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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 3 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

2020 309 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

von A.F.Morland, Glenn Stirling, G.S.Friebel

Klara und die Brüder

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Denk nicht mehr an die Schatten

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RONALDS VERSUCHUNG

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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 3 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

von A.F.Morland, Glenn Stirling, G.S.Friebel

 

 

Über diesen Band:

 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

 

G.S.Friebel: Klara und die Brüder

Glenn Stirling: Denk nicht mehr an die Schatten

A.F.Morland: Ronalds Versuchung

 

 

Er zog die Gummistiefel aus, ging ins Bad, duschte, zog sich um, und als er draußen einen Wagen vorfahren hörte, war er sicher, dass seine Lotte angekommen war. Sein Herz schlug bis zum Hals hinauf. Er eilte zum Fenster. Draußen stand ein weißer Renault Clio, eine blonde, attraktive Frau stieg soeben aus und blickte sich um. Lotte! Ronald hätte beinahe einen Freudenschrei ausgestoßen. Er war ganz schrecklich aufgeregt und stürmte aus dem Haus. Am liebsten hätte er Lotte in seine Arme gerissen und wie verrückt geküsst, aber das durfte er nicht. Er musste sich zurückhalten. In so einem kleinen Dorf stand man unter ständiger Beobachtung. Nur im Haus würden er und Lotte vor neugierigen Blicken sicher sein, deshalb gab sich Ronald Labasek hier draußen zwar sehr freundlich, aber reserviert. Aber drinnen...

 

 

 

 

 

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER ALFRED HOFER 123rf

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Klara und die Brüder

Heimatroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Nach dem Tod der Mutter versucht die gerade 18-jährige Klara, die kleine Familie aus sich selbst und drei Brüdern zusammenzuhalten. Doch da zeigen sich ungeahnte Schwierigkeiten. Obwohl das Mädchen die Lehre abbricht und bis zum Umfallen arbeitet, danken die Brüder es ihr nicht und gehen eigene Wege, werfen sie sogar aus dem dem elterlichen Haus hinaus. Klara ist verzweifelt. Erst als sie eine Stellung annimmt, bei der sie sich um zwei fremde Kinder kümmern muss, kommt etwas Lebensfreude auf. Aber sie hat Angst, vom Leben wieder enttäuscht zu werden.

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Klara Löb stand schluchzend am Türpfosten gelehnt. Die Tränen liefen ihr über das weiße Gesicht. Ihre Schultern zuckten und bebten.

Der Blick war umflort.

Nur verschwommen sah sie die Umwelt.

Eine graue Regenwand hatte sich vor die Berge geschoben. Das Tal schien zu dampfen. Doch das war nur der Regen. In der Nacht war er angefangen.

Jetzt sah man nichts von der Lieblichkeit der Bergwelt, um derentwillen so viele Fremde hierher kamen.

Sie konnte und wollte es noch immer nicht glauben. War denn das Leben jetzt nicht so sinnlos geworden? So schrecklich erbarmungswürdig? Der Boden war ihr unter den Füßen fortgerissen worden.

Was sollte sie tun?

Was denn?

Sie konnte ruhig ihr Leid in die Welt hinausschreien, es würde nur als Echo zu ihr zurückkommen.

Wenn man so verstört ist, dann ist jeder Trost einfach sinnlos geworden.

Ihr Verstand sagte: Du kannst nicht so stehenbleiben, du musst etwas tun. Gleich werden sie kommen. Begreif doch endlich, die Tränen helfen dir auch nicht weiter. Du musst jetzt stark sein.

Die verarbeiteten Hände zogen das zerknüllte Taschentuch aus der Schürze. Das Gesicht wirkte jetzt aufgedunsen und verquollen.

Klara wischte sich mit einer entschlossenen Geste die Tränen fort.

»Sie sollen mich nicht so sehen«, murmelte sie verzweifelt in ihr Taschentuch. »Ich muss es ihnen beweisen, wir …«

Im Gang ertönten Schritte.

Hastig steckte sie das Taschentuch fort. Es war nur Werner, ihr Bruder. Sechzehn Jahre alt.

»Sie kommen den Berg hinauf«, sagte er mit rauer Stimme.

Er befand sich im Stimmbruch, fühlte sich überhaupt recht unglücklich, weil die Hosen zu kurz und die Glieder zu lang waren.

Man hatte nie Geld gehabt, und jetzt erst recht nicht. In aller Eile hatte die Schwester aus den Sachen des toten Vaters für die Brüder etwas Dunkles geschneidert. Auch das hatte sie die Mutter gelehrt. Niemals etwas fortzuwerfen. Man konnte es immer wieder gebrauchen.

Die Mutter!

Kaum dachte sie dieses Wort, da fühlte sie wieder den Kloß in der Kehle.

»Hole Elmar und Gören«, sagte sie mit herber Stimme.

»Sie sind in der Scheune, sie mögen nicht ins Haus kommen«, sagte der Bruder.

»Bald ist alles vorbei.«

»Ja!«

Werner blickte die Schwester mit gerunzelter Stirn an.

»Ich werde kein Knecht«, sagte er mit böser Stimme. »Ich nicht. Lieber laufe ich fort. Die Dickwänste da unten im Ort können nicht einfach über uns bestimmen. Die nicht! Ich werde mich zu wehren wissen.«

»Werner, ich flehe dich an, man könnte dich hören. Denk doch an die Mutter.«

Er war böse und sehr zornig.

Klara fürchtete sich vor diesem halbfertigen Burschen. Sie war ja auch erst achtzehn. Zart von Figur. Körperlich würde sie nie etwas gegen den jüngeren Bruder ausrichten können.

»Ich nicht«, sagte er noch einmal mit rotem Kopf.

Sie legte eine Hand auf seine Schulter.

»Flenn doch nicht so«, schimpfte er die Schwester aus.

Ihre Lippen zitterten so, dass sie keine Antwort geben konnte.

Dann waren die Schritte zu hören. Sie kamen aus dem Dorf.

Die Nachbarn waren auch dabei.

Sie standen vor der Tür. Die Mütze in der Hand. Schließlich wusste man, wie man sich in so einer Lage verhalten musste.

»Tja, Klara, dann ist es ja wohl soweit. Dann wollen wir mal.«

Der Pfarrer stand keuchend hinter der Männergruppe. Das Steigen hatte ihn ganz außer Puste gebracht. Ja, hier oben, da gab es noch keinen breiten Weg. Man musste alles auf dem Buckel runter ins Tal schaffen. Sogar die Toten!

Aus der Regenwolke drang jetzt das dünne Glöckchen aus dem Dorf.

»Komm!«

Werner ging voran, stumm und mit einer bösen Falte zwischen den dunklen Augen.

Als Klara in die ärmliche Stube trat, fiel ihr Blick gleich auf die Frau im Sarg.

Die Mutter!

Wie dünn, wie verhärmt und müde sah sie aus. Keine schöne Tote. Sie hatte ausgelitten.

 

 

2

Die Buben schlangen das Essen in sich hinein. Dabei sahen sie unverwandt die Schwester an. So etwas wie eine Bedrohung ging von ihnen aus.

Sie richtete den Blick auf die Buben.

Zum ersten Male stellte sie sich die Frage: Mein Gott, was soll aus ihnen werden? Sie können doch nicht allein da oben bleiben. Nein, das geht wirklich nicht. Was hat vorhin der Werner gesagt: »Ich werde kein Knecht.«

Für Sekunden schloss sie die Augen.

Sie kannte doch auch das Gesetz, das hier waltete. Wenn Kinder übrigblieben, dann wurden sie in der Regel auf die reichen Höfe verteilt. Früher nannte man sie Ziehkinder, zahlte sogar auch einen kleinen Betrag, wenn es besonders kleine Kinder waren, die noch nicht zur Arbeit angehalten werden konnten. Sie hatten dann wirklich kein schönes Leben. Aber immer noch besser, als in ein Heim zu müssen.

Die Zeiten hatten sich natürlich geändert, aber das Verteilen war noch normal. Ins Heim sollten sie nicht. Der Bürgermeister sprach auch davon.

»Dann werden die Kinder getrennt. Nein, das wollen wir nicht. So bleiben sie im Tal und können sich jederzeit sehen. Das Haus müssen wir so lange verschließen und die Kühe verkaufen wir. Du musst sehen, Klara, das ist die beste Lösung für alle.«

Es war das Beste für die Bauern, denn so erhielten sie billige Arbeitskräfte. Anträge lagen auch schon genug vor, besonders auf den Werner und Elmar. Aber auch Gören war mit zwölf schon ein kräftiger Bursche.

»Klara, du kannst dann zurück in dein Hotel und deine Lehre beenden. Wir sorgen inzwischen für deine Brüder, wie es sich gehört. Und sobald einer in der Lage ist, selbst den Hof zu übernehmen, kann er ihn nehmen.«

Klara dachte, das hört sich so einfach an. Doch bis dahin ist von dem Haus nicht mehr viel da, und wenn man dann auch noch das Vieh verkaufen muss, dann muss man gleich mit vielen Schulden anfangen. Das schafft man einfach nicht. Lohn erhalten sie doch nicht. Es sind doch noch Kinder. Außerdem bekommen sie ja freie Unterkunft und Kleidung gestellt.

Plötzlich verstand sie den Werner.

Seinen Hass auf die Obrigkeit.

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit?«, fragte sie mit leiser Stimme.

»Nein, es sei denn, aus der Verwandtschaft kommt jemand, der die Kinder erzieht. Wie gesagt, eine volljährige Person muss oben auf dem Hof wohnen, dann hat alles seine Ordnung. Ich bin der Bürgermeister. Ich kenne mich mit den Gesetzen aus, musst du wissen.«

Klara sagte: »Wir haben keine Verwandten.«

»Eben!«

Da meldete sich der Werner.

»Die Klara ist volljährig. Sie ist achtzehn vorbei. Das ist auch eine Verwandte.«

Alle Augen richteten sich auf den Buben. Seine schwarzen Augen waren unergründlich.

Die Schwester verspürte einen Stich im Herzen.

»Du kannst oben bleiben, Dann müssen wir nicht fort«, sagte der Bruder hart.

Schweigen in der Runde.

»Hast der Mutter nicht immer gesagt, dass du eines Tages wieder raufziehen willst?«

Sein Blick war jetzt lauernd.

»Ja«, sagte sie schwach. »Aber meine Lehre, ich meine doch, wenn man genug Geld hat, dann ...«

»Jetzt«, sagte Werner. »Jetzt, nicht später. Was haben wir davon, wenn du es später tust?«

Der Bürgermeister sah die Großbauern an. Sie schüttelten unmerklich den Kopf.

»Bub, das kannst doch nicht wirklich von deiner Schwester verlangen. Sie müsste ja dann die Lehre abbrechen. Geh, und dann ist sie ja auch so zart: Das schafft sie nimmer, jetzt da oben den Haushalt und die Wirtschaft zu führen. Das ist Männerarbeit, verstehst du, Werner?«

»Doch«, sagte er stur. »Das kann sie wohl. Die Mutter hat es auch gekonnt. Da hat niemand gesagt, das ist Männerarbeit. Und ich helf ihr auch dabei, der Elmar und der Gören auch. Ich werde nicht Knecht bei euch.«

Der Druck war wieder da.

Klara war totenblass geworden.

Alle Augen richteten sich auf das Mädchen.

Sie war jung und zu verstört, um zu verstehen, was in diesem Augenblick hier vorging.

Dass man den Leichenschmaus ausrichtete, ohne Geld zu verlangen, das hätte ihr zeigen müssen, dass man die Lösung des Bürgermeisters wollte.

Aber sie dachte in ihrer Not, wenn ich es nicht tu, was der Bruder sagt, dann wird mich das ganze Dorf verachten. Sie werden mich hassen und mich egoistisch nennen. Ich denke ja auch nur an mich. Aber nur, weil ich dort glücklich bin, weil ich dort gebraucht werde. Weil sie nicht mit mir schimpfen. Dort verdiene ich mein Geld, bin frei.

Wie ein kleiner, zorniger Bulle stand Werner vor ihr.

»Wir gehören zusammen. Ich kann es nicht zulassen, dass sie Gören und Elmar holen gehen. Lieber tu ich mir was an. Ich will das nicht.«

Da war der Wille des jungen Mädchens gebrochen. Ängstlich starrte sie ihn an.

»Wenn es geht, dann bleibe ich daheim«, sagte sie mit leiser Stimme..

Der Bürgermeister wollte noch vieles sagen, aber der Werner drängte die Schwester nach draußen.

»Wir haben noch einen weiten Weg zum Hof. Wir müssen jetzt gehen.«

Da zogen nun die vier Waisen fort.

Der Wirt stand am Fenster.

»Und was ist jetzt?«

»Nix«, knurrte der Bürgermeister.

»Verdammt, der Bub würde mir zupass gekommen. Ich brauche eine Hilfe und kriege sie nicht. Das geht doch nicht. Kann man denn von Gesetz wegen das zulassen?«

»Die Klara ist volljährig, wir können ihr nix reinreden. Wir können nur etwas unternehmen, wenn sie es nicht schafft. Wenn die Buben sozusagen verlottern. Dann kann ich als Gemeindevorsteher eingreifen. Und wie mir scheint, schafft sie es nimmer. Dazu ist sie viel zu schwach. Die Mutter hat sich doch auch zu Tode gerackert. Wir werden ein Auge auf die Löb-Kinder halten. Was sind denn ein paar Wochen? Dann wird sie aufgeben, und wir können die Buben unter uns verteilen, wie wir es vorhatten.« .

Also wartete das Dorf auf seine Chance.

 

 

3

Klara war mit dem Bub nach Mellau gefahren. Nur ungern ließ man das bescheidene und freundliche Mädchen ziehen. Doch unter diesen Umständen mussten sie wohl den Vertrag mit ihr lösen.

»Wenn Sie es sich anders überlegt haben, dann kommen Sie nur wieder, Klara. Wir nehmen Sie immer gern auf. Das wissen Sie doch.«

»Danke«, stammelte sie und nahm das Geld entgegen, das ihr zustand.

Dieses Gefühl, ich kann ja wiederkommen, machte sie ein wenig froh.

Doch als sie die Sachen packte, noch einmal aus ihrem Stübchenfenster blickte, da überfiel sie doch so etwas wie Schwermut. Sie hätte gemeint, ihr eigenes Leben aufbauen zu können. Und nun musste sie wieder ins Elternhaus zurück. Dort kannte sie nur Angst und Schrecken. Und jetzt kam noch so vieles hinzu. Die Mutter war nicht mehr da. Bei ihr konnte sie keinen Schutz mehr finden.

Als sie sich auf dem Heimweg befand, sagte sie sich, ich bin jetzt erwachsen. Ich muss meine Geschwister zu anständigen Menschen erziehen. Wenn Mutter mich jetzt sehen kann, dann wird sie bestimmt froh sein, dass alles so gelaufen ist. Ich glaube, ich wäre nicht froh geworden, wenn die Geschwister vom Hof hätten fort müssen.

Auch sagte sich das junge Mädchen: Sie sind noch jung und ich kann sie formen. Die Mutter hatte zwar immer behauptet, sie hätten den Charakter des Vaters geerbt. Aber dieser war doch nicht mehr da, er konnte sie nicht mehr quälen, und die Buben auch nicht mehr beeinflussen.

»Ich muss es schaffen«, flüsterte sie leise vor sich hin. »Ich weiß, das ganze Dorf wird darauf achten. Sie werden meine Brüder beobachten, ich muss es einfach schaffen.«

Mit dem Koffer und der Tasche war der Anstieg zum Hof recht beschwerlich. Immer wieder musste sie stehenbleiben und Atem schöpfen. Jetzt würde sie auch wieder die Taschen voller Lebensmittel raufschaffen müssen. Wie zu ihrer Schulzeit. Wie gut konnte sie sich noch daran erinnern! Andere Höfe, die so hoch lagen, hatten sich längst ein Auto angeschafft. Da konnte die Bäuerin einmal die Woche einen Großeinkauf vornehmen. Überhaupt war mit einem Auto alles viel leichter.

Über eine Stunde brauchte sie für den Anstieg. Dann war sie oben. Von den Buben keine Spur. Sie war am frühen Morgen gleich fortgegangen, um den Bus zu erwischen. Das Geschirr stand noch immer auf dem Tisch. Die Betten waren nicht gemacht. Auch im Schuppen und in der Scheune waren die Brüder nicht anzutreffen. Dabei hatte sie ihnen gesagt, dass sie mit dem Holzhacken anfangen müssten.

Zermürbt brachte sie ihre Sachen in die kleine Kammer und band sich dann gleich die Schürze um.

Alles wirkte noch recht seltsam in diesem Haus. Der Schatten der Mutter war noch immer vorhanden.

Klara sagte sich, wenn die Kühe runter von der Alm sind, dann gibt es noch mehr Arbeit für uns. Wir müssen sie uns teilen, und außerdem muss ich zusehen, wie wir zu Geld kommen. Ein Glück, das Ersparte ist ja da. Ich habe es jeden Monat der Mutter gebracht. Jetzt können wir es nicht für die Fremdenstuben gebrauchen. Aber es ist doch ein schwacher Trost. Geld beruhigt.

Klara wusste nicht mehr, wie viel sie gemeinsam gespart hatten: In der Schlafkammer hinter dem blauen Schrank hatten sie ein Versteck gefunden. Nicht mal der Vater hatte etwas von diesem heimlichen Schatz gewusst. Klara und die Mutter waren zu unerfahren gewesen und wussten nicht, dass auf einer Bank das Geld besser aufgehoben war und man außerdem auch noch Zinsen für sein Geld bekam.

Sie grübelte weiter. In zwei Jahren war auch der Werner achtzehn, bis dahin würde er hin und wieder kleine Arbeiten annehmen müssen. Sonst würde man nicht über die Runden kommen. Die kleine Waisenrente war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es war also wichtig, wenn sie zuerst das Geld nachzählte. Das Geld wollte sie als Notgroschen halten.

Die Buben waren noch immer nicht da. Sie wollte ihnen von dem Geld nichts erzählen. Etwas hielt sie davon ab. Was, das konnte sie auch nicht sagen.

Sie ging in die Schlafkammer der Mutter. Dort war die Schachtel. Sie selbst hatte sie in Mellau gekauft. Eine hübsche Schachtel. Sogar mit einem kleinen Schloss versehen. Den Schlüssel hielt die Mutter im Uhrkasten versteckt.

Ja, dort war er auch noch immer. Als sie aber jetzt den Kasten aus dem Versteck zog, da wunderte sie sich ein wenig darüber, dass er so leicht war. Mit zittrigen Händen öffnete sie ihn, und dann sah sie es. Er war vollkommen leer. Im ersten Augenblick war sie wie vor den Kopf geschlagen.

»Nein«, gurgelte sie hervor.

Fieberhaft suchte sie nun hinter dem Schrank. Aber es hatte ja nichts herausfallen können. Unmöglich. Die Schachtel war ja verschlossen gewesen.

Klara dachte verstört nach.

Hatte die Mutter es vielleicht gebraucht? Aber dann hätte sie ihr doch davon erzählt. Sie hatten doch keine Heimlichkeiten voreinander gehabt. Nein, das war einfach unmöglich. Und in letzter Zeit hatte sie den Hof ja auch gar nicht mehr verlassen. Also musste sie das Geld woanders versteckt haben? Aber warum nur? Warum?

Verzweifelt suchte sie nun das ganze Zimmer ab. Aber so sehr sie auch suchte, sie wusste die ganze Zeit, ich finde es doch nicht. Das Geld ist fort!

Erschöpft fiel sie auf das Bett und stöhnte leise vor sich hin.

»O mein Gott, lass es nicht wahr sein. Ich flehe dich an. Ich brauche es doch so nötig. Wir haben doch sonst kein Erspartes mehr. Womit soll ich denn jetzt wirtschaften?«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

»Wo ist das Geld? Wo? Wo? Sag es mir doch! Bitte, ich flehe dich an.«

In ihrer Verzweiflung bemerkte sie gar nicht den Schatten am Fenster.

Es war Werner!

Er starrte in die Kammer und sah die Schwester dort auf dem Bett liegen. Neben sich die leere Schachtel. Grimmig dachte er, ich bin froh, dass ich das Geld zufällig gefunden habe. Das Geld kriegt sie nicht. Es ist nicht viel, aber für den Anfang wird es reichen.

Er entfernte sich lautlos.

Klara wusste nicht, wie lange sie so verzweifelt dort gelegen hatte. Die Sonne ging langsam unter. Sie musste sich um das Abendbrot kümmern.

Polternd stürmten Gören und Elmar ins Haus.

Sie schlich sich in die Küche.

»Was? Schon wieder Kartoffeln? Das ist ja nicht zum Aushalten«, knurrten die Buben.

»Wir haben nix anderes«, sagte sie gequält.

»Die Mutter hat nicht nur Kartoffeln gehabt«, sagte Gören ärgerlich.

Werner kam in die Küche und setzte sich schweigend an den Tisch.

»Wir müssen miteinander reden. Nach dem Essen«, sagte die Schwester leise.

»Ich will noch raus«, murrte Gören.

»Wenn wir mit dem Essen fertig sind, dann ist es schon dunkel«, sagte Klara.

»Ich will aber trotzdem noch raus«, murrte Gören weiter.

Klara sagte mit fester Stimme: »Ich habe die Verantwortung für euch übernommen. Also müsst ihr mir auch gehorchen. Ist das klar?«

»Bei der Mutter durften wir immer alles«, sagte nun auch der Elmar.

Das junge Mädchen wusste, es würde viel schwieriger sein, die Geschwister großzuziehen, als sie sich gedacht hatte. Beim Leichenschmaus hatten sie sich so fügsam gegeben. Aber sie hatten alle einen starken Willen. Früher hatten sie sich auch nie was von der Schwester sagen lassen.

»Nun esst erst einmal.«

Schweigend hockten sie um den kargen Tisch und maßen sich mit feindseligen Blicken. Die Geschwister mochten sich selbst nicht leiden. So etwas wie Liebe hatten sie ja nie erfahren. Alle Gefühle der Mutter waren vom Vater im Keim erstickt worden. Oder er hatte sich darüber lustig gemacht.

Mein Gott, dachte Klara, wo soll das noch hinführen?

Als sie die Teller fortgeräumt hatte, sagte Werner: »Was willst du uns sagen?«

»Ich will euch sagen, dass jeder mithelfen muss. Wir haben nur sehr wenig Geld zur Verfügung.«

»Die Mutter hatte immer Geld«, kam es wie ein Echo von Gören.

Klara sagte: »Ja, weil ich ihr immer etwas gegeben habe, und dann erhielt sie ja auch die Rente. Wir, vielmehr ihr drei, erhaltet nur Waisenrente, die ist viel kleiner. Jeder muss also jetzt irgendwo Arbeit suchen gehen. Sonst sieht es sehr arg mit uns aus.«

»Warum denn nur wir? Wir müssen ja alle noch zur Schule gehen. Kannst du das denn nicht?«

»Natürlich werde ich mich auch bemühen«, sagte das junge Mädchen. »Aber wir müssen zusammenhalten. Das Dorf sieht jetzt auf uns. Versteht ihr. Sonst müsst ihr doch noch fort, wenn sie glauben, wir schaffen es nicht allein. Sie haben dann das Recht dazu.«

Niemals«, presste der Ältere hervor. »Wenn das geschieht, dann ist das deine Schuld, Klara.«

Wieder fühlte sie die alte Angst in sich hochsteigen. Die Mutter hatte damals zu allem geschwiegen und sich tot geschuftet. Aber sie war jung, sie wollte doch auch leben. Nicht ihre Kräfte für die Brüder opfern.

Sie erhob sich.

»Ich verlasse mich also auf euch. Jeder hilft mir, wo er kann, verstanden. Allein schaffe ich es nicht.«

Dann verließ sie die Küche.

 

 

4

Die Schule hatte wieder begonnen. Das hieß, viele Stunden waren die Brüder unten im Dorf. Nur widerwillig waren sie dazu bereit, Eingekauftes mit raufzuschleppen. Immer hatten sie neue Ausreden.

Klara musste erst einmal das ganze Haus putzen. Die Mutter musste sich in letzter Zeit wohl nicht mehr ganz wohl gefühlt haben. Aber sehr schnell merkte Klara, dass es fast zwecklos war. Die Buben nahmen überhaupt keine Rücksicht. Sie dachten nur an sich und kümmerten sich wenig darum, was die Schwester sagte.

Der Vater hatte ihnen oft genug lachend erklärt: »Die Weiber sind nur für unsere Bequemlichkeit da, wozu könnten sie denn sonst noch von Nutzen sein?«

Die Buben hatten nichts vergessen.

Aber da war ja nicht nur der heruntergewirtschaftete Hof, sondern sie musste auch noch für preiswerte Mahlzeiten sorgen. Sie musste die Kleidung der Buben in Ordnung halten. Man besaß hier oben keine Waschmaschine. Es war wirklich nicht einfach für Klara. Bald fühlte sie sich total ausgelaugt. Und dann immer die Sorgen um das Geld.

Die Brüder waren jetzt bis zum späten Nachmittag in der Schule. Also konnten sie kein Geld dazu verdienen. So musste sie sich auch noch nach einem Nebenverdienst umsehen. Der Axamwirt nahm sie gern als Hilfskraft auf, wusste er doch, welch bescheidenes und einfaches Mädchen sie war.

Er sagte: »Ich kann dir natürlich nicht den tatsächlichen Lohn bezahlen, Klara. Denn du hast ja noch nicht ausgelernt.«

»Ich weiß«, sagte sie leise.

»Ich kann dich auch nur stundenweise halten, Mädchen, denn ich habe ja meine Angestellten. Verstehst?«

»Ja!«

Man nutzte sie in ihrer Not auch noch aus und sah nicht das stille Weh in ihren schönen Augen.

Und am Sonntag war es für sie am qualvollsten. Dann standen sie an dem kleinen Kirchlein und warteten auf die Löb-Kinder. Jedes wurde einzeln gemustert. Klara saß oft bis spät in die Nacht in der Küche und stopfte und nähte.

»Nehmt euch doch mehr in acht«, war die Leier. Die Buben hörten schon gar nicht mehr hin. Sie begriffen auch nicht, dass die Schwester darunter litt, wenn man ein Loch in der Hose hatte, oder einen dicken Schmutzfleck auf dem Janker.

»Das ist doch nicht so schlimm«, wurde ihr dann stets geantwortet.

»Aber die Dörfler werden denken, wir sind nicht in der Lage, für uns allein zu sorgen.«

Werner sagte wütend: »Natürlich weiß ich, dass sie nur darauf warten, uns zu kriegen. Meinst du, ich bin blöd? Aber das werden sie nicht. Verstehst. Ich werde nicht deren billiger Knecht, den man pausenlos herumkommandieren kann, Das lässt mein Stolz nicht zu. Ich bin ein freier Mensch. Diese Geizpinsel, die sollen sehen, wer ihnen die Arbeit macht. Sich an der Armut noch bereichern, ja, das könnte denen so passen.«

Die Schwester dachte dann jedes Mal, dass ich aber hier von euch geknechtet werde, das merkt ihr wohl nicht! Und helfen, das tut ihr ja auch nicht. Versprochen habt ihr es allemal. Aber die Wirklichkeit sieht jetzt ganz anders aus.

Sie ging jetzt fünf Stunden arbeiten, und wenn sie dann müde und erschöpft nach Hause kam, dann war meistens die Arbeit nicht getan. Man hatte sie einfach vergessen. Sie gingen gleich nach der Schule mit Freunden spielen und vergaßen darüber ihre Pflichten. So hatte sie eine doppelte Bürde zu tragen. Und die war wirklich nicht leicht. Niemand war da, der mal ein liebes Wort für sie übrig hatte.

Es blieb also nicht aus, dass sie bald erschöpft und überarbeitet aussah.

Manchmal hatte der Axamwirt Mitleid mit dem jungen Ding. Sie klagte ja nie ihr Leid. Still trug sie die ganze Last.

»Ist es das wirklich wert, Klara? Dass du dich für die Brüder so aufopferst? Deine Jugend geht dahin, und du hast nix davon gehabt. Du bist ja selbst noch fast ein Kind. Denke doch auch mal an dich. Die Buben sind viel kräftiger. Sie werden die kurze Zeit überstehen. Du bist dann wieder frei. Ich würde dich gern für ganz einstellen und auch deinen Lohn würde ich dann anheben. Siehst ja selbst, es kommen immer mehr Gäste zu uns,«

»Danke«, stammelte sie dann jedes Mal. »Aber ich werde daheim gebraucht. Es geht schon. Vielen Dank.«

»Du musst es selbst wissen, Klara. Aber was wird sein, wenn erst mal der Schnee fällt? Und dann, wenn die Kühe von der Alm runterkommen? Hast auch daran gedacht?«

»Nein«, sagte sie müde. »Ich denke nur immer bis zum nächsten Morgen. Es wird schon irgendwie weitergehen. Ich hab’ halt Gottvertrauen, sonst würde ich es ja nimmer schaffen.«

Der Wirt zuckte die Schultern. Er hatte nicht so viel Zeit, sich stundenlang mit ihr zu unterhalten. Sie wusste jetzt Bescheid. Mehr konnte er nicht tun.

Abends, wenn sie durch den Sonnenschein dahinschritt, immer den Berg hinauf, dann dachte sie über sich selbst nach. Aber sie machte sich keine Illusionen. Sie war ja nicht hübsch. O ja, es gab oft Augenblicke, da war sie so verzweifelt. Sie war doch auch ein junges Mädchen mit heißem Blut im Herzen. Sie sehnte sich doch auch nach Liebe und Geborgenheit. Nach einer kleinen eigenen Familie. Dann würde sie alles anders machen. Ganz anders.

Wenn sie unten im Hotel die Urlauber sah, dann konnte einem schier das Herz in der Brust zerspringen. Manchmal sah sie wohl einen nachdenklichen Blick auf sich ruhen. Aber dann ging sie gleich fort und war tief betroffen.

An der letzten Wegbiegung blieb sie jedes Mal stehen und sah zum Häuschen hinauf. Nein, sie hatten keinen prachtvollen Hof. Das was man da sah, war sehr verwahrlost. Auch der kleine Garten wirkte verkommen. Die Mutter hatte schon lange über ihre Kräfte gearbeitet.

Außerdem fehlte das Geld für Farbe. Das Holz schrie förmlich danach. Die Fensterläden hätten längst ausgewechselt werden müssen. Der Zaun war vom letzten Sturm an vielen Stellen niedergedrückt.

Wenn sie den Werner darauf aufmerksam machte, dann zuckte er nur mit den Schultern.

»Was soll’s? Ich bin in zwei Jahren achtzehn, und dann kann mir keiner was.«

»Was willst du damit sagen, Werner?«

»Nächstens komme ich aus der Schule Und dann trete ich eine Lehre an.«

Klara hatte ihn groß angesehen.

»Was?«

»Ja, ich habe mir alles genau überlegt. Ich werde Autoschlosser. Das ist Zukunft, verstehst du. Und ich schwör dir, ich werde nicht mein Leben lang arm sein. Nein, eines Tages werde ich meinen eigenen Laden haben.«

»Werner, ich habe gedacht, dass du den Hof übernimmst, dass du mir dann hilfst, die beiden Buben großzuziehen. Schließlich sind das auch deine Brüder. Wir tragen dann gemeinsam die Verantwortung dafür.«

Der Bruder lachte rau auf.

»Meinst, ich bin so närrisch und vergeud’ hier mein Leben? Pah, ich bin doch nicht blöd. Nein, ich lerne was anständiges, und wen ich volljährig bin, dann geht es ab. Dann kann mir keiner mehr was.«

Dieses zu wissen, drückte sie noch mehr nieder. Es gab also keinen Ausweg mehr. Sie war gefangen in ihrem Los. Manchmal, wenn sie allein in ihrer Kammer saß, dann blickte sie auf die fernen Berge. Das junge Mädchen fragte sich, ob die Mutter auch wohl mal so gesessen hat? Bestimmt! Sie war doch auch immer so traurig und müde gewesen.

Dann kam es schon mal vor, dass sie den Kopf auf die Fensterbank legte und ein wenig weinte.

Sie verlangte ja gar nicht mal so viel. Sie wollte ja die Bürde, die ihr das Schicksal auferlegt hatte, tragen, aber auch ein wenig Anerkennung und Liebe. Sie war doch kein Stück Holz. Alles tat sie doch für die Brüder.

Und sie?

Längst hatte sie es aufgegeben, sie zum Guten zu erziehen. Sie waren wie der Vater. Je älter sie wurden, um so klarer kam der Charakter hervor.

Manchmal hatte sie sogar vor Gören Angst.

So verging denn die Zeit.

Sie magerte ab und wirkte jetzt noch hässlicher. Zum Talfest hatte sie kein Geld. Aber die Buben. Irgendwie hatten sie es aufgetrieben.

Zuerst hatte sie gedacht, nein, ich gehe nicht runter. Aber dann hörte sie die Musik. Da zog sie ihr letztes gutes Dirndl an und ging ins Festzelt.

Da war so viel junges, fröhliches Volk. All die Mädchen, mit denen sie zur Schule gegangen war, sah sie wieder. Einige waren schon verheiratet, und die anderen hatten alle eine gute Stellung und verdienten nicht schlecht.

»Na, wie geht es dir?«, wurde sie freundlich gefragt, aber man nahm sich dann schon keine Zeit mehr, auf ihre Antwort zu warten.

Klara spürte jetzt auch den Zorn des ganzen Dorfes. Sie verstand es nicht. Warum war man ihr böse? Hatte sie denn nicht alles getan, was man von ihr verlangte? Tat sie nicht ihr Bestes, um die Bauern davor zu bewahren, ihre Brüder zu nehmen? Warum waren sie so abweisend?

Dann kam der Gustl. Er war ein lustiger Bursche, und er hatte nie viel Geld in der Tasche. Mit der Arbeit nahm er es nicht so genau. Er sah die Klara allein in der Ecke sitzen.

»Willst mit mir tanzen?«

»Ich kann es nicht«, sagte sie stammelnd.

»Geh, die Hopserei, die kann doch jeder. Da braucht man nicht lange zu üben.«

Ehe sie sich versah, zog er sie schon auf die Tanzfläche. Sie fühlte ihr Blut dünn werden. Errötend ließ sie es sich gefallen, dass er den Arm um sie legte.

»Warum bist du so spröde?«, wollte er wissen.

»Geh, mach dich nicht lustig über mich.«

»Tu ich das?«, gab er lachend zurück.

Sie schlug die Augen nieder.

Gustl war ein fröhlicher Bursche. Das Wörtlein Verantwortung kannte er nicht. Aber in diesem Augenblick war er noch nicht betrunken, also sah er sofort die vielen ungeweinten Tränen in ihren Augen.

Er hatte Mitleid mit dem verstörten Ding.

»Na, dann machen wir uns mal einen hübschen Abend«, sagte er fröhlich und zog sie noch enger an sich.

Nach dem Tanz lud er sie zu einem Glas Wein ein. Klara war keinen Alkohol gewohnt und taute deswegen sehr schnell auf. Jetzt röteten sich ihre Wangen, und sie bekam ganz blanke Augen. Richtig hübsch sah sie auf einmal aus.

»Bist ja gar nicht mehr hässlich«, sagte der Gustl staunend.

»Ich weiß sehr gut, wie ich aussehe«, sagte sie spröde.

Der Werner entdeckte die zwei und bekam schwarze Augen. Wenig später stand der große, schlaksige Bursche an ihrem Tisch.

»Wir müssen heim«, sagte er grob.

Gustl sah auf: »Wer bist du denn?«

»Der Bruder.«

»So so, scher doch fort, Werner. Auf deine Schwester pass ich schon auf und bring sie auch heim.«

»Das kann ich mir gut vorstellen«, sagte Werner hämisch.

Klara wurde weiß.

»Werner«, sagte sie stockend.

Der junge Bursche hatte etwas getrunken und fühlte sich jetzt stark..

»Willst dich mit mir anlegen?«

Gustl lachte aber nur gutmütig auf.

»Nein, mit Kindern lasse ich mich nicht ein.«

Dann drehte er sich wieder um und wollte noch ein Glas Wein für Klara holen gehen.

Der Schlag traf ihn von hinten. Er fiel um wie ein Baum. Aber nur einen Augenblick lang blieb er benommen liegen, dann sprang er hoch und packte den Burschen am Kragen und schleifte ihm zum Zelt hinaus.

Er war jetzt sehr wütend.

»Scher dich fort, oder ich schlag dich wie einen ungehorsamen Hund zusammen. Verstanden. Da kenne ich dann keine Rücksichten.«

Klara war ihnen verstört nachgegangen.

»Bitte«, sagte sie verzweifelt.

Gustl ließ den Bruder angewidert los.

»Ein schönes Früchtchen hast du da als Bruder, Klara. Danke für Obst.«

Dann ging er ins Zelt zurück.

Klara hätte vor Scham sterben können.

»Jetzt hast du es geschafft, hast mir alle Freude verdorben, Werner.«

Der Bruder wischte sich den Schmutz von der Hose.

»Ich will nicht, dass du dich wie eine Dirne aufführst«, sagte er grob. »Das ganze Dorf lacht ja schon über dich. Du meinst doch nicht im Ernst, der Gustl meint es ehrlich? Ins Heu wollte er dich ziehen nachher, mehr nicht. Der gibt doch sein gutes Geld nicht umsonst für dich aus. Du blöde Gans, du damische.«

Für einen Augenblick war er so zornig, dass sie ihn am Liebsten geschlagen hätte. Aber die Scham saß dann doch tiefer. So also dachte das Dorf über sie.

Der Bruder wurde nur noch böser mit ihr.

»Meinst, dass dich einer will? Dass ich nicht lache, dass du auch nur eine Minute so was denken kannst. Geh, das hat dir doch der Vater schon oft genug gesagt. Kaum macht dir einer Augen, dann hängst dich ihm schon an den Hals.«

»Hör auf«, stammelte sie verzweifelt. »Um Gottes Willen, so hör doch endlich auf.«

»Kannst dich freuen, dass ich auf dich aufpasse«, sagte der Bruder.

Er sagte ihr nicht, dass er eine Heidenangst davor hatte, dass sich doch ein Bursche um die Schwester bemühen könnte. Und wenn er dann die Klara heiratete und mit auf den Hof zog, dann war es anders, das wusste er. Womöglich würde der Mann so großen Einfluss auf die Schwester bekommen und ihr sagen, dass die Brüder ruhig mal für ihren Unterhalt arbeiten konnten. Also musste er in dieser Beziehung jede Regung gleich im Keime ersticken.

»Such deine Brüder, wir müssen jetzt heim.«

Elmar hatte sogar etwas getrunken.

Verzweifelt schüttelte sie den Buben.

»Bist du denn total verrückt geworden?«

»Lass mich, verdammt, lass mich doch«, knurrte er nur zurück.

Der Bürgermeister kam zufällig vorbei.

»Na, Klara, so einfach ist es wohl nicht, wie du es dir vorgestellt hast, wie?«

»Das Fest«, stammelte sie, »mein Gott, man hat sie wohl dazu verleitet.«

Der Bürgermeister zuckte nur die Schultern und ging dann weiter. Es ärgerte ihn, dass dieses zerbrechliche Mädchen so lange dort oben aushielt. Eine andere hätte das nicht getan, sich so für diese Bastarde aufgeopfert. Jeder im Dorf wusste doch, welche Früchtchen sie waren. Heckten sie doch so manch böswilligen Streich aus. Wenn es der Klara trotzdem nicht zu Ohren kam, dann doch nur, weil sie noch Erbarmen mit ihr hatten. Nur deswegen.

Es gab auch ein paar vernünftige Einwohner in Damüls. Sie rechneten der Klara die Selbstaufopferung hoch an. Besonders die Nachbarin. Sie bekam schon so einiges mit, wie man da lebte auf dem Löb-Hof. Sie war es auch, die hin und wieder der Klara etwas zusteckte. Wenn sie es dann nicht annehmen wollte in ihrer Bescheidenheit, dann sagte sie nur rasch: »Das schulde ich noch deiner Mutter. Sie hat mir oft geholfen, weißt ja, wenn man im Kindbett liegt, dann ist jede Hand wichtig auf einem so großen Hof, wie wir ihn besitzen. Ihr kann ich es nicht wiedergutmachen, also gebe ich es dir.«

»Danke, Resl«, stammelte sie.

Der Mond stand schon lange hoch am Himmel, als man sich auf den Heimweg machte. Das Talfest würde noch bis zum Morgengrauen weitergehen. Darin waren die Dörfler gründlich. Schweigend stiegen die vier jungen Menschen den Berg hinauf.

 

 

5

Gustl wollte nix anderes, als sich bei der Klara entschuldigen. Am nächsten Tag, als er seinen Rausch ausgeschlafen hatte, tat es ihm Leid, dass er so grob zu ihr gewesen war.

Also wollte er es wiedergutmachen und stieg, zu ihr hinauf. Da es Sonntag war, war sie daheim und musste nicht zur Arbeit runter, ins Hotel. Just in diesem Augenblick saß sie vor dem Haus und schälte die Kartoffeln für das Mittagessen.

Wie erschrocken war sie da, als sie ihn daherkommen sah. Sofort musste sie wieder an die hässlichen Reden des Bruders denken. Sie glaubte ihm alles.

Gustl wunderte sich, dass sie so spröde und abwehrend zu ihm war. Ja, man konnte fast sagen, beleidigend war ihr Wesen geworden.

»Nein, brauchst dich nicht zu entschuldigen, Gustl. Mir geht es gut.«

»Hör mal, es ist ein so schöner Tag, können wir nachher nicht noch ein wenig runter ins Dorf? Da ist noch allerhand los. Die Kapellen aus den Nachbardörfern wollen kommen und aufspielen.«

»Nein, Gustl, danke!«

Ihre Augen waren sehr entschlossen und auch ein wenig zornig.

»Aber warum denn nicht, Klara? Ist doch ein ganz harmloses Vergnügen. Kannst dich doch nicht so in der Einsamkeit vergraben. Komm, so viele Urlauber sind unten. Es wird mächtig viel Spaß geben.«

»Für solche Späße habe ich keine Zeit.«

Er sah sie eine Weile schweigend an.

Dann sagte er bedauernd: »Ich weiß nicht, warum du jetzt so spröde bist. Ich hab’ dir nix getan. Im Gegenteil, ich meine es nur gut mit dir, Klara. Ich möchte dir einen Rat geben, denke nicht zu viel an die Brüder. Ich sage dir, die tun es auch nicht. Sie kennen keinen Dank. Eines Tages wird es dich noch bitter reuen, dass du so wenig an dich gedacht hast. Dann ist aber deine Jugend vertan. Man kann sie dann nicht mehr zurückholen. Vielleicht ist sogar dann alles zu spät. Ich bin dir nicht zu nah gekommen, Klara. Das weißt du. Ich weiß, was sich gehört. Also, warum bist du jetzt so seltsam? Warum kannst du nicht einfach lustig sein? Einmal für Stunden alle Sorgen vergessen? Gestern haben wir uns doch so gut verstanden. Bis dein dummer Bruder dahergekommen ist.«

»Bitte, Gustl, es ist besser, wenn du jetzt gehst. Glaube es mir.«

»Na ja, du bist schon ein komisches Ding. Das muss man dir lassen. Hier oben der Hof, es lohnt doch nichts. Gar nichts, Klara. Alle im Dorf denken sie so. Aber gut, das ist deine Sache, damit musst du fertig werden. Und einen guten Rat nimmst du ja auch nicht an.«

Werner hatte die ganze Zeit hinter dem Schuppen gestanden und kam nun zum Vorschein, als der Bursche fort war.

»Dieser blöde Hund denkt auch, bloß weil wir arm sind, kann er sich alles erlauben.«

Klara gab keine Antwort.

Werner starrte sie aus bösen Augen an. Darauf ging sie hastig ins Haus zurück.

Seitdem war sie sehr nachdenklich geworden. Noch Tage nach dem Vorfall musste sie immer wieder an Gustl denken. Er war so nett und lustig gewesen. Vielleicht war er wirklich nur freundlich gewesen? Sie wurde langsam unsicher und glaubte nicht mehr so recht an die Worte von Werner.

Doch leider ließ sich der Gustl bei ihr nicht mehr blicken.

Der Alltag nahm sie wieder gefangen. Die Arbeit hörte einfach nicht auf. Der Herbst ging zur Neige, und eines Tages wurden auch die Kühe von der Alm abgetrieben. Jetzt standen sie wieder daheim im Stall. Sie mussten zweimal am Tage gemolken werden. Dazu mussten sie sehr früh aufstehen. Und das Holz für die Kachelöfen war auch noch nicht zerhackt worden.

Als dann der erste Schnee fiel, kamen auch die ersten Urlauber der Wintersaison angereist. Jetzt hatte auch der Axamwirt seine festen Angestellten,und Klara konnte auch nicht mehr so einfach von ihrem Hof herunterkommen. Das Wetter wurde immer schlechter.

Wenn da nicht manchmal der Besuch der Nachbarin gewesen wäre, dann hätte es schon ziemlich trostlos bei ihr ausgesehen. Mit ihr konnte sie sich über alles unterhalten, ohne denken zu müssen, sie tratscht es gleich weiter, und dann weiß es auch das ganze Dorf.

So verging die Zeit und Weihnachten kam. Aber in diesem Jahr ging alles so stur und lieblos vor sich. Keiner sprach viel mit dem anderen.

Klara war einfach viel zu erschöpft und dankbar für die Feiertage. Jetzt hatte sie ein wenig Zeit zum Ausruhen. Die Brüder dachten gar nicht daran, der Schwester in irgendeiner Weise zu helfen. Hörte sie doch immer vom Werner: »Dazu sind die Weiber da. Da mach ich doch keine Weiberarbeit.«

Klara wurde noch schweigsamer und kämpfte mit ihren Alltagssorgen.

Das Dorf hatte es aufgegeben, auf die Buben zu warten. So ging alles seinen normalen Trott.

Es kam der Frühling und taute den Schnee fort. Es ging jetzt ein wenig besser. Die Kühe wurden wieder zur Alm getrieben. Jetzt konnte sie auch wieder viele Stunden im Hotel aushelfen. Aber das verdiente Geld war immer schnell aufgebraucht.

Werner war inzwischen nach Mellau in die Lehre abgewandert. Zwar kam er noch jeden Abend heim, aber immer wieder sagte er der Schwester: »Sobald ich achtzehn bin, dann bin ich verschwunden. Dann hält mich nichts mehr auf. Dann bin ich mein eigener Herr.«

Gegen den starken und störrischen Bruder kam sie nicht an. Also versuchte sie ihn gar nicht erst umzustimmen. Er würde doch nur das tun, was ihm gefiel. So hoffte sie nur, dass Elmar und Gören nicht so würden wie Werner.

Oft dachte sie sogar, wenn Werner erst einmal fort ist, dann geht bestimmt alles viel besser. Der wiegelt doch die beiden Buben oft gegen mich auf.

So verstrich die Zeit.

Die Mutter war jetzt auch schon zwei Jahre tot.

Sie feierte ihren zwanzigsten Geburtstag, und noch kein Bursche hatte sich um die Klara bemüht. Sie sahen nicht, welch Schatz sie doch war. Sie sahen nur das Herbe und Scheue und zuckten die Schultern. Auch ließ sie sich ja so selten unten.im Dorf sehen. Sie war fast so etwas wie menschenscheu geworden. Ja, es gab Zeiten, da vergaß man die Klara völlig.

Dann kam der Tag, wo der Werner seine Sachen packte und verschwand. Sie fragte ihn nicht, stand nur schweigend dabei. Er warf ihr einen eisigen Blick zu, und dann ging er.

Jetzt erhielt sie auch noch weniger Waisenrente. Elmar war jetzt sechzehn und glaubte, alles bestimmen zu müssen.

Zum Glück erfüllte sich eine Hoffnung. Elmar und Gören waren jetzt nicht mehr so aufsässig. Sie hatten also doch ein wenig von dem weichen Charakter der Mutter geerbt.

Gören jetzt vierzehn Jahre alt, war auch nicht mehr so verwahrlost. Er sah jetzt auch schon mal ein, dass man der Schwester helfen musste. Er beobachtete sie oft und merkte als einziger, wie erschöpft sie war.

»Um das Holz, kümmere ich mich jetzt, Klara. Lass nur, darum brauchst du dich nicht zu sorgen.«

»Danke«, sagte sie dann müde.

Gören war es auch, der den Elmar an trieb, mitzuhelfen.

»Warum?«, murrte dieser. »Bis jetzt ging es doch auch immer. Was willst du eigentlich? Ich habe was anderes vor.«

Gören sah ihn mit seinen blauen Augen an: »Hast sie dir schon mal angesehen?«

»Wen?«

»Na, die Klara natürlich. Wen denn sonst?«

»Du mei, die sehe ich doch alle Tage.«

»Ja, aber anscheinend nicht richtig.

Hast nicht gehen, wie blass und müde sie ist?«

»Und?«

Gören sagte ruhig: »So hat die Mutter zum Schluss auch ausgesehen. Ich kann mich noch recht gut daran erinnern. Eigentlich krank war sie ja nicht gewesen. Nur müde hat sie ausgesehen und dann war sie tot.«

»Ich weiß nix mehr«, brummte der Bruder.

»Und wenn sie jetzt auch stirbt, Elmar? Was ist dann? Hast du daran schon mal gedacht?«

»Wieso?«

Elmar war jetzt doch ein wenig unruhig geworden.

»Meinst du, der Werner wird sich dann um uns kümmern? Da hast dich aber in den Finger geschnitten. Einen Dreck wird er tun. Der kommt nicht zurück.«

»Was willst du damit sagen?«

»Wenn die Klara stirbt, dann müssen wir zu den Bauern, das weißt du doch. Und dann haben wir wirklich kein gutes Leben mehr. Dann müssen wir schuften wie Knechte und haben kaum Freizeit.«

»Aber die Klara ist doch da!«

»Ja, noch. Das will ich dir doch die ganze Zeit erklären. Sie schafft es nicht mehr. Der Werner hat nie nix getan. Ich will aber nicht, dass sie auch zugrunde geht. Wir müssen ihr jetzt helfen, oder es ist aus.«

Elmar bekam es jetzt mit der Angst zu tun.

»Meinst du wirklich, sie ist krank?«

»Das weiß ich ja nicht. Sie sagt doch nie etwas. Aber schau sie dir doch mal an. So sieht doch kein gesunder Mensch aus!«

Als Klara am Abend todmüde den Berg hinaufkam, da stand der Elmar in der Küche und spülte das Geschirr vom Morgen. Er sah die Schwester scharf an.

Zu Tode ermattet ließ sie sich auf die Ofenbank fallen.

Elmar erschrak zutiefst. Sie sah wirklich zum Erbarmen aus. Der Gören hatte wirklich nicht übertrieben.

Mit rauer Stimme krächzte er: »Klara, ist dir nicht gut? Was hast du?«

»Nix«, sagte sie leise. »Dank auch schön, dass du meine Arbeit machst.«

»Ach …«

Gören sagte: »Soll ich dir die Milch heiß machen? Das wird dir guttun.«

Klara hatte das Gefühl, als würde sich vor ihren Augen die Küche wie ein Kreisel drehen. Immer schneller und schneller. Sie konnte keine Antwort mehr geben. Ihre Kehle war wie zugeschnürt.

Ich muss mich ein wenig hinlegen, dachte sie mit letzter Kraft, dann wird es gleich wieder gehen. Sie schleppte sich ins Bett.

Als sie wieder zu sich kam, saß die Nachbarin an ihrem Bett.

»Was ist denn geschehen?«, fragte sie mit matter Stimme. »Ich kann mich an nix mehr erinnern. Wie spät ist es eigentlich? Ich muss den Buben das Essen richten. Resl, warum bist du hier?«

»Der Gören hat mich geholt. Und ich hab’ dann den Doktor angerufen. Du bist fix und fertig, hat er gesagt. Jetzt musst du dich erst mal lange Zeit ausruhen, oder du gehst den Weg deiner Mutter, Klara. Mein Gott, warum hast du mir denn nix gesagt? Einfach weiterzumachen, auch wenn man nicht mehr kann …«

»Aber das geht doch nicht«, stammelte Klara.

»Natürlich geht das. Ich hab es den Buben auch schon eingeschärft. Immer, wenn es meine Zeit erlaubt, werde ich rüber kommen und nach dem Rechten sehen. Ums Essen brauchen sie sich nicht zu kümmern. Das trag ich rüber. Der Elmar wird inzwischen meinem Franzi zur Hand gehen und sich was dazuverdienen. Und der Gören kann unten im Ort sich eine Stelle suchen gehen. Jetzt, wo die Fremden da sind, gibt es genug für einen so großen Buben wie ihn zu tun. Ich hab dir ja oft genug gesagt, Klara, du schaffst es nicht mehr lang. Jetzt musst du nur an dich denken, hörst du. Nur daran, dass du wieder gesund wirst. Übrigens, dem Werner habe ich auch sofort geschrieben.«

»Ach, Resl«, sagte sie leise.

»Du bleibst liegen und schläfst jetzt nur und lässt dich mal umsorgen.«

Die Tage verstrichen, die Nachbarin kümmerte sich um sie, aber der Werner kam nicht.

Die beiden Buben lernten in dieser Zeit sehr viel von der Nachbarin. Vor allen Dingen lernten sie, nicht alles einfach hinzunehmen. Resl war es auch, die die zwei ernsthaft ins Gebet nahm und ihnen sagte:»Ihr müsst auch in Zukunft mithelfen, sonst wird die Klara nie mehr gesund. Und wenn ihr das nicht tut, dann werde ich dafür sorgen, dass sie in Kur kommt, und dann werdet ihr auf die Höfe verteilt.«

»Ja«, sagten sie kleinlaut. »Aber der Werner hat doch immer gesagt …«

»Einen Schmarren hat der. Wenn er heimkommt, dann werde ich ihm die Meinung sagen, darauf kann er sich verlassen. Aber dieser Satansbub, der wird erst gar nicht kommen. Ich hab es ja immer der Klara gesagt, Dank wird sie nicht dafür bekommen, dass sie sich für die Brüder geopfert hat.«

Aber die Krankheit hatte auch etwas Gutes. Die zwei Buben kamen zumindest zu Verstand. Klara erholte sich wieder und sah jetzt selbst, wie gut sie zurecht kamen. Jetzt war man auch freundlicher zueinander.

Seit einer Woche ging sie auch wieder arbeiten.

Die Buben behielten ihre kleinen Nebenarbeiten. Sie verdienten zwar nicht viel, aber sie konnten sich jetzt schon mal selbst Schuhe oder eine Hose kaufen. Jetzt gab es auch eine Zeit, wo sie mal ein paar Pfennige auf die hohe Kante legen konnte. Im Sommer hatte sie so viel Geld beisammen, dass sie neue Gardinen kaufen konnte. Auch für Farbe blieb noch etwas übrig. Man konnte das Haus neu streichen. Und den Zaun hatte sie auch richten lassen. Der Garten war in Ordnung, und das Anwesen wirkte jetzt schon wieder fast wie früher.

Hin und wieder konnte man sich auch besseres Essen gönnen. Elmar hatte Küken geschenkt bekommen und zog sie nun groß. Auch ein Schwein wollte er sich zulegen. Bevor es dann Winter wurde, würde man es schlachten und einwecken.

»Und du sparst jetzt endlich auf eine Waschmaschine«, sagte die Nachbarin. »Das ist wichtig.«

»Aber die kostet doch ein Vermögen.«

»Geh mal runter zum Axamwirt und verlang mehr Lohn. Es ist schon a Sünd und Schand, wie er dich ausnutzt. Also, wenn du es nicht tust, dann red ich mal ein Wörtlein mit ihm«, sagte die Nachbarin zornig.

»Aber ich habe doch nicht zu Ende gelernt, Resl. Hast du das vergessen?«

»Du bist eine gute Kraft. Das spielt doch jetzt keine Rolle mehr. Die können dir doch nix mehr vormachen.«

»Ich kann das nicht. Das wär’ ja wie betteln«, sagte sie mit leiser Stimme.

»Du musst dich durchsetzen, Klara.«

»Ich bin nun mal so und werde mich wohl nie ändern.«

»Schön, du willst also nicht um mehr Lohn bitten? Gut, dann weiß ich etwas anderes. Und ich will einen Besen essen, wenn ihn das nicht noch mehr in die Knie zwingen wird, den Schlawiner.«

»Und das wäre?«

»Sag ihm einfach, dass du kündigst.«

»Was? Aber ich brauche doch das Geld. Das kann ich nicht. Ich muss …«

»Klara, so verstehe doch endlich. Er wird dich gleich fragen, warum, und dann sagst du ihm einfach, dass man dir woanders mehr Lohn angeboten hat, und dass du jetzt diese Stelle annehmen würdest. Versprich mir jetzt und hier, dass du es so tun wirst, Klara.«

Klara lächelte schief: »Mir bleibt wohl nix anderes übrig. Sonst wirst du noch tatsächlich zum Wirt gehen.«

»Da hast du vollkommen recht«, lachte Resl. Die war nämlich nicht auf den Mund gefallen.

Am nächsten Abend lief sie gleich zur Nachbarin rüber.

»Stell dir vor, ich krieg siebzig Mark mehr im Monat.«

»Was habe ich dir gesagt? War also ganz leicht, nicht? Und jetzt wird die Maschine bestellt. Siebzig Mark werden dann jeden Monat abbezahlt.«

»Ach, Resl, ich glaube, ich muss doch noch sehr viel lernen, nicht wahr?«

»In der Tat, hör nur immer auf mich.«

 

 

6

Die Waschmaschine kam, und Klara hatte jetzt nie mehr Angst vor schmutziger Wäsche.

Irgendwie ging das Leben jetzt viel einfacher. Sie hatte jetzt endlich auch mehr Zeit für sich.

Am Sonntag ging sie jetzt oft in den Wald spazieren. Hier war es so schön und still. Stundenlang konnte sie oben auf einer Lichtung sitzen und in das Dorf hinunterschauen. Alles sah von hier oben so friedlich und schön aus.

Und dann hatte sie jetzt auch mehr Zeit, die Nachbarin zu besuchen. Diese hatte vor drei Monaten ihr viertes Kind bekommen. Es lag im Wiegenkorb unter dem Apfelbaum. Ein hübsches kleines Mädchen.

Resl war mit sich und der Welt zufrieden.

Wenn Resl die Klara so neben dem Kinde stehen sah, dann sagte sie oft: »Wie ist es, Klara, möchtest du denn nicht bald heiraten? Bist doch jetzt schon einundzwanzig. Merkst nicht, wie die Zeit zwischen den Händen zerrinnt?«

»Ich habe doch den Elmar und den Gören.«

»Aber die werden nicht ewig bei dir bleiben, Klara. Darauf darfst du keine Rücksicht nehmen. Die sind außerdem jetzt auch groß genug, um das zu verstehen. Im Gegenteil, es wär’ gar nicht schlecht, wenn ein Mannsbild über sie wachen würde.«

»Mich will doch keiner. Ich bin arm und hässlich.«

»Wer sagt dir das denn?«

»Das braucht mir keiner zu sagen, Resl. Das weiß ich von selbst.«

»Klara, ich verstehe dich wirklich nicht. Du hast eine gute Figur, schau mich doch mal an, ich geh schon wie a Pfannkuchen in die Breite. Außerdem hast du hübsche Augen und nettes Haar. Ein liebes Gesicht und ein weiches Gemüt. Du bist eine perfekte Hausfrau und kannst auch einen Hof leiten. Die Männer in Damüls sind wirklich mit Blindheit geschlagen, dass sie alle einen Bogen um dich machen. Eine bessere Bäuerin können sie doch gar nicht kriegen.«

»Ach, das macht mir nix mehr aus, Resl. Ich werde mal als alte Jungfer sterben. Solche Menschen muss es auch geben.«

»Du sagst das so eigen, Klara. Als hättest du dir deine Zukunft schon zurechtgelegt.«

»Vielleicht bleibt einer meiner Brüder bei mir wohnen, und der heiratet dann und bekommt Kinder.«

»Willst also dein ganzes Leben lang nur anderen dienen? Du, das wäre nicht nach meinem Geschmack. Da würde ich ausbrechen. Man muss doch auch mal an sich denken.«

Klara hob das kleine Mädchen aus seinem Wiegenkorb und fühlte das Herzchen schlagen. Sie dachte wehmütig, es muss schön sein, ein eigenes Kind zu haben. Einen Menschen, an den man sich anlehnen kann, dem man sich vollkommen anvertrauen darf. Einmal eine Schulter haben, an der man sich ausweinen kann.

Da gibt es so viele graue Stunden in meinem Leben.

Aber ich kann das nicht der Resl sagen. Sie wird das nicht verstehen. Ich kann auch nix daran ändern. Ich hab halt mein Packerl zu tragen. Niemand ist da, der es mir abnimmt. Also, was soll’s? Später einmal, wenn die beiden Buben erwachsen sind, später ...

Wie oft dachte sie an dieses Später.

Auch, als Elmar in die Schreinerlehre ging. Und weil es mit dem Postbus zu umständlich war, zog er gleich nach Mellau zum Meister.

Jetzt war nur noch der sechzehnjährige Gören zu versorgen. Und sie zählte zweiundzwanzig Lenze!

Das Haus war jetzt immer blitzblank. Not litt man auch nicht. Langsam wurden die Räume immer gemütlicher. Der Küchgarten gedieh prächtig. Überall vor den Fenstern hatte Klara Blumenkästen aufgestellt. Es war jetzt eine richtige Freude heimzukommen.

Gören sagte einmal: »Jetzt sieht es richtig vornehm bei uns aus.«

»Geh«, sagte sie lachend. »Einen großen Hof werden wir nie haben.«

»Klara, warum war damals nicht alles so hübsch wie jetzt? Ich meine, als die Eltern noch lebten?«

»Ja, weißt du, der Vater hat halt sehr viel Geld für sich verbraucht. Da konnte die Mutter nur das Nötigste kaufen, wie wir die ganze Zeit zuvor.«

»Ich weiß. Er hat immer getrunken und dann die Mutter geschlagen.«

»Daran kannst du dich noch erinnern?«

»Freilich.«

Sie strickte ihm eine neue Jacke, und Gören freute sich schon darauf. Denn sie hatte ein ganz besonders hübsches Muster gewählt.

In vier Monaten würde er auch aus der Schule entlassen werden. Gören war ein ganz besonders kluger Kopf. Er wollte sich eine Stelle auf einem Büro suchen.

Der älteste Bruder hatte sich die ganze Zeit nicht mehr blicken lassen. Klara vermisste ihn auch nicht. Sie hatte die zwei Buben ganz allein aufgezogen und war stolz darauf.

Elmar kam einmal im Monat zu ihnen heraus. Er staunte auch nicht schlecht über die Veränderungen im und am Haus. Aber dann hatte er neue Freunde in Mellau gefunden, und es zog ihn auch nicht mehr so oft heim.

Das Geld für den Bus konnte man auch für andere Dinge ausgeben.

Jetzt standen die fünf Stuben oben wieder leer.

 

 

7

Auch der jüngste Bruder wollte nicht den Hof bewirtschaften.

»Musst du doch verstehen«, sagte er zu der Schwester. »Dazu ist er einfach zu klein. Man kann nicht davon leben. Und so wie der Vater, na, das liegt mir einfach nicht. Immer Aushilfsarbeiten annehmen. Nein, ich möchte doch so gern auf dem Büro arbeiten. Das ist ein richtiger Beruf. Später kann man dann auch aufsteigen.«

»Ja, aber einer muss doch mal den Hof übernehmen, Gören«, sagte sie verzagt.

»Er gehört doch dem Werner. Ich meine, er ist doch der Älteste, und wir kriegen doch nur einen kleinen Anteil davon ab. So ist das nun mal Gesetz hier, damit die Höfe nicht noch kleiner werden. So soll er sich darum kümmern.«

»Der will ganz sicher nicht den Hof, Gören. Der hat sich bei uns jetzt schon an die vier Jahre hier oben nicht mehr blicken lassen.«

Gören sagte altklug: »Glaube aber bloß nicht, dass er ihn trotzdem vergisst. Ich meine, er weiß doch auch, dass ihm dies alles gehört.«

»Geh, er hat doch seinen guten Beruf und verdient recht viel Geld damit. Der Resl ihr Mann hat ihn neulich mal gesehen. Sogar ein Auto hat er jetzt. Der wird bestimmt nicht mehr Bauer und würde also nix dagegen haben, wenn wir ihn übernehmen und ihm später mal das Geld in Raten abbezahlen.«

»Ich bleibe trotzdem nicht.«

»Nun, ich kann dich nicht halten, Gören. Obschon es mir sehr leid tut. Man könnte so viel aus diesem kleinen Höfchen machen. Grad in dieser Zeit. Aber allein schaffe ich das einfach nicht. Dazu bin ich zu schwach.«

»Es ist aber viel wichtiger, wenn man einen Beruf erlernt, dann ist man nicht so auf die Fremden angewiesen. Das sagt der Lehrer auch. Es könnte ja mal sein, dass sich alles in Deutschland verändert, dann können die Menschen nicht mehr so oft zu uns in Urlaub fahren. Und was ist dann?«

»Du musst es selbst wissen, Gören.«

Sie war jetzt fünfundzwanzig Jahre alt und würde als einzige in der Familie ihr ganzes Leben als ungelernte Kraft herumlaufen. Sie mochte dem jüngsten Bruder nicht sagen, damals habe ich euretwegen auf alles verzichtet. Jetzt ist es auch mal an der Zeit, dass ihr ein kleines Opfer für mich bringt. Nein, sie sagte es nicht. Sie war nun mal so bescheiden.

Sicher, sie hatte ihr gutes Auskommen beim Axamwirt. Er war klug genug und erhöhte jetzt in Abständen regelmäßig ihren Lohn. Ihr ging es also recht gut.

Aber sie graulte sich jetzt schon davor, wenn auch der jüngste Bruder fortging. Mit fünfundzwanzig Jahren würde sie dann praktisch schon zum alten Eisen gehören. Dann hatte sie niemanden mehr, um den sie sich sorgen konnte. Sie würde ihre alten Tage allein und einsam verbringen.

Resl sagte ihr ein paar Tage später: »Aber das haben wir dir ja schon immer gesagt. Die Buben danken es dir nie. Jetzt siehst du es selbst.«

»Gören und Elmar sind gute Buben geworden«, sagte sie mit hastiger Stimme.

»Wann kümmert sich denn der Elmar um dich? Er schaut doch nur herein, wenn es ihm mal in den Kram passt. Und das ist jetzt auch schon wieder drei Monate her.«

»Ach, Resl, ich weiß es ja. Aber ich habe so fest damit gerechnet, dass wenigstens einer bleiben würde. Dann hätte sich alles gelohnt. Dann würde alles viel mehr Spaß machen.«

»Geh, auf so einem kleinen Hof. Da wird man nix. Das musst du doch einsehen.«

»Aber es geht uns jetzt recht gut.«

»Das weiß ich. Aber denke doch mal daran, wenn jetzt der Gören heiratet und Kinder bekommt. Dann wird das Geld wieder knapp. Und du willst mich doch nicht sagen, dass du dich dein ganzes Leben für andere aufopfern willst. Du musst doch auch mal an dich denken.«

»Ich möchte nur eine Aufgabe haben, die mich ausfüllt, dann wäre ich ja schon zufrieden.«

»Du bist noch jung, Klara. Warum suchst du dir keinen guten Mann?«

»Sprich doch nicht so!«

Resl sagte wütend: »Dir kann man nicht helfen«, und sie dachte für sich: Die Männer im Dorf sind wirklich narrisch. Sind sie denn alle mit Blindheit geschlagen? Sehen sie denn wirklich nicht, wie prachtvoll die Klara ist? Merkt es denn noch immer keiner?

Am Abend sprach sie mit ihrem Mann über dieses Problem.

Dieser gab lachend zur Antwort: »Willst du dir einen Kupplerpelz verdienen?«

»Geh, sei doch mal einen Augenblick lang ernst. Kann man denn da wirklich nichts machen? Ich meine, man müsste ein wenig nachhelfen'.«

»Was meinst du damit?«

»Kennst du denn keinen, der eine Frau sucht?«

»Tja, das ist so eine Sache, Mädchen. Männer, die mögen manchmal keine tüchtigen Frauen. Sie haben einen Horror davor, weißt. Sie denken dann stets, die haben auch die Hosen an. Und dann ist unsere Klara halt auch viel zu still und ernst. Nehmen wir sie mit auf das Talfest, dann sitzt sie da wie ein Trauerkloß und geht nicht aus sich heraus. Das ist wirklich nicht so einfach, wie du dir das denkst.«

»Schade«, sagte die Frau. »Aber ich gebe es noch nicht so schnell auf. Sie kann doch nicht einfach dasitzen und die Hände in den Schoß legen, Mann, und darauf warten, bis sie alt wird und stirbt. Da wird sie ja schwermütig. All die Jahre hat sie so fleißig schaffen müssen. Und jetzt plötzlich soll sie nix mehr tun?«

»So ist das nun mal im Leben. Aber sie kann ja auch weiter unten als Bedienung gehen. Die freuen sich doch jetzt, dass sie noch mehr Zeit hat. Sie soll ja eine sehr gute Kraft sein, hab’ ich mir sagen lassen. Und wenn sie sparsam ist, dann kann sie sich sogar jetzt ein Auto leisten und kommt ein wenig herum. Dann ist das Leben schon nicht mehr so langweilig.«

Aber nicht nur die Resl zerbrach sich den Kopf über die schweigsame Klara. Einige im Dorf mochten sie nicht besonders leiden. Glaubten sie doch, sie sei hochnäsig geworden. Bloß weil sie sich in keinen Tratsch einließ. Andere Frauen wieder fühlten sich in ihrer Gegenwart gar seltsam. Tapfer hatte sie sich durchgeschlagen. Einige hielten sie schon für so etwas wie eine Heilige. Aber man hatte gar nicht gern eine Heilige unter sich, also frotzelte man, da sie noch immer keinen Mann gefunden hatte.

In den Bergen galt man als Frau nicht viel, wenn man sich nicht rechtzeitig einen Mann an Land gezogen hatte. Bestimmt würden noch hunderte von Jahren ins Land gehen, ehe man begriff, dass darin nun wirklich nicht die Glückseligkeit lag.

Die Tradition wurde noch immer mit großen Buchstaben geschrieben. Deswegen kamen ja auch die Fremden so gern zu ihnen ins Land. Weil sie nämlich glaubten, hier sei noch so etwas wie eine heile Welt. Aber das man vieles so behielt, weil es die Natur diktierte, das begriffen sie nicht. Und außerdem war man einfach zu faul, um umzudenken. Und wenn man eingesehen hatte, dass etwas wirklich praktisch war, dann behielt man es bei.

Gören verließ also jetzt die Klara. Er hatte ihr zwar versprochen, jeden Sonntag zu kommen. Schon wegen der Wäsche, die sie ihm dann noch waschen musste. Aber Klara wusste jetzt zu genau, die Stadt lockt nun mal mehr. Wenn man den ganzen Tag im Büro ist, dann möchte man am Sonntag etwas erleben und nicht die einsame Schwester besuchen.

Sie fuhr ihm über das Haar.

»Bleib ein guter Junge, Gören. Mach mir keine Schande. Denk an alles, was ich dir gesagt habe. Bleibe immer bescheiden und freundlich.«

»Sicher.«

»Weihnachten kommst aber dann wirklich?«

»Ja!«

Sie brachte ihn zum Postbus.

In ihren Augen war er noch immer der kleine Junge von damals. Er war so schmalbrüstig und feingliedrig gebaut. Er hatte mehr von der Mutter geerbt als die anderen Brüder. Sie winkte ihm nach.

Ein Druck legte sich auf ihr Herz.

Sie stand unten auf der Talstraße und blickte den Berg hinauf. Dort oben zwischen den Tannen blinkte der kleine Hof zu ihr herunter. Und sie dachte, die vier Kühe sind eigentlich überflüssig geworden. Na ja, ich muss mal sehen.

Jetzt wurde es Zeit, dass sie sich sputete; sie musste gleich ihren Dienst antreten.

Der Wirt kam ihr schon entgegen.

»Ach, Klara, da bist du ja schon. Ich wollte mit dir sprechen. Komm doch einmal in mein Büro. Da sind wir ungestörter. Im Augenblick ist ja noch nicht viel los. Die Urlauber sind noch alle unterwegs. Na ja, es hat ja auch ein paar Tage geregnet, jetzt nutzen sie das schöne Wetter gründlich aus.

»Was will er nur?«, murmelte sie leise vor sich hin. »Hat er vielleicht genug Kräfte? Will er mir kündigen?«

Es kam selten vor, dass der Wirt direkt mir ihr das Gespräch suchte.

»Setz dich doch, Klara. Brauchst doch nicht da so schüchtern an der Tür stehen zu bleiben.«

Sie tat es und sah ihn mit ihren großen ruhigen Augen stumm an.

»So, jetzt ist also der Gören auch fort?«

»Ja, morgen beginnt er mit seiner Lehre. Er hat eine gute Stelle gefunden. Der Lehrer hat ihm dabei geholfen.«

»Und du lebst jetzt da oben ganz allein?«,

»Ja!«

»Hör zu, Klara, ich habe dich zu mir hergebeten, um dir einen Vorschlag zu machen.«

»Ja?«

»Du weißt doch selbst, dass ich immer wieder Gäste abweisen muss, weil ich nicht genug Betten habe. Ich kann ja nicht mehr ausbauen, weil hinter dem Haus die Felswand beginnt. Aber die Gäste möchten so gern in Damüls bleiben. Schon wegen der Lifte und so weiter. Aber das brauche ich dir ja nicht zu erklären, du erlebst es ja alle Tage selbst mit. Jetzt habe ich mir gedacht, warum vermietest du nicht deine leeren Stuben an die Gäste? Sicher sind sie entzückt, wenn sie dort oben wohnen können. Du würdest ihnen Unterkunft und Frühstück gewähren, und zu Mittag und Abend würden sie dann bei mir essen, Also habe ich auch meinen Verdienst daran. Na, ist das kein guter Vorschlag?«

Sie sah ihn perplex an.

»Wie viel Stuben stehen denn jetzt leer, Klara?«

Ihr Herz schlug schneller.

Der alte Traum!

Sollte er jetzt endlich Wirklichkeit werden?

Damals hatten die Mutter und sie davon geträumt.

Jetzt sollte es also Wirklichkeit werden.

»Fünf Stuben«, sagte sie mit leiser Stimme.

»Hast du ein Badezimmer?«

»Nein.«

»Nun, das müssen wir natürlich bauen lassen und eine Toilette extra.«

»Aber«, stammelte sie.

»Das müssen wir ihnen schon bieten, sonst kommen sie nicht.«

»Aber wird das nicht eine Menge Geld, kosten?«

»Hast du denn nix gespart?«

»Ein wenig. Aber das wird sicherlich nicht dafür reichen, Axamwirt.«

»Schau, du kannst ja auch einen Kredit bei einer Bank aufnehmen. Ich bürge dann für dich. Dann gibt es keine Schwierigkeiten. In einem halben Jahr hast das Geld durch die Vermietung dann schon wieder heraus.«

»Wirklich?«

»Ja, wenn ich es dir sage! Damit kenne ich mich nun wirklich aus. Schau, Klara, du hilfst mir, und du hast dann auch noch eine Aufgabe. Bist dann nicht so allein da oben.«

»Ja, aber der Weg«, sagte sie erschrocken. »Ich weiß nicht. Er hat so viele Schlaglöcher. Bis jetzt hat der Bürgermeister sein Versprechen noch nicht gehalten. Es ist nie was dran getan worden.« '

»Das ist wirklich a Sauerei, Klara. Und du kannst mir glauben, ich werde schon Druck dahintersetzen. Alle haben sie einen festen Weg zu ihrem Hof bekommen. Und du wirst ihn auch kriegen. Verlass dich darauf. Die Gäste kommen ja mit dem Auto zu dir rauf.«

»Ja, das mein ich ja.«

»Du wirst dein gutes Auskommen haben. Außerdem bleibst ja auch weiterhin bei mir angestellt.«

»Eigentlich brauche ich jetzt gar nicht mehr so viel Geld. Ich bin ja allein.«

»Mädchen, Geld ist immer gut. Denk mal an die Zeit, wo du nicht mehr arbeiten kannst. Lange Zeit hast du ja ohne Karte gearbeitet. Du musst auch an später denken, wenn die Rente mal klein ist.«

Ihre Augen bekamen einen leichten Schimmer.

»Ja, du hast recht. Daran muss man ja auch denken.«

»Und ein Auto legst du dir auch zu, Klara. Machst den Führerschein. Wirst sehen, dann wird das Leben richtig schön.«

Sie lachte etwas unsicher.

»Geh, jetzt spinnerst aber wirklich, Axamwirt!«

Er erhob sich.

»Man muss mit der Zeit gehen, Klara. Du wirst es schon richtig machen. Du hast bis jetzt schon ganz andere Dinge gemeistert, also kann ich schon den Handwerker bestellen? Wenn ich ihn anrufe, wird er gleich kommen.«

»Handwerker?«

»Nun, für das Bad. Wir wollen doch jetzt keine Zeit verlieren. Mit dem Bürgermeister rede ich auch gleich, in vierzehn Tagen können dann schon die ersten Gäste bei dir oben einziehen. Am Besten schicke ich dir Familien mit Kindern. Die stören dann den Betrieb hier nicht, und oben haben sie viel Auslauf und Spaß.«

Klara war wie benommen.

Alles war so plötzlich gekommen. Noch vor einer halben Stunde hatte sie sich so seltsam gefühlt.

Und jetzt?

»Wenn die Handwerker da sind, kannst selbstverständlich nicht kommen. Sobald der Kostenvoranschlag vorliegt, gehen wir zwei zur Bank.«

Als sie wenig später in der Anrichte stand, dachte sie über alles noch einmal nach. Das Herz schlug ihr jetzt wesentlich schneller.

Jetzt würde sie eine Aufgabe haben. Sie würde immer Menschen um sich haben. O ja, sie würde es ihnen recht gemütlich machen. Bestimmt würden sie dann jedes Jahr wiederkommen.

 

 

8

Am Abend ging sie gleich zur Nachbarin und erzählte ihr, was der Axamwirt ihr vorgeschlagen hatte.

»Prächtig«, sagte Resl. »Wirst schon sehen, wenn sie unten im Ort merken, dass du hier oben ’ne Goldgrube hast, werden sie bald Schlange bei dir stehen.«

»Ja, wen meinst denn? Wer soll bei mir Schlange stehen, Resl. Die Urlauber?«

»Geh, die doch nicht«, rief sie lachend. »Die kommen von ganz allein. Ich meine doch die Ehemänner, die zukünftigen, wohlverstanden. Wenn die Burschen im Dorf das Geld bei dir wittern, dann sind sie schneller da, als du dich umschauen kannst. Wirst schon sehen. Bald werden dann auch bei dir die Hochzeitsglocken läuten.«

Klara bekam einen ganz roten Kopf.

»Bitte«, sagte sie hilflos.

»Geh, kannst dich doch nicht ewig um fremde Leute kümmern. Es ist wirklich eine gute Idee, das streite ich ja nicht ab. Aber du musst doch auch endlich mal an dich denken, Klara. Wie oft soll ich dir das noch sagen?«

Klara wollte nicht eingestehen, dass sie selbst recht oft daran dachte. Auch sie sehnte sich nach Liebe und Glück. Aber wer sollte ihr das schon geben? Wer sah denn hinter der Fassade das warme Herz? Wer ahnte von der grenzenlosen Güte? Die Bereitschaft, alles zu geben?

Am nächsten Morgen lag der Kostenvoranschlag auf dem Tisch. Der Wirt und sie gingen gleich zur Bank. Selbstverständlich bekamen sie den Kleinkredit. Der Wirt brauchte noch nicht mal für sie zu bürgen.

In dem Tal kannte man sich, und der Beamte an der Bank wusste alles über die Klara. Und er konnte sicher sein, dass sie nicht eher ruhen würde, bis auch der letzte Pfennig abgetragen worden war. Solche Kunden hätte er am Liebsten jeden Tag gehabt.

Als sie wieder auf der Straße standen, sagte der Axamwirt: »Ja, da können wir ja auch gleich dem Paul Bescheid geben. Aber zuvor suchen wir die Fliesen aus.«

Klara war richtig benommen nach dem vielen Herumlaufen. Es gab so vieles zu bedenken, und da war sie ganz froh, dass der Wirt ihr so freundlich half.

So ein schönes Bad würde sie jetzt auch bald haben. O ja, sie würde alles blitzblank halten. Es würde eine reine Freude sein.

Man versprach, gleich morgen alles zu liefern.

»Der Paul ist ein guter Arbeiter. Er hat mir versprochen, pünktlich zu erscheinen. Auf den können wir uns verlassen. Und wie ich dir schon gesagt habe, in vierzehn Tagen kann ich dir die ersten Gäste schicken.«

Der Wirt verschwieg ihr, dass er schon die Zimmer unter Vertrag hatte, ehe sie überhaupt zugestimmt hatte. Mit solchen Kleinigkeiten gab man sich nicht lange ab. Aber jetzt musste er doch dafür sorgen, dass alles pünktlich fertig wurde.

Während dieser Zeit blieb die Klara daheim. Also hatte sie auch Zeit genug, das Haus von oben bis unten noch einmal gründlich zu säubern. Auch fertigte sie für die Gästestuben neue Gardinen an. Und Bettwäsche nähte sie auch gleich. Denn sie musste ja jetzt sehr oft frisch beziehen. Und kleine Teppiche mussten auch angeschafft werden.

Bald war ihr Erspartes dahin. Aber es tat ihr ganz und gar nicht leid.

Manchmal, wenn sie abends vor dem Haus stand und auf die Berge schaute, dann dachte sie an die tote Mutter.

»Ich bin so traurig, Mutter, dass du das nicht mehr miterleben durftest. Schau, wie hübsch das Haus geworden ist. Du würdest es nicht mehr wiedererkennen. Und schau nur den Garten. Ich habe nichts vergessen. Jetzt kann ich mich selbst versorgen.«

Sie war sehr stolz auf sich.

Jetzt hatte sie schon längst keine armselige Wirtschaft mehr.

 

9

Dann war das Bad fertig. Zwei Tage später sollten die ersten Gäste erscheinen. Zuerst erschien der Gören. Wie erstaunt war er, als er die Veränderung sah. Auch in der guten Stube sah alles noch hübscher und freundlicher aus. Überall standen Wiesenblumen herum und machten das Haus besonders freundlich.

Die Schwester führte ihn stolz herum. »Hier werden die Gäste das Frühstück einnehmen, und dort drüben können sie die Autos parken, dann sieht man sie nicht von den Stuben. Und unter den Bäumen werde ich im Sommer Liegestühle aufstellen.«

»Das ist ja jetzt a richtige kleine Pension geworden. Donnerwetter, dass man das alles schafft, das hätte ich nicht gedacht. Aber jetzt ist das eine richtige Freude, hier raufzukommen«, sagte der Bruder.

»Ja, nicht?«

»Dann wirst ja jetzt mächtig viel Geld verdienen, Klara, was?«

»Geh, so schnell geht das nun auch wieder nicht. Ein halbes Jahr muss ich abzahlen. Dann habe ich keine Schulden mehr. Aber willst du es dir nicht überlegen und doch den Hof übernehmen, Gören? Ich meine, nach der Lehre. Es wäre nicht übel, wenn du dich dazu entschließen könntest, heimzukommen. Wir könnten dann vielleicht noch vergrößern und hätten dann unser gutes Auskommen. Schau mal, man könnte vielleicht die Kühe abschaffen und dort noch ausbauen. So eine richtige kleine Pension.Vielleicht mit fünfundzwanzig Betten? Dann lohnt es sich schon.«

Gören zerrubbelte sich die Haare.

»Was sagt denn der Werner dazu?«

»Weiß ich nicht«, sagte die Schwester. »Der hat sich ja die ganzen Jahre nicht jetzt nicht mehr mehr bei uns blicken lassen. Nie hat er sich um euch gekümmert. Wie soll ich da wissen, wie er dazu steht!«

»Neulich habe ich ihn in der Stadt getroffen.«

»Ach ja, wirklich?«

»Ja, er war erstaunt, als er mich sah. Er hat doch tatsächlich vergessen, dass ich jetzt auch schon in die Lehre gehe.«

»Na, das ist wirklich allerhand. Aber hast du etwas anderes erwartet?«

»Nein. Du, der tat richtig auf freundlich. Alles Mögliche wollte er von daheim wissen, ehrlich. Und wir sollten uns mal wieder treffen, hat er gesagt. Ich war richtig baff, Klara. Wirklich.«

»Wenn du ihn das nächste Mal siehst, dann richte ihm doch mal einen schönen Gruß von mir aus und sag ihm, ich würde mich freuen, wenn er sich mal bei mir blicken ließe. Schließlich sind wir ja Geschwister. Sag mal, hat er vielleicht schon eine Freundin?«

»Das weiß ich nicht. Aber die Grüße werde ich ihm ausrichten.«

»Komm, gehen wir ins Haus. Ich mach dir jetzt ein zünftiges Abendbrot. Kannst auch in deiner Kammer schlafen, die vermiete ich nämlich nicht. Du kannst also jederzeit zu mir kommen und hier wohnen.«

»Schön«, sagte der Bruder. Doch am Sonntagabend musste er wieder mit dem Bus zurückfahren. Sie war wieder allein.

 

 

10

Die Pensionsgäste waren genau das,was die Klara brauchte, um nicht schwermütig zu werden. Sie fühlte sich einsam. Außerdem vermittelten sie ihr das Gefühl, dass sie dringend gebraucht wurde. Es war einfach schön.

Die Gäste freuten sich von Herzen, so eine hübsche und freundliche Pension bekommen zu haben. Klara tat viel mehr, als sie dem Preis nach brauchte. Dafür erwies man sich aber auch sehr dankbar und unterhielt sich recht gern mit der stillen, ein wenig scheuen Wirtin. Die Zeit verging jetzt wie im Fluge.

Ja, jetzt konnte sie sich schon richtig auf den Winter freuen, Damüls war ja ein Wintersportort. Im Sommer hatten sie auch Gäste, aber wie gesagt, im Winter war er für die vielen Abfahrten ganz besonders bekannt. Dann gab es auch sehr viele Festlichkeiten unten im Ort.

Sie war mal wieder bei der Nachbarin. Beide saßen sie im Laubengang und fädelten Bohnen ab.

»Jetzt geht es endlich wieder aufwärts mit mir, Resl. Ach, es ist, als würde ich endlich zu leben anfangen. Du weißt gar nicht, wie hübsch es jetzt ist. Ich bin mein eigener Herr und kann tun und lassen, was mir passt.«

»Das glaube ich dir gern«, sagte die junge Frau. »Siehst auch richtig aufgeblüht aus. Ja, man sieht es direkt, dass du jetzt anders geworden bist.«

Klara blickte sich um.

»Wo ist denn dein Mann? Den habe ich ja noch gar nicht zu Gesicht bekommen.«

»Ach, du weißt es ja noch gar nicht. Letzte Woche hattest du ja keine Zeit zu kommen.«

»Was weiß ich noch nicht?«

»Die Schwägerin ist doch gestorben. Heute ist die Beerdigung. Und weil ich niemand für die Kinder hab, bin ich daheimgeblieben. Aber auch sonst, ich meine …« Sie brach ganz plötzlich den Satz ab. Das war wirklich nicht ihre Art.

Klara sah sie groß an.

»Dem Helmut seine Frau ist tot?«

»Ja, du erinnerst dich also noch an ihn?«

»Ganz schwach«, sagte Klara.

Resl fädelte weiter.

»Wie ist das denn geschehen? Sie muss doch noch sehr jung sein, ich meine die Schwägerin.«

»Sie ist beim zweiten Kind gestorben. Es ist ein Bub, der ersehnte Hoferbe. Aber jetzt hat sie auch nix mehr davon. Ja, so schnell kann es mitunter gehen.«

»Aber warum bist nicht zu mir gekommen? Freilich hätte ich auf deine Kinder aufgepasst. Ich hätte mir freigenommen, Resl. Das weißt du doch.«

Resl machte ein abwehrendes Gesicht.

»Weißt, Klara, mit der Frau habe ich mich nie gut verstanden. Aber man soll ja nicht schlecht über Tote reden. Also reden wir nicht mehr über sie.«

»Ja, wenn das so ist«, sagte Klara leise.

»Hast du schon Waldbeeren gefunden? Wirst du sie auch zur Marmelade verarbeiten?«

»Freilich werde ich das. Wo ich doch jetzt so viele Abnehmer habe.«

Dann sprachen sie über Gören. Resl war richtig froh, als sie hörte, dass wenigstens der Gören noch hin und wieder nach der Schwester kam.

Klara stand auf.

»Ja, dann will ich mich jetzt wieder auf den Weg machen.«

»Kommst du bald wieder?«

»Sicher.«

Resl blickte der jungen Frau nach und dachte, jetzt meint das Schicksal es endlich gut mit ihr. Nun ja, lange genug hat es damit gewartet. Aber nun geht es endlich aufwärts mit ihr. Ich gönn’ es ihr von Herzen.

Niemand ahnte in diesem Augenblick von dem erneuten Schlag auf die Klara.

Sie war ja so glücklich.

Jetzt trällerte sie in einem fort, wenn sie die Stuben der Fremden herrichtete. Alles ging ihr so leicht von der Hand. Auch unten im Hotel war sie jetzt wie ausgewechselt. Man musste sie einfach gern haben. Wo sie war, verbreitete sie Frohsinn.

Klara hatte sich gleich zu Anfang, als sie die Pensionsgäste aufgenommen hatte, ein Buch angeschafft. Darin schrieb sie jetzt fein säuberlich die Einkünfte. Denn dass sie diese mit den Brüdern teilen musste, war eine Selbstverständlichkeit. Der Hof gehörte ihr ja nicht allein.

Und Klara hörte nicht auf zu träumen, dass auch Gören vielleicht so dachte und eines Tages mit einer jungen Frau zu ihr zurückkam. Dann würde sie wieder eine Familie haben, und vor allen Dingen würde es sich dann noch mehr lohnen, wenn man sich vergrößerte. Dann hatte das Ganze doch einen Sinn. Dann würden Kinder kommen, und die würden eines Tages die Pension weiterführen oder vielleicht in ferner Zukunft ein Hotel daraus machen.

Dann ein paar Wochen später tauchte der Werner auf.

Er kam mit einem großartigen Wagen den Berg hinaufgefahren. Klara erkannte ihn erst gar nicht wieder. Er trug einen kleinen Bart und war in den letzten Jahren noch gewachsen. Sie dachte zuerst, ein Urlauber habe sich verfahren und wollte ihm schon den rechten Weg zeigen.

Werner stieg aus und nahm alles sofort in Augenschein.

»Ich kann keine Stuben mehr vermieten«, sagte sie freundlich. »Vielleicht haben sie unten im Ort noch Platz. Es tut mir leid.«

»Kennst mich denn nicht mehr wieder, Klara? Ja, das ist ja wirklich ein starkes Stück. Hältst mich für einen Urlauber.«

Sie runzelte die Stirn.

»Werner?«, sagte sie ein wenig unsicher. »Bist du es wirklich?«

»Ganz recht.«

Er grinste sie an und gab ihr die Hand.

»Ich wollte es nicht glauben, als der Gören es mir erzählte. Also hab’ ich mir gesagt, fahr doch mal hin und schau dir alles an. Jetzt seh ich es mit meinen eigenen Augen. Er hat also nicht geprahlt, der Gören.«

Klara strahlte ihn an.

»Wie bin ich froh, dass du gekommen bist, Werner. Ach, warum hast du so lange nichts von dir hören lassen? Ich hatte so manches Mal meinen Kummer mit den Buben, da hätte ich dich als großen Bruder gut gebrauchen können. Aber jetzt reden wir nicht mehr von der Vergangenheit. Komm rein, ich habe zufällig einen kleinen Kuchen gebacken. Ich koch dir frischen Kaffee.«

Werner sagte: »Vorher möchte ich mir aber erst alles ansehen.«

Die Klara war ja so arglos.

Nicht eine Sekunde lang fragte sie sich, warum ist er gekommen? Was führt er im Schilde?

Er ist doch nicht aus lauter Freundlichkeit gekommen!

Hatte sie denn tatsächlich vergessen, wie er wirklich war? Aber so war nun mal die Klara. Sie konnte stets nur an das Gute im Menschen denken.

Werner war natürlich hocherfreut, als er sah, wie gut der Hof gehalten wurde. So manches hatte man erneuert und repariert. Nirgends sah man etwas nicht ordentlich.

Wenig später saß er dann in der Küche und ließ dich den Kaffee schmecken, und so nebenbei brachte er raus: »Hast ja alles gut in Ordnung gehalten. Bist wirklich ein braves Mädchen. Tja, das werde ich dir dann wohl extra lohnen müssen. Aber darum soll es mir nicht leid tun. Wirklich, ein anderer hätte es nicht besser machen können.«

Klara blickte ihn mit ihren großen, klaren Augen an.

»Extra lohnen?«, sagte sie verdutzt. »Das verstehe ich nicht. Wieso denn Werner? Wieso willst du mir das extra lohnen? Ich bekomme doch das Geld von den Fremden. Ich habe alles fein säuberlich aufgeschrieben. Deswegen bin ich ja auch so froh, dass du dich mal hier blicken lässt.«

»Nun, ich werde den Hof verkaufen. Und weil du ihn so gut gehalten hast, werde ich dir einen Extralohn zahlen, denn jetzt werde ich für das Anwesen einen guten Preis bekommen. Darauf kannst du Gift nehmen. Ja, ich kann mir denken, dass so manch ein Dörfler sich die Finger danach lecken wird. Aber sie sollen mich jetzt kennenlernen. Ich werde einen sehr hohen Preis verlangen.«

Klara starrte ihn zuerst wie betäubt an.

Langsam fühlte sie einen kalten Schauer über ihren Rücken laufen.

Sie hatte das Gefühl, als hätte sich in diesem Moment die Küche verdunkelt.

»Was hast du gesagt?«, flüsterte sie leise.

»Ich werde meinen Hof verkaufen. Verstehst, verkaufen werde ich alles. Ich will mir nämlich eine große Werkstatt bauen, verstehst. Dafür brauche ich eine Menge Geld. Und der Hof ist gerade das Richtige. Er wird mir weiterhelfen.«

Klara schloss für Sekunden ihre Augen.

»Werner«, stammelte sie, »das kannst du doch nicht machen. Das sagst du nur im Scherz, Werner, ich …«

Er fixierte die Schwester. Seine Augen wirkten wie Stahl.

»Was kann ich nicht?«, fragte er hart zurück.

»Den Hof verkaufen, Werner. Das kannst du doch nicht tun. Das ist doch unser Hof, wir haben ihn von den Eltern bekommen. Mein Gott, so versteh mich doch endlich. Ich brauche ihn doch. Die Gäste. Ich habe doch umbauen lassen. Alles in Ordnung gebracht. Jetzt habe ich mir eine Existenz aufgebaut. Ich habe es dir doch erzählt, ich …«

Werner tätschelte ihr gönnerhaft die Hand.

»Ich habe dir doch vorhin gesagt, dass zahle ich dir extra aus. Obschon ich das ja eigentlich gar nicht bräuchte, denn der Hof gehört mir. Hättest mich halt vorher fragen müssen, ob du es tun darfst. Ich meine, hier eine Pension eröffnen. Nun, ich will ja nicht kleinlich sein. Ich bin dir ja deswegen nicht böse, Klara.«

»Werner«, sie schrie ihn an. »Begreifst du es denn noch immer nicht? Das hier ist mein Leben!«

»Du meine Güte, jetzt stell dich bloß nicht so an. Du bist dann endlich frei. Kannst auch fortgehen wie wir alle. Hast es doch immer gewollt. Damals, erinnerst du dich denn nicht mehr, dass ich dich fast zwingen musste, hierzubleiben. Jetzt kannst du gehen.«

Sie brach zusammen und schluchzte wild auf. Werner erhob sich.

»Ich sag es dir noch einmal. Es ist deine Schuld. Du hättest mich halt fragen müssen, wie es sich gehört.«

» Aber Werner, all die Jahre hast du dich nicht um uns gekümmert. Als es mir schlechtging, als ich kaum Geld für die Brüder hatte. Nie hast du dich hier blicken lassen. Ich will ja gar nicht die ganzen Einnahmen für mich behalten. Schau, ich hab sie doch alle aufgeschrieben und das Geld zur Bank gebracht. Ich teile doch mit dir und den anderen. Nie und nimmer hatte ich vor, dich zu betrügen, Werner. Ich flehe dich an, du kannst den Hof nicht verkaufen. Nicht jetzt, wo ich endlich wieder eine Aufgabe gefunden habe. Du darfst es nicht tun.«

»Ich brauche das Geld. Damit basta. In zwei Tagen komme ich mit dem Anwalt und einem Agenten wieder. Bis dahin mache die Stuben sauber. Damit ich einen guten Preis erziele. Jetzt habe ich keine Zeit mehr. Ich habe noch eine Verabredung.«

Er ging zur Tür und drehte sich nicht einmal mehr um. Der Schmerz der Schwester war ihm vollkommen gleichgültig. Außerdem konnte er einfach nicht verstehen, warum sie so an diesem alten Kasten hing.

Mit tränenblinden Augen stand Klara am Fenster und sah ihn fortfahren.

»Es ist nicht wahr, ich habe das alles nur geträumt. Das kann einfach nicht wahr sein. So grausam kann der Werner nicht sein … O mein Gott!«

Schluchzend brach sie zusammen.

 

 

11

Gebrochen kam sie über die Wiese gewankt.

Resl brauchte sehr lange, bis sie endlich alles erfuhr. Da wurde sie dann schrecklich wütend.

Fast toll vor Zorn.

»Das kann er dir nicht antun. Das doch … nicht!«, sagte sie zähneknirschend.

Und sie ruhte nicht eher, bis ihr eigener Mann runter zum Bürgermeister ging und diesem alles erzählte?

Sie sagte zu Klara: »Wenn wir auch nicht viel ausrichten können, so wollen wir doch mal sehen, ob die Obrigkeit da kein Machtwort reden kann. Der kann doch nicht so schuftig sein. Das darf das Gesetz nicht zulassen.«

Wie eine Bombe schlug die Nachricht in Damüls ein. Der Axamwirt traute seinen Ohren nicht. Sofort fuhr er nach oben zu Klara und unterhielt sich recht lange mit dem verstörten Mädchen.

»Hast du ihn denn nicht gefragt, ob du nicht den Hof kaufen kannst, Klara?«

Mit leeren Augen sagte sie: »Kaufen? Geh, das kann ich doch nicht. So viel Geld kann ich doch nie abbezahlen.«

»Und wenn ich ihn kaufe?«

Klara sah ihn demütig an.

Dann schüttelte sie den Kopf.

»Das ist alles gleich. Dann bin ich von dir doch auch wieder nur eine Angestellte. Das verstehst du einfach nicht.«

»Dieser Satansbraten«, sagte auch der Bürgermeister. »Dieses Früchtchen, das ist eine Sünde und Schande, dir so mitzuspielen. Nach allem, was du für ihn getan hast. Aber das hätte man sich ja eigentlich denken können. Von dem Werner kam nie etwas Gutes.«

So sehr man auch auf den Bruder schimpfte, rechtlich stand es ihm zu.

Da gab es kein Deuten.

Und dann war er wieder da.

Elmar und Gören hatte er gleich mitgebracht.

Jeder bekam ja einen gewissen Anteil von dem Verkauf. Und sie mussten ja alle zusammen unterschreiben, sonst würde die Sache nicht rechtsgültig sein.

Der Bürgermeister sprach lange auf ihn ein. Wollte ihn noch einmal umstimmen. Dabei fielen recht harte Worte, aber der Werner lachte nur rau auf und zeigte ihm die kalte Schulter. Er spielte den großmächtigen Herrn.

»Möchtest wohl gern, dass ich dir zu Kreuze krieche, was? Aber den Gefallen tu ich dir nimmer. Das ist mein Hof, also kann ich dich jederzeit davonjagen, wenn du jetzt nicht endlich aufhörst, mich zu beschimpfen. Auch wenn du hier der Bürgermeister bist, verstanden.«

Die vielen Leute aus dem Ort machten ihn doch ein wenig nervös.

Klara stand mit schneeweißem Gesicht an der Wand gelehnt und hörte alles nur wie verzerrt. Sie war innerlich so zerrissen. Das Herz blutete.

Dafür nun hatte sie ihre Jugend und Lehre geopfert. Dafür hatte sie sich so lange abgeschuftet, damit die Brüder nicht fort mussten.

Sie hatten jetzt alle eine gute Stelle und ihr Auskommen. Aber um die Schwester kümmerte sich jetzt keiner mehr.

Sie hatte ihre Pflicht getan, nun bekam sie obendrein auch noch einen Fußtritt.

Natürlich war auch der Elmar für den Verkauf. Er würde ja dann auch einen Batzen Geld bekommen. Also sprach er für den Werner.

Und der Gören war einfach noch zu jung. Außerdem hätten sie zwei nicht viel ausrichten können. Sie beide konnten dem Bruder unmöglich den Hof abkaufen. Ja, wenn man ihr noch ein wenig Zeit gelassen hätte, dann vielleicht. Aber nicht zu diesem Zeitpunkt. Das ging einfach nicht.

Das sah jetzt auch der Axamwirt ein. Sie hätte sich dann tot schuften müssen, um all das Geld pünktlich bei der Bank zurückzahlen zu können.

Außerdem verlangte der Bruder noch einen unverschämten Preis. Wie die Umstehenden wussten, würde er auch diesen Preis erhalten.

Lag doch der kleine Hof besonders schön. Wenn man genug Geld hatte, konnte man daraus noch ein stattliches Hotel bauen. Es gab ja auch noch die Wiesen, die zum Haus gehörten und der schöne Sonnenhang. Das war schon Anreiz genug.

»Sie kriegt ihren Anteil und noch einiges dazu, das habe ich ihr versprochen, also lasst mich jetzt endlich zufrieden. Ich habe es nun mal beschlossen, und damit basta.«

Der Anwalt hatte schon die Verträge aufgesetzt, und den Geschwistern blieb nichts anderes übrig, als sie zu unterzeichnen.

»In einer Woche muss der Hof geräumt sein.«

Gönnerhaft wandte er sich an die Klara.

»Kannst mitnehmen was dir gefällt. Ich will von dem Plunder nix mehr sehen.«

Sie hatte einen dicken Kloß in der Kehle und brachte kein Wort mehr über die Lippen.

Der Bürgermeister sagte: »Werner, du bist ein Schwein! Wie kannst du nur so an deiner Schwester handeln. Das sag ich dir hier und jetzt, das wird dir kein Glück bringen. Du wirst es noch am eigenen Leibe zu spüren bekommen, wie es ist, wenn man ins Unglück gestoßen wird. Das rächt sich alles einmal.«

Höhnisch antwortete er: »Mich kannst nicht treffen, dir ist dein eigenes Hemd auch näher. Ist es nicht immer so? Ich brauche das Geld. Geld hat noch nie gestunken. Und in ein paar Jahren bin ich aus dem Schneider, dann kannst mich ja mal besuchen.«

»Und warum bist du nicht früher auf die Idee gekommen? Hast sie erst werkeln lassen, hast sie alles in einen guten Zustand bringen lassen, damit du den Hof verkaufen konntest. Du bist ein Schwein, ich sag es immer wieder.«

»Das geht dich einen Schmarrn an«, schrie er zurück.

Klara schleppte sich ins Haus.

Gören kam ihr nachgeschlichen.

Nur er hatte Mitleid mit der Schwester.

»Wenn ich eine Wohnung hätte, Klara, dann nähme ich dich jetzt zu mir, ehrlich. Aber ich bin ja noch ein Lehrbub, und so viel verdiene ich ja auch noch nicht.«

Sie fuhr ihm gerührt über die blonden Locken.

»Du bist wenigstens ein guter Bub, Gören. Bleibe nur so, dann wirst du mir Freude machen. Aber jetzt lass mich bitte allein. Ich kann nicht mehr reden. Ich kann niemanden mehr sehen. Ich …«

Gören schlich aus dem Haus.

Draußen gingen die Leute fort. Der Werner bestieg triumphierend seinen Wagen.

 

 

12

Der Axamwirt sagte: »Selbstverständlich kannst du bei mir voll angestellt werden. Zwar kann ich dir nie den Lohn wie eine gelernte Kraft zahlen, aber du wirst immer dein gutes Auskommen haben. Schon wegen der vielen Überstunden. Such dir unten im Ort ein Zimmer. Verhungern wirst nie müssen. Wirst schon dein Auskommen haben bei mir.«

Diese Worte klangen ihr noch immer in den Ohren.

Resl kam über die Wiese gelaufen.

»Komm zu uns. Vergrab dich nicht so, Klara. Das ist nicht gut. Sonst wirst du noch schwermütig.«

Wie versteinert ging sie neben der Nachbarin daher. Sie sah, wie diese das Essen auftrug, sich um die Kinder sorgte. Sie saß nur einfach da und starrte vor sich hin. Die Kinder bekamen Angst vor ihr und wichen ihr aus.

»Gräm dich doch nicht so, Klara. Es hat doch keinen Zweck. Das Leben geht weiter. Du musst dich darüber hinwegsetzen. Je eher du es tust, um so besser für dich. Diesen Triumph würde ich ihm nicht noch gönnen, dass er weiß, dass du zerbrichst. Jetzt musst ihm zeigen, was noch alles in dir steckt, Klara. – Hörst mir eigentlich zu?«

Da legte sie ihren Kopf auf den runden Tisch und weinte bitterlich.

»Hört das denn nie auf, Resl. Nie, nie, nie! Immer, wenn ich ein wenig Freud habe, dann kommt alles so schrecklich. Auch damals, mit der Mutter, wir zwei … Ich habe mein Leben vertan. Als alte Jungfer werde ich mal sterben, so sinnlos, verstehst du! So ohne Aufgabe. Nein, du kannst es mir nicht nachfühlen. Ist es da nicht besser, ich hole mir gleich einen Strick und häng mich im Apfelbaum auf? Dann hat alles ein Ende, dann brauche ich mich nicht mehr zu grämen. Auf meinen Händen ruht halt kein Segen. Ich weiß auch nicht, warum das so ist.«

»Um Gottes Willen, Klara, sag doch bloß so etwas nicht. Du machst mir ja richtig Angst.«

Sie hob den Kopf und sah die Nachbarin an.

»Beim Axamwirt soll ich arbeiten. Wozu? Wofür? Es ist ja alles so sinnlos. Das sind nicht meine Gäste, ich kann nicht Anteil an ihnen nehmen. Warum hat er das getan? Warum? Hat er denn ein Herz aus Stein?«

»Klara, du hast doch die ganze Zeit gewusst, er ist wie der Vater. Du hast doch mit der Schuftigkeit rechnen müssen. Er ist von Grund auf schlecht. Es gibt solche Menschen. Aber er wird auch noch einmal seine Strafe erhalten, Glaube mir, er wird nicht verschont bleiben.«

»Ich fühle mich uralt! So verbraucht!«

Resl ging in der guten Stube hin und her. Sie spürte, sie musste die Freundin aufrütteln, sonst würde sie sich wirklich noch etwas antun.

Aber wie konnte man sie in diesem Zustand trösten? Ihr etwas Liebes tun?

Wie denn?

Sie zermarterte sich das Hirn.

Da kam die Erleuchtung. Wie ein Blitz fuhr er ihr ins Gehirn.

»Klara, ich weiß etwas. Meine Güte, warum habe ich denn nicht gleich daran gedacht, Klara!«

»Ja«, sagte sie mit zerbrechender Stimme.

Lebhaft beugte sich Resl zur Freundin runter.

»Hast nicht eben gesagt, du suchst eine Aufgabe, die dich befriedigt, damit du wieder einen Sinn im Leben siehst?«

»Ja!«

»Da wüsst ich schon was für dich. Meine Güte, ja, das kommt ja wie gerufen. Als hätte das Schicksal Regie geführt.«

Klara blickte sie an.

»Was sagst du da? Wovon sprichst du eigentlich? Ich verstehe dich nicht. Soll ich vielleicht fortziehen? Woanders mein Glück versuchen?«

Resl schüttelte den Kopf.

»Aber nein, als Ersatzmutter sollst gehen!«

»Waaaas?«

»Ja!«

»Resl, was hast du gesagt?«

»Ersatzmutter, ja, das wäre die richtige Aufgabe für dich. Dann hätte dein Leben wieder einen Sinn. Zwar verliere ich dich dann als Nachbarin. Aber ich könnte mit einem Schlage zwei Menschen helfen.«

»Als Ersatzmutter«, flüsterte Klara ganz leise. »Ich versteh dich noch immer nicht.«

»Ja, du hast richtig gehört.«

»Wo denn?«

»Beim Helmut!«

»Bei deinem Schwager?«

»Ganz recht, Klara. Schau, er dauert mich sehr mit seinen zwei kleinen Kindern. Auf die Erziehung verstehst du dich ja prachtvoll. Hast es ja schon in jüngeren Jahren tun müssen. Da war es wirklich nicht einfach für dich gewesen. Außerdem scheust du vor keiner Arbeit im Haus zurück. Bist eine perfekte Hausfrau. Das habe ich dir ja schon oft gesagt.«

»Wie alt sind denn die Kinder?«

»Der Bub, der ist doch erst sechs Wochen alt, ich habe dir doch schon mal davon erzählt. Damals. Ja, und das kleine Mädchen ist zwei Jahre alt.«

Klaras Herz war noch immer zerrissen. Sie konnte sich nur schwer von ihrem Leid lösen. Das war auch so plötzlich gekommen.

Sie war ganz wirr im Kopf.

Jetzt konnte sie keine Entscheidung treffen. Sie musste erst mal wieder zu sich selbst zurückfinden.

Resl war richtig aufgeregt.

Wenn ihr das glückte. Mein Gott, dachte sie inbrünstig, das wäre zu schön. Aber ich kenne ja auch meine Klara, die ist ja so scheu. Herrje, ich muss es schaffen, schon um Helmut zu helfen muss ich es schaffen.

»Ich weiß nicht«, sagte Klara mit schwacher Stimme.

»Man wird dir ewig dankbar sein, Klara. Du weißt ja gar nicht, wie verzweifelt der Helmut nach einer guten Kraft für seine Kinder sucht. Das ist doch nicht so einfach. Du weißt es doch selbst. Wer will denn heute noch dienen? Sie wollen alle schnell Geld verdienen und sich dann belustigen, die jungen Dinger.«

Klara erhob sich.

»Ich muss jetzt gehen. Ich war schon viel zu lange bei dir. Bis Donnerstag habe ich ja noch meine Gäste. Dann ist das Haus leer.«

»Klara, willst du es dir nicht doch noch überlegen?«

»Ich kann jetzt nicht denken, Resl. Vielen Dank für deine Anteilnahme. Du bist wirklich sehr lieb zu mir. Später vielleicht.«

Resl sah ihr nach, wie sie traurig über die Wiesen heimging.

Sie ballte die Hände.

Als ihr Mann kam, sagte sie: »Weißt, der Werner hat sie zerbrochen. Man sollte ihn dafür totschlagen.«

»Frau, versündige dich nicht.«

»Ist doch wahr. Das ganze Dorf denkt doch so wie ich, nur aussprechen tun sie es nicht. So etwas Gemeines ist in Damüls noch nie passiert. Die Mutter wird sich im Grab herumdrehen, ja!«

»Der Bürgermeister und der Axamwirt haben alles getan, was in ihrer Macht lag. Das Gesetz ist auf seiner Seite. Das weiß er.«

»Warum hat er der Schwester nicht den Hof gelassen. Ich meine, zu einem vernünftigen Preis? Das zumindest hätte er doch tun können. Oder ihr die Pension lassen. Sie hätten sich doch die Einnahmen geteilt. Jetzt begann doch erst das Geschäft. Auf die Dauer wäre das doch für ihn eine Goldgrube geworden. Ist denn der Werner saublöd?«

»Tja«, sagte der Bauer. »Das ist mir ja auch ein Rätsel. Ich hätte in dieser Zeit niemals Grund und Boden verkauft. Wenn er Geld braucht, hätte ihm doch jede Bank auf das Anwesen ein Darlehen gegeben. Damit hätte er sich doch auch die Werkstatt einrichten können. Die Klara hätte ihre Bleibe behalten, und er hätte noch zusätzlich Geld bekommen.«

»Hoffentlich zerbricht sie nicht noch ganz«, sagte Resl leise.

»Ja, das ist wirklich zu hoffen. Jetzt, wo sie sich grad anfing zu freuen, da muss ihr das auch noch passieren.«

 

 

13

Ein reicher Mann aus dem Nachbarort hatte den Hof durch einen Mittelsmann aufkaufen lassen. Er wollte später ein großes Hotel auf die Wiese setzen.

Gönnerhaft bot er jetzt der Klara an, bei ihm zu arbeiten.

»So bleibst du hier im Ort.«

Das Blut schoss ihr in die Wangen.

Soweit war es mit ihr noch nicht gekommen, dass sie von den Brosamen der Reichen leben musste.

In diesen Tagen dachte sie wieder oft an die Mutter. Sie verstand sie so gut. Der Vater hatte ja auch vieles zugrunde gerichtet. Immer wenn es ein wenig aufwärts gegangen war, dann hatte er alles Geld genommen und vertrunken.

Wie oft hatte die Mutter ihre Träume begraben müssen!

Ein ganzes Leben lang, und zum Schluss war sie dann daran zerbrochen. Sie hatte nicht mehr an ein bescheidenes Glück gedacht.

Die letzten Gäste waren sehr nett zu Klara und fühlten mit ihr. Es tat ihnen auch leid, dass sie nicht im nächsten Jahr wiederkommen konnten.

»Uns hat es hier so gut gefallen. Wir haben uns richtig heimisch gefühlt.«

Klara schluckte.

Dann sagte der Feriengast noch: »Wenn man die Gegend jetzt so verschandelt, sind eines Tages die Alpen ausverkauft, dann wird keiner mehr kommen, um hier Erholung zu suchen. Deshalb flüchten wir aus unseren Städten, weil wir Ruhe und die Natur brauchen. Na ja, sie scheinen ja alles besser zu wissen und glauben auch, wir lassen uns betrügen. Eines Tages, und das wird gar nicht mehr lang sein, dann wird man ihnen die Rechnung präsentieren. Die wird ihnen dann gar nicht mehr gefallen.«

Klara ging wie eine Schlafwandlerin durch die Räume. Sie konnte also mitnehmen, was ihr Spaß machte, hatte der Werner großzügig gesagt. Keiner der Brüder wollte etwas von dem Hausrat als Andenken. Er war ihnen zu ärmlich.

Und was sollte sie mitnehmen?

Vor allen Dingen, wohin damit? Bis sie sich eine kleine Wohnung gesucht hatte, musste sie die Sachen irgendwo unterstellen.

Also verschenkte sie an die Gäste, was diese wollten.

Dann kam der Tag herauf, wo auch die letzte Familie ihre Koffer packen musste.

»Sicher sehen wir sie im nächsten Jahr unten in Damüls wieder.«

»Sicher«, sagte sie leise.

Am nächsten Morgen packte sie ihre Koffer und lud sie in den kleinen Wagen.

Da kam auch schon der Baggerführer. Gleich wollte man damit beginnen, die Scheune niederzureißen.

Sie wollte das alles nicht mehr miterleben.

Mit blutendem Herzen fuhr sie los. Im Hohlweg traf sie die Nachbarin. Sie kam den Berg hinauf geschnauft. »Komm, iss erst mal bei uns, dann reden wir zwei noch einmal miteinander, Klara.«

Sie hatte Tränen in den Augen.

»Ja, wenn du meinst«, sagte Klara mit leiser Stimme. Sie hatte keinen eigenen Willen mehr.

In der Küche saß sie auf der Ofenbank und strich behutsam dem schnurrenden Kater über den Rücken.

»Hast du dir jetzt überlegt, was du tun willst, Klara.«

»Nein!«

»Schau mal, der Fritz ist jetzt daheim. Ich kann ihm gut die Kinder überlassen. Was hältst du davon, wenn wir zwei es uns nur ansehen gehen?«

»Was?«

»Nun, den Hof, die Kinder und den Schwager. Er dauert mich so, Klara. Wie du mir leid tust. Er ist auch arm dran und weiß nicht ein noch aus. Er braucht unbedingt jemanden für die Kinder. Er kriegt nur immer für ganz kurze Zeit eine Aushilfe. Aber das ist doch nicht gut, wenn sie immer neue Gesichter um sich haben. Wenn du nur eine Zeitlang bei ihm bleiben könntest, dann wäre ihm schon sehr geholfen. Du kannst doch jederzeit immer wieder fortgehen. Du bist doch nur seine Angestellte, Klara. Was meinst du?«

»Ich weiß einfach nicht mehr, was ich tun soll«, klagte sie. »In meinem Kopf ist eine große Leere. Ich weiß es wirklich nicht. Alles, was ich beginne, zerbricht doch nach einer Zeit. Also, warum soll ich da wieder etwas Neues beginnen? Vielleicht bringe ich ihm nur Unglück?«

Resl sah schon, die Nachbarin konnte sich nicht entscheiden. Sie musste sie jetzt ein wenig lenken.

Resl war resolut und spürte, die Klara brauchte nur einen kleinen Stoß, dann ist sie wieder im Geleise.

»Wir fahren hin und sehen es uns an. Mehr will ich ja jetzt nicht von dir.«

Als dann der Mann davon hörte, was Resl beschlossen hatte, da nickte er dazu.

»Ich würde mich auch herzlich freuen, Klara, wenn du meinem Bruder aus der Klemme helfen würdest.«

Listig setzte Resl hinzu: »Dann verlieren wir uns auch nicht aus den Augen. Wir können uns dann regelmäßig besuchen fahren. Schnepfau ist doch nicht aus der Welt. Das schaffen wir in einer guten Stunde.«

Klara hatte nicht mal so viel Willen, um sich dagegen aufzulehnen. Sie saß wenig später neben Resl in deren Wagen und fuhr zu diesem fremden Mann.

Der Hof lag an einem flachen Hang und sah sehr schön aus. Resl hatte wirklich nicht übertrieben, dass es ein sehr schöner und großer Hof war. Klara erfuhr auch gleich, dass es der Hof der Frau sei. Also der Schwager keinerlei Anrechte besaß. Er also nur noch das Wohnrecht hatte, weil er ja der Vater der Kinder war.

»Eines Tages wird der kleine Martin mal alles erben. Der weiß noch nix von seinem Glück. So ist das nun mal in der Welt. Einer kann sein Leben lang arbeiten und sich abplagen und kriegt nix, und wieder ein anderer, der ist einfach in der richtigen Wiege gelegen und bekommt alles. A Affenschand ist das.«

Was sollte sie darauf antworten?

Aber die Resl wollte gar keine Antwort. Sie sprach gern viel und munter drauflos.

Wenn man ihr nur zuhörte, dann war sie schon glücklich.

Am Fuße des Hirschberges, der Damskopf und der Hohe Ilfn zeigte sich auch in der Ferne, lag das Gehöft mit seinen Nebenbauten.

Er musste schon an die dreihundert Jahre alt sein. Denn nur damals hatte man so viel Muße, um solch schöne Schnitzereien anzufertigen. Dazu waren immer die langen Winterabende da. Und dann die herrliche Lüftlmalerei.

Das Auge konnte trunken werden, über so viel Prachtentfaltung. Und doch wirkte das Ganze seltsam düster und kalt. Zuerst wusste die Klara gar nicht, woran das lag. Dann auf einmal spürte sie es.

Weit und breit war keine Blume zu sehen. Sie waren doch immer die Zierde und der Schmuck eines jeden Hofes in den Bergen. Jede Bäuerin war stolz auf ihre prachtvollen Hängenelken, die nur im Gebirge so gut gediehen.

Wusste sie doch von früher, dass schon die Blumen ihrem Häuslein einen ganz anderen Anstrich gegeben hatten.

Die Urlauber blieben immer stehen und bewunderten die Pracht.

»Wie kommt das?«, fragte sie leise.

Resl sagte: »Hab’ ich dir nicht gesagt, dass die Schwägerin ein komisches Geschöpf war?«

Klaras Augen fielen auf die eines kleinen Mädchens. Ganz plötzlich kam es aus einer Art Gebüsch gesprungen. Es war noch sehr klein, wohl an die zwei Jahre alt.

Blond und mit sehr großen blauen Augen. Diese blickten die Fremde gar seltsam an, und dann machte sie gleich ein verstocktes Gesichtchen.

Die Händchen waren schmutzig, und auch das Kleidchen wirkte für das Kind viel zu düster.

»Grüß dich, Emmi«, rief Resl fröhlich und steckte der Kleinen eine Zuckertüte entgegen.

»Danke«, stotterte das Kind verlegen.

»Wo ist der Vater?«

»Da!«

Der Bauer hatte wohl auch das Fahrzeug gehört und kam jetzt um die Hausecke.

»Grüß dich, Schwägerin. Du hast dich ja gar nicht angemeldet«, sagte er mit leiser Stimme.

Klara sah einen hochgewachsenen, etwas gebeugten Mann vor sich. Auch sein Haar war sehr blond, und die blauen Augen sahen sie ein wenig forschend an.

Das Gesicht wirkte abweisend, und um seine Lippen lag ein merkwürdiger Zug.

Resl stellte die Klara vor und sprudelte gleich hervor.

»Du wirst es nicht glauben, Helmut, aber ich habe sie mitgebracht, weil sie vielleicht bei dir bleiben will. Sie sucht nämlich eine gute Stellung. Und da habe ich von dir erzählt. Jetzt möchte sie sich alles ansehen.«

Wieder dieser seltsam forschende Blick des Mannes.

»Die letzte hat mich gestern verlassen. Ihr war es hier zu einsam. Und dann hat sie wohl gedacht …« Er brach ab.

Resl sah ihn an.

Sie dachte sich ihr Teil. Sicher waren zu Anfang junge Mädchen zu ihm gekommen, in der Hoffnung, auf diesen schönen Hof als Bäuerin zu walten. Wenn sie aber dann erfuhren, dass es nicht sein eigener war, dann gingen sie enttäuscht fort.

Klara fühlte sich ganz seltsam.

Von Minute zu Minute wurde sie in seinen Bann gezogen und vergaß ihr eigenes Schicksal. Sie wusste auch nicht warum, aber sie hatte eine seltsame Scheu, überhaupt das Haus zu betreten.

Es kam ihr wie eine Gruft vor.

Dabei war so viel Prachtentfaltung in den Räumen. So etwas hatte sie nicht mal beim Bürgermeister feststellen können. Und das sollte wirklich etwas heißen, da er auch Besitzer eines sehr alten Hofes war.

Resl sagte: »Ja, da bist du erstaunt, was? Ich habe nicht zu viel versprochen. Das war einmal ein großer Hof. Wie Grafen haben sie damals hier geherrscht. Ein stolzes Geschlecht kann ich dir sagen. Und die letzte dieser Kette war nur eine Tochter! Das hat den letzten Bauern sehr gegrämt. Früh ist er verstorben. Er und seine Frau.«

Sie lachte trocken auf.

Klara dachte, ich verstehe die Resl plötzlich nicht mehr. Sonst ist sie doch ein so warmherziger Mensch. Warum nur mochte sie die Schwägerin nicht?

Jetzt hörte sie die Nachbarin sagen: »Schwager, wo ist denn der Bub?«

»In seiner Kammer, wo denn sonst!«

»Musst dich jetzt wieder um ihn sorgen?«

»Ich sagte doch eben, die Frau ist gestern fort. Ich weiß auch nicht, warum sie nicht länger bleiben wollte. Ich zahle ihnen einen sehr guten Lohn. Und meine zwei Gehilfen für die Pferde sind auch immer höflich zu ihnen.«

»Ja, ja, so ist das«, sagte Resl.

»Die Maria …«, der Mann brach ab.

Klara wusste nun, dass seine Frau Maria geheißen hatte. Sie dachte, er bringt es noch nicht übers Herz, von ihr zu reden. Sie war ja auch erst seit sechs Wochen tot. Der Schmerz ist noch zu frisch.

Resl ging resolut durch die weite Halle und öffnete dann im Hintergrund eine Tür. Hier war also das Kinderzimmer des Buben.

Er lag, in einer wertvoll geschnitzten Wiege. Aber alles andere wirkte irgendwie ärmlich und zusammengestoppelt. Wie vereinbarte sich das mit dem Reichtum des Hauses?

Klara war noch verwirrter als vorher.

Dann sah sie den Säugling! Er glich dem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten. Hingegen das kleine Mädchen wohl der Mutter ähnlich sehen musste.

Der Bub schlug die Augen auf und sein Blick fiel mitten in ihr wundes Herz. Sofort sah sie, dass eine ungeübte Hand den Buben gewickelt hatte.

Da hörte sie ein Geräusch und drehte sich herum.

Die kleine Emmi stand in der Tür und sah sie mit ihren großen Augen fast feindselig an.

»Dauern dich denn diese zwei Kinder nicht?«, wollte die Nachbarin wissen.

Der Bauer sagte leise: »Wenn Sie sich wirklich dazu entschließen könnten, meine Kinder zu beaufsichtigen, ich würde Ihnen vollkommen freie Hand lassen, und außerdem erhalten Sie einen guten Lohn. In Zukunft wird dann alles so gemacht, wie Sie es sich wünschen. Wenn Sie nur bei den Kindern bleiben und nicht gleich wieder fortmachen. Das ist meine einzige Bedingung.«

Klara fühlte sich ganz schwach.

Einesteils hatte die den wilden Wunsch, auf dem Absatz kehrt zu machen und aus diesem seltsamen Haus zu flüchten. Dann aber wieder sah sie den kleinen Buben unermüdlich an. Er war plötzlich so etwas wie ein Magnet, der sie gefangen hielt.

Resl nahm ganz spontan den Buben aus der Wiege und reichte ihn Klara.

»Schau mal, er braucht wirklich Hilfe. Jemand, der sich um ihn kümmert. Das ist doch nicht Männersache. Außerdem muss er sich doch um den Hof kümmern.«

Sie fühlte die leichte Habe in ihrem Arm, und das kleine Herzchen flatterte wie ein gefangenes Vögelchen in seiner Brust. Ganz merkwürdig wurde ihr ums Herz. Das war doch etwas ganz anderes, als den ganzen Tag Gäste zu bedienen, die Stuben zu säubern.

Sie selbst würde ja nie eigene Kinder haben. Hier aber bekam sie die Möglichkeit, für einige Zeit das Kind zu pflegen, wie nur es eine Mutter kann. Heimlich konnte sie es dann auch herzen, küssen, einfach liebhaben.

Sie hob den Kopf und sah den Mann an.

»Wenn Sie es möchten, dann will ich gern den Posten bei Ihnen übernehmen. Ich will mich bemühen, es Ihnen recht zu machen.«

Resl lächelte befriedigt.

Sie hatte es gewusst.

Sie kannte doch ihre Klara!

Deswegen hatte sie ja auch ein wenig die Klara gezwungen, weil sie wusste, es würde ihr guttun, wenn sie diese Stelle annahm. Dann würde sie ganz gewiss nicht mehr auf dumme Gedanken kommen.

»Wann können Sie denn anfangen?«, fragte der Bauer leise.

Resl sagte sofort: »Gleich, wenn du willst, Schwager.«

Dann erzählte sie mit wenigen Worten, wieso es dazu kam, dass sie sofort anfangen konnte. Wie hart das Schicksal auch sie getroffen hatte.

Details

Seiten
309
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941067
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v900215
Schlagworte
angesicht berge bergromane dramatische drei heimat-roman sammelband schicksale

Autoren

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Titel: Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 3 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge