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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 4 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

2020 369 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

von G.S.Friebel, Frank Michael Jork

Neues Glück im Haus Sonnenhang

Copyright

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Dreimal blühten die Rosen

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Martin - Schicksalsnacht im Habichtswald

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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 4 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

von G.S.Friebel, Frank Michael Jork

 

 

Über diesen Band:

 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

G.S.Friebel: Neues Glück im Haus Sonnenhang

Frank Michael Jork: Dreimal blühten die Rosen

Frank Michael Jork: Martin - Schicksalsnacht im Habichtwald

 

 

 

 

 

Andreas, der Sohn des Gastwirts Thomas Heidinger kehrt nach seiner Ausbildung in sein Heimatort in den bayerischen Alpen zurück. Dort trifft er nicht nur seine Jugendliebe wieder, sondern muss auch feststellen, dass sich seine kleine Schwester Rosel mit Martin, dem leichtlebigen Bauernsohn vom Gassnerhof eingelassen hat. Die familiären Probleme und Andreas‘ Pläne für sein eigenes Familienglück werden bald überschattet, als Andreas in den Strudel verbrecherischer Machenschaften gerät, in die auch Martin verstrickt ist. Am Wasserfall im nächtlichen Habichtswald kommt es schließlich zu schicksalhaften Ereignissen, die über das künftige Leben von Martin und Andreas entscheiden wird…

Mit „Schicksalsnacht im Habichtswald“ legt Frank Michael Jork einen gefühlvollen und dramatischen Roman aus den bayrischen Bergen vor, der in der Tradition großer Heimaterzähler nicht zuletzt auch die Erinnerungen an die großartig erzählten Heimatfilmklassiker des deutschen Nachkriegskinos wachwerden lässt.

 

 

 

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© Roman by Author / COVER ALFRED HOFER 123rf

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Neues Glück im Haus Sonnenhang

Heimatroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 108 Taschenbuchseiten.

 

Einsam. So ist es um Marlindes Herz bestellt und nichts scheint sich daran ändern zu wollen. Tiefe Traurigkeit lässt sie zu drastischen Mitteln greifen, um der Einsamkeit zu entfliehen. Doch im dunkelsten Moment hält das Schicksal eine Überraschung für sie bereit. Wird Marlinde noch zu neuem Glück finden?

 

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© by Author

© Cover by PIXABAY mit STEVE MAYER, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Marlinde Weixler stand da, die heiße Stirn an die kühle Fensterscheibe gedrückt und die Augen geschlossen.

Ich darf jetzt nicht weinen, dachte sie und ihr Herz krampfte sich zusammen. Nein, ich darf es nicht und ich will es nicht. Er hat gesagt, ich sei verständnisvoll!

Bin ich das wirklich? Ein dicker Kloß saß in ihrer Kehle, er drückte und presste und sie hatte das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen. »Schau, Marlinde, ich bin ehrlich, weil ich weiß, dass du vernünftig bist. Das ist nun mal so, musst es doch einsehen. Ich mein doch...« Warum geht er nicht, warum lässt er mich nicht in Ruhe, warum quält er mich so?, dachte sie. Marlinde drehte

sich wieder um und sah ins Zimmer. Das Licht der Lampe warf einen hellen Schein auf sein blondes Haar.

Er war so hünenhaft, sie sah seine Augen, die sie so liebte, dieses Lächeln und seine kräftigen Hände, die sie oft gestreichelt hatten. Dies alles sollte nun einer anderen gehören... Es war ihr nicht bewusst, dass sie den Kopf schüttelte. »Marlinde!« Fritz Pichler wollte zu ihr gehen. »Bitte, bleib wo du bist«, sagte Marlinde mit leiser Stimme. Sie fühlte, wie ihre letzte Kraft schwand.

»Bleib!« Unendlich langsam ließ sie sich auf die Ofenbank fallen. »Ich habe verstanden. Du willst mich also nicht mehr. Ich habe es begriffen. Du hast jetzt eine mit einem Hof gefunden, so ist es doch? So hast du es mir doch erklärt. Aber Fritz«, sie machte einen letzten Versuch, »wir kennen uns jetzt zwei Jahre, wollten heiraten – hast du denn alles vergessen? Kann man zwei Jahre seines Lebens einfach vergessen?«

Der junge Mann errötete sogar leicht.

»Du verstehst mich nicht, Marlinde. Ich habe es nicht vergessen und werde es auch nicht vergessen, wirklich nicht. Aber es ist nun mal so, ich bin der Sohn eines Bergbauern und ich möcht einen Hof, verstehst? Ja ja, ich weiß, was du jetzt sagen willst, du hast die Pension hier in den Bergen, das weiß ich ja alles. Aber es ist so gekommen, die Liesel... Mein Gott, Marlinde, mach es mir doch nicht so schwer. Ich hab lang mit mir gerungen, aber du bist doch verständig, bist schon fünfundzwanzig, ich wollt doch nur sagen...« Er brach ab.

Ich bin also auch schon zu alt, dachte sie, mit fünfundzwanzig bin ich also auch zu alt. Und zu ernst soll ich sein? Das hat er vorhin auch gesagt, herb, still und was weiß ich noch alles. Er sucht so viele Gründe, damit er ein reines Gewissen hat. Also angeblich nicht nur der Hof!

Aber er hatte sie doch geliebt – und sie ihn ebenfalls. Im Dorf rechnete man damit, dass sie heiraten würden. Ein Leben ohne Fritz konnte sie sich gar nicht mehr vorstellen.

Und jetzt war eine gekommen, die nicht nur jünger sein sollte und lustig, ja, sie bekam auch noch einen Hof mit, da gab es keine Geschwister mehr.

Ihr Herz bäumte sich wild auf, aber sie hatte auch ihren Stolz. Nein, das brauchte sie noch nicht, um die Liebe zu betteln.

»Ja«, sagte sie mechanisch, weil sie einfach etwas sagen musste.

»Ich wollte es erst auch nicht«, fuhr Fritz Pichler fort. »Wirklich, Marlinde, musst es mir schon glauben, ich hab mit mir gerungen, ehrlich. Du bist doch vernünftig, nicht wahr! Geh, im Dorf, in Hoppichl, gibt es bestimmt genug Burschen, die sich freuen werden, wenn ich verschwind.«

Das blonde Haar flutete über ihren Rücken. Sie hatte es gerade gebürstet, als er ankam. Marlinde presste für einen Moment die Hände an die heißen Schläfen.

Konnte man vernünftig sein, wenn man den Liebsten hergeben musste? Sein Lebensglück, alles, was man besaß?

Sie lächelte bitter.

Er war wenigstens ehrlich, das musste sie zugeben. Er kam zu ihr und spielte mit offenen Karten. Aber es tat so weh, so schrecklich weh. Mein Herz ist in diesem Augenblick gestorben, dachte sie.

»Möchtest du etwas trinken?« Wie zerbrochen klang ihre Stimme. Sie erschrak selbst davor.

»Nein, nein«, sagte er schnell. »Ich hab wirklich nicht viel Zeit. Sie wartet unten am Weg.«

»Ach so«, murmelte Marlinde. »Dann will ich dich nicht länger aufhalten. Lebe wohl!«

»Marlinde...«

Noch einmal ging er auf das Mädchen zu. Ihre Ruhe machte ihm ein wenig Angst. »Marlinde, du bist mir doch nicht böse, nicht wahr?«

Sie standen sich gegenüber und sahen sich an.

»Böse?«, murmelte sie. »Böse?«

»Ich hab dich wirklich gern gehabt, aber du musst mir glauben, es ist nun mal so, das Bauernblut ist halt stärker, weißt es doch. Mein Gott, Marlinde ...«

»Geh«, sagte sie leise. »Geh!«

Sie war am Ende ihrer Kraft.

Er wollte sie zum Abschied küssen – wie immer. Doch sie wich vor ihm zurück.

Da nahm Fritz sein Trachtenhütchen, strich langsam darüber und wandte sich zur Tür.

»Nun ja, dann adieu, Marlinde.«

Marlinde stand mitten in der guten Stube mit dem dunklen Gebälk über sich. Sie sah ihn fortgehen, hörte die Schritte im Gang, dann war er draußen. Immer leiser und ferner klangen seine Schritte.

Er kommt wieder, es war alles nur ein Traum, nur ein böser Traum. Fritz kommt gleich wieder. Er holt sich nur Zigaretten aus dem Dorf wie so oft, wenn er sie vergessen hatte. Ja, er kommt gleich wieder.

Etwas zwang sie, zum Fenster zu gehen. Sie sah hinaus in die Dunkelheit. Als sich ihre Augen an die Finsternis gewöhnt hatten, sah sie den Weg. Dort ging er. Dann sah sie die Gestalt im Schatten der urigen Kiefer, jetzt trat sie hervor. Sie sah Fritz, er legte den Arm um sie. Sie küssten sich wohl, lange!

Marlinde legte die Hände vor das Gesicht und schluchzte auf. »Nein!«

 

 

2

Die Welt ging nicht unter. Wenn man es auch glaubte. Trotzdem saß man da in der Dunkelheit und fühlte einfach nichts mehr. Und in der Luft hing noch der Schrei: »Nein!« Aber die Zeit lief doch weiter. Immer weiter. Und niemand war da, der sich um ein verzweifeltes Herz kümmerte, das an der Enttäuschung zu zerbrechen drohte.

Marlinde fühlte erst jetzt, wie grenzenlos und verlassen sie war. Zuerst war sie nur verwundet gewesen und hatte es einfach nicht glauben können. Aber ganz langsam senkte sich die Gewissheit auf ihr Herz: Er ist fort und kommt nie mehr wieder. Er liebt jetzt eine andere. Du bist allein, allein, allein!

Und dann hörte sie, wie unten in der Schlucht der Wagen ansprang. Sie hielt sich die Ohren zu.

»Fritz, komm wieder, sag, dass es nicht wahr ist! Sag, dass du mich lieb hast!« Sie stammelte und schluchzte es immer wieder vor sich hin.

Doch die Stubentür blieb verschlossen.

Wie lange saß sie so? Eine Stunde, zwei? Sie wusste es nicht. Doch endlich stand sie auf. Gebrochen an Leib und Seele. Unruhig wanderte sie durch die Stube.

Sein Lachen vergangener Zeiten hing noch im Raum – ein Hauch von Glück.

Sie hatte davon geträumt, bald mit Fritz eine glückliche Ehe zu führen.

Aus, vorbei.

Nein, sie durfte nicht mehr an ihn denken.

Was sollte sie nun beginnen? Wie sollte ihr Leben weitergehen? Marlinde hatte keine Eltern mehr, sie waren vor gut zwei Jahren verstorben. Das war ja auch zum Teil der Grund gewesen, weswegen sie noch nicht verheiratet gewesen war. Sie hatte in Innsbruck eine gute Stelle gehabt. Aber dann wurde die Mutter krank und sie hatte heim gemusst, um sie zu pflegen. Der Vater war auch schon nicht mehr so gesund gewesen. Doch den kleinen Hof hatte er noch bewirtschaften können. Zum Glück hatten sie nur dieses eine Kind gehabt. Gewiss, lange hatten sie sich noch einen Buben gewünscht. Damals hatte Marlinde immer bitter gelächelt. Ein Bub und das winzige Höfchen, man konnte weder richtig leben, noch sterben. Es reichte grad. Als sie dann die Stellung annahm, da hatte sie auch immer Geld heimschicken müssen. Sie hatte Freunde in Innsbruck gehabt. Aber als sie dann heimfahren musste, da war der Kontakt zu ihnen abgebrochen und sie war einsam gewesen. Hatte sich auch nicht viel um das Dorfleben kümmern können.

Dann war die Mutter gestorben und wenig später auch der Vater. Zuerst hatte sie alles verkaufen wollen, aber die Bauern wollten kein Land kaufen und schon gar nicht so steile und steinige Wiesen. Und das Haus wollte auch keiner haben. Sie hatten ja alle ihre schönen großen Höfe.

Marlinde musste auch die Erfahrung machen, dass sie jetzt keine Stelle mehr bekam. Inzwischen hatte sich die Zeit verändert. Da hatte sie dann den Entschluss gefasst, aus dem elterlichen Hof eine kleine Pension zu machen. Frühstückspension. Es wurde Haus Sonnenhang getauft, denn der Hang lag die meiste Zeit am Tag wirklich in der Sonne. Fünf Stuben konnte sie vermieten. Unten in der guten Stube war das Frühstückszimmer. Sie schrieb an die Reisegesellschaften und bald bekam sie dann auch ihre ersten Gäste. Doch in dem kleinen Seitental der Tuxer Voralpen musste alles erst noch entdeckt werden. Damals, da wollte man noch nicht die Ruhe, zumindest die Mehrzahl der Touristen wollte etwas erleben und fuhr gleich weiter nach Innsbruck und Solbad Hall. Doch in der Hauptsaison waren dort die Betten besetzt und sie bekam auch Gäste. Bald waren diese so zufrieden mit Haus Sonnenhang, dass sie stets wiederkamen, oft auch noch im Herbst und auch im Winter, wenn der Schnee lag.

Sie konnte also, wenn sie bescheiden war, von den Einkünften leben. Aber wenn sie auch jetzt eine Aufgabe hatte, so waren doch viele Tage und Wochen dazwischen, wo sie keine Gäste beherbergte, so wie auch jetzt, wo sie dann sehr einsam gewesen war. Und dann eines Tages war Fritz in ihr Leben getreten. Sie hatte ihn in Volders kennengelernt. Dorthin fuhr sie immer, wenn sie größere Einkäufe tätigen musste.

Fritz war ihr begegnet, als sie schon nicht mehr daran dachte, je einen Mann fürs Leben zu finden. Er konnte so charmant sein. So glückhaft jung. Und das hatte sie an ihm geliebt. Er hatte sie aus ihrer Teilnahmslosigkeit herausgerissen und sie war wieder ein froher Mensch geworden.

Fritz war der Sohn eines Bergbauern aus Absam, aber weil es da einen älteren Bruder gab, konnte er den Hof nicht bekommen. So hatte er sich denn als Kellner ausbilden lassen und war in Hall angestellt. Er verdiente dort wirklich sehr gut, denn dort war das ganze Jahr über Betrieb. Mit seinem Einkommen und der Pension hätten sie sehr gut leben können.

Marlinde war jung und glücklich gewesen, wenn Fritz bei ihr war. Und jetzt sollte alles aus sein, für immer!

Hatte er nicht auch gesagt, sie sei zu alt für ihn? Wie alt mochte die andere mit dem Hof sein? Ob die ihn wohl auch so liebte? Oder nur einen Mann für den Hof haben wollte?

Sein Bild hing noch an der Wand.

Tränen kullerten aus Marlindes Augen. Sie hatte gar nicht gewusst, dass sie so weinen konnte.

Da lagen noch die Wirtschaftsbücher, sie hatte Eintragungen gemacht, als Fritz so plötzlich gekommen war.

Sie war bis ins Herz getroffen worden. Der Lebensinhalt wurde ihr genommen und nun wusste sie nicht mehr, was sie beginnen sollte. Der ruhende Pol, die Liebe, das Vertraute, alles war fort.

Sie hatte einfach aufgehört, an das Leben zu glauben. Ich will nicht mehr, sagte sie sich immer und immer wieder. Ich will nicht mehr!

Was soll ich beginnen ohne ihn, wofür soll ich arbeiten und für wen das Haus erhalten?

Marlinde saß zusammengekauert vor dem Kachelofen und starrte vor sich hin. Was soll ich tun? Was, damit der Schmerz in meiner Brust aufhört?

Wenn ich nur nicht mehr denken müsste, sterben könnte.

Ja, das war ein guter Gedanke, dann hörte alles auf, dann war Ruhe und Frieden. Sie lächelte bitter. Sie hatte ja nichts zu verlieren. Entfernte Verwandte würden dann die Pension und das Land erben. Wie gleichgültig ihr das jetzt war.

Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen fort. Sterben!

Immer tiefer nistete sich der Gedanke in ihr fest.

Du darfst nicht!, sagte eine andere Stimme in ihr.

O doch, lehnte sie sich auf. Wer ist denn da, der mich daran hindern will. Wer? Und da verstummte die Stimme.

Sterben!

Es war plötzlich wie ein Rausch. Ja, ja, ja!

Fritz! Er war nicht mehr da! Niemand war da, der sie vermissen würde.

Und sie brauchte nicht mehr zu leiden, zu kämpfen. Entschlossen stand sie auf. Plötzlich lag ein Lächeln in ihren Augen. Alles war gut und so einfach. Sie strich sich über das Haar und betrachtete sich draußen im Spiegel.

Ja, ich werde es tun.

Schnell schlüpfte sie in die Schuhe, streifte irgendeine Jacke über. Dann verließ sie das Haus. Sorgfältig verschloss sie die Tür, wie sie es immer tat, wenn sie wegging.

Marlinde lächelte noch, als sie neben ihrem Wagen stand. Es war jetzt schon empfindlich kalt am späten Abend. Für einen Augenblick stand sie unentschlossen da. Wohin sollte sie denn überhaupt?

Erst einmal losfahren, mir wird schon etwas einfallen, dachte sie.

Nur ein Gedanke beherrschte sie noch: fort, nicht mehr zurück müssen in die Einsamkeit.

Sie fuhr in Richtung Volderwildbach.

Die Scheinwerfer geisterten auf der schmalen Straße durch die Nacht. Es war gefährlich, in diesem Zustand die kurvenreiche Bergstraße zu fahren. Tiefe Schluchten säumten zum Teil die ganze Straße.

Ihre Hände umkrampften das Lenkrad. Noch einmal dachte sie an den Liebsten.

Da löste sich etwas in ihrem Herzen und die Tränen schwemmten es mit fort.

Ich will nicht mehr!

Sie steuerte einfach den Wagen auf die weißen Leitplanken zu. Sie kannte diese Strecke auswendig und wusste um die schrecklichen Schluchten. Ein kurzer Schmerz, und dann wird alles vorbei sein...

Den Knall und das Knirschen von zerborstenem Glas hörte sie schon gar nicht mehr.

 

 

3

Ernst Krenn, fünfundvierzig Jahre alt, Lehrer in Volders, war um diese Stunde mit seinem Wagen auf dem Weg nach Hause. Er war wie immer in den Tulfer Bergen gewandert, immer dann, wenn er die Einsamkeit brauchte.

Er fühlte sich müde und abgespannt. Ein trauriges Lächeln lag um seine Lippen. Dieser Mann, groß und stattlich, mit einzelnen Silberfäden im vollen Haar, fühlte die Einsamkeit wieder in sich hochsteigen. Solange er vor sich selbst auf der Flucht war oder morgens in der Schule, schien alles gut, da konnte er dann leicht vergessen. Da fühlte er sich für eine Weile glücklich. Doch dann kam der Augenblick, wo er wieder heim musste.

Mechanisch wischte er die Scheibe seines Wagens sauber. Sie beschlug sich noch. Aber gleich würde die Heizung warm genug sein.

Ein Wind peitschte über die leere Bergstraße. So allein wie er jetzt war, so allein fühlte er sich schon seit Jahren. Sein Herz war verstummt, still und ruhig geworden. Demütig wurde man mit der Zeit. Man ließ sich verletzen, immer und immer wieder! Er sehnte sich so sehr nach Liebe und Geborgenheit, nach dem Sichverstehen. Er war bereit, alles zu geben, sich selbst zu verschenken. Aber die Gefährtin wollte es nicht. Und weil er sich nicht wehrte, hielt man ihn für einen Schwächling. Nein, er war des Kämpfens müde geworden. Früher, als er noch glaubte, es könne alles gut werden, da hatte er es mitunter versucht.

Wie oft riet man ihm, einfach fortzugehen und ein neues Leben zu beginnen. Er hatte es nicht gekonnt. Da war der Sohn, zuerst klein und schutzbedürftig. Er konnte ihn nicht verlassen und blieb. Jetzt war er groß, zweiundzwanzig Jahre alt. Jetzt hätte er gehen können, aber wohin? War er nicht mit fünfundvierzig zu alt, um noch einmal zu beginnen?

Was für seltsame Gedanken doch in einem aufstiegen, wenn man sich allein fühlte, so wie jetzt hier im Wagen auf einsamer Straße. Warum war Bette, seine Frau, so? Er konnte es nicht begreifen. Alles hatte er ihr gegeben. Sein Vertrauen, seine Liebe, sein Herz. Sie hatte ihn doch geliebt, damals vor vierundzwanzig Jahren, als sie sich kennenlernten. Er war voller Leidenschaft für sie gewesen. Und sie hatte ihm doch auch gesagt, dass sie ihn liebe.

Warum war alles anders geworden?

Vielleicht, weil sie es nicht verkraften konnte, das einfache Leben einer Lehrersfrau in einem kleinen Bergdorf zu führen. Nicht mehr die Tochter eines reichen Bauern zu sein. Hier war sie vielen nicht geheuer, weil sie so stolz, so abweisend war. Damals, da hatte sie gedacht, er wird mal was Großes, mein Ernst, ich schaff das schon, dann werden sie mich alle beneiden. Ich hab einen studierten Mann, die anderen nicht.

Der Vater und der Bruder waren seinerzeit gegen diese Heirat gewesen. Sie hatten eine bessere Verbindung gewünscht. Es gab Anwärter genug, Männer, die einen Hof hinter sich hatten. Aber damals schon war Bette eigensinnig gewesen und hatte ihren Kopf durchgesetzt. Das Leben einer Bäuerin, sie konnten noch so reich sein, war hart, das wusste sie von der Mutter. Sie selbst hatte ja auch bis zu ihrer Verheiratung auf dem elterlichen Hof mithelfen müssen.

Ein Lehrer konnte es zu was bringen. Zumindest konnte er Rektor in Innsbruck werden. Ja, das hatte sich die ehrgeizige Bette gewünscht. Oder vielleicht ging er in die Politik, dann kam man sogar nach Wien.

Damals hatte sie den Freundinnen vorgeschwärmt, welch herrliches Leben sie in Zukunft führen würde. Sie hatte es geschafft, den Neid der anderen zu erwecken.

Aber ihr Mann tat nichts für ihre ehrgeizigen Pläne, er ahnte ja nicht, womit sie geprahlt hatte. Er verstand sie einfach nicht, Bette fühlte sich nicht glücklich, der Ehrgeiz hatte sie anfangs aufgefressen, dann die Wut, als sie merkte, dass man den Mann nicht ändern konnte. Dass er nichts mehr und nichts weniger sein wollte. Außerdem liebte er die Berge und wollte nicht fort. Mit der Politik hatte er auch nichts im Sinn. Nicht mal in den Gemeinderat hatte er sich wählen lassen.

So war aus der stolzen Frau ein zänkisches, zorniges Weib geworden. Sie nörgelte pausenlos herum, man konnte ihr nichts mehr recht machen. Ja, sie fühlte sich einfach betrogen, das war es, man hatte sie um ein wunderschönes Leben betrogen.

Das Licht der Scheinwerfer kroch die dunkle Straße entlang. Plötzlich sah er vor sich ein Auto. Darin saß auch nur der Fahrer. Ob er wohl ebenso einsam war wie er? Wohl nicht!

Er hatte keine Lust zum Überholen. Es eilte nicht, er hatte ja so viel Zeit. Hier im Wagen war es still und ruhig. Seine Finger suchten den Knopf des Radios. Leise Musik ertönte. Er liebte Musik.

Plötzlich wurde das Auto vor ihm schneller, völlig grundlos brauste es durch die Dunkelheit.

Ernst kniff die Augen zusammen; seltsam, auf einmal rann ihm ein kalter Schauer über den Rücken.

»Ist der denn verrückt geworden«, murmelte er vor sich hin. »Mein Gott!«

Seine Augen wollten es nicht glauben. Aber dann sah er es ganz deutlich: Der Fahrer vor ihm steuerte direkt auf die nächste Schlucht zu.

»Nein«, schrie Ernst Krenn auf. Aber natürlich wurde sein Ruf nicht gehört.

Seine Hände umkrampften das Steuer. Er starrte wie gebannt durch die Scheibe. In diesen Sekunden war er hilflos.

Es folgte ein Krachen und danach war Totenstille, grausam. Als er aus seinem Wagen stieg, zitterten ihm die Beine. So etwas, das war doch reine Absicht gewesen!

Für einen Moment musste Ernst Krenn sich auf den Kotflügel stützen, so schwindelig war ihm. Dann eilte er auf die Unglücksstelle zu. Es war fast ein Wunder geschehen. Die Leitplanken hatten in der Tat den Wagen aufgehalten. So war er nicht in die Schlucht gestürzt. Aber das konnte noch jeden Augenblick geschehen und dann war kein Entrinnen mehr. Da unten toste nicht nur ein Gebirgsbach, sondern die Kanten der Felsen waren scharf. Dort unten lauerte nur der Tod und gab seine Opfer nicht mehr frei.

Durch den Aufprall war die Fahrertür aufgerissen worden.

Der Mann rannte um das Auto herum und sah die dunkle, in sich zusammengekrümmte Gestalt. Helles Haar quoll ihm entgegen. Eine Frau!

Lebte sie noch? Weit und breit war kein Haus. Auch ein anderes Auto kam jetzt nicht um diese Zeit hier vorbei. Aber er wusste, er musste schnell handeln. Alles hing jetzt von ihm ab. Zum Glück war die Frau nicht eingeklemmt. Äußerst behutsam legte er die Arme um ihren Oberkörper, denn er wusste ja nicht, wie schwer verletzt sie war. Dann zog er sie langsam aus dem Auto. Wenn er es mit einem Ruck tat, konnten er und die Frau mit in die Tiefe gerissen werden. Zwei Räder des Unglückswagens ragten schon über den Abgrund.

Sie stöhnte einmal kurz auf, dann sank sie ohnmächtig zurück.

Wie leicht und zierlich sie doch war!

Er hielt sie für einen Moment fest im Arm, ließ sie aber dann zu Boden gleiten. War sie verletzt? Ihr rechtes Bein hing so schlaff herunter. Es musste wohl gebrochen sein. An ihrer Schläfe war eine klaffende Wunde, aus der Blut rann und das blonde Haar war an einigen Stellen rötlich gefärbt.

Was sollte er beginnen?

Eisiger Wind wehte von der Schlucht herauf. Bald würde sich der Winter einstellen. Hier in den Bergen kam er immer viel früher als im flachen Land. Ihn fror jetzt entsetzlich, vielleicht machte das auch der Schock.

Ich muss sie in ein Krankenhaus bringen, dachte er. Das ist meine Pflicht. Warum sie das wohl getan hat?, fragte er sich. Kein Zweifel, sie hatte sterben wollen!

Er schauderte zusammen.

Plötzlich schoss eine Stichflamme aus dem Wagen. Binnen kurzer Zeit brannte er lichterloh, dann kippte er über den Rand. Einen Augenblick später hörte er ihn unten aufschlagen. Mein Gott, dachte er betroffen, wäre ich ein wenig später hier vorbeigekommen, dann wäre schon alles vorbei gewesen, dann hätte ich nicht mal mehr retten können.

Ernst Krenn wollte das Mädchen zu seinem Wagen tragen. Da schlug es die Augen auf und sah sekundenlang mit irren Blicken um sich. Marlinde sah den fremden Mann über sich gebeugt. Und plötzlich war in ihr wieder alles wach. Sie wollte doch sterben – und man ließ sie nicht.

Wild bäumte sich Marlinde auf.

»Lassen Sie mich«, schrie sie. »Lassen Sie mich los!«

Verblüfft wich der Mann zurück.

Marlinde wollte zur Schlucht stürzen, aber als sie mit dem Fuß auftrat, sank sie mit einem Schmerzenslaut zusammen. Da kroch sie auf allen vieren zur Schlucht. Sie wollte sterben, sie wollte nicht mehr leiden müssen.

Da erkannte der Mann, was sie vorhatte und sprang ihr nach. Er bekam gerade noch einen Arm zu fassen und musste Obacht geben, dass sie ihn nicht mit in den Abgrund riss. Er klammerte sich an der verbogenen Leitplanke fest. Die scharfe Kante schnitt ihm die Hand auf, er spürte es nicht.

»Sind Sie verrückt!«, schrie er sie an.

»Lassen Sie mich«, schrie Marlinde zurück. »Lassen Sie mich doch endlich in Ruhe. Was geht es Sie an, was ich will!«

»Nein!«, rief er.

Er zerrte sie hoch und trug sie fort. Sie wehrte sich noch verzweifelt und er wäre bald mit ihr gestürzt.

»Ich will sterben, sterben!«

Ernst begriff gar nichts mehr, aber mit verbissenen Zähnen trug er sie weiter, lehnte sie an seinen Wagen und öffnete die Tür. Sie schrie auf. Die Schmerzen stellten sich jetzt ein. Behutsam schob er sie auf den Nebensitz und schloss dann die Tür ab. Er wischte sich die Stirn und sah dabei noch einmal zur Unglücksstelle zurück. Der tosende Wildbach hatte die Flammen des Wracks gelöscht. Es war wohl zum Glück nicht mehr viel Sprit im Tank gewesen.

Dann ließ er sich hinter das Steuer fallen.

Marlinde hatte den Kopf auf die Polster gelegt und weinte. Wirr hing ihr das Haar ins Gesicht.

»Warum haben Sie mich zurückgehalten?«, stammelte sie leise.

Ernst wischte sich mit einem Taschentuch den Schweiß von der Stirn. »Wie meinen Sie das?«, fragte er.

»Das wissen Sie doch«, sagte sie kläglich. »Warum sind Sie gekommen? Hätten Sie mich in Ruhe gelassen, dann wäre jetzt alles vorbei und ich hätte meinen Frieden!«

Nun sah der Mann sie zum ersten Male voll an. Ihr Kopf ruhte auf dem Polster, sie hielt die Augen geschlossen und schien sehr erschöpft. Aber auf ihrem Gesicht lag ein Zug unendlicher Trauer.

»Aber warum?«, fragte Ernst Krenn verwundert. »Warum wollten Sie sterben? Sie sind doch so jung! Man darf das Leben nicht fortwerfen, das ist Sünde!«

»Wenn es aber keinen Sinn mehr hat, wenn man einfach nicht mehr leben will, weil der Lebenswille gebrochen ist?«

»Sie müssen in ein Krankenhaus«, sagte er und wollte den Wagen anlassen. Dabei kam er mit der verletzten Hand an das Steuer und zuckte vor Schmerz zusammen. Pfeifend ging sein Atem.

Marlinde hörte es und öffnete die Augen. Da erst sah sie die arg zugerichtete Hand, und ein Würgen stieg in ihrer Kehle auf. Ganz behutsam legte sie ihre Hand auf seinen Arm.

»Verzeihen Sie«, stammelte sie unter Tränen.

Ernst sah die schmale, fast kindliche Hand auf seinem Arm ruhen. Er schluckte. Wie lange schon hatte das keiner mehr getan!

»Ach, das ist belanglos, kommen Sie, ich muss Sie jetzt so rasch wie möglich von hier fortbringen!«

Zügig fuhr er den Wagen durch die Nacht. Marlinde schwieg. Sie hatte die Augen geschlossen, die Tränen quollen unter den langen Wimpern hervor. Kaum konnte sie atmen, alles tat ihr höllisch weh. Sicher hatte sie auch noch ein paar Rippen gebrochen. War nicht alles so unsinnig? Heiß und qualvoll stieg es in ihr hoch.

Der Mann an ihrer Seite sprach auch nicht. Er hatte seine Schuldigkeit getan. Jetzt wollte er sie sicher schnell loswerden, damit er nach Hause fahren konnte. Seine Frau würde auf ihn warten, seine Kinder und er würde geborgen sein und vielleicht einen Augenblick lang von ihr und dem Unfall erzählen. Dann würde alles vergessen sein. Aber sie fühlte sich so schwach, so erbärmlich.

»Wie heißen Sie eigentlich?«, erkundigte sich Ernst Krenn.

Marlindes Lider zitterten leicht. »Marlinde Weixler.«

Wieder langes Schweigen. Bald kamen die ersten Häuser in Sicht. Jetzt bemerkte Marlinde auch, dass er sie nach Hall brachte. Dort war das kleine Krankenhaus.

»Irgendwie kommt mir Ihr Name bekannt vor«, sagte er leise.

»Ich habe in Hoppichl eine kleine Pension«, meinte sie leise.

»Vielleicht daher. Da haben Sie eine so hübsche Aufgabe, leben in den Bergen und wollen einfach Ihr Leben fortwerfen, warum eigentlich?«

Als sie keine Antwort gab, murmelte er leise: »Verzeihen Sie mir, dass ich so neugierig bin, aber ich kann es einfach noch immer nicht glauben.«

Marlinde schwieg beharrlich. Nein, sie wollte nicht reden.

Dann hatten sie das Krankenhaus erreicht. Als Ernst Krenn vor dem Portal vorfuhr, kam gleich der Pförtner heraus. Und als er sah, dass es sich um einen Unfall handelte, wurde gleich eine Trage herbeigeschafft. Schwestern und ein Arzt bemühten sich um Marlinde.

Als man sie hochhob, stöhnte sie laut auf, dann fiel ihr Kopf zurück und sie wurde ohnmächtig. Man trug sie fort. Eine Schwingtür tat sich auf und dann war sie seinen Blicken entschwunden. Ernst stand da und sah ihr nach. Ein leeres Gefühl breitete sich plötzlich in ihm aus.

»Kommen Sie«, sagte ein junger Arzt. »Sie scheinen auch verletzt zu sein.«

»Ja«, antwortete der Lehrer gedankenlos und ging mit.

»Sind Sie mit der Verletzten verwandt oder bekannt?«

»Nein, ich habe sie nur zufällig gefunden.«

Man behandelte seine Hand. Es tat sehr weh und der Schweiß brach ihm wieder aus. Er zitterte leicht, aber kein Laut kam über seine Lippen. Endlich lag der weiße Verband um seine Hand, in der es dumpf pochte.

»Morgen wird es schon nicht mehr so weh tun. Ich werde Ihnen für die Nacht Tabletten mitgeben!«

»Danke!«

»Sie müssen noch zur Polizei und den Unfall melden. Oder sollen wir das machen, falls Sie sich zu schwach fühlen?«

Für einen Augenblick drehte sich das ganze Zimmer vor seinen Augen. Ich werde alt, dachte er.

Die Zähne fest zusammengepresst, stand er auf. »Nein, lassen Sie nur, ich werde es schon schaffen. Es ist nur dieser scheußliche Anblick, wissen Sie!«

»Ja, natürlich«, lächelte der junge Arzt. »Vor allen Dingen der Geruch. Viele Menschen vertragen die Krankenhausluft nicht.«

»Das wird es wohl sein.«

Ja, jetzt musste er wohl gehen. Irgendwo in dem Gebäude war dieses junge Mädchen ganz allein und würde bestimmt starke Schmerzen zu erdulden haben.

Ernst Krenn wandte sich zur Tür. Aber dann fiel ihm etwas ein und er drehte sich wieder um.

»Ja?«, fragte der Arzt.

»Es ist so – also, dieses junge Mädchen hat den Unfall mit Absicht herbeigeführt. Sie will aus dem Leben scheiden. Sie müssen darauf achten, dass Sie es nicht ein zweites Mal versucht!«

»Das ist sehr gut, dass Sie mir das sagen. So werden wir Vorkehrungen schaffen. Sie ist also mit Absicht auf die Schlucht zugefahren?«

»Ja!«

»Armes Ding«, murmelte der Arzt. »Was mag ihr widerfahren sein, dass sie mit dem Leben Schluss machen wollte?«

»Ich weiß es nicht.«

Dann stand Ernst Krenn wieder auf der Straße. Weiß schimmerte der Verband in der Dunkelheit. Als er in den Wagen stieg, kam ihm dieser seltsam leer vor. Vorhin hatte dieses Mädchen darin gesessen und mit ihm gesprochen. Und für einen Augenblick hatte er ihre Hand auf seinem Arm gespürt.

Er fuhr zur Polizei, berichtete, was sich zugetragen hatte und sagte zu, sich als Zeuge zur Verfügung zu halten.

Dann erst fuhr er nach Volders.

Mit dem Erbe seiner Frau hatten sie sich seinerzeit ein sehr hübsches Häuschen in Volders gebaut. Mit allem Komfort und sie brauchte wirklich nicht sehr viel zu arbeiten.

Blätter wirbelten durch die Luft, als er in die Garage fuhr. Alles war still. Müde stieg er aus seinem Wagen. Jetzt erst fühlte er, wie erschöpft er war.

Er ging ins Wohnzimmer, sein Sohn und seine Frau saßen vor dem Fernseher. In diesem Haus erinnerte nichts daran, dass sie in den Bergen lebten. Bette hatte modern leben und nichts mehr mit der Tradition zu schaffen haben wollen. Er hätte es viel lieber gemütlicher gehabt, wie man es von daheim doch gewöhnt war, die hübschen Bauernstuben, das dunkle Gebälk.

Bette hatte keine Freundinnen in Volders. Sie mochten die Frau nicht, den Lehrer schon. Aber die Frau hielt sich für etwas Besseres und trug die Nase ständig in den Wolken. Außerdem verstand das einfache Landvolk sie nicht. Wenn man ihnen sagte, sie stammte von einem großen Hof aus Absam, dann wollten es die meisten Leute einfach nicht glauben.

»Ja mei, wir haben gedacht, die ist eine Städtische.«

»Guten Abend«, sagte Ernst Krenn leise.

Bette wollte auch nicht, dass man sich so unterhielt, wie es die Dörfler taten, denn sie hoffte noch immer, dass man eines Tages nach Innsbruck oder Wien ziehen würde. Einmal musste doch auch mal ihr Mann versetzt werden.

»Guten Abend, Vater, du kommst aber sehr spät heute! Hast einen großen Ausflug gemacht?«

»Kommt er das denn nicht immer«, rief seine Frau. »Hier hat er doch nur noch seine Schlafstelle. Aber das bin ich ja schon gewöhnt. Die Kräuter im Gebirge sind ihm wichtiger.«

Leise antwortete er: »Verzeih, Bette, ich bin durch einen Unfall auf der Straße nach Volders aufgehalten worden!«

Sie hörte kaum hin.

»Gib dir keine Mühe, du hast ja ständig Ausreden parat, einmal ist es ein Schlagwetter und du hast Schutz suchen müssen, dann wieder ein kleiner Abrutscher. Mir kannst nix vormachen.«

»Mutter«, unterbrach Wolf sie.

»Lass nur«, sagte der Mann müde. »Lass doch, Wolf!«

Er kannte seine Frau. Wenn es ganz schlimm wurde, warf sie ihm sogar Untreue vor. Sie wollte ihn verletzen, daran schien sie Spaß zu haben. Und er? Manchmal wünschte er, dass er es wirklich getan hätte. Vielleicht hätte er dann den Mut gehabt zu gehen, für immer!

»Hast du schon gegessen?«

»Nein!«

»Es steht in der Küche, wenn du etwas haben willst, musst du dich schon selbst bedienen. Deine Magd bin ich nicht!«

»Das habe ich auch nie von dir verlangt, Bette, ich weiß doch, wie man dich daheim geplagt hat.«

Sie kniff nur die Lippen zusammen.

Er stand auf und ging hinaus.

Die Küche war peinlich sauber, so sauber, dass man Angst hatte, einen Fleck zu hinterlassen. Die ganze Wohnung blitzte nur so. Aber sie barg keine Gemütlichkeit. Alles war so streng und kalt.

Ernst Krenn setzte sich auf einen Hocker und blieb für eine Weile tatenlos sitzen. Hatte er wirklich Hunger? Oder war er nur mal wieder geflüchtet?

Plötzlich wurde die Tür geöffnet und Wolf kam herein.

»Du bist verletzt, Vater?«

»Ja, ich war bei einem Unfall!«

»Hast du sonst noch Schaden, am Auto meine ich?«

»Nein, vor mir fuhr ein Wagen direkt auf eine Schlucht zu. Zum Glück hielten die Leitplanken den Aufprall noch auf.«

»Scheußlich, deine Hand sieht ja ganz schön aus. Komm, lass mich dir helfen, ich schneide das Brot. Wie viele Schnitten?«

»Danke, Wolf!«

Der Sohn machte ihm ein paar Schnitten zurecht, da kam auch die Mutter herein.

Sie sah die beiden mit funkelnden Augen an. »Na, hockt ihr wieder zusammen?«, fragte sie spöttisch.

Wolf sah für einen Augenblick auf, schwieg jedoch. Er hatte es in den Jahren auch gelernt, dass man gegen sie nicht ankam. Doch als die Mutter die Küche wieder verlassen hatte, wandte er sich an den Mann.

»Warum ist Mutter so? Warum Vater? Du tust doch alles nur für sie. Was will sie noch?«

»Ich bin in ihren Augen halt ein Versager«, meinte er müde. »Sie hat mehr mit mir vorgehabt, leider habe ich sie enttäuscht. Ja, ich bin für sie eine Enttäuschung und darum muss man ihr vieles nachsehen.«

»Aber Vater, du doch nicht!«

»Ach Bub, du kennst das Leben nicht. Da hat man Sehnsüchte und Wünsche, weißt du, dann denkt man mitunter auch, das Leben ist so kurz und man ist nicht glücklich...« Er schwieg, denn er wollte sich nicht ins Herz schauen lassen.

Der Sohn setzte sich ihm gegenüber und legte die Arme auf den Tisch.

»Wenn ich mal heirate, dann will ich es gemütlich haben, verstehst du? Dann möchte ich abends nach Hause kommen, mich mit meiner Frau unterhalten und froh und heiter sein. Warum können wir das nicht? Warum ist Mutter so?«

Ernst dachte eine Weile nach, dann meinte er leise: »Sie ist anscheinend glücklich!«

Wolf sah ihn verblüfft an. »Du meinst, sie war immer so?«

»Du meinst, so beherrschend?«

Wolf trommelte leicht mit den Fingern auf der Tischplatte. »Ich an deiner Stelle wäre gegangen, wirklich. Warum bist du nicht gegangen? Du leidest doch auch darunter.«

»Man merkt, dass du jetzt viel in Innsbruck bist und studierst. Wir leben hier auf dem Land, da gelten halt noch immer die alten Gesetze, mein Sohn. Dann bin ich Lehrer und muss ein gutes Vorbild sein. Ja und wenn du mich so fragst, ich habe schon mal daran gedacht, ja, aber du warst da und du brauchtest uns beide, na ja, und dann habe ich gedacht, vielleicht, wenn sie einsieht, dass ich mich hier glücklich fühle, dann wird sie es begreifen. Sie ist doch auch in den Bergen groß geworden. Ich hab sie nie richtig verstanden, Wolf, nein, vielleicht bin ich ihr auch zu gering, weißt du. Daheim, da hat sie lange Zeit die Mutter vertreten müssen, bis der Bruder geheiratet hat. Sie hat viel arbeiten müssen und da hat sie halt das Herrschen gelernt. Jetzt kennt sie nichts anderes mehr und ich glaube, deine Mutter will gar kein anderes Leben haben.«

»Wenn ich bei meinen Freunden bin und deren Eltern sehe, sicher, da gibt es auch mal Unstimmigkeiten, aber sie sind doch größtenteils zufrieden, weißt du, obschon sie sich auch arg abplagen müssen. Einen Sohn studieren lassen, wenn man einen kleinen Hof hat, das kostet viel.

Weißt du, Vater, ich glaub ich wär gegangen, auch wenn ich ein Kind hätte, ich würd mich nicht so kaputt machen lassen.«

Ernst Krenn blickte auf und lächelte. Er legte seine Rechte auf Wolfs Hand.

»Ich danke dir«, sagte er bescheiden. »Jetzt bin ich alt und habe mich damit abgefunden. Hoffentlich hast du es eines Tages besser, ich wünsche es dir von Herzen.«

Wolf stand auf. »Kommst du gleich noch rüber?«

»Ich werde mich wohl hinlegen, ich bin sehr müde.«

Bette Krenn kam sehr spät ins Schlafzimmer. Er war jedoch noch wach. Die verletzte Hand ließ ihn nicht einschlafen. Auch gingen ihm Wolfs Worte durch den Kopf. Hatte er wirklich versagt?

Langsam wandte er sich um und sah seine Frau an. Bette war einmal sehr hübsch gewesen, aber nun hatte sie einen verkniffenen Mund und einen mürrischen Ausdruck. Wie oft hatte er sich schon gefragt, warum sie damals ausgerechnet ihn genommen hatte. Anwärter auf die reiche Bauerntochter gab es genug im Dorf. Sie hatte es ihm nie gesagt. Vielleicht lag da der Fehler. Vielleicht, wenn sie ihm alles gesagt hätte, damals, vor langer Zeit, wie sie angegeben hatte, so große Hoffnungen in ihn gesetzt, vielleicht hätte er sich dann gebeugt und getan, was sie von ihm verlangte. Aber er wusste es ja nicht und so fragte er auch heute: »Bette, wie muss ich eigentlich sein, um Gnade vor deinen Augen zu finden?«

Sie sah ihn kurz an. Nicht mal Rektor war er bis jetzt geworden. Immer noch Hauptlehrer. Nicht mal bis nach Hall hatte er es geschafft. Noch immer hockten sie in diesem kleinen Kaff. Da hätte sie ja gleich in Absam bleiben können.

»Du bist ein Waschlappen, du hast keinen Mut und keinen Mumm, du sagst nie etwas.«

Das kannte er, dass sie ihn so nannte, weil er zu allem schwieg und ihre Quälereien ertrug, weil er seine Ruhe haben wollte, nichts als Ruhe. Und als sie ihn immer mehr verletzte, hatte er sich eines Tages in sich selbst zurückgezogen.

Er starrte zur Decke.

»Warum können wir eigentlich nicht friedlich miteinander leben, Bette? Warum nicht? Lass es uns doch einmal versuchen!«

Wie oft hatte er das schon gesagt, ohne Erfolg.

»Ich tue meine Pflicht, ich tue alles. Ich wüsste nicht, was ich noch mehr tun sollte«, sagte sie kalt.

 

 

4

Die Sonne kroch über die Bergspitzen immer höher, aber es war trotzdem bitterkalt. Die Strahlen fielen schräg in das Zimmer, huschten über den Fußboden und das Bett, in dem Marlinde Weixler lag.

Ihr schmaler Kopf mit dem blonden Haar lag ruhig auf dem Kissen. Ihre Züge waren schmal und eingefallen. Ein dicker Verband lag um die Stirn. Jetzt öffneten sich die Augen. Verständnislos ruhte ihr Blick für einen Moment an der Zimmerdecke. Dann wanderte er weiter, aber noch immer lag kein Erkennen in ihm.

Die Tür öffnete sich und jemand betrat den Raum. Marlinde wandte mühsam den Kopf.

Ein Mann im weißen Kittel blieb am Fußende des Bettes stehen. »Grüß Gott, Fräulein Weixler!«

Ganz langsam dämmerte in Marlinde etwas und dann wusste sie alles wieder ganz genau: Sie lag hier im Krankenhaus nach einem missglückten Selbstmordversuch.

Marlinde wandte den Kopf zur Wand und weinte bitterlich. Heiß und salzig liefen die Tränen bis zu ihren Lippen. Sie lag völlig regungslos da und weinte. Es war zum Erbarmen.

Der Arzt ging langsam um das Bett herum, nahm behutsam ihre Hand und versuchte sie zu streicheln.

Marlinde zuckte zurück und verbarg sie unter der Bettdecke. Konnte man hier trösten? Musste sie nicht erst selbst damit fertig werden?

»Gehen Sie«, stammelte Marlinde mit rauer Stimme. »Gehen Sie doch endlich.«

Sie wollte mit ihrem Schmerz allein sein. Er wühlte in ihrem Herzen und riss die kaum vernarbte Wunde wieder auf. Fritz war ja für immer gegangen. Und sie lag hier, erschöpft an Leib und Seele.

»Gehen Sie«, bat sie noch einmal.

»Ich möchte Ihnen so gerne helfen, Fräulein Weixler!«

Für einen Augenblick wandte sie den Kopf, schüttelte ihn und seufzte nur.

»Wen müssen wir benachrichtigen, Fräulein Weixler? Man wird Sie doch vermissen!«

Sie starrte zur Zimmerdecke und dachte, in Hoppichl wird man es nicht so schnell merken, dass ich nicht mehr da bin, denn ich geh ja meistens in Volders einkaufen. Und Gäste erwarte ich vorläufig auch nicht. Nichtmal ein Hund vermisst mich, niemand.

»Niemand vermisst mich«, sagte sie rau.

»Eltern, Geschwister?«

»Nein!«

»Freunde, Nachbarn?«

Der Arzt kannte diese Sorte Menschen. Da dachte er wütend, es gibt Hunderte solcher einsamer Menschen, um die sich kein Hund kümmert, wenn’s ihnen dreckig geht. Jeder ist nur auf den eigenen Vorteil bedacht. Und das ist hier in der vermuteten heilen Bergwelt schon genauso wie in den Städten.

Und dieses junge Ding nun war einfach zerbrochen, etwas muss als auslösendes Moment fungiert haben, aber das wird sie mir nicht sagen, ich kenne das so gut. Lieber fressen sie es in sich hinein, zeigen es nicht, wollen niemandem gestehen, ich bin so einsam, so allein, so kommt doch zu mir, helft mir doch. Was konnte er da tun?

Leise verließ er das Zimmer. Auf dem Flur gab er der Schwester Anweisungen, auf die Patientin zu achten, dass sie keine Dummheiten machte.

Als Marlinde sich wieder allein wusste, kam die Erinnerung jäh und schmerzlich in ihr hoch: Das Auto, die Flammen und dann das Gesicht des Mannes, der sie gerettet hatte. Er hatte sich über sie gebeugt und sie hatte seine Augen gesehen. Es waren schöne braune Augen und sie hatten einen so guten treuen Blick.

 

 

5

Drei Tage waren inzwischen vergangen.

Ernst Krenn war am Nachmittag irgendwie ruhelos, in der Schule musste er sich konzentrieren, da konnte er für eine Weile alles vergessen. Die Kinder liebten ihn von Herzen, denn er hatte für alle Verständnis und nahm sich oft ihrer kleinen Kümmernisse an.

Bette war nicht da, so wanderte er eine Weile hin und her und konnte sich nicht auf die Korrektur der Hefte konzentrieren.

Schließlich entschloss er sich zu handeln. Seltsam, der Gedanke ließ ihn einfach nicht mehr los. Er musste dieses Mädchen besuchen. War es nicht auch Christenpflicht, sich nach ihr zu erkundigen? Ihre schmale Hand hatte wie bittend auf seinem Arm gelegen. Sie brauchte Hilfe, wirkliche Hilfe. Ohne Grund hatte sie nicht versucht, ihrem Leben ein Ende zu machen.

Das Wetter war noch immer kalt. Auf der Straße warf er einen Blick auf die Berge. Jetzt, in der klaren Luft, konnte er sogar den Heuberg sehen. Von Hall aus führte dort eine gute Straße hin, er war schon oft dort gewandert. Aber am liebsten mochte er noch die Tuxer Berge. Die Rote Wand, die Mohrenköpfe. Seine Schüler lachten immer, wenn er ihnen all die Namen nannte. Die Menschen, die den Bergspitzen damals Namen gegeben haben, mussten über viel Humor verfügt haben, dachte er. Da gab es den Signalkopf, das Morgenköpfli, das Überfallgründl. Er kannte sie alle, war ein begeisterter Bergwanderer.

Aber jetzt fuhr er mit dem Wagen nach Hall, unterwegs hielt er vor einem Blumenladen. Das hatte er auch schon seit einer Ewigkeit nicht mehr getan.

Endlich befand er sich im Krankenhaus. Das Herz klopfte ziemlich heftig, als er ihre Tür öffnete. Bis zu diesem Augenblick hatte er sich noch gar nicht ausgedacht, was er als Erklärung abgeben sollte.

Die kleine Lernschwester kündigte ihn an.

»Sie haben Besuch, Fräulein Weixler. Darf er hereinkommen?«

Marlindes Atem stockte. Besuch? Fritz! Hatte Fritz erfahren, dass sie hier lag? War er gekommen? Würde nun wieder alles gut werden?

Sie errötete.

»Ja«, sagte sie. »Führen Sie den Herrn herein!«

Und Ernst Krenn kam!

Er sah gleich die große Enttäuschung in ihren Augen.

»Sie haben wohl einen anderen erwartet, Fräulein Weixler? «

Sie wandte den Kopf und blickte aus dem Fenster. Ein dicker Kloß saß in ihrer Kehle.

»Wer sind Sie?«

»Ich heiße Ernst Krenn, vielleicht erinnern Sie sich noch an mich?«

Groß und stattlich, mit blondem Haar und gütigen braunen Augen, so stand er vor ihr. Er war ein schöner Mann.

Ein zaghaftes Lächeln hübschte über ihre Züge.

»Ich glaube, Sie sind mein Retter und ich müsste Ihnen demnach dankbar sein.«

»Nein, nein, darum bin ich nicht gekommen!«, wehrte er ab.

»Ich bin Ihnen auch nicht dankbar«, flüsterte sie und richtete sich ein wenig auf.

»Ich wollte sehen, wie es Ihnen geht!«

Er lächelte.

»Danke sehr!«

Eine Schwester brachte nun die Blumen in einer Vase und stellte sie auf den Tisch am Fenster.

»Sind die von Ihnen?«

»Ja!«

»Warum tun Sie das eigentlich? Ich bin Ihnen doch fremd!«

Marlindes Lippen zitterten leicht.

Ernst sah es. »Lassen Sie mir doch die kleine Freude«, bat er leise.

Marlinde schob die rechte Hand über die Bettdecke und drückte seine Hand. »Danke«, sagte sie gerührt. »Ich danke Ihnen, weil Sie gekommen sind, weil Sie Erbarmen mit mir haben. Es tut sehr weh, hier so allein liegen zu müssen und niemand denkt an einen.«

Er hielt ihre schmale Hand fest.

»Das habe ich nicht gewusst, sonst wäre ich schon früher gekommen. Ich dachte, ich würde vielleicht stören.«

Wie schön sie ist!, dachte Ernst Krenn. Ein bezauberndes Geschöpf. So leicht und schön wie ein bunter Schmetterling im Sommerwind. Das lange, blonde Haar, er hätte gern einmal darüber gestreichelt. Die großen blauen Augen.

Unverwandt sah auch Marlinde ihn an und beide vergaßen zu sprechen. Stumm blickten sie sich an. Plötzlich erröteten beide und wandten sich verlegen ab. Noch immer lagen ihre Hände ineinander.

Marlindes Blick streifte seine Hand. Und dann sah sie den Ehering. Im Herzen verwundet, abermals tief verwundet, wollte sie ihre Rechte zurückziehen.

Er aber hielt sie fest. Sie spürte seinen Druck und schämte sich.

»Entschuldigen Sie«, sagte sie leise. »Ich habe es nicht gewusst!«

»Nicht doch«, bat er sanft.

Seltsam, seitdem diese kleine Hand in der seinen ruhte, fühlte er sich sonderbar leicht und glücklich. So sorgenlos. Er hatte das Gefühl, sie würde ihn verstehen, ihn begreifen. So war sie es also gewesen, die ihn unruhig hatte werden lassen? Aber er kannte sie doch gar nicht!

»Wann werden Sie entlassen?«, fragte er nun.

»Ach, in ein paar Wochen, mir ist es gleichgültig!«

»Aber Ihre Pension? Wird man sie nicht vermissen?«

Die Tränen kullerten aus ihren Augen, ohne dass sie es verhindern konnte. Wie Regentropfen sahen sie aus.

»Ist das Leben nicht sinnlos?«, stammelte sie. »Warum soll ich das weiterführen, warum und wofür? Es gab einmal etwas in meinem Leben, ich habe geliebt, ich habe vertraut...« Sie brach ab und trocknete ihre Tränen. »Ach, weshalb erzähle ich das? Es wird Sie doch nur langweilen. Bitte, verzeihen Sie mir!«

»Sprechen Sie weiter, bitte, ich höre Ihnen so gerne zu. Sie sind also jetzt ganz allein, man hat Sie verlassen. Ach, das kenne ich, es ist grausam, man glaubt, in einem ist alles wie abgestorben, nicht wahr?«

»Sie kennen das auch? Aber Sie sind doch ein Mann!«

Er lächelte sie an. Er lächelte nicht nur mit dem Mund, sondern auch mit den Augen und das war das Hübscheste an ihm.

Marlindes Herz zitterte ganz leicht. Sie spürte, hier war ein Mensch, der auch litt, der auch einen großen Kummer hatte und doch weitermachte, nicht einfach die Flinte ins Korn warf.

Zu ihm hatte sie Vertrauen und plötzlich erzählte sie ihm alles. Alles von sich und Fritz. Er saß da und hörte ihr zu. Es kam ihm so vor, als würden sie sich schon eine Ewigkeit kennen. Zwei Menschen in dieser Bergwelt, die so schrecklich einsam waren, hatten zueinandergefunden.

Aus dem Nachmittag wurde langsam Abend. Die Dämmerung kroch in alle Ecken. Da stand Ernst auf und verabschiedete sich von dem jungen Mädchen.

Marlinde wollte fragen: Kommen Sie wieder? Aber dann sah sie wieder den Ring an seiner Hand. Nein, sie hatte nicht das Recht, so zu fragen. Er war ja auch nur aus Höflichkeit gekommen. Morgen schon, oder etwas später, würde er alles vergessen haben. Sie schluckte ein paarmal.

Ernst nahm seinen Hut auf, lächelte ihr noch einmal zu und dann war er verschwunden.

Lange sah Marlinde auf die Tür, durch die er hinausgegangen war.

Auch sein Herz klopfte unruhig. Marlinde Weixler hatte sich ihm anvertraut. Aber was konnte er für sie tun?

Der junge Arzt ging an ihm vorbei und blieb dann doch stehen. »Ah, Herr Krenn, wie geht es Ihrer Hand? «

Er lächelte verbindlich: »Danke, ich hoffe, dass ich sie bald wieder gebrauchen kann.«

»Kommen Sie mit in mein Zimmer, ich werde sie mir mal ansehen!«

»Aber, Herr Doktor, ich bin bei meinem Hausarzt in Behandlung. Sie brauchen sich wirklich nicht zu bemühen!«

»Das ist keine Mühe für mich. Kommen Sie, ich habe gerade ein wenig Zeit.«

Der Arzt wollte nämlich etwas ganz anderes mit ihm besprechen. Von der Schwester hatte er erfahren, dass Marlinde Weixler heute zum ersten Mal Besuch hatte. Und daraufhin sprach der Arzt den Mann an.

»Sie werden öfter kommen?«

Ernst Krenn sah überrascht auf.

»Wie meinen Sie das?«, fragte er ablehnend.

Der Arzt beschäftigte sich eine Weile stumm mit der Hand und legte einen neuen Verband an.

»Sehen Sie«, begann er leichthin, »wir Ärzte sind auf das Wohl unserer Patienten sehr bedacht. Fräulein Weixler macht mir großen Kummer. Wir können ihr Leben erhalten, ja! Aber wir können ihr keinen Lebenswillen geben. Den muss sie selbst verspüren, verlangen, verstehen Sie mich? Niemand besuchte sie bisher. Sie ist sehr einsam und da dachte ich – ich weiß nicht, wie Sie zu ihr stehen – werden Sie öfter kommen? Ich glaube, wenn sie nur weiß, dass es einen Menschen gibt, der an ihrem Geschick Anteil nimmt, wird sie das seelische Gleichgewicht wiedererlangen!«

Krenn starrte in den hellen Schein der Schreibtischlampe. Er hatte eine Frau und einen Sohn. Durfte er das überhaupt? Sicher, seine Ehe war schon seit Jahren zerbrochen. Sie bestand nur noch auf dem Papier, und doch!

Seltsam, sein Verstand sagte nein – und sein Herz ja!

Der Arzt ahnte, was in diesem Augenblick in dem Mann vorging.

»Ich selbst hätte es getan«, begann er leise. »Aber in mir sieht sie nur den Arzt, mehr nicht. Ich kann keinen Kontakt zu ihr finden. Und ich glaube, sie ist ein Mensch, der niemals irgendwelche Ansprüche stellen wird!«

»Ja, das glaube ich auch«, sagte der Mann mit weicher Stimme.

Er stand auf.

»In drei Tagen können Sie den Verband abnehmen, Herr Krenn, und dann ist Ihre Hand wieder in Ordnung!«

»Wie? Ach so, ja!« Ernst lächelte und öffnete die Tür.

»Sie werden also kommen? Um der guten Sache willen?«

»Ich weiß es nicht vielleicht«, sagte der Mann.

Dann ging er über den Flur und drehte sich nicht mehr um.

Lange stand der Arzt in seiner Tür und sah ihm nach. Dann zuckte er die Schultern.

 

 

6

Ernst Krenn kam nach Hause. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Zu allem bereit. Die Unterhaltung mit Marlinde Weixler hatte ihn weich gemacht. Er sah das Leben plötzlich mit anderen Augen. So schwer war sie geprüft worden und suchte jetzt wieder mühselig einen Weg zum neuen Leben. Wozu dieses junge Mädchen imstande war, musste er das nicht auch können?

Seine Ehe! Seine Frau und sein Sohn, mussten sie nicht endlich damit beginnen, ein neues Leben zu leben? Noch war nichts zu spät, noch lag alles in ihrem Ermessen.

Er schloss die Tür auf und suchte seine Frau. Heute wollte er noch einmal beginnen. Ganz von vorn.

»Bette, ich bin wieder da!«, rief er fröhlich.

Von dem herrischen Blick seiner Frau ließ er sich nicht abschrecken.

»Schön«, sagte sie kalt. »Na, dann können wir ja essen, wenn dein Sohn auch bald nach Hause kommt!«

»Bette!« Er hielt sie bei der Hand fest.

Unwillig drehte sie sich um.

»Was willst du?«

»Lass das Abendessen sein, Bette. Ich habe eine Idee. Weißt du was, wir beide machen uns jetzt hübsch und dann gehen wir zum Weißbacher wie Touristen hörst du, wir machen uns mal einen netten Abend. Heute ist die Zithergruppe aus Rinn beim Weißbacher. Sie soll sehr gut sein. Übt für die Wintersaison, bald wird es ja soweit wieder sein, dass die Fremden kommen und hier Skifahren.«

»Nein, ich bin zu müde«, sagte sie und wandte sich ab.

»Wenn ich dich aber sehr darum bitte, Bette? Komm, lass uns heute einmal wieder fröhlich sein. Las uns doch wieder so sein wie früher, damals, als der Junge noch nicht auf der Welt war! Ich möchte es mir so gern anhören, wirklich.«

Jetzt musste sie doch endlich etwas sagen. Sah sie denn nicht seine Bereitschaft.

»Am Sonntag könnten wir ja auch mal wieder deinen Bruder besuchen gehen.« Ernst sagte sich plötzlich, wir sind so selten auf dem elterlichen Hof. Vielleicht ist das auch ein Grund mit, dass sie so geworden ist. Vielleicht hat sie all die Jahre Heimweh gehabt. Es ist ja ein so schöner Hof und ich hätte viel dafür gegeben, wenn ich daheim hätte bleiben dürfen, aber da war der ältere Bruder, der ein Anrecht besaß. Das uralte Höferecht hatte noch immer seine Bestimmung. Deswegen waren über Jahrhunderte auch noch jetzt die Höfe erhalten geblieben. Weil man sie nicht geteilt hatte.

Ganz früher hatten die übrigen Söhne beim Bruder als Knecht arbeiten müssen, wer reich war, der ließ sie studieren, Pfarrer oder Anwalt, er hatte sein Studium fast selbst bezahlt, denn daheim hatte man nur einen kleinen Hof gehabt. So viel warf er nicht ab.

Sie sah ihn von oben bis unten an und meinte dann: »Bist du betrunken oder was ist mit dir? Warum spielst du auf einmal wieder den Hanswurst? Nein, ich geh nicht mit, ich mach mir nix aus Zithermusik und zum Weißbacher geh ich auch nicht, da sitzen die Dörfler herum und ich kann das nicht leiden, ich mag sie nicht und sie mögen mich nicht.«

Ernst blieb mit hängenden Schultern in der Küche stehen. Mit schmerzlicher Deutlichkeit erkannte er erst heute, nach so langen Jahren, dass seine Frau ihn nie geliebt hatte. Nie und nimmer! Oh, das tat sehr weh.

Auch jetzt begriff er noch immer nicht, warum sie ihn dann doch genommen hatte. Reichtümer hatte er nie besessen. Und sie fragen? Aber er hatte nie eine Antwort erhalten.

Ein Geräusch hinter ihm ließ ihn herumfahren. Wolf stand da und lachte ein wenig verlegen. Er hatte alles mit angehört und auch ihm tat das Herz weh.

Der Vater sah ihn eine Weile wortlos an.

»Na ja«, sagte er langsam und wollte in sein Arbeitszimmer gehen.

»Du, Vater!«

Er blieb stehen.

»Ja? «

»Du, also ich meine, viel habe ich ja nicht, aber ich hätte mal so richtig Lust, einen über den Hut zu machen. Gehst du mit zum Weißbacher? Da soll heute schlimm was los sein. Ich lade dich ein. Man kann doch auch mal mit seinem alten Herrn ausgehen!«

»Bub«, sagte der Vater leise und dann noch einmal: »Bub!«

»Komm schon, wir gehen sofort, zu essen kriegt man dort auch was.«

Er spürte, dass sein Sohn ihm auf diese Weise helfen wollte, über sein Herzeleid hinwegzukommen. Und er sagte nach kurzem Zögern zu. Nach allem, was er heute erlebt hatte, brauchte er einfach eine Abwechslung, brauchte er Vergessen.

Spät in der Nacht kamen sie beide heim. Die Mutter öffnete mit verkniffenem Mund und zeterte gleich los.

Der Mann ließ sie gewähren. Er hatte sich innerlich endgültig von ihr losgelöst. Und er fühlte sich frei, so frei wie ein Vogel.

 

 

7

Der erste Schnee war gefallen. Wie Zuckerguss sah er aus. Marlinde lag immer noch im Krankenhaus. Sie saß im Bett und sah aus dem Fenster. Von hier hatte sie einen bezaubernden Blick auf den Vorberg, den Heuberg und ganz in der Ferne schimmerte die Kaisersäule. Wenn ganz klare Sicht war, konnte man sogar die Innsbrucker Berge ausfindig machen.

Irgendwie fühlte sie sich ein wenig freier. Die Bergwelt hatte mal wieder Wunder gewirkt. Die klare stille Schönheit. Sie war immer da, verletzte nicht, gab Trost.

Zuerst hatte sie viele Nächte geweint und um das verlorene Glück, um die zertretene Liebe gejammert. Aber die Tränen hatten auch alle Bitternis fortgeschwemmt. Nun hatte sie wieder zu sich zurückgefunden.

Manchmal versuchte sie zu lesen. Aber wenn sie die Seiten umschlug, dann schob sich mitunter ein Gesicht dazwischen. Merkwürdig war das. Immer waren es braune Augen, die sie dann anblickten. An nichts konnte sie sich mehr erinnern, nur an seine Augen.

Dann lag sie da und träumte und dachte an die vielen guten Worte, die Ernst Krenn ihr gesagt hatte. Sie wusste, ihr Herz sagte es ihr, dass dieser Mann einen Kummer hatte, mit dem er allein fertigzuwerden versuchte. Und was er konnte, das musste sie doch auch können.

So vergingen die Tage. Sie reihten sich auf wie Perlen einer Kette. Nein, sie würde ihn nicht wiedersehen. Sie war wieder so allein wie früher. Aber wenn sie erst zu Hause war, dann hatte sie wieder ihre Arbeit. Denn bald würden die ersten Gäste eintreffen. Sie kannte sie schon vom Vorjahr her und es waren diesmal wirklich liebe nette Leutchen. So würde sie dann in dem Haus nicht so allein sein, sie würde wieder Leute um sich haben, eine Aufgabe. Irgendwie musste es einfach weitergehen.

