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Vivians Herde

2020 130 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

Copyright

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Vivians Herde

Westernroman von R. S. Stone

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Die schöne Vivian Bradley ist in höllischer Not. Wenn es ihr nicht rechtzeitig gelingt, ihre Rinderherde auf den Markt nach Abilene zu bringen, ist ihre Ranch verloren. Sie bittet den arbeitslos gewordenen Cowboy Ben Roper um Hilfe. Sie weiß, dass nur ein harter Mann wie er es fertig bringen kann, als Trailboss die Herde durchzubringen.

Für Ben Roper keine leichte Aufgabe, denn er weiß, dass dieses Unterfangen alles andere als ein gemütlicher Spaziergang werden wird. Die Mannschaft taugt nicht viel, und zudem sitzt ihm die Thanner-Sippe gehörig im Nacken, die scharf auf seinen Skalp ist. Denn es war ausgerechnet Bobby-Jay Thanner, den Ben in einer Kleinstadt in Texas von den Beinen schießen musste.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Dixon&Hoppner mit Steve Mayer

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1. Kapitel

Der beginnende Frühling im Anfang April mit seinen wechselnden Launen war hier oben auf den schroffen Hängen so unberechenbar wie die wandelbaren Stimmungen einer eigenwilligen Frau. Im Osten – weit unten in der Ferne – dort also, wo das Land flach wurde und seine neue, frische Schönheit in der Eintönigkeit der Ebenen verlor, hatte der Himmel einen blaugrünen Hauch. Unter dem Himmelsrand legte sich das Land bereits in ein sanftes Grün, während hier oben auf den Hängen nur die Zitterespen zarte Knospenspuren zeigten. Sonne und Regen hatten sich in den vergangenen Tagen abgewechselt. Jetzt dominierten wieder die Sonnenstrahlen, und die Temperaturen waren etwas angestiegen.

Der Mann, der sich Ben Roper nannte, hatte seinen Ritt für eine kurze Weile unterbrochen, um sich und seinem rostbraunen Hengst, den er liebevoll Chico getauft hatte, als er noch ein junges Fohlen gewesen war, eine kleine Pause zu gönnen, um das Bild der eigenwilligen Landschaft in sich aufzunehmen. Dabei hatte er sein linkes Bein über das Sattelhorn geschlagen und rauchte eine Zigarette, während sein Tier die Zeit nutzte, um am spärlichen Gras zu rupfen. Eine innere Unruhe hatte ihn bislang in diesen Teil des Landes getrieben, die sich langsam in eine stoische Gleichmütigkeit verlor, jetzt, da er wusste, seinem Ziel schon sehr nahe gekommen zu sein. Und deshalb war Eile nicht mehr unbedingt erforderlich. Denn das, was zu erledigen war, würde bald erledigt sein. Ben Roper war ein großer Mann mit der typischen Figur eines Reiters, breit in den Schultern und schmal in den Hüften. Die meiste Zeit seines Lebens verbrachte er im Freien, und so hatte die Texassonne sein kantig geschnittenes Gesicht tiefbraun gefärbt, dessen Kontrast dazu seine Augen waren. Je nach Gemütsverfassung dieses Mannes konnten sie dunkler oder heller erscheinen. Dunkelblondes Haar lugte unter seinem schwarzen Stetson hervor, das bereits längere Zeit nicht mehr geschnitten worden war. Etwas, das er nachzuholen gedachte, sobald er die kleine Stadt Peacock, die hinter der Ebene im Osten lag, erreicht und seine Angelegenheit zu Ende geführt hatte. So, wie einige andere Dinge auch. Was danach geschah, nun, darüber war er sich noch nicht klar. Ein Zurück jedenfalls gab es für ihn nicht mehr – würde es auch niemals wieder geben. Und das war etwas, das ihn in ein tiefes Bedauern versetzte. Mehr noch; in ihm keimte nagender Zorn, der ihn während der Zeit seines Ritts begleitet hatte.

Er nahm einen tiefen Zug aus der Zigarette und schnippte sie achtlos weg. Dann nahm er die Zügel auf und setzte seinen Ritt fort, um ein paar Stunden – es war um die Mittagszeit – die ersten Häuser der kleinen Stadt Peacock vor seinen Augen hatte.

Während er, scheinbar vollkommen lässig, seinen Rostbraunen über die staubüberzogene Main Street lenkte, wanderten seine Blicke aufmerksam nach links und rechts. Jede Kleinigkeit nahm er in sich auf, schien sie noch so unbedeutend oder nichtig. Denn gerade diese Kleinigkeiten waren es, die oft unterschätzt, entscheidend über Tod oder Leben sein konnten. Er wusste es aus Ansammlungen von Erfahrungen, die er in seinem Leben – er war jetzt über dreißig Jahre alt – gemacht hatte. Und deshalb wich er nicht einen Zollbreit von seiner Gewohnheit ab.

Der Conestoga-Wagen vor dem Store fiel ihm sofort auf. Es war einer, der gewiss schon bessere Tage gesehen hatte. Die Plane war verwittert und an mehreren Stellen bereits notdürftig geflickt. Dennoch war es nicht einmal der Wagen, der Ben Ropers Interesse erregte.

Vielmehr war es die Frau, die auf dem Bock saß und deren wallendes Haar wie Kupfer in der Sonne glänzte. Sie trug einen flachkronigen Hut auf dem Kopf, den sie weit aus der Stirn geschoben hatte. Das verschaffte Ben Roper einen Einblick in ihr Gesicht. Es war ein schönes Gesicht, ebenfalls von der Texassonne tiefbraun gefärbt, aber der energische Ausdruck darin verriet ihm sofort, dass sie gewohnt war zu herrschen.

Für einen ganz kurzen Moment trafen sich ihre Blicke, und Ben Roper erkannte den Anflug unverhohlener Ungeduld in ihren Augen. Er erlaubte sich ein leichtes Schmunzeln, während er weiter über die Straße ritt. Offensichtlich schien dieser hübschen Frau etwas gewaltig gegen den Strich gegangen zu sein. Nun, das waren nicht seine Sorgen. Er hatte ganz andere. Und als er vor dem Saloon die staubbedeckte Stute mit der weißen Blesse stehen sah, versteifte sich seine Haltung. Instinktiv berührte seine Rechte den abgenutzten Griff seines 45ers, der im Holster steckte. Bens Gesichtsausdruck wurde hart wie Stahl.

Er verhielt sein Pferd neben der Stute und warf einen Blick auf die Brandzeichen. Ein A in einem Kreis. Das Brandzeichen, welches der alte Oak Ames für seine Ranch und demzufolge auch für seine Tiere verwendet hatte.

Ja, hatte …

Sofort verdunkelten sich Ben Ropers Augen. Die Information, die er vor einigen Tagen bekommen hatte, hatte sich also bestätigt. Nun, Sterbende sagen meistens die Wahrheit, und Ben Roper war auf der richtigen Fährte geblieben. Die braune Stute ließ keine Zweifel offen. Ebenso wenig wie das Brandzeichen. Nun, anders hatte er es auch nicht erwartet. Langsam glitt er aus dem Sattel und warf die Zügel lose über den Haltebalken. Er strich seinem Rostbraunen kurz übers Fell und stampfte einige Male auf den Boden, um die Steifheit aus den Gliedern zu vertreiben. Mit dem Daumen löste er die Sicherheitsschlaufe am Holster und trat die Stufe zum Gehsteig hinauf. Stimmengewirr und Gläserklirren drangen an seine Ohren. Noch einmal wanderten seine Blicke nach allen Seiten. Dann stieß er die Schwingtüren nach innen auf und trat in den Saloon. Ein heftiges Geruchsgemisch aus Tabakrauch, Schweiß, abgestandenem Alkohol und billigem Parfüm stieg ihm in die Nase. Viel war nicht los. Ben Roper sah sich suchend um. Aber das, was er zu finden erhofft hatte, war nicht da. Jedenfalls nicht in dem Raum.

