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Die Raumflotte von Axarabor - Band 165: Weltraumkolonie Hitoris

©2020 86 Seiten

Zusammenfassung


Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.
Der Kontakt mit dem Planten Hitoris bricht ab. Zwei Wissenschaftler der Raumflotte von Axarabor sollen die Gründe herausfinden. Auf Hitoris treffen sie auf eine Reihe von Seltsamkeiten, allem voran auf grausame Kreaturen, Kriegsersatzspiele und ein außergewöhnliches Liebesabenteuer: 9000 Jahre Evolution haben die Menschen auf Hitoris in totale Abhängigkeiten getrieben. Kann es eine Befreiung geben?

Leseprobe

Table of Contents

Weltraumkolonie Hitoris

Copyright

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Weltraumkolonie Hitoris

Die Raumflotte von Axarabor - Band 165

von Hubert Hug

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 86 Taschenbuchseiten.

 

Zehntausend Jahre sind seit den ersten Schritten der Menschheit ins All vergangen. In vielen aufeinanderfolgenden Expansionswellen haben die Menschen den Kosmos besiedelt. Die Erde ist inzwischen nichts weiter als eine Legende. Die neue Hauptwelt der Menschheit ist Axarabor, das Zentrum eines ausgedehnten Sternenreichs und Sitz der Regierung des Gewählten Hochadmirals. Aber von vielen Siedlern und Raumfahrern vergangener Expansionswellen hat man nie wieder etwas gehört. Sie sind in der Unendlichkeit der Raumzeit verschollen. Manche errichteten eigene Zivilisationen, andere gerieten unter die Herrschaft von Aliens oder strandeten im Nichts. Die Raumflotte von Axarabor hat die Aufgabe, diese versprengten Zweige der menschlichen Zivilisation zu finden - und die Menschheit vor den tödlichen Bedrohungen zu schützen, auf die die Verschollenen gestoßen sind.

Der Kontakt mit dem Planten Hitoris bricht ab. Zwei Wissenschaftler der Raumflotte von Axarabor sollen die Gründe herausfinden. Auf Hitoris treffen sie auf eine Reihe von Seltsamkeiten, allem voran auf grausame Kreaturen, Kriegsersatzspiele und ein außergewöhnliches Liebesabenteuer: 9000 Jahre Evolution haben die Menschen auf Hitoris in totale Abhängigkeiten getrieben. Kann es eine Befreiung geben?

 

 

 

Copyright

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Alfred Bekker

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© Serienidee Alfred Bekker und Marten Munsonius

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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1

Beinahe berührten die Flammen der Fackel die Hand. Oramsar beeilte sich und entzündete das dritte Feuer im tiefgelegten Spielfeld, das von einer über zwei Meter hohen Steinmauer umgeben war. Korusholz, Gras, Kunststoffe, Haare, Kleiderfetzen und Reste von Baumaterial gingen in Flammen auf. Es roch bereits nach stechenden Aschevariationen und verbranntem Öl.

Oramsar warf die Fackel ins Feuer, trat zur Mauer, kletterte an den Haken hoch, lief zu den Stufen und stieg auf die Bühne, von wo aus er das etwa hundert mal hundert Meter große Spielfeld unter ihm und die Tribünen der anderen drei Seiten der Arena überblicken konnte. Zufrieden beobachtete Oramsar, wie die Flammen der drei, in einer Reihe liegenden Feuer die obersten Holzschichten anbrannten, bevor er zu den Tribünen blickte. Alle Köpfe waren zu ihm gerichtet.

Oramsar stand im Schatten eines Korusbaumes und griff sich an das rechte Ohr.

„Das Spiel kann beginnen“, rief er mit erhobenem Kopf in Richtung des Mikrophons, das an einem Ast des Baums hing. Dann setzte er sich auf den einzigen Stuhl auf der Bühne und umgriff die Armlehnen. Er konnte das blutige Schauspiel kaum erwarten.

Die Mengen, die auf den beiden Tribünen links und rechts von ihm saßen, jubelten ihm zu. Sie standen auf, winkten und brüllten mit aufgerissenen Mäulern ineinander hallende, wirre Worte. Es waren alles Männer, erwachsene Männer, die brüllten, bellten und sangen wie Raubtiere.

Auf der Tribüne gegenüber von Oramsar – hinter dem grauen Rauch der Feuer – saßen die Frauen, die sich kaum bewegten und nicht in das Geschrei einstimmten. Alle waren in weite, braune Gewänder gehüllt, im Gegensatz zu den Männern, die mit enganliegenden, kurzen Hosen und kurzärmligen, knopflosen Hemden bekleidet waren. Aber die gesamte Kleidung, die der Männer und die der Frauen, bestand aus dehnbaren Peptidfasern, die aus einem Gras gewonnen wurden.

Milder Wind wehte die Asche, die aus den Flammen in die Luft aufstieg, auf die rechte Tribüne und Oramsar beobachtete, wie sie sich auf den weißen Hemden der dort sitzenden Männer niederließ. Dann richtete er seine Blicke auf die linke Tribüne, wo die blauen Hemden der anderen Männergruppe unter der Sonne leuchteten. Oramsar selbst trug ein blau-weiß gestreiftes Hemd, in dem er sich erhaben fühlte.

Die Frauen jubelten nicht, schwiegen und erschienen uninteressiert an dem Geschehen. Aber wie die Männer hatten sie kurzgeschorene, blaue Haare. Oramsar konnte hinter dem grauen Rauch ihre Gesichter nicht erkennen.

Das aufgestapelte und von unten her abgebrannte Brennmaterial brach mit einem Poltern in sich zusammen und Glut flog hoch in die Flammen. Beinahe in allen drei Feuern gleichzeitig. Einige der Männer in den weißen Hemden auf der rechten Tribüne husteten.

Als es sich in den Feuern beruhigt hatte, hob Oramsar seinen rechten Arm. Er hielt den Ast eines Korusbaums, an dem ein rotes Fähnchen flatterte, in die Höhe, winkte damit, blieb aber bei der Aktion sitzen.

„Ersatz des Krieges auf Hitoris!“, schrie er.

„Ersatz des Krieges auf Hitoris!“, schrien die Männer.

Die Frauen schwiegen.

Auf jeder der beiden Männertribünen erhob sich je ein Mann aus der Menge, der einen Speer aus schwarzem Korusholz und mit einer langgezogenen, dünnen Diamantspitze hochhielt.

„Ümoräa“, rief Oramsar und zeigte mit dem Fähnchen auf die Männer, zuerst nach rechts zu dem Weißen, dann nach links zu dem Blauen.

Beide traten als auserwählte Kämpfer auf den Mittelgang, positionierten sich im Zentrum der Tribüne und richteten ihren Speer drohend nach vorne auf den Krieger im andersfarbigen Hemd auf der gegenüberliegenden Seite. Bewegungslos verharrten die beiden Männer und fixierten sich mit ihren Blicken: starr, feindlich, böse und vernichtend. Oramsar hob das Fähnchen in die Mitte.

Die Flammen der Feuer, die unter ihm auf dem Spielfeld zwischen den Tribünen brannten, schossen bereits meterhoch. Oramsar war zufrieden. Der Rauchgeruch war intensiv und beruhigte ihn wie ein Rauschgift.

„Der Weiße möge siegen“, riefen die Männer in den weißen Hemden auf der rechten Tribüne. Gleichzeitig riefen die Männer in den blauen Hemden auf der linken Tribüne: „Der Blaue möge siegen.“

Wie in einem Kanon überlagerten sich die Schreie, in gleicher Lautstärke und monoton. Oramsar nickte.

Die beiden auserwählten hoben ihre Speere hoch, drehten sie dreimal über ihrem Kopf und traten von der jeweiligen Tribüne die Stufen herab. Von dort kletterten sie an Haken die Mauer hinunter ins Spielfeld.

Das mittlere Feuer loderte zwischen ihnen. Der Wind hatte inzwischen aufgehört und die Flammen züngelten nach oben. Auch der Rauch stieg senkrecht zum Himmel.

Oramsar nahm den roten Ball, der vor ihm auf dem Boden lag, in seine rechte Hand, zeigte ihn nach vorne und nach beiden Seiten.

„Ömsera“, jubelten die Männer.

Die Frauen schwiegen.

Oramsar hob den Ball nach oben, bewegte ihn mit seinem rechten Arm schräg nach hinten und warf ihn in Richtung der Feuer.

Der Ball machte einen Bogen nach oben und landete im hinteren Feuer.

Sofort stürmten die beiden mit Speeren bewaffneten Männer los, rannten zu dem Feuer, in dem der Ball gelandet war, stachen mit den Speeren wild im Feuer herum und wirbelten rote Glut auf, der sie nach hinten auswichen.

Oramsar spürte die Hitze der Feuer bis zu sich auf seiner Haut und beobachtete, wie den beiden Kriegern bei ihrer Anstrengung Schweiß von der Stirn tropfte. Er streckte sich und nickte. ‚Mein Wille ist gut‘, dachte er und kratzte sich am Ohr.

Mit den Ellenbogen schubsten sich die Kämpfer gegenseitig nach hinten oder zur Seite. Doch immer wieder gelang es einem der beiden vorzupreschen, um mit der Speerspitze ins Feuer zu gelangen.

Beide stachen jetzt gleichzeitig ins Feuer. Es gelang schließlich dem Krieger im blauen Hemd, den brennenden Ball, den er mit der Speerspitze getroffen hatte, aus dem Feuer zu ziehen. Er betrachtete ihn, ließ einen Freudenschrei tief aus seiner Lunge heraus und rannte mit vorgestrecktem Speer zu dem Weißen, der sich bereits hinter dem vorderen Feuer zu verstecken versuchte und ebenfalls einen markerschütternden Schrei in Oramsars Richtung schickte.

„Brenn den Weißen“, feuerten die Blauhemden ihren Mann an.

„Hol den Ball!“, riefen die Weißhemden in befehlendem Ton zu dem Weißen, der kurz seinen Kopf zu ihnen drehte und sie dabei anblickte, als bitte er um Verzeihung.

Der Weiße bückte sich tief, rannte um das erste Feuer, dann um das mittlere und schließlich um das dritte, wobei ihm der Blaue folgte. Sobald der Blaue ihm näherkam, schlug der Weiße mit der gesamten Kraft seiner Beine eine Kurve und der Abstand zwischen ihnen vergrößerte sich von Neuem.

Die Männer brüllten und pfiffen. Jedes Mal, wenn der Blaue den Weißen fast erreicht hatte und ihn mit dem brennenden Ball zu berühren versuchte, schrien die Blauen: „Brenn ihn! brenn ihn!“

Währenddessen ließen die Weißen auf der anderen Seite ihre Stimmen ertönen: „Stich den Ball! Schnapp den Ball! Nimm den Ball!“

„Pass auf – verflixt – gut so“, kommentierte Oramsar das Geschehen.

Die Frauen schwiegen.

Plötzlich drehte sich der Weiße um und rannte mit gestrecktem Speer auf den Blauen zu. Offensichtlich mit er Absicht, ihn zu töten.

„Es darf noch nicht getötet werden. Haltet euch an die Spielregeln. Ihr sollt euch brennen“, rief Oramsar dem Weißen gereizt zu. „Wir sind noch in der Brennphase.“

Der weiße Krieger blickte kurz zu Oramsar und ließ den Speer sinken. Oramsar lehnte sich zurück.

Prompt hielt der Blaue dem Weißen den brennenden Ball, der fest auf der Speerspitze zu stecken schien, entgegen. Der Weiße stoppte und bewegte seinen Speer in Richtung des Balls. Nicht mehr das Herz des Blauen, sondern der Ball auf der Speerspitze war das neue Ziel. Der Blaue duckte sich, senkte den Speer und versuchte ein Bein des Weißen anzubrennen. Der Ball berührte fast das Knie, als der Weiße es schaffte, mit seinem Speer den des Gegners zur Seite zu schlagen. Sofort drehte sich der Blaue und rannte hinter den Weißen, der einen Augenblick verblüfft um sich blickte. Erneut ging der Blaue mit dem glühenden Ball auf den Weißen los.

„Brenn ihn! Brenn ihn!“, schrien die Blauen von der Tribüne.

„Hol den Ball!“, brüllten die Weißen.

Die Frauen schwiegen.

Der Weiße wich dem Ball mit einem langen Schritt aus und rutschte dabei im Sand. Seine Beine knickten. Der Blaue nutzte die Gelegenheit und stach ihm den brennenden Ball blitzartig in die Seite. Mit einem Schmerzensschrei fiel der Weiße auf den Boden. Schon hob der Blaue den Speer.

„Stopp!“, befahl Oramsar, wobei er beide Arme nach oben bewegte.

Der Blaue ließ den Speer sinken.

Auf der Tribüne der Blauen ertönten Jubelschreie.

Die Weißen senkten die Köpfe.

Die Frauen regten sich nicht.

 

 

2

Oramsar erhob sich, strich sein blau-weiß gestreiftes Hemd gerade und richtete den rechten Arm ausgestreckt in die Höhe. Die Finger zeigten zur Sonne. Seine Blicke waren auf den Sieger im blauen Hemd gerichtet.

„Ömsera – die erste Etappe des Spiels ist beendet – ömsera. Der Blaue Sieger möge abtreten. Er hat diesen Teil des Ersatzkrieges gewonnen“, rief er in Richtung der Tribüne zu den Männern in den blauen Hemden.

„Sieg, Sieg, Sieg“, schrien die Blauen, während ihr Krieger den Speer mit dem Ball vor das mittlere Feuer legte, dann zu ihnen auf die Tribüne stieg und sich an seinen vorigen Platz setzte. Er war von den anderen Blauhemden aus der Ferne bereits nicht mehr zu unterscheiden.

Währenddessen hatte sich der besiegte Weiße vom Boden erhoben und hinkte aus der Hitzezone des Feuers in Oramsars Richtung. Die Brandwunde an seiner rechten Seite war neben dem angeschmorten und zerrissenen Hemd deutlich sichtbar, ein dunkelroter, apfelgroßer Fleck unter den Rippen, der so tief wirkte, als wäre auch die Speerspitze eingedrungen. Der Verletzte versuchte, so gerade wie möglich zu gehen. An der Mauer unterhalb Oramsars Bühne blieb er stehen, die Augen vor Angst weit aufgerissen.

Oramsar lauschte, als empfinge er Signale. Der Weiße blickte ihn an, als erwartete er von ihm Hilfe.

‚Beim Kriegsersatz gibt es keine Gnade‘, dachte Oramsar und zog an einem Hebel neben seinem Stuhl.

Die Haken an der Wand der Arena klappten mit einem klickenden Geräusch nach unten in Spalte, so dass man nicht mehr an ihnen hochklettern konnte.

Danach herrschte für ein paar Augenblicke auf den Tribünen Totenstille. Nur die Feuer knisterten.

Oramsar zog nochmals an dem Hebel.

Diesmal knackte es in der Mitte des Mauerteils, das vor der Tribüne der Frauen lag. Ein Schiebetor, dessen Oberfläche von dem Steinmuster der Mauer kaum zu unterscheiden war, öffnete sich. Sehr langsam, so als wollte es möglichst ohne Geräusch die Spannung des Spiels verlängern.

Die Köpfe der Männer drehten sich in Richtung der Frauentribüne.

Die Frauen schlossen die Augen. Sie konnten das Tor unter ihrer Tribüne ohnehin nicht sehen.

Der Weiße kauerte sich mit schweißnassem Körper an die unterhalb Oramsars Bühne liegende Mauer, als würde sie sich dadurch öffnen und er könnte dahinter verschwinden. Er ließ den Speer fallen und griff an die Wunde, nahm die Hand aber sofort wieder zurück. Er öffnete den Mund, als wollte er schreien. Oramsar hörte aber nur das unterdrückte Murren der Weißhemden von deren Tribüne her. Dann ertönte die Stimme einer Frau, verstummte aber sofort wieder.

Die Köpfe der Männer beider Tribünen starrten zum Tor. Es hatte sich inzwischen vollständig geöffnet und gab einen etwa vier Meter breiten Durchgang frei. Ein Brummen und Dröhnen ertönte aus der dunklen Öffnung.

Der Weiße erstarrte und drückte die Hände noch stärker gegen die Wand. Auf dem Boden neben ihm hatte sich ein roter Fleck gebildet.

Oramsars Herz schlug höher, so wie wahrscheinlich auch die Herzen der Männer auf den Tribünen.

Die Frauen zeigten keine Regung.

Das Geräusch aus der Öffnung wurde lauter und ging in ein Fauchen und Knurren über.

Oramsar atmete tief durch und griff an sein Ohr. Er freute sich über die Erfindung des Kriegsersatzes. Alle Anwesenden würden zufrieden sein.

Auch die Frauen.

Allen sollte es eine Erleichterung sein. Kein Krieg. Nur ein Toter mit viel Spaß. Im schlimmsten Falle, denn jeder auf Hitoris bekam eine Chance.

Oramsar genoss den Nervenkitzel, die Vorstellung von Schmerzen, die er selbst nicht zu ertragen hatte.

Der Widerhall des Fauchens wurde schriller und höher. Erst war es ein Bass gewesen, jetzt schon beinahe ein Sopran. Die rechte Hand des Weißen, der an der Mauer kauerte, ging zum Boden und hob den Speer auf. Sie umgriff ihn krampfhaft. Oramsar fragte sich, warum er nicht auch den Speer des Blauen geholt hätte. Noch immer lag dieser mit dem brennenden Ball neben dem mittleren Feuer. Zeit und genug Kraft hätte der Verletzte doch gehabt?

Mit erwartungsvollen Mienen starrten die Männer und Oramsar zum Tor. Die Frauen blickten eher gelangweilt nach vorne oder nach unten, obwohl sie das Tor nicht sehen konnten.

Die Feuer brannten noch. Die Flammen waren zwar nicht mehr so hoch, aber es stieg beinahe so viel Qualm aus den Feuern wie zuvor.

Der Weiße stand inzwischen aufrecht ein paar Meter vor der Mauer, den Speer schützend nach vorne gerichtet. Er hatte solchen Kämpfen schon vorher auf der Tribüne beigewohnt und wusste, was ihn erwartete. Es gehörte zum Spiel des Kriegsersatzes. Mit großen, angsterfüllten Augen betrachtete er das Tor, dann die Feuer, die Mauer, die Haken, die in die Wand geklappt waren, die Männer auf den Tribünen. Es konnte kein Entrinnen geben.

Aus der Dunkelheit des Schachts hinter dem Tor erschien eine Gestalt: langsam, riesig, menschenähnlich, lange Beine, kräftige Arme, mächtige Schultern, behaart. Der Mund stand halboffen und gab den Blick auf metallisch glänzende, spitze Zähne frei.

„Ersatz des Krieges auf Hitoris!“, schrien die Männer laut und schrill von beiden Tribünen her.

Die Frauen schwiegen.

Der Weiße unten vor der Mauer hatte alle Muskeln angespannt. Oramsar betrachtete genüsslich, mit welch rascher Frequenz sich sein Bauch hob und senkte, und erkannte erst jetzt, wie beschmutzt und verschmiert dessen Hemd war. Die Wunde auf der rechten Seite hatte zu bluten aufgehört. Dunkelrote Krusten hatten sich auf den Hemdfetzen und der hellen Haut gebildet.

Oramsar dachte mit Genugtuung darüber nach, dass die Bewohner von Hitoris zwar Cyborgs aus früheren Zeiten und den Kriegen her kannten, nicht aber über deren neue Fähigkeiten, Aussehen und Zustände informiert waren. Oramsar und seine Vorgänger hatten die Entwicklungen auf dem Gebiet des erweiterten Lebens geheim gehalten. In Wirklichkeit ging es um Einschüchterung und Machterhaltung, offiziell handelte es sich um Kriegsersatz.

Auch der Weiße dort unten wäre alleine aus Angst vor der Kraft der Cyborgs fast umgekommen. Aber die Abschaffung des Kriegs hätte eben Opfer mit sich gebracht. Männer und Frauen wären mit der gegenwärtigen Situation zufrieden. Davon war Oramsar überzeugt und strich sich über die Ohren.

„Uuaarrh“, ertönte es aus Richtung des Tors.

Jedes andere Geräusch, sogar das gelegentliche Hüsteln, verstummte.

Der Koloss trat mit schwerfälligen Schritten aus der Finsternis des unterirdischen Ganges hervor. Jeder plumpe Auftritt auf dem harten Boden erzeugte einen dumpfen Knall.

‚Der Cyborg macht das gut‘, dachte Oramsar.

Als der Riese vollkommen von der Sonne beleuchtet wurde und einen langen Schatten in Richtung der Tribüne der Frauen warf, jubelten die Männer wie auf Kommando: „Ömsera.“

Die Frauen schwiegen.

‚Es läuft‘, erkannte Oramsar.

 

 

3

Ein kalter Wind heulte vor dem Hauptsitz des Verbandes zur Integration kurioser Randpopulationen auf dem Planeten Torion, der in einem wichtigen Quadranten des Sternenreichs von Axarabor lag. Auf diesem Planeten war die Erforschung, Beobachtung und Verwaltung von Minderheitspopulation untergebracht, die wenig oder schon länger keinen Kontakt mit Axarabor hatten. Der Admiral-Direktor Axaisy, eine Chimäre aus einem Menschen und künstlicher Intelligenz, hatte zu einer außerordentlichen Sitzung einberufen. Zwei Wissenschaftler waren eingeladen: der Kapitänbiologie Verdan und sein Kollege und Freund der Kapitänchemiker Rajin.

„Wann ist euer Forschungsraumschiff, die KENSAKUKANE, startklar?“, fragte Axaisy den Kapitänbiologen.

„Sofort“, antwortete dieser, als freute er sich auf einen neuen Auftrag. „Die Wartungskosten sind wegen der Minimalausstattung mit Waffen niedrig und benötigen nicht viel Zeit.“

„Sehr gut. Die KENSAKUKANE ist eines der wichtigsten Forschungsschiffe der Raumflotte von Axarabor. Es hat die modernste Ausrüstung zur molekularen Analyse noch unbekannter Lebensformen“, stellte Axaisy fest.

„Um was geht es eigentlich?“, wollte Verdan wissen. Auch Rajin blickte fragend zu Axaisy.

„Ich werde euch beiden Wissenschaftlern eine exotische und sonderbar erscheinende Aufgabe anvertrauen müssen. Aber erst wollen wir uns dazu in Stimmung bringen.“

Axaisy deutete auf den Tisch, wobei sein weißes Gewand raschelte. Als Getränke gab es Setnakaffee, Axamorobier oder süßen Morussaft zur Auswahl.

„Greift zu“, bat Axaisy, „bevor ich euch vom Planeten Hitoris erzähle.“

Verdan schenkte sich Morussaft ein. Rajin griff zu einer Flasche Axamorusbier.

„Es kann losgehen“, sagte Rajin. „Was möchtest du uns sagen?“

„Gut“, begann Axaisy, während er seine Tasse mit Setnakaffee füllte. „Hitoris wurde vor etwa 9000 Jahren mit Menschen besiedelt. Die Population entwickelte sich friedlich. Zumindest haben wir nie gehört, dass sie in politische oder kriegerische Auseinandersetzungen mit Völkern anderer Planeten verwickelt gewesen wäre. Das Klima dort ist dauerhaft warm, es gibt genügend Wasser und die Atmosphäre enthält mindestens fünfundzwanzig Prozent Sauerstoff.

„Dann brennen Feuer gut“, unterbrach Rajin.

„Nicht nur das“, fuhr Axaisy fort. „Auch viele Pflanzenarten mit proteinreichen Früchten gedeihen dort aufs Beste. Die Verhältnisse auf Hitoris erschienen uns paradiesisch und so machten sich der Gewählte Hochadmiral von Axarabor und die untergebenen Regierungen nie Sorgen um den Randplaneten. Man schenkte Hitoris keine besondere Beachtung.“

„Und was ist jetzt passiert?“, fragte Verdan und drehte dabei ungeduldig das halbleere Glas in der Hand.

Axaisy blickte ihn an, als bitte er um mehr Geduld.

„Wir wissen nicht, ob es auf Hitoris seit der Besiedlung eine Rückentwicklung oder Weiterentwicklung gegeben hat. Auf jeden Fall haben wir Hinweise auf Veränderungen. Inwieweit sie begründet sind, kann ich noch nicht sagen. Evolution ist undurchsichtig, besonders, wenn die Selektionsdrucke unbekannt sind.“

„Das heißt, wir kennen die Umwelt nicht vollständig. Gab es Klimaveränderungen? Kommen auf Hitoris Raubtiere vor, die Menschen angreifen? Ist es zu einer Invasion anderer Lebensformen gekommen?“, warf Verdan ein. Er wusste, dass er mit diesen Fragen vorgriff. Aber das waren genau die Probleme, mit denen er sich beschäftigte.

„Oder Schädlinge der Nahrungspflanzen? Mikroorganismen, Viren, Viroide, Bandwürmer oder insektenartige Tiere?“, ergänze Rajin.

„Das alles wissen wir noch nicht“, antwortete Axaisy ruhig. „Noch nicht. Aber wir müssen es herausfinden.“

„Und deswegen sollen wir Hitoris einen Besuch abstatten?“, fragte Verdan.

„Ja, aber im Gegensatz zu fundamentalen oder natürlichen Problemen glaube ich eher an von Menschen verursachte Notlagen oder sogar Katastrophen.“

„Wie kommst du darauf?“, fragte Rajin. „Um was geht es denn genau? Bitte komm zum Kern des Auftrags.“

Axaisy räusperte sich. Er wirkte jetzt unsicher. Mit langsamen Worten sprach er:

„Wir haben einfach den Kontakt verloren. Die Bewohner von Hitoris haben sich seit über hundert Jahren nicht mehr gemeldet. Aber, dass sie auf unsere Nachrichten keine Antworten geben, bereitet mir besondere Sorgen.“

„Bei Setna“, sagte Rajin, „diesem Problem gehen wir gerne auf den Grund.“

Verdan nickte.

„Das ist gut. Denn da wir so wenig über Hitoris wissen und kein akutes Problem wie ein Angriff auf Teile unseres Sternenreiches vorliegt, genehmigt die Regierung von Torion kaum Ressourcen für dieses Projekt. Wir müssen sparen, wo wir können. Deswegen war mein Vorschlag, ein Forschungsraumschiff und zwei neutrale Personen dorthin zu schicken. Der Gewählte Hochadmiral von Axarabor unterstützte meinen Vorschlag und konnte die Mehrheit der Regierungen überzeugen.“

„Das klingt spannend“, meinte Verdan. „Die KESAKUKANE ist bestens geeignet für solch einen Auftrag.“

„Und die Besatzung auch“, ergänzte Axaisy mit einem Lächeln.

 

 

4

Der Cyborg bildete mit beiden Händen einen Trichter vor dem Mund und ließ einen grausamen, ohrenbetäubenden Schrei wie von einer Sirene in Richtung des Weißen, der vor Schreck zu zittern begann. Selbst Oramsar hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Aber er dürfe keine Gefühle zeigen, dachte er, auch das Schreien gehöre zum Spiel. Noch lange hallte das Echo nach.

„Brenne, zerfetze, töte den Weißen!“, schrien die Blauen dem Koloss zu.

Details

Seiten
86
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941074
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
axarabor band hitoris raumflotte weltraumkolonie
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Titel: Die Raumflotte von Axarabor -  Band 165: Weltraumkolonie Hitoris