Lade Inhalt...

Redlight Street #138: Peinliches Wiedersehen

2020 96 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Peinliches Wiedersehen

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

Peinliches Wiedersehen

Redlight Street #138

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 96 Taschenbuchseiten.

 

Jürgen hat Krach mit seiner Evi. Er ist fortgelaufen und während er sich von Evi erholt, hat er einen Traum von seiner Jugendliebe. Vor dreißig Jahren hatte er Renate wirklich sehr geliebt. Um nicht schwach zu werden und reumütig zu Evi zurückzukehren, bittet er seine Kollegin Gisela, zusammen mit ihm seine Jugendliebe zu suchen. Gisela ist nicht begeistert, willigt aber trotzdem ein. Es dauert auch nicht lange, bis sie Renate ausfindig machen. Jürgen ist sofort Feuer und Flamme. Er himmelt seine Renate an. Gisela ist aber misstrauisch. Etwas stimmt mit dieser Frau nicht.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

 

1

Die braunen Haare wehten im Winde. Ihre Augen lachten ihn an. Sie war voller Lebenslust. Immer wenn er nach ihr greifen wollte, sprang sie ein kleines Stückchen weiter weg.

»Ich bekomme dich doch noch«, rief er ihr lachend zu.

Sie lachte zurück.

Es war Sommer, und herrlich klar und blau war der Himmel. Für die beiden war es wie ein ewiger Frühling.

»So komm doch! Komm doch endlich!«

Die Straße lag wie ein Silberband vor ihnen. Ihr helles Lachen brach sich an den Häuserwänden.

»Wirst du jetzt endlich kommen?«

»Aber sicher!«

Das bunte Kleidchen wehte ihr um die schlanken Schenkel.

Alles an ihr war schmal und rassig.

»Gleich habe ich dich! Warte nur!«

Sie war so flink wie ein Reh!

Immer wieder entglitt sie ihm. Dann war sie um die Ecke entschwunden. Ihm war, als hätte die Sonne aufgehört zu scheinen.

»Das gibt es doch nicht«, murmelte er vor sich hin. »So schnell kann man nicht verschwinden.«

»Renate, Renate!«

Er hörte ihr Lachen nicht mehr.

Das Herz wurde ihm schwer.

»Renate, so bleibe doch stehen! Ich bitte dich, mach keine Scherze!«

Stille!

»Renateeee!«

Er bog um die Ecke!

Leere erwartete ihn dort.

Angst hielt ihn umklammert.

»Das kann doch nicht wahr sein. Es darf nicht wahr sein! Nein, nein.«

Er sah in der grauen Straße einen großen Stein liegen. Verzweifelt ließ er sich darauf nieder.

Ständig dachte er an Renate. Noch am Morgen hatte er bei ihr durch das Schlüsselloch geschaut. Er wollte sie nackt sehen, in ihrer ganzen Schönheit.

Hatte sie es geahnt?

Es war stockdunkel in dem Raum!

Bis er merkte, dass sie etwas vor das Schlüsselloch gehängt haben musste.

Er lächelte.

»Kleines Biest! Nach außen hin tust du so unschuldig! Aber ich kenne dich ganz genau. Du machst mich wild mit deinen Reizen. Ich kann ohne dich nicht mehr leben. Und das weißt du ganz genau.«

Er wusste nicht, wie lange er auf dem Stein gesessen hatte. Aber irgendwann kam ihm der Gedanke: Ich habe sie verloren! Ich habe sie wirklich verloren!

Er konnte nicht mehr bleiben. Er musste zurück, obwohl er es nicht wollte. Er musste zurück!

Seine Tränen liefen nun unaufhaltsam. Er hörte die Stimme seiner Mutter wie aus weiter Ferne: »Ein Junge weint nicht!«

Aber er konnte nicht anders! Alles in ihm war wie ausgehöhlt, wie leer.

»Renate!«

Sie blieb verschwunden.

Warum hast du das getan? Warum hast du mich verlassen? Oh, Renate!

Ganz deutlich sah er ihr Bild vor sich. Es verfolgte ihn. Er hatte noch ihr Lachen im Ohr.

Und dann glaubte er zu stürzen. Er fiel und fiel und dachte, jetzt ist alles aus!

Er breitete seine Arme aus und wollte sich irgendwo festklammern. Ich will nicht sterben, nein ich will nicht sterben!

Plötzlich blieb er stehen und riss die Augen auf. Jürgen Graser starrte wild um sich. Im ersten Augenblick begriff er nichts!

Gar nichts!

Wie kam er in dieses fremde Zimmer?

Wurde er langsam verrückt?

Lange Zeit starrte er die Tür an, als könne sie ihm sagen, wo er sei! Als nichts geschah, stand er auf und trat zum Fenster.

Er sah Schiffe unten im Hafen liegen. Segelschiffe! So viele, dass er sie schon nicht mehr zählen konnte.

Erst jetzt begriff er, dass er das alles nur geträumt hatte.

Er wunderte sich: »Dass man so klar und deutlich träumen kann!«

Er reckte sich. Als er zum Spiegel ging, sah er zu seiner grenzenlosen Verblüffung, dass er wirklich geweint hatte. Hastig wischte er die Tränen fort.

»Renate«, sagte er nachdenklich.

Dann musste er doch ein wenig lächeln.

Jürgen rasierte und duschte sich. Dabei musste er immer wieder an das Mädchen denken. Er war jetzt fünfundvierzig. Renate war seine ganz große Jugendliebe gewesen. Das war wirklich ulkig. All die vielen Jahre hatte er nicht mehr an sie gedacht. Und jetzt erinnerte er sich wieder an alles!

Auf Anhieb fiel ihm auch wieder ihre Adresse ein.

»Das ist wirklich ein Witz«, murmelte er vor sich hin, während er sich anzog.

Auch als er den Frühstücksraum betrat, konnte er Renate nicht vergessen. Die langen Zöpfe, ihre lachenden Augen, die grazile Figur! Alles war so deutlich, als hätte er sie erst eben verlassen! Dreißig Jahre waren seitdem vergangen.

»Mein Gott, dreißig Jahre ist das schon her!«

»Haben Sie etwas gesagt?«

Ein fremder Ober blickte ihn fragend an.

»Nein, entschuldigen Sie! Ich habe mit mir selbst gesprochen!«

»Sie dürfen sich selbst bedienen! Dort drüben ist alles vorbereitet.«

»Ja, danke!«

Jürgen blieb sitzen.

»Soll ich Ihnen den Kaffee oder Tee bringen?«, fragte der Ober.

»Wie?«

Jürgen war schon wieder mit seinen Gedanken in die Vergangenheit gerutscht.

»Kaffee!«, bestellte er dann hastig.

»Sehr wohl der Herr.«

»Ich mache mich noch lächerlich«, murmelte Jürgen vor sich hin und stand auf.

Warum habe ich eigentlich nach so langer Zeit von Renate geträumt. Das verstehe ich einfach nicht. Weil ich einsam bin? Oder weil mir Evi auf die Nerven geht?

Aber er war ohne Evi hierhergekommen! Er hatte sich wirklich dazu durchgerungen. Es war ein schönes Gefühl, nicht mehr ihre Nörgelei hören zu müssen, sie endlich spüren zu lassen, wie gleichgültig sie ihm geworden war. Vielleicht würde sie nicht mehr da sein, wenn er heimkam.

Ja, jetzt dachte er wieder an seine überstürzte Flucht. Er hatte schnell fortreisen müssen, sonst hätte seine Schwäche ihn wieder davon abgehalten.

Evi war wieder einmal nach einem Zank aus der gemeinsamen Wohnung gelaufen. Früher war sie oft lange weggeblieben, und er hatte dann viele Ängste ausgestanden, hatte sich lächerlich gemacht und sie bei Freunden gesucht.

Und sie hatte sich einen Spaß daraus gemacht. Hatte ihn oft und oft schwören lassen, dass er ohne sie nicht leben könne. Und er war auch noch so dumm gewesen und hatte ihr nachgegeben. Weil er zu schüchtern war, neue Bekanntschaften zu schließen. Er sehnte sich nach einer Frau. Diese Sehnsucht wurde manchmal unendlich stark, so dass er das große Zittern bekam. Doch wenn er dann vor einer Frau stand, wurde er rot und verlegen, murmelte schnell ein paar Worte und machte sich schleunigst aus dem Staub.

Nicht mal Evi hatte er sich selbst ausgesucht! Auch dazu hatten die Freunde herhalten müssen. Und Evi war ein Biest!

Sie war fortgegangen, und er hatte überstürzt einen kleinen Koffer gepackt und sich ein Taxi bestellt. Ohne viel nachzudenken, war er zum Bahnhof gefahren und hatte sich gesagt, der Zug der als nächster fährt, den nehme ich.

Auf diese Weise war er hier in Flensburg gelandet.

So weit im Norden war er noch nie gewesen.

Bis Hamburg war er schon gekommen, doch da war für ihn Deutschland zu Ende gewesen. Er hatte gar nicht gewusst, dass es hier oben im Norden so schön war. Schon vom Zug aus hatte er die Weite der Landschaft bemerkt und war erstaunt gewesen über diese seltsame Gegend. Ja, so kam sie ihm vor, seltsam unwirklich, ein wenig schwermütig. Sie packte einen und ließ einen nicht mehr los.

Jürgen hatte das Gefühl, dieses alles schon einmal gesehen zu haben. Es kam ihm alles so bekannt vor! Das Meer, die Kühe, die Landschaft und die Häuser mit den dicken Strohdächern. Und die vielen Fischkutter.

Verwirrend und schön war die Stadt und das Hinterland!

Er nahm sich vor, alles gründlich zu erkunden. Nichts würde ihn daran hindern. Evi war so weit weg, und was so schön an der ganzen Sache war, sie wusste nicht wo er war!

Endlich hatte er den Mut aufgebracht und war fortgelaufen, ohne ihr ein Wort zu sagen.

Aber warum war ihm das alles hier so vertraut? Warum hatte er das Gefühl, als würde er heimkommen?

Renate!

Sicher, wegen Renate, dachte er entzückt! Jetzt verstehe ich es erst richtig. Jetzt verstand er auch die Bedeutung seines Traumes.

Er war in Renates Welt gekommen!

Sie hatte immer von Schleswig gesprochen, leidenschaftlich und lebhaft. Immer hatte sie alles mit diesem Land verglichen, hatte ihm immer wieder gesagt: »Ich kann nicht woanders leben. Das kannst du einfach nicht verstehen, Jürgen! Wer hier oben geboren ist, der ist mit seinem Land verbunden!« Richtig, das waren immer ihre Worte gewesen.

Jürgen lächelte vergnüglich vor sich hin.

Vom Nebentisch blickte man ihn erstaunt an.

Macht nichts, dachte er fröhlich, macht wirklich nichts! Sie kennen mich ja nicht.

