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Redlight Street #136: Ein junges Herz im Teufelskreis

2020 118 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Ein junges Herz im Teufelskreis

Copyright

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Ein junges Herz im Teufelskreis

Redlight Street #136

von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 118 Taschenbuchseiten.

 

Das frisch vermählte Paar Julie und Martin Lück verbringt seine Flitterwochen in einem kleinen Ort am Ossiacher See, auf dem es einen Ausflug mit dem Segelboot macht. Doch plötzlich schlägt das Wetter um, und das Boot kentert. Martin kann nur noch tot geborgen werden. Für Julie bricht eine Welt zusammen …

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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1

Maria Dagos stand am Fenster und sah auf die Straße. Sie sagte: »Ihr habt wirklich Glück gehabt. In einer so hübschen Straße möchte ich auch wohnen. So wenig Verkehr, die schönen Bäume und am Ende der kleine Park. Wirklich, ihr habt verdammtes Glück gehabt.«

Im Hintergrund stand Julie Dagos vor dem Spiegel und musterte sich eingehend. Dann drehte sie sich und sah ihre Schwägerin an.

»Und die Miete ist auch ganz annehmbar. Ja, wir können wirklich zufrieden sein. Und das sind wir auch.«

Maria Dagos träumte weiter: »Wenn ihr mal Kinder habt, kannst du mit dem Kinderwagen im Park spazieren gehen und brauchst nicht durch die Straßen zu laufen. Die Geschäfte sind auch schnell zu erreichen. Ich hab das vorhin gesehen. Hier würde es mir gut gefallen.«

Julie lachte.

»Peter wird bestimmt nicht damit einverstanden sein. Der ist doch froh, dass er fort ist.«

Maria lachte nun auch.

»Dein Bruder ist recht seltsam. Alle Welt zieht aus der Großstadt raus, will seine Ruhe haben, und er klammert sich mit einer Leidenschaft daran, die fast unverständlich ist.«

»So ist Peter nun mal«, sagte Julie und lachte wieder. »Aber jetzt komm und sieh, wie das Kostüm hinten sitzt!«

Maria trat vom Fenster zurück, lief durch das Schlafzimmer und stand hinter der Schwägerin. An dem weißen Kostüm war wirklich nichts auszusetzen. Und es passte ihr vorzüglich. Julie hatte einfach eine Traumfigur. Mit ein klein wenig Neid in der Stimme sagte Maria: »Wenn du erst mal schwanger warst, hast du auch deine Probleme.«

»Och«, meinte Julie nur und errötete sogar ein wenig. Ihre blauen Augen blitzten auf. Sie strich das schöne blonde Haar mit einem Griff zurück. Es fiel leicht gewellt auf die Schulter.

»Willst du damit sagen, dass ihr keine Kinder wollt?«

Julie lächelte wieder und drehte sich dann um.

»O ja«, sagte sie herzlich. »Martin und ich wollen bestimmt Kinder. Drei auf jeden Fall. Wir finden eine große Familie herrlich!«

»Ihr seid verrückt!«, rief Maria. »Drei Kinder! Wer hat heute denn noch drei Kinder? Ich bin mit Peer zufrieden und würde verrückt, wenn ich noch eins hätte. Aber so ist nun mal die Jugend, die versteht noch nicht viel vom Leben. Das werdet ihr euch noch gründlich überlegen.«

»Du sprichst, als wärst du meine Oma«, gab Julie lachend zurück. »Und dabei bist du nur drei Jahre älter als ich. Nein, nein, du brauchst gar nicht den Kopf zu schütteln. Wir haben uns das schon alles überlegt. Und ich werde dann auch aufhören zu arbeiten. Martin verdient ja sehr gut.«

Maria nagte an der Unterlippe. Sie beneidete Julie glühend, zeigte es aber nicht. Wenn ich, dachte sie, so einen Mann hätte, würde ich auch so reden. Ich kann mich über Peter nicht beklagen, wirklich nicht. Verdienen tut er nicht schlecht. Aber er ist so konservativ. Martin Lück hingegen ist lustig und zu jedem Scherz aufgelegt. Man hat das Gefühl, mit ihm Pferde stehlen zu können. Außerdem sieht er fabelhaft aus. Er liebt Julie leidenschaftlich, das sieht man auf den ersten Blick. Gewiss, Brautleute lieben sich immer, zumindest sollte man das glauben. Aber bei Martin ist das anders. Er verehrt sie, ist ritterlich zu ihr, liest ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Ach, es muss wirklich schön sein, mit ihm verheiratet zu sein. Ich kann mir das richtig vorstellen.

Und jetzt steht Julie hier vor dem Spiegel und zieht sich nochmal die Lippen nach. Gleich wird Martin kommen, dann fahren wir zur Kirche und sie werden getraut. Dann sind sie Mann und Frau und das Leben beginnt für sie. Sie sind wirklich zu beneiden.

»Warum machst du so ein nachdenkliches Gesicht, Maria?«

»Ach, ich habe nur ein wenig nachgedacht, nicht der Rede wert!«

»Peer ist doch gut aufgehoben? Du hättest ihn ruhig mitbringen können.«

»Nein«, seufzte die junge Frau. »Ich bin froh, wenn ich ihn mal nicht um mich habe. Er ist jetzt in dem Alter, wo er wirklich anstrengend ist. Ich habe ihn bei meiner Mutter gelassen.«

Julie dachte, ich liebe Kinder und sie werden mir nie zu anstrengend sein. Nie, das weiß ich jetzt schon.

»Warum trägst du eigentlich kein Brautkleid?«, wollte die Schwägerin wissen. »Ist das nicht mehr Mode?“

»Doch, schon, das tun noch eine ganze Menge, Maria. Aber da wir eine ganz kleine Hochzeit haben, habe ich mir gedacht, dass es sinnlos ist und auch irgendwie nicht zu mir passt. So finde ich mich ganz in Ordnung.«

»Ja, ja, die Zeiten wandeln sich!«

Unten auf der Straße hörten sie ein Hupen. Maria lief zum Fenster.

