schlägt mit dem Kolben seines Revolvers dagegen. Doch niemand öffnet. Nun geht Glenn zum Fenster, aber die Scheiben sind angelaufen, und nur der Lichtschein schimmert durch.

Noch einmal klopft Glenn an. Als noch immer kein Laut in der Hütte ertönt, versucht er die Tür zu öffnen. Sie ist festgefroren, so dass er erst glaubt, sie sei verschlossen. Doch als er sich dagegenwirft, springt sie auf:

Er sieht einen Tisch, darüber die Kerosinlampe, zwei klobige Hocker und hinten einen Kanonenofen. Daneben eine Bank, auf der etwas Dunkles liegt. Glenn geht näher heran und erkennt einen Mann.

Als er ihn berührt, regt sich der Mann nicht. Er versucht ihn auf den Rücken zu drehen. Da hört er einen leisen Seufzer.

Um besser sehen zu können, hängt Glenn die Lampe an und leuchtet dem Mann ins Gesicht. Ein altes Gesicht und wachsbleich.

„Eh, Mann, aufwachen!“, ruft Glenn.

Er weiß nicht, wer dieser Mensch ist. Er weiß ja nicht einmal, dass dies hier jene Ausweichstation Custer’s Repose ist, von der in der Stadt erzählt worden war, als man sie baute.

Der alte Mann blinzelt plötzlich. Dann öffnet er erschöpft die Augen. „Was ... was ist?“, fragt er matt.

„Ist das hier eine Station oder etwas von der Bahn?“, erkundigt sich Glenn, denn er hat den Telegrafen auf der anderen Seite in der Hütte noch nicht gesehen. Draußen war es auch zu dunkel, um etwas zu erkennen.

„Ja ... was ist... der Telegraf... ich ... ich kann nicht... mein Bein ... solche Schmerzen ... das Eis ... auf den Schienen ... bin ausgerutscht. .. helfen Sie mir!“

„Moment!“, erwidert Glenn, sieht sich um, entdeckt ein paar Decken und packt sie. Rasch läuft er damit nach draußen, wirft sie seinem Pferd über und kehrt zurück.

Der Alte hat sich indessen aufgerichtet. Das eine Bein lang auf der Bank ausgestreckt sitzt er mit schmerzverzerrtem Gesicht da und schaut Glenn entgegen.

„Was ist mit dem Bein?“, erkundigt sich Glenn, zieht sein Bowiemesser unter der Jacke hervor und schlitzt einfach das Hosenbein auf. Da sieht er den Bluterguss auf dem Knie des alten Mannes. Es scheint sehr schmerzhaft zu sein. Eine ungeheure Schwellung lässt das Knie und einen Teil des Oberschenkels unförmig erscheinen.

Glenn legt einen Lappen über die Schwellung, holt von draußen Schnee und packt ihn auf den Lappen. Dann bedeckt er alles mit einem Tuch, das neben dem Ofen hängt.

Der Alte spürt wohl etwas Erleichterung. „Mir ist schlecht geworden vor Schmerzen. Ich glaube, gebrochen ist da auch etwas.“

„Schon möglich. Sie dürfen das Bein nicht bewegen. Nachher werde ich es Ihnen schienen. Es ist also ein Bahnposten hier?“, fragt er dann, als er den Telegrafen entdeckt.

„Ja, in einer Stunde kommt der Zug aus Cheyenne, und der aus Julesburg muss auch gleich dasein. Bleiben Sie solange und halten Sie den nach Julesburg auf, dass er mich mitnimmt. Ich muss zu einem Arzt... Ah, jetzt kommen die verfluchten Schmerzen wieder ...“ Er ballt die Hände zu knochigen Fäusten, aus denen jedes Rot gewichen ist.

Glenn beugt sich vor. „Haben Sie gesagt, der Zug aus Cheyenne käme?“

Details

Seiten
116
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941517
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903766
Schlagworte
express pacific union

Autor

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Titel: Union Pacific Express 46