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Reite bis zum letzten Kampf

2020 140 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Reite bis zum letzten Kampf

Copyright

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7

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Reite bis zum letzten Kampf

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 140 Taschenbuchseiten.

 

Vor sechs Jahren verlor Chad Thompson seinen rechten Arm und wurde bei Wells Fargo entlassen. Nun steht plötzlich ein alter Kamerad vor ihm und fordert ihn auf, im Sonderauftrag für die Company zu reiten. Fünfzigtausend Dollar gilt es vor Banditen zu beschützen, die eine Postkutsche mit dem wertvollen Inhalt blockieren. Doch so einfach scheint die ganze Sache nicht zu sein, denn an dem Gold sind noch mehr Leute interessiert.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Steve Mayer nach Motiven, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die Stadt lag wie ausgestorben unter der glühenden Colorado-Sonne. In der Mittagsstille wirkte das rostige Knarren der Schwingtür überlaut. Chad Thompson brauchte eine Weile, bis sich seine Augen nach dem grellen Sonnenlicht an die Dämmerung im Saloon gewöhnten. Dann erkannte er die hagere Gestalt am Ende der Theke, und sein Gesicht wurde hart und ausdruckslos. Der Mann drehte sich langsam zu ihm um. Tiefliegende Augen brannten in einem fahlen, hohlwangigen Gesicht. Augen, in denen Chad sein eigenes Todesurteil lesen konnte. Mit einem Schlag war die Erinnerung wieder in ihm lebendig. Das Krachen der Schüsse, die damals vor sechs Jahren gefallen waren, dröhnte ihm wieder in den Ohren. Mechanisch hämmerten seine Stiefelabsätze über den Bretterboden des Saloons. Der Hagere hielt ein halbvolles Whiskyglas in der knochigen Hand. Seine strichdünnen Lippen verzogen sich zu einem grimassenhaften Grinsen.

„Willkommen in Alamosa, Thompson!“, krächzte er hämisch. „Dein letzter Drink geht auf meine Kosten. Bedien dich nur!“

Außer ihm und Chad war nur noch ein Mann im Raum. Er hockte an einem runden Tisch in der Ecke, hatte den Stetson halb übers Gesicht gezogen und schien zu schlafen. Sein Stuhl war gegen die rissige Lehmziegelmauer zurückgekippt. Wie zufällig hing seine rechte Hand dicht neben dem Holster mit dem großkalibrigen Colt. Vom Keeper war nichts zu sehen. Die Ruhe hier drinnen war undurchsichtig und trügerisch.

Chad trat an die Theke. Im halbblinden Spiegel über dem Flaschenregal konnte er sich selbst sehen.

Er war ein großer, breitschultriger Mann, den der Staub eines langen Trails durch einsames, heißes Land von Kopf bis Fuß bedeckte. Sein graues Schläfenhaar bot einen auffälligen Kontrast zum tief gebräunten, verwitterten Gesicht. Der rechte Ärmel seines Baumwollhemdes war leer und mit einer Sicherheitsnadel an der Schulter festgesteckt. Seit sechs Jahren hing Chads Peacemaker Colt an der linken Seite.

Chad griff nach einer bauchigen Flasche, goss sich ein Glas halbvoll und leerte es mit einem Zug. Dann legte er eine Münze auf die Messingplatte der Theke und wandte sich dem Hageren zu, der ihn mit glühenden Augen unverwandt beobachtete.

„Du bist der letzte, von dem ich mir einen Whisky bezahlen ließe, Bruce, und das weißt du!“

Emmet Bruce stellte langsam sein Glas auf die Theke zurück.

„Große Töne für einen alten, einarmigen Revolvermann, der seit Jahren keinen richtigen Job mehr besessen hat. Hältst du dich noch immer für den gefürchteten Tiger von damals?“ Er lachte verzerrt. „Ziemlich schwierig, nach so langer Zeit auf die Linke umzulernen, was? Wie gut bist du denn damit, Thompson, he?“

„Gut genug für dich! Ich habe deine Spur draußen in den Hügeln entdeckt. Ich wusste, dass du hier auf mich lauern würdest. Das sollte dir als Antwort genügen.“

Bruces Grinsen verschwand blitzartig. Seine Haltung versteifte sich. „Du bist nicht nur alt, sondern auch verrückt geworden, Thompson. Ein verrückter Selbstmörder! Jawohl, das ist genau das richtige Wort.“

„Um so schlimmer für dich, Bruce, meinst du nicht?“ Chad trat einen Schritt von der Theke weg. Seine linke Hand schwebte jetzt locker über dem glatt gewetzten Walnussholzknauf des Peacemakers. „Worauf wartest du noch?“

Der Hohlwangige sah einen Moment so aus, als würde er seinen Revolver herausreißen und endlich zu Ende bringen, was damals vor sechs Jahren begann. Seine Finger zuckten. Dann schüttelte er den Kopf, schnallte den Gurt auf und warf ihn samt der in der Holster steckenden Waffe auf die Theke. „So nicht, Thompson! Ich werde meine Rache dafür, dass du mich ruiniert hast, ohne Risiko bekommen. Ein Kerl wie du verdient keine Chance. Das habe ich dir schon damals in Nebraska geschworen. Jetzt ist es soweit, Thompson. Jetzt bezahlst du mit deinem Leben. Es ist aus mit dir!“

Nie zuvor hatte Chad soviel Hass und wilden Triumph auf dem Gesicht eines Mannes gesehen. Schräg hinter Chad sagte die kalte Stimme des Kerls, der sich schlafend gestellt hatte: „Dreh dich um, Thompson! Ich werde dich mitten ins Herz treffen!“

Ein Colthammer knackte metallisch. Für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Emmet Bruce stieß ein irr klingendes Lachen aus. Es endete mit einem schrillen Misston. Chad flog herum. Es war lange her, dass er zum letzten Mal sein Schießeisen auf einen Gegner gerichtet hatte. Aber die Nähe des Todes verlieh ihm die alte raubtierhafte Schnelligkeit zurück. Seine Linke packte den Coltkolben und riss die langläufige Waffe aus dem eingefetteten Leder. Gleichzeitig sprang Chad zur Seite.

Über der Kante des runden Ecktisches stand eine gelbrote Mündungsflamme. Bruces Schießer saß noch immer auf dem Stuhl. Sein grausames, wölfisches Gesicht verschwand hinter quirlendem Pulverdampf. Die Detonation drohte das Gebäude auseinanderzureißen. Im Regal hinter der Theke zerplatzte eine Flasche in tausend Scherben.

Chad feuerte noch in das Zusammensinken des Mündungsblitzes hinein. Der mit dem Wolfsgesicht fuhr kerzengerade vom Stuhl hoch und schoss noch einmal. Aber da zeigte der Lauf seines Revolvers bereits nach unten. Die Kugel bohrte sich in den Bretterboden. Dann stürzte der Kerl vornüber und blieb mit schlaff herabbaumelnden Armen über der Tischplatte liegen.

Chad war schon wieder halb herumgezuckt. Bruces knochige Rechte hatte sich um den Revolver auf der Theke geschraubt. Da sah er Chads rauchende Coltmündung auf sich gerichtet.

„Versuch es nur!“, sagte Chad heiser.

Bruce schluckte trocken, und zog widerstrebend die Hand von der Waffe zurück. Sein Gesicht wirkte jetzt noch fahler und spitzer als zuvor. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. „Es ist glatter Mord, wenn du jetzt abdrückst, Thompson!“

Chad ging steifbeinig auf ihn zu, bis die Mündung seines Peacemakers des anderen Körper berührte.

„Und was hattest du mit mir vor?“ Sein Gesicht glich einer von dunklen Rissen durchzogenen Bronzemaske, in der nur die Augen funkelndes Leben zeigten.

„Du hast dich nicht geändert, Emmet. Du bist noch genau der gleiche hinterhältige Schurke, der damals in Nebraska den großen Mann gespielt hatte. Du weißt verdammt genau, dass ich damals nur meine Pflicht getan habe, als ich deinen Anschlag auf den Wells-Fargo-Transport verhinderte. Mit deiner verfluchten Gier nach Beute hast du dir damals selber die Maske des angesehenen Ranchers vom Gesicht gerissen. Und jetzt glaubtest du, leichtes Spiel mit mir zu haben, weil mich jene Schießerei einen Arm gekostet hat. Was willst du eigentlich mit deiner Rache, Bruce? Deinen einstigen Stolz aufpolieren? Den Stolz eines Mannes, der vom Großrancher zum gehetzten Desperado wurde?“

Unvermittelt steckte Chad seinen Colt in den Holster zurück. Seine Stimme klang plötzlich müde und verbittert. „Verschwinde, Bruce! Ich werde mir die Hände an dir nicht schmutzig machen. Lass es dir eine Lehre sein. Sieh zu, dass wir uns nie wiedersehen. Los, hau schon ab, Mann! Du ahnst gar nicht, wie du mich anwiderst.“

Obwohl Bruce nur die Hand nach seinem Revolvergurt auszustrecken brauchte, kehrte ihm der große einarmige Mann den Rücken zu. Eine Weile war nur Emmets stoßweises Keuchen zu hören. Dann scharrten seine Tritte in Richtung zur Tür. Der Gurt mit der Waffe lag noch immer auf der Theke. Im Barspiegel sah Chad die schlaffe Gestalt über dem Ecktisch. Bitterkeit schnürte ihm die Kehle zu. Der Geruch des Pulverrauchs, der noch immer zwischen den Wänden hing, erfüllte ihn mit Ekel.

An der Tür blieb Bruce nochmals stehen. „Und ob wir uns wiedersehen, Thompson! Schneller, als du denkst!“ Seine Stimme wurde wieder schrill und höhnisch. „Wallace, den du erschossen hast, war nur einer aus meiner Mannschaft. Du hast die Spuren doch nicht gut genug gelesen, Thompson. Ob du‘s nun glaubst oder nicht, du bist wirklich nicht mehr der unbesiegbare Wells-Fargo-Reiter von einst. Den Beweis dafür trete ich dir gleich an, Thompson. Dann wirst du vor mir im Staub liegen und deinen Pflichteifer von damals verfluchen. Lebend kommst du nicht mehr aus Alamosa ‘raus. Meine Jungs warten schon, da draußen.“

Als Chad sich umdrehte, sah er nur noch die ausschwingenden halbhohen Türflügel. Bruces Stiefel hämmerten den hölzernen Gehsteig entlang. Irgendwo schrillte ein Pfiff. Ein Pferd wieherte. Dann herrschte schon wieder die gleiche bleierne Stille wie bei Chads Ankunft in der Stadt. Eine unwirkliche, drohende Stille, wie vor einem mörderischen Orkan. Chad presste die Lippen zusammen. Die Linien von Resignation und Bitterkeit traten deutlich in seinem kantigen Gesicht hervor.

Von der schmalen Holztreppe, die neben der Theke ins Obergeschoss schwang, drang ein leises Lachen. „Damit sitzt du wieder einmal ganz schön in der Tinte, alter Satteltramp. Seltsam, dass Burschen wie du und ich nie mehr von ihren Schießeisen loskommen, was?“

Die Stufen knarrten. Chads Kopf ruckte herum. Die Starre auf seiner Miene zerbröckelte. Seine Augen leuchteten auf. „Ben! Großer Himmel, das gibt es doch gar nicht! Ben Lorman von der Wells-Fargo-Company! Ich träume wohl!“

Der Mann, der lächelnd die Treppe herabkam, war groß wie Chad, aber etliche Jahre jünger. Aber auch sein dunkles Haar war schon von ein paar grauen Fäden durchzogen. Er war sehnig und bewegte sich geschmeidig wie eh und je. Unter der fransenverzierten Hirschlederjacke lugte der Boden eines tief geschnallten Holsters hervor.

„Hallo, Chad! Nennst du das einen Traum, was sich da eben abgespielt hat?“

Der Glanz in Chads Augen erlosch. Er drückte Ben die Hand. „Ich freue mich trotzdem, dich wiederzusehen, alter Junge.“

„Dazu hast du auch allen Grund, Amigo!“ Lachend schlug ihm Lorman auf die Schulter. „Bruce hat noch vier gefährliche Burschen dabei, die förmlich darauf brennen, sich seinen Revolverlohn zu verdienen. Allein hättest du keine Chance gegen diese Halunken. Daran gibt es gar keinen Zweifel.“

„Du bist gut informiert, Ben.“

Lorman zeigte ein schimmerndes Raubtiergebiss, als er zwei Gläser aus der bauchigen Flasche füllte, aus der sich Chad schon vorhin bedient hatte. „So zufällig, wie du glaubst, Chad, bin ich gar nicht hier.“

„Meinetwegen etwa?“

„Genau, Muchacho! Was ist? Willst du nicht auf unser Wiedersehen einen trinken? Cheerio, Partner!“

„Cheerio, Ben!“ Sie stellten die leeren Gläser auf die Theke zurück. Lorman wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.

„Ich habe Arbeit für dich, Compadre! Gutbezahlte Arbeit obendrein – Revolverarbeit! “

Chad starrte ihn überrascht an. Dann schüttelte er langsam den Kopf und blickte zur Tür, durch die Bruce vor wenigen Minuten verschwunden war. „Ich glaube nicht, dass das der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu reden. Wir werden nachher …“

„Es wird kein Nachher geben, Chad, wenn wir uns jetzt nicht einig werden!“ Lormans Stimme klang überraschend hart und entschlossen. Das Lächeln war aus seinem scharf geschnittenen Gesicht verschwunden. Seine dunklen Augen wichen Chads fragendem Blick nicht aus.

„Tut mir leid, Chad, dass ich von Anfang an klare Grenzen ziehen muss. Ich werde nur dann an deiner Seite gegen Bruces Revolverkerls antreten, wenn ich deine Zustimmung zu meinem Angebot habe. Es geht darum, dass wir …“

„Schon gut, Ben“, unterbrach ihn Chad verschlossen. „Bruce hat es nur auf mich abgesehen. Du hast mit jener Sache in Nebraska nichts zu tun. Ich werde ihn nicht warten lassen.“

Chad löste sich ruckartig von der Theke. Mit wenigen Schritten holte ihn Lorman ein und packte ihn an der Schulter. „Sei nicht verrückt, Chad. Spiel jetzt nicht den Dickschädel, Menschenskind, das kannst du dir nicht leisten. Nein, sag jetzt nichts, Chad, hör mich erst an. Ich bin mit einem Auftrag unterwegs. Ich reite noch immer für die Wells Fargo. Es geht um einen Haufen Geld, auch für mich, Chad. Natürlich waren wir einmal Freunde und sind es immer noch. Aber die Company hat mein Wort, und ich kann mich nicht einfach in eine Schießerei einmischen, die mit meinem Auftrag nicht das Geringste zu tun hat. Das musst du verstehen …“

„Du schuldest mir keine Rechtfertigung, Ben.“

Lorman verdrehte seufzend die Augen. „Noch immer der stolze alte Tiger. Was hast du bloß davon, wenn du ein paar Stunden später auf dem lausigen Boothill dieser Stadt verscharrt wirst? Pass auf, Chad! Du hast die einmalige Chance, dir tausend Dollar bar auf die Hand zu verdienen, wenn du mit mir in die San-Juan-Mountains hinaufreitest. Tausend Wells-Fargo-Dollar! Chad, mal ehrlich, wie lange ist es her, dass du so viel Geld auf einem Haufen gesehen hast?“

„Nicht lange genug, um vergessen zu haben, dass die Wells Fargo keinen Cent umsonst herausrückt. Schon gar nicht für einen Mann, der nur noch einen Arm besitzt. Die Erfahrung habe ich schon vor sechs Jahren gemacht, als es in der Company plötzlich keinen Job mehr für mich gab.“

„Lass jetzt die Schreibtischbosse aus dem Spiel, Chad!“, knurrte Lorman. „Ich bin es, der dir den Job bietet. Natürlich habe ich alle Vollmachten von der Company. Aber du bist genau der richtige Mann dafür. Erinnerst du dich an Red Canyon?“

„Sicher. Ich war dort eine Zeitlang Town-Marshal, ehe mich die Wells Fargo als Revolvermann und Begleitreiter anheuerte.“

„Eben! Du kennst dich da oben in den San-Juan-Bergen aus wie kein anderer. Red Canyon wird unser Ziel sein, Chad. Ein Goldtransport der Company steckt dort seit geraumer Zeit fest. Fünfzigtausend Dollar in Gold! Stell dir das mal vor, Amigo. Auf so einen Batzen kann nicht mal Wells Fargo verzichten. Die Ladung sollte von den Goldminen bei Burango aus über die Berge nach Alamosa befördert werden. Red Canyon sollte nur eine Zwischenstation sein. Die Company wurde zu spät davon benachrichtigt, dass sich mittlerweile da oben der berüchtigte Joe Ryman mit seiner Bande festgesetzt hat. Und seitdem ist auch die Kutsche überfällig. Mein Auftrag lautet schlicht und einfach, das ganze verdammte Gold sicherzustellen.“

„Ryman wird mit der Beute längst auf und davon sein.“

„O nein! So leicht hat es ihm die Company nun auch nicht gemacht. Mit der Kutsche waren sechs ausgesuchte Scharfschützen unterwegs. Obendrein habe ich inzwischen neue Nachrichten aus Red Canyon. Es heißt, die überlebenden Wells-Fargo-Leute haben sich eingeigelt und verschanzt und sind noch immer entschlossen, bis zur letzten Patrone um ihr Leben und das Gold zu kämpfen. Jetzt kommt es nur darauf an, dass wir nicht zu spät zur Stelle sind. Natürlich wird das kein Kinderspiel, Chad. Aber für tausend Dollar muss sogar ein bestbezahlter Cowboy mehr als zwei Jahre lang schuften, dass ihm die Knochen krachen. Tausend Dollar sind genau die Chance, die du für eine neue Zukunft brauchst. Machen wir uns da nur nichts vor, Chad.“

„Meine Zukunft entscheidet sich zuerst einmal da draußen auf der Main Street von Alamosa, Ben. Adios! Mach‘s gut! Wenn einer wirklich mit Joe Ryman fertig wird, dann bist du es.“

„Chad, das ist nicht dein …“

„Thompson, wie lange willst du mich noch warten lassen?“, drang Bruces vor Hass und Ungeduld zitternde Stimme herein.

Chads breite Schultern strafften sich. „Ich komme!“

Ohne sich nochmals nach Lorman umzusehen, verließ er mit langen Schritten den Saloon.

 

 

2

Sie warteten auf dem gegenüberliegenden Plankensteig: Zwei drahtige, staubbedeckte Kerle, denen es in den verkniffenen Gesichtern geschrieben stand, dass sie für hundert Dollar ihrem besten Freund in den Rücken schießen würden. Breitbeinig, ein lauerndes Grinsen auf den schmalen Lippen, starrten sie dem Einarmigen entgegen. Einige Yards daneben saß Emmet Bruce unter einem schattigen vorspringenden Dach in einem Korbsessel. Seine Spinnenfinger spielten mit der vergoldeten Uhrkette. Dass er vor Kurzem noch voller Todesangst in Chads Coltmündung gestarrt hatte, war ihm nicht mehr anzumerken. Jetzt drückte er wieder all das aus, was er vor sechs Jahren in Nebraska gewesen war: der große überlegene Boss, der andere die Dreckarbeit für sich verrichten ließ und dem keiner etwas anhaben kann. Er trug noch immer keine Waffe.

Chad trat langsam an die Kante der Saloonveranda. Alamosa wirkte noch immer wie von einem Pesthauch leergefegt. Es war nicht nur die Glut der Mittagssonne, die die Stadtbewohner in die Häuser bannte. Chad kannte das. Nicht zum ersten Mal trennte ihn nur die Straßenbreite von tödlich entschlossenen Gegnern. Das Rad der Zeit schien an diesem Tag zurückgedreht. Jetzt war er wieder der Mann, der einmal zu den besten Revolverkämpfern der Wells-Fargo-Company gehört hatte. Kalte Ruhe erfüllte ihn. Seine wachsamen grauen Augen suchten aus dem Hutschatten heraus die benachbarten Häuserfronten ab. Lorman hatte von vier Männern gesprochen, die Bruce noch gegen ihn aufzubieten hatte. Überdies hatte er zur Genüge bewiesen, wie er sich seine heißersehnte Abrechnung mit dem ehemaligen Wells-Fargo-Reiter vorstellte.

Nirgends im Schatten zwischen den Holz und Adobehäusern zeigte sich auch nur die Spur einer Bewegung. Aber Chad wusste, dass sie da waren. Mit dem Instinkt des Mannes, der sein halbes Leben in der Wildnis verbracht hatte, witterte er förmlich die unsichtbare Gefahr. Ein Zug harter Verachtung kerbte sich um seinen Mund.

„Da bin ich, Bruce! Glaub ja nicht, dass ich dich um Gnade anflehe. Denk lieber an Wallace.“

Jetzt kam es darauf an, wer die besseren Nerven besaß. Falls es für Chad überhaupt noch eine Chance gegen diese Übermacht gab, dann musste er Bruces Heckenschützen aus ihrer Reserve locken. Um seinen Worten den nötigen Nachdruck zu verleihen, spuckte Chad in den Straßenstaub.

Bruce beugte sich im Sessel vor. „Wallace war ein Dummkopf, dem niemand eine Träne nachweinen wird. Genauso wenig wie dir! Du hast einmal Glück gehabt, Thompson. Jetzt bist du schon so gut wie tot.“

„Das Geschwätz eines Feiglings, der andere für sich in die Hölle springen lässt!“, versetzte Chad klirrend. „Bruce, hast du diesen beiden billigen Revolverschwingern nicht erzählt, wie Wallace gestorben ist? Dass er schon den Finger am Drücker hielt und den ersten Schuss hatte?“

Im Saloon hinter Chad rührte sich nichts mehr. Chad zwang sich, jetzt nicht an seinen ehemaligen Sattelpartner Ben Lorman zu denken. Die versteckten Killer verrieten sich noch immer nicht. Groß und aufrecht wie Chad dastand, bot er ein deutliches Ziel. Aber er begriff, dass er noch mehr riskieren musste.

Einer der beiden Schießer zischte: „Verdammtes Großmaul! Meinst du, du brauchst nur die Zähne zu fletschen, um uns das Gruseln beizubringen? Na los doch, du großer Held, du musst uns schon beweisen, wie tüchtig und unschlagbar du bist! Vorwärts mit dir!“

„Das kannst du haben, du Halunke!“ Mit herausfordernder Lässigkeit stieg Chad von der Veranda auf die Main Street. Er sah den Kerlen an, dass sie das nicht erwartet hatten. Ihre Raubvogelgesichter spannten sich noch mehr. Es hatte eine Zeit gegeben, da hätten es Kerle dieser Sorte gar nicht gewagt, ihm vor den Revolver zu treten. Jetzt bauten sie darauf, dass er alt und verwundbar geworden war, seit er seinen rechten Arm verloren hatte. Sein Name hatte für dieses Gelichter den stählernen Beiklang verloren. Nun hatte er ihrer Überheblichkeit den ersten Stoß versetzt. Er wollte sie nicht mehr zur Besinnung kommen lassen. Statt auf der Straße stehen zu bleiben, steuerte er mit entschlossenen Schritten geradewegs auf die gegenüberliegende Fahrbahnseite zu.

Die Sonne stach senkrecht auf ihn herab. Der heiße Sand knirschte unter seinen Stiefeln. Die beiden Revolverschwinger jagten einen raschen Blick zu Bruce. Der kauerte geduckt und zum Aufspringen bereit im Korbsessel. Seine flackernden Augen waren auf eine bestimmte Stelle an der Häuserzeile schräg hinter Chad gerichtet. Da wusste Chad genug. Erst hier auf der Main Street bot er ein deutliches Ziel für die Schurken im Hinterhalt. Er ließ sich nichts davon anmerken. Bei jedem Schritt, den er zurücklegte, schienen sich die Gestalten der beiden Kerle vor ihm mehr zusammenzukrümmen. Ihre Handwurzeln streiften die Kolben der tiefhängenden Colts.

Chad erreichte die Straßenmitte. Es war Bruce, der die Spannung plötzlich nicht mehr ertrug. „Zum Teufel, gebt es ihm endlich!“

Chad bewies die gleiche Schnelligkeit wie im Saloon. Er explodierte förmlich. Im Herumzucken sprang ihm der Peacemaker wie von selber in die zu schnappende Linke.

Er hatte richtig gerechnet: Zwei Häuser vom Saloon entfernt war ein hagerer, schnurrbärtiger Mann hinter einer Ecke hervor auf den Gehsteig gesprungen. Er hielt bereits seinen Revolver auf Chad gerichtet. Chad schaffte es, den entscheidenden Sekundenbruchteil früher abzudrücken. Wieder zerfetzte das Dröhnen der Schüsse das hitzegesättigte Schweigen über der Stadt.

Lorman hatte recht: Es schien wirklich ein Fluch auf Chad Thompson zu lasten, der ihn immer wieder dazu zwang, sein Leben mit dem rauchenden Sechslader zu verteidigen.

Der Schnurrbärtige wurde von Chads Kugel gegen die Hauswand zurückgestoßen. Ächzend rutschte er an ihr abwärts. Das sah Chad schon nicht mehr. Er lag der Länge nach im Sand, und seine Coltmündung suchte die Stelle, wo jetzt die Waffe des zweiten Heckenschützen blitzte. Der nahe Einschlag der Kugel überschüttete Chad mit einem Staubschwall.

Der Bandit war vorsichtiger als sein Kumpan. Er hielt sich hinter der oberen Kante einer falschen Hausfassade verborgen. Mit zusammengebissenen Zähnen jagte Chad einen Schuss hinauf. Während er noch den Rückstoß in der Faust spürte, wusste Chad, dass er den Mann nicht getroffen hatte.

„Schießt ihn in Fetzen!“, kreischte da Bruce mit der Stimme eines Wahnsinnigen.

Chad rollte mehrmals um die eigene Achse. Nun spuckten auch die Revolver der beiden Schießer auf dem Gehsteig Blei und Feuer und Rauch. Es krachte, als würde halb Alamosa in die Luft gesprengt. Wo Chad eben noch gelegen war, spritzten Staubfontänen empor. In Schweiß gebadet sprang Chad auf. Zum ersten Mal musste er sich eingestehen, dass er doch nicht mehr so schnell und ausdauernd wie früher war. Zum ersten Mal war die Faust, die jetzt den langläufigen Peacemaker herumschwang, nicht mehr ganz so ruhig.

Er sah die Gegner nur als verwischte Schatten hinter dem Pulverdampfschleier. Der heiße Luftzug eines Geschosses streifte seine Wange. Dem einen Desperado jagte Chad eine Kugel ins Bein. Aber der andere und der Kerl auf dem Dach brauchten jetzt nur eine Sekunde richtig zu zielen. Dann würde Chad nicht mehr lebend von der Main Street wegkommen. Zum ersten Mal gab er sich verloren.

Da gellte hinter ihm auf der Saloonveranda Ben Lormans Stimme: „Jetzt, Clint! Nimm du den Halunken auf dem Dach!“

Wieder schmetterten die Detonationen, dass die Fensterscheiben der benachbarten Häuser klirrten. Der Bursche drüben auf dem Gehsteig zuckte wie unter einem Faustschlag zusammen und taumelte gegen die Bretterwand zurück. Sein Colt schepperte auf die Bohlen. Er reckte die Arme in die Luft. „Aufhören! Ich gebe auf!“

Weiter straßenabwärts schallte ein raues, grollendes Lachen. Hufschlag setzte ein und pochte dumpf die Fahrbahn entlang. Chad brauchte eine Weile, um mit seiner Benommenheit fertig zu werden. Dass er noch lebte, kam ihm wie ein Wunder vor.

„Chad, Amigo, alles in Ordnung mit dir?“, fragte Lormans atemlose Stimme neben ihm. Chad wandte den Kopf. Lormans Zähne blitzten im gebräunten, scharf profilierten Gesicht.

Chad schluckte und hatte das Gefühl, ein Panzer zerspringe um seine Brust. „Danke, Ben! Das vergesse ich dir nie!“

Lorman konnte schon wieder lachen. „Nur keine Voreiligkeit, alter Junge! Ich bin ein verdammt selbstsüchtiger Bursche, weißt du. He, Clint, hast du den Schuft auf dem Dach erwischt?“

„Darauf kannst du Gift nehmen, Ben!“ Der Reiter, der mit einem zweiten gesattelten Pferd neben sich die Straße herabkam, war ein hünenhafter Bursche mit einem derb geschnittenen Gesicht und blitzenden hellen Augen. Er hielt die Kolbenplatte einer Winchester 73 auf seinen rechten Oberschenkel gestützt. An seiner Hüfte baumelte ein Revolver. Er ritt bis zur Kante des Gehsteigs, wo der Schießer lag, dem Chad eine Kugel ins Bein geschossen hatte. Der andere lehnte bleich und mit noch immer erhobenen Händen an der Hauswand. Ein dunkler Fleck zeichnete sich auf seinem Hemd über der linken Hüfte ab.

Bruce war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt. Chad hatte nichts anderes erwartet. Sein Gegner war nur stark, wenn er ein Rudel gemieteter Revolverschwinger gegen einen Einzelnen hetzen konnte.

Der Hüne, den Lorman Clint genannt hatte, richtete seine Winchester auf den mit den erhobenen Armen. „Heb deinen Colt auf!“

„Ich habe gesagt, dass ich aufgebe!“, krächzte der Desperado erschrocken.

Der Reiter grinste bissig. Seine hellen Augen glitzerten wie Eissplitter. „Und ich sage dir, du sollst dein verdammtes Schießeisen aufheben und dich wehren, du Hundesohn! Du hast fünf Sekunden Zeit. Dann schieße ich dich wie einen tollwütigen Wolf über den Haufen, ob du nun einen Schießprügel in der Faust hältst oder nicht!“

Den Hünen umgab eine Atmosphäre brutaler Entschlossenheit. Einen Moment glaubte Chad nicht richtig zu hören. Dann sah er die drohend ruckende Winchester und das heiße Entsetzen in den geweiteten Augen des Banditen.

Chad konnte nicht anders. Er stiefelte los. „Der Kampf ist zu Ende!“, sagte er scharf neben dem bulligen Reiter. „Weg mit dem Gewehr!“

Der Hüne drehte langsam den Kopf. Er grinste noch immer. Sein breitflächiges Gesicht verlor dadurch nichts von der Brutalität. Selten zuvor hatte Chad so kalte, gefühllose Augen gesehen. Der Mann war ihm auf den ersten Blick zuwider.

„Hallo, Thompson!“, sagte der Reiter grinsend. „Seit wann geben Sie hier Befehle?“

Chad hielt noch immer seinen Peacemaker in der Faust. Er hob die Mündung an. „Weg mit dem Gewehr!“, wiederholte er leise.

Die Augen des Hünen verengten sich. Er sah aus, als würde er gleich die Winchester auf Chad herumschwingen. „Clint, tu, was er sagt!“, peitschte Lormans Stimme über die Straße.

Der Hüne zuckte die Achseln. „Ich hätte Ihnen mehr Erfahrung zugetraut, Thompson, Diese Dreckskerle werden es Ihnen mit ‘ner Kugel in den Rücken danken, eines Tages, wenn Sie es am wenigsten erwarten. Meinetwegen! Es ist nicht mein Skalp, um den es dann geht!“ Er schob die Winchester ruckartig in das staubbedeckte Sattelfutteral.

Chad hörte Lormans Tritte hinter sich herankommen. „Verschwindet!“, sagte er kalt zu den beiden verwundeten Revolverschwingern. Der mit dem Beinschuss war mittlerweile auch hochgekommen. Die Wildheit auf ihren Gesichtern gab es nicht mehr. „Kommt mir nie mehr unter die Augen. Wenn ihr Bruce trefft, bestellt ihm, dass für ihn dasselbe gilt!“

Sie machten, dass sie fortkamen. Der Hüne schnaubte geringschätzig durch die Nase. „Ich glaube, Ben, den Preis haben wir umsonst bezahlt. Thompson ist nicht der richtige Mann für uns.“

„Vergiss nicht, wer hier entscheidet, Clint!“, erwiderte Lorman kalt. Er legte Chad eine Hand auf die Schulter. Sein Lächeln kam Chad wie eine Maske vor.

„Clint Elliot ist ein verdammt rauer Bursche, zugegeben. Aber genau der richtige Mann, wenn es darum geht, Joe Ryman und seiner Bande einen Goldschatz abzujagen. Ihr werdet euch schon aneinander gewöhnen. Clint, das gilt auch für dich! Und du, Chad, vergisst jetzt hoffentlich nicht, dass du in meiner Schuld stehst – oder vielmehr in der Schuld der Wells-Fargo-Company.“

Er blickte Chad erwartungsvoll an. Chad halfterte seine Waffe. „Hast du nur deshalb eingegriffen?“

„Du liebe Zeit, mach es mir doch nicht so schwer, Chad. Natürlich hätte ich nicht zugesehen, wie dich diese Lumpen zusammengeschossen hätten. Aber ich muss auch an meinen Auftrag denken. Du weißt, was auf dem Spiel steht. Ich brauche dich. Bis die Company ein richtiges Aufgebot auf die Beine gestellt hat, ist es wahrscheinlich zu spät. Nun sag schon ja, Chad, und in ein paar Tagen wirst du um tausend Dollar reicher sein.“

„Oder sechs Fuß tiefer unter der Erde liegen!“

„Angst, Chad?“

„Ich habe gemerkt, wo meine Grenzen liegen. Ich fühle mich der Wells Fargo nicht verpflichtet, seit ich damals diesen Preis bezahlt und danach wie ein lästiges Anhängsel fallengelassen wurde.“ Er deutete mit den Augen auf den leeren rechten Ärmel.

„Zeitverschwendung!“, knurrte Clint Elliot missmutig. „Reiten wir ohne ihn, Ben!“

„Immer mit der Ruhe!“, lächelte Lorman. Und wieder war es dieses Lächeln, das ihn für Chad wie einen Fremden wirken ließ. „Es gibt noch eine wichtige Tatsache, die Chad nicht kennt und die alles ändern wird.“

„Heraus damit!“

„Bei den Reitern, die den Goldtransport begleiteten und die jetzt verzweifelt droben in Red Canyon um ihr Leben kämpfen, befindet sich Phil Kinley, der damals in Nebraska gemeinsam mit dir gegen Bruce und seine Wölfe gekämpft hat, und ohne den du nicht mit dem Leben davongekommen wärest. Willst du nun immer noch nichts von meinem Auftrag wissen?“

Chad starrte ihn an und grub die Zähne in die Unterlippe. „Mein Pferd, Clint“, verlangte Lorman und zeigte noch immer dieses glatte Lächeln, das es früher bei ihm nicht gegeben hatte.

Chad murmelte heiser: „Du hast gewonnen, Ben. Ich komme mit.“ Lorman blickte Elliot triumphierend an.

 

 

3

Zwischen den senkrechten Felswänden des Hohlweges staute sich die Hitze wie in einem Backofen. Die Gesichter der Reiter waren mit einer klebrigen Maske aus Schweiß und Staub bedeckt, ihre Augen rotgerändert vor Hitze und Staub. In diesem Labyrinth aus Felsmassiven, Schluchten und staubigen Senken wirkten sie wie verlorene, unbedeutende Punkte, die sich ohne Ziel unter der sengenden Sonne dahinbewegten. Alamosa lag erst zwei Tagesritte hinter ihnen. Aber für sie war die Stadt mit dem schattigen Saloon und dem Strohlager im Mietstall nur noch eine ferne, blasse Erinnerung.

Der Weg nach Red Canyon führte wie durch eine steinerne Rinne zu einem mit Schwarzkiefern bestandenen Plateau hinauf. Das Klappern der Hufe auf dem felsigen Grund war verstummt. Chad, Ben und Elliot saßen reglos in den Sätteln und spähten zu den beiden Männern hinauf, die wie aus dem Boden gewachsen am Ende des Hohlwegs aufgetaucht waren. Zwei schussbereite Gewehre deuteten herab. Von dort oben konnte ein einzelner Mann mit genügend Munition eine ganze Kavallerieschwadron aufhalten.

Ben Lorman grinste säuerlich. „Joe Rymans Empfangskomitee aus Red Canyon. Kein schlechtes Zeichen. Wenn Ryman den Weg nach Red Canyon bewachen lässt, bedeutet das, dass er sich mit dem Wells-Fargo-Gold noch nicht aus dem Staub gemacht hat.“

Chad hatte die Hand hinter den Coltknauf gelegt und die Zügel ums Sattelhorn geschlungen. Er verstand Lormans Ruhe nicht. Hier unten gab es keinen Felsklotz, der ihnen Deckung bot, und die Entfernung war für die Revolver noch zu groß. Die Gewehre von Lorman und Elliot steckten in den Scabbards.

„Ihr da unten!“, rief einer der Kerle am Plateaurand. „Wohin wollt ihr?“

„Clint, dein Job!“, raunte Ben scharf.

Der Hüne drängte sein Pferd vor und stellte sich in den Steigbügeln auf. Er winkte. „Brick, Graff, zum Teufel, habt ihr keine Augen mehr im Kopf? Ich bin‘s – Elliot! Ryman wird euch die Haut in Streifen ziehen, wenn ihr auf mich abdrückt. Ich bringe ihm eine wichtige Nachricht aus Alamosa.“

Chad blickte erstaunt Lorman an. Der zuckte lächelnd die Achseln. „Vor einer Woche ritt Clint noch in Rymans Crew. Verstehst du jetzt, warum er so wertvoll für mich ist?“

Etwas in Chad gefror. Ehe er etwas sagen konnte, hallte wieder die Stimme des einen Banditen den Hohlweg herab.

„Elliot, du solltest längst zurück sein. Wer sind die Kerle bei dir?“

„Freunde, Graff! Pass auf, wir kommen! Halte bloß deinen Zeigefinger ruhig, alter Halsabschneider!“

Das Echo von Elliots rauem Gelächter rollte zwischen den schartigen Felswänden. Mit einem Hackendruck trieb der Hüne seinen grobknochigen Braunen vorwärts. Im nächsten Augenblick ging jedes Geräusch im schmetternden Knall eines Gewehrschusses unter. Vor den Hufen von Elliots Gaul spritzten Felssplitter hoch.

Das Pferd scheute wiehernd. Fluchend stemmte sich der Massige gegen die Zügel. „Hölle und Verdammnis, seid ihr verrückt geworden, Jungs?“

„Elliot, bevor du mit deinen angeblichen Freunden heraufkommst, werdet ihr eure Schießeisen abschnallen! Joe Ryman traut dir nämlich nicht mehr so recht. Wir haben genaue Anweisungen!“

Clint Elliot drehte sich halb im Sattel und starrte Lorman an. „Verdammter Mist! Die Sache läuft nicht so glatt, wie wir uns das vorgestellt haben. Ryman ist misstrauisch wie ein alter Einzelgängerwolf.“

Lorman fuhr sich mit der Zungenspitze über die ausgetrockneten Lippen. „Tun wir, was sie verlangen. Nur ruhig Blut, Clint. Spiel deine Rolle weiter, wie wir es besprochen haben.“

„Hast du Dreck in den Ohren, Elliot?“, schallte es wütend vom Plateau.

Elliot lachte schon wieder. „Ihr übergeschnappten Kerle! Das kostet euch ‘ne Runde Whisky, wenn wir wieder in Red Canyon sind. Na schön, wenn es euch beruhigt – wir schnallen ab.“

Sie lösten die Revolvergurte und schlangen sie um die Sattelhörner. Unverwandt zielten von oben die Gewehre auf sie. Chad überkam ein Gefühl des Ausgeliefertseins, als er die Zügel wieder mit seiner Linken aufnahm. Zwischen den knorrigen Kieferstämmen und Felsklötzen hinter den beiden Wachtposten entdeckte er eine flüchtige schemenhafte Bewegung.

„Da ist noch einer, Ben.“

„Ich weiß. Das ändert nichts daran, dass wir dieses Spiel zu Ende bringen müssen. Vorwärts, Clint.“

Elliot ritt los. Chad und Ben folgten ihm nebeneinander. Die Felsrinne wurde so schmal, dass sich ihre Steigbügel klirrend streiften. Chad starrte auf Elliots breiten Rücken. Aus dem Mundwinkel fragte er Lorman: „Bist du wirklich sicher, dass du ihm vertrauen kannst?“

Ben lachte leise. „Absolut sicher. Ich bin schließlich kein Greenhorn, Chad. Für Clint geht es nicht nur um die tausend Dollar, sondern um einen festen Job bei der Wells Fargo. Er hat längst die Nase voll von Ryman und einem Leben als Gehetzter. Es ist für ihn die gleiche Chance zu einem neuen Anfang wie für dich.“

Es war eine Erklärung, die Chad nicht befriedigte. Elliot war ganz und gar nicht der Mann, der sich etwas darum scherte, auf welcher Seite des großen Zauns er stand. Aber jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, näher darauf einzugehen. Elliot trieb bereits seinen Braunen über den Plateaurand, blickte grinsend in die Runde und rutschte dann aus dem Sattel, ohne sich um den Karabinerlauf zu kümmern, der jeder Bewegung folgte. Dann waren auch Chad und Ben am Ende des Hohlwegs. Sie sahen die Asche eines Kochfeuers und die drei angepflockten Pferde. Ein stoppelbärtiger untersetzter Mann reckte ihnen seinen Gewehrlauf entgegen. Seine Augen glitzerten verschlagen.

„Wir haben sie, Blaine.“

Jetzt zeigte sich auch der dritte Wächter. Ebenfalls mit einem Gewehr in den Fäusten, trat er von der Seite her zwischen den Felsen hervor. „Du schuldest uns ‘ne Menge Erklärungen, Elliot. Hoffentlich fällt dir was Gescheites ein.“

Elliot kratzte sich grinsend am Kinn. „Ich schleppe euch zwei neue Mitglieder für die Ryman-Bande an, und ihr behandelt mich wie ‘nen lausigen Verräter! Reichlich nervös seid ihr, Freunde. Aber ich hab‘ euch eine prächtige Medizin aus Alamosa mitgebracht, Jungs.“ Er schnallte die Satteltasche auf. Im nächsten Moment drückte ihm ein Gewehr gegen die Rippen.

Elliot schüttelte den Kopf. „Aber nicht doch, Graff! Echter Kentucky Bourbon!“ Er zog eine goldgelb gleißende Flasche mit einem bunten Etikett aus der Tasche und schwenkte sie zungenschnalzend. „Ist das ein Friedensangebot oder nicht?“

Graff, ein fuchsgesichtiger, hagerer Bursche mit einer Narbe am Kinn, riss ihm die Flasche aus der Hand. „Wir wissen noch immer nicht über diese beiden Satteldrücker Bescheid!“ Mit einer Kopfbewegung zeigte er auf Chad und Ben, die reglos auf den Pferden verharrten. Brick und Blaine standen links und rechts mit angeschlagenen Karabinern neben ihnen.

Elliot grinste breit. Und dann sagte er etwas, was Chad den Atem verschlug: „Wells-Fargo-Reiter, die den Auftrag haben, das Gold aus Red Canyon fortzubringen! Sie wollten mich dazu zwingen, ihnen zu helfen. Tausend Dollar haben sie mir dafür geboten, stellt euch das vor, Jungs. Seid ihr jetzt endlich zufrieden?“

Chad musste sich mit aller Kraft dazu zwingen, nicht den Colt herauszureißen und seinem Falben die Hacken gegen die Weichen zu trommeln. Es hätte seinen sicheren Tod bedeutet. Lorman saß still und bewegungslos neben ihm auf dem schwarzweißen Schecken und starrte geradeaus. Seine Miene wirkte ebenso versteinert wie die von Chad. Elliot drehte sich ihnen voll zu und spuckte aus.

„Da habt ihr den Strich durch eure fein ausgeklügelte Rechnung! Tausend Dollar, was? Und danach den Strick um den Hals oder ‘ne Kugel zwischen die Rippen! Nicht mit mir, ihr Hundesöhne. Kerle eurer Sorte sind nur sechs Fuß tief unter der Erde am richtigen Platz Und dazu werde ich euch verhelfen. Das war alles, worauf ich es die ganze Zeit abgesehen hatte!“ Er lachte hässlich.

Jetzt senkte Graff das Gewehr, das bisher nur eine Armlänge von Elliot entfernt gewesen war. Mit seinen gelben Zähnen zog Graff den Korken aus den Flaschenhals. „Elliot, mein Freund, das ist wirklich einen Schluck Feuerwasser wert! Brick, Blaine, legt diese Bastarde um!“

„Nicht doch, Graff!“, brummte Elliot. „Du willst doch Ryman nicht um den Spaß bringen, mit dem Messer alles aus ihnen ‘rauszukitzeln, was er von ihnen über ihren Auftrag und die Pläne der Wells-Fargo-Company wissen will. Das würde dir der Boss nie verzeihen, Graff.“

Der Fuchsgesichtige lachte glucksend. „Du bist ein verdammt gerissener Hund, Elliot! Ryman wird ‘ne Sonderprämie für uns springen lassen. Fesselt diese verdammten Schnüffler, Muchachos. Das ist ein Tag zum Feiern. Auf dein Wohl, Elliot!“ Er setzte die Flasche an den Mund und trank gierig. Sein Adamsapfel ruckte auf und ab.

Elliot beobachtete ihn gespannt. Plötzlich ließ Graff Flasche und Gewehr fallen und griff sich mit beiden Händen würgend an den Hals. Dabei schwankte er heftig. Sein Gesicht lief dunkel an, und die Augen quollen ihm aus den Höhlen.

„Graff, verdammt, was hast du?“, keuchte Elliot und sprang auf ihn zu, wie um ihn festzuhalten. Die beiden Kerle neben Chad und Ben fuhren herum.

Lorman zischte: „Runter vom Pferd!“

Elliot hielt plötzlich ein Bowiemesser in der Faust, das er aus dem Stiefelschaft gezogen hatte. Er stieß Graff die Klinge bis zum Heft in die Brust. Während der Bandit röchelnd in die Knie brach, riss Elliot seinen Karabiner von der Erde hoch. Seine Kugel traf Brick mitten in die Stirn. Blaine schrie seine Wut und sein Erschrecken laut hinaus. Er versuchte, sich hinter einen Felsklotz zu werfen. Da schoss Lorman, der von Pferd gesprungen war und seinen Revolver von dem am Sattel hängenden Gurt gerissen hatte. Blaine stürzte in den Staub, ehe er die Deckung erreichte. Das Gewehr entglitt ihm. Wie von einem Kolbenhieb niedergestreckt, blieb er mit dem Gesicht nach unten im Sonnenglast liegen.

Chad war ebenfalls aus dem Sattel gesprungen. Jetzt stieß er seinen Peacemaker ins Leder zurück. Ekel erfüllte ihn. Er wünschte brennend, Ben Lorman nie mehr begegnet zu sein. Elliot wischte grinsend sein Bowiemesser an der Hose ab, und Chad wäre ihm am liebsten an die Kehle gesprungen.

„Rattengift!“, brummte Elliot hämisch. Er schob das Messer in den Stiefelschaft zurück. „Eine verteufelte Idee, die ich mir merken werde.“

Chads Kehle war wie zugeschnürt. Er drehte sich Lorman zu, der sich mit einem Schwung seinen patronenbestückten Gurt um die Hüften warf. „Ich nenne das glatten Mord, Ben. Früher hättest du nie zu solchen Methoden gegriffen.“

„Früher standen auch keine Fünfzigtausend in Gold auf dem Spiel, Hombre. Abgesehen davon – wir hatten gar keine andere Wahl.“

„Ich steige aus, Ben!“

„Nur als Toter!“ Das Schloss des Karabiners, den Clint Elliot in den Fäusten hielt, klirrte schräg hinter Chad. Der große einarmige Mann mit den grauen Schläfen schaute nur Lorman an. Der schnallte in aller Ruhe den Revolvergurt zu. Dabei lächelte er schmal, ein Lächeln, das Chad ihm am liebsten mit einem Faustschlag aus dem Gesicht getrieben hätte.

Ben sagte leise: „Ich will gar nicht von mir reden, Chad. Aber du hast in Alamosa einen Vertrag unterschrieben. Die Wells Fargo hat dein Versprechen. Und Phil Kinley wartet …“

„Zur Hölle mit ihm!“, knirschte Elliot gehässig. „Ich pfeife auf seinen Revolver. Er wird uns nur Schwierigkeiten machen. Schick ihn zurück, Ben. Wenn nötig, quer über dem Sattel seines Pferdes liegend.“

„Vergiss nicht, dass er mein Freund ist, Clint!“, warnte Lorman schneidend. Seine dunklen Augen funkelten Chad an. „Überdies kennt keiner von uns die Gegend um Red Canyon so gut wie er. Wenn wir erst das Gold haben, können wir nicht auf demselben Weg nach Alamosa zurückkehren.“

„Das ist schon eine Freundschaft wert, was?“, murmelte Chad bitter.

Lorman hob nur leichthin die Schultern und griff nach dem Sattelknauf, um sich wieder auf seinen Schecken zu ziehen. Mitten in der Bewegung stockte er. Seine gepresste Verwünschung riss die anderen herum. Blaine, der sehnige Bandit, den Bens Schuss zuletzt in den Staub geworfen hatte, stand bei den Desperado-Gäulen. Über dem leeren Sattel eines losgebundenen Pferdes war nur sein verzerrtes, schweißüberströmtes Gesicht zu sehen. Wahrscheinlich hielt er sich mit einer Hand am Steigbügel fest, um nicht zusammenzubrechen. Das strähnige lange Haar hing ihm halb über die Augen. Von den Wells-Fargo-Männern hatte keiner gemerkt, wie er auf die Füße gekommen war. Bens erste Reaktion war der Griff zum Holster.

Chad sprang hinzu und hielt sein Handgelenk fest. „Er ist verwundet, Ben!“

Eine Sekunde lang war Lormans Gesicht eine wütende Fratze. „Zurück, du verdammter Narr! Clint, schieß!“

Elliots Gewehr krachte viel zu hastig. Die Kugel fuhr zwischen die Hufe der nervös schnaubenden Gäule. Das Pferd, an das sich Blaine klammerte, sprang vorwärts und riss den Banditen mit. Lorman stieß Chad zur Seite und zog den Revolver. Der durchgehende Gaul schleifte den Verwundeten in den Schatten der dicht stehenden Schwarzkiefern hinein. Elliot feuerte abermals, wieder daneben. Seine Verzweiflung verlieh dem Desperado die Kraft, sich auf den Rücken des weiterstiebenden Pferdes zu schwingen. Vielleicht war er auch gar nicht so schlimm verwundet, wie es den Anschein hatte. Lorman stieß die Coltfaust in die Höhe. Aber da verschwand der Flüchtende schon zwischen den Bäumen. Seine Hände waren in der zottigen Mähne festgekrallt. Er lag fast auf dem Pferdehals. Zähneknirschend ließ Ben die bläulich schimmernde Waffe sinken.

„Deine Schuld, Chad!“

„Tausend Dollar für einen Schuss in den Rücken, Ben?“

Von hinten stapfte Elliot schwer atmend heran. „Dafür bezahlst du, Thompson!“

Als Chad sich umdrehte, sah er Elliots Karabiner zum Schlag erhoben. Ben sprang dazwischen. Er war schon wieder ganz der energiegeladene, glattgesichtige Berufskämpfer, der sich nicht damit aufhielt, über einen Fehler zu fluchen. „Das bringt uns dem Ziel nicht näher, Clint. Reiß dich also gefälligst zusammen! In die Sättel und ihm nach! In seinem Zustand kommt er nicht weit. Chad, dir ist doch hoffentlich klar, dass wir nicht die Spur einer Chance mehr besitzen, wenn er nach Red Canyon durchkommt? Dies ist ganz und gar nicht die richtige Gelegenheit, den ehemaligen Town-Marshal herauszukehren.“

Chad musste ihm recht geben, so sehr es ihm widerstrebte. Alles war umsonst gewesen, wenn der flüchtende Outlaw seine Kumpane in Red Canyon alarmierte. Eilig stiegen sie auf die Pferde und nahmen die Verfolgung auf.

 

 

4

Die violetten Schleier der Dämmerung senkten sich über das weite schüsselförmige Tal. Ein warmer Wind wisperte in den dichtbelaubten Kronen der alten Weiß eichen, sonst war alles still. Die Brettergebäude der einsamen Ranch sahen wie schwarze, klobige Kästen aus. Nichts rührte sich da drüben. Chad, Lorman und Elliot saßen geduckt auf ihren Pferden. Das hohe Blaugras reichte fast bis an ihre Steigbügel. Sein herber Duft füllte die laue Abendluft. Blaines Fährte lief als schnurgerade Linie zu den dunklen Hütten hinüber und verschmolz dort mit dem Schatten. Dieses fruchtbare Tal mit der kleinen Ranch war wie eine Oase in der gigantischen Felsenwildnis der San Juan Mountains. Ein Tal, von dem ein Mann wie Chad, der sich jahrelang vergeblich nach Frieden und einem neuen Anfang gesehnt hatte, träumen konnte. Jetzt war mit den staubbedeckten, bewaffneten Reitern auch auf diesen einsamen Fleck Erde der Hauch von Gefahr und Gewalttat gekommen.

„Ich wette, dass er da ist“, brummte Lorman und drückte seinem Schecken die Hacken an. Er kümmerte sich nicht darum, ob Chad und Elliot ihm folgten. Er war ein Mann, der sich auf einer Fährte festgebissen hatte und den nichts mehr davon abschütteln konnte. Er kam Chad irgendwie wie eine Maschine vor, die unaufhaltsam das einmal gesetzte Ziel ansteuert: Red Canyon und das Wells-Fargo-Gold.

In der sich allmählich verdichtenden Dämmerung klang das dumpfe Pochen der Hufe fremd und bedrohlich. Die Reiter erreichten ungehindert den notdürftig geflickten Corralzaun. Lormans erhobene Hand gab seinen Begleitern das Signal zum Halten. Dann legte er die Hände trichterförmig vor den Mund.

„Blaine!“, hallte sein Ruf zum niedrigen Ranchhaus hinüber.

Zwei, drei Sekunden verstrichen. Sie glaubten schon an keine Antwort mehr. Da klang ein durchdringend schrilles Lachen auf. Im nächsten Moment raste eine kirschrote Stichflamme aus einem pechschwarzen Fensterviereck. Das Echo der Detonation rollte wie Donner von den Berghängen zurück. Die Pferde warfen erschreckt die Köpfe auf und ab. Knurrend zerrte Elliot seine Winchester aus dem Scabbard und hebelte eine Patrone in den Lauf. „Blaine, du verrückter Kerl, jetzt haben wir dich!“

Mit einem Kolbenstoß wollte er seinen Braunen am Corral entlangtreiben. Drüben an der dunklen. Bretterfront unter dem Vordach schwang knarrend die Tür auf. Ein Mann, von einem heftigen Stoß getrieben, taumelte heraus.

„Nicht schießen!“, krächzte er verzweifelt. „Um Himmels willen, wartet! Keinen Schuss!“

Elliot ließ zögernd die Winchester sinken. Zwischen Lormans düsteren Brauen kerbte sich eine steile Falte. In der Dämmerung wirkte sein Gesicht noch scharfzügiger als sonst – ein wölfisches Gesicht mit fanatisch glühenden Augen.

Chad glitt schweigend aus dem Sattel und band seinen Falben am Corralzaun fest. Die anderen taten es ihm nach. Drüben kam der Mann mit stolpernden Schritten wie ein Betrunkener über den Hof. Er hielt die knochigen Hände weit vom Körper abgespreizt, um nur ja zu zeigen, dass er unbewaffnet war.

Keuchend blieb er vor dem Wells-Fargo-Trio stehen. Er war ein hagerer, lederhäutiger Mann mit schütterem grauem Haar. Seine Kleidung war armselig, die Stiefel durchlöchert. Er bot ganz den Anblick eines Menschen, dem das Leben nichts geschenkt hat. Seine schwielige Hand zitterte, als er sich die dicken Schweißtropfen von der Stirn wischte. Ein dünner verkrusteter Blutfaden lief von seinem linken Mundwinkel übers Kinn. Gehetzt starrte er von einem zum anderen.

„Mein Name ist Wade Neerland. Dieser Schurke hält meine Frau und meine Tochter als Geiseln im Haus fest. Er droht, sie zu töten, falls Sie das Tal nicht verlassen. Er gibt Ihnen fünf Minuten Zeit dafür. Gents, dieser Bursche macht ernst. Er …“

„Zum Teufel, wie konnten Sie sich von einem verwundeten Mann so überrumpeln lassen!“, knurrte Ben wütend.

Neerland seufzte. „Er ist gefährlich wie ein angeschossener Wolf. Und ich habe es mir abgewöhnt, dauernd ein Schießeisen mit mir ‘rumzuschleppen.“

Elliot lachte verständnislos. Drüben beim Haus meldete sich Blaines krächzende Stimme. „Die Zeit läuft, ihr verdammten Menschenjäger! Glaubt nur ja nicht, dass ich bluffe.“

„Großer Himmel!“, stöhnte der hagere Small-Rancher. „Ihr müsst tun, was er verlangt!“

„Gar nichts müssen wir!“, grollte Elliot. Und dann laut zum Haus hinüber: „Blaine, du Hundesohn, du kannst dich auf den Kopf stellen, aber lebend kommst du hier nicht mehr weg. Du sitzt in der Falle, Hombre. Gib auf!“

„Mistkerl, verdammter! Dreckiger Verräter!“, heulte Blaine schrill. „Neerland, ich halte deiner Tochter den Revolver an die Schläfe. Wenn du das Mädel und deine Frau jemals lebend wiedersehen willst, dann sorg dafür, dass diese Bastarde nicht verrückt spielen! Meine letzte Warnung!“

Neerland hielt sich keuchend am Zaun fest. „Er wird es tun, glaubt mir doch, er blufft wirklich nicht. Ich habe seine Augen gesehen. Er ist verzweifelt und zum Äußersten entschlossen. Er …“

Lorman unterbrach ihn mit einer ärgerlichen Handbewegung. „Blaine, wenn du die Frauen tötest, wirst du dir anschließend wünschen, nie geboren worden zu sein.“

„Ich hoffe, soweit werdet ihr es gar nicht erst kommen lassen.“ Der Bandit im Ranchhaus lachte verkrampft. „Fang nur nicht zu bluffen an, Mister. Bei mir zieht das nicht.“

„Dir gebe ich gleich einen Bluff!“, knurrte Elliot wütend und lud seine Winchester 73 durch. Er strahlte dieselbe wilde Entschlossenheit aus wie damals in Alamosa, als er den unbewaffneten Bruce-Revolvermann hatte über den Haufen schießen wollen.

„Lorman, Thompson steigt auf die Pferde und reitet! Es ist inzwischen so dunkel, dass er sich nur an den Hufschlägen orientieren kann. Soll er ruhig glauben, dass wir nachgeben. Ich brauche nur ein paar Minuten, um unbemerkt ans Haus ‘ranzukommen. Eine gut gezielte Kugel …“

„Nein!“, stieß Neerland entsetzt hervor. „So nicht! Es gibt eine Katastrophe, wenn er den geringsten Verdacht schöpft.“

„Du bist nicht gefragt, Kühezüchter“, grollte der Hüne schroff. „Geh mir aus dem Weg!“

Neerland wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Aber als Elliot sich in Bewegung setzte, warf er sich stumm und verzweifelt vorwärts und klammerte sich an ihm fest. Elliot schnaubte nur wütend und geringschätzig. Er stieß dem Small-Rancher den Gewehrkolben in den Leib. Neerland krümmte sich zusammen und fiel ächzend auf die Knie.

„Narr!“, brummte Elliot und wollte an ihm vorbei.

Da stand Chad vor ihm, die Hand auf dem Coltkolben. „Du bleibst!“

Details

Seiten
140
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941265
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v902478
Schlagworte
kampf reite

Autor

Zurück

Titel: Reite bis zum letzten Kampf