Eine Gruppe von sechs Männern saß an einem Tisch in der Ecke, vertrieb sich die Zeit mit einem Kartenspiel. Ein weiterer Tisch wurde von einer Gruppe in Beschlag genommen, die Ben Roper für Reisende hielt, die hier einen notgedrungenen Zwischenstopp gemacht hatten, weil sie auf die nächste Kutsche warteten. Vermutlich kamen sie aus dem Osten, sie passten nicht in das typische Bild des Landes, das die Menschen in Westtexas geprägt hatte. Es waren drei Männer und drei Frauen. Und alle sahen sie aus, als seien sie einem Modemagazin entsprungen.

Ihre Gesichter zeigten ihm deutlich, dass sie sich alles andere als wohl fühlten. Besonders die drei Frauen wirkten verärgert. An der Theke lümmelte ein dickbäuchiger Bursche in einem zu kurz geratenen Prince-Albert-Rock. Den Bowlerhut hatte er weit aus der Stirn geschoben, und sein schwammiges Gesicht glänzte vor Schweiß. Als sich Ben Roper dem Tresen näherte, wich der Dicke höflich zur Seite, wobei Bier aus seinem Glas schwappte und ihm über die Jacke floss. Der Dicke brummte etwas, das Ben Roper nicht verstand und führte das Bierglas an die Lippen. Ben Roper beachtete den Mann nicht weiter. Er schickte noch einen prüfenden Blick durch den Raum und wandte sich dem Barmann hinterm Tresen zu.

Der sah ihn fragend an. »Suchen Sie jemanden bestimmtes, Mister?«

Ben Roper wies mit dem Daumen in Richtung Schwingtüren. »Ja, den Burschen, dem die braune Stute draußen gehört.«

Der Barmann legte das Tuch zur Seite, musterte Ben Roper mit zusammengezogenen Brauen und fuhr sich mit seinen Wurstfingern übers Kinn. »Freund von Ihnen?«

»Wohl kaum.«

»Mister, der Kerl ist Bobby-Jay Thanner. Hoffe, Sie wissen das, wenn Sie mit dem anbändeln wollen.«

Ben Roper erlaubte sich ein hartes Grinsen. »Und wenn‘s der Gouverneur von Texas wäre. Er reitet ein Pferd, das nicht ihm gehört. Also?«

Der Barmann deutete mit einem Kopfnicken zur Treppe. »Ist oben und vergnügt sich gerade mit einem der Mädchen. Ich würde an Ihrer Stelle …«

»Welches Zimmer?«

Der Barmann stieß ein Seufzen aus. »Nummer acht. Das letzte oben im Gang.«

Ben Roper tippe höflich an die Hutkrempe. »Gracias. Bin gleich wieder zurück. Sie können mir derweil ein kühles Bier zapfen.«

Der Barmann glotzte den Fremden mit großen Augen an. Er hatte einen warnenden Spruch auf den Lippen, ließ ihn aber unausgesprochen, als Ben Roper sich abrupt umwandte und zielstrebig auf die Treppe zuging. Vor der ersten Stufe blieb er einen kurzen Augenblick stehen, rückte den Revolvergurt zurecht und stieg die Treppe nach oben. Dämmriges Licht schimmerte ihm entgegen, als er die erste Etage erreichte. Er brauchte nicht lange nach dem Zimmer zu suchen. Eindeutige Geräusche drangen auf den Flur. Dort drinnen ging es mächtig zur Sache. Ben Roper grinste grimmig, als er sich vor die verschlossene Tür stellte.

Der Spaß wird dir gleich vergehen, du verdammter Hurensohn! Na, warte, schoss es ihm gallig durch den Kopf. Er langte nach seinem 45er, zog ihn aus dem Holster und legte den Abzugshahn nach hinten. Dann trat er zurück, nahm Anlauf und schmetterte seinen Fuß mit voller Wucht gegen die Tür. Mit lautem Knall flog sie auf, und Ben trat ins Zimmer, mit dem 45er im Anschlag.

»Überraschung!«

Und die war ihm auch gelungen!

Bobby-Jay Thanner ließ von der drallen Blondine ab, die unter ihm lag. Er sprang auf wie von der Tarantel gebissen. Das Mädchen stieß einen spitzen Schrei aus, rollte sich zur Seite und wäre dabei fast aus dem Bett gefallen.

Bobby-Jays Arm streckte sich nach dem Revolvergurt aus, der über der Bettkante hing. Aber er verharrte mitten in der Bewegung, als er in die schwarze Mündung des 45ers starrte, den Ben Roper auf ihn gerichtet hielt.

»Nur zu«, kam es fast freundlich über dessen Lippen, »lang ruhig zur Kanone. Würdest mir ‘ne mächtige Freude damit machen, du Dreckskerl.«

Bobby-Jays Arm fiel schwer auf die Bettdecke. Er fasste sich schnell, und in seinen gelblichen Augen begann es tückisch zu flackern. »Was willst du von mir? Siehst du nicht, dass ich beschäftigt bin?«

»Für einen, der bald hängen wird, hast du ‘n verdammt loses Maul, Thanner. Los, steig in deine Klamotten. Und dann machen wir ‘nen kleinen Spazierritt nach Sweetwater.«

»Hängen? Sweetwater? Was erzählst du da für ‘nen Mist? Was bist du? Ein verdammter Blechsternträger oder sowas?«

»Du erinnerst dich nicht an Sweetwater, hm?«

Thanners giftige Augen zogen sich zusammen. Daran erkannte Ben Roper, dass sich der Bursche ganz gewiss an Sweetwater erinnerte. Langsam, ganz langsam stieg er aus dem Bett. Aber in den Blicken dieser gelben Augen sah Ben Roper den lauernden Ausdruck. Der Bursche war gefährlich, und Ben Roper blieb auf der Hut.

»Oak Ames war ein prächtiger Kerl, Thanner. Ja, ich hatte verdammt gerne für ihn gearbeitet. Bevor ihr, du und dein verdammter Kumpan, ihn hinterrücks niedergeknallt und dann ausgeraubt habt. Pech nur, dass Ames noch nicht gleich tot war, als ich ihn fand. So brachte er mich auf eure Spur. Dein Kumpan übrigens erinnerte sich recht gut an den alten Oak. Bevor er starb, meine ich.«

Thanner verzog sein Gesicht zu einer hässlichen Fratze. Aber er ließ sich nicht einschüchtern.

