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Redlight Street #137: Die Warenhaus-Amsel

2020 121 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Die Warenhaus-Amsel

Copyright

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Die Warenhaus-Amsel

Redlight Street #137

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.

 

Daniel Mertens hat mit Maria Koch seine große Liebe gefunden. Beide wollen heiraten.

Bei einem Betriebsausflug ändert sich jedoch alles. Die siebzehnjährige Rita Hattig hat ein Auge auf Daniel geworfen und sich in den Kopf gesetzt, ihn für sich zu gewinnen. Jedes Mittel ist ihr dazu recht, denn sie glaubt, dass sie an seiner Seite ein luxuriöses Leben führen kann ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Der See war glatt wie ein Spiegel. Nur um das Boot kräuselten sich ein paar verspielte Wellen. Ansonsten war es vollkommen still. Aus dem Schilf erhob sich ein Reiher, zog silbrig seine Bahn und verschwand im nahen Wald. Die Sonne stand hinter Maria, und ihr Haar wurde davon durchtränkt. Es sah aus wie gesponnenes Gold.

Sie sah ihn nicht an, sie schien mit ihren Gedanken weit fort zu sein. Einmal hob sie ihre Hand, ließ sie über den Rand des Bootes ins Wasser gleiten. Aber all das tat sie, ohne dass es ihr bewusst wurde. Ein Zauber lag über dem See und dem Mädchen.

Und Daniel saß da, die Ruder angezogen, und wagte diesen Zauber nicht zu stören. Unaufhörlich blickte er das Mädchen vor sich an. Noch immer war so etwas wie Ungläubigkeit in seinem Herzen. Maria gehörte ihm, seit gestern. Endlich! Wieviel Zeit war vergangen, vom ersten Blick, dem ersten Treffen in einem kleinen Café. Gestern hatten sie endlich Verlobung gefeiert. Bald würden sie heiraten. In einem halben Jahr, so hatten sie es abgemacht. Maria tat alles gründlich, nichts halb. Sie wollte nicht mit Schulden in eine Ehe eingehen. Erst wenn sie beide genug Geld hatten, dann wollten sie heiraten.

Daniel kniff die Augen zusammen. Die Helligkeit tat ihm weh, aber er rührte sich doch nicht von der Stelle. Er fragte sich: Woran denkt sie jetzt? Warum hält sie mich ausgeschlossen? Wieso habe ich keinen Platz in ihren Träumen? Bereut sie vielleicht schon alles? Sie ist so rätselhaft, so undurchschaubar. Warum liebe ich sie eigentlich? Sie ist schön, ja, das ist sie, aber das hat mich nicht bezaubert. Maria ist spröde, abweisend. Wer sie nicht wirklich kennt, glaubt, sie sei kalt und hochmütig. Aber das ist sie nicht. Maria hat einfach Angst, verletzt zu werden. Darum zieht sie sich zurück, lässt niemanden an sich herankommen. Sie lebte still und einsam, bis ich gekommen bin. Ich habe nicht aufgehört, um sie zu werben, immerzu, jeden Tag musste ich neu um sie werben, und wenn ich glaubte, ich hätte sie von meiner Liebe überzeugt, dann war sie auf einmal wieder unnahbar. Ich kann es nicht begreifen. Warum glaubt sie mir nicht? Ich liebe sie, ich habe ihr mein Herz geschenkt, bei ihr finde ich all das, wonach ich mich schon so lange sehne. Maria! Er wollte sie anschreien, sie aus ihrer Versunkenheit rütteln. Hörst du mich, Maria, wir gehören jetzt zusammen, du und ich. Maria, ich liebe dich! Ich werde dich mein ganzes Leben lang lieben. Glaub mir doch endlich!

Aber er tat es nicht. Er blieb weiterhin reglos auf seinem Platz sitzen. Die Sonne stach immer heißer. Sein markantes Gesicht war tiefgebräunt. Er war ein schöner Mann, o ja!

In diesem Augenblick wandte das Mädchen ihm das Gesicht zu. Ihre großen blauen Augen waren so klar wie der See, auf dem sie ruderten. Ein winziges Lächeln huschte um ihre Lippen. Daniel wollte nach ihrer Hand greifen.

»Bitte«, lächelte sie und zog sich noch weiter zurück.

Er war verwirrt und verletzt zugleich. Das Mädchen sah es und senkte den Kopf.

»Ja«, sagte sie dann mit fester Stimme. »Ja, ich glaube, ich muss es dir sagen. Sonst verstehst du mich nicht.«

Daniel horchte auf. Gab es da etwas in ihrem Leben, das er noch nicht wusste? Warum hatte er plötzlich Angst? Warum machte sie so ein ernstes Gesicht?

»Maria!« Seine Stimme klang ernst. »Du brauchst mir nichts zu sagen. Ich spüre, es quält dich, ich will es nicht hören. Ich vertraue dir auch so, Maria.«

Ihre Augen schwammen in Tränen.

»Daniel«, flüsterte sie. »Du bist so gut, so vollkommen, du bist ein Ehrenmann, weißt du das auch?«

Tatsächlich, er errötete wie ein Schuljunge.

»Das sollst du nicht sagen, Maria.«

»Doch, ich muss es. Lass mich ausreden! Ich glaube, mir wird dann leichter, Daniel. Darum habe ich dich ja auch gebeten, mit mir auf diesen See hinauszufahren.«

»Es ist wunderschön hier. Ich wusste gar nicht, dass hier ein See ist. Niemand hat mir davon erzählt.«

»Wir haben ihn damals auch nur durch Zufall gefunden«, sagte das Mädchen.

Schweigen.

Maria ließ wieder ihre Hand ins Wasser gleiten. Die Kühlung tat ihr gut. Aber dann besann sie sich. Mit einer abrupten Geste schüttelte sie die blonde Haarflut aus dem Gesicht.

»Ich habe Angst«, sagte sie mit leiser Stimme.

Daniel sah sie erschrocken an.

»Angst?« Sein Mund war ganz trocken. Dann lachte er leise auf. »Kannst du vielleicht nicht schwimmen? Ich werde dich retten, falls wir kentern, Liebste.«

»Daniel!« Ihre Stimme klang flehend. »Ich habe wirklich Angst. So glaub mir doch.«

Nun wurde er auch wieder ernst.

»Wovor hast du Angst, Maria?«

»Davor, dass unser Glück zerbricht.«

»Maria«, sagte er weich. Nun hielt er es nicht mehr aus. Er rutschte zu ihr hinüber, legte seinen Arm um ihre Schulter. »Welch ein dummer Gedanke. Unser Leben, unsere Liebe, das fängt doch erst an. Und wenn wir erst einmal verheiratet sind, dann wird alles noch viel schöner. Glaub mir, Maria, ich werde immer bei dir bleiben!« Ihre Augen waren leer. Er konnte nichts darin lesen. Ein Schauer rann über seinen Rücken. Vorsichtig nahm er ihr Gesicht in beide Hände. »Du glaubst mir also immer noch nicht? Auch jetzt noch nicht?« Er sah auf seine linke Hand. Dort steckte der goldene Reif, den gleichen besaß auch Maria. »Wir sind gebunden, Maria.«

Wieder blickte sie verloren über die Wasserfläche.

»Ich war schon einmal verlobt.« Ihre Stimme klang wie zerbrochenes Glas. »Vor vier Jahren war ich schon mal verlobt. Wir wollten heiraten, Frank und ich, wir waren so glücklich. Alles erschien in einem rosaroten Licht. So wie jetzt, verstehst du. Damals, vor vier Jahren, da ruderten wir auch über diesen See. Ich dachte, nun wird alles gut, nun wirst du nie mehr allein sein. Nun hast du endlich einen Menschen gefunden, zu dem du gehörst, der dich liebt, dem es nicht gleichgültig ist, ob du krank oder traurig bist. Wir wollten ein Heim gründen.«

Daniel saß ganz still an ihrer rechten Seite. Seltsam leblos lag seine Hand auf ihrem Arm. Das hatte er nicht gewusst. Warum sprach sie jetzt davon? Er begriff das nicht. Gewiss, sie war schon fünfundzwanzig, dass es da schon Männer in ihrem Leben gegeben hatte, das konnte er sich denken. Aber warum hatte sie vorher nichts von dieser Verlobung erwähnt? Warum nicht?

»Und warum hat er dich nicht geheiratet?« Seine Stimme klang ganz ernst.

Maria wandte sich ihm wieder zu.

»Er ist tot«, flüsterte sie. »Vier Tage vor unserer Hochzeit kam er bei einem Verkehrsunfall ums Leben. Verstehst du mich jetzt?«

Er sah sie an. Nun konnte er in ihren Augen lesen, bis ins Herz hinein. Und er spürte, dass sie zitterte. Darum hatte sie also solche Angst vor der Liebe. Darum also hatte sie ihn immer wieder abgewiesen.

»Ich liebe dich«, sagte sie flüsternd. »Ich liebe dich so sehr, ich könnte dies alles nicht noch einmal ertragen. Es war so schrecklich, Daniel, so grausam. Ich habe lange gebraucht, um alles zu überwinden. Als ich es endlich überstanden hatte, da kamst du. Ich liebte dich vom ersten Augenblick an. Aber ich dachte immer an Frank. Ich will nicht wieder so leiden, verstehst du?«

Er zog sie an sich.

»Maria, warum hast du nie darüber gesprochen? Ich hätte doch versucht, dich das alles vergessen zu lassen.«

Sie strich ihm über das dunkle Haar. Ihr Blick war abwesend.

»Warum ich heute darüber spreche? Daniel, ich habe Angst.«

»Ich habe wirklich nicht vor, so früh zu sterben.« Es sollte lustig klingen.

Aber sie lachte nicht mit.

»Ich liebe dich mehr, als ich Frank je geliebt habe«, murmelte sie. »Vielleicht ist das nicht gut. Das Glück, es ist so vergänglich. Wie schnell kann es zerbrechen.«

Nun fühlte sich der Mann ganz seltsam. Ihre Worte gingen ihm zu Herzen. Nun verstand er sie so gut. In all den Monaten, seit sie sich schon kannten, und auch jetzt, wo sie verlobt waren, entzog sie sich ihm. Von der körperlichen Liebe wollte sie vor der Hochzeit nichts wissen. Und vielleicht hatte er deswegen so große Hochachtung vor ihr. Wo gab es das noch? Wo fand man in der heutigen Zeit noch ein Mädchen, das nicht vorher mit Dutzenden von Männern geschlafen hatte? Er respektierte ihren Wunsch, und sie achtete ihn deswegen sehr hoch. Sie wusste, es musste ihm schwerfallen.

Daniel sagte sich: Ich wäre ein Schuft, wenn ich es erzwingen wollte. Und bin ich denn ein Tier? Kann ich mich denn nicht beherrschen? Wenn sie jetzt krank wäre, viele Ehefrauen werden mal krank, dann müsste ich auch warten können. Umso schöner wird es dann nachher sein. Und jetzt, wo ich weiß, warum sie nicht will, verstehe ich sie sehr gut. Sie will sich einfach nicht verschenken, aus Angst, das Schicksal könne wieder hart zuschlagen, dann würde vielleicht alles noch schrecklicher für sie sein. Wie konnte er ihr helfen? Wie konnte er ihr beistehen.

»Maria, lass uns sofort heiraten! Bitte, dann bist du deine Angst los.«

Sie legte ihren Kopf an seine Schulter.

»Du bist so gut.«

Er küsste sie.

»Warum gibst du mir darauf keine Antwort?«

»Halt meine Hand, und alles wird gut! Jetzt habe ich keine Angst mehr. Seltsam, jetzt, wo ich dir alles gesagt habe, ist mir auf einmal ganz leicht ums Herz.«

Und sie saßen im Boot und ließen sich treiben. Sie sahen nur sich und das Glück. Darüber vergaßen sie die Wirklichkeit, und Maria vergaß ihre Angst.

 

 

2

Daniel Mertens war achtundzwanzig Jahre alt. dass er sich jetzt erst zu einer Heirat entschloss, hatte nichts damit zu tun, dass er bei seiner Mutter lebte. Obgleich er ihr einziges Kind war, hatte sie ihn nie nur für sich haben wollen. Im Gegenteil, die Mutter hatte immer sehr darauf geachtet, dass er wie andere Kinder aufwuchs. Sie war es auch, die ihn immer wieder drängte, doch eine Frau zu nehmen. Anfangs hatte er nur gelacht und gesagt: »Aber mir geht es doch prächtig. Ich habe alles, was ich brauche. Willst du mich unbedingt loswerden?«

»Daniel, du weißt ganz genau, dass ich das nicht will. Aber schau, ich lebe nicht ewig. Und die Leute werden bald wirklich denken, ich würde dir das Heiraten verbieten. Was glaubst du, wie sehr ich mich auf Enkelkinder freue. Andere Männer in deinem Alter haben schon längst eine Familie gegründet. Wann willst du endlich damit anfangen?«

Dann hatte er meistens geantwortet: »Ich will erst was sein, ich will so viel verdienen, dass ich anständig eine Familie ernähren kann. Wenn ich mal heirate, dann will ich nicht, dass meine Frau mitarbeiten muss. Wenn es ihr Spass macht, habe ich nichts dagegen, ganz und gar nicht. Aber nur, damit wir die Miete zahlen können, nein, das passt mir nicht. Ich habe noch Zeit.«

«Du bist genauso gewissenhaft, wie es dein Vater war, Daniel. Aber du musst selbst wissen, was du tust. Sage mir bloß später nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!«

Lustig fragte er zurück: »Wovor musst du mich denn warnen, Mutter?«

»Dass es einmal zu spät sein könnte. Einen alten Knacker wollen die Mädchen nicht mehr haben.«

Er hatte nur gelacht. Daniel hatte nicht so unrecht, es stünde mit vielen Ehen wirklich viel besser, wenn man sich vorher alles gründlich überlegen würde und nicht gleichgültig diesen Bund schlösse, mit der Hoffnung im Herzen: Ach, irgendwie wird es schon gehen.

Daniel hatte ganz klein angefangen, als Verkaufslehrling in einem großen Warenhaus. Aber da er zielstrebig war und seine Vorgesetzten ihn sehr lobten, so ließ er nicht locker. In Abendschulen holte er nach, was er seinerzeit wegen der Kriegswirren und im Durcheinander danach in der Schule versäumt hatte. Er machte die mittlere Reife, und man schickte ihn vom Geschäft aus zu mehreren Lehrgängen. Bald war er schon der erste Verkäufer, dann Abteilungsleiter. Aber das genügte ihm auch nicht, und so bildete er sich noch weiter, bis er eines Tages Einkäufer für die gesamte Herrenabteilung war. Nun hatte er es endlich geschafft. Die Mutter war stolz auf ihn.

»Was habe ich dir gesagt, ich schaffe es, und jetzt bin ich soweit.«

»Ja, jetzt bist du fünfundzwanzig, die Lernerei hat endlich ein Ende. Jetzt wirst du dich geschwind nach einer Frau umsehen, Daniel.«

»Wird gemacht«, hatte er fröhlich geantwortet. »Gleich morgen fange ich damit an.«

Aber dann stellte er zu seiner großen Verblüffung fest, dass das gar nicht so einfach war. Mädchen, die seinem Alter entsprachen, waren schon längst glücklich verheiratet. Da war nur noch das junge Gemüse. Und damit konnte er wirklich nichts anfangen. Sollte die Mutter vielleicht recht behalten? Vielleicht war doch alles verkehrt, so wie er es angefangen hatte. Auch die Kollegen in seinem Alter waren längst verheiratet. Einige gab es darunter, die waren schon geschieden. Daniel wollte es einfach nicht glauben. Er sagte sich: In dieser großen Stadt muss es doch irgendwo eine passende Frau für mich geben. Da bin ich ganz sicher. Wir leben doch nicht auf dem Lande, da könnte man es noch verstehen. Aber hier?

Doch die Zeit verrann, sogar die Mutter horchte in ihrem Bekanntenkreis herum, ob nicht noch irgendwo eine junge Frau war, die gern verheiratet wäre.

»Ach Junge, das waren meine Befürchtungen. Wenn ich mal nicht mehr bin, dann wirst du allein zurückbleiben und ein vertrockneter Junggeselle werden. Glaubst du mir jetzt endlich?«

»Mutter, ich bin noch keine siebenundzwanzig, und ich gebe die Hoffnung nicht auf.«

Sie lachte.

»Deinen Humor möchte ich haben, Daniel, wirklich. Aber du hast dir die Suppe eingebrockt, nun musst du sie auch selbst auslöffeln. Mir kannst du keinen Vorwurf machen.«

»Aber das tue ich ja gar nicht«, gab er lachend zurück. »Mir wird schon was einfallen.«

»Na ja, dann such mal hübsch weiter!«

Daniel hatte schon ein paarmal daran gedacht, sich an ein Heiratsinstitut zu wenden oder auf eine Anzeige zu schreiben. Aber dann dachte er: Ach, das kann nichts Richtiges sein. Wer dahin geht, der muss doch wirklich ganz verzweifelt sein. Und das bin ich noch lange nicht. Das kann ich immer noch tun, wenn ich dreißig bin und bis dahin kein Mädchen gefunden habe.

Die Wochenenden verbrachte er mit tiefem Nachdenken. Und wenn er dann am Morgen ins Geschäft eilte und die vielen Kundinnen sah, betrachtete er sie heimlich. Er sagte sich: Da laufen so viele herum. Die sind doch bestimmt nicht alle verheiratet. Aber schließlich soll sie mir ja auch gefallen.

Doch eines Morgens, nach einem grüblerischen Sonntag, sollte er eine Überraschung erleben. Er musste ins Lohnbüro, um einiges zu regeln. Später wusste er auch nicht mehr, worum es sich dabei gehandelt hatte. Da er Einkäufer war, hatte er viel Kontakt mit dem Büropersonal und kannte sie alle. Umso überraschter war er, als er an diesem Morgen die Tür öffnete und am Schreibtisch von Frau Beer ein fremdes Gesicht sah.

»Hallo, habe ich mich vielleicht in der Tür geirrt?«, sagte er laut. »Aber hier ist doch das Lohnbüro.«

Die junge Frau, es handelte sich um keine andere als um Maria Koch, blickte hoch und sah ihn aufmerksam an.

»Nein, Sie sind schon richtig hier. Ich bin jetzt hier die Lohnbuchhalterin.«

Verblüfft blickte er in die blauen Augen und schluckte. Und weil das schon eine Angewohnheit von ihm war, huschte sein Blick schnell einmal zur rechten Hand. Kein Ring, und auf der linken auch nicht.

Maria war seinem Blick gefolgt, und ein Lächeln kräuselte ihre Lippen.

»Stellen Sie sich mal vor, er liegt bei mir daheim in der Schublade?«

Er sah sie empört an.

»Aber das tut man doch nicht. Was soll denn der Ehemann dazu sagen? Schimpfen wird er.«

»Oh, mit einem Ring ist eine Ehe noch lange kein Bund, mein Herr. Und die heutigen Zeiten sind so anders.«

Er biss sich auf die Lippen.

»Verzeihen Sie mir, es war ungehörig von mir.«

In ihren Augen glitzerte es spöttisch.

»Warum wollten Sie es wissen?«

»Was?«

»Ob ich verheiratet bin?«

»Nun ...« Beim Teufel, er errötete sogar. »Nun ja, damit ich weiß, wie ich Sie anzureden habe«, sagte er rasch. Um eine Ausrede war er nie verlegen. Und bis jetzt hatte er sich damit noch immer aus der Patsche gezogen. Doch Maria war genauso schlagfertig wie er, und noch eins, sie durchschaute ihn. Und nicht nur das, sie besaß Geist und Verstand und konnte mit der gleichen Waffe zurückschlagen.

»Schwindler«, sagte sie lachend.

»Ehrlich, das war meine lautere Absicht.«

»Sie haben wohl ganz vergessen, dass wir, sobald wir den Windeln entkrochen sind, alle mit Frau angeredet werden?«

Hei, nun hatte sie ihn am Boden. Daniel grinste sie an.

»Jetzt freuen Sie sich wohl mächtig, wie?«

»Nein. Aber vielleicht sind Sie jetzt so nett und verraten mir, was Sie überhaupt hier wollen. Dies ist ein Lohnbüro, und für Kunden bin ich nicht zuständig.«

»Sehe ich wie ein Kunde aus?« Seine Stimme sollte empört klingen.

»Für einen Angestellten haben Sie aber mächtig viel Zeit. Das Geschäft hat doch schon längst geöffnet. Also ich kann es mir nicht leisten, so durch die Gegend zu gondeln.«

»Zwei zu Null«, sagte er sanft. Sie lachte. »Ich bin ein Angestellter, Einkäufer der Herrenabteilung, mein Name ist Daniel Mertens. Wir werden noch viel miteinander zu tun haben.«

»Ich heiße Maria Koch, und wenn Sie wollen, können Sie mich auch Fräulein nennen. Obgleich ich schon fünfundzwanzig bin, macht es mir nichts aus.«

Daniel lachte.

»Jetzt haben Sie es mir aber ganz tüchtig gegeben.«

»So, jetzt muss ich aber wirklich arbeiten. Ich habe den Posten von Frau Beer übernommen. Sie ist zur Kur fort und wird nachher nicht mehr kommen.« Er sah sie lächelnd an. »Warum sagen Sie nicht: Schade?«

»Weil das eine Lüge wäre«, gab er zurück.

»So wenig halten Sie von Kolleginnen?«

»Sie hatte Haare auf den Zähnen, und ich zitterte direkt, wenn ich zu ihr musste.«

»Raus«, sagte sie empört.

»Kannten Sie Frau Beer vielleicht? Dann werden Sie mich verstehen. Aber woher sollen Sie sie auch schon kennen?«

»Sie ist meine Tante«, sagte sie mit sanfter Stimme.

Da machte er, dass er zur Tür hinauskam. Heute hatte er genug ins Fettnäpfchen getreten. Doch zwischen Tür und Angel sagte er sehr sanft: »Soll ich Ihnen verraten, warum ich wissen wollte, ob Sie schon verheiratet sind?«

»Und?« Sie zog die Augenbrauen hoch.

»Weil ich vorhabe, Sie zu heiraten.«

Ehe sie sich von ihrer Verblüffung erholte, hatte er die Tür hinter sich geschlossen. So hatten sich die beiden Menschen also kennengelernt. Doch wenn Daniel glaubte, schnell an sein Ziel zu gelangen, so sollte er sich gründlich täuschen. Das Fatale an der ganzen Sache war, er musste den ganzen Tag an sie denken, und er machte beträchtliche Fehler. Und wenn man ihn etwas fragte, musste man es zweimal tun, er hörte nie hin.

»Was ist denn mit Ihnen los, Mertens?«

»Ist mit mir was los?«

»Ja, Sie benehmen sich heute wie ein zerstreuter Professor.«

»Wirklich?« Dann blickte er in die Ferne und wollte wissen: »Wann machen die im Büro eigentlich Mittag?«

»Woher soll ich das denn wissen?«, sagte Bruns.

»Nur so. Wenn Sie es nicht wissen, muss ich herumfragen. Ich werde es schon herausbekommen.«

Und richtig, er erhielt die Auskunft, flitzte in die Kantine, denn er hoffte, dort Maria Koch zu finden, um mit ihr zu speisen. Ihm war keine Pausenzeit vorgeschrieben. Er konnte entweder die Zeiten des Büros oder des Geschäftes einhalten. Bis jetzt war er immer mit einigen Verkäufern aus der Herrenabteilung zum Mittagstisch gegangen.

Aber so sehr er sich auch die Augen aus dem Kopf blickte, das Mädchen mit den blauen Augen und dem blonden Haar, das todsicher nicht gefärbt war, fand er nicht. Er fragte die Chefsekretärin, ob sie nicht wisse, wo die neue Lohnbuchhalterin stecke.

»Woher soll ich das denn wissen? Wenn Sie etwas von ihr wollen, gehen Sie doch um zwei in ihr Büro.«

»Vielen Dank für den Tipp«, sagte er und setzte sich. Das Essen schmeckte ihm heute wie Sägespäne.

Der Tag ging langsam vorbei. Daniel schaute ständig auf die Uhr, die Zeit bis zum Feierabend erschien ihm unendlich lang. Aber endlich wurde das Riesenhaus geschlossen. Daniel wartete am Ausgang, doch auch dort fand er nicht das Mädchen, das er suchte. Wie konnte er auch wissen, dass sie heute zum Vertrauensarzt gegangen war. Das mussten alle Frauen, die in dem Kaufhaus eingestellt werden wollten. Traurig und aufgeregt zugleich kam er zu Hause an.

»Mutter«, sagte er schon beim Eintreten. »Ich habe das Mädchen gefunden, das ich heiraten werde.«

»Wie schön. Und wo ist sie?«

»Im Geschäft.«

»Warum hast du sie nicht mitgebracht? «

»Aber sie weiß ja noch gar nichts davon. Ich habe sie heute erst kennengelernt.«

»Du bist ein Optimist. Woher willst du wissen, ob sie nicht schon einen Freund hat? Wenn sie schön ist, dann ist sie bestimmt nicht mehr allein.«

»Schön ist sie«, sagte er inbrünstig. »Aber sie ist ein wenig seltsam, ich kann es dir nicht erklären. Sie hat Humor, ja, aber hinter ihren Späßen steckt Abwehr. Ich weiß auch nicht, warum sie so ist.«

Am nächsten Morgen war er wieder im Lohnbüro.

»Wo waren Sie gestern, ich habe Sie gesucht.« Er hatte die gleiche lustige Stimme wie am Vortag und glaubte, sie würde wie gestern wieder lustig mit ihm streiten. Doch heute blickte sie ihn kalt an und sagte: »Ich wäre froh, wenn Sie nur kämen, wenn Sie wirklich etwas mit mir besprechen müssen. Sie sehen doch, wie ich mit Arbeit eingedeckt bin.«

Er fühlte sich wie ein geprügelter kleiner Junge.

»Was habe ich denn falsch gemacht?«, sagte er verdattert.

»Gar nichts. Ich wünsche nur keine Privatgespräche im Büro, verstehen Sie!«

»Ach so!« Er lächelte erleichtert auf. »Wenn das so ist, schlage ich vor, wir treffen uns nach Dienstschluss, und dann besuchen wir ein kleines Café und reden dort privat.«

Sie blickte ihn an. Ihre Augen schienen plötzlich tot und leer.

»Danke, aber ich werde nicht kommen.«

Er verstand sie nicht. Und weil sie sich so abweisend verhielt, wurde seine Liebe immer heftiger. Kein Zweifel, sagte er sich, ich liebe dieses Mädchen wirklich. Sie ist ein bezauberndes Geschöpf. Aber wie kann ich ihr meine Liebe erklären, wenn sie nicht mit mir kommt, und hier darf ich auch nicht reden.

Daniel ging davon. Er hatte auf der ganzen Linie versagt. Den ganzen Tag sagte er sich: Jetzt habe ich mich wie ein moderner Mensch benommen, aber anscheinend kommt das bei ihr überhaupt nicht an, und sie ist einfach wütend, weil ich sie so überrumpelt habe. Oder Mutter hat wirklich recht, und sie hat schon einen Freund und will deswegen von mir nichts wissen.

Nun stellte er sich wie ein Detektiv an. Bevor er also seinen nächsten Annäherungsversuch startete, wollte er sichergehen, dass sie wirklich unbemannt war. Und nach drei Wochen intensiver Beobachtung glaubte er sich sicher. Maria Koch kam allein, ging allein, wurde nie abgeholt. Und bekam auch keine privaten Gespräche. Um dies herauszubekommen, musste er die Telefonistin bestechen. Über ihn gingen alle Gespräche. Nein, sie hatte bestimmt keinen Freund. Mittlerweile wusste er auch, wo sie wohnte. Sie hatte eine kleine Wohnung für sich allein. Ach, wenn sie gewusst hätte, wieviel Zeit er dafür opferte, um sie zu beobachten. Wie viele Stunden hatte er vor ihrem Haus im Auto gesessen und alles unter die Lupe genommen, was Bergstraße Nummer 5 betrat. Die Mutter glaubte, er würde mit der Freundin ausgehen, und fragte ihn ständig, wann er sie denn endlich vorstellen würde.

»Bald«, war seine Antwort.

Also, nun wusste er, was er wissen musste. Nun musste er das Ganze noch einmal von vorn beginnen. Wenn Maria jetzt am Morgen ihr Büro betrat, prangte immer ein Blumenstrauß auf ihrem Tisch. Am ersten Tag lächelte sie darüber und dachte: Dieser Narr. Aber als die Blumenflut nicht aufhörte, runzelte sie die Stirn. Daniel ließ sich wohlweislich die ganze Zeit nicht blicken. Wie von Zauberhand standen die Blumen da. Maria konnte noch so früh das Büro betreten, sie wollte ihn bei seinem Tun erwischen, doch sie schaffte es nicht. Ihr blieb also nichts anderes übrig, als ins Geschäft oder ins Lager zu gehen und ihn zu stellen.

Kurzentschlossen tat sie es in der zweiten Woche. Daniel bekam ganz weiche Knie, als sie so plötzlich vor ihm stand.

»Ich wünschte, Sie würden mit den Albernheiten aufhören«, sagte sie kühl.

»Ich verstehe nicht, was Sie meinen«, tat er unschuldig.

»O doch, Sie wissen ganz genau, wovon ich spreche.«

Er blickte sie an. Sie wich seinem Blick aus.

»Sagen Sie mal, mögen Sie vielleicht gar keine Blumen?«

»Ich mag Blumen sehr. Aber ich kann mir meine Blumen noch selbst kaufen, Herr Martens. Ich wünsche es nicht.«

»Ach, ich kaufe sie so gern.«

»Danke«, sagte sie trocken. »Aber jetzt wissen Sie Bescheid.« Sie wollte davongehen.

»Halt, warten Sie!«, rief er ihr nach. Sie blieb stehen. »Ich höre damit auf, wenn Sie mir einen Gefallen tun, Fräulein Koch.«

»Und der wäre?«

»Sie nehmen endlich meine Einladung an! Sie wissen schon, das kleine Café.«

Maria wurde blass. Er sah es mit Staunen.

»Warum lassen Sie mir nicht meinen Frieden?« Ihre Stimme klang brüchig.

Daniel sagte betroffen: »Ich wusste nicht, dass Sie mich so hassen. Selbstverständlich werde ich Sie nicht mehr belästigen. Entschuldigen Sie bitte.«

Jetzt hatte sie Tränen in den Augen.

»Nein, nein, das dürfen Sie nicht denken. Ich hasse Sie ja gar nicht. Im Gegenteil, Sie sind sogar sehr nett, wenn auch ein wenig frech. Aber begreifen Sie denn nicht? Ich möchte es nicht. Ich möchte nicht, dass jemand meinen Frieden stört.«

Daniel sah sie lange stumm an. Sie mochte ihn also. Schon ein kleiner Schritt vorwärts. Aber sie war doch ein seltsames Geschöpf, in der Tat.

»Störe ich wirklich Ihren Frieden, wenn ich Sie zu einem kleinen Plauderstündchen einlade? Bitte, ich wäre Ihnen so dankbar. Wir könnten dort über alles reden.«

Sie schwankte.

»Gut«, sagte sie zögernd. »Dann hören Sie also mit den Blumen auf?«

»Weil Sie so schön bitten.«

Nun stahl sich wieder ein Lächeln auf ihre Züge.

 

 

3

Es war nur ein ganz kleines, gewöhnliches Café. Die Tische waren so winzig, dass man sich berührte, wenn man den Kaffee trank. Daniel war der glücklichste Mensch der Welt. Maria saß ein wenig befangen da und wusste nicht, was sie sagen sollte.

»Darf ich Ihnen ein wenig von mir erzählen?«, bat er mit weicher Stimme.

»Wenn Sie möchten.«

Und er erzählte von seiner Arbeit, seinen Lehrgängen und dass er jetzt von seiner Mutter gedrängt wurde, bald zu heiraten. Ja, er besaß sogar die Unverfrorenheit, ihr von dem Detektivspiel zu erzählen, das er unternommen hatte, um herauszubekommen, ob Sie einen Freund hatte oder nicht. Unwillkürlich musste sie nun lachen.

»Schade, dass es in der Woche nicht geregnet hat«, sagte sie ein wenig boshaft. »Eine Dusche hätte Ihnen ganz gutgetan.«

»Was man nicht alles tut«, seufzte er.

»Und was haben Sie damit erreicht?«

»Dass Sie jetzt bei mir hier im Café sitzen. Das habe ich Ihnen ja schon am ersten Tag vorgeschlagen. Wir haben viel Zeit verloren.«

Sie sah ihn wieder so seltsam an. Ihm wurde dabei ganz eigenartig.

»Es wird sich nichts ändern. Ich habe nur versprochen zu kommen, dieses eine Mal. Es verpflichtet mich zu nichts.«

»Denken Sie an die vielen Blumen!«, seufzte er. »Sie sind mein Ruin gewesen.«

»Schade«, sagte sie, »dass sie es nicht wirklich sind, denn wäre dem so, hätten Sie mich nicht mehr einladen können.«

»Sie sind eine Schlange.«

»O nein, nur weil ich nicht so will, wie Sie es sich wünschen? So einfach ist das nun auch nicht.«

»Hören Sie, Maria, ich komme in Teufels Küche.«

»Wieso?«

»Ich habe Mama so viel von Ihnen vorgeschwärmt. Und ich soll Sie am Sonntag mit nach Hause bringen.«

Sie starrte ihn entgeistert an.

»Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst? «

»Doch! Sie ist ein Tyrann«, log er. »Wenn Sie mir diesen klitzekleinen Gefallen tun würden? Ich wäre Ihnen das ganze Leben dafür dankbar.«

Sie blickte ihn skeptisch an.

»Und das soll ich Ihnen glauben?«

»Sie stoßen mich ins Meer, jawohl. Mir bleibt keine andere Wahl.« Sein Blick war düster.

Maria sagte: »Warum stürzen Sie sich nicht von der höchsten Bergspitze?«

Daniel sah sie entgeistert an. »Sehen Sie hier Berge? «

»Nein, aber das Meer liegt auch an die dreihundert Kilometer von hier entfernt.«

»Sie sind ein Biest, jawohl. Sie können also ruhigen Auges zusehen, wie ich sterbe?«

»Warum nicht?«, sagte sie lachend. »Ich kenne Sie ja gar nicht. Das kümmert mich kein bisschen.«

»Sie kennen mich nicht? Das ist wirklich die Höhe. Ich habe vor Ihnen mein Leben ausgebreitet. Sie können in mir lesen wie in einem Buch, und ich bitte Sie um eine kleine Gefälligkeit, und Sie wissen als Antwort darauf nur den Rat, ich solle mich von der höchsten Bergspitze stürzen.«

»Mir kommen bald die Tränen«, spottete sie. »Wollen Sie wirklich eine Antwort darauf?«

»Selbstverständlich.«

»Gut, damit Sie es wissen, ich denke nicht im Traum daran, mich als Ihre Braut auszugeben, auch nicht fünf Minuten lang.«

»Ich bezahle Sie!«

»Halten Sie Ihr Lästermaul!«

»Ich verstehe das nicht«, stöhnte er. »Sie haben Zeit genug. Ich weiß das.«

»Ich muss bügeln.«

»An einem Sonntag? Das können Sie Ihrer Großmutter erzählen.«

Spitz erwiderte sie: »Falls Sie es noch nicht bemerkt haben sollten, die Woche über arbeite ich im Geschäft. Ich bin froh, dass ich am Sonntag meinen Haushalt machen kann. So, und jetzt muss ich nach Hause.«

Er sprang auf und hielt sie fest.

»Maria, Ehrenwort, wenn Sie am Sonntag mitkommen, belästige ich Sie nie mehr.«

Sie sah ihn groß an. Sollte das wirklich stimmen mit seiner Mutter? Wollte er sie besänftigen und einlullen? Nun denn, den kleinen Gefallen konnte sie ihm doch wirklich tun. Und wenn sie dann wieder Ruhe hatte, hatte es sich für sie sogar gelohnt.

»Schön«, sagte sie zögernd. »Versprechen Sie es mir!«

»Sie machen mich zum glücklichsten Menschen der Welt«, sagte Daniel und wollte schon die Arme um sie legen, ließ es aber dann doch, als er ihre Augen sah.

»Ich habe dann immer Ruhe vor Ihnen?«

»Ja!«

»Gut, das wollte ich nur hören. Einverstanden, dann spiele ich für kurze Zeit diese Rolle. Sie können mich morgen um drei bei mir abholen.« Sprach’s und spazierte aus dem kleinen Café. Er wollte ihr nacheilen, wurde aber von der Kellnerin zurückgehalten und musste erst die Rechnung begleichen.

Gedankenvoll fuhr er nach Hause. Er hatte sie endlich soweit. Und sein unbekümmertes Gemüt sagte ihm: Och, wenn die dich erst mal richtig in Fahrt gesehen hat, und Mutter muss natürlich auch mitmachen, dann wird sie schon anbeißen. Sie ist doch auch allein und wünscht sich bestimmt brennend einen Freund. Und ich bin doch wirklich nicht zu verachten. Ich habe ihr zwar mein Wort gegeben, aber wenn sie mir am Montag zuzwinkert, dann kann ich halt nicht anders, schließlich bin ich ein Kavalier.

Für Daniel Mertens war im Augenblick die Welt in Ordnung. Und das Schönste war noch, er liebte sie wirklich. Maria war ein wundervolles Mädchen.

Und dann kam der Sonntag.

 

 

4

Wie versprochen holte er sie pünktlich ab. Auf Blumen hatte er verzichtet. Er wollte sie nicht verärgern. Die Mutter wusste nur, er würde ein Mädchen mitbringen, das er sehr schätzte, das aber noch sehr zurückhaltend war. Daniel hatte ihr alle möglichen Instruktionen gegeben, ihr vor allen Dingen eingeschärft, sie solle eine strenge Mutter darstellen.

Maria kam wie versprochen. Er fuhr mit ihr zu sich nach Hause. Mit seiner Mutter bewohnte er ein kleines Häuschen im Grünen, und jetzt im Frühling war es hier draußen einfach herrlich. Die Mutter hatte den Kaffeetisch auf der Terrasse gedeckt.

Maria war klug und ging auf Daniels Spiel ein. Sie war eine gute Unterhalterin, und die Mutter war ganz entzückt von ihr. Ja, sie war die richtige Frau für ihren Sohn. Bei ihr würde er endlich sein Glück finden. Und wenn sie einmal nicht mehr war, würden sie in diesem Haus leben und ihre Kinder großziehen.

Maria brauchte nicht sehr lange, um herauszufinden, dass das mit der strengen Mutter gar nicht stimmte. Genau das Gegenteil war der Fall. In ihrem Herzen hielt sie Daniel für einen rabenschwarzen Halunken, dem sie aber nicht böse sein konnte. Und doch zog sie sich immer wieder in ihr Schneckenhaus zurück. Erst nach der Verlobung sollte er ja erfahren, warum sie so scheu war.

Für Daniel war es wirklich eine schwierige Zeit, besonders, als er spürte, dass am nächsten Morgen alles so war, als hätte es diesen Sonntag nie gegeben.

Daniel hörte nicht auf, um sie zu werben. Maria spürte seine Liebe sehr wohl, aber sie hatte einfach Angst, auch dieses Glück könnte zerbrechen, bevor es richtig angefangen hatte.

Sie neckten sich, sagten sich die Meinung, kamen sich mit der Zeit immer näher. Aber sie entschlüpfte ihm immer wieder. So verging tatsächlich ein ganzes Jahr, bis Daniel sie endlich gewinnen konnte.

»Nun lass ich dich nie mehr los. Nun bist du endlich mein«, hatte er gejubelt, als sie seinen Antrag angenommen hatte. »Das war wirklich ein hartes Stück Arbeit.«

Maria lachte.

Und jetzt, auf dem See, da hatte sie sich ihm offenbart. Jetzt verstand er so vieles an ihr, ihre Stille und ihre Furcht vor einer engen Bindung. Sie hatte einfach Angst, ihn zu sehr zu lieben. Die ganze Zeit hatte sie sich dagegen gewehrt, aber dann hatte sie gespürt, dass sie ihrem Herzen folgen musste.

»Bist du glücklich?«

»Ja«, sagte sie schlicht.

»Ich kann es noch immer nicht glauben«, seufzte Daniel.

»Wir können ja wieder von vorn anfangen«, sagte sie lachend.

»O nein«, rief er entsetzt. »Das hält mein Herz nicht mehr aus. Dann bin ich ja Opa.«

Sie gab ihm einen Nasenstüber.

»So siehst du auch wirklich aus.«

Es folgte eine wilde Hetzjagd durch den Wald. Lachend fing er sie am Auto wieder ein.

»Mutter ist auch glücklich.«

»Ja«, sagte Maria, »ich mag sie auch sehr gern. Sie ist eine ganz besondere Sorte Schwiegermutter.«

»Komm, fahren wir los! Bestimmt wartet sie schon mit dem Essen auf uns.«

»Wenn ich einmal für dich koche, wirst du es dann auch immer so eilig haben? Oder geht da der Stammtisch und wer weiß was vor?«

»He, du willst wohl, dass ich dir den Hals umdrehe, wie?«, rief er lachend:

Ach, sie waren ausgelassen und lustig wie zwei Kinder. Noch konnten sie ihr Glück nicht so recht fassen. Daniel umfing sie liebevoll und sah ihr in die Augen.

»Maria, nicht wahr, wir werden jetzt immer zusammenbleiben. Und bitte versprich mir eines: Du darfst nie mehr Angst haben, du wirst es mir jetzt immer sofort sagen, wenn dich etwas bedrückt.«

»Ja, Daniel.«

Beide glaubten einer schönen Zukunft entgegenzugehen. Dort würde nur Liebe und Geborgenheit sein. Aber es sollte alles ganz anders kommen.

 

 

5

Drei Wochen später.

In der Wäscheabteilung war eine neue Verkäuferin eingestellt worden. Sie hatte kurzes rotblondes Haar mit einem kessen Pony, dazu blaue Augen, die manchmal grünlich schimmerten. Sie sah im ersten Augenblick wie die Unschuld vom Lande aus. Und sie förderte diesen Eindruck bewusst. Wenn sie ihr Näschen krauste und die Leute anblickte, hatten diese ein schlechtes Gefühl, da sie sie im Geiste für ein verworfenes Geschöpf hielten.

Ihr Name war Rita Hattig. Sie war ganze siebzehn Jahre alt, superschlank, mit langen Beinen, schmaler Taille, aber sehr prallem Busen. Den brachte sie besonders durch ganz enge Pullover zur Geltung.

Frau Braun und Frau Schlick, die in der gleichen Abteilung arbeiteten, das hieß, als Hausfrauen Teilzeitbeschäftigte waren, sagten zu allen, die es hören wollten: »Die hat es faustdick hinter den Ohren. Mit der werden wir noch unser blaues Wunder erleben. Die ist wirklich nicht ganz ohne.«

»Was hat sie denn getan?«

»Noch nichts«, sagte Frau Schlick hochmütig. »Aber das wird schon kommen. Ihr werdet euch noch an meine Worte erinnern.«

Mit Rita wussten die anderen Kolleginnen wirklich nicht viel anzufangen. Sie war einfach undurchschaubar, und dann, sie war eine Einzelgängerin. Mit ihren Altersgenossinnen, davon gab es in diesem Haus ja genug, hatte sie nichts im Sinn. Aber wo sie ging und stand, da waren auch die jungen Verkäufer. Sie streunten häufig um ihren Stand herum. Frau Schlick hatte sie schon ein paarmal ermahnt.

»Der Chef sieht das nicht gerne. Sie sind zum Arbeiten hier eingestellt, Fräulein Hattig.«

»Ja«, sagte sie dann missmutig.

Wenig später konnte sie dann zu den beiden älteren Frauen furchtbar nett sein. Sie hatte nichts dagegen, dass diese manchmal eine Kaffeepause einlegten, und wenn sie auch einmal länger draußen blieben, um eine Zigarette zu rauchen, nein, sie verklatschte sie nie. Rita konnte wirklich gut arbeiten, das musste der Neid ihr lassen. Sie verstand sich mit den Kundinnen. Und wenn Männer zu ihr kamen, dann kauften sie sowieso viel mehr, als sie vorgehabt hatten.

Bald konnte sie Frau Braun und Frau Schlick um den Finger wickeln, obgleich diese noch immer auf der Hut waren. Aber dann sagten sie sich: Gott, sie ist noch ein junges Ding, und dann muss sie schließlich selbst wissen, was sie tut. Wir sind nur für die Arbeit da und nicht für die Moral des Hauses zuständig.

Was die beiden Frauen nicht wissen konnten, das war, dass man Rita Hattig in ihrer vorherigen Stelle gekündigt hatte. Die Frau ihres damaligen Chefs hatte herausgefunden, dass ihr Mann sich auch privat für Rita interessierte. Sie hatte in einer Kleinstadt gelebt, und damals war sie noch minderjährig gewesen. Damit sie aber nicht die ganze kleine Stadt rebellisch machen konnte, hatte die Frau des Chefs dafür gesorgt, dass sie erst einmal ein gutes Zeugnis bekam. Als Vorwand für ihre plötzliche Kündigung gab man Geschäftsrückgang an, und in der augenblicklichen wirtschaftlichen Lage war das ein ganz normaler Grund. Dann erhielt sie noch ein Geldgeschenk.

Rita war mit dieser Regelung einverstanden. Sie sagte sich: In diesem muffigen Nest bleibe ich nicht länger. Ich hab’ die Nase voll, gestrichen voll. Jetzt will ich endlich etwas erleben, und das kann ich nur in einer Großstadt.

Den Eltern hatte sie schon viel Kummer bereitet, und sie waren dann auch froh, als sie erklärte, sie wolle fortziehen. Bald würde sie doch volljährig sein, und sagen ließ sie sich sowieso nichts mehr. Also warum sollte man sie da nicht gleich gehen lassen? So ersparte man sich eine Menge Ärger.

In der Stadt mietete sich Rita eine kleine Dachwohnung. Es war beileibe nicht das, was ihr vorschwebte. In den Fernsehfilmen sah man immer so tolle Wohnungen mit Bar und so weiter. Aber sie würde hier nicht alt werden.

»Ich werde es auch zu etwas bringen«, sagte sie laut in den kahlen Räumen. Das Echo kam von den nackten Wänden zurück.

Mit dem Bestechungsgeld konnte sie sich die nötigsten Möbel kaufen. Und jetzt ärgerte sie sich, dass sie damals nicht mehr verlangt hatte. Aber zumindest hatte sie ihr eigenes kleines Reich. Einen großen Wohn- und Schlafraum, dann eine Kochnische und Duschecke. Wenn sie es erst einmal hübsch eingerichtet hatte, konnte es noch ganz nett werden.

Aber wie gesagt, alles kostet seinen Preis. Und in der Großstadt war das Leben besonders teuer. Die Miete, Heizung, Licht und Essen waren feste Ausgaben, und damit war ihr Geld bald aufgebraucht. Von Kleidung ganz abgesehen. Und da sollte man nicht wild werden, wenn man in einem großen Kaufhaus arbeitete, wo man eigentlich alles kaufen konnte, von billigem Schund bis zur Qualitätsware. Und Rita hatte einen guten Geschmack. Sie wollte nur das Beste haben. Aber wie sollte sie es erwerben? Jeden Monat ein paar Groschen zurücklegen? Da konnte sie noch lange warten, bis sie zu etwas kam.

Das waren im Augenblick so ungefähr ihre Gedanken bei der Arbeit. Sie sann Tag und Nacht darüber nach, wie man in der Stadt zu Geld kam. Möglichst schnell und mit wenig Arbeit verbunden.

Neulich hatte sie sich einen Spiegel angesehen. Sie fand ihn einfach umwerfend. Er würde den I-Punkt in ihrem kleinen Flur bilden. Der Spiegel kostete 198 DM, davon gingen zehn Prozent Rabatt ab, die man bekam, weil man im Hause angestellt war. Doch es blieben immer noch 178,20 DM zu berappen. Du liebe Güte, dachte sie, da kann ich ja gleich ein paar Monate arbeiten und habe dann erst den Spiegel.

Stehlen kam nicht in Frage. Mit so etwas wollte sie erst gar nicht anfangen, das führte zu nichts und würde auch sehr schnell entdeckt werden. Aber sie war ja nicht auf den Kopf gefallen. Ihr würde schon etwas einfallen. Zu ihrer Aufgabe gehörte es auch, wenn vorn im Laden etwas fehlte, also eine bestimmte Ware ausgegangen war, diese vom Lager zu holen. Das lag unten im Kellergeschoss, auch so sortiert wie oben, nur dass hier die Regale sehr eng waren, die Räumlichkeiten dazwischen so schmal wie ein Handtuch und man in einer Halle fast alles bekommen konnte.

Heute fehlte eine besondere Sorte Büstenhalter, und Frau Schlick sagte: »Gehen Sie doch mal runter und holen zwanzig Stück herauf! Im Augenblick ist kein großer Kundenandrang, da schaffe ich es schon allein.«

Mit dem Fahrstuhl fuhr sie hinunter. Da sie den Lagerverwalter, Herrn Imker, nicht gleich fand, schlenderte sie herum. Und bald hatte sie auch wieder ihren Spiegel entdeckt. Sie besah ihn sich von allen Seiten. Es war wirklich ein tolles Stück, rund, und der Außenrand war reichlich mit schmiedeeiserner Arbeit verziert.

»Der gefällt dir wohl, was?«

Fast hätte sie vor Schreck den Spiegel fallen lassen.

»Mann, Herr Imker. Sie können einen aber erschrecken.«

Er stand sehr dicht hinter ihr und blickte in den kleinen Blüschenausschnitt.

»Das ist so ein richtig feines Ding für dich, was?«

»Klar«, lachte sie, »aber leider zu teuer. Den kann ich mir nicht leisten, wirklich nicht.«

»Aber, aber«, sagte er sanft.

Details

Seiten
121
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941241
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v902472
Schlagworte
redlight street warenhaus-amsel

Autor

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Titel: Redlight Street #137: Die Warenhaus-Amsel