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Trevellian und die Frau, die einen Killer liebte

2020 128 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Trevellian und die Frau, die einen Killer liebte

Copyright

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Trevellian und die Frau, die einen Killer liebte

Krimi von Horst Friedrichs

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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1

Dave Lagrange öffnete den Kofferdeckel und schlug die Tücher auseinander. Leichter Ölgeruch stieg auf. Der morgendliche Sonnenschein ließ die brünierten Stahlteile schimmern. In den weichen Tüchern sahen sie aus wie kostbare Liebhaberstücke, mit denen man besonders sorgsam umging, um ihren Wert zu erhalten.

Lagrange streifte ein Paar hauchdünne Stoffhandschuhe über. Dann nahm er das Verschlußteil des Gewehrs heraus und setzte die Einzelteile aneinander. Lauf mit Vorderschaft, Schulterstütze, Zielfernrohr, Magazin. Er lud durch, sicherte die Waffe und legte sie auf den offenen Koffer.

Er hatte Zeit, viel Zeit.

Es gehörte zu seinen Grundsätzen, früh genug an Ort und Stelle zu sein, wenn er einen Job auszuführen hatte.

Er haßte es, unter Zeitdruck handeln zu müssen.

Denn ein sicherer Tod verlangte Geduld.

Dave Lagrange entspannte sich und genoß die würzige Brise, die vom nahen Atlantik herüberwehte.

 

 

2

Melanie Heston schlug die Klappblende herunter, als die grelle Sonne nach einer Kurve frontal gegen die Windschutzscheibe stach. Lucio folgte ihrem Beispiel, hielt das Lenkrad lässig mit der linken Hand und summte eine muntere Melodie aus seiner portorikanischen Heimat. Melanie sah ihren Freund lächelnd von der Seite an, fast bewundernd. Seit sie ihn kannte, war er immer in blendender Stimmung gewesen. Ein Lebenskünstler! Schlechte Laune schien es für ihn nicht zu geben.

Er bemerkte ihren Blick, schmunzelte und tastete mit der freien Hand nach ihrer Hüfte. Sie trug leichte Jeans und eine duftige Bluse. Ihr Körper war spürbar, und der Frühling erlaubte solche Beschwingt -heit.

»Hoffentlich haben wir das ganze Wochenende so ein Wetter«, sagte Melanie ablenkend.

Lucio Minero stimmte sein unbekümmertes Lachen an. »Wenn Engel verreisen, freut sich die Sonne, Baby. Mein Wohnwagen ist zwar nicht der pure Luxus, aber Hauptsache, wir beide sind allein, was? Und wenn es uns gefällt, hängen wir einfach ein paar Tage dran.«

Sie ergriff seine Hand, um sie am Weiterwandern zu hindern. »Aber ich muß Montagmorgen pünktlich im Büro sein, Luce. Ich habe keinen Urlaub. Ich kann doch nicht einfach…«

»Himmel noch mal, du nimmst das alles viel zu genau, Baby. Wenn du mal fehlst, reißt dir dein Boß nicht gleich den Kopf ab. Sieh mich an: Ich bin mein eigner Herr. Ich brauche nach keiner Pfeife zu tanzen und lebe trotzdem nicht schlecht.«

»Manchmal frage ich mich, wie du das machst.«

»Ein cleverer Geschäftsmann wittert seine Gelegenheiten«, sagte Lucio grinsend. »Mal dies, mal das, immer am Ball und…«

Ein trockener Knall schnitt ihm die Worte ab.

Melanie sah das Entsetzen in seinem Gesicht. Der Schreck durchzuckte sie wie ein glühender Schmerz.

Die Windschutzscheibe des Buick bestand plötzlich nur noch aus einer krümeligen Masse, milchig, undurchdringlich.

»O verdammt, verdammt!« brüllte Lucio Minero. Ruckartig richtete er sich auf, ballte die Rechte zur Faust und wollte ein Loch in die Krümelmasse schlagen. Dabei verriß er das Lenkrad.

Der Wagen begann zu tanzen. Reifen kreischten schrill. Lucio wurde zurückgeworfen und knallte mit dem Hinterkopf gegen den Türholm.

Melanie stieß einen gellenden Angstschrei aus. Die wilden Schleuderbewegungen des Buick vervielfachten ihr Körpergewicht und verurteilten sie zur Bewegungslosigkeit. Eine furchtbare Sekunde lang glaubte sie, der Sicherheitsgurt werde sie erdrosseln.

Die Fliehkraft stieß Lucio vom Türholm weg und ließ ihn wie eine leblose Gliederpuppe auf das Lenkrad fallen. Sein Kopf schlug das Loch in die Glaskrümel, das vor Sekunden vielleicht noch hilfreich gewesen wäre. Scharfer Fahrtwind fauchte in den Wagen.

Wieder kreischten die Reifen, als der Buick erneut über den Asphalt radierte. Für Melanie war es, als zerrte eine unsichtbare Urgewalt an dem Wagen, in dem sie sich klein und hoffnungslos eingeschlossen fühlte.

Jäh brach das Reifengeheul ab.

Melanie begriff nicht sofort, daß der Wagen ins Leere schoß. Im nächsten Sekundenbruchteil jedoch, als sie den Druck in der Magengrube spürte, wurde es ihr schlagartig klar.

Sie stürzten ab!

Melanie hörte sich selbst schreien. Ihre Stimme war schrill und überschlug sich. Ihr Schrei schien endlos, und doch war es wieder nur ein winziger Augenblick.

Ein dumpfer Schlag löschte ihr Bewußtsein aus. Das Krachen des Aufpralls nahm sie schon nicht mehr wahr.

So konnte sie nicht sehen, daß oben am Straßenrand ein Wagen nach dem anderen stoppte. Menschen sprangen heraus und liefen zu der Stelle, an der der Buick die Leitplanke durchbrochen hatte. Fassungslos starrten sie den Abhang hinunter.

 

 

3

Das Motel am Stadtrand von Ridge, Long Island, war nur einen Steinwurf weit von der Hauptstraße entfernt. Dichtes Buschwerk, Ziersträucher und eine Reihe von Platanen schirmten das Gelände vom Verkehrslärm auf der Provincial Route ab.

Trotzdem war das Sirenengeheul zu hören.

Ross Mackay schob den Fenstervorhang um Fingerbreite zur Seite und spähte hinaus. Er sah das zuckende Rotlicht von vorüberjagenden Fahrzeugen. Polizei, Ambulanzwagen - der Teufel mochte wissen, was sie alles auf die Beine stellten. Mack schnaufte und drehte sich um. Sein rotblondes Haar leuchtete im Sonnenlicht, das vom Vorhang gefiltert wurde.

Joe Anson hockte auf dem unbenutzten Bett des Motelzimmers. Er hatte Kopfhörer übergestülpt und lauschte mit hochgezogenen Augenbrauen. Das dazugehörige Gerät war ein umgebautes Kofferradio. Es empfing alle Frequenzbereiche, die von den Polizeibehörden im Bundesstaat New York verwendet wurden.