»Martin, der Bräutigam, ist da!«

»Huch«, rief Julie, »und ich hab noch nicht mal meine Schuhe an! Himmel, wo ist nur der eine geblieben. Er kann sich doch nicht selbständig gemacht haben.«

Hastig suchte sie das ganze Schlafzimmer ab. Im Wohnzimmer hörten sie laute Stimmen. Dann öffnete sich die Tür, und ein großer untersetzter Mann stand auf der Schwelle. Es war Peter, ihr Bruder, acht Jahre älter als sie.

»Ich soll nachfragen, ob ihr fertig seid.«

»Gleich, sofort«, sagte Julie hastig. »Wenn ihm die Zeit zu lang wird, gieß ihm einen ein.«

Peter lachte.

»Ich werde mich hüten. Dann betrinkt er sich vielleicht, und wirft mir anschließend vor, er habe von nichts gewusst«.

»Du bist abscheulich«, sagte seine Schwester. »Martin trinkt nicht.«

»Warum kommst du nicht? Du bist doch fertig.«

»Ich suche meinen Schuh.«

Der Bruder lachte wieder auf.

»Wenn ich mich nicht täusche, habe ich ihn in der Küche gesehen auf der Spüle.«

Julie hielt mit dem Suchen inne und runzelte die Stirn.

»Herrje richtig, dass ich daran nicht mehr gedacht habe. Er hatte ja einen kleinen Fleck und den habe ich entfernt, und dann klingelte das Telefon und da hab ich es doch vergessen.«

»Und jetzt klingelt es an der Haustür, Julie. Wenn du dich nicht beeilst, kommst du zu deiner Hochzeit noch zu spät.«

Julie huschte an dem schimpfenden Bruder vorbei in die Küche. Da stand ihr Schuh, schneeweiß und glänzend. Hastig streifte sie ihn über, als auch schon die Tür ins Schloss fiel. Julie Dagos drehte sich erschrocken um.

»Martin«, sagte sie und wollte sich ihm in die Arme werfen, aber dann blieb sie stehen und meinte lachend. »Ach nein, sonst zerzaust du mir wieder die Haare, und es wird noch später. Peter ist schon wütend.«

Martin sagte: »Wenn ich dich nicht mal küssen darf, dann habe ich gar keine Lust, dich zu heiraten.«

»Nachher haben wir doch noch schrecklich viel Zeit«, sagte Julie, und ihre Augen glitzerten.

»Natürlich, aber ich möchte dich jetzt küssen. Du siehst einfach bezaubernd aus, Julie.«

»Wirklich?« Ihr Gesicht strahlte auf. »Ich hab mir auch alle Mühe gegeben.«

»Ach Julie!« Er kam auf sie zu, und sie flog an seine Brust. »Aber nur ein ganz kleines, ja?«

Er küsste sie leidenschaftlich und, in der Tat, die kleinen Löckchen wurden dabei arg gedrückt.

Inzwischen schlug Peter mit der Faust gegen die Küchentür.

»Aufmachen, los, es ist nun wirklich höchste Zeit, verdammt noch mal!«

Martin lehnte mit dem Rücken dagegen. So konnte er nicht hereinkommen.

»Fluche nicht an meinen Hochzeitstag!«, schrie Julie durch die Tür.

»Ich tue gleich noch was ganz anderes«, schimpfte der Bruder zurück.

Die beiden kümmerten sich nicht darum.

»Willst du mich wirklich heiraten, Julie?« Sie kräuselte die Nase und tat so, als müsse sie furchtbar lange nachdenken. »Du, ich drehe dir den Hals um«, sagte Peter.

Julie machte einen Schritt zurück und er kam ihr nach, die Tür sprang auf, und Peter stolperte in die Küche.

»Ihr seid wohl verrückt, was? Wie zwei Turteltauben, als wenn ihr nachher nicht Zeit genug hättet. Los, der Pfarrer wartet bestimmt nicht!«

Julie lachte und lief auf den Flur. Dort waren Martins beste Freunde versammelt. Maria und Peter vertraten sozusagen Elternstelle an ihr. Beide hatten ihre Eltern verloren und ein Elternhaus sehr vermisst. Aber jetzt waren sie ja zusammen und würden ein Heim gründen.

Das Herz schlug ihr bis zum Hals. Draußen schien die Sonne. Ein Glückstag, dachte sie. Mein Gott, bin ich aufgeregt. Und dabei bin ich doch kein kleines Mädchen mehr. Oder vielleicht doch? Ist man mit zweiundzwanzig noch ein kleines Mädchen? Ich muss nachher unbedingt Martin fragen.

Der schimpfte nicht schlecht, denn er wollte mit Julie zusammen in einem Wagen zur Kirche fahren. Seine Freunde sagten ihm jedoch, das käme auf keinen Fall in Frage. Sie würden getrennt abtransportiert, weil sie sonst für nichts garantieren könnten.

»Himmel«, sagte Martin, »ihr macht ja eine regelrechte Staatsaffäre daraus. Ich sollte wirklich lieber mit Julie verduften und mich mit ihr irgendwo in einer kleinen Kapelle trauen lassen.«

Aber da hatten sie ihn schon gepackt und in den Wagen gezerrt. Julie saß neben Maria.

»Warst du auch so aufgeregt?«

»Nein«, sagte diese ruhig. »Nein, Warum?«

Julie riss ihre großen blauen Augen weit auf und starrte die Schwägerin entgeistert an.

»Aber ist dies denn nicht der schönste Tag im Leben?«

»Kleinchen«, lachte Maria unwillkürlich auf. Sie fühlte sich in der Tat neben Julie uralt, zu ihrem Kummer wohlverstanden. »Das Ganze ist doch nur eine Formalität, nichts anderes, alle machen es so, und man macht es auch. Früher ja, aber jetzt? Sag bloß, du bist aufgeregt?«

»Aber nach der Hochzeit sind wir doch erst Mann und Frau, dann beginnt doch das Leben. Ich verstehe dich nicht, Maria. Wieso warst du nicht aufgeregt?«

Maria maß sie mit einem langen Blick. Plötzlich stieg ein Gedanke in ihr hoch. Aber dann dachte sie: Himmel das ist doch unmöglich, nein, so ein Gänschen ist Julie nicht, wirklich, das ist sie doch nicht.

Julie betrachtete ihren kleinen Brautstrauß.

»Heutzutage leben doch die meisten Paare zusammen und wenn zufällig Kinder kommen, lassen sie sich trauen. Und kirchlich heiraten doch nur noch ganz wenige.«

Julie machte ein ernstes Gesicht.

»Natürlich weiß ich das. Eine Freundin von mir lebt auch mit einem Mann zusammen. Ich bedaure sie.«

Maria sagte: »Warum?«

»Sie nehmen sich doch das Schönste, sie streuen sich selbst Sand in die Augen und sagen sich vor, dass sie zufrieden und glücklich sind. Aber sie sind es nicht. Glaube mir, Maria, sie sind es nicht. Wenn sie auch über mich lachen, meinst du nicht, ich habe das nicht gemerkt, aber im Grunde genommen sind sie sehr traurig.«

Maria hielt den Atem an.

»Julie«, sagte sie leise.

»Ja?«

»Julie, soll das heißen, ihr beide, du und Martin, herrje, soll das wirklich heißen, ihr habt nicht miteinander, ich meine, ihr habt vorher nicht ausprobiert, ob ihr zueinander passt.«

»Du willst wissen, ob wir vorher miteinander geschlafen haben?«, sagte Julie ruhig.

»Ja, verflixt noch mal.«

»Nein, das haben wir nicht. Ich habe es weder mit Martin noch mit sonst irgendeinem, den ich vor ihm kannte.«

Maria platzte los.

»Sag mal, lebst du hinter dem Mond? Das tut man doch nicht?«

»Was?«

»Die Katze im Sack kaufen!« Maria war sehr erregt. »Das tut doch keiner mehr. Verdammt, was hat Martin denn dazu gesagt? Wirklich, dass er so blöd ist, hätte ich nicht gedacht.«

Julies Wangen waren hochrot.

»Martin«, sagte sie leise, »Martin verehrt mich, Maria. Er hat mir gesagt, ihm erscheint es wie ein kleines Wunder, dass ich noch unschuldig bin, dass ich mich nicht wie die anderen Mädchen an jeden weggeworfen habe.«

Maria blickte starr auf die Straße. Plötzlich hatte sie Tränen in den Augen. Und in dieser Sekunde spürte sie, was die Freundinnen von Julie empfanden: Traurigkeit. Ja, so musste ihnen bei diesem Glück zumute sein. Sie hatte die ganze Zeit Julie für ein kleines Närrchen gehalten und für Martin viel zu schade. Jetzt hatte sie Hochachtung vor ihr, ja, anders konnte sie es nicht ausdrücken.

Wie recht hatte sie doch. Wie furchtbar recht. Man hatte es getan, weil es alle taten. Man wollte nicht aus der Reihe tanzen, hatte einfach Angst, als altmodisch zu gelten, man wollte nicht ausgelacht werden. Und man hatte sich für emanzipiert gehalten, dabei hatte man die ganze Zeit ein schales Gefühl im Mund gehabt. Die Männer genossen es in vollen Zügen, und wenn sie keine Lust mehr hatten, gingen sie fort und suchten sich ein anderes Mädchen. Sie waren ja so willig, die Mädchen heutzutage. Man brauchte sie nicht mal mehr zu verführen.

Und die Mädchen? Sie lebten in ständiger Angst, schwanger zu werden. Überhaupt, die Liebe machte ihnen nur im Augenblick Spaß. Nachher kam man sich wie verraten und verkauft vor. Niemand wollte es wahrhaben. Natürlich sprach man nicht darüber, im Gegenteil; man tat so, als hätte man gar keine Probleme.

Und Julie, diese kleine, nichtssagende Julie hatte ihnen allen standgehalten, hatte sich aufbewahrt. Sogar ihrem zukünftigen Mann hatte sie sich entzogen. Jetzt begriff sie die Anbetung von Martin. Ihr hatte es nichts ausgemacht, ausgelacht zu werden. Heiter war sie weitergegangen und hatte sie lachen lassen. Julie besaß Charakter.

Sie hatten die kleine Kirche erreicht. Als sie ausstiegen, läuteten die Glocken. Martin kam ihr entgegen und half ihr mit.

»Meine Julie«, sagte er zärtlich.

Die beiden blickten sich an und vergaßen in diesem Augenblick die Welt um sich.

Die anderen standen stumm um sie herum. Maria blickte ihnen neugierig ins Gesicht. Sie alle mussten darum wissen. Die Freunde von Martin hatten feierliche Gesichter, aber zugleich sah sie auch, dass sie Julie anbeteten, wie auch Martin.

Leise spielte die Orgel. Die Tür stand weit offen.

»Komm!«, sagte Martin.

Julie nahm seinen Arm. Und so schritten sie in die Kirche. Sie waren wirklich nur eine winzig kleine Hochzeitsgesellschaft. Aber es war wunderschön und feierlich. Maria liefen die Tränen über das Gesicht. Der Pfarrer sprach und alle waren bewegt. Aber das allein war es nicht. Man musste das Brautpaar ansehen, und man fühlte sich selbst beschämt.

Nach einer halben Stunde waren sie Mann und Frau. Strahlend drehte sich Julie und Martin um. Man beglückwünschte sie recht herzlich.

»Nun ist es endlich vorbei«, sagte Peter.

»Hast du gelitten?«

»Ja, bei euch kann man nie wissen. Ihr benehmt euch wie Kinder.«

Julie und Martin lachten herzlich.

»Aber jetzt dürfen wir doch zusammen fahren, oder?«, rief er ausgelassen.

»Von mir aus könnt ihr jetzt sogar die Kirche einreißen«, brummte der Bruder.

»O nein, vielleicht brauchen wir sie noch mal«, sagte Julie lachend.

Alle bestiegen die Wagen. Etwas außerhalb der Stadt in einem rustikalen Lokal hatten sie einen großen Tisch bestellt. Dorthin fuhr man jetzt, um das Mittagessen einzunehmen. Danach wollte das Brautpaar auf Hochzeitsreise gehen. Und die Gäste mussten ja auch wieder heimreisen.

Einer von Martins Freunden fuhr den Wagen. Das Hochzeitspaar saß hinten und hielt sich bei den Händen. Martin holte ein kleines Kästchen hervor und öffnete es. Darin lag ein wunderschöner Vorsteckring.

»Mein Hochzeitsgeschenk«, sagte er zärtlich. »Damit du immer an mich denkst.«

»Martin, wie schön«, sagte Julie und eine Träne kullerte ihr über das Gesicht.

»Aber ich brauche keinen Ring, um an dich zu denken«, sagte sie lächelnd. »Ich denke auch so immer an dich, Martin.«

»Ja, jetzt, oder wenn ich bei dir bin«, sagte er lachend. »Aber ich bin ja nicht immer bei dir, Liebste, darum.«

»Nicht?«, rief sie erschreckt. »Aber Martin, weißt du denn nicht, dass ich ohne dich gar nicht mehr leben kann?«

Er schloss sie gerührt in seine Arme.

»Liebste, du beschämst mich, wirklich.«

»Ja?«, fragte sie neckend. »Aber das will ich doch gar nicht. Nicht wahr, du wirst mich nie verlassen, nie, nie, nie!«

»Nie«, sagte er und küsste sie zärtlich.

»Hört auf zu turteln, wir sind da!«, sagte sein Freund und stellte den Motor ab.

Es wurde ein fideles Essen und man lachte sehr viel.

»Wohin geht denn eure Hochzeitsreise?«, wollte Peter wissen. »Oder darf man das vielleicht nicht wissen? Ich meine, soll das ein Geheimnis bleiben, so wie das bei gekrönten Häuptern immer der Fall ist.«

Julie lachte herzlich.

»Ach, das ist doch wirklich kein Geheimnis. Es ist weit genug weg, und ihr könnt uns ganz bestimmt nicht ärgern.«

»Wer weiß«, lachte Maria, »vielleicht sind wir schneller bei euch als du denkst.«

»Wirklich?«, lachte nun auch Martin, »dann müsst ihr euch aber anstrengen.«

»Also, raus mit der Sprache!«

»Wir fahren nach Österreich«, sagte Julie.

»Och, das ist aber nicht sehr weit«, lachte Maria.

»Kärnten, mehr sagen wir wirklich nicht. Später erzählen wir euch, wie es uns gefallen hat.«

»Ah bah, man hat also doch Angst bekommen«, wurden sie ausgelacht.

»So fragt man dumme Leute aus«, lachte Martin und erhob sich. »Wir ziehen uns jetzt zurück. Von mir aus könnt' ihr noch bleiben und euch vergnügen.«

»Auf deine Kosten?«, fragte Peter.

»Daran soll es nicht liegen.«

»Wir begleiten euch. Ihr könntet vielleicht das neue Heim nicht finden, die Adresse ist ja noch so jung«, lachte Maria Dagos und hakte sich bei Julie ein.

Kurze Zeit später hatten sie die Bernergasse Nummer sieben erreicht. Die Koffer waren schon gepackt. Das Brautpaar brauchte sich nur noch umzuziehen.

»Wenn ihr fort seid, räume ich noch ein wenig auf. Den Schlüssel gebe ich dann bei der Nachbarin ab«, sagte Maria herzlich.

»Du bist wirklich ein Schatz.«

Martin ließ es sich nicht nehmen, seinen Wagen sehr gründlich zu überprüfen. Es wäre wirklich nicht das erste Mal gewesen, dass man einem Brautpaar scheppernde Dosen an den Wagen bindet, oder sich andere Scherze ausdenkt. Ein paar Wecker fand er, mehr nicht.

Man verabschiedete sich herzlich und versprach, in vier Wochen ein Familientreffen zu veranstalten.

Als sie um die Ecke bogen, seufzte Maria ein wenig auf.

»Was ist?«, fragte ihr Mann.

»Sie ist zu beneiden. Ich möchte an ihrer Stelle sein, wirklich. Es muss sehr hübsch sein.«

»Du bist also mit mir nicht mehr zufrieden?«, brummte er ein wenig böse.

»Du verstehst mich nicht, Peter. Verliebte sind immer bezaubernd. Wir sind schon ein altes Ehepaar.«

»Nun ja, sie werden es auch bald sein.« Damit war die Sache für den Bruder erledigt.

 

 

2

»Endlich allein«, lächelte Julie und streckte sich. »Und die Sonne scheint. Ach, ist das Leben doch schön!«

Auf der Straße war nicht viel Verkehr und so legte er den Arm um sie.

»Glücklich?«

»Sehr!«

Zuerst hatte Julie vorgehabt, mit Martin über das Gespräch, das sie mit Maria gehabt hatte, zu sprechen, aber dann unterließ sie es doch.

Je weiter sie fuhren, desto schöner wurde die Landschaft. Bevor sie aber in Kärnten waren, würden sie unterwegs übernachten. Martin hatte nicht weit von der österreichischen Grenze ein Zimmer bestellt. Da Julie auch einen Führerschein besaß, wechselten sie sich im Fahren ab. Gegen Abend kamen sie dann an, müde und erschöpft. Nach dem Abendessen waren sie jedoch wieder erfrischt.

Sie verlebten zauberhafte Stunden, und Julie war so glücklich und schlief mit einem Lächeln auf den Lippen ein. Martin lag noch lange neben ihr wach. Das Mondlicht schien durch die Fenster und er konnte ihr Gesichtchen sehen. Er empfand Zärtlichkeit für seine Frau. Und in diesen Stunden und Minuten schwor er sich, sie immer zu lieben und zu beschützen. Trotz ihrer Fröhlichkeit hatte sie etwas Zerbrechliches an sich.

Das Endziel der beiden war der Ossiacher See. Nicht weit von der jugoslawisch-italienischen Grenze. Er ist der drittgrößte See Kärntens, 10,6 qkm groß und 47 Meter tief. Südwestlich des Sees liegt die Burg Landkron, sie war einst Stützpunkt der Habsburger in Kärnten. Aber das ist schon lange her. Dorthin wollten Julie und Martin auch nicht reisen. Sie wollten den Touristenrummel meiden und hatten sich deshalb das kleine Örtchen Annenheim ausgesucht. Es lag eng an die Berge geschmiegt. Der See ruhte zwischen ihnen wie eine blaue Perle.

Als sie sich über Feldkirchen dem See näherten und sich die Berge plötzlich öffneten und ihnen den Blick freigaben, blieben sie für eine ganze Weile stumm. Der Anblick war so schön, so erhaben. Die Sonne schien gerade und man hatte das Gefühl, der riesige See sei ein großer glatter Spiegel.

»Wie schön«, sagte Julie und war ganz in den Anblick versunken.

»Ja«, sagte auch Martin. »Hier wird es uns bestimmt gefallen, oder was meinst du?«

Sie sah ihn lächelnd an.

»Wo du bist, wird es mir immer gefallen. Aber du hast recht. Es ist der richtige Rahmen für unsere Hochzeitsreise. Alles kommt mir vor wie in einem Märchen. So unwirklich. Manchmal habe ich das Gefühl, als träumte ich dies alles.«

»Ja? Schläfst du denn noch?«

»Ich weiß es wirklich nicht mehr. Kneif mich mal, dann weiß ich es ganz sicher.«

Er tat es mit Vergnügen.

»Au, so doll nun auch wieder nicht«, protestierte sie lachend.

»Ich wollte doch nur, dass mein Dornröschen erwacht.«

»Um Ausreden bist du nie verlegen«, sagte sie.

»Nein, das darf man auch nicht. Dann ist man bei dir verloren. Aber jetzt schau mal lieber auf der Karte, damit wir wissen, wo wir hin müssen.«

»Hier steht: Annenheim, und dann das Wort Kirchenwirt und daneben ein Name. Sebastian Hagsteiner.«

»Richtig, jetzt weiß ich wieder alles. Hinter Sattendorf kommt Annenheim, es liegt mehr in den Bergen, aber wir haben ja einen Wagen und kommen schnell zum See.«

»Glaubst du, dass das Wasser sehr kalt ist?«

»Um diese Jahreszeit vielleicht, denn es ist ja noch nicht Hochsommer. Die Saison beginnt ja erst. Wir haben richtig Glück. Es ist noch nicht so überlaufen hier.«

Wenig später hatten sie den Kirchenwirt gefunden und stellten den Wagen ab. Das Gasthöfchen lag direkt neben der kleinen bunten Kirche, und daher stammte auch wohl der Name.

Julie setzte ihren großen Strohhut auf und machte ein feierliches Gesicht. Schließlich war sie jetzt kein junges Mädchen mehr, sondern eine junge Frau und musste sich deshalb damenhaft benehmen. Sie betraten das Haus mit den hübschen Malereien und den reich geschnitzten Laubengängen. Es war das prächtigste Haus weit und breit. Und alles war so schmuck und sauber, eine richtige Freude, es anzusehen.

Als sie die Schwelle überschritten hatten, kam ihnen ein hochgewachsener junger Mann entgegen. Er hatte blondes Haar und tiefblaue Augen. Sein Gesicht war braungebrannt und die weißen Zähne blitzten auf.

»Grüß Gott«, sagte er und verbeugte sich leicht.

Martin sagte: »Wir sind hier angemeldet.«

»Ah, dann sind Sie also das Ehepaar Lück aus Deutschland?«

»Ja, das sind wir«, sagte Martin.

»Ich bin Sebastian Hagsteiner, der Eigentümer«, sagte er mit tiefer Stimme. »Das heißt, meine Eltern sind noch da, aber sie sind schon recht betagt. So, und jetzt werde ich Ihnen das Zimmer zeigen. Wenn Sie mir folgen möchten, Frau Lück?« Er warf ihr einen langen Blick zu.

Julie errötete seltsamerweise und Martin sah es und runzelte die Stirn. Aber er schwieg und stieg die geschnitzte Treppe hinauf. Ihr Zimmer war das reinste Bauernstübchen, mit bemalten Möbeln und lustigen Bettbezügen. Es war sehr groß, und so hatten sie auch noch eine kleine Plauderecke. Dann war da ja auch noch der Balkon. In dieser Gegend nennt man es Laubengang.

»Gefällt es Ihnen?«

»O ja«, sagte Julie eifrig. »Es ist alles wunderhübsch, so habe ich es mir gar nicht vorgestellt.«

»Wenn Sie mir die Schlüssel geben, bringe ich Ihr Gepäck herauf. Jetzt, wo wir nicht so viele Gäste haben, ist der Service erheblich besser«, sagte er lächelnd.

Martin gab ihm die Wagenschlüssel. Doch kaum hatte der die Tür hinter sich geschlossen, da nahm er Julie zur Seite und wollte von ihr wissen, wieso sie so rot geworden sei, als der Hagsteiner sie angeblickt habe.

»Hör mal, wir sind auf der Hochzeitsreise, und da will ich nicht, dass du anderen Männern schöne Augen machst, hörst du! Da kann ich furchtbar wild werden.«

Julie lachte heiter auf.

»Du bist ja eifersüchtig, huch, ist das schön.«

»Julie, reize mich nicht«, rief Martin erregt. Doch sie konnte mit dem Lachen nicht aufhören. »Dir gefällt also der Mann?«

»Armer, armer Martin, wirklich, du bist ein Holzkopf.«

»Nein, ich bin nur ein Mann, und außerdem habe ich Augen im Kopf. Eine Frau errötet nur, wenn sie verlegen wird, wenn ihr ein Mann nicht gleichgültig ist.«

»Wirklich? Nun, da muss ich dir aber Unrecht geben, weißt du«, und sie schmiegte sich an ihn. »ich bin doch nur rot geworden, weil er mich Frau Lück genannt hat. Das hat doch bis jetzt noch keiner getan.«

Martin starrte sie an, und dann lachte er schallend los: »Bei Gott, du hast recht, aber wenn du dich so sehr danach gesehnt hast, warum hast du es nicht mir gesagt, Frau Lück? Ich hätte es die ganze Zeit sagen können, immerzu.«

»Du bist grässlich.«

In diesem Augenblick klopfte Hagsteiner und brachte die Koffer in das Zimmer. Wieder sah er das junge Mädchen flüchtig an. So etwas Schönes hatte er noch nicht gesehen. Es war nicht das Äußere selbst, sondern die seltsame Ausstrahlung, die sie hatte. Man fühlte sich einfach zu ihr hingezogen. Natürlich bemerkte Julie seinen Blick, aber sie nahm sich höllisch in Acht, dass sie nicht wieder rot wurde.