Und dann eines Tages, als sie schon nicht mehr damit rechnete, öffnete sich die Tür.

Ein Lächeln huschte über Marlindes Züge.

Ernst Krenn war wieder da!

Er beugte sich über ihre Hand, drückte sie und ließ sie dann langsam wieder los.

»Ich störe hoffentlich nicht?«, fragte er und legte behutsam einen Strauß Nelken auf das Bett.

Nelken um diese Zeit! Man hatte ihr noch nie Blumen geschenkt, selbst Fritz nicht. In den Bergen war man nicht so zartbesaitet wie in der Stadt. Da war man halt direkter und vor allen Dingen gab man nie Geld für unnütze Sachen aus. Blumen, gekaufte Blumen, waren ein unerhörter Luxus und so etwas tat man einfach nicht.

»Nein, nein«, sagte sie stammelnd und errötete dabei sogar noch wie ein kleines Schulmädchen.

»Haben Sie denn überhaupt Zeit?« Die Blumen verwirrten sie maßlos.

»Wäre ich sonst hier?«, gab er leise zurück.

Da war der Bann gebrochen und sie lachten sich an.

Dann ging wieder die Tür auf und der Arzt kam herein. Doktor Berger stutzte, doch dann erkannte er den Besucher. Stumm reichten sich die Männer die Hände. Und im Herzen leistete er diesem Mann abbitte.

»Wie Sie sehen, ist meine Hand wieder gesund«, sagte Ernst Krenn, um überhaupt etwas zu sagen.

»Ja, ich sehe es!«

Und dann waren sie wieder allein.

Marlinde wusste nicht, was sie von diesem Menschen denken sollte. Sie wusste nur: Er ist verheiratet. Sie wollte auch gar nicht über alles nachdenken. Nicht jetzt, später einmal, sie war zu froh und glücklich, dass es doch einen Menschen gab, der Anteil an ihrem Schicksal nahm.

Es wurden unterhaltsame, heitere Stunden.

Ernst freute sich immer auf die Zeit, wenn er Marlinde besuchen durfte. Er kam jetzt fast täglich, etwas zwang ihn einfach dazu.

In ihr hatte er einen Menschen gefunden, mit dem er über alles reden konnte, der ihn verstand, und ihm nicht das Gefühl gab, ausgelacht zu werden.

»Nächste Woche werde ich endlich entlassen. Ich habe lange genug gefaulenzt. Jetzt will ich so schnell wie möglich arbeiten!«

Er blickte sie stumm an.

»Mein Haus, du meine Güte, wie das jetzt wohl aussieht. Und bald kommen die ersten Gäste, ich habe Ihnen doch von Sonnenhang erzählt?«

»Ja!«

»Ich freue mich, ja, ich glaube, ich freue mich jetzt wirklich, wieder heimzugehen. Schade, dass es jetzt Winter ist, denn sonst hätte ich einen langen Bergspaziergang gemacht. Das befreit immer so.«

»Lieben Sie die Berge auch so?«

Sie nickte ihm zu.

»Ich auch«, meinte er inbrünstig. »Meine Kollegen lachen mich immer aus, ein Dörfler, so nennen sie mich noch immer, denn, ich komme doch von Patsch und das ist wirklich ein sehr kleines Dörflein am Fuß des Tarzner Berges, wenn Sie wissen, wo das ist?«

»Aber ja, ich kenn sogar den Patscherkofel!«

»Dort war ich früher immer, aber jetzt...« Er schwieg und sie blickten sich zum ersten Male lange stumm an.

Der Mann dachte wehmütig, wenn sie wieder ganz gesund ist, dann hab ich keinen Grund mehr, sie zu besuchen. Jetzt ist sie wirklich über ihren Schmerz hinweg. Aber ich? Was wird aus mir? Ich hab mich so an sie gewöhnt und an die vielen Gespräche. Sie ist wirklich ein sehr interessanter Mensch.

Warum bin ich auf einmal so traurig?

 

 

8

Marlinde war wieder zu Hause. Zuerst stand sie ein wenig befremdet vor dem Sonnenhang, wie sie ja die Pension selbst getauft hatte. Für einen Augenblick hatte sie Angst, die Tür aufzuschließen. Würde sie nicht wieder alles an die Vergangenheit erinnern?

Aber dann lächelte sie über ihre eigene Verschrecktheit. Der große, allumfassende Schmerz war überwunden. Nein, sie würde keine Dummheiten mehr machen. Sie war jung und gesund und sie wollte jetzt wieder das Leben mit beiden Händen anpacken. Mit der Vergangenheit hatte sie endgültig Schluss gemacht.

Da stand sie nun auf dem Hausberg und sah ins Dorf hinunter. Die Kirchturmspitze grüßte zu ihr herauf und sie dachte ohne bitteren Groll, so werd ich mal als alte Jungfer sterben und da unten neben den Eltern zur Ruhe gelegt werden. Aber bis es soweit ist, da werd ich mir doch noch ein schönes Leben machen.

Als sie dann durch die Zimmertür ging, nahm sie zuerst das Bild von Fritz und stopfte es in den Kachelofen. Überall lag dicker Staub. Sie zog sich um, riss alle Fenster auf, um die abgestandene Luft zu vertreiben und machte sich gleich an die Arbeit. Bald bullerte überall in den Räumen ein lustiges Feuer in den Öfen und langsam zog wieder die Gemütlichkeit in das alte Haus am Sonnenhang.

In der Scheune stand ein kleines Auto: Das hatte sie sich in Hall gekauft. Ernst Krenn war ihr dabei noch behilflich gewesen. Ohne Auto konnte man hier in der Einsamkeit schlecht leben. Bis zum Dorf war es ein langer Marsch. Als sie noch zur Schule gegangen war, hatte sie den Weg täglich zu Fuß zurücklegen müssen. Eine Stunde ins Tal und zurück noch etwas länger. Besonders im Winter war das oft sehr beschwerlich gewesen.

Als sie achtzehn Jahre wurde, hatte sie gleich den Führerschein gemacht und die Eltern hatten ihr einen gebrauchten Kleinwagen gekauft. So hatten sie es auch etwas leichter gehabt, bis Marlinde dann nach Innsbruck gegangen war, da hatte sie den Wagen mitgenommen. Ja, und nun lag er auf dem Schrottplatz...

 

 

9

Das Weihnachtsfest war vorüber. Die ersten Wintergäste hatten sie auch wieder verlassen. Sie hatte Ernst Krenn nicht mehr wiedergetroffen. Eines Sonntagnachmittags fuhr sie mit ihrem Wagen nach Hall, um die Enten am Inn zu füttern.

Die Enten und Schwäne schwammen in Ufernähe und zankten sich um jeden Brocken, der ins Wasser geworfen wurde. Auch Marlinde hatte eine Tüte voll Brotstückchen mitgebracht.

Als sie den Inn erreicht hatte, beugte sie sich vor und streute kleine Brocken auf die Eisfläche. Sie lachte, als die Tiere sich so stürmisch darüber hermachten.

Neben ihr stand ein Mann, der das Gleiche tat. Doch sie sah nur die Tiere, die eifrig näher kamen.

»Nun habe ich nichts mehr«, sagte sie bekümmert. »Morgen komme ich wieder!«

Es war, als würden die Tiere ihre Worte verstehen.

»Da, geht zu dem Herrn, er hat noch was für euch!« Sie schaute auf und sah hinüber.

»Oh«, sagte sie überrascht. »Ich habe Sie gar nicht erkannt! Stehen Sie schon lange hier? «

Ernst Krenn schüttelte nun auch seine Tüte aus und kam näher.

»Sind Sie es denn wirklich, Fräulein Weixler?«

»Ja!«

»Ich habe Sie erst wiedererkannt, als Sie zu sprechen anfingen!«

»Sehe ich denn so verändert aus?« gab sie lachend zurück.

»Bisher habe ich Sie ja nur immer im Krankenhaus gesehen!«

»Sind Sie sehr enttäuscht?«, fragte sie schnell.

Ernst sah sie an. Eine leise Freude stieg in ihm hoch. »Nein, nein!«, sagte er lächelnd. »Aber Sie sehen so blass und schmal aus! Essen Sie eigentlich genug?«

Sie lachte hellauf.

»Lachen Sie nur, ich kenne das. Frauen, die nur für sich zu sorgen haben, denken selten ans Essen!«

»Sie haben sogar recht«, gab sie zu.

Was war auf einmal mit ihr los? Marlinde war plötzlich glücklich und heiter gestimmt. War ihr nicht ein freudiger Schreck durch die Glieder gefahren, als sie ihn erkannt hatte? Sie reichte ihm gerade bis zur Schulter.

»Sind Sie oft hier?«, fragte er.

Mit etwas bedrückter Stimme antwortete sie: »Irgendwie muss man doch die einsamen Sonntage herumkriegen. «

Sie wanderten beide die menschenleeren Wege entlang. Die Bäume standen wie erstarrt da und streckten ihre blattlosen Äste gen Himmel. Die Sonne lugte einen Augenblick durch die Wolkendecke, zog sich aber dann schnell wieder zurück.

Jetzt standen sie wieder auf der Straße.

»Hoffentlich habe ich Sie nicht aufgehalten«, meinte Marlinde besorgt.

»Nein, nein, ich habe heute meinen freien Tag, da schlendere ich ziellos herum, wissen Sie!«

Nein, sie wusste es nicht. Warum blieb er nicht zu Hause? Warum begleitete seine Frau ihn nicht? Doch das waren Fragen, die sie nicht stellen durfte.

»Und Sie?«

»Bei mir ist es dasselbe, ich muss über etwas nachdenken!«

»Fein, darf ich Sie dann zu einer Tasse Kaffee einladen? Hier gleich um die Ecke in die Salzburger Straße!«

Sie zögerte sekundenlang. Aber warum sollte sie nicht mit ihm gehen?

»Schön!«, sagte sie und lächelte zu ihm auf.

Bald saßen sie im Warmen. Marlinde trug ein hübsches, dunkles Winterdirndl. Die blonden Haare hatte sie aufgesteckt. Ihre blassen Wangen hatten von der Winterluft ein wenig Farbe bekommen.

Sie saßen sich gegenüber und plauderten miteinander wie zwei alte Bekannte.

Ernst lächelte. Wenn er mit Marlinde zusammen war, dann verging die Zeit für ihn immer viel zu schnell.

»Aber jetzt darf ich Sie wirklich nicht mehr länger aufhalten«, sagte Marlinde besorgt. »Gleich ist es ja schon Mittag!«

Der Mann schwieg und dachte einen Augenblick an sein Zuhause. Bette würde böse sein, wenn er nicht pünktlich kam. Resigniert erhob er sich und half Marlinde in die Lodenjacke. Sie dankte mit einem Lächeln.

Er brachte sie zum Wagen.

Marlinde war plötzlich einsilbig geworden. Sie wusste nicht mehr, was sie sagen sollte, denn sie spürte den geheimen Kummer des Mannes.

»Hier steht er«, sagte sie leise und blieb vor ihrem Wagen stehen.

Ernst schrak aus seinen Gedanken empor. Er blieb stehen und sah sie lange an. Dann nahm er den Hut ab und verabschiedete sich.

Er sehnte sich danach, Marlinde zu fragen, ob sie sich wiedersehen würden. Doch er wagte es nicht. Er hielt ihre Hand und sah sie einen Augenblick lang stumm an.

»Auf Wiedersehen, Marlinde!«, murmelte er leise. In Gedanken hatte er sie schon immer so genannt.

Marlinde errötete. »Auf Wiedersehen!«

Und dann fuhr sie los.

Ernst blieb noch eine Weile stehen und sah gedankenverloren dem kleinen Wagen nach.

 

 

10

Ernst Krenn hatte geglaubt, sich von allem loslösen zu können. Er hatte gedacht, Bette könne ihn nicht mehr verletzen, er sei jetzt dagegen immun. Aber so war es nicht. Tief saßen die Pfeile, die sie abschoss und sie schmerzten. Das Leben wurde für ihn unerträglich. Was bezweckte Bette damit? Vergeblich bemühte er sich, das herauszufinden.

Bette wusste es jedoch selbst nicht; sie war beinahe des Lebens überdrüssig. Es gab nichts, um das sie sich hätte sorgen müssen, alles lief wie am Schnürchen. Damals hatte sie das Kind gehabt, das umhegt und versorgt werden musste. Jetzt war Wolf groß und ging seine eigenen Wege. Bette fühlte sich überflüssig. Da sie ihren Ärger an jemandem auslassen musste, tat sie es bei ihrem Mann.

Kam Ernst von der Schule heim, fiel sie stets über ihn her. Bislang waren es nur die üblichen Nörgeleien gewesen, aber sie wurden immer schlimmer. Nichts machte er Bette recht. Er schwieg und zog sich in sein Arbeitszimmer zurück. Aber das war auf die Dauer keine Lösung. Er spürte langsam, wie ihn die Kräfte verließen. Er war müde, sehr müde! Sah sie das denn nicht?

Manchmal versuchte er, sich mit ihr auszusprechen, aber sie wollte ihn nicht verstehen.

»Ich kann es nicht mehr ertragen«, stöhnte er leise vor sich hin. »Ich kann nicht mehr!«.

Aber er blieb, weil er immer noch hoffte, sie würde sich eines Tages ändern, wenn sie feststellte, dass er trotz allem zu ihr hielt.

Bette stand in der Tür und sah ihn abweisend an.

Kalt und nüchtern war das Wohnzimmer, kein Stäubchen lag auf den Möbeln und er musste sich sehr vorsehen.

Wolf war vor einem halben Jahr nach Wien gezogen, um dort die Universität zu besuchen. Bisher war der Sohn für Ernst Krenn die Freude am Abend gewesen. Aber nun war es noch leerer, noch einsamer zu Hause. Was hätten sie für eine schöne Zeit miteinander verbringen können, er und Bette.

Zwei Wochen nach seiner zufälligen Begegnung mit Marlinde Weixler war es soweit. Wieder zankte Bette ohne ernsthaften Grund. Da hielt es ihn nicht mehr zu Hause. Er nahm Hut und Mantel und lief weg.

Ohne zu denken, fuhr er los. Kein Mensch war zu dieser Zeit auf der Straße zu sehen. Auf einmal konnte er Marlinde verstehen. Jetzt und in dieser Stunde. Jetzt hatte er keinen Lebenswillen mehr. Alles war ihm gleichgültig. Nur Ruhe und Frieden wünschte er. Hatte Marlinde das damals nicht auch gesagt?

Plötzlich befand er sich in Hoppichl. Dunkel lagen die Wege vor ihm. Ein sanfter Regen setzte ein. Mechanisch griff er zum Scheibenwischer-Schalter.

Wenn man nur den Mut hätte, dachte er. Dazu gehört Mut, mit dem Leben einfach Schluss zu machen. Was hatte er denn noch zu erwarten? Er fühlte sich müde und verbraucht. Der Sohn ging nun auch seine eigenen Wege. Niemand würde ihn vermissen. Niemand!

Und dann war er plötzlich vor Haus Sonnenhang, in dem Marlinde wohnte. Ihm kam es gar nicht zum Bewusstsein.

Er stieg aus.

Schwarz ragten die Berge hinter ihm auf. Nur ein kleines Licht leuchtete in dem Haus. Marlinde war also noch wach. Aber er besaß nicht den Mut, zu ihr zu gehen. Er stand nur einfach da. Vielleicht werde ich mich irgendwo in eine Schlucht stürzen, dachte der Mann voller Verzweiflung. Aber er rührte sich nicht vom Fleck.

 

 

11

Marlinde hatte den ganzen Abend über den Wirtschaftsbüchern gehockt. Jetzt war sie müde und wollte ins Bett gehen. Sie stand auf und wollte die Vorhänge zuziehen. Da sah sie den Mann vor dem Haus stehen. Irgendwie wusste sie, dass es nur Ernst Krenn sein konnte.

Ihr Atem stockte. Aber, das konnte doch nicht möglich sein! Jetzt, so spät und bei diesem Wetter?

Da hielt sie nichts mehr zurück. Sie zog ihren Regenmantel über, schlüpfte in feste Schuhe und verließ eilig das Haus. Als sie die Flurbeleuchtung anmachte und die Haustür öffnete, fiel das Licht voll auf ihn. Langsam hob er den Kopf.

Marlinde lief auf ihn zu.

»Herr Krenn«, sagte sie leise. »Geht es Ihnen nicht gut?«

Der Mann schien aus seiner Erstarrung zu erwachen. Er erkannte, wer vor ihm stand und versuchte ein kleines Lächeln.

»Ich gehe gleich wieder«, sagte er.

»Aber Sie sehen ja ganz erbärmlich aus! Warum stehen Sie hier im Regen? Sie werden sich noch den Tod holen! Kommen Sie!«

»Den suche ich ja«, sagte er müde.

Aber Marlinde hatte seine Worte nicht gehört. Sie hakte ihn einfach unter und zog ihn mit sich.

»Kommen Sie zu mir und wärmen Sie sich erst mal auf! Sie sind ja ganz nass!«

Willenlos folgte er ihr ins Haus.

Licht und Wärme empfingen ihn. Das tat gut. Ernst wurde nun hellwach und sah sich um. Er stand in einer kleinen Diele. Sie war gemütlich und irgendwie lustig eingerichtet.

Marlinde zog ihm den nassen Mantel aus und hing ihn über den Stuhl nahe beim Kamin.

Ihn an den Händen haltend, zog sie ihn mit in die gute Stube.

Er sah sich verblüfft um. Gab es so etwas Gemütliches überhaupt? Farbenfrohe Kissen, hübsche Bilder und die Stehlampe verbreitete einen anheimelnden warmen Schein.

Marlinde führte ihn zum Kachelofen. Er musste sich in den tiefen Ohrensessel setzen. Sie legte seine Beine auf einen Hocker und deckte ihn mit einer flauschigen Decke zu.

»Danke«, flüsterte er. Tränen standen in seinen Augen.

»Wissen Sie was«, rief sie fröhlich, »ich werde jetzt erst einmal einen starken Grog machen, der wird Sie wieder warm und munter werden lassen. Ruhen Sie sich ein wenig aus. Ich bin gleich wieder da!«

Und damit verschwand sie in der kleinen Küche, wo sie geräuschvoll hantierte.

Ernst Krenn lehnte sich im Sessel zurück und schloss die Augen. Diese Wärme, diese Güte, ganz seltsam war ihm plötzlich zumute. Er öffnete die Augen und blickte auf ihren Schreibtisch. Ein Berg Schriften und Papier türmte sich darauf, einige Blätter und Bücher waren heruntergefallen und lagen auf dem Boden. Diese Unordnung! Mein Gott, wie liebte er das, nach einem Leben in Bettes beinahe sterilem Haus.

Und dann stand Marlinde neben ihm, mit zwei dampfenden Groggläsern auf einem Tablett. Sie reichte ihm ein Glas, stellte das Tablett ab und ließ sich dann auf einen Sessel nieder. Sie kreuzte die Beine, nahm ihr Glas und versuchte, behutsam an dem heißen Getränk zu nippen.

Er starrte sie an.

Sie trug ein einfaches Hausdirndl. Lang und weich fiel ihr Haar bis auf den Rücken. Gab es wirklich einen Mann, der diese zauberhafte Frau hatte verlassen können? Er konnte es nicht begreifen. Für ihn war Marlinde der Inbegriff aller Zärtlichkeit und Schönheit.

»Trinken Sie. Sie müssen es trinken, solange es heiß ist, dann hilft es am besten!«

Gehorsam leerte er das Glas bis zur Hälfte, stellte es auf den Boden, um es schuldbewusst wieder an sich zu nehmen. Zu Hause war es verboten.

Marlinde lachte nur.

Er lachte sie an. »Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte er.

»Sie brauchen mir nicht zu danken, denn jetzt sind wir quitt. Damals waren Sie es, der mich vor einer Dummheit bewahrt hat und heute sah es ganz so aus, als hätten auch Sie etwas Dummes geplant. Stimmt’s?«

Er nickte.

Mit keiner Frage belästigte Marlinde ihn. Schnell wechselte sie das Thema und plauderte von anderen Dingen. Er war ihr so unendlich dankbar.

Die altväterliche Standuhr in der Ecke tickte unaufhaltsam. Die Zeit verrann und Mitternacht war längst vorüber.

»Ich muss nun gehen!«, sagte er leise.

Marlinde schüttelte den Kopf. »Bei diesem Wetter würde ich nicht mal einen Hund vor die Tür schicken«, gab sie fröhlich zurück.

Ernst strich sich über das Haar. Er wollte sagen: Ich muss nach Hause! Aber war er denn nicht von dort geflüchtet? Er ließ sich in den weichen Sessel zurückfallen.

»Ich kann das nicht annehmen, ich mache Ihnen viel zu viele Umstände, Marlinde!« Er war bei dem Vornamen geblieben. Klang er nicht wie Musik?

Marlinde sagte: »Ich habe ja Gästezimmer genug. Also sind es für mich keine Umstände.«

Bei sich dachte sie, er ist jetzt da angelangt, wo ich vor ein paar Monaten war. Ich darf ihn jetzt einfach nicht gehen lassen. Damals war er mein Retter. Jetzt muss ich es sein.

Er gab sich geschlagen. Die Müdigkeit saß tief in ihm. Endlich einmal ausruhen.

»Wie kann ich das jemals gutmachen, Marlinde?«

»Indem Sie sich ordentlich ausschlafen. Gute Nacht, Ernst!« Dann war sie in ihrer Schlafkammer verschwunden.

 

 

12

Ernst erwachte und konnte sich zuerst nicht besinnen, wo er sich überhaupt befand. Befremdet sah er sich in dem großen Zimmer um.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet und eine Gestalt huschte herein. Die Vorhänge wurden zurückgezogen und draußen kam die Dämmerung eines hellen Februarmorgens über die Berge.

Marlinde drehte sich zu ihm um und lächelte, als sie sah, dass er wach war. Kaffeeduft strömte durch die geöffnete Tür herein und machte ihn vollends munter. Und als er dieses bezaubernde Mädchen vor sich im milden Lampenlicht stehen sah, wusste er auf einmal, dass er sie liebte. Die ganze Zeit hatte er sie geliebt, es aber jetzt erst klar erkannt. Und diese plötzliche Gewissheit war quälend für ihn.

Wer war er denn? Wie konnte er sich überhaupt erdreisten, sie zu lieben? War er nicht gebunden? Und war er nicht schon alt und verbraucht? Erschöpft schloss er für einen Moment die Augen. Sein Herz schlug wild und heftig in der Brust.

»Ich weiß nicht, wann Sie zur Schule gehen müssen, darum habe ich Sie so früh geweckt«, sagte Marlinde leise.

