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Spuk Thriller Trio-Band 2 - Drei Romane

2020 303 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

von Ann Murdoch

Das verhängnisvolle Tagebuch von Ann Murdoch

Teil 1

Teil 2

Rosen für die Ewigkeit

Copyright

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Spuk Thriller Trio-Band 2 - Drei Romane

von Ann Murdoch

 

Über diesen Band:

 

Dieser Band enthält folgende Romane:

 

Ann Murdoch: Gespenst zu vermieten

Ann Murdoch: Das verhängnisvolle Tagebuc

Ann Murdoch: Rosen für die Ewigkeit

 

 

 

 

Immer bei Vollmond besucht der Geist eines vor langer Zeit ermordeten Adligen den Garten eines englischen Schlosses und pflückt eine Rose... Was steckt hinter dieser Legende, die Star-Autorin Ann Murdoch mit einer dramatischen Liebesgeschichte verknüpft.

 

 

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER WERNER ÖCKL

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Gespenst zu vermieten
von Ann Murdoch

 

Ein CassiopeiaPress E-Book

© by Author

© der Digitalausgabe 2013 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

 

 

„Freddie?“ Der laute Ruf von Claire-Marie Fischer hallte durch die Empfangshalle von Schloss Hohenberg.

Die noch recht junge Frau führte das Schlosshotel seit fast zwei Jahren allein, nachdem ihr Mann bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen war. Doch manchmal dachte sie, dass die Verantwortung für dieses ganze Anwesen und die Erziehung ihrer zwei Kinder einfach zu viel für sie waren. Und gerade jetzt hatte Claire entdeckt, dass sich ausgerechnet hier an der Rezeption, dem Aushängeschild eines jeden Hotels, ein regelrechter Schlendrian eingenistet hatte.

Die wenigen Anmeldezettel waren noch nicht ordentlich eingeordnet, und auch die Post lag noch unbeachtet herum. Claire hätte sich am liebsten gevierteilt, um all die Aufgaben zu erfüllen, die täglich anstanden – oder vielleicht hätte sie mehr Personal einstellen sollen. Doch das waren Kosten, die kaum erwirtschaftet werden konnten, denn das Hotel lief nicht so gut, wie sie sich das wünschte.

Freddie, der eigentlich Friederich hieß, hatte gerade seine Lehre als Hotelfachmann hier abgeschlossen, doch es schien Claire, als habe er an manchen Tagen alles wieder vergessen, was sie und all die anderen ihm beigebracht hatten.

Jetzt aber kam er von irgendwoher, mit einem völlig unschuldigen Blick im Gesicht.

„Freddie, wie sieht es hier aus?“, mahnte Claire und deutete auf das Pult. Der Anflug von Schuldbewusstsein im Gesicht des jungen Mannes verflog augenblicklich, als gleich zwei Autos vor dem Eingang hielten.

„Bringe ich gleich in Ordnung“, versprach er und lief dann rasch zur Treppe, um die neuen Gäste willkommen zu heißen.

Claire seufzte, schüttelte dann den Kopf und sortierte die Post selbst. Es war noch Ferienzeit, und eigentlich hätte das Hotel voll belegt sein müssen. Landschaftlich lag es sehr schön, die Zimmer waren großzügig, und die Preise hielten sich in Grenzen. Aber eine dringende Renovierung hatte Claire immer wieder hinauszögern müssen, und so war der Standard nicht auf dem hohen Niveau, das sich alle hier gewünscht hätten – allen voran natürlich die Besitzerin.

Sie setzte jetzt ein fröhliches Lächeln auf, um die neuen Gäste zu begrüßen, doch dann gefror ihr Gesicht zu einer Maske.

„Du Blödmann! Warte, ich kriege dich!“, ertönte die helle, zornige Stimme ihrer zwölfjährigen Tochter Ann-Kathrin. Rennende Schritte verrieten, dass das Mädchen hinter jemandem herlief. Und dieser jemand konnte eigentlich niemand anders sein als der um ein Jahr ältere Bruder Gabriel.

Jetzt wurde eine Tür aufgestoßen, und gleich darauf jagte der zartgliedrige Junge in die Empfangshalle hinein.

Im gleichen Augenblick führte Freddie eine vornehm gekleidete Frau herein, kurz dahinter kam noch ein Mann.

Die elegante Dame blieb wie angewurzelt stehen, den Ausdruck absoluter Abscheu im Gesicht, als sie die Kinder erblickte.

Auch Gabriel hielt abrupt inne. Ann-Kathrin, die ihm dichtauf folgte, konnte nicht mehr rechtzeitig bremsen, prallte heftig gegen ihren Bruder und schubste ihn auf diese Weise vorwärts, so dass er nur noch knapp vor der Frau zum Stehen kam.

Gabriel hob den Blick und bat mit leuchtend blauen Augen in dem schmalen Gesicht unter den dunklen lockigen Haaren um Entschuldigung. Doch hier war er eindeutig an die Falsche geraten.

Mit einem Ausdruck, als habe sie ein ekliges Insekt vor sich, betrachtete die Frau den Jungen, setzte sich dann wieder in Bewegung und ignorierte das Kind einfach.

Ann-Kathrin hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht laut loszuprusten, Gabriel blickte völlig verblüfft, und Freddie unterdrückte ein Grinsen.

Claire schickte ihren Kindern einen Blick, der ihnen eine gepfefferte Standpauke versprach, und nur der sportlich aussehende Mann, der als letzter hereingekommen war, grinste offen über das ganze Gesicht.

„So jung und schon so stürmisch?“, fragte er freundlich und legte Gabriel eine Hand auf die Schulter.

„Oh, tut mir leid, wirklich“, beteuerte der Junge und wurde rot. „Aber es war doch nur ...“

„Nichts weiter“, klang jetzt Claires Stimme dazwischen.

Die beiden Kinder nickten einmütig und verschwanden friedlich, als habe es nie Geschwisterstreit gegeben.

„Verzeihen Sie bitte.“ Claire lächelte die Frau an. „Die Kinder sind manchmal etwas ungestüm. Aber sie wollten Sie sicherlich nicht belästigen. Herzlich willkommen auf Schloss Hohenberg. Würden Sie sich bitte hier eintragen? Das Gepäck wird gleich auf Ihr Zimmer gebracht.“

„Ich will nicht hoffen, dass diese Kinder ständig hier für Unruhe sorgen. Ich will mich erholen“, kam die spröde, überhebliche Antwort, während die Frau mit steiler Schrift das Anmeldeformular ausfüllte.

Claires Gesicht blieb höflich lächelnd, doch sie war verstimmt über diese Worte. So schlimm war es doch nun auch wieder nicht gewesen. Aber des Gastes Wille – sie würde eben dafür sorgen müssen, dass die beiden dieser Frau nicht zu nahe kamen.

„Ich hoffe, Sie werden hier die nötige Ruhe und Erholung finden – Frau Henke“, las Claire vom Zettel ab und verglich die Anmeldung automatisch mit der Buchung.

„Die Kinder machen ganz den Eindruck, als wären sie lebendig und glücklich“, mischte sich jetzt der Mann ein, der bereits ebenfalls eines der Formulare gegriffen hatte, um es auszufüllen. Dabei musterte er ganz unverhohlen die Anmeldung von Frau Henke.

„Dann können sie sicherlich auch außerhalb meiner Reichweite lebendig sein“, erklärte Michaela Henke von oben herab und musterte den Mann abweisend.

„Was haben Sie denn gegen Kinder? Waren Sie nicht auch mal eines?“, fragte er spöttisch.

„Ich wüsste nicht, was Sie das angeht“, kam die schnippische Antwort, dann rauschte die Frau hinter Freddie her, der ihr den Weg zu ihrem Zimmer wies.

„Herr Minster.“ Claire begutachtete das Formular. „Seien Sie ebenfalls herzlich willkommen. Ich möchte mich auch bei Ihnen ...“

„Entschuldigen? Um Himmels willen, nein. Ich fand es herrlich, festzustellen, dass auch andere Kinder durch das Haus toben und Geschwister sich streiten. Mich stören sie bestimmt nicht. Schade, dass diese junge Dame so ablehnend reagiert hat. Wissen Sie etwas über sie?“

Claire lächelte. „Es widerspricht den Gepflogenheiten unseres Hauses, über die Gäste zu klatschen, Herr Minster.“

Er grinste sie lausbubenhaft an. „Sie haben ja recht. Aber ist es dann vielleicht möglich, dass bei der Tischeinteilung ...“

Wieder lächelte Claire, jetzt aber verständnisvoll. „Wir haben keine feste Tischeinteilung, tut mir leid.“ Sie hielt einen Augenblick inne, zögerte und senkte dann die Stimme ein wenig. „Aber Frau Henke hat für acht Uhr den Weckruf bestellt. Wenn Ihnen das hilft ...“

Thorsten Minster tippte sich dankend an eine imaginäre Mütze, griff nach seinem Gepäck und stieg die breite Treppe hinauf, ohne auf Freddie zu warten.

Claire hingegen seufzte zum wiederholten Male an diesem Tag und machte sich auf den Weg in die Küche, wo sie ihre Kinder vermutete, um ihnen den Kopf zu waschen.

 

*

 

Einträchtig waren Ann-Kathrin und Gabriel in die große gemütliche Küche gelaufen, wo jetzt die Köche mit den Vorbereitungen für das Mittagessen längst fertig waren und nur noch der gute Geist des Hauses, Gertrud Wildkämper, herumwerkelte.

Die Frau war alt, tiefe Linien durchzogen das sympathische Gesicht mit dem schmalen Mund und den weisen grauen Augen, aus denen stets Fröhlichkeit und gute Laune sprachen. Gerti, wie sie von allen genannt wurde, gehörte schon so lange zum Schloss, dass eigentlich niemand mehr wusste, wann und wie sie überhaupt hierhergekommen war. Sie gehörte zum Inventar, so wie das Turmfalkenpärchen im Schlossturm oder das als Vorratsraum ausgebaute Verlies im Keller.

Und Gerti, die niemals geheiratet hatte, liebte die Kinder, wie sie auch Claire schon als Kind geliebt und mit großgezogen hatte.

Jetzt hatten sich die beiden zu ihr in die Küche zurückgezogen, wo Gerti noch immer dafür zuständig war, dass es täglich frischen Kuchen und auch eigenes Brot gab, eine der Spezialitäten des Hauses.

„Na, was habt ihr wieder angestellt?“, wollte sie wissen, als sie die beiden Kinder etwas betreten hereinkommen sah.

„Gabriel hat mich geärgert, und dann habe ich ihn gejagt. Und dann ist er fast in eine Dame hineingelaufen. So eine ganz feine – die geht wie auf Stelzen“, erzählte Ann-Kathrin freimütig und gab sich dann Mühe, den etwas gestelzten Gang von Michaela Henke nachzuahmen.

Gabriel prustete auf, und Gerti schmunzelte.

„Und Mama hat mich angeschaut, als wollte sie mir den Kopf abreißen“, fuhr der Junge dann wieder betrübt fort. „Au Backe, das gibt bestimmt noch was hinterher.“

„Was musst du auch Leute umrennen“, spottete seine Schwester, die zwar ein Jahr jünger war, aber trotzdem viel reifer schien.

„Das musst du gerade sagen. Wenn du mich nicht gejagt hättest ...“

Schon drohte ein neuer Streit auszubrechen zwischen den beiden, aber Gerti ging dazwischen. „Das reicht jetzt, ihr Strolche. Hier habt ihr frischen Kuchen mit Butter, lasst es euch schmecken.“

„Ich bezweifle, ehrlich gesagt, dass diese beiden Rangen etwas so Köstliches wie deinen Kuchen überhaupt verdienen“, klang jetzt die Stimme von Claire auf, die unbemerkt hereingekommen war.

„Ach, Claire, sei nicht so streng mit den beiden.“

„Und du bist viel zu gutmütig“, schalt die junge Frau liebevoll und blickte ihre Kinder strafend an. „Habe ich euch nicht immer wieder gesagt, ihr sollt in der Anwesenheit von Gästen ...“

„Ruhig und leise auftreten“, kam es von beiden gleichzeitig.

Unwillkürlich musste Claire lachen, und die Kinder atmeten auf. Noch mal gut gegangen. Und außerdem konnte ihre Mutter ihnen ohnehin nie lange böse sein, schließlich waren die beiden das Wichtigste für die Frau.

„Wo wohnt denn Madame Wichtig?“, fragte Ann-Kathrin.

„Wer?“ Claire stutzte.

„Na, die da, die keine Kinder mag. Sie hat Gabriel angesehen, als wollte sie ihn fressen.“

„Das ist aber kein Grund, so über einen Gast zu reden, und ich möchte ...“

„... das außerhalb dieses Raumes nicht hören.“ Wieder beide Kinder zusammen. Die zwei kannten die Verhaltensmaßregeln ihrer Mutter ganz genau. Aber welches Kind schlägt nicht ab und zu über die Stränge?

Claire schüttelte den Kopf. „Ihr wisst doch sehr gut, wie ihr euch zu benehmen habt. Warum tut ihr es dann nicht?“

„Ach, Mamilein.“ Ann-Kathrin schnurrte um ihre Mutter herum wie eine Katze um die Sahneschüssel.

„Ja, schon gut, ihr Schlingel. Achtet darauf, dass ihr euch von Madame Wichtig – Frau Henke – fernhaltet. Wir brauchen wirklich jeden Gast. Und sie will mindestens zwei Wochen bleiben, steht in der Buchung.“

„Zwei Wochen?“ Aus Gabriels Mund klang das wie eine Ewigkeit.

„Benehmt euch bitte“, wiederholte Claire und ging dann zurück an ihre Arbeit.

„Ich möchte, dass Mama mal wieder so richtig herzhaft lacht – ohne all die Sorgenfalten auf der Stirn“, stellte Ann-Kathrin fest, nachdem die drei wieder allein waren.

„Wir brauchen unbedingt mehr Gäste, sonst kann sie die Kosten nicht mehr lange aufbringen“, erklärte Gabriel. „Wenn das besser wird, dann lacht sie sicher auch mal wieder. Gerti, wann erscheinen denn die Anzeigen?“

Die alte Frau kramte in ihrer Schürzentasche nach ihrer Brille, dann holte sie aus einem Schrank einige Papiere. „Alle noch in dieser Woche, zwei sogar schon morgen“, gab sie dann bekannt.

Dies war das größte Geheimnis, das Gerti mit den Kindern jemals geteilt hatte. Gemeinsam hatten sie darüber nachgedacht, dass sie unbedingt etwas unternehmen mussten, um endlich mehr Gäste anzulocken. Schließlich waren sie auf die Idee verfallen, Anzeigen in Magazinen und Zeitungen zu platzieren. Aber keine normalen Anzeigen, die gab es ja zuhauf. Das Schlosshotel musste doch irgendetwas zu bieten haben, was andere nicht hatten. Aber was? Und dann hatten sie den genialen Einfall, einen Hausgeist zu erfinden.

Natürlich gab es nicht wirklich einen Geist, wenn auch uralte Geschichten über einige unerklärliche Todesfälle oder auch eine unglückliche Liebesgeschichte kursierten.

Um den Text dann richtig zu formulieren, hatten die drei Freddie einweihen müssen, der das Ganze für eine verrückte Idee hielt, aber trotzdem begeistert mitmachte. Gerti hatte sich bereit erklärt, die Kosten von ihren Ersparnissen zu bezahlen, das Geld war sonst ohnehin nutzlos, wie sie meinte.

Und nun warteten die drei darauf, dass die Anzeigen erschienen – und hoffentlich auch Erfolg hatten.

 

*

 

Keine dumme Idee!, schoss es Winfried Hartmann durch den Kopf, als er das Reise-Magazin aufschlug und die Anzeige musterte, die ihm da förmlich ins Auge sprang.

„Möchten auch Sie sich einem echten Gespenst Auge in Auge gegenübersehen?

Wollten auch Sie ein echtes Grusel-Erlebnis?

Möchten Sie einmal das Gefühl, von etwas absolut Ungewöhnlichem haben?

Dann besuchen Sie uns! Buchen Sie ein Zimmer im Schlosshotel Hohenberg, und erleben Sie unseren Hausgeist in voller Aktion. Das Ganze ist selbstverständlich ungefährlich für Sie, aber es wird Ihnen den perfekten Schauder über den Rücken rieseln lassen. Verlieren Sie keine Zeit, buchen Sie noch heute.“

Winfried grinste unwillkürlich. Nein, wirklich, dieser Einfall war gar nicht schlecht. Er hätte von einem geschickten Werbefachmann stammen können. Aber vermutlich war es trotz dieses Einfalls schon zu spät.

Winfried Hartmann arbeitete für einen großen Hotelkonzern, und die Schwierigkeiten, die Claire-Marie Fischer hatte, waren in der Branche kein Geheimnis. Er hatte gerade heute den Auftrag bekommen, sich das Schlosshotel anzusehen und eventuell schon ein Angebot auszuarbeiten, um es dem Konzern einzuverleiben. Vorerst jedoch sollte er noch anonym als Gast ein Zimmer beziehen und sich unauffällig umsehen.

Hartmann war Mitte vierzig, schlank und sportlich. Bisher war er so in seiner Arbeit aufgegangen, dass er noch nie die Zeit gefunden hatte, sich eine Frau zu suchen. Sein Tagesablauf spielte sich größtenteils in seinem Büro ab, oder aber er war auf Reisen.

Dieses Mal würde er nicht so weit fahren müssen, Schloss Hohenberg war nicht weit entfernt.

Winfried packte seinen Koffer für etwa eine Woche, länger würde er sicher nicht brauchen, um eine realistische Einschätzung abzugeben. Diese würde er dann zu Anfang der Verhandlungen um zwanzig Prozent nach unten drücken, später war es so immer noch möglich, den Kaufpreis nach oben zu korrigieren. Er hoffte, dass dieser Auftrag sich als nicht zu kompliziert erweisen würde.

Der Mann konnte nicht wissen, dass in diesem Fall das Schicksal eine Menge Überraschungen für ihn bereithielt.

 

*

 

Claire wunderte sich. Seit dem vergangenen Tag klingelte das Telefon häufiger als sonst und bescherte eine Menge neuer Buchungen. Sie fand das schon etwas merkwürdig, denn es gab eigentlich keinen besonderen Grund, warum die Leute jetzt plötzlich auf die Idee kommen sollten, das Hotel in größerer Anzahl zu beziehen als vorher. Natürlich hatte auch Claire immer wieder Anzeigen geschaltet, doch die hoben sich nicht von dem Üblichen ab und beeindruckten nur selten jemanden.

Aber wie hätte sie auch wissen sollen, dass im Geheimen die vier Verschwörer eine eigene Strategie entwickelt hatten?

Auch wenn die junge Frau sich wunderte, so freute sie sich doch auch, bedeutete das doch etwas Hoffnung. Wenn dieser Boom einige Zeit anhielt, würde sie das Hotel vielleicht doch halten können.

Natürlich bekam Freddie ebenfalls mit, dass die Vorbestellungen zunahmen, und mit einem breiten Grinsen verkündete er diese Neuigkeit in der Küche, wo Gerti in gewohnter Weise werkelte und die Kinder halfen.

Die beiden hatten fest umrissene Aufgaben, Claire war der Meinung, es würde ihnen nicht schaden, wenn sie frühzeitig lernten, Verantwortung mit zu übernehmen.

Freddies Nachricht wurde mit großem Jubel aufgenommen, nur Gerti runzelte die Stirn.

„Meint ihr nicht, dass es langsam an der Zeit ist, eurer Mutter etwas davon zu erzählen?“

„Nein!“ Der empörte Widerspruch kam, wie üblich, von beiden gleichzeitig.

Freddie tippte sich jetzt jedoch an die Stirn. „Wie wollt ihr das überhaupt machen? Wenn die Gäste auf die Anzeige hin kommen, dann erwarten sie auch einen Geist. Und ich möchte nicht in eurer Haut stecken, wenn ihr dann beichten müsst, dass es gar keinen Geist gibt.“

„Na, dann müssen wir eben spuken“, erklärte Gabriel großzügig.

„Und wie willst du das machen?“ Freddie runzelte die Stirn, aber der Junge grinste.

„Wenn du ein bisschen hilfst, dann kann ich mit dem Computer und ein paar Lichteffekten schon eine Menge tun. Aber du musst aufpassen, dass keiner der Gäste was zu Mama sagt – ich meine, von wegen spuken.“

„Junge, Junge, das ist eine ganz haarige Geschichte – und ich glaube, sie gefällt mir nicht.“ Der junge Hotelfachmann kratzte sich am Kopf.

„Auch wenn es dir nicht gefällt – denk mal daran, dass du deine Arbeit verlierst, wenn Mama das Hotel verkaufen muss. Und ob du so schnell wieder eine Arbeit bekommst, wo es dir so gut geht ...“ Gerti ließ den Satz offen, Freddie konnte sich den Rest denken, was er auch rasch tat.

„Ja, ja, schon gut, ich verstehe“, gab er nach. „Was also habt ihr euch gedacht? – Ihr habt euch doch etwas gedacht, oder?“

Gerti und die Kinder hatten wirklich schon überlegt, was sie tun sollten, denn natürlich ging es nicht an, dass sie Werbung mit einem Gespenst machten und sie dann nichts zu bieten hatten.

Da Gabriel und Ann-Kathrin recht gut mit dem Computer umgehen konnten, sollte es wirklich kein größeres Problem sein, Ton- und auch einige Lichteffekte zu erzeugen.

Trotzdem! Gerti machte sich Sorgen. Hoffentlich ging alles gut!

 

*

 

Thorsten Minster hatte am ersten Morgen vergeblich auf Michaela Henke gewartet. Bereits um viertel nach acht saß er im Frühstücksraum und wartete darauf, dass die Frau auftauchte. Er fand sie ausgesprochen attraktiv – schulterlange dunkle Haare umrahmten ein schmales Gesicht mit vollen sinnlichen Lippen und tiefdunkelblauen Augen. Die Kleidung, die sie trug, war teuer und geschmackvoll, ohne aufdringlich zu wirken. Und tief in ihr drinnen glaubte der Mann einen tiefsitzenden Schmerz zu erkennen. Sie reiste allein, und ein Blick auf die Hände hatte den Mann darüber aufgeklärt, dass sie offensichtlich ungebunden war, doch natürlich konnte dieser erste Anschein täuschen. Aber Thorsten war fest entschlossen, sie erst einmal näher kennenzulernen. Und davon ließ er sich auch nicht durch ihre aufgesetzte Arroganz und die eindeutige Ablehnung abschrecken.

Auch, dass sie Kinder nicht zu mögen schien, hielt er für keinen Hinderungsgrund, sie mochte Gründe dafür haben, die sich vielleicht überwinden ließen.

Aber den ganzen Tag über hielt er dann vergeblich nach ihr Ausschau. Und obwohl das Wetter sonnig und warm war und zu einem langen Spaziergang einlud, ließ die Frau sich nicht blicken.

Enttäuscht verbrachte Thorsten die Zeit mit einem Buch draußen im Schlossgarten. Hier gab es ein Heckenlabyrinth, eine Liegewiese, einen wohlgepflegten Blumengarten und einige Kräuterbeete. Ruhe und Frieden umgaben den Mann, und er hatte Muße, über sich selbst nachzudenken.

Pünktlich am nächsten Morgen um viertel nach acht war er jedoch wieder unten im Frühstücksraum, wo der verlockende Duft von Kaffee und frischen Brötchen die Luft erfüllte. Thorsten füllte sich einen Teller mit Leckereien vom Buffet und schaute sich dann nach einem freien Tisch um. Da sah er sie!

Michaela Henke saß allein an einem Tisch, hatte einen Kaffee und eine Zeitung vor sich und starrte nachdenklich ins Leere. Der Raum war noch nicht voll, das Hotel ja auch nicht ausgebucht, aber doch waren mittlerweile einige Tische besetzt.

„Guten Morgen. Ist hier noch frei?“ Thorsten strahlte die Frau an, die aus ihren Gedanken gerissen wurde und erschreckt aufschaute.

„Eigentlich nicht“, wies sie ihn zurück, doch das störte ihn nicht.

„Dies ist ein Tisch für vier Personen. Da sollten wir doch zu zweit ausreichend Platz haben“, lächelte er.

„Es sind noch andere Tische frei.“

„Kann schon sein. Aber dort habe ich doch nichts von Ihrer reizenden Gesellschaft.“

Jetzt schaute Michaela zum ersten Mal bewusst auf den Mann, und was sie sah, war ja nicht einmal unsympathisch.

Thorsten Minster mochte Mitte bis Ende dreißig sein, er besaß braunes, lockiges Haar, rehbraune Augen und einen vollen sanften Mund. Seine Gestalt wirkte kräftig, ohne füllig zu sein, und seine Bewegungen waren geschmeidig und beherrscht. Beim Lächeln erschienen Grübchen in den Wangen und gaben ihm ein jungenhaftes Aussehen.

„Sie geben nicht auf, was?“, stellte Michaela etwas spöttisch fest.

„Das Wort kenne ich gar nicht“, behauptete Thorsten.

Eine Kaffeekanne stand gefüllt auf dem Tisch, und er goss sich eine Tasse ein.

„Sie haben noch gar nichts zum frühstücken. Darf ich Ihnen etwas holen, haben Sie einen besonderen Wunsch?“, bot er freundlich an.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, danke, ich brauche nur Kaffee.“ Sie wollte sich wieder in ihre Zeitschrift vertiefen, aber davon hielt Thorsten natürlich gar nichts.

„Haben Sie eigentlich für heute schon etwas vor? Ach, entschuldigen Sie, ich sollte mich erst einmal vorstellen – Thorsten Minster ist mein Name.“

„Meinen Namen kennen Sie schon.“

„Ja“, grinste er. „Es bot sich einfach an.“

Michaela klappte die Zeitung zu. „Sagen Sie, Herr Minster, was wollen Sie eigentlich von mir?“

Er strahlte sie mit seinen braunen Augen an, und wider Willen fühlte sich die Frau zu ihm hingezogen. „Vielleicht etwas gemeinsame Zeit. Sie sind allein, ich bin allein. Sie sind eine sehr attraktive Frau, und ich würde es schön finden, wenn wir gemeinsam etwas unternehmen könnten. Schließlich haben wir beide Urlaub. Und das alles völlig unverbindlich, ganz ohne Verpflichtung.“

„Sie reden wie ein Versicherungsvertreter“, spottete sie.

„Ach, so ein Pech, Beruf verfehlt“, konterte er. „Ganz ehrlich, Michaela, ich will nichts weiter von Ihnen als ein wenig gemeinsame Zeit.“

„Und wer sagt Ihnen, dass ich das auch will?“

„Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, zitierte er ernsthaft, und zum ersten Mal musste Michaela hell auflachen, was sie in seinen Augen noch begehrlicher machte.

„Ich bin hier, um ganz einfach ein paar Tage in Ruhe und Abgeschiedenheit zu verbringen. Ich sehe also wirklich keinen Grund ...“ begann sie, doch er ließ sie nicht ausreden.

„Gleich um zehn zu einem kleinen Spaziergang?“ Thorsten war einfach unwiderstehlich, und sie gab nach.

„Nach unten in den Ort“, stimmte sie zu. „Das kann ich dann mit einigen Einkäufen verbinden.“

„Sehen Sie, es geht doch, wenn Sie nur wollen.“

„Sagen Sie jetzt nichts Falsches, sonst könnte ich meine Entscheidung gleich wieder bereuen“, warnte sie.

„Sie werden mir doch jetzt nicht das Herz brechen wollen?“ Mit einem großen unschuldigen Blick ruhten seine Augen auf ihr.

„Sie sind unmöglich, Herr Minster.“

„Thorsten – bitte.“

„Bis gleich um zehn.“ Sie verließ endgültig den Raum, und Thorsten vertiefte sich heißhungrig in sein Frühstück.

 

*

 

Es war schon auf den ersten Blick ersichtlich, dass es hier an Geld mangelte, stellte Winfried Hartmann fest, als er mit seinem Wagen über die Auffahrt bis vor die breite Eingangstreppe fuhr.

Das Gebäude von Schloss Hohenberg selbst war imposant, es würde nach einer gründlichen Renovierung ein Schmuckstück sein unter all den anderen Schmuckstücken, die zum Konzern gehörten. Ein breites langgestrecktes Gebäude war das eigentliche Schloss, vierstöckig, mit einer Außenfassade aus schweren Bruchsteinen. Der Eingang in der Mitte war über eine breite Außentreppe zu erreichen. Hoch über das Dach hinaus ragte dann der Turm, ebenfalls mittig angelegt. Er besaß einen Ausguck direkt unter dem Dach, dessen Aussicht kilometerweit reichte. Soweit Hartmann bis jetzt in Erfahrung hatte bringen können, bewohnte die Besitzerin mit ihren Kindern den Turm selbst. Aber gerade solche Räumlichkeiten boten nach einem Umbau spezielle Apartments, für die eine gewisse Gesellschaft horrende Preise zu zahlen bereit war.

Hartmann ging die Stufen hoch und bemerkte, dass einige davon abgebröckelt waren, ein schlechter erster Eindruck. An der Rezeption stand ein junger Mann, die Haare waren etwas zu lang, das Jackett wirkte ein wenig flippig statt adrett, und die Schuhe, wie Winfried mit einem raschen Blick feststellte, glänzten nicht annähernd so, wie es der Standard im Konzern war. Dieser junge Mann würde bei einer Übernahme durch den Konzern keine Zukunft in diesem Hotel haben.

Im nächsten Augenblick aber hatte Winfried die Erscheinung von Freddie vergessen.

Claire-Marie kam mit einem strahlenden Lächeln auf den neuen Gast zu. Und ihre Erscheinung war makellos. Sie trug ein gut geschnittenes nachtblaues Kostüm mit einer goldfarbenen Seidenbluse, eine Goldkette mit einem einzelnen Lapislazuli, und ihr Haar war gerade so viel aus der Frisur gelöst, dass es vollkommen natürlich wirkte. Ihr schmales, ebenmäßiges Gesicht strahlte Offenherzigkeit und Freundlichkeit aus. Die schmale ausgestreckte Hand zierte ein schmaler Goldreif, kein Ehering.

Winfried konnte seinen Blick kaum wieder von der Frau lösen, sie verkörperte auf einen Blick alles, was er unter dem Begriff warmherzig verstand.

War das wirklich Claire-Marie Fischer?

„Herzlich willkommen!“

Winfried lauschte der Stimme nach, eine warme Stimme, nicht grell, nicht zu dunkel, einfach perfekt.

Der Mann rief sich fast gewaltsam zur Ordnung. Er war hier in einer heiklen Mission, und er würde mit der Frau vermutlich noch harte geschäftliche Verhandlungen führen müssen. Er konnte – nein, er durfte keine Gefühle aufkommen lassen. Außerdem – was hieß Gefühle? Er sah diese Frau jetzt zum ersten Mal, wie konnte er da überhaupt Gefühle entwickeln? Und plötzlich fragte sich Winfried, wie sie wohl den Schwindel mit dem Hausgeist aufziehen mochte. Ob sie selbst des Nachts mit einem Bettlaken über dem Kopf durch die Gänge geisterte? Hartmann glaubte einfach nicht daran, dass es wirklich Geister gab, also musste dies hier ein Schwindel sein. Aber wenn Claire ihn aufzog, dann war es sicher ein charmanter Schwindel.

Claire erging es ähnlich. Sie sah diesen Mann, der auf den ersten Blick Vertrauen ausstrahlte, gerade so, wie es ihr verstorbener Mann getan hatte. Der Blick, mit dem sie gemustert wurde, blieb lange bewundernd auf ihr liegen, und es war ihr nicht unangenehm. Und sie hätte gern mehr über diesen Mann erfahren, der mit einem Blick ihr Gefühlsleben durcheinander brachte. Hatte sie nicht geschworen, nie wieder etwas für einen Mann zu empfinden? Doch hier und jetzt schien alles anders zu werden. Nun, vielleicht ergab sich ja eine Gelegenheit, ihn kennenzulernen.

Claire schenkte ihm noch einmal ein herzliches Lächeln, dann erforderten weitere Neuankömmlinge jedoch ihre Aufmerksamkeit.

 

*

 

Gabriel und Ann-Kathrin waren sich ausnahmsweise einmal einig. Sie hatten gemeinsam ihr Taschengeld geopfert, um einige Zutaten zu kaufen, die sie brauchten, um ein paar Lichtspiele anzubringen – aber auch preiswerte Lautsprecher und einige Meter Kabel hatten noch hergemusst.

Freddie würde ihre Mutter später beschäftigen müssen, damit die Kinder noch alles anbringen konnten, bevor es in der Nacht losgehen sollte.

Die beiden waren mit den Fahrrädern im Ort gewesen und hatten eingekauft. Jetzt war Ann-Kathrin schon vorgelaufen, um ihren Teil an der täglichen Arbeit zu erledigen, es sollte nicht auffallen, dass sie etwas ausheckten. Und wenn ihre Mutter sie zusammen sah, dann war das merkwürdig, normalerweise benahmen die zwei sich wie Hund und Katze.

Gabriel trug jetzt den Karton ins Haus, dabei achtete er aber nicht sehr auf den Weg, und so lief er geradewegs in Thorsten Minster hinein, der vor dem Spaziergang mit Michaela noch etwas arbeiten wollte.

Thorsten war von Beruf Schriftsteller, ein sehr erfolgreicher sogar. Nur kannte ihn jedermann nur unter seinem Pseudonym, hier im Hotel war er einfach inkognito.

„Hoppla!“

Der Zusammenprall zwischen dem Jungen und dem Mann war heftig, und der Inhalt des Kartons verteilte sich großzügig über den Weg.

„Hast du dir was getan?“ Thorsten war besorgt und griff nach Gabriel, um ihm zu helfen. Doch der Junge rappelte sich schon wieder auf, schüttelte den Kopf und begann die Einzelteile wieder aufzuheben.

„Nein, ist nichts passiert“, murmelte Gabriel verlegen. „Entschuldigen Sie bitte, ich habe nicht aufgepasst.“

Thorsten bückte sich und half dem Jungen, dann runzelte er die Stirn. „Das ist eine Menge elektronischer Einzelteile, was hast du denn damit vor?“

„Ach, das ist nur für ein Experiment.“

„Das muss aber ein merkwürdiges Experiment sein.“ Thorsten betrachtete das Sammelsurium. „Auf den ersten Blick würde ich auf eine Lichtorgel tippen. Aber wenn ich mir dann noch dieses Computerprogramm dazu ansehe, dann passt das nicht so recht.“

Gabriel hatte günstig ein Programm erworben, in dem es um eine Hexenjagd ging. Hier, so glaubte er, würde er die passenden Geräusche finden, welche den nächtlichen Spuk realistisch machen sollten.

Thorsten war es gewohnt, auf Kleinigkeiten zu achten und daraus seine Schlüsse zu ziehen. So auch jetzt. „Das alles sieht aus, als bereitest du einen ziemlich aufwendigen Streich vor, junger Mann.“

Der Junge fühlte sich ertappt, wie kam dieser Mann dazu, aus all diesem Durcheinander ein Puzzle zusammenzusetzen?

„Nun?“, forschte Thorsten neugierig nach, dem die ganze Sache einen großen Spaß bereitete. „Du willst nicht rein zufällig einen kleinen Spuk aufbauen, um einige Leute zu ärgern?“

Gabriel wurde puterrot, und Thorsten, der eigentlich nur scherzhaft auf den Busch geklopft hatte, weil er die Anzeigen gar nicht kannte, grinste jetzt zufrieden.

„Das ist – na ja, ich meine – das ist nicht ganz so, wie Sie vielleicht denken“, stammelte der Junge jetzt. „Ich glaube, ich muss Ihnen da was erklären. Aber Sie müssen mir versprechen, keinem Menschen davon ein Wort zu sagen.“ Flehend hing der Blick des Jungen an dem Mann, der plötzlich ahnte, dass hier mehr an der ganzen Geschichte dran sein mochte, als es auf den ersten Blick aussah. Vielleicht bot sich ja sogar die Möglichkeit einer neuen Idee, davon konnte man schließlich nie genug haben.

„Bevor ich dir das verspreche, musst du mir schon ein bisschen mehr erzählen. Fang doch einfach mal damit an, dass du mir deinen Namen sagst.“

Thorsten führte den Jungen zu einer Bank, wo Gabriel ein wenig kleinlaut die ganze Geschichte erzählte. Der Schriftsteller spitzte die Ohren, das alles klang ja mehr als verrückt. Aber das Leben schrieb nun einmal die schönsten Geschichten. Und hier vor ihm saß der Beweis, dass diese verrückte Idee wirklich war.

Gabriel schaute etwas ängstlich in das freundliche Gesicht des Mannes vor ihm. Würde der seiner Mutter jetzt alles erzählen?

„Ihr habt also diese ganze Sache allein ausgeheckt, einzig zu dem Zweck, eurer Mutter zu helfen? Aber was glaubst du, was passiert, wenn sie es erfährt?“

„Daran möchte ich im Augenblick lieber nicht denken“, entfuhr es dem Jungen.

Thorsten lachte auf. „Ich glaube, ich verstehe eure Beweggründe, auch wenn ich nicht sicher bin, ob das alles so richtig ist. Aber weißt du was, ich finde das alles so wunderbar verrückt, dass ich euch helfen werde, wenn ihr nichts dagegen habt.“

Gabriel schnappte vor Überraschung nach Luft. „Das meinen Sie ernst?“

„Ja sicher. Irgendjemand muss doch aufpassen, dass ihr nichts falsch macht.“

„Oooch, Herr Minster, so dumm ...“

„Du darfst ruhig Thorsten zu mir sagen. Und ich halte dich nicht für dumm, ganz und gar nicht. Aber diese ganze Anlage ist nicht einfach.“

In Wirklichkeit war Gabriel sogar erleichtert, dass Thorsten helfen wollte. Der Mann schien Ahnung zu haben.

„Ich kann Sie doch nicht so einfach duzen.“

„O doch, das geht schon in Ordnung. Und ich werde später gerne mithelfen alles anzubringen. Ich nehme doch an, dass ihr dafür schon einen Plan habt?“

„Ja, schon. Freddie wird Mama ablenken, damit sie nichts merkt.“

„Gut, ich muss jetzt gleich noch mal weg, ich habe eine Verabredung, auf die ich mich sehr freue.“

„Wollten Sie das Kind mitbringen zu unserem Spaziergang?“ Michaela stand plötzlich da und blickte mit einem ungläubigen Ausdruck in den Augen auf Thorsten und Gabriel.

„Ihrem bisherigen Verhalten nach gehe ich davon aus, dass mein kleiner Freund bei Ihnen nicht sehr willkommen ist“, stellte er leicht spöttisch fest.

Sie funkelte ihn an. „Ich glaube nicht, dass es Ihnen zusteht, mein Verhalten zu kritisieren.“

Er zog eine Augenbraue in die Höhe. „Warum tun Sie selbst es dann bei anderen?“

Sie hielt verblüfft inne. Thorsten lächelte und gab Gabriel einen Klaps auf den Rücken. „Lauf jetzt, mein Junge, wir sehen uns später. – Kommen Sie, Michaela.“

Die Frau zögerte einen Moment, sie fühlte sich überfallen, und vor allem verschreckte es sie, dass dieser Mann so selbstverständlich über sie zu bestimmen schien.

Aber irgendetwas war an diesem Mann, das sie auch gleichzeitig faszinierte. So ging sie mit ihm und sah das Grinsen nicht mehr, das Gabriel ihr hinterherschickte.

Da war Madame Wichtig ja wohl auf den Richtigen getroffen, Thorsten würde ihr schon zeigen, dass sie nicht einfach machen konnte, was sie wollte.

Aber nun musste er Gerti und Ann-Kathrin davon berichten, dass ihre kleine Verschwörung ein neues Mitglied erhalten hatte.

 

*

 

Es war ein schönes Zimmer, befand Winfried Hartmann. Der Raum war groß, eingerichtet mit alten wertvollen Möbeln, die noch die Handwerkskunst alter Zeiten widerspiegelten. Doch die Vorhänge an den Fenstern wirkten etwas fadenscheinig, der Teppich auf dem Boden war an einigen Stellen ausgetreten, und die Politur der Möbel hätte dringend eine Auffrischung gebraucht. An einer Wand stand eine große schwere Kommode, darüber hing ein weibliches Porträt. Frühes 17. Jahrhundert, schätzte Winfried mit Kennermiene und bemerkte gleichzeitig, dass ein Riss im Verputz direkt hinter dem Bild war. Es mochten nur Einzelheiten sein, doch in der Summe der Dinge sah der Aufkäufer, dass der Verfall an allen Ecken fortschritt. Noch waren es relativ geringe Summen, die aufgewendet werden mussten, doch dass Claire auch dieses Geld nicht hatte, zeigte die mangelnde finanzielle Deckung des Hotels.

Allerdings schienen an diesem Tag noch einige Gäste angekommen zu sein, angelockt durch die vermeintliche Aussicht auf Grusel-Atmosphäre. Dabei konnte hier doch nun wirklich keine Rede von Horror sein. Die Sonne schien hell in die Fenster, es gab nirgendwo Hinweise auf Geister, und überhaupt machte hier alles einen ganz normalen Eindruck. Nun, er würde ja sehen.

Winfried beschloss, erst einmal von dem vielgerühmten Kuchen zu probieren und sich dann ein wenig umzusehen. Bis jetzt, quasi auf den ersten Blick, konnte er sagen, dass der Standard dieses Hotels längst nicht dem seines Konzerns entsprach. Kein Fernseher in den Zimmer, keine Minibar, statt dessen allerdings kleine Schalen mit Obst und Leckereien.

Und dennoch, Winfried musste zugeben, dass im ganzen Hause eine gewisse Harmonie herrschte. Bei aller Unzulänglichkeit besaß das Schlosshotel einen Charme und eine Gemütlichkeit, die moderne Häuser einfach vermissen ließen.

Und dazu kam die ungekünstelte Herzlichkeit der Besitzerin.

Claire! Der Name hallte durch Winfrieds Kopf. Was hatte diese Frau an sich, dass er sie nicht aus seinen Gedanken vertreiben konnte?

Hartmann verschloss die Tür hinter sich und warf einen prüfenden Blick den langen Gang entlang. Die Wände waren hell gestrichen und ebenfalls mit Porträts geschmückt. Ein langer Teppich bedeckte den Parkettboden, und es gab sogar eine Sitzbank, falls jemand den Wunsch hatte, eine Ruhepause einzulegen.

Mit festen Schritten ging Winfried dann die Treppe hinunter. Auch wenn er beruflich hier war, so hinderte ihn das doch nicht daran, sich auch ein wenig zu amüsieren. Und eine der Leidenschaften von Winfried Hartmann war gutes Essen – ganz besonders frischer Kuchen.

 

*

 

Michaela war ganz und gar nicht zufrieden damit, wie der Vormittag mit Thorsten verlaufen war. Normalerweise war stets sie es, die das Ziel und die Richtung angab, beruflich wie privat. Es war ihr jetzt seit langer Zeit zum ersten Mal passiert, dass da ein Mann war, der so selbstverständlich die Führung übernahm und ihre Widerspenstigkeit mit Humor und auch flotten Bemerkungen einfach überging.

Wenn die Frau ehrlich zu sich selbst war, dann fand sie das gar nicht so schlecht. Aber es war eine neue Erfahrung.

Michaela war Teilhaberin einer kleinen, aber gut laufenden Werbeagentur. Tagtäglich musste sie sich in ihrem Beruf durchsetzen, Verhandlungen führen, Ideen entwickeln und diese auch vertreten. Und im Privatleben hatte sie schon lange niemanden mehr, mit dem sie irgendetwas ausdiskutieren konnte. Sie nahm sich keine Zeit für ihr Privatleben. Und so fiel es ihr schwer, sich einem Menschen zu öffnen und ihren Gefühlen zu vertrauen.

Und jetzt war wie aus dem Nichts dieser Mann aufgetaucht, der so ganz selbstverständlich versuchte, ihrer beider Leben zu verknüpfte, mochte es auch nur für wenige Stunden sein, der sich nicht von ihr herumkommandieren ließ, der alles mit einer gesunden Portion Humor nahm – und der Kinder liebte.

Michaela fühlte wieder den bohrenden Schmerz in ihrem Innern. Fast fünf Jahre war es jetzt her, dass ...

Sie war verlobt gewesen mit Tom, dem immer fröhlichen Tom, der das Leben, die Welt und Michaela liebte. Ein Hochzeitstermin stand fest, und die weiteren Pläne für das Leben waren klar. Michaela war schwanger gewesen, und alles schien in schönster Ordnung zu sein.

Dann war der Tag gekommen, der alles veränderte. Ein betrunkener Autofahrer hatte Tom überfahren, und durch den Schock hatte die junge Frau eine Fehlgeburt erlitten. So war sie ganz allein zurückgeblieben.

Von diesem Tag an hatte sie alle Gefühle für Kinder ausgeschlossen, um nie wieder verletzt werden zu können. Sie lehnte Kinder ab, in der trügerischen Hoffnung, wenn sie nichts für sie empfand, konnte ihr auch nichts weh tun. Und doch kam dieser Schmerz immer wieder, wenn sie so fröhliche und gesunde Rangen sah wie Gabriel und Ann-Kathrin. Dann verhärtete sich Michaela noch mehr, um nur ja nichts an sich heranzulassen.

Natürlich sprach sie nicht darüber, was ihr widerfahren war. Mochte sie ruhig jeder für zickig oder sonst etwas halten, Hauptsache, niemand durchbrach die Mauer, welche die Frau um sich herum aufgebaut hatte.

Aber da war jetzt Thorsten, der mit seiner humorigen, unbekümmerten Art geradewegs dabei war, alle Schranken in Michaela niederzureißen. Und doch – hatte sie nicht auch das Recht auf ein bisschen Glück, etwas Fröhlichkeit – einen unverbindlichen Flirt?

Entgegen ihrer sonstigen Grundsätze nahm Michaela sich vor, sich ganz einfach zu amüsieren, so als wäre es ein Zwischenspiel in ihrem Leben, das sie nach dem Urlaub einfach vergessen konnte.

Michaela hätte eigentlich wissen müssen, dass Gefühle sich nicht befehlen lassen, sie waren stärker als der Verstand – und manchmal auch stärker als die Vernunft.

 

*

 

In dem kleinen Büro, das man durch einen geschickten Umbau von der Empfangshalle abgetrennt hatte, saß Claire und quälte sich durch den täglichen Bürokram. Bestellungen waren aufzugeben, Bestätigungen und Rechnungen zu schreiben, und noch vieles mehr, was ihre kostbare Zeit erforderte.

Nachdenklich starrte sie aus dem Fenster und kaute dabei unbewusst an ihrem Stift.

Heute war wieder so ein Tag, an dem sie am liebsten alles stehen und liegen gelassen hätte, um draußen im hellen Sonnenschein herumzutoben, für einige Zeit zu vergessen, wie viel Sorgen und Verantwortung auf ihr lasteten, einfach unbeschwert und fröhlich zu sein – wenn auch nur für ein oder zwei Stunden.

Claire wurde jäh aus ihren Träumen gerissen, als es kurz klopfte und sich dann die Tür öffnete. Das sympathische Gesicht dieses neuen Gastes – wie hieß er doch gleich, ach ja, Hartmann – lugte herein. Mit einem um Entschuldigung bittenden Lächeln strahlte er sie an.

„Entschuldigen Sie bitte, ich wollte nicht stören“, begann er zögernd. Aber Claire macht ihm ein Zeichen hereinzukommen und lächelte ihn strahlend an.

„Kann ich Ihnen helfen? Gibt es eine Beschwerde? Sind Sie mit irgendetwas nicht zufrieden? Oder brauchen Sie nur eine Information?“

Doch Winfried wehrte ab. „Nein, ganz und gar nicht. Wissen Sie, es mag ja vielleicht albern klingen, aber eigentlich bin ich gekommen, um zu danken.“

Erstaunen malte sich in Claires Augen, aber im Grunde war ihr jeder Vorwand recht, damit sie mit diesem Mann das Gespräch weiterführen konnte.

„Darf ich Ihren Worten also entnehmen, dass Sie zu Ihrer Zufriedenheit untergebracht sind?“

„Ja, danke, das ist in Ordnung, aber was mich wirklich hierherführt, das war dieser wundervolle Kuchen.“

Claire konnte nicht anders, sie lachte hell auf. „Der Kuchen? Ja, das ist mal etwas ganz anderes. Aber kommen Sie doch her, und setzten Sie sich.“

Das ließ sich Winfried nicht zweimal sagen. Noch konnte er die Nähe dieser schönen Frau genießen, denn noch war er nur Gast. Aber er sah auch eine Möglichkeit im freundschaftlichen Gespräch mehr zu erfahren, als Claire ihm in seiner offiziellen Funktion sicher gesagt hätte.

Der Vorwand, den Winfried gesucht hatte, erwies sich als Volltreffer, denn wenig später saßen die beiden ins Gespräch vertieft, so als würden sie sich schon lange kennen und wären vertraut miteinander.

Claire vergaß ihre Büroarbeit und verschob sie ganz einfach auf später, und Winfried, der sie ja eigentlich hatte aushorchen wollen, ertappte sich dabei, wie er das Gespräch mit ihr genoss, und er bemerkte, dass er persönliche Vorlieben und Abneigungen mit ihr diskutierte, was er mit einer Frau seit langer Zeit nicht mehr getan hatte.

Irgendwann klopfte es an der Tür, und Freddie tauchte auf, doch die zwei waren so in ihre Unterhaltung vertieft, dass sie ihn nicht einmal bemerkten. Der junge Hotelfachmann verschwand daraufhin wieder an der Rezeption, behielt aber die Tür im Auge, damit Claire nicht doch noch auf die Idee kam, in die oberen Stockwerke zu gehen, wo sie dann unweigerlich Gabriel und Ann-Kathrin erwischt hätte.

Dass sich noch jemand dazugesellt hatte, der mit sicherer Hand und einigem Sachverstand für das Gelingen des mitternächtlichen Spuks sorgen wollte, konnte Freddie nicht wissen, denn niemand hatte ihn darüber aufgeklärt.

 

*

 

Es war Nacht geworden auf Schloss Hohenberg, eine schmale Mondsichel stand an einem fast wolkenlosen Himmel, und in einigen Zimmern gab es doch noch ein paar wache Gestalten, die förmlich darauf warteten, was in dieser Nacht noch alles passieren würde.

Da das Hotel kein eigenes Restaurant besaß, sondern nur den eigenen Speisesaal mit begrenzten Öffnungszeiten, war in den unteren Räumen gegen zehn Uhr Feierabend. Einige der Gäste vergnügten sich noch außerhalb im Ort, sie würden wohl erst später zurückkommen, und der Nachtportier, der alte Alfred, würde sie hereinlassen.

Alfred hielt seit vielen Jahren schon die Nachtwache. Er war ebenso ein Unikum wie Gerti, und noch immer hielten sich auch hartnäckige Gerüchte, dass er früher um Gerti geworben hatte und abgewiesen worden war.

Natürlich war Alfred längst pensioniert, aber auch in seinem hohen Alter brauchte er etwas zu tun, weil er sich sonst nutzlos und wirklich alt fühlte. Und auf seine Bitten hin hatte Claire nachgegeben und beschäftigte ihn weiter.

Alfred saß hinter der Rezeption und las in einem Buch, doch zwischendurch fielen ihm immer wieder die Augen zu, und für Sekunden nickte er ein. Das war nicht weiter schlimm. Er hatte einen so leichten Schlaf, dass jedes Geräusch ihn weckte, und wenn ein Gast von seiner nächtlichen Tour nach Hause kam, war er da.

Auch jetzt sackte der Kopf wieder vornüber, aber dann schrak der Mann auf.

Was war das für ein Geräusch? Es klang, als würden Ketten über einen Holzfußboden gezogen, und dabei stöhnte jemand ganz furchtbar.

Hier würde doch wohl niemand mitten in der Nacht irgendwelche Möbel verrücken? Nein, das war dann doch mehr als unwahrscheinlich.

Aber woher kamen diese ungewöhnlichen Geräusche?

Alfred schaltete die große Beleuchtung in der Empfangshalle ein, schaute sich neugierig um und lauschte erneut. Die Geräusche hatten wieder aufgehört. Sollte er sich denn getäuscht haben? War dieser Krach vielleicht nur in seinem Traum gewesen? Schon wollte er sich wieder beruhigt hinsetzen, als erneut Lärm aufklang.

Dieses Mal war es ein hohes, schrilles Gelächter, das plötzlich abrupt abbrach, dann tönte eine Männerstimme auf, die laut unverständliche Worte sprach, und dann gab es einen Schlag, als ob etwas Schweres zu Boden fiel.

Alfred lief plötzlich ein eisiger Schauder über den Rücken. Das alles hier war ihm nicht geheuer.

Aber trotzdem – konnte es vielleicht sein, dass ein paar Gäste da oben einfach durchdrehten? Im Laufe der Jahre hatte er so viele verschiedene Charaktere kennengelernt, dass es nicht viel gab, was ihn noch erschüttern konnte.

Er überlegte, ob er sofort Claire wecken sollte, und vielleicht auch Freddie, der ja ebenfalls im Haus schlief, oder ob er erst selbst einmal nachsah. Wenn es Gäste waren, die den Radau da oben veranstalteten, konnte er sie vielleicht zur Ruhe bringen. Alfred war zwar ein alter Mann, aber immer noch sehr rüstig, und richtige Angst hatte er in seinem Leben eigentlich nicht gekannt. Also ging er langsam die Stufen hinauf, schimpfte innerlich auf das Rheuma in seinen Gliedern, und schaute sich dabei aufmerksam um. Der Lärm war verstummt. Hier im ersten Stock war weder etwas Ungewöhnliches zu hören noch zu sehen.

Alfred ging weiter hinauf in die zweite Etage. Hier brannte nur ein Nachtlicht, die Helligkeit aus der Empfangshalle reichte nicht so weit, und das Licht reichte kaum aus, um zu sehen, wohin er seine Füße setzte.

Aber auch hier oben herrschte anscheinend Stille, gespenstische Stille.

Alfred sah die etwas hochstehende Teppichkante nicht, er spürte nur, dass er plötzlich über etwas stolperte, griff haltsuchend in die Luft, um nicht zu fallen und stützte sich dann an einer Kommode ab. Dabei riss er eine Blumenvase um, die klirrend und polternd auf dem Boden zerschellte.

Gleich darauf gingen zwei Türen auf. Aus der einen trat ein Mann, der sich gerade seinen Bademantel zuschnürte, aus der anderen kam eine Frau, die noch vollständig angezogen war.

„Was ist denn hier los?“, polterte der Mann. „Sollen Sie etwa das Gespenst sein? Dass ich nicht lache. So ein Schwindel!“

„Gespenst? Ich verstehe nicht“, stammelte Alfred verständnislos.

In diesem Augenblick stieß aber die Frau einen kleinen spitzen Schrei aus, hielt sich eine Hand vor den Mund und deutete mit der anderen weiter in den Flur hinein.

Ein überirdisch strahlendes Licht war dort erschienen, und aus diesem Licht heraus bildeten sich die Umrisse einer sehr schönen Frau, einer sehr durchsichtigen Frau.

Der polternde Mann verstummte und verschwand mit beachtlicher Geschwindigkeit wieder in seinem Zimmer, ohne weiter zu protestieren. Die Frau starrte erst die Erscheinung, dann Alfred erschreckt an und verschwand dann ebenfalls.

Der alte Nachtportier schüttelte den Kopf. Das alles hier war doch nicht richtig. Und es war ihm auch ganz und gar nicht geheuer. Trotzdem ging er jetzt mutig auf die Erscheinung zu, die allerdings von einem Moment auf den anderen verschwand.

Und dann tauchte plötzlich Gerti auf.

„Alfred, was machst du denn hier oben?“, fragte sie in gespielt strengem Ton.

„Das fragst du mich? Hast du denn diesen grässlichen Krach nicht gehört? Den Schrei, und das Poltern? Und dann taucht hier auch noch ein Geist auf, wo es doch hier noch nie gespukt hat.“ Er war völlig verwirrt, gleichzeitig aber unendlich zornig.

Gerti nahm ihn beim Arm und zog ihn fast zärtlich die Treppe hinunter. „Komm mal mit, mein lieber Alfred, ich glaube, ich muss dir etwas erzählen“, sagte sie leise.

Und Alfred folgte ihrer Führung, er wollte zu gerne verstehen, was hier vorging.

In einer Nische verborgen, praktisch unsichtbar, stand Winfried Hartmann da, der die ganze Szene beobachtet hatte, lächelte vor sich hin und nickte dann anerkennend. Der Spuk war zwar nicht echt, wie er es ja schon geahnt hatte, aber er war auf jeden Fall gut gemacht.

 

*

 

„Ich habe eine wundervolle Idee.“ In bester Laune kam Thorsten mit seinem Frühstücksteller an den Tisch von Michaela, die wieder nur mit Kaffee und einer Zeitschrift dasaß. Es schien ihr allmorgendliches Frühstück zu sein, und Thorsten fand es denkbar ungesund, gab dazu jedoch besser keinen Kommentar ab. Er selbst hatte wieder reichlich bei all den Köstlichkeiten zugeschlagen, denn allein der Duft ließ ihm das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Michaela fühlte sich etwas gestört. Sie brauchte morgens immer ein wenig Ruhe und hatte es gar nicht gerne, wenn sie schon beim Kaffee mit jemandem reden musste, mochte er auch so nett und fröhlich sein wie Thorsten. Also schaute sie ihn etwas unwillig an.

„Ich weiß wirklich nicht, was Sie am frühen Morgen bewegt, anderen Leuten auf die Nerven zu fallen. Aber ich wäre Ihnen wirklich zu Dank verpflichtet, wenn Sie sich einen anderen Tisch suchen und mich in Ruhe lassen.“

Das war mehr als deutlich, aber Thorsten tat so, als habe er die Rüge nicht wahrgenommen.

„Kann es denn wirklich sein, dass Sie ein kleiner Morgenmuffel sind, Michaela?“, neckte er sie sanft.

„Ich bin sogar ein großer Morgenmuffel“, fauchte sie.

Thorsten lachte leise. „Dann hören Sie nur, welch wunderbaren Vorschlag ich habe, danach wird es Ihnen gleich besser gehen.“

Michaela seufzte. „Dann sagen Sie schon, was Sie zu sagen haben, und dann lassen Sie mich bitte in Ruhe.“

„Wir werden gleich meinen Wagen nehmen und wegfahren“, verkündete Thorsten so stolz, als habe er die Welt neu erfunden.

Michaela schüttelte den Kopf. „Ganz sicher nicht. Haben Sie schon vergessen, ich bin hier, um Urlaub zu machen, mich auszuruhen und nicht gestört zu werden.“

Er betrachtete sie prüfend. „Gestern machten Sie durchaus nicht den Eindruck, als wäre Ihnen der Spaziergang wie eine Störung vorgekommen.“

„Ich war der Meinung, dass die kleine Abwechslung nicht schaden könnte“, konterte sie kalt. „Aber das heißt doch nicht, dass ich meine ganze Zeit mit Ihnen verbringen muss.“

Thorsten wurde ernst. Da gab er sich doch nun alle Mühe, die Frau aufzuheitern und seinen Charme sprühen zu lassen, allein zu dem Zweck, ein paar angenehme Stunden miteinander zu verbringen – und Michaela benahm sich schlimmer als eine Kratzbürste.

Diese brüske Ablehnung war mehr, als er erwartet hatte und auch mehr, als er eigentlich hinzunehmen bereit war.

Thorsten stand auf, griff nach seinem Teller und schaute Michaela jetzt kalt an. „Es tut mir sehr leid. Ich hatte wirklich nicht vor, Sie zu belästigen. Aber so wie es aussieht, bin ich hier mehr als unwillkommen. Ich bitte um Entschuldigung, dass ich Ihre wohlverdiente Ruhe gestört habe. Das wird ganz sicher nicht wieder vorkommen. Sie können Ihren restlichen Urlaub ohne Störungen meinerseits verbringen, das verspreche ich Ihnen.“

Er wandte sich ab und ging zu einem anderen Tisch. Aber der Appetit war ihm für diesen Morgen vergangen. Allein und missmutig starrte er in seinen Teller, fragte sich, ob er denn etwas so falsch gemacht hatte, dass Michaela so empfindlich darauf reagierte. Er fand aber keinen großen Fehler in seinem Verhalten, also musste es an der Frau selbst liegen. Und wenn sie derart empfindlich auf Freundlichkeit reagierte, dann war sie sowieso nicht die richtige für ihn. Warum also sollte er noch einen Gedanken an sie verschwenden, oder gar seine Zeit dafür aufwenden, sich um sie zu bemühen?

Es tat weh, das gab er vor sich selbst zu, denn eigentlich hatte er sich auf den ersten Blick in die Frau verliebt und war wild entschlossen gewesen, sich in ein Abenteuer mit ihr zu stürzen. Doch mit so viel Widerstand hatte er nicht gerechnet, und sie hatte ja gerade nun deutlich genug zu verstehen gegeben, dass sie nichts mit ihm zu tun haben wollte.

Ach, was sollte es? Hier im Hotel gab es Ruhe genug, um an seinem Manuskript weiter arbeiten zu können, und außerdem war da ja auch noch die Geschichte mit dem Spuk. Wahrlich genug Abwechslung für einen Schriftsteller, da brauchte er wirklich keine Komplikationen durch eine zickige Frau.

Michaela starrte ihm jetzt plötzlich betroffen hinterher. Was hatte sie denn gerade getan? Eigentlich war er doch ungeheuer nett, und seine Bemühungen um ihre Aufmerksamkeit hatten schon etwas Rührendes. Warum war sie so abweisend gewesen? Missmutig starrte sie in ihre Kaffeetasse, warf dann noch einen Blick zu Thorsten hinüber, der noch immer unlustig in seinem Essen herumstocherte, stellte dann aber trotzig für sich selbst fest, dass sie schließlich hier war, um Urlaub zu machen und Ruhe zu finden, trank ihren Kaffee aus und ging.

 

*

 

Claire freute sich auf diesen Tag. Sie hatte mit Winfried eine Verabredung getroffen, um sich weiter mit ihm zu unterhalten. Es war selten, dass man jemanden traf, mit dem man über Gott und die Welt diskutieren konnte, dessen Interessen so ähnlich und manchmal doch so gegensätzlich waren, und der gleichzeitig soviel Sympathie und Vertrauen ausstrahlte wie Winfried.

Claire hatte es geschafft, die Arbeit für eine gute Stunde beiseite zu schieben, damit sie mit dem Mann ungestört sein konnte. Diese kleine Ecke Freizeit war etwas, was Claire schon lange nicht mehr für sich in Anspruch genommen hatte, denn normalerweise lebte sie den ganzen Tag für das Hotel und ihre Kinder.

Pünktlich zur vereinbarten Zeit klopfte Winfried an die Tür, streckte den Kopf herein und strahlte sie an.

Schon am Tag vorher hatten die beiden keine Schwierigkeiten gehabt Gesprächsthemen zu finden, und Claire fühlte sich von diesem Mann immer mehr angezogen, wie auch der Mann vom Charme dieser Frau gefangen genommen worden war.

Doch irgendwann kam Winfried unweigerlich auf den nächtlichen Spuk zu sprechen, von dem er ja annehmen musste, dass Claire davon wusste.

„Ich muss wirklich sagen, Sie haben das sehr geschickt gemacht mit dem Grusel-Effekt. Meinen Glückwunsch, das scheint bei den Leuten gut anzukommen.“

Claire schaute ihn fassungslos an. „Verzeihung, aber wovon reden Sie eigentlich?“

In diesem Augenblick dämmerte es Winfried, dass Claire vielleicht doch nichts davon wusste, denn so konnte sich doch kein Mensch verstellen, oder?

Aber es war schon zu spät, um einen Rückzieher zu machen, denn wenn Claire wirklich nichts davon gewusst hatte, dann wusste sie es jetzt.

„Ich habe im Augenblick nicht die geringste Ahnung, was Sie mir da erzählen wollen, Winfried. Aber ich fürchte, es klingt nicht so, als würde ich es gut finden. Wenn Sie also etwas wissen, dann wäre es bestimmt besser, wenn Sie mir das erzählen, damit ich es abstellen kann.“

„Abstellen? Aber warum denn? Nein, sehen Sie, Claire ...“

Sie unterbrach ihn mit einer energischen Handbewegung. Ihre Augen blitzten, und ungestüm sprang sie auf. „Winfried, wenn es etwas gibt, was das Hotel betrifft, dann sollte ich es wissen. Allerdings entnehme ich Ihren Andeutungen, dass es mir gar nicht gefallen wird.“

„Sie sollten das vielleicht nicht so eng sehen, Claire.“

„Nun reden Sie doch endlich, Mann, damit ich überhaupt erst mal weiß, was ich eng oder nicht eng sehen soll.“

Winfried hätte sie in diesem Augenblick am liebsten geküsst. Der Zorn verlieh dieser außerordentlichen Frau eine zusätzliche Schönheit, allerdings ließen ihre blitzenden Augen darauf deuten, dass gleich ein paar gewisse Leute eine Strafpredigt zu erwarten hatten, die nicht von schlechten Eltern war.

Winfried seufzte. „Ich glaube, ich habe da gerade einen Fehler gemacht“, stellte er betrübt fest.

„Ganz bestimmt nicht“, schnaubte Claire. „Und jetzt möchte ich Antworten.“

In kurzen knappen Worten berichtete Winfried, was er in der Nacht beobachtet hatte, und mit jedem Wort stiegen bei Claire die Ungläubigkeit und auch der Zorn an. Doch rein äußerlich beherrschte sie sich, obwohl der Mann spürte, dass es in ihr wie in einem Vulkan brodelte.

Schließlich wandte sie sich ihm zu und griff nach seiner Hand. „Ich danke Ihnen, Winfried, dass Sie mir von dieser unglaublichen Verschwörung erzählt haben. Und ich werde dafür sorgen, dass das auf der Stelle eingestellt wird.“

Er hielt ihre Hand fest. „Sind Sie wirklich sicher, dass Sie das tun wollen, Claire?“

„Ja, natürlich, warum denn nicht ? So kann das doch nicht weitergehen.“

„Nun – ich bin mir ja nicht sicher, aber ich glaube, dass einige der Gäste allein deswegen gekommen sind. Wollen Sie die nun enttäuschen? Wollen Sie denen erzählen, dass es sich hier um einen groß angelegten Schwindel handelt? Dann könnte es sogar sein, dass man Schadenersatz von Ihnen fordert. Überlegen Sie sich das gut, Claire.“

Sie hielt inne, seine Worte gaben ihr zu denken. „Das heißt also, wer immer diesen Unsinn angezettelt hat, und ich denke, ich weiß sehr wohl, wer es gewesen ist, zwingt mich jetzt dazu, das Theater weiter fortlaufen zu lassen?“

Winfried nickte und konnte sich dabei ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

Claire stieß mit einem Ruck die Luft aus und ließ die Schultern hängen. „Das kann einfach nicht wahr sein“, sagte sie fassungslos.

„Es ist ein starkes Stück“, stimmte er zu.

„Winfried, bitte entschuldigen Sie mich jetzt. Ich glaube, ich muss einigen Leuten ganz dringend den Kopf waschen. Und ich muss nachdenken. Sollte ich mich dazu entschließen, diese Verrücktheit weiterlaufen zu lassen, kann ich mich dann auf ihre Verschwiegenheit verlassen?“

Etwas zögernd nickte er. Aber er hatte wirklich nicht vor, den Schwindel auffliegen zu lassen. Wenn sein Konzern dieses Hotel kaufen sollte, würde das alles sowieso im Sande verlaufen. Und bis dahin konnte es nicht viel schaden, im Gegenteil, es brachte Claire noch einen kleinen Vorteil.

„Ich danke Ihnen“, sagte sie mit warmer Stimme, dann wandte sie sich zur Tür und stürmte hinaus.

 

*

 

Sie fand die Bande, die sie im Verdacht hatte, natürlich dort, wo sie sie vermutete: In der Küche.

Claire verschloss die Tür fest hinter sich, und das Geräusch machte die anderen aufmerksam. Ein Blick in ihr Gesicht ließ Gerti und die Kinder ahnen, um was es ging.

„O je“, murmelte Gabriel leise, und Ann-Kathrin gab ihm einen Stoß. „Halt den Mund!“ Gerti trocknete sich die feuchten Hände an ihrer Schürze ab und stellte sich wie schützend vor die Kinder.

Aus Claires Augen schossen noch immer Blitze, aber ihre Stimme war sehr leise, und allein das zeigte den drei Personen schon, wie es um die junge Frau in Wirklichkeit bestellt war. Solange sie ab und zu herumpolterte, war alles in Ordnung. Wenn sie jedoch leise wurde, dann war die Situation sehr ernst.

Aber Gerti war es immer schon gewesen, die den Stier bei den Hörnern packte, wenn es kritische Situationen gab, und so hielt sie es auch jetzt.

„Du hast es also erfahren, ja? Wer hat uns denn verpetzt?“

„Das spielt jetzt überhaupt keine Rolle“, wehrte Claire ab. „Wichtig ist nur, dass ich überhaupt herausgefunden habe, was ihr hinter meinem Rücken anstellt. Wie könnt ihr es wagen, dieses Hotel als eine Gruselhöhle zu verkaufen? Und wie kommt ihr dazu, dann auch wirklich Geister herumspuken zu lassen? Ja, wo sind wir denn hier? Im tiefsten Schottland? Da mögen ja Spukschlösser an der Tagesordnung sein, auch wenn ich selbst kein Wort davon glaube. Aber nicht hier, Herrschaften, und schon gar nicht ohne mein Wissen.“

„Bist du jetzt eigentlich sauer, weil wir dir vorher nichts erzählt haben, oder weil es überhaupt spukt?“, erkundigte sich Gerti in aller Gemütsruhe.

Claire hielt verblüfft inne. War da etwas Wahres an Gertis Worten? War sie vielleicht nur so erregt, weil ihr diese Idee nicht auch gekommen war? Aber nein, bestimmt nicht. Und außerdem konnte sie später darüber nachdenken.

„Das spielt doch jetzt gar keine Rolle“, wehrte sie also ab. „Es geht doch jetzt nur darum, dass ihr aus dem renommierten Schlosshotel Hohenberg einen – einen – Rummel gemacht habt. Einen Ort, an dem komischer Horror stattfindet, der einfach nur billigen Nervenkitzel bietet für Leute ... “

„Die dafür gutes Geld bezahlen“, trumpfte Gerti auf.

„Mama, wir wollten dir helfen – dir und dem Hotel. Weil – wir möchten nicht, dass du es verkaufen musst. Wo sollen wir denn dann hin?“ Jetzt war Ann-Kathrin vorgetreten, hatte sich neben Gerti gestellt und starrte ihre Mutter ebenfalls aus blitzenden Augen an.

Jetzt kam auch Gabriel hinter Gertis Rücken hervor und gesellte sich zu seiner Schwester.

„Wir möchten hier nämlich nicht gerne weg“, verkündete auch er mutig. „Und wir möchten, dass du mal weniger Sorgen hast. Und es sind ja jetzt auch viel mehr Gäste da, also funktioniert es doch.“

Das war nicht zu leugnen.

„Aber ausgerechnet Spuk und Geister. Konnte euch denn nichts anderes einfallen?“ Claire fühlte sich mittlerweile etwas hilflos angesichts der Opposition, die ihr hier gegenüberstand. Auf der einen Seite musste sie natürlich anerkennen, dass sich Gerti und die Kinder hier Gedanken gemacht hatten, um das Geschäft anzukurbeln. Auf der anderen Seite aber fand sie es eine unmögliche Idee. Und für sie das Schlimmste war eigentlich, dass ihr die Worte von Winfried ungerufen in den Kopf kamen: Auch wenn es ihr nicht gefiel, und wenn es sie hart ankam, sie musste jetzt damit weitermachen, denn einige der Gäste waren wirklich nur aus diesem Grund hergekommen.

„Ist es nicht vollkommen egal, was wir machen, Hauptsache, es bringt uns Gäste ein?“, beharrte Gerti nun. „Du könntest natürlich auch ein Sporthotel daraus machen, aber woher willst du das Geld für die nötigen Umbauten nehmen? Nein, glaube mir, dies hier ist eine preiswerte und gute Idee.“ Die alte Frau merkte, dass der Zorn in Claire abbröckelte und sie sich den Argumenten beugen musste. Es war schon ganz richtig so, man musste sie nur austoben lassen, danach kam sie zur Vernunft.

„Mama, überleg doch mal, das ist doch ein Riesenspaß“, bat nun auch Ann-Kathrin.

„Na, dann gratuliere ich doch zur dümmsten Idee des Jahres“, zürnte Claire noch einmal, konnte es aber dann doch nicht mehr verhindern, dass ein Lächeln sich auf ihre Lippen stahl.

„So, jetzt ist es aber genug mit der Schimpftirade“, behauptete Gerti und kam auf Claire zu. „Jetzt setzt du dich hier erst einmal hin, und ich koche für uns alle einen heißen Kakao. Und in der Zeit kannst du dir mal die neuen Anzeigen ansehen, die sehen wirklich gut aus. Und es wirkt doch auch, schließlich sind die ersten Gäste allein deswegen da. Das kannst du doch nicht leugnen, oder?“

Claire setzte sich wirklich an den Tisch, ein Zeichen, dass sie langsam wieder vernünftigen Argumenten zugänglich war.

„Das ist schon richtig, die Buchungen haben zugenommen. Aber es kann doch nicht euer Ernst sein, Nacht für Nacht Theaterspuk zu veranstalten. Vor allem ihr zwei Racker nicht, ihr gehört ins Bett, ihr braucht euren Schlaf. Und außerdem, Herrschaften, wer hat euch eigentlich beigebracht, das alles so anzubringen, dass es auch noch gut wirkt, wie mir erzählt wurde?“

Plötzlich überzog flammende Röte die Gesichter der Kinder, aber sie waren fest entschlossen Thorsten nicht auch noch zu verraten, denn wenn ihre Mutter erfuhr, dass auch einer der Gäste in die Sache verwickelt war, dann mochte sie noch einmal richtig böse werden.

„Das haben wir alles genau nachgelesen“, behaupteten die zwei also kühn.

„So, so, nachgelesen.“ Claire runzelte die Stirn. Sie traute der ganzen Geschichte noch nicht, und sie ahnte, dass da noch etwas war, das ihr verheimlicht wurde. Aber für diesen Tag war ihre Neugier mehr als befriedigt, es war wohl besser, wenn sie nicht noch mehr erfuhr, was ihr unter Umständen nicht gefiel. Jetzt musste man darüber nachdenken, wie es weitergehen sollte. Claire fürchtete sich fast davor, zugeben zu müssen, dass der Spuk weitergehen musste. Und überhaupt, wie konnten Leute eigentlich darauf hereinfallen?

Nun, heute Nacht würde sie sich das alles ansehen, und erst danach wollte sie eine endgültige Entscheidung treffen, beschloss sie.

 

*

 

Ein wunderschöner Sommertag neigte sich dem Ende. Es ging dem Abend zu, und die Sonne hatte schon einiges von ihrer brennenden Kraft verloren, schenkte aber noch die weiche, süße Luft der voll erblühten Blumen im Garten und gab eine sanfte Vorahnung auf den nahenden Herbst. Thorsten Minster hatte den Nachmittag im Heckenlabyrinth verbracht, wo er eine ganze Bank mit Beschlag belegt hatte, um seine Unterlagen auszubreiten, sowie einige Bücher, in denen er recherchierte, um sein neues Werk zu schreiben. Er diktierte seine Texte in ein kleines Sprechgerät, um sie später am Computer abzuschreiben, oder auch abschreiben zu lassen.

Aber es lief nicht gut an diesem Tag, seine Gedanken schweiften immer wieder ab, und es fiel ihm schwer, die nötige Konzentration aufrecht zu erhalten. Es hatte ihn tief verletzt, wie Michaela sich verhalten hatte, und in seinem Innern ging er die ganze Situation noch einmal durch. Hätte er irgendetwas anders machen können? Aber was hätte diese Frau dazu bewegen können, weniger abweisend zu sein und mehr auf ihn einzugehen?

Thorsten wusste sich in dieser Lage keinen Rat. Und eigentlich war es Unsinn, seine wertvolle Zeit damit zu verschwenden, dieser Frau nachzutrauern. Er sollte und wollte diese Stunden lieber dazu nutzen, weiter an seinem Manuskript zu arbeiten, damit er fertig wurde.

Der Schriftsteller hörte die leichten Schritte nicht, die plötzlich auf ihn zukamen, und er sah auch nicht die Person, die sich vorher schon unbemerkt durch das dichte Labyrinth der Hecken geschlängelt hatte.

Dann stand Michaela da, in einer bequemen dunkelblauen Hose und einer roten Seidenbluse, die wunderbar zu ihrem dunklen Haar kontrastierte. Ihre Augen ruhten auf dem Mann, der immer noch tief in Gedanken versunken war, und auf ihrem Gesicht lag ein um Entschuldigung bittendes Lächeln.

„Thorsten?“, sagte sie leise.

Er schaute auf. Seine Augen klärten sich, wie aus weiter Ferne kommend, und sie richteten sich auf die Frau, als könnte er nicht glauben, was er da sah.

„Michaela?“

Sie rührte sich nicht, blieb verlegen stehen. „Ich bin hergekommen, Sie um Entschuldigung zu bitten. Ich glaube, ich war heute Morgen so eklig zu Ihnen, dass ich mich selbst nicht mehr ausstehen kann.“

Er wollte antworten, doch sie hielt ihn mit einer Handbewegung davon ab. „Nein, bitte nicht, nichts sagen. Ich weiß wirklich nicht, was heute früh in mich gefahren ist. Das war selbst für meine Verhältnisse mehr als unverschämt, und ich will Ihnen ganz einfach sagen, dass es mir leid tut. Ich habe Sie nicht so verärgern wollen, und ich habe Sie eigentlich auch gar nicht abweisen wollen.“

Es fiel der stolzen jungen Frau sichtlich nicht leicht, diese Worte von sich zu geben, denn Michaela war bisher selten in der peinlichen Lage gewesen, sich entschuldigen zu müssen. Sie suchte nach weiteren Worten, aber dieses Mal war es Thorsten, der abwinkte.

Für einen winzigen Augenblick war er sogar versucht gewesen, sie jetzt seinerseits abzuweisen, aber das hätte er sich vermutlich nie verziehen. Er hatte sich praktisch auf den ersten Blick in diese Frau verliebt, und er würde um sie kämpfen, auch wenn ihm das selbst noch gar nicht klar war. Dass sie jetzt zu ihm kam und so ihren Stolz überwand, beeindruckte ihn tief.

„Es ist sehr nett von Ihnen, dass Sie den Weg gefunden haben, mir das zu sagen.“ Das klang zuerst so kalt und nüchtern, dass Michaela schon ganz mutlos wurde. Hatte sie sich jetzt selbst überwunden, nur um dann feststellen zu müssen, dass es zu spät war?

Ihre Gefühle spiegelten sich offen im Gesicht wider, aber jetzt sprang Thorsten auf, wobei einige Papiere und sein Diktiergerät zu Boden fielen. Er ließ alles liegen, trat näher an Michaela heran und legte ihr sanft die Hände auf die Schultern.

„Sie haben mich überrascht, wirklich, Michaela, Sie haben mich zutiefst überrascht. Ich hätte kaum erwartet, Sie in so freundschaftlicher Weise wiederzutreffen. Aber Sie können sich nicht vorstellen, wie schön ich das finde.“

Jetzt strahlten seine Augen sie an, sein Mund lächelte, und Michaela fühlte plötzlich das verrückte Verlangen, sich in seine Arme zu werfen und seinen Mund zu küssen.

War dieser Wunsch in ihrem Gesicht abzusehen oder gar in ihren Augen zu lesen? Thorsten musterte sie einen Moment lang, dann wurde sein Lächeln inniger, und er zog sie enger an sich. Michaela wehrte sich nicht, irgendwie fühlte sie sich sicher und geborgen. Und es war plötzlich selbstverständlich, dass sie die Nähe dieses Mannes genoss. Er beugte sich ein wenig vor, seine Lippen waren warm und fest, und Michaela fand nichts dabei, den Kuss hungrig zu erwidern.

 

*

 

Es war doch einfach total verrückt. Was tat sie überhaupt hier?, fragte sich Claire nicht zum ersten Mal.

Die große Uhr unten in der Halle hatte längst Mitternacht geschlagen, und sie stand hier verborgen in einer Nische und sollte gleich eine Taste auf einer kleinen Fernsteuerung betätigen. Gerti hatte nur geheimnisvoll gelächelt, als Claire wissen wollte, was sie damit auslöste.

„Lass dich überraschen. Du sollst selbst sehen, wie gut die Effekte sind, dann wird es dir sicher leichter fallen, deine Bedenken zu überwinden.“

Alle Proteste hatten nichts genutzt.

Claire spähte in das Dunkel des Flures. Das kleine Nachtlicht, das in Höhe der Füße einen kleinen Ausschnitt am Boden beleuchtete, spendete nicht genug Licht, um sich wirklich zu orientieren. Und sie sollte das erste Tonband abwarten, hatten die Kinder ihr eingeschärft. Sie würde schon hören, was dann geschah.

Das alles gefiel ihr nicht, und ganz sicher würde sie sich nicht noch einmal auf eine solch verrückte Sache einlassen. Eigentlich hatte sie schon gar keine Lust mehr, und sie war versucht jetzt einfach davonzugehen und sich selbst ins Bett zu legen.

Im gleichen Augenblick spitzte Claire die Ohren. Was war das?

Schritte näherten sich, aber niemand war zu sehen. Und doch schien der Boden bei jedem Fußtritt zu erbeben. Ein Stöhnen klang auf, und dann rasselten Ketten. Also wirklich, das klang ja gar nicht einmal schlecht, und ein anerkennendes Lächeln huschte über ihre Züge. Dies musste jetzt also der Zeitpunkt sein, da sie auf den Knopf drücken sollte. Mal sehen, was dann passierte.

Claire stand plötzlich wie angewurzelt da. Sie merkte nicht einmal, dass aus zwei Zimmern Gäste auf den Flur getreten waren, ein ganz mutiger Mann fotografierte das Geschehen, das sich gerade abspielte, verschwand dann aber wieder mit beachtlicher Geschwindigkeit in seinem Zimmer. Ein anderer Mann starrte einen Augenblick, schlug dann aber die Hände vor das Gesicht und stöhnte leise auf.

„So habe ich mir das nicht gedacht“, murmelte er und schloss die Tür wieder hinter sich.

Aus dem Nichts war ein Licht erschienen, und in diesem Licht waren zwei Personen zu sehen, die in der Luft schwebten. Die eine Person, eine Frau, stand mit angstverzerrtem Gesicht vor einem Mann, der gerade mit einem Gegenstand ausholte, ein Dolch oder ein Messer, wie Claire undeutlich sah. Er stach auf die Frau ein, die zusammensackte. Dann sank er ebenfalls zu Boden und hielt die Frau in den Armen. Das Bild verblasste, und erneut klangen Schritte auf. Dann berührte eine Hand Claire an der Schulter, sie war so gefesselt, dass sie unwillkürlich aufschrie.

Aber es war nur Gerti, die eine kleine Taschenlampe in der Hand hielt.

„Bist du jetzt überzeugt?“, flüsterte sie.

Auf Claires Haut hatten sich die kleinen Härchen aufgerichtet, und sie fühlte noch immer die plötzliche Angst über sich hinwegziehen. Ihr verstörtes Gesicht sagte Gerti genug. Die lächelte jetzt und zog die junge Frau mit sich in den privaten Trakt. Hier konnten sie wieder ganz normal reden, und das Licht brannte auch.

„Wie habt ihr das gemacht? Das ist ja einfach schrecklich. Es wirkt so – realistisch. Gerti, das können wir nicht einfach tun. Stell dir nur mal vor, jemand erleidet einen Herzanfall oder so etwas.“

„Kein Herzkranker würde freiwillig in ein Spukschloss ziehen“, erklärte die alte Frau bestimmt. „Aber jetzt sei doch mal ehrlich: Ist das nicht wundervoll gemacht? Und glaube mir, die Gäste wollen das. Oder hast du das nicht gesehen, wie sie neugierig starren und dann ganz schnell wieder verschwinden?“

„Ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass jemand auf einen Schwindel hereinfallen kann. Aber ich muss zugeben, auch ich habe mich gegruselt, obwohl ich doch wusste, dass etwas passiert, was nicht echt ist.“ Claire musste wider Willen eingestehen, dass diese ganze Täuschung wenigstens gut aufgezogen war. „Nun gut, für einige Zeit können wir das weitermachen“, gestand sie also zu. „Ich fürchte, wir müssen es sogar.“

Gerti grinste zufrieden. „Dann kannst du jetzt schlafen gehen. Für heute ist Ende der Vorstellung.“

Wenig später lag Claire im Bett, und noch einmal kroch ihr ein kalter Schauder über den Rücken, als sie die Szene im Geist noch einmal durchdachte. Wie waren die Kinder nur auf eine solche Idee gekommen? Und wie hatten sie es geschafft, dass das Ganze so wirklich anmutete? Da konnte einem tatsächlich angst und bange werden.

 

*

 

Winfried hatte genügend Takt besessen, Claire am nächsten Morgen nicht zu fragen, wie es in der Nacht gelaufen war. Doch er sah ihr an, dass sie wenig Schlaf gehabt hatte, daraus zog er seine eigenen Schlüsse.

Er selbst hatte unterdessen unauffällig einiges in Erfahrung gebracht, was den Preis bei einem Kauf durchaus drücken konnte. Allerdings würde es ihm leid tun, sollte er Claire unter Druck setzen müssen. Nun, ein, zwei Tage sollte er schon noch warten können, bis er eine Rückmeldung an seine Chefs geben musste. Und die meiste Zeit davon konnte er in der Nähe dieser Frau einfach genießen. Jedenfalls dann, wenn sie selbst etwas Zeit aufbringen konnte.

Aber es wurden zwei wirklich schöne Tage, in denen die beiden viel lachten. Gabriel und Ann-Kathrin hatten Winfried ebenfalls schon in ihr Herz geschlossen. Er behandelte sie fast wie Erwachsene, hörte aufmerksam zu, wenn sie etwas zu sagen hatten und gab sich Mühe, auf die Kinder nur den besten Eindruck zu machen, ohne aufdringlich oder gönnerhaft zu wirken.

„Das wäre doch der richtige Mann für Mama, oder?“, schwärmte Ann-Kathrin in der Küche.

„Meinst du denn, dass Mama wieder heiraten will?“, fragte Gabriel mit vollem Mund.

„Man muss ja nicht gleich heiraten“, schränkte Gerti ein. „Aber der wäre schon nicht verkehrt, damit sie überhaupt mal wieder ins Leben zurückfindet. Ich habe eure Mutter lange nicht so fröhlich gesehen. Ich hoffe auch, dass sie ihr Herz entdeckt für ihn. Aber eigentlich wissen wir noch zu wenig. Was, wenn er verheiratet ist und hier nur spielt?“

„Das glaube ich nicht“, erklärte das Mädchen. „Hast du denn nicht gesehen, dass seine Kleidung überall Reinigungszettel hat? Wenn er eine Frau hätte, dann würde die doch waschen und bügeln, oder?“

„Gut beobachtet, aber das heißt nichts.“

„Hoffen wir doch einfach das Beste. Ich jedenfalls finde ihn nett“, beharrte die Kleine.

„Ich auch. Er hat mir versprochen, mir beim Drachenbauen zu helfen“, erklärte Gabriel. „Du, er hat Mama Blumen geschenkt. Das tut doch keiner, der verheiratet ist.“

Gerti seufzte. „Da habt ihr noch zu wenig Ahnung von den Männern. Aber ich hoffe auch, dass das gutgeht. Er ist nämlich wirklich nett.“

 

*

 

Nach dem ersten Kuss war es für Thorsten und Michaela, als wären sie seit Jahren vertraut miteinander. Händchenhaltend hatten sie bis zum Dunkelwerden im Heckenlabyrinth gesessen und geredet. Und zum ersten Mal seit langer Zeit hatte die junge Frau ihre Zurückhaltung aufgegeben.

Am nächsten Tag hatte sie sogar zum Frühstück schon auf Thorsten gewartet, und ein strahlendes Lächeln war auf ihrem Gesicht erschienen, als er den Speisesaal betrat. Sie hatten einen Ausflug gemacht und dabei festgestellt, dass sie viele gemeinsame Interessen besaßen, aber auch gegensätzliche Ansichten, über die sie leidenschaftlich diskutieren konnten. Und doch, immer wieder erklang das helle, fröhliche Lachen der Frau, und für Thorsten war es das schönste Geräusch auf der Welt.

Und doch, da gab es diesen dunklen Punkt – denn als Gabriel eilig auf Thorsten zugelaufen kam, weil er dringend seine Hilfe brauchte, erlosch das Leuchten in den Augen der Frau, und ihr Gesicht verschloss sich wieder.

Warum nur, ach, warum nur hatte Michaela eine solche Abneigung gegen Kinder?, fragte sich Thorsten zum wiederholten Male. Aber er nahm jetzt keine Rücksicht darauf. Und vielleicht würde er den Grund dafür ja auch noch herausfinden.

„Ich könnte deine Hilfe brauchen“, sagte er leise. Michaela stutzte. Sie hatte ja keine Ahnung von den nächtlichen Umtrieben, und sie hatte bisher auch nichts davon gemerkt, denn ihr Schlaf war tief und fest.

„Was kann ich denn tun?“, forschte sie also nach.

Thorsten zog Gabriel an sich. „Dieser junge Mann hier hatte eine ganz wunderbare Idee, aber ich glaube, da funktioniert etwas nicht ganz richtig.“

Gabriel nickte unglücklich. „Und Mama weiß auch Bescheid“, murrte er. „Ich sage dir, das war ganz mies, ich dachte, sie geht die Wände hoch. Aber wir haben ihr nicht erzählt, dass du auch mitgeholfen hast.“

Thorsten lachte auf. „Das wird ja immer komplizierter. Na, dann wollen wir mal. Erzähl mal, wo stimmt denn etwas nicht?“

Auf dem Weg zu den gut versteckten Spukanlagen erzählte Thorsten in Kurzfassung die Geschichte. Michaela war erstaunt und leicht verärgert über diesen Schwindel. Doch dann lachte sie auf. „Gibt es wirklich Leute, die darauf hereinfallen?“

„Manche Menschen wollen betrogen werden“, grinste Thorsten.

 

*

 

„Was machen Sie hier eigentlich?“, erkundigte sich Ann-Kathrin bei Winfried.

Der hatte sich draußen ausgiebig umgesehen und saß jetzt auf einer Bank und schrieb lange Zahlenkolonnen auf ein Blatt Papier. Diese Frage versetzte ihn ein wenig in Unruhe, doch äußerlich blieb er gelassen und lächelte das Mädchen an. Sie war wirklich reizend, und für ihr Alter recht altklug.

„Urlaub“, stellte er also fest, das Kind absichtlich missverstehend.

Ann-Kathrin kicherte auf. Sie fand es immer wieder schön, mit Winfried eine Unterhaltung zu führen. Er gab mitunter so knappe Antworten, dass man sich alles darunter vorstellen konnte. Und doch nahm er sich gern Zeit für die Kinder. Mit Gabriel zusammen hatte er wirklich in zwei Stunden einen Drachen gebaut, der auch noch ganz phantastisch flog. Und Ann-Kathrin hatte er mit wenigen Worten eine Mathematikaufgabe erklärt, an der sie sich schon lange den Kopf zerbrochen hatte. Winfried war immer freundlich, nie gehetzt oder unwillig – und er brachte ihre Mutter zum Lachen. Das alles waren Gründe, ihn von Herzen zu mögen.

Und so hatte sich das Mädchen draußen zu ihm gesetzt, betrachtete interessiert seine Aufstellungen, von denen sie zum Glück nichts verstand, und wollte sich eigentlich nur ein bisschen mit ihm unterhalten und vielleicht auf den Zahn fühlen. Es musste doch herauszufinden sein, ob er verheiratet war, und ob er wirklich ernst Absichten auf ihre Mutter hatte.

„Was arbeiten Sie eigentlich?“, wollte sie jetzt wissen.

„Ich bin Schätzer und Einkäufer für eine große Firma“, wich er aus, ohne die Unwahrheit zu sagen.

„Und was schätzen Sie da?“

„Nun, Gebäude, Immobilien ...“

„Sind Gebäude und Immobilien nicht das gleiche?“

„Nicht ganz.“ Winfried erklärte, und Ann-Kathrin hörte aufmerksam zu.

„Und wenn Sie so ein Gebäude geschätzt haben, dann kaufen Sie es auch für Ihre Firma?“

„Nein, nicht immer. Nur, wenn es sich lohnt.“

„Und wer entscheidet, ob es sich lohnt?“

„Nun, manchmal ich.“

„Und was machen Sie, nein, Ihre Firma dann mit den Gebäuden? Weiterverkaufen?“ Die Neugier des Mädchens war kaum zu stillen, und Winfried musste aufpassen, dass er kein falsches Wort sagte.

„Na ja, manchmal renovieren wir es auch und nutzen es selbst.“

„Was für Gebäude schätzen Sie denn?“

„Das ist ganz unterschiedlich.“

„Können Sie auch unser Hotel schätzen?“

„Ja, das könnte ich wohl tun.“ Ihm wurde unbehaglich. Die Richtung, die dieses Gespräch nahm, gefiel ihm nicht. „Aber warum möchtest du das denn alles wissen?“

„Na ja, ich und mein Bruder – wir müssen schon aufpassen, mit wem unsere Mutter sich abgibt“, erklärte sie altklug, ohne zu bedenken, dass sie ihn mit diesen Worten verletzen könnte. Doch gerade die Ehrlichkeit der Kinder machte sie ja auch so liebenswert.

Winfried schaute das Mädchen an, in seinen Augen funkelte es vor Vergnügen, aber er blieb gespielt ernsthaft. „Und wie sieht es aus, junge Dame? Habe ich in euren Augen bestanden? Oder bin ich wie ein großer böser Wolf, der eure Mutter gnadenlos verschlingen will?“

Sie kicherte. „Ich glaube nicht, dass Sie Mama verschlingen könnten, wenn sie sauer ist, dann ist sie nämlich ungenießbar. Aber wir haben beschlossen, dass wir Sie nett finden.“

„Das möchte ich jetzt mal als großes Kompliment von euch ansehen, wenn ihr nichts dagegen habt. Dann darf ich auch weiterhin mit eurer Mutter reden? Das finde ich sehr großzügig von euch“, schmunzelte er.

„Aber – ich meine ...“ Ann-Kathrin zog die Stirn kraus. „Das ist noch – ach ja, ich – wir – wir möchten gern wissen, ob Sie auch wirklich nicht verheiratet sind. Es ist ja nur, weil ...“

„Ihr auf eure Mutter aufpassen wollt, ja, ich verstehe. Aber ich kann mit reinem Gewissen sagen, dass ich nicht verheiratet oder sonst wie gebunden bin. Großes Indianer-Ehrenwort.“ Winfried hob feierlich die Hand wie zum Schwur, und das Mädchen kicherte wieder. „Bist du jetzt beruhigt?“

Sie nickte.

„Hast du sonst noch etwas auf dem Herzen?“

„Ach, eigentlich möchte ich ja nur mal wissen, warum Sie dauernd herumlaufen und sich Notizen machen und so lange Zahlenreihen aufschreiben, wenn Sie doch Urlaub haben?“

Kinder waren viel zu aufmerksam, befand Winfried in diesem Augenblick, aber er lächelte. Wahrscheinlich hätte er an Stelle der Kinder nicht anders gehandelt. Aber jetzt musste ihm schnell etwas einfallen.

„Weißt du“, sagte er mit einem verschämten Lächeln. „Bevor ich in den Urlaub gegangen bin, hatte ich noch einen großen Auftrag, den ich aber einem Kollegen überlassen musste. Und jetzt rechne ich hin und her, ob der das auch richtig macht.“

„Das ist aber ziemlich dumm“, stellte Ann-Kathrin respektlos fest. „Entweder sind Sie im Urlaub, dann muss Ihr Kollege das auch können, oder Sie sind bei der Arbeit, dann ist es kein Urlaub.“

„Besser hättest du es eigentlich nicht ausdrücken können“, bekannte Winfried.

„Und warum tun Sie das dann?“

„Ja, warum eigentlich?“ Hartmann lächelte das Mädchen an. „Ich glaube, du hast so recht, dass ich mal darüber nachdenken sollte, wirklich abzuschalten und Urlaub zu machen.“

Sie schüttelte den Kopf. „Doch nicht nachdenken, einfach tun.“

„Nun, was würdest du denn dann vorschlagen, was ich als erstes machen sollte, um die Arbeit zu vergessen?“

„Mit Mama Kaffee trinken?“, schlug die Kleine praktisch vor.

„Warum hat mir das eigentlich niemand vorher gesagt?“ Er drückte das Kind zum Dank kurz an sich und machte sich auf den Weg zu Claire, die über diese angenehme Art von Störung ausgesprochen erfreut war.

 

*

 

Eine Halterung hatte sich gelöst, und der Lautsprecher hing lose herab. Thorsten und die Kinder hatten sie ursprünglich so geschickt angebracht, dass man sie kaum entdecken konnte. Und der genialste Einfall war es eigentlich, wie die scheinbar in der Luft entstehenden Geister zustande kamen. Ein hauchdünnes Tuch hing des Nachts von der Decke herab, und mit einem alten Filmprojektor wurden die Bilder darauf projiziert, eine sehr einfache und doch wirkungsvolle Anlage. Solange niemand sie näher untersuchte. Aber wer sollte das schon tun? Bei Tage war von dieser sinnreichen Vorrichtung natürlich nichts zu sehen.

Thorsten gab sich jetzt Mühe, den Lautsprecher wieder zu befestigen, doch seine Hände waren zu groß, um in die kleine Ecke zu kommen, in welcher die Schrauben gedreht werden mussten.

„Ach, dann will ich es mal versuchen“, erklärte Gabriel großzügig. „Wenn du die Leiter festhalten könntest ...“

Thorsten hielt die Leiter, natürlich. Doch gerade, als der Junge sich voll in die Arbeit vertiefte, kam ein Gast den Flur entlang. Das war nicht weiter aufregend, doch wieder einmal erwies sich die hochstehende Teppichkante als fatal. Der Mann stolperte, weil er interessiert zusehen wollte, was der Junge da oben trieb, ruderte mit den Armen in der Luft herum und stieß schließlich gegen Thorsten, der daraufhin die Leiter nicht mehr festhielt, sondern gleich umkippte. Gabriel schrie erschreckt auf, als er plötzlich seinen Halt verlor. In rasender Schnelligkeit sah er den Boden auf sich zukommen, und dann wurde es auch schon für einen Augenblick dunkel um ihn.

Michaela stand plötzlich da wie eine Rachegöttin.

„Sie Trottel“, brüllte sie den armen, selbst verstörten Mann an. „Können Sie nicht aufpassen, wohin Sie fallen?“

Dann beugte sie sich nieder und nahm den Kopf des Jungen in den Schoß.

Gabriel rührte sich schon wieder, und Thorsten hoffte, dass ihm nichts weiter geschehen war. Doch die Reaktion von Michaela erstaunte ihn. Sie hielt den Jungen fest, als wollte sie ihn plötzlich vor allem beschützen. Wie vertrug sich das mit ihrer sonst so offensichtlichen Abneigung gegen Kinder?

„Oh Mann“, murmelte Gabriel und schaute erstaunt in das Gesicht der jungen Frau, die ihn jetzt anlächelte.

„Tut dir was weh? Kannst du dich bewegen?“, forschte sie besorgt nach.

„Ist nichts weiter, glaube ich“, verkündete der Junge, dem das Getue um seine Person ziemlich peinlich war. „Sagt ihr das bitte nicht meiner Mutter, nein?“, bat er dann mit einem treuherzigen Augenaufschlag.

„Aber es könnte dir etwas passiert sein, was sich erst später zeigt“, widersprach Michaela.

Der Junge löste sich energisch aus ihrer Umarmung und stand auf, betastete dann seine Gliedmaßen und griff sich schließlich an den Kopf. „Ist wirklich nichts“, beteuerte er.

„Und du bist sicher, dass es dir gut geht“, mischte sich jetzt auch der Gast ein, der sichtlich betreten dastand, jetzt aber erleichtert schien.

„Nun macht bitte nicht so ein Theater.“ Gabriel blieb hartnäckig. „Ist wirklich nichts weiter. Bitte, kein Wort mehr darüber. Tut mir leid, wenn Sie sich erschreckt haben.“

Wenig später war der Lautsprecher wieder fest angebracht, Gabriel bedankte sich und lief davon, aber Thorsten schaute die junge Frau nachdenklich an. „Ich will dich ja nicht drängen, aber findest du nicht, dass du mir da etwas erzählen solltest?“, fragte er sanft.

Michaela zuckte etwas hilflos mit den Schultern, dann griff sie nach seiner Hand und zog ihn wieder mit hinaus. Draußen, in der Ungestörtheit der freien Natur, schüttete sie ihm ihr Herz aus. Und es war so, als hätte ihr Innerstes nur darauf gewartet, endlich mit jemandem über diese große Sorge in ihrem Herzen reden zu können.

Thorsten zog sie eng an sich und hielt sie fest, so gab er ihr den Trost, den alle Worte der Welt nicht hätten bieten können.

 

*

 

Noch länger konnte Winfried Hartmann den Bericht an die Zentrale nicht hinauszögern. Er hatte ohnehin schon viel länger gebraucht als bei anderen Objekten, man würde sich schon fragen, ob etwas nicht stimmte.

So unauffällig wie möglich hatte er alle Daten zusammengetragen, die er ermitteln konnte, hatte die Abende allein in seinem Zimmer damit verbracht, Berechnungen aufzustellen, Kosten zu ermitteln und schließlich einen einigermaßen fairen Preis zu finden, den man Claire bieten konnte. Dabei war er sich selbst allerdings nicht mehr im Klaren darüber, ob er wirklich noch objektiv seiner Arbeit nachging.

Jedes Beisammensein mit Claire hatte sein Herz mehr in helle Flammen versetzt, um ehrlich zu sein, er brannte lichterloh, und es schmerzte ihn nicht wenig, wenn er daran dachte, dass er die Frau bisher noch immer arglistig täuschte. Mittlerweile war er zwiegespalten. Er sah durchaus, was man alles anders machen könnte, um das Schlosshotel in relativ kurzer Zeit wieder rentabel zu machen. Aber Claire gegenüber schwieg er darüber, denn das hätte ja den Plan seiner Firma vereitelt, das Hotel aufzukaufen.

Doch er fühlte sich hier mittlerweile fast zuhause, was könnte er nicht alles tun, um hier ein Schmuckstück zu erschaffen. Zusammen mit Claire wäre es leicht, denn sie liebte das Hotel und würde alles dafür tun, das wusste er nun.

Doch was sollte er tun?

Vielleicht erst einmal in der Firma anrufen und versuchen den geplanten Kauf zu verhindern oder wenigstens hinauszuschieben. Das wäre eine Möglichkeit. In der Regel hörte man auf ihn.

Natürlich hätte Winfried auch falsche Zahlen liefern können, um so einen Erwerb unrentabel zu machen, doch das konnte er nicht. Dafür war er einfach zu korrekt. Sein Herz riet ihm, Claire zu unterstützen, ihr das Heim zu erhalten – und auch den Kindern, die er sehr gern hatte. Wo sollte die Familie denn hin, wenn er ihnen die Heimat nahm. Sicher, Geld würde Claire dann wohl genug haben, um irgendwo leben zu können. Aber irgendwo war nicht hier, sie und die Kinder wären entwurzelt. Und alles, was Claire schmerzte, tat auch Winfried weh. Er hatte es sich längst eingestanden, er liebte diese Frau, und er hoffte, es würde ihre Gefühle nicht verändern, wenn er ihr irgendwann eingestehen musste, wer und was er in Wirklichkeit war.

Nein, im Augenblick sah er keine andere Möglichkeit, als den Konzern um eine Verschiebung der Pläne zu ersuchen. Sollten sie doch ein anderes Hotel kaufen, hier wollte er gerne mit neu aufbauen, um alles wieder auf den rechten Kurs zu bringen.

Soweit war er in seinen Überlegungen gekommen. Blieb also nur noch, das auch in die Tat umzusetzen, was ihm durch den Kopf ging. Also, zuerst anrufen, dann das Gespräch mit Claire suchen und regelrecht beichten. Was würde sie über ihn denken? Immerhin hatte er sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen eingeschlichen. Und was würden die Kinder sagen? Vor ihrem Urteil fürchtete er sich mindestens ebenso wie vor dem von Claire.

Wenn er jedoch alles weiter vor sich herschob, dann verschlimmerte sich die ganze Sache wohl nur. Er musste handeln, schnell.

Winfried ging hinaus in den Garten, dort fühlte er sich ungestört genug, um mit seiner Firma über das Handy zu telefonieren. Niemand war hier draußen außer den zwitschernden Vögeln in der warmen Sonne und den vielen leuchtend bunten Blumen, die sich im leichten Wind wiegten.

Winfried ließ sich von der Sekretärin gleich mit der Konzernleitung und dort mit dem Finanzmanager verbinden und nahm während der Begrüßung seine Notizen heraus.

Norbert von Redersleben war der leitende Finanzchef und insofern der direkte Ansprechpartner für Winfried.

„Ich habe Ihren Anruf schon erwartet. Sie haben sich viel Zeit gelassen“, klang es ein wenig ungeduldig aus dem Hörer.

„Es ist nicht immer einfach, alle wirklich wichtigen Daten und Fakten zusammenzutragen“, erwiderte Winfried vorsichtig.

„Gibt es denn irgendwelche Probleme?“

„Probleme nicht direkt“, wich der Mann aus. „Aber es wurden hier mittlerweile beträchtliche Anstrengungen unternommen, um das Hotel wieder in die schwarzen Zahlen zu bringen. Die Buchungen haben zugenommen, die Auslastung beträgt bereits mehr als siebzig Prozent. Es würde einen sehr schlechten Eindruck machen, sollten wir uns jetzt verstärkt darum bemühen, das Hotel zu übernehmen. Es würde aussehen, als wollten wir mit aller Macht einen Konkurrenten ausschalten.“

„Unsinn“, erwiderte der Finanzchef. „So ist nun mal das Geschäftsleben, das muss ich Ihnen doch nicht erst deutlich machen. Außerdem ist schon seit längerer Zeit die prekäre Lage des Schlosshotels bekannt, und wir sind wahrlich nicht die einzigen, die ihre Finger danach ausgestreckt haben. Aber wir sind im Grunde die Rettung.“

„Tut mir leid, aber das sehe ich nicht so“, widersprach Winfried. „Ich bin hier vor Ort, habe die Zahlen und das ganze Objekt vor Augen, und ich denke, ich kann das hier besser beurteilen.“

„Dem ist ganz und gar nicht so. Wir haben hier alle Vorkehrungen getroffen, ein großzügiger Finanzplan steht. Und ich fordere Sie hiermit auf, wie bereits im Vorfeld abgesprochen, der Besitzerin ein erstes Angebot zu unterbreiten. Im Übrigen erwarte ich, dass Sie mir heute noch per Fax die genauen Zahlen zuschicken, die Sie ermittelt haben. Mir ist absolut nicht klar, warum Sie jetzt plötzlich die Verhandlungen verschleppen wollen, Herr Hartmann. Oder gibt es irgendwelche Hinderungsgründe, über die Sie am Telefon nicht reden können, das kann ich mir allerdings nicht vorstellen.“

Winfried schimpfte innerlich. Über diese Hinderungsgründe würde er mit diesem Mann weder am Telefon noch sonst wie reden. Überhaupt mit niemandem aus der Firma.

„Ich halte es ganz einfach für unklug, zu diesem Zeitpunkt ein Übernahmegebot abzugeben“, sagte Winfried. „Dadurch, dass das Hotel sich bereits auf dem Weg der Sanierung befindet, könnten die Kosten für uns enorm steigen.“

„Ach, jetzt endlich verstehe ich Sie“, klang die Stimme des Finanzplaners auf. „Aber wenn wir uns beeilen, dürfte es noch nicht zu spät sein. Sie sollten also nicht mehr länger mit dem Angebot warten, Herr Hartmann“, forderte er energisch.

„Ich möchte die Zahlen lieber noch einmal überprüfen“, versuchte Winfried eine letzte Verzögerungstaktik, doch jetzt biss er auf Granit.

„Ich denke, Sie haben lange genug Ihre wertvolle Zeit damit vertan, Zahlen aufzustellen und zu überprüfen, die doch eigentlich längst klar sind. Ich erwarte also von Ihnen, dass Sie schnellstens ein Angebot abgeben, auf dessen Grundlage ich dann eventuell weiter verhandeln kann.“

Winfried war längst aufgestanden und lief in dem Garten auf und ab. Was sollte er denn noch tun, um zu verhindern, dass er seine Mission preisgab und ausgerechnet er selbst Claire wehtun musste.

Aber auch dann, wenn er auf der Stelle kündigte, würde das keinen Unterschied mehr machen. Er fuhr sich mit der Hand durch die Haare und seufzte auf. Nein, es war wohl besser, wenn überhaupt jemand auf das Hotel bot, dass er selbst es dann tat.

„Ist in Ordnung“, sagte er also brüchig. „Ich werde die Verhandlungen eröffnen.“

„Na, also, ich wusste doch, dass man sich auf Sie verlassen kann.“ Von Redersleben schaltete ohne Verabschiedung ab.

Winfried hatte gedacht, er wäre hier draußen allein, auch schon deswegen, weil er ja jeden hätte sehen müssen, der hier vorbeilief. Und doch gab es hier eine Art toten Winkel, den er nicht einsehen konnte, wo sich aber jemand aufhielt, die jetzt voller Empörung die Ohren gespitzt hatte.

Gerti war es, die da in ihrem Kräutergarten arbeitete. Sie war schon immer der Überzeugung gewesen, dass frische Kräuter vor Ort gezogen werden mussten, um das volle Aroma und den besten Geschmack zu haben, und sie pflegte die Beete regelmäßig und mit viel Energie. Es war sicherlich nicht ihre Absicht gewesen zu lauschen. Im Verlauf ihres Lebens hatte sie so vielen Gesprächen zugehört, die vertraulich waren, dass sie gelernt hatte, einfach wegzuhören. Doch es war unvermeidlich, dass sie einen Teil des Gespräches hörte, und da es hier um Winfried ging, war sie ein wenig neugierig gewesen.

Natürlich hatte sie trotz aller Wut gemerkt, dass Winfried versucht hatte, das Hotel und Claire zu schützen. Aber es schien doch eine Tatsache zu sein, dass ausgerechnet dieser Mann, der das Herz ihrer geliebten Claire im Sturm erobert hatte, sich selbst als Schwindler und Betrüger entlarvte.

Er war also nichts anderes als ein Aufkäufer, der versuchte mit miesen Tricks das Hotel für irgendeinen Konzern zu einem Ramschpreis zu ergattern. Hatte er Claire seine Gefühle nur vorgespielt? Oder empfand er wirklich etwas für sie und steckte jetzt in einer Zwickmühle?

Dieses Problem wollte Gerti gar nicht durchdenken, das würden die beiden schon untereinander selbst ausmachen müssen.

Aber Claire musste erst einmal davon erfahren, was und wer dieser Mann war. Auf der Stelle!

Gerti richtete sich auf, und sie erhaschte noch einen Blick in das doch gequälte Gesicht von Winfried. Nun ja, er schien nicht unbedingt skrupellos zu sein, aber er hatte sie alle getäuscht, sie im Unklaren gelassen über seine wirkliche Mission, und Gerti war irgendwie gespannt darauf, wie er sich da herausreden wollte.

 

*

 

„Er ist was???“ Claires Augen waren weit aufgerissen, das Gesicht schlagartig bleich, und die Lippen bebend. „Ich glaube, ich habe mich verhört, Gerti. Nein, das kann ich nicht glauben. Bist du wirklich ganz sicher?“

Die alte Frau hatte die ganze Begebenheit so erzählt, wie sie es gehört hatte. Und sie hatte auch darauf verwiesen, dass Winfried offensichtlich gegen seinen Willen so handeln musste, doch das war bei Claire schon gar nicht mehr angekommen.

Er war also hergekommen, um sie auszuhorchen und ihr dann das Messer in die Brust zu stoßen. Kein Wunder, dass er so großzügig sein konnte, den Schwindel mit den Geistern zu übersehen. Schließlich würde das nicht mehr lange Bestand haben, wenn hier erst einmal ein seelenloser Konzern das Sagen hatte, der die romantische, ja fast schon private Schönheit des Schlosshotels mit kalten Geschäften überziehen würde.

Und sie hatte ihm vertraut, hatte ihm ihr Herz ausgeschüttet, hatte an eine Beziehung gedacht, die weit über einen normalen Urlaub hinausgehen würde. Sie hatte gedacht, noch einmal in ihrem Leben so etwas wie Liebe gefunden zu haben.

Närrin, die sie war!

Ein Traum, eine Seifenblase, die jetzt grausam zerplatzte – nichts weiter war es gewesen.

Claire kämpfte gewaltsam die aufsteigenden Tränen herunter. Sie würde sich doch jetzt keine Blöße geben, nur weil ihre Gefühle verletzt waren. O nein! Aber sie würde es diesem Mann schon zeigen. Er sollte feststellen, dass er in ihr eine Gegnerin haben würde, wie er sie sich schwieriger nicht vorstellen konnte. Wenn er schon Gefühle in ihr erweckte und sie dann ausnutzte, dann würde sie den Spieß eben umdrehen.

Was machte es schon, dass ihr Herz gerade gebrochen war, und der Schmerz den Verstand betäubte? Sie besaß genügend Stolz, um auch das durchzustehen.

Gerti schaute ihre Ziehtochter mit sorgenvollem Blick an. Sie ahnte, was in der jungen Frau gerade vorging, und sie hätte ihr gern geholfen. Doch Claire würde sich nicht helfen lassen, genauso wenig, wie sie jetzt darauf hören würde, dass Winfried vielleicht nicht ganz so schuldig war, wie es auf den ersten Blick aussah.

Claire ging aus dem Zimmer, mit seltsam hölzernen Bewegungen, die Gerti zeigten, dass sie sich enorm beherrschte. Sie machte Anstalten, ihr zu folgen, um vielleicht das Schlimmste zu verhüten, doch dann hielt sie sich zurück. Es würde alles vielleicht noch verschlimmern, wenn sie sich jetzt einmischte.

Claire fand Winfried in seinem Zimmer, wo er sich den Kopf darüber zerbrach, wie er am besten das Gespräch mit der Besitzerin des Schlosshotels suchen sollte. Es wollte ihm einfach nichts einfallen, ohne dass er sich gleich ins Unrecht setzte und eine Katastrophe heraufbeschwor.

Als jedoch nach kurzem energischen Anklopfen die Tür aufging und er in das Gesicht von Claire blickte, wusste er, dass er nicht mehr nach Worten suchen musste. Wie sie es erfahren hatte, war jetzt unwichtig, es war zu spät, um eine Erklärung abzugeben. Der Gesichtsausdruck der jungen Frau zeigte, dass sie sich ihr eigenes Urteil gebildet hatte.

Claire schloss die Tür, indem sie die Hände auf den Rücken legte und einen Schritt zurückging. Dabei behielt sie Winfried unablässig im Auge.

„Warum hast du das getan?“, fragte sie leise. „Warum bist du nicht einfach gekommen und hast mit offenen Karten gespielt? Warum hast du schamlos meine Gefühle ausgenutzt, nur, um mich jetzt zu zerstören? Aber ich hätte es wissen müssen, dass es zu schön war, um wahr zu sein. Wie blind und dumm ich doch gewesen bin. – Du hast dir jetzt also ein gutes Bild gemacht vom Hotel mit allem Drum und Dran, ja? Dann weißt du vermutlich auf den Pfennig genau, was es wert ist. Also los, Winfried Hartmann, dann mach dein Angebot. Und ich werde dir sagen, was ich davon halte.“

„Bitte, lass dir erklären ...“ begann er, doch sie winkte mit einer herrischen Geste ab.

„Darüber will ich nicht reden, mit dir schon gar nicht.“ Sie schluckte, warf dann aber stolz den Kopf hoch. „Bleiben wir beim Geschäftlichen, Herr Hartmann. Wie hoch veranschlagen Sie die Immobilie? Und vergessen Sie nicht, die Geister in den Preis miteinzubeziehen, die sind besonders viel wert.“

Ihr offen zur Schau getragener Spott verletzte ihn, doch wenn sie nicht auf vernünftige Weise mit ihm reden wollte, dann würde auch er sich zurückhalten. Oder nein, auch sein Herz blutete, vor allem, da sie ihm schöner denn je erschien, und er wohl nicht mehr das Recht hatte, sie in die Arme zu nehmen und unter Küssen zu erklären, was er wirklich empfand.

„Es war nicht meine Absicht, Sie in irgendeiner Form irrezuführen, Frau Fischer“, kehrte auch er den Geschäftsmann hervor, obwohl ihm jedes Wort ins Herz schnitt. „Ursprünglich kam ich her, um neutral eine Schätzung abzugeben, ein durchaus übliches Vorgehen, wie Sie vermutlich wissen. Aber dann – dann habe ich mein Herz entdeckt. Claire, bitte, hör mir doch zu.“

„Das interessiert mich nicht. Ihre Gefühle wollen Sie bitte für sich behalten“, erklärte sie eiskalt.

„Ja, das habe ich befürchtet. Nur kann ich das eine nicht vom anderen trennen, denn ich habe heute noch versucht, meinen Vorgesetzten davon abzuhalten, ein Angebot auf dieses Hotel abzugeben. Versteh doch, Claire, bitte – ich will das nicht tun. Und ich hätte es dir längst gesagt, wenn ich nicht Angst davor gehabt hätte, dass du genau so reagierst. Ja, es stimmt, ich bin unter falschen Voraussetzungen hierhergekommen. Aber das war schon vorbei im ersten Moment, da ich dich sah.“

Sie musterte ihn wie ein seltenes Insekt, mit klinischer Neugier, völlig ohne Gefühl.

„Und jetzt soll ich glauben, dass Sie plötzlich Gewissensbisse bekommen haben? Also bitte, Herr Hartmann, machen Sie sich doch nicht lächerlich. Selbst ich weiß, dass im harten Geschäftsleben keine Gefühle zählen. Lassen Sie bitte jede weitere Anspielung auf das, was Sie vielleicht glaubten, empfunden zu haben. Das ist genauso flüchtig wie der Hauch eines Parfüms. Nun, wie hoch veranschlagen Sie den Kaufpreis? Und gehen Sie ruhig gleich ans Limit, ich habe weder Lust noch Zeit zu Verhandlungen.“

Wollte sie ihn wirklich nicht verstehen? Sah sie denn nicht den Schmerz in seinen Augen? Fühlte sie denn nicht, wie auch sein Herz um Vergebung schrie, wie er förmlich danach flehte, dass sie ihm nur ein kleines Zeichen der Ermunterung gab?

Nein, Claire hatte sich verwandelt. Um an ihrem Schmerz nicht zu zerbrechen, hatte sie einen undurchdringlichen Schutzschirm um sich herum aufgebaut, den er mit all seiner Liebe nicht zu durchbrechen vermochte. Sie wollte nicht spüren, dass er sie liebte, sie wollte nie wieder etwas fühlen – sie wollte verletzen, um nicht weiter verletzt zu werden.

Das sah Winfried ein, und er musste selbst an sich halten, um sich zu beherrschen.

Sie wollte geschäftlich bleiben? Nun gut, dann würde er es auch tun.

Er richtete sich sehr gerade auf, griff dann nach seinen Unterlagen, warf einen Blick darauf, als ob er die Zahlen nicht sowieso auswendig wusste, und dann nannte er Claire eine großzügige Summe, wesentlich mehr, als ursprünglich mit dem Konzern vereinbart.

Sie starrte ihn einen Augenblick verblüfft an. „Das ist ein wirklich großzügiges Angebot, Herr Hartmann, und ich weiß es zu schätzen. Aber Sie können Ihrem Vorstand eines ausrichten: Eher lasse ich hier alles zugrunde gehen, wenn ich es denn nicht schaffen sollte, das Hotel allein wieder auf die Beine zu stellen, als dass ich es zulasse, dass Sie und Ihresgleichen sich hier festsetzen. Und wenn Sie verdoppeln, sage ich immer noch Nein. Und jetzt wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie heute noch abreisen. Sie werden verstehen, dass unter diesen Umständen Ihr Aufenthalt hier beendet ist.“

Abrupt drehte sie sich um und riss die Tür auf. Wieder kämpfte sie mit den Tränen, aber das wollte sie ihn auf keinen Fall sehen lassen. Natürlich war ihr nicht entgangen, dass auch er litt. Aber sie redete sich selbst erfolgreich ein, dass er diese Gefühle nur spielte, um sie zu manipulieren. Da war es besser, jetzt einen raschen Schnitt zu machen. Wenn er weg war, würde sie schon darüber hinwegkommen.

„Claire, bitte, willst du mir nicht eine Chance geben ...“

Die Tür fiel ins Schloss, Claire wollte kein Wort mehr von Winfried hören.

 

*

 

Gerti war zu den Kindern gegangen und hatte auch ihnen von Winfried erzählt. Doch im Gegensatz zu ihrer Mutter waren sie nach der ersten Empörung durchaus in der Lage, weiter zuzuhören und die prekäre Lage des Mannes ein bisschen zu verstehen. Was aber nichts daran änderte, dass auch sie sich betrogen und getäuscht fühlten.

Claire hatte den Flur gerade verlassen, als die beiden angestürmt kamen und ohne anzuklopfen in Winfrieds Zimmer rannten.

Er hatte gerade seinen Koffer geöffnet, um seine Sachen zu packen, als mit Schwung die Tür aufgestoßen wurde.

„Ist das wirklich wahr?“, fragte Ann-Kathrin ohne Einleitung.

Winfried drehte sich nicht einmal um, er kämpfte innerlich mit dem Verlust, und die erneuten Vorwürfe der Kinder waren eigentlich das Letzte, was er noch brauchen konnte. Aber er musste sich ihnen stellen, sie würden auf keinen Fall einfach wieder gehen.

„Tut mir leid, es ist wahr, ja“, sagte er also leise.

„Na, dann erzähl mal“, forderte das Mädchen. Er hatte den Kindern erst gestern das freundschaftliche Du angeboten, und dass diese beiden jetzt nicht wieder zum förmlichen Sie zurückkehrten, gab ihm die leise Hoffnung, dass er ihnen vielleicht begreiflich machen konnte, was in ihm vorging.

Winfried setzte sich auf das Bett, Gabriel und Ann-Kathrin hockten sich jeweils in einen Stuhl, hielten ihre Augen aufmerksam auf ihn gerichtet und warteten ab, was er zu sagen hatte.

„Ich hatte euch erzählt, dass ich Immobilien schätze, ja?“ Einmütiges Nicken. „Nun, ich arbeite für einen großen Hotelkonzern, und der lässt durch mich schätzen und aufkaufen.“

„Du bist also hergekommen, um unser Hotel zu kaufen?“, brachte Gabriel es auf den Punkt.

„Ursprünglich, ja“, gab Winfried zu. „Aber dann – wie soll ich euch das erklären? Ich sah eure Mutter, und vom ersten Blick an habe ich vergessen, was mein wirklicher Auftrag war. Versteht das bitte richtig, ich habe meine Aufgabe erfüllt, aber sie war nebensächlich geworden, denn plötzlich gab es diese Frau, die im Sturm mein Herz erobert hat. Und dann wart auch ihr noch da, zwei reizende Kinder, die ich ebenfalls ins Herz geschlossen habe. Das sage ich, ohne euch schmeicheln zu wollen. Nun, ich habe versucht, meine Firma vom Kauf abzubringen, aber das hat nicht geklappt. Und außerdem wusste ich nicht, wie ich es eurer Mutter beibringen sollte, was ich hier wirklich tat. Bis sie vorhin hereinkam und bereits alles wusste.“

„Gerti hat unbeabsichtigt dein Gespräch mit angehört. Sie hat auch gesagt, dass du dich gewehrt hast“, erklärte Ann-Kathrin. „Aber du kannst da nicht so einfach weg, oder? Wie ist das, wenn du kündigst?“

Winfried lachte bitter auf. „Dann wird jemand anders kommen, der keine Skrupel und vor allen Dingen keine Gefühle hat. Aber eure Mutter hat schon sehr deutlich gesagt, dass sie auf keinen Fall verkaufen wird.“

„Das soll sie auch nicht“, meldete sich Gabriel.

Winfried nickte. „Das muss sie nicht einmal. Da ich ja jetzt alle Zahlen kenne, könnte ich ihr helfen, das Hotel wieder rentabel zu machen. Aber ich fürchte, sie würde nicht auf mich hören. Sie will, dass ich heute noch abreise.“

„Das hast du alles auch ganz schön dumm angefangen“, kommentierte das Mädchen. „Warum hast du nicht von Anfang an die Wahrheit gesagt? Du hast Mama und uns an der Nase herumgeführt, und das ist gemein von dir.“

„Mama wird dir auch kein Wort glauben, wenn du ihr sagst, dass du sie gern hast. Sie sagt immer, wer einmal gelogen hat, dem kann man nie wieder glauben.“ Gabriel kannte alle Lektionen seiner Mutter.

„Ja, ich verstehe“, sagte Winfried dumpf. „Dann ist jetzt sowieso alles sinnlos. Ich packe jetzt meine Sachen. Ihr habt mir deutlich gemacht, dass ich hier nichts mehr verloren habe. Nur eine Frage, glaubt wenigstens ihr, dass ich eurer Mutter nicht schaden wollte? Dass ich sehr viel für sie empfinde, und dass es nur mein Beruf war, der dieses ganze Missverständnis heraufbeschworen hat?“

„Was nützt dir das, wenn wir dir glauben?“, fragte Ann-Kathrin altklug. „Du warst gemein zu Mama, und das wird sie dir wahrscheinlich nie verzeihen. Aber wenn es dir hilft, ich verzeihe dir.“

Ein schmales gequältes Lächeln erschien auf dem Gesicht des Mannes. Er strich dem Mädchen über das seidenweiche Haar und schaute in ihre Augen, die denen ihrer Mutter verblüffend glichen.

„Dann danke ich dir dafür“, sagte er leise und begann wieder zu packen.

Die Kinder schwiegen einen Moment.

„Und du willst das jetzt einfach so hinnehmen?“, fragte Ann-Kathrin schließlich.

Er hielt inne und drehte sich verblüfft wieder zu dem Mädchen hin. „Wie meinst du das?“

„Du hast gesagt, du hast Mama und uns sehr gern. Wenn das stimmt, dann musst du etwas tun, damit du dich mit Mama wieder verträgst“, beharrte sie.

Er lachte bitter auf. „Und wie stellst du dir das vor, Kind?“

„Das weiß ich doch nicht, du bist doch der Erwachsene.“

„Darüber muss ich nachdenken“, erwiderte er

„Dann mach mal nicht so lange. Ich mag das nicht, wenn Mama traurig ist“, verkündete Gabriel.

Winfried schüttelte den Kopf. Diese Kinder waren einmalig. Sie brachten das Problem auf den Punkt und boten Lösungswege an. Nur den richtigen Weg zu finden, blieb ihm jetzt überlassen. Ja, er musste Claire verständlich machen, dass er seinen Fehler einsah, und er musste sie zurückerobern. Aber wie?

 

*

 

Winfried hatte gehofft, unbehelligt das Hotel verlassen zu können. An der Rezeption hatte er bei dem erstaunten Freddie, der natürlich noch von nichts wusste, seine Rechnung bezahlt und war dann auf dem Weg zu seinem Wagen, als Gerti sich ihm in den Weg stellte. Natürlich, damit hatte er rechnen müssen.

„Ich bin schon weg“, sagte er unwirsch und hoffte so, einer weiteren Auseinandersetzung aus dem Wege gehen zu können.

„Nein, sind Sie noch nicht. Nicht eher, als ich mit Ihnen fertig bin“, erklärte die Frau resolut.

„Dann sagen Sie schon, was Sie zu sagen haben, aber bitte schnell. Ich habe es eilig.“

„Wollen Sie wirklich so schnell das Feld räumen? Ich hätte Sie für hartnäckiger gehalten.“ Klang da ein wenig Spott aus der Stimme?

„Es macht nicht viel Sinn hartnäckig zu sein, wenn man gegen eine Wand läuft. Ich sage es auch Ihnen noch einmal. Es tut mir leid, wie das alles hier gelaufen ist, und ich wünschte, ich könnte es ändern. Aber mein Beruf hat nichts mit meinen Gefühlen für Frau Fischer zu tun.“

„Dann sagen Sie ihr das doch!“

„Sie kennen Claire besser als ich. Dann seien Sie mal ehrlich: Würde sie ein Wort glauben? Würde sie mir überhaupt zuhören?“ Winfried hatte genug von dem allen hier. Er wollte nach Hause und seinen Seelenschmerz pflegen. Warum ließ die Frau ihn nicht einfach in Ruhe?

„Nicht, wenn Sie einfach davonlaufen.“

„Und was schlagen Sie demnach vor?“, höhnte er jetzt. „Soll ich sie bei den Schultern fassen und schütteln, bis sie mir endlich zuhört?“

Gerti lachte auf. „Das hätte nicht viel Zweck. Aber ich weiß, wie viel Claire für Sie empfunden hat. Und auch die Kinder mögen Sie. Geben Sie nicht auf, Herr Hartmann. Halten Sie Kontakt zu uns, wir werden hier versuchen, Claire wieder zur Vernunft zu bringen.“

„Na, dann viel Glück.“ Er hatte jetzt endgültig genug. Mutlos fuhr er davon.

 

*

 

Claire hatte die ganze Nacht nicht geschlafen, und als sie am Morgen unten in der Küche erschien, redeten die dunklen Schatten unter ihren Augen eine eigene Sprache. Gerti sah Claires Aussehen voller Sorge. Die junge Frau würde doch jetzt nicht an ihrer eigenen Starrköpfigkeit zerbrechen? Warum hörte sie denn nicht zu? Warum gab sie Winfried nicht noch eine Chance?

Gerti stellte das Frühstück vor Claire auf den Tisch, aber die junge Frau schob es wieder beiseite und starrte stattdessen missmutig in ihre Kaffeetasse.

„Lass mich in Ruhe, bitte“, bat sie mit brüchiger Stimme. Aber das war so ziemlich das Letzte, was Gerti vorhatte. „Hast du jetzt vor, in deinem Selbstmitleid zu ertrinken und die ganze Welt darunter leiden zu lassen?“, fragte sie böse.

„Nein, bestimmt nicht. Ich will ihn einfach nur vergessen.“

„Und warum?“, forschte Gerti nach.

„Wie meinst du das, warum? Ich glaube, ich verstehe dich nicht.“

„Wenn du ihn vergisst, dann vergisst du auch die Lektion, die du eigentlich daraus gelernt haben solltest. Wenn du etwas daraus gelernt haben solltest. Ich bin immer noch der Meinung, du solltest diesem Herrn Hartmann eine Chance geben und ihm zuhören, was er zu sagen hat.“

„Auf gar keinen Fall“, fiel Claire ihr ins Wort. „Dieser Mann hat mich betrogen, hintergangen, getäuscht und lächerlich gemacht. Du glaubst doch nicht ernsthaft, dass ich ihm auch nur ein Wort abnehmen würde? Er hat meine Gefühle benutzt, um sich einen Vorteil für seine verdammte Firma zu verschaffen.“

„Genau das glaube ich nicht“, unterbrach Gerti sie jetzt.

„Ach nein? Als was würdest du das denn bezeichnen?“, fragte Claire bitterböse.

„Ich glaube, mein Liebes.“ Gerti nahm Claire den schwarzen Kaffee weg und stellte ihr stattdessen einen heißen Kakao hin. „Ich glaube, dass du in deinen Gefühlen so verletzt bist, dass du nicht bereit bist zuzugestehen, dass auch andere Menschen Gefühle haben. Und ich bin ziemlich sicher, dass Winfried Hartmann dir tiefe, echte Gefühle entgegenbringt. Ich habe sein Gespräch mit angehört. Er hat sich dagegen gewehrt, dich zu hintergehen.“

„Aber genau das hat er die ganze Zeit über getan“, grollte Claire. „Er hatte genügend Gelegenheiten mir etwas zu sagen.“

„Und wie hättest du reagiert, wenn er die Wahrheit gesagt hätte?“, forschte Gerti nach.

„Das spielt doch jetzt keine Rolle mehr.“ Claire war einfach nicht bereit ihre Position aufzugeben, Vernunft anzunehmen und einzusehen, dass es besser wäre, einen Schritt zurückzugehen. Im Augenblick gefiel sie sich in der Rolle der betrogenen, hintergangenen Frau, und insgeheim schmiedete sie Rachepläne, die sie natürlich nicht verwirklichen würde. Aber es war einfach schön, sich auszudenken, was sie alles mit ihm anstellen würde, wenn sie ihn in die Finger bekam und ihrer Wut freien Lauf ließe.

Doch jetzt hatte sie genügend Zeit daran verschwendet, hinter einem Mann herzutrauern, der ihr das Herz gebrochen hatte. Jetzt würde sie sich voll und ganz ihrer Arbeit widmen, das Hotel wieder zu einem erfolgreichen Haus machen, sich hingebungsvoll um ihre Kinder kümmern – und in ihrer wenigen freien Zeit mit sich selbst hadern, dass sie nicht in der Lage war, ihrem Herzen zu folgen.

Claire schickte Gerti einen giftigen Blick, den diese jedoch ignorierte, nahm ihre Tasse mit dem heißen Kakao, den sie noch nicht trinken konnte, stand auf und wandte sich zur Tür.

„Wenn du diesem Scharlatan glauben möchtest, dann kannst du das gerne tun. Aber ich habe es wirklich nicht nötig, mich an der Nase herumführen und meine Gefühle mit Füßen treten zu lassen.“ Mit hoch erhobenem Kopf ging sie hinaus in ihr Büro, wo sie vor Wut, Trotz und verletztem Stolz gleich wieder mit den Tränen kämpfte.

Nie wieder einen Mann! Das war der Gedanke, der sich in ihrem Kopf festsetzte.

Gabriel und Ann-Kathrin, die schweigsam ebenfalls am Küchentisch gesessen hatten, schauten ihrer Mutter traurig hinterher.

„Sie ist komisch“, stellte Gabriel fest.

„Sie ist verletzt“, ergänzte Ann-Kathrin. „Aber wir müssen etwas tun. Sie mag Winfried, und er hat sie ja auch gern. Gerti, du musst ihn anrufen.“

„Und was soll ich ihm sagen?“, fragte die Frau. „Solange Claire nicht bereit ist, ein Wort mit ihm zu wechseln, hat doch alles keinen Sinn.“

„Dann willst du ihn auch gehen lassen?“ Jetzt grollte Ann-Kathrin. Das Mädchen hatte den Mann lieb gewonnen und war der Meinung, er wäre ein guter neuer Ehemann für ihre Mutter. Und sicher würde er sich auch als guter Vater erweisen. Aber solange hier alle wie verbohrt herumliefen, gab es natürlich keine Chance, dass in den Gefühlen der Menschen auf Schloss Hohenberg wieder Ruhe einkehrte.

Details

Seiten
303
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941029
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v900198
Schlagworte
drei romane spuk thriller trio-band

Autor

Zurück

Titel: Spuk Thriller Trio-Band 2 - Drei Romane