Renate!, dachte Jürgen immerzu.

Nein, sie blieb in seinem Hirn wie festgeklebt. Und Jürgen war gar nicht traurig darüber. Er fühlte sich nicht allein. Sie war ja bei ihm, und die Vergangenheit stieg wieder auf. Er sah sie jetzt auch mit wachen Augen vor sich. Besonders das hübsche Haar, ihre langen, langen Zöpfe!

Jürgen schob die Tasse zurück, um besser träumen zu können.

Wie war das eigentlich gewesen? Wie hatten sie sich kennengelernt? Er, der Frankfurter, und sie, die erdverbundene Schleswigerin?

Da war der Krieg gewesen und dann das Leben danach. Sie waren so unterernährt und dünn gewesen, diese Nachkriegskinder. Sie hatten wirklich nichts zu lachen gehabt. Und kränklich waren sie auch gewesen. Und so waren sie eines Tages in die Berge verschickt worden. Mit einem Plakat um den Hals mit dem Namen, einer Nummer, dem kleinen, schäbigen Koffer in der Hand. So hatten sie dagestanden und ängstlich gewartet.

In der ganzen Meute sah er dann nur dieses Mädchen! Sie sah ängstlich, scheu und verweint aus! Sie hatte so schreckliches Heimweh gehabt! Sie hatte so jämmerlich ausgesehen, dass er einfach über seinen Schatten gesprungen war und sie angesprochen hatte. Das war der Beginn einer langen Freundschaft gewesen. Sie war ein wenig aufgetaut, und wenn sie allein waren, hatte sie immerzu von ihrer Heimat gesprochen. Alles kam jetzt wieder in Erinnerung. Er roch sogar das Heu! Damals hatten sie auf einer bayerischen Wiese gelegen, und sie hatte gesagt: »Bei uns, Jürgen, also bei uns, da ist alles ganz, ganz anders!«

»Anners« hatte sie immer gesagt. Und statt Guten Morgen, Guten Tag, immerzu nur »Moin, Moin«, was ihn stets amüsiert hatte. Aber die Betreuerinnen fanden das gar nicht lustig.

Zwei Monate waren sie in den Bergen gewesen, und dann hatten sie sich wieder trennen müssen. Aber sie schrieben sich eifrig und eines Tages erlaubte die Mutter, dass Jürgen Renate einladen durfte nach Frankfurt.

Das war ein Erlebnis!

Er war fünfzehn gewesen! Der Junge war zum Mann erwacht! Er liebte Renate.

Und Renate kam!

In Frankfurt hatte sie nie Heimweh gehabt!

Sie waren immer beisammen gewesen, ununterbrochen!

Jetzt dachte er auch wieder an das Schlüsselloch! Wieder lächelte er amüsiert vor sich hin. Ob sie es wohl gewusst hatte, dass er ein wenig spionieren wollte? Oder hatten die Dielenbretter ihn verraten? Schade, er hätte es gern gewusst! Renate war so ein hübsches Mädchen.

Einmal hatte er gehört, wie die Mutter zum Vater sagte: »Sie sind im gefährlichen Alter, Vater, wir dürfen sie nicht mehr allein lassen, verstehst du mich?«

Anfangs hatte er nichts damit anfangen können, hatte darüber geschmunzelt! Damals war man so prüde gewesen! Die Mutter hatte ihn also durchschaut!

Es war ein Erlebnis! Nach dreißig Jahren die Zusammenhänge zu erkennen!

Vierzehn Tage war Renate bei ihnen gewesen! Es waren die schönsten Jugendtage gewesen. Und dann hatte man sich viele Jahre lang Briefe geschrieben.

Warum eigentlich hatten sie sich nicht wiedergetroffen? Warum war man nicht in Verbindung geblieben?

Ganz dunkel konnte er sich noch erinnern: Sie hatten Meinungsverschiedenheiten. Worüber, das wusste er nicht mehr.

Vielleicht war das ein Fingerzeig!

Und gleich in der ersten Nacht hatte er von Renate geträumt!

Jürgen wurde unruhig.

Was sollte er mit der Vergangenheit beginnen?

Dreißig Jahre war das nun her.

Jürgen erhob sich und verließ das Frühstückszimmer.

 

 

2

Die Verzweiflung wollte schon wieder Besitz von ihm ergreifen! Er war einsam. Evi fehlte ihm! Evi unternahm so viel! Evi lernte immer viele Menschen kennen. Ohne Evi war er aufgeschmissen. Was sollte er in dieser fremden Stadt allein nur tun?

Schon ertappte er sich dabei, wie er zum Telefon griff!

Doch er ließ den Hörer wieder fallen.

Damit würde er sich unsterblich blamieren!

Nein und nochmals nein!

Renate!

»Verflucht«, schimpfte er vor sich hin. »Was soll ich mit Renate! Sie ist doch ein Kind!«

Dann musste er unwillkürlich auflachen. Kind war gut! Sie war ja inzwischen auch dreißig Jahre älter geworden.

Eigentlich wäre es doch ganz nett, herauszufinden, was aus ihr geworden ist, dachte er bei sich! Wo ich schon hier oben im Norden bin, könnte ich doch eigentlich zu ihr hinfahren und sie besuchen. Bestimmt würde sie Augen machen!

Renate!

Plötzlich wurde er richtig aufgeregt. Wenn er das tat, dann hätte er eine Aufgabe. Endlich könnte er ihr kleines Dorf kennenlernen! Nach so vielen Jahren!

Er würde sich ein Auto mieten; zu ihr fahren, und sich vorstellen!

Er könnte es sogar verwerten! Schließlich schrieb er für Zeitschriften! Man konnte es ausschlachten und eine Geschichte daraus machen. Oder nein, er würde es seiner Kollegin erzählen.

Die Kollegin musste her!

Ja, wie wäre das? Sie sollte mitkommen. Das war unverfänglicher. Er würde ihr die Geschichte anbieten, sie würde wie eine Maus auf Speck reagieren, darauf hereinfallen und kommen. Und mit ihr zusammen würde er die Vergangenheit ausgraben! Das war eine Geschichte!

Jürgen lachte leise vor sich hin.

»Das wird eine tolle Sache. Wir werden uns schön amüsieren, und außerdem bin ich dann nicht mehr allein in dieser Stadt. Also, legen wir mal den Speck aus.«

Schnell hatte er das Notizbuch zur Hand und wählte die Nummer der Kollegin.

»Hallo, Knöpfchen!«

»Nein«, lachte die Kollegin, »dass du den Mut hast zu fliehen, also, das hätte ich dir nie zugetraut!«

Jürgen war baff.

»Evi sucht dich überall!«

»Ach nee, das ist ja ein Ding! Soll sie man suchen bis sie schwarz wird.«

»Wo bist du?«

Er schnaubte durch die Nase.

»Hör mal, sündiges Mädchen, bevor ich es dir sage, musst du einen Schwur ablegen.«

Er hörte das leise Lachen durch das Telefon.

»Du glaubst doch wohl nicht, dass ich dich verrate?«

»Wirklich nicht?«

»Hast du vergessen, dass ich dir den Vorschlag machte?«

»Tatsächlich! Du bist wirklich Gold wert.«

»Hör mal, ich gehöre zur arbeitenden Bevölkerung und muss meine Termine einhalten.«

»Meinst du, ich nicht?«

»Na ja, du bist ja ein Schlendrian, Jürgen.«

Er wollte aufbrausen, doch dann fiel ihm ein, dass er sie ja bei guter Laune halten musste.

»Ich habe etwas für dich«, log er schamlos.

»Nein, wie nett!«

Hastig erzählte er ihr von seinem Vorhaben. Sie hörte schweigend zu.

»Ich weiß nicht was ich damit anfangen soll.«

»Aber du bist doch ein cleveres Girl«, bettelte er. »Du musst einfach kommen! Diese Stadt ist aufregend, wirklich, und wenn das nicht zieht, fahre ich mit dir auch nach Dänemark! Ehrlich!«

»Aber meine Arbeit?«

»Nimm die Schreibmaschine mit. Ich habe meine auch dabei«, log er mal wieder schamlos.

Eigentlich hatte Knöpfchen ja nur darauf gewartet, abgelenkt zu werden. Und so eine Kurzreise war nicht zu verachten. Und dann mit einem Kollegen zusammen. Das machte sowieso sehr viel Spaß. Besonders wenn man sich gut verstand.

»Nun? Du lässt mich doch nicht hängen?«

»Nun schön, ich bin ja nicht so. Ich weiß doch, dass du ohne Kindermädchen nicht auskommst. Ich werde kommen. Aber ich kann nicht sehr lange bleiben.«

»Einverstanden«, jubelte Jürgen los.

»Nun, dann werde ich mich mal ins Auto schmeißen und losfahren.«

»Ich erwarte ich sehnlichst.«

»Fein, so etwas hört man gern.«

»Inzwischen suche ich schon mal Landkarten zusammen.«

»Geht in Ordnung.«

Knöpfchen legte auf.

 

 

3

Zur gleichen Zeit, gar nicht weit entfernt von Flensburg, saßen sich zwei Frauen gegenüber. Sie waren Schwestern, und sie hatten einiges zu besprechen.

»Also, hast du jetzt alles kapiert?«

Karin seufzte.

»Also, für so blöde darfst du mich wirklich nicht halten, Renate. Das ist nicht nett von dir.«

»Hör mal«, sagte Renate, »als ich das letzte Mal verreiste und wiederkam, waren meine Blumen alle ersoffen.«

»Das kann einem doch mal passieren. Aber sie waren nicht vertrocknet!«

»Ist da ein Unterschied?«

Karin lachte.

»Für mich schon. Es ist verdammt anstrengend, daran zu denken, welche Blumen schon gegossen sind und welche nicht.«

»Ich habe es dir diesmal recht leicht gemacht. Ich habe eine Liste angefertigt und genau darauf vermerkt, wann welche Blume Wasser haben muss.«

»Du bist ja richtig schlau. Also wirklich, darauf wäre ich nicht gekommen.«

»Du brauchst sie also nur zur Hand zu nehmen und dich danach zu richten.«

»Mach ich!«

»Und lüften musst du auch. Aber wenn du hier wohnst, wirst du das ja sowieso tun.«

»Natürlich!«

»Der Kühlschrank ist voll, und in der Gefriertruhe findest du auch ’ne Menge Lebensmittel.«

»Werd ich schon alles finden.«

Renate erhob sich.

»So, ich glaube, ich habe dir jetzt alles genau erklärt.«

»Ja, das glaube ich auch.«

Die Schwestern gingen durch das Haus. Renate sagte: »Ich verstehe nicht, wieso du deinen Urlaub immer hier verbringst. Wieso fährst du nicht mal fort, so wie wir. Andere Länder, andere Sitten, das macht doch Spaß. Und du kannst es dir doch leisten. Du bist allein, während wir mit den Kindern immer ganz schön sparen müssen.«

Karin verzog unwillkürlich das Gesicht. Doch dann hatte sie sich wieder in der Gewalt.

»Das sollte dich eigentlich freuen, denn so hast du jemanden, der auf dein Haus aufpasst.«

»Ja, das stimmt. Aber trotzdem, ich möchte dich auch nicht festnageln.«

Karin lachte rau auf.

»Sehe ich wirklich so aus, als könne man mich festnageln?«

Renate lachte zurück.

»Nein, du warst schon immer die Aktivere von uns beiden. Naja, du willst es ja selbst so haben.«

»Für mich ist hier Urlaub. Die frische Luft, die Stille. Ich genieße das in vollen Zügen und werde die meiste Zeit auf der Terrasse liegen und mich sonnen. Vielleicht bin ich dann brauner als ihr.«

»Na, das glaubst du doch selber nicht. Wir wollen schließlich in den Süden. Und da scheint garantiert die Sonne.«

»Ich habe schon Pferde kotzen sehen«, murmelte Karin vor sich hin.

Renate war baff.

»Du hast eine Ausdrucksweise«, murmelte sie betreten.

Karin lenkte schnell wieder ein.

»Wenn man in der Stadt lebt, muss man mit den Wölfen heulen. Du lebst hier friedlich im Hinterland und weißt ja gar nicht wie stressig es dort sein kann.«

»Ja, da hast du recht!«

Karin starrte düster vor sich hin. Nein, dachte sie müde, nein, du weißt wirklich nicht, wie hart mein Leben ist. Ach, Renate, wenn du wüsstest!

»Hast du noch Fragen?«, erkundigte sich die Schwester.

»Nein!«

»Wie ist das mit der Post?«, fiel Renate dann noch ein.

»Die meisten Leute sind doch auch im Urlaub. Unsere Bekannten wissen Bescheid, dass wir fort sind. Also wirst du vollkommene Ruhe haben, Karin.«

»Gut!«

»Ja, dann können wir also wirklich?«

»Dein Männe wartet schon draußen. Verzieh dich endlich!«

»Bis in drei Wochen! Ich rufe mal an.«

»Brauchst du nicht. Ich werde dein Haus schon nicht abbrennen. Wie gesagt, ich werde mich mit einem Buch auf die Terrasse verziehen und mir zwischendurch etwas zu Essen machen. Mehr nicht. Ich ruhe mich richtig schön aus.«

Die Schwester musterte sie eingehend.

»Du hast es auch nötig, Karin. Lass dir das von mir gesagt sein. Du bist wirklich müde um die Augen.«

»Wirklich?«, meinte Karin mit spröder Stimme.

»Ja, das wollte ich dir schon neulich sagen.«

»Nett von dir, dass du es nicht getan hast.«

»Ach Karin, ich bin eigentlich traurig, dass wir uns so wenig sehen, wirklich. Das muss sich jetzt ändern. Ich habe da auch so eine Idee!«

Die Schwester bekam einen Schreck.

»Du willst mir doch nicht schon wieder einen Mann an den Hals hängen«, sagte sie wütend.

Renate lachte.

»Wäre das so schlimm?«

»Du bist verrückt! So etwas sucht man sich selbst. Und von hier will ich schon gar keinen.«

»Ich verstehe dich nicht, Karin! Sonst warst du doch immer für die freie Natur!«

»Da waren wir doch Kinder, Renate! Jetzt hau endlich ab!«

»Ich fliege!«

Aufatmend sah Karin der Familie nach.

»So, jetzt hab ich endlich meine Ruhe.«

Sie holte sich die Zeitung und ging damit zum Liegestuhl. Das Wetter musste jetzt nur gut bleiben, dann konnte sie sich wirklich ein wenig erholen.

»Schlafen, schlafen, ich glaube, ich werde den ganzen Tag immerzu nur schlafen und Luft tanken. Sonst nichts! Gar nichts!«, dachte Karin erleichtert.

Aufseufzend ließ sie sich auf die Liege fallen, und wenig später klappten auch schon ihre Augen zu.

Sie träumte!

»Meine Schwester«, dachte sie, schon auf der Schwelle zum Traum. »Verdammt, warum bin ich eigentlich so blöde und spiele hier ein Doppelleben? Das ist so anstrengend!«

Dann war sie eingeschlafen.

 

 

4

Jürgen war nicht müßig gewesen. Da er die Kollegin erwartete, wollte er schon einen kleinen Erfolg vorweisen und legte dafür seine Schüchternheit ab. Er befragte einige Personen. Aber viel hatte er nicht in Erfahrung bringen können. Man hatte ihm im Hotel eine Karte von der Umgebung besorgt. Nun hockte er davor und studierte sie eingehend.

Am Abend traf Knöpfchen ein!

Jürgen hatte für sie ein Zimmer bestellt, gleich neben dem seinen.

»Du siehst gut aus!«, begrüßte er die Kollegin.

Sie lachte.

»Naja, in der Not frisst man sogar Kolleginnen, nicht wahr?«

«Ach«, sagte er wegwerfend.

«Ich habe einen Riesenhunger!«, erklärte Knöpfchen.

»Und wohin gehen wir?«

»Fisch essen gehen wir! Ich sage dir, den muss man einfach probieren, der ist hier wirklich gut.«

Bald saßen sie in einem gemütlichen Lokal. Jürgen hatte nicht zuviel versprochen. Knöpfchen ahnte in diesem Augenblick ja noch nicht, dass ihn eine neue Leidenschaft befallen hatte: Fisch, Fisch und nochmals Fisch. Er sprach später nur noch von ihrer Fischsause!

Sie amüsierte sich köstlich, während sie ihm zuhörte. Sie dachte: So aufgeregt habe ich ihn noch nie erlebt. Er ist richtig aufgekratzt. Evi müsste ihn mal so sehen! Ach nein, die war kein guter Umgang für ihn. Dann dachte Knöpfchen an ihre Arbeit. Er hat mich mal wieder überrumpelt. Ich frage mich, was ich bei der Geschichte soll! Außerdem werden wir die Frau nie im Leben finden. Es ist wie eine fixe Idee von ihm.

»Wie lange ist das her, seit du sie zuletzt gesehen hast?«

»Dreißig Jahre!«

»Du meine Güte!« Knöpfchen wollte fast aufgeben.

»Wir müssen einfach ganz von vorn anfangen!«

»Und du glaubst, du findest sie in dem gleichen Kaff wieder, mein Freund?«, fragte sie ironisch.

»Warum nicht? Du hast dich ja auch nicht weit von deinem Geburtsort entfernt! Du bist auch nicht gerade ein Nestflüchter, meine Liebe.«

»Immerhin habe ich vierzig Kilometer dazwischengelegt.«

»Was sind denn vierzig Kilometer?«

Seine Stimme klang verächtlich.

»Da hast du recht. Aber ich warne dich, ich habe nur vier Tage zur Verfügung!«, stellte sie gleich klar.

»Ich bin nicht schwerhörig, das hast du mir jetzt schon siebenmal gesagt!«

»Zählen kannst du auch???«

Sie waren wieder dabei, sich gegenseitig auf den Arm zu nehmen, und sie kamen recht bald in sehr gute Stimmung.

»Na, langsam bin ich wirklich gespannt, ob wir sie finden werden.«

»Wir werden! Wir müssen!«

»Warum?«, fragte sie verständnislos.

Seine Stirn bekam Dackelfalten.

»Ja, warum? Das frage ich mich auch.«

»Vielleicht um deine Vergangenheit zu bewältigen?«

»Quatsch!«, bestritt Jürgen ihre Vermutung energisch.

»Vielleicht konntest du es nicht vertragen, dass sie dich verlassen hat. Daher rührt deine Angst vor Frauen!«

»Meine Angst vor Frauen?«

Sie lachte ihn an.

»Übergehen wir dieses Thema, sonst sitzen wir noch in zehn Jahren hier und diskutieren.«

»Mich verlässt man nicht!«, kehrte Jürgen den starken Mann raus.

»Aber du hast es mir doch so gesagt!«

»Wir haben uns Briefe geschrieben, und eines Tages war es aus.«

»Sie hat also nicht mehr geschrieben.«

»Ich weiß es nicht«, sagte Jürgen ganz entnervt.

»Weißt du, ich bin jetzt müde, einfach müde, und ich möchte jetzt schlafen«, erklärte Knöpfchen offen.

»Aber gleich morgen nach dem Frühstück ziehen wir los?«

»Einverstanden!«

Knöpfchen stand noch lange am Fenster und sah auf den Hafen mit den vielen Segelschiffen hinunter. Ein hübsches Bild war das. Vielleicht sollte ich hier mal einen Roman schreiben, dachte sie. Es packt mich, ich weiß auch nicht warum. Jürgen hat recht, hier wird man ein ganz anderer Mensch. Komisch ist das schon. Die Gedanken kommen, ob man will oder nicht.

Dann schlief sie ein.

 

 

5

Das Frühstück war vorzüglich. Aber Jürgen ließ Knöpfchen nicht zur Besinnung kommen. Er hatte Flöhe im Hintern, wie sie sich ausdrückte.

Renate, Renate, sie konnte bald das Wort nicht mehr hören!

»Komm!«, rief Jürgen.

Fast brutal zog er sie hoch und schleppte sie mit. Und sie musste auch noch Auto fahren!

»Also, denn man tau!«

Sie verließen die Stadt und gelangten ins Hinterland. Es war traumhaft! Sie konnten sich einfach nicht sattsehen. Jürgen bekam glänzende Augen.

»Hier müsste man leben! Es ist einfach schön. Man kann es nicht beschreiben.«

»Sag mir lieber, wo wir hinfahren sollen!«

»Rechts ab, und dann weiter!«

Sie hatten nach gut einer halben Stunde den Ort erreicht, wo seine Renate gelebt hatte. Das Dorf bestand aus zwanzig Häusern und einem kleinen Lädchen. Das war alles.

Die Gegend war schön.

Jürgen sah sich um.

»Und nun?«, fragte er unsicher.

»Wo sollen wir sie suchen?«

Jürgen fragte sofort eine junge Frau, die des Weges kam. Sie zuckte nur die Schultern und sagte: »Kenn ich nicht. Nie gehört.«

Peng, dachte Knöpfchen fröhlich. Ich kann also wieder heimfahren!

Jürgen lächelte.

»So schnell gebe ich nicht auf!«

Sie sollte noch erfahren, wie hartnäckig ihr Kollege sein konnte, wenn er erst einmal eine Fährte aufgenommen hatte.

»Wir haben die falsche Person gefragt, das ist alles. Wir müssen jemanden fragen, der so alt ist, dass er vor dreißig Jahren die Familie gekannt haben müsste, verstehst du?«

»Hier laufen ja auch Massen an Menschen herum, wir brauchen nur zu wählen«, meinte Knöpfchen trocken.

»Fahr mal dort rein!«

»Aber das ist ein Bauernhof!«, sträubte Knöpfchen sich.

»Ganz recht!« Jürgen bestand darauf.

Im Kuhstall war große Aktion als sie ankamen. Der jüngere Mann konnte sich an eine Familie Moll nicht erinnern. Aber er schickte seinen Vater.

»Moin, Moin, womit kann ich dienen?«

Knöpfchen lächelte.

Jürgen war aufgekratzt und glühte wie ein Klatschmohn.

»Erinnern Sie sich vielleicht an eine Familie Moll? Es waren Flüchtlinge?«

»Jau, jau«, sagte der alte Mann. »Aber die leben nicht mehr hier. Tja, die sind also fort. Der Sohn, also das war ein Schlawiner! Der lebt jetzt in Afrika bei den Negers. Und was seine Frau ist, die lebt gar nicht weit von hier. Jaha!«

Wieder kam eine genaue Beschreibung. Bis Gisela Knopf sich einmischte und meinte: »Aber wir suchen doch die Tochter der Familie!«

»Welche?«, fragte der Mann.

»Ach, sie hatten zwei?«

»Ja«, sagte Jürgen eifrig, »jetzt kann ich mich auch wieder erinnern. Sie hatte noch eine Schwester.«

»Jau«, meinte der listige Bauer, »die Schwägerin wird ja wohl wissen, wo der Rest abgeblieben ist, nich?«, und zwinkerte Jürgen zu.

Der Bauer wurde so lebhaft, dass er sie gar nicht fortlassen wollte. Aber sie wollten hier keine Wurzeln schlagen. Also ließen sie sich den Weg erklären und dampften ab.

Das war ein Abenteuer! Denn wie sich herausstellte, hatte man sie abermals in ein winziges Kaff geschickt. Das stand auf keiner Karte. Wo man sie nicht alles hinschickte! Sie wurde schon unendlich müde und ärgerte sich, dass sie überhaupt mitgekommen war.

Und die Sonne brannte!

»Können wir nicht morgen weitermachen?«, fragte sie erschöpft.

Jürgen blickte sie strafend an.

»Ich weiß gar nicht, was du hast. Die Leute sind doch nun wirklich nett. Und die Landschaft, also wirklich, hier möchte ich wohl leben!«

»Dann tu es doch in Gottes Namen!«

»Du bist nur so mieser Laune, weil wir nicht deine Bekannte suchen«, gab er spitz zurück.

»Also, das ist wirklich die Höhe! Bin ich nicht mitgekommen, freiwillig?«

»Wenn wir uns noch länger zanken, verfahren wir uns noch, meine Liebe!«

Sie konnte sich nicht verkneifen zu sagen: »Und wenn wir ankommen, hast du ein Fünf-Zentner-Weib vor dir stehen, das sechs Kinder hat!«

»Du denkst nicht mehr logisch!«

Sie konnte sagen was sie wollte, er hatte immer das letzte Wort!

Und es geschah sogar ein kleines Wunder, sie fanden in diesem grünen strotzenden Land die Schwägerin der Gesuchten! Knöpfchen musste sich wieder wundern. Jürgen schaffte es, die Frau auszufragen, ohne dass diese auf den Gedanken kam, zurückzufragen, ihn überhaupt nach seinem Namen zu fragen. Zuerst machte sie ein missmutiges Gesicht, aber dann erklärte sie sich sogar bereit, ihnen die Adresse aufzuschreiben.

»Und wo wohnt sie?«, fragte Knöpfchen fröhlich und hoffte, die Besagte möge auf dem Mond, nein noch besser auf der Venus leben.

»Die wohnt man nur in Tüünlüüd!«

So ein Wort hatte Gisela im Leben noch nicht gehört! Sie musste unwillkürlich auflachen.

»Tüünlüüd?«

»Klar, ischa gar nicht weit von hier! Kann man leicht finden! Ist man nur ein kleines Dorf.«

»O Gott«, murmelte Knöpfchen, »nicht schon wieder!«

»Ich schreib es ihnen gleich auf.«

Jürgen feixte sie triumphierend an.

»Hör auf, oder ich erwürge dich!«

»Nur fünf Kilometer«, jubelte Jürgen. »Bald haben wir sie gefunden!«

Die Frau brachte den Zettel und einen Knecht mit, der musste ihnen den Weg erklären. Und er tat es so gründlich mit: »Ampel, dritte, und dann rechts ab«, und so fort. Gierig hörte sie zu.

Schließlich musste sie ja fahren.

Sie bedankten sich und fegten los.

Leider hatte diese Strecke eine Menge Ampeln, und so kam Knöpfchen völlig aus dem Konzept. Nachdem sie nicht fünf, sondern fünfzehn Kilometer gefahren waren, hielten sie es für angebracht, nochmals nach dem Weg zu fragen, diesmal eine knackige junge Dame.

Jürgen, mit der Kollegin im Rücken, fühlte sich stark und flirtete so gründlich mit ihr, dass sie ihm fast auf die Krawatte sprang. Und nicht nur das, er ließ sich viermal den Weg erklären und hätte es noch einmal gemacht, wenn Knöpfchen nicht gesagt hätte: »Jetzt weiß ich es auswendig!«

»Vielen Dank!«, flötete Jürgen forsch.

Der Teenager grinste ihnen fröhlich nach.

»Vielleicht kommen wir auf dem Rückweg hier wieder vorbei!«

»Putz dir das von der Backe!«, sagte Gisela Knöpfchen trocken.

Sie fanden schließlich dieses Tüünlüüd!

Jürgen hatte Knöpfchen schon damit genervt, dass er den ganzen Weg den Ortsnamen vor sich hin sprach und behauptete, die Betonung läge auf der ersten Silbe, Knöpfchen hingegen meinte, es müsse Tüünlüüd heißen.

Sie bekamen sich fast in die Haare!

Dann lag der Ort vor ihnen.

Jetzt sollte sie Jürgen erst einmal kennenlernen! Plötzlich waren seine Haare nicht schön genug, dann war er verschwitzt und nicht frisch und was nicht noch alles. Er hüpfte auf und ab, so dass sie bissig meinte, in Zukunft würde sie ihn nur noch »Jojo« rufen.

Er hörte es nicht mal.

Das Haus wurde ihnen so gut beschrieben, dass sie nicht auf den Namen auf dem Türschild achteten.

Endlich hatten sie ihr Ziel gefunden.

»Bin ich auch schön genug?«, fragte Jürgen zum dritten Mal.

Knöpfchen konnte sich nicht verkneifen zu sagen: »Hast du schon mal daran gedacht, was ihr Ehemann dazu sagen wird?«

»Vielleicht schlägt er dir ein paar Zähne aus und trampelt auf dir herum!«, drohte sie ihm an.

Da fragte er doch ganz erstaunt: »Ja, warum soll er das denn tun?«

»Ich geb es auf!«

»Kannste auch! Schließlich hab ich was großes geleistet!«

»Wie bitte?« Knöpfchen war total verblüfft.

»Ich habe in zwei Stunden dreißig Jahre aufgearbeitet!«

»Wunderbar«, meinte sie trocken.

»Da ist es!«

Seine Hände wurden feucht!

»Zöpfe wird sie ja wohl keine mehr haben! Woran willst du sie eigentlich erkennen?«, fragte Knöpfchen scheinheilig.

»Wenn ich sie sehe, dann weiß ich: das ist Renate!«

»Na, und wenn sie verreist ist?«

»Warum bist du eigentlich immer so pessimistisch?«

»Bin ich gar nicht, ich sehe die Sache nur nüchterner, das ist alles. Und damit fährt man viel besser.«

»Du vielleicht, ich aber nicht!«

Sie verließen den Wagen.

 

 

6

Karin war bemüht, die Blumen laut Liste zu gießen. Die Schwester hatte jede Pflanze aufgeschrieben, aber woher sollte Karin nun wissen, welche Blume wie hieß? Die Blumen trugen nämlich kein Namensschildchen!

»Verdammt, jetzt mache ich bestimmt wieder alles falsch«, schimpfte sie wütend vor sich hin.

Und während sie noch überlegte, wie man es ändern könnte, schlug die Hausglocke an. Karin war verdutzt. Wer mochte das nur sein? Vielleicht eine Nachbarin?

Sie würde einfach mal nachschauen.

Als Karin die Tür öffnete, sah sie einen feschen Mann vor sich. Die Frau sah sie zuerst gar nicht.

Der Mann grinste sie breit an und lachte dann leise auf.

»Hab ich dich endlich gefunden, Renate! Ja, da staunst du, was?«

Karin war perplex!

»Äh, also ich weiß nicht«, begann sie.

Doch der Mann ließ sie gar nicht zu Worte kommen.

»Dreißig Jahre, Renate! Ja, damit hast du wohl nicht gerechnet, wie? Nach dreißig Jahren melde ich mich wieder!«

»Äh, müssten wir uns kennen?«

»Frankfurt, Kinderlandverschickung, und später durfte ich dich dann einladen, weißt du das denn nicht mehr?«

Karin starrte ihn wie ein hypnotisiertes Kaninchen an.

Jürgen redete und redete. Als er dann auch noch seinen Namen nannte, dämmerte es bei Karin. Aber sie war ja gar nicht Renate. Was er da erzählte, das hatte ihre Schwester erlebt. Schon damals hatte sie sich krummgeärgert, dass die Renate so eine weite Reise unternehmen durfte. Wenn man in so einem winzigen Kaff lebt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagten, und man außerdem verdammt arm war, da war das schon ein Erlebnis.

Und jetzt stand dieses Mannsbild vor der Tür!

Warum sollte sie das Spiel nicht ein wenig weiterspielen? Er hielt sie für Renate!

»Nein«, lachte sie jetzt zurück, »der Jürgen Graser! Das ist aber wirklich eine Überraschung!«

Gisela Knopf blieb noch immer im Hintergrund und dachte, es ist also wirklich wahr, wir haben sie tatsächlich gefunden. Nein, so was! Wenn man das in Romanen schreibt, dann sagen doch alle, du hast aber mal wieder eine Phantasie! So etwas passiert in Wirklichkeit nie!

Außerdem kam so etwas wie Neid bei ihr auf. Die Frau sah recht gut aus. Sicher, sie war stark geschminkt, so konnte man die kleinen Fältchen nicht sehen. Aber sie hatte sich wirklich gut gehalten.

»Dass ich dich mal sehe«, sagte Karin und gab ihm die Hand.

Jürgen scharwenzelte um sie herum und meinte: »Ich hätte dich sofort erkannt, ehrlich! Du hast dich gar nicht verändert!«

»Nein, tatsächlich«, meinte die Frau trocken.

»Du siehst sehr gut aus!«

Details

Seiten
96
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941456
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903500
Schlagworte
peinliches redlight street wiedersehen

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #138: Peinliches Wiedersehen