»Nervös?« fragte Harry Reddick. Er hing mit ausgestreckten Beinen auf dem zerschlissenen Sessel und zündete sich eine neue Zigarette am Glutrest der vorherigen an. »War eine Schnapsidee, sage ich. Was wollen wir hier? Nur dieses verdammte Geheul anhören?« Er deutete mit einer müden Kopfbewegung in die Richtung, in der er die Provincial Route wußte.

»Halt den Rand!« sagte Mackay ärgerlich. »Du kapierst sowieso nichts.« Er wandte sich dem drahtigen Mann auf dem Bett zu und sah ihn fragend an.

Anson hatte ein Fuchsgesicht und hellwache Augen, die ständig in Bewegung waren. Er zog die Kopfhörer von den Ohren. »Ist immer noch nicht ganz klar, was die Jungens durch die Gegend funken. Der Ambulanzwagen hat einen Notarzt an Bord, und im Hospital sind sie in Alarmbereitschaft. Von der Unfallstelle gibt’s noch nichts Genaues.«

»Mist«, knurrte Mackay. »Bleib am Ball, Joe!«

Anson nickte und versenkte sich wieder in die Abgeschiedenheit des Funkverkehrs.

»Ich hab’s ja gesagt«, meldete sich Harry Reddick triumphierend zu Wort. Er strich sich über den kantigen Schädel. Doch das krause dunkle Haar ließ sich nicht in Ordnung bringen. »Dieser ganze Kram ist viel zu kompliziert. Wenn ich den Auftrag gekriegt hätte, Minero zu erledigen…«

»Du hast ihn nicht gekriegt«, fiel ihm Mackay ins Wort.

»… hätte ich es auf die bewährte alte Tour erledigt«, fuhr Reddick beharrlich fort. Er hob den Zeigefinger wie einen Pistolenlauf und ahmte das Geräusch eines Schusses nach. »Dein Supermann Lagrange bringt uns nichts als Ärger.«

Ross Mackay holte tief Luft. Seine Gesichtshaut rötete sich, und von seinem untersetzten, bulligen Körperbau ging etwas Drohendes aus. »Geh mir nicht auf den Nerv, Harry!« sagte er gefährlich leise. »Sieht so aus, als ob du einfach nicht verstehen willst. Wir können es uns nicht leisten, Spuren zu hinterlassen. Und Lagrange hat mich mit seiner Methode überzeugt. Die ist einfach todsicher.«

»Todsicher?« Reddick schnippte die Zigarettenasche mit einer heftigen Bewegung in den randvollen Aschenbecher. »Daß ich nicht lache! Weshalb jagen sie dann einen Ambulanzwagen durch die Gegend?«

Mackay wußte keine Antwort. Sein Blick heftete sich drängend auf Anson, als könne er dadurch den Lauf der Dinge beschleunigen.

Harry Reddick gewann Oberwasser. »Das wird ein dicker Schlamassel für uns«, spann er seinen Faden weiter. »Irgendwas ist da schief gelaufen. Sonst hätten sie doch längst einen Leichenwagen…«

Mackay unterbrach ihn mit einer herrischen Handbewegung, denn Joe Anson war plötzlich blaß geworden. Seine Augen wurden kreisrund, und sein Mund öffnete sich. Im nächsten Moment riß er sich mit einem Ruck die Kopfhörer herunter.

»Da waren zwei im Wagen!« stieß er hervor. »Ein Girl, verdammt noch mal! Nur verletzt. Sie transportieren die Kleine gerade ab.«

Mackay erholte sich von dem Schreck. Nur schnelles, entschlossenes Handeln konnte die Lage jetzt noch bereinigen. »Was ist mit Minero?« fragte er hastig und achtete nicht auf Reddick, der im Hintergrund grinste.

»Erledigt«, antwortete Anson. »Der Notarzt hat den Tod festgestellt. Also amtlich.«

»Hör weiter mit!« befahl Mackay. »Wichtig ist, in welches Hospital sie das Mädchen bringen. Klar?«

Joe Anson nickte nur und stülpte die Kopfhörermuscheln erneut über seine roten Ohren. Im selben Moment näherte sich das Brummen eines Automotors und erstarb vor dem Motelzimmer.

Mackay kreiselte herum, lief zum Fenster und spähte hinaus.

»Es ist Lagrange«, murmelte er. »Endlich!«

»Wenn man vom Teufel spricht«, rief Harry Reddick feixend. »Da bin ich mal gespannt, was unser Supermann zu seiner Entschuldigung vorzubringen hat.«

»Du hältst dich raus«, knurrte Mackay. »Verstanden?«

Reddick brummte widerwillig und setzte einen neuen Glimmstengel in Brand.

Mackay öffnete die Tür nur zu Hälfte, dann schloß er sie rasch wieder, nachdem Lagrange hereingeschlüpft war. Der schwarzhaarige Francokanadier blieb zwischen Tür und Fenster stehen und versuchte, die Stimmung seines Auftraggebers mit einem prüfenden Blick zu erforschen.

Mackay ließ ihn keine Sekunde im unklaren. »Du hast Mist gebaut«, zischte er. »Deine Vorplanung war miserabel. Du solltest Minero allein erwischen. Ich denke, du hast inzwischen mitgekriegt, daß das nicht der Fall war.«

Langrange bemerkte Reddicks spöttisches Grinsen. Die Augen des Francokanadiers wurden schmal. Aber er beherrschte sich. »Ich habe ihn lange genug beobachtet«, sagte er mit unüberhörbarem französischen Akzent. »Er ist sonnabends immer allein zu seinem Wohnwagen in Riverhead gefahren. Er kannte das Mädchen doch noch gar nicht so gut, daß sie…«

»Auf welchem Mond lebst du, Frenchie?« rief Reddick glucksend. »Sowas ändert sich manchmal in einer Nacht. Noch nie erlebt?«

Dave Lagrange wollte aufbrausen. Er ballte die Hände zu Fäusten.

Mackay beschwichtigte ihn. Er legte ihm die Hand auf die Schulter. »Harry hat ausnahmsweise recht, Dave. Ich habe dir von vornherein gesagt, daß Minero sich in meinem Auftrag an das Girl herangemacht hat. Und ich habe dir auch gesagt, daß es nicht einfach für ihn war, weil die Kleine ziemlich spröde ist. Aber daraus kannst du doch nicht schließen, daß er überhaupt nicht bei ihr landet. Es war schließlich sein Job, das zu schaffen.«

»Eh bien«, antwortete Lagrange mit einem ärgerlichen Nicken. »Dann hättest du mir verdammt noch mal klarmachen sollen, weshalb ihr ihn vorher beseitigen wolltet. Das ergibt doch keinen Sinn, wenn er seine Order noch gar nicht ausgeführt hatte.«

»Leider doch«, entgegnete -Mackay matt. »Der Junge ist uns zu schlau geworden. Er hat uns die Pistole vor die Brust gesetzt. Weil er nämlich witterte, was für ein Geschäft wir Vorhaben. Also verlangte er einen größeren Anteil.«

»Wieviel?«

»60 Prozent.«

»Verstehe.« Lagrange stieß einen leisen Pfiff aus. »Wenn nicht, hätte er das Geschäft allein gemacht und sich andere Abnehmer gesucht.«

»Haargenau«, nickte Mackay.