»Danke!« Er lächelte, doch es fiel ihm unsagbar schwer.

Dann ging Marlinde wieder in die Küche hinunter und bereitete das Frühstück. Während Ernst sich im Badezimmer aufhielt, deckte sie den Tisch in der Küche. Gebratener Speck mit Spiegeleiern, Honig und Aufschnitt, alles war vorhanden.

Ernst blieb in der Tür stehen und nahm dieses anmutige Bild in sich auf.

Sie sah ihm lächelnd entgegen.

»Leider habe ich keinen Rasierapparat!«

Er kam auf sie zu, streckte ihr seine Rechte entgegen.

»Wie kann ich Ihnen danken, Marlinde! Was denken Sie überhaupt von mir? Ich komme mir so erbärmlich vor. Ich breche hier ein und nun haben Sie auch noch Arbeit mit mir!«

»Ich habe Sie ja in mein Haus geholt, das dürfen Sie nicht vergessen. Und dass Sie jetzt noch mit mir frühstücken, das ist eben der Finderlohn. Sonst sitze ich immer allein hier!«

Für einen Augenblick lag ihre kleine Hand in der seinen, dann schenkte sie den Kaffee ein.

Seine Augen sagten danke! Aber auch die schönste Zeit geht vorüber und er musste an den Aufbruch denken.

Sein Mantel war längst trocken, die Straßen auch.

Stumm standen sich die beiden Menschen gegenüber. Keiner wusste, was er zum Abschied sagen sollte.

Marlinde empfand Trauer in ihrem Herzen. Aber sie schwieg.

Ernst beugte sich über ihre Hand und küsste sie andächtig, mehr durfte er ja nicht tun. Wenn es ihm auch danach verlangte, sie in seine Arme zu nehmen und nie mehr loszulassen. Ein Gedanke stieg in ihm hoch, wurde jäh zum Wunsch. Und dann sprach er es schüchtern und leise aus:

»Darf ich wiederkommen?«

Ein Lächeln tanzte in ihren Augen. »Ich bitte Sie darum, denn nicht immer sehe ich aus dem Fenster!«

Dann ging er! Lange lauschte Marlinde dem Klang seiner Schritte nach.

Drei Stunden später schellte ein Bote an ihrer Tür. Sie öffnete, ein Riesenstrauß lachsfarbener Rosen wurde ihr entgegengehalten. Eine Karte war beigefügt und auf ihr standen nur zwei Worte: »Danke, Ernst!«

Als Marlinde die Blumen in die Vase stellte, zitterte ihre Hand und in ihren Augen glänzten Tränen.

 

 

13

»Darf man stören?«

Marlinde öffnete die Tür ganz weit. »So kommen Sie doch herein. Sie wissen doch, dass Sie nicht stören!«

Ernst Krenn betrat langsam den Raum und wandte sich nach dem Mädchen um. »Hier ist es so friedlich und schön«, sagte er leise. »Ich konnte einfach nicht widerstehen.«

Marlinde lächelte. Zum ersten Mal sprach er von seinem Zuhause. Er hatte sich wieder so grenzenlos einsam und verlassen gefühlt. Und sein Herz zog ihn mit Macht zu diesem Ort.

»Kommen Sie, nehmen Sie Platz, im Sitzen plaudert es sich doch viel besser!«

»Ja!«

Konnte ein Mann wirklich so schüchtern sein? Ernst hatte Angst, die unbewusste Angst, wieder verlacht und verhöhnt zu werden. Sein Herz war und blieb verwundet. Zaghaft schritt er über die Schwelle.

Sie saßen wieder vor dem Kachelofen, es war später Nachmittag. Gleich von der Schule war er zu ihr gegangen.

Marlinde stand auf. »Ich habe noch nicht Kaffee getrunken. Sie leisten mir doch Gesellschaft?«

Er lächelte schüchtern. »Wenn es Ihnen nicht zu viele Umstände bereitet! «

»Nein, nein, aber kommen Sie, Sie können den Tisch decken, während ich den Kaffee zubereite!«

Alles war so gut und harmonisch bei Marlinde. Schnell lief sie durch die Stuben und er folgte ihr.

Bald saßen sie wieder in der gemütlichen Essnische und plauderten.

Warum kann es zu Hause nicht so sein?, dachte er immer wieder.

Dies war der Anfang. Ernst Krenn kam nun sehr oft. Immer, wenn er Zeit fand, suchte er Marlinde auf und war für eine Weile glücklich. Bei ihr fühlte er sich froh und heiter. Ja, er liebte sie so sehr, dass er für sie alles geopfert hätte. Sein Leben, alles! Aber er gestand ihr seine Liebe nicht. Er war ja schon so glücklich, wenn er nur in ihrer Nähe weilen durfte. Sicher würde sie erschrecken und ihn von sich weisen, wenn sie seine Gedanken jemals erfahren würde.

Sein Innerstes war aufgewühlt und er sehnte sich danach, das geliebte Mädchen zu besitzen, in seinen Armen halten zu dürfen, ihm sein Herz auszuschütten. Wusste Marlinde eigentlich, wie viel Kraft er dazu brauchte, hier so ruhig und still zu sitzen?

Und Marlinde? Was war mit dem Mädchen, das einst zutiefst verwundet, wieder zu sich selbst gefunden hatte? Was empfand Marlinde, was dachte sie?

Marlinde wollte nicht über alles nachdenken, nicht jetzt. Nein, sie wollte es nicht. Und wenn quälende Gedanken in ihr hochstiegen, unterdrückte sie sie mit Gewalt und hatte wieder Ruhe.

Ich will nicht!, sagte sie sich immer wieder. Nein, das bittere Ende tut dann wieder so weh. Ich bin ja schon dankbar, dass er kommt und ab und zu meine lähmende Einsamkeit durchbricht.

Marlinde spürte sehr wohl, dass man im Ort schon bemerkt hatte, dass sie von einem Mann Besuch bekam, den man hier nicht kannte. Ja, man hatte sie natürlich auch schon an der Kirche angesprochen. Für einen Augenblick war sie blass und rot geworden. Sie kannte ja die Moral der Dörfler. Lieber Himmel, dachte sie bestürzt, wenn die wissen, dass er verheiratet ist! Mein Gott, ich weiß doch selbst nicht, was werden soll. Nur, ich bin doch so einsam und wir unterhalten uns doch nur. Ich hab doch sonst keinen Menschen, dem ich mich anvertrauen kann. Es ist doch keine Schande, ich nehm der anderen doch nix fort. Nein, ich will ihn nur hin und wieder sehen, mehr doch nicht.

»Hast dir also einen neuen Schatz gesucht?«, fragte die Brunnersche mit spitzer Zunge. »Aber arg alt ist er für dich, meinst nicht auch? Landwirtschaft hast ja nicht mehr, da kann es ja angehen. Aber Marlinde, wo hast den denn her?«

Wie peinlich und quälend war für sie dieses Fragen und sie wand sich wie ein Wurm, aber tapfer hielt sie den Blicken der Dörfler stand. Nein, dachte sie brüsk, nein, ich hab mir wirklich nix zuschulden kommen lassen. Sie sollen mich in Frieden lassen.

»Ich kenn ihn halt und er hilft mir bei den Steuern und so weiter«, sagte sie hastig.

Man glaubte es ihr nur zum Teil. Aber weil sie so schweigsam war, das kleine Häuschen auch so weit entfernt vom Dorf lag, konnte man es nicht so schnell beweisen. Aber im Dorf munkelte man jetzt doch über die Marlinde. Sie spürte es sehr wohl und zitterte vor Angst, der Mann möge etwas davon erfahren. Es würde zu schrecklich für sie sein.

Was der Mann dachte, das wusste sie natürlich nicht.

Marlinde sonderte sich noch mehr vom Dorf ab.

Zwei Menschen, beide unendlich einsam, hatten sich gefunden und doch fanden sie nicht den Mut, sich dazu zu bekennen.

Bette erkannte natürlich mit der Zeit, dass ihr Mann anders geworden war, ruhiger und noch stiller. Es ärgerte sie maßlos. Wo war er gewesen, wenn er so spät nach Hause kam? Sie wollte es wissen, fragte ihn aus, beschimpfte ihn. Aber er schwieg und sah sie nur traurig an.

Sie spürte, dass er ihr entglitt, aber es war ihr gleichgültig. Er würde gewiss wiederkommen, war er doch die ganzen Jahre wiedergekommen. Eigentlich wünschte sie, er würde fortbleiben. Seitdem der Junge nicht mehr zu Hause wohnte, war es sehr still geworden. Die Ehe selbst bedeutete ihr schon lange nichts mehr. Ernst sollte gehen, ja, aber nicht zu einer anderen, das würde sie niemals dulden. Nein, eine andere durfte ihn auch nicht bekommen. Das würde ihr Stolz nicht zulassen. Und darum setzte sie ihm immer mehr zu. Je mehr sie ihm sagte, dass er ein Nichts war, desto eher würde er es glauben.

Der Lehrer Platter war plötzlich erkrankt, so musste Krenn viele Stunden mit übernehmen. Die Arbeit häufte sich und er war so gewissenhaft und rieb sich buchstäblich dabei auf. Aber niemand bemerkte es.

Sein Sohn war während der Semesterferien für einige Wochen nach Hause gekommen.

»Du musst dich schonen, Vater«, sagte Wolf. Er war erschrocken, als er ihn wiedersah. So blass und schmal sah er aus.

»Ja, ja, später, jetzt habe ich keine Zeit!«

»Du siehst erbärmlich aus, Vater!«

Ernst strich sich über das Haar und sah in den Spiegel. Natürlich hatte der Junge recht, aber er durfte jetzt nicht an sich denken. Im Augenblick lag eine große Verantwortung auf seinen Schultern. Manchmal dachte er an Marlinde. Wie lange war er nicht bei ihr gewesen! Er biss die Zähne fest aufeinander.

Später, dachte er auch diesmal.

 

 

14

Der Winter war vorüber und selbst hier oben war endlich der Frühling ausgebrochen. Mit jedem Tag wurde es wärmer und so konnte sie sich auch in dem kleinen Hausgarten zu schaffen machen. Oft blickte sie zu den Bergen hinauf und dachte, ich möchte mal wieder eine lange, lange Wanderung unternehmen.

Seit einiger Zeit war Ernst nicht mehr gekommen. Sie fühlte einen Schmerz in der Brust, aber sie hatten sich nie etwas versprochen. Und sie wollte und durfte sich nicht eingestehen, dass sie ihn vermisste. Man würde es ihr nie verzeihen, wenn man erst einmal erfuhr, dass der Mann verheiratet war. Scheidung gab es nicht in den Bergen. Hier blieb man zusammen, wenn man auch langsam daran zerbrach. So war nun mal das Leben und man musste sich fügen.

Eingezwängt in uralte Sitten musste man leben.

Marlinde wusste jetzt, dass sie nicht heiraten würde. Kein Mann aus Hoppichl hatte sich je um sie bemüht. Sie war ja so arm wie eine Kirchenmaus. Manchmal lächelte sie ein wenig bitter. Dann liefen die Gedanken wieder zurück. Sie ballte die Hände und starrte mit tränenblinden Augen hinunter ins Dorf und auf die großen Höfe, wo die Bauern glaubten, alles ginge nur nach ihrem Willen.

Um der Einsamkeit zu entgehen, hatte sie sich viele Bücher gekauft und die las sie immer abends. Oft darauf hoffend, dass Ernst noch zu einem Plauderstündchen kommen würde. Auch heute lauschte sie wieder nach draußen. Er war schon oft gekommen, wenn es schon dunkel war.

Aber es war schon einundzwanzig Uhr. Nein, jetzt würde er nicht mehr kommen!

Seltsam, seit Ernst nicht mehr kam, war sie traurig geworden. Was war geschehen, dass er nicht mehr zu ihr fand? War sie aufdringlich gewesen? Hatte sie ihn vielleicht mit Worten verletzt? Keine Nachricht, nichts war zu ihr gedrungen. Das tat weh.

Na ja, dachte sie resigniert, es ist eben aus. So ist nun mal das Leben. Ein Hauch vom Glück vom Wind verweht.

Dann hörte sie einen Wagen. Sie zuckte zusammen. Schnell lief sie zur Tür. Voller Erwartung machte sie diese auf.

Im Rahmen stand Ernst. Er sah erbärmlich aus. »Darf ich?«, murmelte er erschöpft und taumelte in das Zimmer.

Marlinde sah ihn entsetzt an.

»Um Gottes willen, sind Sie krank? Oh, Ernst, so kommen Sie doch!«

Der Mann ging an ihr vorbei, ließ sich in den Sessel fallen, vergrub sein Gesicht in den Händen und stöhnte leicht auf.

»Das tut gut«, murmelte er heiser.

Marlinde blieb neben ihm stehen.

Flehend sah er zu ihr auf. »Nicht böse sein, ich gehe ja gleich wieder. Ich fühlte mich so elend, wirklich. Es kam ganz plötzlich. Ich saß im Wagen, sah schwarze Ringe vor den Augen. Dann wurde ich von einem Schwindel erfasst. Ich war hier in der Nähe und da dachte ich...« Erschöpft hielt er inne.

Marlinde kniete an seiner Seite nieder.

»Aber Sie brauchen sich doch nicht zu entschuldigen«, sagte sie behutsam.

»Nein, bei Ihnen nicht«, antwortete er weich. »Ich habe Durst!«, murmelte er vor sich hin.

»Ich werde Ihnen etwas holen.«

Marlinde stand auf.

»Ich habe schon lange auf Sie gewartet«, gestand sie leise.

Er lächelte sie an, wollte sagen, jetzt geht es mir ja schon wieder gut. Aber er schwieg.

»Mein Gott, was bin ich doch für eine schlechte Gastgeberin. Da stehe ich hier und unterhalte mich mit Ihnen und Sie kommen um vor Durst!«

Marlinde lief in die Küche.

Ernst wollte ihr folgen und stand auf. Er machte ein paar Schritte ins Zimmer. Dann wurde ihm schwindelig und er fiel ohnmächtig zu Boden.

Marlinde hörte in der Küche den dumpfen Aufprall und rannte ins Zimmer zurück.

»Ernst!« rief sie, als sie ihn nicht gleich erblickte. Und dann sah sie ihn auf dem Boden liegen.

»Mein Gott«, stammelte sie und fiel vor ihm auf die Knie. Behutsam nahm sie seinen Kopf und bettete ihn in ihren Schoß. Sachte strich sie über sein Haar.

Aber er rührte sich nicht. Er war zu groß und zu schwer, als dass sie ihn allein hätte auf das Sofa schaffen können.

Er braucht Hilfe, dachte sie verzweifelt. Wie hilflos er dalag! Tränen stürzten aus ihren Augen. Vorsichtig fühlte sie seinen Puls, er war sehr schwach. Da fühlte sie tiefes Erschrecken in sich hochsteigen. Nein, dachte sie, nein, das darf nicht sein, er darf mir nicht sterben, nein!

Rasch sprang sie auf und lief zum Telefon, um den Arzt aus Volders anzurufen. Dr. Ausperger war ein gütiger alter Herr, er würde helfen.

Lange ging der Summton durch den Draht, ohne dass sich jemand meldete. Marlindes Angst und Ungeduld wurden immer größer.

Endlich, endlich meldete sich eine verschlafene Stimme.

»Oh, Herr Doktor, bitte, lieber Herr Doktor Ausperger, Sie müssen gleich zu mir kommen. Ja, hier spricht Marlinde Weixler.«

»Was ist denn los? Sie sind ja so aufgeregt.«

»Ein Bekannter von mir ist gerade ohnmächtig geworden. Er liegt auf dem Boden und wacht nicht auf. Leben? Ja, er lebt, aber sein Herz, es geht so schwach.«

»Ich komme!«

»Danke«, flüsterte sie unter Tränen. Aber das hörte der Arzt schon nicht mehr.

Marlinde ließ den Hörer auf die Gabel zurückfallen und ging zu Ernst zurück. Er stöhnte leise, war aber nicht bei Bewusstsein. Die Zeit verrann, der große Zeiger kroch immer weiter und alles blieb still, so beängstigend still.

Würde der Arzt rechtzeitig kommen? Immer und immer wieder strichen ihre Hände ganz sachte über das Haar des Bewusstlosen. Und in diesem Augenblick erkannte Marlinde, dass sie diesen gütigen, stillen Menschen von ganzem Herzen liebte. Anders als Fritz damals, ganz anders.

Endlich hörte sie unten ein Auto vorfahren. Und kurze Zeit später war der Arzt da. Er kannte Marlinde schon von ihrer Kindheit an.

Gleich wusste er, was zu tun war. Er kniete neben dem Mann nieder und gab ihm zuerst einmal eine herzstärkende Spritze. Dann warteten sie angstvoll.

Als Ernst Krenns Herz endlich ruhiger und gleichmäßiger schlug, atmeten sie beide auf.

Marlinde sah den Arzt aus ängstlichen Augen an. »Was ist mit ihm?«

Doktor Ausperger erhob sich und räusperte sich. »Nun, das ist keine Kleinigkeit. Vor allen Dingen darf man damit nicht spaßen. Er ist mit seinen Kräften und Nerven völlig am Ende. Sein Herz hat versagt. Es muss ihn außerdem etwas bedrücken. Dieser Zusammenbruch hat verschiedene Gründe.«

Marlinde strich Ernst behutsam über das Haar. »Aber er wird doch wieder gesund, nicht wahr?«

»Wir werden unser Möglichstes tun, Marlinde. Ich werde jeden Tag wiederkommen und nachsehen. Sie müssen jetzt darauf achten, dass er sich ruhig verhält und sich nicht aufregt. Aufregung ist Gift für ihn, Sie müssen sie von ihm fernhalten, hören Sie!«

»Ja«, sagte sie leise und sah auf das geliebte Gesicht. »Ja, ich will es tun, was Sie mir sagen!«

»Gut, dann wollen wir jetzt mal sehen, dass wir ihn betten.«

Marlinde stand auf. »Ich werde das untere Gästezimmer herrichten.«

Rasch und geschäftig lief sie hin und her und holte Bettzeug, Laken und Bezüge heran. Endlich war es soweit und mit vereinten Kräften hoben sie den Kranken behutsam hoch und legten ihn auf das Bett.

»Sind Sie sehr gut mit ihm bekannt?«, fragte der Doktor über die Schulter hinweg, während er ihn entkleidete.

Marlinde stand hinter ihm und biss sich auf die Lippen. In ihrer Hand hielt sie einen Schlafanzug von ihrem Vater. Diesen zog nun der Arzt dem Patienten an.

Was sollte sie sagen?

»Er kann doch bei Ihnen bleiben, Marlinde?«, fragte der Arzt besorgt. »Ein Transport in seinem jetzigen Zustand ist nämlich gefährlich.«

»Natürlich bleibt er hier. Er ist ja zu mir gekommen, weil er am Ende seiner Kraft war.«

»Schön, hier sind ein paar Tabletten. Sollte er unruhig werden und über Schmerzen in der Herzgegend klagen, geben Sie ihm zwei davon. Wird es schlimmer, rufen Sie mich an, ich komme dann sofort!«

Marlinde nickte.

»Kopf hoch, Marlinde, es wird wohl nicht so schlimm werden. In zwei Wochen wird er alles überstanden haben.«

»Danke, Herr Doktor, Sie sind sehr lieb zu mir!«

»Ich tue nur meine Pflicht!«

Dann verließ er sie.

Marlinde ging an das Krankenlager zurück. Lange saß sie auf einem Stuhl an seinem Bett und wachte über ihn. Erst gegen Morgen wurde er wach und öffnete die Augen.

»Wo bin ich?«, fragte er schwach.

Marlinde beugte sich über ihn. »Hier bei mir!«

»Sind Sie es, Marlinde?«

»Ja!«

»Das ist gut«, sagte er lächelnd und schloss wieder die Augen.

 

 

15

Ernst lag auf dem Rücken, mit geschlossenen Augen, aber seine Lider zitterten ganz sacht. Marlinde spürte, dass er wach war. Warum sah er sie nicht an? Jetzt öffneten sich die Augen, die Hand auf der Bettdecke verkrampfte sich unmerklich.

Sie lächelte und reichte ihm die Tasse mit der heißen Suppe.

»Sie müssen etwas essen, Ernst!«, sagte sie bittend!

Langsam richtete er sich auf und sah sich im Raum um, so als könne er immer noch nicht verstehen, dass er wirklich hier weilte. Behutsam nahm er die Tasse aus der Hand und stellte sie auf den kleinen Tisch neben seinem Bett.

»Wie lange bin ich eigentlich schon hier, Marlinde?«

»Nun, gut drei Tage!«

»Drei Tage war ich also krank, so krank, dass ich nichts von allem spürte.« Müde strich er sich über die Augen. »Ich muss jetzt aufstehen!«

»Nein!« Marlinde sprang auf und stand wie ein Feldherr vor ihm. »Sie dürfen es nicht, der Arzt hat es verboten. Und ich werde mich danach richten!«

»Aber Marlinde, Sie müssen mich doch verstehen. Ich kann nicht länger bei Ihnen bleiben. Ich bin Ihnen doch nur eine Last. Bitte!«

In ihren Augen schimmerte es feucht. Ja, sie liebte ihn, sie liebte ihn, wie sie noch nie geliebt hatte.

»Bitte«, sagte sie leise. »Das dürfen Sie nicht denken, Sie sind mir wirklich keine Last, ich tue es gern!« Sie schluckte. »Es sei denn, Sie fühlen sich bei mir nicht wohl, dann kann ich Sie leider nicht dazu zwingen, hierzubleiben!«

Ernst sah sie an und Marlinde schaute bis auf den Grund seiner Seele. Seine Augen verrieten die unausgesprochene Qual seines Herzens, seine Sehnsucht und sein übergroßes Verlangen nach Ruhe, Frieden und Liebe!

Sie setzte sich wieder. Er nahm ihre Hand und hielt sie ganz fest. »Wie kann ich Ihnen das nur je danken, Marlinde?«

»Bitte«, flehte sie inständig.»Bitte!«

»Ja«, sagte er resigniert und gab ihre Hand frei. Er hatte Marlinde verstanden. Sie tat nur ihre Christenpflicht, alles andere wurde nicht angenommen. Das tat weh. Es war ein unbeschreibliches Gefühl.

»Ernst, Sie müssen mir Ihre Adresse geben. Ich muss endlich eine Nachricht an Ihre Frau schicken. Sie wird sich bestimmt schon um Sie geängstigt haben.«

Bette, dachte er. Sie hatte er ganz vergessen. Mein Gott, Bette! Seine Augen waren unergründlich, als er Marlinde ansah.

»Das kann ich Ihnen nicht auch noch aufhalsen!«

»Ich werde zu Ihrer Frau fahren und ihr alles erklären!« Marlinde wusste die ganze Zeit, dass sie das tun musste, wenn sie sich auch sehr erbärmlich dabei vorkam.

Ernst richtete sich langsam auf. »Nein«, sagte er beschwörend. »Nein, das dürfen Sie nicht tun. Sie kennen meine Frau nicht. Mein Gott, Marlinde, verstehen Sie denn nicht, sie wird denken, sie wird...« Er brach ab, weil er es nicht aussprechen wollte.

»Ich weiß«, sagte sie resigniert. »Natürlich wird sie das denken. Aber es ist nicht so und ich werde es ihr erklären. Durch mich soll Ihre Ehe nicht gefährdet werden, verstehen Sie?«

»Marlinde, Sie dürfen es nicht. Ich wünsche es nicht, es ist so erbärmlich, Sie können mir das glauben!« Er legte sich in die Kissen zurück und ein unsagbar trauriger Zug lag jetzt auf seinem Gesicht.

»Sie sind krank, Sie müssen noch eine Weile bei mir bleiben. Ob Sie wollen oder nicht. Ich muss es Ihrer Frau sagen. Haben Sie keine Angst, ich werde schon die rechten Worte dazu finden.«

Er nickte gequält und sah aus dem Fenster.

»Ich werde ihr auch sagen, dass sie kommen soll, sicher will sie zu Ihnen!«

»Nein!« Es war wie ein Schrei und Marlinde schrak zurück. »Das möchte ich nicht. Gut, gehen Sie zu ihr. Aber bitte lassen Sie sie nicht hier herein, bitte!«

»Ernst«, Marlinde legte ihre Hand auf die heiße Stirn, »regen Sie sich nicht so auf. Der Arzt hat es verboten und ich muss dafür sorgen, dass Sie es nicht tun!«

»Versprechen Sie es mir«, flehte er sie an.

Marlinde nickte. »Gut, wenn Sie es unbedingt wollen! Aber wird dadurch nicht alles verschlimmert?«

»Lassen Sie mich gehen«, sagte er langsam. »Und Sie werden da nicht hineingezogen.«

Marlinde stand entschlossen auf. »Sie werden jetzt ganz brav sein. So lange ich fort bin, werden Sie schlafen. Nachher kommt Doktor Ausperger. Er hat den Schlüssel zu dem Haus.«

Ernst verfolgte sie mit seinen Augen. Als sie zum Ausgehen angezogen war, kam sie noch einmal zu ihm. Er griff nach ihrer Hand.

»Marlinde!« Er wollte ihr etwas sagen. »Sie ...«, brach er aber ab. Er hatte sie vor Bette warnen wollen. Aber er brachte es nicht über die Lippen.

»Marlinde!« Doch sie war schon lange fort.

 

 

16

Als Marlinde ihren Wagen verließ, hatte sie doch ein ungutes Gefühl. Zu Hause hatte es so einfach ausgesehen. Aber jetzt, da sie mit weichen Knien vor Ernst Krenns Haus stand und gleich mit dessen Frau reden musste, war ihr doch beklommen zumute.

Zögernd ging sie weiter. Sie schluckte, als sie das hübsche Haus sah. Wie würde seine Frau sein? Warum wehrte er sich dagegen, dass sie kam?

Sie drückte auf die Klingel und wartete. Nach einer Ewigkeit, so schien es ihr, und dabei war noch nicht mal eine Minute vergangen, wurde die Tür geöffnet.

Ein großer, schlanker junger Mann stand vor ihr. Und sie sah gleich die Ähnlichkeit. Dass Ernst Krenn einen Sohn hatte, wusste sie gar nicht. Wie wenig sie von ihm wusste, wurde ihr jetzt klar. Sie räusperte sich und sagte:

»Ich möchte bitte Frau Krenn sprechen!«

»Meine Mutter? Bitte kommen Sie doch herein!«

Wolf öffnete ihr weit die Tür und sah sie unverwandt an. Wer war diese junge, schöne Frau? Es kam sehr selten vor, dass Fremde bei ihnen schellten. Höchstens seine Freunde, damit hatte es sich auch schon.

Marlinde lächelte schüchtern, als er ihr den Mantel abnahm. Sie hatte die blonde Haarflut zu einem Knoten zusammengesteckt. Kindlich und schön wirkte sie in ihrer schlichten Aufmachung. Ein schlichtes, grünes Wollkleid betonte ihre schlanke Figur.

Warum fröstelte sie auf einmal so? Es war doch gar nicht kalt im Haus.

Marlinde sah sich verstohlen in der Diele um. Sie dachte an ihr eigenes Haus. Dort war es gemütlich und einladend. Hier jedoch wirkte alles streng, kalt und herzlos. Hier also lebte Ernst!

»Kommen Sie, meine Mutter ist im Wohnzimmer!« Wolf hatte eine angenehme Stimme.

»Danke«, sagte sie und folgte ihm.

Und dann sah sie seine Frau. Dass sie einmal schön gewesen war, sah man auf den ersten Blick. Warum verzog sie den Mund so verächtlich? Warum dieser kalte Blick? War es das, was Ernst ihr noch hatte sagen wollen?

Mein Gott, in was für eine Situation sie doch geraten war! Wie würde seine Frau es aufnehmen?

»Mama, eine Frau möchte dich sprechen. Ich weiß nicht, was sie will!«

»Kommen Sie doch näher«, sagte Bette kühl und musterte Marlinde eingehend.

Wolf blieb an der Tür gelehnt stehen.

Marlinde sah sich um und lächelte schüchtern.

»Ja«, sagte sie langsam. »Ich glaube, ich muss mich wohl erst einmal vorstellen. Sie werden mich kaum kennen, mein Name ist Marlinde Weixler!«

Bette kniff die Augen zusammen. Was wollte diese Frau?

»Was kann ich für Sie tun, Fräulein Weixler?«

Marlinde sah einen kurzen Moment auf ihre Hände nieder und hob dann entschlossen den Kopf.

»Frau Krenn, ich komme, um Ihnen mitzuteilen, wo sich ihr Mann im Augenblick befindet!«

»Ernst?«, rief Bette laut.

»Ja.«

»Und wo ist er? Er ist seit drei Tagen schon nicht mehr nach Hause gekommen. Sind Sie Lehrerin?«

»Nein, Frau Krenn.«

»Nicht! Aber wer sind Sie dann? Wo ist mein Mann?«

»Er ist bei mir!«

Bette schnappte nach Luft. »Was?«, schrie sie.

Marlinde zuckte zusammen. »Bitte, lassen Sie mich Ihnen alles erklären, Frau Krenn. Was Sie denken, ist es wirklich nicht!«

Wolf sah Marlinde unverwandt an. Mein Vater!, dachte er. Mein Vater! Und seltsam, plötzlich stieg ein Lächeln in ihm hoch. Er krampfte die Hände hinter seinem Rücken zusammen. Und dann erst sah er seine Mutter an.

Bette war aufgesprungen und beugte sich über Marlinde. »Und Sie wagen es, dieses Haus zu betreten? Mein Haus? Was bilden Sie sich ein? Scheren Sie sich zum Teufel, hören Sie?«

»Frau Krenn, ich verstehe Ihre Aufregung sehr gut, aber hören Sie mir bitte zu«, flehte Marlinde.

»Nein, nein. Ich bin eine ehrbare Frau. Ich stehle anderen nicht den Ehemann. Machen Sie, dass Sie fortkommen! Sie haben mir meinen Mann entfremdet. Ich liebe ihn und Sie haben eine glückliche Ehe zerstört! Oh, mein Gott, wodurch habe ich das verdient!«

Bette rang die Hände. Sie war wirklich verzweifelt in diesem Augenblick. Aber nicht, weil sie glaubte, Ernst hätte sie betrogen, sondern weil sie die ganze Zeit angenommen hatte, er könne so etwas nicht tun, weil er eben ein Waschlappen war. Und jetzt hatte er es doch getan! Sie hasste ihn, sie hasste diese Frau. Sie hatte großes Mitleid mit sich selbst.

Marlinde war aufgestanden und wandte sich an den Sohn. »Ihr Vater ist krank«, sagte sie ruhig.

»Krank?«, rief der Mann angstvoll. »Aber was hat er denn?«

»Er ist zusammengebrochen, sein Herz!« Tränen füllten Marlindes blaue Augen.

Wolf sah es und schluckte.

»Ich kenne Ihren Vater kaum«, sagte sie leise. »Ich hatte vor einiger Zeit einen Unfall und dadurch lernten wir uns kennen. Ihr Vater war nur zufällig in Hoppichl und weil es ihm nicht gut ging, wollte er sich einen Augenblick bei mir ausruhen. Sie müssen mir glauben, wirklich!«

Und Wolf glaubte ihr. Es war seltsam, aber wenn er ihre Augen sah, dann wusste er, dass sie die Wahrheit sprach.

Bette hörte erst jetzt richtig zu. »Krank, sagen Sie, und warum kommt er nicht zu mir? Gehört er nicht in die Obhut seiner Familie?«

»Der Arzt hat es verboten. Sobald Ihr Mann wieder bei Kräften ist, wird er kommen, Frau Krenn. Sie müssen mir das glauben. Es tut mir aufrichtig leid, ich kann Sie gut verstehen, aber wir sind nur gute Freunde, weiter nichts!«

Aber Bette wollte es einfach nicht glauben. Es war viel schöner, sich zu bemitleiden und einen Sündenbock zu haben.

»Ich werde gleich mitkommen, um zu sehen, ob das auch stimmt«, sagte sie hart. »Wer weiß, ob Sie ihn überhaupt richtig pflegen.«

Marlinde biss auf ihre Lippen. »Er – er wünscht es nicht.«

»Wie?«, fragte Bette ungläubig, als traue sie ihren Ohren nicht. »Er will nicht, dass ich komme?«

»Nein!«

»Also doch, Sie sind also doch sein Liebchen!«

»Nein, und ich sage es noch einmal. Der Arzt hat Ihrem Mann jede Aufregung verboten, und Ihr Mann bat mich, Ihnen zu sagen, Sie möchten nicht kommen!«

Bette schnappte nach Luft. »Das könnte Ihnen so passen, was? Ich liebe meinen Mann und lasse ihn nicht in ihren Fängen, hören Sie! Ich gehe gleich mit und werde ihn holen. Hierher gehört er. Zu mir und zu meinem Sohn und nicht zu Ihnen.«

Marlinde kam sich mit einem Mal klein und erbärmlich vor. Musste sie wirklich diese Schmähungen über sich ergehen lassen? Durfte sie das dulden? Sie schloss für einen Moment die Augen. Oh, Ernst!, dachte sie qualvoll. Und allmählich erkannte sie die Ursache, die ihn in die Einsamkeit getrieben hatte. Damals in der Regennacht und auch vor drei Tagen war er zu ihr gekommen und nicht nach Hause gegangen. Er wollte Ruhe und Frieden! Nur das! Und sie hatte einen Augenblick lang geglaubt, er liebe sie!

Wolf stand noch immer wie benommen an der Tür. Der Vater war krank, sagte sie. Er hatte es immer geahnt, dass es soweit kommen würde. Und nun konnte der Vater nicht nach Hause kommen.

»Mutter«, sagte Wolf.

Bette sah auf.

»Wir müssen Fräulein Weixler sehr dankbar sein, dass sie Vater bei sich aufgenommen hat. Und sie hat doch gesagt, dass sie nur Freunde sind. Du musst ihr glauben, denn ich glaube ihr!«

Ihr eigener Sohn stellte sich gegen sie! Nun verlor Bette die Beherrschung und begann zu schimpfen.

Marlinde wich zurück und starrte sie an.

»Kommen Sie«, sagte Wolf ruhig und führte Marlinde in die Diele. Er half ihr in den Mantel und brachte sie zur Tür. Bette schimpfte immer noch und kam ihnen nach.

»Gehen Sie, gehen Sie schnell«, sagte Wolf leise.

»Ja, aber«, flüsterte Marlinde und war schon im Vorgarten.

»Ich werde kommen«, sagte er noch.

Sie gab ihm ihre Adresse, dann war er im Haus verschwunden. Jetzt erst spürte Marlinde, dass sie weinte. Warum weinte sie?

Ich darf es ihm nicht zeigen, dachte sie immer wieder. Er wird sich nur aufregen und das wäre schlimm für ihn. Sie saß zusammengesunken hinter dem Steuer und wischte sich die Tränen fort. Dann fuhr sie los. Der Weg kam ihr auf einmal so kurz vor.

Ehe sie sich versah, war sie schon wieder im Dorf.

Was soll ich ihm nur sagen? Immer wieder fragte sie sich dasselbe und fand doch keine Antwort.

Als Marlinde in die Kammer kam, war das Bett leer. Sie ließ sich auf einen Stuhl fallen und starrte es an. Nein, dachte sie, das kann er mir doch nicht antun.

Plötzlich wurde die Tür geöffnet. Als Marlinde den Kopf hob, erblickte sie Ernst. Sie sprang auf.

»Ich war im Badezimmer«, sagte er kläglich. »Ich habe aufzustehen versucht, um mich anzuziehen. Aber es war nicht möglich!«

Sie half ihm in das Bett und deckte ihn zu.

Er schaute zu ihr auf. »Sie waren dort?«

»Ja!«

Bitte, sprich nicht weiter, bettelten ihre Augen ihn an.

Er nahm ihre Hand und hielt sie fest. »Marlinde, ich hätte es nicht zulassen dürfen.«

»Lassen Sie doch«, flehte sie. »Ich werde uns jetzt erstmal etwas zu essen machen!«

»Ja«, sagte er leise. »Man wird demütig mit der Zeit, das müssen Sie mir glauben!«

Marlinde flüchtete in die Küche. Hier fühlte sie sich geborgen. Warum war Ernst so resigniert? Er hatte es doch selbst gesagt! Sie schluchzte auf. Nein, sie würde sich nicht dazwischenstellen, nie! Ihr Herz würde darüber verbluten, aber sie hatte seiner Frau ja gesagt, dass sie nur Freunde seien.

Oh, Ernst! Immer wieder versuchte Marlinde die vielen Tränen zu unterdrücken. Als es ihr endlich gelang, ging sie ins Zimmer zurück. Es war schon dunkel. Sie zog die Vorhänge zu und schaltete die Stehlampe ein. Seit Ernst bei ihr weilte, hatte sie nicht mehr viel im Haus getan. Es war ihr alles so gleichgültig geworden.

Dann hörte sie ein Auto. Sie stellte das Tablett ab. Zögernd ging sie hinaus, um zu öffnen. Sie hatte ein kleines Lächeln in den Augen, als sie zurückkam.

»Ihr Sohn ist gekommen!«

»Wolf?« Ernst richtete sich auf und sah sprachlos zur Tür.

»Darf ich, Vater?«

»Wolf!«

Die beiden reichten sich die Hände und sahen sich eine Weile stumm an. »Weiß Mutter, dass du hier bist?«

»Nein, ich bin vorhin aus dem Haus gegangen und habe ihr gesagt, ich wollte zu einem Freund!«

»Dann will ich noch ein Gedeck holen«, sagte Marlinde.

Wolf wandte sich ihr zu. »Bitte, machen Sie sich keine Mühe, ich gehe gleich wieder.«

»Wir wollten sowieso gerade eine Kleinigkeit essen«, erwiderte sie leise.

Als sie allein waren, sagte Ernst: »Sobald ich mich besser fühle, komme ich nach Hause!«

Wolf sah sich im Zimmer um. »Glaubst du, dass Mutter das je verzeihen wird?«

Ernst schwieg und sah zur Decke.

Marlinde kam zurück und es wurde eine sehr nette Plauderstunde. Die drei verstanden sich prächtig miteinander. Wolf fand Marlinde wundervoll. Er bedauerte, dass sie älter war als er.

 

 

17

Ernst und Marlinde saßen sich gegenüber. Die Abschiedsstunde war gekommen. Über eine Woche hatte er bei ihr gelebt. Nun fühlte er sich wieder kräftiger und gesund. Doch der Arzt hatte ihm geraten, gleich eine Kur anzutreten, um sich völlig auszuheilen. Das zu tun, hatte er auch versprochen. Wusste er doch, wie leicht so ein Rückfall wiederkommen konnte.

Über eine Woche hatte Marlinde den Mann pflegen dürfen. Eine Woche lang war Leben in ihrem Haus gewesen. Und sie liebte ihn. Sie liebte sein Lächeln, seine Augen und seine schlanken, schmalen Hände. Wild stöhnte sie auf. Er ging jetzt fort, zurück zu seiner Familie. Für sie war das Glück nicht geschaffen. Sie musste immer zurücktreten. Damals und auch jetzt. Immer! Marlinde ließ die Schultern sinken, blickte auf und direkt in seine Augen.

Ernst war leicht vorgebeugt, hielt die Kaffeetasse in seinen Händen und blickte sie lächelnd an. Sein Herz schlug ihr entgegen. Wie liebte er dieses Gesicht mit den klaren Kinderaugen und dem blonden Haar. Wenn sie jetzt sagen würde: bleib! So würde er bleiben. Er hatte Angst, wieder in der eisigen Kälte seines Hauses leben zu müssen.

Aber Marlinde schwieg. Kein Ton kam über ihre Lippen. War sie froh, dass er endlich ging? Er wollte sie fragen: Warum haben Sie das alles für mich getan? Aber er hatte nicht den Mut dazu. Er strich sich müde über das Haar.

Marlinde sah es und blickte rasch zur Seite. Sie konnte ihn nicht lange ansehen, ohne dann zu gestehen, wie es um sie stand.

»Ich glaube, jetzt muss ich allmählich an den Aufbruch denken, Marlinde!«

»Ja«, sagte sie tonlos. »Das müssen Sie wohl!«

Bleib!, schrie es in ihrem Herzen. Oh, bleib doch bei mir! Siehst du denn nicht, wie sehr ich dich liebe?

Ich möchte so gern bleiben, dachte Ernst verzweifelt. Warum schickst du mich fort? Warum?

Er stand auf. Sein Herz schmerzte vor Traurigkeit. Noch einmal sah er sich in dem gemütlichen Raum um.

»Was werden Sie jetzt beginnen?«

»Ach, bald werden die ersten Gäste kommen. Und dann hab ich auch noch den Garten!«

Beide standen sie am Fenster und blickten ins Dorf hinunter. Und er dachte, mein Gott, nun wird sie meinetwegen auch noch zu leiden haben. Warum hab ich die ganze Zeit nicht daran gedacht? Ich bin doch selbst in den Bergen aufgewachsen, kenne doch die harten Köpfe, wie sie urteilen und verurteilen. Und auch böse sein können. Oh Gott, was habe ich nur angerichtet?

Er zog den Mantel an, nahm den Hut und stellte sich dicht vor sie.

»Sie haben mir noch nicht gesagt, wie ich Ihnen danken soll! Haben Sie keinen Wunsch, den ich erfüllen könnte? Bitte, sagen Sie es mir. Es gefällt mir gar nicht, ohne Dank von Ihnen gehen zu müssen. Ich möchte Ihnen etwas schenken.«

»Das brauchen Sie nicht, Ernst. Wirklich nicht!«

Marlinde hielt ihm ihre schmale Hand hin. Er nahm sie behutsam in die seine, beugte sich darüber und küsste sie andächtig. Marlinde starrte auf seinen gebeugten Nacken, Tränen stiegen plötzlich in ihre Augen. Sie hätte so gern sein Haar gestreichelt.

»Gehen Sie«, sagte sie erstickt, um ihre Fassung kämpfend.

Sie schickt mich fort! Unsagbare Trauer legte sich auf sein Herz. Ich bin doch zu alt für sie und nun auch noch krank!

»Ja!«

Und dann ging er.

Marlinde hörte seine Schritte wie damals, als Fritz ging. Sie stand mitten im Zimmer, und die Tränen liefen ihr über die Wangen.

Wenn Ernst sich noch einmal umgedreht hätte, dann hätte er es sehen müssen. Aber Ernst ging, verwundeten Herzens schritt er weiter. Nein, umsehen durfte er sich nicht. Denn dann würde ihm vielleicht der Mut fehlen, nach Hause zu gehen.

Ferner und leiser klangen seine Schritte. Marlinde stand hinter der Gardine und verkrampfte die Hände in dem harten Stoff. Sie weinte. Sie weinte so bitterlich wie ein Kind, das sich von allen verlassen glaubte.

Aufrecht und schnell ging Ernst fort. Und dann sah Marlinde ihn nicht mehr.

»Oh, nein«, stammelte sie in ihrer Herzenspein. »Er kommt doch wieder, er darf mich nicht verlassen.«

Aufschluchzend warf sie sich auf das Bett. Gestern noch hatte er hier gelegen. Lange lag sie so. Schließlich stand sie auf. Warum weinte sie denn? Er gehörte ihr doch nicht! Nie würde er ihr gehören!

 

 

18

Bette öffnete ihrem Mann die Tür, als er ankam. Sie starrte ihn an wie einen Geist. Und dann lachte sie, lachte, wie er sie noch nie hatte lachen hören.

»Du kommst tatsächlich zurück! Sie hat dich fortgeschickt! Ach, ich lache mich tot!«

Ernst zog seinen Mantel aus und drehte sich nach ihr um. »Sie hat mich nicht fortgeschickt!« Oder doch?, ging es ihm durch den Sinn. »Ich bin gekommen, weil ich zu euch gehöre.«

»Zu uns? Wir können ganz gut ohne dich leben, wie du siehst! Du bist und bleibst ein jämmerlicher Waschlappen! «

»Bitte, Bette«, murmelte er.

Die Frau sah ihn kalt an. Nein, das hatte sie nicht erwartet. Jetzt nicht mehr. Sie hatte sich damit abgefunden, dass er für immer fortbleiben würde. Wenn es sie auch die erste Zeit in Rage gebracht hatte, dass er das wirklich getan hatte. Aber jetzt, da er wiederkam, war der letzte Funke für ihn in ihr gestorben. Hatte sie doch schon allen Bekannten erzählt, dass er sie verlassen hatte. Sollte sie denn als Lügnerin dastehen? Nicht einmal fortbleiben konnte er. Jene Frau war seiner bestimmt überdrüssig geworden und nun sollte sie ihn wieder aufnehmen. Pah!

Ernst fröstelte, als er das Wohnzimmer betrat. Wie kalt und unwohnlich es hier war! Wenn Bette nur ein bisschen Sinn für Gemütlichkeit gehabt hätte! Hier musste er also weiterleben!

Ernst schloss die Augen und dachte an Marlinde. Marlinde! Morgen würde sie ihn vielleicht schon vergessen haben. Wenn er doch nicht so müde wäre! Bei Marlinde war er das nicht gewesen. Aber hier!

