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Auch Killer können weinen

©2020 124 Seiten

Zusammenfassung


Neunhundertfünfzig Riesen sind aus einer Privatbank geraubt worden. Zehn Prozent soll der bekommen, der sie wieder herbeischafft. Privatdetektiv Biff Calder und seine Kollegen möchten sich diese Prämie gerne verdienen, aber außer ihnen sind auch noch andere hinter den Ganoven her. Bald gibt es die ersten Toten.

Leseprobe

Table of Contents

Auch Killer können weinen

Copyright

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Auch Killer können weinen

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Neunhundertfünfzig Riesen sind aus einer Privatbank geraubt worden. Zehn Prozent soll der bekommen, der sie wieder herbeischafft. Privatdetektiv Biff Calder und seine Kollegen möchten sich diese Prämie gerne verdienen, aber außer ihnen sind auch noch andere hinter den Ganoven her. Bald gibt es die ersten Toten.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Die fünf Männer in langen schwarzen Nylonmänteln und grünen Gasmasken vor dem Gesicht wirbelten wie der Wind in die kleine Privatbank.

Jeder hatte einen Revolver in der Faust. Damit bedrohten sie die wenigen Angestellten, die sie mit ängstlich aufgerissenen Augen und offenstehendem Mund ungläubig anstarrten.

Noch nie war ihre Bank überfallen worden. Sie hatten keine Ahnung, wie man sich in einer solchen Situation verhält

„Hinlegen!“, bellte eine der Gasmasken.

Zwei Minimädchen lagen sofort flach. In ihrer grenzenlosen Angst versuchten sie nicht einmal, die blitzenden Spitzenslips zuzudecken.

Die anderen Angestellten kamen der energischen Aufforderung nur langsam und sehr zögernd nach. Schließlich lag aber doch das gesamte Personal auf dem spiegelblanken Kunststoffboden. Außer dem alten, knochendürren Kassierer. Störrisch, wie er nun mal von Natur aus war, versuchte er mit dem Fuß den Alarmknopf zu erreichen. Einer der Bankräuber erkannte die Absicht des Alten. Er war sofort zur Stelle. Seine Waffe fuhr hoch und sauste schon im nächsten Moment nieder. Der Revolverkolben krachte brutal auf den kahlen Schädel des Kassierers.

Die beiden Mädchen stießen einen schrillen Entsetzensschrei aus, als der Kassierer genau vor ihren Augen zu Boden sackte.

Während zwei Maskierte das liegende Personal in Schach hielten, stürmten die drei anderen zum offenstehenden Safe und schleuderten die gebündelten Banknoten in ihre mitgebrachten gelben Jutesäcke.

Der Safe war prall vollgestopft mit den eben erst eingetroffenen Fleischergeldern, die von der nahe gelegenen Halle hierhergebracht worden waren.

Insgesamt fielen den Gangstern neunhundertfünfzigtausend Dollar in die Hände. Das Hartgeld übersahen sie großzügig.

Nachdem die drei Komplicen ihre Jutesäcke vollgestopft hatten, kamen sie hastig um die Schalterbarriere herum. Sie nickten den beiden anderen kurz zu.

„Während der nächsten fünf Minuten rührt sich keiner vom Fleck!“, bellte dieselbe Maske, die zuvor das Hinlegekommando gegeben hatte. „Sollte jemand die Absicht haben, den beiden Weibern imponieren zu wollen, dann soll er sich gleich jetzt melden, damit wir ihm den Anzug kaputtschießen.“

Die Angestellten nahmen ängstlich den Kopf zwischen die Hände und wagten nicht aufzublicken. Keiner von ihnen dachte daran, etwas Wahnwitziges zu tun.

Die fünf Männer stürmten aus der Bank. Sie kletterten in einen mit laufendem Motor wartenden Wagen und brausten ungehindert davon.

Die Bankangestellten hörten das Geräusch des abfahrenden Wagens und hoben nun scheu — einer nach dem anderen, je nach Courage, den Kopf aus der Deckung.

Als sie erkannten, dass die Luft rein war, sprangen sie aufgeregt auf die Beine und schrien gestikulierend durcheinander.

Einer der jungen Schalterspunde betätigte respektlos die Alarmanlage, während sich die beiden Minigirls besorgt um den verletzten Kassierer kümmerten.

Die Schwarzhaarige bettete den kahlen Kopf des Alten sachte in ihren Schoß.

Die Blonde hatte den Schock noch nicht überwunden. Sie schrie gellend: „Er ist tot! Er ist tot! Tot!“

„Spiel nicht verrückt!“, schalt die Schwarze kühl und puffte die Kollegin in die Rippen. „Bring Wasser und ein nasses Handtuch.“

Die Blonde presste die kleine Faust an die bleichen Lippen. „Er wird sterben“, keuchte sie entsetzt. „Er wird ganz sicher sterben.“

 

 

2

Ich kaufte mir an einem Straßenstand eine Tüte Popcorn und las beim nebenstehenden Kiosk die Schlagzeilen der Abendzeitungen. Dadurch bekam ich die Geschichte, die beinahe tragisch ausgegangen wäre, vom Anfang an mit.

Aus einer kleinen, unscheinbaren Bar mit schmutzigen Fenstern und dreckigen Gästen kam ein Vorstadtdandy in hohem Bogen ’rausgeflogen.

Der Typ, der seiner eigenen Großmutter Zuhälter zu sein schien, rappelte sich schwerfällig vom staubigen Gehsteig hoch, putzte mit unsicheren Bewegungen, wie sie nur Betrunkene zustande bringen, über den hauteng geschneiderten Leinenanzug, richtete sich mit einer zornigen Bewegung die silberne Krawatte, die über einem schwarzen Hemd baumelte, und schimpfte unflätig zu dem dicken Bauch hin, der in diesem Augenblick die ganze Tür der kleinen Bar ausfüllte.

„Verfluchte fette Sau!“, schrie der Dandy. Die Passanten wandten sich kopfschüttelnd nach ihm um, doch er scherte sich nicht um sie. Er sah in seiner überschäumenden Wut niemanden. Nur den Fettwanst in der Tür. „Du wagst es, mich aus deinem miesen Puff ’rauszuschmeißen?“, brüllte der Betrunkene mit hochrotem Kopf. „Das wirst du mir büßen. Ich werde Streifen aus deinem dreckigen Hängebauch säbeln und sie an Schweine verfüttern!“

Der Dandy wankte mächtig. Er konnte sich kaum auf den Beinen halten. Trotzdem drohte er wütend mit den dünnen Fäusten und mit Schaum vor dem breiten Mund nach dem aus der Bar ragenden Bauch, der wie eine unüberwindliche Barriere dastand.

Das kugelrunde Gesicht des Wirts grinste gemütlich. Er war Drohungen dieser Art von seinen Gästen gewöhnt. Sie hatten weiter nichts zu besagen.

„Geh heim, und schlaf deinen Rausch aus!“, sagte der Dicke gutmütig.

„Mein Rausch geht dich einen Dreck an!“

Der Wirt nickte. „Solange du meine Gäste in Ruhe lässt, ja. Aber du hast sie belästigt. Das haben sie nicht so gern, verstehst du? Hau jetzt ab, sonst mach’ ich dir Beine!“

Der Wirt drehte sich, ohne ein weiteres Wort zu sagen, um. Er ließ den aufgebrachten Dandy einfach stehen. Das konnte der Junge nun nicht mehr verkraften. Diese schmähliche Behandlung ärgerte ihn noch mehr als die demütigende Bauchlandung von vorhin.

„Dreckskerl!“, schrie er in das Lokal. „Blöder Hund! Komm 'raus! Ich zerreiße dich in der Luft!“ Hier konnte nur der Wunsch der Vater des Gedankens sein, denn der Junge hatte nicht die kleinste Chance gegen den massigen Wirt.

Ich war gespannt, wie lange sich der Dicke diese Beschimpfungen noch gefallen lassen würde.

Da war der Wirt auch schon.

Er scheute die Auseinandersetzung nicht. Der Betrunkene nahm sofort die Spielzeugfäustchen hoch. Das hinderte den Wirt jedoch nicht daran, dem Dandy ein paar schallende Ohrfeigen zu verpassen.

„Jetzt reicht’s mir aber, Großmaul!“, donnerte der Fleischberg. „Wenn du nicht augenblicklich ’ne Fliege machst, werde ich pampig.“

Der Dandy rieb sich zornfunkelnd die brennenden Wangen. „Dich kauf’ ich mir noch mal! Das kannst du schriftlich haben, du Kröte!“, fauchte er und wandte sich wankend um. Er ging nur zehn Meter weit und blieb bei einem rosafarbenen uralten Studebaker stehen.

Hier begann er ein ordinäres Lied zu grölen, und während seine dünnen Finger in den Taschen herumstocherten, beschimpfte er die Passanten auf das ärgste.

Zu meinem Erstaunen zückte der Kerl einen Wagenschlüssel, an dem irgendein heiliger Schutzpatron baumelte. Er schloss damit den Wagenschlag des Studebaker auf und hockte sich ächzend in das Fahrzeug.

Bis zu diesem Moment war mich die Sache nichts angegangen. Sie war mir eine willkommene Abwechslung gewesen; während ich mein Popcorn knabberte. In seinem Fahrzeug wurde dieser Bursche jedoch zur allgemeinen Gefahr. Ich musste verhindern, dass der dumme Kerl sich und womöglich noch ein paar Unschuldige mit seinem Studebaker umbrachte.

Schon startete der Verrückte den Motor seines Straßenschiffes.

Ich rannte los.

Der Studebaker sprang förmlich von der Bordsteinkante zur Straßenmitte, wo er in gefährlichem Zickzack einhergondelte.

Plötzlich machte der rosafarbene Wagen einen scharfen Bogen und hielt genau auf mich zu. Da die Schuhsohle des Fahrers anscheinend aus Blei war, drückte er schwer auf das Gaspedal. Der Wagen gewann beängstigend schnell an Fahrt.

Passanten brüllten entsetzt auf. Ich hechtete blitzschnell zur Seite. In diesem Moment nahm der Wagen eine Kurskorrektur vor und hielt nun genau auf einen in schmutzige Lumpen gehüllten Bettler zu.

Die nächste Sekunde musste die Katastrophe bringen. Der alte Mann lehnte unbeweglich und mit weit aufgerissenen Augen an der grauen Hausmauer. Starr vor Entsetzen, erwartete er den Tod.

Ich sah noch eine kleine Chance, den Alten vor diesem sinnlosen Tod zu retten. Ich spannte die Muskeln, flog durch die Luft, packte den Alten an der dünnen Schulter, riss ihn mit mir fort und zu Boden.

Dicht hinter uns knallte der Studebaker schwer gegen die Wand. Genau da, wo der Bettler noch vor einer Viertelsekunde gestanden hatte. Wir brauchten uns nichts vorzumachen, was ohne mein Eingreifen passiert wäre.

Glas klirrte zu Boden, Blech knackste und knisterte, der Kühler rann blubbernd aus, und auf dem Gehsteig bildete sich schnell eine Lache dampfenden Wassers.

Der neben mir liegende Alte jammerte und hielt sich seinen leicht aufgeschürften Arm.

„Sonst alles okay?“, fragte ich ihn und half ihm auf die spindeldürren Beine.

Er wiegte den Kopf hin und her. „Wenn man bedenkt, wie’s hätte ausgehen können, muss ich zufrieden sein, Mister", meinte er zitternd.

Inzwischen hatte sich eine aufgebrachte Menschenmenge angesammelt. Die Leute wollten den Dandy auf der Stelle lynchen.

„Hängt ihn auf!“, brüllte einer. „So was gehört sofort weggeputzt. Kurzen Prozess muss man mit diesen Kerlen machen.“

„Schlagt ihm den verdammten Schädel ein!“, kreischte eine „Dame“.

Der Dandy hatte den ungeheuren Aufprall ohne die kleinste Schramme überstanden, was wieder einmal bewies, dass die Besoffenen ihren Spezialschutzengel bei sich haben. Er kletterte benommen aus dem Fahrzeug und bedeutete den wild gestikulierenden und schreienden Leuten, ruhig zu sein, indem er den Zeigefinger auf die gespitzten Lippen legte.

Das brachte die Menge natürlich noch mehr gegen ihn auf.

Er besah sich den Schaden und gurgelte überrascht: „Oh, Verzeihung.“

Dann kratzte er sich verblüfft am Schädel.

Schon packten ihn Hände. Er bekam aus der anonymen Masse einen anonymen Hieb. Man puffte ihn heftig und trat ihn mit Füßen.

„He! He! He!“, schrie der Dandy protestierend. „Was soll das?“

Ich kämpfte mich durch die aufgebrachte Menge und fasste schnell nach dem Arm des nun schon ängstlich Kreischenden. Wenn der Bursche auch eine Strafe verdient hatte, so doch nicht die, von der Meute an der nächsten Straßenlaterne aufgehängt oder einfach erschlagen zu werden. Ich zerrte ihn wild mit mir. Die Leute begannen nun auch auf mich einzuschlagen, weil ich mich so offensichtlich auf seine Seite stellte.

Ich stieß die Leiber brutal zurück.

„Seid vernünftig, Leute!“, keuchte ich. Jemand warf mir von hinten einen Stein an den Kopf. Der Schmerz war zu ertragen. „So seid doch vernünftig!“, schrie ich wieder.

Doch der Mob war zu aufgebracht. Die Masse war hysterisch geworden. Sie wollte Blut sehen. Das Blut meines Schützlings. Wenn es nicht anders ging, auch meines.

Jeder der Schreienden sah sich selbst in der Lage, in der der Bettler gewesen war. Dass zum Glück nichts passiert war, zählte für die Leute nicht. Immerhin hätte ja etwas passieren können. Dafür wollten sie dieses unverantwortliche Grünzeug zur Verantwortung ziehen.

Gerade noch rechtzeitig bahnten sich zwei Cops ihren Weg durch die aufgebrachte Menge. Sie stießen bis zu uns vor. Das rettete den Dandy und mich vor noch gröberen Hieben und Püffen.

Die Cops schafften uns die Leute schnell vom Hals.

Plötzlich schrie der Dandy schmerzlich auf. Jemand hatte ihm mit einem spitzen Schuh einen gewaltigen Tritt in den Hintern versetzt. Dann war der „Tapfere“ lachend davongerannt.

Die Cops führten uns zur nächsten Polizeidienststelle. Da erzählte ich meine Story, unterschrieb das Protokoll, das davon aufgenommen worden war, und konnte gehen.

Der Dandy hatte noch eine ganze Weile länger zu bleiben.

 

 

3

Etwas ramponiert und mit dem Wunsch behaftet, ein erfrischendes Bad zu nehmen, holte ich die verbeulte Zigarettenpackung aus meinem Jackett. Ich entnahm ihr eine wie eine Banane gebogene Zigarette und steckte sie mit Wohlbehagen an.

Die Geschichte hätte unter Umständen schlimm ausgehen können. Mehrmals gleich.

Zum ersten hätte mich der Wagen über den Haufen fahren können. Zum zweiten hätte er den Bettler an der Hausmauer zerdrücken können. Zum dritten hätten uns die Passanten ganz schön zur Minna machen können.

Wenn eine Menschenmenge einmal in Wut gerät, ist sie äußerst gefährlich. Sie hört zu denken auf und handelt nur noch instinktiv, wobei der Gegenstand oder die Person, die den Unmut entfacht hat, vernichtet werden muss.

Froh darüber, dass alles noch glimpflich abgegangen war, trat ich aus der Polizeistation.

Da stand er!

Der Blechnapf hing eingedrückt an einem alten Ledergürtel. Ob der Napf die Beule vorhin erst abbekommen hatte, war nicht zu sagen. Seine Füße steckten nackt in abgetretenen, geflickten Sandalen. Jesus und seine Jünger hätten so etwas weggeworfen. Das Hemd hatte keinen Kragen und war an der linken Brustseite — in der Herzgegend — aufgerissen. Ein freundliches Schmunzeln lag unter den dicken grauen Bartstoppeln. Die große Hakennase glänzte. Er hatte weit abstehende Ohren, und als er nun den Mund öffnete, sah ich, dass ihm ein Schneidezahn fehlte.

Er wischte sich die Rechte an der speckigen Kleidung ab, um sie mir gereinigt entgegenzustrecken.

„Danke, Mister“, sagte er.

Ich drückte die Hand. „Wofür?“

„Dafür, dass Sie mir das Leben gerettet haben.“

„Vergiss es, Freund. War für mich selbstverständlich.“

„Aber Sie haben doch dabei Ihr Leben riskiert", sagte der Bettler verständnislos.

Ich legte ihm meine Hand auf die knöcherne Schulter. „Wer einen Job hat wie ich, nimmt das nicht so ernst. Man stumpft ab, wenn man mehrmals die Woche für andere Leute die Rübe hinhalten muss.“

Er blickte mich prüfend an. „Bulle?“ Ich schüttelte den Kopf. „Schnüffler“, erwiderte ich.

Er warf mir einen versöhnlichen Blick zu. „Mein Name ist Lucky March, Mister.“

„Meiner nicht“, grinste ich. „Ich heiße Biff Calder. Einen Drink auf den Schrecken, Lucky?“

Er riss erfreut die Augen auf. „Sie sind ein großzügiger Mann, Mr. Calder.“

Ich schüttelte den Kopf. „Für dich bin ich Biff. Klar, Lucky?“

Er nickte und freute sich darüber, dass ich nicht arrogant war. „Okay, Biff.“

Wir setzten uns in eine kleine Bar. Zuerst wollte uns der Wirt nichts geben, denn Lucky war leider nicht nach der letzten Mode gekleidet. Als ich dem Mann jedoch mit giftigen Blicken, unterstrichen mit saftigen Drohungen, gut zuredete, bekamen wir die Flasche White Label, die ich verlangt hatte und aus der ich nun für Lucky und für mich einen Drink einschenkte.

Die Flasche mit dem restlichen Whisky überreichte ich Lucky mit den Worten: „Vorrat für schlechte Zeiten.“

Seine Augen füllten sich mit Tränen der Rührung. „Ich — ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll, Biff. Ich bin bloß ein Bettler.“

„Vergiss es, Lucky.“

„Ich war nicht immer Bettler. Es hat auch mal Zeiten gegeben, da trug ich einen Anzug wie Sie. Nicht nur am Sonntag, Biff. Ich hatte auch eine Frau und einen Sohn. Das, was Sie heute vor sich sehen, hat der Staat aus mir gemacht.“

„Der Staat sind wir selber, Lucky“, wandte ich ein.

„Dann pfui Teufel vor uns selbst“, sagte Lucky bitter. „Sie holten meinen Jungen vor sieben Jahren von zu Hause fort. Ich war damals Portier in einer kleinen Lackfabrik. Er musste nach Vietnam. Er kam nicht wieder. Er war als Held gefallen. Als Held, Biff!“

Ich hätte ihm in diesem Augenblick ein paar banale Sprüche aufsagen können. Sprüche, die aus dem Heldentod etwas Erstrebenswertes machten. Aber ich hätte ihm damit keinen Gefallen getan, und schon gar nicht hätte er sich damit trösten lassen. Deshalb schwieg ich.

„Ich scheiße auf das Heldentum, Biff! Ich möchte meinen Jungen wiederhaben“, presste Lucky unter Tränen hervor. „Als ich das Telegramm erhalten hatte, betrank ich mich sinnlos. Ich betrank mich von diesem Tag an, so oft ich konnte. Klar, dass sich so was schnell rächt. Ich verlor zuerst meinen Posten und dann meine Frau. Sie fand einen Abstinenzler und ließ sich von mir scheiden. Vielleicht ist sie mit dem anderen glücklich geworden. Ich weiß es nicht. Wünsche es ihr aber. Sie kann schließlich nichts dafür, dass alles so gekommen ist. Ich kam mehr und mehr herunter — und heute bin ich das, was man eine gestrandete Existenz nennt. Muss froh sein, wenn mir jemand ein paar Cent schenkt, wenn mir mal jemand ein Stück hartes Brot gibt oder mich, wie Sie, zu einem Whisky einlädt. Niemand fragt danach, wie es dazu gekommen ist. Man rümpft nur die Nase, wenn man mich sieht. So wie der verdammte Wirt vorhin. Man möchte am liebsten nichts mit mir zu tun haben.“ Lucky March wischte sich über die feuchten Augen. „Ein Sauleben, das ich da führe, Biff. Sie können’s mir glauben.“

„Warum reißt du dich nicht mal zusammen, Lucky?“, fragte ich.

Er lächelte matt „Das sagt sich so leicht. Ich hab’s auch schon mehrfach versucht. Es geht nicht. Seit dem Tod meines Jungen ist in mir etwas zerbrochen. Vielleicht dauert’s nicht mehr lange, bis ich ihn wiedersehe. Heute hätt’s beinahe geklappt.“ Lucky richtete sich mit einem Ruck auf. Er lachte heiser und schüttelte den Kopf. „Verzeihen Sie, Biff. Ich hatte nicht die Absicht, Sie mit meinen Sorgen zu belästigen.“

„Tat aber sicher gut, sich mal wieder auszusprechen“, entgegnete ich.

Der arme Kerl griff schnell nach dem Glas. Er trank hastig, um den Kummer loszuwerden.

„Biff“, sagte er dann, „ich möchte mich dafür revanchieren, dass Sie mir das Leben gerettet haben. Ich besitze zwar kein Geld...“

„Du willst mich doch nicht etwa beleidigen, Lucky“, knurrte ich.

„Wenn Sie mal ’nen Tipp brauchen, Biff — ich komme viel herum. Ich höre manchmal das Laub faulen. Das könnte Ihnen vielleicht mal nützlich sein.“

Ich baute meine Zigarettenpackung vor ihm auf, was bedeutete, er könne sie behalten. „Okay“, sagte ich dann. „Wenn ich mal etwas wissen will und nicht selber draufkomme, melde ich mich bei dir, Lucky.“

Er schien zufrieden. Er zog die Augenbrauen wichtig hoch und tönte: „Ich werde immer für Sie dasein, Biff. Merken Sie sich das. Sie finden mich immer in dieser Gegend. Eine feste Bleibe hab’ ich nicht.“

Guter alter Lucky March.

Als ich ging, wusste ich, dass ich einen Freund gewonnen hatte. Einen Freund zwar, mit dem man sich nicht überall zeigen konnte, dessen Treue sich aber bestimmt länger hielt als die eines smokingbedressten Playboys.

 

 

4

Die fünf langen schwarzen Nylonmäntel lagen achtlos zusammengerollt auf dem Tisch. Darauf lagen fünf Gasmasken. Auf drei daneben stehenden Sesseln waren die drei gelben, prallgefüllten Jutesäcke abgestellt. Vollgestopft mit neunhundertfünfzigtausend Dollar.

Dieses Stillleben stand in einer Ecke des großen Raumes, in dessen Mitte ein zweiter, größerer Tisch stand, an dem die fünf Ganoven vergnügt zechten und Karten spielten.

Mehr Möbel gab es in der sonst völlig leer stehenden Villa nicht, doch es reichte für den vorübergehenden Aufenthalt der Gangster. Sie waren nach dem Banküberfall nach zahlreichen Umwegen und Richtungsänderungen hierhergekommen.

„Versuch noch mal den Boss zu erreichen, Willie“, schnarrte ein pockennarbiger Kerl.

Willie streifte eben einen größeren Gewinn mit sichtlicher Befriedigung ein. Grinsend stopfte er das Geld in die Taschen, bevor er sich erhob, um zu dem auf dem Boden vor dem hohen Fenster stehenden Telefon zu gehen.

Er nahm den Apparat lässig auf, balancierte ihn auf der Handfläche, während er den Hörer auf die Schulter legte, und wählte die Nummer, indem er mit dem Zeigefinger sorgfältig in die Löcher der Wählscheibe stach.

Er ließ es mehrmals läuten und wollte schon wieder auflegen, da kam die Verbindung doch noch zustande.

„Ja?“, fragte eine Stimme vorsichtig. „Ich bin’s. Willie, Boss.“

„Alles okay, Willie?“

Willie strahlte bei seiner Erfolgsmeldung. „Hat alles bestens geklappt, Boss. Hätte sich gar nicht besser abspielen können.“

„Habt ihr jemand umgelegt?“

„Nein, Boss. War nicht nötig. Haben alle hübsch brav gespurt — bis auf den alten Kassierer“, erzählte Willie.

„War zu erwarten“, knurrte der Boss. „Was habt ihr mit ihm gemacht?“

„Ich hab’ ihm eins mit dem Revolverkolben übergebraten“, grinste Willie. „Er wird es überleben.“

„Gut gemacht, Jungs“, lobte der Boss. „Ihr bleibt jetzt noch zwei Stunden in eurem Versteck. Dann fährt Buggy mit dem Geld zu Floyd, kapiert?“

„Ja, Boss.“

„Ihr anderen geht nach Hause. Keiner rührt heute einen Tropfen Alkohol an, klar? Wir treffen uns dann morgen bei Phil zu ’ner kleinen Feier.“

Willie nickte erfreut. „In Ordnung, Boss. Gute Nacht, Boss.“ Er ließ den Hörer aus zehn Zentimeter Höhe auf die Gabel fallen, und zwar so, dass seine Freunde ihn dabei beobachten konnten. Dann stellte er den Apparat wieder auf den Boden und kam an den Tisch zurück.

„Was hat er gesagt?“, erkundigte sich der Pockennarbige ungeduldig.

Willie grinste strahlend in die Runde. „Freunde, der Boss ist von unserer Arbeit begeistert, möchte ich euch flüstern. Das gibt fette Prämien. Er hat nur einen Wunsch an euch, Jungs. Besauft euch heute nicht wie ein trockener Schwamm, ja?“ Damit war dieses Thema vorläufig beendet. Er widmete sich wieder dem Spiel. „Wer kommt dran?“, fragte er und nahm die für ihn bereitgelegten Karten auf.

Die Runde kam jedoch zu keinem weiteren Spiel mehr, denn plötzlich flog die Tür krachend auf und donnerte laut gegen die Wand. Die Ganoven schnellten erschrocken von ihren Sitzen hoch und glotzten verdattert zur Tür hin, wo vier Männer — drei davon mit Tommy Guns bewaffnet — wie drohende Salzsäulen dastanden. Der vierte Mann war unbewaffnet. Er schien eben erst der Mutterbrust entkommen zu sein.

Die Luft knisterte gefährlich.

 

 

5

Willie reagierte als erster. Er riss seinen Revolver aus dem Schulterholster.

Schon krachten die Maschinenpistolen ohrenbetäubend in tödlichem Stakkato los. Die fünf Bankräuber wurden vom Kugelhagel erfasst und in zuckendem Rhythmus zu Boden geschleudert. Unter ihren Leibern bildete sich schnell eine große Blutlache.

Die drei MP-bewaffneten Männer stürzten sich lachend auf die gelben Jutesäcke, rissen sie hoch und tanzten damit, vor Freude hüpfend, herum.

Der unbewaffnete Junge — er war kaum älter als sechzehn — blickte entsetzt auf die grauenvolle Szene. „Ihr habt sie umgebracht“, keuchte er verstört. „Ihr verrückten Kerle habt sie einfach wie tollwütige Hunde über den Haufen geschossen. Ihr habt ihnen nicht die geringste Chance gelassen. Ihr Mörder! Verfluchte Mörder!“

Einer der Killer grinste kaltblütig. „Hättest du’s lieber gesehen, wenn die Kerle uns umgelegt hätten, Pete?“

Pete schüttelte verständnislos den Kopf. „Sie hatten doch nicht die geringste Chance.“

„Es sollte ja auch kein Duell werden“, knurrte der Killer grimmig. Merk dir eins, Junge; Nur ein toter Feind ist ein guter Feind. Wenn du ihn heute nicht fertigmachst, legt er dich vielleicht schon morgen um. Wenn du überleben willst, musst du als erster am Drücker sein. Wirst es schon noch merken.“

Der Junge blickte die drei Killer entgeistert an. „Aber — aber ihr habt doch gesagt, ihr werdet ihnen bloß eure Bleispritzen unter die Nase halten und ihnen den Zaster abnehmen.“

Die Männer lachten. „Mussten wir doch, sonst hättest du dir doch die Hosen vollgepisst“, entgegnete ihr Wortführer.

„Lass gut sein, Pete“, sagte sein Nachbar. „Den Katzenjammer haben wir alle mal gehabt. Gehört dazu. Irgendwann gibt sich das. Beim einen früher, beim anderen später. Du musstest schließlich mal anfangen. Oder dachtest du, in unserer Gang ewig nur das Nesthäkchen spielen zu können, Kleiner.“

Peter Stewart blickte erschüttert auf die fünf Toten. Es waren die ersten Toten seines Lebens. In seinem Magen revoltierte es. Er musste heftig gegen die quälende Übelkeit ankämpfen.

Plötzlich glaubte er, auf seinem Kopf graue Haare sprießen zu spüren. Es war wie im Traum! Einer der Toten bewegte sich. Er richtete sich auf. Ganz langsam. Die anderen merkten es nicht. Der Mann stemmte mit schmerzverzerrtem, blutverschmiertem Gesicht seinen Revolver mit beiden Händen hoch und richtete ihn genau auf Pete.

Der Junge starrte mit angstgeweiteten Augen in die dunkle Mündung der Waffe... Er war unfähig, sich zu bewegen. Wie die Maus, die vor der Kobra hockt.

Schon bellte die trockene Detonation auf. Pete spürte einen Schlag gegen die Bauchdecke. Er wurde wie von einer mächtigen unsichtbaren Faust zurückgeschleudert und gegen die harte Wand geworfen.

Jetzt machten sich rasende Schmerzen bemerkbar. Pete begann wild zu schreien, während er entsetzt und voll panischer Angst beide Hände auf das große Loch hielt, aus dem ununterbrochen dickes junges Blut quoll.

Einer der drei MP-Gangster hatte seinen Geldsack sofort fallen lassen. Er war herumgewirbelt und hatte eine neuerliche Feuergarbe in den sterbenden Gegner gejagt. Die Kugeln warfen den Mann auf einen seiner Komplicen. Jetzt erst war er wirklich tot.

„Los jetzt!“, zischte der gnadenlose Schütze und ergriff den Jutesack wieder. „Gehen wir!“

Peter Stewart sah sie verstört an. Keiner kümmerte sich um ihn. Wollten sie ihn hier bei den Toten zurücklassen? Sollte er ebenfalls sterben?

Als die Männer das Haus verlassen hatten, rutschte er an der Wand heulend zu Boden. Sicher hatten sie keine Ahnung, wie schwer es ihn erwischt hatte. Sie wussten nichts von den schneidenden Schmerzen in seinem Bauch. Dachten, er würde ihnen folgen.

Pete begann auf allen vieren zu kriechen. Er ließ eine dicke dunkle Blutspur hinter sich.

„Wartet auf mich!", wimmerte er. „So wartet doch auf mich!“ Seine Stimme hatte nicht mehr genügend Kraft. Er konnte sich kaum selbst hören.

Die drei Killer waren inzwischen aus der Villa getreten. Auf dem hellen Kiesweg warteten zwei Wagen. Sie warfen die Jutesäcke in den Kofferraum des ersten Wagens und nahmen anschließend ihre Plätze ein.

Im zweiten Fahrzeug saß ein schwarzhaariges Chinesenmädchen am Volant. „Was ist mit Pete?“, rief sie dem Fahrer des ersten Wagens zu. Der Mann zuckte gleichgültig die Achseln.

Da kam Peter Stewart wankend aus dem Haus. Nahezu kein Blut war mehr in seinem Gesicht. Es war blass wie ein Leichentuch.

Pete hatte beide Hände fest auf den Bauch gepresst und weinte. „Mei Chen!“, rief er die Chinesin mit einer dünnen, wimmernden Stimme. „Mei Chen! Mich hat’s erwischt! Du musst mir helfen, Mei Chen! Ich schaffs nicht allein...“

Im selben Moment verdrehte Pete die Augen. Er fiel auf die Knie.

„O Mutter! Mutter...!“, brüllte er herzzerreißend. „Was hab’ ich für schreckliche Schmerzen.“

Die drei MP-Killer fuhren los. Mei Chen sprang hastig aus dem Wagen und lief zu Pete. Sie trug ein goldschimmerndes knöchellanges Seidenkleid, das bis zu den Schenkeln hinauf an beiden Seiten geschlitzt war.

„Wasser, Mei Chen! Wasser!“, stöhnte der Junge. „Ich habe schrecklichen Durst. In mir brennt alles wie Feuer, Mei Chen!“

Die Chinesin besah sich die Verletzung des Jungen eingehend. Sie erkannte, wie arg es Peter Stewart erwischt hatte und dass es für ihn kaum noch eine Rettung gab.

Ihre Hand glitt langsam in den rechten Schlitz des Seidenkleides. Der Junge merkte nicht, dass sie aus dem Strumpfband eine kleine Pistole zog. Erst als sie ihm die Waffe an die Schläfe setzte, kreischte er entsetzt auf.

Der Schuss war nicht lauter wie der einer Spielzeugpistole. Für Peter Stewart hatte dieser Knall jedoch tödliche Folgen.

 

 

6

Susan Tucker trat um fünf Uhr nachmittags in unser gemeinsames Büro. Ich hatte eben die Absicht gehabt, mit Charles Lenoire, einem unserer Mitarbeiter, etwas Scharfes zu heben. Als meine Partnerin eintrat, stellte ich schweigend ein drittes Glas auf den Tisch und goss ohne Geiz ein.

„Bedient euch, Komplicen!“, sagte ich und griff als erster zu.

Während ich trank, musterte ich Susan über den Rand meines Glases. Irgend etwas schien mit ihren Haaren passiert zu sein. Ich hatte nur noch nicht genau 'raus, was es war. Die Locken spielten alle Farben. Meine Partnerin trug tatsächlich sämtliche Farben, die ein tüchtiger Friseur hervorzubringen imstande ist, auf einem einzigen Kopf. Das war selbst einem abgebrühten Hasen wie mir, der von Susans Seite Überraschungen dieser Art ja schon seit Jahren gewöhnt ist, zuviel.

Auch Charles konnte an diesem Naturereignis nicht ohne Reaktion vorübergehen: Er verschluckte sich, bekam das scharfe Getränk in die falsche Röhre und begann mit hochrotem Kopf laut zu bellen.

Susan war die einzige, die verhältnismäßig normal blieb. Kein Wunder. Sie war wahrscheinlich noch an keinem Spiegel vorbeigekommen.

Am besten, nicht beachten. Mit keiner Silbe bereden, dachte ich. Sonst kränkt sie sich.

Susan nippte von dem Drink, stellte das Glas ab und holte aus ihrer Handtasche, die sicher nicht älter als zwei Stunden war, eine Extraausgabe der „Chicago News“.

Verglich man die Handtasche mit Susans neuer Frisur, musste man dem abenteuerlichen Gebilde bescheinigen, dass es richtiggehend harmlos wirkte.

„Ist was passiert?“, erkundigte sich Charles und tupfte den Schweiß mit seinem weißen Taschentuch von der Stirn.

„Hatte Mao Tsetung eine Fehlgeburt?“, wollte ich wissen.

Ohne ein Wort zu sagen, klatschte Susan die auseinandergefaltete Zeitung auf den Tisch.

Neunhundertfünfzigtausend Dollar bei Bankeinbruch erbeutet. Von den Tätern fehlt jede Spur.

Charles und ich überflogen den fettgedruckten Reißer mit sichtlichem Interesse. Als ich die Stelle erreichte, wo erwähnt wurde, dass man eine Prämie in der Höhe von zehn Prozent für die Wiederbeschaffung der neunhundertfünfzig Riesen ausgesetzt hatte, wusste ich, warum Susan uns das Extrablatt gebracht hatte.

„Ich nehme an, du kommst nicht mehr so recht mit deinem Taschengeld klar“, lächelte ich meine Partnerin an.

„Zehn Prozent von neunhundertfünfzigtausend Dollar sind ..."

„Ein Vermögen“, grinste ich.

„Ein richtiges Vermögen“, tönte Charles Lenoire beeindruckt. „Ich glaube, wir sollten uns darum kümmern.“

Ich zuckte die Achseln. „Wenn Charles meint“, sagte ich zu Susan. „Hast du schon einen Plan, Partnerin?“

Susan schüttelte den Kopf. Dadurch wurde ich wieder auf die Farbenpalette aufmerksam. Ich hätte den Friseur verdroschen, wenn er das mit meinem Haar gemacht hätte.

„Es wäre vielleicht ganz gut, wenn Charles sich mal in der Bank umsehen würde“, schlug Susan vor.

„Ganz offiziell?“, wollte Lenoire wissen. Schließlich war das mit unserer Privatdetektei so eine Sache. Susan und ich arbeiteten nämlich hauptsächlich für den Special Government Service, kurz SGS genannt. Unsere Aufgabe bestand darin, Fälle zu lösen, die weder in den Zuständigkeitsbereich des FBI, noch in den des CIA oder CIC fallen. Die Privatdetektei war eigentlich nur unser Tarnungsschild, hinter dem wir operierten. Da eine Privatdetektei jedoch auch hin und wieder ihrer Bestimmung entsprechend zu funktionieren hat, hatten wir Charles Lenoire und Julia Hickson angestellt. Die beiden lösten für uns die privaten Fälle, und wir gingen ihnen manchmal an die Hand oder übernahmen aus Tarnungsgründen auch mal selbst einen privaten Fall, um nach außen hin den Schein zu wahren.

„Warum eigentlich nicht ganz offiziell?“, fragte Susan Tucker zurück. „Unsere Detektei ist an den zehn Prozent interessiert. Darüber wird sich bestimmt niemand wundern.“

„Dann werde ich mal die Fühler zum FBI ausstrecken“, meinte ich und ging ans Telefon. „Gute Beziehungen sind schließlich dazu da, um ausgenützt zu werden.“

„Was hast du vor, Biff?“, fragte Susan.

„Ich werde unseren lieben Freund Tom Harris anrufen und ihn von dem soeben gefassten Entschluss in Kenntnis setzen. Sollten wir das unverschämte Glück haben, dass sich der FBI mit dem Bankraub befassen muss, könnte Tom uns doch einen heißen Tipp zukommen lassen. Schließlich kann es dem Distriktchef Mr. Small und seinen Leuten nur recht sein, wenn wir uns ebenfalls um die Sache kümmern. Ihnen wie uns geht es doch in erster Linie darum, dass das Verbrechen gesühnt wird.“

„Ich dachte, uns geht es um die zehn Prozent, Biff“, warf Lenoire erstaunt ein.

„Das eine schließt doch das andere nicht aus, Charles“, erwiderte ich grinsend.

Dann wählte ich die mir bestens geläufige Nummer der FBI-Zentrale.

 

 

7

Montague Ross wohnte nicht. Er residierte. Er war ein kleiner Mann, etwas zu dick geraten und wegen seiner geringen Größe mit Komplexen beladen, die er dadurch zu kompensieren trachtete, dass er sich mit Prunk und teuren Dingen umgab. An den dicken Wurstfingern trug er protzige Goldringe, eine goldene Armbanduhr am Handgelenk, und man munkelte, dass sogar die Armaturen seiner Toilette aus purem Gold waren.

Ross war hartherzig und brutal. Er war der Chef einer Bande von Killern, die bedenkenlos ausführten, was er von ihnen verlangte.

Es war seine Idee gewesen, den fünf Bankräubern die Beute abzunehmen. Dass seine Leute das auf jene Art machten, die ihnen am besten lag, störte ihn dabei weiter nicht. Für Montague Ross zählte stets nur der Erfolg. Wie er erreicht wurde, war ihm Nebensache.

Deshalb war er auch vollkommen mit dem einverstanden, was seine Freundin Mei Chen ihm eben erzählt hatte.

Er saß verschwindend klein in dem riesigen Ohrenfauteuil. Die runde Knollennase leuchtete rötlich zwischen den aufgedunsenen Wangen und war der Blickfang in dem sonst nichtssagenden Gesicht.

Ross nickte zufrieden. Er nippte von seinem White Label, rutschte vom Fauteuil auf die kurzen Beine und lief auf dem teuren Hochflorteppich auf und ab.

„Weiß es Mirja schon?“, fragte er, hielt vor dem an der Wand hängenden Kristallspiegel, betrachtete seine unvorteilhafte Erscheinung eine Weile und zupfte dann versonnen an seiner Krawatte herum.

Mei Chen schüttelte den Kopf. „Nein, Mon.“

„Dann soll sie es jetzt erfahren“, sagte Montague Ross kalt. Er trippelte zum Telefon, hob den Hörer von der Gabel und bellte; „Mirja soll zu mir kommen. Sofort.“

Es dauerte drei Minuten. Dann schwang die ledergepolsterte Tür auf, und ein Mädchen mit langem blondem Haar trat ein. Sie war reizend, hatte eine perfekte Figur, blaue Augen, einen vollen, sinnlichen Mund und wohlproportionierte Brüste. Die Beine waren lang und schlank und gerade gewachsen. Ihr Gesicht war ausdrucksstark und verriet viel Intelligenz.

Mirja Stewart war für Montague Ross so etwas wie eine Sekretärin. Mehr als das zu sein, hatte sie bereits öfters mit größtem Nachdruck abgelehnt, nachdem der kleine Ross schon mehrmals versucht hatte, sie mit eindeutigen Angeboten zu seiner Geliebten zu machen.

Ross hockte sich wieder in seinen Ohrenfauteuil. „Los, Mei Chen! Sag’s ihr! — Setz dich, Mirja!“

Mirja Stewarts Blick wanderte fragend zu dem ausdruckslosen Gesicht der Chinesin. Sie setzte sich steif und wartete unsicher auf das, was Mei Chen ihr sagen würde.

Mei Chen vermied es, Mirja in die Augen zu sehen, als sie zu sprechen anfing. „Es — es handelt sich um deinen Bruder, Mirja. Pete hat uns arg zugesetzt, mitkommen zu dürfen. Ich war von Anfang an dagegen gewesen, aber Joe und Jack erlaubten es ihm. Es wäre besser für ihn gewesen, hierzubleiben.“

Details

Seiten
124
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941258
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
auch killer

Autor

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Titel: Auch Killer können weinen