Der Francokanadier zog die Schultern hoch. »Dann kann ich mir den Schuh nicht anziehen. Du hättest mich besser informieren müssen, Ross. Was ich versprochen habe, habe ich gehalten. Nach menschlichem Ermessen kann niemand herausfinden, daß es kein Unfall war.«

»Dein Wort in…« setzte Reddick an.

»Hör endlich auf!« brüllte Mackay.

Reddick zog den Kopf zwischen die Schultern, doch sein Grinsen schwand nicht vollends.

»Also fifty-fifty«, sagte Mackay versöhnlich, an Lagrange gewandt. »Noch steckt der Karren nicht im Dreck. Zum Glück haben wir ein Notprogramm eingeplant. Ich habe es mir abgewöhnt, irgendwas dem Zufall zu überlassen.«

Minuten später meldete sich Joe Anson, daß das verunglückte Mädchen ins Municipal Hospital von Riverhead gebracht wurde. Mineros Leiche war inzwischen abtransportiert worden. Ross Mackay griff zum Telefonhörer, wählte eine New Yorker Nummer und gab wenige knappe Anweisungen durch.

 

 

4

»Allright, Helen«, sagte ich, »ich bin in zwei Minuten bei Ihnen.« Ich versenkte den Hörer in die Gabel, schob mich mit dem Drehstuhl vom Schreibtisch weg, stand auf und wollte losmarschieren.

»Stopp!« rief Milo energisch vom Nachbarschreibtisch. »Das könnte dir so passen. Wenn wir uns mit der Bereitschaft schon den Sonnabend vermiesen müssen, dann gilt wenigstens gleiches Recht für alle.«

»Wie meinst du das?« fragte ich scheinheilig.

»Wie ich es sage. Was will Helen von uns?« Das Wort »uns« betonte mein Freund und Kollege besonders.

»Da ist ein Stapel Papierkrieg angekommen. Die Unterlagen von der City Police.« Es handelte sich um Vernehmungsprotokolle. Gemeinsam mit den Kollegen von der Detective Division hatten wir einen New Yorker Rauschgiftring auf Nummer Sicher gebracht. Was jetzt folgte, war ein Rattenschwanz von Aktenmaterial.

»Okay«, sagte Milo und nickte verbissen. »Gibt es eine ausdrückliche Anweisung vom Chef, daß du das Zeug abholen sollst? Du und kein anderer?«

Ich schickte einen Blick zur Decke. Ich wußte, daß er dieser Frage wirklich auf den Grund gehen würde. »Nein«, seufzte ich. »Jeder andere könnte das auch erledigen.«

»Na also.« Mein Kollege grinste. »Da sich außer uns beiden niemand in diesem Raum befindet, werden wir das Problem schnell lösen.« Er kramte eine Münze aus der Tasche und legte sie auf die flache Hand. »Adler oder Zahl?«

»Adler«, sagte ich ergeben. »Aber eins garantiere ich dir: Wer so verrückt nach einem Kaffee ist, der kann nur verlieren.«

»Nicht nach irgendeinem Kaffee«, verbesserte Milo, »nach dem besten Kaffee im Großraum New York.« Er warf das Geldstück in die Luft und sprang auf, als es auf dem Fußboden landete. Im nächsten Moment lächelte er zufrieden. »Na also. Zahl. Willst du dich vergewissern?«

Ich winkte ab. »Schwenk dich, Alter! Ungezügelte Gier ist eine Charakterschwäche.« Ich kehrte hinter meinen Schreibtisch zurück.

»Auch Schwächen haben ihre starken Seiten«, grinste Milo, schon in der Tür. Dann beeilte er sich, zu verschwinden.

Wie zum Hohn klingelte das Telefon von neuem, kaum daß mein Freund und Kollege das Weite gesucht hatte.

Und dann vergaß ich alles, was mit Helen und ihrer Fähigkeit zu tun hatte, den aromatischsten Kaffee zuzubereiten, von dem ein Mann nur träumen konnte.

»State Police Riverhead, Long Island«, sagte eine freundliche Telefonistin am anderen Ende der Leitung. »Einen Moment bitte, Sir, ich verbinde mit Lieutenant Offerman.«

Es krachte und schepperte im Hörer. Drüben auf Long Island besaßen sie offenbar noch diese altmodischen Vermittlungsanlagen, die einem ranghohen Kollegen den Vorzug gaben, sich bedeutungsvoll von einer Mitarbeiterin ankündigen zu lassen.

»Offerman!« dröhnte es in mein Ohr. Dieser Lieutenant mußte Ähnlichkeit mit Captain Hywood, unserem stimmgewaltigen Kollegen von der New Yorker City Police, haben.

»Trevellian, Special Agent«, antwortete ich pflichtbewußt und hielt den Hörer auf zwei Zentimeter Abstand vom Ohr.

»Sie leiten die Bereitschaft in Ihrem Laden?«

»Auf daß es ein schönes Wochenende werde«, antwortete ich und nickte dem Telefon zu.

»Damit kann ich nicht dienen«, brüllte Offerman, als müßte er die Entfernung von Long Island nach Manhattan ohne technische Hilfsmittel überbrücken. »Wir haben hier einen Verkehrsunfall mit einem Toten und einer Verletzten. Der Tote ist ein FBI-Fall.«

»Personalien?« fragte ich knapp.

»Minero, Lucio. Eingebürgerter Puertoricaner, 28 Jahre alt. Der Mann stand unter Bewährung, war vor zwei Jahren wegen Verstoßes gegen ein Bundesgesetz verurteilt worden. Er hat gestohlene Autos über Bundesstaatsgrenzen verschoben. Stand im Verdacht, zwei Morde gegen Bezahlung verübt zu haben. Immerhin schien er ein Killer gewesen zu sein.«

»Und die Verletzte?« fragte ich weiter.

»Melanie Heston, 24 Jahre alt, nicht vorbestraft. Ist noch nicht vernehmungsfähig, steht vermutlich unter Schock. Damit sind wir gleich beim springenden Punkt. Die Unfallursache ist noch schleierhaft. Mineros Wagen ist auf gerader Strecke plötzlich ins Schleudern gekommen und dann einen Felsenabhang hinuntergestürzt. Das Mädchen hat Glück gehabt, weil sie angeschnallt war. Minero dagegen…« Er ließ den Rest unausgesprochen.

Ich war hellwach geworden. Wie klein der Fisch auch gewesen sein mochte -wenn einer von seiner Sorte auf rätselhafte Weise zu Tode kam, mußten wir uns darum kümmern.

»Ich sehe mir das selbst an«, entschied ich. »Wo ist die Unfallstelle?«

»Provincial Route 25, zwischen Middle Island und Ridge«, brüllte der Lieutenant. »Ist nicht zu verfehlen. Die Spurensicherer haben gerade erst angefangen.«

Ich bedankte mich und legte auf.

Als Milo wenig später mit dem Aktenstapel zurückkehrte, sah ich an seinem sauren Gesicht, daß er sich zu früh gefreut hatte. Helen hielt sich an diesem Sonnabendvormittag nur zu einer Stippvisite in ihrem Büro auf. Kein Kaffee daher.

Meine Ankündigung, daß wir die staubige Office-Luft mit der frischen Atlantikbrise von Long Island vertauschen würden, ließ Milos gute Stimmung indessen rasch wieder aufleben.

 

 

5

Auf dem Innenhof des Municipal Hospital von Riverhead herrschte Betrieb. Ein Ambulanzwagen stoppte vor dem überdachten Eingang zur Notaufnahme. Pfleger eilten mit einer Trage herbei, um den Kranken in Empfang zu nehmen. Schwestern, die ihren Schichtdienst beendet hatten, stiegen in ihre Privatwagen. Lieferantenfahrzeuge rangierten in die Parkbuchten.

Der weiße Kastenwagen mit geschlossenem Heckaufbau fiel in diesem Trubel nicht auf. Ein wenig ähnelte das Fahrzeug den Ambulanzwagen, abgesehen davon, daß die Aufschrift und das Rotlicht fehlten. Aber auch die Arzneimittellieferanten verwendeten Fahrzeuge dieser Art.

Harry Reddick fand einen Platz in der Nähe des Eingangs. Grinsend drehte er den Zündschlüssel nach links und zog die Handbremse an. Dann wandte er sich zu Lagrange um. »So, Frenchie, dann wollen wir mal den Mist in Ordnung bringen, den du verzapft hast.«

Das Gesicht des Francokanadiers verzerrte sich. Aber bevor er etwas erwidern konnte, mischte Joe Anson sich ein. »Am besten geht ihr raus und prügelt euch«, fauchte er. »Das würde uns helfen, die Sache hier besonders unauffällig zu erledigen. Harry, ich warne dich. Wenn es deinetwegen eine f’anne gibt, kannst du mit mir nicht mehr rechnen.«

»Okay, okay«, brummte Reddick. »Ich bleib stumm wie ein Fisch.«

Auf Ansons Zeichen stiegen sie aus. Die drei Männer trugen weiße Pflegerkleidung und weiße Segeltuchschuhe. Anson nahm einen großen Leinenbeutel mit, der mit zusammengeknüllten Zeitungspapier gefüllt war. Den Zündschlüssel ließ Reddick stecken. Die Wagentüren blieben unverschlossen. Im Vorbeigehen vergewisserte sich Lagrange, daß auch die Hecktür unverriegelt war.

Joe Anson übernahm die Führung. Mit zielstrebigen Schritten marschierten sie durch das Portal. Der Pförtner war in seiner Glaskabine mit einem Telefongespräch beschäftigt und widmete ihnen nicht mehr als einen flüchtigen Seitenblick. Weißgekleidete stürmten an ihnen vorbei ins Freie. Sekunden später brüllte ein Motor, begleitet von anschwellendem Sirenengeheul.

Der Geruch von Desinfektionsmitteln empfing sie in der matten Helligkeit der Eingangshalle. Anson hielt eine Krankenschwester an, die mit gehetzt geschäftigter Miene an ihnen vorbeihasten wollte.

»Wir kommen von der Unfallstelle bei Ridge«, sagte er halblaut und hob den Leinenbeutel ein Stück an. »Die persönlichen Sachen der Verletzten. Melanie Heston oder so ähnlich.«

»Erdgeschoß, Korridor B, Zimmer 124«, haspelte die Schwester mechanisch und setzte ihren eiligen Weg fort, bevor sie zu Ende geredet hatte.

Anson sah sich blitzschnell und unauffällig um und erspähte das große B über einer Flügeltür zur Rechten. Reddick und Lagrange paßten sich seiner Eile an, als er darauf zuging. Schon nach einer Minute in diesem Bau hatten sie erkannt, daß jeder unter fürchterlichem Zeitdruck zu stehen schien. Wenn die Leute hier nicht wirklich so hoffnungslos überarbeitet waren, dann taten sie zumindest so.

Das Municipal Hospital in Riverhead war die zentrale Klinik für den nordöstlichen Bereich von Long Island. Joe Anson wertete es als einen glücklichen Zufall, daß sie es nicht mit einem kleineren Krankenhaus zu tun hatten. Das hätte den Job wesentlich erschwert.

Im Korridor B war es schon wesentlich ruhiger als in der Halle. Mit schmalen Augen spähten die drei Männer an den Zimmertüren entlang. Aber es gab keine Polizeiuniform, die ihnen sofort in den Blick gesprungen wäre. Zumindest in diesem Punkt hatte sich Lagranges Methode bewährt. Die Cops werteten den Unfall bislang nur als einen Unfall. Wie konnten sie also wissen, daß sie Grund gehabt hätten, Melanie Heston zu bewachen?

Etwa in der Mitte des Korridors befand sich rechter Hand ein Geräteraum, nur durch einen Vorhang abgeteilt, der halb zurückgezogen war. Ohne zu zögern, steuerten Anson und seine beiden Komplicen darauf und schnappten sich eine Trage, die auf ein Rädergestell montiert war.

Zimmer 124 war nur wenige Schritte entfernt.

Anson, dem Reddick und Lagrange mit der Trage folgten, wollte nach dem Türknauf greifen, als die Tür unvermittelt vor ihm aufschwang. Die Schwester, die vor ihm zurückprallte, hatte ein Notizbrett unter den Arm geklemmt. Sie war grauhaarig, bebrillt und sah aus wie der typische Stationsdrachen.

Joe Anson überwand seine Schrecksekunde, ohne daß man ihm etwas anmerkte. Abermals hob er den Leinenbeutel. »Wir bringen die persönlichen Sachen der Patientin«, sagte er rasch.

Die Schwester runzelte die Stirn. Ihr Blick wanderte an ihm vorbei und erfaßte die beiden Männer mit der Trage. »Moment mal«, entfuhr es ihr, »was hat denn das zu…«

Joe Anson reagierte blitzschnell, ließ den Beutel fallen und packte zu. Mit der Linken erwischte er die Schwester am Oberarm, riß sie herum und preßte ihr die Rechte vor den Mund. Das Notizbrett schepperte zu Boden. Anson schob die Frau vor sich her in den Raum.

Reddick, der als erster vor der Trage ging, stieß den Leinenbeutel hinter Anson her. Eine Sekunde später waren Lagrange und Reddick mit dem Fahrgestell im Zimmer und schlossen die Tür.

Die Schwester sträubte sich vergeblich gegen Ansons eisenharten Griff. Reddick zog eine handtellerbreite Rolle aus der Tasche seines Pflegerkittels, riß ein Stück von dem Klebestreifen ab und pappte ihn der Frau auf den Mund, als Anson ruckartig die Hand wegnahm. Sie schaffte es nicht mehr, einen Ton hervorzubringen.

Anson sah sich mit einem kurzen Blick um. Nur die eine Patientin befand sich im Zimmer, und sie schlief tief und fest. Wahrscheinlich hatte man ihr ein Beruhigungsmittel gegeben. Daß es sich um Melanie Heston handelte, war eindeutig. Minero hatte mit Fotos von ihr geprahlt. Anson erkannte sie an ihrem langen dunkelblonden Haar und dem schmalen Gesicht, das von dem weißen Kopfverband nicht vollends verhüllt wurde.

Dave Lagrange war mit einer Kunstfaserschnur zur Stelle. Anson hielt die Krankenschwester solange fest, bis der Francokanadier ihr die Arme auf den Rücken gefesselt hatte. Dann sperrten sie sie in den Waschraum, der an das Zimmer grenzte.

»Beeilung!« sagte Anson gedämpft. »Wir müssen draußen sein, bevor hier noch einer aufkreuzt.«

Reddick und Lagrange schoben die Trage neben das Bett. Anson half mit, als sie die Schlafende hinüberschoben und ihren Körper in die weiße Bettdecke einschlugen.

Joe Anson trat als erster auf den Korridor hinaus, blickte aus den Augenwinkeln nach beiden Seiten und gab den anderen mit einem Nicken zu verstehen, daß ihnen niemand in die Quere zu kommen drohte. Da war keiner, der ihnen besondere Beachtung schenkte. Ein blasser Mann, gebeugt und in gestreiftem Bademantel, unternahm schlurfend seine ersten Gehversuche. Weiter entfernt, am jenseitigen Ende des Korridors, standen drei Schwestern in eine hitzige Diskussion vertieft.

Anson eilte voraus, als sie mit der Trage auf die Halle zustrebten. Es war ruhiger geworden. Im Augenblick schien es keine Neuaufnahmen von Patienten zu geben. Als sie den Eingang erreichten, sah Anson, wie der Pförtner sich verdutzt aufrichtete.

»Los, raus mit euch!« zischte Anson. Dann bog er mit zwei federnden Schritten zur Seite und stieß die Tür der Glaskabine auf.

Der Pförtner, ein grauhaariger Mann, starrte ihn an. »Dich kenne ich überhaupt nicht«, sagte er verwirrt, »da brauche ich erstmal den Transportschein. Ihr könnt doch nicht einfach so…« Sein Kopf ruckte zur Seite, als ihm bewußt wurde, daß die beiden anderen Weißgekleideten bereits mit der Trage ins Freie eilten. »Verdammt«, entfuhr es ihm, »da stimmt doch was nicht!«

»Du hast es erfaßt«, sagte Joe Anson kalt. Mit einem Schritt war er bei ihm und griff unter die weiße Pflegerjacke.

Der Pförtner erbleichte. Sein Kinn sackte herab. Seine Rechte zuckte auf den Telefonhörer zu.

Anson hatte die Pistole bereits am Lauf gepackt. Kurz und trocken schlug er mit dem Kolben zu. Der Mann sank in sich zusammen, ohne einen Schmerzenslaut von sich zu geben. Anson fing den Bewußtlosen auf und ließ ihn unter das Pult gleiten. Er verstaute die Automatik in der Gürtelhalfter und sicherte nach allen Seiten, ehe er die Glaskabine verließ. Niemand hatte den Vorfall beobachtet.

Innerlich triumphierend eilte Anson hinaus. Harry Reddick saß bereits hinter dem Lenkrad des Kastenwagens. Die Hecktür war geschlossen. Der Motor lief. Anson schwang sich auf den Beifahrersitz und stellte mit einem zufriedenen Nicken fest, daß Lagrange auf dem Notsitz im Laderaum hockte und die Trage hielt. In einer schnell gefahrenen Kurve konnte das wacklige Ding immerhin leicht umkippen.

Reddick stieß den Wagen zurück, noch während Anson die Tür zuschlug. Jeden Moment mußten sie damit rechnen, daß aufgeregte Leute in Weiß aus dem Eingang stürmten. Doch unbehelligt rauschten sie an dem überdachten Portal vorbei und erreichten die Einmündung zur Straße.

»Mann, o Mann!« rief Harry Reddick, nachdem er sich in den fließenden Verkehr eingefädelt hatte. Begeistert hieb er auf das Lenkrad. »Wenn weiter alles so astrein läuft, wird das der reinste Vergnügungsausflug.«

Dave Lagrange ließ sich mit dumpfer Stimme aus dem Laderaum vernehmen. »Ihr habt euch nur künstlich aufgeregt. Die Sache war eben hundertprozentig eingefädelt. Ich hab’s ja gleich gesagt.«

Reddick stieß einen Zischlaut aus und schüttelte den Kopf. »Sei bloß still!« knurrte er mit einem Blick in den Innenspiegel. »Bleib auf dem Teppich, Mann! Dieses Notprogramm hatte Ross für einen ganz anderen Fall eingeplant. Dafür nämlich, daß unser Freund Minero den Unfall überlebt hätte. Hätte ja auch sein können. Oder?«

Dave Lagrange schwieg jetzt. Harry Reddick schmunzelte zufrieden und konzentrierte sich auf seine Arbeit am Lenkrad. Besonders Wohltuend war dabei, daß kein Sirenengeheul zu hören war, noch nicht einmal aus weiter Ferne.

 

 

6

Die Sonne brannte auf den Asphalt. Es war eine andere Luft hier draußen - mild und schwer, mit dem Geruch des Meeres angereichert. Ein himmelweiter Unterschied zum Benzindunst in den Straßenschluchten Manhattans.

Ich lenkte den Jaguar auf das feine Geröll des Seitenstreifens. Drei Wagenlängen weiter standen die rot-weißen Absperrungen der State Police. Sie dirigierten den Verkehr einspurig an der Unfallstelle vorbei. Beiderseits der Fahrbahn erhoben sich felsige Hügel. Etwa 50 Meter weiter fielen die Hügel zur Rechten ab, und die Straße führte schnurgerade an einem Abhang entlang.

Milo und ich marschierten auf die Absperrung zu. Ein Patrolman in der Uniform der New Yorker State Police sah uns forschend an. Seine Miene erhellte sich erst, als wir unsere Lederetuis aufklappten und den Metalladler im Sonnenlicht blinken ließen. Lieutenant Offerman, so erfuhren wir, hielt sich irgendwo mitten im Gewühl auf.

Innerhalb der Absperrung standen drei Radio Cars, zwei geschlossene Spezialfahrzeuge des Erkennungsdienstes und zwei neutrale Dienstlimousinen. Wir hörten Offerman, bevor wir ihn sahen. Dem Klang seiner Stimmgewalt zu folgen, war einfach. Dann staunten wir, als wir ihn an der offenen Beifahrertür eines mausgrauen Chevy mit dem Funkmikro stehen sahen.

Milo und ich wechselten einen verblüfften Blick. Wir hatten uns Offerman als einen Riesenkerl vorgestellt. Statt dessen sahen wir nur einen mittelgroßen, drahtigen Mann, dessen Statur, gemessen an seiner Donnerstimme, geradezu zierlich erschien. Dieser Eindruck täuschte aber ebenfalls, denn er war nur einen halben Kopf kleiner als ich.

»… dann schickt ihr mir gefälligst alles, was ihr habt!« brüllte er in das Mikro. »Mit einem Dutzend Leute kann ich noch eine Woche suchen, ohne daß wir was finden. Ende!« Er knallte das Mikro zurück in die Halterung, zündete sich eine Zigarette an und bemerkte uns. »Ihr seht aus wie FBI-Agenten.«

»Weil die Vermutung naheliegt«, entgegnete ich lächelnd und stellte uns vor.

»Oder haben wir besondere Merkmale?« sagte Milo stirnrunzelnd.

Offerman lachte dröhnend. »Was der gute alte Hoover geprägt hat, läßt sich nie mehr wegwischen. Das schafft auch kein noch so fortschrittlicher FBI-Direktor. Der alte Schliff sitzt eben immer noch drin - korrekte Kleidung, Schlips und Kragen… die ganz harten Burschen in unauffälliger Verpackung.«

»Sie sehen kaum anders aus«, wandte ich ein.

»Das ist nur äußerlich.« Offerman winkte ab. »State Police bleibt State Police. Deshalb gehöre ich aber nicht zu der Sorte, die die Elite der Nation beneidet.«

»Wir fühlen uns nicht als Elite«, entgegnete Milo energisch.

»Habe ich auch nicht erwartet«, grinste der Lieutenant. »Wir sitzen in einem Boot, Kollegen. Und ich denke, es ist ein verdammt zäher Brei, durch den wir rudern müssen.«

»Was haben Sie bislang?« fragte ich.

»Nicht mehr als eine Rätselaufgabe. Wenn wir wollen, können wir die Akten dichtmachen und ›Unfall mit ungeklärter Ursache‹ drauf schreiben. Aber ich gebe mich damit nicht zufrieden. Und Sie werden es auch nicht tun, Gentlemen.«

»Sonst wären wir nicht hier«, sagte Milo, »der FBI-Fall Minero läßt sich nicht so ohne weiteres zu den Akten legen.«

Lieutenant Offerman nickte nur. Mit einem Wink bedeutete er uns, ihm zu folgen. Wir gingen am Straßenrand entlang und ließen die Polizeifahrzeuge hinter uns. Der abgesperrte Teil der Fahrbahn war mit rot-weißem Trassierband umrandet. Auf dem Asphalt gab es ein wirres Muster von schwarzen Radierspuren. Die Erkennungsdienstler hatten sie mit weißer Kreide markiert. Offerman deutete auf ein Kreidekreuz, das etwa fünf Meter von der ersten Radierspur entfernt war.

»Genau ist hier der Wagen ins Schleudern geraten. Unser Kraftfahrzeugsachverständiger hat das inzwischen ausgerechnet.«

Wir gingen weiter auf die Stelle zu, an der die Leitplanke zerborsten war.

Tief unten lag das Autowrack im Gestrüpp wie ein Käfer auf dem Rücken. Sechs Männer krochen in der unmittelbaren Umgebung herum. Sie suchten Teile, die von dem Buick stammen konnten.

»Wenigstens ist der Wagen nicht ausgebrannt«, sagte ich.

»Bis jetzt hat es uns nicht weitergeholfen«, entgegnete der Lieutenant. »Kein Reifen geplatzt. Bremsleitungen in Ordnung. Lenkung einwandfrei. Ich bin kein Fachmann, aber wonach sollen die Jungs noch suchen?«

»Sehen wir uns das aus der Nähe an«, meinte Milo und schickte sich an, den Hang hinunterzusteigen.

»Lieutenant!« schrie jemand. »Lieutenant Offerman!«

Milo verharrte. Wir drehten uns um.

Ein Beamter in Zivil rannte auf uns zu. Er trug die Dienstmarke außen auf der Brusttasche seines Jacketts. Nur mit einem flüchtigen Nicken begrüßte er uns. Zwischen Daumen und Zeigefinger hielt er ein kleines Plastiktütchen hoch.

»Das Fundstück des Tages!« rief er strahlend. »Oder?« Beifallheischend blickte er in die Runde.

Wir starrten das Ding in der durchsichtigen Tüte an. Es war platt wie ein Mini-Pfannkuchen, hatte gezackte unregelmäßige Ränder und etwa die Größe eines Zehn-Cent-Stücks. Niemand von uns brauchte etwas zu erklären. Wie plattgeschlagene Bleigeschosse aussehen, wußten wir.

»Kleines Kaliber« sagte ich nur.

»Wo?« brüllte Lieutenant Offerman den Beamten an.

»Kommen Sie, Gentlemen! Am besten zeige ich es Ihnen.« Er eilte voraus, an den Polizeifahrzeugen und auch an meinem Jaguar vorbei, weit zurück, bis wir eine Stelle erreichten, an der sanft ansteigende Felsen die Fahrbahn auch an der rechten Seite säumten. Zwei Beamte von der Spurensicherung waren bereits dort, und sie hatten den Punkt mit Kreide markiert.

Etwa in Hüfthöhe gab es an dem Felsen neben der Straße einen hellen Fleck. Nur die verwitterte Außenschicht des Gesteins war ein wenig abgekratzt.

»Das Geschoß lag direkt hier unten«, erklärte der Kollege und zeigte auf das Geröll unterhalb der Aufschlagstelle.

Ich ließ mir die Plastiktüte geben und sah mir das Blei genauer an. Im Mittelpunkt glänzte es noch. Es hatte also noch nicht lange im Freien gelegen. Die Witterungseinfltisse hätten es abstumpfen lassen.

Ich fing an, laut zu denken. »Wenn diese Kugel tatsächlich auf Mineros Buick abgefeuert wurde, dann hat sie nicht getroffen. Wieso aber konnten die Zeugen beobachten, daß der Wagen plötzlich aus unerfindlichem Grund ins Schleudern geriet? Nehmen wir mal an, die Kugel hat wirklich Minero oder seinem Wagen gegolten. Hätte sie getroffen, hätten wir sie in Mineros Leiche, in den Sitzpolstern oder im Karosserieblech des Wagens gefunden. Das alles war nicht der Fall. Weshalb verlor Minero trotzdem die Gewalt über den Buick?« Ich sah erst Milo und dann den Lieutenant an.

»Keine Spuren am Auto«, murmelte Milo. »Ich fange an zu begreifen…«

Offerman stieß den Zeigefinger in meine Richtung. »Wenn Sie recht haben, Sir, dann muß dieser Heckenschütze verteufelt gut gezielt haben. Ein Könner!«

»Mit Sicherheit«, nickte ich. »Es gibt nur diese Möglichkeit. Er hat die Windschutzscheibe zerschossen und den Schußwinkel so berechnet, daß die Kugel durch die Heckscheibe wieder austreten konnte. Außerdem mußte der Seiten Winkel so sein, daß das Geschoß kein nachfolgendes Fahrzeug treffen konnte, sondern irgendwo am Straßenrand aufschlug. Wie geschehen.« Ich deutete mit einer Kopfbewegung auf den Felsen mit den Kreidestrichen.

»Reimt sich gut zusammen«, sagte Milo gedehnt. »Der Buick ist ein altes Modell, hat also noch kein Verbundglas. Durch den Einschuß war Minero schlagartig blind. Das erklärt das plötzliche Schleudern des Wagens.«

»Wir können diesem Heckenschützen dankbar sein«, fügte Lieutenant Offerman hinzu. »Und zwar dafür, daß er ein Kleinkalibergewehr mit Reinbleigeschossen verwendet hat. Sonst hätten wir die Kugel nie gefunden.« Er nickte den Spurensicherern anerkennend zu. »Ein Vollmantelgesehoß wäre als Querschläger davongesaust.«

»Gehen wir der Sache auf den Grund«, schlug ich vor. »Ich möchte, daß wir folgendes versuchen: Wir haben die Aufschlagstelle des Geschosses, und wir haben den Punkt, an dem der Wagen ins Schleudern kam. Der Kraftfahrzeugsachverständige kann die Zeitverzögerung durch die Schrecksekunde umrechnen, und dann haben wir die Stelle, an der der Wagen vermutlich getroffen wurde. Ich möchte, daß von dem Punkt bis hierher eine Schnur gespannt wird.«

Es gab nichts mehr zu überlegen. Lieutenant Offerman erteilte seinen Beamten die erforderlichen Befehle. Zehn Minuten später war mein Gedanke in die Tat umgesetzt.

Milo nutzte die Zeit, um Funkverbindung mit den Kollegen im FBI-Distriktgebäude aufzunehmen. Es galt, sofort Nachforschungen über Lucio Minero anzustellen. Wir brauchen seine Akte aus dem Zentralarchiv. Vor allem mußten wir wissen, mit welchen Leuten er in Verbindung gestanden hatte. Nur durch seinen Bekanntenkreis kamen wir weiter. Eine bessere Spur gab es zur Zeit nicht. Auch mit Melanie Heston würden wir reden, sobald sie vernehmungsfähig war. Aber ich versprach mir nicht viel davon. Typen wir Minero weihten ihre Girls selten in die Geheimnisse ihres Brötchenverdienens ein. Allerdings gibt es auch den umgekehrten Fall. Manches harmlos erscheinende Girl ist in Wirklichkeit in Verbrechen verstrickt.

Die Kollegen von der State Police hatten eine rote Nylonkordel gespannt. An der Schleuderstelle auf der Fahrbahn war ein schweres Stativ aufgebaut, an der sie die Spur in Höhe der Windschutzscheibe des Buick verknotet hatten. Der Gegenpunkt befand sich vor der Aufschlagstelle des Geschosses.

Dort ging ich in die Knie, kniff das linke Auge zu benutzte die rote Kordel als Visierlinie.

Die Linie zeigte auf einen Felsen, etwa 200 Meter von der Stelle entfernt, an der Minero die Gewalt über seinen fahrbaren Untersatz verloren hatte.

Lieutenant Offerman folgte meinem Beispiel, richtete sich auf und nickte verstehend. »Ich sehe mir das selber an«, entschied ich. Ohne eine Antwort abzuwarten, lief ich los.

Der Felsen war verteufelt steil, ohne nennenswerte Vorsprünge und etwa zehn Meter hoch. Ich riskierte es trotzdem, krallte meine Finger in die wenigen Risse und tastete vorsichtig mit den Schuhspitzen nach, bis ich Halt fand.

»Sind Sie verrückt?« brüllte Lieutenant Offerman, der mir nachgeeilt war. »Einen zweiten Unfall können wir nicht brauchen!«

Ich gab keine Antwort, denn ich mußte meine ganze Konzentration aufbieten. Platt wie eine Flunder klebte ich an dem von der Sonne erwärmten Gestein, und nach den ersten fünf Metern lief mir der Schweiß aus allen Poren.

Aber ich wollte Klarheit. Jetzt und auf der Stelle. Ich konnte das Gefühl nicht abschütteln, daß die Zeit uns davon lief.

Glühender Schreck durchzuckte mich im nächsten Moment, als ich mit der rechten Schuhspitze abrutschte. Die plötzliche Gewichtsverlagerung ließ meine Arme schmerzen, und die Kraft drohte aus meinen Fingern zu weichen. Doch ich biß die Zähne zusammen. Ein Zurück gab es nicht mehr. Ich dachte an die Leute, die es aus reinem Sport riskieren, mit nichts als den bloßen Händen an senkrechten Hauswänden emporzuklettern.

Sekunden und Minuten dehnten sich zu Ewigkeiten. Dann, endlich, wurde es hell vor mir. Geschafft! Mit einer letzten Kraftanstrengung zog ich mich auf die kleine Felsplattform und verschnaufte. Ich wandte mich um und sah Milo Tucker, Lieutenant Offerman und die anderen Beamten, die zu mir heraufstarrten. Ich winkte ihnen zu.

Ein Stück robbte ich vom Abhang weg, ehe ich mich auf richtete. Und ich brauchte keinen besonderen Spürsinn, um festzustellen, daß sich hier oben jemand aufgehalten hatte. Meine Idee mit der Rekonstruktion der Schußbahn hatte 100prozentigen Erfolg.

Zu meinen Füßen erblickte ich ein halbes Dutzend Zigarettenkippen in trautem Beieinander. Nur einen halben Schritt davon entfernt schimmerte eine leere Patronenhülse im Sonnenlicht. Es war ein kleines Kaliber, 22er Long Rifle vermutlich. Geschoß und Hülse würden unsere Ballistiker begeistern.

Ich sah mich um. Dann wies ich die Kollegen von der Spurensicherung mit knappen Handzeichen ein. Hinter der nächsten Kurve waren die Felsen flacher, der Aufstieg von dort also ungefährlicher.

Der Heckenschütze mußte es eilig gehabt haben, zu verschwinden. Und wahrscheinlich rechnete er nicht im entferntesten damit, daß wir ihm auf die Schliche gekommen waren. Der Unbekannte war bestimmt überzeugt, daß der vermeintliche Unfall auch tatsächlich nur von der Verkehrspolizei bearbeitet wurde. Andernfalls hätte er darauf geachtet, keinerlei Spuren zu hinterlassen.

 

 

7

Ein Blitz zuckte durch Melanie Hestons wiederkehrendes Bewußtsein, grell und erbarmungslos. Lange sah sie nur tanzende, feurige Kreise. Dann gelang es ihr unter unsäglicher Mühe, die Augen zu öffnen, und ihr Blick wurde klarer.

Weiß umgab sie. Das Weiß von Bettwäsche, wie sie es auch schon nach ihrem ersten Erwachen gesehen hatte. Sie wollte sich aufstützen, aber ihre Arme waren zu matt. Sie gehorchten ihr nicht. Erst jetzt sah sie den Mann am Fußende ihres Bettes und hörte die Stimmen. Sie drangen leise, wie durch Watte gefiltert, in ihr Gehör.

Der Mann war rothaarig. Er lächelte. Er hielt eine große Polaroidkamera, zog das Bild heraus, wedelte damit und drehte sich dann um. Er legte das Bild verkehrt herum auf einen Tisch. Melanie nahm die Einzelheiten wahr, ohne sie zu begreifen. Ihre Augen funktionierten so mechanisch wie das Kamera-Objektiv, das sie anglotzte. Der rothaarige Mann lachte erfreut, winkte ihr zu und hob den Sucher erneut ans Auge.

»Gut so, Mädchen, ausgezeichnet. Laß die Augen offen, hörst du! Dann sieht man wenigstens, daß du noch munter und quicklebendig bist.«

Melanie verstand nicht, was er meinte. Als der Blitz zuckte, wurde sie wieder von diesen tanzenden Feuerkreisen angesprungen. Sie kniff die Augen zusammen, und abermals begann die Qual, bis sie wieder imstande war, die Lider zu öffnen. Ein Teil ihrer Erinnerung setzte nun ein. Da war der Geruch gewesen, den sie beim ersten Erwachen gespürt hatte, dieser Geruch von Desinfektionsmitteln.

Es mußte ein anderer Raum sein, in dem sie sich jetzt befand. Denn der Geruch fehlte. Es gelang ihr, den Kopf ein wenig anzuheben. Ihr Blick wanderte an dem rothaarigen Mann vorbei. Durch das Fenster sah sie die Aufbauten eines großen Motorbootes, einer Jacht. Dahinter dehnte sich, scheinbar endlos, eine Wasserfläche.

Der Rothaarige legte die Kamera weg und löste die beiden Sofortbilder von der Entwicklungsfolie. Erst jetzt sah Melanie die anderen Männer. Sie standen ein Stück abseits, rauchten Zigaretten und tuschelten. Eine Frau war auch dabei. Vier Männer und eine Frau.

Dies war kein Hospital!

Melanie wollte sich aufrichten. Sie wollte schreien. Doch nicht einmal der Schreck der plötzlichen Erkenntnis war stark genug, um ihre Muskeln und Stimmbänder gehorchen zu lassen.

Der Rothaarige trat an die Seite ihres Bettes und hielt ihr eins der Farbfotos vor die Augen. »Das schenke ich dir, Kleines. Ist für uns nicht zu gebrauchen, weil du die Augen zuhast. Sieht aus, als ob du schläfst. Einer, der’s nicht genau weiß, könnte ja Schlimmeres annehmen, stimmt’s?« Er ließ das Bild auf die Bettdecke wehen und betrachtete das andere. »Hier bist du viel besser getroffen. Da sieht man deine hübschen Augen in voller Größe.«

»Wo… wo bin ich?« hörte Melanie ihre eigene Stimme, fremd, mühsam und krächzend.

Der Mann steckte das Bild in seine Jackentasche, lachte und winkte ab. »Du bist in besten Händen, Mädchen. Mach dir keine Sorgen! Bessere Freunde als uns kannst du dir nicht wünschen. Wir haben sogar einen Arzt und eine Krankenschwester für dich, damit es dir an nichts fehlt.«

Melanie erschrak von neuem. Was auf sie einstürmte, war zuviel, um es zu verarbeiten. Arzt? Krankenschwester? Was war mit ihr geschehen? Sie spürte keine Schmerzen, und doch hatte man sie in ein Hospital eingeliefert. Jetzt war sie woanders, aber doch mit einem Arzt. Was, in aller Welt, konnte dies zu bedeuten haben?

Es gelang ihr, den Kopf vorsichtig von einer Seite zur anderen zu bewegen. Und auf einmal spürte sie, daß sie einen Verband trug.

»Nur ein paar Prellungen und Abschürfungen«, sagte der Rothaarige mit väterlichem Lächeln. »Du hast mächtiges Glück gehabt, Kleines. Sei froh, daß du den Sicherheitsgurt angelegt hattest. Ehrlich gesagt, wir sind auch froh darüber, daß du uns erhalten geblieben bist.«

Die anderen lachten.

Sicherheitsgurt?

Das Wort hallte in Melanies Gedanken nach. Bruchstückhafte Bilder erschienen vor ihrem geistigen Auge. Eine Straße im Sonnenschein. Eine Windschutzscheibe, die plötzlich stumpf und undurchsichtig wurde. Lucio!

Sie schrie den Namen.

Sofort war der Rothaarige bei ihr und drückte sie in die Kissen. Sein Atem roch nach Zigarettenrauch.

»Reg dich nicht auf, Mädchen! Ganz ruhig bleiben!« Er wandte den Kopf zur Seite. »Doc, verdammt noch mal, beweg dich!«

Melanie atmete heftig. Sie spürte Angst. Sie versuchte vergeblich, sich gegen die Kraft dieser Hände aufzulehnen. Ein anderes Gesicht tauchte neben dem des Rothaarigen auf. Der Mann war unrasiert, und seine Augen glänzten wie unter Fieber.

»Ich bin Ihr Arzt, Miß Heston«, sagte er, und dabei konnte er ein Grinsen nur mühsam unterdrücken. »Gleich wird es Ihnen besser gehen. Sie stehen immer noch unter Schock. Aber wir haben für alles vorgesorgt. Bald haben Sie es überstanden -spätestens morgen, vielleicht schon in ein paar Stunden.«

Melanie sah eine funkelnde Spritze, die er hochhob und aus der Injektionsnadel einen feinen Strahl aufsteigen ließ.

Wieder hörte sie sich schreien. Doch gegen den harten Griff des Rothaarigen war sie hilflos. Und dann spürte sie nicht einmal den Einstich. Nur diese plötzliche Mattigkeit, die sie von neuem befiel. Ihre Lider wurden schwer, und sie sah nicht mehr, wie der untersetzte Mann mit dem roten Haar von ihr abließ. Die Stimmen, die sie hörte, formten nur noch unverständliche Silben.

Details

Seiten
128
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941449
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903499
Schlagworte
frau killer trevellian

Autor

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Titel: Trevellian und die Frau, die einen Killer liebte