Außer ihnen waren noch drei Ehepaare beim Kirchenwirt abgestiegen. Sie waren schon älter und kamen jedes Jahr um die gleiche Zeit hierher. Man hatte sich angefreundet und machte vieles gemeinsam.

Martin und Julie wurden gern aufgenommen. Die junge Frau schloss man gleich ins Herz und als man hörte, dass die beiden sich auf der Hochzeitsreise befanden, war man noch fröhlicher. Ach, es war auch einfach köstlich, den beiden zuzuschauen. Er war so verliebt und zugleich so ritterlich. Jeden Wunsch las er ihr von den Augen ab und überhäufte sie mit Liebenswürdigkeiten. Er reichte ihr beim leisesten Anflug eines kühlen Lüftchens eine Jacke, oder verstellte den Sonnenschirm, wenn es nötig zu sein schien. Waren sie zusammen, lebten sie wie auf einer Insel für sich. Die anderen waren nur die Zuschauer.

»Jung müsste man noch sein«, seufzten dann die anderen.

»Das liegt nicht am Alter. Sie haben so etwas an sich«, meinten dann die anderen Gäste.

»Ja, man muss sie einfach gern haben. Heutzutage sieht man so viele junge Menschen, aber sie sind nicht so wie die beiden. Man spürt direkt, wie sehr sie sich lieben.«

Julie und Martin merkten gar nicht, dass man über sie sprach. Sie hockten über der Karte und überlegten, wohin man denn morgen wohl wandern könne. Julie blickt versonnen aus dem Fenster. Ein kleines Zipfelchen See konnte sie von hier aus sehen.

»Warum gehen wir nicht mal baden?«, meinte sie.

»Du hast doch gehört, es ist sehr kalt.«

»Hm, der See ist so hübsch, Martin. Bei uns gibt es so schönes blaues Wasser nicht mehr. Er verlockt mich richtig. Wir könnten es doch versuchen.«

»Schon, aber ich habe noch einen besseren Vorschlag.«

»Und der wäre?«

»Wir mieten uns ein Segelboot.«

Julie klatschte in die Hände.

»Oh, das ist fein. Glaubst du, dass man das wirklich kann?«

»Wir können ja mal deinen Freund fragen?«, sagte er lächelnd. Natürlich war es Martin nicht entgangen, dass sich Sebastian Hagsteiner für Julie interessierte, aber er wusste ja, dass Julie nur ihn liebte und genoss es jetzt sogar, dass seine Frau auch noch von anderen begehrt wurde. Er konnte es aber nicht sein lassen, sie deswegen ein wenig zu necken.

»Warte nur«, drohte sie ihm. »Wenn du so weiter machst, dann heirate ich den Sebastian. Frau Hagsteiner, hm, klingt auch nicht schlecht.«

»Aber das kannst du doch gar nicht lieber Schatz, du bist ja mit mir verheiratet.«

»Och, man kann sich ja auch scheiden lassen«, meinte sie fröhlich.

»Ich seh schon, ich muss gut aufpassen, dass ich nicht bald abgemeldet werde, wie?«

»Genau!«

»Rabenfrau«, lachte er sie an.

»Geh lieber und frage mal nach!«

In diesem Augenblick kam Sebastian Hagsteiner in die Gaststube. Für Auskünfte war er immer gern zu haben.

»Freilich kann man sich Segelboote mieten. In Sattendorf am See. Sie werden sich sogar herzlich darüber freuen. Aber ich habe eine Frage?«

»Und die wäre?«

Sein Blick ruhte wieder auf Julie.

»Können die Herrschaften denn überhaupt segeln?«

Julie sah ihn sprachlos an.

»Ich kann es nicht.«

»Aber ich«, sagte Martin. »In meiner Jugendzeit war ich mit einem Freund oft segeln. Ich kenne mich wirklich aus.«

»Das klingt so, als wären Sie schon achtzig Jahre alt«, lachte Hagsteiner.

»Ja«, seufzte Julie, »ich hab halt einen alten Mann.«

»He«, begehrte Martin auf.

Hagsteiner lachte wieder auf.

»Also wenn das so ist, dann können Sie unbesorgt eins mieten. Schließlich ist unser See sehr tief, aber sonst hat er keine Tücken. Es sei denn, ein Wetter kommt auf.«

Julie blickte ihn verdutzt an.

»Aber es ist doch draußen wunderschön. Kein Wölkchen ist am Himmel zu stehen. Sie wollen uns wohl verulken, was?«

Hagsteiner lachte wieder auf.

»Ja, so ist das halt in den Bergen. Hier kann sich das Wetter sehr schnell ändern, besonders über dem See. Doch wenn Sie länger hier sind, werden Sie es schon merken.«

»Können Sie auch segeln?«

»Freilich!«

»Hör mal«, bemerkte Martin aufgebracht.

»Ich habe ja nur eine höfliche Frage gestellt, mehr nicht«, sagte sie lachend.

»So habe ich es auch aufgefasst, meine Dame.«

Julie kicherte. Martin merkte, dass er hier den Kürzeren zog. Warum hatte er sie auch damit aufgezogen. Er stand auf.

»Komm, wir gehen!«

»Sie wollen heute segeln?«

»Ja«, sagte Martin.

Hagsteiner machte ein bedenkliches Gesicht.

»Ich weiß nicht so recht. Aber ich könnte mich ja auch täuschen. Das Beste ist, sie gehen runter zum See. Dort wird man ihnen schon sagen, wie das Wetter bleibt.«

Wenig später bestiegen sie den Wagen. Beide hatten eine weiße Leinenhose und einen bunten Pulli angezogen. Ganz zünftig für diesen Sport. Da es auf dem See auch kalt werden konnte, hatten sie sich noch Jacken mitgenommen, und glaubten, so Vorsorge genug getroffen zu haben.

Lachend und winkend fuhren sie davon. Hagsteiner stand im Laubengang. Sein Herz klopfte arg in seiner Brust. Und er sagte sich: Da lernt man endlich ein Mädchen kennen, das man auch lieben könnte, das so nett und so schön ist und darf es nicht, weil sie schon vergeben ist. So ist nun mal die Welt. Seufzend ging er ins Haus zurück.

 

 

3

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn an diesem Nachmittag der Eigentümer selbst die Boote vermietet hätte. Aber er musste wegen einer Lappalie zum Kreisgericht. Und damit das Geschäft weiterlief, übergab er die Obliegenheiten am Bootssteg seinem Neffen, dem Seppi. Dieser war Student und die meiste Zeit in Wien. In den Semesterferien jedoch lebte er bei seinem Onkel und verdiente sich nebenbei etwas Geld. Diese Arbeit war ja nun wirklich nicht anstrengend. Aber wie gesagt, er besaß keine Erfahrung. Obschon er hier aufgewachsen war, kannte er nicht die Anzeichen für einen plötzlichen Wetterumschwung.

Auf dem See befanden sich schon eine Menge Boote, als die beiden ankamen. Viele hatten ihre eigenen mitgebracht, aber wie Hagsteiner vorausgesagt hatte, konnte man sich auch welche mieten.

Julie war ganz aufgeregt und kletterte als Erste ins Boot. Martin regelte alles, dann machte er die Leinen los, sprang hinterher und sie fuhren langsam aus dem kleinen Hafen.

»Wann wirst du denn das Segel setzen?«

»Gleich«, sagte er, »erst müssen wir ein wenig weiter draußen sein. Du kommst schon auf deine Kosten.«

»Das Boot ist aber ziemlich wackelig?«

»Ja, hast du das denn nicht gewusst?«

Julie lachte.

»Ich spiele jetzt die feine Dame und lege mich aufs Deck und lasse mich bräunen. Man sagt doch immer, auf dem Wasser wird man viel schneller braun.«

»Woher hast du denn diese Weisheit?«

»Och, so dumm wie du denkst, bin ich auch wieder nicht.« Sie streifte sich Pulli und Hose herunter und legte sich im Bikini auf die Planken. Es war wirklich ein wunderschönes Gefühl.

Martin hatte alle Hände voll zu tun, um das Segel zu setzen. Wind war kaum vorhanden. Doch in der Mitte des Sees begann das Segel ein wenig zu knattern und sie kamen schneller vorwärts.

»Wenn wir nur mehr Wind hätten«, meinte Martin und blickte in den azurblauen Himmel, »dann könnten wir bis auf die andere Seite segeln und uns mal Ossiach ansehen. Was hältst du davon? Oder sollen wir auf dem See bleiben?«

»Wie lange dürfen wir denn fortbleiben? Ich meine, wie lange läuft die Miete?«

»Das wird nachher geregelt. Man muss eine bestimmte Summe hinterlegen und verrechnet nachher die Zeit. Wir können es also tun, wenn wir nur mehr Wind hätten.«

»Ein kleines Sahnetörtchen und Kaffee wäre jetzt nicht zu verachten«, sagte sie träumerisch.

Martin legte sich neben sie und küsste sie.

»Denkst du gar nicht an die Kalorien?«

»Später«, sagte sie, »nicht jetzt.«

Die Schaukelbewegungen und das leise Gluckern des Wassers schläferte sie fast ein.

»Und ich dachte immer, Segeln sei aufregend und man müsse furchtbar viel hin und her rennen. Die Leute lügen wohl ganz gewaltig. Das ist ja eine richtige Bummelfahrt über das Wasser.«

»Wir haben ja auch kaum Wind«, lachte er. »Du würdest staunen, wenn Wind aufkäme, dann würden wir aber losflitzen und ich hätte wirklich alle Hände voll zu tun, wie du dich so schön ausdrückst.«

»Ach, Martin, das Leben ist doch herrlich, nicht wahr? Hast du es dir so schön vorgestellt?«

»O ja«, sagte er heiter. »Sonst hätte ich dich doch nicht geheiratet.«

Sie gab ihm einen Nasenstüber.

»So hübsch es auch ist, ich sehne mich nach Hause, weißt du. Selbst als Hausfrau walten, mit all den hübschen neuen Sachen in unserer Wohnung.«

»Das kannst du noch früh genug, und bald wird es dir zum Hals raushängen.«

Und dann mussten sie wohl beide ein wenig eingedöst sein. Irgendetwas ließ sie plötzlich zusammen wach werden. Verdutzt blickten sie zuerst sich und dann den Himmel an. Die Bläue war verschwunden. Wie von Zauberhand lagen plötzlich dicke Wolken darüber.

»Schau mal, die anderen fahren alle zum Ufer zurück«, sagte Julie.

Martin sprang hoch und blickte zurück.

»Ja, du hast recht. Wir wollen es auch tun, ich möchte nicht, dass das Boot vielleicht was abkriegt. Man kann ja nie wissen. Am Ende muss ich noch dafür aufkommen.«

Sie hatten sich in der Tat sehr weit entfernt. Ossiach, das sie ursprünglich ansteuern wollten, lag viel näher. Aber Martin wollte zur Anlegestelle zurück, und die hieß Sattendorf.

Plötzlich fegte ein starker Wind über den See und peitschte das Wasser auf. Das Schiff machte einen Ruck nach vorn und Julie fiel auf die Nase.

»Du musst dich festhalten«, schrie Martin in den Wind hinein.

»Ja, ja«, schrie Julie zurück und streifte sich den Pulli über. Es wurde empfindlich kalt. Die Hose schaffte sie aber nicht. Mit beiden Händen hielt sie sich krampfhaft fest. Jetzt machte das Segeln überhaupt gar keinen Spass mehr. Martin verstand wohl einiges davon, aber er war immer mit seinem Freund rausgefahren, und der hatte ihm stets gesagt, was zu tun war.

»Das Boot ist ja ganz schief«, schrie Julie auf.

»Festhalten, nur festhalten«, schrie Martin zurück.

Die Angst nistete sich in ihre Herzen. Der friedliche See hatte jetzt plötzlich ein ganz anderes Gesicht bekommen. Er war nicht mehr lieblich, sondern unheimlich, und sie fürchtete sich sehr, wagte es aber nicht zu sagen. Sie dachte auch an die Ermahnungen von Hagsteiner. Hatte er nicht gesagt: »Wenn ein Wetter über dem See steht, ist nicht mit ihm zu spaßen!«

Wenn sie geahnt hätte, welche Sorgen sich dieser Mann im Augenblick machte. Natürlich hatte auch er den Wetterumschlag bemerkt, sagte sich aber immer wieder, dass sie bestimmt schon an Land seien und irgendwo in einem Gasthaus säßen.

Andere Boote legten an und die Leute stiegen aus. Sie alle waren viel näher am Land. Nur ihr Boot schaukelte noch in der Mitte des Sees. 47 Meter, dachte sie schaudernd.

»Können wir auch umkippen?«, rief sie zähneklappernd.

»Können schon«, schrie Martin zurück. »Aber du kannst doch schwimmen, Julie!«

»Ja, aber es ist so weit.«

Einmal kam er kurz zu ihr und sagte: »Wenn sie es sehen, werden sie uns zu Hilfe kommen. Du brauchst keine Angst zu haben, Julie.«

In diesem Augenblick wurde das Boot hochgehoben, um kurz darauf klatschend zurückzufallen.

Martin kämpfte verbissen mit dem Segel, dem Wind und dem Boot. Immer sah es so aus, als würde es umschlagen, aber dann schaffte er es noch im letzten Augenblick.

Julie sah, wie man am Ufer stand und zu ihnen herüberblickte.

Warum kommen sie nicht und helfen uns?, dachte sie verzweifelt. Ich habe Angst, und Martin schafft es doch nicht allein. Sie müssen das doch sehen.

Seppi stand in einer Gruppe von Seglern und sagte: »Er hat mir gesagt, dass er segeln kann.«

»Sieht aber nicht so aus«, sagten einige.

»Er hat es gesagt, sonst hätte ich ihm das Boot nicht gegeben.«

»Dann soll er sich beeilen und kommen.«

»Sollen wir nicht mit dem Kutter rausfahren und fragen, ob wir helfen können?«

»Ich glaube, mir bleibt wohl nichts anderes übrig«, sagte Seppi. »Kommt einer von euch mit? Wenn, dann muss doch einer übersteigen, damit wir sie heil in den Hafen bekommen.«

Drei Männer erklärten sich sofort bereit. Sie hatten gerade den Kutter bestiegen und wollten den Motor anwerfen. Dies war das einzige Gefährt, dass auch im Sturm dem See trotzen konnte. Es war schwer und behäbig und wurde für den Fischfang gebraucht. Ein Schrei ging durch die Menge am Ufer.

»Es ist gekentert!«

Seppi bedeckte seine Augen und blickte über die aufgewühlte Wasserfläche.

Julie sah Martins verzerrtes Gesicht und dachte: Wenn ich ihm doch nur helfen könnte. Dann wurde sie in die Luft geschleudert. Wenn ich auf das Boot zurückfalle, breche ich mir bestimmt etwas, schoss es ihr durch den Kopf: Aber sie fiel nicht ins Boot zurück, sondern stürzte kopfüber ins Wasser. Ihre Gedanken waren: »Mein Gott, 47 Meter tief.« Und sie fiel und fiel und das Herz wollte stillstehen vor Schreck. Aber dann dachte sie wieder an Martin. Er wird mich nicht sterben lassen. Er wird kommen und mir helfen. Aber dann spürte Julie, wie sie nicht mehr fiel, sondern wieder nach oben gedrückt wurde. Sie öffnete die Augen und sah einen Fisch an sich vorübergleiten. Man hatte ja gesagt, dass der See sehr fischreich sei.

Was für komische Gedanken man doch haben kann, dachte sie bei sich. Dann tauchte der Kopf aus dem Wasser, sie öffnete den Mund und holte tief Luft.

Der See hatte sich noch immer nicht beruhigt. Langsam schwamm sie auf derselben Stelle.

Das müssen späte Frühjahrsstürme sein, durchfuhr es sie. Wir sind ja so früh hier, sonst wäre bestimmt viel mehr Betrieb auf dem Wasser gewesen.

Ich muss ganz ruhig schwimmen, dachte sie, ich darf jetzt nicht in Panik geraten, sonst ist alles zu spät. Und erst jetzt sah sie das umgekippte Boot.

»Martin«, schrie sie in den Wind hinein. »Martin, wo bist du?«

Aber sie sah keinen Kopf auf der Wasserfläche. Nirgends war ihr Mann zu sehen. Julie wusste, dass er sich noch nicht weit entfernt haben konnte. Er würde es auch nicht tun, sondern sich um sie kümmern.

Wieder blickte sie auf das umgekippte Boot und dachte dann, und ihr Herz wurde eiskalt: Vielleicht ist ihm das Boot auf den Kopf geschlagen, und er kann nicht hoch. All das spielte sich nur in ein paar Sekunden ab. Aber für die junge Frau war es eine Ewigkeit.

Ohne sich viel zu besinnen, tauchte sie unter das Boot. Und dachte immerzu, er muss doch hiersein. Er kann sich doch nicht in Luft auflösen. Dann sah sie das Segel, schlaff wie ein leerer Wasserball trieb es unter dem Wasser hin und her. Sie passte höllisch auf, dass sie sich nicht darin verfing. Martin hatte ihr vor einer Ewigkeit, so schien es ihr, gesagt: »Du musst aufpassen, dass du dich nicht in den Schoten verhedderst.« So wurden die Stricke genannt, mit denen das Segel hochgezogen wurde.

Details

Seiten
118
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941234
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v902468
Schlagworte
herz redlight street teufelskreis

Autor

Zurück

Titel: Redlight Street #136: Ein junges Herz im Teufelskreis