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Old Jamaica Rum

©2020 638 Seiten

Zusammenfassung


In Deutschland war man bisher wenig oder nur unzureichend über die wahren Geschehnisse, die in diesem Buch erzählt werden, informiert.
Dabei handelt es sich wirklich um keine alltäglichen Dinge, sondern um Taten, die an die besten Romanzen von R. L. Stevenson erinnern – mit dem Unterschied, dass sie buchstäblich wahr sind. Von einer Reihe kunterbunt zusammengewürfelter Außenseiter: Abenteurer, Bukanier, Piraten, Gelehrter und Seefahrer französischer, holländischer, britischer und dänischer Nation, wurde während eines ganzen, sowieso erstaunlichen Jahrhunderts fast zehn Jahrzehnte lang auf der blauen tropischen »Main« und den edelsteinbunten Inseln des heutigen Westindien richtige, bis in unsere Epoche nachwirkende Weltgeschichte gemacht!
Was diese Männer damals leisteten, ist gewiss ebenso großartig wie die Taten der von uns bestaunten spanischen Konquistadoren, die übrigens auch nicht alle nur sanfte Lämmlein waren.
Alle in diesem bunten, vom Pulsschlag der blauen See und dem Rascheln der Kokospalmen durchwehten Werk erwähnten Figuren sind keine Geschöpfe der allzu blühenden Phantasie eines Tropendichters, sondern sie haben wirklich gelebt. Gelebt hat zum Beispiel der biedere Pierre Legrand, der auf hoher See mit achtundzwanzig Mann aus seinem Ruderboot heraus eine riesige goldgefüllte spanische Galeone enterte. Gelebt hat der galante Sieur Ravenau de Lussan, der »Versaillespirat«, auch die Gestalt des Laurent, des Levasseur, eines William Dampier, Penn, Venables, Mansfield, Henry Morgan, Rock Brasiliano, Esquemelin und andere sind nicht frei erfunden; ebenso wenig wie ihre Taten.
Es war ein erstaunliches Kapitel der Weltgeschichte, bunter und abenteuerlicher als die tollste Phantasie.
Der Verfasser

Leseprobe

Table of Contents

Old Jamaica Rum

Copyright

HISPANIOLA

INTERMEZZO

TORTUGABILDER

LE SIEUR ALEXANDRE OLIVIER ESQUEMELIN D‘HONFLEUR

DIE ARTIKEL WERDEN VORGELESEN

LA BRUNA

FLIEBOOT

EL SANTO NIÑO

PIECES OF EIGHT!

JAHRE VERGINGEN

SEHNSUCHT NACH EINEM HUND

ROTBEIN

MARGUERITE

DREI WUNDER

AURI SACRA FAMES

LECHE DE ESPAÑA

KAHLKOPF

ORKAN

DAS HEILIGENBUCH

ARTIKEL FÜNF UND NEUNZEHN

RAFFZAHN

MEERMAID

LOBLIED

SILBERBARREN AUS PERU

JAHRMARKT DES LEBENS

NEUN UNTERRÖCKE

LE SIEUR RAVENAU DE LUSSAN, DER VERSAILLESPIRAT

GEBETE UND PUNSCH

MISERICORDIA

ERSTREBENSWERTER ALS …

DIES DER LOHN FÜR DEINE MÜHE

FRANQOIS L‘OLLONOIS

CAMPECHEBAI

FIESTA

DIES IRAE

VOODOO

DAS TAGEBUCH »LOS CAYOS«

EBENHOLZ

MARACAIBO

GIBRALTAR

FLAMMEN UND TRÄNEN

LAS ISLAS PERTAS

DER GOLF VON DARIEN

PORT ROYAL

PUERTO DEL PRINCIPE

DIE MARKKNOCHENAFFÄRE

PUERTO BELLO

ISLE DE VACHE

THAT‘S MORGAN‘S WAY

OLD PROVIDENCE

SAN LORENZO

PANAMA

LONDONTOWER

SIR HENRY MORGAN

DOVER ROAD

TORTUGAABEND

HISPANIOLA

Old Jamaica Rum

Roman von Ernst F. Löhndorff

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 638 Taschenbuchseiten.

 

In Deutschland war man bisher wenig oder nur unzureichend über die wahren Geschehnisse, die in diesem Buch erzählt werden, informiert.

Dabei handelt es sich wirklich um keine alltäglichen Dinge, sondern um Taten, die an die besten Romanzen von R. L. Stevenson erinnern – mit dem Unterschied, dass sie buchstäblich wahr sind. Von einer Reihe kunterbunt zusammengewürfelter Außenseiter: Abenteurer, Bukanier, Piraten, Gelehrter und Seefahrer französischer, holländischer, britischer und dänischer Nation, wurde während eines ganzen, sowieso erstaunlichen Jahrhunderts fast zehn Jahrzehnte lang auf der blauen tropischen »Main« und den edelsteinbunten Inseln des heutigen Westindien richtige, bis in unsere Epoche nachwirkende Weltgeschichte gemacht!

Was diese Männer damals leisteten, ist gewiss ebenso großartig wie die Taten der von uns bestaunten spanischen Konquistadoren, die übrigens auch nicht alle nur sanfte Lämmlein waren.

Alle in diesem bunten, vom Pulsschlag der blauen See und dem Rascheln der Kokospalmen durchwehten Werk erwähnten Figuren sind keine Geschöpfe der allzu blühenden Phantasie eines Tropendichters, sondern sie haben wirklich gelebt. Gelebt hat zum Beispiel der biedere Pierre Legrand, der auf hoher See mit achtundzwanzig Mann aus seinem Ruderboot heraus eine riesige goldgefüllte spanische Galeone enterte. Gelebt hat der galante Sieur Ravenau de Lussan, der »Versaillespirat«, auch die Gestalt des Laurent, des Levasseur, eines William Dampier, Penn, Venables, Mansfield, Henry Morgan, Rock Brasiliano, Esquemelin und andere sind nicht frei erfunden; ebenso wenig wie ihre Taten.

Es war ein erstaunliches Kapitel der Weltgeschichte, bunter und abenteuerlicher als die tollste Phantasie.

Der Verfasser

 

Sprachgebrauch und Wertvorstellungen entsprechen der – Entstehungszeit der Romane und – unterlagen seitdem einem steten Wandel. So kommen beispielsweise immer mal wieder „Neger“ vor. Heute wird dieser Begriff von vielen als diskriminierend empfunden. Bis in die 1970er Jahre hinein war das jedoch nicht so. Das Wort „Neger“ entsprach dem normalen Sprachgebrauch und wurde nicht als herabsetzend angesehen. Selbst der schwarze Bürgerrechtler Martin Luther King sprach in seinen Reden häufig von der „Emanzipation der Neger.“ Für den deutschen Sprachraum markiert der DUDEN das Wort erstmalig in seiner Ausgabe von 1999 mit der Bemerkung „wird heute meist als abwertend empfunden“ und trug damit dem in der Zwischenzeit gewandelten Sprachgebrauch Rechnung. Da die Romane nur vor dem Hintergrund ihrer Zeit in sich stimmig sind, wurde auf eine sprachliche Glättung ebenso verzichtet wie auf eine Anpassung heute nicht mehr zeitgemäßer Wertvorstellungen oder inzwischen widerlegter wissenschaftlicher Ansichten. –

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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HISPANIOLA

Aus kobaltblauem, dort wo Riffe und Sandbänke tückisch lauern, smaragdenem oder jadegrünem Ozean stoßen Ketten in und übereinander geschachtelter, riesiger brauner, violetter, rötlicher Berge in das seidige Türkis des Tropenhimmels.

Haiti! – oder mit dem romantischen Namen aus jenen schrecklich schönen Zeiten, als John Silvers Stelzbein über die ausgedörrten Planken klapperte, sein struppiger Papagei unermüdlich »Pieces of eight! Pieces of eight!« kreischte, bezopfte mahagonibraune britische, holländische und französische Tars, die goldenen Ringe in den Ohrläppchen baumeln hatten, zum »Klickklack« des Gangspills heiser das Lied von den »Fünfzehn Mann auf des Toten Kiste und yoho und ‘ne Pulle Rum« grölten: die Insel Hispaniola!

In der kurzen, traumschnell vom Licht zum Dunkel hinübergleitenden Abenddämmerung plätschern und klatschen die Wogen ihr melancholisches Lied oder brüllen es laut, wenn der Orkan mit seinen schwarzen Wolkentürmen, über die sich das bläuliche Astwerk der Blitze breitet, einher rast.

Hispaniola fließt, gleich einem verzerrten Riesenkamm in hitzezitternden, flimmernden Dünsten auf der Kimm schwankend, zusammen und wieder auseinander. Unaufhörlich! Und es ist, als ob die Schatten stolzer dreideckiger Schatzgaleonen, raubvogelartiger Piratensegler und »Fliboots«, menschenbeladener, waffenblitzender Enterboote, und von braunen Indios gepaddelter Piraguas über das verzauberte Meer huschten! Es ist, als ob die Geister der Ermordeten, der im Kampf Gefallenen, am Fieber Krepierten und am Suff zugrunde Gegangenen aus kühlen Fluten emportauchten und ihr altes Dasein in sekundenschneller, bunter Phantasmagorie abermals durchlebten!

Noch einmal flammt es im Westen auf. Grelle Feuer, blutiges Rot, giftiges Grün und loderndes Gelb, durchtaumeln die sinkende Sonne und stürzen sich dann in den kühlen Ozean.

Es wird still und friedlich über den befreit aufseufzenden Wassern.

Die zarte köstlich-blaue Schale der Nacht wölbt sich über den Horizont. Die Sterne der Tropen bohren sich in den schwarzen Samt, und es ist, als fielen sie herab, blitzend und kreisend, um plötzlich ganz tief hängenzubleiben. Und dahinter zieht‘s sich gleich Silberstaub und Goldpuder in gewundenen Arabesken durch die Bläue. Des Mondes Barke schwebt über der See. Die Insel Hispaniola und das nördlicher liegende felsige Tortuga verwandeln sich in schwarze, von sprühendem Licht umflossene Scherenschnitte eines Märchenspiels.

Während der stille Nachtzauber über der See milde streichelnd sich ergießt und Myriaden Infusorien die dunkle Tiefe in grün-leuchtenden Banderen durchgaukeln, schauern die Palmen am Strand in der Brise leise zusammen. Ihre spitzen, harten, befiederten, lackglänzenden Wedel knistern leise, und es ist, als ob längst verklungene Stimmen vorüber wehten. Stimmen, deren Besitzer einst im roten Golde wühlten und weinschwer im Chor grölten:

»Westward ho!

And Rum below!

At the Dons we‘ll go!

Yoho, blow the Main down!«

Und andere Stimmen flüsterten aus dem dunklen Gebirge, den dunklen Wäldern, den vom Silberspeerlichte des Mondscheins durchstochenen Büschen der Gärten. Flüchtige Tritte enteilen, leise Wehrufe zittern, und das grauenvolle Röcheln der großen, auf der Menschenjagd dahintrabenden, längst vermoderten Bluthunde stört gespenstisch die Stille.

Plötzlich ertönt ein Summen fern überm Meer. Wird zum musikalischen Dröhnen und sieghaften Orgeln, das die Luft in Schwingungen versetzt. Das Flugboot von Jamaika kommt heran, schwebt mit abgedrosselten Motoren im Gleitflug nach unten, wassert – und aller Spuk vergangener Jahrhunderte hat sich, gleich einer schillernden Seifenblase platzend, im Nu verflüchtigt. Ruhig breitet die geheimnisvoll schöne Tropenwelt ihren weich strahlenden Frieden über den einstigen Schauplatz wildromantischer Taten. Taten von gestern! Taten erfüllt von Blut und Tod, aber auch solche, die zart wie poetische Träume waren.

Man kann es fast nicht glauben, dass es diese Gegend ist, die »Spanish Main«, wie die alten englischen Seefahrer den westindischen Archipel nannten, über die im Jahre 1604 der damalige venezianische Gesandte in London folgenden Bericht an die Regierung seiner Republik schickte: »In Westindien eroberten die Spanier zwei Schiffe, schnitten den Matrosen die Hände, Füße, Nasen und Ohren ab, schmierten sie mit Sirup ein und fesselten sie an Bäume, um sie von Moskitos und anderem Ungeziefer quälen zu lassen …«

Welch reicher schriftstellerischer Stoff liegt allein in diesen prosaisch brutalen Worten!

Kosend schmiegen sich die kleinen Wellen der Spanischen Main gegen glitzernde, krabbenwimmelnde Sandgürtel. Sprühen in weiß schäumenden Brechern gegen nackte, schwarz glänzende, triefende Steilküsten und baden die Wurzeln einzelner kühner Kokospalmen. Im Bananenhain rauscht zärtlich der Wind durch die prächtigen, zerschlissenen Riesenblätter. Millionen Zikaden singen ekstatisch ihr schrill metallisches und doch süßes Naturlied. Schwere Düfte von feuchtem, sattem Erdreich und von unsichtbaren Blumen zittern in der Luft. Über der Stadt untermalt sich der Himmel rosenrot, Lichtpünktchen aus Hütten und Villen an den Hängen winden den Bergen blitzende Diademe und Diamantschnüre um die Stirn. Eine Gitarre klimpert irgendwo zum todestraurigen Negersong. Brünstig schreit ein Esel. Streichelndes Summen naht, und erstirbt wieder mit den fächerförmig aufblitzenden Scheinwerfern eines Autos auf weißer Landstraße. Draußen in der Bucht pustet ein einsamer, abenteuernder Wal, Boniten sausen als grün umloderte Spindeln aus dem Wasser und klatschen ins Meer zurück.

Ein großer Dampfer mit drei Reihen übereinanderliegender rötlicher Bullaugen fährt weit draußen vorüber. Gleich dem Drachen einer chinesischen Traumszene auf gemaltem Ozean!

Meine Pfeife brennt, und einschläfernd wirkt das Aroma des honigfermentierten Tabaks. Und so sitze ich und rauche. Oben leuchten die Gestirne. Schnuppen fallen in sanften Bogen zur Erde. Hinter mir geht manchmal, von kaum merklichem Windhauch, ein zärtliches Geflüster durch die Haine. Blumenduft und salzig-fauler Strandgeruch umklammern mich. Und zu meinen Füßen raunen unermüdlich die Meereswellen.

Habe ich nicht schon einmal gelebt unter diesem funkelnden Tropenhimmel? Lang, lang ist‘s her! Long long ago, als die Piraten das wilde Lied von Rum und gelbem Fieber sangen, als die spanischen Schatzgaleonen, beladen mit Silber und Gold und köstlichen Gewürzen, ihren gefährlichen Kurs über die spanische Main segelten …

Die Wellen rufen mir‘s zu, die Wellen erzählen und plaudern davon, die Sterne blitzen es in silberner Schrift, und alle Geräusche, die da in der Nacht verborgen leben, wispern mir‘s zu. Auf der glatten Fläche der Bucht aber sehe ich im Geiste die Taten früherer Generationen an mir vorüberziehen.

Und so will ich euch erzählen, was das Wasser mir zugerauscht, was die Palmen bebten, die Gestirne am Himmel schnörkelten und der Meeresspiegel – gleich der Kristallkugel des Hellsehers – mir zeigte: »Yoho, blow the Main down!«

 

 

INTERMEZZO

»He, das lügst du in deinen dreckigen Bart hinein, sacre goggam!«, schrillt es, und ebenso plötzlich dröhnt der antwortende tiefe Bass: »Und ich will dir die Lüge mit zehn Zoll Eisen in die Gurgel zurückjagen, du Sohn eines Haifisches!«

Füße scharren, Schemel poltern. Dumpf fällt ein gefüllter Zinnkrug um. Der rot schillernde Inhalt kriecht dickflüssig über den Tisch, tropft langsam und zäh auf den Boden.

Alle sind wir aufgesprungen und umdrängen die beiden Streithähne, die friedlich beisammengesessen und jetzt ihre spanischen Raufdegen gezogen haben.

Barbassou, Wirt und Händler in einer Person, schiebt sich gewichtig in den Vordergrund. Der Zipfel der rotseidenen Nachtmütze, ohne die er noch nie gesehen wurde, baumelt ihm auf die eckige Schulter. Im dunklen, lederartigen Gesicht glitzern die tiefliegenden Augen, während er böse raspelt: »Schert euch raus, wenn ihr euch umbringen wollt! Denkt an unsere Statuten!« Der mit der Bassstimme reckt seine kleine, breite Gestalt und lüpft sich am Hosenbund. »Das musst du schon uns überlassen, Bruder Barbassou! – Ich täte dir ja liebend gern den Gefallen, aber draußen ist‘s wahrhaftig zu finster!«

»Und wenn du etwa glaubst, dass ich warte, bis die Sonne aufgeht, so bist du doppelt und dreifach ein Lügner!« keifte beinahe hysterisch der andere, ein semmelblonder, stoppelbärtiger Kerl mit blassen Fischaugen, dessen elegantes Rapier seltsam von der Bukaniertracht absticht.

»Versöhnt euch im Herrn, meine Lieben!« will der fromme Pierre, der täglich mehrmals betet und auch Predigten vom Stapel lässt, vermitteln.

»Lass sie, lass sie, Barbassou, altes Fass! Sie sollen‘s aber rasch austragen, denn ich möchte weiterwürfeln. Hätte gewiss viermal sechs Augen geworfen, aber da haben die Dummköpfe den Becher umgeschmissen!«, grollte einer aus dem Haufen, sekundiert von Beifallsgegrunze.

Eine kleine Affäre! Mein Gott, das kommt sehr häufig auf Tortuga vor. An plötzlichen gewaltsamen Tod sind die Männer gewöhnt und sehen ihm als etwas Natürlichem entgegen. Ob an Land oder auf den Wogen der Main egal – aber wenn möglich, nicht in den Quemaderos der Spanischen Inquisition!

»Auf dem Tisch wird‘s wohl am schnellsten vonstatten gehn! Wir fechten, bis einer genug hat oder wenigstens herunterpurzelt!«, dröhnt doppelsinnig die Bassstimme.

»Und fairplay! Fairplay, ihr Männer!«, schrillt der Semmelblonde, der nicht sonderlich große Sympathien genießt.

Rasch ist die Tischplatte von hindernden Gegenständen geräumt. Beide Kämpfer springen auf die erhöhte Arena. Und kreuzen die Degen.

»Barbassou, gib du das Zeichen!«

Barbassou nickt gelassen. Es ist lähmend still geworden. Als ob Natur und Kreatur den Atem anhielten, um auf den eigenen pochenden Herzschlag zu lauschen. Eine Stille, die bestimmt nur meine Ohren schlug, denn langsam erst, dann immer rascher und voller lösen sich die Geräusche aus der Luft, und ich höre wieder: das ferne Rauschen der Brandung und noch weiter weg kurzes Rindergebrüll. Dazu das schnelle Atmen der Männer und das Brutzeln saftiger Steaks in Barbassous großer Kupferpfanne. Auch Zischen und Knallen von brennenden Scheiten. Und deutlich gluckst es, als ein Bukanier seinen Humpen leert.

Und nun Barbassous leidenschaftslose Worte: »Fertig? Eins, zwei – los!«

Klirrend gleiten die dünnen Klingen aneinander vorbei. Und Degenkorb schmettert gegen Degenkorb. Der Semmelblonde ist durch den Ruck beinahe vom Tisch gestürzt. Vielleicht wäre es besser für ihn gewesen, denn dann …

Der Tisch bietet einen eng beschränkten Kampfraum. Und da beide Streiter sichtlich von Punktilios und anderen Finten keine Ahnung haben, sondern einfach wie wütende Bullen aufeinander losstochern, so kann dieser so merkwürdig ausgetragene Ehrenhandel nicht sehr lange dauern. Jeder bietet, da keiner recht ausweichen oder gar zurückspringen kann, dem anderen ein zu gutes Ziel.

Sie werden sich gegenseitig umbringen! Schade, der Breitschultrige mit dem schwarzen Bart ist ein netter Bursche!, denke ich und stopfe vorsichtig die zerbrechliche holländische Tonpfeife. Abermals klirrt es, Keuchen und Schmettern, das auf und abschwillt, langsam oder rasend schnell, und dann kommt das befreite »Ah!« aus dem Zuschauerkreis. Ich lasse die glühende Holzkohle, die ich eben auf den Tabak legen wollte, fallen. Denn alle haben wir‘s gesehen! Der Semmelblonde hat den Degen des anderen tief in der Kehle sitzen. Er knickt halb zusammen, seine konvulsivisch nach der tückischen Klinge greifenden Hände erhaschen sie, klammern sich darum, nun öffnen sich die kraftlosen Finger wieder. Und er plumpst schwer auf den Boden. Phlegmatisch steigt der Schwarzbart vom Tisch, putzt die Waffe an den Kleidern des anderen ab, der reglos und stumm, nach einigen wenigen Zuckungen, in einer immer größer werdenden Blutlache liegt. Stößt die Klinge in die Scheide. Spricht: »Barbassou, einen Rum zur Herzstärkung, if you please!«

Der Bann, der über der Szene gelegen hat, ist zerbrochen. Stimmen schwirren fluchend und lachend, staunend, drohend und beglückwünschend durcheinander. Von vielen Seiten wird dem Sieger zugetrunken. Er leert einen ihm entgegengehaltenen Humpen, streckt dann die Hand nach dem Rumglas aus und sagt mit gemütlicher Entschuldigung: »Wisst ihr, ich bin ja ein großer Halunke, wie fast alle von uns, aber mit Absicht habe ich noch nie gelogen!«

Eintönig murmelt Pierre, der bei dem Getöteten kniet, Gebete. Barbassous Negersklaven streuen weißen Sand auf die dunkle Lache und schleppen die Leiche hinaus, um sie – »aber ja nicht zu dicht an den Hütten!«, schärft Barbassou ihnen ein – zu vergraben. Pierre folgt ihnen.

Und das bunte Lebensrad, an dessen Speichen alle Menschen sich krampfhaft festhalten, um dennoch eines Tages unweigerlich ins sogenannte Nichts hinausgeschleudert zu werden, dreht sich weiter. Immer weiter!

 

 

TORTUGABILDER

»Wir lagen vor Port Royal

Und hatten Gelbfieber an Bord!

Yoho, blow the Main down!«,

brüllen nun wieder die Bukanier, verwilderten Pflanzer und ehrlichen Seeräuber in Barbassous toller Kneipe ihren Chor. Zinnhumpen und große grüne Glaspokale wurden von braunen sehnigen Fäusten umklammert, hoch geschwungen, und rot gießt sich der starke Spanierwein in ausgedörrte, immer durstige Kehlen.

Einige Pokale aus getriebenem Silber oder Gold fangen die Lichtstrahlen der von der verräucherten Decke hängenden, einst auf spanischen Schiffen benutzten eisernen plumpen Laternen, in denen dicke Wachskerzen brennen. Gold-rot-golden, mit einem darin eingewirkten St. Jago, drapiert ein erobertes Banner seine leuchtende Pracht über dem Kamin.

Unwirklich, bizarr, ein buntfarbenes, von harten Schlaglichtern überzacktes und violetten warmen Schatten getöntes Gemälde, wie es keine Phantasie auf die Leinwand zaubern könnte: so sieht‘s in Barbassous Laden allabendlich und oft auch am Tage aus.

Ein bewegliches, leidenschaftliches, Tod und Leben in sich bergendes, schillerndes, jetzt aufflammendes, dann in dunklen, satten Tönen halb erlöschendes und abermals in grellen Tinten blitzendes Bild, das ich nun seit Monaten sehe und in dem ich selber mitspiele, und das mich in kaleidoskopischer Fülle wie mit tausend unsichtbaren Fesseln an dieses wunderbar freie, sorglose Dasein schmiedet.

Da sitzen wir: die Ausgestoßenen, die kühnen Abenteurer und Glücksritter, die Enttäuschten und in der Zivilisation zu Unrecht Bestraften, untermischt mit einzelnen Berufsmördern, Dieben, Fälschern und sonstigem Gelichter aus fast allen europäischen Nationen, denen sich zugesellten: herkulische Neger, ewig fröhlich das Weiße ihrer Augäpfel rollend, ewig mit tanzender Energie geladen, ewig bereit, die schwerste körperliche Arbeit auszuführen. Und Mulatten, deren Haut einen Stich ins Grünliche hat, goldbraune Indios mit sanften Tieraugen, Sambos und elfenbeinfarbene Quadronen und Oktronen. Da sitzen wir um die schwer gezimmerten Tische auf den Bänken und singen oder erzählen, rauchen das köstliche Kraut Tobago und trinken, töten manchmal einander und trinken weiter.

Dicken, sämigen Malaga, der als Nachgeschmack teuflisches Kopfweh spendet; herben Xeres und topasgelben sirupsüßen Taragona. Weine, die mit Blut bezahlt, von spanischen Galeonen und Transportern auf tropischer See oder aus den weißen schimmernden Siedlungen der Spanier auf Hispaniola unter Einsatz des Lebens und nur selten im Tauschhandel erworben werden. Trinken auch schäumend moussierenden Kokostoddy oder den kühlenden Pflanzensaft »San garee« und nippen alten, wunder-lieblich duftenden oder auch jungen, selbst destillierten und die Kehle versengenden, penetrant stinkenden Rum.

Trinken! Der eine viel, der andere wenig, ja, es gibt unter uns, die wir wohl die seltsamste Gesellschaft der Welt darstellen, sogar strikte Nichtalkoholiker! Ebenso wie wir Künstler, Gelehrte und sogar abtrünnige Geistliche in unsern Bukanierreihen haben. Doch davon später.

Die bei der Rinderjagd und dem Fleischtrocknen buchstäblich und absichtlich in Tierblut getauchten und als eine Art Uniform von vielen Küstenbrüdern mit Stolz getragenen Segeltuchhosen und -hemden glänzen stumpf in rostbraunen und schwärzlichen Schattierungen. Sie knistern wie steife Papprüstungen, wenn ihre Träger sich jäh bewegen. Andere, besonders der ständig zur See fahrende Teil von uns, gefallen sich teilweise in hohen, gelben Stulpenstiefeln, spanischen Halskrausen, geschlitzten, bunt mit Seide gefütterten Wämsern mit Puffärmeln. Andere wieder laufen halbnackt.

Von phantastischen Hüten trauern verraufte, geknickte Straußenfedern, an hornigen Fingern schimmern matte breite Reifen, in denen die Schmucksteine gleich roten, grünen, blauen und violetten Augen aufglühen.

Blitzend schaukeln große flache oder kleine rundliche Ringe von den Ohren bärtiger Männer. Manch einem hängt an dicker, prahlerischer Goldkette eine Schaumünze um oder die auf Elfenbein gemalte Miniatur einer schönen Frau, die in Ohnmacht fallen würde, wenn sie wüsste, an wessen breite, haarige Brust das Schicksal ihr zartes Konterfei schleuderte …

Es sind auch wahre Dandys unter uns, parfümiert und geschniegelt; gespornt, mit mächtigen Perücken, stolzieren sie einher. Und Duellanten, stets auf der Lauer nach einem Opfer, wandern gespreizt unter Palmen und zwischen Bananenbüschen, als wären sie an den Taxushecken und regenbogenschimmernden Wasserkünsten von Versailles. Es gibt auch welche, die aus irgendeinem Grunde sich geschworen haben, nie wieder eine Frau anzurühren! Auch haben wir tief-fromme Männer unter uns, und Männer, die den ganzen Tag die Fauna und Flora studieren, oder vor Schiffskarten sitzen, Sternkarten zeichnen oder mit dem Jakobsstab astronomische Berechnungen machen. Und Poeten haben wir, die unsere Lieder dichten, und Handwerker und Pflanzer – alles Männer, denen entweder daheim etwas schief ging oder die dem Rufe »Westward ho« nicht standhalten konnten. Und alle, alle, auch die größten Puritaner – ich weiß nicht, wie es jeder mit seinem Gewissen abmacht – sind die eisernsten, unverwüstlichsten Kerle der Welt und bilden unter den Namen Bukanier, Flibustier oder Brüder der Küste einen losen, halb auf See, halb auf dem Land lebenden, ewig den Spaniern Abbruch tuenden Männerstaat. Natürlich gibt‘s Frauen unter uns, meist Mestizinnen oder Sambomädels, hübsche, aber verlotterte Geschöpfte mit kecken Liedern, provozierenden Tänzen und unersättlichem Gurgeln. Mit goldenen Ketten und Geschmeiden pfauenartig beladen, leisten sie dem, der mag, Gesellschaft.

Das ist Tortuga, der Staat, indem Gesetzlose sich ihre Gesetze schufen, der Staat, dessen bloße Erwähnung bei den Spaniern dazu dient, ihre unartigen Kinder mäuschenstill und brav zu machen.

»Westward ho!

At the Dons we‘ll go

And rum below, yoho!«

Draußen, gleichsam von der breiten, weit offenen Tür eingerahmt, stehen schlanke Palmen mit spitzen, gefiederten Wedeln und struppigen Kronen. Tanzt der phosphoreszierende Reigen der Feuerfliegen und Coyucos. Schmeichelt Mondlicht um seidige Blattrispen. Schimmern weiße Blüten gegen tintenblauen Hintergrund. Kämpfen die süßen, betäubenden Düfte der blühenden, leidenschaftlichen Natur mit den aus der Kneipe peitschenden Dünsten von Tabak, Alkohol und Wachslichtern, Ofenbrodem und Patschuli.

Welche Trauer und Lustspiele wären wohl Will Shakespeare eingefallen, wenn er die tropische Spanische Main, die Inseln Hispaniola, Tortuga, die kühnen Schiffe und deren Männer geschaut hätte?

 

 

LE SIEUR ALEXANDRE OLIVIER ESQUEMELIN D‘HONFLEUR

Im Osten, über gläserner Meeresdünung, wallt es grau, verschwommen an den oberen Rändern, gegen den noch heftig funkelnden Sternenhimmel. Wird heller, färbt sich hellgrün. Gelber und rosiger Schimmer schießt dazwischen. Zauberschnell entwickelt sich alles zu einem karmin-goldenen Tumult. Und königlich taucht die nackte, blendende Schulter der Sonne empor, jagt ihre Strahlen über Meer und Inseln, wo eben noch das tiefblaue, silberverzierte Kleid der Nacht geleuchtet und grünliches Fahl geisterte. Über der Spanischen Main steht in tropischer Schönheit der neue Tag.

Indigoblau wogt die See. In den Palmen kreisen Papageien, schwingen sippenweise in bunten Girlanden über grün gefleckte Zuckerrohrfelder, großblättrige Tabakpflanzen, starre Speerbündel der Maisstauden. Fallen tönend zurück, ins aufraschelnde Gefieder der Palmen.

Aus Barbassous Laden torkeln singend ein paar Unentwegte, steuern Zickzack nach dem Ufer, wo die schnellen, wendigen, halb gedeckten Longboote, einige holländische, französische, englische Kauffahrer und eine gekaperte, aber nicht mehr segelfähige spanische Galeone ankern.

Beiboote gleiten von Bord nach Land. Wie Käfer, die über ein blauseidenes Tuch krabbeln. Aus den Hütten und unter den aus vier Pfählen und einem Dach darüber bestehenden Kochplätzen hervor ringeln Rauchwolken gen Himmel. Versiegen im Goldnetz der Sonne.

Es ist heiß, aber der salzige Geschmack des Ozeans und die aufkommende leichte Brise erfrischen. Ah, wie wohl das tut! Wie liebe ich doch den lockenden Ruch der See und den romantischen der Schiffe und den von tausend unerfüllten Träumen vollen, warmen, üppigen Duftatem der Tropen!

Drüben liegt Hispaniola: ein abenteuerlich geformter Riesensmaragd, in den einzelne unregelmäßige Facetten aus Saphir, Gold, Karneol und Jaspis eingesprengt sind. Die kleine südliche Vorinsel ruht auf dem Wasser wie ein Amethyst.

Aus einer Hütte dringt schon das Getinkel und Schwirren von Gitarrensaiten, eine glockenhelle Frauenstimme singt »La Golon drina«, das alte Lied vom letzten Maurenkönig, als er Granada verlassen musste …

Ein schwarzer Sklave hackt einem Huhn, das gewiss zum Frühstück dienen soll, den Kopf ab. Leiser summt nun die Stimme, und plötzlich bleibe ich stehen, denn tiefer, grollender Männerbass brüllt lauthals los. Gitarre und Sängerin schweigen. Und Will Förster, der Mann aus Devonshire, der dort in der Hütte wohnt, tobt nach einer fast endlosen Reihe von Flüchen, die selbst bei Tortuga immer wieder Staunen und beinahe Erröten erregen, im Endfurioso: »Und wenn du mich noch einmal mit deinem blutigen Geklimper weckst, so will ich dir das Herz rausgravieren, du verdammte Tochter von einer Negerin und sieben Spaniern!«

Schrill lacht die Frau. Eine Kochpfanne klatscht aus der Tür zu Boden.

Und ehe die breiten Blätter einer Bananenpflanzung mich umhüllen, höre ich noch die mächtige, wundervolle Stimme Försters im klagenden Schmelz:

»O Darling, du herrliche Frau!

O komm in den Garten, dort perlt der Tau!«

Förster ist ein toller Bursche. Gewöhnlich sind seine Worte mit unflätigen Flüchen durchsetzt, und auf See, bei Unternehmungen gegen die Dons, wird er – aus dunklen Gründen, über die er sich ausschweigt – zur wütenden verbissenen Bulldogge, die weder Pardon nimmt, noch gibt. Aber – und welcher Zwiespalt in dieser Menschenseele – in geruhsamen Stunden an Land dichtet und komponiert er die zartesten Liebessonette, die ich je gehört habe.

Seltsam ist dieser Männerstaat Tortuga! Aber was ist eigentlich im Leben preisenswert und schön, wenn nicht das Ausgefallene, Unerhörte? Bin ich doch deswegen hergekommen! Bis ins rauchige, neblige Schottland drang der Nimbus der Tortugamänner, und so lief ich denn dem alten kahlköpfigen Domine davon, dem ich als schlecht bezahlter und noch schlechter gefütterter »Usher« half, dickköpfigen Kindern Lateinisch und des Königs Englisch beizubringen. Lief zur See. Und kam glücklich, nachdem ich zwei Jahre auf einer Fregatte in des »Königs Eigen« gedient, nach mannigfachen Erlebnissen nach Tortuga. Da ich beim Kapern der »Nuestra Señora de las Gracias« – die hernach in Flammen aufging – scheint‘s leidlich gut dreingeschlagen habe, so darf ich bleiben.

In einem Zuckerrohrfeld fällen fröhliche Neger unter Aufsicht eines breitschultrigen, mitarbeitenden holländischen Pflanzers mit schweren Messern das rauschend zusammensinkende Carla.

Irgendwo grölt jemand nach Rum. »Ho, bring die Buddel, Mercedes!«

Ein Musketenschuss knallt dumpf im Gebirg‘, wo die Jäger hinter verwilderten tückischen Rindern her sind. Stöhnend versiegen die zahllosen Echos.

Verwunderlich, wie rasch sich hier unter heißer Sonne alles vermehrt! Wie leidenschaftlich das Leben hier blüht und wächst, und wie leidenschaftlich es stirbt!

Da haben die Dons, als sie diese Inseln entdeckten, einige Rinder ausgesetzt, und jetzt sind riesige Herden daraus geworden, die Hunderten und Tausenden Nahrung geben und die Mittel, im Tauschhandel gegen Boucan und Häute die nötige Munition im endlosen Kampf gegen die Spanier zu erwerben.

Langsam schreite ich weiter. Bergan. Weiß selber nicht, wohin. Frei, so frei ist der Mensch hier, wie er es in Europa nicht sein kann! Gedanken, denen ich keine rechte Form geben kann, durchkreuzen mein Gehirn.

Ob bald wieder eine Fahrt gegen einen spanischen Geleitzug in Aussicht steht? Ich sinne über dickbäuchige Galeonen mit geschnitztem Vorder- und Achterkastell, blutroten, mit Heiligen bemalten Segeln, gewaltigen starren, mit Gold und Silber bestickten Bannern, und denke an Gold und Silberbarren, goldene Münzen – Acht-Realen-Stücke, von uns »Pieces of eight« genannt.

Grübelnd komme ich auf ein Maniokfeld. Am Rand sitzt auf gefällter Palme ein Mann, der zu den sonderbarsten dieser absonderlichen Küstenbrüder gehört. Schlank, mittelgroß, den sehnigen Leib in schwarzer spanischer Hoftracht, in weißer Halskrause, den schmalen Degen an der Seite. Auf den Knien liegt ihm ein Bündel handlich geschnittener Pergamentblätter. Er schreibt. Neben ihm stehen Tintenkapsel, Streusandbüchse, liegen gespaltene Truthahnkiele.

Langsam schaut er hoch. Ein Lächeln überfliegt das gebräunte, spitzbärtige Gesicht, und die grauen Augen leuchten grüßend auf.

»Ah, mon vieux Mac, mein Freund! Spaziergang? Poesie treiben oder unglücklich verliebt, wie?«, ruft er in dem hauptsächlich spanischen, mit französischen, holländischen und englischen Floskeln verbrämten Idiom, das in der Spanischen Main gangbar ist.

»Setz dich!« Eine elegante Handbewegung weist mir einen Platz neben ihm an. Er legt seine Blätter beiseite, nachdem er liebevoll Sand auf die letzten noch feuchten Zeilen gestreut, errät meinen Blick und lacht: »Mais, was willst du? Man muss irgend etwas tun. Zum Plantagen bestellen oder Boucanmachen, tauge ich nicht. Also schreibe ich!«

»Hm, was denn nur?«

»Ventre Saint gris – wie der gute König Henry, der allen Franzosen nicht nur ein Huhn im Topf gönnte, sondern es ihnen auch verschaffte, in guter Laune zu sagen pflegte. Mordioux! Ich schreibe ein Buch. Das verrückteste und spannendste Buch, das je gedruckt wurde, wenn le Bon Dieu es gestattet, dass ich am Leben bleibe, wieder nach la belle France heimkehre und dort einen Buchhändler finde!«

»Ein Buch? Was für ein Buch? Ich verstehe dich nicht, Alexandre Olivier Esquemelin!«

»Aus Honfleur!, musst du dazusetzen. Denn dort stand meine Wiege! Eh bien oder bueno! Ein Buch über Hispaniola, Tortuga, Port Royal, über die Bukanier und Piraten oder die Brüder der Küste, wie sie jetzt heißen, und denen wir beide anzugehören die gewiss nicht alltägliche Ehre haben! Ein Werk von dem, was war, was ist und – wie gesagt, wenn es le Bon Dieu erlaubt – von dem, was da kommen wird. Ich habe schon eine ganze Menge geschrieben!«, lacht er gut gelaunt.

»Oh – das möchte ich auch!«, entfährt mir‘s sehnsüchtig, und ich weiß auf einmal, warum mich so oft halbfertige Gedanken plagen. Schreiben, das ist‘s!«

Er schlägt sich auf die Knie. »So tue es doch, Confrere! Niemand hindert dich, niemand zensiert dich! Und keiner von den anderen wird auf die gleiche Idee kommen, zumal die meisten ja weder lesen noch schreiben können! – Und die Konkurrenz? Meine Person? – Ha, Alexandre Olivier Esquemelin wird es sich leisten können!«

»Aber ich verstehe nicht mehr genügend Latein!«

»Fichtre, redet der Mann von Latein? Wozu denn, ventre de biche! – Schreib doch, wie dir der Schnabel gewachsen ist, mein Alter!«

»Also in des Königs Englisch?«

»Vraiment, caramba! Wir sind auf Tortuga und nicht in London, Edinburgh oder an der Sorbonne! Und wenn unsere Bücher jemals beendet werden sollten …bis dahin, dünkt mich, wird man vielleicht schon mehr in den Sprachen, die das Volk redet, drucken und weniger in Latein!«

»Beim heiligen Dunstan, das will ich tun, das ist vortrefflich!«

»Natürlich! – Und nun wollen wir an des Leibes Notdurft denken!«, lacht er wieder und greift nach dem Schnappsack.

»Maisbrot, gebratene Schweinerippen, Markknochen, Bananen und für jeden eine junge Kokosnuss in dem Stadium, wenn sie mit köstlicher Creme gefüllt ist!«

Wir langen zu, und der lebhafte Franzose plaudert dazwischen und unterstreicht seine Worte mit markanten Gesten. »Siehst du das Haus dort oben?« Er deutet nach dem höchsten Felsgipfel der Insel.

»Ja. Ich war aber noch nicht droben. Barbassou sagt, es sei halb zerfallen, und die Leitern und Treppen, auf denen es allein erreichbar ist, teilweise weggefault.«

»Oui! Der alte Barbassou hat recht. Ah, der hat was erlebt, wenn er nur nicht so ungallisch mundfaul wäre!«

»Was ist‘s mit jenem Haus?«, frage ich und werfe einen abgenagten Knochen ins Gebüsch.

»Es hieß früher der Taubenschlag und war das Hauptquartier und Chateau meines Landsmannes aus Saint Kitts, Monsieur Levasseur. Weißt du, als die ersten Küstenbrüder, es waren fast nur Männer aus der Bretagne und Normandie, denen sich wenige Briten, Holländer und entlaufene Sklaven zugesellten, ihre illegalen Rinderjagden nach Boucan auf Hispaniola drüben abhielten, vergaßen sie selbstverständlich nicht, die Spanier zu bekämpfen, nachdem diese den Kampf begonnen hatten. Es hieß, wie auch heute noch: du oder ich! Eines Tages siegte die Übermacht der Dons, und die überlebenden Bukanier zogen sich hierher nach Tortuga zurück, um von neuem der Jagd zu obliegen. Denn auch hier wimmelte es schon von wildem Vieh! Die daheim Bauern gewesen, pflanzten Tabak, Mais, Cana und Maniok, die anderen gingen in Booten zur See und kämpften.

Aber die Dons landeten auf Tortuga mit Heeresmacht. Die braven Bukanier wurden abermals totgeschlagen, von Bluthunden zerrissen oder bildeten als gefangene Häretiker das Brennholz eines Scheiterhaufens bei irgendeinem Autodafè. Die flüchten konnten, flüchteten natürlich nach Hispaniola zurück; in den Bergen und Wäldern dieser großen Insel kann man sich besser verstecken. Sie sammelten sich dort racheschnaubend und landeten des Nachts in Booten auf Tortuga. Und ließen die dortigen Dons, wie es bei uns heißt, »aus der großen Tasse« trinken, sie sandten sie, wie Ihr Briten es nennt, zu »Davy Jones‘ Locker«, das heißt, sie schmissen sie ins Wasser.

Seither betrat kein Spanier – es sei denn als Gefangener oder Renegat – diesen freien Boden, wo wir freien Männer wohnen.

Das alles spielte sich in den letzten Jahren ab! Nun, dieser Levasseur – kein Mensch weiß, woher er plötzlich auftauchte – war ein sonderbarer Bursche, aber auch ein sehr heller Kopf. Der Mann hatte Verstand, mon vieux!

Von Haus aus strenger, unbeugsamer Calvinist, machte er aus einer Gemeinde gottloser, blutdürstiger, rachebesessener Piraten einen religiösen Staat. Wie er das anfing, möchte ich gerne wissen. Natürlich wurden die Spanier weiter bekämpft, aber vor und nach dem Gefecht wurde hübsch lange gebetet, fromm gesungen und Gott gedankt.

Ventre Saint gris, es muss ergötzlich gewesen sein! Diese Kontraste! Levasseur hatte auch mal die Fortifikationskunst studiert. Die Wälle und Batterien, deren Bronzeschlünde uns heute gegen Überfall schützen, sind nach seinen Entwürfen erbaut! Und wahrhaftig, als eine starke Kriegsflotte der Dons vor Tortuga aufkreuzte und eine tolle Beschießung anfing, mussten sie sehr b.ild mit langer Nase und verbundenen Köpfen abziehen!

Geheimnisvoll wie Levasseur kam, so verschwand er wieder. Man weiß nicht, ob er mit seinen gesammelten Pieces of eight nach Frankreich heimkehrte, oder ob er in der Takelage einer spanischen Galeone mit einem Strick um den Hals an der Sonne dörrte. Vielleicht fiel er im Kampf, oder die Inquisition röstete ihn in den Quemaderos, oder vielleicht ist er auch ins Kloster gegangen. Ein Thema, um darüber zu schreiben, nicht wahr, mon vieux boy aus dem kalten Schottland! O ja!

Von ihm stammt auch die Einteilung, der Code, unseres Inselreiches. Wie du weißt, wurden die Bauern, die daheim was ausgefressen hatten und in die Spanische Main kamen, Pflanzer; andere, dazu gehörten viele entlaufene Sklaven, gehen auf die Boucanjagd, und wir Restlichen, die wir Seebeine haben, treiben, wenn wir‘s nicht zu kritisch betrachten, ein bisschen ehrlichen Seeraub. Und es ist sonderbar, es hat sich noch viel von den Levasseur‘schen Bräuchen erhalten, allerdings ist‘s ja nicht lange her, dass sie eingeführt wurden.

Heute, und ich finde es so besser, wie? gibt es keinen Zwangsgottesdienst mehr. Wer aber beten und predigen will, der kann das nach Herzenslust tun. Predigt nicht Pater Hilarius jeden Sonntag von der Kanzel vor leeren Bänken oder höchstens Witze machenden Zuschauern, und verkündet der schwarze Pierre nicht den Untergang der Welt und das Tier mit den vielen Köpfen? – Aber sonst ist eine gewisse Ordnung geblieben. Und die französischen, holländischen und britischen Schiffe, die dort unten ankern, laufen zwar auf hoher See Gefahr, gekapert zu werden, aber im Hafen sind sie heilig. Und da sie gute Geschäfte machen und wir auch – unsere Häute und Dörrfleisch und Rum gegen ihre Munition, Musketen, Handgranaten und Wein – so kommen sie immer wieder.

Eigentlich kann man uns gar nicht Piraten nennen, denn unsere Länder liegen fast immer im Kriege mit den Dons. Und ich sage dir, mon vieux, erinnere dich daran, was der Alexandre Olivier Esquemelin heute erzählt hat, die Zeit ist ganz nah, wo wir einen französischen Gouverneur hier haben werden und trotzdem unser freies Leben weiterführen. Der liebe Gott will nicht, dass die neuentdeckten Länder nur den Dons verliehen sind, wie diese gerne behaupten! Dass dem Don ausschließlich die Neue Welt gehören soll, diese wunderbaren Inseln, Gestade und herrlichen Meere und niemand anders daran teilhaben soll, ist an und für sich schon Gotteslästerung!

El Rey Fernando und la Reina Isabel haben damals, als Kolumbus Zipangu suchte und Amerika fand, ein böses Gesetz erlassen! Das Gesetz dünkelhafter Nimmersatte!

Und deswegen stehen Franzosen, Holländer und Briten fast immer im Kampf gegen die Dons, die sich auch der verfluchten Inquisition bedienen und oft unbeschreiblich grausam sind. Mordioux, das soll nicht etwa heißen, dass alle Spaniolen Schufte sind. Im Gegenteil! Aber ihre Gesetze sind schuftig. Man muss ihnen daher Manieren bei bringen, über die Verteilung der Neuen Welt! Viola!«

»Ich habe vorhin Förster singen hören!«, sage ich nach einer stummen Pause träumerisch.

Esquemelin lacht: »Siehst du, der ist auch eine Pflanze, die nur bei uns gedeihen kann! Totschläger und Blutsäufer, er mag schon triftige Gründe haben, denn nichts geschieht ohne Anlass! – und gleichzeitig ein Mann, der die sentimentalsten, süß triefenden Liebessonette macht! Zwei Seelen in einer Brust! Hei, abgesehen von Förster, wir haben Kerle unter uns, wie du weißt, um die uns die größten Königreiche beneiden! Und wir werden stärker! Eines Tages, wer weiß wann, gehört die Neue Welt nicht nur oder nicht mehr den Dons, wenn sie so weitermachen wie jetzt. Gesetze ihrer Könige! Pah! Bei uns auf Tortuga ist jeder ein König, wenn er Lust hat, sich diesen Titel zu verleihen!«

Ich zünde meine Pfeife an. Esquemelin atmet auf, dann holt auch er seine Tonpiep aus dem Schnappsack, und gemeinsam rauchen wir das köstlich duftende Kraut, das die Indios Tobago oder Tabaco nennen.

»Der Mann, der dies den Indios absah und das Zeug nach Europa brachte, war fürwahr ein grandioser Kerl!«

»Eher ihm als irgendwelchen kriegerischen Königen gebühren Denkmäler!«

»Walter Raleigh soll‘s gewesen sein!«

»Ja, und statt ihm ein Denkmal zu setzen, haben sie ihm im Tower den Kopf abgehauen!«

»Vielleicht hat er zu sehr mit der Queen poussieren gewollt oder war zu ehrgeizig und ließ sich in Verschwörungen ein. Quien sabe?«

»Qui, von allzu starkem Poussieren ist schon mancher zu Fall gekommen. Cherchez la femme! sagt man bei uns. Hinter allem steckt eine Frau!«

Gitarrenklänge schwebten plötzlich aus der Pflanzung, ertönen voller und kommen rasch heran. Und zwei Bukanier in ihren Blutkleidern, gefolgt von zwei mit Brokat herausgeputzten Mulattinnen, treten auf die Lichtung.

»He, Mac, goddam, bist du aber früh aufgestanden!«, ruft der eine, ein Mann aus Bristol, der aus England flüchtete, weil er den Liebhaber seiner Frau totschlug.

Sein Kumpan, ein breiter, helläugiger Holländer aus Enkhuizen, brummt: »Und Olivier ist ja auch da, sacre verdoomd!«

Laut lachen die beiden Mädels.

»Wohin, Brüder?«, erkundigt sich der Franzose.

»Nach Janviers neuer Hütte! Wir wollen ein Picknick machen und seinen neuen Rum ausprobieren. Ein Becher Kokosmilch und ein tüchtiger Schuss Rum drin schmeckt wie Mutterbrust!«

»Er hat uns Truthahnbraten, Markknochen, Bananen, mit Zucker bestreut und in Butter gedämpft, versprochen!«, sagt der holländische Gourmet und leckt im Vorgeschmack seine Lippen.

»Bon, dann seid ihr ja zu beneiden!«

»Kommt doch mit, ihr beiden Hübschen!«, lockt die junge reizende Pepita und blitzt mich verheißend an.

»Wie viele seid ihr denn, Tom?«

Der Engländer knallt seiner Schönen gutmütig mit der Hand auf den Achtersteven: »Janvier, seine Inez und hier Piet und Pepita und ich mit der Juana!«

»Na, da seid ihr gut verteilt, und Mac und ich würden nur als überflüssige Räder am Karren wirken!« sagt der menschenkluge Olivier.

Pepita zieht ein Mäulchen. Ich weiß, seit Tagen hat sie‘s auf mich abgesehen, und ich bin nicht abgeneigt. Entweder ist sie auf meine Pieces of eight scharf, oder es ist Liebe, man weiß das bei diesen Mädchen nie so recht, auch Liebe währt bei ihnen nie lange.

Lebhaft denke ich an das Duell auf Barbassous rundem Tisch in einer heißen Nacht. Um Weiber sind hier auf dieser Insel schon viele Männer in ihren Stiefeln gestorben. Deswegen, um noch mehr Unheil zu verhüten, dürfen sie nie auf die Schiffe und nie an Beratungen teilnehmen. Darin sind unsere Satzungen sehr streng!

Warnend stößt Olivier mich in die Rippen. »Vielleicht kommen wir nach!«, sage ich beiläufig und blinzle Pepita zu.

»All right!« Wieder schwirren und klingen die Gitarren, und die Vier wandern fröhlich weiter, verschwinden dann hinter den Bananenstauden.

»Pierre Legrand hat einen Kaperzug vor!«, sagt Esquemelin nach einer Weile.

»Das wäre!«

»Oui, ich denke, in drei Tagen haben manche von uns wieder Planken unter den Füßen. Wir brauchen große Schiffe und wollen uns wieder mal ein paar von den Dons holen! Machst du mit, mon grand enfant?«

»Allemal!«

»Bon, ich werd‘s ihm sagen. Er hat die Auswahl, aber Pierre hört auf mich!«

Genießerisch blase ich den Tabacorauch durch die Nase. »Tobago ist Speise der Seele!«

Fröhlich lacht er: »Und ein Mann, der solche Worte findet, überlegt sich noch, ob er schreiben soll!«

»Beim großen Dunstan! Ich will‘s wirklich tun!«

»Bravo! Pergament kannst du von mir kriegen! Aber jeder schreibt für sich, und verglichen wird nichts, mon vieux!«

»In Ordnung, Olivier!«

Er schraubt die Tintenkapsel zu, wirft sie nebst Streusandbüchse und Truthahnkielen in den Schnappsack.

»Komm, wir wollen zum Hafen. Pierre Legrand sucht sich seine Leute nachher bei Barbassou aus.«

Langsam gehen wir nach der Küste. Wo das unendliche Meer bläut und schäumt. Über uns schwirren wie große Edelsteine die Papageien. Im Blattgrün funkelt das Sonnenlicht!

 

 

DIE ARTIKEL WERDEN VORGELESEN

»… und du, Jacques! Und du dort, Paul, und auch der Slim! Ferner Joseph mit Bill, Honoré, Xavier, Frederic, Pepe!«, zählt Pierre Legrand die Namen an den Fingern her.

Dann wendet er sich an Esquemelin, der pfeiferauchend an Barbassous rundem Tisch sitzt: »Natürlich auch unser gelehrter Historiker. Du gehst doch mit, Olivier?«

»Selbstverständlich, mein Alter! Und tu mir den Gefallen, mustere auch Mac hier an!«

Legrand blitzt mich aus scharfen Augen an: »Nun?«

»Wenn du mich gebrauchen kannst, Käpten?«

»Bist schon dabei! Wen Olivier empfiehlt, der ist gut. Olivier, schreib die Namen auf!«

Esquemelin legt die Pfeife weg. Seine Truthahnfeder kratzt über Pergament. Bald sind wir aufgeschrieben. Achtundzwanzig Mann, jeder zwischen zweiundzwanzig und dreißig. Kühne, abgehärtete Feuerfresser, Kerle, die den Satan an den Hörnern zupfen würden. Kerle, die stets guter Laune sind! Achtundzwanzig Mann wollen im halboffenen Longboot in die Spanische Main schiffen und den plötzlichen Orkanen trotzen. Und eine große spanische Galeone, gegen die das Boot wirklich nur eine Nussschale ist, und die zwischen sechzig und dreihundert bewaffnete, gedrillte, kriegsgewohnte, tapfere Soldaten außer der Mannschaft – an Bord hat, angreifen, nehmen und behalten.

Aber die Bukanier haben schon ganz andere Dinge geleistet. In dieser Beziehung schreiten sie würdig in den Fußstapfen des großen Francis Drake!

Keiner von uns denkt über den tollkühnen Plan nach. Tortuga braucht größere Schiffe, um Handel mit Europa treiben, und um die spanischen Flotten in der Spanischen Main erfolgreich im Großen bekämpfen zu können. Und deshalb werden wir uns diese Schiffe holen, die außerdem den Holzbauch voller Barren aus Nombre de Dios, Pieces of eight, Perlen von Santa Maria und Munition und Wein haben. – Westward ho!

Barbassou und seine Gehilfen haben alle Hände voll zu tun. Rum und Spanierwein verschwinden zauberschnell in durstigen Kehlen.

Gitarren fangen an zu klimpern. Würfel klappern, Ochsenrippen prasseln über offenem Feuer. La petite Marmite, Markknochen, das Leibgericht der französischen Tortugamänner, und andere gute Sachen riechen köstlich aus brodelnden Töpfen.

Aber Legrand ruft nach einem tüchtigen Trunk: »Olivier, lies nach altem Brauch die Artikel vor!«

Esquemelin holt aus der Blechbüchse ein abgegriffenes Büchlein, räuspert sich. »Herhören, Messieurs! Nachher könnt ihr Markknochen aussaugen und weitersaufen!«

Der Lärm versiegt rasch. Draußen gackert eine Henne aufgeregt triumphierend.

Und Esquemelin beginnt eintönig:

»1. Wenn eine Gemeinschaft freier Brüder der Küste sich zu einem Unternehmen zusammengetan hat, so soll jeder, solange die Fahrt dauert, den Befehlen ohne Mucks gehorchen.

2. Von der Prise erhält, falls nicht anders beschlossen, der Kapitän und Anführer ein und einen halben Anteil. Der Pilot, der Bootsmann, der Böttcher und jeder Kanonier ein und einen viertel Anteil. Der Rest wird, entsprechend der Kopfzahl, ehrlich verteilt.

3. Falls ein Kerl entläuft, oder falls er ein nützliches Geheimnis erkundet und dies für sich allein behalten will, so soll er mit einem gefüllten Pulverhorn, einer Muskete, einem Beutel voll Schießschrot und einer Pulle Wasser auf einsamer Insel maroniert, das heißt ausgesetzt, werden.

4. Wenn ein Kerl einen anderen grundlos arg prügelt, so soll dies nach Mosis Gesetzen gesühnt werden; er soll daher vierzig weniger einen schwere Hiebe auf den bloßen Buckel kriegen.

5. Wenn ein Kerl etwas stiehlt, das allen gehört, so soll er entweder erschossen oder auch maroniert werden.

6. Der Kerl, der im Schiffsraum spaßeshalber seine Feuerwaffe abschießt oder eine Pfeife raucht, die keinen Deckel hat, oder der unter Deck ein offenes Licht trägt oder sich nach zwei Glasen – neun Uhr abends – noch an Deck besäuft, soll maroniert oder erschossen werden.

7. Der Kerl, dessen Waffen unsauber und nicht gebrauchsfähig sind, und der seinen Dienst schlecht versieht, soll nach gemeinsamer Beratung zwischen Kapitän und Mannschaft entsprechend bestraft, oder falls keine Einigung erzielt wird, gekielholt, das ist mittels zweier Taue unter dem Kielschwein des in voller Fahrt laufenden Schiffes von vorne nach achtern entlanggezogen, werden. Wenn er nach dreimaligem Verfahren noch lebt, so soll man ihn für unschuldig halten.

8. Der Kerl, der einer anständigen Frau gegenüber, sollte eine solche vorhanden sein, ohne deren Erlaubnis üble Mätzchen macht, soll sofort erschossen werden.

9. Wer im Kampf den rechten Arm verliert, soll 800 Pieces of eight erhalten und außerdem für die Dauer seines Krankenlagers täglich ein und einen halben Pieces of eight.

10. Wer den linken Arm verliert, soll 600 Pieces of eight erhalten, nebst ein und einen halben Piece of eight für die Krankheitsdauer.

11. Wem irgendein Körperglied infolge Verwundung dauernd gelähmt bleibt, der soll 400 Pieces of eight erhalten.

12. Verliert einer das rechte Bein, so erhält er 500 Pieces of eight sowie ein und einen halben Piece of eight tägliches Genesungsgeld.

13. Verliert er das linke Bein, so erhält er 400 Pieces of eight und ein und einen halben Piece of eight tägliches Genesungsgeld.

14. Verliert er ein Hauptlicht, das heißt ein Auge, so erhält er 100 Pieces of eight und ein Piece of eight tägliches Genesungsgeld, bis er wieder aus den Händen des Wundarztes entlassen ist.

15. Verliert er beide Hauptlichter, so soll er das übliche Genesungsgeld und eine von Kapitän und Mannschaft festzusetzende Summe nicht unter 1000 Pieces of eight erhalten.

16. Verliert er einen Finger, so soll er 100 Pieces of eight und ein Piece of eight tägliches Genesungsgeld erhalten. Jeder weitere Finger wird mit 100 Pieces of eight vergütet.

17. Der Verlust einer Hand wird genau wie der eines Armes vergütet.

18. Verliert ein Kerl beide Arme oder beide Beine und sollte er am Leben bleiben, so soll er die Summe nicht unter 1500 Pieces of eight und das übliche Genesungsgeld erhalten.«

Esquemelin macht eine kurze Pause, spricht dann weiter: »Allons va monos, Messieurs, Gentlemen, Mynheers und Señores. Unterschreibt nun ein jeder noch die Musterrolle, wenn ich bitten darf. Mich dürstet!«

Der Reihe nach treten wir an den Tisch und nehmen die Truthahnfeder zur Hand. Fast alle malen nur ein Kreuz an die Stelle, die Oliviers Finger weist.

Er flüstert noch einige Minuten mit dem knebelbärtigen Legrand. Der nickt, und Olivier verkündet: »Die Artikel treten in Kraft zehn Stunden vor dem Anbordgehen. Haltet euch also am dritten Tage ab heute nüchtern. Heut‘ und morgen könnt ihr euch noch besaufen. Die Küstenwache ist bereits verstärkt, weder Schiff noch Boot darf ab heute die Insel verlassen. Niemand soll den Spaniern drüben auf Hispaniola zutragen, was wir vorhaben. Bon!«

Musterrolle und Artikel verschwinden in Legrands Blechbüchse.

Barbassou und sein Neger schleppen eine ungeheure Terrine Rumpunsch herbei. Ein langer Bursche tritt in den Türrahmen und pfeift gellend auf zwei Fingern.

Fernes Gekreisch, Lachen und Juchhe branden auf, kommen rasch näher. Und die Mädels von Tortuga in ihrem besten Samt und Atlasstaat drängen bunt herein in die geräumige Schankstube.

Gitarren klimpern. Gesang und Würfelgeklapper. Leise und laute Gespräche, Scherze und Prahlereien. Küssen und Humpengeklirr, Parfüm und Blumen du ft. und Patschuli und Fettbrodem vermischen sich zum bunten, herrlichen Gewoge, das ich, so Gott will, noch oft erleben werde. Denn sattsehen und satthören kann ich mich daran nie …

Esquemelin schwingt mir seinen Humpen entgegen: »Auf Pieces of eight und dicke Prisen! Fortuna sei hold!«

Lauter tönen die Instrumente der Fröhlichkeit, schrillen und dröhnen Stimmen, und nun singt der Chor. Singen die Franzosen, Holländer und Engländer das alte Lied der jungen Küstenbrüder:

»Westward ho!

And Rum below!

At the Dons we‘ll go!

Yoho! Yoho, yohaiho!«

 

 

LA BRUNA

Ein Tag und eine Nacht sind verstrichen. Mir tut der Kopf mächtig weh. Sangaree, Toddy, Rum und schwere spanische Weine hinterlassen ihre Spuren!

Eine halbe Stunde Schwimmen im Hafen würde guttun!

Aber die Haie sind zu frech und unberechenbar. Unsere Neger fürchten sich zwar mitnichten vor diesen bösen Bestien, doch ist der schwarze Pompey, einer der Kühnsten und Lustigsten, erst vorige Woche als »Ragout fin noir« in einen Haifischmagen gewandert.

Aber Spazierengehen, das kann man. Das wird mein Gehirn auslüften und die guten Vorsätze zurückbringen. Oh, meine Mutter, wo bist du, und was tust du jetzt? Denkst du an deinen ungeratenen Sohn?

Wo der Bergpfad in die Plantagen mündet, begegnet mir eine Bukaniergemeinschaft. Blutbekrustet, aber singend und tanzend während des Marsches, treiben sie eine Eselsherde, schwer mit Häuten und gleich im Gebirge getrocknetem und gesalzenem Boucan beladen, vor sich her.

»He, Mac, sind Barbassous Fässer schon leer?«

»Keine Sorge, Petit Jean! Barbassou hat noch Stoff genug für eure durstigen Schlünde!«

»Vive Barbassou! Vive le bon vin et vivent les femmes!« Fröhlich ziehen sie weiter.

Auf der schattigen Veranda eines Häuschens sitzt einer am plumpen Tisch und markiert eine große Seekarte. »Die Fahrt des Magelhaes um das böse Kap! Tierra del Fuego! Sieh nur, Mac, wäre das nicht was für uns? Kommt Zeit, kommt Rat!«, lacht der graubärtige Mann behaglich, und dann trinken wir einen kühlenden Becher Toddy.

Nachher schlage ich ihm freundschaftlich auf die Schulter und wandere weiter.

Eine leuchtende, sonnenumflossene Gestalt kommt aus der Ferne näher. Grellrote Pluderhosen, nackte Fußknöchel, gelbe weiche Schuhe, ein blaues Jäckchen mit weißer Schärpe, in der ein kleines Arsenal steckt. Das braune, falkenscharfe Gesicht halb vom weißen Turbantuch umrahmt.

Ali er Rachman, der Algerier!

Seine Vorväter waren weise Männer an der Medresse in Granada und wurden von »los Reyes catolicos« vertrieben. Flüchteten in die wüste Berberei. Ihre Enkel und Söhne leben der Rache. Als Mittelmeerpirat begann Ali seine reifere Laufbahn, und das Schicksal schleuderte ihn nach Tortuga.

Es wundert mich jetzt, dass Pierre Legrand ihn nicht angemustert hat. Ali er Rachman, ein unversöhnlicher Feind der Dons, ist tapfer und ritterlich und ein vorzüglicher Seemann.

Jetzt steht er vor mir. Seine großen Löwenaugen sind heute blutig-geflammt, haben stieren Glanz. Aschfahl die Lippen. Ich weiß Bescheid, weiß nur nicht, wo er es herhat, was er da für Zauberzeug geraucht oder geschluckt hat! Haschisch?

Er starrt mich an, seine Hand zuckt nach dem waffenschweren Gürtel, zuckt leer zurück. Ein Lächeln überfliegt das braune Gesicht, und langsam, wie ein Mondsüchtiger, ohne mich mehr zu sehen, schreitet Ali an mir vorbei. Ist in einer anderen Welt. Im Lande seiner Väter. Andalusien!

Und ich höre ihn deutlich die spanischen Worte in einer Art Singsang sprechen: »Oh, sie ist schön wie der Mond in der Nacht des Ramadan! Ihr Wuchs gleicht der Dattelpalme! Ihre Brüste sind Moscheenkuppeln, ihre Zähne Perlen, ihre Lippen bittersüße Frucht. Ihr Gang ist der der Gazelle, und schwer wie Sandsäcke ist ihr köstlich Gesäß!«

Noch ein seltsames Liedchen in der kehltönig weinenden Fistelstimme der Kabylensprache! – Dann verstummt er. Leuchtend taucht Ali er Rachman in dem grünen Glanz der Pflanzung unter.

Kopfschüttelnd gehe ich weiter und trete bald in Francesco Bellinis gemütliche, von einer Veranda und Tabakpflanzen umgebenen Hütte.

Bellini aus dem schönen Florenz wurde vom hochlöblichen, weisen Rat jener Stadt eingesperrt, gestäubt und mit üblichem Brandmal auf der Schulter gezeichnet. Bellini ist Maler. Seine Frauen sind natürlich, grazil, sind fröhlich bacchantisch und nicht büßende Magdalenen. Susanna im Bade und dergleichen. Sondern singende und liebende Frauen, denen die blanke Sinnenlust aus den Augen flammt! Deren winkende Hände und lachende Lippen deutlich den Gesang des Blutes verkünden.

Das darf man nicht malen dort im alten Europa! Nicht öffentlich. Wer nackte Frauen auf die Leinwand zaubert, hat ihnen ein unsichtbares und dennoch unverkennbares frommes mythisches Mäntelchen auf den schönen Leib zu klecksen. Das wissen alle großen Künstler in Holland, Frankreich, Deutschland, Spanien und Italien. Und halten sich daran. Sind zwar arme Genies mit beschnittenen Flügeln, aber Hunger tut weh, und jeder will leben.

Bellini ist ein Rebell! Er pinselt, was sein Genius ihm vorschreibt, und wurde deshalb wegen Ketzerei, teuflischer Unzucht und anderer aus der Luft gegriffener Verbrechen bestraft. Als er wieder freikam, sprach er seinen Fluch über die Alte Welt aus, schnitt dem übelsten seiner Richter den Hals ab und kam nach vielen Irrfahrten nach Tortuga. War zuerst Pirat, dann Bukanier und ist jetzt Pflanzer, aber in der Hauptsache Maler. Die Schiffe bringen ihm Leinwand, Pinsel und Farben. Ein Indiomädel kocht ihm und reibt seine Farben an. Manchmal, wenn er das Brandmal auf der Schulter zu arg spürt, betrinkt er sich und macht dann eine Expedition der Raubboote mit. Wütet wie Simson unter den Dons. Meist aber sitzt er zufrieden vor seiner Staffelei. Malt die lustigen Pepitas, Juanas und wie sie alle heißen! Verdient schwere Pieces of eight damit und verschenkt diese wieder. Die Kapitäne und die modellsitzenden Mädels selber kaufen gerne seine köstlichen Gemälde.

Er ist glücklich, denn er hat‘s erreicht. Für europäische Prüderie kam er einige Jahrhunderte zu früh in die Welt der Farben und Pinsel, aber wie es so oft der Fall ist, die Ausgestoßenen, die Piraten, Bukanier und Kurtisanen bringen ihm Verständnis entgegen.

»Salve Francesco!«, ist mein Gruß, als ich in das luftige, helle Atelier eintrete.

Der glattrasierte hagere Mann sitzt vor einer Staffelei. Auf dem Podium dehnt sich »La Bruna«, die schönste Mestizin von Tortuga und vielleicht der ganzen Spanischen Main! La Bruna, deren Blick die Sinne verwirrt! La Bruna, um derentwillen schon viele Männer auf Tortuga das Leben ließen …

In goldbrauner samtweicher Nacktheit sitzt sie auf einem mit rotem Brokat bedeckten Schemel und raucht ein Cigaro – eine Hülse zusammengerollter Tobagoblätter, wie‘s die Indios machen. Sie lächelt mir zu.

»Du kommst ungelegen, Fratello Mac!«, brummt der Maestro und klatscht einen Pinsel Farbe an die Leinwand. »Ungelegen! Sonst könnten wir einen trinken und La Bruna würde vielleicht tanzen!«

»Ich gehe gleich wieder, Francesco. Morgen stechen wir in See unter Legrand. Eine Galeone holen!«

»Pieces of eight! Bringt Pieces of eight für mich mit!«, tönt es gierig von den roten Lippen der wunderschönen Frau.

Bellini schüttelt den Kopf: »Blödsinniger Goldhunger! Tiere! Doch sag, wenn ihr Glück habt – man kann ja nie wissen – vielleicht findet ihr Leinwand, Farben und dergleichen an Bord. Das bringst du mir mit. Ich male dir ein Bild dafür!«

»Und Pieces of eight sollst du mitbringen! Und Schmuck und seidene Kleider und Stoffe und Schuhe. Ich würde mich erkenntlich zeigen, Muchacho mio!«, tönt lockend die weiche Stimme der Bruna.

»Tiere! Tiere sind‘s alle!«, murmelt der Italiener und pinselt weiter.

»Sieh mal her, Mac, was fällt dir an dem Bilde auf, soweit es fertig ist?«

Ich betrachte das Gemälde. »Du hast sie von der Hinterseite gemalt. Man sieht nur das über die Schulter zurücklächelnde Gesicht – und keine Brüste und …«

»Ebbene, ebbene! Warum immerzu Brüste! Tiere! Mierda! Die Weiber haben auch andere Rundungen. Und deswegen ist der Hauptpunkt meines Bildes der – per bacco, wie sagt ihr Seeleute noch?, ja, also der Achtersteven der schönen Bruna. – Ein goldbraunes, rosig angehauchtes Gedicht. Ich habe diese Ansicht schon in der Malschule zu Florenz vertreten, dass das Schönste am Weibe das Gesäß ist. Und wegen dieser mit Künstleraugen betrachteten Perspektive haben sie mich eingesperrt. Nur weil ich hübsche Frauen von hinten male. Aber ich sage euch beiden, es wird eine Zeit kommen, wo die Menschen hinter Schönheit nicht immer gleich Gemeinheit suchen. Maledetto. Feigenblättchen! Pah! Weg mit den Feigenblättchen!«

Gurgelnd lacht la Bruna. Dann nippt sie an einem funkelnden Glaspokal.

Mir fällt die Begegnung mit Ali er Rachman ein, und rasch wiederhole ich Wort für Wort.

Der Maestro springt auf die Füße: »Was, der Ali? Santo Dio, das habe ich hinter dem Mauren nicht vermutet, dass er kunstsinnig ist. Wo steckt er?«

»Auf dem Wege nach der Siedlung. Hatte, scheint‘s, Haschisch geraucht!«

»Bei der Madonna!«, schreit Bellini. Der Pinsel fliegt in die Ecke, die Palette klatscht zu Boden, und schon ist er hinaus, rennt den Pfad hinab. Wir hören ihn rufen: »Ali! Ali!«

Stille.

La Bruna lacht, schlüpft dann in das Brokatkleid, und ich muss ihr helfen, es zuzuknöpfen.

»Der kommt nicht wieder. Wenn er nicht so herrlich malte, und wenn ich nicht das Bild haben möchte, so wäre ich nicht hier. Launen hat er wie ein Maultier. Und von Galanterie keine Ahnung! Wenn eine Frau schön ist, so malt er, und sonst kümmert er sich nicht um die Schönheit. Nur malen, malen. Er ist verrückt!«, sprudelt es über die roten Lippen.

»Er ist ein großer Künstler!«

»Bueno! Unzweifelhaft! Und ich bin eine schöne Frau! Oder?«

»Ich habe noch nie eine schönere gesehen!«, antworte ich und brauche nicht zu lügen. Und denke an Pepita, die …Wenn Pepita mit einem Vogel zu vergleichen wäre, so würde ich sagen, sie ist ein Buchfink. Und La Bruna? Ein prächtiger, schillernder Kolibri!

Sie springt wieder auf die Füße, der Brokat rauscht, und nun schmiegt sie sich fest an mich, ihre Augen sind dicht vor den meinen. Es sind herrliche Augen! Dunkle, große Augen, in denen goldene Lichter huschen wie im tiefen Brunnenschacht, in den Sonnenstrahlen fallen.

»Gibt‘s solche Frauen, wie ich es bin, in deiner Heimat? Wie heißt sie doch noch?«

»Schottland! Dort gibt‘s viele schöne Frauen, aber anders als du, Bruna! Blond und rosig!«

»Scotlanda? – Ein kaltes Land, sicherlich. Blond und rosig? Ich bin golden, bin lebendes Gold, und unter dem Golde schimmern Rosenblätter, sagt Bellini nicht zu mir, sondern zu dem, was er gemalt hatte, und statt einer Liebeserklärung mischte er Farben. Caramba!«

Ich muss sehr lachen. Ihre Arme – wie kam es nur? – liegen auf einmal um meinen Nacken. Ihr Mund ist eine Blume. Und duftet …

»Morgen muss ich zur See!«, sage ich. Denke an wilde Gefahren, die mich bedrohen und vielleicht, es ist sogar möglich, töten werden. Und diese Frau? Verzogen, gewöhnt, alle Wünsche erfüllt zu sehen. Aus einer Laune heraus liebt sie mich nun. Wie lange? Vielleicht nur eine Stunde!

»Morgen geht‘s in See!«

»Morgen! Heut ist heut! Komm, Querido, komm! Was andere mit Koffern voller Pieces of eight und einer halben Schiffsladung Häute bezahlen und es nicht immer bekommen, denn ich tue nur, was ich will – das ist dein. Umsonst. Muchacho mio!«

Und während draußen die Papageien kreischen, fern die Brandung orgelt, sich das Sonnenlicht in den Raum stiehlt und der Besitzer des Hauses den haschischtrunkenen Ali sucht, umfängt mich der Taumel der Sinne. Schlägt wie ein bunter, duftender Blumenregen in den Armen der wunderschönen Frau über mir zusammen.

Ganz ferne orgelt das Meer. – Und schweigt. Ist ausgeschaltet von der Sehnsucht zweier armer Menschen nach dem unfassbar Göttlichen. Nur Atemzüge zittern durch das Gemach. Sonst ist‘s ganz still, und grün-goldene Kringel wirft die Sonne gegen die hellen Wände.

Über uns, um uns, in uns ist Schicksal, ist ein Gott, der alles, was wir taten und tun müssen, im voraus aufgezeichnet hat.

Tausend unsichtbare Blüten duften auf Tortuga. Tausend Nachtigallen schlagen in unseren Herzen. Welten versinken.

»Bruna, oh, Bruna …«

 

 

FLIEBOOT

Auf der Spanischen Main, über das von scharfer Brise gepeitschte Ultramarin und die schneeweißen Schaumkämme schaukelt ein langes, schmales Fahrzeug.

Ein stark gekieltes Boot, dessen leicht erhöhter, überdeckter Bug die zischenden Wogen durchschneidet. Dessen winziger Klüver prall wie ein Brett schräg gegen den Wind steht, während das große, vom niederen, umlegbaren Mast bis an das ebenfalls überdachte Heck reichende Segel sich weit über die Leeseite bauscht. Um zu verhüten, dass die Steuerbordseite unter Wasser gedrückt wird, sitzen wir in Luv auf den Ruderbänken.

Achtern führt Pierre Legrand die Steuerpinne.

Achtundzwanzig Männer sind wir, und Pierre, der steuert, hält gleichzeitig scharfen Auges Ausguck. Die Hälfte von uns schläft, zusammengekauert, im Sitzen. Ihre Köpfe wackeln grotesk hin und her. Manchmal verliert einer das Gleichgewicht und erwacht im letzten Moment. Blinzelt umher, setzt sich zurecht und schnarcht weiter.

Esquemelin summt ein Lied von schwarzäugigen Mädchen in Honfleur. Xavier pfeift den Refrain.

Sanft schlingernd stampft das Boot rhythmisch, gleich einer Schaukel, hinab in die stillen Täler und wieder nach oben auf die glitzernden Hügel der Spanischen Main. Das dunkle Segel brummt und vibriert. Und es zischt, gurgelt, murmelt, schnalzt und braust hohl das Wasser. Regenbogenschimmernde Schaumfetzen, die der Bug zerschnitt und der Luftzug zerriss, prasseln achteraus. Nässen mit harten Schlägen unsere in der Tropenhitze jedes Mal rasch wieder trocknenden, mit heller Salzkruste bedeckten Gesichter.

Vier Tage liegen hinter uns. Zuerst begleitete uns die violette, prächtige Silhouette des fernen Hispaniola an Backbord, dann verloren wir es aus der Sicht. Gestern kam die Insel wieder steuerbords über die dunstige Kimm. Versank abermals im weißen Kielwasserstreif, als wir zweimal über Stag gegangen.

Achtundzwanzig Männer auf der Suche nach einer spanischen Galeone oder Karavelle mit Hunderten Soldaten an Bord.

Achtundzwanzig »Teufel«, wie die Dons uns nennen, in einem dreiviertel-offenen Boot, das sie, ihre Waffen, die zehn Eschenriemen, zwei Wasserfässchen und Boucanproviant kaum fasst. So schaukeln wir über den Ozean, Gier im Herzen, Flüche oder Gesang auf den Lippen.

Wir grübeln fieberhaft: Kommt der verdammte Geleitzug, von dem Spione Kunde nach Tortuga gebracht? Kommt er bald in Sicht? Oder fahren wir, was ja so leicht geschehen kann, aneinander vorbei?

Trotz des sprühenden Schaums, der uns fortwährend übergießt, ist es drückend heiß. Die Duchten sind kaum anzufassen, und der Zoll Wassers, der am Boden steht, ist warm. Kühlt dennoch unsere nackten hornigen Füße. Schuhe hat keiner weder mit noch an. Die feinen Wämser, Samthosen, malerischen Stiefel, Seidenstrümpfe und Sonstiges sind auf Tortuga geblieben. Wir haben Arbeitskleider an. Weite, kaum bis zur halben Wade reichende geteerte Segeltuchhosen, an der Brust weit offene Hemden mit aufgekrempelten oder abgeschnittenen Ärmeln.

Sonst nichts. Um die Hüften den breiten Gürtel mit dem schweren Entersäbel, oder wie der Engländer es neckisch nennt, dem »schneidenden Mädel« (Cutlass). Zwei Pistolen, Dolch und Enterbeil. Auf den Köpfen die roten Zipfelmützen à la Pere Barbassou. Oder lebhaft bunte turbanartige Tücher. Die pompöse künstliche Lockenpracht, die weiß gepuderten Perücken sind ebenfalls zu Hause geblieben. Wer jetzt noch eine Frisur hat, trägt das eigene geteerte, hinten mit einem Schiemannsgarnbändel schweineschwanzartig zusammengebundene Haar auf den Rücken baumelnd.

Pierre Legrand verachtet alle Mode, sei es Zopf oder Perücke. Er hat das Haar kurz geschoren und ein gelbrotes Seidentuch darum gewunden. Mit der braunen kräftigen Rechten steuert er, und seine blinzelnden ruhelosen Augen wandern ununterbrochen über den Horizont.

Esquemelin ist verstummt. Dann plötzlich: »Mac mon vieux, hast du angefangen, die Pergamentblätter, die ich dir neulich gab, zu bekritzeln?«

»Nein, Olivier! Erst zurückkommen von dieser Fahrt, dann will ich …«

»Auch ein Modus operandi! Aber du scheinst beinahe nicht zu glauben, dass wir zurückkommen, he?«, lacht er gutmütig.

Eben fuhr das Boot sausend in die Tiefe eines Kessels. Hier unten herrscht Windstille, das Segel klatscht. Bläschen prickeln und gurgeln. Empor geht‘s wieder, und wuchtig drückt die Brise gegen das Tuch. Schwapp!, ein Brecher kam über. Fluchend schöpft jemand das Wasser aus.

Ein Schläfer kollert uns zwischen die Füße, bleibt dort zusammengekrümmt in der Pfütze liegen. Und schnarcht behaglich weiter.

Ich bin Olivier die Antwort schuldig geblieben. Wir müssen auf die bisherige Leeseite rutschen, die zur Luv wurde, weil Legrand das Steuer umlegte.

Möwen kreisen eleganten Flugs. Der Himmel ist fleckenlos, hellblau. Die Sonne fast weiß, schmerzhaft strahlend.

Und so fahren wir dahin. Achtundzwanzig Männer – über die Spanische Main.

 

 

EL SANTO NIÑO

Fünfter Tag. Die Brise flaut ab, füllt aber immer noch kräftig das Segel. Wir haben eben gegessen: Boucan, Kokosnüsse, nebst Rum mit Wasser.

Unsere Stimmung ist gedrückt, denn man muss annehmen, dass der Geleitzug, den die Spione von Puerto del Principe gemeldet, in dunkler Nacht an uns vorbeigefahren ist.

Zur Enttäuschung kommt noch die Erschöpfung. Fünf Tage und Nächte kauernd sitzen, ohne jemals richtig die verkrampften Glieder ausstrecken zu können, ist, wie Esquemelin sich ausdrückt: »Ein cauchemar! Eine cochonnerie!«

Und wenn Flaute käme, so müssten wir rudern.

Schwächer wurde die Brise, Jean kratzt am Mast, um sie wieder hervorzulocken. Im Westen glänzt der Himmel grün, schweflig und violett. Dazwischen huschen alle möglichen Farbschattierungen, in deren Zentrum die sinkende Sonne grell verblutet. Über der See flammt es wie gemünztes Gold. Schaum wird zu Rosengirlanden. Möwen, goldumrandete Märchenvögel, unwahrscheinlich weiß. Die braunen Gesichter der Männer kupfrig.

Da schreit am Steuer der lange François wild jauchzend: »Segel ho! Eins, zwei, drei Segel! – Vier! – Und noch mehr!«

Wie ein Schlag durchzuckt es uns. Die Schlafenden sind plötzlich hellwach. Und schon kommandiert Legrand: »Schmeiß die Schot los, Jean! Los das Fall, du, Olivier! Klüver runter, Mac!«

Rauschend sinkt das Großsegel, seufzend der kleine Klüver. Zupackende Hände bergen das Tuch noch im Herabfallen. Das Fliboot schwankt stark. Gierig starren sie gen Westen, wo die Sonnenscheibe gleich einer Blutorange langsam ins Meer sinkt. Und dort, vor dieser glänzenden versickernden Lichtquelle, ziehen Schiffe dahin! Wir erblicken nur ihre Spieren und oberen Segel.

Legrand klettert affengeschickt den stumpfen Mast hoch, hält sich oben mit der eisernen Kraft seiner das Rundholz umklammernden Schenkel, späht durch das auseinandergezogene Teleskop. Rutscht wieder herab, flucht kurz über einen Splitter in der Hand und verkündet: »Sie sind‘s! Sieben große Kasten!« Sieben Galeonen und Karavellen mit zusammen mehr als tausend bewaffneten Männern und Dutzenden von Bronzeschlünden, hunderten Musketen hinter festungsartig hoch auf dem Wasser schwankenden hölzernen Mauern.

Und ein kleines, schmales Fliboot mit achtundzwanzig halbnackten Männern.

Heißt das nicht, Gott und den Teufel versuchen? Unser Gott ist das rote Gold, das weiße Silber und die blanken Pieces of eight. Um diese zu holen und ein Schiff dazu, sind wir ausgefahren. Ließen uns von der unbarmherzigen Sonne anbraten, vom Fieber schütteln, vom Tau durchnässen. Fünf Tage und fünf Nächte hintereinander. Und nur des Goldes wegen? Vielleicht auch aus überschäumender Lebenslust und aus Romantik …

Und gleich ist‘s so weit! Die Brise starb, wie so oft des Nachts in diesen Breiten.

»In zwei, drei Stunden sind sie mit uns auf gleicher Höhe!«, sagte Legrand.

Die Sonne verschwindet. Die Nacht breitet sich köstlich aus. Blau und Silber. Das Wasser glitzert. Grün flammende Schatten schießen unheimlich in der Tiefe hin und her. Haie! Eine Schule Delphine stürmt gleich einer auf und nieder tauchenden, hörbar schnaubenden Dragonerschwadron in Kabellänge an uns vorbei, verschwindet in dunstiger, tiefer, unendlicher Ferne.

Gelbe, unruhige Pünktchen blinzeln im Westen. Die Lichter der Flotte!

»Macht euch langsam fertig, mes enfants!«

Entersäbel werden geprüft, ob sie leicht aus der Scheide gleiten. Pulver auf die Pfannen geschüttet und neue Zündhütchen gesetzt, die Hosen umgekrempelt. Einige werfen die Hemden ab, bieten die nackten, muskelstrotzenden Oberkörper dem Sternenlicht dar. Jean spuckt in die schwieligen Hände.

»Herhören!« Wieder spricht Legrand: »Mes enfants, wir werden eines der Schiffe – das letzte in der Reihe – überraschen. Ihr wisst, was das heißt! Siegen oder sterben! Meine Braven, damit wir besser kämpfen können und müssen, wollen wir, ehe wir an Bord klettern, das Boot unter unseren Füßen absaufen lassen. Hat jemand was dagegen?«

Stumm schauen wir uns an. Sternenschein liegt auf den dunklen Gesichtern. Und dann peitscht ein Schrei über das eintönige Sausen der See.

»Pieces of eight! Pieces of eight! Wir holen sie uns! Und den Kasten dazu!«

»Brav!«, nickt Legrand. Ich habe eine sonderbare Leere im Magen. Sind wir verrückt?

Pepe, der Proviantmeister, verteilt Rum mit Wasser. Das Sausen des Meeres verstärkt sich. Die Nachtbrise frischt auf, und hohl klatschen die Wogen. Der Klüver wird gehisst, langsam taumelt das krängende Boot in Fahrt.

Steuerbord schäumt es blendend weiß auf, breitet sich über die Kimm, und plötzlich schiebt sich der Mond aus den Fluten. Legt eine herrliche Silberstraße darüber. Eine Straße, der ich folgen möchte, friedlich schaukelnd, pfeiferauchend, übers Meer, bis in alle Ewigkeit …

Weit weg blinzeln die Augen der Schiffe. Blinzeln bösartig rot unterlaufen. Ein Schiff, zwei und mehr. Das siebente ist am entferntesten. Und dieses soll unser werden!

Ob die Dons scharfen Ausguck halten?

Eine Stunde verstreicht. Qualvoll langsam. Über uns gleißt das Wunder der Milchstraße. Auch eine Straße der Romantik, der ich …

Der Mond schwebt wie ein riesiger Opal über dem Ozean und seine Lichtbahn wird länger und mächtiger.

Die Schiffe kommen näher. Zeitweilig blinken die Segelpyramiden, und es ist, als ob stille Schwäne übers Meer strichen. Einer, zwei, sechs. Und hinten, weit hinten, der siebente. Auf den halten wir zu.

»Wir müssen rudern! Sacre!«, knurrt Legrand. Sechs lange wippende Eschenriemen, jeder von vier kräftigen Armen bewegt, stoßen nun das Boot durch flüssiges Silber. Es tropft, gleitet und schäumt von den Ruderblättern, und dort, wo sie ein und aus tauchen, breiten sich wirbelnde, langsam vergehende Kreise.

Nach einer halben Stunde ziehen wir die Riemen ein. Dwars ab gleiten die dunklen Rümpfe mit hell schimmernden Segeln und winkenden Lichtern vorbei. Einer, drei und mehr. Und weit, weit hinten der siebente.

Eine weitere halbe Stunde höchstens, und wir werden entern und …

Pepe verteilt abermals Rum mit Wasser.

Schweiß läuft mir den Rücken hinab, beißt in meinen Augen und schmeckt salzig auf den Lippen. Meine Hose klebt an der Ducht.

»Klüver runter! Mast umlegen!«, befiehlt Legrand.

Das Boot schwankt direkt im Kurs des anpeilenden Dons. Die anderen sind längst vorbei, werden wieder Zauberschwäne, die uns das schmale, hohe Hinterteil zukehren.

Mächtig wächst der siebente uns entgegen. Hoch – wie wollen wir da hinauf? – ragt sein Bord. Die Wasser gleißen und schillern, aber wir liegen nicht mehr in der grellen Mondbahn.

Ob die Dons guten Ausguck halten?

Wir flüstern nur noch. Haben die Enterbeile in der Rechten, ziehen die Gürtel strammer. Jean klemmt probeweise seinen Dolch quer zwischen die Zähne.

Minuten nur noch. Dekaden! Jahrhunderte! Äonen! Unsäglich quälend langsam. Dunkel drohend ist die Silhouette des großen Schiffes, das schräg auf uns zukommt. Etliche helle Mondkleckse liegen in der Takelage. Grell leuchten die Lampen, und am Vordersteven schäumt eine Silbermähne.

Ob die Dons wohl scharfen Ausguck halten? Oder verdauen sie gerade das Abendbrot?

Hohl stöhnt die See. – Jetzt! Legrand und noch einer ziehen die Pfropfen aus den Bodenplanken. Langsam strömt das Wasser ein, netzt bald unsere Fußknöchel, schmatzt und klatscht beim Schwanken des Fahrzeugs, steigt. Wasser, Wasser, steige, steige. Wir werden dich dennoch narren!

Gemächlich torkelt das Schiff heran. Mächtig und düster, wie ein drohender Turm, neigt es sich uns entgegen. Und ich möchte laut schreien, schreien und …

Minuten werden Welten, die im Wogenklang vergehen. Über uns wirbeln die Sterne.

Oh! Eine hohe Wand, gegen die das Wasser brandet, und in deren Gebälk es ächzt und laut knarrt, wuchtet vor uns. Dann über uns.

Legrand lässt keine Sekunde die Pinne los.

Hart an uns streicht es rauschend vorbei, ein Luftzug fächelt, der Sog zieht uns an, stößt uns wieder zurück. Doch dann hängt das Boot, wird mitgerissen! Klebt wie das Waljunge am Busen der Mutterkuh an der schwarzen Plankenwand. Der dumpfe Schlag des eindringenden Enterbeils, das uns am Schiff festhält, geht unter im Rauschen und Rascheln der Wogen, Knarren und Poltern des hölzernen Schiffsleibes. Unser Boot ist dreiviertel voll Wasser, jeden Augenblick kann es absacken.

Schon klettern wir an den breiten, ausladenden Erkern, Kanten und Schnitzereien – kaum dass wir die Enterbeile als Halt benutzen müssen – das Vorderkastell hoch. Gurgelnd versinkt das Boot in der Tiefe.

Achtundzwanzig barfüßige, schwerbewaffnete Männer, die ihr Leben in den Händen tragen, schwingen sich gespensterhaft an Deck.

Ein Ausguck, der friedlich auf der Taurolle schlief, stöhnt kurz auf, als ein Messer in sein Herz fährt.

Mittschiffs ist leiser Gesang. Gitarrenakkorde und Plaudern. Das Deck ist fast leer, nur eine Gruppe Matrosen vergnügt sich dort. Nirgends ein Posten. Die Dons wähnen sich so sicher wie in der Hosentasche des lieben Gottes.

Nochmals raunt Legrand seine Befehle, die wir auswendig wissen. Zwei Mann klappen die Vorderkastellluke zu, schlagen leise die Keile ein. Bleiben als Wachen stehen. Wir anderen huschen in lautlosen Sprüngen die Treppe nach unten aufs Mitteldeck. Entsetzt fahren die spanischen Matrosen auseinander. Enterbeil und Säbel wüten schnell und tödlich unter ihnen. Ein paar halb erstickte Schreie, Keuchen und Poltern. Einige entkommen, purzeln wimmernd die Leitern in den Raum hinab, und gleich knallen die Lukendeckel hinter ihnen zu, werden die Keile festgetrieben. Der Rest ist tot und ergibt sich mit schreckstarrenden Gesichtern. Rasch werden Fesseln angelegt.

Wie Höllenspuk sind wir aus dem Meere tauchend an Bord gefallen, wie entsetzliche Dämonen müssen wir den armen Kerlen erscheinen. Die Angst hat ihnen die Sprache verschlagen. Wir legen sie nebeneinander an Deck, stellen die Wachen neben sie und an die Luken. Man raunt den Gefangenen zu, ja keinen Laut von sich zu geben, denn sonst …

Auf dem Hinterkastell lacht jemand gedämpft. Dann knallt ein Schuss und eine Stimme stöhnt: »Ayuda! Los diablos son aqui! Ai, Mama!«

Ich bin unter denen, die mit Legrand und Esquemelin das Achterdeck emporstürmen. Dunkle Gestalten taumeln uns entgegen. Scharf schmettert Stahl gegen Stahl. Einige entsetzte Schreie. Noch ein Pistolenschuss. Dumpf fallen Körper auf die Planken und im Meer klatscht es mehrmals vernehmlich auf. – Stille.

Dann das Knarren der Rahen, Ächzen der Balken, Summen der Leinwand, Wogenschnalzen und Windsausen, durch die Mondnacht wehend, ein Ganzes, eine Symphonie von tiefer, unaussprechlicher Traurigkeit.

Lachend steht Jean am Ruder, bindet es fest.

Ist alles ein Traum? Nein! Denn wir sind Herren des Schiffes, was die Decks anbetrifft. Die in der Kajüte müssen taub oder betrunken sein!

Halblaut ruft Legrand über Deck: »Lasst die Kerls unten nur klopfen. Und sollten sie die Luken wirklich aufkriegen, so gebt‘s ihnen auf die Köpfe!«

Dumpfes Geschrei und Gepolter unter Deck verkündeten, dass die Eingeschlossenen sich ihrer Lage bewusst wurden und nun versuchten, die Freiheit zu erringen. Das wird ihnen nie gelingen! Selbst wenn sie die Lukendeckel zerbrächen, könnte nur immer einer auf der schmalen Leitertreppe an Deck kommen, und diesem eins auf den Kopf zu geben, wäre Kinderspiel.

Vollständig haben wir aber das Schiff noch nicht. Es ist eine große Karavelle mit drei Masten, und sicher sind Hunderte von Soldaten unter Deck eingesperrt.

Alles ging so rasch, viel, viel schneller, als ich es hier beschreiben kann.

Noch zählen wir ein Dutzend – die anderen halten Wache an den Luken. Und das gespenstische Schattenspiel der Tropennacht, das wilde Tun der Männer, die aus dem Meere tauchten oder, wie die Spaniolen denken müssen, vom Himmel fielen, geht weiter Die Fortsetzung wird sich bei Licht abwickeln.

Pistolen schussbereit in den Fäusten, Dolchmesser zwischen den Zähnen, so laufen wir hinter Legrand in die Kajüte hinab. Ein uns entgegenkommender Aufwärter schreit, fällt dann jammernd auf die Knie. »Misericordia! Misericordia!«

Ein Entersäbelhieb lässt ihn verstummen, er rollt vornüber aufs Gesicht. Ach, Pepe, war das nötig?

Krachend fliegt die Tür auf, und hinter Legrand drängen wir hinein. Fünf von uns fassen in den Gängen Posten; eine in den Schiffsbauch führende Luke wird eilends zugemacht.

Bei feenhafter Kerzenbeleuchtung sitzen sie in der Kajüte am runden Tisch. Vier knebelbärtige, in Samt und Seide gehüllte Caballeros und ein weiß gekleideter Mönch, der in seinem Sessel eingenickt ist, spielen Karten und nippen Wein. Sind halb angetrunken. Der Mönch zuckt hoch. Und alle starren sie uns an, als ob wir Gespenster wären! Der Mönch schlägt Kreuz nach Kreuz.

Legrand stürzt auf den einen los, dem an goldener Kette ein goldenes Schaf oder ein Widder auf die Brust baumelt und der am reichsten gekleidet ist. Leise murmelt der Padre Gebete, lässt die Perlen seines Rosenkranzes durch die zitternden Finger rollen. Einer der anderen greift mechanisch nach dem gefüllten Pokal, lässt ihn fallen, und dunkelrot ergießt sich der Wein über das kostbare Damasttischtuch.

»In manus tuas!«, flüstert der Priester bebend.

»Señor, rindese Usted, mi jente tiene el barco! Somos muchos! Rin dese, o la muerte!«, brüllt Legrand und setzt dem Goldgeschmückten die Pistole auf die Halskrause.

Der Spanier erhebt sich halb, sinkt zurück. Die anderen, von unseren Waffen bedroht, rühren sich nicht, glotzen uns alle an. Stumm, ohne Seufzer.

Endlich kommt es über die blassen Lippen des ernüchterten Kommandanten: »Quenossaiva jesu christo! Son diablos estos quienes son?«

Breit lachte Legrand: »Nein, Señor, wir sind keine Teufel. Nur ehrliche Tortugamänner! Ihr Schiff ist mit großer Übermacht von uns genommen. Jeder Widerstand ist Selbstmord. Die Luken sind verkeilt, und alle Ihre Soldaten unter Deck eingeschlossen. Ergeben Sie sich, Señor!«

Leben kommt in die Dons. »Caracho!«, flucht einer und langt nach einer Pistole, die auf einem Tischchen liegt. Ein Hieb mit der flachen Säbelklinge lässt den Mann ächzend zurücksinken. Er hält sich den Arm, beißt die Zähne zusammen.

»Rindese, Caballero«, fordert Legrand wieder ernst und drohend diesmal.

Der Kommandant beißt sich die Lippen blutig. »Ist das Schiff wirklich genommen? Ehrenwort, Señor?«

Legrand nickt: »Auf Ehrenwort eines französischen Tortugakavaliers, Señor Commandante!«

Mannigfache Gedanken spiegeln sich in dem stolzen, blassen Gesicht des Spaniers. Scharf zieht er den Atem ein. Im Gebälk rumort es. Ein Heimchen singt, die Kakerlaken rennen. An Deck wimmert jemand leise. Und wieder kommt es über die Lippen des Mannes, der seinem König eben ein Schiff verlor: »A buena querra, Señor. Wenn es so steht, übergebe ich mich und appelliere an die französische Menschlichkeit.Was haben sie mit meinen Leuten vor, Caballero?«

Legrand lässt die Pistole sinken. Er verbeugt sich. »Wir werden euch alle wohlbehalten auf Hispaniola an Land setzen!«

»Parola de honor?«

»Mein Wort! – Bitte, legen Sie den Degen ab, die übrigen Herren auch. Der Padre kann seine geistlichen Waffen behalten. – Und dann bitte ich Sie, Señor, mir an Deck zu folgen!«

Olivier flüstert mir zu: »Mordioux, was sagst du dazu, Mac? Wirst du das aufschreiben?«

»Und ob!«, antworte ich leise, und meine Augen verschlingen das unwirkliche und doch so wahre Bild vor mir: die blassen Spanier, die halbnackten Bukanier …

»Jean und Xavier! Ihr bewacht die übrigen Herren hier. Sammelt die Degen ein! Señor Commandante, bitte folgen Sie mir!«

Der Don verbeugt sich leicht. Legrand verbeugt sich ebenfalls, und einander bekomplimentierend gehen sie hinaus: der geschniegelte, stolze Spanier und der halbnackte, schweißbedeckte Freibeuter. Gefolgt von uns. Einer nach dem anderen steigen wir über den armen Teufel weg, der in einer Blutlache im Korridor liegt. – Pepe, ach Pepe, war das denn nötig?

Wir treten in die mondhelle Tropennacht.

»Bill, ans Ruder! Kurs: Osten zu Norden! Aber lass den Kasten nicht durchgehen und aus dem Winde fallen!«

»Osten zu Norden, allright!«, wiederholt Bill.

Dem Spanier entringt sich ein Seufzer. Schmerzlich tief. Er überblickt das Deck, sieht deutlich die im hellen Mondlicht sich abzeichnenden stillen Gestalten seiner gefallenen Leute, sieht die paar Gefesselten und die wenigen schwerbewaffneten Brüder der Küste, die Wache stehen.

»Señor! Um der Madonna willen! Wie viele seid ihr denn?«

Legrand lacht: »Achtundzwanzig, Señor!«

»Madre de Dios, ich habe meine Ehre verloren! – Wissen Sie, dass ich über hundert Musketiere und Arkebusiere habe, und viele Seeleute dazu?!«

»Unter Deck, Señor. Und hilflos!«

»Caballero, Sie sind ein – ihr seid Teufelskerle!«, ertönt ein widerwilliges Lob von den Lippen des Spaniers.

Legrand verbeugt sich: »Ich warne Sie aber, Señor. Machen Sie keine Torheiten, und rufen Sie Ihre Leute ja nicht zum Widerstand auf. Es wäre nutzlos, und um Sie sollte es mir leid tun!« Sein Pistolenhahn knackt.

Der Don richtet sich auf. Unsäglich verächtlich spricht er langsam: »Señor, Sie haben mir durch eine Lüge die Ehre gestohlen, aber ich habe Ihnen mein Wort gegeben!«

»Bueno! Dann kommen Sie!« Hinter den beiden her gehen wir an die erste Luke. Dumpf poltert es unten. Der eine Wachhabende lacht: »Hörst du, Pierre, wie sie singen?«

Der Kommandant bückt sich, klopft mit der Faust auf die Deckel. »Silencio! El Commandante Don Alonzo de Guzman habla! Hört!«

Unten wird es still. Und nun spricht der Spanier, während seine Augen uns tödliche Blitze zuschleudern, Wort für Wort nach, was Legrand ihm vorsagt: »Legt eure Waffen in die Kammer und geht schlafen. Bei Sonnenaufgang wird einer nach dem anderen an Deck gelassen. Man hat uns ehrenwörtlich versprochen – und ich hege keinen Zweifel, dass dies Versprechen gilt – uns auf Hispaniola an Land zu setzen!«

Dumpfe Gegenfrage ertönt, und geduldig erklärt der Don nochmals das gleiche. Endlich haben sie verstanden, und es wird ruhig unter Deck. Nur noch ein leises Summen, wie von einem eingeschlossenen Bienenschwarm.

An den anderen Luken wiederholt sich alles. Erklärung. Frage und Antwort. Stille.

Don Alonzo wird in die Kajüte zurückgeführt. Er sinkt in seinen Sessel, fasst sich wiederholt an die Stirn. »Señores, es ist unglaublich!«

»Aber wahr!«, sagt Olivier leise und wie mitfühlend. »Ich werde Sie und Ihre Offiziere sowie den Padre in der Kajüte bewachen lassen. Sie mögen schlafen oder Karten spielen oder trinken. Es soll Ihnen an nichts fehlen. – Pepe?«

»Mon Capitaine?«

»Mit Xavier und François bewachst du die Señores. Beleidigt sie nicht, aber lasst sie auch nicht aus den Augen, ja?«

»Bon! – Bon! – Bon!«

Legrand, Esquemelin und wir anderen gehen an Deck. Ich sehe noch, zurückblickend, wie der Kommandant brütend, mit zerquältem, schweißbedecktem Gesicht am Tisch sitzt. Sehe seine Hände sich krampfhaft schließen und öffnen.

Armer Teufel!

Und stehe an Deck. Schwitzend, staunend, von herrlichem Triumph erfüllt, vor Freude wie betrunken, stehe ich mit den anderen im Mondlicht.

Plötzlich bricht Legrand in donnerndes Gelächter aus. Und wir lachen mit. Und Rudersmann und die Posten überall – alles lacht. Das frohe, unbekümmerte Gelächter der Tortugamänner, die den Einsatz gewonnen haben, brandet über die Karavelle, deren Segel klatschen und deren Rahen ächzen.

Legrand wischt sich die Tränen aus den Augen. »Kinder, das ist einfach toll! Dieser Kasten, wie heißt er noch?« Sein Blick fällt auf die reich geschnitzte, bunte Figur an der Kampanjetreppe: »Ah, El Santo Nino! – Dieses Heilige Kind gehört uns! Uns! Und keiner der Unsern hat nur einen Kratzer abbekommen. Nom de Dieu, ist so was schon dagewesen?«

Jean ruft: »Vive Legrand!« Und »Vive Legrand!« schreien wir alle.

»Und nun, mes enfants, haltet gute Wacht, ich werde für Wein und Essen sorgen. Aber besauft euch nicht. – Ich will den Kommandanten fragen, was das Heilige Kind geladen hat. Hoffentlich Gold und Silber!«

»Hei, Pieces of eight! Pieces of eight! Goldene Eskudos! Goldene Acht-Realen-Stücke!«, brüllt Jean, und abermals dröhnt Legrands gutmütiges Lachen übers Deck.

Das Heilige Kind steuerte seinen neuen Kurs, der es von den anderen Schiffen, die außer Sicht sind, entfernt. Lustig klatschen die Wellen, tief brummen die Segel, der Sog murmelt geschäftig. Überm Meer gleißt der Mond, funkeln die Gestirne der Tropen. Heiliger Dunstan! Ist‘s Wahrheit, oder träume ich in den Armen der Bruna auf Tortuga?

Der Rudermann singt:

»En avant mes bons amis!

Tititumtata, tatatumtata!«

Ein spanischer Bedienter – sie haben ihn sicher in der Anrichte oder sonstwo versteckt aufgefunden – kommt aus der Kajüte. Er bebt am ganzen Leibe vor Angst, trägt in den zitternden Händen volle Schüsseln und Flaschen und – oh, sagte ich nicht einmal, dass Tabak die Speise der Seele sei? Und mussten wir nicht unsere Pfeifen entbehren während der langen Bootsfahrt? – Jener Bediente hat auch ein Körbchen mit krausem Tabak und langen holländischen Tonpfeifen. Das verdanke ich sicher Esquemelin, der mit Legrand in der Kajüte steckt.

»Her damit, Muchacho!« Der Mann blickt mich aus großen Augen an. Ich wähle eine Pulle Wein, etwas Gebäck und eine Pfeife nebst Tabak.

Der Mann eilt in die Kajüte und kommt mit einer brennenden Kerze zurück.

»Brauchst keine Angst zu haben. Wir tun euch nichts, wenn ihr vernünftig seid. Werden euch bald an Land setzen!«

»Der Heiligen Jungfrau sei gedankt!«, murmelt der Muchacho, und geht dann weiter an die Verteilung.

Ich nehme einen tiefen Schluck. Zünde dann die Pfeife an. Ah! Ah!

Der Rudermann hinter mir trinkt aus einer Flasche. »Alicante!«, sagt er vergnügt aufstöhnend. »Alicante!«

Vorne tinkelt eine Gitarre, und einer singt ein süßes Provenceliedchen. Die Wellen klatschen, die Rahen stöhnen, und das Mondlicht wühlt wie besessen in einer tiefen, ungeheuren Gruft voll gemünzten Silbers.

 

 

PIECES OF EIGHT!

Hispaniola liegt seit sechs Stunden an Steuerbord. Voraus prangt purpurschattig die Felsenbastion von Tortuga.

Unsere Gig hält, einen Schaumstreifen wie frisch gefallenen Schnee in der Kielbahn, tief unter prallem Segeldruck auf die Bukanierinsel zu. Die kleine Nussschale hat schwere Ladung. Säcke, Kisten mit Delikatessen von Wein von El Santo Nino. Dazu starke Segeltuchbündel voller Pieces of eight, Gold und Silberbarren und sogar einige Rollen Malerleinwand, die ich für Bellini mitgenommen habe. Ich schnitt sie an Bord einfach aus dem Rahmen; der Mann aus dem heiteren Florenz mag die Heiligen überpinseln oder die Rückseite bemalen.

Die Gig ist so voll, dass Esquemelin und ich kaum Platz haben. Zwischen uns beiden türmt sich die Ladung. Gute Brise weht, und nach zwei Stunden werden wir wohl in den Hafen laufen. Der Franzose hockt im Bug und raucht Pfeife. Ich, im Heck, steuere und rauche Pfeife. Von Zeit zu Zeit prosten wir uns lächelnd aus den Flaschen zu, deren jeder eine neben sich hat. Auch wechseln wir miteinander zuweilen über die Kisten hinweg Scherzreden.

»Du, die werden Augen machten, sacre Dieu!«, brüllt er, heute schon zum zwanzigsten Male.

Ich muss immer wieder lachen. Und singe dann anzüglich: »Westward ho! Yoho!«

Olivier feixt: »Von wegen! Eastward ho!, fährt die ganze lustige Bande auf El Santo Nino. Nach Osten, nicht nach Westen!«

»Bereust du‘s?«

»Ach wo! Meine Zeit in der Spanischen Main ist noch nicht abgelaufen. Und es gibt Fische – Fische – verflucht! Wie heißt euer englisches Sprichwort doch?«

»Es sind noch ebenso viele Fische in der See, wie herausgenommen wurden. Das hieße in unserem Fall, dass noch viele spanische Schatzschiffe und Abenteuer die schwere Menge auf uns warten!«

»Ja, so ist‘s! Und ich wünsche den Burschen Glück und guten Wind und gute Ankunft!« Er stopft die Pfeife, lehnte sich aus dem Wind, um Feuer zu schlagen.

Und so fahren wir auf das ragende Tortuga zu. Eine kleine Gig voller Leckerbissen und Gold und Silber. Der französische Historiker Alexandre Olivier Esquemelin aus Honfleur und ich. Die anderen?

Heiliger Dunstan! Hei, das ist eine kostbare Geschichte! Und heute noch, beim Niederschreiben, muss ich schmunzeln, und meine Feder hüpft mutwillig übers Pergament.

Doch hört nur:

Tag. Beigedreht schwankte das knarrende Heilige Kind in unserer guten Obhut auf gläsern blauer Dünung. Der Himmel war ein helles, mit dichten Weißgoldfäden durchwobenes Netz. Und die Luft heiß, so heiß, dass der Teer zwischen den Planken hervorkochte.

Einer der Unsern saß mürrisch neben dem festgebundenen Steuerrad. Ein anderer hockte ebenso missmutig auf Ausguck im Mastkorb.

Sonst waren die Decks und Kastelle des El Santo Nino gespenstisch leer.

Die Dons: Kommandant, Offiziere, Padre, Wundarzt, Soldaten, Kanoniere und Matrosen und was sie sonst noch sein mochten, waren kunterbunt unter Deck eingesperrt, nachdem die Entwaffnung und Sicherstellung aller tödlichen Geräte beim ersten Morgengrauen stattgefunden. Ich denke immer noch an die Gesichter der Kerle, als sie unsere geringe Zahl sahen. Schade, dass Bellini nur Frauen malt, sonst müsste er mir das Bild anfertigen!

Und wir übrigen sechsundzwanzig – denn zwei weilten ja an Deck – wühlten im Golde! Tauchten unsere nackten teerbeschmierten Arme bis an die Achseln in Fässer, die randvoll blitzender Pieces of eight waren! Griffen Hände voll heraus, ließen sie, dabei kindlich lachend, als Goldregen zurückklirren. Betrachteten staunend die Stapel unscheinbarer matter Goldbarren und die Stapel grauer zinnartiger Silberingots. Bogen spaßeshalber das weiche Metall aus der Fassung. Sangen, jubelten, schrien, knallten einander die Fäuste auf die Schultern und tanzten umher.

Es war märchenhaft. Noch nie hatte einer von uns soviel Gold und Silber auf einmal gesehen!

Denkt doch nur: achthunderttausend blanke Pieces of eight! Wir zählten sie zwar nicht gleich, aber die Aussagen des Kommandanten und seine Bücher logen nicht. Dazu fast zweitausend schimmernde Perlen – worunter recht ansehnliche – von Santa Margarita! Und viele Dutzende Arrobas (Maultierladungen) Gold und Silberbarren.

War es denn möglich?

Oh, mich hat die Freiheit und der süße Zauber der tropischen Palmengestade in die Spanische Main gelockt, wird mich immer und ewig gefangenhalten. Die verbissene, blutvergießende Jagd der Menschen nach Gold kann ich dagegen nur teilweise verstehen. Jedoch hier an Bord dieser auf so unwirkliche Art eingenommenen Prise, wo ich das gleißende Metall fässervoll und stapelweise vor mir sehe und das toll machende, goldene Klirren und Klingeln in den Ohren habe, da packt auch mich die unheilvolle Magie dieses seltsamen Menschheitsfluches. Gold! Gold! Pieces of eight!

Hei!, wie das klingelte und tönte! Und blitzte und glänzte! Und wie gewichtig und erregend es sich anfasste! Oro y Plata, del mundo nuevo …

Jean und drei andere hatten trotz der nicht ernstgemeinten Flüche Legrands eine der Tonnen umgeworfen. Klingend und rot aufglühend rollte es nach allen Seiten, schäumte an den engen niederen Wänden empor, rauschte hell zurück und dann – wälzten sich die vier Burschen wie spielfrohe Kinder im Golde. Badeten in Goldstücken. Und Legrand, dessen Hand schon an der Pistole zuckte, ließ sie wieder sinken und er grinste, als er die kindlich-frohen Gesichter der Männer sah.

»Nom de Dieu! Nom de Dieu!«, frohlockte Esquemelin eintönig und merkte gar nicht, dass er dabei mechanisch an der erkalteten Pfeife sog.

»Für meinen Anteil kauf ich mir ein Schloss in Devonshire!«, schrie Bill laut.

Ein anderer: »Nach Paris! Nach Paris!«

François: »Im Haag zwischen den Tulpenfeldern lebt sich‘s auch nicht schlecht! Verdoomd, wenn ich‘s nicht tue!«

Ein dritter, mit verzückten, in weite Fernen blickenden Augen: »Samt und Seide und Perlen und Geschmeide sollst du tragen und mich dafür nicht mehr verlassen. Ah, du, du!«.

Der vierte: »Mutter, liebe Mutter, nun kann ich dir‘s schön machen, und du verzeihst mir.«

Goldstücke sangen und tönten die ganze Zeit unter den schweren Körpern der Männer, die sich darin wälzten. Das Schiff stöhnte, schwankte hin und her, und es war heiß, heiß – und die Kugellampen strahlten gelbes Licht über das rot aufglühende Gold. Verwandelten alles in eine phantastische, schimmernde Hölle.

Ich seufzte, denn auf einmal beschlichen mich merkwürdige Gedanken. Ich war weder traurig noch froh und spürte, wie eine dumpfe Gleichgültigkeit gegen das Gold in mich einzog und wie etwas anderes, schöneres, immer leuchtender von meiner Seele Besitz ergriff. Und wusste plötzlich: was ist alles Gold der Erde gegen die Schönheit des ewig wechselnden Meeres der Tropen? Und gegen ein Glas Wein in lustiger Gesellschaft, eine Pfeife Tabak bei einem guten Buch, oder ein lachendes, blitzäugiges Frauenantlitz? Könnt ihr mir das sagen?.

Ich stopfe meine Pfeife, und meine Hände zittern nicht beim Feuerschlagen. Und beginne zu qualmen. Und schreite langsam der Schwelle zu, mich zieht‘s hinauf in die frische Luft, in den Glanz des Naturgoldes am heitern Himmel. Ich will die Möwen sehen und das Meer. Das Geld in der Schatzkammer ist unser, das läuft ja nicht mehr weg. Aber ununterbrochen wechselt das Zauberkleid der Natur, und schade um jeden Augenblick, den man dabei verträumt.

»He, Mac, das bisschen Oro scheint dich ja nicht sonderlich aufzuregen?«, staunt Legrand; seine Augen glitzern wie im Fieber.

»Es sieht sich sehr hübsch an, soviel auf einem Haufen! Und klingelt lustig! Aber nun habe ich‘s gesehen und schätze, dass man zwar gegen Gold alles geeigneten Orts zu kaufen vermag. Aber essen oder trinken kann‘s keiner!«

»Kaltblütiger junger Teufel!«, schmunzelt Esquemelin, bückt sich dann und wühlt wie behext in Pieces of eight.

»Geht denn keiner mit nach oben? Die beiden an Deck wollen gewiss auch den Schatz sehen!« Ich steige über die Schwelle, und da niemand antwortet, gehe ich weiter durch den engen Korridor und klettere die Leitertreppe hoch an Deck.

Das Ganze war unheimlich! Dieses Schiff, außer jenen Männern die wie Meeresphantome die Dons überrumpelt hatten, und die jetzt der Goldrausch in seinen Klauen hielt, schien ausgestorben zu sein. Bis auf die zwei Wache haltenden und mich! Und dennoch steckten fast zweihundert Menschen im untersten Raum. Ohne Waffen zwar, aber voll Hass und Zorn gegen uns, schmiedeten sie gewiss Pläne, wie sie die Schmach abwenden könnten. Und wenn es ihnen gelänge, sich zu befreien? Die Eroberer ergötzten sich ja zeitvergessen am teuflischen Golde! Und wenn jene uns dann durch ihre Übermacht einfach erdrückten?

Oder wenn es einem Fanatiker gelänge, zur Pulverkammer vorzudringen, das Schiff und alle in die Luft zu jagen! Don Alonzo de Guzman, dessen goldenes Schaf – es ist der hohe Orden des Goldenen Vlieses – jetzt an Legrands Brust baumelt, traute ich‘s zu. Und es wäre nicht das erste Mal, dass solches auf hoher See geschähe …

Der Mann neben dem Ruder blickt erwartungsvoll empor. »Nun?«, knurrt er, und Gier flammt lichterloh in seinen Augen.

»Geh nur runter und schau dir‘s selber an. Pieces of eight und Barren. Gold und Silber, genug, sich darin zu wälzen!«

Ein Schrei! Wilde Freude, noch durchzittert von Unglauben. Und dann stürzt er mehr, als dass er klettert, die Lukentreppe hinab.

Der Ausguck kommt aus dem Mastkorb an Deck. Er hat etwas gemerkt. »Was gibt‘s, Mac, hat die Kuh goldene Zitzen?«

»Eine ganze Kammer voll!«, brüllte ich zurück. Er schleudert seine rote Zipfelmütze in die Luft, tanzt wie ein Verrückter umher.

Ich warne: »Warte lieber, bis du abgelöst wirst, das Gold läuft ja nicht davon. Denke an unsere Statuten. Legrand versteht keinen Spaß in solchen Sachen. Bleib an Deck!«

Er stößt den Musketenkolben wütend gegen die Planken: »So soll der Hurensohn, der mich ablöst, sich beeilen. Verdammter Dreck!«

Fortan spähte er, statt übers Meer, unverwandt nach der Luke, die zum Schatzgewölbe hinabführte.

Ich holte mir eine Pulle Claret aus der Kajüte und schlug ihr den Hals ab. Damit und mit meiner qualmenden Pfeife setzte ich mich behaglich neben das Steuer. Prachtvoll war‘s, derart zu sitzen, zu rauchen, träumen und trinken, während El Santo Nino sanft schlingerte und die Musik des hölzernen Schiffsleibes, der Segel und des Meeres einen einlullte.

Ungefähr jede dritte Minute brüllte der empörte Ausguck: »Kommt denn noch keiner von dem faulen Pack? He?«

Am Heck flatterte und knallte an Stelle des niedergeholten mächtigen gelb-rot-goldenen Banners von Castilia und Leon die kindliche, aber von düsterer Tradition gezeichnete Flagge der freien Brüder der Küste. Weißer Totenkopf und gekreuzte Knochen auf schwarzem Grunde.

Wenn ich könnte, so würde ich meine eigenen Farben in der Spanischen Main hissen: auf weißem Grunde eine vielfarbige, seltsam schöne Blüte. Die Blume der Romantik, die alle Poeten und die Bücher blau nennen, während sie doch in Wirklichkeit – für den, der sie fand! – in allen bunten Tönungen glüht und funkelt.

Bumm! Joseph, dem die Zeit zu lang wurde, hatte vor Ungeduld und Wut seine Muskete losgeknallt. Grinste nun nach mir zurück. Und richtig: wie Figuren eines Puppenspiels auf St. Bartholemews Fair zu London schnellten hintereinander Legrand, Esquemelin und Jean aus der Luke.

»Versuchen die Dons Unsinn?«

»Nein, nein, Pierre!«, beruhigte ich, und Joseph brüllte dazu: »He, Pierre, mir ist mal aus Versehen – weißt du, ich stampfte den Kolben zu sehr auf – die Kanone losgegangen. Ich halte nämlich Wache. Dienst ist Dienst, Gold ist Gold und Rum ist Rum!«

»Das kannst du deiner Großmutter erzählen, alter Filou! Aber marsch, schau, dass du runterkommst, Gierschlund. Sieh dich unten satt!«, erwiderte Legrand.

Joseph sauste wie der Blitz die Treppe hinab, rannte über Deck, dann die Kampanjetreppe hoch und tauchte ins Luk. Kopfüber schien es mir.

»Prost! A votre sante, messieurs!« Ich nahm einen Schluck, qualmte weiter.

Hellauf lachte Esquemelin. Legrand schaute mich belustigt an, warf einen Blick über die See und nach den oberen Segeln. »Bist der Jüngste von uns und doch der Vernünftigste. Macht dir denn das Gold nichts aus, Mann? Wirst du nicht verrückt dabei?«

»Ein bisschen, Käpten, ein bisschen. Ich bin eben noch zu jung. Wenn ich älter werde, wird‘s wohl ärger kommen!«

»Wer? Was?«

»Der Golddurst. Vorerst bin ich zufriedener mit Palmen, Blumen, Früchten, einem Kuss roter Lippen nebst einem guten Schluck und viel Freiheit. Freiheit wie auf Tortuga.«

Die drei setzten sich. Ich reichte die Pulle, und sie ging reihum. Jean sprang auf, eilte in die Kajüte und kehrte mit Tonpfeifen und dem Kraut Tobago zurück. Alle stopften sie und schlugen Feuer. Rauchten vergnügt. Und das Heilige Kind schaukelte mit leichter Backbordschlagseite beigedreht in der sterbenden Brise.

»Feines Schiff!«, brummte Legrand nachdenklich.

»Prachtvoll!«, stimmte Jean bei.

»Auf Tortuga werden sie uns festlich empfangen!«, meinte Olivier.

Legrand: »Tortuga? Hm, ja, hm!«

Jean: »Jaaa! Hm!«

Esquemelin: »Was ist mit euch los?«

Wieder ging die Pulle herum und kehrte leer zu mir zurück. Da brummte Legrand: »Der Kasten hat genügend Schätze an Bord, um uns alle zu wohlhabenden, sogar reichen Männern zu machen. Bar Gold und Silber sind rar in Frankreich!«

Jean: »Vraiment, mon Capitaine?«

Olivier nahm die Pfeife aus den Lippen: »Ich verstehe euch nicht ganz!«

»Comment donc!«

»Mais oui! Bin ich denn ein Rätselrater und Sterndeuter?«

»Wir wollen erst mal die Dons loswerden, dann halten wir Schiffsrat. – Übrigens, bei den Gefangenen sind etliche gepresste holländische und französische Seeleute. Tüchtige Burschen, die liebend gerne mitmachen würden, schätze ich!«

»Aber bis Tortuga können wir diese Wanne doch allein bedienen! Wir sind doch Seeleute. Und könnten im Notfälle unter Reffs segeln! Das Schiff ist ein vorzüglicher Segler, wie ihr alle schon gemerkt habt. Don Alonzo sagte mir, dass ein Sturm während der letzten Woche die sieben auseinanderbrachte, und erst gestern hat er den Konvoi wieder eingeholt und sei glatt an ihm vorbeigesegelt!«

»Was hältst du von dem Don?«

»Nun, der übliche Schlag. Spanischer Aristokrat, für den Mindergeborene zwar leutselig behandelt werden können, aber im Grunde genommen doch Dreck sind. Blaues Blut. Ich möchte ihm mal in die Kaldaunen pieken, ob es wirklich blau herauskommt. Stolz wie ein Eisblock. Wir haben ihn überrascht, sonst …«

»Komischerweise meint er, ich sei ein Lügner, weil ich ihm erzählte, dass wir das Schiff mit Übermacht gekapert hatten. Verrückt wäre es gewesen, ihm zu sagen, dass wir nur achtundzwanzig tüchtige Tortugamänner sind!«

»Mordioux! Und als er die Übermacht sah, hätte er uns am liebsten massakriert, wenn‘s noch geklappt hätte!«

»Und falls er an die Pulverkammer könnte …«, mischte ich mich ein.

Herzhaft lachte Legrand: »Und Schiff und Mannschaft samt Ratten, Heimchen und Kakerlaken in die Luft sprengte? – Er würde es fertig kriegen, aber die Pulverkammer liegt achtern unter uns, und die Zwischengänge und Schotten sind zu gut verbarrikadiert. Außerdem halten jetzt drei Mann unten Wache, die ich mit Mühe und Not von dem Goldhaufen fort lotste!«

»Was willst du eigentlich mit den Dons beginnen? An Land setzen, sagtest du schon. Aber wo?«

Legrand angelte ein Kreidestück aus der Hosentasche, malte mit wenigen Strichen die Konturen der Insel Hispaniola auf die Planken. Dazu die Windrose.

»Sehr her, Maaten, das ist Nord, dort Süd. Und wir schwimmen jetzt ungefähr hier, wo ich den Punkt mache. Eben auf dem Kurs, den die Konvois von Puerto del Principe auf Kuba nach Europa segeln. Nun denke ich, wenn wir die Kerle an der Westküste der Insel auskippen, so können sie sich nicht beklagen. In wenigen Tagen haben sie ihre Siedlungen erreicht, und wir liegen inzwischen auf anderem Bug eastward ho!«

»Nach Tortuga!«, bestätigte Esquemelin.

»Tortuga? Hm, sagte ich nicht eastward ho?«

Langsam zerbrach die Spannung, denn eben stiegen die anderen, mit Ausnahme der unten gebliebenen Wachen, an Deck. Zweiundzwanzig halbnackte, barfüßige Kerle, deren Augen noch irr leuchteten, deren Hände zuckten und die schwer keuchten. Sie waren an Deck gekommen, denn unter uns herrschte eine zwanglos schöne Disziplin, die fast jeden Befehl überflüssig machte.

François, der Quartiermeister, hielt einen gewaltigen Schlüssel in der Rechten. »Hier, Pierre, ich habe die Bude unten abgeschlossen. Man wird sonst noch verrückt von dem Gefunkel!«, brummte er.

»Recht so, mein Alter. Es soll keiner zu kurz kommen. Ehrlich, gemäß den Statuten, geteilt! Aber jetzt müssen wir dieses Heilige Kind wieder vor den Wind bringen. Jean, du gehst ans Ruder. Halte direkt Nord!«

Jean trat ans Steuer, Wir anderen gingen zu den Brassen und Schoten. Legrand kommandierte: »Hart Backbord, Jean!«

Die oberen Segel begannen zu flappen, stellenweise bauschte sich das Tuch.

»Ree! Ree! Ree!«, brüllte Legrand. Und mit Macht legten wir uns in die Falle, holten die Schothalsen herein. Knarrend schwangen die ungefügen Rahen herum. Und nun noch die Klüver, Spanker und Stagsegel übergeworfen angeholt. Nach einer halben Stunde fieberhafter Arbeit, die bei vollzähliger Mannschaft nur fünfzehn Minuten gedauert hätte, furchte El Santo Nino durch die plätschernden Wogen. Nordkurs.

Bill ließ den Aufwärter, der solange in der Anrichte eingesperrt war, wieder frei. Er musste leichten Wein austeilen. Nachher wurde er in die Kombüse geschickt zum Kochen. Die Dons im Raum unten hatten ein Fässchen Wasser und einige Säcke Hartbrot bekommen. Damit mussten sie sich begnügen. Diät würde dem Kommandanten und seiner Kajütenclique nur gut tun.

Legrand und François nahmen den Proviantbestand auf.

Das Schiff war ja für hunderte Menschen auf lange Fahrt ausgerüstet. Waffen und Munition fanden sich im Überfluss. Und unter Deck dräuten auf jeder Seite hinter den verschlossenen Stückpforten zwölf Bronzekanonen ansehnlichen Kalibers. Auf dem Hinterkastell stand eine Drehbasse, mit der man alle Decks bestreichen konnte. Wir luden sie voll Traubenschuss, und Xavier, unser Meisterkanonier, setzte sich mit brennender Lunte daneben. Rauchte seine Pfeife und klatschte sich des öfteren vergnügt auf die nackten Schenkel.

Jetzt sollten die Dons nur mal versuchen, auszubrechen!

Und die Minuten, Stunden, Tage, Nächte der Spanischen Main versanken hinter uns in der unsichtbaren Sanduhr der Weltgezeiten. Eines Nachmittags liefen wir eine niedliche Bucht der Insel an. Sämtliche Dons wurden an Deck gelassen. Die Drehbasse und unsere Musketen drohten vom Vorder- und Achterkastell. Die Spaniolen mussten sich selber an Land rudern. Zwei Langboote fuhren so oft hin und her, bis sie alle drüben auf dem Sandstreifen standen. Proviant bekamen sie mit, auch zehn Musketen nebst Munition, um auf Jagd zu gehen.

Don Alonzo durfte sogar seinen Toledanerdegen behalten. Das goldene Schaf gab ihm Legrand allerdings nicht zurück, sondern lachte ihn aus, als er es verlangte. Der dicke Padre – der ein gemütlicher Mann war, obwohl ich ihm bei einem Inquisitionsgericht nicht in die Hände geraten möchte – segnete uns. Und viele der Dons, die bis zum letzten Augenblick gedacht hatten, wir würden sie alle abschlachten, riefen uns ihren Dank zu und schmetterten ein »Viva!« nach dem anderen in die warme Luft. Etliche fluchten aber und schalten uns Häretiker und Zauberer und Mordbande, obwohl die meisten von uns als Franzosen getaufte Katholiken waren. Lass sie schimpfen, an ihrer Stelle würde ich wohl auch so handeln!, dachte ich und blickte weiter über Bord.

Und fand es mitnichten hübsch von Don Alonzo de Guzman, dass er, wenige Ruderschläge von der Karavelle entfernt, eine Muskete ergriff und rasend vor Wut und Scham versuchte, unseren guten Papa Legrand abzuknallen, der pfeifend und schmunzelnd über die geschnitzte Reling lehnte. Die Kugel sauste über seinen Kopf weg.

Wir schrien vor Wut und machten Miene, ein Rottenfeuer auf das Boot zu eröffnen, und einige der darin sitzenden Dons wollten ihrem Kommandanten zu Leibe. Aber Legrand schmetterte sein gesundes, unbekümmertes Lachen, schwenkte den Hut – er hatte sich nämlich aus dem Kleidervorrat der Kajüte herrlich elegant herausgeputzt – und machte eine spöttische Verbeugung. Darauf vergaßen wir das Schießen, weil wir so lachen mussten.

Das Boot fuhr der Küste zu, und dann sahen wir, wie Don Alonzo sich hoch aufrichtete, ins Wams griff, eine kleine Pistole zog – wo hatte er sie nur her? – und sie rasch an die Stirn setzte. Mit dem Knall klatschte er über Bord.

Die Dons hielten an, schauten gestikulierend und schnatternd ins Wasser. Aber er musste wohl wie ein Stein gesunken sein. Auch hier an der Küste gab es Haie!

Jene ruderten weiter, und wir waren sie los.

»Idiot! Half das ihm oder seinem König?«, brummte Esquemelin an meiner Seite.

Mit Hilfe der zehn Franzosen und Hollandmänner, die von den Dons mit Freuden zu uns übergewechselt waren – aber trotzdem noch gut im Auge behalten wurden – brachten wir El Santo Nino wieder vor den Wind. Und hielten in die offene See hinaus. Es war ein balsamischer Abend.

Da wurde der Schatz an Deck gehievt und unseren Statuten gemäß – die Esquemelin nochmals vorlas – geteilt. Es war ein fieberhaftes Vergnügen. Etliche der Männer weinten vor Freude. Andere fluchten vor sich hin. Das Teilen dauerte bei Lampenlicht die ganze Nacht. Legrand war gewissenhaft und keiner meckerte. Wie ich denn früher oder später nie eine Schiffsmannschaft gesehen habe, die so schön harmonierte!

Meine Pieces of eight, die Gold und Silberingots, hätte ich nur mit einigen Mauleseln forttransportieren können.

Und die neuen Matrosen bekamen jeder einige Händevoll Pieces of eight und das Versprechen weiterer. Und dann geschah das Tollste!

Ich sehe es noch heute vor mir. Die Sonne war gerade aufgegangen, küsste die einzelnen Goldhaufen, die einem jeden vor den Füßen lagen, leuchtete auf den muskelkauenden, leidenschaftlichen Gesichtern unter den roten Nachtmützen.

Und Legrand, in spanischer Tracht, den Federhut auf seinem kurzgeschorenen Haar – nur war er barfuß – wie er plötzlich ganz gemütlich sagt: »Mes entfants, wir haben jeder genügend Gold, um bis ans Ende unserer Tage in Freuden zu leben! Mich dünkt daher, wir steuern weiter nach Osten. Oder will einer von euch nach Tortuga zurückfahren und fort mit den anderen, die in diesem Unternehmen nicht ihr Fell zu Markte getragen haben, teilen? – Ich für meine Person bin geneigt, heimzufahren. Nach la belle France. Was meint ihr dazu, he?«

Verblüfft schauten wir einander an. Esquemelin fiel in lautes, lustiges Gelächter, zerbrach dabei seine Pfeife an der Reling.

Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Die ganze Zeit schmunzelte Pierre Legrand und ließ spielend etliche Pieces of eight durch seine Finger klingeln. Und ich merkte, wie er diese rauen, blutschuldbeladenen Männer, die auf ihre Art gute Kerle waren, bezaubert hatte. Durch das Wörtchen Heimat. Und konnte es nicht verstehen, denn meine Heimat ist dort, wo es mir gefällt und wo man mich anständig behandelt, sei es unter Weißen oder Schwarzen. Die Hautfarbe macht keinen Unterschied.

Einige stießen verzückte, unartikulierte Laute aus, andere fluchten freudig. Ihre Augen blitzten, Köpfe nickten eifrig, Seufzer verwehten.

Der riesige François trat vor, grinste wie ein Lateinschüler, der eine gute Note anstatt des Lineals auf den Achtersteven empfing, und sagte: »Käpten, wir wollen, wie es der Brauch erheischt, als freie Brüder der Küste darüber abstimmen!«

»Bon! Tut das, meine Freunde! Aber beeilt euch. Vielleicht kriegen wir was auf die Mütze, vielleicht auch nicht. Seht ihr dort die geschwänzten Wolken vor die Sonne streichen? Die gefallen mir nicht!«

François patschte auf seinen nackten Sohlen in die Kajüte und kam mit einem silberbestickten Hut Don Alonzos zurück. Sprach vergnügt: »Jeder Mutter Sohn, der mit dem Käpten nach Frankreich segeln und dort ein lustiges Kavaliersleben führen will, der schmeiße ein Goldstück in den Deckel des Dons! Wer nach Tortuga zurück will und dort ein lustiges Leben führen möchte, der schmeiße keines. En avant! Go ahead!«

Als erster warf er selber ein Piece of eight in den Hut. Ging dann von einem zum anderen. Achtundzwanzigmal. Auch zu Pierre Legrand.

Die neuen Matrosen schauten zu, als ob sie die Maulsperre hätten.

François beendete seine Runde, zählte bedächtig und warf einzeln die Goldstücke auf des Käptens Haufen.

»Sechsundzwanzig sind dafür. Zwei dagegen!«, verkündete er.

Legrand lachte: »Brav. Und die zwei? Der eine ist sicher Mac, und ich kann ihn verstehen, denn er will noch was hier draußen erleben, und an seiner Stelle würde ich‘s ebenso machen. Die Santo Nino ist nicht das letzte Schiff, das von Tortugamännern gekapert wurde. – Aber sagt an, wer ist der zweite?«

Esquemelin stieß wieder sein fröhliches Gelächter aus: »C‘est moi, mon vieux!«

»Du, Olivier?«

»Oui! Warum auch nicht? Es fällt mir zwar verflucht schwer, nicht jetzt schon die Chance beim Wickel zu nehmen, weil sie vielleicht nicht wiederkommt und ich eines Tages in der Takelage eines Dons wie ein Räucherhering dörre. Aber ich will noch eine Weile hier draußen bleiben. Geschichte erleben, und sei es auch nur das, diesen von Romantik besoffenen Mac zu hüten! Doch glaubt mir‘s: Hier draußen in der Spanischen Main wird jetzt europäische Geschichte gemacht und die künftige Welteinteilung gestaltet. Und das soll ich mir entgehen lassen?«

»Alexandre Olivier Esquemelin, du bist verrückt oder schon am frühen Morgen besoffen!«, schrie Jean.

»Das heißt, das Glück mit einem Fußtritt beiseite zu stoßen!«, murmelte ein anderer.

»Lass ihn, jeder muss wissen, was er tut!«, meinte Bill.

Legrand: »Schade, jammerschade! Wir hätten euch so gerne bei uns gehabt. Aber jeder ist seines Schicksals unwillkürlicher Schmied. – Wir werden Tortuga so dicht ansteuern, dass ihr beide die Insel in der kleinen Gig gefahrlos erreichen könnt. Und unsere guten Wünsche begleiten euch, und so bald wird keiner von uns die alten Kameraden, mit denen wir die Santo Nino genommen haben, vergessen!«

»Sacre, du bist ein Mann, Pierre!«, sagte Olivier gerührt, und der Normanne lachte: »Natürlich bin ich kein Frauenzimmer, altes, gutes, dämliches Tintenfass!«

Er verbarg seine eigene weiche Stimmung, indem er rief: »Mes enfants, der Ernst des Lebens geht weiter. Verstaut jetzt eure goldenen und silbernen Klamotten. Wir haben eine lange und nicht ungefährliche Fahrt vor uns. Aber eine alte Negermammie hat mir erst vor zwei Wochen dreimal hintereinander aus einem Hühnerfedernfetisch geweissagt, dass ich als reicher Mann in meine Heimat zurückkehren werde. Und nun ist die Chance da. – Olivier und Mac werden die aufgeregten, empörten Gemüter auf Tortuga beschwichtigen. Sehen möchte ich‘s – ja, was die für Gesichter schneiden. La la! Der Schiffsrat hebt hiermit die Sitzung auf. An die Arbeit, Freunde! Eastward ho!«

Und so ist es geschehen. Und nie wieder hatte ich bessere Kumpane als jene eisernen Tortugamänner, die ein Mischmasch von Franzosen, Holländern und einigen Engländern bildeten und mit denen wir die Santo Nino genommen haben. Und um es vorauszuschicken, die Santo Nino hat Frankreich erreicht. Was dort aus den anderen wurde, weiß ich nicht. Ob sie ihr Geld lustig und schnell vertaten oder weise einteilten. Pierre Legrand aber lebt als zufriedener, angesehener, wohlhabender Mann in seiner Normandie.

Die letzten Stunden an Bord der Karavelle versuchten Pierre und die anderen ununterbrochen, uns umzustimmen. Vergeblich.

In blendender Mondnacht, mit Hispaniola schwarz gezackt am Horizont, halfen sie uns, die Gig flottzumachen und unsere Schätze darin zu verstauen. Füllten das Boot mit Wein und anderen Leckerbissen, soviel nur hineinging. Und schlugen uns abwechselnd auf die Schultern, schüttelten uns die Hände, küssten uns umschichtig schmatzend auf die Wangen, soweit es Franzosen waren – denn die Holländer und Briten kennen nicht diesen Brauch unter Männern – und wünschten uns ein übers andere Mal bonne chance und Good luck!

Als ich in die Gig hinabturnte, wollte es mir fast leidtun, und beinahe wäre ich wieder umgekehrt. Esquemelin war in gleicher Stimmung. Er sprach kein Wort.

Wir setzten das Segel und sahen dann, wie das Heilige Kind hinter uns langsam über Stag ging; hörten noch die Abschiedsrufe, bis die Entfernung zu groß wurde. Sahen aber noch geraume Zeit die mächtige Karavelle mit ihren Segeln wie einen schwarzen Vogel über das silberschäumende Meer dahinziehen und endlich ganz klein verschwinden.

Und blieben noch lange stumm, in Gedanken versunken. Das Meer rauschte, plauderte und flüsterte, und es war mir manchmal, als ob die Wasser ununterbrochen »Dummkopf! Dummkopf!« raunten. Und manchmal spritzte es erschauernd empor. Drüben lag Hispaniola mit seinen dunkelblauen und schwarzen Bergmassiven.

Plötzlich stimmte Olivier das alte Lied an:

»Nur der erste und der zweite zurückefuhr!

Von achtundzwanzig diese einzigen nur!

Yoho, blow the Main down!«

»Hör auf, alte Unke! Du tust grad, als ob die anderen sechsundzwanzig ertrunken oder umgebracht worden wären. Dabei segeln sie heim. Heim!«

Die Brise frischte auf, und mächtig rauschte das Meer.

 

JAHRE VERGINGEN

Heute ertönt Mestizen und Sambogesang. Musik dazu: klappernd, weinend und wehmütig, unsägliches, längst vergangenes Leid schwarzer Menschen verkündend. Dann wieder voll rasender Lebenslust, klagende, gedehnte, keck heischende Schreie dazwischen und eintönig rhythmisches Händeklatschen. Im Hintergrund dumpfes Rasseln steinchengefüllter Kalebassen. Flötengequiek: Beitrag von uns befreiter, afrikanischer Sklaven, Töne aus der geheimnisvollen Wildnis des schwarzen Erdteils, wo mächtige Ströme lautlos durch den Urwald ziehen, und wo schwarze Zauberer in Vollmondnächten die unsagbaren Zeremonien des »DschuDschu« ausüben.

Auf der Bühne singen sie jetzt spanisch:

»Cuando viene ei pagare, pagare?

Mujer de malos sentimientos!«

Eintöniger Negersong löst die melancholische Frage ab:

»Dschella boum o babio!

Dschella boum o babio Helele! Helele! Helele!

Lululu! Lululu! Lululu!«

Und wieder folgt eine spanische Seguidilla:

»Tus ojos son estrellas.

Tu boca es una rosa!

Querida de mi alma Tu eres mi hermosa!«

Und plötzlich ein flotter französischer Bukaniermarsch:

»En avant, mes bons amis!

Tititumtata, tatatumtata!«

Und nun ein süßes vierstimmiges Frauenquartett:

»Shun the hüstle of the bay Haste, virgins, come away!

Haste to the montains brow,

Leave oh leave Tortugas below!

Haste, o breathe a purer air,

Virgins fair and pure as fair!

Die das singen, sind zwar keine »Virgins«, sondern das krasse Gegenteil, aber das Lied streichelt die Erinnerung der anwesenden Briten, und mancher denkt wohl an seine Mutter und drängt eine Träne zurück. Und greift in die Tasche. Blitzend und klirrend regnen Pieces of eight auf die Bühne.

Braune, olivgelbe und von der Tropensonne kupferrote, einst weiße Gesichter, die vergnügt, begeistert und hingerissen, je nach Temperament, zum Podium emporstarren.

Wo la Bruna, la Juanita, la Pepita und andere sich mit vorgeschobenen Leibern winden und wunderbar geschmeidig tanzen, Tamburine schlagen und uns spöttisch anlachen oder anlocken. Wo Sambos ihre Instrumente schütteln, daran zupfen, darauf donnern und darüberstreichen.

Theater. Vaudeville unter den Brüdern der Küste auf Tortuga vor Hispaniola!

Warum auch nicht! Weshalb sollen wir kein Theater haben? Wenn mehr Engländer hier wären, so würden wir sicher Shakespeare aufführen! Denn wir haben die Lust und die Künstler dazu. Zwar Dilettanten, aber sie sind begeistert, und mancher gewiss auch begnadet! Und wir haben die Kulissen, von kunstsinnigen Händen, die zwischendurch auf der Spanischen Main Cutlass, Dolch und Pistole führen, gemalt. Wir haben die Musikanten, die sich an ihrer eigenen, von Afrikas Zauber seltsam durchhauchten Melodie berauschen, und Komponisten, die neben der Jagd auf die Dons auch Zeit für ihre Notenhefte finden.

Phantastisch? Weshalb? Kommen nicht viele, denen die alte Welt zu eng geworden, zu uns in die Spanische freie, wilde Main? Und nicht immer die Schlechtesten.

Langsam hat sich das Leben hier draußen geändert. Es sind größtenteils keine Hütten mehr, die Tortugas Felsenstrand umsäumen, sondern reizende, weißgetünchte Häuser spanischen Stils. Ein Gouverneurspalast, Warenschuppen sind da, der Handel blüht neben der Piraterei. Und, um bei der Wahrheit zu bleiben: Mord und Totschlag, Eifersucht, Raub, Duelle und ähnliche Schreckensdinge, die den Menschen, wo immer er auch hinflüchtet, unweigerlich begleiten, gedeihen ebenfalls auf Tortuga. Es sind gute Kerle unter uns, aber auch unsäglich blutdürstige Schurken.

Tortuga ist ein Staat, eine »Nation« derer, die ihre eigenen Gesetze schufen, die der persönlichen Freiheit nicht im Wege stehen. Wir wollen Menschen sein und keine Nummern. Und wenn wir andere Menschen umbringen und berauben sollen, dann machen wir das für uns und nicht auf sanktionierten Befehl größenwahnsinniger Herrscher.

Solche Freiheit zog naturgemäß viel Gesindel aus aller Herren Länder in die Spanische Main. Pack schlägt sich, Pack verträgt sich, lautet das alte Sprichwort. Aber Pack bringt auch einander um. Die Schlimmsten leben nie lange, denn man muss an die Zukunft denken. Und wer das nicht tut, den presst das unabwendbare, vorgezeichnete Schicksal in die ihm vorgeschriebenen Bahnen.

Nicht nur um Pieces of eight, um Weiber, die von einem Kerl zum anderen taumeln, dem Goldglanz nach, um Eroberungen und Kanonengeknall geht es hier draußen. Die paar Üblen – vielleicht wären sie gar nicht übel, wenn man sie nur richtig behandelt hätte? – sterben und töten einander ohne Sang und Klang.

Es treten neue Schufte auf die Szene, oft zehn für einen, aber auch sie gehen. Und eines Tages und nach Jahrzehnten, vielleicht werden es Jahrhunderte und Jahrtausende sein – falls die Menschheit sich nicht vorher selber ausrottet – ist der stille, beschauliche Frieden da, der jeden Sterblichen an den ihm gebührenden Platz stellt.

So denke ich klar und unfertig, während auf dem Podium dort die Mädels tanzen. Unklar sind meine Gedanken und irgendwie prahlerisch, empfinde ich. Denn ich, ach, ich bin ja einer der Tollsten, die nur dem Augenblick, nur dem Heute und nicht dem Morgen leben. Nach mir die Sintflut!, denke ich und weiß doch, dass es nicht recht ist. Aber wer kann seine Natur umkrempeln? Träume ich, oder?

Donnerndes Beifallklatschen, Pfiffe und Getrampel lohnen den Tanzenden. Sogar Pistolenschüsse schmettern gegen die Decke des großen Schuppens. Und warum nicht? Sie sind ja nicht gezielt, sondern drücken ungebundene Freude aus.

Jahre sind verstrichen, seit ich zu jenen Unsterblichen gehörte – denn unsterblich sind sie bereits durch die Fama geworden und werden es durch Esquemelins Feder und vielleicht die meine noch mehr werden, die unter Legrand »El Santo Nino« eroberten. Als wir damals mit der Gig landeten, haben die anderen entsetzlich geflucht, weil sie auf Schiff und Beute warteten, die unseren Gesetzen gemäß geteilt werden mussten. Beinahe hätte man uns trotz unseres Anerbietens, die Schätze zu teilen, den Hals abgeschnitten und totgeschlagen.

Doch die geschmeidige Zunge Oliviers wusste der in und vor Barbassous Kneipe stattfindenden Versammlung der Küstenbrüder die Episode des Heiligen Kindes so geistreich humoristisch vorzutragen, dass sie schließlich Gott sei Dank alle in ein ungeheures Gelächter und Beifallsgebrüll ausbrachen, uns auf die Schultern hoben und hochleben ließen. Trinksprüche auf Legrand und seine Achtundzwanzig wurden ausgebracht und Sonette an Ort und Stelle gedichtet. Wir durften unsere Prisengelder behalten. Und ein Gelage hub an, das vier Nächte und Tage ohne Unterbrechung dauerte, es wurden viele Markknochen ausgesaugt, Ochsen und Schweine verzehrt, und der Wein floss in allen Farben und in Strömen. Das alles bezahlten Esquemelin und ich, wie es sich schickte. Den Rest bekamen die lustigen Mädels in den Schoß geworfen, und zum Schluss hatten wir alle einen Kater, dessen letzte Nachwehen bei mir erst nach tagelangem Kopfweh vergingen.

Ja, seither sind Jahre vergangen. Schiffe haben wir uns geholt, andere kamen freiwillig aus England, Frankreich und den niederländischen Staaten. Auch Pieces of eight und andere Dinge wurden von uns geholt. Viele Männer, an die wir gewöhnt waren, starben auf hoher See, zierten die Rahen der Dons, verfaulten in den unterirdischen Kerkern der Inquisition, oder manche fuhren auch nach Hause. Neue sind aus allen Ecken Europas gekommen.

Die Juanas, Pepitas und wie sie alle sich nennen, heißen immer noch mit den gleichen Namen, aber es sind meist andere. Ihre Vorgängerinnen sind längst verstorben und verdorben, oder günstigenfalls streichen sie in der Finsternis als hässliche Hafenhuren um die Wasserfrontkneipen, oder kochen für Junggesellen oder sind fromme Betschwestern geworden, mit denen sich der Padre begnügt, denn er hat wenig Zuspruch in seiner winzigen Kapelle. Der fromme Pierre wurde von den Dons gefangengenommen, und jener andere, der immer von dem »kommenden Tier mit den vier oder fünf Köpfen« – ich weiß die Zahl nicht genau – prophezeite, fiel in einem Duell am Strande.

Nur la Bruna ist noch da. Sie ist immer noch sehr schön. Mich hat sie damals, als wir zurückkehrten, kaum eines Blickes gewürdigt, und da ich es seit jener Stunde in Bellinis Hütte nicht anders erwartet habe, mache ich mir verdammt wenig daraus. Und handele, wenn das Blut in mir den Sang der Leidenschaft singt, ketzerisch nach dem Sprichwort von den vielen Fischen, die noch in der See sind, trotzdem so viele herausgenommen wurden und werden. Ich bin jung und leichtsinnig.

Es gibt, beim heiligen Dunstan!, wirklich einige anständige Damen auf Tortuga! Pflanzerfrauen, die aus Frankreich kamen. Und selbst der größte Rowdy macht einen Kratzfuß und zieht den Hut vor ihnen, denn unter uns gilt immer noch der Paragraph aus den »Artikeln«, der das sagt: Wenn ein Kerl einer anständigen Frau gegenüber – falls eine solche vorhanden ist – ohne ihre Erlaubnis Mätzchen macht, so soll er erschossen werden. Und es wurden einige erschossen, und seither rührt niemand mehr diese Damen auch nur in Gedanken an.

Frankreich streckt die Hand nach Hispaniola aus. Frankreich hat auch uns Schutz zugesagt und sogar einen »Gouverneur« nach Tortuga entsandt. Monsieur de la Place, ein geschickter, abenteuerlicher Versailleskavalier, der die Handelsinteressen seines Landes vertritt und sich sonst in nichts einmischt. Er muss nicht nur sehr oft ein Auge, sondern sogar beide zudrücken.

Das Lilienbanner weht über Tortuga, aber wenn die Brüder der Küste in Kaperschiffen und ganzen Flotten auslaufen (Fliboots haben wir nicht mehr nötig) , so weht der Jolly Roger, das schwarze Tuch mit dem Totenkopf und Gebein, am Heck.

Frankreich hat auch versucht, seine im letzten Jahrhundert von den Dons auf grausamste Weise ausgerottete Kolonie auf der Halbinsel Florida wieder zu errichten, kam aber davon ab und landete in der Mündung des Riesenstromes, den die amerikanischen Indios Mississippi nennen, und dort entsteht Le nouvel Orleans!

John Bull setzt sich in Virginien fest. Die große Insel St. Kitts wurde zwischen England und Frankreich brüderlich geteilt.

Penn und Venables eroberten jene andere große Insel, die sie Jamaika tauften, und riefen, da sie von den Dons arg bedrängt wurden und die neue Kolonie nicht halten konnten, die Tortugaleute und die Freibeuter der Spanischen Main zu Hilfe. Flugs folgten diese dem Ruf, setzten sich in Port Royal, einem Hafen, der bald unserem Tortuga den Rang abgelaufen haben wird, fest und fuhren von dort aus in Flotten oder einzeln gegen die Dons.

Geschichte wurde gemacht und ununterbrochen geschrieben.

Zeitweilig herrscht beschworener Friede zwischen Spanien einerseits und Frankreich und England andererseits. Aber die Brüder von der Küste und die Piraten von Port Royal kümmern sich den Teufel darum, scheren sich nicht um die Protestnoten, die in Paris und London auf den grünen Tisch hageln – und auch nicht um die milden diplomatischen Vorwürfe von Monsieur de la Place und seinem britischen Kollegen in Port Royal.

Der Friede dauert ja auch nie lange. Und das Motto ist: Gott hat die Neue Welt nicht nur den Dons geschenkt, sondern andere sollen auch teilhaben! In Europa werden jeden Tag von privater Hand Schiffe ausgerüstet, die in die Spanische Main fahren, und die Leute werden angemustert unter dem Slogan: »No prey no pay« – keine Beute, keine Heuer – und sie wissen‘s genau und heuern doch an.

»Ai Ai! Ai! Caray, caray!

Margarita no quiere bailar

Conmigo, solamente contigo!

Ai! Ai! Ai! Que ceray!«,

singt der Chor auf der Bühne in Spanisch, der Lingua franca der Spanish Main. Die Instrumente klingen, rasseln, dröhnen und weinen.

Und malerisch gekleidete Küstenbrüder klatschen Beifall, trinken zwischendurch aus ungeheuren Humpen den spanischen, mit Blut bezahlten Wein. Unter den Lustigsten sitzt Esquemelin und patscht den Takt auf seinen Schenkeln.

Blauer Tabaksqualm unterwölkt den Plafond. Draußen rauscht das Meer.

Zwei Pflanzer gerieten in Streit – Gott weiß warum –, versöhnen sich wieder und küssen einander die Wangen.

Ein degenklirrender Dandy, von Beruf Zuhälter, Duellant und Spieler, streicht durch die Sitzreihen und wartet, dass er über ein unwillkürlich vorgeschobenes Bein stolpert, um dann den Eigentümer besagten Gliedes zum tödlichen Waffengang aufzufordern, ihn am nächsten Morgen umzubringen oder, wenn er an den Unrechten kam, selber abgeschlachtet zu werden.

Ein französischer Bukanier, dessen Augen wie festgeleimt nach den Personen auf der Bühne starren, lutscht dabei laut schmatzend seinen geliebten, überm Feuer gerösteten Ochsenmarkknochen.

Ein paar andere langen unbekümmert in eine große mitgebrachte Schüssel scharf gewürzten Salmagundy-Ragouts. Und ununterbrochen klagt und tost die Musik, die Mädels tanzen, locken oder verweigern sich in pantomimischer Geste.

Sporen klirren an Klappstiefeln, die nie die schwitzende Seite eines Pferdes umklammert haben. Einige Piraten lieben es nämlich, an Land in Sporen einherzustolzieren. Und wer sich einen Ring durch die Nase ziehen will, kann es auch tun …

Pause in der Vorstellung. Und eine tiefe Stimme brüllt mir zu: »He, Schoolmaster and Santo-Nino-Boy, come and see me to morrow! I‘ve finished some verse, damned fine stuff. Bloody damned beautiful! I want you to write them down on some bleeding paper!«

Das war William Förster, der finstere und unergründliche Mann, dessen Mund abwechselnd Unflat trieft, oder süße Sonette lispelt und wundervoll singt.

»Allright, I‘ll be coming, Bill!« Ich nehme mir bei diesen Worten vor, auch Bellini zu besuchen. Bellini hat sich vorläufig von Gesäßen, die schwer wie Sandsäcke sind, abgewandt und malt Seestücke, Küstenlandschaften mit einsamen Palmen, die von der Meeresbrandung bespült werden. Fliboote und bunt gekleidete, mit Dolchen in den Zähnen an spanischen Schiffen hochkletternde Piraten. Alles das malt er, und es ist schade, dass das Klima die Bilder so rasch mit Schimmel bedeckt. Man kann ihn abwischen, aber er kommt immer wieder. Und manchmal Ameisen, die Rahmen und Leinwand über Nacht samt und sonders auffressen.

Auch will ich William Dampier besuchen, denn er gedenkt bald Tortuga mit Port Royal zu vertauschen, wo er mehr Freunde hat. Dampier sammelt Schmetterlinge und Käfer, stopft bunte Vögel aus, trocknet und presst Pflanzen und beschreibt alles auf seine Art, die himmelweit von den trockenen und komischen Darstellungen der spärlichen, in Europa über die Naturwissenschaften vorhandenen Bücher absticht. Und Dampier wird sich einen Namen machen!

Ali er Rachman wird mir morgen auf dem Wege durch das goldumschäumte Plantagengrün nicht mehr begegnen. Ich nehme an, dass er schon in Allahs siebentem Himmel weilt, von sternäugigen Huris bedient und lebendig bei einem Autodafè, mit spitzer, teufelsbemalter Mütze und im San-Benito-Kittel verbrannt wurde.

Er und etliche andere wollten das Stück, das wir uns mit Pierre Legrand geleistet, nachmachen. Aber die Dons auf der Galeone waren wachsam, und Alis Leute, die aus dem sinkenden Boot enterten, wurden im erbitterten Kampf entweder erschlagen oder gefangen nach Puerto Bello gebracht.

Und so erging es schon vielen und wird es noch mehreren ergehen, bis …

Ach, ich möchte in einigen hundert Jahren wiederkommen, um zu sehen, wie es in der Spanischen Main dann zugeht.

 

 

SEHNSUCHT NACH EINEM HUND

»Sie halten untereinander auf beste Ordnung. Jedem ist strengstens untersagt, von den Prisen auch nur das Geringste eigenmächtig zu behalten. Die Beute wird gleichmäßig nach den Artikeln verteilt, und die Brüder leisten einen Eid, von allem, was sie finden mögen, nichts zu unterschlagen. Wird jemand dabei ertappt, dass er diesem Gelübde nicht gehorcht, so wird er sofort aus der Gemeinschaft ausgestoßen. Untereinander sind die Brüder höflich und hilfsbereit, und wenn einer etwas braucht, so wird ihm mit größter Freigebigkeit von den anderen gegeben.

Wenn die Brüder ein Fahrzeug oder Boot gekapert haben, werden zuerst die Gefangenen an Land gesetzt und nur etliche zur Bedienung und Hilfeleistung zurückbehalten. Aber auch diese werden nach zwei Jahren entlassen!«

»Stop it, hör auf, hör auf!«, rufe ich. Esquemelin, der, entgegen seiner Absicht, mir dies eben aus seinem Manuskript vorlas, klappte beleidigt die Pergamentblätter zusammen.

»Schwindel, alles blutiger Schwindel! Sonntagsschullehren!«, bekräftige ich erbittert und denke an das, was gewesen ist und nicht wiederkommt.

»So behauptest du, dass ich lüge? Soll ich dir mal …« Esquemelin fasst an den Degen.

»Nein, alter Freund! Verzeih, dass ich mich so ungeschickt ausgedrückt! Ich wollte sagen, dass es mal so war, wie du da aufgeschrieben hast, aber heute …«

»Ja, seit der gute lustige Pierre Legrand mit der Santo Nino nach Dieppe segelte, hat sich draußen bei uns allerlei verändert und nicht immer zum Besten. Da hast du vollkommen recht, mein Alter!«

»Gestern haben sie die Karavelle La virgen de las siete espadas eingebracht. Und was geschah unterwegs mit der überlebenden Mannschaft?«

»Jeder Mutter Sohn musste über die Planke laufen. Abgemurkst! – Hm, das hätten wir nicht getan! Denn Lustmörder sind wir mitnichten. Pah, es ist viel Gesindel hier auf Tortuga. Ärgeres Gesindel als unsereins!«

»Ho, Olivier, sie bringen aber rasch einander um!«

Er lacht. »Viel zu langsam, wenn du den Nachschub bedenkst. Tortuga ist zum Müllhaufen Europas geworden! – Sag, möchtest du nicht wieder mal eine lustige Fahrt mitmachen?«

»Unter wem?«

»Bartholomew Portuguez oder Rock Brasiliano!«

»Zuviel Blut! Es riecht zu sehr nach Blut auf ihren Schiffen. Mir genügt die kurze Fahrt, die ich vor einem halben Jahr mit Portuguez machte. Unsere Speigatten sprudelten damals Blut, nachdem wir die Galeone Jesuchristo genommen hatten.«

»Hm, aber der Holländer Rock ist doch kein unebener Bursche! Ein bisschen verdüstert, gewiss, aber Gott weiß, was an ihm verbrochen wurde und was er zu rächen hat! Glück hat er ja nie sonderlich bei all seiner Verwegenheit!«

»Schlechtwetterrock und Jonas nennen ihn seine Freunde, weil er bei jedem Unternehmen Stürme und Orkane hat!«

»Oui, merkwürdig, aber wahr. – Also hast du keine Lust?«

»Olivier, weißt du, manchmal kommt mir die ganze Spanische Main – die ich doch so sehr liebe – wie ein Blutteich vor!«

»Ja, es wird viel von dem Stoff hier draußen vergossen. Zu Recht oder Unrecht. Mordioux!«

Dies Gespräch fand in Esquemelins bequemer Hütte statt. Unsere Pfeifen qualmten lieblich, und Alicante schillerte in prächtigen Glaspokalen.

Nach einer Weile schob er mir ein dickleibiges Buch hin. »Da! Etwas ganz Kostbares! Ist 1605 in Barcelona erschienen. Also noch nicht allzu lange her. Bald darauf kam die französische Übersetzung in Paris heraus. Lies es, mon vieux, dann kommst du auf andere Gedanken.«

Neugierig schlug ich den Deckel zurück und buchstabierte: »Las aventuras del ingenioso hidalgo de la figura triste, Don Quijote de la Mancha. De Miguel Cervantes de Saavedra!«

Olivier lenkte ab: »Montbars wird bald mit seiner Crew zurückerwartet. Würdest du bei dem an Bord gehen?«

»Weiß nicht. Erst neulich hat er eines seiner Schiffe verloren, und die ganze Mannschaft hängt im Hafen von Cartagena mit Stricken um die Hälse in der Sonne!«

»Oder bei Greaves, den die Jungen Redlegs nennen?«

»Schon eher! Aber der ist ja noch auf See!«

»Oder bei dem ehrenwerten, höchst noblen Kavalier aus Versailles, dem abenteuerlichen galanten Sieur Ravenau de Lussan?«

»Du machst mir die Wahl schwer, Olivier. Irgendwann und sicher recht bald muss ich doch wieder für eine Weile auf See und See und Salzbrise aus erster Hand riechen. Denn wer nicht Pflanzer oder deren Assistent werden will, der muss sich die Pieces of eight woanders holen. – Einer hilft dem anderen, hast du vorhin vorgelesen, alter Schönfärber. Wie schön war doch das Leben hier, als noch Legrand von Tortuga ausfuhr!«

»Krächzrabe, wo ist deine Zuversicht geblieben? Und wenn du keine Pieces of eight mehr hast, so habe ich noch eine Menge davon.«

»So schlimm ist‘s noch nicht, aber bald!«

»Ho, weißt du noch, wie du damals Legrand gesagt hast, dass der Golddurst bei dir erst später kommen würde, wenn du älter seist? – Eh bien, jetzt bist du ein Mann mit Haaren auf der Brust und …«

»Dieses Buch, das du mir da eben gegeben hast, ist mir mehr wert als manche Kiste voll Dublonen!«

»Ich glaub dir‘s beinahe! Wein, Weib, ein Lied, eine Pfeife Tabak sind deine Viereinigkeit. Doch sag mal, ist die schöne Isabella noch bei dir, mein Alter?«

»Seit acht Tagen wohnt sie bei deinem großmäuligen Landsmann, dem Venard. Oder ist er Flame?«

»Aus Antwerpen! Und du hast ihn noch nicht über den Haufen geschossen?«

»Wozu denn? Würde das die Sache ändern? Isabella ist ein freier Mensch und kann gehen und kommen, zu wem sie will!«

»Mordioux, du bist ein merkwürdiger Bursche. Manchmal kann ich dich nicht verstehen, Mac!«

»Und ich mich selber nicht!«

Unverwandt schaute er mich an. Die Pfeifen qualmten. Es war still zwischen uns geworden.

Vor wenigen Tangen fand dieses Gespräch zwischen Olivier und mir statt. Ich verabschiedete mich dann und ging den Weg hinab zur Wasserfront; wo es heute, will mich dünken, fast ebenso viel Kneipen gibt wie zu Bristol am Kai. Tortuga ist – ich meine die Siedlungen – seit damals gewachsen. Im Eiltempo. Und allerlei ist geschehen. Zum Beispiel versuchten die Dons, denen wir ein Dorn im Auge sind, weil wir ihnen unermesslichen Schaden zufügen, die Insel zu erobern und uns auszurotten.

Was ihnen beinahe gelungen wäre! Wir flüchteten schon vor der in dunkler Nacht gelandeten Übermacht in die Boote und Fahrzeuge. Häuser gingen in Flammen auf, zwei große ankernde Schiffe brannten wie Fackeln und erleuchteten die Wasserfrontstraße, so dass wir deutlich sehen konnten, wie die Dons brüllend in die Kneipen stürmten und unsere Mädels mit Hussah und Hollah jagten.

Aber noch in derselben Nacht kehrten wir zurück. Die Dons zechten oder schliefen, und wir kamen wie die wütenden leibhaftigen Teufel und richteten unter den sich geistesgegenwärtig aufrappelnden und rasch ernüchterten, zähe kämpfenden Spaniern ein grausiges Blutbad an. Kein einziger von ihnen blieb am Leben, obwohl etliche Offiziere Lösegeld boten. Kein einziger kehrte nach Hispaniola heim!

Mehrmals noch versuchten sie im Laufe der Zeit die Insel wieder zu nehmen, aber wir waren auf der Hut. Belagerungen und Beschießungen nützten ihnen nicht viel. Einmal nahmen wir in dunkler Nacht zwei der belagernden Galeonen, und da wir sie nicht halten konnten, steckten wir sie in Brand.

An alles dies dachte ich, als ich von Esquemelins Hütte nach der Wasserfront schritt. Ich machte einen Umweg, denn gerade diese Ecke der Insel ist so wunderschön.

Ich kam an einen schmalen Sandstreifen, zwischen den felsigen Ufern. Eine lauschige kleine Bucht, deren Wellen zärtlich lispelnd den Strand küssen. Unter Büschen und Palmen und – wie mir schien – sämtlichen Blumen der Welt steht dort eine Hütte. Mitten in und unter Blumen. Jasmin duftete in Hunderttausenden Blüten, und andere Blumen verströmten ebenfalls ihren zarten Hauch.

Gelächter, Becherklang und Liedfetzen ertönten, und zu spät fiel mir ein, dass er ja dort wohnte. Er, zu dem Isabella gegangen! Ganz so kaltblütig, wie ich mich Olivier gegenüber ausgab, bin ich doch nicht. Die Sache wurmte mich gewaltig, aber trotzdem sagte mir die Vernunft, die ich in Schottlands Nebeln samt der Muttermilch eingesogen, dass es am besten sei, den Unbeteiligten zu spielen. Mich um eine Hafendime mit tödlichen Waffen in einem sogenannten Duell zu schlagen – Schauspiele, die man auf Tortuga jeden Tag mindestens einmal genießen kann – fiel mir nicht ein. Wenn eine Frau grundlos, ohne vorherige Aussprache, nur der Abwechslung halber, über einen »anderen Bug geht«, dann soll man sich nicht darüber aufregen und sagen »good riddance«, gut dass sie fort ist! Aber Mann bleibt Mann, und die Episode war doch nicht ganz spurlos an mir vorübergegangen, da ich kein Talent zum Zyniker habe.

Mädels von Isabellas Sorte gibt es ja genügend auf unserer Insel. Rasch wollte ich den Pfad zurückeilen, aber schon hatte mich die zechende Gesellschaft in der Jasminlaube erspäht.

»Hallo, Mac! Komm, lege dich breitseits, lass fallen Anker und Leinen und trinke einen mit uns. Isabella ist auch hier!«, schrie Venard, und die übrigen lachten aus vollem Halse.

Ruhig ging ich hin. Setzte mich auf die Bank, die ein Negerboy mir unterschob. Griff nach dem Kelch, den er gefüllt vor mich stellte. Und betrachtete Venard, Isabella und die vier anderen. Begegnete ruhig, mit leichtem Lächeln, ihren teils höhnischen Blicken. Alle waren sie schon angetrunken, was in diesem Klima rasch geht. Isabella – noch war es nicht lange her, dass sie mir unter Küssen zugeflüstert, ich sei der einzige Mann in der Welt! – sah mich herausfordernd an. Lehnte sich dann vornüber, dem riesigen Venard zu und wühlte in seinen brandroten dichten Haaren. Und bot ihm ihren lachenden Mund.

Schmatzend erwiderte er die Liebkosung, und dabei schauten mich vier Augenpaare abwägend an.

»Sie küsst recht gut, Venard, nicht wahr?«, sagte ich und nahm einen Schluck Sangaree. Verblüfft ließ der ungeschlachte Kerl die Frau los und antwortete wie ein Schuljunge dem Lehrer: »Vortrefflich, ja!«

Isabella warf mir einen bösen Blick zu; die Vier lachten lautlos. Und Isabella forderte den Rotköpfigen auf: »Komm!«

Fluchend küsste er sie wieder und wieder, während die Vier sich erst gegenseitig beschauten, dann mich, und schließlich stumm orakelhaft die Köpfe schüttelten.

Jetzt rief der Riese: »Isabella bleibt bei mir, merke dir das, kleiner Federfuchser Mac!«

»Ja, das sehe ich! Bin nicht blind geworden vom Schreiben! – Aber sie kocht miserabel. Neulich machte sie mir ein Salmagundy, dass ich hinterher fast vor Bauchgrimmen krepiert bin!«, sagte ich brutal und fühlte dabei, dass die Atmosphäre sich verdichtete. Ganz plötzlich. Wie vor einem Gewitter.

»Tag und Nacht! Die ganze Nacht bleibt sie bei mir!«, knurrte er mit der Hartnäckigkeit der Trunkenen.

»Mögt ihr viel Spaß aneinander haben!«, antwortete ich und musste dazu, gegen meinen Willen – denn es war gefährlich – mutwillig lachen.

»He, bist du gar nicht eifersüchtig?«, brüllte Venard halb erstaunt, halb drohend.

»Warum denn?«

Wieder warf mir Isabella einen Blick zu. Hässlich und giftig! Laut lachte er, und da fauchte sie wie eine Katze, zeigte die weißen, ebenmäßigen Zähne und krümmte die Krallen. »Lässt du dir das bieten, Venard?«

Ich stopfte meine Pfeife.

»Reich mir einer Feuer!«

Der Negerboy brachte mir eine glühende Kohle, und ich fing an zu qualmen.

»Wieso?«, staunte Venard, der wie alle überlebensgroßen Muskelmenschen nicht sonderlich viel Verstand besaß. Und ich fühlte innerlich, was Isabella beabsichtigte, und wünschte mich tausend Meilen nach Lee oder Luv.

Eine verachtete und scheinbar nicht beachtete Frau ist gefährlich! Besonders auf Tortuga. Und Isabella sann auf meinen Tod! Auf Tortuga ist‘s so. Leidenschaft und Hass regieren schrankenlos, und einen Mittelweg gibt es ebenso wenig wie in den Tropen eine Morgen oder Abenddämmerung.

Und der Tod geht um unter den Küstenbrüdern auf Tortuga. Fast täglich fällt einer im Duell, wird in der Trunkenheit erschlagen, niedergeknallt, erdolcht oder wegen seines Goldes beraubt und ermordet. Dagegen haben wir noch keine Gesetze, die wirklich respektiert werden, trotz Anwesenheit von Monsieur de la Place und des Lilienbanners. Unsere Gesetze treten erst in Kraft, wenn wir an Bord sind, und sind dann allerdings sehr streng.

»Entweder legst du ihn um, oder du bist kein Mann!«, forderte die wunderschöne Megäre jetzt. Und als er die Augen aufriss und ein hilfloses Gesicht schnitt, da umarmte sie ihn heiß. Drängte ihren herrlichen Leib eng an den seinen und flüsterte ihm anfeuernde Worte ins Ohr. Trieb Evas Spiel, das seit Erschaffung der Welt bisher noch jeden Mann zu Falle brachte!

»Mac, verdufte lieber!«, raunt mir einer der Vier zu, und seine Freunde nickten heftig, während die bärtigen Lippen Rauchwolken ausstießen.

Isabella aber hatte ihr Ziel erreicht. Venard entwand sich ihren Armen, schleuderte sie zur Seite und ragte drohend über den Tisch. Seine Augen loderten. Ich habe solche Augen, seit ich in der Spanischen Main weile, schon oft gesehen und werde es noch öfter tun. An Land, auf dem Wasser und auf schwankenden Schiffen und in winzigen Booten. Aber nie waren sie solcherart auf mich gerichtet. Blanker, erbarmungsloser Mord flackerte in den Augen des Flamen. Angetrunken, unzurechnungsfähig, blutdürstig und liebestoll durch die alten Künste einer schönen Kokotte.

Nein, so wie Venard hat mich in meinem Leben noch niemand angeschaut, denn das, was sie einen »Ehrenhandel« nennen und was meiner Meinung nach einfach konzessionierter Mord ist, bei dem der Stärkere siegen muss, ist eine Erfahrung, die meinem bunten Leben bisher fehlte.

»Du hast eine Dame beleidigt, dreckiger Schuft!«, brüllte er und schlug mit der Faust auf den Tisch.

»Dame? Wo ist eine solche?«, musste ich Tor antworten und sprach damit mein Todesurteil aus. Denn ich bin kein Held, sondern eher ein bisschen feige oder vorsichtig.

Isabellas Gesicht war verzerrt, daraus bleckte mir hassvoller Triumph entgegen. Und falls ich vorher vielleicht noch, wenn ich geschickt gewesen wäre, Gnade hätte von ihr erwarten können, jetzt nicht mehr!

Und in allen Büchern habe ich gelesen und es auch oft selbst erlebt: prügle, liebe, schelte und streichle Frauen. Alles kannst du mit ihnen tun, aber verachte sie nie. Denn das vergessen sie nicht, und eines Tages, du denkst gar nicht mehr dran, legen sie dir die Rechnung vor, und sie wird bitter sein!

Venard war aufgepeitscht und bedurfte keines weiteren Antriebs. Er zog das Messer, wog es auf der flachen Hand. Und er konnte, wie ich wusste, auf diese Weise ein dreißig Meter entferntes Ziel treffen.

Samuel, einer der Vier, ein bärtiger Kerl, der früher Bukanier war und, seit dieses Handwerk auf Tortuga fast nicht mehr ausgeübt wird, zu den Piraten überging, stellte sich unvermutet zwischen uns. »Fairplay, Venard! Sonst kriegst du‘s mit uns Vieren zu tun!«, warnte er, und seine Freunde nickten. Und knackten mit den Pistolenhähnen. Und selten habe ich solch köstliche Musik gehört wie dieses prosaische, harte Metallgeräusch!

»Gut, dann wollen wir fechten. Kavaliersmäßig!«, knurrte das Ungetüm, und Isabellas Gelächter klang wie eine geborstene Schiffsglocke.

Mir war sehr flau zumute. Mit Spaniern kämpfen und aus fremdem Mutwillen zum Duell aufgefordert werden, sind zwei verschiedene Dinge!

Und ich las in den Augen der Vier, dass sie glaubten, ich würde keine Chance haben. Fühlte aber auch, dass sie für ehrlich Spiel einstanden.

»Gut. Dann am besten gleich!« Ich klopfte vorsichtig meine Pfeife aus und hoffte inständig, dass keiner das Zittern meiner Hand sähe. Und lachte dröhnend.

Auch Venard lachte. Trat hin und her, reckte den breiten, gewölbten Brustkasten, und ich musste plötzlich an jene ungeheuren afrikanischen Menschenaffen denken, von denen uns befreite Neger schaurige Geschichten erzählen. Wie diese Ungeheuer bei Vollmond aus dem Urwald hervorbrechen auf die Lichtungen, wo die goldschimmernden Ströme ziehen – und wie sie sich mit den Fäusten laut dröhnend auf den mächtigen Brustkasten trommeln …

»Pistolen?«, fragte einer der Vier.

»Bah, das ist zu langweilig und geht zu rasch. Fechten wollen wir!«, lachte der Riese. Rannte ins Haus und kam mit seinem Raufdegen zurück.

Bei der langen Reichweite Venards und meine Unkenntnis des à la modeFechtens, das ein Stoßen und Punktieren ist, standen meine Aussichten gleich Null.

»Ich wette jeweils zwanzig Pieces of eight gegen eins, dass Mac heute zu Davy Jones‘ Locker geht!«, sagte Samuel kaltblütig. Er wollte mir damit keinen Tort antun, mich auch nicht entmutigen – es war nur so seine Art. Ehrlich bereit, dafür zu sorgen, dass Venard keine Tricks vom Stapel ließ, aber ebenfalls bereit, auf meinen mutmaßlich in Bälde stattfindenden Tod zu wetten und daran zu verdienen. Auf Tortuga ist man so.

Samuels Freund Carmand hielt gegen ihn und setzte auf mich! Nicht, weil er dachte, ich würde gewinnen, sondern aus sauberem Sportsgeist setzte er je zwei Goldstücke gegen Samuels vierzig.

»Darf ich meinen Entersäbel nehmen?«

Venard spottete: »Natürlich, meinetwegen kannst du einen Mastbaum verwenden. Nützen würde er dir doch nichts!« Seine Blicke suchten prahlerisch Isabella, während ich den halblangen, schweren, breiten, unmerklich gekrümmten Cutlass, der in der Spanischen Main solch große Rolle spielt, aus der Lederscheide zog. Carmand, ein Tabakpflanzer, nickte mir unmerklich zu. Ahnte er, was ich tun wollte?

Da es unmöglich war, gegen die große Reichweite des rothaarigen Ungetüms, das Isabella mit meiner Ermordung eine Augenweide darbringen wollte, anzukommen, hatte ich beschlossen, ihn beim ersten Streich zu unterlaufen, also alles auf eine Karte zu setzen. Ehe er richtig zustechen konnte – schlagen kann man mit einem Stoßrapier nicht – würde ich ihm die schwere Klinge an einer guten Stelle zu kosten geben. Oder auch nicht.

»Mach dein Testament, geiziger Schotte!«, schrillte die Frau.

»Für dich hinterlasse ich nichts, Ferde-Lance-Schlange!«

»Los, jetzt, mein Herzchen! Wir wollen nachher weiterzechen, also macht die Sache ab!«, drängte der unmenschlich kalte Samuel. Und schritt voraus, jenem Sandstreifen zu, der die romantische Bucht umgürtet. Das Meer zischte zärtlich und in der Ferne donnerte die Brandung.

Ach, noch nie ist die Natur so wunderschön gewesen wie heute. Noch nie war das Dasein so herrlich süß. Wie ein Dürstender nahm ich alles auf: Meer und Sonne, Palmen, die bunten Papageien und den Duft der Blumen.

Denn bald würde es dunkel sein. Ewige Nacht. Für Venard oder für mich …

Samuel zog mit dem Pistolenkolben zwei Striche durch den Sand. Innerhalb dieser mussten wir fechten.

Venard stand bereit. Den langen, spitzen Stoßdegen in der Rechten. Er wippte auf den Fußballen. Seine Augen waren jetzt tödlich kalt. Wie merkwürdig! Er hatte mir nichts getan und ich ihm auch nichts, und trotzdem wollten wir einander umbringen. Wie sagte doch Olivier damals? Cherchez la femme!

Ich zog das Hemd aus und war froh, dass ich nur leichtes Schuhwerk trug. Ich ließ den Cutlass probeweise durch die Luft pfeifen. Er hatte einige Scharten im sogenannten ehrlichen Kampf erhalten. Aber heute …

Das angstvolle Gesicht des Negerjungen starrte aus der Jasminlaube, und dann sah ich, innerlich schmunzelnd, wie er verstohlen den Pokal seines Herrn austrank. Isabella stand neben Carmand. Ihre Augen waren weit offen, das ganze Gesicht verzerrt. Was hatte ich eigentlich dieser Frau getan? Nichts anderes, als dass ich ihr ungefähr zweihundert Pieces of eight und eine Menge kostbarer Kleider, Schühchen und Schmuck geschenkt. Und dafür ließ sie mich jetzt umbringen!

Nutzlos waren alle diese Gedanken. Von den sechs Menschen hier wollten fünf meinen Tod. Drei davon nur aus Wettgier. Der Sechste, jener Carmand, war ein echter Sportsmann, er gönnte mir eine Chance.

Leb wohl, du Insel mit deiner herrlichen Natur! Farewell, Spanische Main. Mutter, Mutter, weine nicht, wenn ich nicht wiederkomme …

»Fertig! – Eins und zwei und – loooos!«, hatte Samuel gesprochen, und beim letzten Wort sprang ich. Venards mir entgegenblitzendes Rapier fuhr mir zwischen Arm und Hüfte entlang, ich spürte einen leichten Schmerz. Ehe er die Waffe zurückziehen konnte, schmetterte ihm mein mit verzweifelter Wucht geführter Hieb schräg übers Gesicht.

Aufheulend taumelte er. Und während ich noch erstaunt – die Waffe war mir entfallen – auf das über mir schwebende, plötzlich so blutige Gesicht starrte, drehte er sich im Kreise herum. Ein paarmal. Es sah schrecklich aus! Wankte immer mehr und krachte dann förmlich auf den Sand. Seine Beine zuckten merkwürdig, wie gebannt musste ich hinsehen. Die Fersen trommelten. Und sein Gesicht war ein einziger roter, verschwommener Fleck. Immer noch trommelten seine Fersen auf den Sand.

Endlich hörte diese mich faszinierende Bewegung auf. Ich schüttelte die widerliche Benommenheit von mir und sah staunend, dass er wirklich tot war. In die ewige Dunkelheit eingegangen war, die er mir zugedacht hatte.

Samuel erhob sich eben von den Knien, wischte seine Hand ab. »Tot wie ‘ne Fischschuppe! Der Schädel regelrecht gespalten! Hätte dir das nicht zugetraut, Mac. Gratuliere, trotzdem es mich ‘ne schandbare Summe kostet. Vierzig Pieces of eight! Zahle sie aber gerne. Und ich kalkuliere, dass du jetzt die schöne Isabella wieder entern kannst? – Lehr mich einer die Weiber kennen, hoho!«

Ich starrte umher. Ach, wie schön waren das Meer, die Küste, die Palmen und Blumen! So schön und frisch und bunt und duftend wie noch nie! Und es ist nicht dunkel um mich geworden. Keine Nacht. Ich lebte, lebte! Mutter, hörst du es in deinen Ohren summen?

Zusammenzuckend spürte ich eine leichte Hand auf der Schulter, sog einen Duft ein, der nicht von Blüten stammte, und hörte eine weiche, süße Stimme: »Mac! Ich habe dich auf die Probe gestellt, und du hast bestanden! Ah, Mac, ich hab dich so lieb, nur dich! Komm!«

Samuel stieß einen halblauten Pfiff aus. Carmand lachte und Jaquy fluchte unflätig: »Je m‘en fous.«

Ich schaute in die braunen, goldgesprenkelten Augen der Mestizin. Und hob die Faust, wollte sie in das lockende, falsche Gesicht schlagen. Samuel hielt eisern meinen Arm fest, brummte mir ins Ohr: »Ist nicht englische Art, Weiber zu schlagen, old boy. Lass sie sausen!«

Aufatmend ließ ich die Faust sinken. »Hast recht, Oldtimer! Danke dir!«, und betrachtete die Isabella von oben bis unten. Sie hielt meinen Blick aus. Hatte die Hände in die Hüften gestützt wie ein Fischweib vom Markte zu Billingsgate.

»Pah!«, lachte ich befreit und drehte auf den Fersen um. Schritt wie ein Mondsüchtiger nach der Laube. Stopfte die Pfeife, ließ sie vom Negerboy anzünden, klemmte sie zwischen die Zähne, das Buch von Cervantes unter den Arm, den blutigen Cutlass noch in der Hand, und ging meines Weges. Hörte einen Aufschrei hinter mir und dann ein Rascheln und Reißen von Kleidern, ein Stampfen und Keuchen und dann wütendes Fluchen – wie wenn jemand von anderen festgehalten wird. Drehte mich aber mitnichten um.

Und erst als ich tief in den Büschen war, setzte ich mich, warf Buch, Pfeife und Waffe ins Gras. Und musste mich jämmerlich übergeben.

Nachher saß ich lange und hatte große Sehnsucht nach einem Lebewesen, das Liebe mit Liebe vergilt und uneigennützig ist. Und beschloss, mir einen Hund anzuschaffen. Denn: gibt es etwas Treueres auf der Welt als einen Hund?

 

 

ROTBEIN

Horch, wie die Wellen der Spanischen Main heute brausen! Sieh, wie sie gleich Kriegerhorden, von denen nichts sichtbar ist als die hochgehaltenen weißen und silbernen Schilde, in langen Wogen donnernd gegen das ächzende Schiff anrennen! Und wie dann diese Schilde an den hölzernen Wänden machtlos zerschellen, auseinanderstieben. Während lang anrollend schon neue mit unermüdlicher Gewalt heranstürmen!

Und wie es höhnisch in den tiefen blauen Tälern und den weiß marmorierten Grüften der See schnalzt und gluckst und zischelt! Wie der Wind den Schaum durch die Lüfte streut; gleich Händen voll Perlen …

Frei, scheinbar ziellos, hin und her oder in grazilen Bogen auf und nieder wippend, schweben Möwen. Sturm pfeift, Wogen brausen, Schiffsplanken knarren, straff gespannte Wanten »singen«, die prallen, tief gebauchten Segel brummen, und alles ist ein Konzertstück, das dem Manne, der breitbeinig auf der hohen Puup steht, bass behagt.

Laut schmettert sein Lachen, er zerrt am braunen Bart, und dann stapft er mit den in hohen, weichen, auffallend roten Stiefeln steckenden Beinen breit hin und her.

Das ist Greaves, genannt »Redlegs«, das Rotbein, unter dem ich als Quartiermeister seit acht Monaten segle. Auf dem Schnellsegler »Golden Main«, auf dem ich viel erlebt habe; Dinge, die mir nachdenkliche Stunden und sogar schlaflose Nächte und immerwährendes inneres Kopfschütteln verursachen. Denn ich bin kein Jüngling mehr. Seit Jahren bin ich hier draußen und lebe noch, während viele, viele andere in die dunkle Nacht hinaustraten. Vom scharfen Rum geschüttelt, vom gelben Fieber versengt, von spitzer Klinge oder schmetternder Kugel getroffen oder von würgender Schlinge beengt – so starben sie.

Ich bereue es nicht, auf der »Golden Main« zu segeln. Lieber bei diesem wunderlichen, aber ehrlichen Rotbein als bei Bartholomew Portuguez oder dem rätselhaften, ständig von schlecht Wetter und anderen Naturkatastrophen verfolgten Niederländer. Dem finsteren, unergründlichen Rock Brasiliano, dessen Lebensziel es ist, auf jede erlaubte oder unerlaubte Art die Dons zu bekämpfen, weder Mutter noch Kind, weder Vater noch Sohn zu verschonen.

Sichtbare und unsichtbare Blutströme ergießen sich von den Inseln, dem Festland und von den Schiffen – wo immer nur Männer leben und handeln – in das blaue Wasser der Spanischen Main. Überall Blut. Und muss das so sein?

Redlegs ist ein angenehmer Käpten. Seine Geschichte ist bekannt. Engländer von Geburt, geriet er schon als Kind nebst den Eltern in die Gefangenschaft der Dons. Da die Eltern katholisch waren, verschonte die Inquisition sie, und sie kamen als Plantagensklaven nach Barbados. Und gerne erzählt Rotbein, dass er einen guten Herrn gehabt – wie es deren unzählige unter den Dons gibt –, der seine Sklaven nie misshandelte und ihm, dem kleinen Benny, eine sorgfältige Erziehung angedeihen ließ.

Redlegs kann fließend spanisch und englisch und lateinisch, sogar etwas griechisch, kann lesen und schreiben, eine seltene Kunst unter den Küstenbrüdern im Allgemeinen. Er dichtet sogar. Er ist mir sympathisch und ich ihm. Mehr kann man auf einem Schiff und von Menschen nicht verlangen.

»Weißt du, Mac, wie‘s dann weiterging? Don Eusebio, mein Patron und Wohltäter, starb plötzlich am gelben Fieber. Und da er vergessen hatte, mich dokumentarisch in Freiheit zu setzen, so nutzte das ganze Testament mir, dem Universalerben, einen Dreck. Ich war und blieb Sklave nach dem Gesetz. Und wurde mit dem anderen toten und lebenden Inventar auf einer Auktion unter dem Hammer angeboten und verschachert. Mein neuer Meister war ein Schinder ersten Ranges! He, Billy, mein Söhnchen, fülle den Krug und die Humpen!«

Der Aufwärter rannte, und nachdem Redlegs mir zugetrunken und ich ihm, und wir dann beide Pokale wieder auf den Tisch gestellt, fuhr er fort: »Ich musste, statt Gitarre zu klimpern, zwölf Stunden täglich hintereinander Zuckerrohr fällen! Und an Stelle gebratener Hühnchen bekam ich saures Maniokbrot und nüchternen Maisbrei und von beidem nicht genug. Und noch heute trägt mein Rücken die grauen Narben von den Aufseherpeitschen.

Ausrücken war verflucht schwer oder unmöglich. Denn weißt du, Freund Mac, Barbados ist keine sonderlich große Insel, und die Dons haben dort ‘ne Menge Bluthunde. Und diese kälbergroßen Bestien, gegen die du ohne Waffe wehrlos bist, stellen nicht etwa den Mann, auf dessen Spur sie gesetzt werden, sondern zerreißen ihn in Fetzen.

Prosit, Mac! Sollst leben und mögen wir noch fette Prisen miteinander kapern! Bist ein guter Kerl, und deine Verse und Geschichten gefallen mir. Die Affäre mit El Santo Nino kann ich gar nicht oft genug hören. – Übrigens, Legrand lebt herrlich und in Freuden zu Dieppe. Zum Wohle! Bibite, bibamus ex! He, Billy, nachfüllen!« Redlegs lachte wohlwollend, und ich sog an der Pfeife.

Schließlich fuhr er fort: »Nun, manchmal kamen ja Schiffe binnen, aber natürlich waren es immer Spaniolen, und da war nichts zu machen. Bis eines Tages die Bark Windrider unter Käpten Harkins – merke dir den Namen, schreib ihn in deine Chronik, Mac, mein Junge! – Anker warf. Englisches Schiff und fast jeder Mutter Sohn darauf Brite. Prächtige Kerle mit mahagonibraunen Gesichtern und goldenen Ringen im Ohrläppchen und Meerweibchen tätowiert. – A propos, tätowieren, ich habe ‘nen ganzen Palmenwald auf dem Rücken, ‘ne Schlange um den Bauch und etliche andere nette Sachen eintätowiert. Musst dir auch so was machen lassen, Mac, mein Junge! – Nun, der spanische Gouverneur fluchte nicht schlecht und sprühte vor Wut über die Frechheit des Englishmannes. Aber da gerade keine Kriegsschiffe in der Nähe waren, die Küstenbatterien sehr schwach und überdies drei Viertel der Soldatos del Rey catolico am Yellow Jack, dem gelben Fieber, darniederlagen, was wollte der dicke Don machen?

Harkins traute der Sache übrigens auch nicht sehr, und anstatt zu landen und das ganze Nest auszuplündern, schickte er nur einen Parlamentär und bat um Frischfleisch, Früchte, Gemüse, Medikamente und Wasser. Ansonsten er ganz Barbados in Klumpen schießen würde!

Der Gouverneur seinerseits wusste nicht, dass auf der Windrider die halbe Crew, vom Gelben Jakob geschüttelt, stöhnend und kotzend in den Kojen und Hängematten lag. Und er erfüllte Harkins‘ Verlangen.

Und in einem Doppelsack voll Mehl – ich bin fast erstickt, und als ich an Bord den Sack von innen mit dem Messer aufschlitzte und an Deck purzelte, muss ich wie ein Müllerknappe ausgesehen haben – well, in jenem Doppelsack feinsten spanischen Weizenmehls fiel ich auf die Windrider. – He, Billy, sunny Boy, füll die Kelche, mein Sohn, fülle sie quick! – Na, dann prosit, Mac!«

Wir tranken. Rotbein zündete eine der umherliegenden fertig gestopften Pfeifen an der Kerze an, tat einige tiefe Züge und erzählte weiter: »Käpten Harkins war ein Pirat der schlimmsten Sorte und ein feiger Hund und Schuft dazu. Natürlich reihte er mich unter seine Mannschaft ein, und ich war zufrieden. Die Narben auf meinem Rücken brannten, und ich wollte mich rächen.

Harkins stellte mich vor die Wahl, als ich ihn bat, mich gelegentlich auf Tortuga abzusetzen: entweder auf einer öden Insel maroniert zu werden oder auf zwei Jahre bei ihm anzumustern. Ich tat letzteres und dachte mir dabei allerlei.

Da ich auf dem Kasten der einzige war, der eine Erziehung genossen, aber dank meiner letzten Sklavenjahre eisenhart an Leib und Muskeln geworden, so gewann ich bald einen Anhang auf der Windrider. Es waren raue, aber teils gute Burschen an Bord. Nur Harkins war eine Ausnahme.

He, Billy, mein Söhnchen, füll die Kelche! Muss einen üblen Geschmack runterspülen! Bibamus, Mac!Well, nach sechs Monaten war ich schon erster Kanonier. Harkins hasste und fürchtete mich heimlich. Und ich ließ mir nichts von ihm sagen. Lachte ihm oft ins Gesicht, weil ich viele hinter mir wusste.

Es war eine gute Schule für einen Piraten, Mac! Vier Männer auf der Windrider brachte ich eines Nachmittags innerhalb einer Viertelstunde mit diesen meinen Händen um; erwürgte sie, und zwei andere, die schliefen, schmiss ich über Bord, und als sie erwachten, waren gerade die Haie dabei, kurzen Prozess zu machen. Und nun erst wurde sich die gesamte Mannschaft klar, aus welcher Ecke der Wind pfiff.

Keiner mochte Harkins. Denn er war auch grausam. Und man hatte es gern gesehen, dass ich ihm in den Weg trat, sooft ich konnte, und ihm den Kurs vermasselte. Und ich hatte so langsam den meisten Boys klargemacht, dass es nicht nötig und geradezu feig ist, wenn man zum Beispiel gefangene Dons, denen man erst Pardon versprochen, über die Planke ins Meer laufen lässt oder sie sonst wie abmurkst! Und dass es Weiber und Frauen gibt. Und einen Gott im Himmel!

Die Boys waren ja etwas verwildert, sahen es aber bald ein. Und die das nicht wollten, die habe ich in der Folge umgebracht oder auf öder Insel maroniert.

An einem schönen Nachmittag trat, ohne den Käpten zu fragen – was ja statutengemäß auch nicht nötig ist – der Mannschaftsrat zusammen. Und einstimmig wurde beschlossen, Harkins habe mit mir auf Leben und Tod zu kämpfen, wenn er weiter den Befehl führen wollte. Besiegte er mich, so blieb er Käpten, unterlag er, so wurde ich Käpten.

Billy, mein Herzchen, füll nach! Auf deine Gesundheit, Mac, und auf gute Fahrt und reiche Prisen!

Nun, der Zweikampf fand statt, und ich spießte Harkins auf meine Klinge. Und wurde Käpten. Und was für eine Mannschaft habe ich heute?« Er lachte, nahm die Pfeife wieder auf, tat ein paar Züge und schaute mich an.

Ich klopfte meine Pfeife erst mal aus, ehe ich antwortete: »Eine Mannschaft, die sich vor nichts und niemandem fürchtet. Und anderseits sind‘s anständige, sittenreine, hilfsbereite, ja, ich möchte fast sagen – so komisch es auch klingt – gut erzogene Burschen. – Wie hast du das nur fertiggebracht, Käpten Greaves? Dein Schiff ist ja fast ‘ne Sonntagsschule, und wenn man bedenkt, was für eine Vergangenheit die meisten dieser Kerle haben, so ist‘s ein Rätsel. Ein Wunder. – Sag, hast du von Levasseur gehört?«

»Levasseur von Tortuga? Natürlich! Aber ganz so orthodox sind die Meinen nicht, verlange ich‘s auch nicht. Ich will nur eine gewisse Ordnung an Bord. Je zwangloser, desto besser. Und wenn nicht gerade gekämpft wird, so soll es anständig zugehen an Bord. Zu saufen erhält jeder genug, und wenn sich einer bis an die Augen vollsaufen will, so kann er das auch tun, wenn er unter Deck bleibt. Und der einzige, der offiziell sich auf diesem Schlitten hier zu fluchen erlaubt, ist Mister Greaves, genannt Rotbein. Verflucht und verdammt noch mal!« Er lachte herzlich. Dann: »Billy, fülle die Pokale, mein Kerlchen!«

»Und die Zukunft?«, fragte ich nach einer Weile.

Redlegs sog an der Pfeife. Schickte dann den Jungen hinaus. Lehnte sich über den Tisch und sprach leise: »Dein Gesicht gefällt mir, Mac. Hab Gutes von dir vernommen und weiß, dass du den Mund halten kannst. Was ich dir jetzt erzähle, ahnt keiner und darf keiner vermuten. Mac, weißt du, was meine Sehnsucht ist und wovon ich Tag und Nacht träume, und was ich tun möchte – wenn ich erst mal aus dieser verfluchten, goldgeschwängerten Spanischen Main heraus bin?«

Noch näher neigte er sich und flüsterte noch vorsichtiger: »Bauer, Landmann will ich werden. In merry old England. Will geruhsam nach getaner Arbeit und Inspektion meiner drei oder zwei Farmhelfer abends am Kamin sitzen und meine Pfeife rauchen und meinen Grog trinken, während die alte Dame eine Hammelkeule auf den gedeckten Tisch stellt. Bauer!«

Er tippte mit der Hand auf meinen Arm: »Wenn du aber ein Wort davon vor der Zeit erzählst oder aufschreibst, so lass ich dir Sonnenlicht in den Bauch scheinen, Konfrater!« Drohend schaute er mich an.

»Brauchst keine Sorge zu haben!«

Behaglich grinste er: »Weiß ich! Wusste ich, Mac, sonst hätte ich‘s für mich behalten! – He, Billy, wo steckt der Junge? Sollen wir denn verdursten?«

Gleichzeitig mit Billy trat der wachhabende Pilot Wonderful ein. »Käpten, drei Strich voraus an Steuerbord ist ‘n Schiff zu sehen! Schätze, ein Don! Großer Pott. Mit Kurs aufs Festland. Schätze, dass er nach Neu Granada macht. Cartagena! Wird ‘ne Menge Soldados an Bord haben und Wein und Sonstiges. Scheint aus Spanien zu kommen!«, leierte er.

Rotbein sprang auf die Füße. »Danke, altes Walross! Wenn‘s ein Don ist, so wollen wir ihn wohl nehmen!«

Die Mannschaft steht an der Steuerbordreling und späht leewärts. Noch weit weg, lässt sich dennoch ein großer Dreidecker erkennen.

Redlegs ruft Befehle. Die Bootsmannspfeife schrillt und trillert. Die Trommel ruft auf Posten. Sechzig verwegene braune Gestalten, in denen seltsam die hellen braunen oder grauen Augen leuchten, starren zu Redlegs auf dem Achterkastell empor. Und ohne sich zu zieren, spricht er: »Jungens, ihr kennt unsere Art. Den Reichen plündern, den Armen verschonen. So halten wir‘s seit zwei Jahren und haben zusammen allerlei erlebt und unsere Koffer ganz hübsch mit Pieces of eight gefüllt. Kein Blut und Fluch Gemordeter klebt daran. – Seht, da vorne segelt eine dicke Galeone! Vermutlich mit einem Haufen Soldados zur Verstärkung der Landgarnisonen. Also so oder so, auf jeden Fall ‘ne schwere Übermacht, wobei es auf fünf mehr oder weniger nicht ankommt.

Da der Kasten bestimmt aus Europa kommt, so ist weder Gold noch Silber an Bord. Aber guter Proviant, treffliche Weine und allerlei nette Klamotten. Wollt ihr dafür das Leben einsetzen? Dann stimmt ab, meine Jungen!«

Von Mann zu Mann schreitet der dürre Wonderful und einige sagen »Ja«, andere »Nein«, aber die große Mehrzahl ist für Ja.

Redlegs nickt: »Allright, Boys. Ich brauche euch nicht zu erinnern: die sich wehren, müsst ihr totschlagen, denn sie gedenken euch das gleiche zu tun. Die um Pardon bitten, denen müsst ihr Pardon gewähren! Und nun lasset uns nach unserer Art beten!«

Er nimmt die Zipfelmütze ab. Unten und neben ihm sinkt alles in die Knie. Er kniet selber und spricht mit tiefer Stimme das vor, was ich, seit ich hier an Bord bin, schon oft hörte und von dem ich immer noch nicht weiß, ist‘s Blasphemie oder nur eine naive Bitte zum Allmächtigen?

Hört nur, so beten wir unter Redlegs:

»Westward ho,

At the Dons we‘ll go!

If the do not yield,

The shall be killed,

So the Lord it willeth!

Amen!«

Ich glaube, in der ganzen Welt gibt es solch merkwürdiges Gebet nicht wie dieses, das da heißt: »Nach Westen, auf die Dons wollen wir losgehen, und wenn sie nicht nachgeben, so werden sie umgebracht, falls Gott so will! Amen!«

Schrill trillert die Bootsmannspfeife. Hart hämmert die Trommel. Auf einem Piratenschiff ist man immer mehr oder weniger gefechtsklar, und wir sind schnell bereit. Im Zwischendeck stehen die Kanoniere mit brennenden Lunten hinter ihren Kanonen. An Deck lauern Musketenschützen und Enterer. Und die großen Enterhaken, mittels derer sich ein Schiff unlösbar am anderen festbeißen kann, sind hochgeklappt und bereit zum Niederfallen.

Zusehends holen wir gegen den Fremden auf, sehen schon die Menschen dicht auf den Kastellen und in den Wanten, sehen Waffen blitzen, und vom Heck flattert das breite, gold-rot-goldene Banner von Castilia und Leon.

Plötzlich blüht dort drüben eine runde weiße Rauchblume auf. Ein Vollgeschoss reißt heulend einen Splitter aus unserem Mizzenmast, und nun dröhnt dumpf der Knall übers Wasser.

Drei Stunden später. Alles vorbei. Die »Golden Main« hing mit ihren Enterhaken an der Reling der großen Galeone »Merced« verkrampft, deren Segel zerfetzt und deren Masten bedenklich abgesplittert waren. Unter Deck heulten die eingeschlossenen überlebenden Dons, grundlos bangend, um Misericordia. Das Deck war ein Schlachtfeld.

Stöhnende Verwundete, denen der »Sawbones«, unser Chirurg, tatkräftige Hilfe leistete, lagen unter dem Sonnensegel. Sawbones ist ein flachsblonder, langbeiniger Schwede, hat zu Upsala studiert und wurde wegen dummer Streiche relegiert; lief zur See und kam in die Spanische Main.

Tote lagen umher. Über- und nebeneinander, ineinander verschlungen, in allen möglichen Stellungen. Einige lagen platt auf den Bäuchen, die Ellenbogen angezogen, und es sah aus, als wollten sie die Zähne in die Deckplanken schlagen. Andere reckten steife Arme, die blutgefärbte Waffen hielten, empor.

Zerschellte Eisenhauben, zersprungene Kürasse, Degenstücke, schwarzer Pulverschleim, zerrissenes Tauwerk, Blöcke, Fensterglas, Holzsplitter und dazwischen leere Weinpullen.

Eben sägte Sawbones einem rasch ohnmächtig werdenden Piraten das linke Bein unterm Knie ab.

Stöhnende, keuchende, fluchende, lachende Piraten. Ein paar tranken Wasser aus spanischen Sturmhauben. Andere begannen die Toten über Bord zu werfen. Jedes Mal klatschte es unten auf, und Haie schossen erregt hin und her. Stellenweise rötete sich das Wasser, bläute dann wieder nach.

Wir haben fünf Tote, acht Schwerblessierte, und irgendwelche Kratzer hatte jeder von uns empfangen. Von den spanischen Soldados in ihren rot-gelben Uniformen und leichten Brustpanzern wurden vierzig im Meer bestattet, wo die Haie Totengräber sind. Dazu kamen noch achtunddreißig Matrosen und »Caballeros de la fortuna« – junge Edelleute, die auf gut Glück in die Kolonien fahren. Der lebende Rest, eine erkleckliche Anzahl, die uns immer noch weit überlegen war, wurde unter Deck eingesperrt. Samt ihren Verwundeten und ihrem Chirurgen. Unser eigener hatte genug mit uns zu tun!

Die »Merced« war ein schönes Schiff und hatte nach näherer Besichtigung gar nicht so stark gelitten, wie es scheinen konnte. Die meisten Vollkugeln unserer Breitseite waren über der Wasserlinie eingeschlagen. Chips, der Zimmermann, und seine Gehilfen waren am Kalfatern und Dichten.

Auf dem Achterkastell der »Golden Main« hielten wir eine Beratung ab. Es wurde beschlossen, die »Merced« nach Tortuga zu bringen und sie dort zu verkaufen.

Pieces of eight fanden wir nur zwei Fässer voll. Truppenlöhnung! Aber riesige Mundvorräte und herrliche Weine, Stoff, Samen und Getreide. Unsere Stimmung war gestiegen, als wir die Untersuchung der »Merced« beendet hatten.

Gemäß unseren Statuten wurden die Offiziere und Passagiere der »Merced« bis auf die nackte Haut ausgeplündert, während die Mannschaft ihr Eigentum behalten durfte.

Es wurde beschlossen, alle Dons auf der nächsten spanischen Besitzung an Land gehen zu lassen. Die paar Boote konnte die »Merced« entbehren.

Einige Matrosen, die unter Aufsicht standen, mussten uns bei der Arbeit helfen, und sie staunten, als sie uns umschichtig trinken, singen und beten sahen und hörten.

Und jetzt halten wir Kurs auf Tortuga. Unermüdlich treibt Rotbein zur Arbeit an. Die Decks sind blank gewaschen und keine Blutflecke mehr zu sehen. Trüb-rote Brühe lief durch die Speigatts ins Meer und die Haie, die unten mitschwammen, gurgelten ihre Rachen damit aus.

Fünfzehn spanische Matrosen unter Wonderful und einem halben Dutzend schwerbewaffneter Küstenbrüder sind auf die »Merced« übergesiedelt. Sie soll uns möglichst im Kielwasser bleiben, weswegen wir Segel kürzen. Falls feindliche Übermacht naht und sie nicht mehr entkommen können, so sollen sie die »Merced« anbohren und in Brand stecken und dann zu uns an Bord kommen.

Während des Kampfes hat der Wind geschralt, und wir können ihn nun raumen lassen und guten Kurs nach Tortuga ansetzen. Vom Achterdeck ruft Redlegs: »He, Mac, komm in die gute Stube!«

In den Lieken knallt die Brise. Unsere Leute sitzen auf den Luken und singen. Wein fließt in Strömen, Rosinen und Datteln und spanisches Backwerk munden. Und Redlegs‘ Piraten singen nicht mehr das alte Rumlied, sondern stimmen einen tiefen, choralähnlichen Gesang an, als ich die Treppe hinaufsteige.

Unter dem Sonnensegel liegen die Verwundeten mit ihren blassen oder fieberroten Gesichtern im Schlaf oder phantasieren. Scheu sind die spanischen Matrosen an der Arbeit. Wachen stehen breitbeinig vor der Luke, die zur Pulverkammer führt. Eine halbe Kabellänge ab schwankt die »Merced« hochbordig, wunderschön unter vollen Segeln, auf den Wellen. Das Banner des Santiago ist niedergeholt, und der Jolly Roger flattert.

»He, Mac, komm doch endlich in die Kajüte!«, ruft wieder das Rotbein. Er hat seine pulver- und blutbeschmierte Kleidung über Bord geworfen und die Tracht eines Hidalgo aus den Vorräten der »Merced« angelegt. Nur die roten Stiefel, die er fast nie ablegt, trägt er dazu. Sieht ungemein ehrbar aus, wie ein Gentlemanfarmer.

»Pfeifen und Tabak. Und den leichten roten Wein, Billy, mein Schatz!«, befiehlt er dem Jungen.

Und nun sitzen wir, trinken einander zu, rauchen aus den weißen Tonpfeifen, strecken die Beine unter den Tisch. Und sprechen immer weniger. Zuletzt schweigen wir ganz, rauchen und trinken und geben uns voll der wohltuenden Erschlaffung hin, die sich nun einstellt. Das Meer murmelt, das Schiff ächzt, und vor meinen inneren Augen spielen sich viele Geschehnisse ab. Kommen und gehen. Ununterbrochen.

 

 

MARGUERITE

Gegen die Felsbastionen donnert im wütenden Anprall die Spanische Main. Hochauf spritzt der blendende Schaum. Die Kimm ist ganz nahe gerückt, und die unterm Himmel dahinjagenden Dünste sind so niedrig und dicht, dass stellenweise Land, Meer und Horizont ein Ganzes bilden.

Tropischer, warmer, dichter Regen klatscht hernieder. Erdreich dampft würzig süß. Schwere, peitschende Tropfen zerschleißen die breiten Bananenblätter noch ärger. Schlagen Blüten von den Büschen, trommeln auf flache Dächer, nässen die weißen Mauern, dass sie grau werden.

Nasse Gestalten huschen in die vollen Kneipen. Auf den Schiffen, deren Spiere kaum sichtbar aus dem Wasserstaub ragen, ist‘s still.

Die Tierwelt schweigt. Papageien und andere Vögel haben sich verkrochen. Nur am Strand, aus weißem Gischt und wirbelndem Nichts heraus, knarren ruhelose Stimmen ruheloser Möwen wie Geisterruf. Dumpf poltern abgerissene Kokosnüsse in den Hainen zu Boden.

Seit Wochen bin ich wieder auf der Insel und schreibe oder liege im dämmernden Grün und träume von unwirklichen Paradiesen, wo der Mensch noch gut ist. Redlegs und seine fromme Schlagtotmannschaft sind wieder in See gestochen, nachdem die »Merced« gut verkauft und die Prisengelder verteilt worden waren. Er hat mir sehr zugeredet, wieder mitzufahren, aber ein wütender Fieberanfall packte mich und streckte mich aufs Bett, und Sawbones hat strikt verboten, dass ich an Bord käme.

Esquemelin ist mit einer neuen Größe der Küstenbrüder, François L‘Ollonois, über den befremdliche Gerüchte im Umlauf sind, auf einer Kaperfahrt.

Bellini, der große, wunderliche Maler aus Florenz, ist gestorben, aber er hat schon einen Nachfolger gefunden, der in Pastell arbeitet und liebliche Miniaturen der Pflanzerfrauen macht.

Und jener Bärtige, der damals auf der Veranda saß und so begeistert die Karte von des Magelhaes und die von Francis Drakes Weltumseglung zeichnete, schreibt jetzt Geschichte. Als Kommandant von acht Freibeuterschiffen griff er San Augustin auf Florida an, nahm es und segelt bereits wieder irgendwo in der Spanischen Main umher. Vielleicht ist er sogar ums »böse Kap« und an Tierre del Fuego vorbeigefahren, denn dieser Davis ist ein Mann, dem das Abenteuer, verbunden mit der Wissenschaft, mehr gilt als alle Pieces of eight der Welt. Seit einiger Zeit hören wir nichts mehr von ihm.

Und William Dampier, Dichter, Naturalist und kühner Seemann, lebt jetzt nicht mehr auf Tortuga, sondern auf Jamaika zu Port Royal. Penn und Venables haben diese Insel für die Briten erobert. Auch auf Barbados, Trinidad mit dem herrlichen Hafen von Port of Spain und anderen kleinen Keys in den Jardinillos, die Florida vorgelagert sind, fassten sie festen Fuß. Eine Massenauswanderung von Tortuga nach Port Royal setzte ein – besonders die Engländer vereinten sich mit ihren Landsleuten, und Port Royal ist jetzt ein ebensolcher Stützpunkt in der Spanischen Main wie unser Tortuga. Wird dieses, allem Anschein nach, überflügeln. Auch ich werde eines Tages dort hingehen.

Vorläufig erhält Tortuga noch großen Nachschub an kühnen, guten Abenteurern und auch abgrundtiefen Schurken, Vollpiraten und Mördern.

Ich stehe im kräftigsten Mannesalter und lebe noch, nachdem ich viele, die ich kannte, sterben sah. Und ich bin immer noch allein. Und Isabella? Verdorben, gestorben! Wo? Quien sabe! Good riddance …

Ich wollte mir mal einen Hund anschaffen, doch habe ich das vorläufig aufgegeben. Denn da ich inzwischen oft auf See gehe, würde ich es wohl kaum übers Herz bringen, das Tier während meiner Abwesenheit fremden Händen anzuvertrauen. Hunde sind dann so traurig und haben eine besondere Art, ihren Kummer mittels Blicken auszudrücken, die mir, dem Küstenbruder, Federfuchser und Töter mancher Menschen in tollen Kämpfen, das Herz schwermachen würde. Und an Bord kann man einen guten vierbeinigen Kameraden nicht gut mitnehmen.

Ich schreibe. Schreibe manchmal wie besessen. Eine alte, fette Negerin namens Sarah kocht für mich und versieht den Haushalt. Isabella hatte Nachfolgerinnen; Mädels, die meine gute Mutter nicht billigen würde, wie sie vieles oder alles hier draußen nicht billigen würde. Und es ist einsam um mich. Die paar Freunde, die ich hatte, mit Ausnahme Esquemelins, sind tot.

Förster, der Dichter und Komponist süßer Sonette, wurde nebst seiner Crew auf See von den Dons besiegt, und da sie sich nicht ergaben, fielen alle schwerverwundet in Gefangenschaft und wurden, da sie sowieso im Sterben lagen, prompt an den Rahen aufgeknüpft.

Das Glück ist nicht immer bei den Brüdern der Küste. Aber merkwürdig oft, und das ist sonderbar. Wie es nur möglich ist, dass eine Handvoll Männer so oft gegen Hunderte schwerbewaffneter und kriegsgeschulter Spanier, hinter hohen Schiffsmauern verborgen und verbarrikadiert, den Sieg erringt? Dass unsere kleinen Fahrzeuge die riesigen Galeonen und Karavellen entern und erobern? Und dass wenige Dutzend von uns in weißen Tropenstädten landen, wo hinter befestigten Schanzen Hunderte bewaffneter, ausgebildeter Bürger und aber Hunderte – ja sogar Tausende – Soldaten sich verteidigen und dennoch besiegt werden? Wie kommt das nur, könnt ihr mir das sagen?

Vielleicht, weil wir entweder aus Abenteuerlust, aus Goldgier oder aus Rache kämpfen und fast jeder von uns ein Außenseiter ist! Die Dons kämpfen ja auch hier draußen in der Main für ihr Land und ihren König, und das Mutterland wird trotz des fast ewigen Kriegszustandes mit England oder Frankreich kaum angegriffen. Ist‘s das Klima, das wir besser vertragen als diese abgehärteten Soldados, oder stimmt‘s wirklich, was einige sagen, dass Männer, die unsere Gründe haben, besser und verbissener fechten als solche, die nur eine Kolonie verteidigen? Oder hat das rätselhafte, unabwendbare Schicksal längst beschlossen, jene Hunderttausende Indios, die von den Dons ausgerottet wurden – man denke an Cortez, an die Pizarros und an andere – zu rächen? In diesem Fall bedient sich die Vorsehung der Küstenbrüder, Piraten und aus der Zivilisation Vertriebenen.

Stunden- und tagelang grübele ich oft über dieses Problem und komme doch zu keinem Resultat.

Horch, wie das draußen gießt! Wahre Wasserfälle stürzen aus den Schleusen des Himmels.

Der Weg ist ziemlich weit, und trotz Wetterkleidung wurde ich bis auf die Haut durchnässt – ansonsten ich nämlich einen Besuch bei Monsieur Flammarion und Familie machen möchte.

Sie kamen vor einem Jahr nach Tortuga und haben heute die schönste Pflanzung hier, möchten aber, sobald die Lage reifer und klarer wird, hinüber nach Hispaniola, wo der Franzose langsam beginnt, auf der halben Insel sich festzusetzen.

Die Flammarions sind sehr liebenswerte Menschen und haben mit den Küstenbrüdern nichts gemein, sondern gehören jenem Cercle an, den wir spöttisch, aber ohne jede Bosheit »anständige Leute« nennen. Pflanzer und Beamte des Gouverneurs, der oft lachend sagt, dass die Eigenheiten der Küstenbrüder und Freibeuter ihm graue Haare machen!

Ja, bei Flammarions ist‘s schön. Auch Esquemelin gehört zu den paar Bevorzugten, die dort Besuche abstatten dürfen und immer gern gesehen sind.

Eine wunderbare, weiche Atmosphäre umfängt einen in dem gepflegten Pflanzerheim. Die Dame des Hauses hat ihren Salon, die Tochter klimpert auf dem Spinett oder der Harfe und singt dazu, eine Bibliothek ist vorhanden, und man steht mit Frankreich in Postverbindung.

Marguerite Flammarion ist ein süßes, berückendes, schwarzäugiges, zierliches Geschöpf voll Esprit und Eleganz. Ob sie es weiß, dass ich mir einbilde, sie zu lieben? Ich denke ja, denn neulich lachte sie so frauenhaft weise, und Mama drohte mir nachher mit dem Finger und sagte mir unter vier Augen: »Monsieur Mac, Sie sind ein Ehrenmann und deswegen haben wir Sie gerne. Aber, oh, man spricht allerlei über eine gewisse Bruna, eine Pepita, Isabella und andere. Mein Mann und ich sind großzügig, sonst kann man nicht hier draußen leben, Monsieur! Enttäuschen Sie uns bitte nicht, es würde uns leid tun! Marguerite ist mit einem Officier du Roy verlobt!«

Das war sehr deutlich. Ich gehe nach wie vor hin, und die Freundschaft, die man mir entgegenbringt, ist die alte geblieben, aber …

Nein, kleine Marguerite, brauchst keine Angst vor mir zu haben. Wenn du nicht von selber zu mir kommst. Aber das wird Gott sei Dank nie der Fall sein. Gott sei Dank, sage ich, auch mir würde es leid tun. Papa und Mama Flammarion sind so liebenswürdig, und es wäre eine schuftige Vergeltung ihrer uneingeschränkten Gastfreundschaft, wenn ich …

Eine andere Pflanzerstochter, ein abenteuerliches schönes Geschöpf, ist ja schon mit einem Piraten ihren Eltern davongelaufen. Und einem Piraten übelster Sorte, der an Land einherging wie der Wolf im Lammfell. Er setzte sich einfach über die »Artikel«, die jede Frau an Bord streng verbieten, hinweg. Und rasch geschah, was vorauszusehen war.

Bedenkt: fünfzig oder sechzig wilde, zusammengewürfelte Seeräuber auf einem Schiff, und der Anführer hat eine junge kecke und kokettierende Dona bei sich, und die anderen haben keine.

»He, Käpten, in den Artikeln steht, dass kein Weibsbild, falls es sich nicht um eine Gefangene gegen Lösegeld handelt, an Bord sein darf. Wir wollen aber ein Auge zudrücken, falls wir auch ein bisschen von deinem Kätzchen abkriegen!«, so tobte fluchend und lachend der Mannschaftsrat auf hoher See. Der Käpten hat dazwischen geknallt; und binnen Sekunden entwickelte sich ein blutiger, wahnsinniger Kampf, an dem alles teilnahm. Die Kajütsgasten wurden überwältigt, und das »hübsche Kätzchen« wanderte von Hand zu Hand, bis sie in einem unbewachten Augenblick, geistig umnachtet, über Bord, den Haien sozusagen in den Rachen sprang.

So geschehen an Bord des »Rover«. Die arme Kleine hieß Blanche Brissac, und die Eltern nahmen sich die Tragödie so zu Herzen, dass sie nach Frankreich heimfuhren. Und die Mannschaft des »Rover« holte der Teufel, nahm sie hinab in seine große Salzwasserkiste oder bewahrte sie für ein noch schlimmeres Los auf. Sie hatten nämlich keinen Piloten, keinen Navigator mehr und schwabbelten ziellos in der Main umher; die »Rover« wurde von einem französischen Kriegsschiff aufgegriffen, genommen, und jeder Mutter Sohn, der noch lebte, zierte alsbald die Rahen.

Nein, brauchst nichts zu fürchten, Marguerite!

Verfluchter Regen da draußen! Verdammtes, langweiliges Buch! »He, Sarah, bring Wein!«

Sie rollt herein wie eine schwarze holländische Treckschuit, wackelt mit Kopf und Achtersteven und glotzt possierlich. »Nix, Massah! Massah alles aussaufen! Dies schwarze Kind muss neuen Wein holen. Massah geben Geld!«

»‘s ist gut, Sarah. Hol welchen bei Barbassou. Hier ist Gold, und den Rest kannst du behalten!« Ich werfe ihr einige Pieces of eight hin.

»Stell die Rumpulle auf den Tisch. Und die Kerze und neue Pfeifen und Fidibusse!«

Die Alte beeilt sich, und ich stürze ein Gläschen des alten Jamaikarums hinunter.

»Lauf rüber, sag der Josita, sie soll mir Gesellschaft leisten, ihre schönsten Klamotten anziehen und ihre Gitarre nicht vergessen!«

»Oh, Massah, Josita jetzt nicht daheim! Heut‘ großer Tanz in allen Kneipen. Prisenschiffe gestern eingelaufen!.«

»Ach ja. Nun, dann eben nicht. Kannst schlafen gehen, wenn du Lust hast, Sarah!« Ich schlüpfe in den blautuchenen, mit Seesalz bekrusteten Wachtmantel, stülpe den alten Dreimaster auf den Schädel, stopfe den Zopf unter den Mantelkragen und steuere, gegen den Sturm Balance haltend, hinaus in den klatschenden Regen. Bin in der richtigen Stimmung!

Zur Wasserfront habe ich nicht weit. Und in sämtlichen Kneipen, wo Tag und Nacht der Teufel los ist, solange noch ein Goldstück in den Taschen zechender Burschen klingelt, ist heut der Extrateufel los! Rote und gelbe Lichte zucken hinter den Butzenscheiben, leere Fässer liegen vor den Häusern. Ein Betrunkener, den eben der kräftige Fußtritt eines beliebten Wirtes an die Luft befördert, saust aus »La ville d‘Or« wie aus der Kanone geschossen an mir vorbei. Landet mit mächtigem Platsch in einer tiefen Pfütze. Rappelt sich fluchend auf, zieht die Pistole und knallt ein Loch in den Regen. Setzt sich dann wieder hin und streckt sich aus, der Länge nach. Schnarcht hörbar mitten in der Wasserlache. Morgen wird er das Fieber haben!

Im tollen Rhythmus klimpern Gitarren, zirpen Mandolinen, rasseln Kalebassen, hämmern Trommeln. Spanische und französische, niederländische und englische Texte zu Melodien, die von Negern im dunklen Afrika geboren wurden. Drohend und eintönig oder grell aufreizend und wunderbar rhythmisch dazu.

Vom Hafenbecken her laufen ein paar triefende Männer, tauchen in die Türen der Kneipen, die beim Öffnen goldene Schlaglichter auf die Nässe draußen schleudern.

Bei Barbassou herrscht buntes Gewimmel. Alle Stühle und Bänke sind dicht besetzt. Manch einer hat seine Schöne auf den Knien. Die Musik klingt verwischt, ist sekundenlang gegen den übrigen Lärm unhörbar. Stimmengetöse, Gelächter und Fluchen. Tabaksqualm wogt hin und her wie Pulverschwaden auf einer eben genommenen Karavelle.

Barbassou, älter, faltiger und weißhaarig geworden, die traditionelle rot-seidene Nachtmütze auf dem Schädel, die kurze Lederschürze vor dem Bauch, erspäht mich und kommt mir händereibend entgegen. Er schafft mir Platz, denn bei ihm gehöre ich seit der Affäre Santo Nino zu den Ehrengästen, und es kommt ihm nicht darauf an, dafür einen anderen vor die Tür zu werfen. Rasch steht ein Humpen Claret vor mir, eine Schale mit Tabak, eine neue Tonpfeife und ein Teller voll delikater Markknochen, deren Enden mit rotem Pfeffer bestreut sind.

Ringsum brandet Getöse. Lachende, gerötete Gesichter unter Nachtmützen oder Federhüten tauchen ab und zu aus den Rauchwolken; Hände, die den Würfelbecher schütteln, verkrampfte Finger, die Spielkarten auf den nassen, weinbesudelten Tischen schmettern. Pieces of eight blitzen. Blasse junge Kerle lehnen über die Spieler, halten Augenzwiesprache mit aufgedonnerten Weibern, deren Zuhälter sie sind und für die sie menschliche Beute aussuchen.

Mit einem Mal sitzt eine junge bildhübsche Quadrone auf meinen Knien, lacht mich an und trinkt mit dem roten Schnabel aus meinem Humpen. Und bettelt mich an.

Details

Seiten
638
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941333
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
jamaica

Autor

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Titel: Old Jamaica Rum