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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 2 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

2020 269 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

von A.F.Morland

Mit dir träum’ ich den schönsten Traum

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Das sechste Gebot

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Das Pfarrfest von Annenthal

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Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 2 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge

von A.F.Morland

 

Über diesen Band:

 

Dieses Buch enthält folgende Romane:

A.F.Morland: Mit dir träum ich den schönsten Traum

A.F.Morland: Das sechste Gebot

A.F.Morland: Das Pfarrfest in Annental

 

 

 

 

 

Auf dem alljährlichen Feuerwehrfest in Sonnental geht es hoch her. Markus Fernbach ist auf der Suche nach seinen Freunden, als er plötzlich ein paar Gesprächsfetzen aufschnappt, die ihn erstarren lassen. Hinter ein paar Getränkekisten versteckt unterhalten sich der Wirt Karl Kronleithner und der Großbauer Ludwig Brunngraber. „Sie passen gut zusammen, deine Loni und mein Max“, erklärt der Brunngraber in diesem Moment.

„Deshalb müssen Sie auch heiraten“, erwidert der Ochsen-Wirt Karl Kronleithner. „Meine Loni tut, was ihr Vater sagt. Geld muss zu Geld. Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

Nein!, durchfährt es Markus Fernbach schmerzhaft, die Loni ist doch sein Madl, sein über alles geliebtes Dirndl! Aber natürlich, er ist ja nur ein einfacher Holzknecht, der nichts hat als seiner Hände Arbeit. Er wird sein Madl verlieren, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. In Markus bricht in diesem Moment eine Welt zusammen, und er stürzt sich vor Verzweiflung in ein Abenteuer, das ihn beinahe sein Leben kostet ...

 

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker (https://www.lovelybooks.de/autor/Alfred-Bekker/)

© Roman by Author / COVER ALFRED HOFER/123rf

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

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Mit dir träum’ ich den schönsten Traum

Heimatroman von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 86 Taschenbuchseiten.

 

Auf dem alljährlichen Feuerwehrfest in Sonnental geht es hoch her. Markus Fernbach ist auf der Suche nach seinen Freunden, als er plötzlich ein paar Gesprächsfetzen aufschnappt, die ihn erstarren lassen. Hinter ein paar Getränkekisten versteckt unterhalten sich der Wirt Karl Kronleithner und der Großbauer Ludwig Brunngraber. „Sie passen gut zusammen, deine Loni und mein Max“, erklärt der Brunngraber in diesem Moment.

„Deshalb müssen Sie auch heiraten“, erwidert der Ochsen-Wirt Karl Kronleithner. „Meine Loni tut, was ihr Vater sagt. Geld muss zu Geld. Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

Nein!, durchfährt es Markus Fernbach schmerzhaft, die Loni ist doch sein Madl, sein über alles geliebtes Dirndl! Aber natürlich, er ist ja nur ein einfacher Holzknecht, der nichts hat als seiner Hände Arbeit. Er wird sein Madl verlieren, ohne etwas dagegen unternehmen zu können. In Markus bricht in diesem Moment eine Welt zusammen, und er stürzt sich vor Verzweiflung in ein Abenteuer, das ihn beinahe sein Leben kostet ...

 

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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover by pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by Alfred Bekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

1

Es war ein Tag, wie er schöner nicht sein konnte. Die Sonne stand hoch am blauen Himmel und es roch nach Blumen und Heu.

Zu bedauern sind sie, die Städter, dachte Markus Fernbach, während er zügig durch das Dorf schritt. Ein Leben in Staub und Gestank zu verbringen, das wär’ nix für mich.

„Grüß Gott, Markus“, sagte der Kaplan.

Markus schaute auf.

„Ah, der Herr Kaplan! Grüß Gott schön!“, gab er freundlich zurück. „Ich hätt’ Sie beinahe nicht gesehen, war in Gedanken.“

„Beim Feuerwehrball, was? Kommenden Samstag wird’s bei uns in Sonnental wieder einmal hoch hergehen.“

Markus Fernbach grinste. „Wie jedes Jahr.“

„Hoffentlich geraten nicht wieder ein paar Hitzköpfe aneinander. Voriges Jahr hatten der Herr Pfarrer, der Bürgermeister und ich alle Hände voll zu tun, die Streithähne zu trennen.“

Markus nickte. „Den Hacker Sepp und den Reisinger Bartl. Die können heuer nicht mehr miteinander raufen. Der Sepp geht der alten Sennerin auf der Breitegg Alm zur Hand, der Bartl liegt mit einer schlimmen Gelbsucht im Krankenhaus, und die Fanni, um die sie sich damals gestritten haben, hat inzwischen den zweitreichsten Bauern von Niedernwald geheiratet.“

„Na, dann darf man sich ja auf ein friedliches Fest freuen“, sagte der Kaplan, wünschte Markus, dem kernigen Holzarbeiter, einen schönen Tag und ging in Richtung Pfarrhaus weiter. Markus hatte es eilig, das Dorf zu verlassen. Er lief den schmalen Pfad entlang, der den rauschenden Wildbach begleitete, eilte über eine morsche Holzbrücke und erreichte wenig später eine alte Holzhütte, deren Dach eingesunken war und die seit undenklichen Zeiten niemand mehr bewohnte.

Markus blieb stehen und schaute auf sein kleines Dorf hinunter. Die lieblichen Häuser von Sonnental scharten sich um die Kirche wie Küken um die Henne. Dort unten kannte jeder jeden. Man wusste von seinen Nachbarn so gut wie alles, hatte kaum Geheimnisse voreinander, und einer war für den andern da. Der junge Holzarbeiter trat an die verwitterte Hütte und öffnete die Tür, die in den Angeln gespenstisch knarrte. Er trat ein. Es war so dunkel, dass er zunächst überhaupt nichts sah. Allmählich nahm er graue Konturen wahr, er vernahm ein leises, huschendes Geräusch, und dann legte ihm von hinten jemand zarte Hände auf die Augen.

Er grinste. „Soll ich raten, wer es ist?“

„Versuch’s.“

„Cilli?“, fragte Markus belustigt.

„Du Schuft!“ Cilli Moosecker war eine ziemlich lockere Magd, deren Kammer kaum einmal für einen Burschen verschlossen blieb.

Der fesche Markus nahm die schmalen Hände von seinen Augen und drehte sich lächelnd um. „Ach, du bist es“, sagte er zu Loni Kronleithner, der Tochter des Ochsen Wirts.

„Hör mal, was hast du denn hier zu suchen?“

„Auf einen netten Burschen wart’ ich“, antwortete das bildschöne Mädchen kokett. Loni trug ein hübsches Dirndl, dessen Ausschnitt gut erkennen ließ, dass sie bereits voll zur Frau herangereift war.

„Aber es scheint in ganz Sonnental keinen zu geben“, fügte sie ihren Worten hinzu.

„Und was ist mit mir?“, fragte Markus.

„Ich wüsst’ nicht, was ich mit dir im Sinn haben sollt’. Dir ist die Cilli doch viel lieber.“

„Wer sagt das?“

„Hast du nicht gehofft, sie hier anzutreffen?“, fragte Loni Kronleithner.

Er legte die Arme um ihre Mitte und zog sie an sich.

„Die Cilli ist mir egal“, sagte er rau. „Dich hab’ ich gern, so gern, dass es schon nicht mehr auszuhalten ist.“ Er küsste sie wild. „Ach, Loni, wenn ich doch; nur nicht so arm wär’.“

„Mir ist es egal, was einer hat. Gefallen muss er mir, und mein Herz muss schneller schlagen, wenn ich nur an ihn denk’.“

Markus legte seine Stirn auf ihre und sah ihr aus allernächster Nähe in die Augen.

„Was macht denn dein süßes kleines Herz, wenn du an mich denkst?“

„Nichts.“

„Ist das wahr?“ Er küsste sie behutsam, immer und immer wieder.

„Nein, es ist nicht wahr“, gab sie leise zu und schmiegte sich zärtlich an ihn. „Es hüpft wie verrückt in meiner Brust.“ Sie gab ihm seine Küsse zurück - jeden einzelnen, und ein unbeschreiblich schönes Gefühl durchströmte sie dabei.

„Ich bin gespannt, wann unser Geheimnis auffliegt“, murmelte Markus. Noch wusste niemand im Dorf, dass sie ein Liebespaar waren, doch lange würden sie es wohl nicht verbergen können. Und wie würde Lonis Vater dann reagieren?

„Die Tochter des reichen Ochsen Wirts und der arme Holzknecht.“

„Na und?“ Loni machte ein trotziges Gesicht.

Markus wiegte den Kopf. „Dein Vater wird nicht gerade begeistert seien.“

„Er wird sich damit abfinden müssen, dass ich mein Herz dir und keinem reichen Bauern geschenkt habe.“

„Er könnte dir den Umgang mit mir verbieten.“

Loni strich ihm eine Locke seines vollen blonden Haares aus der Stirn. „Ich bin eine brave, folgsame Tochter, und ich habe meinen Vater wirklich sehr gern, deshalb kann er mir auch sehr vieles verbieten, aber das nicht. Wenn er von mir verlangt, dass ich von dir lassen soll, beißt er bei mir auf Granit.“

„Er könnte einen Weg finden, dich gefügig zu machen.“

Sie küsste ihn liebevoll auf den Mund.

„Mach dir um unsere Zukunft keine Sorgen, Liebster! Mein Vater kann uns niemals auseinanderbringen.“

Markus seufzte. „Dein Wort in Gottes Ohr!“

„He, ich will diese düsteren Schatten nicht mehr sehen!“ Sie klopfte mit dem Finger gegen seine Stirn. „Wirst du auf dem Feuerwehrfest mit mir tanzen?“

Er nickte. „Bis zur Erschöpfung.“

„Du tanzt sehr gut, das sagen alle Mädchen im Dorf.“

„Ich geb’ mir Mühe.“

Loni lachte. „Der Brunngraber Maxl bewegt sich auf dem Tanzboden wie ein russischer Zirkusbär.“

„Aber er ist der Sohn eines Großbauern und würde deshalb in den Augen deines Vaters bestimmt viel besser zu dir passen als ich.“

„Schluss damit!“, sagte Loni energisch. „Ich will so etwas nicht mehr hören. Wir haben uns gern, und daran kann keiner etwas ändern.“

 

 

2

Der Himmel meinte es gut mit den Veranstaltern. Kein Wölkchen trübte das strahlende Blau, als der Bürgermeister das Fest der Freiwilligen Feuerwehr von Sonnental eröffnete. Jubel, Trubel, Heiterkeit hielten Einzug in dem kleinen Dorf, und die Bewohner der umliegenden Gemeinden kamen, um sich gemeinsam mit den Sonnentalern so richtig nach Herzenslust zu vergnügen. Es ging hoch her in dem sonst so stillen, idyllischen Ort. Bier und Wein flossen in Strömen, und zu essen gab es Grillhähnchen, Spanferkel, Bratwurst und noch vieles mehr.

Loni half beim Bierausschank, damit die vielen durstigen Seelen nicht zu lange warten mussten. Max Brunngraber, der Sohn des reichen Großbauern, fragte sie: „Tanzt du später mit mir?“

„Klar“, antwortete Loni. Sie war ein Dirndl, das keinem Burschen grundlos einen Korb gab. Deshalb war sie bei den jungen Männern im Dorf auch sehr beliebt.

Max Brunngraber war ein großer, kompakter Kerl mit breiten Schultern und roten Wangen. Loni fand ihn nett. Sie konnte ihn gut leiden. Er hatte Humor und konnte sie zum Lachen bringen, aber einem Vergleich mit Markus Fernbach hielt er natürlich nicht stand.

Loni wusste, dass ihr Vater sie gern öfter mit dem Brunngraber Max zusammen gesehen hätte, aber den Gefallen konnte sie ihm nicht tun. Wenn sie einmal keine Arbeit hatte, traf sie sich lieber heimlich mit Markus in der alten Hütte. Vorläufig noch heimlich! Aber lange wollte sie ihre Liebe nicht mehr verstecken. Alle sollten sehen, dass sie mit Markus glücklich war.

Warum auch nicht? Es war keine Schande, verliebt und glücklich zu sein. Loni sah ihren Schatz. Er stand bei seinen Freunden, jeder hatte einen Bierkrug in der Hand, und sie rissen Witze und lachten laut. Hin und wieder schaute Markus verliebt zu Loni herüber, und sie erwiderte seinen Blick mit einem freundlichen Lächeln. Die Dorfmusik spielte zünftig zum Tanz auf, und Markus hätte sich seine Loni schon gern einmal geholt, aber er sah, dass sie zur Zeit noch zu viel zu tun hatte, deshalb fasste er sich in Geduld.

Cilli Moosecker pirschte sich an den feschen Holzknecht heran. Die rothaarige Magd war sehr üppig und geizte nicht mit ihren prallen Reizen.

„Du, Markus“, sagte die kokette Magd zu dem blonden Holzknecht. „Hast ein bisserl Zeit für mich?“

„Ich hab’ Zeit“, meldete sich der Frohner Hans grinsend.

„Ich auch“, sagte der Haller Martin.

„Ich ebenfalls!“ rief der Kammerlander Toni. Sie waren nicht nur Markus’ Freunde, sondern auch seine Arbeitskollegen, waren Holzknechte wie er und hätten nichts dagegen gehabt, sich heute mit Cilli Moosecker so richtig tüchtig zu vergnügen. Doch die leichtlebige Magd war im Moment nicht an ihnen interessiert.

„Ihr kommt später dran“, sagte sie. „Jetzt möchte ich mit Markus tanzen.“

„Tanz nicht zu wild mit ihm, er muss am Montag nämlich im Wald wieder hart arbeiten!“, meinte Martin lachend.

„Da liegt doch noch der ganze Sonntag zum Ausruhen dazwischen“, gab Cilli zurück, nahm Markus’ sehnige Hand und entführte ihn zum Tanzboden, was Loni natürlich überhaupt nicht gern sah, doch sie konnte es nicht verhindern. Sie musste immer weiter Bierkrüge füllen. Sie wollte sich nicht von Cilli „vertreten“ lassen, denn die wusste zu gut, wie man einen Mann herumkriegt. Nervös hielt Loni nach ihrem Vater Ausschau, aber sie konnte ihn nirgendwo sehen.

Vergnügt wirbelten Cilli und Markus über den Tanzboden.

„Wo hast du so gut tanzen gelernt?“, fragte Cilli den starken Holzknecht.

„Die Suttner Vroni hat es mir beigebracht.“

Cilli lachte laut, denn die Suttner Vroni war ein steinaltes Kräuterweiblein, knochendürr und mit krummem Rücken. „Das kannst du deiner Großmutter erzählen.“

„Hab’ ich leider keine mehr“, sagte Markus. „Ich bin einfach ein Naturtalent.“

„Spielst du ein Instrument?“

Markus nickte. „Viele.“

„Welche?“

„Alle, die aus dem Radio kommen.“

Cilli lachte wieder. Sie war leicht zu unterhalten. Sie bog sich zurück, warf den Kopf in den Nacken und lachte so laut heraus, dass es bis zu Loni hinüber zu hören war.

War es möglich, dass Max Brunngraber das irgendwie mitbekam? Wie auch immer, er trat zu Cilli und Markus, als ein Musikstück zu Ende ging, und fragte freundlich lächelnd: „Sag, Markus, wie lange willst du denn noch mit der Cilli tanzen? Die Leute fangen schon an, über euch zureden.“

„Blödsinn“, erwiderte der Holzknecht und schaute sich um. Er sah niemanden, der sich um seine Tanzpartnerin und ihn kümmerte. „Das war doch erst der dritte Tanz.“

„Es höchste Zeit, dass ich dich ablöse“, behauptete Max. Die Blaskapelle spielte weiter, der bullige Brunngraber Max zog Cilli grinsend in seine Arme und tanzte mit ihr davon. Markus kehrte zu seinen Freunden zurück.

„Du, die will was von dir“, sagte Martin Haller augenzwinkernd.

„Die Cilli? Ach was.“ Markus winkte kopfschüttelnd ab.

„Das sieht doch ein Blinder“, behauptete Martin.

„Die Cilli will von jedem was“, brummte Markus Fernbach desinteressiert.

„Aber dich würde sie heute am liebsten in ihre Kammer mitnehmen“, grinste der Haller Martin.

„Das ist mir sofort aufgefallen. Da war so ein gewisser Glanz in ihren grünen Katzenaugen.“

„Ich unterhalte mich mit ihr. Ich tanze mit ihr. Ich spendier’ ihr auch gern ein Bier“, sagte Markus Fernbach. „Aber mehr darf sich die gute Cilli von mir nicht erhoffen.“

„He“, lachte der Frohner Hans, „du hast doch nicht etwa ein Keuschheitsgelübde abgelegt.“

„Und wenn doch?“, gab Markus ruppig zurück. „Geht’s dich was an?“

Hans schüttelte den Kopf. „Nein, natürlich nicht. Es würde mich nur wundern. Ein Bursch wie du ...“

„Was soll das heißen, ein Bursch wie ich?“

„Na ja, voriges Jahr warst du ziemlich eifrig hinter jedem Mädel her, das nicht vergeben war.“

„Voriges Jahr war voriges Jahr. Heuer ist heuer.“

Martin Haller wiegte beeindruckt den Kopf. „Das klingt wirklich sehr weise.“

„Darauf muss erst einmal einer kommen“, hänselte Toni Kammerlander den Freund.

„Ach, rutscht mir doch den Buckel runter!“, knurrte Markus.

Martin Haller sah Hans Frohner und Toni Kammerlander an. „Wisst ihr, was ich glaube?“

„Was?“, fragten Hans und Toni gleichzeitig.

„Ich glaube“, sagte Martin, „unser lieber Freund Markus hat für heute schon ein ganz bestimmtes Dirndl im Auge.“

„Ehrlich, Markus?“, fragte Toni neugierig. „Welche ist es?“

Markus schwieg.

„Wir finden es auch so raus.“ Martin Haller schmunzelte zuversichtlich. „Früher oder später.“

 

 

3

„Hast du dich gut amüsiert?“, fragte Loni Kronleithner mit funkelnden Augen. Endlich war sie am Schanktisch abgelöst worden und hatte Zeit für Markus.

„Ich?“, fragte Markus unschuldig. Er war sich wirklich keiner Schuld bewusst.

„Ja, du“, zischte Loni.

„Mit wem?“

„Tu nicht so scheinheilig! Mit der Cilli natürlich.“

„Ich hab’ mit ihr getanzt, das war alles.“ Markus Fernbach meinte nicht, sich verteidigen zu müssen. Er hatte nichts Verwerfliches getan.

„Drei Tänze hast du mit ihr getanzt.“

„Was ist denn schon dabei?“

„Einer hätte gereicht“, fauchte Loni, „aber du hast ja nicht genug bekommen.“

„Sei nicht kindisch!“

„Wenn der Max sie dir nicht abgenommen hätte, würdest du noch immer mit ihr tanzen“, behauptete Loni leidenschaftlich.

„Blödsinn!“

„Tanzt sie so gut - oder womit hat sie dich so sehr gefesselt?“

„Sie hat mich überhaupt nicht gefesselt.“

„Belüg mich nicht! Ich habe euch die ganze Zeit beobachtet.“

„Dann musst du auch gesehen haben, dass absolut nichts vorgefallen ist. Hör zu!“, sagte Markus geduldig. „Es ist nichts, es war nichts, und es wird nie etwas zwischen Cilli und mir sein, weil ich nämlich nur eine gern hab’ und das bist du. Zufrieden? Gehst du mit mir jetzt endlich tanzen? Freiwillig? Oder muss ich dich vor allen Leuten zum Tanzboden tragen?“

„Das würdest du nicht tun.“

„Oh doch, ich würde.“

Sie sah seinen entschlossenen Blick und sagte sich, dass es vernünftiger war, es nicht darauf ankommen zu lassen.

 

 

4

Sie schwebten übermütig über den Tanzboden. Vergessen war der Ärger wegen Cilli. Sie lachten, tanzten und waren glücklich. Fünf Tänze waren ihnen gegönnt, dann forderte Max Brunngraber den Tanz ein, den Loni ihm versprochen hatte.

Thomas Gerber, der Förster, Markus’ Chef, bat ihn kurz zur Seite.

„Ich hab’ am Montag in der Stadt zutun“, sagte er. „Den andern hab’ ich’s schon gesagt: Ich möchte, dass ihr die Arbeit im Mooswald vorzieht.“

„Wir sollen zuerst die Tannen setzen und erst danach die kranken Bäume, die Sie markiert haben, schlagen?“

Gerber nickte. „So ist es.“

„Kein Problem, Chef“, sagte Markus. „Wie lange bleiben Sie in der Stadt?“

„Nicht lange. Montagabend bin ich wieder in Sonnental.“ Der Förster entschuldigte sich wegen der Störung.

„Macht doch nichts“, sagte Markus.

Thomas Gerber wünschte ihm weiterhin viel Vergnügen und begab sich zum Tisch des Bürgermeisters, der mit dem Dorfpfarrer heftig diskutierte, während sich die Frau des Bürgermeisters mit der Pfarrersköchin friedlich unterhielt.

Auf der Suche nach seinen Freunden kam Markus an einem Turm von Getränkekisten vorbei. Er blieb stehen und ließ den Blick schweifen.

Plötzlich hörte er jemanden sagen: „Sie passen gut zusammen, deine Loni und mein Max.“

Das konnte nur der Großbauer Ludwig Brunngraber festgestellt haben.

„Deshalb müssen sie auch heiraten“, erwiderte daraufhin Lonis Vater Karl Kronleithner, der Ochsen Wirt, als wäre das bereits längst beschlossene Sache.

Markus Fernbach gab es einen schmerzhaften Stich. Er spitzte die Ohren, damit ihm kein Wort von dem entging, was die Männer hinter den Kisten redeten.

„Mein Bub tät’ schon wollen“, sagte Ludwig Brunngraber, „aber deine Loni, die weiß anscheinend noch nicht so recht, was sie will.“

„Meine Loni tut, was ihr Vater sagt. Ich hab’ sie gut erzogen. Sie ist ein gehorsames Madl, das weiß, dass es der Vater immer nur gut meint mit seinem Kind. Außerdem - Geld muss zu Geld. Ein armer Schlucker kommt mir nicht ins Haus. Ich hab’ nicht mein Leben lang schwer geschuftet, dass am End’ so ein windiger Nichtsnutz daherkommt und mein sauer verdientes Geld durchbringt.“

„Es kann eine Menge schiefgehen, wenn die falschen Leut’ heiraten“, philosophierte Ludwig Brunngraber.

„Deshalb werden wir beide kein Risiko eingehen“, sagte der Ochsen Wirt.

„Wenn man jung ist, hat man noch so dumme Ansichten. Erst als reifer Mensch weiß man die wahren Werte des Lebens richtig zu schätzen.“

„Ich hab' dir versprochen, dass dein Maxi meine Loni kriegt, und so wird’s auch kommen. Hier, Freund, meine Hand drauf! Du kannst dich auf mein Wort verlassen. Was der Kronleithner Karl verspricht, das hält er.“

„Das will ich gern glauben, nur ...“

„Hast du etwa Bedenken?“, fragte der Ochsen Wirt unwirsch.

„Nicht deinetwegen. Wir kennen uns schon so lang’. Ich weiß, dass man sich auf dich blind verlassen kann ...“

„Ich steh’ auch jederzeit für meine Familie gerade“, behauptete Karl Kronleithner mit kräftiger Stimme.

Dennoch meldete der Großbauer vage Bedenken an. „Es könnte sein, dass deine Loni sich bereits einen andern Burschen ausgesucht hat.“

„Davon wüsst’ ich was.“

„Vielleicht erst mal nur insgeheim“, sagte Ludwig Brunngraber.

„Meine Loni heiratet den Mann, den ich für sie aussuch’, und keinen andern. Sie kriegt den Maxi, und zwar noch in diesem Jahr, und nächstes Jahr kann der Herr Pfarrer bereits unser erstes Enkelkind taufen.“

„Angenommen, nur einmal angenommen, ja? Angenommen, die Loni will nicht Maxis Frau werden.“

„Warum sollte sie das nicht wollen? Er ist reich. Sie kennt ihn seit Kindestagen. Sie kann ihn gut leiden, hat noch nie schlecht über ihn geredet ...“

„Na ja“, meinte Ludwig Brunngraber, „man hört neuerdings die oberg’scheiten Leute hin und wieder von irgendeiner Chemie faseln, die stimmen muss.“

„Von was für einer Chemie denn?“, fragte der OchsenWirt unwillig. „Solche Blödheiten sollen sie schön in der Stadt lassen, die haben bei uns auf dem Land nichts zu suchen. Und komm mir jetzt bitte nicht damit, dass meine Loni deinen Maxi vielleicht noch nicht liebt. Das kommt später. Ich habe meine Elisabeth auch nicht geliebt, als ich mit ihr vor den Traualtar trat. Ich habe mich mit ihrem Vater unter vier Augen im Herrgottswinkel unterhalten. Er hat mir gesagt, wie viel Mitgift ich zu erwarten habe, und ich hab' mich entschlossen, seine Tochter zur Frau zu nehmen. Ich hab' diesen Entschluss nie bereut. Elisabeth ist eine kreuzbrave, treue, arbeitsame Frau, und ich liebe sie. Ohne sie könnte ich die viele Arbeit, die im Ochsen anfällt, gar nicht bewältigen.“

„Trotzdem ...“

„Ich hab’ dir gesagt, dass meine Loni ein guterzogenes, gehorsames Madl ist. Es wäre für sie undenkbar, sich über meinen Willen hinwegzusetzen. Außerdem weiß sie, dass ich sie, bei aller väterlicher Liebe, auf der Stelle aus dem Haus jagen und enterben würde, wenn sie sich mir in einer so wichtigen Angelegenheit widersetzt. Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

Markus Fernbach stand wie vom Donner gerührt vor dem Kistenturm. Was er soeben unfreiwillig mit angehört hatte, war so entsetzlich für ihn, dass er es kaum fassen konnte. Er traute Karl Kronleithner die Willenskraft zu, seine Tochter in die Knie zu zwingen. Loni hatte keine Wahl. Sie musste den bulligen Sohn des Großbauern heiraten, sonst wurde sie von ihrem Vater verstoßen.

Markus hatte das Gefühl, als hätte ihm jemand mit einem schweren Hammer auf den Kopf geschlagen. Seine Gedanken schienen in tausend Scherben zersprungen zu sein. Er bekam sie nicht mehr richtig zusammen, torkelte wie ein Betrunkener davon und hätte den wahnsinnigen Schmerz, der ihm fast die Brust zerriss, am liebsten laut herausgebrüllt.

„Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

Jedes einzelne Wort dieses Satzes steckte wie ein Giftpfeil mit Widerhaken in seinem Fleisch. Er litt fürchterliche Qualen, und keiner wusste es. Alle um ihn herum waren so grauenvoll fröhlich. Sie lachten, sangen, schunkelten, tanzten, während er mitten unter ihnen viele grässliche Tode starb.

Wie konnten sie so vergnügt sein, wo sich für ihn doch die Welt zu drehen aufgehört hatte? „Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

Elisabeth Kronleithner stand auf einmal vor ihm. „Hast du meinen Mann gesehen, Markus?“

„Nein“, antwortete er.

Es entsprach der Wahrheit. Gesehen hatte er ihn nicht, aber gehört.

„Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut!“

„Ist dir nicht gut?“, fragte Elisabeth Kronleithner. „Du bist kreideweiß im Gesicht.“

Es geht mir hervorragend!

„Hast wohl zu viel getrunken.“

Nein, hab’ ich nicht. Noch nicht. Aber ich werde. Eimerweise werde ich Bier trinken - und Schnaps - und Wein - und Likör - und alles durcheinander. So lange, bis ich tot umfalle.

„Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut.“

Wenn er doch nur endlich diesen peinigenden Satz losgeworden wäre. Er konnte ihn nicht mehr hören, konnte ihn nicht mehr ertragen. Er würde daran noch zugrunde gehen. Max und Loni ... Ein Ehepaar ... Noch in diesem Jahr ...

Das halt’ ich nicht aus, dachte Markus verzweifelt. Das steh’ ich nicht durch. Ich kann sie nicht in die Kirche gehen und als Vermählte vor dem Herrn herauskommen sehen.

„Du gefällst mir gar nicht, Markus“, sagte Elisabeth Kronleithner besorgt.

Im gleichen Moment entdeckte sie ihren Mann. Einträchtig und sichtlich zufrieden trat er mit Ludwig Brunngraber hinter den Kisten hervor. Auch der Großbauer wirkte so zufrieden, als habe er soeben das beste Geschäft seines Lebens gemacht. Dass die Liebe dabei zu kurz kam, störte die beiden offensichtlich überhaupt nicht. Gefühle sind, das wussten sie schon seit langem, beim Aushandeln von großen, rentablen Geschäften nur hinderlich.

Markus lief weiter. Trinken!, dachte er. Trinken! Ich muss meinen Kummer wie eine räudige Ratte ersäufen!

Er leerte kurz hintereinander zwei Krüge Bier, lachte, obwohl ihm zum Weinen war, spielte allen den Heiteren, Fröhlichen, Vergnügten vor, während das Chaos der Ratlosigkeit in ihm immer größer wurde!

Du bist nichts, wenn du kein Geld hast, ging es ihm durch den Sinn. Weniger als nichts. Kommst als Ehekandidat für Loni Kronleithner überhaupt nicht in Frage. Wie konntest du dich erfrechen, dich in dieses wunderbare Geschöpf zu verlieben? Es steht, einem armen Schwein nicht zu, von dieser süßen Frucht zu naschen. Dir bleibt das angestochene, wurmige und angefaulte Fallobst vorbehalten.

Er trank Wein und lachte über sich und sein deprimierendes Schicksal. Loni und Max würden noch in diesem Jahr heiraten - und er würde von ihrem Hochzeitstag an nicht mehr in seinem geliebten Sonnental leben können, weil es für ihn unerträglich sein würde, zu sehen, dass sein geliebter Schatz mit einem andern Mann lebte und ihm ein Kind nach dem andern schenkte.

Nach dem Wein kam der Schnaps. Obstler, Enzian, Marillenbrand ... Markus schüttete alles wahllos in sich hinein und schaukelte immer heftiger durch das turbulente Fest.

„Liebe Güte, du hast schon mächtig einen in der Krone“, meinte Martin Haller grinsend, als sie sich beim Bierausschank trafen.

„Hab’ was zu feiern“, sagte Markus mit schwerer Zunge.

„So? Was denn?“

„Ich feiere heute meinen ganz persönlichen Unabhängigkeitstag.“

„Und wovon bist du unabhängig?“, wollte Martin belustigt wissen.

„Von allem. Einfach von allem.“ Markus fuchtelte mit den Händen in der Luft herum.

„Mich geht nichts mehr was an, verstehst du? Kannst du mir folgen? Ich bin mein eigener Staat, meine eigene Regierung, mein eigener Herr. Ich kann tun und lassen, was ich will.“

„Das können wir doch alle.“

„Hast du deine eigenen Gesetze?“, fragte Markus. „Nein, hast du nicht. Siehst du. Ich schon.“

Martin Haller schüttelte lachend den Kopf. „Du bist verrückt.“

„Auf meinem eigenen Grund und Boden kann ich so verrückt sein, wie ich will. Wer sollte mich verurteilen? Es gibt niemanden über mir und keinen unter mir. Ich bin arm und reich und bilde zugleich auch den Mittelstand. Ist das nicht großartig?“ Das Strahlen verschwand aus Markus’ Gesicht. „Die Sache hat nur einen einzigen Haken“, sagte er ernst.

„Welchen?“, wollte Martin Haller wissen.

„Ich bin in meinem souveränen Staat ganz allein. Ich bin der einsamste Mensch auf der Welt.“ Martin legte dem Freund den Arm um die Schultern und sagte: „Da sieht man es wieder einmal: Es ist eben doch nichts vollkommen.“

 

 

5

„Markus, wo treibst du dich denn herum?“, fragte Loni Kronleithner vorwurfsvoll.

Markus Fernbach grinste breit. „Ich habe mich aus Sonnental nicht raus gerührt.“

„Ich suche dich seit einer Stunde.“

„Ich war hier“, lallte Markus. „Ich war die ganze Zeit hier.“

Loni sah ihn ärgerlich an. „Mein Gott, warum hast du denn so viel getrunken?“

Er hob den Finger und sagte belehrend: „Ich habe nicht getrunken, ich habe getankt.“

„Aha, du hast getankt, und was, bitte schön, hast du getankt?“

„Treibstoff für die gute Laune“, antwortete Markus.

Loni betrachtete ihn wütend. „Du kannst ja kaum noch stehen.“

Er zuckte gleichgültig die Achseln. „Wenn ich nicht mehr stehen kann, trinke ich im Liegen weiter.“

„Und wann hörst du auf?“

„Bis ich voll bin.“

Loni schüttelte verständnislos den Kopf. „Warum tust du das?“

„Man muss den Ochsen Wirt doch was verdienen lassen, damit er noch reicher wird.“

„Was soll das, Markus?“, fuhr Loni ihn scharf an. „Ich habe mich so sehr auf dieses Fest gefreut, und nun stehst du kurz vor dem Absturz.“

„Da lob’ ich mir den Brunngraber Maxl, was?“, spottete Markus. „Der steht noch wie eine knorrige Eiche. Ich würde mich an deiner Stelle an ihn halten. Sei ein braves Töchterlein! Tu deinem Vater den kleinen Gefallen.“

„Sag, spinnst du? Was ist denn auf einmal los mit dir? Was soll das alberne Gerede von meinem Vater? Hat es dich geärgert, dass ich mit dem Max getanzt habe? Muss ich dich an die Cilli erinnern, die du beinah’ nicht mehr losgelassen hättest?“

„Ich hab’ noch deine Worte im Ohr: Der Brunngraber Maxl bewegt sich auf dem Tanzboden wie ein russischer Zirkusbär.“

„Na und? Ich tanze mit jedem, der mit mir tanzen möchte - und der noch einigermaßen gerade stehen kann“, erwiderte Loni heftig. „Du solltest dich schämen. Wie kann man sich nur in so kurzer Zeit so sehr betrinken? Schade, dass du dich nicht sehen kannst. Richtig jämmerlich siehst du aus.“

„Im Vertrauen: So fühle ich mich auch. Aber nicht weitersagen.“

„Komm, ich bring’ dich nach Hause!“ Sie griff nach seinem Arm.

Er riss sich los. „Ich will noch nicht nach Hause.“

„Für dich ist das Fest zu Ende.“

Er lachte auf. „Oho, das ist es noch lange nicht.“

„Du denkst doch nicht etwa, dass ich mit dir ...“

„Wieso denn du? Wer spricht denn von dir? Von dir ist doch überhaupt nicht die Rede. Irgendein Madl wird sich meiner schon annehmen.“

Lonis Augen füllten sich mit Tränen. „Willst du mir wehtun, oder was soll das, was du hier abziehst, Markus?“

„Man hat mir die Augen geöffnet.“

„Wer?“

„Zwei Männer“, sagte der Holzknecht, während er heftig schwankte. „Sie standen dort drüben hinter den Kisten.“

„Und was haben sie gesagt?“, wollte die schöne Tochter des Ochsen Wirts wissen.

„Dass ich ein Narr bin“, antwortete Markus Fernbach bitter. „Ein dummer Träumer. Ein verrückter Phantast.“ Er hob den Kopf und blinzelte in die grelle Sonne. „Es ziehen Wolken auf über Sonnental. Dunkle, schwere, graue, hässliche Wolken.“

„Ich sag’ dir was, Markus: Ich lass’ dich mit deinem dicken Kopf jetzt lieber allein, ehe du mir diesen Tag noch völlig verdirbst. Mach’s gut! Wo ich zu finden bin, weißt du, aber ich möchte dich erst wiedersehen, wenn du wieder normal bist.“ Sie drehte sich erbost auf den Absätzen um und entfernte sich mit schwingendem Rock.

Er schaute ihr mit glasigen Augen wehmütig nach. „Da geht sie dahin - mein Engel, mein Glück, mein ein und alles ...“, murmelte er niedergeschlagen. „Und bald wird sie einem andern gehören.“

Cilli war auf einmal wieder da. „Na, du.“ Sie nahm seine Hand und wollte ihn zum Tanzboden ziehen. Er schüttelte ihre Hand ab.

„Lass mich in Ruhe! Mir ist schlecht.“

„Oh, du Ärmster, du tust mir ja so leid“, sagte die rothaarige Magd anteilnehmend. Sie strich ihm das blonde Haar sanft aus der Stirn.

„Reich müsste man sein, so richtig schön reich“, sagte er völlig unzusammenhängend, und seine Augen leuchteten dabei seltsam.

„Ja, das wär’ was“, stimmte sie ihm zu, „aber das werden wir wohl nie werden.“

„Nicht in Sonnental“, brummte Markus.

„Wo denn sonst?“

„In der Stadt“, sagte der Holzknecht und zog die Augenbrauen in die Höhe.

Die dralle Cilli Moosecker winkte ab. „Ach, geh!“

„Wenn man die richtigen Leute kennt.“

„Wen kennst du denn schon in der Stadt?“, fragte Cilli den Waldarbeiter.

„Stell dir vor, du verlässt Sonnental arm wie eine Kirchenmaus, und wenn du wiederkommst, bist du so reich, dass du das halbe Dorf kaufen kannst.“

Die Magd schüttelte lachend den Kopf. „Markus, du spinnst!“

„Lass mich spinnen. Was ist schon dabei? Stell dir vor, du bist so reich wie Ludwig Brunngraber und der Ochsen Wirt zusammen. Was würdest du dann tun?“

„Darüber brauche ich mir nicht den Kopf zu zerbrechen, dazu wird es nie kommen.“

„Spielverderberin“, sagte der Holzknecht. „Ich weiß, was ich in diesem Fall tun würde. Ich weiß es.“

„Na, was?“

„Das“, sagte Markus Fernbach undeutlich, „wird nicht verraten.“

 

 

6

Markus sah Loni mit Hans Frohner und Toni Kammerlander sprechen. Die beiden Freunde kamen zu ihm.

„Ist alles in Ordnung, Markus?“, fragten sie.

„Alles in bester Ordnung, Kameraden“, versicherte Markus ihnen grinsend.

„Wenn du möchtest, bringen wir dich nach Hause“, sagte der Frohner Hans.

„Ihr habt den Auftrag, mich von hier zu entfernen, nicht wahr?“, erwiderte Markus.

„Ist doch nicht wahr“, sagte der Kammerlander Toni, als wäre er beleidigt. „Helfen wollen wir dir. Nur helfen.“

„Das ist zwar sehr nett von euch, aber ich brauche keine Hilfe.“ Markus legte den Arm um Cillis Schultern. Er schwankte einen Moment so sehr, dass sie mit ihm beinahe umgefallen wäre.

„Ich habe schon jemanden, der sich um mich kümmert“, erklärte er. Und zu Cilli sagte er: „Komm, gehn wir tanzen!“

Die Magd sah ihn erschrocken an. „Aber du hast vorhin gesagt ...“

„Willst du nicht mit mir tanzen?“

„Doch, schon, aber mein Kleid ist noch ziemlich neu, und ...“

„Keine Angst, ich werde dein Kleid nicht beschmutzen“, versprach er und schleppte sie zum Tanzboden, um sich die traurige Seele mit aufgesetztem Übermut aus dem Leib zu tanzen. Loni sah ihn mit Cilli tanzen. Es war ihm egal.

„Jeder bekommt, was ihm zusteht“ , sagte er sich. „Die Loni kriegt den Max, und für mich bleibt die Cilli. Das ist immer noch besser, als allein zu sein. Ich weiß nicht, was ich jetzt allein anstellen würde. Vielleicht kann ich bei Cilli meinen Kummer vergessen.“ Nachdem er zweimal beinahe vom Tanzboden gefallen wäre, hörte er auf, sich wie verrückt zu drehen.

„Weißt du, was mir jetzt gut tun würde?“, fragte er das rothaarige Madl. Es war inzwischen Abend geworden.

Cilli kicherte. „Sag mir’s ins Ohr!“

„Wozu denn?“, sagte Markus Fernbach breit grinsend. „Das kann jeder hören: Starker schwarzer Kaffee, eine ganze Kanne voll.“

Cilli sah ihn enttäuscht an.

„Und sonst nichts?“ Jetzt brachte er seine Lippen an ihr Ohr, und was er dann flüsterte, ließ ihre Augen begeistert aufleuchten.

Als er mit Cilli allein war, stürzte er sich förmlich in sie, um zu vergessen, und sie gab sich redlich Mühe, ihm dabei zu helfen, obwohl sie eigentlich keine Ahnung hatte, was überhaupt mit ihm los war. Sie war eine Frau, und Frauen können sehr viel tun, um einen Mann auf andere, schönere, Gedanken zu bringen. Vor allem Frauen wie Cilli Moosecker. Sie gab sich ihm voll und ganz hin, und er nahm ihr warmes, großzügiges Geschenk dankbar und hemmungslos an. Verbissen verdrängte er jeden Gedanken aus seinem Kopf, der auch nur im entferntesten mit Loni Kronleithner, die schon bald Brunngraber heißen würde, zu tun hatte. Die Frau eines andern durfte keinen Platz in seinem Herzen haben, das wäre nicht recht gewesen.

Die erfahrene Cilli erfüllte ihm alle Wünsche. Sogar die, die er gar nicht hatte. Schließlich wollte sie ja auch selbst auf ihre Kosten kommen, und das kam sie.

Markus blieb die ganze Nacht bei ihr. Irgendwann übermannte ihn die Müdigkeit, und er schlief ein. Ihre Kammer war erfüllt von seinen lauten Schnarchgeräuschen.

„Dass die Mannsbilder immer so fürchterlich schnarchen müssen“, dachte sie, schmiegte sich an den bärenstarken Burschen und war für heute glücklich und zufrieden.

Wenn er doch nur bleiben würd’, ging es ihr durch den Sinn, während sie auf den Schlaf wartete. Er hätte ein schönes Leben bei mir. Ich würde alles für ihn tun. Aber mit einer wie mir verbringt man höchstens eine Nacht und verschwindet dann klammheimlich wieder, hoffend, dass niemand im Dorf was davon mitgekriegt hat.

Sie bedauerte, dass sie zu diesem schlechten Ruf gekommen war, denn seinetwegen würde sie wohl nie einen anständigen Mann kriegen. Markus Fernbach wäre ihr schon sehr recht gewesen. Für ihn hätte sie ihr leichtes Leben sofort aufgegeben, aber er würde sich morgen bestimmt genauso aus dem Staub machen, wie es alle Männer bisher getan hatten. Und er würde - wenn überhaupt - erst dann wieder den Weg in ihre Kammer finden, wenn er so sturzbetrunken war wie heute.

Markus Fernbach drehte sich auf die Seite und legte seinen Arm über sie. Schwer drückte er auf ihre Brust und behinderte sie beim Atmen, aber sie fand es trotzdem schön. Es tat ihr gut zu spüren, dass jemand bei ihr war, dass sie nicht allein war. Markus hatte im Rausch von der Stadt gesprochen. Wollte er Sonnental wirklich verlassen?

Wenn er mich fragen würde, ob ich mitkommen möchte, ich würde ja sagen, dachte Cilli Moosecker. Sie sah den schlafenden Holzknecht an. Es war hell in ihrer Kammer. Der Mond war fast voll und sandte sein silbrig fahles Licht durch das Fenster, so dass Cilli das gut geschnittene Gesicht des feschen Burschen ziemlich genau sehen konnte.

„Ich würde mit dir überallhin gehen, Markus Fernbach“, flüsterte sie. „Du müsstest mich nur fragen.“

 

 

7

Am Montag setzten die Waldarbeiter im Mooswald die Tannen, wie der Förster es ihnen aufgetragen hatte. Markus ging es miserabel. Er hatte den Sonntag zu Hause verbracht und war für niemanden zu erreichen gewesen.

Ihn drückte nicht das schlechte Gewissen, weil er mit Cilli zusammen gewesen war. Er litt auch nicht mehr an den Nachwirkungen seines Mordsrausches vom Samstag. Was ihm so sehr zu schaffen machte, war die Tatsache, dass er Loni, seinen über alles geliebten Schatz, verloren hatte. Verloren an den Sohn des Großbauern Ludwig Brunngraber.

„Man hält es nicht für möglich, dass es das in der heutigen Zeit noch immer gibt“, grübelte Markus, während er stumm das nächste Loch für die nächste Tanne grub. Sie hatten den Mooswald im vergangenen Jahr stark ausgelichtet, und nun musste der fehlende Bestand ergänzt werden.

Zwei Väter verschachern ihre Kinder, dachte Markus verbittert. Wie Vieh aus ihrem Stall. Zynisch setzen sie sich über so hohe Werte wie Zuneigung, Herzenswärme und Liebe hinweg und haben nur eins im Auge: dass Geld zu Geld kommt. Und ich, ich bleib’ dabei auf der Strecke, denn ich bin nichts, und ich hab’ nichts. Für so einen ist dem Ochsen Wirt seine Tochter zu schade. So einer ist dem Ochsen Wirt für seine Tochter nicht gut genug. Da gibt es bessere. Den Brunngraber Maxl zum Beispiel. Der hat Loni nicht nur Gefühle zu bieten, sondern auch Geld. Viel Geld. Und Geld regiert die Welt. Auch in Sonnental. Gerade in Sonnental ...

Der Frohner Hans sprach ihn an, doch er reagierte nicht.

„Lass ihn, Hans!“, sagte Martin Haller schmunzelnd. „Der redet nicht mehr mit uns.“

„Und warum nicht?“, wollte Hans Frohner wissen.

Martin zuckte die Achseln. „Vielleicht hält er sich für was Besseres.“

„Weil er mit der Moosecker Cilli die Nacht verbracht hat?“, warf Toni Kammerlander ein. „Darauf braucht er sich nichts einzubilden.“

„Sucht euch ein anderes Opfer für eure blöden Sticheleien“, murmelte Markus Fernbach missmutig.

„He, was ist denn los mit dir?“, fragte Martin Haller verwundert.

„Nichts ist los mit mir“, brummte Markus Fernbach.

„Was hast du denn für eine miserable Laune?“, fragte Hans Frohner.

„Jeden Tag kann man nicht in Hochstimmung sein“, gab Markus verdrossen zurück.

„Hans hat dich was gefragt“, sagte Martin Haller, „aber du hast ihm keine Antwort gegeben.“

„Ich bin nicht zum Reden hier, sondern zum Arbeiten“, knurrte Markus.

„Aber man kann doch das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden“, hielt ihm der Haller Martin dagegen. „So haben wir es doch immer gehandhabt, ohne deshalb weniger zu arbeiten.“

„Ich möcht’ heut’ meine Ruh’ haben“, erwiderte Markus harsch. „Ist das denn zu viel verlangt?“

Der Kammerlander Toni wiegte den Kopf. „Lieber Himmel, ist der grantig!“

Der Frohner Hans grinste.

„Wenn er könnt’, würde er sich glatt selbst in seinen Allerwertesten beißen.“ Sie ließen Markus danach seine Ruhe, redeten nur noch miteinander und richteten das Wort nicht mehr an den griesgrämigen Freund.

Zu Mittag setzte Markus sich allein auf einen Baumstrunk und packte Brot und Speck aus. Er wünschte keinem seiner Freunde die Sorgen und den Kummer, den er hatte. Wenn er ihnen seine traurige Geschichte erzählt hätte, hätten sie bestimmt Verständnis für seine üble Laune gehabt, aber er hatte keine Lust, ihnen sein Herz auszuschütten. Was zwischen ihm und Loni gewesen war, sollte auf immer und ewig sein Geheimnis bleiben. Es wäre nicht gut für Loni gewesen, die Sache an die große Glocke zu hängen. Er wollte ihr nicht schaden. Er liebte sie ja immer noch. Obwohl er in der Samstagnacht einen rasiermesserscharfen Trennungsstrich zwischen ihr und sich gezogen hatte. Sie weiß nicht, warum, dachte Markus deprimiert. Niemand weiß es. Niemand außer Karl Kronleithner, Ludwig Brunngraber und mir.

 

 

8

Am Nachmittag fragte Martin Haller vorsichtig: „Geht’s dir schon ein bissel besser, Markus? Du weißt, ich bin dein Freund. Wenn ich dir irgendwie helfen kann ...“

„Danke, Martin, aber da muss ich allein durch.“

„Ich bin immer für dich da. Jederzeit.“

„Ja, ich weiß.“

„So, wie du für mich“, sagte der Haller Martin.

„Ich komm’ schon zurecht.“

„Du warst gestern nicht in der Kirche“, sagte Martin.

„Ich hab’ geschlafen.“

„Auch am Nachmittag?“, fragte Martin.

„Ich habe fast den ganzen Sonntag im Bett verbracht.“

„Warum hast du so viel getrunken?“, wollte der Haller Martin wissen.

„Es hat mir geschmeckt.“

„Ich hatte irgendwie den Eindruck, du wolltest dich selbst zerstören“, sagte Martin.

„Ich hab’ noch nie einen größeren Rausch gehabt.“

„Du wolltest wohl sehen, wie viel du verträgst.“

„Kann schon sein“, gab Markus Fernbach zurück.

„Wie war Cilli zu dir?“

„Sie hat mich sanft, gütig und verständnisvoll behandelt“, antwortete Markus.

„Wann bist du nach Hause gegangen?“

„Im Morgengrauen. Cilli hat gesagt, ich soll bleiben, aber das wollte ich nicht. Wegen dem Gerede. Cilli hätte es nichts ausgemacht.“

„Sie ist es gewöhnt, dass sich die Leute über sie das Maul zerreißen“, sagte Martin Haller.

Markus Fernbachs Miene verdüsterte sich.

„Die Dörfler können manchmal ziemlich gehässig sein. Sie küssen dem Herrgott am Sonntag die Füße, und kaum sind sie aus der Kirche draußen, verspritzen sie ihr gemeines Gift schon wieder in alle Richtungen, und das Meiste davon bekommt immer die arme Cilli ab. Sie tut mir leid. Es ist ein Wunder, dass sie trotz allem noch so fröhlich ist.“

„Wenn man immer angegriffen wird, legt man sich mit der Zeit einen dicken Schutzpanzer zu, an dem die Pfeile der Intoleranz und der Bosheit wirkungslos abprallen.“

Sie schwiegen eine Weile, arbeiteten, gruben Löcher in den weichen Waldboden, setzten Tannen ein, schütteten die Löcher zu und traten das lockere Erdreich fest.

„Ich hatte gestern sehr viel Zeit zum Nachdenken“, sagte Markus schließlich.

„Und was ist dabei herausgekommen?“, erkundigte sich sein Freund.

„Dass wir arme Schweine sind“, antwortete Markus verbittert.

„Wir?“

„Du. Ich. Der Hans. Der Toni ...“

„Und wieso sind wir das?“, fragte Martin Haller.

„Weil wir kein Geld haben“, erklärte Markus Fernbach.

„Geld allein macht nicht glücklich.“

„Den Spruch haben die erfunden, die nie die Chance hatten, reich zu werden“, sagte Markus.

„Ich möchte gar nicht reich sein.“

„Ich schon.“

„Besitz macht Sorgen“, sagte Martin Haller.

Markus Fernbach grinste. „Noch so ein bescheuerter Spruch.“

„Ich bin bescheiden“, sagte Martin. „Ich hab’ mit dem, was ich habe, mein Auskommen.“

„Es gibt zu viele Grenzen für arme Leute“, behauptete Markus. „Grenzen, über die sich der Reiche mühelos hinwegsetzen kann. Für den Armen jedoch sind sie ein unüberwindbares Hindernis.“

„Ich glaube, du spielst das zu sehr hoch.“

„Tu’ ich das?“

„Na schön, ich kann mir nicht jedes Jahr einen neuen Mercedes kaufen“, sagte Martin Haller. „Ich kann mir überhaupt keinen Mercedes kaufen, aber ich bin deswegen nicht unglücklich. Es geht mir gut. Ich bin gesund. Ich habe genug zu essen, habe eine Arbeit, die mir gefällt, bin jeden Tag draußen in Gottes freier Natur, kann es mir leisten, ins Wirtshaus zu gehen, wann immer ich Lust dazu habe. Was will ich mehr?“

„Stell dir vor, du verliebst dich in die Tochter eines Großbauern. Meinst du, du kriegst sie? Nie im Leben. Wenn du zu ihrem Vater gehst und ihn um ihre Hand bittest, jagt er dich mit der Mistgabel von seinem Hof.“

„Es gibt genug andere Madln, in die ich mich verlieben kann“, sagte Martin Haller. „Wenn nicht hier, dann in einem der Nachbardörfer.“

Markus seufzte. „Du willst mich nicht verstehen.“

„Ich brauch’ kein Geld zum Glücklichsein, und ich lasse mir von dir nicht einreden, dass ich unglücklich bin, bloß weil ich nicht so reich bin wie ... wie der Brunngraber Ludwig.“

„Ohne Geld ist man ein Nichts, ein Niemand“, behauptete Markus Fernbach überzeugt. „Wer das nicht bleiben will, muss was dagegen unternehmen.“

„Wenn das so einfach wäre, gäbe es keine armen Leute auf der Welt.“

„Das Geld liegt auf der Straße“, sagte Markus. „Man muss nur die Augen offen halten, damit man es sieht, und man darf nicht zu faul sein, sich zu bücken und es aufzuheben.“

„Ich hab’ vor ein paar Wochen fünf Mark beim Dorfbrunnen gefunden, hab’ sie aufgehoben, bin in die Kirche gegangen und hab’ sie in den Opferstock geworfen.“

„Ich rede nicht von fünf Mark“, erwiderte Markus. „Ich rede vom großen Geld.“

„Und das soll auf der Straße liegen?“

„Nicht in Sonnental.“

„Sondern wo?“, fragte Martin Haller.

„In der Stadt“, antwortete Markus Fernbach und nickte bekräftigend. „In der Stadt.“

 

 

9

Am Dienstag fällten sie die kranken Bäume, die Thomas Gerber mit einer Spraydose rot markiert hatte. Die Waldarbeiter trugen knallgelbe Schutzhelme, und in weitem Umkreis war das Brummen ihrer Motorsägen zu hören. Baum um Baum stürzte krachend um. Sie schnitten die Äste ab, entrindeten die Stämme und schleiften diese mit dem Traktor auf eine Lichtung, von wo Hubert Kramreither, der Sägewerksbesitzer, sie nächste Woche abholen würde.

„Du hast dich gestern so angehört, als hättest du die Absicht, Sonnental zu verlassen“, sagte der Haller Martin während einer Arbeitspause. „Willst du wirklich in die Stadt gehen und dort dein Glück versuchen? Du bist Holzknecht. Du kannst sonst nichts. Als was willst du in der Stadt arbeiten?“

„Darüber zerbreche ich mir den Kopf, wenn’s soweit ist“, gab Markus zurück. „Noch bin ich nicht weg.“

„Ich würde mir diesen Schritt an deiner Stelle reiflich überlegen.“

Markus nickte. „Das werde ich, darauf kannst du dich verlassen.“

Er kletterte auf den Traktor und schleppte den mächtigen Stamm fort, den der Frohner Hans und der Kammerlander Toni eben noch bearbeitet hatten.

Inzwischen gruben sich Martins, Hans’ und Tonis Motorsägen ins Holz eines weiteren Baumes. Die Arbeit ging den dreien gut von der Hand.

Als Markus die dickgliedrige Kette löste, die um den abgeschleppten Stamm lag, brach der nächste Baum nieder - und plötzlich gellte ein markerschütternder Schrei durch den Wald. Markus gefror das Blut in den Adern.

„Jesus, da ist was passiert!“, stieß er aufgewühlt hervor, sprang auf den Traktor und fuhr zu den Freunden zurück, so schnell es möglich war. Verstört sprang er von dem Gefährt und rannte zu den gelben Helmen. Es waren nur zwei. Wo war der dritte? Himmel, wo war der Mann, der den dritten Helm trug? Wer fehlte? Markus konnte es in der Eile nicht sehen.

„Was ist passiert?“, schrie er atemlos.

Die beiden Männer vor ihm drehten sich um. Es waren Hans und Toni.

„Wo ist Martin?“, brüllte Markus.

„Es hat ihn erwischt“, sagte der Kammerlander Toni, bleich vor Entsetzen.

„Wie erwischt?“, schrie Markus. „Wo ist er?“

„Unterm Baum“, antwortete Toni heiser.

„Um Gottes willen, wie konnte er unter den Baum geraten?“

„Keine Ahnung, es ging alles so schnell.“

Markus drängte die Freunde zur Seite. Er sah den Baum, unter dem der Haller Martin lag, sah den gelben Schutzhelm in einer Wurzelsenke liegen, und sein Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen, als sein Blick auf das blasse, leblose Gesicht des Freundes fiel. Seit Jahr und Tag fällte Martin Bäume. Noch nie hatte er sich verletzt. Er war immer vorsichtig, nahm seine gefährliche Arbeit niemals auf die leichte Schulter. Er war ein alter Hase. Wie hatte es ausgerechnet ihn treffen können? Markus begriff das nicht.

„Er rührt sich nicht“, presste Toni Kammerlander krächzend hervor.

Hans Frohner starrte ihn entgeistert an.

„Er ist doch nicht ...“

Markus fühlte Martins Puls an der Halsschlagader. „Er lebt.“

„Kannst du erkennen, ob er verletzt ist?“, fragte Hans.

„Nein“, antwortete Markus. „Wir müssen ihn unter dem Baum hervorholen. Toni, tu was, damit er zu sich kommt. Aber sei vorsichtig!“

Markus lief zum Traktor zurück. Er fuhr ganz nahe an den gefällten Baum heran.

„Leg die Kette um den Stamm, Hans!“, rief er dem Freund zu. Hans Frohner tat dies unverzüglich. Sobald die Kette befestigt war, rief Markus: „Ich heb’ den Baum jetzt langsam hoch, und ihr zieht den Martin ganz vorsichtig darunter hervor, verstanden?“

„Ja“, antworteten Toni und Hans wie aus einem Mund.

„Seid ihr bereit?“

„Ja!“

„Also dann.“

„Markus! Markus!“, rief auf einmal der Frohner Hans.

„Was ist?“

„Martin kommt zu sich!“

Markus sprang vom Traktor. Martins Augen waren noch geschlossen, aber die Lider zuckten. „Martin!“, rief Markus. „He, du, hörst du mich? Mach die Augen auf! Sieh mich an! Martin! Martin Haller!“

Endlich öffnete Martin die Augen und sah Markus verwirrt an.

„Was ... ist ... passiert?“ stammelte er.

Markus sagte es ihm. Martin konnte sich nicht erinnern, wie es zu dem Unglück gekommen war. „Hast du Schmerzen?“, fragte Markus besorgt.

„Ja“, stöhnte Martin Haller.

„Wo?“

„In den Beinen.“

„Wenn ich den Baum anhebe, kriechst du darunter hervor, ja?“, sagte Markus Fernbach eindringlich. „Glaubst du, dass du das schaffst?“

„Ich werde es versuchen“, ächzte Martin.

„Hans und Toni werden dir helfen.“

Abermals kletterte Markus auf den Traktor. „Achtung!“

Durch das Fahrzeug ging ein harter Ruck, die Kette spannte sich.

„Bewegt sich der Baum?“, rief Markus.

„Nein, noch nicht“, antwortete Toni Kammerlander.

Markus griff nach einem vibrierenden Hebel und drückte dagegen.

„Jetzt!“, rief Toni.

„Ja! Jetzt!“

Martin versuchte sich unter dem Baum hervorzuschieben.

„Es geht noch nicht!“, rief er. „Du musst den Stamm noch etwas mehr anheben!“

Toni und Hans griffen unter seine Arme und zogen an ihm.

„Hört auf!“, schrie Martin. „Ihr reißt mir ja die Beine ab! Sie klemmen noch fest!“

Auf dem Güterweg hielt der Geländewagen des Försters. Markus Fernbach brüllte dem Chef zu, was passiert war und dass er einen Krankenwagen rufen solle.

Thomas Gerber nickte und raste davon. Indessen befreiten Markus, Hans und Toni ihren Freund und Arbeitskameraden aus seiner misslichen Lage.

Der schwere Baumstamm hatte Martin Hallers Beine zerschmettert. Markus schnitt ihm mit seinem Messer die blutigen Hosenbeine auf. Den Freunden bot sich kein schöner Anblick.

„Ich hab’ überhaupt kein Gefühl mehr in meinen Füßen“, schluchzte der Verletzte.

„Mach dir keine Sorgen!“, tröstete Markus den Freund. „Die flicken dich im Krankenhaus schon wieder zusammen.“

„Wenn ich meine Beine verlier’, häng’ ich mich auf.“

„Red doch nicht solchen Blödsinn“, sagte Markus scharf. „Du wirst deine Beine nicht verlieren.“ „Ich kann sie nicht mehr bewegen.“

„Das kommt alles wieder in Ordnung“, versicherte Markus dem Freund. „Die Chirurgen von heute sind wahre Zauberer mit dem Skalpell. Du kannst dir nicht vorstellen, was denen schon alles gelingt. Sie werden auch dir helfen. Glaub mir, in ein paar Wochen bist du wieder ganz der Alte.“

 

 

 

10

Acht Wochen später stand es fest: Martin Hallers linkes Bein konnte in seiner Funktionstüchtigkeit zu fünfundachtzig Prozent wiederhergestellt werden, sein rechtes Bein aber würde für immer steif bleiben. Der Wald hatte ihn zum Krüppel gemacht. Verbittert humpelte er, auf einen Stock gestützt und von mitleidsvollen Blicken heimlich verfolgt, durch das Dorf und kam sich mit seinen siebenundzwanzig Jahren schon entsetzlich nutzlos vor. Das erschütternde Schicksal des Freundes vor Augen, dachte Markus Fernbach: Was ihm passiert ist, kann jederzeit auch mir zustoßen. Niemand ist davor gefeit. Da kann man noch so vorsichtig sein. Man hat es ja gesehen.

Er fuhr von nun an mit Angst in den Wald, und er sagte sich, dass es endlich Zeit war, diese gefährliche und seiner Ansicht nach auch erheblich unterbezahlte Arbeit aufzugeben und - das spukte ihm ja schon länger im Kopf herum - in der Stadt sein Glück zu versuchen.

Otto Auinger, den der Förster drei Wochen nach Martins Unfall als Ersatz eingestellt hatte, rackerte für zwei. Das schickte sich gut. Da konnte der Fernbach Markus wenigstens ohne schlechtes Gewissen kündigen und Sonnental den Rücken kehren. Markus redete mit Thomas Gerber an einem verregneten Freitag im Forsthaus. Gerber entließ den tüchtigen und zuverlässigen Holzknecht nur sehr ungern, aber er hatte keine Möglichkeit, ihn daran zu hindern, Sonnental zu verlassen.

 

 

11

Markus verließ Sonnental am darauffolgenden Montag. Alle, von denen er sich verabschiedete, wollten ihn zum Bleiben überreden, doch sein Entschluss stand fest. Voller Zuversicht stieg er in den Postautobus und fuhr zur nächstgelegenen Bahnstation. Dort wartete er eine halbe Stunde auf den Zug, und mit diesem fuhr er sodann einem neuen, besseren Leben entgegen.

Natürlich fuhr er nicht einfach ins Blaue. Er hatte eine Adresse. Das hatte er in Sonnental nur keinem gesagt. Er würde nie mehr im Wald zu arbeiten brauchen und nie mehr für ein paar Kröten seine geraden Glieder riskieren müssen, weil Leute mit Geld sich ihre Beschäftigung aussuchen können.

„Wenn man die richtigen Leute kennt, gibt es keine Probleme“, sagte sich Markus Fernbach, als er in der Stadt ankam. An den Lärm würde er sich gewöhnen, und auch an den Staub und an die stinkenden Abgase. Ein paar Opfer musste er schon bringen, wenn er sein hochgestecktes Ziel hier erreichen wollte. Er legte den Kopf in den Nacken und schaute sich die Fassade des Hauses an, vor dem er stand.

Wie viele Stockwerke mochten das sein? Zehn? Fünfzehn? Mehr? Egal. Er musste in die vierte Etage. Das war auch zu schaffen, wenn der Aufzug einmal streikte.

Das Herz barst ihm fast vor Tatendrang, als er das Haus betrat ...

 

 

12

Am Stammtisch beim Ochsen Wirt saßen der Pfarrer, der Kaplan, der Bürgermeister, der Förster und Martin Haller, das steife Bein so weit von sich gestreckt, dass die Loni beinahe drüber gestolpert wäre. Sie sagte kein Wort, denn sie wollte dem sympathischen Burschen nicht wehtun. Nachdem sie die vollen Bierkrüge abgestellt hatte, kehrte sie hinter die Schank zurück. Ihr Vater war zur Zeit krank. Er musste mit einer hartnäckigen Bronchitis das Bett hüten. Die Mutter pflegte den unleidlichen und kaum einmal zufriedenzustellenden Patienten, und Loni bediente die Gäste.

„Weiß einer, wie es dem Fernbach Markus geht?“, fragte der Förster in die Runde, und die Kronleithner Loni spitzte unwillkürlich die Ohren.

„Ich hab’ vor zwei Wochen einen Brief von ihm kriegt“, erzählte der Haller Martin.

„Was schreibt er denn?“, wollte der Bürgermeister wissen. Die Loni beugte sich etwas vor, damit ihr kein Wort entging.

„Nicht sehr viel“, antwortete

Martin Haller. Er zog die Nase kraus und schüttelte den Kopf.

„Ich hab’ nicht den Eindruck, dass es ihm in der Stadt besonders gut geht.“

„Das große Los scheint er dort nicht gezogen zu haben“, brummte der Förster. „Ich hab’ ihn gewarnt, aber er wollt’ ja nicht auf mich hören.“

„Ich glaube, er ist ziemlich enttäuscht und unglücklich“, sagte Martin.

„Warum kommt er dann nicht nach Sonnental zurück?“, fragte der Bürgermeister verständnislos.

Martin zuckte die Achseln. „Vielleicht lässt das sein Stolz nicht zu.“

„Ist doch Schwachsinn“, polterte Bruno Weidinger, der wohlbeleibte Bürgermeister. „Er ist ein Sonnentaler. Er kann doch jederzeit in sein Heimatdorf zurückkehren. Er gehört hierher. Man wird ihn mit offenen Armen aufnehmen.“

„Vielleicht hat er Angst vor dem Spott“, mutmaßte Martin.

„Na ja, ein bissel was wird er sich schon gefallen lassen müssen“, sagte Thomas Gerber, „aber es wird bestimmt auszuhalten sein.“

Bruno Weidinger sah den Förster an. „Würdest du ihn wieder einstellen?“

„Jederzeit“, antwortete Thomas Gerber. „Arbeit gäb’s genug.“

Es gab tatsächlich so viel zu tun, dass der Förster sogar den Haller Martin für leichte Tätigkeiten heranziehen konnte. Damit war beiden geholfen.

Es blieb weniger Arbeit liegen, und Martin Haller kam sich nicht mehr so unnütz vor. Er hatte zwar ein steifes Bein, aber mit seinen großen, sehnigen Händen konnte er immer noch kräftig zupacken.

„Schreib ihm doch, dass er zurückkommen soll“, schlug Franz Brandner, der weißhaarige Pfarrer, Martin vor. Doch der schüttelte den Kopf, griff nach seinem Bierkrug und trank.

„Ich möchte seine Entscheidung nicht beeinflussen“, sagte er und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund. „Es war sein alleiniger Entschluss, in die Stadt zu gehen. Es muss sein alleiniger Entschluss sein, nach Sonnental zurückzukehren.“

„Was macht er denn so in der Stadt?“, erkundigte sich der Kaplan.

Martin Haller zuckte die Achseln. „Alles, was anfällt.“

„Bestimmt arbeitet er vierzehn Stunden und mehr am Tag, um wenigstens einigermaßen auf sein Geld zu kommen“, meinte der Förster.

„Es hat ihm noch nie was ausgemacht, viel zu arbeiten“, sagte Martin. Er rieb sich sein steifes Bein. Es schmerzte ihn. Da war wohl wieder ein Wetterumschwung zu erwarten.

„Das weiß ich“, sagte Gerber, „deshalb hab’ ich ihn auch ungern gehen lassen, und deshalb hätte ich ihn auch gerne wieder.“

„Wie lange ist er denn schon weg?“, erkundigte sich der Bürgermeister.

„Ein halbes Jahr“, kam es hinter dem Schanktisch hervor. Loni hatte sich damit verraten. Jetzt wussten alle, dass sie das Stammtischgespräch neugierig mitverfolgt hatte. Ja, vor sechs Monaten hatte Markus Fernbach Sonnental verlassen. Ohne sich von ihr zu verabschieden. Und vor ziemlich genau acht Monaten war ihre Liebe ganz plötzlich und unerwartet gestorben. Loni wusste bis heute nicht, warum. Da war dieses Feuerwehrfest gewesen. Markus war auf einmal so verändert gewesen, hatte bis zum Umfallen getrunken und war dann mit der Moosecker Cilli heimgegangen.

Was Schlimmeres hätte er mir nicht antun können, dachte Loni selbst heute noch.

Sie würde wohl nie begreifen, warum er ihre große Liebe plötzlich so brutal mit Füßen getreten hatte. Was mochte damals in ihn gefahren sein? Was mochte ihn dazu bewogen haben, ihr so schrecklich wehzutun? Der Alkohol konnte es nicht gewesen sein.

Markus hatte zwar nicht oft so viel getrunken, aber wenn, dann hatte er es vertragen. Er war dann immer besonders lieb zu ihr gewesen und niemals so gemein.

„Ein halbes Jahr ist das schon wieder?“ Bruno Weidinger schüttelte den Kopf, als könne er es kaum glauben.

Loni nickte. „Ein halbes Jahr.“

„Wie die Zeit vergeht“, sagte der Bürgermeister verwundert und schüttelte abermals den Kopf.

„Tja, so wird man älter“, meinte der Förster lächelnd, und er rief zur Schank: „Geh, Loni, bring uns eine Runde Obstler!“

 

 

13

Eine Woche danach kehrte Markus Fernbach reumütig und enttäuscht nach Sonnental zurück. Sein Traum vom großen Geld war ausgeträumt. Er hatte die bittere Erfahrung gemacht, dass nicht alles Gold ist, was glänzt, und dass man nicht allen Menschen glauben darf, was sie einem erzählen.

Seine Taschen waren zwar nicht - wie erhofft - voller Geld, als er sein geliebtes Heimatdorf erreichte, aber ein bisschen vermehrt hatte er seine Barschaft schon. Allerdings mit einem Arbeitsaufwand, der in keinem vertretbaren Verhältnis zur Bezahlung gestanden hatte. Markus sah sich ergriffen um und dachte bewegt: Mein Gott, ich hab’ schon fast vergessen, wie schön es hier ist!

Die Nachricht von seiner Heimkehr verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Dorf.

„Der Fernbach Markus ist wieder da!“, hieß es.

„Markus ist nach Hause gekommen! Schlecht sieht er aus! Blass ist er geworden. Die Stadt hat ihm nicht gutgetan. Die Stadt tut keinem gut!“

Als er noch am selben Tag beim Förster erschien, wusste auch der schon Bescheid.

„Schön, dich zu sehen, Markus“, sagte Thomas Gerber.

„Grüß Gott, Chef!“, sagte Markus ein wenig verlegen.

Gerber schüttelte ihm herzlich die Hand.

„Setz dich!“, forderte er den Holzknecht auf. „Magst ein Schnapserl?“

„Sehr gern, Chef.“ Markus nahm Platz.

Gerber holte die Flasche aus dem Schrank. „Hat der Auinger Otto selber gebrannt.“

„Dann wird es was Besonderes sein“, sagte Markus.

Thomas Gerber lächelte. „Gerade richtig für die Begrüßung des heimgekehrten verlorenen Sohnes.“

Markus senkte den Blick. „Ich hab’ einen großen Blödsinn gemacht, Chef. Ich hätt’ auf Sie hören sollen.“

Der Förster füllte zwei Gläser.

„Es gibt Erfahrungen, die muss man einfach machen, um zur Einsicht zu kommen.“ Er stellte ein Glas vor Markus hin. „Schön, dass du wieder da bist.“ Er hob sein Glas. „Auf dein Wohl!“

Markus hob sein Glas. „Auf Ihr Spezielles, Chef!“ Er trank. Der Schnaps war wirklich etwas ganz Feines.

„Eines ist gewiss“, sagte Markus und lächelte schief, „aus Sonnental geh’ ich nimmer weg.“

„Wie ist es dir denn in der Stadt ergangen?“, fragte der Förster.

„Wenn ich darf, erzähl’ ich Ihnen das ein andermal. Ein Honigschlecken waren die vergangenen sechs Monate jedenfalls nicht.“

„Wir haben vor einer Woche im Ochsen über dich gesprochen.“

Markus’ Herz krampfte sich schmerzhaft zusammen.

„Wie geht es der Kronleithner Loni?“

„Wie immer.“

„Aha.“ Markus leerte sein Schnapsglas, stellte es auf den Tisch und schob es nervös hin und her.

„Brauchst du Arbeit?“, fragte Thomas Gerber.

Markus ließ das Schnapsglas in Ruhe und sah den Förster hoffend an. „Haben Sie welche für mich?“

„Einen so tüchtigen Holzknecht kann ich immer gebrauchen. Wann willst denn anfangen?“

„Von mir aus gleich morgen.“

Gerber lachte.

„Hast den Wald wohl vermisst.“

„Ich kann nicht sagen, wie sehr.“ Aber Markus hatte nicht nur den Wald vermisst, sondern alle Menschen, die hier lebten und die er seit seiner Kindheit kannte, ganz Sonnental, seine herrliche Umgebung, den rauschenden Wildbach, die erhabenen Bergriesen ...

„Hast endlich begriffen, dass die Leut’ in der Stadt auch nur mit Wasser kochen?“, sagte der Förster.

„Ja, und nicht einmal mit einem besonders guten“, antwortete Markus. „Ich bin von der Stadt geheilt, da zieht es mich ganz bestimmt nie wieder hin.“

„Komm, trink noch ein Schnapserl! Auf einem Bein kann man schlecht stehen.“ Der Förster füllte die Gläser noch einmal. „Es freut mich ehrlich, dass du wieder bei uns bist.“

 

 

14

Seine Freunde und Arbeitskameraden begrüßten ihn mit großer Freude. Fröhlich fuhren sie mit ihm in den Wald und verrichteten ihr Tagewerk diesmal mit noch mehr Eifer als sonst. Auch der humpelnde Haller Martin war dabei.

Markus hatte Mühe, ihr Tempo mitzuhalten. Er war diese Art von harter Arbeit nicht mehr gewöhnt, und natürlich machten Martin, Hans, Toni und Otto sich über das verweichlichte Stadt-Bubi lustig. Er ließ ihren freundschaftlichen Spott geduldig über sich ergehen, war ihnen deswegen nicht böse, sondern lachte herzlich mit, wenn einer ihn auf eine besonders spaßige Weise aufzog. Sie stellten viele Fragen, wollten vieles wissen, ließen ihrer Neugier freien Lauf, und er versuchte jede ihrer Fragen ausreichend zu beantworten.

Todmüde fiel er am Abend ins Bett. Alle Glieder taten ihm weh, jeder Knorpel, jede Muskelfaser, jeder Knochen. Es war herrlich. Er hatte in den letzten sechs Monaten kein einziges Mal so gut geschlafen.

Am darauffolgenden Tag hatte auch er Gelegenheit, die eine oder andere Frage zu stellen, und er erkundigte sich natürlich auch nach der Tochter des Ochsen Wirts.

„Die ist irgendwie nicht mehr dieselbe wie früher“, sagte Martin Haller nachdenklich. „Sie war einmal so lustig und vergnügt ...“

„Warum ist sie das heute nicht mehr?“

„Ich habe keine Ahnung. Sie ist zumeist sehr ernst und grüblerisch.“

„Ist es möglich, dass sie krank ist?“, fragte Markus Fernbach.

„Nein, krank ist sie nicht.“ Martin Haller schüttelte überzeugt den Kopf. „Nein, körperlich ist sie bestimmt ganz gesund.“ Er strich sich nachdenklich übers Kinn.

„Wenn ich es mir recht überlege, sie sieht eher aus, als hätte sie einen ziemlich schlimmen Liebeskummer nicht verkraftet. Sie muss heimlich in einen Burschen verliebt gewesen sein, den sie aus irgendeinem Grund nicht gekriegt hat. Vielleicht hatte er schon eine andere. Vielleicht hat er nichts von Lonis Liebe gewusst und ist fortgezogen. Was weiß ich. Den wahren Grund kennt wohl nur die Loni selbst, und die wird ihn uns bestimmt nicht verraten.“ Er schüttelte verständnislos den Kopf. „So ein bildsauberes Madl. Reich ist sie auch noch. Und will nix von Männern wissen.“

„Ist sie denn noch nicht verheiratet?“, fragte Markus Fernbach.

„Wen hätte sie denn heiraten sollen?“

„Na, den Brunngraber Max“, sagte Markus.

Martin Haller sah ihn verwundert an. „Wie kommst du denn da drauf?“

„Ich dachte, das wäre beschlossene Sache.“

„Zwischen wem?“, fragte Martin.

„Zwischen Ludwig Brunngraber und Karl Kronleithner.“

Martin grinste. „Davon weißt anscheinend nur du etwas. Woher hast du das denn?“

Markus zuckte die Achseln. „Irgendwo aufgeschnappt.“

„Der Brunngraber Max ist vor drei Monaten fortgegangen.“

Markus riss verblüfft die Augen auf. „Fort? Wohin?“

„Nach München. Er besucht dort die Hochschule für Bodenkultur.“

Markus schüttelte ungläubig den Kopf. „Sachen gibt’s.“ Er hätte gern gewusst, warum der Max sich dazu entschlossen hatte. Was war alles passiert? Die Väter waren sich doch völlig einig gewesen. Was war schiefgegangen? Hatte der Nachwuchs nicht so gespurt, wie die Alten es geplant hatten? Markus konnte sich nicht gut vorstellen, dass der bullige Brunngraber Max die wunderschöne Kronleithner Loni nicht gern zur Frau gehabt hätte. Also musste es umgekehrt gewesen sein. Die Loni musste sich geweigert haben, den Max zu heiraten und nichts war passiert. Gott, was hatte der Ochsen Wirt großkotzig dahergeredet. Fortjagen, enterben würde er seine Tochter, wenn sie sich seinem väterlichen Willen nicht fügte, hatte er gesagt, und nichts war dahinter gewesen hinter seinem selbstherrlichen, lächerlichen Säbelgerassel.

Und ich bin darauf hereingefallen, dachte Markus Fernbach bitter. Ich hab’s geglaubt - und damit meinen geliebten Schatz verloren.

 

 

 

15

Beim Ochsen Wirt konnte man nicht nur gut essen und trinken, sondern auch gemütlich wohnen. Es gab Gäste, die kamen schon das zehnte Jahr nach Sonnental und fühlten sich bei der Familie Kronleithner rundum wohl. Eine solche treue Seele war Frau Bea Hubinger. Die betagte, hagere Klavierlehrerin aus Bielefeld hatte früher immer mit ihrem Mann in Sonnental einmal im Jahr vier Wochen Urlaub gemacht. Seit seinem Tod vor drei Jahren kam sie allein, und wenn Loni es einrichten konnte, ging sie mit der netten alten Dame in den Wald Pilze suchen, denn das tat diese für ihr Leben gern.

Diesmal war die Ausbeute armselig. Im Korb lagen nur etwa ein Dutzend Pfifferlinge und ein kleiner Herrenpilz.

„Es hat nicht genug geregnet“, sagte Loni.

„Für eine gute Suppe reicht es allemal, was wir gefunden haben“, meinte Bea Hubinger, als wollte sie sich selbst trösten. Die alte Dame war zünftig gekleidet, trug stabile Wanderschuhe, rote Kniestrümpfe, eine dunkelgrüne Kniebundhose, ein rotweißkariertes Hemd und den Tirolerhut ihres Mannes, auf dem eine Menge Abzeichen blinkten.

„Grüß Gott schön!“, sprach jemand die beiden unvermittelt an, als sie aus dem Unterholz traten. Loni blieb beinahe das Herz stehen, als sie Markus Fernbach erblickte, der mitten auf dem Waldweg stand.

„Ah, Markus“, sagte Bea Hubinger, die so gut wie jeden Dörfler kannte. „Grüß Gott!“

Loni sagte nichts.

„Grüß dich, Loni!“, sprach Markus sie direkt an.

„Grüß dich!“, gab sie widerstrebend zurück.

„Na, Frau Hubinger“, sagte Markus freundlich. „Wieder einmal in Sonnental?“

„Ja. Ach, ihr wisst ja gar nicht, wie schön ihr es hier habt.“ Markus lächelte.

„Ich glaube schon, dass wir das wissen.“

„Geht einem der Blick für das Schöne denn nicht mit der Zeit verloren, wenn man es immer sieht?“

„Ein Juwel bleibt ein Juwel, egal mit welchen Augen man es betrachtet.“ Markus schaute beim Sprechen fast die ganze Zeit nur Loni an.

Bea Hubinger war zwar alt, aber nicht dumm. Sie merkte, dass der Holzknecht mit dem hübschen Dirndl gern allein gewesen wäre, deshalb sagte sie zu Loni: „Ich geh' schon mal voraus und bringe die Pilze in die Küche. Ich bin den Weg schon oft allein gegangen. Du brauchst keine Angst zu haben, dass ich mich verlaufe. Ich würde mit verbundenen Augen nach Sonnental zurückfinden.“ Sie marschierte los. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag, Markus.“

„Wünsche ich Ihnen auch!“, rief der fesche Waldarbeiter ihr nach, und als die Frau hinter der nächsten Wegkrümmung verschwand, breitete sich zwischen Loni und Markus lähmendes Schweigen aus. Sie wollte nichts sagen, und er wusste nicht, was er sagen sollte.

„Hübsch siehst du aus“, stellte Markus nach einer Weile fest.

Loni schwieg.

„Wie geht es dir?“, fragte Markus heiser.

„Gut.“

Er nickte. „Fein.“

Loni schaute an ihm vorbei.

„Mir geht es auch gut“, sagte Markus. „Na ja, richtig gut nicht, aber auf jeden Fall besser als während der vergangenen sechs Monate. Das war keine schöne Zeit.“

„Du hast dich selbst dafür entschieden“, sagte Loni kühl. „Niemand hat gesagt, du sollst in die Stadt gehen.“

„Ja, ich weiß.“ Er musterte sie eingehend. „Geht es dir wirklich gut?“

„Warum sollte es mir schlecht gehen?“

Er zuckte die Achseln. „Ich weiß nicht. Meinst du, wir können irgendwann einmal wieder nett miteinander umgehen?“

„Nein, Markus, das wird wohl nie mehr möglich sein.“

„Und warum nicht?“

„Musst du das wirklich fragen?“, antwortete sie spröde.

„Ich habe dich enttäuscht“, sagte er zerknirscht.

„Ich bin in meinem ganzen Leben noch nie so schwer enttäuscht und gedemütigt worden.“ Tränen glitzerten in Lonis Augen.

„Hat es einen Sinn, dir zu sagen, dass es mir leid tut?“, fragte Markus.

Sie schwieg.

„Jeder kann einmal einen Fehler machen, Loni.“

„Du hast alles falsch gemacht, was man nur falsch machen kann.“

„Ich war ein Narr.“ Er schlug sich mit der flachen Hand wütend auf die Stirn. „Ich bin ein Idiot. Hau mir eine runter, ich hab’s verdient!“

Sie schüttelte langsam den Kopf und schaute auf den Boden. Eine Ameisenstraße überquerte den Waldweg. Die emsigen Tierchen schleppten abgezwickte Blätter, Föhrennadeln und große Krümel nach Hause.

„Ich kann dich nicht schlagen“, sagte Loni tonlos.

„Kannst du mir verzeihen?“

Loni schüttelte noch einmal den Kopf. „Nein, das kann ich auch nicht. Du hast meine Gefühle zu sehr verletzt. Darüber werde ich niemals hinwegkommen. An diesen Wunden werde ich bis ans Ende meiner Tage leiden. Ich habe dich geliebt, so sehr geliebt. Ich dachte, du würdest dasselbe für mich empfinden ...“

„So war es auch. Ehrlich, Loni. Gott ist mein Zeuge.“

„Wie soll ich dir das glauben?“

„Weil es wahr ist“, sagte Markus mit Nachdruck. „Ich könnte dich niemals belügen.“

Sie sah ihm ernst und vorwurfsvoll in die Augen. „Ich weiß bis heute nicht, warum du mir das angetan hast.“

Er erzählte ihr von dem Gespräch, das er zufällig mit angehört hatte. Er sprach von dem festgemachten und in die Hand versprochenen Handel zwischen dem Ochsen Wirt und dem Großbauern Brunngraber.

„Das hat mich so schwer erschüttert, so brutal aus der Bahn geworfen, so tief geschockt, dass ich vor Schmerz den Verstand verlor“, sagte Markus. „Du und Max, ein Ehepaar ... Beschlossene Sache ... Ein nüchternes Geschäft ... ‘Dein Max und meine Loni werden noch in diesem Jahr getraut.‘ Das waren die Worte deines Vaters. ‘Meine Loni tut, was ihr Vater sagt’, hat er dem Brunngraber Ludwig versichert. ‘Ich hab’ sie gut erzogen. Sie ist ein gehorsames Madl, das weiß, dass es der Vater immer nur gut meint mit seinem Kind. Außerdem - Geld muss zu Geld. Ein armer Schlucker kommt mir nicht ins Haus.‘ Kannst du dir vorstellen, wie mir zumute war, als ich das gehört hab’? Geld muss zu Geld. Und ich hab’ kein Geld gehabt. Ich war so wahnsinnig verzweifelt, dass ich mich sinnlos betrunken hab’.“

Loni sah ihn unbarmherzig an. „Und danach hast du Trost in Cillis Armen gesucht.“

Er presste die Lippen fest zusammen.

„Und wohl auch gefunden“, setzte Loni bitter hinzu.

„Als dann auch noch das Unglück mit Martin passierte, war für mich das Maß voll“, sagte Markus leise. „Jemand hatte mir einmal erzählt, er wüsste, wie man schnell und mühelos zu Geld kommen könne, und ich war so naiv, ihm das zu glauben. Ich habe ihn in der Stadt aufgesucht und zu ihm gesagt: ‘Hier bin ich, jetzt mach mich reich.‘ Aber es hat nicht geklappt.“

„Wie konntest du so dumm sein ...“

Er seufzte deprimiert. „Du weißt nicht, wie es ist, kein Geld zu haben, von Leuten wie deinem Vater oder dem Brunngraber Ludwig geringgeschätzt zu werden, weil man nicht so viel besitzt wie sie - arm zu sein.“

„Wer liebt, ist nicht arm.“

„Sag das einmal deinem Vater!“, hielt Markus ihr dagegen. „Für den zählt doch nur, was man auf dem Bankkonto hat. Wenn da nix drauf ist, ist man für ihn nicht vorhanden, kommt man als Bräutigam für seine Tochter nicht in Frage.“

„Wieso hast du mir so wenig vertraut?“

„Dein Vater war sich seiner Sache so sicher.“

„Du hättest wissen müssen, dass ich den Brunngraber Max nie geheiratet hätte“, sagte Loni vorwurfsvoll. In der Nähe begann ein Specht zu klopfen.

„Dein Vater sagte, es wäre für dich undenkbar, sich über seinen Willen hinwegzusetzen“, erwiderte Markus. „Außerdem wüsstest du, dass er dich, bei aller väterlicher Liebe, auf der Stelle aus dem Haus jagen und enterben würde, wenn du dich ihm in einer so wichtigen Angelegenheit widersetzen würdest.“

Ihr Gesicht nahm einen trotzigen Ausdruck an.

„Ich habe mich ihm widersetzt. Ich habe ihm gesagt, dass ich nie und nimmer Maxis Frau werden würde. Hat er mich aus dem Haus gejagt? Hat er mich enterbt? Er hat geschrien und gedroht, hat gebrüllt und getobt, und irgendwann hat er sich beruhigt und seine Absicht, mich mit dem Brunngraber Max zu vermählen, aufgegeben. Und ich hätte auch durchgesetzt, dass er dir und mir, dass er uns seinen Segen gibt.“ Ihre Lippen wurden zu einem schmalen Strich.

„Aber du hast es vorgezogen, mit der Moosecker Cilli ins Bett zu steigen, und das - dein mangelndes Vertrauen, dein schnelles Resignieren, die Nacht in Cillis Kammer - das alles zusammen, kann ich dir niemals verzeihen.“

 

 

16

Vor dem Ochsen hielt ein Wagen. Ein junger, gut aussehender Mann stieg aus und fragte nach einem Zimmer.

„Für wie lange?“, wollte Karl Kronleithner wissen, denn an Gästen, die bei ihm nur übernachten wollten, war er nicht interessiert. Die ließen zu wenig Geld da.

„Ein, zwei Wochen“, antwortete der junge Mann. „Kommt darauf an, wie es mir in Ihrem hübschen Dörfchen gefällt.“

„Wenn es danach geht, bleiben Sie garantiert länger“, entgegnete der Wirt grinsend. „Haben Sie kein Gepäck?“

„Doch. Im Auto.“

„Soll ich Ihnen damit helfen?“

„Nicht nötig. Es ist nur ein Koffer. Und eine kleine Reisetasche.“ Der junge Mann, sein Name war Lorenz Hartmann, ging kurz hinaus, holte sein Gepäck aus dem Kofferraum, und Karl Kronleithner zeigte ihm sein Zimmer.

Hartmann sah sich zufrieden um. „Hübsch. Sehr hübsch. Sehr gemütlich.“

„Wenn Sie ein zweites Kopfkissen haben möchten ...“

„Nein, eines reicht mir, danke“, sagte Hartmann.

„Wenn Sie sonst irgendeinen Wunsch haben - bitte ihn nur zu äußern. Meine Familie und ich möchten, dass Sie sich bei uns so wohl wie möglich fühlen.“

Hartmann lächelte dankbar. Er hatte eine kleine Warze über der linken Augenbraue, die aber nicht störte.

„Ich bin nicht sehr anspruchsvoll“, erklärte er. „Sie werden kaum merken, dass ich hier bin.“

„Frühstück gibt es von sieben bis zehn.“

„Wunderbar.“

„Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Aufenthalt in unserem Haus“, sagte der Wirt.

„Danke.“

Karl Kronleithner zog sich zurück und schloss die Tür.

 

 

17

Vor vier Wochen war Markus Fernbach zurückgekommen, und er war froh, sich zur Heimkehr entschlossen zu haben. Noch besser wär’s natürlich gewesen, wenn er Sonnental überhaupt nicht verlassen hätte.

Er fuhr täglich mit seinen Freunden in den Wald, holzte aus, schützte die Jungpflanzen vor Wildverbiss, hackte, sägte, bohrte - war wieder in seinem Element. Es schmerzte ihn, dass Loni Kronleithner ihm nicht verzeihen konnte, aber er war froh, dass er Gelegenheit zu dieser klärenden Aussprache gehabt hatte.

Nun wusste sie wenigstens, warum es zu all seinen Fehlleistungen gekommen war. Vielleicht - vielleicht würde sie irgendwann einmal Verständnis für sein Verhalten aufbringen. Er hatte damals unter Schock gestanden, war nicht mehr Herr seiner Sinne gewesen, hatte seinen Kummer im Alkohol ertränkt und war anschließend ziemlich willenlos, verzweifelt und sich nach irgendjemandes Trost sehnend in Cillis Bett gefallen. Sollten ihm dafür nicht mildernde Umstände eingeräumt werden?

Eines Tages wird sie die Dinge vielleicht mit meinen Augen sehen, dachte Markus Fernbach, und mir, wenn ich Glück habe, vergeben.

Darauf wollte er warten. Ein Jahr. Zwei Jahre. Länger. Er hatte Zeit. Er war da. Er hatte nicht die Absicht, sein schönes Sonnental noch einmal zu verlassen. Wann immer es soweit sein sollte - er würde in Lonis Rufnähe sein und mit Riesenschritten angerannt kommen, wenn sie bereit war, ihm zu verzeihen.

Als Otto Auinger Geburtstag hatte, brachte er jedem eine Flasche selbstgebrannten Schnaps mit, abgefüllt in eine Mineralwasserflasche, die er in Zeitungspapier gewickelt hatte. Und eine Flasche ließen die Holzknechte kurz vor Arbeitsschluss kreisen.

„Die muss das gerochen haben“, sagte der Kammerlander Toni plötzlich und grinste breit.

„Wer?“, fragte der Frohner Hans.

„Grüß euch!“, rief ungleichen Augenblick die Moosecker Cilli über den Baum hinweg, den die Waldarbeiter heute als letzten gefällt hatten.

„Hallo, schöne Frau“, sagte der Haller Martin.

„Ist Schluss für heute?“, erkundigte sich die dralle Magd mit einem raschen Seitenblick auf Markus Fernbach. Sie wollte ihm wohl signalisieren, dass sie nichts dagegen gehabt hätte, alte Erinnerungen aufzufrischen. In ihrer Kammer.

„Wir waren fleißig genug“, behauptete Toni.

„Hast keine Angst, so allein im Wald?“, fragte Martin Haller.

„Mir tut schon keiner was“, gab Cilli unbekümmert zurück.

„Jedenfalls nix, was dir zuwider wär’“, rief Hans Frohner lachend.

„Bist etwa wegen dem Otto da?“, fragte Toni.

„Wieso wegen dem Otto?“, fragte Cilli.

„Na ja, weil er heut’ Geburtstag hat“, sagte Toni Kammerlander.

Cilli sah den Auinger Otto an. „Geburtstag hast?“

Der grinste. „Jeder hat einmal Geburtstag. Was schenkst mir denn?“

Cilli hob die Schultern. „Ich hab’ nix dabei. Ein Busserl kannst haben.“

„Her damit!“ Otto spitzte strahlend die Lippen.

Sie gab dem Geburtstagskind einen lauten Schmatz, und alle - außer Markus - lachten, johlten und applaudierten. Dafür bekam Cilli dann einen Schluck von der Schnapsflasche.

„Packt euer Werkzeug zusammen!“, sagte Markus. „Es wird Zeit, dass wir heimfahren.“

Die Holzknechte legten Äxte, Kettensägen; Hämmer, Keile und so weiter auf den Traktoranhänger.

„Nehmt ihr mich mit?“, fragte Cilli,

„Wir werden dich doch nicht zu Fuß nach Hause laufen lassen“, sagte Otto Auinger, legte seine großen Tatzen um ihre Mitte, hob sie hoch und stellte sie auf den Anhänger. Hans Frohner kletterte auf den Traktor, alle anderen fanden auf dem Anhänger Platz. Hans fuhr los.

Cilli stand neben Markus.

„Warum redest denn nichts mit mir?“, fragte sie ihn und schaute ihn dabei so an, als könnte er alles von ihr haben.

„Was soll ich mit dir reden?“

Cilli hob die Schultern. „Was man halt so redet. Bist bös’ auf mich?“

„Nein. Wieso?“

„Willst gar nicht wissen, wie’s mir geht?“, fragte Cilli.

„Ich nehm’ an, es geht dir gut.“

„Wir haben uns lange nicht gesehen“, sagte Cilli. „Komm doch wieder einmal bei mir vorbei!“

„Na ja, vielleicht komm’ ich einmal“, sagte Markus, damit sie aufhörte, ihn anzuschmachten. Richtig peinlich war ihm das. Und weil der Anhänger gar so ruckelte, hielt sich die Cilli besonders gut an Markus fest.

„Ich würd’ mich freuen!“

 

 

 

18

Als Lorenz Hartmann die Wirtstochter kennenlernte, war er von ihrer außergewöhnlichen Schönheit sichtlich fasziniert. Er überschüttete sie von Anfang an mit Komplimenten. Sie war das nicht gewöhnt. Seine charmante Art verunsicherte sie. In Sonnental herrschte ein einfacherer Umgangston. Loni gefiel zwar, was der junge, gut aussehende Mann aus der Stadt alles zu ihr sagte, aber es verwirrte sie auch. Sie unterhielt sich gern mit ihm. Er fragte sie, was er sich von der Umgebung des Dorfs ihrer Meinung nach alles ansehen müsse.

Sie gab ihm Tipps für Halbtags- und Ganztagsausflüge und warnte ihn davor, sich zu überschätzen und die Gefährlichkeit der Berge zu unterschätzen. Er lud sie zu einer Spritztour mit dem Auto ein, und sie hatte nichts dagegen, ihn zu begleiten. Als sie das Dorf verließen, kam gerade der Traktor mit den Holzfällern aus dem Wald. Der Frohner Hans lenkte das Fahrzeug. Auf dem Anhänger standen der Auinger Otto, der Haller Martin, der Kammerlander Toni und der Fernbach Markus - und an dem klebte Cilli Moosecker.

Na ja, warum nicht? Der Markus war ja frank und frei, und die Cilli war - das konnte man ihr nicht absprechen, ein gut gestelltes Madl.

Loni Kronleithner rückte rasch ein bisschen näher an Lorenz Hartmann heran, damit Markus sehen konnte, dass sie ihn nicht mehr liebte und erst recht nichts mehr von ihm wollte.

„Er hat die Cilli, und ich kann mich mit jedem abgeben, der mir gefällt“, sagte Loni sich trotzig.

Der Wagen brauste an den Holzknechten vorbei. Lorenz Hartmann schenkte dem Traktor und den Männern und dem Mädchen auf dem Anhänger so gut wie keine Beachtung.

Markus Fernbach aber schnürte es unwillkürlich die Kehle zu, als er Loni an der Seite dieses Schönlings im gut geschnittenen Sportsakko sitzen sah. Einen Prachtburschen hat sie sich ausgesucht, die Loni, dachte er dabei grimmig.

Seinen nächsten Schock bekam der Fernbach Markus eine halbe Stunde später, als er die Schnapsflasche, die ihm der Auinger Otto geschenkt hatte, aus dem Zeitungspapier wickelte.

Ihm wäre die Flasche mit dem köstlichen Inhalt beinahe aus den Händen gefallen. Kreidebleich rannte er ins Freie und geradewegs zur Kirche.

„Wo ist der Herr Pfarrer?“, fragte er die Köchin im Pfarrhaus.

„Im Gemüsegarten.“ Die kleine, rundliche Frau sah Markus neugierig an. „Was ist denn passiert?“

Er nahm sich nicht die Zeit, es ihr zu sagen, rannte durch die Hintertür aus dem Pfarrhaus und sah Franz Brandner zwischen den Tomatenstauden Unkraut jäten.

„Hochwürden!“, rief er aufgeregt. „Herr Pfarrer! Herr Pfarrer!“

Der weißhaarige Priester richtete sich auf, griff sich mit schmerzverzerrter Miene ans Kreuz und drehte sich langsam um. „Markus, was gibt’s denn?“

„Ich muss mit Ihnen reden.“

„Komm, wir setzen uns unter die Trauerweide!“, sagte Pfarrer Brandner. „Eine Pause wird meinem armen, gemarterten Rücken bestimmt gut tun.“

Sie ließen sich auf die grün gestrichene Bank unter der alten Trauerweide nieder. Der Priester streckte die Beine aus und zündete sich ein Pfeifchen an.

„Drinnen darf ich nicht rauchen“, sagte Franz Brandner. „Die Lotte hat’s mir verboten. Sie sagt, der Pfeifenrauch verstinkt das ganze Pfarrhaus. Das find’ ich zwar nicht, aber um des lieben Friedens willen rauch’ ich halt nur draußen.“

„Ich muss Ihnen was erzählen, Herr Pfarrer, und ich brauch’ Ihren Rat“, stieß Markus Fernbach mit belegter Stimme hervor.

Pfarrer Brandner paffte genüsslich.

„Erzähl!“, nickte er.

„Ich bin immer ein anständiger, ehrlicher Mensch gewesen, Herr Pfarrer. Unsaubere Sachen hab’ ich nie gemacht. Ich hab’ mir mein Geld immer redlich verdient, und wenn ich in die Kirche gegangen bin, konnte ich dem Herrgott immer ohne schlechtes Gewissen ins Gesicht schauen.“

„Ein gutes Gewissen ist ein sanftes Ruhekissen.“

„In der jüngsten Vergangenheit ist es in meinem Leben ziemlich drunter und drüber gegangen.“ Markus richtete sich auf und sah sich um, als wollte er sich vergewissern, dass niemand in der Nähe war und sie belauschte.

„Herr Pfarrer, wir sind zwar nicht im Beichtstuhl, und ich betrachte dieses Gespräch auch nicht als Beichte, aber ich möchte doch, dass alles, was ich Ihnen sage, unter uns bleibt.“

„In Ordnung.“ Eine Rauchwolke stieg aus Brandners Mund und schwebte langsam davon.

„Sie werden die Sache vertraulich behandeln, ja?“

„Selbstverständlich, wenn das dein Wunsch ist“, versprach Franz Brandner.

„Ich möchte nicht, dass auf die Kronleithner Loni ein schlechtes Licht fällt.“

„Ich kann Geheimnisse für mich behalten“, versicherte der Priester dem Holzknecht.

Markus kratzte sich am Hinterkopf.

„Ich weiß nicht, womit ich anfangen soll.“ Sein Blick wanderte ratlos über die gepflegten Beete des Gemüsegartens. „Die Loni und ich haben ... Wir sind ... Wir waren ein Paar, Hochwürden. In aller Heimlichkeit haben wir uns geliebt. Niemand hat etwas davon gewusst. Keinem im Dorf ist’ es aufgefallen. Wir waren glücklich, Herr Pfarrer, so unendlich glücklich, bis ...“ Er unterbrach sich, wußte wieder nicht weiter. „Ich war bei der Bundeswehr ...“

„Das ist schon einige Zeit her.“

„Ja, das stimmt“, pflichtete Markus dem Priester bei.

Der weißhaarige Pfarrer lächelte mild. „Du bist ziemlich sprunghaft.“

„Ich möchte, dass Sie sich auskennen.“

„Dann musst du deine Geschichte anders aufziehen“, empfahl der Pfarrer dem jungen Waldarbeiter. „Im Moment ist sie nämlich noch ziemlich verworren.“

„Das tut mir leid.“

„Also die Kronleithner Loni und du, ihr wart heimlich ein Liebespaar.“

„Ja, Herr Pfarrer. Es war die schönste Zeit meines Lebens, und ich hätte die Loni am liebsten auf der Stelle geheiratet.“

„Warum hast du den Ochsen Wirt nicht gebeten, dir seine Tochter zur Frau zu geben?“

Markus zeigte mit dem Daumen auf seine Brust.

„Mir, dem armen Holzknecht? Er hätte mich ausgelacht und gesagt, ich soll verschwinden.“

„Doch nicht, wenn du die Loni an deiner Seite gehabt hättest. Die weiß schon, wie sie sich gegen ihren Vater behaupten kann. Wenn sie was durchsetzen will, kann sie einen ziemlich harten Dickschädel haben.“

Markus erwähnte das letzte Fest der Freiwilligen Feuerwehr von Sonnental, und er erzählte dem Priester, was der Großbauer Kronleithner und der Ochsen Wirt hinter dem Kistenturm beschlossen hatten.

„Das war in meinen Augen der reinste Menschenhandel“, sagte Markus voller Ingrimm. „Ein reines Geschäft. Geld muss zu Geld. Liebe, Zuneigung, Glück, Herzenswärme - alles Schwachsinn. Unnötige Gefühlsduselei. Die Eheleute werden sich, wenn sie sich im Moment auch noch nicht lieben, mit der Zeit schon arrangieren. Hauptsache, es gibt so bald wie möglich eine große Hochzeit und damit einen vernünftigen wirtschaftlichen Zusammenschluss zweier reicher Familien. Alles weitere wird sich schon irgendwie finden.“

Markus erzählte, wie er auf das Gespräch, das nicht für seine Ohren bestimmt gewesen war, reagiert hatte.

„Das war falsch“, sagte Franz Brandner.

„Ich weiß, dass es falsch war. Heute weiß ich es.“

Pfarrer Brandner nahm die Pfeife aus seinem Mund.

„Du hättest Loni davon erzählen sollen, anstatt dich selbst zu bemitleiden, dich sinnlos zu betrinken und mit Cilli ...“

„Ich bin nicht so gescheit wie Sie, Herr Pfarrer. Ich habe nicht studiert. Ich habe auch nicht die Reife Ihres Alters. Bei mir brannten an diesem Tag einfach alle Sicherungen durch, und es kam zu einer Kurzschlusshandlung nach der andern.“

„Du hast dich von Loni zurückgezogen ...“

„Weil ich mit dem Geld nicht konkurrieren konnte, das hinter dem Brunngraber Max steht“, sagte Markus Fernbach bitter. „Von da an spukte in meinem Kopf ständig der Gedanke herum, alles daranzusetzen, um auch zu Geld zu kommen. Ich wollte Burschen wie dem Brunngraber Max endlich ebenbürtig sein. Martin Hallers schwerer Arbeitsunfall brachte das Fass zum Überlaufen. Ich ging in die Stadt, denn da war einer, den ich von meiner Bundeswehrzeit her kannte und der immer behauptet hatte, er wisse, wie man schnell und mühelos zu Geld kommen könne. Ein Großmaul. Ein Blender. Er machte irgendwelche merkwürdigen Geschäfte, nannte sich Erfinder. Was er so alles erfunden hat? Fragen Sie mich nicht. Ich weiß es nicht, es kam nie richtig raus.“

„Er machte sich wohl selbst etwas vor“, sagte Franz Brandner.

„Einmal hatte er Geld, dann hatte er wieder keines. Die Arbeiten, die er mir verschaffte, waren zwar nicht schlecht bezahlt, aber reich konnte man mit diesen Tätigkeiten nicht werden. Als ich das endlich begriffen hatte, war ein halbes Jahr wie im Flug vergangen, und ich sehnte mich immer mehr nach der Ruhe und dem Frieden von Sonnental. Das Heimweh wurde übermächtig. Ich konnte die Stadt nicht mehr ausstehen, ihr Lärm und ihre Hektik machten mich krank. Ich wollte weg, nach Hause, dorthin, wo ich hingehöre, zurück zu meinen Wurzeln, zurück nach Sonnental. Als ich mit meinem Freund darüber sprach, sagte er: ‘Ist wahrscheinlich am besten für dich, wenn du in dein Dorf zurückkehrst. Du passt nicht in die Stadt, bist für dieses Leben nicht geschaffen.’ Zwei Tage vor meiner Abreise kam er aufgeregt nach Hause. Er sagte, er wäre in Gefahr. Angeblich war jemand hinter ihm her.“

„Wer?“ Pfarrer Brandner zog kräftig an seiner Pfeife.

„Darüber ließ er sich nicht aus“, sagte Markus Fernbach. „Er sprach von irgendwelchen finsteren Gestalten, die es auf etwas abgesehen hätten, das ihm gehöre. Am Tag meiner Abreise gab er mir einen verschlossenen Koffer mit. ‘Versteck ihn für mich!’, bat er mich. ‘Da sind Pläne von Erfindungen drin, die ich gemacht habe. Man will sie mir wegnehmen. Ich komme irgendwann nach Sonnental und hol’ sie mir.’“

„Du hast den Koffer mitgenommen?“

Markus nickte. „Und versteckt.“

„Bei dir daheim?“

Markus schüttelte den Kopf. „In einer Höhle, die außer mir keiner kennt.“

Die Pfeife des Pfarrers erlosch. Er klopfte sie seitlich an der Bank aus und steckte sie in die Außentasche seines Sakkos.

„Und da liegen die Pläne, die die Welt verändern können, nun in dieser Höhle und warten darauf, dass sie abgeholt werden“, sagte Franz Brandner.

„Der Auinger Otto hat heute Geburtstag.“

Der Priester lächelte. „Du machst schon wieder Gedankensprünge.“

„Nein, nein, Hochwürden, das gehört zu meiner Geschichte dazu. Wir haben dem Otto vom Hochmuth Pankraz eine wunderschöne Heiligenfigur schnitzen lassen. Und der Otto hat jedem von uns eine Flasche selbstgebrannten Schnaps geschenkt. Die Flaschen waren in altes Zeitungspapier eingewickelt und ... und ... und jetzt kommt’s, Herr Pfarrer. Halten Sie sich fest! Gut, dass Sie schon sitzen, weil ...“

Franz Brandner lachte. „Mach’s um Himmels willen nicht so spannend!“

Markus wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen.

„Ich - ich bin aus allen Wolken gefallen.“

„Weswegen?“

„In dieser alten Zeitung stand ... da stand ...“

„Was denn? So red schon, Markus!“

Markus sah den Priester ernst an.

„Hochwürden, ich hab’ von einem Bankraub gelesen. 950.000 Mark soll der Täter erbeutet haben. Den Filialleiter, der ihn aufhalten wollte, hat er angeschossen ...“

„Ja, und?“

„Es gibt eine ziemlich genaue Täterbeschreibung“, sagte Markus sichtlich erregt.

Pfarrer Brandner ächzte.

„Sag jetzt bloß nicht, die passt auf deinen Freund, bei dem du ein halbes Jahr gewohnt hast.“

„Doch, Hochwürden, sie passt haargenau. Für mich gibt es nicht den geringsten Zweifel, dass dieser Mann der Bankräuber ist. Jede Wette, dass sich in dem Koffer, den ich für ihn verstecken sollte, keine Pläne von irgendwelchen großartigen Erfindungen befinden, sondern 950.000 Mark! Ich hab’ die Beute eines Bankräubers in Sicherheit gebracht!“

„Heilige Muttergottes ...“

„Das ist noch nicht alles, Hochwürden“, fuhr Markus Fernbach nervös fort.

„Noch nicht?“

„Die Geschichte geht noch weiter“, sagte der Holzknecht.

„Noch weiter?“

Markus zog die dichten Augenbrauen zusammen und knurrte: „Der Kerl ist jetzt nach Sonnental gekommen.“

Pfarrer Brandner zog die Luft scharf ein. „Er ist hier?“

„Er hat sich wahrscheinlich beim Ochsen Wirt einquartiert. Sein Name ist Lorenz Hartmann. Ich habe ihn mit der Kronleithner Loni gesehen. Als wir aus dem Wald kamen, ist er uns mit seinem Auto entgegengekommen, und sie ist ziemlich knapp neben ihm gesessen. Fast angelehnt hat sie sich an ihn.“

„Das gefällt mir aber gar nicht“, sagte Pfarrer Brandner.

„Denken Sie, mir gefällt das, Hochwürden?“, gab Markus zähneknirschend zurück. Eine kleine graue Maus huschte an dem Beet mit den Tomatenstauden entlang und verschwand in einem Erdloch. „Der Lorenz wird bestimmt schon bald bei mir aufkreuzen und seinen Koffer zurückverlangen“, sagte Markus dumpf.

„Du darfst ihn ihm nicht geben.“

„Das hab’ ich auch nicht vor.“

„Du musst ihn zur Polizei bringen“, sagte Franz Brandner.

Markus Fernbach nickte unwirsch.

„Gleich morgen früh hol’ ich den Koffer aus dem Versteck und sorg’ dafür, dass der Lorenz kriegt, was ihm zusteht.“

 

 

 

19

Es dämmerte, als Markus vom Pfarrer nach Hause kam. In Gedanken versunken betrat er die Wohnküche - und da saß er! Lorenz Hartmann! Der Holzknecht sah den falschen Freund überrascht an. Hartmann lachte.

„Wie ich sehe, ist mir die Überraschung gelungen. Hallo, Markus! Wie geht’s? Freust du dich, mich wiederzusehen?“

„Lorenz ...“

Der andere lachte wieder. „Mach den Mund zu, es zieht!“

„Lorenz Hartmann.“

„Starr mich nicht an, als wäre ich ein Geist!“, sagte Lorenz. „Mach Licht und gib mir was zu trinken! Wenn ich gewusst hätte, wie schön es in Sonnental ist, wäre ich früher schon mal hergekommen. Saubere Häuser. Nette Menschen. Ich wohne beim Ochsen Wirt. Seine Tochter ist wirklich ganz reizend. Ich kannte sie bisher ja nur von deinen Erzählungen. Du hast nicht übertrieben, sie ist wunderschön.“

Markus machte Licht und füllte zwei Gläser mit Schnaps, aber nicht mit dem guten von Otto. Seine Hand zitterte leicht. Er hoffte, dass es Lorenz nicht auffiel. Unter meinem Dach befindet sich ein Schwerverbrecher, ging es ihm durch den Sinn. Er hat eine Bank ausgeraubt und den Filialleiter niedergeschossen. Ob er jetzt auch bewaffnet ist?

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, erkundigte sich Lorenz Hartmann.

Markus zuckte leicht zusammen. „Wieso?“

„Du hast so einen verlorenen Blick.“

„Ich hab’s noch nicht ganz verarbeitet, dass du hier bist“, sagte Markus.

Lorenz lachte mit der Überheblichkeit des Städters.

„Auf dem Land nimmt man sich für alles ein bisschen mehr Zeit, wie?“

Markus stellte die gefüllten Gläser auf den alten Tisch. Alles war alt, die ganze Einrichtung. „Sind sie noch hinter dir her?“, fragte Markus.

Jetzt zuckte Lorenz leicht zusammen. „Wer?“

„Die Leute, die dir deine Erfindungen wegnehmen wollen.“

Lorenz Hartmann schüttelte den Kopf. „Nein, inzwischen ist Gras über die Sache gewachsen. Niemand will mir mehr etwas wegnehmen. Die Gefahr ist vorüber, deshalb ist es auch nicht nötig, dass du meinen Koffer noch länger für mich versteckst. Du kannst ihn mir wiedergeben.“

„Er ist nicht hier.“

„Nicht hier?“ Lorenz Hartmann wirkte sehr beunruhigt. „Wo hast du ihn versteckt?“

„In den Bergen“, antwortete Markus.

„In den Bergen?“ Lorenz trank hastig.

„In einer Höhle.“

Lorenz wiegte bedenklich den Kopf. „Junge, ich finde, das war keine besonders schlaue Idee.“ „Warum nicht?“

Lorenz Hartmann nagte nervös an der Unterlippe. „Jeder kann den Koffer finden und mitnehmen.“

„Niemand außer mir kennt diese Höhle“, erwiderte Markus Fernbach.

„Wie kannst du da so sicher sein?“

„Sie ist sehr schwer zu finden. Ich hab' sie ganz zufällig entdeckt.“

„Genauso zufällig kann sie auch ein anderer entdecken“, sagte Lorenz Hartmann und rieb sich die juckende Nase.

„Das halte ich für ziemlich unwahrscheinlich“, gab Markus zurück. Er schenkte Hartmanns Glas wieder voll.

„Wir werden den Koffer morgen holen, ja?“, sagte Lorenz Hartmann fiebrig. „War übrigens sehr nett und entgegenkommend von dir, mir so selbstlos aus der Klemme zu helfen.“ Er hob das Glas und schüttete sich den Schnaps mit einem schnellen Ruck in den Hals.

„Weißt du, was ich vorhabe? Ich werde den Inhalt des Koffers zu Geld machen.“

Zu Geld?, dachte Markus. Da ist doch schon Geld drin.

„Ich habe jemanden aufgetrieben, der bereit ist, für das gesamte Plänepaket fast eine Million Mark auszuspucken“, erklärte Lorenz Hartmann mit strahlenden Augen, „und weil du so hilfsbereit warst, bekommst du von dem Kuchen selbstverständlich auch ein Stück ab. Mit dem Rest gehe ich ins Ausland. Irgendwohin, wo man billig leben kann und wo es immer warm ist. Ich hasse diese Winter in Deutschland. Schifahren kann ich nicht, und wenn die Stadt in dreckigem Schneematsch erstickt, ist das auch nicht gerade ein besonders erhebender Anblick.“

Du wirst nirgendwo hingehen, dachte Markus eiskalt. Ich werde dich und deine ‘Erfindungen’ der Polizei übergeben, und du wirst viele, viele Winter im Gefängnis verbringen.

„Ist es weit bis zu dem Versteck?“, wollte Lorenz Hartmann wissen.

„Eine Stunde.“

Lorenz lachte. „Wenn ihr Landleute eine Stunde sagt, gehen wir Städter garantiert zwei. Du musst dir den morgigen Tag freinehmen.“

„Das ist kein Problem.“

Lorenz schlug dem vermeintlichen Freund auf die Schulter.

„Bist ein patenter Kerl, Markus.“

Wenn du wüsstest, dachte der Holzknecht.

„Und dein Schnaps schmeckt auch nicht übel“, sagte Lorenz grinsend. „Gib mir noch einen! Lass uns auf unsere Freundschaft trinken.“

Du hast meine Ahnungslosigkeit ausgenützt und mich zu deinem Komplizen gemacht, dachte Markus aggressiv. Wenn die Polizei mich mit der Beute erwischt hätte, hätte kein Mensch mir geglaubt, dass ich nicht wusste, was in dem Koffer ist. Ein schöner Freund bist du mir.

Aber er machte das Spiel mit und stieß mit Lorenz an, und der Verbrecher sagte: „Ich hol’ dich morgen ab. Um zehn Uhr bin ich hier, und dann holen wir den Koffer.“

„Ist gut“, sagte Markus, und er dachte: Morgen ist ein großer Tag, Lorenz, aber nicht für dich, sondern für die Gerechtigkeit.

 

 

20

Es war nicht schwierig für Markus, den Tag frei zu bekommen. Er sagte dem Förster nur: „Ich habe etwas sehr Wichtiges zu erledigen.“ Und Otto, Martin, Hans und Toni fuhren ohne ihn in den Wald.

Von der Kramerin erfuhr er zufällig, dass angeblich niemand wusste, wo die Kronleithner Loni war. Man musste bei der alten Kramerin vorsichtig sein, denn die machte immer gern was dazu, wenn sie was aufschnappte. Im Aufbauschen war sie ganz groß.

Wenn die Kramerin also sagte: „Die Kronleithner Loni ist spurlos verschwunden!“, dann war das mit äußerster Vorsicht zu genießen, und deshalb machte Markus Fernbach sich auch weiter keine Sorgen. Er ging nach Hause und wartete auf Lorenz. Punkt zehn Uhr kam der „Freund“. Er wirkte fahrig und ungeduldig, konnte es offenbar kaum noch erwarten, an seine 950.000 Mark zu kommen.

„Bist du fertig?“, fragte er. „Können wir gehen?“

Markus nickte. „Warum bist du so nervös?“

„Bin ich ja gar nicht.“

„Wirklich nicht?“

„Na ja“, gab Lorenz zu, „vielleicht ein bisschen.“ Er rieb sich die Nase. „Ich hab’ irgendwie kein gutes Gefühl.“

„Wieso nicht?“

Lorenz streckte die Hand aus. „Mein Koffer liegt irgendwo dort oben in den Bergen. Theoretisch kann ihn sich jeder schnappen und damit auf Nimmerwiedersehen verschwinden. Er braucht nur ganz zufällig in die richtige Höhle zu schauen, und das macht mich begreiflicherweise ein bisschen kribbelig, ist doch klar.“

Sie verließen Sonnental.

Lorenz warf einen Blick zurück.

„Herrlich, dieses Dorf. Eine Idylle. So friedlich. Kannst du mir verraten, wozu ihr eine Polizeistation braucht? Ich kann mir nicht vorstellen, dass in Sonnental schon mal ein Verbrechen verübt wurde.“ Er grinste. „Euer Polizei-Hauptwachtmeister führt mit seinen siebenunddreißig Jahren schon ein beschauliches Rentnerdasein.“

„Du kennst den Kugler Heinrich?“

„Hab’ ihn gestern Abend im Ochsen kennengelernt“, antwortete Lorenz Hartmann. „Er wirkt ein bisschen frustriert, weil sich so gar nix in eurem Dorf tut.“ Er lachte. „Er kriegt vor Scham wahrscheinlich jeden Monatsersten rote Ohren, weil er wieder nichts für sein Gehalt getan hat.“

Markus schritt kräftig aus. Lorenz begann bald zu keuchen.

„Renn bitte nicht so!“, ächzte er schließlich.

Markus grinste. „Ich hab’ gedacht, du möchtest so schnell wie möglich zu deinem Koffer kommen.“ Er ging langsamer.

Schweiß tropfte von Lorenz Hartmanns Stirn.

„Ich kann dein verdammtes Naturburschentempo nicht mithalten. Wenn du den Berg weiter so hochziehst, verlierst du mich noch.“

Markus schwitzte noch nicht.

„Vielleicht entdeckt gerade jetzt ein Bär deinen Koffer und nimmt ihn mit.“

Lorenz hustete und sah sich gespannt um. „In dieser Gegend gibt es Bären?“

„Ein paar.“

„Und? Sind sie gefährlich?“, fragte Lorenz ängstlich und angespannt.

„Sie reißen hin und wieder ein Schaf.“

„Fallen sie manchmal auch Menschen an?“, fragte Lorenz mit belegter Stimme.

„Kann schon sein. Wenn man sie reizt oder in die Enge treibt.“

„Du hättest meinen Koffer besser unter deinem Bett versteckt“, stöhnte Lorenz, „das wäre sicherer gewesen und nicht so beschwerlich, ihn zu holen.“

„So siehst du wenigstens etwas von Sonnentals herrlicher Umgebung.“

Obwohl Markus nicht mehr so schnell ging, musste Lorenz nach einer halben Stunde rasten. Er setzte sich auf einen weißen Felsen.

„Wie weit ist es noch?“, fragte er schwer atmend.

„Fünfundvierzig Minuten.“

„Hab’ ich’s gestern nicht gesagt? Ihr immer mit euren witzigen Wegzeitangaben. Die stimmen hinten und vorn nicht.“

„Weil ihr Leute von der Stadt nix wert seid“, sagte Markus verächtlich. „Ich schaff’s vom Dorf bis zur Höhle in einer Stunde.“

„Ich kenne einen, der schafft es in fünf Minuten - mit seinem Hubschrauber.“

„Warum hast ihn nicht mitgebracht?“, fragte Markus.

„Ich wollte ihm nichts von meinem Koffer erzählen. Es genügt, wenn wir zwei davon wissen.“ Lorenz stand auf. Sie gingen weiter, über die Baumgrenze hinaus, und der Weg wurde immer steiniger und beschwerlicher.

Nach einer weiteren halben Stunde musste Lorenz Hartmann wieder rasten. Der Berg war hier oben nackt und zerklüftet. Unter rissigen, steil auf ragenden Felswänden lagen breite Geröllhalden, die sie überqueren mussten.

„Weißt du, was ich jetzt gern wäre?“, fragte Lorenz seinen Begleiter.

„Eine Gämse?“

„Nein“, sagte Lorenz, dessen Hemd völlig durchgeschwitzt war. „Schon wieder unten.“

Es wird dir nicht gefallen, was dich erwartet, wenn wir wieder unten sind, dachte Markus Fernbach, und er verspürte plötzlich das unbändige Verlangen, Lorenz Hartmann die Wahrheit zu sagen. Er sah ihn ernst und nachdenklich an.

„Dein Blick“, sagte Lorenz argwöhnisch. „Was hat der zu bedeuten?“

Sag’s ihm!, drängte in Markus eine Stimme. Sag’s ihm! Er hat dich für dumm verkauft! Er hält dich für einen Idioten! Glaubt, Gott weiß wie schlau zu sein! Sag ihm, dass er das nicht ist! Lass dir seine penetrante Städter Überheblichkeit nicht länger gefallen! Zeig ihm, dass er der Esel ist!

„Lorenz ...“

„Ja, Markus?“ Lorenz kniff die Augen leicht zusammen.

„Ich muss dir etwas sagen.“

„Was?“ Lorenz’ Lippen wurden schmal.

„Ich ... ich weiß, was in dem Koffer ist.“

Lorenz erhob sich mit einem Ruck. „Du hast ihn aufgebrochen und hineingeschaut?“

„Nein, das hab’ ich nicht.“

„Wie kannst du dann wissen, was in meinem Koffer ist?“, fragte Lorenz rau. „Hast du Röntgenaugen?“

„Du hältst es vielleicht nicht für möglich, weil ich ja nur ein einfacher Holzknecht bin, aber ich kann lesen. Überrascht dich das?“

Es zuckte nervös in Lorenz Hartmanns Gesicht. „Was hast du gelesen?“

„Eine alte Zeitung, und in der stand, was du getan hast.“

„Was hab’ ich denn getan?“

Jetzt waren Lorenz’ Augen nur noch schmale Schlitze.

„Eine Bank hast du überfallen. Den Filialleiter hast du niedergeschossen. Und dann hast du mir die Beute gegeben, damit ich sie für dich verstecke. 950.000 Mark.“

„Warum bist du mit mir auf den Berg gegangen, Markus?“

„Um mit dir den Koffer zu holen.“

„Und dann?“, fragte Lorenz Hartmann lauernd.

„Dann kehren wir miteinander nach Sonnental zurück.“

Lorenz Hartmann musterte den Holzknecht von Kopf bis Fuß.

„Was hast du vor, Markus?“

„Ich werde dich dem Kugler Heinrich übergeben. Du weißt schon, dem Polizei-Hauptwachtmeister, der mit siebenunddreißig Jahren schon ein beschauliches Rentnerdasein führt. Den Koffer gebe ich ihm natürlich auch, denn ich will kein Geld, an dem Blut klebt. Da bin ich lieber arm.“

Lorenz Hartmann schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. „Markus, Markus.“

„Ehrlich währt am längsten, aber davon scheinst du noch nichts gehört zu haben. Als wir zusammen bei der Bundeswehr waren, hast du gesagt, du weißt, wie man schnell und mühelos zu Geld kommen kann. Hast du damals schon daran gedacht, irgendwann einmal eine Bank zu überfallen?“

„Na klar, was dachtest du denn? Glaubst du, anders wirst du reich? Mit deiner Hände Arbeit etwa? Hör zu, ich bin bereit, mit dir zu teilen. Wir machen Halbe Halbe. Was sagst du dazu? 475.000 Mark für dich. Bar auf die Kralle. Steuerfrei.“

Markus Fernbach schwieg.

„Was gibt es da zu überlegen?“, fragte Lorenz verständnislos. „Greif zu! So großzügig bin ich nur hier und jetzt.“

„Du hast einen Menschen eiskalt niedergeschossen.“

„Er hätte nicht den Helden spielen sollen“, erwiderte Lorenz Hartmann ungerührt. „Ich kann nichts für seine Dummheit.“

„Der Mann wäre beinahe gestorben.“

„Was passiert ist, war ihm bestimmt“ , sagte Lorenz gleichgültig. „Genauso wie es uns bestimmt ist, dass wir von nun an nicht mehr jede Mark umzudrehen brauchen, bevor wir sie ausgeben.“

„Wir werden nicht teilen“, erklärte Markus glashart.

„Du willst doch nicht etwa das ganze Geld für dich allein haben.“

„Ich hab’ dir bereits gesagt, dass ich kein Geld will, an dem Blut klebt.“

Lorenz nickte. „Na schön.“ Er nickte wieder. Seine Nasenflügel bebten, sein Gesicht hatte graue Flecken bekommen. „Na schön, du völlig verblödeter Bauernschädel. Was glaubst du, wen du vor dir hast? Irgend so einen geistig minderbemittelten Kuhtreiber aus deinem bescheuerten Sonnental? Einen Dorftrottel? He? Wofür hältst du mich? Ich habe natürlich Vorkehrungen getroffen.“

„Vorkehrungen?“

„Als wir uns gestern unterhielten, da spürte ich, dass ich dir nicht trauen kann, dass du irgendeine Gemeinheit vorhast“, sagte Lorenz frostig. „Ein Glück, dass ihr Einfaltspinsel vom Land so leicht zu durchschauen seid.“

In Markus’ Magengrube breitete sich ein schmerzhaftes Gefühl aus, und sein Herz schlug schnell und hart. Seine Finger krallten sich in Lorenz’ Hemd. Er schüttelte ihn kräftig.

„Was für Vorkehrungen hast du getroffen, du Mistkerl?“

„Vorsicht!“, zischte Lorenz Hartmann. „Loslassen! Ich hab ’es nicht so gern, wenn man mit mir so umspringt!“

Hartes Metall drückte plötzlich schmerzhaft gegen Markus’ Rippen, und als er Lorenz losließ, sah er, dass der Verbrecher eine Pistole in der Hand hielt.

„Hast du damit den Filialleiter niedergeschossen?“, kam es heiser über seine Lippen.

„Bist du da ganz allein drauf gekommen?“, höhnte Lorenz Hartmann. „Alle Achtung!“

„Welche Vorkehrungen hast du getroffen?“

Lorenz grinste breit. Mit der Waffe in der Hand fühlte er sich sehr sicher. Markus würde nicht so verrückt sein, ihn anzugreifen.

„Kannst du’s dir nicht denken?“, gab er spöttisch lächelnd zurück.

Markus’ Kopfhaut zog sich schmerzhaft zusammen.

„Wenn du dich an Loni vergriffen hast ...“

Lorenz sagte: „Ich hab’ mich gefragt: Womit kann ich den Fernbach Markus unter Druck setzen, wie kann ich ihn mir gefügig machen, wie kann ich ihn in die Knie zwingen, wenn es nötig sein sollte? Und ich hab’ mir geantwortet: Du brauchst ein Faustpfand, aber ein gutes.“

„Ein Faustpfand ...“ Markus meinte, hohes Fieber zu haben. Ihm war heiß und kalt zugleich, und er konnte nur mit Mühe verhindern, dass seine Zähne heftig aufeinander schlugen.

„Eines wie Loni, sagte ich mir“, erklärte Lorenz. „Er hebt Loni, hebt dieses junge, schöne, zarte Pflänzchen über alles. Es gibt nichts, was er nicht für sie tun würde. Er würde sich, wenn es sein müsste, sogar in die tiefste Schlucht stürzen, um ihr Leben zu retten.“

Markus platzte beinahe vor Wut, weil er vor Lorenz‘ Waffe stand und nichts tun konnte.

„Was hast du getan, Lorenz?“, kam es krächzend über seine bebenden Lippen.

„Jetzt, wo ich sie persönlich kenne, kann ich verstehen, dass du so vernarrt in die Kleine bist.“

„Was hast du ihr angetan?“ Gleich, gleich würde Markus sich nicht mehr beherrschen können.

Lorenz Hartmann grinste dreckig.

„Sie ist wirklich ein ganz bezauberndes Geschöpf. Viel zu schade für Sonnental und für dich. Viel zu schade für ein Leben zwischen Pferdemist und Kuhfladen. Eine wie sie gehört in die Stadt, denn da weiß man so viel Schönheit richtig zu würdigen.“

„Was hast du mit Loni gemacht, Lorenz?“ Markus erkannte seine eigene Stimme nicht mehr.

„Nichts hab’ ich mit ihr gemacht. Oder - nicht viel“, schränkte Lorenz boshaft ein.

„Sie ist verschwunden.“

„Ach, das weißt du schon? Die stille Post funktioniert in Sonnental aber sehr gut.“

„Du sagst mir jetzt auf der Stelle ...“

Lorenz Hartmanns Waffe ruckte blitzschnell hoch, und für einen Moment dachte Markus, der andere würde abdrücken.

„He!“, schnauzte Lorenz ihn an.

„Du vermaledeiter ...“

„Sachte, Kumpel!“ Lorenz’ Stimme nahm einen beschwichtigenden Ton an. „Ganz sachte, ja? Du scheinst mit deinem Spatzenhirn den Ernst der Situation nicht zu begreifen, in der du dich befindest. Ich muss dir das wohl erklären. Ganz langsam. Gewissermaßen zum Mitschreiben. Sieh mal, Kleiner, du steckst in der Klemme, und zwar ziemlich tief. Das da, das Ding in meiner rechten Hand, das vorne ein Loch hat, das ist eine Pistole. Mit der kann man schießen. Wenn meine Pistole ‘Bum!’ macht, fällst du um und bist tot. Und das wirst du sein, wenn du nicht ganz brav und artig bist und nicht das tust, was ich von dir verlange.“

„Du kannst mich nicht erschießen.“

Lorenz Hartmann lachte. „Wer sollte mich hier oben daran hindern?“

„Mein Tod würde dich um deine Beute bringen. Du musst mich wie ein rohes Ei behandeln, sonst führe ich dich nicht zu dem Versteck.“

„Siehst du, und deshalb habe ich mir rechtzeitig ein brauchbares Faustpfand besorgt, damit du richtig spurst. Wenn du mich hier oben im Kreis führst, wenn du vielleicht sogar mit dem Gedanken spielst, mich auszutricksen und zu überwältigen, hat die arme, unschuldige Loni es zu büßen.“

Jedes Mal, wenn Lorenz Lonis Namen aussprach, gab es Markus einen schmerzhaften Stich. „Wo ist sie?“, fragte er fast flehend.

„Die liebe, kleine, naive Loni?“ Es gefiel Lorenz Hartmann, Markus noch länger zappeln zu lassen. „Die Begegnung mit mir hat für sie einen hohen erzieherischen Wert“, sagte er, als wäre er sehr stolz darauf. „Sie wird Fremden in Zukunft bestimmt mit mehr Vorsicht und Misstrauen als bisher begegnen. Es ist doch wirklich sträflich leichtsinnig, jemandem, den man nicht kennt, gleich so viel ungerechtfertigtes Vertrauen entgegenzubringen. Diese Lehre wird sie aus der Sache ziehen.“

„Sag mir doch bitte endlich, wo sie ist, Lorenz! Geht es ihr gut?“

„So gut, wie es ihr in ihrer Lage gehen kann“, sagte Lorenz.

„In welcher Lage befindet sie sich denn?“

„Hat sie Angst vor Dunkelheit und engen Räumen?“

Markus‘ Sorge um Loni wuchs ins Unermessliche.

„Hast du sie irgendwo eingesperrt?“

„Sie liegt im Kofferraum meines Wagens.“

Das traf Markus Fernbach wie ein Keulenschlag.

„Du Schwein!“

Lorenz Hartmann hob die Schultern, als würde er seine Tat bedauern. „Ich musste mich absichern.“

„Sie wird um Hilfe schreien.“

Lorenz schüttelte den Kopf.

„Das kann sie nicht.“

Markus’ Nervenstränge spannten sich. „Wieso nicht?“

„Ich habe sie gefesselt und geknebelt.“

Markus war entsetzt. „Gütiger Gott ...“

Lorenz machte eine wegwerfende Handbewegung. „Sie wird es überleben, wenn du nicht durchdrehst. Du bringst mich zu meinem Geld, machst keine Zicken. Wenn ich wieder unten bin, steige ich in meinen Wagen und fahre los, und Sonnental sieht mich niemals wieder.“

„Und Loni?“, fragte Markus gepresst.

„Die nehme ich mit.“

Markus schüttelte wild entschlossen den Kopf. „Das lasse ich nicht zu.“

„Ich brauche einen Vorsprung. Solange ich Loni bei mir habe, wird keiner etwas gegen mich unternehmen.“

„Wohin willst du mit ihr?“

„Ich lasse sie irgendwo unterwegs frei“, sagte Lorenz.

„Sie wird bis dahin Todesängste ausstehen.“

„Das kann ich ihr leider nicht ersparen“, gab Lorenz ohne ehrliches Bedauern zurück.

„Warum nimmst du nicht mich als Geisel?“

Lorenz Hartmann grinste. „Du bist mir zu stark und zu unberechenbar, mein Freund. Du bleibst nur so lange friedlich, solange sich deine heißgeliebte Loni in meiner Gewalt befindet.“

„Wo hast du deinen Wagen versteckt?“

„Im Kohlgraben oder wie das heißt“, sagte Lorenz.

„Köhlergraben.“

„Köhlergraben, richtig.“ Lorenz nickte. „Bei der alten Mühle. Dahin verirrt sich nur alle hundert Jahre mal einer, habe ich mir sagen lassen.“ Er holte tief Luft. „Hör zu, Markus, ich möchte die ganze Geschichte nach Möglichkeit unblutig hinter mich bringen, also verlier nicht den Kopf und reiz mich nicht! Dann kriegt jeder, was er möchte: ich mein Geld und ein angenehmes, faules Leben in einem fernen Land und du deine Loni, unversehrt, und alle können zufrieden sein.“

Zufrieden werde ich erst sein, wenn du hinter Schloss und Riegel sitzt, dachte Markus aufgewühlt.

„Wenn du friedlich bist und alles nach meinen Vorstellungen abläuft, ist Loni bald wieder in Sonnental“, versprach Lorenz Hartmann.

Wenn ich dir die Pistole aus der Hand schlage, bist du geliefert, ging es Markus durch den Sinn. Dann bist du keine Gefahr mehr für mich. Ich kann dich überwältigen und außer Gefecht setzen, kann das Geld holen, dich mitsamt der Beute zur Polizei bringen und Loni befreien. Ich brauche dir nur die Pistole aus der Hand zu schlagen, dann hast du ganz, ganz schlechte Karten, mein Lieber.

Lorenz Hartmann schien zu ahnen, was Markus sich überlegte. Er schüttelte langsam den Kopf und sagte drohend: „Daran solltest du nicht einmal denken, mein Freund. So, und jetzt lass uns weitergehen! Es kann ja nicht mehr sehr weit sein.“

Zweimal hätte Markus es beinahe getan, aber er hatte zum Glück jedes Mal gerade noch rechtzeitig gemerkt, dass Lorenz auf der Hut war, dass er höllisch aufpasste. Also musste Markus auf eine andere, bessere Gelegenheit warten.

Sie wird kommen, sagte er sich immer wieder. Sie wird ganz bestimmt kommen. Die geringste Unachtsamkeit genügt mir, dann ist er dran.

Sie mussten einen schmalen Felsgrat überwinden. Links und rechts gähnten Abgründe.

„Wer da hinunterfällt, hat keine Sorgen mehr“, ächzte Lorenz.

„Soll ich allein weitergehen?“, fragte Markus. Ein kalter Wind blies ihm ins Gesicht.

„Du willst wohl abhauen, mich hier oben meinem Schicksal überlassen, dir den Geldkoffer holen und Loni befreien, was? Aber daraus wird nichts. Wenn ich merke, dass du mich zu linken versuchst, schieße ich.“

Sie erreichten eine mehrschichtige, etwa zwanzig Meter senkrecht aufragende Felsplatte aus grauem Granit. Markus Fernbach blieb stehen.

„Was ist?“, fragte Lorenz Hartmann ungeduldig. Der Aufstieg dauerte ihm schon zu lange. Er wollte endlich sein Geld haben. „Warum gehst du nicht weiter?“

„Wir sind am Ziel“, sagte Markus.

„Was?“ Lorenz blickte sich überrascht um. „Hier ist es? Ich sehe keine Höhle. Wo ist sie?“

Markus hob die Hand. „Dort oben.“

„Wo?“

„Man kann sie von hier aus nicht sehen“, sagte Markus Fernbach.

„Wie erreicht man sie?“, wollte Lorenz fahrig wissen.

„Man muss klettern“, antwortete Markus.

„Ich bin kein zweiter Louis Trenker.“

„Ich kann allein hinaufklettern und den Koffer holen“, schlug Markus vor.

„Das ist eine großartige Idee, aber wer garantiert mir, dass du dich auf der anderen Seite dieser Felswand nicht dünn machst?“

„Du hast Loni in deinem Wagen.“

„Wie viele Eingänge hat die Höhle?“, wollte Lorenz Hartmann wissen.

„Nur einen“, antwortete Markus. Er war die ganze Zeit auf dem Sprung. Wie eine Stahlfeder war er innerlich angespannt, aber er musste sich eingestehen, dass er niemals schneller sein konnte als Lorenz’ Finger, der die ganze Zeit auf dem Abzug lag und sich nur zu krümmen brauchte.

„Ist sie groß?“, fragte Lorenz.

„Nein, man kann sich darin nicht einmal aufrichten. Ich hab’ einmal in ihr Schutz gesucht, als das Wetter plötzlich umschlug. Sie hat mir das Leben gerettet.“

Details

Seiten
269
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738941012
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v900197
Schlagworte
angesicht berge bergromane dramatische drei heimat-roman sammelband schicksale

Autor

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Titel: Heimat-Roman Drei Bergromane Sammelband 2 - Dramatische Schicksale im Angesicht der Berge