»Wovon quatscht du da eigentlich, eh? Ich kenne keinen Ames. Und was soll das mit diesem Kumpan? Ich bin allein.«

»Sing das dem Richter in Sweetwater vor, Thanner. Draußen vor dem Saloon steht ein Gaul. Eine braune Stute mit ‘ner weißen Blesse. Das Pferd hatte dem alten Ames gehört. Klar am Brandzeichen zu erkennen. Und Buzz Moran, dein Kumpel, hat gesungen, bevor er krepiert ist. Und nun steig endlich in deine Klamotten. Oder ich mach dir Beine, du verdammtes Schwein!« Die letzten Worte zischte ihm Ben Roper hasserfüllt entgegen.

Jetzt legte sich ein Anflug von Unsicherheit in Thanners Augen. Er bewegte sich zögernd auf den Stuhl zu, über dem seine Kleidung hing. Ben Roper ließ den Burschen nicht eine Sekunde aus den Augen. Die Blondine saß inzwischen aufgerichtet auf dem Bett und hatte das Laken über ihren nackten Körper gezogen. Ihre Blicke flogen zwischen den beiden Männern hin und her. Aber sie verhielt sich still. Für Ben Roper stellte sie keine Gefahr dar.

Bei Thanner sah die Sache etwas anders aus. Der Mann war verschlagen bis aufs Blut, bösartig und gemein, und er kannte so ziemlich jeden schmutzigen Trick. Das wusste Ben Roper genau. Deshalb war er keineswegs überrascht, als Thanner sein Hemd vom Stuhl fegte und plötzlich einen Derringer in der Faust hielt. Ben Ropers 45er brüllte auf, noch ehe Thanner die kleine Waffe direkt auf ihn richten konnte. Das Geschoss donnerte dumpf in Thanners Brust. Der Derringer fiel polternd auf den Boden. Thanners Gesichtszüge entgleisten. Er machte einen taumelnden Schritt, stieß gegen die Bettkante und legte sich der Länge nach aufs Bett. Mit starren Augen blieb er neben dem Mädchen liegen, das aufschrie und hochsprang, als wäre es gestochen worden.

Beißender Pulverdampf zog in Schwaden zur Decke.

Die Patronenhülse fiel klirrend auf den Boden, als Ben sie aus der Kammer stieß. Mit reglosem Gesichtsausdruck blickte er auf den leblosen Thanner.

Das Mädchen beäugte ihn verängstigt, als wäre er der Leibhaftige in Person. Ben sah, wie sie am ganzen Leib zitterte. Er beförderte den 45er mit einer vollendeten Drehung zurück ins Holster. Erst, als die schwere Waffe nicht mehr in seiner Rechten lag, hörte das Mädchen zu zittern auf und und beruhigte sich etwas. Jedenfalls äußerlich. Innerlich schien sie noch mächtig aufgewühlt zu sein. Das hörte Ben am Klang ihrer Stimme heraus, die stotternd zu ihm herüberwehte: »Sie … Sie haben ihn einfach erschossen. Bobby-Jay Thanner … er ist …«

»Schon gut, Mädchen. Nur die Ruhe. Der Kerl hat‘s herausgefordert. Sie haben es ja gesehen, als er den Derringer zog. Und seien Sie gewiss: Um den ist es ganz bestimmt nicht schade.«

Draußen polterten eilige Schritte über den Korridor, und Ben Roper vernahm eine laute, aufgeregte Stimme: »Da, Zimmer acht! Von dort kam der Schuss. Kommen, Sie Marshal! Schnell!«

Das war der Barmann. Ben erkannte die Stimme wieder.

 

 

2. Kapitel

Marshal Gregg Pawley klemmte sich eine Zigarre zwischen die Lippen und zündete sie sich umständlich an. Dichte Qualmwolken umwölkten sein breites Gesicht, dessen schmallippiger Mund ein dichter, eisgrauer Schnurrbart überzog. Der Marshal wandte sich an Ben Roper. Der stand mit dem Rücken an der Wand des Marshal Office gelehnt und hielt seine Arme ineinander verschränkt.

»Ich kann deine Gründe gut verstehen, Ben, alter Junge. Aber wieso bist du nicht gleich zu mir gekommen, statt eigenmächtig in das Zimmer der kleinen Nancy einzudringen um dann mit Bobby-Jay Thanner abzurechnen?«

»Du weißt, dass ich nie jemanden in meine Angelegenheiten reinziehe, Gregg. Außerdem habe ich bis vor zehn Minuten nicht gewusst, dass ausgerechnet du hier Marshal in der Stadt bist. Ja, ich war überrascht, dich mit so einem Blechstern auf der Brust plötzlich im Zimmer auftauchen zu sehen. Ich gebe zu, ich hätte dann vielleicht die Möglichkeit eher in Betracht gezogen, mich an dich zu wenden. Was Thanner allerdings anbelangt, mein Freund – der hatte plötzlich den Derringer in der Faust. Es gab für mich keine andere Wahl, als ihn von den Beinen zu schießen.«

Pawley winkte ab. »Ich weiß, ich weiß. Die kleine Nancy hat‘s ja auch bestätigt. Zudem war Thanner gewiss kein unbeschriebenes Blatt. Und dass er an dem Mord deines alten Bosses beteiligt gewesen war, wusste ich auch nicht. Nun, in gewisser Hinsicht hast du mir sogar Arbeit abgenommen, Ben. Du warst lange mit dem alten Ames zusammen, nicht wahr?«

„Über sechs Jahre, Gregg. Und wir hatten ‘ne verdammt harte Zeit, das kannst du mir glauben. Und als es anfing, langsam zu laufen, da kamen diese Kerle. Die mussten gewusst haben, dass sich der Alte allein auf der Ranch aufgehalten hatte, während ich mit unserem Koch unterwegs nach Sweetwater war, um Vorräte einzukaufen. Die Dreckskerle hatten Oak Ames nicht den Hauch einer Chance gegeben. Haben ihn einfach von hinten niedergeknallt. Und dann alles geraubt, was sie in die Finger bekommen konnten, diese verdammten Dreckskerle! Einschließlich unserer Pferdeherde.«

Pawley nickte düster. „Ich habe den Alten auch gekannt, wie du weißt. War ‘n verdammt feiner Kerl. Ich mochte ihn gern. Wirst du zur Ames-Ranch zurückkehren, Ben?«

Ben schüttelte entschieden den Kopf. »Mich würd‘s immer daran erinnern, wie‘s mal früher dort gewesen war. Schätze, damit käme ich nicht zurecht. Außerdem müsste ich ganz von vorn anfangen, praktisch bei Null. Und dazu fehlt mir das Geld. Ich hatte sogar den alten Rim Dusty entlassen müssen, unseren Koch. Er lachte freudlos auf. »Der Alte, Rim und ich … wir waren schon ‘n verdammt gutes Gespann.«

»Kann dich verstehen, Ben. Mir tut die Sache verdammt leid. Wahrhaftig. Ich wollt, ich könnte dir irgendwie helfen. Aber ich wüsste nicht, wie ich das anstellen sollte. Willst du etwa in der Gegend bleiben?“

Ben zuckte die Schultern. »Ich weiß nicht so recht, Gregg. Ich bin einer, der im Sattel aufgewachsen ist. Außer der Arbeit mit Pferden, Rindern und ‘nem Brandeisen verstehe ich nicht viel. Und im Augenblick ist in dieser Gegend kaum was zu holen für ‘nen Mann wie mich. Zudem gibt es jetzt nichts, was mich hier in der Umgebung noch halten könnte. Schätze, ich werde wohl mein Glück woanders versuchen.«

»Die Zeiten stehen im Augenblick nicht sehr günstig. Da gebe ich dir recht. Aber da wäre noch etwas, Ben …“

»Und das wäre?«

Pawley zog ein paar Mal heftig an der Zigarre. »Thanners Sippschaft. Und die ist verdammt nicht klein. Ob Brüder, Cousins, Vettern und was nicht noch alles. Alle von Bobby-Jays Schlag, und viele noch schlimmer. Alles Typen, um die man am besten einen höllisch großen Bogen macht. Mit Old Man Chancey Thanner als Oberhaupt. Und der wird alles daransetzen, dich in die Finger zu kriegen. Und hier werden sie anfangen, Fragen zu stellen. Vielleicht nicht heute, Ben. Vielleicht auch nicht morgen. Aber die tauchen auf. Darauf kannst du Gift nehmen.«

»Vor denen hätte ich keine Angst, Gregg. Und davonlaufen würde ich vor ihnen nicht. Schätze, das weißt du. Außerdem weißt du auch, wie‘s gewesen ist. Thanner-Sippe hin oder her, ob es denen schmeckt oder nicht, Gregg: Ich war im Recht. Zudem war Bobby-Jay ein gottverdammter Mörder.«

Gregg Pawley erlaubte sich ein schiefes, zynisches Lächeln. »Glaubst du allen Ernstes, dass es auch nur einen des Thanner-Clans interessieren würde? Du hast einen von denen in die Hölle geschickt. Nur das zählt für die Burschen. Und jetzt will die verdammte Sippe dein Blut sehen. So einfach ist das. Die fragen nicht erst nach Recht oder Unrecht. Das ist denen völlig schnuppe.«

Ben winkte ab. »Schon gut, Gregg. Hab‘s begriffen.«

»Ben, wenn ich dir einen Rat geben darf, dann schwing dich wirklich auf deinen Rostbraunen und sieh zu, woanders dein Glück zu versuchen. Von mir würden die Thanners sowieso nichts erfahren, was dich betrifft. Nicht ein Wort. Das brauch ich dir wohl nicht zu sagen.«

Ben schüttelte den Kopf. »Nein, das brauchst du wirklich nicht. Gregg, es gab ‘ne Zeit, da haben wir gemeinsam ‘ne Menge ausgefressen. Haben in den Bergen Gabelböcke gejagt und in den Bächen Fische gefangen. So manch eine Flasche haben wir zusammen an den Lagerfeuern geköpft. Ja, wir hatten mächtig schöne Zeiten zusammen, damals, noch bevor ich mit Oak Ames zusammenging. Nun, jetzt bist du hier Marshal. Und als Marshal dafür verantwortlich, dass es hier in Peacock sauber, friedlich und ruhig abläuft. So ist es doch, nicht wahr?«

Gregg Pawley klopfte Ben auf die Schulter. »Ich sehe, du verstehst die Sache richtig, Ben. Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass du aus Trotz in der Gegend bleiben würdest, bis ein Zusammenstoß mit den Thanners unvermeidlich geworden ist. Aber tu es nicht. Ich will hier keinen Ärger. Und den wird’s geben, wenn die Thanners kommen. Nur du solltest dann schon ganz, ganz weit weg sein. Klar denke ich an das Wohlbefinden der Stadt. Aber eher an deine eigene Gesundheit, alter Junge. Deine Idee vorhin, das Land zu verlassen, war goldrichtig. Lasse es dabei bewenden.«

Ben nickte. »Für einen kurzen Moment lang hatte ich eben gedacht, mich den Thanners zu stellen, um vollkommen reinen Tisch zu machen. Ich geb‘s zu, Gregg. Aber ich würde auch dich da mit hineinziehen. Und das ist mir die Sache nicht wert. Es bleibt dabei, ich werde reiten. Kannst also wieder beruhigt schlafen.«

Marshal Pawley lächelte erleichtert. »Ich danke dir dafür, mein Freund.«

»Wer weiß, Gregg. Wir seh‘n uns bestimmt wieder. Wenn Gras über die Sache gewachsen ist und ich wieder festen Boden unter den Füßen habe. Halt bis dahin die Ohren steif, hörst du?« Ben rückte seinen Stetson zurecht und ging zur Tür.

»Ben, einen Augenblick noch.«

Ben drehte sich noch einmal zu Pawley herum. Der Marshal machte einen Schritt auf ihn zu und zog einen Geldschein aus der Westentasche. »Fast hätte ich das vergessen. Thanner hatte noch fünfzig Dollar in der Tasche, Ben. Ich bin sicher, dass es kein ehrlich verdientes Geld gewesen ist. Vielleicht war‘s sogar der Rest von dem, was Oak Ames gehört hatte. Spielt auch keine Rolle für mich. Du sollst es jedenfalls haben.«

Ben Roper winkte ab. »Rechne ich dir verdammt hoch an, Gregg. Aber Old Oak Ames werden diese lumpigen fünfzig Dollar nicht mehr viel nutzen. Mach von mir aus mit dem Geld, was du für richtig hältst. Bezahle meinetwegen die Kosten für Thanners Beerdigung davon.«

»Und du …«

Ben Roper schüttelte den Kopf. »Ich will‘s nicht.« Mit diesen Worten verließ er das Office des Marshals.

 

***

 

Im Store kaufte er noch etwas Proviant, ein Päckchen Durham-Tabak mit Papier und eine Flasche Rye. Dann ging er zu seinem Rostbraunen, der geduldig vor dem Saloon stand und auf ihn wartete. Er verstaute den Einkauf in der Satteltasche, strich dem Rostbraunen über die Nüstern und schwang sich in den Sattel.

Drüben auf der anderen Seite sah er Gregg Pawley stehen. Der Marshal lehnte am Haltebalken vor dem Office. Zwischen seinen Lippen klemmte eine Zigarre, und er blickte zu Ben Roper herüber.

Nur kurz trafen sich die Blicke beider Männer, und Pawley hob die Hand. Ben Roper winkte ihm zu, warf den Rostbraunen herum und lenkte ihn auf die Straße.

Einst hatte sie ein freundschaftliches Gefühl miteinander verbunden. Aber hatte das heute noch Bestand? Ben war sich dessen nicht ganz sicher. Pawley hatte sich verändert, war behäbig geworden, und sein Bauchansatz verriet ein bequemes Leben. Dabei war er kaum zwei Jahre älter als Ben Roper. Nun, gewiss würde er sich als Marshal dieser Stadt nicht sonderlich schwertun und schien sich sein Gehalt leicht und mühelos verdienen. Allein deshalb war er erleichtert, dass Ben ohne viel Aufhebens die Stadt wieder verlassen würde. Nun, diesen Gefallen wollte er dem Marshal ja auch tun. Und überhaupt … was ging Ben noch die restliche Thanner-Sippe an? In Gedanken gab er sich die Antwort selbst: Gar nichts!

Als er über die Main Street in Richtung Stadtausgang ritt, spürte er plötzlich eine seltsame Leere. Über zwei Wochen war er auf der Fährte jener Männer gewesen, die Old Ames ermordet und beraubt hatten. Beide waren sie ihrer gerechten Strafe zugeführt worden. Der eine vor etwa sechs Tagen in Pineville, Bobby-Jay Thanner am heutigen Tag.

Und nun?

Selbst die Genugtuung, die Mörder tot zu wissen, würde Oak Ames nicht mehr zum Leben erwecken. Und das war es, was Ben beschäftigte. Er wusste nicht, wohin sein Weg ihn jetzt führen sollte. Es war ihm auch egal. Er brauchte Zeit, um mit sich und der Welt wieder ins Reine zu kommen. Ja, sich einfach treiben lassen und sehen, was sich ergab. Eine Stimme rief ihn an, und er brachte den Rostbraunen zum Stehen. Im Sattel drehte er sich um und erblickte eine Frau, die energischen Schrittes auf ihn zuging. Er erkannte sie sofort. Es war jene, die er beim Einreiten in die Stadt auf dem Bock des Conestogas gesehen hatte. Neben dem Rostbraunen blieb sie stehen, hatte ihre Fäuste in die Hüften gestemmt und sah zu ihm auf. Mit einem herrischem Blick, der ihm gar nicht gefiel.

»Steigen Sie vom Pferd, Cowboy! Ich will mit Ihnen reden.«

Ben staunte. Der Tonfall ihrer Stimme klang genauso hart, wie ihr energisches Auftreten wirkte. Beides gefiel ihm noch weniger. Er war gewiss nicht der Mann, der sich so einen Ton gefallen ließ. Weder von einem Mann noch von einer Frau. Zorn keimte in ihm auf, den er nur mühsam unterdrücken konnte. Er zog die Augen zusammen und schickte ein paar blitzende Blicke zu ihr herab. »Mag vielleicht auf Sie zutreffen, Lady. Nicht auf mich. Sie entschuldigen mich. Ich möchte weiter.«

Ihr hübscher, kirschroter Mund klappte erstaunt auf. Das hatte sie nicht erwartet. Aber das war für Ben unwichtig. Er war nicht daran interessiert, sich ihre Belange anzuhören. Er wollte fort aus dieser Stadt und das am besten gleich. Vielleicht hätte er zu einer anderen Zeit an einem anderen Ort anders entspannter reagiert. Aber so ließ er die Rothaarige einfach stehen, presste dem Rostbraunen die Schenkel in die Weichen und ritt davon, ohne sich auch nur noch ein einziges Mal umzudrehen.

 

 

3. Kapitel

Peacock lag einige Meilen hinter ihm, und als es zu dämmern begann, suchte sich Ben Roper einen Lagerplatz für die Nacht. Zwischen einigen Pinien und dichten Felsen nahe eines kleinen Arroyo hielt er an, glitt aus dem Sattel und band die Zügel des Rostbraunen lose an einen Mesquitestrauch. Während das Tier anfing, das Gras zu rupfen, sammelte Ben Holz und Reisig zusammen, schichtete es zu einem Haufen zusammen und machte ein Lagerfeuer.

Es war bereits dunkel, als er am Feuer saß, in beiden Händen einen heißen Becher Kaffee haltend, den er mit einem tüchtigen Schluck Whiskey verfeinert hatte. Die Nacht war sternklar, ein kühler Wind wehte von Westen über die Plains. Irgendwo in der Ferne jaulte ein einsamer Coyote dem Mond sein Klagelied. Der Rostbraune rupfte am Gras, stieß ab und zu ein zufriedenes Schnauben aus. Ansonsten war es ruhig. Für Ben war es genau die richtige Stimmung, eine perfekte Nacht in der Einsamkeit der Plains. Er war ein Mann, der diese Einsamkeit liebte. Und während er so am Feuer saß, sich den mit Alkohol verdünnten Kaffee einverleibte, nahm er sich vor, dieses Leben eine ganze Weile noch zu führen. Das Gefühl von Leere war verschwunden. Eine Weile konnte er sich einfach treiben lassen. Wenn Proviant und Geld zur Neige gingen, würde er sich eben wieder einen Job suchen müssen. Ben streckte seine langen Beine aus und lehnte sich an einen Felsen. Er nahm einen ordentlichen Schluck, drehte den Becher in den Händen. Eine wohlige Wärme flutete durch seinen Körper, und eine bleierne Müdigkeit überfiel ihn. Und es dauerte dann nicht mehr lange, dass er in seinen Decken lag, den breitkrempigen Stetson übers Gesicht gezogen und mit halb geschlossenen Augen dem Prasseln des Feuers lauschte. Kurz darauf zog ihn die Müdigkeit in einen tiefen Schlaf.

 

***

 

Es war ein unverkennbarer Duft von frischem Kaffee, der ihn weckte. Zunächst stieg ihm dieser Duft angenehm in die Nase, doch plötzlich schrak er hoch. Der Hut flog ihm vom Gesicht, und unwillkürlich langte seine Rechte nach seinem 45er. Doch dann entspannte sich seine Haltung. Er kniff ein paar Mal die Augen zusammen und schüttelte den Kopf.

Am Feuer saß eine Frau. Es war jene Rothaarige aus der Stadt. Diesmal allerdings mit einem Gesichtsausdruck, der nicht so herrisch und anmaßend wirkte, wie am Tag zuvor. Wieder trug sie ihren Stetson weit aus der Stirn geschoben. Die flammende Haarpracht ergoss sich auf ihren Schultern. Ihre wohlgeformte Figur steckte in der Tracht der Weidereiter; karierte Bluse und eine schwarze, glänzende Lederhose, die ihre Rundungen perfekt zur Geltung brachte. Ihr Lächeln war angenehm und wirkte frisch wie der junge Morgen.

Ein verdammt erfreulicher Anblick für einen Mann, der gerade aus dem Schlaf gerissen wurde. Dennoch war er nicht sonderlich erfreut über ihre Anwesenheit.

Er warf einen kurzen Blick auf die Flasche Rye, die neben ihm im Gras lag. Nun, sie war noch halbvoll. Aber für einen Mann, der selten trank, eine enorme Leistung. Ohne den Alkohol, der seinen Kaffee versüßt hatte, hätte sich diese Frau sich nie unbemerkt und leise an ihn heranschleichen können. Er blickte sich um und stellte fest, dass die Rothaarige allein war. Ihr Pferd konnte er nicht sehen. Das musste aber nichts heißen. Sicherlich hatte sie es irgendwo zwischen den Felsen gelassen und war den Rest zu Fuß gekommen. Dann hatte sie sich ans Feuer gesetzt und Kaffee gekocht. Ohne, dass er auch nur die Spur davon mitbekommen hatte. Er ärgerte sich über seine Unachtsamkeit. Sie musste sich angeschlichen haben wie ein Indianer. Barsch drangen seine Worte zu ihr herüber: »Zum Teufel, Lady! Was machen Sie hier?«

Zunächst beachtete sie seine Frage nicht. Sie füllte stattdessen einen Blechbecher voll heißem Kaffee aus dem Topf, der am Dreibein über dem Feuer hing. Dann wehte ihr sanft klingendes Timbre an seine Ohren. »Sie haben einen mächtig gesunden Schlaf, Mister, für einen, der tags zuvor Bobby-Jay Thanner von den Beinen geschossen hat. Alle Achtung. Sie scheinen gute Nerven zu haben.«

Ben warf die Decke beiseite, erhob sich schwerfällig und trat zu ihr ans Feuer. Sie reichte ihm den Kaffeebecher, den er ergriff und in beide Hände nahm.

»Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, brummte er.

»Sie machen‘s einem nicht gerade leicht. Besonders höflich und charmant sind Sie gerade nicht, Cowboy.«

Darauf wusste Ben zunächst keine passende Antwort. Wie denn auch?

Sie hatte ja schließlich nicht unrecht.

Er kauerte sich auf den Absätzen ans Feuer, schlürfte an seinem Kaffee. Als er sich nach einer Weile immer noch in Schweigen hüllte, hörte er sie sagen: »Gestern haben Sie mich unfreundlich stehen lassen. Mitten auf der Straße. Nun, ich habe es zunächst hingenommen, weil ich vielleicht zu forsch an Sie herangetreten bin. Wenn dieser Eindruck bei Ihnen entstanden sein sollte, bitte ich um Entschuldigung.«

Ben blickte stirnrunzelnd über den Rand der Blechtasse in ihr Gesicht. Es war wirklich ein schönes Gesicht, ohne den herrischen Zug, der gestern noch darin zu erkennen war. Dieser war jetzt wie weggeblasen. Und irgendwie brachte sie das in ein völlig anderes Licht. Augen, die so aussahen wie ein klarer Bergsee in Montana, sahen erwartungsvoll zu ihm auf. So konnte sie ihm sogar direkt gefallen. Oder war dies nur eine Fassade? Oder eine Laune? Nun, dieses rothaarige Wesen gab ihm jetzt doch einige Rätsel auf. Ganz im Gegensatz zur gestrigen Begegnung wartete er nun gespannt darauf, was sie von ihm wollte.

»Entschuldigung ist angenommen, Ma‘am. Aber nun sagen Sie mir endlich, wieso Sie so scharf darauf sind, meine Bekanntschaft zu machen. Denn Sie sind mir doch gewiss nicht ohne Grund aus der Stadt gefolgt, um mich hier mit duftendem Kaffee aus dem Schlaf zu holen, richtig?«

Sie nickte lächelnd. »Richtig, Mister Roper.«

Ben furchte die Stirn. »Sie kennen sogar schon meinen Namen?«

»Der Marshal war so freundlich, mir ein paar Auskünfte über Sie zu erteilen, Mister Roper.«

Sie sprach mit einem Unterton, der Ben aufhorchen ließ. »Pawley? Na, da bin ich mal gespannt.«

Sie zog die Stirn in Falten. »Sie sagen das, als würden Sie sonst was erwarten. Dabei hat der Marshal in höchsten Tönen von Ihnen gesprochen.«

Jetzt erlaubte sich Ben ein breites Schmunzeln. »So? Ich hatte eher den Eindruck, der gute Gregg war heilfroh, als ich die Stadt verließ. Nun, ich kann ihn ja verstehen. Na, lassen wir das. Erzählen Sie weiter, Ma‘am.«

»Ich denke, wir beide sind heute einen Schritt weiter. Sie hören mir jetzt wenigstens zu.«

»Sie haben ja jetzt auch die Haare von den Zähnen genommen, Lady.«

Eine leichte Röte zog sich durch ihr Gesicht. »Vielleicht bin ich gestern wirklich etwas zu schroff aufgetreten, Mister Roper. Aber in diesem Land muss man als Frau so sein, wenn man sich als solche durchsetzen will. Und das muss ich. Denn als Besitzerin der Horsehead-B-Ranch habe ich keine andere Wahl.«

Von dieser Ranch hatte Ben schon gehört. Eine sehr große Ranch, wie er wusste, die etwa zwölf Meilen südlich von Peacock lag. Vielleicht sogar eine der größten im Umkreis von hundert Meilen. So kam er nicht umhin, ihr einen staunenden und zugleich fragenden Blick zuzuwerfen.

»Horsehead-B, Lady? Ich dachte, diese Ranch gehört einem Mann namens Morgan Bradley.«

Sie nickte. »Morgan Bradley war mein Vater, Mister Roper.«

»War?«

»Er starb im vergangenen Jahr und hinterließ mir als Alleinerbin die gesamte Ranch. Ich bin Vivian Bradley, seine einzige Tochter.«

Ben stellte seinen Blechbecher auf den sandigen Boden, um sich eine Zigarette zu drehen. Dabei nahm er nicht ein einziges Mal sein Augenmerk von ihr.

Immer mehr erschien sie ihm in einem ganz anderen Licht, und er begann zu ahnen, in welchen Schwierigkeiten sie steckte.

»Das mit Ihrem Vater tut mir leid, Ma‘am. Schätze, das ist ein mächtiger Brocken, den Sie zu schlucken haben, nicht wahr?«

Sie nickte ernst. »Ich würde nicht hier sitzen, wenn‘s nicht so wäre.«

Genau das hatte er befürchtet. Aber er sagte nichts, ließ sie sprechen. »Bevor Vater starb, hatte er sich mit einigen Investitionen ziemlich verschuldet. Der Viehbestand wurde drastisch erhöht, und einige Gebäude ließ er sanieren und sogar neu errichten. Sicher, einiges davon war notwendig und musste sein. Vater nahm einen Kredit auf, und eine Weile lief auch alles recht gut. Doch dann verstarb Vater ganz plötzlich. Er erlitt einen Herzinfarkt. Von da an wurde es schlimm. Die Geschäfte gingen schlechter. Das Land steckt ja im Augenblick in einer Krise, wie Sie vielleicht auch festgestellt haben. Nun, viele, die Vater die Treue gehalten hatten, verließen plötzlich die Ranch. Und von allen Seiten kamen plötzlich die Hyänen, um sich die Horsehead-B unter den Nagel zu reißen. Ja, sie glauben, ich als Besitzerin der Ranch würde sie nicht halten können. Sei zu schwach. Und jetzt will sich jeder davon ein Stück unter den Nagel reißen. Aber das ist noch nicht alles, Mister Roper: In genau sechs Monaten soll die Hypothek, welche noch auf der Horsehead-B lastet, getilgt sein. Sonst kommt alles unter den Hammer. Und Ransom Driscoll, der Bankdirektor von Peacock, diese giftige Schlange, wird sich seine verdammten Hände reiben.«

Ihr Gesichtsausdruck verhärtete sich, Zornfunken sprühten aus ihren Augen, und ihr Tonfall wurde heftiger, als sie fortfuhr: »Aber das lasse ich nicht zu, Mister Roper. Hören Sie?! Ich werde es nie und nimmer zulassen, dass die Horsehead-B untergeht. Mein ganzes Leben habe ich dort verbracht. Dad hatte sie aufgebaut, als es hier im Territorium noch von Comanchen und Banditen gewimmelt hatte. Ja, aus eigener Hand machte er sie zu dem, was sie heute ist. Zur größten Ranch in der ganzen Gegend. Der Boden ist von Schweiß und Blut getränkt.«

Sie machte eine kurze Pause, zwang sich zur inneren Ruhe, was ihr nur schwer gelang. Als Ben Roper weiterhin schwieg, und nur mit dem Kopf nickte, um sie aussprechen zu lassen, setzte sie in ruhigerem Ton fort: »In einer Talsenke, nicht weit von der Ranch entfernt, befinden sich zweitausendfünfhundert Rinder, die darauf warten, auf den Trail nach Abilene zu gehen. Wenn mir das rechtzeitig gelingt, kann ich mit einem Schlag die ganzen Schulden tilgen und habe noch genügend Geld übrig. Das ist die Trumpfkarte, die ich mir bleibt, um die Ranch zu retten. Ja, die einzige Möglichkeit. Eine andere gibt es nicht, Mister Roper.«

Ben Roper sog tief an der Zigarette und blies den Rauch Richtung Feuer. Ihr Bericht genügte ihm, um zu wissen, dass sie sogar tüchtig in der Klemme steckte. Und gewiss würde dies noch nicht alles sein. Das sagte ihm ein kurzer Blick in ihre Augen. Sie war verzweifelt, klammerte sich an den einzigen Strohalm, der ihr blieb.

»Nun, Ma‘am, es erfordert schon eine ganze Menge, eine Herde von solcher Größe auf den Trail zu setzen. Es sind weit über tausend Meilen von hier bis nach Kansas. Alles andere als eine Reise ins Glück, kann ich Ihnen sagen. So etwas schon mal gemacht?«

Sie schüttelte den Kopf. »Nein. Aber ich werde es tun.«

Davon war er überzeugt.

»Sie erwähnten, dass viele Männer der Mannschaft bereits die Horsehead-B-Ranch verlassen hatten. Bei einem Trail kommt es in erster Linie auf zwei Dinge an. Erstens: auf den Trailboss. Zweitens: auf die Mannschaft. Wenn diese Komponenten auch nur im Entferntesten nicht stimmen, sollte man lieber die Sache bleiben lassen. Dann ist ein Scheitern zwangsläufig vorprogrammiert.«

»Oh, glauben Sie ja nicht, dass ich das nicht weiß, Mister Roper. Halten Sie mich nicht für so naiv. Aber genau hier liegt der Hase im Pfeffer.«

Aha, dachte er, jetzt kommt‘s!

»Ich ließ ein paar zusätzliche Männer für das anstehende Treiben anwerben. Dabei konnte ich mit der Wahl nicht allzu wählerisch sein. Oh, es sind noch einige treue Ranchmitarbeiter unter ihnen, auf die ich mich verlassen kann. Bei den Neuen lege ich nicht die Hand ins Feuer. Das wäre die eine Sache.«

»Und die zweite?«

»Der Trailboss.«

»Was ist mit dem?«

»Ich habe nicht einen einzigen Mann, von dem ich überzeugt wäre, dass er die Herde ohne große Verluste nach Abilene bringen könnte. Von der alten Mannschaft weiß ich, dass es allesamt gute Cowboys sind und der Horsehead-B treu ergeben. Aber keiner wäre imstande, den Trailboss zu machen. Ja, Mister Ben Roper: nicht einer!«

Jetzt sah sie ihn erwartungsvoll an, legte all ihre Hoffnungen nun auf ihn. Ihre Blicke sagten mehr als Worte. Ben Roper fuhr sich mit der Rechten über die unrasierte Wange.

»Miss Vivian, ich sehe, wie verzweifelt Sie sind. Aber wieso kommen Sie mit dieser Sache ausgerechnet zu mir?«

»Ich habe Augen im Kopf und kann mich auf meinen Instinkt verlassen. Mag in Ihren Ohren vermessen klingen. Aber so ist es nun mal. Nennen Sie es Intuition einer Frau. Ich habe Sie gestern in die Stadt reiten sehen. Wenig später hörte ich die Sache mit Bobby-Jay Thanner. Nur ein Narr hätte sich mit Thanner angelegt. Und wie ein Narr sahen Sie mir nicht aus. Und Sie haben ihn auch von den Beinen geschossen. Da wusste ich, dass Sie der Mann sind, den ich für mein Unterfangen brauche. Außerdem erwähnte ich bereits, dass ich mit dem Marshal über Sie gesprochen hatte. Nachdem Sie mich mitten auf der Straße einfach so stehen gelassen hatten. Ich weiß also, dass Sie vor einigen Jahren zweimal als Trailboss gearbeitet und die Herden sicher ans Ziel gebracht hatten. Sie kennen sich mit Rindern und Pferden aus.«

»Das war‘s, was der gute Gregg gesagt hat?«

»Ja. Wollen Sie es etwa leugnen?«

Er grinste. »Nein. Wie gut kennen Sie eigentlich den Marshal?«

»Gut genug, um zu glauben, dass man ihm trauen kann. Ich denke, er ist ein ehrlicher Mann. Auch, wenn er in den letzten Monaten etwas behäbig geworden ist. Warum fragen Sie danach?«

»Nur so. Nun, dann hat er Ihnen wohl auch gesagt, weshalb ich mit Bobby-Jay Tucker abgerechnet habe?«

Sie nickte. »Ja, das hat er. Sogar ein paar Dinge mehr. So weiß ich auch, dass Sie Ihren Job verloren haben. Ich denke, Sie müssten meine Lage gut verstehen können, nicht wahr?«

Er sah sie ernst an. »Es war nicht nur ein Job, Lady. Dahinter steckte viel, viel mehr. Aber das ist vorbei. Damit muss ich fertig werden. Und was Ihre Situation angeht – da kann ich Sie sogar verdammt gut verstehen.«

In ihren Augen legte sich ein hoffnungsvoller Glanz. »Ich biete Ihnen einen neuen Job, Ben Roper. Schlagen Sie nicht aus! Ich bitte Sie sogar darum!«

Ben nahm einen Zug aus der Zigarette, um sie dann ins Feuer zu schnippen. Einen Moment lang dachte er nach. Auch darüber, dass er in der vergangenen Nacht noch den Entschluss gefasst hatte, sich eine Weile einfach nur treiben zu lassen, um wieder zu sich selbst zu finden. Jetzt sah er sich plötzlich einer ganz anderen, völlig neuen Situation gegenüber.

Was sollte er tun?

Diese Frau einfach ihrem Schicksal zu überlassen?

Das konnte er nicht. Und er wollte es auch nicht. Auch, wenn er sich darüber im Klaren war, dass das, was ihm bevorstand, alles andere als ein harmloser Spaziergang werden würde. Schließlich kannte er sich aus und wusste Bescheid. Und so sagte er: »Ich denke, Sie haben mich überzeugt, Lady.«

»Sie nehmen also an?«

»Unter einer Bedingung.«

»Die wäre?«

»Als Trailboss habe ich die Verantwortung für Mannschaft und Herde. Und die Entscheidungen, wie beides zu führen ist, um sie erfolgreich an Ziel zu bringen, treffe ich. Das sollte klar sein.«

»Einverstanden, Mister Roper.« Sie erhob sich und baute sich vor ihm auf. Dabei reichte sie ihm die Hand und sagte: »Besiegeln wir es mit einem Handschlag, Trailboss?«

Er lachte und schlug ein.

 

 

4. Kapitel

Slim Drennan kniff die Augen zusammen und blickte in die langgezogene Senke hinab, in der sie weit über zweitausend Rinder zum Round-up zusammengetrieben hatten. Staub lag in der Luft und obwohl der Frühling ja erst ins Land gezogen war, hatte die Sonne schon eine enorme Kraft. Es war bereits fast so warm, wie sonst in den zu erwartenden kommenden Sommertagen von Westtexas.

Und dennoch …

Wenn es wirklich noch zum Auftrieb nach Kansas kommen sollte, was Drennan fast bezweifelte, dann war die Zeit jetzt dafür sehr, sehr knapp. Vier, vielleicht fünf Monate würden sie unterwegs sein. Gegen Ende September war die Viehsaison meistens vorbei. Und dann hieß es warten, bis es wieder losgehen würde. Und genau die Zeit hatte die Horsehead-B nicht.

Sorge stand in Drennans Gesicht. Er war der Vormann und am längsten auf der Horsehead-B. Ein Mann, der die Fünfzig bereits überschritten und sich dieser Ranch mit Leib und Seele verschworen hatte. Für Slim Drennan gab es nichts anderes. Und da er über die finanzielle Lage genau Bescheid wusste, sorgte er sich sehr. Drennan hatte ein kantiges Gesicht, das von Furchen durchzogen war. Und da auch er gewohnt war, die meiste Zeit seines Lebens im Freien zu verbringen, hatte es die Sonne tiefbraun gefärbt. Seine Figur war von gedrungener, kräftiger Gestalt, seine Beine hatten sich durch das ständige Sitzen im Sattel krumm geformt.

Jimmy Longbow, ein kleiner Cowboy mit blonden Haaren, in denen bereits das erste Silber glänzte, sprach genau die Gedanken aus, die den Vormann beschäftigten: »Wenn es Miss Bradley nicht endlich gelingt, ‘nen tüchtigen Trailboss an Land zu zieh‘n, sehe ich für den verdammten Trail mächtig schwarz, Slim. Glaubst du etwa daran, was unser Köchlein gezwitschert hat?«

Slim Drennan machte einen letzten Zug aus der Zigarette, warf den Stummel achtlos auf den Boden, um sich gleich darauf eine neue zu drehen. »Glauben tue ich schon lange nichts mehr, Jimmy. Und selbst, wenn‘s so wäre, dass Miss Bradley diesem ominösen Fremden nachgeritten, während unser Koch allein mit dem Chuckwagen zurückgefahren ist, hätte sie schon längst wieder zurück sein müssen. Mit oder oder den Kerl. Ob wir wollen oder nicht, wir können im Moment nichts anderes tun, als abzuwarten.«

Jimmy Longbow schüttelte mit dem Kopf. »Mir schmeckt die ganze Sache nicht, Vormann.«

Drennan zog ein verkniffenes Gesicht. »Denkst du etwa, mir?«

Jimmy Longbow legte seine schwielige, lassonarbige Rechte auf Drennans Schulter. »Slim, wir beide reiten schon fast unser halbes Leben für die Horsehead-B. Du sogar länger als ich. Wir haben dabei so manchen Sturm überstanden. Aber bei dieser Sache hier hab‘ ich ein verdammt flaues Gefühl im Magen. Und das kommt nicht von Macks Essen.«

Slim Drennan zog geräuschvoll an der neuen Zigarette. »Und wenn ich daran denke, mit welch einer Mannschaft wir auf den Trail gehen müssen … zur Hölle, Jimmy! Von denen, die wir notgedrungen einstellen mussten, traue ich nicht einem über den Weg. Schon gar nicht diesem Waylon.«

Longbow nickte mitfühlend. »Ja, ich mag den brutalen Kerl auch nicht, Slim. Es sieht verdammt übel aus für die Horsehead-B. Hilft nur noch ein Wunder.«

Drennan erlaubte sich ein hartes Grinsen. »Oder ein verdammt guter Trailboss, der mit alledem fertig werden kann.«

Aus Jimmy Longbows Kehle entrang sich ein tiefer Seufzer. Drennan knuffte ihn an die Schulter. »Komm, lass uns auf die Gäule steigen und ins Lager reiten. Ist bereits Mittag und ich will mir Macks Stew nicht entgehen lassen.«

»Reite du nur ins Camp, Slim. Ich bleibe derweil noch ein bisschen hier und passe auf die Herde auf. Irgendwie habe ich keinen Hunger.«

Dies aus Jimmy Longbows Munde zu hören, klang seltsam in Slim Drennans Ohren. Sicher würde der kleine Bursche seine Gründe haben, und Drennan tat es mit einem Schulterzucken ab. Er schwang sich auf sein Pferd und ritt ins Camp, das etwa eine halbe Meile von der Herde entfernt lag.

 

***

 

Chuck Waylon gehörte zu der Sorte, die gern auffiel und Krawall schlug, wann immer es eine gute Gelegenheit dazu gab. Er war ein bulliger Kerl, stiernackig und einer, dem man ohne Weiteres zutrauen würde, einen Pfahl mit bloßer Faust ungespitzt in den Boden zu rammen. Dieser Mann genoss den Ruf eines brutalen Schlägers, bevor er vor wenigen Tagen bei der Horsehead-B-Ranch angeheuert hatte. Die meisten Männer gingen ihm lieber aus dem Weg.

Kaum hatte er sich mit seinem Blechteller auf den Boden gehockt und sich den ersten Löffel von Mack Mahooneys Stew einverleibt, verzog er sein narbiges Gesicht zu einer zornerfüllten Grimasse. Im hohen Bogen spie er das Essen aus, wischte mit dem Ärmel über den Mund und sprang auf.

»Essen nennst du das, du gottverdammter Bauchbetrüger? Du willst mich wohl vergiften mit deinem Drecksfraß, wie?«

Er stürmte auf den Küchenwagen zu und hielt dem alten Mack den Teller unter die Nase. »Das fressen nicht mal die Ratten. Da schnüffel dran, du lausige Küchenschabe!«

Mack stemmte seine Fäuste gegen die Hüften und streckte Waylon giftig sein graubärtiges Kinn entgegen. »Es zwingt dich keiner zum Essen, Waylon. Wenn es dir nicht schmeckt, kannst du deinen Fraß selber kochen.«

Waylons Antwort kam postwendend. Er drückte seinen Blechteller mitsamt Inhalt ohne Vorwarnung in Mack Mahooneys Gesicht. Mit wilden Gebärden wischte sich der Koch das Stew aus dem Gesicht. Fluchte und keuchte dabei in einer Tour. Waylon beugte sich über die Anrichte, packte den quirligen Koch beim Kragen und zog ihn mühelos zu sich heran.

»So, du lausiger Pfannenschwenker. Jetzt hast du genau zehn Minuten Zeit, mir ein anständiges Essen zu servieren. Oder ich mache aus dir und deinem verdammten Küchenwagen Kleinholz. Hast du das kapiert?«

»Waylon!«

Das klang wie ein Pistolenschuss. Waylon stieß stieß den malträtierten Koch nach hinten und schnellte herum. Slim Drennan war bis auf ein paar Schritte herangekommen. Drohend starrte er Chuck Waylon ins Gesicht.

»Mir gefällt deine verdammte Art nicht, wie du dich hier aufführst, Waylon!«

Waylon grinste ihn provozierend an. »So? Ich scheiß drauf, ob‘s dir gefällt oder nicht gefällt. Wenn ich hier für euren Laden arbeiten und die verdammte Herde nach Abilene trailen soll, will ich gefälligst was Vernünftiges zum Beißen haben. Und nicht irgendeinen zusammengepanschten Dreck. Geht das in deine Birne, Drennan?«

»Scheint, dass es dir an nötigem Respekt mangelt, Waylon.«

Details

Seiten
130
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941418
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v903484
Schlagworte
herde vivians

Autor

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Titel: Vivians Herde