Die Tür wurde geöffnet und Wolf kam herein. Er blieb für einen Augenblick verblüfft im Türrahmen stehen, dann kam er näher. Er hatte seinen Vater einige Male besucht. Er war sehr gern gekommen, weil er es bei Marlinde so gemütlich und nett fand. Ja, er bewunderte diese Frau über alle Maßen.

»Warum bist du nicht bei ihr geblieben?«, fragte Wolf leise.

Ernst sah ihn an und lächelte schmerzlich. Sollte er ihm sagen, dass Marlinde ihn fortgeschickt hatte?

»Verzeih«, murmelte Wolf, als er spürte, dass der Vater nicht darüber sprechen wollte. »Du musst es ja wissen. Doch wird sie dich denn nicht vermissen? «

»Ich weiß es nicht!«

»Aber liebst du sie denn nicht? Ich dachte immer, du würdest sie lieben!«

»Ja, ich liebe sie!«, sagte er traurig.

»Warum bleibst du dann nicht bei ihr?«

Ernst wollte antworten, aber da kam Bette ins Zimmer und er schwieg.

»Nun sind wir ja wieder eine glückliche Familie«, sagte sie spöttisch. »Der Hausherr hat endlich zurückgefunden!«

Wolf stand auf. »Ich habe noch zu arbeiten!«

»Bette, ich hatte gedacht, du würdest dich freuen, wenn ich wiederkomme!«, sagte Ernst, als der Sohn das Zimmer verlassen hatte.

»Freuen? Ich soll mich auch noch freuen, wo du mich die ganze Zeit betrogen hast?«

»Du weißt, dass es nicht stimmt, Bette. Du weißt es ganz genau!«

Natürlich wusste sie es. Sie kannte ihren Mann. Er hatte nicht den Mut zu einem Seitensprung.

»Lass mich in Ruhe«, sagte sie kalt.

 

 

19

Drei Tage später war Bette tot.

Ernst war in der Schule, als ihn die Nachricht erreichte. Zuerst konnte er es gar nicht verstehen, nicht ein Wort begreifen. Bette tot? Von einem Lastwagen überfahren?

Er solle sofort in die Klinik nach Hall kommen, wurde ihm mitgeteilt.

»Ja, ich komme.«

Als er aus dem Wagen stieg, wartete Wolf schon vor dem Portal. Sie reichten sich stumm die Hände.

Auf dem Flur saß ein Mann im Drillichanzug. Er hatte die linke Hand verbunden und stöhnte auf, als er die beiden Männer sah. Es war der Fahrer des Lastkraftwagens.

Ein Arzt kam auf Ernst und Wolf zu und führte sie zu Bette. Sie lag still und weiß auf der Bahre! Lange sah Ernst sie an. Seltsam, in ihrer ganzen Ehe hatte Bette immer mürrisch ausgesehen. Jetzt, im Tod, hatte ihr Gesicht beinahe mädchenhafte Züge. Es schien, als lächelte sie ein wenig.

Ernst drehte sich langsam um und ging hinaus.

Wolf folgte ihm.

Ernst holte tief Luft. So schnell also konnte ein Leben ausgelöscht werden. Das hatte er nicht gewollt. Aber der Arzt sagte, sie sei auf der Stelle tot gewesen und habe nicht leiden müssen. Es war gut, das zu wissen. Arme Bette, dachte Ernst. So schnell!

Und dann stand der Lastwagenfahrer vor ihnen.

Ernst sah ihn wortlos an.

Verstört blickte der Mann vom Vater auf den Sohn.

»Sie ist mir direkt in den Wagen gelaufen. Ich habe zu bremsen versucht, aber es war nicht möglich. Es ging alles so schnell!«

»Sie brauchen sich keine Vorwürfe zu machen«, sagte Ernst.

Danach sprach er mit dem Polizeibeamten, der das Protokoll aufgenommen hatte.

Zeugen am Unfallort hatten ausgesagt, Frau Krenn habe einer Bekannten, die auf der anderen Straßenseite ging, etwas zugerufen und sei dann über die Straße gelaufen. Den Lastwagen musste sie wohl nicht gesehen haben.

So war Bette immer gewesen. Ernst kannte seine Frau. Sie war mitunter so sprunghaft und impulsiv und das hatte ihr den Tod gebracht. Ein jäher Schmerz durchzuckte sein Herz. Er wusste, dass er noch nicht gesund war. Er musste sich schonen. Aber wie konnte er das!

Während der drei Tage bis zu Bettes Beerdigung lebte Ernst wie im Traum.

Er sah sich auf dem Friedhof, unter den Nachbarn. Und dann war alles vorüber und das Haus so still, so schrecklich still.

»Vater, ich werde wiederkommen und hier studieren!«, bot sein Sohn sich an.

»Das brauchst du nicht, Wolf. Ich werde auch allein damit fertig.«

»Vielleicht! Aber du wirst erst mal zur Kur fahren. Du siehst erbärmlich aus!«

»Ja, nächste Woche reise ich ab. Ich muss mich erholen und von allem Abstand gewinnen.«

Wolf hatte Mitleid mit seinem Vater, mochte es ihm aber nicht zeigen. Sie versuchten beide so gut es ging, den Haushalt weiterzuführen. Nun war es nicht immer so aufgeräumt und sauber, wie sie es gewohnt waren. Aber sie empfanden es als eine Befreiung.

Bette hatte nie versucht, ihnen Liebe entgegenzubringen. Beide, Vater und Sohn, hatten lange Zeit um ihre Liebe gebettelt. Bis sie dessen eines Tages müde geworden waren. Sie empfanden Trauer über ihren plötzlichen Tod, mehr nicht!

Zwei Tage später reiste Wolf ab, um seine Sachen zu holen. Und Ernst packte die Koffer. Er musste fort, er floh förmlich aus dieser Stadt.

Hatte er Marlinde vergessen?

 

 

20

Marlinde las es in der Zeitung. Lange saß sie vor ihrer Tasse Kaffee und starrte die Zeilen an. Bette war tot! Was mochte Ernst empfinden?

Sie stand auf und ging ruhelos durch das Haus. Tiefes Mitleid durchzog ihre Seele. So früh hatte diese Frau sterben müssen und durch eigene Schuld! In der Zeitung wurde ausführlich davon berichtet.

Sollte sie Blumen senden? Marlinde wagte es nicht. Sie hätte zu Ernst eilen mögen, um ihm beizustehen. Aber auch das wagte sie nicht. Still und abwartend verhielt sie sich die ganze Zeit. Wenn er mich wirklich gern hat, dann wird er kommen, dachte sie.

Und die Zeit verstrich. Eine Woche, zwei Wochen und niemand kam. Zuerst konnte Marlinde es nicht fassen. Stundenlang saß sie mitunter auf einem Fleck und rührte sich nicht. Aber Ernst kam nicht!

Sie hatte es doch gewusst. Die ganze Zeit hatte sie es gewusst, dass er nur die Ruhe bei ihr gesucht hatte. Jetzt war seine Frau tot, jetzt konnte er in Frieden mit seinem Sohn leben.

Und dann überwältigte sie der Schmerz. Der Wunsch zu sterben kam wieder in ihr hoch. Aber sie lächelte bitter. Ein zweites Mal würde sie nicht den Mut dazu haben. Hatte er ihr jemals etwas versprochen? Warum liebte sie ihn? Mit keiner Silbe hatte er angedeutet, dass er sie liebe.

In dem Haus hielt Marlinde es nicht mehr aus. Alles erinnerte sie an ihn. Hier, am Kachelofen, hatte er so gern gesessen.

Sie hielt sich den schmerzenden Kopf und stöhnte: »Ich werde verrückt!«

Doch er kam nicht!

Tag um Tag verrann und die Tür blieb verschlossen. Da begriff Marlinde, dass diese Einsamkeit nun immer so bleiben würde.

Sie schluchzte auf. Lange betrachtete sie ihr Spiegelbild. »Ich will leben! Aber mit ihm! Ich kann ohne ihn nicht mehr leben. Er besitzt mein Herz und ohne Herz kann man doch nicht leben«, flüsterte sie mit bebenden Lippen.

In der Nacht träumte Marlinde von Ernst Krenn. Und am Morgen glaubte sie, heute wird er kommen, er muss doch kommen! Spürt er denn nicht, wie sehr ich ihn vermisse?

Aber er kam nicht!

Die Sommergäste kamen angereist. Sie hatte jetzt so viel Arbeit, dass sie manchmal nichts mehr denken konnte. Am Tage hatte sie also eine Abwechslung. Aber wenn es dann Nacht wurde, kam der alte Schmerz zurück. Sie litt, wie sie noch nie gelitten hatte.

Zum zweiten Male war der Lebenswille in ihr gebrochen. Dieses Schweigen war grausam, unendlich grausam. Manchmal war sie versucht, sich in den Wagen zu setzen, um zu Ernst zu fahren. Aber sie konnte nicht um seine Liebe betteln. Sie konnte es nicht.

Manchmal ging sie stundenlang in den Bergen spazieren. Sogar bis hinauf zum Wildbach. Aber auch hier war sie nicht mehr allein, denn die Hauptsaison war angebrochen. Überall traf sie auf Menschen. Sie sah Mütter mit ihren Kindern. Verliebte junge Leute Hand in Hand an ihrem Haus vorbeischlendern. Und ihr Herz blutete dabei. Warum durfte sie nicht glücklich sein?

 

 

21

Ernst Krenn befand sich im Sanatorium bei Wien und ließ alles über sich ergehen. Mit der Zeit fühlte er sich wieder stark und gesund. Die alten Kräfte kamen zurück.

Mit Vorliebe durchwanderte er die weiten Parkanlagen. Hier war es schön und ruhig. Er hörte das Vogelgezwitscher in den Bäumen, sah die Blumen und den Sonnenschein. Er fühlte sich jung und gesund. Viele Frauen waren wie er zur Kur hier und suchten seine Nähe. Sie umschwärmten ihn wie Bienen den Nektar, denn er war noch immer ein schöner Mann. Ernst lächelte und unterhielt sich gern mit ihnen. Hin und wieder ging er mit einer von ihnen spazieren und unterhielt sich mit ihr über alles Mögliche. Wie man es zu tun pflegt, wenn man sich zufällig traf und eine Weile zusammen ging. Doch wenn er in die Gesichter dieser Frauen blickte, sah er immer nur eine vor sich: Marlinde!

Marlinde hatte ihn fortgeschickt. Und das tat weh.

Eines Tages ging Ernst in die Stadt und blieb vor den Auslagen eines Juweliergeschäfts stehen. Ein sehr schöner und kostbarer Ring gefiel ihm besonders. Entschlossen betrat er das Geschäft. Als er es wieder verließ, steckte der Ring in der Innentasche seiner Jacke. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen.

Marlinde hatte ihn aufopfernd gepflegt. Er wollte ihr mit diesem Ring für alles danken. Vielleicht würde sie sich ein wenig darüber freuen.

Manchmal saß er in seinem Zimmer und wollte ihr schreiben. Aber was sollte er ihr schreiben? Er fand keine Worte und so unterließ er es.

Nach sieben Wochen war Emst Krenn gesund und reiste heim.

Wolf stand auf dem Bahnsteig und empfing ihn herzlich. Diese Geste rührte Ernst zutiefst. Kannte er doch von früher her nur die Kälte und das herrische Wesen seiner Frau.

»Du bist also zurückgekommen, Wolf?«

»Ja, ich kann dich doch nicht allein in dem Haus wohnen lassen!«

»Auf mich brauchst du keine Rücksicht zu nehmen, mein Junge, ich werde allein fertig.«

Wolf lachte. »Du bist viel zu bescheiden, du warst es immer. Überhaupt bin ich ja bald fertig und dann werde ich ständig hier wohnen. Also kannst du dich jetzt schon langsam daran gewöhnen.«

Ernst folgte seinem Sohn zum Wagen, der auf dem Parkplatz stand. Wolf fuhr ihn nach Hause. Sie plauderten unterwegs über alle möglichen Dinge.

Wolf beobachtete seinen Vater von der Seite, er konnte seine Gedanken erraten und empfand Mitleid und Zärtlichkeit für ihn.

Aber Bette war ja nicht mehr da. Sie konnte ihn nicht mehr verletzen und demütigen.

Endlich waren sie im Haus. Ernst ging durch alle Räume. Irgendwie schienen sie ihm fremd und neu.

Wolf lachte. »Ziemlich unordentlich hier, was? Reinste Männerwirtschaft. Wir müssen uns eine Haushälterin halten oder einer von uns muss heiraten!«

Ernst hörte nur halb hin. »Sogar Blumen hast du gekauft«, sagte er heiter. »Sollen sie zu meiner Begrüßung sein?«

»Nun ja«, lachte Wolf. »Ich dachte, dann siehst du vielleicht nicht, wie die Wohnung aussieht. Ich habe mich wirklich bemüht.«

Der Vater drehte sich nach ihm um und klopfte ihm auf die Schulter. »Was höre ich, du willst heiraten, Wolf?«

»Moment, Moment«, rief Wolf. »Ich habe ja nicht gesagt, dass ich heiraten will. Ich sagte, einer von uns müsse es tun. Weil eine Hausfrau hier einziehen sollte!«

»So, so, aber ich komme doch wohl nicht in Frage, mein Sohn!«

Wolf ging in sein Zimmer und holte seinen Mantel. »Komm, wir gehen essen. Für heute habe ich nämlich noch nichts eingekauft, das müssen wir nachher erledigen, zusammen.«

»Schön, gehen wir essen«, sagte Ernst.

An der Ecke war ein gemütliches Lokal. Hier hatten sie schon einmal gegessen, als Bette ihn abgewiesen hatte. Ernst kam es jedoch so vor, als wäre es erst gestern gewesen.

Nach dem Essen saßen sie noch bei einem Glas Wein. Ernst erzählte von dem Sanatorium und was sich dort so zugetragen hatte. Wolf rutschte auf seinem Sessel unruhig hin und her.

»Du, ich will noch einmal davon anfangen. Warum glaubst du, dass du nicht mehr heiraten könntest?«, fragte er unvermittelt.

Ernst sah ihn eine Weile stumm an. »Ich habe mein Leben gelebt, Wolf. Ich war verheiratet, ich habe dich. Und jetzt habe ich nur noch meine Arbeit.«

»Du willst doch damit nicht sagen, dass du jetzt allein bleiben willst!«

»Doch, Wolf, später werde ich ein sehr netter Opa für deine Kinder sein!«

»Bitte, mach keine Scherze, hörst du! Ich meine es ernst!«

»Ich auch!«

»Und die Frau?«

»Welche Frau?« Ernst wusste ganz genau, wovon Wolf sprach.

»Vater, ich meine Marlinde!«

»Du sprichst sie schon mit dem Vornamen an?«

»Sie hat es mir angeboten!«

»Du hast sie wiedergetroffen?« Warum schlug auf einmal sein Herz so unruhig. War er eifersüchtig?

»Nein, seit damals nicht mehr. Ich hätte es gewünscht. Sie ist wundervoll, Vater.«

»So, so!«

»Du machst dich also lustig über mich!«, klagte der Sohn.

»Nein, Wolf.« Ernst legte seine Hand über die des Sohns.

»Hast du mir damals nicht gesagt, du liebst Marlinde? Warum willst du sie dann nicht heiraten? Sie ist doch eine wundervolle Frau!«

Ernst spielte mit seinem Weinglas und sah nachdenklich vor sich hin. In seiner Jackentasche knisterte das Päckchen mit dem Ring.

»Zum Heiraten gehören immer zwei, mein Junge!«

»Du glaubst, Marlinde Weixler will dich nicht? Aber warum hat sie das alles für dich getan? Liebt sie dich denn nicht auch? «

»Weißt du, Wolf, ich habe sie nicht danach gefragt. Und dann, selbst wenn es so wäre – weißt du, Marlinde ist zwanzig Jahre jünger als ich. Ich bin wahrscheinlich in ihren Augen ein alter Mann. Nein, ich glaube nicht, dass sie mich liebt. Und ich war krank, sie hat mich gepflegt und weiß also, dass das Leben für mich in dieser Hinsicht bald zu Ende ist!«

»Du und alt, Vater! Da muss ich doch wirklich lachen. Das war doch nur Überarbeitung damals. Du bist vorher nie krank gewesen. So etwas darfst du doch nicht sagen.«

Ernst lächelte wehmütig.

»Du würdest sie aber gern heiraten wollen, nicht wahr?«, drängte Wolf.

»Was ich gern tun würde, weißt du, darauf kommt es nicht an!«

»Warum fragst du sie dann nicht?«

Ernst lächelte belustigt. »Du scheinst es ja sehr zu wünschen!«

Wolf errötete bis zu den Ohren. »Ich möchte Marlinde gerne in unserer Familie sehen, wirklich. Schade, dass ich vier Jahre jünger bin als sie – lach du nur, sonst würde ich mich schon längst um sie beworben haben.«

»So ist das Leben, Wolf. Ich bin zu alt und du bist zu jung! Lustig, was?«

»Ach, Vater, frag sie doch wenigstens. «

»Marlinde hat mich damals fortgeschickt, Wolf. Wenn sie gesagt hätte: bleib, dann wäre ich geblieben.«

»Ach so«, sagte Wolf. »Das habe ich nicht gewusst.«

»Komm, hast du nicht gesagt, dass wir noch für morgen einkaufen müssen?«

»Ja, natürlich.«

Sie bezahlten die Rechnung und verließen das Lokal. Gemeinsam gingen sie in die Geschäfte und kauften all das, was sie im Haushalt brauchten. Beide waren ziemlich schweigsam. Beide hingen ihren Gedanken nach.

Abends saßen sie dann im Wohnzimmer vor dem Fernseher. Jeder hatte eine Flasche Bier vor sich stehen.

»Schade«, sagte Wolf. »Und ich hatte mir das so schön ausgemalt.«

»Bitte sprich nicht mehr davon«, bat Ernst. Sein Herz tat ihm weh, wenn er an Marlinde dachte.

 

 

22

Ernst Krenn stand am Wohnzimmerfenster und sah nach draußen. Der Garten müsste unbedingt in Ordnung gebracht werden, dachte er. Er war allein. Wolf war zu Freunden gegangen und würde erst gegen Abend wieder zu Hause sein. Er selbst brauchte vor dem nächsten Montag nicht mit der Arbeit zu beginnen.

Gestern war er angekommen. Warum ging er nun so ruhelos durch das Haus? Dachte er immer noch an das Gespräch mit Wolf? Nein, er hatte sich endgültig damit abgefunden. Aber warum hatte er dann den Ring gekauft? Wenn er für Marlinde gedacht war, warum brachte er ihn ihr nicht?

Ernst hatte Angst vor diesem Wiedersehen. Er sehnte sich nach Marlinde. Aber er wusste, wenn er zu ihr ging, dann war es das letzte Mal. Danach würde es kein Wiedersehen geben.

Unentschlossen ging er umher wie ein gefangener Tiger. Wolf hatte gesagt, er müsse die Küche in Ordnung bringen. Aber er konnte sich jetzt nicht damit abgeben.

Plötzlich blieb er stehen. Ich werde zu ihr gehen, dachte er und lächelte. Ich muss es tun! Ich muss Marlinde noch einmal sehen.

Und entschlossen ging er in die Diele, zog den Mantel über und verließ das Haus.

 

 

23

Nach einer schrecklichen Nacht war Marlinde wie zerschlagen erwacht. Lange hatte sie dagelegen und zur Decke gestarrt. Der Hunger endlich hatte sie aus dem Bett getrieben.

Sie nahm in der Küche ihr Frühstück im Stehen ein. Seit Ernst mit ihr in der Essecke gesessen hatte, konnte sie dort nicht mehr allein sitzen. Alles erinnerte sie an ihn. Und dieses Erinnern tat weh. Warum schwieg er?

Lange stand Marlinde am Fenster und sah auf das Dorf hinunter. Dort war Leben, dort waren Menschen.

Nach dem Ende mit Fritz hatte sie sich nie mehr verlieben wollen. Und dann war Ernst gekommen! Warum konnte sie nicht vergessen? Warum nicht?

Die Tränen rollten unaufhaltsam über ihr Gesicht. Nein, dachte sie, ich darf nicht mehr daran denken, gleich kommen die Gäste herunter, die sollen mich in meinem Kummer nicht sehen.

Dann hörte sie Schritte vor dem Haus.

Marlinde ging in die Diele und öffnete die Tür.

Und dann wurden ihre Augen groß und staunend. Ihr Herzschlag schien sekundenlang auszusetzen. Sie presste die Hand auf die Brust und schloss die Augen, um sie schnell wieder zu öffnen.

Ernst stand vor ihr!

»Darf ich eintreten?«

Konnte das Herz diese Freude vertragen?

Er war zu ihr gekommen, zu ihr, zu ihr!

Er trat über die Schwelle.

Marlinde schloss die Tür und lehnte sich dagegen. Was sie in diesem Augenblick empfand, verrieten ihre Augen. Sie konnte weder denken noch sprechen. Er war da!

»Ernst!« Sie jubelte es heraus. »Ernst!«

Er drehte sich um.

Er hatte sich so viel vorgenommen, doch alle guten Vorsätze waren vergessen, als er Marlinde sah. Mein Gott, sie liebt mich ja, dachte er erschüttert.

»Ernst!«

Stumm breitete er die Arme aus, da flog sie auf ihn zu. Sie lag an seiner Brust, zart und schmal. Und ihr Herz klopfte so stürmisch! Spürte sie auch den unruhigen Schlag seines Herzens, während sie sich an ihn schmiegte?

Marlinde legte die Arme um seinen Hals und hob ihm ihr Gesicht entgegen.

Er sah in ihre leuchtenden Augen und erkannte ihre Liebe, ihre große Einsamkeit und Verlassenheit! Marlindes Lippen waren wie zu einer Frage geöffnet.

Sie streichelte seinen Nacken und sein Haar. Ein Schauer ging durch seinen Körper. Noch immer sprachen sie kein Wort, sahen sich nur an. Jeder konnte es noch nicht fassen. Eben noch so unglücklich und jetzt...

Immer fester schlossen sich seine Arme um Marlinde, so, als wollte er sie nie mehr loslassen.

»Ich hab dich sehr lieb, Marlinde!« Jetzt hatte er es endlich gesagt.

Sie erschrak nicht. Nein, sie lächelte selig.

»Bitte, lächle nicht so, Marlinde! Sonst kann ich nicht länger widerstehen und werde dich küssen!«

Ihr Lächeln vertiefte sich.

Da beugte er sich über sie und küsste sie zärtlich und scheu. Mein Gott, wie lange hatte er das nicht mehr getan! Er kannte kaum noch den Zauber, der von einem Kuss ausging.

Beglückt spürte er ihren Körper in seinen Armen. Willig gab sie sich diesem Kuss hin, ja, sie erwiderte ihn sogar.

Nun wurde Ernst übermütig und küsste sie stürmischer. Doch als das Verlangen in ihm hochbrandete, ließ er sie langsam los.

