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Spuk Thriller Trio-Band 1 - Drei Romane

2020 345 Seiten

Zusammenfassung



Über diesen Band:

Dieser Band enthält folgende Romane:

Ann Murdoch: Teufelsspiel
Ann Murdoch: Schwarzer Engel
Ann Murdoch: Dunkle Gebete

Ein Geheimnis, das seine Wurzeln im Alten Ägypten der Pharaonenzeit hat und die Ermittlungen in einem äußerst mysteriösen Kriminalfall führen zu der Begegnung von zwei Liebenden.
Ann Murdoch hat diesen gleichermaßen nervenzerfetzend spannenden wie gefühlvollen Roman in Szene gesetzt.

Leseprobe

Table of Contents

Von Ann Murdoch

Teufelsspiel

Teil 1

Teil 2

Schwarzer Engel

Teil 1

Teil 2

Dunkle Gebete

Copyright

1

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Spuk Thriller Trio-Band 1 - Drei Romane

Von Ann Murdoch

 

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Romane:

 

Ann Murdoch: Teufelsspiel

Ann Murdoch: Schwarzer Engel

Ann Murdoch: Dunkle Gebete

 

 

 

Ein Geheimnis, das seine Wurzeln im Alten Ägypten der Pharaonenzeit hat und die Ermittlungen in einem äußerst mysteriösen Kriminalfall führen zu der Begegnung von zwei Liebenden.

Ann Murdoch hat diesen gleichermaßen nervenzerfetzend spannenden wie gefühlvollen Roman in Szene gesetzt.

 

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Teufelsspiel

von Ann Murdoch

 

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© der Digitalausgabe 2014 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

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Teil 1

„Na, das ist ja mal ein besonders schönes Stück.“

Die schlanke junge Frau mit den auffällig blauen Augen und den leuchtend blonden Haaren blieb abrupt stehen und schaute bewundernd auf den einfachen Tisch, auf dem ein ganz außergewöhnliches Schachspiel aufgebaut war. Es hob sich ab von dem üblichen Kram und den manchmal wirklich geschmacklosen Gegenständen, mit denen sie sonst konfrontiert wurde.

Hier auf dem Flohmarkt in Chelsea war eigentlich alles zu finden, was Menschenhand jemals gedacht und erschaffen hatte, doch bei den meisten Gegenständen handelte es sich um billigen Plunder. Man musste schon sehr genau aufpassen und eine gehörige Portion Ahnung und Wissen besitzen, um nicht auf ein „garantiert von Henry dem achten signiertes Notenblatt“ hereinzufallen, das sich bei näherem Hinsehen als billige Kopie eines Beatles-Songs entpuppte. Oder das garantiert echte „Meißener Porzellan“ war nichts weiter als imitiertes Steingut aus dem letzten Winkel der Welt.

Joanne McArthur hatte Ahnung, und sie genoss es, an den Wochenenden stöbern zu gehen und sich über die zahllosen Angebote zu amüsieren. Die Wissenschaftsjournalistin, die ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen hatte, war vom Vater her erblich vorbelastet.

Colin McArthur galt als führender Archäologe und Historiker auf dem Gebiet der mittelalterlichen Kirchenforschung. Es gab in ganz England vermutlich keine Kirche aus der Zeit vor dem 16. Jahrhundert, die er nicht schon aufgesucht und erforscht hatte. Sein Wissen um Baustile, Fenster, Statuen, Rituale und natürlich die unendlichen Abgründe unter vielen Kirchen waren enorm, und Joanne war quasi zwischen den gewaltigen Kirchenschiffen aufgewachsen. Statt Familienfotos hatte sie die Bilder mehr oder weniger berühmter Maler gesehen, Altäre und Schnitzwerk begutachtet und auf den Friedhöfen gespielt. Es war ihr nie in den Sinn gekommen, dass andere Kinder ein völlig anderes Leben führten. In der Schule empfand sie sich nicht als Außenseiterin; sie legte einfach keinen Wert darauf, Puppen zu sammeln, hinter Jungen herzukichern oder mit verschämtem Blick die ersten schüchternen Annäherungsversuche abzuwehren. Joanne war stets direkt und geradeheraus, sagte was sie meinte, und besaß schon früh ein brillantes Allgemeinwissen. Nur Freunde hatte sie kaum. Lud sie wirklich einmal Klassenkameraden zu einer Geburtstagsfeier ein, so bekamen die einen Schreck, dass im Hause der Familie McArthur das Mittelalter lebendig war - und sie selbst langweilte sich bei den nichtssagenden Gesprächen.

Das junge Mädchen wuchs heran, lernte mit Eifer alles, was sie nur aufnehmen konnte, und konzentrierte sich darauf, ihr angesammeltes Wissen an andere weiterzugeben. Eine Anstellung als Lehrkraft war jedoch nicht das richtige für ihre rastlose Natur. Die starren Regeln und die ständigen Wiederholungen bildeten keine Herausforderung für den wachen Verstand der jungen Frau. Da traf es sich gut, dass ein angesehenes, weltweit verbreitetes Magazin Interesse an Joanne als Journalistin hatte. Sie bekam eine Anstellung und führte fortan ein Leben zwischen Redaktion, Labor und Museen. Ihr gefiel es so, und sie genoss die freie Zeit zwischen den Reportagen, indem sie auf die Suche nach dem Ungewöhnlichen ging.

Ihre Mutter war gestorben, als Joanne zwölf Jahre zählte, und ihr Vater hatte sich in seiner Trauer immer mehr in die Arbeit zurückgezogen. Doch Vater und Tochter pflegten ein inniges Verhältnis, auch wenn er Joanne manchmal mit einem seltsamen Blick musterte.

„Findest du es nicht an der Zeit, dich auch mal für einen Mann zu interessieren?“, fragte er dann, erntete aber nur ein schelmisches Lächeln.

„Sollte es tatsächlich den Richtigen für mich geben, werden wir uns schon eines Tages über den Weg laufen.“ Sie wehrte alle Flirts ab und pflegte nichts weiter als Freundschaften mit Menschen, die ähnlich wie sie selbst, völlig in der Arbeit aufgingen.

Colin vergaß dann auch gleich wieder seine Bemerkung, aber Joanne war mittlerweile neunundzwanzig Jahre, und sie zeigte noch immer kein Interesse daran, eine Familie zu gründen.

Auch heute ignorierte sie die bewundernden Blicke der Männer. Sie stand von diesem kleinen unscheinbaren Tisch und konnte sich vom Anblick der wunderbaren Schachfiguren nicht losreißen. Der Verkäufer, ein älterer Mann mit unzähligen Falten im Gesicht und farblosen Augen, machte keine Anstalten, seine Ware besonders anzupreisen. Ganz im Gegenteil, er wirkte, als warte er auf einen anderen Käufer.

„Was soll das gesamte Spiel kosten?“, fragte Joanne.

„Ich glaube nicht, dass es für Sie das richtige ist“, brummte der Mann und blickte angestrengt in eine andere Richtung.

„Aber warum denn nicht? Ich habe eine Vorliebe für schöne alte Dinge.“

„Das hier ist trotzdem nichts für Sie. Es braucht schon eine ganz besondere Persönlichkeit, um damit umzugehen.“

Seltsam, fand Joanne, aber sie ließ nicht locker. Aufgrund ihres Aussehens war sie allerdings an Vorurteile gewohnt, die sich meist schnell verflüchtigten.

„Woher wollen Sie wissen, dass ich nicht die richtige bin?“

„Sie sind jung, Sie sind schön, und Sie sind unschuldig. Dieses Spiel wird Ihre Seele verderben.“

„So ein Unsinn“, stellte sie fest. „Nun sagen Sie mir schon den Preis, dann werden wir sehen, wie verdorben ich bin. Vielleicht kann ich es mir ja gar nicht leisten.“

„Der Preis wird im Endeffekt höher sein als das, was den finanziellen Wert ausmacht. Erst dann werden Sie wissen, ob Sie ihn zahlen können, aber dann wird es zu spät sein.“

Der alte Mann sprach in Rätseln. Plötzlich bekam sein Blick jedoch einen seltsamen Ausdruck, er murmelte etwas vor sich hin und schien Angst zu bekommen. Nun, vielleicht dachte auch an das Geld, das er möglicherweise dringend brauchte, dann durfte er eine Käuferin nicht einfach so gehen lassen.

„Ist ja schon gut“, sagte er mehr zu sich selbst. „Fünfzig Pfund will ich dafür haben.“

Joanne betrachtete das Spiel kritisch. Fünfzig Pfund waren viel Geld, diesem Spiel allerdings mehr als angemessen. Aber etwas reizte sie daran. „Fünfundvierzig“, bot sie spontan und hoffte auf einen Handel, doch die Miene des Mannes wurde womöglich noch mürrischer.

„Der Preis ist nicht verhandelbar. Kaufen Sie, oder lassen Sie es.“

„Gut, einverstanden. Es ist zwar viel Geld, aber ich glaube, dieses Spiel ist es wert.“

So etwas wie Erschrecken zuckte über das Gesicht des Mannes. „Nehmen Sie einen guten Rat von mir an, junge Lady. Dieses Spiel ist es nicht wert, dass man überhaupt etwas dafür bietet.“

Joanne lachte auf. „Mit dieser Einstellung werden Sie hier nicht viel verkaufen können. Sie müssen Ihre Waren schon besser anbieten.“

Der Mann nahm das Geld, starrte darauf und wandte sich dann ohne Gruß oder Dank ab. Er lief einfach davon.

„Leute gibt es, einfach unglaublich“, murmelte Joanne. Sie machte sich weiter keine Gedanken über den seltsamen Vorfall, sondern freute sich lieber darüber, dass sie ein ganz außergewöhnliches Schnäppchen gemacht hatte. Sorgsam packte sie die Figuren in ihre Tasche und wunderte sich darüber, dass sie relativ warm wirkten, obwohl die Luft kühl und der Wind fast schneidend war. Zärtlich strich sie mit den Fingern über das Brett.

Auf den ersten Blick schien es sich um Bergkristall und Hämatit zu handeln. Die Ränder waren mit Ornamenten verziert, und die tastenden Finger von Joanne begannen zu prickeln, als sie darüber glitten. Irgendetwas stimmte nicht mit diesem ganzen Spiel, aber wahrscheinlich bildete sie sich das nur ein. Das Benehmen des Mannes hatte sie ganz einfach irritiert, und auf Gefühle gab sie ohnehin nichts.

Joanne glaubte nur an das, was sie sehen, begreifen oder wissenschaftlich belegen konnte. Sie sollte schon bald lernen, dass es noch eine ganze Menge mehr gab, was mit dem rationalen Verstand nicht immer zu erklären war.

Im Augenblick hatte sie jede Lust verloren, noch länger hier auf dem Flohmarkt herumzustöbern. Höchst erfreut ging sie nach Hause.

 

*

 

Joanne bewohnte das Haus ihres Vaters. Er war ohnehin nur selten hier, denn seine Arbeit führte ihn immer wieder fort, und warum sollte sie Geld für eine eigene Wohnung ausgeben, wo es doch hier mehr als genug Platz gab? Außerdem liebte sie das Haus, das auf andere Menschen etwas geheimnisvoll wirkte. Es stammte aus der viktorianischen Zeit, besaß viele Türmchen und Erker, einen leicht verwilderten Garten, holzgetäfelte Wände, eine riesige Bibliothek und ein Arbeitszimmer, in dem Colin seine wertvollsten Bücher und auch einige Reliquien aufbewahrte. Dieser Raum war selbst für die Putzfrau verboten. Nur im Beisein des Hausherrn dürfte sie hier saubermachen, und auch dann gab es Ecken, denen sie nicht einmal zu nahe kommen durfte.

Auch Joanne betrat diesen Raum nur selten, obwohl sie das Recht dazu besaß, weil Colin ihr vertraute. Aber jeder brauchte nun einmal seine Privatsphäre, und seine ganz persönlichen Geheimnisse. Das hatte sie von klein auf gelernt, und diese Einstellung respektierte sie für jedermann.

Ihre eigenen Räume befanden sich im Obergeschoss. Ein Erkerzimmer diente als Schlafraum, und hier wirkte alles etwas verspielt, so als hätte sie geheime Wunschträume verwirklicht. Doch dies war der Raum, den ihre Mutter noch eingerichtet hatte für ein junges Mädchen. Joanne wollte nicht, dass hier etwas verändert wurde, sie fühlte sich auf diese Weise der Mutter noch immer nah. Nebenan befand sich ihr eigenes Arbeitszimmer, und hier wirkten die modernen Möbel und der hochmoderne Computer ein wenig deplatziert. Aber nur auf den ersten Blick, denn sie hatte es geschickt verstanden, alles so zu arrangieren, dass eine Harmonie aus alt und neu gestaltet wurde.

Joanne setzte sich an einen kleinen Tisch vor den Kamin und holte ihre Beute vorsichtig aus der Tasche. Wieder fuhren ihre Finger sacht über die Ornamente auf dem Schachbrett, und erneut verspürte sie das seltsame Prickeln. Dann nahm sie jede einzelne Figur hervor und betrachtete sie aufmerksam. Eines konnte sie mit Sicherheit sagen: Brett und Figuren waren alt, sehr alt sogar. Aber woraus diese filigranen Gestalten erschaffen worden waren, blieb ihr ein Rätsel. Auf jeden Fall handelte es sich um eine liebevolle Zusammenstellung.

Die Bauern stellten Handwerker und Berufe aus dem Mittelalter dar: Sattler, Gerber, Maurer, Zimmermann, Schmied, Schneider, Müller und natürlich ein Bauer. Die Läufer waren königliche Herolde, die Springer gerüstete Ritter, und die Türme bildeten Kirchenfürsten ab. Dame und König waren selbstverständlich den tatsächlichen Majestäten nachempfunden. Das Material war nachgiebig wie Wachs und vermutlich genauso empfindlich, und doch besaß es eine besondere Festigkeit, so dass auch auf Druck die ursprünglichen Formen zurückkehrten. Und alle Figuren waren warm. Wirklich, sehr seltsam.

Joanne hielt einen kleinen Bischof direkt vor ihre Augen und hatte plötzlich das Gefühl, selbst angestarrt zu werden. So ein Unsinn! Außer ihr war niemand im Zimmer, und die Figuren konnten sie wohl kaum ansehen. Aber der Wert dieses Spiels überstieg den Kaufpreis bei weitem, dessen war die Frau sicher. Doch ein Geheimnis schien dahinterzustecken, solche Leckerbissen fand man nicht alle Tage, und falls doch, dann nicht zu diesem Preis.

Wenn sie nur herausfinden könnte, welche Materialien hier benutzt worden waren. Wie schade, dass ihr Vater sich mal wieder auf einer seiner Reisen befand. Er hätte ihr vielleicht Auskunft geben können. Sie dachte nach. Von Natur aus gehörte sie zu den Menschen, die keine offenen Fragen mochten. Und dieses Schachspiel war ein einziges Rätsel, das gelöst werden musste. Richtig, Professor Charles Glenn würde ihr vielleicht helfen können. Sie hatte ihn vor Kurzem kennengelernt und besaß großen Respekt vor seiner Arbeit und seinem fachlichen Wissen.

Er leitete ein Institut, in dem Untersuchungen über die verschiedensten Eigenschaften eines Gegenstands angestellt wurden. Ob es nun um Biochemie ging, Altersbestimmung mikrobiologische Zusammensetzung oder eine relativ einfache Kernspintomographie bis in das Innere einer Mumie, in Haydon Wood bei Professor Glenn gab es kaum eine Untersuchung, die nicht vorgenommen werden konnte. In hochmodernen Labors arbeiteten Experten, und weil die Finanzierung über längere Zeit mit Aufträgen aus der Industrie gesichert war, übernahm der Professor nur zu gerne kleine Anfragen, die ihm interessant genug erschienen, um die tägliche Routine zu durchbrechen.

Kurzerhand rief Joanne ihn an, doch er bedauerte, sich nicht selbst um die Sache kümmern zu können. Er musste zu einem Vortrag ins Ausland, doch stattdessen würde sich Dr. Culter damit befassen. Der war nicht nur Spezialist in Biochemie, er besaß auch seinen Abschluss in Psychologie und konnte im Zusammenspiel der beiden Disziplinen erstaunliche Schlussfolgerungen ziehen.

Nun, warum nicht? Hauptsache, es fand sich jemand, der in der Lage war, Joannes Fragen zu beantworten. Sie ließ sich gleich für den nächsten Tag einen Termin geben und packte das Spiel sorgfältig wieder ein.

In dieser Nacht hatte sie seltsame Träume. Das Schachspiel entstand vor ihren Augen, und Figuren erwachten zum Leben. Sie jammerten und klagten, indes sich Joanne entsetzt und verzweifelt die Ohren zuhielt. Sie wollte davonlaufen, aber sie war an ihren Platz gebannt und konnte sich nicht rühren.

Irgendwann schrak sie mit einem Schrei auf und stellte fest, dass sie nassgeschwitzt im Bett saß. So etwas Verrücktes! Sie litt doch sonst nicht unter Alpträumen. Energisch stand sie auf, machte sich einen heißen Kakao, zog einen frischen Pyjama an und stieg wieder ins Bett. Dieses Mal schlief sie tief und traumlos.

Als sie in Haydon Wood ankam, war sie jedoch ein wenig enttäuscht, nicht auch mit Professor Glenn reden zu können. Sie mochte den älteren humorvollen Herrn, der stets mit einem freundlichen Lächeln auftrat und einen messerscharfen Verstand besaß. Dr. Culter kannte sie noch nicht persönlich, auch wenn sie von ihm gehört hatte. Doch gerade das war nicht dazu angetan, dem bevorstehenden Gespräch mit Vorfreude entgegenzusehen.

Richard Culter galt als Koryphäe, man sagte ihm aber auch Arroganz, Ungeduld und Sarkasmus nach. Nun gut, sie würde ihn ja jetzt kennenlernen und konnte sich dann ihr eigenes Urteil bilden.

Der Wissenschaftler war konzentriert über ein Mikroskop gebeugt, als Joanne das Labor betrat. Auch sie trug einen weißen sterilen Kittel, um mögliche Verunreinigungen diverser Proben zu vermeiden, auch wenn die Gefahr in diesem Fall gering war. Der Mann erwiderte den höflichen Gruß nicht, sondern starrte weiter in das Okular.

„Geben Sie mir mal die Pipette“, sagte er mehr oder weniger ins Leere, und seine Hand deutete auf eine Schale, in der verschiedene Utensilien lagen.

Joanne lächelte. Zumindest schien der Mann voll und ganz in seiner Arbeit aufzugehen. Sie reichte ihm die gewünschte Pipette und wartete geduldig ab. Irgendwann hob Culter den Kopf, ein zufriedenes Lächeln auf dem Gesicht. Erst jetzt bemerkte er die Besucherin.

„Wer sind Sie denn? Was machen Sie hier? Wie kommen sie überhaupt hier herein?“

„Ich bin Joanne McArthur, und wir haben einen Termin. Ihre Assistentin hat mich hereingeschickt. Sonst noch was? Oder bin ich am Ende im falschen Labor? Sie sind doch Dr. Culter?“, fragte sie mit einem bezaubernden Lächeln.

Er schlug sich vor den Kopf. „Das hatte ich ganz vergessen. Verzeihen Sie. Allerdings hoffe ich, dass Ihr Anliegen wichtig genug ist, um mich von diesem Experiment fernzuhalten. Professor Glenn ist manchmal ein wenig zu gutmütig, wenn es darum geht, irgendwelchen Journalisten einen Gefallen zu erweisen, nur damit mal wieder ein wohlwollender Artikel erscheint.“

„Ich bin nicht irgendeine Journalistin, Dr. Culter. Sie müssen mich nicht beleidigen. Und dieser Termin hat nichts damit zu tun, ob ich einen Artikel schreibe oder nicht.“

Er starrte sie an, und langsam ging ihm auf, wie verletzend seine Worte gewesen sein mussten.

„Ich - ach, das habe ich wohl ganz falsch angefangen, was? Werden Sie mich jetzt in der Luft zerreißen?“

Joanne sah ein kleines amüsiertes Funkeln in seinen braunen Augen tanzen. Seine harten Worte und seine aufgesetzte Arroganz waren nichts weiter als ein Schutzschild, mit dem er unliebsame Störungen fernhalten wollte.

„Nur ein kleines bisschen“, gab sie also fröhlich zurück. „Ich habe hier...“

„Wie war Ihr Name noch einmal? McArthur? Dann sind Sie die Journalistin, die diesen Artikel über die sogenannte Küchenchemie geschrieben hat? Die unerwünschten Reaktionen verschiedener Reinigungsmittel, die über einen Ohnmachtsanfall bis hin zu schweren Krankheiten führen können? Gute Arbeit. Auch deswegen, weil Sie keinen Sensationsbericht daraus gemacht haben. Nüchtern, sachlich, den Tatsachen entsprechend. Ich habe selten etwas Besseres gelesen, das auch für den normalen Menschen verständlich ist.“

„Sie müssen mir auch nicht schmeicheln, Dr. Culter. Ich habe nur längst bekannte Fakten zu einem verständlichen Aufsatz zusammengefasst.“ Nun zuckte sie förmlich zurück. Wollte er seinen Patzer etwa damit ausbügeln, dass er ihr jetzt Honig ums Maul schmierte? Das hatten schon ganz andere Leute versucht, mit wenig Erfolg.

Er spürte ihre Zurückhaltung und seufzte. „Ich habe es nicht nötig, jemandem zu schmeicheln. Dazu ist mir auch meine Zeit zu kostbar. Ich wollte lediglich anmerken, dass mir Ihre Arbeit nicht unbekannt ist, und dass ich Ihre Art, die Dinge anzugehen, schätze.“

Nun war es an Joanne, ein wenig zerknirscht zu sein. Versöhnlich streckte sie die Hand aus.

„Ich glaube, wir haben beide nicht ganz richtig angefangen. Schwamm drüber, ja? Dann brauchen wir beide keine kostbare Zeit mehr damit zu vergeuden, uns gegenseitig zu entschuldigen.“

„Sie wissen gar nicht, wie recht Sie haben“, grinste er und schlug ein. Seine Verwirrung war nur zu verständlich, hatte er doch hinter dem Namen Joanne McArthur eine Art trockene alte Jungfer vermutet. Stattdessen stand eine atemberaubend schöne Frau vor ihm.

Auch Joanne schaute ihn jetzt genauer an. Dr. Richard Culter war erst Mitte dreißig und hatte sich doch schon einen hervorragenden Ruf erworben. Sein Wort galt viel in der wissenschaftlichen Welt. Sein Haar war braun, ebenso seine Augen. Das schmale Gesicht wurde beherrscht von einer scharfrückigen Nase, sein Blick war ständig konzentriert, und sein schlanker hochgewachsener Körper hätte auch einem Sportler gehören können.

Joanne spürte den Druck der schmalen festen Finger und fühlte sich unwillkürlich zu diesem Mann hingezogen. So ein Unsinn, rief sie sich selbst zur Ordnung. Warum sollte ausgerechnet er jemand sein, der sich für dich interessiert und dann auch noch frei ist? Wahrscheinlich hat er zuhause eine kleine unscheinbare Frau und vier Kinder. Eine andere Stimme in ihrem Inneren unterbrach den stummen Monolog. Hüte dich vor Schlussfolgerungen, die durch nichts bewiesen sind. Im Übrigen solltest du zuerst einmal dein Anliegen vorbringen.

Culter bemerkte nichts von der lautlosen Zwiesprache in ihrem Innern, aber Joanne war jetzt wieder die gefasste kühle Journalistin, die sich nicht damit aufhielt, über persönliche Angelegenheiten nachzudenken. Sachlich holte sie nun das Spiel aus dem Holzkasten, in den sie es Zuhause gepackt hatte.

„Das hier habe ich durch einen Zufall entdeckt, aber die Figuren sind mir ein Rätsel. Und auch das Brett ist nicht das, was es auf den ersten Blick scheint.“

War die Miene von Richard noch zunächst ein wenig ablehnend gewesen, so änderte sich das rasch, als er die Figuren in die Hand nahm und anschließend, wie schon Joanne zuvor, mit den Fingern über die Ornamente strich.

„Merkwürdig“, murmelte er und nahm ein starkes Vergrößerungsglas, um einen Zimmermann genauer zu betrachten. „Man könnte fast glauben, diese Figuren besitzen Leben. Sehen Sie nur, die Haut im Gesicht wirkt sehr natürlich. Und die Hand, die den Hammer hält, ist so fein gearbeitet, dass es kaum künstlich erschaffen sein kann. Oder sehen Sie hier, der Springer mit seinem Pferd. Der Ritter trägt ein absolut authentisches Kettenhemd, und das Tier sieht aus, als wollte es jeden Moment anfangen zu wiehern. Wäre da nicht die künstliche Einfärbung könnte man sie für lebende Miniaturen halten Unglaublich. Woher haben Sie das Spiel? Gab es vielleicht eine Art Zertifikat? Einen Herkunftsnachweis? Nein? Das ist schade. Nun, schauen wir uns das Brett an. Bergkristall für die weißen Felder, würde ich sagen, aber von einer Reinheit, wie man ihn nur sehr selten findet. Hallo, da stimmt aber etwas nicht.“

Fieberhaft nahm er eine weitere optische Untersuchung vor, schüttelte den Kopf und blickte Joanne verwundert an.

„Haben Sie etwas dagegen, wenn ich das Brett mit dem Massenspektrometer untersuche? Das hier scheint mir kein Bergkristall zu sein, ich könnte fast schwören, es handelt sich um einen Diamanten.“

„Aber das ist doch völlig unmöglich. Dann wäre das Spiel ja unbezahlbar. Und ich habe gerade mal fünfzig Pfund ausgegeben.“

„Haben Sie auch schon daran gedacht, dass es irgendwo gestohlen sein könnte?“, gab er zu bedenken. „Ich will ja nicht unken, aber Sie sollten sich vielleicht doch mit der Polizei in Verbindung setzen, bevor man Sie der Hehlerei beschuldigt.“

Auf diese Idee war sie noch gar nicht gekommen, obwohl der Gedanke nahelag. Der Verkäufer hatte sich so seltsam benommen, und sie war sicher, dass der Preis in keinem Verhältnis zum wirklichen Wert stand.

„Sie haben vielleicht gar nicht so unrecht“, stimmte sie zu. „Aber bitte, untersuchen Sie es doch vorher noch.“

„Falls Sie wünschen, will ich Sie gern zur Polizei begleiten“, bot er großzügig an.

„Sehr freundlich von Ihnen, danke.“

Es mochte eine unglückliche Bewegung sein, obwohl Joanne und Richard später hätten schwören können, dass sich keiner von ihnen überhaupt in unmittelbarer Nähe der abgelegten Figuren befand, aber es gab ein schabendes Geräusch, und dann folgte ein dumpfer Aufprall. Im nächsten Augenblick brach das Chaos über das kleine Labor herein.

Auf dem Boden lag plötzlich - nur für einen winzigen Moment - ein ausgewachsener Mann. Dann spritzte Blut wild umher, verschmutzte die sauberen Schränke, die weißen Kittel der Menschen, klatschte gegen die Wand, ergoss sich über die Tische und breitete sich schließlich in einer großen Lache auf dem Boden aus. Der Körper hatte sich verkrümmt, dann war das Blut aus ihm herausgespritzt, und schließlich hatte es eine Stichflamme gegeben. Grässlicher Gestank lag in der Luft, und die Klimaanlage schaffte es nicht sofort, die Luft auszutauschen.

Joanne hatte aufgeschrien. Sie wollte ihren Augen nicht trauen. Richard hatte sich unwillkürlich schützend vor sie gestellt, obwohl es sich kaum um einen Angriff handeln konnte. Automatisch hatte seine Hand den Alarmknopf gedrückt, und das grelle Jaulen hallte nun durch das ganze Gebäude.

Die Tür wurde aufgerissen, zwei Wachleute kamen hereingestürmt und blieben wie angewurzelt stehen. Der eine wandte sich ab, hielt sich die Hand vor den Mund und rannte davon. Der andere blickte Richard Culter entsetzt an.

„Was ist passiert, Doktor? Das sieht aus wie ein Massaker. Sind sie in Ordnung? Gab es Eindringlinge? Was ist mit der jungen Dame? Wie viel Verstärkung soll ich anfordern?“

„Ich weiß nicht genau“, sagte Culter von Grauen geschüttelt, bewies dann aber eine bemerkenswerte Geistesgegenwart. „Ich habe einige Proben untersucht. Ich kann mir nur vorstellen, dass es eine unerwünschte Kettenreaktion freigesetzt hat, so dass auch die angelieferten Blutproben aus den Beuteln gerissen wurden. Es tut mir leid, dass sie das mit ansehen müssen. Keine Verstärkung, Smithers. Rufen Sie bitte einen Reinigungstrupp, der damit vertraut ist, kontaminiertes Material zu behandeln.“

„Ja, Sir.“ Der Wachmann wirkte beruhigt. Er hatte eine halbwegs einleuchtende Erklärung bekommen. Und waren nicht die Wissenschaftler hier alle ein wenig verrückt? Er war froh, das Labor wieder verlassen zu können.

Richard hatte einen stahlharten Blick bekommen. Mit flinken Fingern legte er die Figuren und das Schachbrett, die alle vom Blut verschont worden waren, wieder in die Kiste, packte Joanne fest beim Arm und zog sie aus dem Raum.

Sie ließ es wie betäubt geschehen. Noch nie zuvor war sie mit einem derartigen Schrecken konfrontiert worden. Ihr kühles sachliches Weltbild geriet ins Wanken, und weil sie nicht gleich eine logische Erklärung für das Geschehen fand, stand sie eindeutig unter Schock.

Culter führte sie in sein Büro, ein nüchtern eingerichtetes Zimmer mit einem fantastischen Ausblick nach draußen, den aber jetzt keiner von beiden bewunderte. Eine Tür führte in ein angrenzendes Bad, hier konnten sich die beiden säubern. Anschließend ließen sie sich auf die Couch sinken, die für den Fall hier stand, dass Richard tagelang nicht nach Hause fuhr und zwischendurch ein paar Stunden schlafen musste.

Der Wissenschaftler stand gleich wieder auf, nahm aus einem Schrank eine Flasche und zwei Gläser und goss aromatischen Whisky ein.

„Trinken Sie“, befahl er. Joanne nippte und schüttelte sich, doch ein wenig Farbe kehrte in ihr Gesicht zurück.

„Besser?“, fragte er knapp. Sie nickte und trank dankbar noch einen Schluck.

„Ich denke, Sie haben mir da noch einiges zu erzählen“, fuhr er fort.

Sie stieß die Luft zischend aus und seufzte. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen etwas erzählen. Aber ich weiß nicht mehr als das, was ich schon gesagt habe, Doktor Culter.“

„Richard“, korrigierte er. „Und ich bin es nicht gewöhnt, offene Rätsel einfach liegen zu lassen. Das hier ist mehr als nur ein Rätsel. Das widerspricht jedem wissenschaftlichen Standpunkt. Ich habe einfach keine Erklärung dafür. Wie kann eine kleine Figur von knapp fünf Zentimetern zu Boden fallen, ohne dass jemand sie überhaupt berührt hat, in Sekundenbruchteilen zu einem ausgewachsenen Menschen anwachsen, sterben und dabei Unmengen an Blut explosionsartig verspritzen?“

„Ich habe mir das alles also nicht eingebildet?“, sagte Joanne leise. „Es ist einfach schrecklich. Ist das bei allen Figuren so? Dann würde das ja bedeuten, dass es sich um ehemals lebende Menschen handelt, die durch einen unvorstellbaren Vorgang verkleinert und - nun ja, versteinert wurden. Hat das etwas mit diesem seltsamen Brett zu tun? Welcher technische Vorgang...?“

„Nein, nein, Joanne. Das war kein technischer Vorgang. Und wenn Sie ehrlich zu sich selbst sind, werden Sie zugeben müssen, dass es dafür keine wissenschaftliche Erklärung geben kann.“

Sie schnappte ungläubig nach Luft. „Was wollen Sie mir jetzt erzählen, Richard? Dass es sich hier um Zauberei oder so etwas handelt? Das ist doch absurd.“

Er schüttelte langsam den Kopf und betrachtete den Holzkasten, in dem das restliche Schachspiel so harmlos aussah. „Nicht Zauberei, Joanne. Das ist der falsche Ausdruck. Hier handelt es sich um Magie, um schwarze Magie.“

„Richard, ich bitte Sie. Wir beide sind aufgeklärte, intelligente Menschen, die genau wissen, dass es Magie nicht gibt - nicht geben kann.“

„Nicht? Warum? Nur weil wir solche Vorgänge nicht wissenschaftlich erklären können? Dann erklären Sie mir doch bitte Telepathie oder Telekinese. Beides sind Vorgänge, die von der Wissenschaft längst akzeptiert werden. Aber wirklich erklären kann sie niemand. Warum also nicht dunkle Magie?“

Sie schwieg eine Weile und spürte, wie der Alkohol die Verspannungen ihrem Inneren löste. Ihr Herz raste nicht mehr wie wild, und sie überdachte das Problem von allen Seiten.

Eine Begebenheit aus ihrer Kindheit fiel ihr ein. Eines Tages hatte ihr Vater ein Kreuz mit nach Hause gebracht, ein wunderschönes Stück. Doch er berührte es niemals mit den Händen und verschloss es in seinem Panzerschrank, der im Hause sonst kaum genutzt wurde. Joanne war neugierig gewesen, und natürlich hatte sie die relativ einfache Zahlenkombination längst vorher geknackt. Als sie das Kreuz herausholen wollte, war ihr Vater aufgeregt und entsetzt ins Zimmer gestürmt und hatte seine Tochter vom Tresor weggerissen. Blanke Panik stand in seinen Augen, und er riss das Kind heftig in seine Arme.

„Gott sei Dank, dass es noch nicht zu spät. Du hast dieses Kreuz doch noch nicht mit bloßen Händen berührt, Joanne? Niemand - niemand Lebender sollte dieses verfluchte Ding anfassen. Es gehört dem Teufel, und er hat schon viele Menschen ins Unglück gerissen. Dieses hier ist ein weiteres Teil auf dem Weg ins Verderben. Wer es berührt, ist verloren.“

So ganz hatte Joanne die Sache damals nicht verstanden. Wie konnte ihr kluger intelligenter aufgeklärter Vater eine so abstrakte Gestalt wie den Teufel als real annehmen? Sie kam nicht darauf, den logischen Schluss zu ziehen, dass Gott untrennbar mit dem Teufel verbunden war, der eine war ohne den anderen undenkbar.

Bald darauf hatte sie den Vorfall schon vergessen, weil ihr Vater nie wieder darauf zu sprechen kam und das Kreuz auch am nächsten Tag aus dem Haus verschwand.

Erst jetzt fiel ihr alles wieder ein, und sie begann sich Gedanken zu machen. Es gab Dinge in ihrem Leben, die sie niemals in Frage gestellt hatte, die Existenz eines übergeordneten Wesens wie Gott gehörte dazu. Jetzt sah sie plötzlich auf die andere Seite - die dunkle Seite.

Unwillkürlich schüttelte sie sich. Joanne war zwar noch nicht ganz überzeugt, aber sie begann sich mit der vagen Möglichkeit vertraut zu machen, dass dieses Schachspiel verteufelt oder verhext war. Außerdem - das war die einzig logische Möglichkeit, auch wenn die wenig mit Logik zu tun hatte, wie sie fand. Denn kein Mensch, egal ob lebend oder tot, besaß die Macht, etwas so grauenvolles zu erschaffen.

„Richard, besteht die Möglichkeit, dass der Teufel seine Hand im Spiel hat? Ich meine das nicht im übertragenen Sinn.“

Er sah ihre weit aufgerissenen Augen, ließ seine Blicke dann zwischen der jungen Frau und den so ungeheuer lebensechten Figuren wandern.

„Das halte ich für sehr wahrscheinlich“, erwiderte er schließlich ernst. „Aber mir scheint, Sie wissen doch mehr, als Sie bis jetzt gesagt haben.“

Ein wenig zögernd erzählte sie ihm den Vorfall aus ihrer Kindheit.

„Was hat Ihr Vater damals mit dem Kreuz getan?“, wollte er wissen.

„Ich weiß es nicht. Das wurde zwischen uns nie wieder erwähnt.“

„Ihr Vater ist ein äußerst angesehener Fachmann. Er hat eine Menge Erfolg auf seinem Gebiet, und was er sagt, ist für andere schon fast ein Gesetz. Kann es sein, dass er der Versuchung doch nicht widerstanden hat? Verstehen Sie mich nicht falsch, Joanne. Ich unterstelle hier nichts, ich stelle lediglich eine Theorie auf. Ist er vielleicht der Magie des Teufels verfallen und versucht jetzt über Umwege seine Tochter mit in dieses Verderben hineinzuziehen?“

„Niemals! Wie kommen Sie dazu...!“ Hilflos brach Joanne ab. So absurd es auch klingen mochte - nicht einmal sie, die Colin so gut kannte wie niemand anders, konnte ausschließen, dass es sich genauso verhielt. Dabei hätte sie selbst bis vor einer Stunde noch laut aufgelacht, wenn jemand auch nur die Existenz des Teufels als Möglichkeit dargestellt hätte.

Richard zog sie ganz selbstverständlich in seine Arme. Seine Berührung war warm und tröstlich. „Sie sollten das alles hier jetzt erst einmal verarbeiten. Das muss furchtbar für Sie sein.“

Sie hob den Kopf. „Furchtbar, ja. Das ist das richtige Wort. Aber mich wundert doch ein wenig, dass es Sie nicht so sehr erschüttert. Erzählen Sie mir jetzt bitte nicht, Sie hätten etwas in dieser Art erwartet. Das glaube ich Ihnen nämlich nicht.“

„Nein, ganz sicher nicht. Aber Sie sollten bedenken, dass ich auch Psychologe bin und manchmal tatsächlich mit sehr menschlichen Problemen zu tun habe. Das ist nicht das erste Mal, dass ich mit einem solchen Phänomen konfrontiert werde. Ich habe sogar schon einem Exorzismus beigewohnt.“

„Deshalb konnten Sie wohl auch gerade so geistesgegenwärtig reagieren. Ich gebe zu, mir wäre in dem Moment gar nichts eingefallen. Das war sehr klug von Ihnen.“

„Reiner Selbstschutz“, behauptete er. „Ich hatte keine Lust, erst lange Erklärungen abzugeben für etwas, was ich selbst noch nicht richtig erklären kann. Jetzt aber erst einmal genug davon. Sie brauchen etwas Ruhe und Abstand. Soll ich Sie nach Hause fahren?“

Joanne dachte nüchtern darüber nach, ob sie in diesem aufgelösten Zustand selbst Auto fahren konnte, und sie musste diese Frage verneinen. Dankbar nahm sie das Angebot an.

 

*

 

Der Abend senkte sich über das Land, und Joanne saß ganz still in ihrem Schlafzimmer. Sie starrte aus dem Fenster und ließ zum wiederholten Male den Tag an sich vorüberziehen. Das Entsetzen erfüllte sie noch immer, wenn vor ihrem geistigen Auge die kleine Schachfigur auftauchte, die sich auf so mysteriöse und grausame Weise verändert hatte.

Richard Culter hatte sie nach Hause gebracht sich und, sehr zum Erstaunen der beiden Hausangestellten, überzeugt, dass es ihr wirklich an nichts mangelte. Mit Joannes Erlaubnis hatte er sich im Hause umgesehen.

„Ein schönes Haus, aber ziemlich düster, wenn es darum geht, ein Kind aufzuziehen“, kam seine lakonische Feststellung.

„Es hat mir nie an etwas gefehlt. Und mein Vater ist der liebevollste Mensch, den man sich denken kann“, protestierte sie.

„Schon gut, ich glaube Ihnen. Und jetzt tun Sie mir und sich selbst einen Gefallen, Joanne. Gönnen Sie sich etwas Ruhe. Es bringt Ihnen nichts, wenn Sie jetzt ins Grübeln verfallen und sich selbst verrückt machen. Wenn Sie gestatten, werde ich Sie morgen besuchen, und dann können wir in aller Ruhe noch einmal darüber reden. Bis dahin werde ich schon mal ein bisschen nachforschen.“

Natürlich hatte seine Mahnung keine große Wirkung gezeigt. Joanne hatte sich sofort in ihr Arbeitszimmer zurückgezogen und alles ganz genau aufgeschrieben, bevor ihr eigenes Gedächtnis auf die Idee kam, gewisse Einzelheiten zu verändern. Dann hatte sie ihren Vater angerufen, doch der befand sich in einer wichtigen Besprechung. Sie besaß nicht den Mut, darauf zu bestehen, dass er ihr Rede und Antwort stand. Dazu war das ganze Thema zu heikel, so etwas konnte man nicht an Telefon besprechen.

Und seitdem saß sie in ihrem Schlafzimmer und starrte aus dem Fenster.

Draußen gingen die Lichter an, doch hier drinnen blieb es dunkel. Joanne hatte den Holzkasten mit dem Schachspiel in den Tresor gepackt. Dort war es vorerst sicher. Aber was sollte sie nun damit tun? Waren alle diese Figuren tatsächlich verzauberte Menschen? Und wenn sie sie jetzt einfach auf den Boden fallen ließ - starben diese Menschen dann in Wirklichkeit? War das Mord oder Erlösung? Und welche Bewandtnis hatte es mit diesem merkwürdigen Brett? Diese Ornamente erinnerten Joanne an irgendetwas.

Runen? Ja, es konnte sich durchaus um die uralte Runenschrift handeln. Dann aber war es sich in der Tat eine Schrift und keine Verzierung.

Ob man den Text übersetzen konnte? Die Runen waren sehr alt, das wusste sie, und sie fragte sich, ob in all den klugen Büchern, die ihr Vater gesammelt hatte, etwas darüber zu finden war.

Endlich kam Leben in die bislang reglos dasitzende Gestalt. Sie sprang auf und lief hinunter. Die Bibliothek ihres Vaters war streng nach Themen geordnet, und innerhalb dieser Anordnung gab es wiederum eine eigene Systematik.

Joanne stand vor dem betreffenden Regal, und ihre Augen glitten über die diversen Buchrücken. Ein kleiner schmaler Band erregte schließlich ihre Aufmerksamkeit. Hier fand sie eine Abhandlung über die Runen, die sich bis weit ins Mittelalter gehalten hatten. Sie galten als heidnische Symbole und waren von der Kirche streng verfolgt worden, doch viele Menschen hatten lange daran festgehalten. Besonders jene, die nichts mit dem christlichen Glauben zu tun haben wollten.

Joanne nahm das Buch mit nach oben. Alles in ihr sträubte sich, doch sie holte das Schachbrett hervor und legte es auf den Tisch. Sie hatte nur die Lampe auf dem Schreibtisch angemacht, und im Halbdunkel bemerkte sie, dass die Runen phosphoreszierten. Hätte sich nicht vorher dieser grausige Vorfall ereignet, wäre sie nur zu gern bereit gewesen, diesem wissenschaftlichen Phänomen nachzugehen. Jetzt jedoch kroch Angst in ihr hoch, und sie fand ihre Vernunft wieder. Nein, in dieser Nacht würde sie sich nicht mehr mit dem Geheimnis der Runen beschäftigen.

Entschlossen legte sie das Buch auf den Tisch, breitete eine Decke über dem Brett aus und beschloss ins Bett zu gehen. Sie glaubte nicht daran, schlafen zu können, doch kaum hatte ihr Kopf das Kissen berührt, fielen ihr die Augen zu. Ein seltsamer Traum erschien, und er wirkte so real, dass Joanne alles ganz natürlich empfand.

Sie stand im Arbeitszimmer ihres Vaters, und vor dem Kamin befand sich ein ihr fremder Mann. Er wirkte rein vom Äußeren her ausgesprochen sympathisch, und doch ging eine unfassbare Drohung von ihm aus. Er war schlank, hoch gewachsen, besaß schwarzes Haar und dunkle Augen. Seine Kleidung wirkte vornehm und teuer - und sie war ebenfalls schwarz. Er reichte ihr lächelnd ein Blatt Papier, und Joanne las staunend und ungläubig, was dort geschrieben stand.

„Ich erkläre hiermit, dass ich einen Vertrag mit Luzifer schließe, durch dessen Erfüllung mir unendliche Macht über andere Menschen und Reichtum nach meiner Wahl gewährt wird. Im Gegenzug verpflichte ich mich, das unvollendete und von mir zerstörte Schachspiel zu reparieren, indem ich dem Fürsten der Hölle eine neue Seele zuführe. Dieser Vertrag ist bindend für beide Seiten und endet erst mit meinem Tod.“

Es gab eine Linie, unter der noch einige Buchstaben standen: „Gezeichnet Joanne Ellen Mary McArthur. Dieser Vertrag wird besiegelt mit Blut und Feuer.“

Selbst im Traum schrie Joanne auf. „Niemals“, protestierte sie und versuchte aus dem Gefängnis der nächtlichen Gedanken zu fliehen. Aber das war unmöglich, sie konnte diesem Traum nicht entrinnen.

Der Teufel, wenn er es denn selbst war, kam näher auf sie zu und lächelte sie an. Joanne glaubte, im Feuer zu stehen und zu verbrennen. Aber sie würde diesen Vertrag auf keinen Fall unterschreiben. Es musste andere Wege geben…

„Du hast etwas kaputtgemacht, was mir gehört. Ist es dann nicht recht und billig, wenn ich Ersatz verlange? Noch dazu, wo ich dich für diese kleine Mühe fürstlich entlohnen werde? Aber du scheinst überrascht und willst darüber nachdenken? Also gut. Ich gebe dir drei Tage Bedenkzeit. Dann will ich deine Unterschrift auf diesen Vertrag. Sonst werde ich mir auf eine andere Weise Genugtuung verschaffen müssen. Glaube mir, es wird dir keinen Spaß machen, wenn ich meine berechtigten Ansprüche auf harte Weise durchsetzen muss. Aber du bist ja eine kluge Frau und wirst schon das Richtige tun. Drei Tage, Joanne, dann komme ich wieder.“

Er berührte sie zart mit einem Finger auf der linken Hand, und wie Lava schossen Feuerströme durch ihren Körper. In seinen Augen tanzten Flammen, und aus dem lächelnden Mund kroch Rauch. Sie wollte sich abwenden, blieb aber wie angewurzelt stehen, völlig gebannt von der Macht des unheimlichen.

Er verschwand aus ihrem Traum, und endlich konnte sie aufwachen. Mit einem kleinen Schrei kehrte sie in die Wirklichkeit zurück. Sie saß in ihrem Bett, war nassgeschwitzt und zitterte am ganzen Körper. Auf ihrer linken Hand entdeckte sie einen Brandfleck. Konnte dieser verrückte Traum tatsächlich etwas mit der Wirklichkeit zu tun gehabt haben? Das war doch ganz und gar unmöglich!

Joanne schleppte sich ins Bad, duschte und zog frische Wäsche an. Aus einem Impuls heraus ging sie hinunter in das Arbeitszimmer ihres Vaters. Ihr Entsetzen war riesig, als sie am Kaminsims ein Blatt Papier entdeckte. Mit einem venezianischen Dolch, den sie in diesem Hause noch nie gesehen hatte, war das Papier - nein, es handelte sich sogar um ein Pergament -, am Sims festgemacht.

Joannes Herz begann zu rasen. Sie hatte nicht geträumt - es sei denn, sie befand sich noch immer in diesem Alptraum. Unwillkürlich kniff sie sich in den Arm. Es tat weh. Dieser Alptraum war lebendig geworden.

Zögernd trat sie einen Schritt näher. Sie wollte diesen Vertrag noch einmal mit hellwachen Augen lesen, und ihn dann verbrennen.

In diesem Moment öffnete sich die Tür, und Watkins, der Butler, oder eigentlich der Mann für alle Fälle, trat ein. Es war nicht ungewöhnlich, dass er alles im Haus bemerkte, selbst mitten in der Nacht hätte es ein Einbrecher schwer gehabt, denn augenscheinlich besaß der ältere Mann einen sehr leichten Schlaf oder einen sechsten Sinn, und jedes Geräusch sorgte dafür, dass er sich darum kümmerte. Neben Emily, die für das Kochen zuständig war, handelt es sich um den zweiten Festangestellten. Dann gab es noch Mrs. Dickens, die als Zugehfrau dreimal die Woche kam und das ganze Haus in Ordnung hielt.

Watkins stand in den Diensten der Familie, seit Joanne denken konnte. Er hatte auf seine unaufdringliche Art für ihre Erziehung gesorgt und ihr all das vom Leben beigebracht, was ihr Vater in seiner zerstreuten Weise nicht bedachte. Joanne hatte Watkins immer vertraut, sie wusste, dass sie mit ihm über alles reden konnte.

Aber das hier? Das war nicht nur absurd oder unglaublich, das war einfach schrecklich.

Der ältere Mann lächelte sie wohlwollend an. „Wie wäre es mit einem kräftigen Frühstück, Miss Joanne? Sie hatten gestern wohl einen schweren Tag, dass Sie sich so früh zurückgezogen haben? - Oh, was ist das denn? Hat Mrs. Dickens etwa übersehen...?“

Bevor es Joanne verhindern konnte, trat er an den Kamin, zog mit einem Ruck den Dolch aus dem Sims und hielt nun das Pergament in der Hand. Stirnrunzelnd überflog er den Text und schüttelte den Kopf.

„Sie sollten die arme Mrs. Dickens nicht zu sehr erschrecken, Miss Joanne“, sagte er lächelnd. „Ich dachte eigentlich, Sie wären aus dem Alter heraus, in dem Sie sich mit solch kindischen Scherzen abgeben.“

Joanne blieb das Herz stehen. Was sollte das heißen? Sie warf einen Blick auf das Pergament und stutzte.

„Sie werden hiermit aufgefordert, alle erreichbaren Süßigkeiten aus der Küche in meinem Zimmer zu deponieren. Im anderen Fall wird sich im ganzen Haus Ruß wiederfinden. Gezeichnet Joanne, die schwarze Piratin.“

Sie lachte förmlich hysterisch auf. „Sie haben völlig recht, Watkins, das ist ein dummer Scherz, und ich sollte mich schämen Geben Sie her, ich werde diesen Wisch vernichten, und Sie vergessen einfach, was ich getan habe.“ Watkins runzelte die Stirn und betrachtete sie aufmerksam. Der Butler kannte die junge Frau seit ihrer Kindheit und wusste immer ganz genau, wenn etwas sie betrübte. Hatte es sich früher um Kleinigkeiten gehandelt, so schien es doch jetzt um etwas anderes zu gehen, etwas sehr schwerwiegendes, was Joanne auf der Seele lag. Eine schwere Last drückte ihre Schultern nach unten, und er hatte den Eindruck, sie hatte vor irgendetwas panische Angst. Warum sprach sie dann nicht darüber, damit er ihr helfen konnte?

„Stimmt etwas nicht, Miss Joanne? Haben Sie Sorgen? Ihrem Vater geht es gut, soweit ich weiß. Also, gibt es Probleme bei der Arbeit? Oder haben Sie Liebeskummer?“

Sie beherrschte sich und drohte ihm schelmisch mit dem Zeigefinger. „Watkins, Sie wissen ganz genau, dass es keinen Mann in meinem Leben gibt. Also kein Liebeskummer. Welch eine verrückte Idee.“

Ihre aufgesetzte Fröhlichkeit konnte den Mann nicht täuschen. Er blickte sie ernst an.

„Ich weiß genau, dass Sie etwas mit sich herumtragen, Miss Joanne. Was es auch ist, Sie können mit mir darüber reden. Oder haben Sie kein Vertrauen mehr zu mir?“

Sie legte ihm eine Hand auf den Arm. „Wahrscheinlich sind Sie außer meinem Vater der einzige Mensch, dem ich voll und ganz vertrauen kann. Aber gerade das könnte eine Gefahr bedeuten. Vielen Dank, Watkins, ich werde zu Ihnen kommen, wenn ich es selbst verantworten kann.“

Er machte sich so seine Gedanken und nickte dann. „Ich werde immer für Sie da sein, kleine Lady“, kam seine sanfte Antwort. „Also, wie ist das jetzt mit Frühstück? Sie sehen aus, als könnten sie etwas Anständiges brauchen.“

„Ich komme sofort, Watkins. Schließlich kann ich es nicht zulassen, dass Sie und Emily sich um mein Wohlergehen Sorgen machen.“

Sie wartete, bis er das Zimmer verlassen hatte und starrte noch einmal ungläubig auf das Pergament.

Sie hatte es tief in ihrem Herzen gewusst. Jetzt war dort wieder die blutig rote Schrift zu sehen, mit welcher der Vertrag geschrieben war. Sie widerstand dem Impuls, dieses verfluchte Schriftstück sofort zu vernichten. Stattdessen faltete sie es sehr sorgfältig zusammen und steckte es ein. Sie wollte es Richard Culter zeigen.

 

*

 

Nach dem Essen zog sich Joanne wieder in ihr Arbeitszimmer zurück und verschloss die Tür. Sie hätte eigentlich noch einen größeren Artikel zu schreiben, doch da sie die Vorarbeiten dafür bereits erledigt hatte, war der Text in relativ kurzer Zeit zu schaffen.

Jetzt aber wollte sie sich mit den Runen beschäftigen. Sie nahm die Decke vom Schachbrett, legte ein Blatt Papier darauf und pauste die Zeichen durch. Sie hoffte, auf diese Weise den direkten Kontakt vermeiden zu können. Die Warnung ihres Vaters klang im Hinterkopf noch nach, obwohl es mit Sicherheit zu spät wäre, um dem Verhängnis zu entgehen. Sie und auch Richard hatten das Brett schon längst ungeschützt angefasst.

Unbewusst ahnte sie, dass auch diese Schriftzeichen schon das Verderben in sich trugen, daher achtete sie sorgfältig darauf, das Brett und vor allem die Runen nicht mehr mit der bloßen Hand zu berühren.

Konzentriert versuchte sie dann, die Zeichen und ihre Bedeutung in dem Buch wiederzufinden.

„Die Macht des Bösen lebt durch das Leben. Sie zu brechen, kann es nur einen Weg geben. Lass die Versuchung dein Herz nicht verführen, und lass den Dunklen dein Herz nicht berühren. Willst du brechen den grausamen Fluch, folge den Schritten auf Barnabys Tuch.“

Sie schüttelte den Kopf. Das ergab doch überhaupt keinen Sinn. Na schön, sie hatte schon gewusst, dass es sich hier um einen Fluch handelte, aber wer oder was war Barnaby? Welches Tuch war gemeint? Das Ganze erschien ihr wie ein unlösbares Rätsel. Vielleicht hatte sie beim Entziffern oder der Übersetzung aus der alten keltischen Sprache einen Fehler gemacht? Sie besaß zwar Grundkenntnisse darin, aber sie war durchaus nicht perfekt, und es war möglich, dass ihr Wissen nicht ausreichte.

Und doch. Der ganze Spruch klang irgendwie logisch, und er schien den Fluch aufheben zu wollen, auch wenn die Bedeutung des Rätsels ihr noch immer unklar blieb.

Ihr Kopf begann heftig zu schmerzen, und die Luft im Raum wurde stickig. Joanne stand auf, um ein Fenster zu öffnen, doch sie kam nicht weit.

Eine durchscheinende Gestalt materialisierte aus dem Nichts vor ihr. Erschreckt fuhr sie zurück. Erst jetzt wurde ihr bewusst, dass der Raum sich plötzlich verdunkelt hatte, obwohl es doch heller Tag war.

„Was willst du? Wer bist du?“, fragte sie mutig, während ihre Hand nach einem Brieföffner tastete.

Von dieser Gestalt aber ging keine reale Bedrohung aus, es handelte sich in diesem Fall wohl nicht um den Teufel selbst.

„Ich bin William, der Schmied.“

Joanne erkannte voller Schrecken, dass es sich um eine der Figuren aus dem Spiel handeln musste. Welche Teufelei ging hier jetzt schon wieder vor?

„Was willst du von mir?“

„Du musst versuchen, uns zu erlösen. Es ist lange her, dass jemand den Mut hatte, der ersten Versuchung zu widerstehen und sogar den Text der Runen zu entschlüsseln. Jetzt musst du wesentlich weitergehen, Joanne. Ich darf dir keine Hilfe mehr geben, ich kann dich nur anflehen, nicht aufzugeben. Du musst Barnaby finden, und...“

Schlagartig war die Gestalt verschwunden, und der Höllenfürst stand vor der jungen Frau.

„Du denkst hoffentlich nicht ernsthaft daran, diesen Unsinn weiterzuführen, Joanne?“, fragte er mit gefährlich sanfter Stimme. „Du könntest in diesem Fall meinen Zorn auf sich ziehen. Und das möchtest du doch sicherlich nicht. Ich rate dir, alles zu ignorieren, was dich vom richtigen Weg abbringen könnte. Niemand benötigt deine Hilfe. Wenn du es unbedingt für nötig hältst, berate dich mit deinem neuen Freund Culter, oder sprich mit deinem Vater. Aber du kannst sicher sein, nichts von dem, was die beiden sagen, kann etwas an der Tatsache ändern, dass du letztendlich diesen Vertrag unterschreiben wirst. Schließlich hast du die moralische Verpflichtung, das zerstörte Eigentum eines anderen wiederherzustellen. Sei also ein braves Mädchen und kümmere dich nicht um Dinge, an denen schon ganz andere Erwachsene gescheitert sind.“

Diese Frechheit war zuviel für Joanne. Wie konnte er es wagen, sie wie ein kleines Kind zu behandeln? Ihre Hand zuckte hoch, ehe sie sich selbst versah, hatte sie ihm eine kräftige Ohrfeige verpasst. Die Innenfläche ihrer Hand brannte augenblicklich, und einige Brandblasen bildeten sich unglaublich rasch. Es mochte eine kleinliche Rache und vielleicht sogar eine kindische Reaktion sein, aber es ging ihr augenblicklich besser.

Der Teufel lachte auf. „Wie schön, dass es noch Menschen gibt, die eine gewisse Ehre und etwas Mut besitzen. Ich liebe die Herausforderung. Das wird dir zwar nicht helfen, aber du machst mir Spaß. Lebe wohl, Joanne, wir sehen uns bald wieder.“

Der Raum wurde wieder hell, nichts deutete daraufhin, dass hier gerade eben noch eine unheimliche Erscheinung ihr Unwesen getrieben hatte. Aber die Brandverletzungen auf der Hand waren bittere Schmerzen der Realität.

Joanne schimpfte leise vor sich hin. Nun musste sie nach unten gehen, um sich die Hand zu verbinden, und Watkins würde zu Recht eine Erklärung erwarten. Sie lachte plötzlich hysterisch auf. Hatte sie gerade tatsächlich dem Teufel eine Ohrfeige verpasst? Das war ja mehr als unglaublich.

Wie sie vorausgesehen hatte, runzelte Watkins die Stirn, als er ihre verbrannte Hand sah.

„Sie können doch Bescheid sagen, wenn jemand das Feuer im Kamin entzünden soll, Miss Joanne. Es ist wirklich unnötig, dass Sie sich derartige Verletzungen zuziehen, weil sie etwas ungeschickt mit dem Feuer sind. Soll ich den Doktor verständigen?“

„Um Himmels willen, doch nicht für eine solche Lappalie“, wehrte sie ab. „Danke, Watkins. Ich muss jetzt gleich weg und weiß nicht, wann ich zurückkehren werde. Warten Sie bitte nicht mit dem Essen auf mich.“

Sie konnte kaum stillhalten, während der Butler einen ordentlichen Verband anlegte. Sie lief noch einmal nach oben, verschloss alles fest und sicher und machte sich dann auf den Weg zu Richard Culter.

Der befand sich in seinem Büro, und ein Strahlen glitt auf sein Gesicht, als er Joanne zur Tür hereinkommen sah. Dann bemerkte er den Verband an ihrer Hand und ihren ernsten Ausdruck im Gesicht.

Richard sprang von seinem Stuhl auf und lief auf sie zu.

„Willkommen, Joanne. Sie sehen nicht aus, als ob Sie eine gute Nacht gehabt hätten. Kommen Sie, setzen Sie sich und trinken Sie einen anständigen Kaffee mit mir. Dabei können Sie mir alles erzählen.“

Er warf einen bezeichnenden Blick zur noch offenen Tür, hinter der seine Sekretärin an ihrem Schreibtisch die Ohren spitzte. Joanne verstand.

„Es ist zu freundlich, dass Sie mich so kurzfristig empfangen konnten, Dr. Culter“, erwiderte sie schlagfertig, und ein kleines Lächeln verzauberte ihr Gesicht.

Er schloss die Tür und stand dann ganz dicht vor Joanne. Er roch den schwachen Duft ihres Parfüms, spürte ihre Nähe, den zarten Geruch ihrer Haut und blickte in die wunderbaren blauen Augen. Spannung knisterte förmlich zwischen ihnen. Keiner rührte sich oder sprach ein Wort, nur die Blicke hingen aneinander fest. Fast unmerklich beugte sich Richard vor, unwillkürlich eröffnete Joanne die Lippen.

Ging das nicht alles viel zu schnell? Sie kannte diesen Mann doch kaum, fragte eine kleine Stimme in ihrem Inneren. Doch ein Gefühl der Glückseligkeit überlagerte jeden Zweifel, den sie vielleicht noch gehabt hatte. Richard war der richtige, und dafür mochte es tausend gute Gründe geben.

Als ihrer beiden Lippen sich trafen, war es wie eine Erlösung, und der Kuss schien Ewigkeiten zu dauern. Schließlich aber schob Richard die Frau sanft von sich und führte sie zum Sofa.

„Jetzt erzähle, du machst mir wirklich den Eindruck, als hättest du einen Geist gesehen.“

Sie wurde leichenblass. „Du weißt ja gar nicht, wie recht du mit deinen Worten hast.“ Sie zwang sich zur Ruhe und erzählte endlich alles haarklein, obwohl sie zu Anfang noch befürchtete, er könnte ihr nicht glauben oder schlimmer noch, sie auslachen.

Aber Richard saß ruhig und angespannt da, lauschte ihren Worten und wurde immer ernster.

„Hast du diesen Vertrag bei dir?“, fragte er, ohne ihre Worte anzuzweifeln.

Joanne holte das Pergament hervor und erwartete unbewusst, dass der Text sich wieder verändert hatte. Der Mann griff danach und las es durch. Vor seinen Augen veränderte sich die Schrift nicht.

„Gut, dass du dieses Pergament nicht gleich verbrannt hast.“

„Warum?“

„Weil ich glaube, dass die Worte in diesem Vertrag geändert werden müssen, um dich daraus zu entlassen. Und das kann nur der Teufel selbst tun. Er ist geschickt, verteufelt geschickt. Solange du nicht unterschreibst, wird dieses Pergament auf die eine oder andere Weise immer wieder auftauchen, bist du vielleicht sogar deine Unterschrift daruntersetzt, ohne es zu bemerken oder gar wirklich zu wollen. Wenn du es aber bei dir trägst, muss er eine günstige Gelegenheit abwarten, um seine List anzubringen. Es sei denn, es gelingt uns vorher, den Fluch zu brechen, so wie es die Runen vorschreiben.“

„Woher weißt du plötzlich so gut darüber Bescheid?“, fragte sie misstrauisch.

Er seufzte. „Ich habe dir gesagt, dass ich bereits einmal bei einem Exorzismus dabei war. Von daher habe ich recht gute Kontakte zu Theologen. Außerdem ist mein Bruder Priester in Rom.“

„Ein Katholik?“, fragte sie.

Er nickte. „Jeder muss seiner Bestimmung folgen, Joanne. Ich bin nicht der Hüter über das Gewissen meines Bruders. Davon abgesehen liebe ich Francis sehr. Wir haben ein langes Gespräch geführt, und er konnte mir einiges an Informationen liefern. Mach dir keine Sorgen, er wird über alles schweigen.“

„Dann kann er uns vielleicht auch noch sagen, wer dieser ominöse Barnaby ist, und um was für ein Tuch es sich handelt?“

„Möglich“, stimmte Richard zu. „Francis hat mich allerdings auch darauf hingewiesen, dass es ein langer und schwieriger Weg ist, gegen den Teufel zu kämpfen. Er ist schlau und wird immer einen Schwachpunkt finden, an dem er ansetzen kann. Wenn die Versuchung allein nicht ausreicht, wird er auch zu anderen Mitteln greifen. Glaubst du, dass du das durchstehen kannst?“

„Bleibt mir denn eine andere Wahl? Er hat mich offenbar als Opfer auserwählt, und weglaufen dürfte zwecklos sein. Was also soll ich tun? Ich kann nur nachgeben oder kämpfen.“

„Das hast du gut erkannt. Aber du bist nicht allein, Joanne, ich stehe an deiner Seite und werde alles tun, um dir zu helfen.“

Sie schaute ihn dankbar an und lächelte. „Ich werde heute noch meinen Vater anrufen und fragen, wann er zurückkommt. Ich bin sicher, ihr werdet euch gut verstehen.“

„Das hoffe ich doch sehr. Davon abgesehen habe ich großen Respekt vor der Arbeit deines Vaters, er ist ein hervorragender Experte. Wenn du ihn anrufst, frage ihn doch auch nach Barnaby. Ich halte es für durchaus möglich, dass er dir weiterhelfen kann.“

„Weißt du etwa noch mehr darüber?“

„Nicht wissen, nein. Aber ich habe da irgendwo im Hinterkopf eine Information, kann mich aber nicht genau erinnern. Frag dein Vater, ich habe so eine Ahnung. Jetzt sollten wir beide aber versuchen, uns etwas abzulehnen. Was hältst du davon, später mit mir essen zu gehen? Ich kenne ein hübsches kleines Restaurant, in dem es hervorragende Steaks gibt. Und die Salate dazu sind einfach nur ein Traum. Das wird uns sicher etwas ablenken.“

Joanne verspürte plötzlich einen enormen Hunger, nachdem sie zum Frühstück nur wenig gegessen hatte. Gemeinsam mit Richard würde es sicher doppelt so gut schmecken.

Als sie den Teller vor sich hatte, schienen aus den appetitlichen Oliven im bunten Salat plötzlich Augen zu werden, die sie intensiv anstarrten. Aber Joanne wollte sich nicht auf diese Art terrorisieren lassen. Energisch stieß sie mit der Gabel danach, und die Augen wurden wieder zu schmackhaftem Gemüse.

 

*

 

„Joanne, mein Kleines, schön, deine Stimme zu hören.“

„Es tut auch gut, dich zu hören, Dad. Wie kommst du mit deiner Arbeit voran?“

„Gut bis gar nicht“, gab er ironisch zurück.

„Dann kommst du bald wieder nach Hause?“

„Ist etwas nicht in Ordnung, Joanne? Du klingst so merkwürdig.“

„Ach, das ist nichts“, versuchte sie abzuwehren, und Colin McArthur glaubte seiner Tochter kein Wort.

„Ich habe dich nicht dazu erzogen, die Unwahrheit zu sagen“, meinte er verstimmt.

„Dad, es gibt Dinge, die ein persönliches Gespräch erfordern, die kann man nicht am Telefon abhandeln.“

„Dann ist es also etwas Ernstes?“

„So sieht es aus“, erwiderte sie vorsichtig.

„Morgen Abend kann ich zuhause sein. Ist das früh genug? Falls nicht, würde ich natürlich...“

„Nein, Dad, das reicht aus. Aber sag mal, du könntest mir vielleicht auf andere Weise schon weiterhelfen. Was weißt du über einen gewissen Barnaby, der ein Tuch besitzen soll...?“

„Woher weißt du etwas darüber?“, unterbrach er sie scharf. „Allein das Wissen gilt im Augenblick in wissenschaftlichen Kreisen noch als streng gehütetes Geheimnis, und außer mir kennen vielleicht noch fünf Leute überhaupt diesen Namen.“

„Das ist die lange Geschichte, über die ich jetzt und hier nicht reden möchte. Kannst du mir sonst nichts dazu sagen?“

Er seufzte. „Ganz allgemein gehalten, Joanne. Barnaby war ein Mönch im neunten Jahrhundert, der vom Teufel in Versuchung geführt wurde. Doch er widerstand allen Angeboten, bis ihn der Höllenfürst in seiner Eitelkeit zu einem Schachspiel herausforderte. Du kannst darüber denken, was du willst, denn ich weiß selbst, dass es einigermaßen unglaublich klingt. Aber der Teufel brachte sein eigenes Spiel mit, und Barnaby zeichnete im Gegenzug insgeheim jeden Schritt des Spiels auf seiner Kutte auf. Es wurde ein hartes Spiel, in dessen Verlauf eine Figur nach der anderen geschlagen wurde, bis schließlich neben ein paar unwichtigen Bauern nur noch die beiden Damen und die beiden Könige auf dem Brett standen. Angeblich gelang es Barnaby mit einem Trick das Spiel Schachmatt zu gewinnen. Und trotzdem soll er letztendlich verloren haben. Für meine Arbeit wäre es ungeheuer wichtig, dieses Spiel zu finden, aus Gründen, auf die ich jetzt nicht näher eingehen kann.“

Joanne lief es eiskalt den Rücken hinunter. Sie wusste, dass sie dieses Spiel in ihrem Besitz hatte, aber das durfte sie jetzt nicht zugeben. Sie musste persönlich mit ihrem Vater sprechen. Konnte das wirklich noch bis zum nächsten Tag warten? Ja, entschied sie spontan.

„Das ist ja wirklich eine total verrückte Geschichte“, sagte sie also lahm.

„Sie ist noch viel verrückter, als du jetzt glaubst, mein Kleines. Und du dürftest eigentlich nichts von alldem wissen. Du wirst mir dazu morgen wohl ein paar Fragen beantworten müssen. Und die Ausrede mit Pressefreiheit und Informantenschutz werde ich nicht gelten lassen.“

„Nein, das ist es auch nicht. Du hast recht. Morgen erzähle ich dir alles. Ich habe dich lieb, Dad.“

„Ich liebe dich auch, Joanne. Pass gut auf dich auf“, fügte er aus einem Impuls heraus hinzu.

„Ja, mache ich.“

Nachdenklich legte die junge Frau auf und starrte ins Leere. Offenbar gab es hier Verbindungen, die so unglaublich klangen, dass sie tatsächlich der Teufel eingefädelt haben musste. Aber dieses Spiel sollte er nicht gewinnen. Sie war stark, und es gab wohl keine Versuchung, der sie so leicht erliegen würde, denn sie fühlte sich selbst als zufriedener Mensch, den es nicht nach Macht und Reichtum gelüstete. Was konnte der Dunkle ihr schon bieten?

 

*

 

„Ich bin erfreut Sie wiederzusehen, Sir“, sagte Watkins, als er Richard Culter die Türe öffnete. „Miss Joanne befindet sich im Arbeitszimmer von Mr. McArthur. Ich werde sie sofort verständigen.“

„Danke, Watkins. Ach, sagen Sie, hat sich heute Nacht oder auch in der letzten Zeit vielleicht etwas Ungewöhnliches ereignet? Ich meine, gab es unangemeldeten Besuch, hat vielleicht jemand versucht einzubrechen? Oder hat sich jemand vor dem Haus herumgetrieben?“

Der Butler zog die Stirn in Falten. „In dieser Gegend patrouilliert ein privater Wachdienst, der von allen Anwohnern gleichermaßen bezahlt wird, Sir. Ein Einbrecher würde vermutlich sofort entdeckt. Und es gab keinen unangemeldeten Besucher, weder einen Handwerker noch einen Vertreter. Darf ich den Grund ihrer Frage erfahren, Sir?“

„Ich mache mir Sorgen um Miss Joanne.“

„Warum, Sir? Glauben Sie, dass die junge Lady in Gefahr sein könnte? Bisher hat Miss Joanne noch nie Aufträge angenommen, die in irgendeiner Form aus dem Rahmen fielen.“

Eigentlich hatte sich Richard nur vergewissern wollen, dass niemand von außen Joanne einen bösen Streich gespielt hatte. Nachdem er diese Frage jetzt jedoch verneinen konnte, wurde ihm klar, dass er mit dieser Erkundigung Neugier oder sogar Misstrauen hervorgerufen hatte. Dumm, sehr dumm, dachte er, wurde aber im nächsten Moment überrascht.

Watkins machte die Haustür hinter ihm zu und blickte ihn fragend an.

„Ich darf doch davon ausgehen, Sir, dass Ihnen das Wohlergehen der jungen Dame am Herzen liegt?“

„Ja“, erwiderte Richard mit fester Stimme und hielt dem forschenden Blick stand.

„Ich beobachte, dass Miss Joanne unter einer ungeheuren Spannung steht. Daher bin ich selbst schon zu der Ansicht gelangt, dass sie sich einer unbestimmten Gefahr gegenüber sieht. Wissen Sie mehr darüber, Sir? Dann wäre es wohl klug, mir anzuvertrauen, um welche Gefahr es sich handelt, damit ich Miss Joanne auf meine Art beschützen kann.“

Richard überlegte. Es gefiel ihm nicht, noch jemanden in die Sache hineinzuziehen. Andererseits war Watkins recht gut in der Lage, auf Joanne aufzupassen, wenn er selbst nicht in der Nähe sein konnte. Und der Butler macht auch ganz den Eindruck, mit dieser mehr als ungewöhnlichen Situation umzugehen.

Watkins bemerkte das kurze Zögern und die nachfolgende Entscheidung. Er führte Culter in einen kleinen gemütlichen Raum.

„Miss Joanne ist so beschäftigt, dass sie es nicht bemerken wird, wenn Sie sich um einige Minuten verspäten, Sir. Ich bitte noch einmal mir zu vertrauen. Ich diene der Familie bereits seit mehr als vierzig Jahren und habe ein persönliches Interesse daran, dass alles in Ordnung ist.“

Richard zögerte nicht mehr länger, er berichtete in kurzen Worten, ließ nichts Wichtiges aus und kam sich während dieser Erzählung plötzlich sehr dumm vor. Klang das nicht alles total verrückt?

Aber Watkins schien das nicht so zu sehen.

„Ich verstehe vollkommen, Sir. Allerdings sind meine Mittel begrenzt, wenn es darum geht, den Höllenfürsten von etwas abzuhalten. Aber ich bin durchaus in der Lage… Sir, stimmt etwas nicht?“

Culter hatte hilflos angefangen zu lachen. Da machte er sich Sorgen, dass dieser ernste würdige Mann ihn für übergeschnappt halten könnte, stattdessen sah Watkins die Existenz des Teufels als normale Realität und rüstete sich zu dessen Abwehr.

„Ist schon in Ordnung, Watkins. Ich bin nur erstaunt über Ihre Gelassenheit. Und das wiederum überrascht mich.“

„In diesem Haus hat es bereits mehrere ungewöhnliche Vorfälle gegeben, die auf die Arbeit und Forschungen von Professor McArthur zurückzuführen waren. Bislang konnte der Professor seine wirkliche Tätigkeit vor seiner Tochter erfolgreich verbergen, doch jetzt ist Miss Joanne offenbar selbst betroffen - oder sehe ich da etwas falsch? Sie sehen, Sir, ich vertraue Ihnen auch.“

Dies war scheinbar die Stunde der Überraschungen. Als Watkins Richard anvertraute, womit sich Colin McArthur tatsächlich beschäftigte, pfiff er scharf durch die Zähne.

„Das hat er tatsächlich von der ganzen Welt gut verborgen. Selbst ich kenne nur seine vorgebliche Arbeit, und die hat immerhin Weltruf. Aber jetzt verstehe ich, warum der Teufel...“

„Was macht ihr denn hier?“ Joanne schob den Kopf durch die Tür. „Emily sagte, dass du angekommen bist, Richard. Warum steckt ihr denn hier die Köpfe zusammen?“

Jetzt zeigte sich die Klasse des Butlers. Ohne mit der Wimpern zu zucken nahm er ein Fotoalbum, das er offenbar schon vorher hier deponiert hatte, und hielt es Joanne vor.

„Ich wollte Dr. Culter ein wenig mit Ihrer Kindheit und Ihren skurrilen Einfällen vertraut machen. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass seine Besuche jetzt regelmäßig stattfinden werden?“

Sie schaute verblüfft auf das Album und schlug sich dann die Hand vor die Stirn. „Das ist nicht nett von Ihnen, Watkins. Wollen Sie Richard denn gleich wieder verscheuchen? Diese Fotos zeigen mich von einer äußerst unvorteilhaften Seite.“ Sie deutete auf ein Bild, auf dem zu sehen war, wie Joanne als Kind den Begriff Teeren und Federn wörtlich ausprobiert hatte. Als Teer hatte ein Glas Honig herhalten müssen, und ein zerschnittenes Kopfkissen hatte die Federn geliefert. Im ganzen Haus hatten sich noch wochenlang kleine Federn in den Ecken gefunden, und eine energische Aktion zur Reinigung des von oben bis unten mit Honig begossenen Kindes hatte selbst nach zwei Stunden noch nicht alle Spuren beseitigt. Unwillkürlich kicherte Joanne.

„Im Übrigen ist dieses Bild der Beweis, dass ich es mit der wissenschaftlichen Arbeit schon immer gerne genau genommen habe“, setzte sie dann mit einer gewissen Würde hinzu, obwohl Watkins mit einem nachsichtigen Lächeln und Richard eindeutig ungläubig auf das Foto blickten. Culter begann laut zu lachen.

„Du bist wirklich einmalig“, stieß er hervor.

Joanne warf Watkins ein gespielt empörten Seitenblick zum. „Ich bin doch sehr erstaunt, dass Sie Dr. Culter schon nach einer derart kurzen Bekanntschaft mit meinen privaten Untaten behelligen“, schalt sie, war aber insgeheim froh, dass der getreue Butler dem Mann offenbar sofort Vertrauen entgegenbrachte. Auf die Menschenkenntnis von Watkins konnte sie sich verlassen.

„Genug der allgemeinen Erheiterung“, bestimmte sie.

Watkins neigte zustimmend den Kopf, in seinen Augen war zu sehen, dass er sich amüsierte, während Richard vor Lachen Tränen in die Augen traten. Er stellte sich die Szene offenbar sehr lebhaft vor.

Joanne entging es völlig, dass die beiden Männer einen Blick des gegenseitigen Einvernehmens austauschten. Hier hatten sich zwei gefunden, die nicht nur durch die gemeinsame Sorge um die junge Frau verbunden waren, sondern auch durch gegenseitige Sympathie Respekt entwickelten. Joanne würde sich vermutlich niemals mit einem Mann einlassen, der nicht auch in den Augen des seit vielen Jahren vertrauten Mannes ihrer würdig war. Richard Culter wurde von Watkins akzeptiert, und das war eine wichtige Hürde, um das Herz der jungen Frau endgültig zu erobern.

Joanne zog ihn jetzt mit nach oben in ihr eigenes Arbeitszimmer. Hier verschloss sie die Tür und küsste Richard erst einmal lange und ausgiebig. Wie hatte sie nur all die lange Zeit vorher ausgehalten, ohne dieses unglaublich prickelnde Gefühl im Bauch, ohne die Wärme seiner Umarmung, ohne die Geborgenheit, die allein seine Nähe vermittelte? Aber es hatte wirklich erst der richtige kommen müssen, bisher hatte sie alle Annäherungsversuche geschickt abgewehrt.

Atemlos lösten sich die beiden voneinander, aber in den Augen brannte die Sehnsucht nach mehr. Doch bevor sie sich voll und ganz ihrer jungen Liebe widmen konnten, galt es erst einmal die drohende Gefahr abzuwenden. Joanne setzte sich an ihren Schreibtisch, Richard ließ sich auf der Schreibtischkante nieder.

„Du zuerst“, forderte sie. „Was hat dein Bruder gesagt? Oder hast du ihn noch nicht erreicht?“

Der Mann schüttelte den Kopf. „Doch, erreicht habe ich ihn schon, auch wenn das nicht immer ganz einfach ist.“

Sie war verwundert. „Sollte ein Priester für seine Schäfchen nicht immer erreichbar sein?“

Er lachte auf. „Mein Bruder ist kein gewöhnlicher Priester. Er ist Jesuit und arbeitet für die Glaubenskongregation.“

„ Ein Inquisitor?“, entfuhr es ihr ungewollt.

„Ja, so hat man das früher einmal genannt. Heute sieht man das etwas anders. Aber das ist nun auch der Grund, warum Francis überhaupt etwas wusste. Und selbst das musste ich ihm förmlich aus der Nase ziehen.“

Sie nickte. Offenbar hatten sie mit ihrer Frage nach Barnaby in ein Wespennest gestochen.

„Er riet mir dringend, die Finger davon zu lassen, aber ich ließ dann nicht locker. Die Kirche beobachtet diesen Vorfall scheinbar sehr geheimnisvoll. Soviel konnte ich herausfinden, dass Barnaby wie ein Mönch war, dem es im neunten Jahrhundert gelungen ist, der Versuchung durch den Teufel zu widerstehen und ihn sogar abzuwehren. Um das zu wiederholen, würde die Kirche heute noch eine ganze Menge geben, denn irgendwie haben die ja wohl das Privileg auf den ewigen Kampf zwischen Gut und Böse. Nun, jedenfalls sprach Francis davon, dass sie mit einem Experten auf diesem Gebiet zusammenarbeiten und wir das Schachspiel am besten nach Rom bringen sollten, damit es in Verwahrung genommen und untersucht werden kann.“

„Auf gar keinen Fall“, sagte sie scharf. „Mal abgesehen davon, dass ich bezweifle, ob es mir oder uns gelingen würde, das Spiel bis nach Rom zu bringen, weiß ich nicht, welche Tricks Seine Unheiligkeit anschließend benutzt, um mich doch noch in seine Finger zu bekommen.“

Er nickte. „Das sehe ich ähnlich. Aber das war auch schon so ziemlich alles, was ich aus Francis herausbekommen konnte. Was hast du von deinem Vater erfahren?“

„Etwas Ähnliches. Er erzählte mir ebenfalls von diesem Mönch und machte ein genauso großes Geheimnis darum wie dein Bruder, aber ein bisschen mehr habe ich schon noch erfahren. Besagter Barnaby hat mit Hilfe eines Schachspiels den Teufel überlistet, und ich nehme an, es handelt sich um dieses Spiel. Mein Vater kommt morgen nach Hause, dann können wir ihn weiter befragen.“

„Ich bin mir nicht sicher, ob er uns etwas sagen wird“, wandte Richard ein.

„Warum?“

„Weil er der Experte ist, von dem Francis sprach.“

„Das ist mir zu hoch“, verwunderte sie sich, doch dann begriff sie. „Mein Vater arbeitet für die Kirche? Und vermutlich tut er das schon länger? Ja, natürlich, mit seinem Fachgebiet konnte es kaum ausbleiben, dass er irgendwann eingespannt wurde. Er hatte gesagt, dass man dieses Schachspiel sucht, aber ich habe ihm natürlich noch nicht erzählt, dass es hier ist.“ Sie seufzte. „Ich weiß recht gut, dass ich Hilfe brauche, weil ich mit dieser Sache nicht allein fertig werden kann. Aber ich weiche doch nicht der einen Seite aus, um der anderen in die offenen Arme zu rennen.“

„Nun, ich denke, so schlimm wird es nun auch wieder nicht. Schließlich handelt es sich um deinen Vater. Er wird sicher alles daransetzen, dich zu schützen.“

„Nun, wir werden sehen“, meinte sie ausweichend. „Aber ich denke, wir sollten trotzdem den Versuch machen, auf eigene Faust etwas herauszubekommen. Lass uns gleich auf gut Glück im Internet suchen, und vielleicht finden wir irgendwo in all den Büchern, die unten angesammelt sind, auch noch einen Hinweis.“

Richard hatte zwar nicht viel Hoffnung, aber es war allemal besser überhaupt etwas zu tun, als tatenlos herumzusitzen und sich den Kopf zu zerbrechen.

Joanne verfügte neben den normalen Suchfunktionen im Internet auch noch über spezielle Zugänge in Datenbanken, die sie für ihre Arbeit immer wieder brauchte. Aber nach fast vier Stunden mussten die beiden eingestehen, dass sie auf diese Art nicht weiterkamen. Sie hatten alle möglichen und unmöglichen Begriffe eingegeben, Unmengen an Seiten aufgerufen, nur um feststellen zu müssen, dass alles in eine Sackgasse führte.

Watkins kam nach kurzem Anklopfen herein und wollte sich erkundigen, ob er ihnen etwas bringen konnte. Aufgrund der angespannten und erschöpften Gesichter entschied er sich dann anders.

„In einer Viertelstunde wird das Essen serviert. Ich darf annehmen, dass Emily sehr unglücklich wäre, würden Sie beide keinen Gebrauch davon machen.“ Dies war eine elegante Art, um die Atmosphäre im Arbeitszimmer aufzulockern und den Stress etwas zu unterbrechen.

Joanne kicherte unwillkürlich. „Das kann ich auf keinen Fall verantworten. Wenn Emily unglücklich ist, kocht sie mindestens drei Tage lang etwas, was ich überhaupt nicht mag.“

„Eine sehr subtile Art der Rache“, stellte Richard fest und reckte die verspannten Schultern. „Wir werden uns mit Vergnügen über das Essen hermachen“, versprach er, und Watkins verschwand zufrieden.

„Willst du nicht doch ganz einfach bis morgen warten?“, fragte Culter dann leise. „Wir zwei könnten einen kleinen Ausflug machen. Ich kenne da einen ganz netten Herrensitz, den ich dir gerne zeigen würde.“

Joanne verstand nicht gleich, aber dann trat plötzlich zarte Röte auf ihren Wangen.

„Willst du mich etwa deinen Eltern vorstellen? Das ist großartig, Richard. Aber mal ganz ehrlich, geht das mit uns nicht ein bisschen schnell?“

Er küsste sie lange und zärtlich. „Glaubst du etwa daran, dass zwischen uns noch Zweifel bestehen?“

„Nein, ganz bestimmt nicht“, erwiderte sie schüchtern. „Ich kann es wirklich kaum glauben, aber es scheint tatsächlich so, als hätte ich mein ganzes Leben nur auf dich gewartet.“

„Mir ergeht es ebenso.“ Wieder ein langer Kuss, dann löste sich Joanne aus seinen Armen.

„Wir sollten jetzt ins Esszimmer gehen, sonst kriegen wir womöglich noch Schimpfe.“

„Eure Köchin führt ein hartes Regiment“, stellte Richard amüsiert fest.

„Ja schon, aber das ist es wert, du wirst schon sehen. Anschließend werde ich auf jeden Fall noch einen Versuch in den Büchern unten starten.“

„Du gibst einfach nicht auf, nein?“

„Würdest du das an meiner Stelle tun?“

Er schüttelte lächelnd den Kopf und dachte daran, was seine Mutter zu Joanne sagen würde.

Sophia Culter war das, was man in der feinen Gesellschaft eine vollendete Dame nannte. Dabei besaß die Frau ein warmherziges Wesen, hohe Intelligenz und einen messerscharfen Verstand, alles Eigenschaften, die in der höhergestellten Gesellschaft nicht unbedingt als wünschenswert für eine Frau erachtet wurden. Sophia erfüllte die unumgänglich notwendigen Verpflichtungen und amüsierte sich über die Blasiertheit gewisser anderer Damen - wenn sie nicht stattdessen insgeheim auf deren Dummheit schimpfte. Sie stand jedenfalls ihre Frau und arbeitete hart in einer Stiftung für benachteiligte Kinder.

Richard war sicher, dass die beiden Frauen sich gut verstehen würden. Und dann gab es für Joanne natürlich auch noch die kleine Überraschung, dass er später einmal nicht nur den Herrensitz, sondern auch den Titel seines Vaters erben würde.

Lord Culter erfreute sich bis jetzt jedoch bester Gesundheit, und Richard hatte nicht vor, die Nachfolge allzu schnell anzutreten.

Jetzt aber genoss er mit Joanne zusammen ein hervorragendes Essen und ließ Watkins der Köchin mitteilen, dass ihre Kochkünste eines Königs würdig seien. Danach suchte er mit Joanne in der Bibliothek von Colin McArthur noch einen weiteren Hinweis auf Barnaby oder das Tuch, von dem sie ja nun wussten, dass es Teil einer Mönchskutte gewesen war. Aber auch hier gaben sie nach einiger Zeit auf.

„Sollte der Geheimdienst jemals etwas über Geheimhaltung erfahren wollen, sollte er sich an die Kirche wenden. Dort versteht man das jedenfalls hervorragend“, schimpfte die junge Frau.

Er strich sanft durch ihre Haare. „Es ist wirklich an der Zeit, dass wir diesen Teufelskreis durchbrechen“, stellte er fest. „Pack ein paar Sachen ein, wir werden über Nacht bleiben und erst morgen zurückfahren.“

Sie stutzte, gab dann aber nach. „Ich habe schon ein bisschen Angst“, gestand sie ein.

„musst du nicht, meine Mutter wird dich lieben, und mein Vater wird dir zu Füßen liegen. Ich glaube, er hat jeden Artikel von dir gelesen. Er schätzt Frauen mit scharfem Verstand.“

 

*

 

Als Joanne an diesem Abend zu Bett ging, dachte sie verwundert über die Fügungen des Schicksals nach. War es nicht einfach unglaublich, was in den letzten Tagen über sie hereingebrochen war? Und der absolute Höhepunkt war ja wohl der heutige Abend gewesen.

Richard war mit seinem Wagen zu Fairisteen Manors gefahren, und sie hatte große Augen bekommen, als sie das ausgedehnte Anwesen sah. Das Haus selbst war riesig und hätte sicher zwei Dutzend Familien Platz geboten.

„Wir bewohnen nur einen der kleineren Flügel“, erklärte Richard. „Der Rest dient als Museum und wird für Besichtigungen freigegeben, und natürlich auch dementsprechend in Stand gehalten. Meine Eltern können es sich zum Glück leisten, eine Menge Geld dafür aufzuwenden, denn die Einnahmen aus diesen Besichtigungen decken kaum die Kosten. Im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Oberhauses hat mein Vater ein glückliches Händchen bei seinen Geschäften.“

„Oberhaus?“, fragte Joanne irritiert. „Willst du damit sagen, dass du ein Lord bist?“

„Noch nicht, mein Schatz, und das bleibt auch hoffentlich noch lange so“, meinte er.

Diese neue Tatsache musste sie erst einmal schlucken. Als der Wagen vor der breiten Treppe anhielt, kam sofort ein Hausdiener, öffnete die Türen und begrüßte die Ankömmlinge.

„Willkommen, schön, Sir, Sie daheim zu sehen“, kam es freundlich.

„Danke, Henderson. Schön, Sie auch einmal wieder zu sehen.“

An der Haustür stand Lady Sophia und blickte den beiden entgegen. Sie war eine schlanke, hoch gewachsene Frau, in deren braunen Haaren eine Reihe grauer Strähnen anzeigten, dass sie nicht von übermäßiger Eitelkeit geplagt wurde. Sie besaß ein klassisch schönes Gesicht, wache kluge Augen und ein herzerfrischendes Lächeln. Sie umarmte ihren Sohn, musterte Joanne kurz und lächelte dann warmherzig.

„Willkommen, meine Lieben. Ich war doch gespannt, ob mein großer, manchmal etwas unbeholfener Sohn endlich eine Frau gefunden hat, die gut für ihn ist. Aber Sie machen mir ganz diesen Eindruck. Ich freue mich, Sie kennenzulernen, Joanne.“

„Sie sind sehr freundlich, Mylady“, sagte Joanne schüchtern.

„Richard, dass du ihr etwa nicht gesagt, dass hier niemand ernstlich Wert auf Etikette legt? Schäm dich.“

„Mutter, bitte, was soll Joanne denn nun von mir denken? Dass ich völlig unter deinem Pantoffel stehe?“

„Ja, ist es denn nicht so?“, fragte sie mit einem unschuldsvollen Augenaufschlag und lachte dann auf. „Kommt, Kinder, mein Mann sitzt schon viel zu lange über seinen Büchern. Es wird Zeit, ihn ins Leben zurückzuholen.“

Auch Cecil Culter zeigte sich von der Anwesenheit Joannes begeistert, und sie wurde ganz selbstverständlich in die Familie aufgenommen. Er hatte wirklich viele ihrer Artikel gelesen und war erfreut, eine so kluge Journalistin kennenzulernen, noch dazu als Freundin seines Sohnes. Da Joanne ihre Mutter schon früh verloren hatte, taten ihr die Fürsorge und liebevolle Zuwendung von Sophia doppelt gut.

Der Abend wurde lang, während die vier über alle möglichen Themen diskutierten, wobei die Meinungen oft genug kontrovers waren. Doch gegenseitiger Respekt verhinderte, dass Missstimmungen aufkamen. Für Joanne war es eine ganz neue Erfahrung, diese Art von Familienleben kennenzulernen.

Und nun endlich befand sie sich in dem Schlafzimmer, das man ihr zugewiesen hatte, bewunderte die alte und bestens gepflegte Einrichtung und freute sich darauf, in das große weiche Himmelbett zu fallen und dort zu schlafen. Obwohl es Spätsommer war, brannte im Kamin ein Feuer, denn die Abende wurden schon kühl, und in den dicken Mauern von Fairisteen Manors konnte es ohne Feuer ungemütlich werden. Für die richtig kalten Temperaturen gab es mittlerweile eine Zentralheizung, aber gerade in dieser Übergangszeit bot ein Kamin neben der Wärme auch jede Menge Gemütlichkeit.

Müde kroch Joanne ins Bett und streckte sich genüsslich aus und war gleich darauf eingeschlafen. Doch auch in dieser Nacht sollte sie keine ungestörte Ruhe finden. Ein Traum schlich sich langsam und unmerklich ein.

Sie befand sich in dem großen und weitläufigen Park eines Herrenhauses auf einem Spaziergang. Irgendwann entdeckte sie eine steinerne Treppe in die Tiefe, an deren Ende eine schwere verschlossene Tür zu finden war. Als Joanne näher kam, schwang die Tür auf. Obwohl sie ein unbestimmtes Gefühl von Gefahr verspürte, trat sie hindurch und befand sich in einer alten Werkstatt, einer Schmiede. Das Feuer war erloschen, doch noch immer hing der Geruch von Kohlen und Metall in der Luft. An den Wänden hingen die Erzeugnisse des Handwerkers: Hufeisen, Nägel, Schürhaken, Teile eines Gartenzauns. Aber in der Mitte des Raums stand der Schmied selbst, William, wie Joanne mittlerweile wusste. Er hielt seinen schweren Schmiedehammer in der Hand und rührte sich nicht. Neugierig trat die Frau näher, noch immer keine Bewegung.

„Hallo?“, fragte Joanne zögerlich. Keine Reaktion. Sie trat noch einen Schritt näher und befand sich nun direkt vor dem Mann. Unendlicher Schmerz war in seinen Augen zu lesen, aber er stand noch immer da wie versteinert. Kalte Angst zog in ihr Herz. Der Schmied schien in der Tat nur noch aus Stein zu bestehen. Es handelte sich um eine Figur aus dem Schachspiel.

Ihre Blicke irrten durch den Raum, vier Türen gab es insgesamt. Diejenige, durch welche sie gekommen war, hatte sich selbständig geschlossen. Eine andere Tür öffnete sich jetzt von allein, der einzige Ausgang.

Joanne verließ die Schmiede und kam in ein Zimmer von verschwenderischer Pracht. Wertvolle Seidentapeten an den Wänden, Vorhänge aus Samt und Möbel mit vergoldeten Schnitzereien zeigten an, dass hier ein sehr wohlhabender Mann residierte. Auch der stand mitten im Raum, ohne sich zu rühren. Und es war nicht schwer zu erkennen, dass es sich hier um einen Fürstbischof handelte. Joanne kannte genug der zeitgenössischen Porträts mitsamt der Kleidung, um die Gestalt einzuordnen. Dies war ebenfalls eine Figur aus dem Schachspiel. Sie trat vor den Mann hin.

„Eminenz? Reden Sie mit mir. Was geschieht hier? Was kann ich tun, damit dieser Alptraum ein Ende nimmt?“

Sie erwartete nicht wirklich eine Antwort und war daher überrascht, als in ihrem Kopf die Gedanken des anderen erschienen.

„Du musst uns erlösen. Viel zu lange schon büßen wir für unsere Fehler. Aber der Teufel kennt keine Gnade. Einst war ich reich und mächtig, aber ich wollte noch mehr und ließ mich auf ein schändliches Geschäft ein. Ich kann niemanden mehr dafür um Verzeihung bitten, ich kann nur noch um Erlösung flehen. Aber auch das hat bisher niemand erreicht.“

„Aber was kann ich denn tun, um euch alle zu erlösen?“, schrie Joanne.

Bevor sie eine Antwort bekommen konnte, verschwand die luxuriöse Umgebung vor ihren Augen, das Gesicht des Teufels tauchte auf.

„So nicht“, sagte er tadelnd.

Gleich darauf erwachte die Frau in ihrem Himmelbett und zitterte trotz der wärmenden Bettdecke. Tränen liefen ihr über die Wangen, und sie wünschte sich nichts sehnlicher als von Richard in die Arme genommen zu werden. Vier Uhr früh, natürlich schlief der Mann um diese Zeit, und sie wollte ihn nicht wecken. Aber sie hatte quälenden Durst und irgendwie auch Hunger. Ob es wohl jemanden störte, wenn sie in die Küche ging, um sich einen Tee und ein Sandwich zu machen?

Sie schlüpfte in den bereitgelegten Morgenrock und trat auf den langen Flur hinaus. Eine kleine Lampe leuchtete, und in deren Schein schlich Joanne die Treppe hinunter. Unten öffnete sie zuerst die falsche Tür, bis sie doch die Küche fand. Auch hier gab es einen Kaminofen, der wohlige Wärme verströmte. Ein Wasserkocher stand neben dem Herd, und sie füllte Wasser ein, um Tee zuzubereiten. In einem Glasschrank befanden sich alle Utensilien für den Tee, fehlte nur noch das Sandwich.

Als sie vor dem offenen Kühlschrank stand, zuckte sie zusammen.

„Machen Sie mir auch eines mit, mein Kind? Truthahn und Senf bitte.“ Lady Sophia ließ sich auf einem Stuhl nieder und beobachtete Joanne aufmerksam.

„Ich bin wirklich froh darüber, dass Richard eine Frau wie Sie gefunden hat“, stellte sie dann zufrieden fest. „Aber ich habe das Gefühl, da ist noch mehr als nur Zuneigung, was euch beide verbindet. Kann ich also den Rest bitte auch noch erfahren?“

Joanne überlegte fieberhaft, ob sie jetzt eine Geschichte erfinden sollte. Doch den Augen dieser klugen Frau würde eine Lüge sicher nicht entgehen. Aber die ganze Situation war so verworren, dass ein normaler Mensch kaum ein Wort glauben würde. Sophia lächelte.

„Ich weiß, dass mein Sohn sich manchmal mit skurrilen Dingen abgibt. Sollte es so sein, brauchen Sie keine Hemmungen zu haben.“

Joanne schloss kurz die Augen, holte tief Luft und begann zu erzählen. Die ältere Frau hörte wortlos und geduldig zu, dann trat eine kurze Stille ein.

„Du und Richard, ihr habt euch eine Menge vorgenommen“, sagte sie leise und benutzte zum ersten Mal die vertraute Anrede. „Ich glaube nicht, dass ich euch dabei helfen kann, aber ich weiß zumindest, dass hier im Haus Unterlagen existieren, die über einen spurlos verschwundenen Erzbischof aus unserer Familie berichten. Es mag weit hergeholt sein, aber du könntest trotzdem nachsehen, während ich meinen Sohn die Ohren lang ziehe, dass er nicht offen zu mir war.“

„Mrs. Culter, ich....“

„Also bitte, ist es so schwer meinen Namen auszusprechen? Oder sehe ich aus, als wollte ich dich beißen?“

Beide Frauen lachten und machten sich über das improvisierte Frühstück her.

„Es ist gut zu sehen, dass du die Fähigkeit besitzt, auch in schwierigen Situationen deine Ruhe zu bewahren. Das wird dir später helfen, wenn ihr Kinder habt und die dummen Streiche sich häufen. - aber warum wirst du rot, Joanne? Weil ich von euren Kindern rede? Wer euch beide sieht, weiß genau, dass ihr füreinander bestimmt seid. Ich stelle also nur logische Schlussfolgerungen an.“

Sophia führte Joanne in die große Bibliothek, die mit zum Museum gehörte, aber nicht für jedermann zugänglich war. Zielsicher griff die Frau nach einer Chronik aus dem Jahre 1452 und schlug sie auf. In einer kühnen verschnörkelten Handschrift stand es geschrieben.

„Unsere Eminenz, der ehrwürdige Bischof von Stapleton, ist nun schon seit einer Woche spurlos verschwunden. In der ganzen Grafschaft werden Bittgebete und Messen abgehalten, um für sein Überleben, sein Wohlergehen und seine baldige Rückkehr zu flehen. Böse Zungen behaupten jedoch, dass Seine fürstliche Hoheit in Geschäfte verwickelt ist, die Staat und Kirche zuwiderlaufen. Die letzten Schriftstücke, die er noch abgefasst hat, liegen nun in den Händen des Erzbischofs von Dorchester unter Verschluss. Dennoch häufen sich die Gerüchte, dass Seine Eminenz ein ganz besonderes Pergament gehütet hat, das jetzt vielleicht in die falschen Hände geraten ist. Dabei soll es um ein Stück Stoff gehen, welches angeblich den Weg zu Ruhm und Reichtum weist. Mein Herr weist mich gerade zu Recht daraufhin, dass ich als Chronist keine Spekulationen aufzeichnen soll. Ich bitte also, meine vorher geschriebenen Worte nicht ernst zu nehmen. Tatsache ist und bleibt jedoch, dass Seine Eminenz verschwunden ist. Eine Katastrophe für den Sprengel, sagen die einen, während andere sich furchtsam bekreuzigen und vom Werk des Teufels reden. Ich werde ein Gebet für seine Seele sprechen, wo auch immer sie sich befinden mag. Sollte seine Eminenz bis nächste Woche, dem Tag des Heiligen Georg nicht zurückgekehrt sein, wird ein Bote den Erzbischof verständigen, so dass wir schon bald mit der Ernennung eines neuen Bischofs rechnen dürfen. Möge der Allmächtige seiner Seele gnädig sein.“

Joanne ließ das Buch sinken und schaute Sophia an.

„Das ist hochinteressant und hat vielleicht wirklich etwas mit der Sache zu tun. Aber das ist nur ein relativ unbedeutender Abschnitt in einer großen Chronik. Wieso weißt du davon?“

„Du entwickelt ein ausgeprägtes Misstrauen, Joanne. Oder ist das nur der journalistische Spürsinn? Beides ist sicher nicht falsch. Aber diese Geschichte gehört zu unserer Familie, denn durch das Verschwinden von Bischof Daniel Tucker kam ans Tageslicht, dass er tatsächlich eine ganze Menge dunkler Geschäfte gemacht hatte. Außerdem verfügte er über einen eigenen Spionagedienst, mit dem er gegen den Erzbischof und den regierenden Premierminister vorgehen wollte. Als das alles bekannt wurde, geriet die ganze Familie in Verdacht und wurde verfolgt. Es hat sehr lange gedauert, bis eine Rehabilitierung erfolgte. So, nun weißt du darüber Bescheid, vielleicht hilft es dir auf die eine oder andere Art, auch wenn ich im Augenblick noch nicht sehe, was es wirklich nützen kann.“

„Du bist sehr freundlich zu mir, Sophia. Nicht nur deswegen.“ Joanne deutete auf das Buch. „Ich finde, du bist eine tolle Frau, und Richard kann froh sein, eine solche Mutter zu haben.“

Die lachte auf. „Sag ihm das, wenn er sich wieder einmal darüber beschwert, ich würde ihn zu sehr bemuttern. Aber ich habe oft das Gefühl, ich müsste Richard beschützen. Bei Francis ist das nicht so. Er war schon als Kind unglaublich stark. Er ruht in sich selbst und geht seinen eigenen Weg, ohne sich beirren zu lassen. Du siehst es ja daran, welchen Lebensweg er eingeschlagen hat.“

Diese Worte kamen ein wenig traurig, und der Blick von Sophia schweifte ab in weite Ferne. Joanne legte ihr tröstend eine Hand auf den Arm, als sie traurig lächelte. Spontan umarmten sich die beiden Frauen.

„Ach, hier seid ihr. Wir suchen euch schon überall. Was macht ihr hier eigentlich?“ Richard stand einigermaßen verwirrt in der offenen Tür und wunderte sich nicht wenig. „Wie lange seid ihr eigentlich schon hier?“

Joanne warf einen Blick auf die Uhr. „Wir unterhalten uns, und mindestens schon drei Stunden“, gab sie eine amüsierte Antwort auf seine Frage. „Im Übrigen haben wir uns besser kennengelernt.“

Er schüttelte den Kopf. „Frauen.“

Nach einem ausgiebigen Frühstück, bei dem es erneut Diskussionen über Gott und die Welt gab, brachte Richard Joanne zurück nach Hause. Er musste zu seiner Arbeit, und auch die junge Frau konnte ihren anstehenden Artikel nicht länger aufschieben. Die gewohnte Arbeit würde beiden helfen, ein wenig Abstand zu bekommen. Kein Mensch konnte in dauernder Spannung leben.

 

*

 

Teil 2

Joanne setzte sich an ihren Schreibtisch, schaltete den Computer ein und konzentrierte sich darauf, einen neuen Artikel zu schreiben. Sie kam gut voran und hatte, wie immer, Freude daran, komplexe wissenschaftliche Vorgänge in verständliche Worte zu fassen. Mit jeder Recherche lernte sie auch noch dazu, und es machte ihr stets Freude, etwas Neues zu entdecken. Beim Arbeiten vergaß sie die Zeit und tauchte völlig ein in die Welt, die sie beschrieb. Sie schrak auf, als sich zwei Hände auf ihre Schultern legten.

„Du hast mir so gefehlt, mein Kleines.“ Colin McArthur war zurück.

Joanne warf sich in seine Arme. Schließlich befreite er sich, hielt seine Tochter auf Armeslänge von sich und betrachtete sie aufmerksam.

„Du siehst nicht gut aus, Joanne. Du scheinst unter großem Stress zu stehen. Ich glaube, du hast mir eine ganze Menge zu erzählen.“

Er ließ sich auf einen Stuhl nieder und steckte sich in aller Ruhe seine Pfeife an. Der aromatische Duft des teuren Tabaks erfüllte den Raum; Colin machte einen gelassenen Eindruck, doch Joanne, die ihn gut kannte, bemerkte das angespannte Funkeln in seinen Augen. Aber noch war sie nicht bereit, zu diesem Zeitpunkt einen vollständigen Bericht abzugeben. Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und musterte ihren Vater ihrerseits. Das blieb ihm nicht verborgen.

„Du hast dich verändert, Joanne. War ich solange weg, dass mir eine Entwicklung entgangen ist?“

Sie nickte nachdenklich. „Vielleicht, ja. Ich wurde ziemlich abrupt aus meiner bisher relativ sorglosen Lebensweise gerissen, muss mich plötzlich einer ungeheuerlichen Bedrohung stellen, und erfahre dann so nebenbei, dass mein Vater nicht so ganz das ist, was ich bisher von ihm geglaubt habe. Das alles ist durchaus dazu angetan, eine Veränderung hervorzurufen. Findest du nicht auch?“

Er gab mit keiner Miene zu erkennen, ob ihn dieser versteckte Vorwurf getroffen hatte. Scheinbar ruhig paffte er an seiner Pfeife.

„Du hast also herausgefunden, was ich neben meiner normalen Arbeit noch mache. Und? Ist das so eine schreckliche Erfahrung für dich? Es handelt sich auch dabei um Wissenschaft, wenn auch im Grenzbereich. Und meine Auftraggeber zahlen gut. Stört es dich sehr?“

Sie war überrumpelt von seiner Ruhe. Hatte sie Erklärungen oder Rechtfertigungen dafür erwartet, dass ihr Vater, der angesehene Wissenschaftler, nach magischen und verzauberten oder auch teuflischen Artefakten forschte? Sie sollte ehrlich zu sich sein, denn dann musste sie diese Frage verneinen. Neugier ist die Triebfeder des Forschens, und mittlerweile besaß sie selbst genug davon, um ihren Vater zu verstehen.

„Ach, Dad, warum hast du mir nicht früher davon erzählt? Hast du kein Vertrauen zu mir?“

„Doch, Joanne. Aber ich wollte dich nicht beunruhigen. Diese Arbeit ist nicht immer ganz ungefährlich, wie du vielleicht schon selbst erkannt hast. Reicht dir das als Rechtfertigung?“ Das klang schroff und verletzt, Joanne war beschämt. Sie hätte an seiner Stelle wahrscheinlich auch nicht anders gehandelt, um das Liebste auf der Welt zu beschützen.

Sie sprang auf und legte ihre Arme um seinen Hals.

„Es tut mir leid, Daddy, ich habe das alles vollkommen falsch angefangen. Natürlich musst du dich nicht rechtfertigen. Ich - ich war nur so überrascht und habe mir Sorgen gemacht. Und dann kommt auch noch diese ganze verrückte Geschichte dazu - ach, ich weiß gar nicht, wie ich dir das alles erklären soll.“

Er strich ihr sanft durch die Haare. „Ist schon gut, mein Kleines. Mir ist es lieber, dass wir darüber reden, als dass du etwas in dich hineinfrisst und womöglich Misstrauen zwischen uns aufkommt. So, jetzt solltest du mir aber endlich diese ganze - wie nennst du es? - verrückte Geschichte erzählen. Ich bin doch schon sehr neugierig.“

Sie wurde nun doch etwas verlegen.

„Das möchte ich nicht allein tun. Wenn es dich nicht allzu sehr stört, würde ich gern Dr. Richard Culter dazu bitten.“

Er runzelte die Stirn. „Ein guter Wissenschaftler, soweit mir bekannt ist. Aber was genau hat er damit zu tun?“

„Ich bat ihn ursprünglich um eine relativ einfache Analyse. Doch dann eskalierte die Situation, und er gab mir eine Menge an Hilfe. Und daraus wurde dann - nun ja...“

Ein feines Lächeln erschien auf den scharf geschnittenen Zügen des Mannes. „Verstehe ich das richtig? Du hast plötzlich entdeckt, dass du ein Herz besitzt, das man verlieren kann? Ich bin überwältigt, Joanne. Nur zu, her mit deinem Richard. Ich kann es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.“

Die junge Frau war erleichtert, dass ihr Vater die Angelegenheit von der praktischen Seite sah. Zufrieden rief sie im Institut an und hatte Culter gleich darauf am Apparat. Er versprach, sobald wie möglich einzutreffen.

Bis dahin zog sich Colin McArthur in sein eigenes Arbeitszimmer zurück, um einen Bericht zu schreiben.

 

*

 

Obwohl Colin mittlerweile vor Neugier förmlich brannte, stand er es durch, mit Joanne und Richard erst einmal das Abendessen einzunehmen. In diesem Haus galt seit jeher die Regel, dass beim Essen weder über die Arbeit noch über sonstige Probleme gesprochen wurde. Daran hatte sich auch in dieser Situation nichts geändert. Stattdessen versuchte er Richard besser einzuschätzen. Doch er war angetan von der souveränen Art und der natürlichen Selbstsicherheit des Mannes. Wenn er seine Tochter schon jemand anderem überlassen musste, dann war Culter vermutlich eine gute Wahl.

Wie die meisten Väter tat sich Colin schwer damit, seine Tochter zu verlieren. Das war vermutlich auch der Grund, warum seine Fragen und Bemerkungen manchmal etwas aggressiv wirken, so dass Joanne ihn unter den Tisch mit dem Fuß trat. Er zuckte bedauernd die Schultern und versuchte sich zurückzuhalten.

Nach dem hervorragenden Essen gab es Kaffee und Cognac, den Richard jedoch ausschlug. Schließlich zogen sich die drei in das Arbeitszimmer von Colin zurück, und nachdem die Tür verschlossen war, veränderte sich die Atmosphäre schlagartig.

„Nun habe ich eine Menge Geduld bewiesen. Jetzt ist es wohl an der Zeit, dass ihr zwei mit der Sprache herausrückt. Was ist hier los?“

Joanne und Richard wechselten einen kurzen Blick, dann fing die Frau an zu erzählen. Und gleich, als sie auf das Schachspiel zu sprechen kam, sprang Colin erregt auf und begann unruhig im Raum auf und ab zu gehen. Doch er unterbrach seine Tochter mit keinem Wort. Sie ließ nichts aus, mochte es sich nun um den Vertrag handeln, der so überraschend seinen Text geändert hatte, oder ihre Träume, die so schrecklich real wirkten, bis hin zu der Chronik, die Sophia ihr gezeigt hatte, und die auch für Richard noch neu war. Auch ihren verwirrenden Alptraum mit den versteinerten Figuren erzählte sie und sah, dass sich bei beiden Männern eine steile Falte auf der Stirn bildete.

„Zeig mir den Vertrag“, forderte Colin mit harter Stimme. „Du hast ihn doch noch?“

Joanne nickte, holte das Pergament hervor und reichte es ihrem Vater, der es mit allen Anzeichen von Ärger las. Er ließ sich wieder in seinen Stuhl fallen und kramte nach seiner Pfeife.

„Ich bin sehr froh, dass du diesen Wisch nicht unterschrieben hast“, stellte er dann fest und war nicht überrascht, dass auch für ihn die richtigen Zeilen zu lesen waren.

„Daddy, ich bitte dich. Das ist vermutlich das letzte, was ich täte. Aber was ist nun mit dem Schachspiel? Ich vermute, es ist genau das, welches du selbst gesucht hast, oder nicht?“

Er nickte ernst. „Ja. Und genau das gibt mir zu denken. Warum wurde es ausgerechnet in deine Hände gespielt? Das kann kein Zufall sein.“

„Hast du Barnabys Tuch bei dir?“, fragte Joanne. „Vielleicht fällt uns gemeinsam etwas ein, wenn wir alles beieinander haben.“

„Es könnte ebenso gut zu einer Katastrophe kommen“, gab Richard sachlich zu bedenken.

„Das wird es ohnehin, wenn wir gar nichts unternehmen“, erklärte sie lakonisch.

Colin zuckte die Schultern. „Wir können es versuchen, aber merkt euch eines, vor dem Teufel kann niemand davonlaufen. Man kann sich nur bemühen, klüger zu sein als er. Und auch das ist schon ziemlich schwierig.“

„Oh, ist mir da etwas entgangen?“, fragte Joanne sarkastisch. „Ich wüsste bisher nicht, dass irgendetwas leicht gewesen wäre.“

Während sie nach oben ging, um das Spiel zu holen, blickten sich die beiden Männer an.

„Ich möchte nicht, dass meiner Tochter etwas passiert“, sagte Colin.

„Das möchte ich auch nicht, Sir.“

„Joanne hat - sie ist - meine Tochter ist sehr verletzlich, obwohl sie stark scheint. Sie hat - sie verfügt über eine überdurchschnittliche Bildung, weiß sich in jeder Gesellschaft zu benehmen und kann mit fast allen Menschen gut klarkommen. Aber sie hat kaum Erfahrung im Umgang mit Männern - wobei ich mich jetzt auf zwischenmenschliche Kontakte beziehe.“ Colin brach ein wenig hilflos ab.

Richard stand auf und reichte ihm spontan die Hand. „Ich verstehe ganz genau, was Sie meinen, Sir. Ich verspreche Ihnen, dass ich Joanne niemals bewusst weh tun werde. Auch wenn ich sie noch gar nicht so lange kenne, hat sie doch mein Herz erobert, und ich möchte sie immer an meiner Seite haben. Sie ist mir lieb und teuer, und ich will sie nicht enttäuschen. Ich möchte auch Sie, Sir, nicht enttäuschen.“

McArthur wirkte erleichtert, er schlug in den Händedruck ein.

„Messerscharf erkannt, mein Lieber. Und ich werde dich beim Wort nehmen.“ Ähnlich wie Sophia benutzte er in dieser vertraulichen Situation das Du. Ein erneuter Händedruck zwischen zwei Männern besiegelte das unausgesprochene Bündnis.

Joanne kam zurück und schaute beide fragend an. „Stimmt etwas nicht?“, wollte sie wissen.

„Nein, alles in bester Ordnung“, strahlte Richard und küsste sie ganz ungeniert. Sie fühlte genau, dass zwischen den beiden eine Art Aussprache stattgefunden hatte. Doch offenbar war diese zufriedenstellend verlaufen.

Sie packte das Schachbrett aus, und Colin hielt unwillkürlich die Luft an. Die vollkommene Schönheit war faszinierend, aber natürlich war auch er im Stande, die Runen zu erkennen. Da er die Übersetzung nun schon kannte, konnte er sich darauf konzentrieren, weitere Einzelheiten zu entdecken. Seine Finger glitten ebenfalls über die Schriftzeichen hinweg, und er verspürte das Kribbeln, wie es Joanne schon kannte. Dann hielt er inne.

„Was ist das? Joanne, sei so gut und gib mir die Lupe dort aus dem Regal.“

Er nahm das Brett hoch und fuhr mit der Lupe über den dünnen Rand entlang.

„Hier steht noch mehr, hast du das auch schon übersetzt?“

„Nein, davon habe ich bis jetzt nicht einmal etwas bemerkt.“

Flink holte sie Papier und einen weichen Bleistift, um auch diese Runen zu kopieren. Dann saßen alle drei mit gebeugten Köpfen und gaben sich Mühe, die alten Schriftzeichen in eine verständliche Sprache zu übersetzen.

„Ein reines Herz klopft nicht vergebens, und reicht dem Tod das Wasser des Lebens. Drei Schritte vor und einer zurück, so geht die Befreiung Stück für Stück. Kannst du der Versuchung widerstehen, wirst du vielleicht der Hölle entgehen. Doch bedenke deinen letzten Zug, der Teufel benimmt sich bedrängt sehr klug.“

„Ein neues Rätsel“, seufzte Joanne. „So langsam habe ich genug davon. Einiges ist ja noch zu verstehen, aber was ist nun wieder das Wasser des Lebens? Doch ganz sicher kein Whisky? Und wo soll ein reines Herz anklopfen? Himmel, ich wünschte, ich könnte dieses ganze Zeug in einen Sack packen und in den tiefsten See versenken.“

„Ein frommer Wunsch, aber leider nicht mehr“, spottete Richard. „Lasst uns versuchen, der Sache mit Logik auf die Spur zu kommen. Wir haben es hier mit Gegenständen zu tun, die auf die eine oder andere Art magisch verändert wurden. Wir wissen nicht das geringste über Magie, nur dass der Teufel offenbar selbst seine Hand im Spiel hat. Seine Macht muss als fast unbegrenzt angenommen werden, und doch hat es im Verlauf der Menschheitsgeschichte immer wieder einzelne Personen gegeben, die seiner Versuchung und seiner Macht widerstehen konnten. All diese - diese Schachfiguren haben das offenbar nicht getan und warten jetzt auf Erlösung. Dazu brauchen wir das Wasser des Lebens. Was könnte das also sein?“

„Ein geflügeltes Wort“, rief Joanne plötzlich. „Ja, seht ihr es denn nicht? Wie sagten schon die alten Leute? Der oder jener fürchtet sich vor etwas, wie der Teufel vor dem Weihwasser.“

Verblüffung malte sich auf den Gesichtern der beiden Männer. Richard schlug sich vor den Kopf.

„Damit könntest du allerdings recht haben. Und in diesem Fall wäre es das Wasser des Lebens.“

„Ich fürchte, meine Lieben, ganz so einfach ist das nicht. Oder nehmt Ihr ernsthaft an, es würde reichen, jetzt die Figuren und das Brett mit Weihwasser zu bespritzen, um den Spuk aufzulösen?“

„Einen Versuch ist es alle Mal wert“, meinte Joanne, blickte dann aber doch skeptisch drein. „Nein, wahrscheinlich hast du recht, so einfach wird es nicht gehen. Aber lasst uns erst einmal Weihwasser besorgen. Dann sehen wir weiter.“

An diesem Abend war es natürlich schon zu spät, um noch eine Kirche aufzusuchen und ein Fläschchen mit Weihwasser zu füllen. Joanne fürchtete sich mittlerweile davor, schlafen zu gehen. Seit nunmehr drei Nächten hatte sie keine ungestörte Ruhe gefunden, und jeder Alptraum hatte ihr Innerstes zutiefst aufgewühlt. Doch sie wollte Richard und ihren Vater nicht weiter beunruhigen, also zog sie sich einfach in ihr Zimmer zurück. Die Müdigkeit war so groß, dass sie es nicht schaffte, die ganze Nacht wach zu bleiben, wie es eigentlich ihre Absicht gewesen war. Todmüde fiel sie ins Bett und wünschte sich, traumlos schlafen zu können.

Aber das war natürlich nur eine Illusion - oder befand sie sich in einer Illusion, und der Traum war Wirklichkeit?

 

*

 

Ein wunderschön angelegter Garten, bunte Blumen in liebevoll gestalteten Beeten, es roch nach Frühling, aber dennoch wirkte alles ein wenig leblos. Das mochte daran liegen, dass es hier nichts gab, was sonst zu einem Garten dazugehörte. Keine emsigen Bienen summten von Blüte zu Blüte, keine Vögel bauten zwitschernd ein neues Nest, keine Schmetterlinge taumelten als winzige Farbtupfer durch die Luft. Und es gab auch keine Sonne, obwohl strahlende Helligkeit herrschte.

Details

Seiten
345
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941043
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
drei romane spuk thriller trio-band

Autor

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Titel: Spuk Thriller Trio-Band 1 - Drei Romane