Lade Inhalt...

Jenkins Rache

2020 105 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Jenkins Rache

Copyright

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

11

12

13

14

15

16

17

18

19

20

21

22

23

24

25

26

27

28

29

30

32

33

34

35

Jenkins Rache

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 105 Taschenbuchseiten.

Nolan Curtis will mehr. Er ist überzeugt, dass die »Ryland Trucking Company« noch größer werden kann, wenn sie vom Highway wegkommt und sich Schiene, Luft und Wasser untertan macht. Zuerst will er mit der RTC ins Flussschifffahrts-Geschäft einzusteigen.

Curtis Plan wird nicht nur von Jim Sherman abgelehnt, was ihn jedoch nicht hindert, an seinem Vorhaben festzuhalten. Al Jenkins, Eigner des Mississippi-Frachters M.S. Carolina, erhält ein Kaufangebot für sein Schiff von Curtis, aber der ist nicht gewillt, auf dieses miserable Angebot einzugehen, was ihm schmerzhafte Schläge einbringt ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Folge auf Twitter:

https://twitter.com/BekkerAlfred

 

Zum Blog des Verlags geht es hier:

https://cassiopeia.press

Alles rund um Belletristik!

Sei informiert über Neuerscheinungen und Hintergründe!

 

 

1

Die beiden Männer grinsten sich an. Der Breitschultrige nickte Captain Al Jenkins zu.

»Sie sollten das Angebot von gestern wirklich annehmen, Jenkins. Wenn die Bank Ihr Schiffchen versteigert, kommen Sie weit schlechter dabei weg. Aber bitte … wie Sie wollen …«

Auf Captain Jenkins' Stirn schwollen die Zornesadern.

»Von euch Mistkerlen lasse ich mich nicht erpressen! Raus mit euch! Runter von meinem Schiff!« Er wuchtete seinen Körper vor. Mit dem Schmächtigen glaubte er leichtes Spiel zu haben. Doch er hatte sich getäuscht. Er lief in einen rasenden Hagel von präzise geführten Faust- und Handkantenschlägen. Der Schmächtige war nicht stark, aber schnell, und seine Schläge waren außerordentlich schmerzhaft. Er hörte erst auf, als der Captain sich auf dem Boden krümmte.

»Mit uns legt man sich nicht ungestraft an, merk dir das, Jenkins!«, sagte er. Niemand hielt die beiden Männer auf, als sie das Schiff verließen.

Als Jenkins sich stöhnend wieder erhob, flog die Kajütentür auf. Ein etwa fünfundzwanzigjähriger Mann stürmte erschrocken herein. Er griff zu und stützte den doppelt so alten Captain, führte ihn zu einem Stuhl.

»Dad! Was haben sie mit dir gemacht, die Dreckskerle?«

»Was wohl«, keuchte Al Jenkins. »Warum habt ihr sie nicht fertiggemacht, die Schweine? So hat mich noch keiner erwischt, noch keiner, so wahr ich Al Jenkins bin. Diese kleine Ratte wusste ganz genau, wo sie mich treffen musste, und zwar so schnell, so verdammt schnell …« Er spie aus. »Stephen, nimm dir ein paar Jungs und kauf dir dir beiden Typen! Ein Breitschultriger und ein schmales Handtuch. Macht sie fertig, aber passt auf! Der Kleinere ist der Gefährlichere …«

»Die Jungs haben Landgang, das weißt du doch«, sagte Stephen Jenkins. »Nur Ma, Violet und ich sind an Bord. Das haben sie verdammt gut ausgesucht.« Er ging zur Tür. Aber dann stoppte er wieder. »Sinnlos, ihnen nachzulaufen«, dachte er laut. »Die sind längst verschwunden. Selbst wenn ich die Jungs auf den anderen Schiffen mobil mache. Was wollten sie überhaupt?«

»Du weißt doch, dieser Brief, der uns gestern zugestellt wurde. Sie wollten ein bisschen Druck machen.«

»Wie das?«

»Du hast ihn nicht gelesen?«

»Ich hatte anderes zu tun«, erwiderte Stephen. »Du weißt doch, dass ich bei der Bank war. Nichts. Wenn die Dürre noch eine Woche anhält, können wir einpacken.«

»Genau das haben diese Kerle auch gesagt«, murmelte Jenkins. Er starrte Stephen wie hypnotisiert an. »Warum hast du gestern noch nichts davon gesagt? Du bist spät heimgekommen und hast dich gleich in die Koje gelegt.«

»Du und Ma, ihr wart so fröhlich … da wollte ich euch die Stimmung nicht kaputtmachen«, murmelte Stephen Jenkins. »Was war jetzt mit den beiden Kerlen?«

»Erst will ich wissen, was die auf der Bank gesagt haben.«

»Sie sehen keine Geldeingänge auf dem Konto, nur Abbuchungen, Raten, Schecks, Versicherungen, Handgelder, Liegegebühren. Und sie haben mir die Wetterberichte gezeigt. Als ob wir die nicht auswendig kennen würden. Ein Ende der Dürre ist kurzfristig nicht abzusehen, der Wasserspiegel wird eher noch weiter sinken. Wir liegen fest, Dad, und das wissen sie genauso wie wir. Solange wir liegen, können wir kein Geld einnehmen. Auch das wissen sie. Weißt du, wie tief wir in der Kreide stehen? Fünfzehntausend Dollar.«

Jenkins zuckte mit den Schultern.

»Das packen wir innerhalb eines halben Jahres doch wieder, selbst wenn es dreißigtausend werden sollten.«

»Wir packen es nicht, Dad. Sie haben es mir vorgerechnet. Sie wissen nämlich, dass wir die Verträge verlieren sollen.«

»Was?« Jenkins sprang auf. Die Schmerzen durchzuckten ihn wie Messerstiche, und er sank in den Stuhl zurück. »Was sagst du da? Woher weißt du das?«

»Auch von der Bank. Man sagte mir klipp und klar, dass unsere Fracht von Trucks übernommen und auf den Straßen weitertransportiert werden soll. Die Empfänger können nicht länger warten. Die Anschlussfrachten, die wir wieder flussabwärts bringen sollten, sind bereits unterwegs. Man brauchte Platz. Das habe ich mit ein paar Anrufen erfahren. Es bedeutet also, dass wir keine Anschlussfracht mehr bekommen können; man will außerdem erproben, ob die Trucking-Firmen preiswerter fahren können als wir - und schneller.«

»Flussaufwärts bestimmt«, murrte Al Jenkins. »Abwärts aber nicht. Sie müssten schon mit Verlust fahren, wenn sie die Flussschifffahrt unterbieten wollten.«

»Vielleicht tun sie es, nur um unsere Kontrakte zu bekommen«, gab sein Sohn zu bedenken. »Dad, die Trucker kämpfen ebenso ums Überleben wie wir. Es ist schon lange nicht mehr für alle Platz. Wenn sie es aber schaffen, uns Schiffer aus dem Geschäft zu drängen … und das können zumindest die großen Firmen.«

»Ich verstehe«, sagte Jenkins bitter. »Sie unterbieten uns ein paar Monate, bis wir ausgehungert sind. Und dann drehen sie die Preise hoch, aber uns Schiffer gibt es dann nicht mehr. Wie lange können wir durchhalten, Stephen?«

»Vielleicht eine Woche. Dann ist das Limit endgültig erschöpft. Dann gehen wir mit dem Hut in der Hand betteln, damit wir überhaupt noch ein paar Krumen Brot kaufen können.«

Al Jenkins nickte. Er war der Kapitän des Frachters, er kümmerte sich darum, Aufträge hereinzuholen und abzuwickeln. Sein Sohn war der »Finanzminister«. Er sorgte sich um alle Gelddinge. Al Jenkins sah ihn an.

»Ich konnte nicht anders wirtschaften, Dad. Du weißt, dass ich uns alle nie ruinieren könnte. Ich habe keine Fehler gemacht. Du auch nicht. Es ist dieses verdammte Wetter.«

Die anhaltende Hitzewelle, die seit Wochen über dem nordamerikanischen Kontinent lastete, hatte Quellen versiegen und Flüsse austrocknen lassen. Unzählige Farmer standen vor dem Ruin, rund zwölfhundert Counties in dreißig Staaten waren bereits zu Notstandsgebieten erklärt worden. Der Pegelstand des Mississippi war auf den niedrigsten Stand gesunken, seit man 1872 mit den Aufzeichnungen begonnen hatte. Normalerweise war er bis Baton Rouge selbst von Seeschiffen befahrbar; die Flussschiffe kamen bis Minneapolis hinauf. Jetzt lagen allein bei Greenville bereits mehr als tausendachthundert Flussschiffe fest. Auf dem Ohio waren es bei Mound City immerhin »nur« siebenhundert. Die Regierung hatte wegen der anhaltenden Dürre, die mehr und mehr zur Katastrophe wurde, umfangreiche Hilfsmaßnahmen finanzieller und materieller Art beschlossen - aber die galten für die Landwirtschaft. An die Flussschiffer dachte niemand.

»Ich hielt den Brief gestern für einen üblen Scherz«, murmelte Al Jenkins. »Ich wusste nicht, dass es wirklich so schlecht steht. Hier.« Er drehte sich seitwärts und nahm einen Bogen Papier vom Schreibtisch. Der Briefkopf zeigte ein Wappen mit den Buchstaben »R.T.C.«, und der Schriftzug »Ryland Trucking Company« zog sich über die gesamte Breite. Die RTC hatte ihren Sitz in San Antonio, Texas. »Since more than thirty years - greatest haulage of the south - seit über dreißig Jahren - größte Frachtfirma des Südens« war etwas großsprecherisch darunter zu lesen. Stephen Jenkins überflog den Text. Darin wurde dem Eigner des Mississippi-Frachters M.S. Carolina ein Kaufangebot gemacht. Angesichts des Alters des Schiffes wurde eine Kaufsumme von sechzigtausend Dollar geboten, ersatzweise eine Beteiligung der RTC am Aktienkapital, was eine Umwandlung der Geschäftsform in eine Aktiengesellschaft erforderte. Damit würde die RTC zunächst einmal Kapital in die Carolina und ihre Unternehmungen investieren und dafür die Aktienmehrheit erhalten; der Vorschlag lautete auf 75 Prozent für die RTC. Das bedeutete natürlich auch: 75 Prozent der Gewinne würde die Ryland Trucking Company einstreichen. Unterzeichnet war der Entwurf von einem gewissen Nolan Curtis, und in der Anlage befand sich die Fotokopie eines Gutachtens, das genau aussagte, was Stephen Jenkins gestern bei der Bank erfahren hatte. Die Lage war aussichtslos.

»Sie brauchen uns nicht einmal mit Dumping-Frachtraten aus dem Geschäft zu drängen«, murmelte Stephen bitter. »Sie schaffen es, indem sie uns auskaufen. Waren die beiden Schläger deshalb hier?«

»Ja. Sie wiesen mich freundlich darauf hin, wie gut es doch wäre, zu unterschreiben.« Er unterlegte das »freundlich« mit sarkastischem Klang.

»Und dann haben sie dich ebenso freundlich zusammengeschlagen?«

»Ja, indem ich zuerst handgreiflich wurde.«

»Und? Werden wir verkaufen?«

»Niemals«, keuchte Al Jenkins. »Ich lasse mich nicht erpressen. Wir stehen das durch. Die Bank muss uns Geld geben. Es ist doch nicht unsere Schuld, zum Teufel. Es ist höhere Gewalt. Wir können doch nichts dafür, dass man uns nicht mehr fahren lässt.« Er verstummte abrupt. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl. »Nicht mehr fahren lässt«, murmelte er. »Stephen - wir könnten es schaffen. Wir kämen wenigstens bis Davenport, vielleicht sogar bis Dubuque. Wir haben wenig Tiefgang. Wir …«

»Aussichtslos, Dad«, zweifelte Stephen. »Wir laufen auf Grund.«

»Ha!«, sagte Jenkins. »Ich kenne den Mississippi, seit ich denken kann. Ich weiß, wo die tieferen Rinnen sind. Wir sind schmal und schlank, wir könnten es schaffen. Wenn ich vorsichtig manövriere … Wir könnten es wirklich schaffen, Stephen,«

Stephen Jenkins schüttelte den Kopf.

»Erstens«, sagte er und hob die Hand, streckte einen Finger aus, »erstens haben wir Fracht, liegen also weit tiefer, als du annimmst. Und ohne Fracht lohnt sich die Fahrt doch nicht. Zweitens, Dad, liegen fünf Schiffe vor uns vor Anker und blockieren uns. Drittens haben wir Fahrverbot. Wir dürfen nicht ablegen. Höchstens flussaufwärts, um in Baton Rouge neue Ladung aufzunehmen. Und mit der kommen wir auch wieder nur bis hierher. Vergiss es! Vielleicht sollten wir doch eine Aktiengesellschaft daraus machen und wenigstens 51 Prozent herauspokern. Auch die RTC wird nicht unendlich viel Geld zum Investieren übrig haben und wir sind bestimmt nicht das einzige Schiff, das sie haben wollen. Ich halte die 60 000 Dollar für mehr, als sie wirklich zahlen wollen, und wenn sie uns für 45 000 die Aktienmehrheit geben, ist das auch eine ganze Menge.«

»Handgeld«, murmelte Jenkins. »Ein Truck kostet das Doppelte. Und ein Schiff wie unseres ist fünf- bis sechsmal so viel wert.«

»Aber es ist alt, Dad. Es ist zwanzig Jahre alt. Lass uns ein Gegenangebot machen, Dad, wir sind sonst in einer Woche pleite!«

»Es gibt einen Weg«, murrte der Alte. »Fast mein ganzes Leben fahre ich auf dem Mississippi und war immer mein eigener Herr. Das wird sich nicht ändern. Wenn die Kerle wiederkommen, schieße ich sie über den Haufen.«

Stephen sah ihn erschrocken an. »Dad …«

»Das ist mein voller Ernst, Stephen. Und jetzt rede ich mit den anderen Skippern, ob sie auch erpresst worden sind.« Er stapfte aus der Kajüte.

»Dad, mach keinen Unsinn …« rief Stephen hinter ihm her.

Aber Captain Al Jenkins hörte ihn schon nicht mehr.

 

 

2

Die Klimaanlage reduzierte die Temperatur in Nolan Curtis' Büro auf ein erträgliches Maß. Curtis' Sakko lag im Besuchersessel, sein Bolotie hatte er gelockert und den Hemdkragen geöffnet.

Curtis stellte sich vor, an einem Swimmingpool zu liegen, zuweilen ins Wasser zu tauchen, um sich abzukühlen, mit geeisten Drinks und Amber an seiner Seite … doch Ambers Bild verwischte schon bald, machte dem von Mary Anne Colter Platz.

»Du siehst aus, als wurdest du mich mit den Augen ausziehen, Nolan«, sagte sie.

Curtis schreckte aus seinem Tagtraum hoch. Seine Sekretärin, die in seiner Fantasie seine Frau Amber ersetzt hatte, stand in der Tür. Amber war äußerst attraktiv, aber Mary Anne war eine verbotene Frucht - obwohl wahrscheinlich längst jeder in der RTC wusste, dass er ein Verhältnis mit ihr hatte. Selbst Amber dürfte davon wissen, aber sie störte es kaum - sie ging wie Nolan ihre eigenen Wege. Hin und wieder gifteten sie sich deswegen an, aber bislang war ihre Ehe zumindest am gegenseitigen Fremdgehen noch nicht zerbrochen. Gut funktionierte sie allerdings noch nie.

»Du kannst unbesorgt sein«, sagte er. »Wenigstens den Bikini habe ich dir gelassen. Aber vielleicht hole ich den noch nach.«

»Wüstling. Du könntest es live haben«, lockte sie. »Oder geht es dir inzwischen so schlecht, dass du dich nur noch deinen Tagträumen hingibst? Das kann doch nicht sein.«

»Es ist auch nicht so«, sagte er. Er ließ seinen schweren, vielfach verstellbaren Sessel hin und her schwingen. Die kleinen, aber starken Elektromotoren surrten kaum hörbar. »Meine Träume resultieren aus meiner Zufriedenheit. Es klappt alles, Mary Anne.«

»Was klappt? Was hast du wieder angeleiert? Hat es etwas mit dem geheimnisvollen Anruf zu tun, den du eben direkt getätigt hast, ohne Vermittlung?«

Er nickte. »Hat es.«

»Worum geht es dabei?«

Er zeigte sein Haifischgrinsen.

»Was du nicht weißt, macht dich nicht heiß, meine Süße. Wie wäre es, wenn du einen kühlen Drink heranschaffst? Vielleicht lenkt mich das von deinem Bikini ab.«

»Ich trage keinen. Entweder Einteiler oder gar nichts.«

»Letzteres wäre vorteilhafter«, stellte er fest. »Wie ist es nun mit dem Drink?«

In der Tür wandte sie sich um.

»Was willst du von Monica Corrigan, Nolan?«

Da schoss er aus seinem Sessel hoch. Mit ein paar Schritten war er bei ihr, griff an ihr vorbei zur Verbindungstür des Vorzimmers und schloss sie - für den Fall, dass jemand kam.

»Du hast mitgehört«, sagte er kalt. Sie nickte. Ihr Selbstbewusstsein schwand etwas. »Eines wirst du dir merken, Mary Anne Colter«, sagte er kalt. »Wenn ich ein Gespräch direkt führe, wünsche ich nicht, dass sich jemand in die Leitung hängt. Du hast das vielleicht nicht zum ersten Mal, garantiert aber zum letzten Mal getan, verstanden?« Sie nickte stumm. »Denke immer daran, dass du zwar gut am Schreibtisch und besser noch im Bett bist - aber ich kann dich genauso feuern, wie Sharon Hayes irgendwann verschwinden wird, und ich kann dafür sorgen, dass du nirgendwo mehr einen Job findest, sondern in der Gosse landest.«

»Ja«, sagte sie leise. »Das kannst du. Aber warum solltest du es tun?«

»Weil es bisher niemand geschafft hat, mich zu erpressen«, sagte Curtis. »Und wenn er es versuchte, hat er dabei immer den Kürzeren gezogen.«

Warum musste er ausgerechnet jetzt an Slater denken, diese Ratte? Slater würde auch noch auf die Nase fallen. Momentan trug er sie noch hoch, dieser schmierige Kerl. Aber er war nicht aus dem Holz geschnitzt, das Curtis widerstehen konnte.

»Warum drohst du mir, Nolan?«, fragte Mary Anne.

»Ich drohe dir nicht. Ich habe dir nur eine Dienstanweisung erteilt, verbunden mit einer freundschaftlich gemeinten Warnung. Du solltest nie vergessen, dass Arbeit und Privatleben zwei völlig verschiedene Dinge sind.« Er packte sie mit beiden Händen, zog sie ruckartig an sich. Sein Mund fand ihren; er zwang ihr seinen Kuss auf. Im ersten Moment versuchte sie sich zu wehren, dann gab sie nach. Sie schmolz förmlich dahin. Und sie begriff, dass sie ihm nicht widerstehen konnte. Sie würde alles für ihn tun. Vorher wie jetzt und nachher.

Er stieß sie zurück.

»Meinen Drink«, sagte er kalt. »Wie lange habe ich noch darauf zu warten?«

Sie verließ sein Büro. Er starrte auf die geschlossene Tür. Mary Anne schien zu glauben, dass sie unersetzlich war. Sie glaubte es wohl seit dem Moment, als sie in diesem Büro nackt in seinen Armen gelegen hatte; eine Situation, der etliche ähnliche an anderen Orten gefolgt waren. Aber auch ihre Vorgängerinnen waren diesem Irrtum erlegen. Jeder war ersetzbar, auch eine Mary Anne Colter.

Sie war in eine Menge Dinge eingeweiht. Sie wusste vieles, was niemand wissen sollte, und sie zog mit Curtis am selben Strang. Sie wollte an seiner Macht teilhaben, und sie wollte seinen Sex. Solange das so war, vertraute er ihr. Aber zuweilen musste er sie daran erinnern, dass er der Mächtige war. Sie sollte erst gar nicht in die Versuchung kommen, ihr Wissen gegen ihn ausspielen zu wollen.

Und sie sah immer wieder, dass er in der Lage war, seine Versprechungen wahr zu machen. Sie hatte keine Chance gegen ihn. Sie wusste nicht einmal, dass es Slater gelungen war, ihm, Curtis, ein paar unangenehme Minuten zu bereiten. Aber Curtis war schon dabei, den Spieß umzudrehen. Vielleicht würde er Mary Anne später einmal darüber informieren - eine weitere Warnung, nicht nur loyal zu bleiben, sondern auch gehorsam.

Als sie ihm den eisgekühlten Drink brachte, lächelte er schon wieder.

»Dass ich Monica Corrigan zum Abendessen eingeladen habe, hast du ja mitgehört«, sagte er. »Nicht wahr?« Sie nickte stumm. »Eifersüchtig?«

»Natürlich!«, platzte sie heraus. »Du hast mich - wofür brauchst du dann noch sie?«

»Informationen«, sagte er nur.

»Informationen?«

»Darüber, was ihr Vater tun oder nicht tun wird. Sie wird sie mir geben.«

Der alte Jefferson C. Corrigan, der Nolan Curtis lieber von hinten als von vorn sah, war der Boss der »Alamo Trucking«, der größten Konkurrenz der RTC. »Ich will wissen, ob er auch in das Geschäft mit den Mississippi-Schiffern einsteigt. Danach werde ich mein Vorgehen richten.«

»Du willst immer noch in die Schifferei einsteigen?«, wunderte sie sich. »Sherman und O’Neill sind dagegen. Sie haben es dir beide klargemacht.«

»Das halte ich für unwichtig«, erwiderte er. »Die Gutachten, die ich über einige der Schiffer anfertigen ließ, sprechen eine deutliche Sprache. Und Sherman und O’Neill? O’Neill wird mir keine Schwierigkeiten machen, wenn es darauf ankommt. Carla Sue hat sich frustriert in ihre Boutique verkrochen, Amber ist ohnehin in geschäftlichen Dingen immer auf meiner Seite - was zählt da noch Sherman? Der ist ohnehin fast immer unterwegs.«

»Gott sei Dank endlich wieder, nicht?«, ergänzte Mary Anne. »Lange genug hat er dir doch hier auf die Finger zu sehen versucht.«

»Versucht, ja. Mehr nicht. Ein Dieselfresser wie er ist doch gar nicht in der Lage, geschäftliche Zusammenhänge zu überblicken, wie sie hier vorliegen. Die Fäden halte ich. Ohne mich ist er hilflos - sind sie es alle.« Er nippte an seinem Glas. »Also werde ich Monica Corrigan ein paar Fragen stellen, und sie wird mir ein paar Antworten geben, denke ich. Dann weiß ich, was ich fordern kann oder geben muss. Ich hoffe, dass er nicht einsteigt. Aber irgendetwas muss passieren. Wir können uns nicht ewig auf die Straße verlassen.«

»Der King würde sagen: Ein Trucker ist ein Trucker«, sagte Mary Anne.

»Der King ist tot. Ryland hat die Firma vor dreißig Jahren gegründet, und sie ist auf den Highways groß geworden. Aber wir können nur noch größer werden, wenn wir vom Highway wegkommen und uns Schiene, Luft und Wasser untertan machen.«

»Müssen wir denn unbedingt noch größer werden?«, fragte sie leise.

»Das - oder untergehen. Cheers, Mary Anne.« Und er leerte den Rest des Glases in einem Zug.

 

 

3

»Weißt du was?«, fragte Bob Washburn, während der Thunder sich über den Interstate Highway 55 nach Memphis hinein quälte. Der Stadtverkehr, der hier auch auf den Highway übergriff, war schlimm. Die brütende Hitze schien die Autofahrer noch verrückter zu machen, als sie es ohnehin schon waren. »Rat Race« im Trucker-Jargon; Ratten-Rennen.

Washburn und Sherman versuchten Hinweisschilder in Richtung Hafen zu erkennen und schwammen so gut wie möglich im dichten Verkehr mit. Es war kaum zu glauben, wie viele Fahrzeuge eine Stadt wie Memphis, Tennessee, an einem ganz normalen Montagmittag mobilisieren konnte. Dabei, philosophierte Jim Sherman vor sich hin, war Montag eigentlich Schontag. Ihm schien, als kämen auf einen Einwohner mindestens fünf Autos, und alle seien wundersamerweise gleichzeitig unterwegs.

»Ich weiß eine Menge«, brummte er. »Aber was möchtest du speziell wissen?«

»Ich frage mich, wieso jemand auf die Idee kommt, Holzstämme von Memphis, Tennessee, nach Windy City zu verschicken. Gerade so, als ob sie da oben nicht genug Bäume für ihre Papierindustrie hätten.«

»Weißt du die Antwort?«, gab Jim gleichmütig zurück, bremste, gab wieder Gas. Dreizehn Meter vor der langen Schnauze des Kenworth W 900 hörte das Sichtfeld auf. Was sich davor befand, ließ sich nur erahnen oder im Blindflug berühren.

»Nein, natürlich nicht!«, knurrte Bob Washburn.

»Warum fragst du dann mich, wenn du’s nicht weißt, statt jemanden, der es wissen könnte?«

Der ehemalige Box-Champion heulte wie ein getretener Hund.

»Du bist wieder umwerfend komisch, Mister Jim Sherman.«

»Wenn du fällst - bitte in Richtung Tür, nicht zu mir. - Du weißt also nicht, was die Jungs in Windy City mit dem Holz wollen.«

»Weißt du es denn?«

Jim schüttelte den Kopf. »Woher sollte ich? Außerdem kommt das Holz nicht aus Memphis, sondern aus dem Hafen von New Orleans und da von einem Überseefrachter. Weißt du, das sind diese großen Badewannen, bei denen das Wasser normalerweise nicht innen, sondern außen ist und die …«

Bob holte tief Luft.

»Oh, ich bringe ihn um«, murmelte er. »Ich bringe ihn um, wirklich und wahrhaftig. Ich reiße ihn in Stücke, vierteile, häute und wende ihn. Wirklich, ich mach’s! Hast du das vernommen, Jim Sherman?«

»Ich ziehe vor, es zu ignorieren«, sagte Jim dumpf. »Da drüben geht’s zum Hafen.« Er setzte den Blinker und lenkte den Thunder sicher und unfallfrei zum Hafengelände. Er orientierte sich an den zahlreichen Schildern, was mehrere Minuten Standzeit erforderte. Wegweiser mit sage und schreibe über fünfzig Informationen, in relativ kleinen Buchstaben gehalten und ohne Leitfarben, die eine Orientierung erleichtert hätten, waren keine Seltenheit. Aber im Hafen von Memphis schien man der Ansicht zu sein, dass das Personal ohnehin alles kannte und Fremde ruhig suchen oder fragen konnten.

Endlich entdeckte Jim den Weg zum gesuchten Zielgelände, fuhr wieder an und erreichte nach ein paar Minuten die großen Lagerplätze. Rechts eine riesige Fläche mit Containern, links eine riesige Fläche mit Containern. Die beiden Stapelplätze platzten fast aus den Nähten und trugen ihren Namen Platz deshalb durchaus zu Recht, wie Bob bemerkte. Die Ladekräne, riesige auf Schienen laufende Stahlbrücken, standen still. In einiger Entfernung sah Jim die Aufbauten und Ladungen von unzähligen Schiffen auf dem Mississippi.

Er stoppte vor einem kleinen Glaskasten, in dem ein Mann in Zivil und zwei andere in Wachdienstuniformen Däumchen drehten. Als der Truck ankam, bewegte sich der Zivile wie ein betagter Weihnachtsmann am Neujahrstag ins Freie.

Jim kurbelte die Scheibe herunter. Ein Hitzeschwall drang in die bis dahin einigermaßen erträglich klimatisierte Kabine. Jim reichte den Hefter mit den Frachtpapieren hinunter. Der Mann im karierten Hemd und den ausgefransten Jeans winkte ab.

»Dreh wieder um, Buddy! Du siehst doch, dass hier alles voll steht. Du wirst deinen Container nicht los.«

»O doch«, versicherte Jim. »Ich werde ihn los. Wetten wir?«

»Die Wette hast du verloren. Wir haben keinen Stauraum mehr. Da passt nicht mal mehr ’ne Maus hin. Also dreh dein Vehikel wieder um und fahr weiter!«

Jim öffnete die Tür und stieg aus.

»Nichts da. Hier ist mein Abladeplatz. Und hier habe ich den Container hingebracht. Fünfunddreißig Tonnen Papier in Rollen für die Zeitungen in New Orleans. Damit du morgen schon lesen kannst, was übermorgen immer noch nicht passiert ist.«

Bob seufzte. Heute hatte Jim es wieder mal so richtig mit dummen Sprüchen. Aber er hatte auch einigen Grund, guter Laune zu sein. Die nicht enden wollende Hitzewelle bescherte ihnen einige lukrative Zusatzaufträge, zumindest im Gebiet der »Great River Road« am Mississippi entlang. Die Papierrollen, diese riesigen, tonnenschweren Walzen, die sie geladen hatten, wären unter normalen Umständen von Schiffen transportiert worden. Weil die aber nicht mehr fahren konnten, fielen die Aufträge Truck-Unternehmen zu. Wenn es normalerweise so war, dass sich drei Trucker um einen Auftrag prügelten, rissen sich derzeit drei Kunden um einen Truck.

Jim wusste allerdings nur zu genau, dass dieses Geschäft trügerisch war. So sehr sie sich jetzt dumm und dämlich verdienen konnten, so schnell konnte es wieder vorbei sein. Und - die Trucker mochten hier und jetzt verdienen, die Schiffer aber wurden in ihrer Existenz vernichtet. Sie wurden zu leichten Opfern windiger Kredithaie oder Spekulanten, weil sie Geld brauchten, um überleben zu können.

Jim hatte vor kurzem erfahren, dass Curtis beabsichtigte, mit der RTC ins Flussschifffahrts-Geschäft einzusteigen. Er hatte sich mit seinem 15-Prozent-Anteil dagegen ausgesprochen. Aber es stand zu befürchten, dass Pat O’Neill die Klappe hielt und Curtis seinen Kopf durchsetzte. Das war dann der Ruin der Schiffer. Curtis würde sie auskaufen und auf die Straße setzen - und entweder ihre Schiffe verschrotten, die Flotten gesundschrumpfen, um den Transport auf die RTC-Trucks zu verlagern, oder die Schiffer zu schlecht bezahlten Angestellten machen.

Jim kannte Curtis, den Hai. Zu »King« Luke Rylands Zeiten wäre das alles ganz anders gewesen. Aber Ryland war tot, mit einem Tanklastzug einen Hang hinuntergerast und verbrannt. Eine Ära war beendet.

»Mich interessieren die Zeitungen von morgen und übermorgen nicht«, wehrte derweil der Karierte ab. »Ich lese nur Comics. Und ich sage dir, Buddy, dass du mit deinem Kasten auf dem Buckel wieder umdrehst und verschwindest.«

»Der lernt es nie«, murmelte Jim. »Freund, ich stelle dir den Auflieger mit dem Container hin, ob du es willst oder nicht. Ich habe einen Vertrag. Der sagt aus, dass ich das Papier hierher, nach Memphis, zum Hafen-Areal fünfzehn-Strich-drei, zu bringen habe. Anschließend nehme ich in Memphis, im Hafen-Areal fünfzehn-Strich-vier, Holz nach Chicago auf. Schöne große, lange Baumstämme, fertig verladen auf einem Auflieger, den die Agentur Rowes, Marky & Stonewall leihweise zur Verfügung stellt, und die von einem Schiff kommen, das hier in eurem Hafen liegt. Oder ist das hier nicht Memphis, Tennessee?«

»Oh, Hölle und Verdammnis«, murmelte der Karierte. »Sicher, klar. Warum sagst du das nicht sofort, dass du hier wieder laden willst, Buddy? Fahr rüber, lade auf, und dann kannst du auf dem freigewordenen Platz deinen Papiercontainer abstellen!«

»Du hast wohl nicht mehr alle Kerne im Kürbis, wie?«, murmelte Jim. »Kannst du mir sagen, wie ich das machen soll? Die andere Reihenfolge wäre wohl angebrachter.«

»Ob du sie für angebrachter hältst oder in Brasilien ’ne Vogelspinne tot von der Banane rutscht, ist mir egal. Ich habe keinen Platz. Erst lädst du auf, dann kannst du abladen. Anders geht’s nicht.«

»Wetten, dass?«, fragte Jim gelassen. Er ließ den Mann stehen und ging nach hinten. In aller Gemütsruhe kurbelte er am Handrad und brachte die Stützräder des Aufliegers in Bodenkontakt. Der Karierte lief auf ihn zu.

»He, was soll das, Buddy?«

Jim entsann sich, immer noch den Hefter mit den Frachtpapieren in der linken Hand zu halten. »Unterschreib derweil mal die Empfangsbescheinigung«, sagte er.

»Ich bin doch nicht verrückt, Buddy!«, protestierte der Hafen-Mann. »Dreh die Stützen wieder hoch, oder es gibt Ärger!«

Jim kletterte auf das Chassis des Thunder und löste die Strom- und Hydraulikkabel. Dann entriegelte er die Sattelkupplung.

»Hör sofort auf mit dem Mist!«, schrie der Karierte.

»Unterschreib doch erst mal, bevor du dich aufregst«, sagte Jim gelassen.

Als der Mann keine Anstalten machte, zückte Jim einen Kugelschreiber aus der Hemdtasche und Unterzeichnete selbst: »stellvertretend, vor Zeugen: Jim Sherman.« Dann marschierte er nach vorn, betrat den Glaskasten und legte den Hefter seelenruhig auf den Arbeitstisch des Karierten. Die beiden Uniformierten sahen Jim stirnrunzelnd an. Der Karierte folgte ihm.

»Nehmt den Kerl fest!«, bellte er.

Jim grinste.

»Davon kriegst du den Auflieger aber auch nicht wieder aufgesattelt. Schau mal! Mein Partner rollt schon an.«

In der Tat setzte sich der Thunder in diesem Moment dumpf brummend in Bewegung. Die beiden Wachmänner grinsten. Sie dachten nicht daran, einzugreifen. Immerhin war ihnen klar, dass Jim eine Fracht ordnungs- und auftragsgemäß hier ausgeliefert hatte.

»Wir packen uns jetzt das Holz auf den Rig«, sagte Jim. »Danach hast du ja wieder freien Platz, Buddy. Du kannst unseren Papier-Auflieger ja dorthin stellen.«

»Und wie soll ich das machen, du Hammel?«, brüllte der Karierte.

»Na, ist doch ganz einfach. Befolge einfach deinen eigenen Ratschlag - so wie wir hätten laden und abladen sollen. In genau dieser Reihenfolge.« Jim verließ das brütend heiße Glashäuschen. Gerade rollte der Thunder an der Tür vorbei. Jim riss die Tür auf, sprang aufs Trittbrett und katapultierte sich mit oft geübtem Schwung auf den Shotgun-Sitz. Der Thunder fuhr schneller; der Fahrtwind drückte die Tür ins Schloss.

»Na, dann wollen wir mal«, sagte Jim zufrieden.

 

 

4

Al Jenkins hörte Stimmengewirr, als er vom fünften benachbart liegenden Schiff zurückkam und sich seiner Carolina näherte. Die Handkantentreffer des schmächtigen Schlägers wirkten erfreulicherweise nicht mehr nach. Dennoch hatte Captain Jenkins seine Lektion gelernt. Beim nächsten Zusammentreffen würde er vorsichtiger sein - und dieses Treffen würde kommen, da war er sicher. Man setzte ihn unter Druck, und dieser Druck würde anhalten. Und wie er die Lage einschätzte, würde der Preis für Aufkauf oder Beteiligung von Mal zu Mal sinken. Wahrscheinlich kam morgen mit der Post der nächste Brief der RTC.

Wie er sie hasste, diese Weiße-Kragen-Typen in ihren vollklimatisierten Büros, die über Wohl und Wehe anderer Leute entschieden, die sie nie im Leben gesehen hatten, von denen sie vielleicht kaum mehr als die Namen kannten. Diese Schreibtischtäter, die im Monat Tausende von Dollars scheffelten, ohne sich jemals die manikürten Fingernägel zu beschmutzen, während Männer wie Jenkins sich abschufteten, bis ihnen die Knochen krachten, und dennoch kaum einmal zu etwas kamen.

Er hatte mit den anderen Skippern gesprochen. Von denen war keiner bereit, die Fahrt nach Norden zu wagen.

»Wir sind doch nicht blöd und setzen unsere Schiffe auf Grund«, hatten sie einhellig erklärt. »Der Pegel sinkt von Tag zu Tag. Und selbst wenn es jemand schafft, bis Dubuque zu kommen, wird er den Rückweg nicht mehr packen, weil bis zum Löschen und neuer Beladung so viel Zeit vergangen ist, dass der Mississippi nur noch fünf Zentimeter breit ist.«

»Dann lasst mich wenigstens fahren! Macht mir und meiner Carolina den Weg frei!«, hatte Jenkins gefordert.

Brinss und Bethman, alte, erfahrene Flussschiffer, hatten schlichtweg abgelehnt.

»Es besteht behördliches Fahrverbot, und wir denken nicht daran, dir Vorschub zu leisten, indem wir Platz machen, Jenkins. Wir bleiben an unseren Ankerplätzen und wenn du dich auf den Kopf stellst!« Carlo Sharona, dessen Vorfahren aus Italien eingewandert waren, hatte deren heißes Blut geerbt.

»Wenn ich ein Stück vorziehe, schaffst du es dann durchzukommen?«

Jenkins hatte sich die Sache angesehen und genickt.

»Du brauchst bloß bis vorn durchzugleiten. Dann habe ich rechts und links eine Handbreite Platz und schaffe es. Danke, Sharona!«

»Ich würde ja am liebsten auch mitfahren«, behauptete Sharona. »Mir stinkt’s, und so groß ist das Risiko noch nicht. Wenn wir nur eine Fuhre schaffen, sind das rund zehntausend Dollar. Nach Abzügen und Tanken bleiben vielleicht tausend Dollar übrig. Das hilft uns ein paar Tage weiter. Aber meine Rita wird mir die Bratpfanne um die Ohren schlagen … Ich kann dir nur Platz machen, Jenkins, mehr nicht.«

Die anderen Skipper hatten beide, Jenkins und Sharona, für komplett verrückt erklärt. Sharona sah es als Kompliment. Jenkins brauste auf, verließ die ungesellige Runde aber ohne Streit wieder.

Jetzt hörte er das Stimmengewirr. Er erreichte den Liegeplatz seiner Carolina. Etwa zehn Arbeiter standen da. Zwei diskutierten heftig mit Stephen Jenkins, der mit den Armen wedelte und immer wieder den Kopf schüttelte. Die zehn Männer drängten, an Bord zu kommen. Stephen verwehrte es ihnen.

Al Jenkins kam heran. Er ahnte Unheil, konnte aber den schmächtigen Schläger nicht unter den Männern erkennen. Das beruhigte ihn ein wenig.

»Was ist hier los?«, fauchte er.

»Die wollen unsere Ladung löschen«, erklärte Stephen, bevor einer der zehn Arbeiter etwas sagen konnte. »Wollen einfach an Bord kommen und uns die Fracht abnehmen. Die Hafenverwaltung hätte sie geschickt.«

»Verschwindet!«, knurrte Jenkins die Männer an. »Hier wird keine Ladung gelöscht!«

»Wer bist du denn überhaupt, Mac?«, fragte der Vorarbeiter verdrossen. »Misch dich nicht in unsere Unterhaltung ein …«

»Ich bin der Captain dieses Schiffes«, stellte Jenkins fest. »Und ich prügele euch einzeln wieder von Bord, wenn ihr auch nur einen Fuß auf meine Planken setzt. Verstanden?«

»Verstanden nicht, nur gehört«, versetzte der Vorarbeiter trocken. Er fischte einige Papiere aus der Gesäßtasche. Gut sahen sie nicht mehr aus, aber lesbar. Daraus ging hervor, dass die Ladung der M.S. Carolina, Eigner Al Jenkins, unverzüglich zu löschen sei.

»Ihr seid ja alle verrückt!«, keuchte Jenkins. »Das geht nicht. Dazu muss ich meine Einwilligung geben, und die kriegt ihr nicht. Ich habe den Auftrag, das Holz nach Chicago, Illinois, zu bringen, und das werde ich auch tun. Die Ladung bleibt folglich an Bord.«

»Der Hafenkapitän hat uns beauftragt, mit dem Löschen anzufangen«, stellte der Vorarbeiter trocken fest. Er deutete mit dem Daumen über seine linke Schulter auf die beiden großen Ladekräne. »Wir haben schon alles klar.«

»Dann mach’s mal wieder unklar«, sagte Jenkins. »Verzieht euch! Aber ganz schnell.« Er schob sich an Stephen vorbei auf die Planken, die an Bord führten. »Wer einen Fuß an Deck setzt, geht baden«, versprach er. »Die Hafenratten werden sich freuen. Wer zum zweiten Mal auftaucht, kriegt eine Kugel! Verstanden?«

»Dad«, murmelte Stephen unruhig. »Das geht zu weit! Das kannst du nicht machen!«

»Und ob ich kann. An Bord meines Schiffes bin ich ein kleiner Herrgott. Verschwindet, ihr Landratten!«

Er zog Stephen mit sich und holte dann die Bretter ein, so dass die Carolina nur noch durch die Taue mit dem Pier verbunden war.

»Heute Nacht laufen wir aus«, murmelte er seinem Sohn zu.

Der sah den alten Captain Jenkins an wie ein Gespenst.

 

 

5

Areal 15/4 lag auf der anderen Seite der Zufahrtsstraße. Bob kurvte mit dem Thunder herum, konnte aber nirgends einen Holztransport-Auflieger entdecken.

»Sag mal, Jim, könnte es sein, dass man uns in die Wüste geschickt hat?«, erkundigte er sich.

»Trotz der Hitze unwahrscheinlich. Bei dem Gedränge von Auftraggebern wird man sich hüten, uns zu verkaspern«, entgegnete Jim. »Wahrscheinlich ist unsere Fracht noch auf dem Schiff. Das heißt, dass wir warten dürfen. Stell den Thunder ab!«

»Vielleicht sind die gar nicht hier angekommen und liegen noch in New Orleans oder in Baton Rouge«, gab Bob zu bedenken.

»Unsinn«, sagte Jim. »In unserem Auftrag steht ausdrücklich: Wir übernehmen im Hafen von Memphis, Tennessee, einen Teil der Ladung der M.S. Carolina, Eigner Al Jenkins. Das ist eindeutig.«

Bob seufzte.

»Ich möchte doch wirklich einmal eine Fracht ohne Schwierigkeiten und Ärger haben. Wirklich nur einmal.«

»Wunschträume …«

Jim machte sich auf den Weg nachzufragen, was mit seiner Ladung los war. Erfreulicherweise bekam er es diesmal mit einem anderen Mann zu tun als dem im karierten Hemd. Er wies seinen Agenturauftrag vor.

»Ihr Transportauflieger ist da, Mr. Sherman. Er steht in einer Halle. Wir parken jedes Fahrzeug grundsätzlich überdacht, wissen Sie. Aus Sicherheitsgründen.«

»Schön, dann kann ich ja aufsatteln.«

»Wie?«, staunte der Mann, der sich Boyd Bengtsen nannte. »Sie wollen leer losfahren?«

»Was heißt leer?«

»Dass wir noch nicht laden konnten. Wir haben ein paar Probleme mit dem Skipper. Der hat mit Prügeln und Schüssen gedroht für den Fall, dass wir seine Ladung löschen wollten. Da - da fährt er gerade.« Er deutete auf einen betagten Landrover, der gerade mit halsbrecherischem Tempo von den Piers kam. Ein Mann mittleren Alters saß mit verbissenem Gesicht am Lenkrad. Im nächsten Moment war er verschwunden, wie ein Gespenst. Nur pflegten Gespenster lautlos zu kommen und zu gehen, nicht mit donnerndem Motor und röhrendem, defektem Auspuff.

»Der verrückteste Skipper, den der Mississippi je gesehen hat«, sagte Bengtsen. »Der Hafenkapitän will ihn mit einer Strafgebühr belegen, wenn er sich weiter querköpfig anstellt. Der Mann behauptet, er könnte seine Ladung selbst ans Ziel bringen. Dabei hat er schon zehn Meilen von hier kaum noch drei Zentimeter Wasser unter dem Kiel. Der spinnt, dieser Jenkins.«

Jim seufzte. Er konnte Jenkins verstehen. Der Mann war stocksauer, weil man ihm die Fracht abnahm. Aber die juristischen Probleme interessierten Jim nicht. Dafür waren andere zuständig. Er hatte eine Fracht zu fahren, die andere nicht fahren konnten.

»Wie lange kann es dauern, bis ich meine Ladung habe?«

Bengtsen zuckte mit den Schultern.

»Woher soll ich das wissen? Es kommt darauf an, wann uns dieser Irre an Bord lässt. Das kann noch dauern. Wahrscheinlich wird der Hafenkapitän den Wachdienst oder die Hafenpolizei beauftragen, das Löschen der Ladung sicherzustellen. Aber das geht alles nicht innerhalb weniger Minuten. Ich denke, vor morgen früh kommen Sie nicht weg.«

»Prachtvolle Aussichten«, murmelte Jim.

»Schauen Sie sich Memphis an«, empfahl Bengtsen. »Ist die schönste Stadt von ganz Tennessee, wenn nicht sogar von ganz Amerika.«

»San Antonio ist schöner«, behauptete Jim.

Details

Seiten
105
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941272
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v902479
Schlagworte
jenkins rache

Autor

Zurück

Titel: Jenkins Rache