»Ernst!«

Wie weich und zärtlich sie seinen Namen aussprach! Er hielt sie bei den Händen und lächelte sie an.

»Warum bist du so lange nicht gekommen?«

Sie gingen in die gute Stube.

»Ich war im Sanatorium, Marlinde. Ich wollte dir schreiben, doch so sehr ich mich auch bemühte, ich fand nicht die rechten Worte! Hätte ich schreiben sollen?«

»Oh, Ernst, ich habe eine Hölle durchgemacht«, sagte sie schlicht.

Er sah sie eine Weile stumm an. Konnte es kaum glauben, dass er sie eben noch in seinen Armen gehalten hatte.

»Ich hab dich lieb, Ernst«, sagte Marlinde feierlich.

Seine Hand zitterte, als er über ihr blondes Haar strich.

»Das darfst du nicht sagen, Marlinde«, sagte er rau.

»Warum nicht? Hast du es nicht eben zu mir gesagt?«

»Ja, aber da war ich wohl von Sinnen, verzeih!«

»So ist es also nicht wahr?« Ihre Lippen bebten wie bei einem Kind, das gleich zu weinen anfangen wollte.

»Doch!«, rief er gequält, weil er ihrem Blick nicht standhalten konnte. »Doch, Marlinde!«

Da lachten ihre Augen wieder. »Dann ist ja alles gut, Ernst. Ich habe dich schrecklich lieb!«

Er stöhnte auf. »Marlinde«, begann er behutsam, »ich kann das nicht annehmen. Es ist schön zu wissen, dass es auch noch solche Menschen wie dich gibt. Aber du wirst es eines Tages bereuen. Ist es jetzt nicht die große Einsamkeit, die dich dazu veranlasste, dies zu sagen? Schau, Marlinde, ich bin um so viele Jahre älter als du. Ich habe mein Leben gelebt. Und du stehst noch auf der Schwelle und willst dein Leben erst beginnen.«

Sie hatte ihm zugehört, still und mit übergroßen Augen. Er wollte ihre Liebe also nicht!

Müde stand sie auf. Ja, Fritz hatte wohl recht gehabt. Aber seltsam, er hatte gesagt, sie sei zu alt und jetzt sagte man ihr, sie sei zu jung! Welche Ironie des Lebens! Wenn doch jetzt nicht diese dummen Tränen aufsteigen würden! Sie setzte sich in den Sessel und blieb ganz still sitzen.

Ernst sah vor sich hin. Er musste mit seinen Gefühlen kämpfen. Dann hob er den Kopf und sah, dass Marlinde lautlos weinte. Unaufhaltsam rannen die Tränen über ihr Gesicht, sie sah aus wie ein Häufchen Elend. Das griff ihm ans Herz. Mit einem Satz sprang er auf.

Er fiel vor ihr auf die Knie und umfing sie liebevoll mit beiden Armen. »Weine nicht, Marlinde. Ich meine es doch nur gut mit dir, hörst du!«

»Ja«, sagte sie tonlos. »Alle meinen es gut mit mir und trampeln dann auf meinem Herzen herum. Ich habe verstanden, Ernst. Du brauchst es mir nicht noch einmal zu sagen. Ich habe alles sehr gut verstanden, entschuldige mich bitte!«

»Marlinde, Marlinde, ich will doch nur dein Bestes, glaube mir!«

»Ja, ja«, sagte sie, es klang unendlich traurig.

Gab es das wirklich, dass dieses wundervolle Mädchen ihn liebte? Er konnte es immer noch nicht glauben. War es tatsächlich die große, echte Liebe, die Marlinde für ihn empfand? Liebte sie ihn wirklich so, wie er sie liebte? Heiß und verlangend, für immer besitzen wollend?

Und er fand in ihren schönen Augen das Bekenntnis dieser Liebe. Er blickte bis auf den Grund ihrer Seele. Sie war klar und rein und da senkte er den Kopf.

»Verzeih mir«, murmelte er. »Verzeih mir, dass ich an deiner Liebe zweifelte. Ich kann es einfach nicht glauben, dass es einen Menschen gibt, der mich lieben kann. Ich habe es nicht gewusst!«

Marlinde nahm seinen Kopf in beide Hände und lächelte ihn an. »Ich weiß nur, dass ich dich sehr, sehr lieb habe, Ernst. Jetzt und immer. Ich weiß auch, dass, wenn du jetzt von mir gehst, das Leben für mich zu Ende ist. Es ist mir, als hätte ich ein ganzes Leben lang nur auf dich gewartet.«

Da nahm er sie wieder in seine Arme. »Komme, was da wolle, mein Herz. Ich werde immer zu dir stehen und dir für diese Worte ein Leben lang dankbar sein. Weißt du eigentlich, wie glücklich du mich machst, mich, der aufgehört hat, an ein neues Leben zu denken?«

»Ja«, lächelte sie ihn heiter an. »Zwei einsame Seelen haben sich endlich gefunden. Jetzt werden wir nie mehr einsam sein, nicht wahr?«

»Nein, Marlinde, nun gehören wir für immer zusammen!«

»Ich habe Hunger«, sagte sie plötzlich lachend.

Und sie waren übermütig wie Kinder, sie lachten und scherzten und malten sich die Zukunft in den rosigsten Farben aus.

»Wir werden eine kleine Familie sein«, lachte Marlinde.

Er haschte nach ihrer Hand. »Marlinde, du bist wundervoll!«

»Ach nein, ich bin glücklich, endlich einmal glücklich. Jetzt kann ich auch wieder lachen, Ernst!«

»Aber wieso sind wir denn jetzt eine kleine Familie, Marlinde? Sind wir nicht nur zwei?«

Sie stand auf und gab ihm einen Kuss. Er hielt sie fest.

»Bleib bei mir«, bettelte er, als sie wieder davonhuschen wollte.

»Gleich, ich möchte nur frischen Kaffee holen!«

Mit der gefüllten Kanne kam Marlinde zurück und blieb einen Augenblick mitten im Zimmer stehen.

»Hast du denn deinen Sohn vergessen?«, fragte sie schelmisch. »Wolf wird jetzt eine sehr böse Stiefmutter bekommen.«

»O Wolf«, lachte Ernst. »Mein Gott, den habe ich wirklich vergessen! Himmel, der wird Augen machen!«

Sie lachten sich an und beschlossen dann, Wolf zu überraschen.

Aber dann fiel ihr ein, dass sie ihren Feriengästen noch das Frühstück machen musste. Ernst half ihr dabei. Eine Stunde später gingen die Gäste spazieren. Jetzt hatte sie wieder den ganzen Tag für sich.

Nun konnten sie seinen Sohn aufsuchen.

Schnell räumte Marlinde auf und zog sich um. Dann verließen sie Arm in Arm das Haus.

Zuerst schaute er sie ein wenig besorgt an. Er war es nicht gewohnt, in einem Wagen zu sitzen, den eine Frau steuerte.

»Hast du Angst?«, neckte sie ihn.

»Nein, wenn du bei mir bist, nicht! Dir vertraue ich mein Leben an!«

Sie lächelte ihm zu. Oh, konnte man wirklich so glücklich sein? Marlinde fuhr los und sah durch die Scheibe auf den Verkehr. Das Gefühl, den geliebten Mann neben sich zu wissen, machte ruhig und heiter! Sie fuhr schnell und zügig. Ernst hielt manchmal den Atem an, aber er sagte nichts dazu.

Ein paar Häuser weiter stellte Marlinde den Wagen ab. Wolf sollte ihn nicht gleich erkennen, wenn er heimkam. Sie wollte ihn ein wenig necken.

Marlinde betrat mit beklommenem Herzen das Haus. Wie abweisend war sie damals empfangen worden und hatte es doch nur gut gemeint. Aber es blieb alles still, Wolf war noch nicht nach Hause gekommen.

»Geh bloß nicht in die Küche, ich habe sie nämlich noch nicht geputzt«, sagte Ernst beinahe schuldbewusst.

»Ich sehe, hier fehlt die Hausfrau!« Marlinde lächelte.

»Das meinte Wolf auch und er schlug mir vor zu heiraten, das wäre billiger, als eine Haushälterin einzustellen!«

In ihren Augen glitzerte es, drohend kam sie auf ihn zu. »Das ist also der Grund, mein Lieber!«

Er fing sie lachend auf. »Ich kapituliere«, rief er heiter. »Bist du sehr schockiert? «

»Nein, denn ihr zwei habt euch verrechnet. Jetzt habt ihr in Zukunft eine Hausfrau und eine Haushälterin!«

»Wolf wird entsetzt sein!«

»Wieso, muss er sie denn bezahlen?«

Plötzlich hörten sie ein Geräusch.

»Wolf kommt zurück, versteck dich erst mal im Esszimmer, Marlinde. Ich setze mich ins Wohnzimmer, ja?«

Marlinde, der lachende Kobold, tat, wie ihr geheißen.

Wolf kam nicht allein, als er auf Zehenspitzen das Haus betrat.

»Ich muss erst nachsehen, wo er ist«, murmelte er vor sich hin.

Es wurde gekichert.

Wolf öffnete die Küchentür.

»Himmel!« Er fuhr zurück und schlug die Tür schnell wieder zu. »Was er bloß den ganzen Tag gemacht hat«, sagte er leise.

Sie gingen in die Diele zurück.

»Warte hier, Sybille. Ich muss herausfinden, was hier los ist!«

Das junge Mädchen nickte fröhlich und gab Wolf einen liebevollen Klaps. Sybille war nämlich der Grund, weshalb er in der anderen Universitätsstadt so schnell die Zelte abgebrochen hatte. Er hatte sie auf einem Studentenball kennengelernt und liebte sie von ganzem Herzen. Und da sein Vater ihm gestern versichert hatte, dass er bei ihm Unterstützung fände, wenn er heiraten wolle, obwohl er ja noch Student war, war er gleich heute zu ihr geeilt und hatte ihr das mitgeteilt. Sybille war also der angebliche Freund.

Und jetzt wollte er seine Braut dem Vater vorstellen. Aber mit einem Male wurde es ihm doch ein wenig flau im Magen. Sie zwinkerten sich noch einmal zu und dann betrat Wolf forsch das Wohnzimmer.

Ernst saß am Fenster und tat, als lese er aufmerksam in der Zeitung. Dass er das Blatt verkehrt herum hielt, bemerkte er in der Eile nicht.

»Tag«, sagte Wolf und schob sich langsam näher.

»Auch schon zurück?«, tat Ernst scheinheilig. »Dann kannst du ja das Abendessen zubereiten!«

»Nein«, sagte Wolf. »Du hast ja nicht mal die Küche sauber gemacht. Ich möchte zu gern wissen, womit du dich den ganzen Tag beschäftigst!«

Ernst räusperte sich.

»Nun, man hat so einiges zu erledigen, weißt du. Und du brauchst auch nicht den ganzen Tag bei deinem Freund zu hocken!«

Wolf rutschte auf seinem Stuhl hin und her.

»Schön, dann gehen wir halt essen«, sagte Ernst.

»Warte, Vater. Ich habe dir eine Überraschung mitgebracht!«

»Wirklich? Ich dir nämlich auch!«

Wolf starrte ihn groß an. »Du auch?«, stotterte er. »Zeigen!«

»Hm, zeige deine zuerst«, antwortete Ernst.

»Was du schon für eine Überraschung hast«, wehrte Wolf ab.

Beide Männer sahen sich an und grinsten verlegen. Jeder versuchte zu ergründen, was der andere mitgebracht hatte.

Inzwischen war es Marlinde im Esszimmer zu langweilig geworden. Sie ging durch die Tür in die Küche und gelangte in die Diele. Von dort aus wollte sie leise die Wohnzimmertür öffnen und ein wenig »Mäuschen« spielen. Doch als sie die besagte Tür erreichte, stand schon dort ein »Mäuschen« und tat das, was sie eben noch vorgehabt hatte.

»Na hören Sie mal«, raunte Marlinde leise hinter Sybilles Rücken.

Sybille fuhr erschrocken zurück und starrte Marlinde an.

»Haben Sie mich aber erschreckt«, sagte sie leise.

»Wer sind Sie? Und warum lauschen Sie? So etwas tut man doch nicht!«

»Das gleiche kann ich Sie fragen«, gab Sybille schlagfertig zurück.

»So kommen wir nicht weiter«, meinte Marlinde. »Aber langsam dämmert etwas in mir. Sind Sie vielleicht Wolfs angeblicher Freund, mit dem er so viel lernen muss?«

Sybille nickte und kicherte. »Erraten. «

»Und Wolf will Sie heiraten, um sich keine Haushälterin halten zu müssen?«

»Das hat er mir nicht gesagt!«, protestierte Sybille.

»Das macht nichts«, kicherte Marlinde jetzt. »Und nun ist Wolf beim Vater, um ihm das zu sagen?«

»Ja! Und wer sind Sie?«

»Ich will seinen Vater heiraten, was Ernst in diesem Augenblick seinem Sohn schonend beibringen will!«

Die beiden Mädchen amüsierten sich sehr darüber und belauschten die beiden Männer zu zweit. Im Wohnzimmer ging es ziemlich einsilbig vor sich. Jeder wollte, dass der andere seine Überraschung zuerst zeigen solle.

»Wissen Sie was«, schlug Marlinde vor, »wir vertauschen ein wenig die Rollen. Sie gehen jetzt ins Esszimmer und sind Marlinde und ich bleibe hier und bin Sybille, ja?«

Das junge Mädchen huschte davon. Gerade rechtzeitig, denn die Männer hatten sich geeinigt, gleichzeitig ihre Überraschung ins Zimmer zu holen.

Wolf stürzte also in die Diele. »Komm, Sybille. Du kannst jetzt kommen« und prallte zurück, als er plötzlich Marlinde vor sich sah.

»Das ist nett«, sagte Marlinde und wollte das Zimmer betreten.

»Moment, Moment«, keuchte Wolf. »Wo ist denn Sybille?«

»Fortgegangen! Darf ich jetzt das Zimmer betreten? «

»Aber was wollen Sie denn plötzlich hier?«

Auf der anderen Seite war inzwischen das Gleiche geschehen. Ernst glaubte seinen Augen nicht zu trauen, als plötzlich ein fremdes Mädchen im Esszimmer und Marlinde verschwunden war.

»Vater«, rief Wolf. »Meine Überraschung für dich ist zwar nicht mehr da, aber ich habe dafür eine andere!«

Auch Ernst kam mit einem langen Gesicht zurück und zog Sybille hinter sich her.

»Ich habe anscheinend eine Diebin festgenommen«, meinte er betrübt. »Aber Marlinde ist weg!«

Wolf sah Sybille an und Marlinde ging auf Ernst zu. Die Männer durchschauten das Komplott sofort und lachten.

»Du willst doch nicht damit sagen...«, keuchte Wolf.

»Hast du es mir nicht wärmstens empfohlen?«, unterbrach Ernst ihn.

»Aber ich will ja heiraten und wir brauchen doch nur eine Frau!«

»So, und wie ist das mit der Haushälterin?«, meinte Sybille.

»Ja, dann müssen wir uns eben für eine entscheiden!«

Aber da beide nicht nachgeben wollten, blieb man zusammen.

So viel Fröhlichkeit hatte es in diesem Haus noch nicht gegeben. Sie holten Wein aus dem Keller und tranken sich zu. Dann, nach einer Ewigkeit, sagte Wolf: »Ich habe Hunger!«

Die beiden Frauen taten so, als hätten sie nichts gehört und unterhielten sich eifrig.

»Ich auch«, sagte Ernst.

»Jetzt, da zwei weibliche Wesen in unserer Mitte sind, brauchten wir uns doch eigentlich nicht mehr darum zu kümmern, Vater.«

»Du hast recht, lieber Wolf!«

»Hört ihr gar nicht zu, wenn wir mit euch reden?«

»Was ist denn?«, fragte Marlinde scheinheilig.

»Wir haben Hunger, haben wir gesagt!«

»Wir auch«, sagte Sybille. »Wir warten schon die ganze Zeit, dass ihr euch bemüht, schließlich sind wir ja Gäste hier, oder?«

Wolf sah Ernst an, dann lachten sie beide.

»Ich kapituliere, gegen zwei kommen wir im Leben nicht an. Was soll das in Zukunft noch werden, Wolf? Ich fürchte, wir haben uns da auf etwas sehr Schönes eingelassen!«

»Na ja! Lass sie doch. Lange wird es ja nicht mehr dauern, dann gehören sie zur Familie und sind keine Gäste. Komm, beißen wir in den sauren Apfel. Ich habe noch fünf Mark, schieß du den Rest dazu und dann gehen wir essen!«

Und so einigte man sich. Als Ernst Marlinde in den Mantel half, drehte sie sich um und schlang die Arme um seinen Hals.

»Ernst?«

Ihr Herz klopfte stürmisch und wild. »Ich habe dich sehr, sehr lieb. Und es wird wundervoll, ich meine das Leben mit dir.«

Er zog sie fest an sich und küsste sie zärtlich.

»Das glaube ich auch, Marlinde!«

»Komm, wir müssen jetzt gehen, sonst werden die beiden ungeduldig.«

»Ja«, seufzte Ernst. »Wir müssen gehen. Ich möchte am liebsten mit dir allein sein!«

Sie gab ihm einen Nasenstüber. Dann verließen sie das Haus. Sie hätten sich aber gar nicht so zu beeilen brauchen, denn im Vorgarten standen Wolf und Sybille eng zusammen und hatten die Welt um sich herum vergessen.

Ernst und Marlinde sahen sich amüsiert an. Dann tippte er seinem Sohn auf die Schulter.

»Ich denke, du hast so großen Hunger?«

»Wie? Ach so, ja. Das habe ich doch total vergessen!«

Lachend gingen sie los. Es wurde ein sehr schöner und lustiger Abend.

Sehr spät brach man auf. Ernst brachte Marlinde nach Hause.

»Willst du für einen Moment hereinkommen?«, fragte Marlinde, als sie vor ihrem Haus ankamen.

»Du siehst müde aus, mein Herz. Schlaf dich aus. Morgen komme ich wieder!«, sagte Ernst lächelnd.

»Wirst du das tun?«

»Natürlich!«

»Ernst! Wann werden wir heiraten?«

»Sobald du willst!«

Marlinde schloss die Haustür auf und warf ihm eine Kusshand zu. Dann fuhr auch er nach Hause.

 

 

24

Ernst Krenn hatte nicht gewusst, dass er so voller Fröhlichkeit und Humor steckte. Viele Jahre lang war es unterdrückt worden. Aber jetzt kam es mit Macht zurück. Marlinde steckte ihn an und er fühlte sich jung und heiter bei ihr. Ein ganz neues Leben tat sich für ihn auf. Wer ihn kannte, wunderte sich immer mehr über sein aufgeschlossenes Wesen. Ernst hatte aufgehört zu grübeln und zu denken.

Sie warteten das Trauerjahr ab und dann heirateten sie in aller Stille. Es wurde eine sehr schöne Feier. Nur wenige Bekannte und Freunde waren dazu eingeladen.

Niemand in Hoppichl ahnte etwas. Erst als das Aufgebot aushing, waren die Dörfler verblüfft. Marlinde Weixler wollte heiraten? Aber sie kannten das Mannsbild ja gar nicht. Natürlich versuchte man das junge Mädchen auszuhorchen, aber es schwieg sich aus. Aber die Klatschweiber bekamen dann doch die Wahrheit heraus und viele waren neidisch, denn es war ja ein studierter Mann und würde mal eine schöne Pension erhalten. Diese Marlinde, na ja, dachten sie, stille Wasser sind tief. Mit der Pension und dem Einkommen, da würde sie dann ganz hübsch leben können. Als sie dann erfuhren, dass er in Volders ein Haus besaß, warfen sie sich bedeutsame Blicke zu. Aber davon wollten sie beide nichts, denn es war ja von der Mitgift Bettes gebaut worden. Dort würde in Zukunft Wolf mit seiner jungen Familie leben.

Ernst hielt Marlindes Hand und spürte den leichten Druck.

Marlinde war einen Kopf kleiner als er; er musste sich zu ihr hinunterbeugen, wenn er sie küssen wollte.

Hell und froh klang das Ja durch die Kirche und ihre Augen strahlten ihn an. Manchmal konnte er es nicht so recht glauben, dass Marlinde, dieses wundervolle Mädchen, nun seine Frau war.

Zwei Wochen nach ihrer Hochzeit heirateten Wolf und Sybille. Es wurde ein rauschendes Fest, denn viele Kameraden aus der Schulzeit waren gekommen, um dieses Ereignis gebührend zu feiern.

Im Haus und in dem großen Garten wimmelte es von Gästen. Tagelang hatten Sybille und Marlinde vorher in der Küche gestanden und die Vorbereitungen getroffen.

»Müsst ihr das denn wirklich selbst machen?«, hatte Ernst geklagt. »Das können wir doch alles besorgen lassen!«

Sybille und Marlinde hatten ihn lachend aus der Küche geschoben. Schließlich wollten sie zeigen, dass sie gute Hausfrauen waren. Torte auf Torte wurde fertiggestellt. Und ein köstlicher Salat nach dem anderen verschwand vor den Augen der beiden Männer in der Speisekammer.

Und dann endlich brach der große Tag an.

Sybille, ganz in Weiß, schwebte am Arm ihres geliebten Wolf durch die Räume und nahm alle Glückwünsche huldvoll entgegen.

Marlinde trug ein wertvolles Samtdirndl. Die Haare hatte sie sich aufgesteckt, nur im Nacken kringelten sich kleine Löckchen.

In diesem Augenblick stand sie mit gefurchter Stirn in der Küche und überwachte das Essen. Zwei Köchinnen aus dem Gasthof an der Ecke waren angestellt und versuchten ihr Bestes zu leisten.

Und hier fand Ernst sie endlich, nachdem er sie überall gesucht hatte. Er küsste sie auf den Nacken und sie drehte sich nach ihm um.

»Marlinde, ich fühle mich so verlassen. Warum bist du nicht bei mir?«

Er machte so traurige Augen, dass sie einfach nicht widerstehen konnte.

Sie hängte sich bei ihm ein und ging mit ihm. »Jetzt werden sie auch wohl ohne uns fertig, nicht wahr?«

»Ja, mein Herz!«

Sie seufzte.

»Was ist?«

»Ach, ich wäre so gern noch eine Weile eine böse Stiefmutter gewesen und jetzt?«

Lachend trat das Brautpaar auf sie zu.

Wolf hatte die Worte gehört.

»Du, Marlinde, wenn du arg böse bist, dann werden wir dich bald zur Oma machen, was dann?«

Details

Seiten
369
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941081
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v900220
Schlagworte
angesicht berge bergromane dramatische drei heimat-roman sammelband schicksale

Autoren

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Titel: Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 4 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge