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Die Anomalie

©2020 308 Seiten

Zusammenfassung


Subtiler Horror, der sich um die Frage rankt, ist der Tod absolut?
Adrian stirbt bei einem Autounfall. Doch ist er wirklich tot? Sind seine Eltern und seine kleine Schwester, die mit ihm im Auto gesessen sind, nun tot oder haben sie auch überlebt? Bietet der Tod die Möglichkeiten, in verschiedene alternative Welten zu übersiedeln. Und wenn es so ist, welche Welt ist nun die Richtige? Kompliziert wird die Sache erst dann, wenn jemand – eine Anomalie – fähig wird, von einer Welt in die andere zu wechseln.
Jahre nach dem Unfall eröffnet sich für Adrian die Möglichkeit, bei einem geheimen Experiment seine toten Angehörigen wiederzutreffen...

Leseprobe

Table of Contents

Die Anomalie

Copyright

1

2

TEIL I

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

TEIL II

1

2

TEIL III

1

1

2

3

1

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3

4

5

TEIL IV

1

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5

TEIL V

1

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5

6

7

TEIL VI

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3

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5

6

7

8

9

10

11

VI

1

2

3

TEIL VII

TEIL VIII

Die Anomalie

Roman von Christopher T. Dabrowski

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 308 Taschenbuchseiten.

 

Subtiler Horror, der sich um die Frage rankt, ist der Tod absolut?

Adrian stirbt bei einem Autounfall. Doch ist er wirklich tot? Sind seine Eltern und seine kleine Schwester, die mit ihm im Auto gesessen sind, nun tot oder haben sie auch überlebt? Bietet der Tod die Möglichkeiten, in verschiedene alternative Welten zu übersiedeln. Und wenn es so ist, welche Welt ist nun die Richtige? Kompliziert wird die Sache erst dann, wenn jemand – eine Anomalie – fähig wird, von einer Welt in die andere zu wechseln.

Jahre nach dem Unfall eröffnet sich für Adrian die Möglichkeit, bei einem geheimen Experiment seine toten Angehörigen wiederzutreffen...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

Bearbeitung: Roland Heller

Das Original erschien 2016 in Polen unter dem Titel ANOMALIA im Verlag FORMA.

Cover: Nach Motiven mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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„Weil ich nicht für den Tod innehalten konnte -

Hat er freundlicherweise für mich angehalten -

Die Kutsche hielt, aber nur selbst -

Und Unsterblichkeit.“

Emily Dickinson

 

 

1

Ich saß in einer Kneipe. Nein, Kneipe war nicht das richtige Wort - ich saß an einem Getränkestand und nippte an einem Bier, während mir die Musik von Nirvana in den Ohren dröhnte.

Die lärmenden Dissonanzen der Gitarren passten wunderbar für meine aufgekratzte Seele - eine perfekte Harmonie. Ohne einen gewissen Störenfried hätte ich mich noch lange in diesem wohligen Gefühl sonnen können, wahrscheinlich so lange, bis ich den Boden des mit der goldenen Flüssigkeit gefüllten Glases erreicht hätte.

Ich bemerkte ihn zuerst aus den Augenwinkeln. Der Liedtext, das Gitarrensolo und die Hälfte des Refrains halfen mir anfangs, ihn zu ignorieren, aber die Anwesenheit dieses Jemand störte meinen innere Ausgeglichenheit.

Scheinbar tat er nichts, aber der Wunsch, ihn anzugehen, wuchs in mir. Er störte mich einfach, wie er so dastand und mich anstarrte.

Noch einen Augenblick und ich kriege ihn, ich mache ihn einfach fertig - stille Drohungen gingen mir durch den Kopf.

Am Ende biss ich mir auf die Lippe, nahm die Kopfhörer von den Ohren und beschloss, ihm eine Chance zu geben - er sollte mir einen guten Grund geben, ihn nicht zu schlagen.

„Boss, könnten Sie mir ein paar Pennys spenden? Ich habe nicht genug für ein Bier."

„Boss", sagte er, verdammte Scheiße, „Boss", wiederholte er.

Dann, ganz plötzlich, verließ mich die hochgekommene Wut und ich grub diese verdammten Pennys aus meiner Tasche aus und ließ sie in seine Hand fallen. Ich versuchte, jeglichen Körperkontakt zu vermeiden, denn der Penner sah nicht sehr sauber aus.

Ja, manchmal überraschte ich sogar mich selbst - das passierte wohl jedem.

Tief im Innern wusste ich, woher der Ärger kam und warum - es war nicht dieser Penner, der mir zu schaffen machte, sondern eine Anhäufung von Problemen in meinem Leben, die ich nicht kontrollieren konnte. Ich war frustriert.

Die meisten Trunkenbolde würden nun fröhlich zur Bar galoppieren, um das Getränk zu bestellen, das sie wollten, aber nicht dieser, dieser war anders, und ich sage Ihnen, er ging zu weit, denn nur noch ein bisschen mehr - meine Wut wäre zurückgekommen und hätte ein blutiges Opfer verlangt.

„Du denkst wohl, dass du ein guter Mensch bist, weil du mir ein Bier spendiert hast?" Er schaute mich mit seinen blutunterlaufenden Augen an.

„Nein, ich glaube, ich wollte mir etwas Frieden erkaufen."

„Das hättest du nicht tun müssen, du hättest mir einfach sagen können, dass ich mich verpissen soll."

Der Penner kratzte sich an der Wange, ein Spinnennetz aus dick hervortretenden Adern bedeckte die Hand des Betrunkenen.

„Und doch hast du mir geholfen, aber..." Er blieb einen Moment stehen, als wollte er besonders betonen, was er sagen wollte: „Wahrscheinlich, weil du das Gefühl haben wolltest, dass du gut bist.“

„Ist das so?" Ich fragte mich unwillkürlich, ob ich ihn eher wie einen Philosophen oder wie einen unverschämten Störenfried behandeln sollte.

„Ja. Aber es gibt weder Gut noch Böse..."

„Verzeihung?" Ich war überrascht. Ich will nicht lügen, er hat mich mit dieser Aussage neugierig gemacht. Also doch ein kleiner Strassen-Philosoph.

„Gut und Böse gibt es nicht", erklärte er müde gestikulierend. „Es gibt nur Egoismus und Wahnsinn. Jemand, der wegen des Schmerzens verletzt, der Freude und Aufregung darin findet, ist verrückt. Es ist dasselbe, wenn er das angeblich Gute tut."

„Angeblich?"

„Ja, denn in Wirklichkeit tut er nichts Gutes, er baut nur sein eigenes Ego auf. Er tut nur sich selbst etwas Gutes, wirklich. Er interessiert sich nicht für das Wohl anderer. Er wirft einem Bettler eine Münze in die Hand und vergisst ihn, aber gleichzeitig hat er das Gefühl, besser als andere zu sein, weil er eine Münze gegeben hat, während andere es nicht taten." Er gestikulierte plötzlich so lebhaft, dass es aussah, als würde er einen Stromschlag bekommen.

„Er wird sich fühlen, als sei er gut, und wenn er gut ist, dann ist er in gewisser Weise einzigartig in einer Welt voller böser oder einfach gleichgültiger Menschen. Tatsächlich aber ist er ein Egoist, der sich selbst Gutes tut, während ihm das Schicksal des Bettlers, mag der noch so begabt sein, gleichgültig ist. Oder er hilft, indem er für die Behandlung von Menschen spendet, die schwer krank sind, hat aber gleichzeitig kein Mitleid mit ihnen. Er hat kein Mitleid mit den Kranken, nur mit der hypothetischen Vision von sich selbst, wenn dieses dunkle Szenario seiner Existenz Wirklichkeit würde".

 

 

2

Zuerst erschien mir das alles verrückt, aber nachdem ich intensiver darüber nachgedacht hatte, glaubte ich, dass er vielleicht Recht hatte.

Es ist erschreckend, weil sich niemand eingestehen will, dass er wirklich ein verdammter Egoist ist, und dennoch, egal wie man es betrachtet - alle sind wir es. Ob im spirituellen, physischen oder materiellen Sinn, wir stellen immer unser eigenes Wohl über das Wohl anderer. Selbst wenn ein tief religiöser Mensch sein Leben für andere gibt, fürchte ich, dass hinter seiner Absicht einfach der Wunsch stehen könnte, seine Seele zu retten.

Vielleicht irre ich mich, aber ich habe das Gefühl, dass selbst die größten Heiligen, tief in ihrem Inneren, einfach Egoisten sind.

Ja, ich glaube, dass dieser Trinker Recht hatte, es gibt kein Richtig und Falsch - es gibt nur Egoismus und Wahnsinn. Obwohl er eigentlich nicht ganz Recht hatte...

Ich denke, das Böse ist nicht nur Wahnsinn, sondern auch Egoismus - stellen wir uns einen Tyrannen vor, der Millionen Menschen ermordet, im Blut der Menschen der eroberten Länder badet. Ich meine, er ist nicht nur verrückt, sondern auch vom Wahnsinn des extremen Egoismus verzehrt.

Ja, er leidet, denn Erfüllung ist Leiden. Und der Tyrann wird nie erfüllt werden - er wird immer denken, dass er noch nicht genug erreicht hat...

Ich frage mich also, wie würden Sie sich mit Gott vereinen? Wenn das Gute dem Egoismus gleichkommt und das Böse - oder vielmehr der Wahnsinn - um so mehr der falsche Weg ist?

Gibt es eine dritte Option? Die richtige?

Ich glaube schon.

Ich denke, es ist Meditation, das völlige Verstummen aller Gedanken und das Eintauchen in das eigene Innere des Geistes, die eigene Stille, das Erreichen des Seelenkerns, des Urbewusstseins.

Ich denke, dass dies der einzige Weg ist, der zur Quelle führt.

 

 

TEIL I

Im Jahr 2000

 

1

Es war Ende Mai. Nur noch einen Monat, genauer gesagt vier lange Wochen, und die Sommerferien würden beginnen. Und in diesem Jahr hatte er sich ausnahmsweise richtig darauf gefreut, und das, obwohl die letzte Woche insgesamt locker verstrichen war.

Zugegebenermaßen war Adrians Anwesenheit in der Schule nicht unbedingt von Erfolg gekrönt, da er regelmäßig den Unterricht schwänzte, aber auf der anderen Seite glich er dies mit guten Noten aus, so dass sein Klassenvorstand und der Rest der „folternden Lehrer“ ein Auge zudrückten.

Nicht, dass er einer der so genannten Nerds war, er schob nur ungern Unannehmlichkeiten auf später auf. Er zog es vor, seine Pflichten gleich zu erledigen, um später frei von ihnen zu sein.

Er verstand zudem diejenigen nicht, die sich selbst zu solchen unnötigen Qualen verdammten - wie konnte man den ganzen Tag darüber nachdenken, dass es noch so viel zu tun gab, und die Arbeit trotzdem auf später verschieben? Schließlich musste man sie früher oder später sowieso erledigen. Wenn man früh fertig wurde, hingen einem die Pflichten nicht wie eine Guillotine über dem Kopf. Man zwang sich durch die Arbeit, tat, was nötig war, und schon war man frei. Dank dieser Einstellung hatte er mehr Zeit zum Illustrieren, Lesen und Musikhören.

Ein zusätzlicher Vorteil dieses Verhaltens bestand darin, dass seine Eltern im Gegensatz zu seinen Kumpels die Schule nur selten aufsuchten - normalerweise nur bei den obligatorischen Eltern-Lehrer-Treffen, bei denen der Lehrer tatsächlich darüber sprach, dass seine Anwesenheit besser hätte sein können, aber Momente später gewann die Lehrkraft die Herzen der Eltern mit Worten wie „er ist so talentiert", „er hat so gute Noten" und „dass jeder so fähig sein sollte".

Er hatte keine Ahnung, weshalb der Lehrer sich absichtlich zuerst beschwerte und dann ein Kompliment machte, aber es funktionierte so, dass die Eltern zufrieden von den Treffen zurückkehrten und oft nur andeuteten, dass er nicht so oft den Unterricht schwänzen sollte.

Adrian liebte seine Eltern, aber sie konnten öfters keine gemeinsame Basis finden - sie waren wie aus einer anderen Welt, aus einer anderen Galaxis, geistig fremd. Er hatte das Gefühl, dass er ihnen, so sehr er sich auch anstrengen würde, niemals erklären könnte, wie seine Welt aussah, was seine Leidenschaften weckte, was seine Schmerzen und Träume waren. Sicher, er könnte seine Gedanken in Worte fassen und sie in Form von modulierten Schallwellen direkt an ihre Ohren senden, so dass sie die Klänge, die man Worte nennt, empfangen würden, aber sie würden den Inhalt seiner Worte nicht verstehen - sie waren so anders, so fremd. Dafür gab es einfach keine Chance, also versuchte er es erst gar nicht erst.

So oder so, war das überhaupt verwunderlich? Sie waren 40 und er 17 Jahre alt, und wenn sie sich über etwas nicht einigen konnten, sagten sie ihm einfach, dass er immer noch ein Lausbub war und nichts zu sagen habe. Obwohl er sich nicht wie ein Kind fühlte. Er war clever genug, dass er alles in Worte fassen konnte, wenn er wollte – sofern ihn die anderen, speziell seine Eltern verstehen wollten. Er konnte es nicht erwarten, bis er seinen eigenen Erwachsenenausweis bekam - so dass er, wenn er das Wort "Bub" wieder hörte, ihn aus der Tasche ziehen und eine scharfe Erwiderung geben konnte. Vorerst konnte er aber nur auf die Tatsache hinweisen, dass er weniger als ein Jahr davon entfernt war, formal als Erwachsener betrachtet zu werden und er sich bald nicht mehr zu erklären brauchte.

„Eh, Mann, so einfach wird es nicht sein", lieferte Adam, sein neuer Freund und eigentlich sein einziger guter Freund, seinen Gedanken den Todesstoß.

Adam paffte eine Marlboro und blies den Rauch schläfrig aus, er glich mit dieser Aktion einem gelangweilten alten Drachen, der kein Feuer mehr ausstoßen wollte. Tatsächlich war er wirklich ein wenig phlegmatisch und lethargisch.

Wenn man ihn nicht besser kennen würde, könnte man meinen, er sei in irgendeiner Weise zurückgeblieben - aber da er ihn kannte, wusste er, dass sich hinter dieser Maske ein messerscharfer Verstand verbarg.

Adam ähnelte in gewisser Weise einem um ein paar Dutzend Jahre jüngeren Mazowiecki. (*erster nichtkommunistischer Premierminister Polens . d.Ü)

Adam schüttelte resigniert den Kopf: „Und wenn du den verdammten Ausweis hast, glaubst du, dass das etwas ändern wird? Es wird das Gleiche sein, nur dass sie betonen werden, dass es nicht das Papier ist, das die Reife anzeigt, all diese Art von Mist. Und wenn du dich wehrst, werden sie dich immer mit dem Satz abfertigen, dass du, solange du mit ihnen lebst und von ihnen lebst, auf das hören musst, was sie sagen. Und was wirst du dagegen tun? Scheiß auf alles! Oder was? Wirst du aufstehen und sagen, dass du deinen eigenen Weg gehst, dass du die Schule verlässt und zur Arbeit gehst?“

Er nahm einen Zug, starrte in die Ferne und blies den Rauch in die Ferne, fertig. „Scheiße, nein, Mann. So leicht wirst du keinen Job finden. Und wo würdest du wohnen? Und der Haken? Alter, die nehmen dich in die Mangel, ehe du dich versiehst, und da gibt's kein Verzeihen. Du wirst ihnen einen Scheißdreck verzeihen."

Er hatte Recht, und das beunruhigte Adrian.

Nein, seine Eltern waren keine Tyrannen, aber sie schränkten seine Bewegungsfreiheit ziemlich ein. Ein Ausflug mit Freunden an den See? Auf keinen Fall, die werden sich betrinken und womöglich ertrinken. Ein Konzert in Warschau, noch dazu mit eigenem, hart verdientem Geld dorthin fahren? Nein, denn dies und das …

Nicht daran zu denken, dass sie sich ändern würden, es war wahrscheinlich, dass sie in ihm erst einen Menschen sahen, wenn er aufs College ging.

Zumindest war ihre Aufmerksamkeit im Moment zu fast hundert Prozent auf Natasha, das sieben Monate alte jüngste Familienmitglied, gerichtet. Dank des Babys hatten sie mit ihm ein bisschen mehr Nachsicht. Aber der Machtkampf war immer gegenwärtig. Die Kleine war ein liebes Kind, außer sie heulte wie eine Sirene. Wenn sie einmal anfing zu heulen, kannte sie keine Gnade, manchmal ging es stundenlang weiter, egal ob es Tag oder Nacht war.

Außerdem konnte er die Musik nicht mehr so laut spielen wie früher. Irgendwie war es vorher möglich gewesen, und jetzt musste die Schwester, die Lady in der Familie, ihre Ruhe haben. So begann er vor Kurzem, seine geliebte Musik, vorzugsweise Nirvana, aus einem Walkman heraus tönen zu lassen, denn anders als über Kopfhörer war es unmöglich, die Musik in anständiger Lautstärke zu hören.

Es gibt einige Bands, die man einfach nicht leise hören kann - der Groove muss laut sein, daran führt kein Weg vorbei. Er muss in den Schädel einschlagen, wie ein Ausrufezeichen am Ende eines Satzes.

Wenn er jetzt darüber nachdachte, dass Cobain mit 27 Jahren gestorben war ... dass die sensibelsten, talentiertesten Menschen so jung gehen mussten, obwohl sie noch so viele coole Dinge hätten erschaffen können. Cobain, Joplin, Morrison, Hendrix, Brian Jones, und alle im Alter von 27 Jahren. Eine Zwei und eine Sieben ergibt eine Neun. Die Neun ist die dreifache Drei, eine Reihe großer Leistungen. Es ist auch die Zahl der Initiation. Die Neun bedeutet spirituelle Reife... sie symbolisiert das Ende und den Idealismus. Einige der Merkmale von Menschen, die mit der Zahl Neun assoziiert werden, sind Aufsässigkeit, Liebesbedürfnis und heftiges Temperament. Vor allem aber symbolisiert die Zahl Neun den Abschluss des karmischen Zyklus - die Erledigung aller ungeklärten Angelegenheiten aus früheren Leben.

Anscheinend soll es für Menschen gelten, die mit einer Neun geboren wurden, die sich aus ihrem Geburtsdatum ergibt, wie in seinem Fall, aber das Alter, in dem all diese berühmten Seelen diese Welt verlassen haben, ist ebenfalls von Bedeutung - es könnte alles perfekt mit der Symbolik der Neun in Verbindung gebracht werden.

Sie waren alle so unterschiedlich - hochsensibel, wie aus einer anderen Welt, aus einer anderen Galaxis -, aber auf eine so faszinierende Weise. Sie lebten in einer Realität, die verführte und lockte, mit der auch er sich verbunden fühlte, weil auch er sich anders fühlte. Er hatte den Eindruck, dass er aus einem anderen Grundstoff gemacht war oder dass er einfach nicht in diese Welt passte.

Manchmal hatte er das Gefühl, aus der rauen Realität herausgeworfen zu werden, begleitet von allgemeinen Missverständnissen und gebremst durch erstarrte Muskeln. Er besaß das Empfinden, dass er für große Dinge geschaffen war, dass in ihm ein großes Talent wohnte. Er war sensibel, konnte sich ausgezeichnet in andere hineindenken, aber er hatte auch das Gefühl, dass die anderen Menschen ihn nach unten zogen, ihn auf ihr Niveau drücken wollten.

Er fühlte sich hier nicht wohl, er wollte sich selbst finden, seine Bestimmung, den richtigen Weg entdecken, aber er hatte den Eindruck, dass er im Kreis ging, dass er sich verirrt hatte.

 

*

 

Er band seine leicht gelockten Haare zu einem Pferdeschwanz zusammen, damit sie beim Zeichnen nicht im Weg waren.

Er skizzierte das Mädchen, das sich auf dem Balkon im gegenüberliegenden Block sonnte.

Sie wohnte im dritten Stock und er im sechsten. Dank dessen konnte er ihre Schönheit ungestraft durch das Fernglas bewundern. Unauffällig hinter dem Balkongitter versteckt, mit Kopfhörern auf den Ohren und einem Bleistift in der Hand, hielt er mutig jedes Detail der geliebten Person fest, deren Namen er nicht kannte.

Als sie vor einem Jahr nach Lodz gezogen waren, war er wütend gewesen. Eine Veränderung seines Umfeldes in seinem Alter kam für ihn einer Katastrophe gleich. In Krakau kannte er alle Gassen, jede Straße, alle Menschen. Er hatte seine Plätze und seine Freunde, es war seine Welt, aus der er plötzlich herausgerissen worden war. Alles nur, weil sein Vater hier eine besser bezahlte Arbeit gefunden hatte.

Dann war alles plötzlich fremd, vor allem die Menschen. Das war die Hälfte des Unglücks, die andere Hälfte bestand darin, dass er zur Schule gehen musste. Er fühlte sich ein bisschen wie ein Gefangener.

Die Schüler dort kannten sich seit Jahren, während er der „Neue" war, und obwohl er bereits ein Jahr lang in derselben Klasse wie sie war, hatte sich an der Situation nichts geändert. Es lag auch an ihm, dass er es niemandem leicht gemacht hat, ihn kennen zu lernen, er wollte sich nicht in bestehende Freundschaften drängen. Jedenfalls gab er sich immer introvertiert, und so wurden wenige Freundschaften geschlossen. Ein anderer Aspekt seines Verhaltens war, dass er bei jeder Gelegenheit zum Sündenbock gemacht wurde. Hätte das ihn etwa überraschen sollen? Abgesehen davon, dass er der „Neue" war, war er der einzige, der Leder und T-Shirts von Metal-Bands trug. Außerdem hatte er langes Haar, und es gab nur kurzhaarige Disco-Liebhaber in der Klasse. Wenn man die angeborene Schüchternheit und die guten Noten hinzufügte, konnte er gar nicht anders enden.

Dank all dieser Schüchternheit war er auch eine Jungfrau. Es ärgerte ihn, weil alle um ihn herum mit ihren Liebeseroberungen prahlten und sich brüsteten, wie die letzte „Dame“ war, die sie gebumst hatten. Er wusste nicht nur nicht, wie das war und ob er gut darin wäre, er litt auch unter Einsamkeit.

Er wollte jemanden mit echten Empfindungen lieben - und stattdessen nichts.

Da er wusste, wie er war, war er sich sicher, dass er mit der Schönen auf dem Balkon irgendwann einmal zusammenkommen würde. Er würde aufhören, eine Jungfrau zu sein. Er würde lernen, wie es sich anfühlte, in einer Beziehung zu sein, und wie man mit Mädchen im Allgemeinen umging. Aber am liebsten würde er es natürlich aus Liebe tun. Er träumte, dass das Schicksal ihn mit diesem hübschen Mädchen verbinden würde, von dem Skizzen in seinen Schubladen lagen. Vielleicht war das dumm, denn er wusste überhaupt nichts über sie, und doch fühlte er sich verliebt und wusste, dass er den Rest seines Lebens mit ihr verbringen wollte, das „erste Mal“ erleben, all die glücklichen Momente mit ihr teilen wollte.

Vielleicht war es naiv, aber er glaubte, dass jemand, der so schön war, keine Fehler haben konnte, dass sie so etwas wie eine Prinzessin war. Seine Prinzessin.

 

 

„Alter, hast du völlig den Verstand verloren? Was für eine beschissene Prinzessin!" Adam versuchte, ihn auf die Erde herunterzuholen, atmete dabei Rauchwolken aus und erstickte fast vor Lachen. „Mann, wenn du ein Küken in deinen Armen herumtragen willst, wird sie dich in einer Sekunde abweisen. Außerdem sind die Hübschesten hartnäckig. Du könntest hinter ihr herlaufen, ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen, und sie wird dich nur benutzen und ausnutzen. Und wenn du aufhörst, nützlich zu sein, wird sie dir einen Tritt in den Hintern geben und einem hübschen Kerl oder einem Bodybuilder nachlaufen. Kumpel, sie ist zu gut für dich! Schlag sie dir aus dem Kopf, oder du wirst später weinen und dir die Seele aus dem Leib schreien. Und wofür brauchst du das? Es ist nichts Angenehmes, ich weiß etwas darüber."

„Aber..."

„Nichts Aber. Weißt du was? Und diese Gedichte... du willst Gedichte für eine Tussi schreiben? Bist du verrückt?", tippte Adam sich auf die Stirn. „Ist dir klar, wie sehr sie über dich lachen würde?"

Was konnte der arme Junge tun, wenn er sich nicht zusammenreißen konnte und sogar sein Freund versuchte, ihn schmerzhaft in die Realität zu holen. Alles, was er tun konnte, war, auf dem Balkon zu sitzen und dieses Wunder der Natur aus sicherer Entfernung zu bewundern. Dann blieben ihm nur noch die nächtlichen Fantasien, in denen er sie als Held vor verschiedenen Unterdrückungen bewahrte.

Ah, wer war er nicht in diesen Fantasien! Er beschützte sie, als sie von mehreren primitiven Rohlingen belästigt wurde. Er kämpfte wie Bruce Lee, aber er wurde auch geschlagen. Seine Nase blutete auch. Und dann sah sie ihn wie einen Helden an, völlig verliebt auf den ersten Blick. Sie reinigte ihn mit einem feuchten Handtuch und sah ihn so zärtlich an, dass sein Herz weich wurde.

Oder noch ein anderer Traum, er spielte Gitarre, und sie hörte mit Ehrfurcht zu, wie er klimperte, denn durch eine seltsame Wendung des Schicksals stellte sich heraus, dass auch sie kein Fan der Elektro-Vibes war und stattdessen die gleichen Bands wie er liebte.

Oder eine weitere Vorstellung, bei der er auf einer Bank saß und ein Buch las, während sie neben ihm saß und genau dasselbe Buch las.

Von diesen zahlreichen Fantasien, die ihn überfielen, war keine einzige real, aber sie kamen zu ihm in seinen Träumen, schafften für ihn Momente des Glücks. Und wie sah die Alternative aus? Man konnte nur wieder mit dem Gesicht nach unten fallen, und dann noch mehr unter den leeren Abenteuern und der mörderischen Unzufriedenheit leiden.

„Was meinst du, wie du sie kennenlernen kannst?" Adam schüttelte ungläubig den Kopf. „Geh einfach zu ihr und fang an, mit ihr zu reden. Tussis sind keine verdammten Monster, sie beißen dir nicht den Kopf ab. Du musst nur daran denken, dass du dich nicht von ihr zu ihrem Handlanger machen lässt. Du hast deinen Wert, du bist dir deiner Würde bewusst, das ist alles."

Das ist alles. Als ob es so einfach wäre. Auf sie zuzugehen und zu sagen: „Hallo, ich bin Adrian. Und wer bist du?"

Sie würde wahrscheinlich in Anlehnung an seine Worte sagen: „Ich bin nicht", anstatt ihm einen Namen zu nennen.

Sein Gesicht würde sich rot wie eine Tomate färben, und das wäre es dann wohl gewesen.

Wenn er sie nur treffen könnte, irgendwo allein sitzend, in seiner Lieblingskneipe, und nach Möglichkeit säßen außer ihnen keine anderen Gäste in seiner Kneipe. Er hätte schnell drei Bier für Tapferkeit getrunken, um die Schüchternheit zu abzustreifen, dann hätte er sich ihr genähert und geredet. In diesem Fall wäre es ihm sicher möglich gewesen. Aber in fast jedem anderen Fall ... wenn er ganz verkrampft war, üblicherweise steif wie sieben Unglücke? Nein, nie und nimmer hätte es funktioniert.

Er fragte sich manchmal, woher diese chronische Schüchternheit kam. Er vermutete, dass sie aus der Zeit stammte, als er noch in der Grundschule war, als er eine schreckliche Handvoll Elend war, das nicht studieren wollte. Seine Eltern sagten ihm immer wieder verzweifelt, dass er ein Niemand sein werde, dass er ein Verlierer sein werde, denn „nur wer studiert, kann jemand werden und etwas im Leben erreichen".

Damals dachte er nicht darüber nach, aber er kam kürzlich zu dem Ergebnis, dass er diese Worte wohl zu oft gehört haben musste. Irgendwie war es geschehen, dass sich diese Überzeugung, dass er ein Niemand war, sich in seinem Kopf festgesetzt hatte und er sie einfach nicht mehr loswerden konnte.

Ihm kam vor, als gleiche sein Geist einem lebenden unveränderbaren Organismus, und diese kranke Überzeugung darin war ein bösartiger Virus, der nicht entfernt werden konnte, ohne die Psyche zu verändern. Zu dieser Ungewissheit kam die ständige und berüchtigte Kritik, wie er sich kleidete, welche Musik er hörte, was er las, all dies wurde natürlich als wertloser Müll bezeichnet.

„Weil die Leute dich beobachten und beurteilen“, philosophierte Adam bei der Auslegung von Adrians Psyche weiter, „und du wahrscheinlich nicht willst, dass sie dich für einen Idioten aus dem Dorf halten?“

Dann plötzlich, an einem bestimmten Tag, fühlte Adrian, dass sein Glaube an sich selbst verloren ging, dass die kindlichen unbeschwerten Tage und die Lebensfreude irgendwohin verschwanden, während er von einem felsenschweren Gefühl erdrückt wurde. Er spürte, dass alle ihn beobachteten, ihn beurteilten und mit dem Finger auf ihn zeigten. Die ganze Zeit hatte er den Eindruck, dass er etwas Falsch machte und dass alle anderen hinter seinem Rücken über ihn lachten. Er fühlte sich immer schlechter, und der verdammte Umzug half ihm auch nicht dabei, sich wieder aufzurichten.

Es war leicht für Adam zu sagen, dass man sich einfach entspannen musste - er war ein entspannter Typ. Aber manche Menschen waren nicht in der Lage, sich zu beruhigen, weil etwas in ihrem Inneren unwiederbringlich zerstört war.

Zu viel Kritik zur falschen Zeit und eine der geistigen Sicherungen war durchgebrannt.

Vielleicht hatte er deshalb so sehr versucht, seinen eigenen Weg zu finden, er hatte es mit Gitarre spielen versucht, mit Fotografieren und sogar mit Schreiben. Aber auch hier stellte sich heraus, dass seine Eltern Recht hatten, dass er völlig unbegabt war, dass aus all dem nichts werden würde, dass er ein Verlierer war. Wollte er deshalb vielleicht um jeden Preis einen Erfolg erleben, um sein ruiniertes Ego wieder aufzubauen?

Schließlich entdeckte Adrian, dass er gut zeichnen konnte. Skizzen, Porträts... alles klar, aber das war immer noch nicht genug - in Zukunft wollte er einen Comic schaffen und einen echten Erfolg erzielen.

Mit jedem weiteren Comic wollte er der Welt beweisen, dass sie alle Unrecht hatten, dass seine Eltern Unrecht hatten, dass er etwas wert war und dass er zu etwas fähig war.

Trotz seiner chronischen Schüchternheit fühlte er sich zuweilen wie ein Krieger, der gegen seine Widrigkeiten kämpfte.

Aber im Moment zeichnete er nicht, um irgendjemandem etwas zu beweisen - im Moment zeichnete er, um die vergängliche Schönheit des Mädchens, nach dem er sich sehnte, in der Zeit einzufrieren. Er tat dies nur für sich selbst - sobald es dunkel wurde, übernahm seine Vorstellung sie in seinen Besitz, sie würde bei ihm sein, verzaubert auf den mit unzähligen sanften Bleistiftstrichen markierten Papierblättern. Er würde in der Lage sein, sie zu bewundern. Ihr Bild würde anfangen, sich in die Tiefen seines Geistes zu brennen, trotzdem blieb er aber traurig über ihre Unerreichbarkeit, während er sich in Gedanken über ihre Gegenwart freute. Die Anwesenheit eines kleinen Stellvertreters...

 

 

2

Letztendlich hatte Adam manchmal verrückte Anwandlungen, um seinem Freund zu seinem Glück zu verhelfen. Er kam rüber und zog ihn fast aus seiner Wohnung, ohne auf irgendwelche Proteste zu achten: „Hör zu, denn entweder bist du weiterhin so ein unreifes Weichei, oder du stehst dem Problem endlich frontal gegenüber".

„Aber einmal..." Adrian wusste tief im Inneren, dass sein Freund Recht hatte, aber bei diesem einen und einzigen Thema konnte er sich nicht zum Handeln aufraffen und verzögerte sein mögliches Glück ständig auf später.

Weshalb? Das wusste er nur zu gut. Die Angst lähmte ihn.

Aber Angst wovor? Vor der Ablehnung. Vor der Möglichkeit, dass man ihn auslachte und sein Ego noch mehr mit Füßen trat, dass es ihm wehtat und dass er sich wieder einmal wertlos fühlte?

Vielleicht, wenn er mehr gelobt worden wäre, wenn er nicht so sehr kritisiert worden wäre, dann wäre er vielleicht in der Lage, die Welt als freundlich wahrzunehmen, als eine Welt, in der auch er einen Platz hatte - einen Platz, den er verdiente, denn er war – seiner Meinung nach - ein netter Kerl und fähig zum Erfolg. Solchen Gedanken würde er gerne nachhängen, auf diese Weise wollte er die Dinge wahrnehmen - und schöne Mädchen wären eine weitere nette Ergänzung in einem zufriedenen Leben. Sie würden all das Positive in ihm sehen, diese Lässigkeit, Fröhlichkeit und Freude, und aus der bloßen Tatsache heraus, dass er lebte, würden sie selbst auf ihn zugehen, was ihn noch glücklicher machen würde.

Diese Tagträume erfüllten ihn.

Ja, da war etwas dran - sowohl Schüchternheit als auch Selbstvertrauen ähnelten einem sich selbst antreibenden Perpetuum Mobile, nur dass Schüchternheit einen nach unten zog, Misserfolge einen immer deprimierter und eingeschüchterter werden ließen, während Selbstvertrauen zum Erfolg führte, das Selbstvertrauen weiter steigerte und Erfolg dem Erfolg hinterherjagte.

Nur dass ihm die Aussicht, die Schüchternheit zu überwinden, unmöglich erschien. Damit er so ein Leben führen konnte, müsste er endlich aufstehen und seine Schwächen in eine treibende Kraft für den Erfolg zu verwandeln. Er würde sich selbst neu sehen müssen. Die alte, einschränkende Kruste ablegen. Sein altes Selbst ablehnen und sich neu erfinden.

Töte das frühere Selbst; lasse dem neuen Adrian eine Chance auf Normalität! Aber nur eine Chance, denn auf diesem Weg zum Selbstvertrauen ist gerade dieser Gesichtspunkt, dieses Selbstvertrauen, am schwierigsten zu erreichen.

Natürlich gingen mir solche Gedanken durch den Kopf. Zuerst wäre der Weg holprig und voller Fallen, und bei jedem weiteren Schritt könnte man daran zweifeln, ob er einen Sinn hatte oder ob er überhaupt möglich war. Es gibt Leute, die glauben, dass es so ist. Sie behaupten, dass sie sich selbst verändert haben, dass sie sich von schüchternen zu selbstbewussten und populären Menschen gewandelt haben.

Adrian glaubte jedoch nicht daran, dass er dazu in der Lage war - er war gelähmt durch die schreckliche Angst. Doch trotz dieser Angst erlaubte er Adam, ihn nach draußen zu ziehen, zu den Menschen, zu den Mädchen.

„Kumpel, das wird lustig, du wirst sehen. Wir werden ein paar Bräute nerven. Wir werden rummachen und du wirst dich daran gewöhnen."

„Aber ich will nicht ein paar Mädels belästigen", dachte Adrian bei sich. „Ich will nur sie", und ein Bild der sonnenbadenden Fremden stand vor seinen Augen.

Etwas flüsterte ihm zu, dass er nie mehr Erfolg haben würde, wenn es ihm jetzt nicht gelang, sie zu sprechen – auch wenn die Hilfe seines Freundes, welch ein Wunder, plötzlich für eine direkte Begegnung sorgte.

 

 

3

Es war ein Albtraum. Der Einzige, der geredet hatte, war Adam.

Jedes Mal, wenn sie oder vielmehr Adam einige Mädchen ansprach, war er der Einzige, der ein Gespräch anfing. Adrian hingegen stand schweigend da, starrte auf seine Schuhspitzen und spürte einen schmerzhaften Druck im Bauch.

Adam scherzte herum, erzählte fiktive und kuriose erdachte Geschichten, die angeblich passiert sein sollten, und die Mädchen lachten und plauderten. Adrian fühlte sich wie das fünfte Rad am Wagen. Obwohl Adam ihm diskrete Zeichen gab, dass er sich dem Gespräch anschließen sollte, konnte er es nicht tun. Und je mehr Adam versuchte, ihn zu motivieren, desto angespannter, gestresster und wertloser fühlte sich Adrian.

„Mann, die Welt wird nicht zusammenbrechen, weil du sie ignoriert. Das erste, zweite und dritte Mal wird Scheiße sein, und dann fängst du an, es zu kapieren, und du schaffst es", klopfte er Adrian auf die Schulter. „Und überhaupt, schau dich doch einfach mal um, schau, wie viele Küken herumlaufen. Diese Mädels sind die halbe Welt. Ein paar werden dir die Leviten lesen, dann schleppst du halt eine andere ins Bett und du hast ein paar schöne Erinnerungen. Also, machen wir weiter?"

Sie taten es; oder besser gesagt, Adam machte weiter, weil Adrian irgendwie nicht gut darin war, seine Schale zu durchbrechen. Er fühlte sich schlecht, sogar noch schlechter als am Anfang.

Er hatte den Eindruck, dass es für ihn zu früh war, um herumzugehen und Mädchen aufzureißen. Vor allem, nachdem eine von ihnen - im Gegensatz zu den anderen, die ihm nicht einmal Aufmerksamkeit schenkten - endlich ihr Augenmerk auf ihn lenkte.

„Was ist er, dieser Freund von dir, ein Stummer?", fragte das Mädel dann Adam.

Da fühlte Adrian, wie die brennende Hitze über sein Gesicht raste und ihm eine Rote-Tomaten-Farbe verlieh. Eine solche Scham! Am liebsten wollte er unter die Erde versinken, oder gar aufhören zu existieren Er war eine Null, andere bemerkten es gleich. Und was tat er? Er betonte seine Schwäche, indem er sie rot hervorhob. Ein schändlicher Fehler, etwas... das nicht existieren sollte. Er fühlte sich wie ein großer „Weniger als Null" und wäre am liebsten einfach weglaufen, wollte fliehen, ohne sich umzusehen. Je lauter die Mädels ihn auslachen würden, desto schneller würde er rennen - als ob es helfen würde, sich einfach von diesem Ort wegzubewegen.

Später dann verdaute er diese Bitterkeit der Niederlage und Demütigung in der Einsamkeit, im Dunkeln, in seinem Zimmer, wobei er die salzigen Tränen schluckte, die niemand mehr sehen konnte.

Sein eigener Körper verriet ihn jetzt zum dritten Mal, als ob er einzementiert wäre. Jede Bewegung unterband der Körper.

Zuerst nahm er ihm seine Sprache weg, verschloss seinen Mund mit der Angst, verspottet zu werden. Zweitens goss er Scham im flammenden Rot über sein Gesicht, als ob diese unangenehme Empfindung nichts als seine eigene intime Demütigung bleiben könnte. Nein - der Körper hielt es für angebracht, dieses Versagen mit der Welt zu teilen. Jetzt, drittens, konnte er sich nicht einmal bewegen, und das, obwohl er so bald wie möglich weg wollte.

Glücklicherweise erwies sich Adam als ein aufmerksamer Kerl und ein guter Freund.

Als er sah, was vor sich ging, sagte er einfach: „Nun, es ist Zeit für uns zu gehen. Wir sehen uns."

Die Mädchen machten einen unbehaglichen Gesichtsausdruck, oder zumindest schien es Adrian so, denn er traute sich nicht, sie anzusehen; er sah nur, was in seinen Augenwinkeln passierte.

Adam klopfte ihm auf die Schulter und ließ beiläufig verlauten: „Lass uns gehen, Bruder".

Der Körper des „Bruders“ entriegelte sich plötzlich und begann, seine Beine zu bewegen, einen Schritt, zwei und drei und entfernte sich schließlich vom Ort des Geschehens, des Ereignisses, des demütigenden Zusammenpralls zweier Welten.

Doch genau in diesem Moment änderte sich etwas - genau in diesem Moment wurde Adrian klar, dass er genug hatte, dass er etwas dagegen tun musste, dass er diesen Alptraum durchbrechen musste.

 

 

4

Adrian beschloss zu beobachten, wie andere es taten, ihre Verhaltensweisen und Gesten zu analysieren, ihre Gespräche mit den Mädchen zu belauschen und im Gedächtnis aufzuzeichnen und sich dann zu Hause in die gleichen Situationen zu versetzen, diese Gesten, Verhaltensweisen und Gespräche nachzustellen.

Seine Versuche begannen sehr schlecht, als ob er sich schämte, als ob es eine Art Blockade gäbe, die ihn vor dem Zugang zu dem, was er brauchte, schützen sollte.

Am Ende gelang ihm jedoch der Durchbruch, und die Regel „Übung macht den Meister" funktionierte. In seiner Fantasie wurde er zu einem Meister der Verführung, er bezauberte mit schöner Sprache, er entwaffnete mit lustigen Witzen, faszinierte mit interessanten Geschichten.

Aber als er und Adam das nächste Mal flirten gingen, konnte er immer noch kein Wort hervorbringen. Sein Körper verriet ihn immer noch, erschuf eine Blockade, in die Worte wie „schüchterne Typen sind nicht erlaubt" und „sie sind zu gut für dich" eingraviert waren. Aber er gab nicht auf, Tag für Tag wanderte er durch die Straßen und beobachtete, lauschte, lernte.

Einmal begegnete er dem Mädchen, das sein Herz ausgewählt hatte. Seltsamerweise begegnete er ihr nie in der Nachbarschaft, und, welch eine Überraschung, hier, in einer Stadt mit Hunderttausenden von Einwohnern, da traf er sie genau im Zentrum, auf der Hauptstraße, wo jederzeit ein Aufeinandertreffen möglich war. Es war – trotz Zentrum - eines dieser Viertel, das Armut ausstrahlte, gesäumt war von bröckelnden Fassaden der Mietskasernen, deren Schönheit wahrscheinlich für immer eine ferne Vergangenheit bleiben wird, und deren stinkende Tore von pissenden Betrunkenen besetzt waren.

Wie er lief sie mit Kopfhörern. Sie trug ein blaues Kleid und ihr lockiges blondes Haar floss nach unten.

Als er sie sah, fühlte er zwei widersprüchliche Dinge gleichzeitig, zum einen die plötzliche Hitze und die Freude, sie zu sehen, und zum anderen eine lähmende Angst.

Aber es war zu spät, sich zu verstecken. Wenn er jetzt versuchte, irgendwo hin zu fliehen, wüsste sie, dass er ein völliger Feigling war, und das wollte er nicht zulassen. Er würde es sich für den Rest seines Lebens nicht verzeihen. Er würde sicher sein, dass er nie wieder die Chance dazu haben würde. Also musste er sich konzentrieren, die Zähne zusammenbeißen und einfach an ihr vorbeigehen. Außerdem wollte er so nah wie möglich bei ihr sein, ihren Geruch spüren, vielleicht sogar spüren, wie ihr Haar im Wind an ihm vorbei rauschte, ihn womöglich leicht berührte. Wenn er andererseits nur seine Gefühle, Ängste und das Minderwertigkeitsgefühl verbergen könnte!

Und doch hätte es gereicht, Frauen einfach so zu behandeln, wie er seine Freunde behandelte, einfach ruhig bleiben. Denn Frauen waren auch nur Menschen, keine Monster, sie bissen nicht, im Gegenteil, sie hatten mehr Gründe, sich vor Männern zu fürchten.

Also, warum war es so? Warum war er nicht in der Lage, das zu tun? Er wusste die Antwort darauf nicht.

Vielleicht lag es daran, dass er sich so sehr sorgte, weil er in ihren Reaktionen ein Spiegelbild seiner selbst sah - und wenn sie ihn wie Luft behandelten, als wäre er ein Niemand, oder was noch schlimmer war, wenn sie über ihn lachte, dann fühlte er sich noch weniger als eine Null. Er wollte jemand sein!

Innerlich fühlte er sich wie eine Nummer Neun - jemand Besonderes, der sich zwar nie besser fühlen würde als andere, bis seine Einzigartigkeit entdeckte wurde und er der Welt zeigte, wozu er fähig war, dass er wichtig ist, dass mit ihm gerechnet werden musste. Es war eine gute Sache, dass er wenigstens zeichnen konnte - zumindest hatte das in gewisser Weise für ihn funktioniert. Es gab ihm Hoffnung, dass es ihm eines Tages gelingen würde, ein Künstler zu werden, dass er JEMAND werden würde!

Wie schrecklich war es, wenn jemand, der extrem schüchtern und durch Komplexe gebunden war, nicht in der Lage war, in sich selbst eine Fähigkeit zu finden, die seine Existenz zumindest mit einem Hoffnungsschimmer erhellte. Doch die Hoffnungslosigkeit und die Ablehnung in der Öffentlichkeit konnten im Extremfall ein Monster gebären.

Wer war Hitler gewesen, bevor er zu einem Monster wurde? Ein äußerst schüchterner Mann, der Maler werden wollte. Das war sein letzter Ausweg. Doch in ihm steckte kein Talent, das etwas in ihm aufsperren konnte, und aus seiner Seele, die von Qualen, Bitterkeit und Erniedrigung erfüllt war, wurde ein hasserfülltes Monster geboren. Ein Ungeheuer, das die ganze Welt beherrschen wollte, angefacht vom Größenwahn, begierig nach Rache für die Erniedrigung. Manchmal konnte diese Grenze so dünn sein...

Es klang wie der schrecklichste Horror, den man sich vorstellen konnte, und Adrian hoffte, dass es in den unentdeckten Tiefen seiner Seele keine schlummernde Bestie gab. Er hoffte, dass er, entgegen dem Anschein, normal war.

Aber wer konnte überhaupt von Normalität sprechen? Denn schließlich wurden selbst von denen, die scheinbar völlig normal, glücklich und erfolgreich waren, zuweilen Monster geboren, so dass sich alle wunderten: Wie konnte das geschehen? Welcher Wahn hatte sie besessen?

Genau das war der noch beängstigendere Gedanke, dass selbst dann, wenn er aus dieser Flaute herauskam, selbst wenn er aufstand und Erfolg hatte und Glück in sein Leben ließ, dass selbst dann etwas in ihm lauern könnte. Etwas Dunkles...

Wie können Sie das erklären, wenn jemand, der alles hat, ein solches Paradies auf Erden, plötzlich alles zerstört? Der Mensch ist das furchterregendste Monster - ein von schlummerndem Wahnsinn gezeichnetes Geschöpf.

Er wünschte sich, sie anzusehen, ihr direkt in die Augen zu schauen, zu sehen, welche Farbe sie hatten, aber je näher sie kam, desto schwieriger wurde es. Er bewunderte ihr zartes Gesicht, doch sobald sie seinen Blick zu spüren schien, blickte er sofort weg von ihren Augen und sah auf ihren schlanken Hals.

Er fühlte, dass sie ihn ansah, und... zu seinem Missfallen war ihm bewusst, dass er errötete. Gleich wird er rot sein wie ein großer … - was für eine Katastrophe!

Warum? Warum tat der Körper ihm das an? Warum hörte er nicht auf ihn? Er beschleunigte und wollte so schnell wie möglich an ihr vorbei, während er seine Augen noch tiefer bewegte, obwohl er für den Bruchteil einer Sekunde sehen konnte, dass ein Lächeln auf ihrem Gesicht zu sehen war.

Aber war es wirklich ein Lächeln? Oder eher so etwas wie ein spöttisches Grinsen? Gott, er wusste nicht einmal, welche Farbe ihre Augen hatten. Er war ihr so nahe, aber er konnte sich nicht dazu durchringen, sie anzuschauen, obwohl er es so sehr wollte. Statt auf ihre Augen starrte er auf das Grau des Bürgersteigs, zusammen mit ihrem Schatten, der aus seinem Blickfeld verschwand.

Sie gingen vorbei, und es war alles vorbei. Nur ein zarter, mädchenhafter Duft blieb zurück, der sich bald verflüchtigen und im Gestank der verlassenen Stadt auflösen würde. Das verlorene Paradies - willkommen in der Hölle.

Wird sich das jemals ändern? Wie viele Gelegenheiten wird er auf diese Weise noch verlieren?

Da er sein Leben kannte, würde er sie jeden Tag in der Umarmung eines primitiven Bodybuilders sehen, der über ein Gehirn von der Größe einer Erdnuss verfügte und dessen innere Welt nur aus den einfachsten Zutaten bestand. Wie machten die Bodybuilder der Welt das? Wie wickelten sie die hübschesten Mädchen um ihre Finger? Und warum setzten die Mädchen auf solche Holzköpfe, anstatt sich für jemanden zu interessieren, der sensibel war und eine reiche Innenwelt hatte - jemanden wie ihn?

„Weil du zu ängstlich bist, um sie überhaupt anzusehen, Klugscheißer", hörte er die Stimme des internen Kritikers in seinem Kopf. „Bist du ein Mann oder ein Männeken?"

Ah, wie das weh tat! Warum lässt das Erkennen der Schwächen diese nicht verschwinden? Warum ist das Leben so beschissen?

Natürlich würde er sich heute Abend in seinen Fantasien verlieren und sich vorstellen, dass er schließlich in diesem entscheidenden Moment in der Lage war, Entschlossenheit zu zeigen, auf sie zuzugehen, mit ihr zu sprechen und sie einfach kennen lernen. Bald darauf würde er schmerzhaft seufzen und erkennen, dass es die Realität hätte sein können, nur dass er wieder Mist gebaut hatte und nur sich selbst die Schuld geben konnte.

Was hatte er von dieser Erkenntnis? Wenn er es tatsächlich versuchte und sie ihn verjagte, wäre die Situation die gleiche wie jetzt. Aber es bestünde die Möglichkeit, dass sie anders ausfallen würde - dass sie sich kennenlernen würden. Es hätte funktionieren können. Vielleicht hat er aber nun die einzige, die EINZIGE Chance verloren, die ihm das Schicksal jemals geben wird.

Idiot! Idiot! Idiot!

Also, worauf wartest du noch? Kehre um und jage ihr nach! Vielleicht ist es noch nicht zu spät!

Aber das hatte er nicht getan, er konnte es nicht. Die Angst hielt ihn bereits fest und drückte ihn in ihre Klauen. Es war eine enge Umarmung.

Hast du solche Angst, dass sie dich auslachen wird? Oder vielleicht bist du es, der jetzt gerade über sich selbst lachen sollte? War das sein Gewissen, das da zu ihm sprach?

Halt den Mund! Halt einfach die Klappe, verdammt!

Oh nein, ich werde nicht den Mund halten, ich werde dich tagelang und nächtelang quälen und dich an diese Situation erinnern, damit du nie wieder den gleichen Fehler machst, dass du mir erlaubst, geboren zu werden. Weil ich in dir wohne und ich immer die bessere Version von dir war. Ich warte nur auf den Moment, an dem du meine Existenz zulässt.

 

*

 

Mit einem Seelenschmerz, vergleichbar dem eines Hundes, dessen Herrchen gerade gestorben war, stieg Adrian in die klapprige Straßenbahn ein. Wie üblich setzte er sich hin und vertiefte sich in ein Buch. Obwohl er diesmal kaum auf der Oberfläche des Inhalts schwebte, nicht hineinkam, den Sinn der von den Augen aufgenommenen Sätze oder auch nur einzelner Wörter nicht verstand, wanderte sein Geist ständig in die nicht so ferne Vergangenheit, analysierte, verzweifelte.

Am Ende gab er das Lesen auf und lehnte seine Stirn gegen das kühle Glas. Er schloss die Augen. Er hatte das Gefühl, dass sich jeden Augenblick Tränen in seinen Augen sammeln würden, aber er wollte sich nicht zum Narren machen.

Er wollte allein sein, um diesen Schmerz zu lindern.

Er krümmte sich auf seinem Sitz zusammen.

„Sieh dir das an, wahrscheinlich betrunken", hörte er das Kreischen einer alten Frau, und bald darauf fügte sie hinzu: „Heutzutage sind Kinder so.“

„Kinder heutzutage", seufzte ein allwissender Kommentator, der nur ein paar Sitze weiter saß

und vermutlich gar nicht wusste, worauf die alte Frau eigentlich anspielte.

Aber Adrian war es gleichgültig, was diese bösartige alte Frau dachte. Er wollte sich nicht auf Diskussionen einlassen, es hatte keinen Sinn. Niemand konnte mit so einer bösen alten Frau vernünftig argumentieren, denn sie wusste alles besser und ging nicht von ihrer Meinung ab. Punkt! Glücklicherweise blieb sie still oder sie fand eine andere Zielscheibe für ihre Beschwerden, denn er hörte keine Kommentare mehr über "Kinder heutzutage".

Und das war's.

Die Straßenbahn ruckte heftig, was häufig vorkam. Mehrere Personen beschwerten sich lautstark über die Fahrweise des Straßenbahnfahrers. Aber nach einigen Sekunden starb das Thema eines natürlichen Todes – wie immer. Dennoch löste es Adrian aus seiner Erstarrung. Er öffnete die Augen und seufzte.

Plötzlich saß eine fette, verschwitzte Frau neben ihm.

Warum setzten sich nie junge, hübsche Mädchen neben ihn? War er wirklich so unattraktiv? Oder lag es an seinen langen Haaren? Vielleicht war es an der Zeit, sich von ihnen zu trennen?

Er band sie vorsichtig zu einem Pferdeschwanz zusammen. Er wollte das Abenteuer von vor einem halben Jahr nicht wiederholen:

Es war ein schläfriger und griesgrämiger Wintertag gewesen, und er war auf dem Weg zur Schule. Auch die Tageszeit war schaurig: 7:30 Uhr, seine Augen fielen fast noch wie von selbst zu. Er blickte gerade aus dem Fenster, als ihn plötzlich die Schläfrigkeit überfiel, und zwar so heftig, dass er seine Stirn an das kalte Glas lehnte und es dort für länger hielt als gewöhnlich, da das kalte Glas Schmerzen verursachte.

Er wachte auf und spürte, dass jemand mit der Hand über seinen Oberschenkel streichelte. Er war so schockiert, dass er für einen Moment wie gelähmt war und sich nicht traute, zu sehen, wer ihn belästigte. Die Hand bewegte sich immer höher und höher. In Richtung des Reißverschlusses.

Adrian strengte sich an, um den Angreifer anzuschauen. Der kahle, primitive Gorilla machte einen Gesichtsausdruck, als ob er kurz vor der Befriedigung stünde.

Er weitete ungläubig die Augen und war für einen Moment sprachlos.

„Verdammt... du bist ein Kerl... verdammte Schwuchteln, da kann man nicht mal mehr sagen, wer ist wer, verdammt noch mal!", kommentierte er und stand eilig auf.

Sobald die Straßenbahn die nächste Haltestelle erreichte, sprang dieser primitive Vertreter der menschlichen Rasse heraus, als ob seine Unterhose in Flammen stünde.

Adrian blickte ihm verwirrt hinterher. Der Primitivling hatte das Weite gesucht, bevor er sich klar geworden war, wie er reagieren sollte.

Ja, es konnte sein, dass er wegen seiner langen Haare wirklich nicht sehr männlich aussah, da er selbst im Trainingsanzug manchmal für ein Mädchen gehalten wurde. Aber immerhin war er ein Metalfan, trug hohe Stiefel, Leder, hört Gitarrenmusik, und er sollte sich plötzlich die Haare schneiden? Wie würde er später bei den Konzerten wirken? Das käme ziemlich dumm an.

Ganz zu schweigen davon, dass langhaarige Männer auch Freundinnen hatten. Nur, dass er Single war... aber lag es an seiner Frisur? Nein, das konnte es nicht sein.

Vielleicht könnte ein wuchernder Bart helfen? Dann würde er ein bisschen wie ein Wikinger aussehen. Sicher, er würde nicht wie ein sehr bedrohlicher Wikinger aussehen, aber es wäre immer noch ein Imagewechsel.

Schließlich beschloss er, sich einen kurzen, spitzen Bart wachsen zu lassen und sein Haar zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden Bei Konzerten konnte er ja eine Ausnahme machen.

Die nächste Haltestelle lag direkt vor einer Kirche.

Die verschwitzte Frau, die neben ihm saß, riss ihn aus der Welt seiner unangenehmen Erinnerungen heraus. Es wäre nicht so schlimm gewesen, wenn sie nur ruhig dasitzen würde, aber nein, sie bewegte sich jedes Mal heftig, wenn sie an einer Kirche vorbeikamen. Jedes Mal kam ein schrecklicher Gestank aus ihren Achselhöhlen.

Gott sei mein Zeuge, dass diese Frau viel mehr Gutes tun hätte können, wenn sie wenigstens einmal, anstatt der Kirche zu spenden, das Geld in Seife oder Deodorant investiert hätte, schoss es ihm durch den Sinn.

Es ist die Wahrheit, das sage ich Ihnen. Es wäre eine gute, nein... eine sehr gute Tat für all die Brüder und Schwestern, die gezwungen sind, neben ihr zu sitzen. Großer Gott! In jeder Kirche, ohne Zweifel, gibt es die kuriosesten Charaktere - und deren Geruch. Es war zum Kotzen.

Nach einigen Augenblicken dachte Adrian darüber nach, wie viele Kirchen sie passieren würden, bevor sie sein Haus erreichen würden. Die Zahl überraschte ihn, weil er ihr nie Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Doch welche Überraschung - er erinnerte sich an sie alle. War der menschliche Verstand nicht verwirrend?

Als ob es nicht schon genug wäre, dass sie zappelte und nach Schweiß roch, drückte die Frau auf Schritt und Tritt ihre verschwitzte, fette Seite gegen ihn, so sehr, dass ihm in der Lunge fast der Sauerstoff entzogen wurde, sie drückte ihn gegen die Wand, gegen das Glas.

Die Straßenbahn näherte sich einer weiteren Haltestelle. Auf dieser Fahrstrecke war das Fahrzeug, wie üblich, massiv überfüllt. Jeder drängte so viel er konnte - einige zum Aussteigen, andere zu den freien Plätzen.

Der Halt war wieder direkt an einer Kirche, so dass Adrian von einer weiteren Welle vom Gestank aus der Achselhöhle der sich verabschiedenden Frau angegriffen wurde. Er musste Platz machen, um die schwitzende Frau aussteigen zu lassen. Er drehte den Kopf und sah eine ältere Frau, um die sechzig, die gerade die Kirche verlassen hatte und fast in Sprüngen auf die Straßenbahn zueilte.

Sie lief wie eine professionelle Sprinterin. Es schien, als würde sie es schaffen. Die Straßenbahn fuhr los, und Adrian versank wieder in seine Gedanken. Er stand noch immer.

Er konnte zwar nicht allzu tief in seine Gedanken eintauchen, denn alsbald ertönte ein Kreischen von irgendwo hinter ihm.

Ihre Stimme sprach ihre Entrüstung für alle aus: „Was denkst du? Ungewaschener Kerl!" Es herrschte ein Moment kühler Stille, - und wie es sich herausstellte, war es die sprichwörtliche Stille vor dem Sturm. „Und er tut so, als sähe er eine ältere, kranke Person nicht!"

Adrian blickte unwillkürlich zurück.

„Ja, ich spreche zu dir!", keifte die 60-jährige Sprinterin, die vorgab, eine leidende, kranke Frau zu sein, und meinte tatsächlich ihn.

Mehrere andere Vorruheständler nickten, als hätten sie spontan eine Unterstützungsgruppe gebildet, um die alte Lady zu unterstützen, und warfen dem langhaarigen Metalfan einen verurteilenden Blick zu.

Verdammt!, dachte Adrian.

Wie hätte er sie bemerken sollen? Er hatte keine Augen am Hinterkopf! Außerdem, wie konnte sie krank sein? Sie war eine Marathonläuferin!

Das Ganze hatte ich ja nur in wenigen Sekunden abgespielt. Er war noch nicht einmal dazu gekommen, wieder Platz zu nehmen.

Es gab nichts, was Adrian mehr wollte als einen gesegneten Moment des Friedens, also trat er beiseite, um den Sitz freizugeben.

„Jetzt ist es zu spät“, keifte die Alte. „Ich brauche kein Almosen. Man muss es von Herzen tun. Nicht, weil man dazu gezwungen wird", sagte sie summend und spiegelte in ihrem Gesichtsausdruck das Leid von Millionen von Menschen.

Einfach ein verdammter Märtyrer! Verdammt sei diese Frau!

Verdammt, wenn du es tust, verdammt, wenn du es nicht tust.

Die Straßenbahn hielt an der nächsten Haltestelle.

„Nimm den Platz ein, dieser wilde junge Mann sollte aussteigen", nutzte ein Mitglied der „Selbsthilfegruppe" die Situation aus.

Wilder junger Mann?!

Adrian sah, wie eine junge Frau, mit einem deutlich gerundeten Bauch, einstieg.

Die lebhafte und sportlich agile alte Frau drängte sich ihm bereits mit einem bösartigen Lächeln entgegen.

Adrian versperrte den Zugang zu dem freien Sitz. Die junge Frau kam von der entgegengesetzten Seite.

„Hierher!", rief er der schwangeren Frau zu. „Bitte, setzen Sie sich."

„Danke", sagte die zukünftige Mutter, lächelte ihn dankbar an und nahm den freien Platz ein.

Adrian setzte sich demonstrativ auf seinen angestammten Sitzplatz.

Die ältere Frau durchbohrte ihn mit ihrem Blick und schluckte einen Fluch.

Er erwartete das Schlimmste, er begann sogar, sich auf die Beschwerde des Jahrhunderts vorzubereiten, eine zu erwartende Schlammschlacht, auf das Lynchen und Stechen mit dem Zeigefinger, aber die alte Frau richtete ihre innere Aggression auf die Schwangere; sie schrie:

„Du schläfst herum, spreizte die Beine, - und jetzt übernimmst du einen freien Platz!"

„Verzeihung! Ich bin verheiratet, Sie... Sie...", wandte sich das beleidigte Mädchen ab und benutzte anscheinend die Reste ihrer Kraft, um sich selbst davon abzuhalten, eine Reihe von Flüchen auf die alte Frau zu werfen, und sie hätte Recht gehabt, dies zu tun.

Im Allgemeinen stimmte mit den alten Leuten hier etwas nicht. Die meisten von ihnen hegten einen so bösartigen Hass auf junge Leute, dass man sich fragen musste, was zum Teufel ihr Problem war?

Der Akt der Höflichkeit, das Aufstehen von jüngeren Menschen, um Alten oder Behinderten einen freien Sitzplatz zu überlassen, wurde nicht mehr als Teil einer guten Erziehung angesehen, sondern fast schon als Gesetz betrachtet, auf das man ein Recht besaß und worauf man dadurch bestehen konnte.

 

*

 

Endlich erreichte die Straßenbahn die Schleife.

Das Wohnen in einem Appartement neben der Haltestelle hatte den Vorteil, dass man im Winter, wenn alle vor dem Frost zitterten, statt an der Bushaltestelle zu warten, sich in einen geschlossenen Waggon setzen konnte, der zwar noch nicht beheizt war, aber immerhin vor den eisigen Windböen schützte.

Obwohl es auch einige Nachteile gab, zum Beispiel, dass es lange dauerte, bis man irgendwo ankam. Aber die Vorteile überwogen.

Adrian stieg aus der Straßenbahn aus und begab sich in Richtung des „Königreichs des Grauens“, wie es genannt wurde, eine Ansammlung von ähnlich aussehenden Blöcken, die mit vulgären Graffiti beschmiert waren und, als ob das noch nicht genug wäre, mit braunen Flecken aus den zerbröckelnden Nieren der örtlichen Betrunkenen verziert waren.

Er fuchtelte mit den Armen herum und versuchte eine Art Gesang, der melodisches Gurgeln ausstrahlte.

Es war ein merkwürdiger Anblick - an heißen Tagen versteckten sich die Trunkenbolde meist im Schatten, und nur abends krochen sie heraus. In ihren zerlumpten Gewändern umkreisten sie die Nachbarschaft und besetzten die Parkbänke. Die Gesichter starrten und waren rot, mit so vielen Falten, dass die Lippen fast unsichtbar waren. Sie benutzten ihre kleinen, geschwollenen Augen, versteckt hinter klebrigen Augenlidern, um die betrunkene, verzerrte Realität zu verarbeiten. Sie stanken und schwitzten fürchterlich. Sie rülpsten und furzten und begleiteten diese Geräusche mit Wellen von stotterndem Gackern.

Vor den Blöcken versuchte Gras zu wachsen... aber seine Chancen waren eher gering: es wurde täglich von Legionen von Schuhen und Stiefeln zertrampelt, von den Hunden, Welpen und den „Welpen der Prinzessin" beschissen.

So präsentierte sich die Nachbarschaft, durch die er durch sein so genanntes Leben wandern musste.

Noch zwei oder drei Minuten und er würde sich im Bauch eines dieser Betonkolosse wiederfinden. Dann in den schrecklich knarrenden Aufzug, vor dem er immer ein wenig Angst hatte. Nein - er litt nicht an Klaustrophobie. Nur dass er das Gefühl hatte, das abgenutzte Gerät würde jeden Moment zusammenbrechen und er würde mit ihm in den Boden fallen.

Er war schon so nah an zu Hause, wo er endlich Frieden erfahren und sich in Reflexionen über sein Leben vertiefen konnte, darüber, was er ändern könnte, um es zu verbessern, um solche dummen Fehler nicht zu wiederholen.

Er wusste weder wie spät es war noch welcher Wochentag heute war. Als er wie mit gesenktem Kopf und auf den Gehsteig fixierten Augen hinter dem nächsten Block herauskam, wurde er von Kisiel bemerkt.

Das ewig an rote Tomaten erinnernde Gesicht blickte ihm entgegen. Eine Zigarette steckt in den dicken, fleischigen Lippen. Schweineähnliche, winzige Augen - Kisiel sah aus, als sei er ein wenig behindert. Er trug, wie üblich, einen locker sitzenden, abgetragenen Trainingsanzug. Aber trotzdem war deutlich zu sehen, dass er regelmäßig ins Fitnessstudio ging.

Er saß auf einer Bank, rauchte eine Zigarette und hielt eine Dose mit der billigsten Biersorte in der Hand.

„He, Kleiner!"

Adrian hatte keine andere Wahl, als auf ihn zuzugehen. Er war zu nah, um so zu tun, als hätte er ihn nicht gehört. Es gab auch keinen Ort, an den er ausweichen konnte, um plötzlich aus dem Blickfeld des Arschlochs zu verschwinden. Also kämpfte er nicht einmal mehr dagegen an, er wusste, was passieren würde.

„Nun, beeile dich, zeige mir, was du in deinen Taschen hast."

Wie sonst auch immer musste er den gesamten Inhalt aus seinen Taschen ausleeren.. Es war nicht viel, was zum Vorschein kam, nur etwas Kleingeld.

„Warum so wenig?"

„Das ist alles, was die Alten mir gegeben haben", log er.

„Gut, gib es her und verpiss dich", murmelte Kisiel und nahm sein Geld.

Adrian senkte den Kopf wieder und begann mit einer gebückten Haltung, zum Block zurückzugehen. Ein schwaches Lächeln von grimmiger Zufriedenheit erschien auf seinem Gesicht. Er hatte den Idioten nun zum zweiten Mal getäuscht.

Es gab ein Sprichwort, dass Geld nicht stinkt. Adrian stimmte dieser Aussage nicht ganz zu, denn sein Geld war normalerweise nicht ganz geruchsfrei, behaftet mit einem bestimmten Geruch, den es nach einiger Zeit einfach annahm: den Geruch von Schweißfüßen. Er hatte nämlich das Papiergeld sorgfältig in seiner Socke versteckt. Es war nicht sehr bequem, aber dank seiner Bemühungen konnten weder Kisiel noch irgendein anderer Dieb einen nennenswerten Einfluss auf seine finanzielle Situation haben.

Sicherlich war es keine angenehme Erfahrung, Geld aus einem solchen Versteck zu nehmen. Man konnte sagen, dass er die Kunst beherrschte, im Badezimmer auf einem Bein zu stehen - dort vollführte er überirdische Akrobatik, um den Schuh auszuziehen und Geld aus seiner Socke zu ziehen. Aber dank dessen hatte er immer noch welches.

Als er sich dem Block näherte, blieb er wie betäubt stehen. Etwas Seltsames geschah mit seinen Augen. Es war, als ob die Welt sich ein wenig verschoben hätte.

In der ersten Sekunde hatte Adrian das Gefühl, dass alles ein wenig unscharf wurde, und als er die Hände an die Augen hob, bemerkte er, dass es so aussah, als ob sein Selbst einige Millimeter aus ihm herausgerückt war und dass mit allem anderen dasselbe geschah. Es war, als würde er anfangen zu schielen.

„Verdammt, jetzt lassen mich sogar meine Augen im Stich", dachte er verzweifelt, denn mit den Augen der Fantasie konnte er sich selbst mit einer Brille sehen.

Er schloss seine Augen in der Hoffnung, dass sich sein Sehvermögen wieder normalisieren würde, wenn er sie wieder öffnete, und glücklicherweise geschah dies auch. Er atmete erleichtert auf, denn er schreckte sich am meisten davor, für immer so zu bleiben, eine Brille tragen zu müssen. Dennoch fürchtete er, dass dies nur der Anfang sein könnte, dass dieses „Ding“ zurückkommen würde, aber er hoffte, dass er sich irrte. Schließlich war es möglich, dass er einfach nur müde war, und in einem solchen Zustand konnten solche Dinge passieren.

 

 

5

Umgeben von den Bildern der Berühmtheiten kann man die eigene Bedeutungslosigkeit mit größerer Wirkung spüren, vor allem, wenn man sich Tag für Tag beweist, dass die Wirklichkeit jenseits von einem selbst liegt. Adrian lag auf dem Bett und starrte an die Decke.

An den Wänden hingen Poster seiner Lieblingsbands und Schauspielerinnen, die ihm besonders ins Auge gefallen waren. Die meisten Bilder zeigten Nirvana, Iron Maiden und Michelle Pfeiffer. Er liebte ihre Lippen – sinnlich, wie geschaffen für Küsse. Manchmal, bevor er die Lampe ausschaltete, starrte er diesen blonden Engel für einige Augenblicke an. Dann phantasierte er, dass sie ein Liebespaar waren, oder zumindest war es so, bis ein anderer Engel seine Aufmerksamkeit erregte, derjenige, der sich gerne auf dem Balkon des gegenüberliegenden Blocks sonnte.

Nun aber hatte er weder die Kraft noch den Wunsch, etwas zu tun. Er wurde von dem überwältigenden Gefühl der Hilflosigkeit besiegt.

Vor dem Fenster war es grau. Die Dunkelheit begann, in den Raum zu schleichen.

Er hatte nicht einmal Lust, sich auszuziehen und sich mit einer Decke zu bedecken. Morgen war Samstag, er konnte bis Mittag unter der Decke verschlafen. Freitags schlenderte er in der Regel durch Kneipen, die laute Rockmusik spielten, und trank mit ein paar Freunden die Traurigkeit weg. Dieses Mal hatte er nicht einmal Lust dazu. Er lag einfach da und die Zeit verging wie im Flug.

Warum wurde ich nicht als jemand anderes geboren, zum Beispiel als ein Mädchenschwarm, der von Mädchen zerrissen wurde, oder zumindest als ein Mann ohne solche inneren Probleme?

Ja, bemitleide dich weiter, liege da und weine, und es wird sich sicher nicht viel an deinem Leben ändern.

Nun, was würde ich tun? Einfach mit der Entscheidung aufstehen, dass ich von jetzt an anders sein werde, und plötzlich wird sich das ändern. Das war wieder sein Gewissen.

Mach keinen Scheiß! Du weißt, was ich meine. Mit kleinen Schritten zum Ziel kommen. Fang an zu trainieren, mache neue Dinge, lauf durch die Stadt und rede mit Mädchen, lerne, dich selbst zu trainieren. In einem Jahr wirst du ein anderer Mensch sein.

Nein, das kann ich nicht. In einem Jahr? Das kann ich nicht glauben.

Dann fang an zu glauben, oder bleib einfach stehen und verrotte in der Hoffnungslosigkeit!

Die Dunkelheit wurde immer dichter, bis sie schließlich schwarz wurde.

Normalerweise steckte Adrian Kopfhörer ein und spielte etwas Atmosphärisches aus der Stereoanlage, zum Beispiel „Clouds" oder „Wildhoney" von Tiamat, aber diesmal fehlte ihm die Kraft, Gebannt von der internen Diskussion lag er auf dem Bett und starrte auf einen nicht vorhandenen Punkt an der unsichtbaren Decke.

Irgendwann hatte er das unangenehme Gefühl, dass jemand sein Zimmer betreten hatte. Die Tür war geschlossen, und doch spürte er die Anwesenheit von jemandem, als ob ihn ein Unsichtbarer beobachten würde.

Er wusste, dass es idiotisch war, aber er hatte zu viel Angst, seinen Kopf zu bewegen, um sich im Raum umzusehen. So oder so, er konnte in der undurchdringlichen Dunkelheit ohnedies nichts sehen?

Wenn wenigstens jemand zu Hause wäre, aber nein. Seine Leute waren mit Natasha zu den Großeltern gegangen und wollten erst am Sonntag zurückkehren. Wenn er wenigstens mit einer Decke zugedeckt wäre, könnte er sie sich bis zur Nase hochziehen oder seinen Kopf ganz bedecken und sich unter dem stickigen Kokon verstecken.

Sicher, es war absurd, aber er würde sich sicherer fühlen.

Was für eine Idiotie! Er dachte zwar, dass es ihm helfen würde, sich mit einem dünnen Tuch zu bedecken.

Und doch konnte er nicht leugnen, dass er sich mit einer Decke zugedeckt sogar unsichtbar fühlen würde, so wie kleine Kinder sich fühlten, wenn sie sich eine Decke über den Kopf warfen und dachten, dass niemand sie jemals finden könnte. Dieses primitive Bedürfnis, sich von der Gefahr zu trennen. Es war scheinbar nichts, und doch...

Im Moment fühlte er sich nackt, den Angriffen dessen ausgesetzt, was in der Dunkelheit lauerte.

Nur dass dies noch idiotischer war, weil es nichts gab, was einfach aus dem Schatten erscheinen konnte. Wie und wo sollte es herkommen? Diese Frage beunruhigte ihn am meisten, denn trotz aller Absurdität der Situation war sich Adrian absolut sicher, dass jemand in seinem Zimmer war. Er spürte es.

Gelähmt von der Angst, konnte er sich nicht mehr bewegen. Er spürte diese Präsenz mit keinem der bekannten Sinne, und doch wusste er!

WISSEN, mit einem außersinnlichen Gefühl oder einem noch unentdeckten sechsten Sinn! Plötzlich materialisierte sich seine Angst in Form von rotglühenden Augen.

Etwas saß neben dem Bett und starrte ihn an.

Er hatte Angst, er hatte furchtbare Angst, vor allem davor, warum dieses Ding hierher zu ihm gekommen war und was es ihm antun wollte. Es erschien so real, dass er nicht einmal die Möglichkeit in Betracht zu ziehen versucht hatte, dass er vielleicht träumte, dass er Wahnvorstellungen hatte oder dass er einfach verrückt geworden war.

Nein, zumindest war er absolut sicher, dass er wach und geistig voll leistungsfähig war, obwohl fast alle Verrückten sich auch dessen sicher waren. Jeder einzelne 'Napoleon' wird Ihnen sagen, dass er der Echte ist und dass er sich mitten in großen Schlachten befindet.

Adrian wusste nicht, ob er verrückt war oder nicht. Aus Angst, einen Muskel zu bewegen, hielt er den Atem an, presste den Kiefer zusammen und versuchte, so lange wie möglich durchzuhalten, selbst ohne zu blinzeln. Er hatte Angst, dass sich dieses Ding auf ihn stürzen würde, sobald er einen Muskel bewegte.

Er hatte nicht einmal daran gedacht, ob er mit diesem Ding sprechen könnte, es zu fragen, warum es hierher gekommen war und was es wollte. So kam es oft zu spannenden Geschichten, aber dies war keine dieser Geschichten, es war die verdammte Realität.

Da er keine Ahnung hatte, womit er es zu tun hatte, zog er es vor, keinen Versuch einer Kontaktaufnahme zu riskieren. Er überließ diese Initiative dem Besitzer der roten Augäpfel.

Die Kreatur zeigte jedoch nicht den geringsten Wunsch, ihn kennen zu lernen. Sie saß einfach nur da und starrte. Das war das Schrecklichste an ihr, die Unfähigkeit zu erkennen, was sie wollte, was sie dachte und was in einem Augenblick tun würde.

Schließlich war Adrian gezwungen, seine Augenlider zu schließen. Er spürte die aufkommende Tränenflut, die er unter allen Umständen vermeiden wollte. Aber nichts geschah.

Sein Herz klopfte, als ob er kurz vor einem Herzinfarkt stünde. Die Augenlider begannen zu zittern, fühlten sich schwer wie aus Beton, was es schwierig machte, sie wieder hochzuheben. Sein Körper verriet ihn wieder einmal. Er wollte einschlafen und ignorierte den in Panik geratenen Geist. Es war an der Zeit, mit seinem eigenen Selbst zu kämpfen.

Mit letzter Kraft zwang er sich, wach zu bleiben, aber seine Kraft ließ nach, die Müdigkeit nahm überhand. Die Augenlider wirkten wie Magnete, die sich zum Schließen anzogen. Sie wurden immer schwerer und schwerer, und diese überwältigende Hitze...

 

 

6

Als er aufwachte, erinnerte sich Adrian an die Ereignisse der letzten Nacht. Obwohl er gestern Arm und ein Bein geschworen hätte, dass es tatsächlich geschehen war, dachte er nun, dass es ein Alptraum gewesen sein musste.

Verlierst du die Kontrolle über die Realität, oder verliert die Realität die Kontrolle über dich? Der Verstand hat dich manchmal auch verraten, indem er so unbequeme Fragen stellte. Er wird sich darüber Sorgen machen, wenn sich die Situation wiederholt, meldete sich Gewissen.

Aber für den Augenblick war es am besten, wenn er dachte, dass es nur ein Traum war.

Ist es besser, so zu denken, nur weil es bequemer ist? Weil es dich beruhigen wird? Entwickelte sich hier ein Zwiegespräch?

Halt den Mund!

Er schleppte sich aus dem Bett und ging in die Küche. Ein schnelles Frühstück und...

Und wie geht es weiter?

Er hatte absolut keine Ahnung, wie er den Tag verbringen würde. Er hatte überhaupt keine Ahnung, und das war das Schrecklichste.

Aber er musste etwas Konkretes unternehmen, um die Zeit mit etwas Sinnvollem zu füllen? Er wollte nachsehen, ob die schöne Fremde ein Sonnenbad nahm, und ansonsten würde er sich Filme ansehen, Musik hören, etwas lesen und...

Und du glaubst, dass sich auf diese Weise jemals etwas in deinem Leben ändern wird? Wie wäre es, auch am Computer zu spielen, den Hund des Nachbarn zu ärgern und immer wieder herauszufinden, wie man schmerzfrei durch den Tag kommt. Na los!

Es war richtig, die innere Stimme wusste, wovon sie sprach.

Er ärgerte sich über undefinierbares Unbehagen. Er fühlte, dass er Änderungen in seinem Leben vornehmen sollte, aber er wusste nicht, auf welcher Art, wie und wo er anfangen sollte. Er wusste jedoch, dass es so nicht weitergehen konnte.

Er schnappte sich den Walkman und legte eine Kassette mit Irons „Brave New World" hinein, dann griff er nach einem Bleistift, seinem Skizzenbuch, nahm auch ein Fernglas in die Hand und ging auf den Balkon.

Er hörte Musik und suchte nach seiner Muse. Nach ein paar Minuten entschied er, dass etwas fehlte. Ein kaltes Bier an einem heißen Tag. Ja, das war es. Bier verbesserte die Stimmung, das tat es immer. Es sei denn, man schüttete ein Bier zu viel in den Magen und bekam einen Kater, davon kriegte man nur Schmerzen.

Er nippte, hörte zu, wartete. Er trank das Bier aus. Sie kam nicht heraus.

Vielleicht sollte er ein Buch lesen und warten?

Warten, wie wäre es, sein ganzes Leben lang zu warten und in diesem Warten zur Besinnung zu kommen, während man schon mit einem Fuß über dem Grab steht, um dann zurückzuschauen und bitterlich zu weinen?

Hier lag das Problem - im Warten durch Angst.

Man muss sich dem stellen, wovor man Angst hat.

Soll ich dorthin gehen? Warten, bis sie hier steht, dann auf sie zugehen und reden?

Ja, bis du endlich auf dem richtigen Weg bist.

Ich werde gelähmt sein vor Angst...

Verpiss dich! Tu es, geh hin und sag etwas, irgendwas!

Aber ich stinke nach Bier...

Das ist eine Ausrede. Es wird immer ein "aber" geben. Los!

Er stand auf und wiederholte wie ein Mantra: "Ich schaffe das, ich schaffe das".

Er warf etwas Kleingeld in seine Tasche, für den Fall, dass er auf Kisiel stieß. Er wollte nicht mit einem blauen Fleck unter dem Auge enden, und er wusste, dass der Typ zum Glück völlig auf die List hereinfallen würde, bankrott zu sein - schließlich wird er wie immer seine Taschen für ihn komplett leeren müssen.

 

*

 

Die pralle Sonne brannte erbarmungslos. Die Luft bebte wie im Delirium. Alles war gelb vor Hitze und nur die Bäume zwischen den Häuserblöcken waren voll von im Wind raschelndem Grün.

Der Schweiß lief ihm die Stirn hinunter, überflutete seine Augen und brannte. Ganz zu schweigen von der Benommenheit, die Hitze erstickte fast die Lungen.

Kein Wunder, dass es draußen leer war und selbst Kisiel es vorzog, im Schatten zu sitzen. Adrian entschied sich, hinter den benachbarten Block zu gehen und sich auf eine Bank zu setzen, die sich neben dem Eingang des Blocks der schönen Fremden befand.

Er wusste noch nicht, wie er sich ihr nähern sollte, ja er wollte lieber noch nicht darüber nachdenken, denn wenn er es wusste, begann ihn die lähmende Angst zu überwältigen, dessen war er sich gewiss. Er würde sich der Herausforderung stellen müssen, sobald sie auftauchte, er würde spontan handeln müssen und es entweder schaffen oder sich in erschreckender Weise lächerlich machen.

Er saß dort fast zwei Stunden lang und las ein Buch, aber er konnte sich nicht auf den Inhalt konzentrieren. Oft ertappte er sich dabei, wie er mechanisch bis zu zwei, manchmal sogar drei Seiten las und mit den Augen durch die Buchstaben hüpfte, aber sein Geist war damit beschäftigt zu diskutieren, was im entscheidenden Moment geschehen würde.

Einige Passagen las er drei oder vier Mal, wobei er sich jedes Mal versprach, dass er es diesmal sein lassen würde, aber seine Gedanken wurden unerbittlich in das schwarze Loch des Problems zurückgezogen. Der Stress, den er dabei erlebte, war noch größer als beim ersten Überfall von Kisiel auf ihn. Seine Hände schwitzten und zitterten leicht, sein Mund war trocken, und sein Herz klopfte nervös.

Obwohl, wenn er jetzt darüber nachdachte, konnte auch die Situation mit Kisiel nicht ewig so weitergehen.

Wenn er die schöne Fremde irgendwie kennengelernt hatte, dann konnte er schließlich nicht mit Geld in der Socke auf ein Date gehen. Denn wie würde er zu seinem Geld kommen, wenn sie sich zum Beispiel mit einem Eis am Stand abkühlen wollten. Da konnte er schlecht sagen: „Sorry, ich bin gleich wieder da", um wie eine Rakete in die nächste Kneipe zu stürzen und die Toilette aufzusuchen, wo er sich in einer an Akrobatik erinnernden Aktion sein Geld erst einmal aus der Socke fischen musste.

Und was war, wenn sie sich in einem Gebiet ohne Kneipe befanden?

Nein, er würde sich zweifellos etwas einfallen lassen müssen, aber im Moment ... im Moment hatte er noch nie ein Date gehabt und wusste nicht, ob...

JA, DAS WIRST DU DOCH! Du kannst es schaffen! Du musst es schaffen!

Schließlich, nach etwa zwei Stunden, öffnete sich das Haustor ein weiteres Mal und sie stand in der Türöffnung. Jedes Mal davor, wenn sich die Tür geöffnet hatte, ein Dutzend Mal oder so, war er immer rasch aufgesprungen. So nervös war er, angespannt wie eine Schnur und vorbereitet, aber jedes Mal handelte es sich um eine andere Person, die ebenfalls in diesem Haus wohnte. Dieses Mal war sie es wirklich, sein Herz klopfte mit doppelter Kraft. Er schaute sofort nach unten und starrte das Buch an, obwohl er sich selbst vorgenommen hatte, es nicht zu tun.

Bevor er wegsah, hatte er den Eindruck, dass auch sie ihn ansah und dass sich auf ihren Lippen ein Lächeln zu formen begannen. Er sah sie jedoch zu kurz, um sicher zu sein.

In seinen Bauch legte sich ein Schweregefühl, während ihm der Schweiß die Schläfen hinunterlief. Seine Hände waren bereits völlig nass, und nur die Stimme in seinem Kopf sagte ihm, dass er es tun musste, dass er es jetzt oder nie tun musste. Doch er tat nichts. Er war wie gelähmt und ließ sie gehen, obwohl er sogar den Eindruck hatte, dass sie für einen Moment neben ihm stehen blieb.

Als er sicher war, dass sie weitergegangen war, schaute er sich um und sah ihre wohlgeformte Gestalt um die Ecke des Blocks verschwinden. Eine weitere verpasste Gelegenheit. Schließlich konnte er nicht einfach weiter hier sitzen bleiben, sonst machte er sich am Ende noch verdächtig.

Abgesehen davon, dass er zwei Stunden seines Lebens vergeudet hatte - denn sich mit alptraumhaftem Stress zu quälen, konnte nicht als positiv verbrachte Zeit zählen - bewies er nur seine eigene Ohnmacht. Dann erschien Adam am Horizont der Ereignisse.

 

*

 

„Kürzlich habe ich einen Dokumentarfilm über urkomische Fehlschläge während der Dreharbeiten zu Pornofilmen gesehen", begann Adam aufgeregt. „Es gab eine Szene, in der die Schauspielerin dem Kerl einen geblasen hat. Vor ihnen war der Kameramann, der diese Szene filmte. Die Frau hielt einen Moment inne, und in diesem Moment ejakulierte der Schauspieler. Und weißt du was? Es traf den Kameramann direkt ins Gesicht. Der Mann sprang schreiend zurück. Er hatte Sperma im Gesicht. Auf den Augen, in den Nasenlöchern, im Mund."

„Igitt, ekelhaft."

„Nun frage ich mich: Ist der Typ nach einem so traumatischen Erlebnis wieder zum Pornofilm zurückgekehrt? Und wenn er zurückkam und wieder einen Film mit diesem Schauspieler drehte, dann - hörst du mir zu? - könnte dieser Schauspieler, zum Spaß, eine Leine zum Kameramann werfen: Stopp! Oder ich werde schießen!" Adam begann zu lachen. „Stopp oder ich schieße! Hahahaha, das ist gut! Oh, Jesus, stopp oder ich schieße!"

Aber Adrian lachte nicht, nicht, weil er die Sache nicht lustig fand, er war immer noch verärgert von der verpassten Gelegenheit.

„Warum bist du so ernst?", machte sich sein Freund Sorgen. „Du bist blass wie eine Slip nach fünfzig Wäschen. Geht es dir gut?"

Also, was nun, sollte er ihm alles erzählen?

Bei allem Respekt vor Adam, aber der würde es nicht verstehen. Adrian war sich dessen fast sicher.

„Ja... mein Bauch tut ein bisschen weh", schob er als Entschuldigung vor, das war nicht wirklich eine Lüge, denn sein Bauch tat ihm tatsächlich weh.

 

 

7

Das Gespräch kam nicht richtig in Gang, er konnte sich überhaupt nicht darauf konzentrieren. Er schob die Schuld auf seinen schmerzenden Magen und Adam akzeptierte das mit Verständnis und bot ihm sogar an, ihm bei der Rückkehr nach Hause zu helfen, was Adrian nicht akzeptierte, weil die Bauchschmerzen auch nicht so schlimm waren. Seine Seele schmerzte mehr als sein Magen.

Er wollte sich betrinken, aber allein. Zwei Stunden später grub er etwas Kleingeld aus und ging in den nächsten Schnapsladen, und erstand ein paar Bier.

Zu Hause spielte er Nirvanas „In Bloom" in voller Lautstärke und öffnete die ersten Biere. Ja, Nirvana war das Beste zum Leiden. Vielleicht lag es daran, dass Cobains Gesang von existentiellem Schmerz durchtränkt war, er glich in seinen Schwingungen dem Schmerz seiner Seele in diesem Moment.

Als er das letzte Bier in sich hineingeschüttet hatte, war er bereits richtig betrunken und hatte das Gefühl, er könne Berge versetzen. Er konnte...

Für einen Moment dachte er, dass er jetzt sofort zu ihr nach Hause gehen und frei reden könnte, aber glücklicherweise lauerte irgendwo in den Tiefen seines Geistes ein Frühwarnsystem. Es reagierte rechtzeitig und ließ ihn wissen, dass, selbst wenn er diese verdammten Berge versetzen könnte, das nicht bedeutet, dass er mit dem Mädchen vernünftig reden könnte - erstens würde er ihr Alkohol ins Gesicht hauchen, und zweitens würde er wahrscheinlich nuscheln, ganz zu schweigen von dem leichten Wanken in seinem Gang.

Nein! Schlechte Idee!

Er fragte sich, ob er noch zwei oder drei Bier trinken gehen und sich endgültig in die Scheiße reiten sollte. Eine sensible Seele, ein gefallener Engel, ein betrunkener Engel.

Stattdessen lachte er und brach auf dem Bett zusammen. Nach wenigen Augenblicken war er eingeschlafen, obwohl es draußen noch hell war.

 

*

 

Er erwachte in der Nacht, eingehüllt in undurchdringliche Dunkelheit. In dem Moment, als er aufwachte, wusste er nicht recht, wo er war, und sein Kopf drehte sich noch ein wenig. Aber er erinnerte sich schnell an alle Fakten.

Er fühlte sich immer noch betrunken, aber er wusste, dass der Kater bereits seine Reißzähne zeigte und im Versteck wartete. Er hatte sogar den Eindruck, dass der Hurensohn bereits begann, sanft an ihm zu nagen, als wollte er sehen, wie viel er vertragen könnte.

Plötzlich erinnerte er sich an die Ereignisse von gestern Abend. An die Erscheinung mit den roten Augen und die lähmende Angst, die er bei ihrem Anblick empfunden hatte.

Er erhob sich so heftig, dass er fast vom Bett fiel. Glücklicherweise hielt er das Gleichgewicht. Er schlüpfte so schnell wie möglich unter die Decke. Es war ihm egal, dass er noch in seinen Kleidern steckte. Wenn dieses Ding plötzlich auftauchte, wollte er lieber von ihm getrennt werden, selbst wenn es nur diese illusorische Sicherheitsbarriere war. Nichts erschien jedoch, außer dem Kater, für den das mit Alkohol vergiftete Menschenfleisch immer appetitlicher roch.

Seine Augenlider wurden schwer, der Kopf rollte schlaff zur Seite. Nach einigen Minuten des Kampfes mit sich selbst schlief er wieder ein.

Am Morgen wachte er mit schrecklichen Kopfschmerzen auf – fest im Griff des Katers, der bereits die volle Kontrolle über ihn übernommen hatte. Dazu litt er dann auch noch unter weiteren großen seelischen Schmerzen, als er sich an das gestrige Scheitern im Kampf gegen die Schüchternheit erinnerte. Aber er war auch überzeugt, dass die Kreatur mit den roten Augen nur ein Alptraum gewesen sein musste.

Er wusste nicht, dass „sie" ihn erst ab dem Moment zu beobachten begann, als er einschlief...

 

 

8

Erst am nächsten Tag fing man an, das Feiern zu bereuen.

Je nach Grad der Schuld wählte man entweder eine Methode vom Typ „Ich möchte sterben" oder „Ausschlafen", oder besser noch „Ich werde nie wieder trinken". Letzteres dauerte natürlich nur bis zum Zeitpunkt der nächsten Party.

Adrian definierte den Kater als eine selbst zugefügte Verletzung, die durch die eigene Dummheit verursacht worden war.

Er fragte sich, ob es wirklich notwendig war, dieses „Einer zu viel" zu schlucken? Wieso war es nicht möglich, bei zwangloser Beschwipstheit mit etwas Summen im Kopf und bei besserer Stimmung aufzuhören?

Genau in diesem Zustand hörte man auf, perspektivisch zu denken und fing an, mit der Hand zu winken und sich zu sagen: „Nur noch eins, da kann nichts schief gehen! Noch eine ganze Woche, dann können sie sich beruhigt zurücklehnen. Der Kater ist besiegt", analysierte Adrian bei klarem Verstand.

Irgendwo tief in deiner Seele, obwohl betrunken, weißt du, dass du gequält wirst, aber wie ein buddhistischer Mönch lebst du nur mit dem HIER UND JETZT. Wie komisch ist all dies in seiner Absurdität?

Adrian wachte auf und befand sich in einem Zustand des „Ich möchte sterben." Er lag nicht im Sterben, aber er wirkte ziemlich erschöpft. Gegen solch minimalistische Qualen schnappte er sich ein Morgenbier. Also gut, zwei Bier - damit sich die leichten Vergnügungen wieder einstellen konnten.

Der Kühlschrank war leer. Das traf ihn hart.

Wenn er etwas zu trinken haben wollte, musste er sich anziehen, hinaus gehen und dann seinen Einkauf zurückbringen. Selbst ein Trip zum nächsten Lebensmittelladen auf der anderen Straßenseite erforderte in seinem Zustand der Schwäche eine Überwindung seines inneren Schweinehundes.

Er lag etwa ein Dutzend Minuten lang da, starrte an die Decke und sammelte sich.

Schließlich überwand er die Schwäche und stand auf. Zur Erfrischung bespritzte er sein Gesicht mit kaltem Wasser, zog die Kleider von gestern an - schließlich hatte er kein Rendezvous -, und ging in den Schnapsladen.

 

*

 

Musste es jetzt sein! Warum jetzt? Musste ihm das Schicksal in all seiner Bosheit das Mädchen vor die Nase setzen, um das er sich sorgte, gerade als er so unausgeschlafen, zerknittert und abgestanden war?

Ich muss nach Alkohol und Schweiß stinken. Gott, was für eine Schande!

Aber es gab keine Möglichkeit, sich zurückzuziehen, als sie hinter dem Block herauskam. Sie war buchstäblich ein Dutzend Meter von ihm entfernt.

Schließlich konnte er sich nicht einfach umdrehen und lossprinten und ihr in einem weiten Bogen ausweichen Er musste wie ein Freak oder ein Spinner aussehen. Sie lächelte...

Lieber Gott, wie schön war dieses Lächeln! Diese blauen Augen...

Er starrte auf den Bürgersteig, er war schon zu verwirrt. Oder vielleicht lachte sie über ihn, weil sie ihn in einem so schrecklichen Zustand sah?

Warum sollte sie ihn sonst anlächeln? Junge Mädchen stehen doch auf muskulöse junge Männer, auf die Art von Models aus der Werbung oder auch auf Esel, die wie Schwarzenegger aussehen. Während die langhaarigen, ganz in Schwarz gekleideten Typen irgendwie so merkwürdig ausschieden aus dem Gunstbeweis - oder zumindest hatte er das beobachtet.

Sie ging an ihm vorbei - er konnte ihren himmlischen Duft wieder spüren. Wie hatte sie gerochen?

Eh... was für ein Flop! Da helfen auch die zwei Bier nicht weiter. Er brauchte eher sechs, sieben, um sich zu betrinken, einzuschlafen und alles zu vergessen, um sich nicht zu schämen.

Er drehte sich um, blickte zurück und seufzte, als ihn plötzlich etwas gegen den Müllcontainer in der Nähe des Blocks drückte. Es war Kisiel, wer sonst könnte es sein?

Jetzt bekomme ich nicht mal mehr die Biere, du Scheißkerl!, dachte Adrian.

Ohne auf seinen Befehl zu warten - am Boden zerstört, drehte er seine Taschen um, und diesmal hatte er einen Geldschein dabei.

Dass man in einem solchen Zustand die Grundregeln der Sicherheit vergaß.

Sozialer Status: ruiniert.

Monetärer Status: ruiniert.

Stimmung: hungrig wie ein Wolf.

Er warf noch einmal einen Blick auf das Mädchen, das in der Ferne verschwand.

„Was, die gefällt dir?" murmelte Kisiel.

Adrian nickte nur, ohne zu wissen, worauf der Idiot hinauswollte.

„Nimm das. Gib es ihr zurück. Es ist dem Kind aus der Tasche gefallen."

Adrian warf einen Blick auf das in seine Hand gedrückte Objekt. Es war ein Notizbuch.

Er starrte Kisiel verblüfft an.

„Nun, sieh es als einen Austausch. Du hast mir das Geld gegeben, und ich gebe dir dieses Ding."

„Uhh", stammelte Adrian.

„Nun, worauf wartest du noch? Jage dem Mädchen nach, sonst verschwindet es, und du wirst sie nicht finden!"

Er musste es nicht zweimal sagen. Trotz des Katers lief er wie ein Sprinter hinter dem Mädchen her, das gerade um die Ecke des Nachbarblocks verschwand.

Schon nach einem Augenblick war er bereits so kurzatmig und schwach, dass er das Gefühl hatte, seine eigenen Beine würden sich verheddern und er würde wie ein Klotz zu Boden fallen. Er wollte zumindest eine Sekunde lang anhalten, nur um Luft zu holen, aber stattdessen biss er die Zähne zusammen und begann, die Beine noch schneller zu bewegen. Statt sich auf die Müdigkeit zu konzentrieren, beschloss er, sich auf das Ziel zu konzentrieren - auf die Schöne voraus, die er treffen wollte, auf die Gelegenheit, die er hatte.

Es ist dein eigenes Glück, und du musst dafür kämpfen. Du kannst es schaffen! Adrian hörte seine eigene Stimme in seinem Kopf. Du schaffst es!

Seine Beine begannen bereits nachzugeben, seine Kehle war trocken, aber er versuchte es zu ignorieren und konzentrierte sich auf die abnehmende Entfernung. Er wusste, dass er mit jedem Schritt dem Ziel näher kam. Er wusste, dass die Qual nur noch wenige Augenblicke dauern würde, und dann war sie vorbei.

Nur noch ein bisschen mehr, nur noch ein bisschen. Ich kann es schaffen!

Er sah sie - sie war nahe der Haustür, aber er war nah dran.

Nur noch ein bisschen mehr! Er hatte die Faust geballt.

Lass sie sie einfach nicht in den Block. Dann wird es zu spät sein, dann wird alles vorbei sein.

Er konnte sich nicht vorstellen, später in ihre Wohnung zu gehen - er könnte ihrem Vater oder ihrer Mutter über den Weg laufen. Da gab es zu viele Risiken, dass er nicht in der Lage sein könnte, ihr den Gegenstand persönlich zu übergeben. Dennoch war es die perfekte Gelegenheit, sie zu erwischen, sie kennen zu lernen. Es war der erste und sehr wichtige Schritt!

Die Eingangstür war zu, also konnte sie nicht einfach so hineingehen.

Sie musste die Schlüssel aus ihrer Tasche kramen. Aus einer tiefen Tasche - wenn das nicht gewesen wäre, wäre sie wahrscheinlich schon durch die Tür verschwunden und zu Hause.

Nun zielte sie mit dem Schlüssel auf das Schlüsselloch.

„Stopp!" rief er und stolperte gleichzeitig über den Bordstein.

Er flog wie ein Übermensch mit ausgestreckten Armen.

Obwohl er leider weder ein Übermensch noch irgendein anderer „besonderer Mensch" war, musste er früher oder später landen. Wenn er so landete wie jetzt, dann musste er unzählige blaue Flecken von dem Sturz haben.

Einfach perfekt! Du Idiot, dachte er sich, als sie ihm aufhalf - nicht nur, dass er vermutlich stank und einen Kater hatte, dieser peinliche Sturz krönt das Ganze! Das half seinem Image vermutlich wenig.

Erst jetzt wurde ihm klar, was für einen großen Fehler er gemacht hatte, was für ein Idiot er war. Weshalb musste er so eilen? Er hätte das Ganze doch langsamer angehen können, sich eine Pause gönnen können, warten, bis der Kater vorbei war, sich erfrischen und dann auf der Bank unter ihrem Block sitzen und geduldig warten können. Er hätte sich vorher mit den Parfüms seines Vaters eingesprüht haben sollen, sich besser anziehen können. Stattdessen gab es diesen Misserfolg!

Ein absoluter Witz!

„Lebst du noch?", fragte sie, offensichtlich besorgt über seinen Zustand.

Nicht mehr - wollte er antworten, ließ es aber bei einem Nicken bewenden.

Jesus, wie peinlich! So sollte es eigentlich nicht aussehen!

Er wollte etwas sagen, aber die Schüchternheit, die sich mit der brennenden Scham vervielfachte, schnürte effektiv seine Lippen zusammen, so dass er nur die Hand mit dem Notizbuch ausstreckte, das... nun ja, Spuren der Katastrophe hatte, die sich gerade ereignet hatte. Zerkratzter Einband, gefaltete Seiten, teilweise mit Erde beschmutzt.

Aber sie lächelte ihn offen an.

„Danke“, seufzte sie erleichtert. Offensichtlich war ihr sofort klar, dass es ihr aus der Tasche gefallen sein musste, ,,ich möchte nicht, dass es in falsche Hände gerät. Da sind so viele meiner intimen Geständnisse drin", meinte sie erfreut und er hatte den Eindruck, dass eine leichte Röte auf ihren Wangen erschien.

Oje! War sie auch schüchtern?

Plötzlich fragte er sich auch, weshalb er nicht gewartet hatte, bis der Kater vorüber war, Und wenn, hätte er davon Abstand nehmen können, ihre Aufzeichnungen zu lesen?

Er war schockiert von sich selbst, er war entsetzt über den Gedanken, dass er tatsächlich solch ein Widerling sein konnte, der ihre geheimsten Gedanken lesen musste. Er wusste, dass er in diesem Fall nicht mehr in der Lage sein würde, zu sich selbst zu stehen. Wie dumm er sich hinterher fühlen würde - auch wenn sie es nie erfahren würde -, er würde für den Rest seines Lebens Gewissensbisse haben. Wenn sie irgendwie zusammen kommen würden... es wäre wie ein Keil. Er würde sich jeden Tag auf die Zunge beißen, um nicht beichten zu müssen und sie um Vergebung zu bitten. Er wusste nicht, ob er das durchstehen könnte. Blieb dies womöglich die einzige Gelegenheit, sich im Kopf der Frau, die er liebte, wiederzufinden, zu wissen, woran sie dachte, ihre Träume, Wünsche, kleinen und großen Freuden, aber auch Sorgen und Ängste zu erfahren? Bekäme er mit diesem Wissen vielleicht eine Art Wegweiser, der ihm half, durch den unbekannten Dschungel voller dunkler Ecken und unerwarteter Fallen zu navigieren?

Nein, das wäre grausam!

Mache dir nichts vor, du würdest es durchlesen, du kleiner Bastard.

„Joanna", stellte sie sich vor, das Mädchen streckte ihm die Hand entgegen, und die Röte auf ihrem Gesicht wurde intensiver.

Er war vollständig verwirrt. Er wusste, dass er sich vorstellen sollte, dass dies der entscheidende Moment war, aber er konnte die Schwäche, die Angst, nicht überwinden.

„Und du?", ermutigte sie ihn und wartete geduldig.

„A-A...", stotterte er.

Sicher, „A-A", sie wird denken, dass du dringend auf die Toilette musst, oder dass du eine Art ungebildeter Schwachkopf bist, reiß dich zusammen!

„Adrian!", stieß er aus sich heraus, als ob sein Leben davon abhing.

Gut gemacht, was für eine Leistung!

Der Kritiker im Inneren verspottete ihn.

Jetzt ist es Zeit für eine ausführlichere Stellungnahme. Schaffst du das, Einstein?

„Schön, dich kennenzulernen", sagte sie.

Komm schon, komm schon! Sag doch was! (schreit) Baahh! (schreit) Maah! Irgendwas, verdammt noch mal, bellt wenigstens und schüttelt den Schwanz!

„Ja", murmelte er und fühlte, wie seine Wangen mit echtem Feuer zu brennen begannen.

„Wir sind kürzlich aneinander vorbeigegangen. Einmal, und dann zweimal..."

„Ich weiß", grunzte er, und die unerträgliche Hitze erreichte seine Ohren.

Nun schaute sie nach unten und verstummte für einen Moment.

„Du magst mich wahrscheinlich nicht besonders, oder? Ich bin nicht dein Typ und du hältst mich wahrscheinlich für ein dummes Flittchen?"

„Nein, nein, du irrst dich!", protestierte er heftig.

„Du musst mich also hässlich finden."

Verzeihung? Was? Passiert das gerade?

„Aber warum glaubst du das?"

„Wir sind ein paar Mal aneinander vorbei gegangen, und ich hatte den Eindruck, dass ... Ich hatte den Eindruck, dass du mich nicht allzu sehr mögen kannst."

Er war wieder sprachlos.

Sprich! Führe sie aus ihrem Fehler heraus! Hilf ihr zu erkennen, dass genau das Gegenteil der Fall ist! Schließlich lässt sie dich ganz klar wissen, dass sie dich mag!

Es fiel ihm schwer, das Gehörte zu glauben.

Sie war auf Armeslänge entfernt. Er fühlte ihren zarten Geruch, hörte ihre engelsgleiche Stimme. Er konnte ihre Schönheit bewundern, und sie war ein Mädchen von außergewöhnlicher Schönheit.

Darüber hinaus wurde ihm klar, dass sie ihn auch kennen lernen wollte, und doch bekam er es nicht aus sich heraus.

Warum, verdammt, warum?

Er hatte den Wunsch, sich selbst ins Gesicht zu schlagen. Vielleicht würde ihn das aus seiner Schüchternheit befreien. Aber er konnte es nicht tun. Sie würde ihn für verrückt halten.

Er war wieder schweißgebadet und vor Angst gelähmt.

„Ich schüchtere dich ein", vermutete sie.

Es gab nichts zu verbergen, es hatte keinen Sinn, etwas anderes zu sagen, er musste kapitulieren und seine Schwäche offenbaren. Er nickte traurig mit dem Kopf.

„Ah, weißt du, mir geht es genauso mit dir, ein bisschen. Aber ich mag dich, und ich habe das Gefühl, dass an dir etwas Besonderes ist." Endlich hatte er es gesagt!

Seine Augen verschlangen sie regelrecht, und ihr erging es nicht viel anders.

„Ich muss jetzt gehen", sagte sie.

Oh nein, nein, nein, nein! Jetzt hast du's versaut, du Muschel! Sie hat ihre Meinung geändert. Es ist schon vorbei!

„Aber vielleicht können wir uns morgen treffen, wenn es dir besser geht? Hast du Zeit?"

Er nickte nervös. Er war schweißgebadet und stand kurz vor einer Ohnmacht. So nahe, dass er die Fäuste ballte und seine Nägel in die Haut grub.

Es war wunderbar, da seine Eltern wollten, dass er am Montag mit ihnen das Grundstück besichtigt, und am Dienstag hatte er im Grunde frei.

„17 Uhr?"

Er nickte.

„Wie wäre es hier auf der Bank?"

„Sicher!" schrie er fast vor Aufregung auf, hielt sich aber im letzten Moment zurück, obwohl man noch deutlich sehen konnte, dass er begeistert war.

Sie küsste ihn flüchtig auf die Wange und gab ihm das Gefühl, im siebten Himmel zu sein. Er fühlte sich, als ob er jeden Augenblick vom Boden abheben und aufsteigen würde; sein Körper und seine Seele fühlten sich so leicht an. Er musste sich kneifen, um sicherzustellen, dass er nicht träumte.

Allerdings wusste er noch nicht, dass das Treffen am Dienstag nicht stattfinden würde. Er konnte nicht ahnen, dass so vieles in seinem Leben schief gehen würde.

Das Schicksal war zuweilen grausamer als ein anderer Mensch.

Details

Seiten
308
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941340
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
anomalie

Autor

Zurück

Titel: Die Anomalie