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Dr. Florian Winter #21: Dr. Winter und die Fehldiagnose

2020 176 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Dr. Winter und die Fehldiagnose

Copyright

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Dr. Winter und die Fehldiagnose

Dr. Florian Winter Band 21

Arztroman von Glenn Stirling

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 176 Taschenbuchseiten.

 

Susanne Hewarth hat Schmerzen im Unterleib und geht voller Angst zu Dr. Hammer, der nach einer kurzen Untersuchung eine Totaloperation vorschlägt. Auf Anraten ihres neuen Partners hin lässt Susanne eine weitere Untersuchung bei Dr. Winter machen, der zu einem anderen Ergebnis kommt. Zur Sicherheit lässt er die Gewebeproben untersuchen, doch da kommt es zu einer schrecklichen Verwechslung.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER STEVE MAYER

© dieser Ausgabe 2019 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Susanne Hewarth war glücklich. Sie kam sich vor wie ein Vogel, der viele Jahre gar nicht gewusst hat, dass er zu fliegen vermag, und nun mit zweiundvierzig hatte sie die Schwingen ausgebreitet, und sie spürte, dass sie flog. Der Applaus brandete um sie wie eine Woge, und sie blickte vom Rednerpult hinab auf die über dreihundert Menschen, die ihr zugehört hatten und die jetzt begeistert applaudierten. Von dem Speer, der ihr Glück durchbohrte, ahnte Susanne nicht das Geringste.

Sie war das, was man eine attraktive Erscheinung nennt. Die Reife hatte sie gelehrt, schwindende Schönheit durch Charme zu ersetzen. Sie gewann, wenn sie sprach. Sie begeisterte, wenn sie so sprach wie heute.

Während sie mit dankbarem Lächeln auf ihre Zuhörer schaute, wischte sie sich mit der Linken eine Locke ihres brünetten Haares aus der vom Eifer geröteten Stirn. Sie war mittelgroß, schlank, und sie wusste, dass sie eine noch tadellose Figur besaß, die besonders in dem hochgeschlossenen dunkelblauen Kleid zur Geltung kam, das sie trug. Es war aber nicht ihr eigener Anblick, der sie begeisterte, sondern die Aufgabe, die sie sich gestellt hatte, dieses Besinnen auf Fähigkeiten, die Jahrzehnte im Verborgenen geblüht hatten.

Sie hatte beschlossen, neu anzufangen. Seit einem Jahr kämpfte sie für dieses neue, zweite Leben. Seit einem Jahr hatte sie Dinge erreicht, die sie nie für möglich gehalten hätte.

Der Applaus legte sich. Sie trat einen halben Schritt vor, näherte ihr Gesicht dem Mikrophon und sprach weiter. Sie wählte sorgfältig jedes ihrer Worte, beobachtete aufmerksam und glücklich zugleich die Reaktionen ihrer Zuschauer.

Sie hatte sich alles wohl überlegt, und bei aller glühenden Begeisterung, mit der sie ihre Rede vortrug, verließ sie doch nie das straffe Konzept von den Ansprüchen, die sie und die Menschen hier im Saal an den Sender stellen wollten.

Als sie diesen Katalog ihrer Forderungen aufgezählt hatte, brandete wieder stürmischer Beifall los.

Susanne trat etwas zurück, atemlos, bewegt und beglückt zugleich. Sie lächelte den Zuschauern zu, deren Applaus einfach nicht enden wollte. Ein paar überschwängliche Bravorufe schallten bis zu ihr hinauf.

Ihre Hände krampften sich in das Holz des Rednerpultes. Sie tat es so fest, dass ihre Finger schmerzten, aber sie wollte diesen Schmerz, weil sie meinte zu träumen.

Ich fliege, dachte sie, nur nicht damit aufhören! Oder ist es ein Traum? Werde ich aufwachen, und dann ist es zu Ende, und ich bin wieder wie früher, ein Niemand, ein Nichts, eine Fahne, die im Winde hängt, ein Chamäleon, das seine Farbe der Umgebung anpasst?

Sie versuchte sich Walters Gesicht vorzustellen, wie er wohl reagieren würde, säße er hier im Saal oder hätte sie überhaupt all die Zeit erlebt, seit sie auf eigenen Beinen stand.

Sie ließ den Blick über die noch immer klatschenden Zuschauer schweifen und entdeckte Helga Störmann. Sie saß ganz links außen.

Helga ist also doch gekommen, dachte sie. Nett von ihr. Ich werde sie nachher hoffentlich sehen.

Der Applaus war verebbt, und Susanne sprach noch ein Schlusswort, winkte dann dankend den Zuhörern zu, die abermals applaudierten, und spürte zugleich ein merkwürdiges Ziehen im Unterbauch. Sie maß dem aber keine Bedeutung bei und verließ das Rednerpult. Sie ging direkt zur linken Seite auf Helga Störmann zu, die aufgestanden war und ihr ein paar Schritte entgegenkam.

Aber bevor Susanne die blonde Freundin begrüßen konnte, kam Justizrat Prof. Brasche auf sie zu, ein gutaussehender weißhaariger Mann um die Sechzig, und rief begeistert: „Das war etwas, das sich hören lassen konnte. Herzlichen Glückwunsch, gnädige Frau! Ich glaube, ich weiß jetzt, wer meine Nachfolge antritt.“

Bevor sie etwas sagen konnte, hatte er ihr die Hand gedrückt und schon wieder losgelassen, um zum Rednerpult zu gehen. Der Applaus der Zuschauer begleitete ihn.

„Ich glaube“, sprach er ins Mikrophon, „dass ich guten Herzens Frau Hewarth als meine Nachfolgerin vorschlagen kann. Ich bitte die verehrten Anwesenden um ein Handzeichen. Wer dafür ist, möge bitte die Hand erheben.“ Es war eine überwältigende Mehrheit, die sich für Susannes Wahl aussprach, ein Triumph, der durch die Glückwünsche von Justizrat Prof. Brasche gekrönt wurde.

Irgend jemand brachte einen Strauß Blumen, und Prof. Brasche überreichte sie höchstpersönlich an Susanne. Sie fragte sich in diesem Augenblick, woher er die Gewissheit gehabt hatte, dass sie die Wahl gewinnen würde. Aber sie vergaß diesen Gedanken wieder, fühlte seinen festen Händedruck, spürte die Aufrichtigkeit seiner Glückwünsche. Sie hatte ihn immer gemocht, ganz im Gegensatz zu Walter, der ihn einen „verdammten Paragraphenreiter“ nannte.

Es war wie ein Rausch, der Susanne überkam, und eigentlich ebbte das alles erst ab, als sie mit Helga Stunden später zusammensaß in dem kleinen Café, das als einziges noch um diese Zeit offen hatte. Sie tranken wie früher schon jede ihren Tee, saßen an dem kleinen runden Tisch, an dem sie schon als junge Mädchen gesessen hatten. Außer den Tapeten und dem Personal hatte sich in diesem Café über die Jahrzehnte hinweg kaum etwas geändert. Sogar der Besitzer war noch derselbe. Aber auch er hatte seinen Tribut an die Jahre gezahlt. Seine Augen waren schlecht geworden, und er erkannte die beiden Frauen nicht als die einst jungen Mädchen wieder, die früher in seinem Café gesessen, Eis geschlemmt und einander so vieles Wichtiges und Unwichtiges zu berichten hatten. Indessen waren beide etwas ruhiger und auch selbstsicherer geworden.

„Es war großartig, dir zuzuhören“, meinte Helga Störmann anerkennend.

Susanne betrachtete ihre gutaussehende, ein paar Jahre jüngere Freundin voller Freude. „Dass du hergekommen bist, finde ich nett. Im Grunde hast du doch damit gar nichts zu tun. Diese zwei, drei Hörspiele, die du für den Sender schreibst …“

Helga Störmann lachte. „Immerhin habe ich jahrelang beim Schulfunk mitgearbeitet, also geht es mich auch etwas an. Tu nur nicht so, als hättest du die Probleme des Senders in Erbpacht“, fügte sie schelmisch hinzu. „Du bist doch gerade ein Jahr wieder aktiv dabei.“

„Das ist wahr. Und jetzt werde ausgerechnet ich zur Sprecherin der Interessenvertretung gewählt.“

„Das ist schon richtig“, erklärte Helga. „Justizrat Brasche hat es ja deutlich genug gesagt: Das ist keine Sache für einen Anwalt, das muss jemand vertreten, der dies aus eigenem Interesse tut, jemand, der dazugehört, und du gehörst dazu.“

„Wieder“, meinte Susanne ein wenig bitter. „Ich hätte all die Jahre dazugehören sollen. Vergeudete Jahre!“

„Wieso vergeudet? Dass du mit Walter nicht besonders glücklich warst, stimmt. Aber deine Kinder …“

„Die Kinder brauchen mich doch nicht mehr. Andrea wollte ja unbedingt heiraten. Ich habe damals gedacht, sie bekommt ein Kind und will es nur noch nicht sagen. Aber sie hat immer noch kein Kind und ist jetzt schon anderthalb Jahre verheiratet. Sie sind mit achtzehn mündig, und reden manchmal Dinge, dass ich mich frage, wann sie je erwachsen werden. Sie sind ganz anders als wir. Sie lässt sich von ihrem Mann überhaupt nichts sagen. Sie tut, was sie will, und bei ihm ist es ähnlich, und trotzdem kommen sie miteinander aus. Ich habe immer versucht, das zu tun, was Walter gefällt, und die Ehe ist kaputtgegangen.“

„Ich würde sagen, für dich war es fast lebensrettend. Also, ich hätte es mit ihm nicht ausgehalten.“

„Du hast ja auch eine Ehe hinter dir, Helga“, meinte Susanne. „Da ist es auch schiefgegangen.“

„Es hat bloß nicht so lange gedauert, dieses Martyrium“, bekannte Helga. „Aber schlimm war‘s auch. Ich hätte damals Florian heiraten sollen. Er wäre glücklich gewesen. Dass ich seinerzeit nicht ihn, sondern einen Kollegen geheiratet habe, muss ihn fürchterlich getroffen haben.“

„Aber du hast doch wieder Kontakt mit ihm, nicht wahr?“

„O ja, den habe ich.“ Sie blickte verklärt an Susanne vorbei, und die musste über diesen leeren Blick Helgas lächeln. Aber dann machte es sie doch nachdenklich, was Helga sagte.

„Wir sind nicht verheiratet, und doch sind wir füreinander da, wenn wir uns brauchen. Es ist alles ganz anders, zwangloser. Es steht keine Pflicht dahinter, wenn du weißt, was ich damit meine. Wir können uns sehen, wir können miteinander leben, wenn wir es wollen, und wir können uns jederzeit trennen. Ich empfinde über die Liebe hinaus zu ihm etwas, das ich zu meinem Mann seinerzeit nie empfinden konnte, nämlich eine richtige Freundschaft. Ich weiß, dass ich mich auf Florian verlassen kann, und ich habe das Gefühl, er ist sich bei mir dessen ebenso sicher.“ Helga blickte Susanne wieder an und fragte: „Und du? Ist da gar nichts im Busch?“ Sie lächelte.

Susanne schüttelte den Kopf. Ihr Gesicht wirkte ein wenig betroffen. Sie spürte selbst, wie ihr die Röte in die Wangen schoss. Ich dummes Ding, dachte sie, wie ein kleines Mädchen! Was ist denn dabei, wenn Helga mich so etwas fragt? Ich glaube, in diesem Punkt werde ich nie unbefangen sein können.

„Da ist nichts. Weißt du, das mit Walter war ein furchtbarer Schock. Ich bin froh, dass es vorbei ist. Aber seitdem ist eine Angst zurückgeblieben, eine Furcht vor allem Neuen, vor einem anderen, der mich ebenso enttäuschen könnte und betrügen, weißt du.“

„Aber im Grunde bist du doch jetzt viel glücklicher. Du bist frei. Ich meine nur, du bist nicht alt genug, um von allem frei zu sein, kurzum, du brauchst doch jemanden.“

„Ich habe doch jemanden! Ich habe dich, und manchmal lasse ich mich auch bei Andrea sehen.“

„Ob sie das als reines Glück empfindet, wenn du da auftauchst? Besonders gut habt ihr euch doch nie verstanden.“

„Das ist jetzt anders. Seit Walter weg ist, verstehen wir uns großartig. Und Jochen, nun ja, den sehe ich in den Ferien. Walter wollte ja unbedingt, dass er aufs Internat kommt. Im Grunde ist Jochen darüber ganz froh. Am Anfang war es hart, aber jetzt ist er fünf Jahre da; es klappt.“

Susanne spürte wieder diese Stiche im Unterbauch, ein Ziehen. Das erinnerte sie wieder an Florian, Helgas Freund. Sie kannte Florian ja auch, wenn auch flüchtig.

„Sag mal, Helga, ist Florian eigentlich noch immer in der Paul-Ehrlich-Klinik?“

Helga nickte. „Irgendwann hört Professor Frenzel auf, und da wird Florian alles übernehmen.“

„Und ich hatte immer gedacht, er macht sich selbständig, als Facharzt der Gynäkologie.“

„Er hat ja die Sprechstunde von Professor Frenzel, aber er hat auch eine eigene Praxis, in der Klinik natürlich.“

„Wie alt ist denn Professor Frenzel, weil du sagst, dass Florian eventuell …“

„Ich glaube, der ist sechzig, aber unheimlich gut dabei. Dem siehst du das nicht an. Er macht einen erheblich frischeren Eindruck als Professor Brasche. Auch kein Wunder. Professor Frenzel ist ja mehr auf seiner Jacht als in der Klinik. Er überlässt alles Florian, und Florian schmeißt den Laden, aber manchmal ist es sehr viel für ihn. Neulich kam er bei mir an, da hatte er sechsunddreißig Stunden kein Auge zugetan und war völlig fertig. Was soll ich dir sagen, auch dafür muss man als Frau Verständnis haben.“

„Du sagst das so selbstverständlich. Walter hatte bei mir nie Verständnis, wenn ich müde war. Der erwartete immer, wenn er nach Hause kam, eine putzmuntere Frau. Ich musste um ihn herumtanzen, als hätte ich den ganzen Tag geschlafen. Aber wenn er müde war, dann mussten alle anderen auch todmüde sein. Er konnte sich nie in einen anderen hineinversetzen; ich glaube, er hat nicht einmal den Versuch dazu gemacht. Aber es ist auch viel meine Schuld, vieles.“

Sie spürte wieder einen dumpfen Druck im Unterbauch. Was ist das nur?, dachte sie. Es ist doch noch gar nicht soweit.

„Was ist los mit dir?“, fragte Helga. „Du verziehst auf einmal das Gesicht.“

„Ich glaube, ich muss mal zum Frauenarzt.“

„Dann geh doch zu Florian.“

„Ich weiß nicht. Du machst dir keinen Begriff davon, wie sehr ich es hasse, zum Frauenarzt zu gehen und dann noch in diesem fürchterlichen gynäkologischen Stuhl zu liegen. Es ist einfach widerlich, findest du nicht auch?“

Helga zuckte die Schultern. „Aber es muss sein. Es ist einfach unabänderlich.“ Sie blickte Susanne prüfend an. „Gehst du nie zur Vorsorge?“

Helga schüttelte den Kopf. „Ehrlich gestanden, nein. Ich sage doch, ich hasse es. Ich bin immer nur gegangen, wenn es gar nicht anders ging. Nach den Kindern natürlich, und überhaupt auch in der Schwangerschaft. Aber die letzten sechs Jahre bin ich nicht mehr gewesen.“

„Um Gottes willen! In deinem Alter musst du doch auf so was achten.“

„Ich habe nie Beschwerden gehabt. Allerdings jetzt, vorhin auf dem Rednerpult habe ich es zum ersten mal gespürt.“

„Das muss ja nichts bedeuten.“

„Ich glaube auch nicht.“

Später, als Susanne zu Hause war in ihrer kleinen Zweizimmerwohnung, da spürte sie es wieder. Und dann auf der Toilette machte sie eine erschreckende Entdeckung.

Um Himmels willen, dachte sie, es kann doch nicht schon wieder soweit sein, nach zehn Tagen! Das ist doch völlig ausgeschlossen. Wieso blute ich?

Sie versuchte sich einzureden, dass es vielleicht durch die Umstände, durch die Erregung, das Lampenfieber vor ihrer Rede gekommen sein könnte, doch dann verwarf sie den Gedanken. Sie war ja früher mit Walter viel gewandert. Es waren sehr anstrengende Wanderungen gewesen, und Walter hatte nie auf sie Rücksicht genommen, da hatte es das auch nicht gegeben. Und auch andere Ereignisse, ein Autounfall zum Beispiel, hatten das nicht bewirkt.

Ich muss wirklich zum Arzt gehen, dachte sie. Ich muss etwas tun.

Von nun an fing sie an, sich zu beobachten. Am Abend hatte es angefangen, dass dieser Druck dumpfer, stärker wurde, aber das ließ wieder nach. Aber nachts wachte sie auf, da war wiederum das Gefühl. Angst packte sie. Sie konnte ewig nicht wieder einschlafen. Sie fühlte an ihrem Bauch herum, drückte, und überall meinte sie plötzlich einen Schmerz zu verspüren.

Obgleich sie eigentlich am Vormittag zum Sender musste, beschloss sie, sich krank zu melden und zum Arzt zu fahren.

Es war ein unglückseliger Zeitpunkt, den sie sich dafür ausgesucht hatte, aber woher wollte sie das wissen? Gleich am Morgen rief sie in der Paul-Ehrlich-Klinik an, bekam eine Verbindung mit Renate Angern, der Sprechstundenhilfe von Dr. Florian Winter. Sie kannte Renate nicht, aber sie sagte ihr, sie selbst sei mit Dr. Winter bekannt und hoffte, auf diese Weise einen Termin zu bekommen.

„Tut mir furchtbar leid, heute ist alles besetzt. Außerdem ist noch Operationstag. Wir nehmen heute nur Notfälle dran. Wenn Sie morgen …“

Nein, dachte Susanne, bis morgen kann ich nicht warten. Und sie sagte es auch Renate. „Ich muss heute zu ihm kommen oder gar nicht. Es ist wirklich dringend.“

„Aber ich habe Ihnen ja gesagt, dass Operationstag ist. Sie können es ja versuchen, aber meistens kommt da soviel zusammen, und am Ende müsste Sie ein Kollege von ihm …“

„Ich möchte von ihm selbst untersucht werden. Nun gut, dann geben Sie mir einen Termin für morgen.“

Sie bekam einen Termin, aber schon als sie auflegte, war sie fest entschlossen, eben zu einem anderen Arzt zu gehen, der heute schon diese Untersuchung bei ihr vornahm, und dies war wirklich ein unglücklicher Umstand, der für sie weittragende Folgen haben sollte.

Sie suchte die Adresse ihres früheren Frauenarztes, aber dann erfuhr sie, dass der in Urlaub weilte. Kurzentschlossen suchte sie im Telefonbuch nach einem anderen Arzt. Sie hatte wieder Pech. Der in ihrer Nähe praktizierte, war ebenfalls in Urlaub.

Ohne weitere Umschweife rief sie Elli Brasche an. Elli war die Frau von Justizrat Prof. Dr. Brasche. Sie war seine zweite Frau, eine ehemalige Sekretärin von ihm und viel jünger als er. Susanne verstand sich großartig mit ihr. Durch Elli war sie wieder in den Sender gekommen, und sie hatten dann ihre Freundschaft auf einem Ball des Senders vertieft. Seitdem trafen sie sich jeden Monat ein, zwei Mal.

Elli war auch gleich am Apparat. „Wo drückt dir der Schuh, mein Herz?“, wollte sie wissen.

„Kannst du mir nicht einen Frauenarzt empfehlen, Elli? Ich wollte zu Doktor Winter, aber der ist hoffnungslos besetzt heute und hat außerdem Operationstag.“

„Wer ist Doktor Winter?“

„Helgas Freund.“

„Ach, der ist Frauenarzt?“

„Ja, er ist Oberarzt in der Paul-Ehrlich-Klinik.“

„Wie interessant! Das habe ich nicht gewusst. Ich gehe immer zu Doktor Hammer, schon seit Jahren. Der hat keine Kassen oder bist du Privatpatientin?“

„Ja, schon. Das ist auch nicht wichtig. Ist er denn gut?“

„Ungeheuer gut!“, behauptete Elli Brasche. „Das ist ein Ass, sage ich dir. Weißt du, der ist nicht bloß Arzt, der ist mehr. Wenn der mit dir spricht, hast du das Gefühl, du redest mit einem Freund. Er erklärt einem alles so wunderbar. Allerdings, manchmal denke ich, der müsste einfach mal etwas finden bei mir, er findet nie etwas, das heißt, er sagt immer: Es ist alles prächtig, es ist alles wunderbar. Für den bin ich die Gesundheit in Person.“

„Bist du es nicht?“

„Manchmal, wenn ich Migräne habe, denke ich, ich bin ein Häufchen Elend, und ein andermal platze ich bald vor überschäumender Kraft aus den Nähten. Geh mal zu ihm, der richtet dich auch seelisch wieder auf. Immer wenn ich von dem komme, fühle ich mich wie eine Olympiakämpferin.“

„Wie eine, die verloren, oder wie eine, die gewonnen hat?“, wollte Susanne wissen.

Sie hörte Elli lachten. „Natürlich wie eine, die ganz oben auf dem Siegerpodest steht, was dachtest du denn? Ich gebe dir die Adresse.“

Kurz darauf rief Susanne bei Dr. Hammer an, und sie bekam einen Termin; schon in einer Stunde sollte sie dort sein.

 

 

2

„Ich habe Angst, ich habe so furchtbare Angst, Herr Doktor!“ Das mollige Gesicht der jungen Frau war stark gerötet.

Dr. Winter nahm die rechte Hand der Patientin, fühlte ihren Puls und strich ihr dann beruhigend übers Haar. „Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie müssen sich entspannen, Frau Brinkmann. Entspannen Sie sich, ganz locker, dann tut es nicht weh.“

Im gleichen Augenblick kam wieder eine Wehe. Frau Brinkmann klammerte sich verzweifelt an seiner Hand fest und schrie auf, warf den Kopf hin und her, keuchte und schrie dann erneut.

Dr. Winter redete beruhigend auf sie ein. „Sie sollen nicht so pressen. Ganz locker, entspannen Sie sich doch! Es ist halb so schlimm, wenn Sie sich nicht so verkrampfen. Seien Sie doch vernünftig.“

Sie sah ihn starr an. Es war so, als könnte sie den Druck der Angst überhaupt nicht mehr loswerden. Plötzlich begann sie zu weinen.

„Jetzt tief einatmen. Atmen Sie tief ein“, redete er ihr zu, „ganz tief, als wenn Sie sich aufblasen wollten wie ein Ballon. Und jetzt! Ja, so ist es sehr gut, noch mehr! Wunderbar!“

Die Angst in ihrem Gesicht schien sich zu verflüchtigen. Sie war so beschäftigt damit, ihre Lunge aufzupumpen, dass sie darüber vergaß, dass die nächste Wehe bestimmt kommen würde.

„Und jetzt ausatmen, und wieder einatmen. So ist es gut. Legen Sie sich ruhig etwas zur Seite.“

„Ist es noch nicht soweit?“, fragte sie mit bebender Stimme.

„Nun mal ganz ruhig, das andere machen wir. Es geht alles wunderbar.“

Sie hatte sich auf die Seite gelegt, und er strich ihr, während er in mitfühlendem Ton mit ihr sprach, über ihre Rückenmuskeln. Das tat ihr gut. Ein dankbarer Seufzer belohnte ihn dafür, während gleichzeitig der verbissene, verkrampfte Ausdruck aus ihrem Gesicht schwand.

Doch plötzlich begann sie zu wimmern. Sie zog die Beine an, stöhnte wieder, und als die Wehe stärker wurde, keuchte sie wie eine Dampfmaschine, aber sie schrie nicht mehr. Und als es vorüber war, entspannte sie sich und lächelte sogar.

Dr. Winter zog sich seine Gummihandschuhe an, ließ sich von Schwester Luise die Schürze umbinden und vergewisserte sich nun über den Stand der Geburt. Es war höchste Zeit. Die Öffnung des Muttermundes, die den Kopf des Kindes erkennen ließ, vergrößerte sich jetzt mehr und mehr, und die Wehen kamen öfter und schneller.

Und dann, am Höhepunkt der Schmerzen, trat mit einer Presswehe der Kopf des Kindes heraus. Dr. Winter wischte dem Kind die fest zusammengepressten Augen aus, reinigte die winzige Nase und den Mund des Babys, dessen verquollenes Gesichtchen im blinden, sturen Widerstand verkniffen schien. Ein richtiger Schopf von dichtem dunklem Haar bedeckte den kleinen Kopf.

Mit dem notwendigen Dammschutz konnte Dr. Winter die vordere Schulter vorsichtig herausholen, dann den Arm, dann die andere Schulter, und das Kind war geboren.

Wenig später baumelte es schon mit dem Kopf nach unten in Schwester Luises sicherer Hand und gab einen empörten Schrei von sich. Frau Brinkmann hatte ihr Baby. Es war ein Junge, und alles war völlig in Ordnung.

Dr. Winter wandte sich Schwester Luise zu, die mit ihren achtundfünfzig Jahren ein Menschenleben lang an dieser Klinik als Hebamme arbeitete. Eine bessere Hebamme hatte er noch nie in seiner langjährigen Praxis kennengelernt.

Er trat vorn ans Kopfende und beugte sich über Frau Brinkmann, die erlöst und erleichtert lächelte. Dann aber sah sie Dr. Winter beklommen an. „Ist.auch alles in Ordnung? Ist alles richtig?“

„Natürlich“, beruhigte er sie. „Es ist alles bestens. Wenn es gebadet ist, bekommen Sie es gleich.“

Dr. Winter wäre zu gerne noch ein paar Momente bei Frau Brinkmann geblieben. Nun, da alles hinter ihr lag, waren auch die Sorgen dieser jungen Frau und die ihres Mannes vergessen. Beide hatten sich geängstigt, dass die doch recht korpulente Frau bei der Geburt vielleicht Schwierigkeiten haben könnte, aber es war sehr gut gegangen, viel besser als erwartet. Erleichtert war auch Dr. Winter, der insgeheim mit ein paar Komplikationen gerechnet hatte.

Seine Gedanken wurden jäh dadurch unterbrochen, dass Schwester Rosemarie hereinkam und sagte: „Herr Oberarzt, können Sie bitte auf Kreißsaal II kommen. Dort ist ein Problem.“

Dr. Winter nickte nur und folgte ihr hinaus ins Vorbereitungszimmer, und dort sagte die zierliche Schwester: „Herr Oberarzt, es ist eine Notfalleinlieferung. Steißlage.“

Als Dr. Winter das Vorbereitungszimmer des anderen Kreißsaals betrat, traf er dort mit Dr. Mittler, dem Stationsarzt von 3 b, zusammen. Der große blonde Mediziner war jünger als Dr. Winter und sagte: „Der Notarzt ist noch dabei.“

„Notarzt? Ist denn das im Rettungswagen passiert?“

„Kommen Sie rasch! Ich glaube, es ist verdammt eilig.“

Dr. Winter nahm sich nicht die Zeit, die Hände zu waschen, sondern ging sofort zu der Patientin. Sie lag mit festgeschnallten Beinen noch auf der Trage und atmete tief und mühsam, als hätte sie Lungenentzündung. Das Gesicht war aschgrau und völlig erschöpft. Der Schweiß stand ihr in dicken Tropfen auf der Stirn. Ihr Unterleib lag bloß und war blutbesudelt. Es sah fürchterlich aus. Dr. Winter, der nun wirklich einiges gewohnt war, lief eine Gänsehaut über den Rücken. Aber am Kopfende stand der Anästhesist Dr. Schimanski, und was er sagte, klang beruhigend. „Die Sache bessert sich. Eine erträgliche Kondition. Blutdruck 80:50, Puls 120.“

„Danke, Bernd.“ Er nickte dem Anästhesisten mit einem matten Lächeln zu und sagte: „Legt sie auf den Tisch!“

Die Patientin wurde losgeschnallt und auf den Tisch gelegt. Indessen berichtete der Notarzt, ein jüngerer Mediziner, was er unterwegs erlebt hatte.

„Da hat eine Hebamme schon gearbeitet und es offenbar mit der Zange versucht; eine Katastrophe. Ich bin glücklich, dass ich sie lebend hergebracht habe. Aber jetzt geht es wirklich um die Wurst.“

OP-Techniker Zänker war gekommen, und Schwester Manka schloss das Transfusionsgerät, das er bedienen sollte, an den rechten Arm der Patientin an. Wenig später begann das Gerät stetig zu tröpfeln.

Dr. Winter griff nach dem linken Handgelenk der Patientin und spürte einen nur mit Mühe wahrnehmbaren Puls. Er sah ins Gesicht der Frau, das wie aufgeschwemmt wirkte und sich schon bereits bläulich färbte. Die Frau stöhnte leise und sah ihn dann aus glasigen Augen an.

„Narkose“, raunte Dr. Winter Schimanski zu. Dann sagte er zu Dr. Mittler: „Kontrollieren Sie den Puls des Fötus, aber laufend.“

Wenig später stand er wieder am Operationstisch mit Kittel, Kappe, Maske und Handschuhen. Das Äußere der Patientin störte ihn nicht. Es war ihm auch nichts Neues, dass die menschliche Geburt nicht gerade von Wohlgerüchen begleitet war. Aber sein Gesicht verzog sich, als er erkannte, woher das viele Blut kam.

Als hätte der junge Notarzt erraten, welche Betrachtungen Dr. Winter gerade anstellte, sagte er: „Da sehen Sie, das ist mit der Zange passiert. Diese Hebamme ist eine alte Frau. Sie sollte ihren Beruf aufgeben.“

Dr. Winter sagte nichts. Es war eine hässliche Risswunde, aber im Augenblick war das völlig ohne Bedeutung. Viel beunruhigender war die ungünstige Lage des Kindes. Es war wirklich eine ausgesprochene Steißlage, und der Austritt war völlig unmöglich. Andererseits war es für einen Kaiserschnitt vermutlich zu spät. Und außerdem war es ein relativ großes Kind.

Er sah klar vor sich, was er zu tun hatte. Das Kind musste gedreht und mit den Beinen voran geboren werden.

Unmittelbar danach handelte er, und die anderen sahen, wie seine behandschuhte Hand bis zum Handgelenk in der Frau verschwand. Er selbst fühlte, wie der Fötus nachgab und wieder aus dem Becken herausrutschte. Sein Arm drang tiefer in die Frau ein, seine Stirn rötete sich vor Anstrengung, als seine suchenden Finger nach dem Fuß des Kindes tasteten und sich fest um das kleine Fußgelenk schlossen. Und damit ging es los.

Er brachte den Fuß heraus und hatte ein paar Sekunden später das ganze Bein sicher herausgezogen.

Dr. Mittler hatte das Stethoskop in der Hand und atmete erleichtert auf. Der Notarzt, der hier die Rolle des Internisten übernommen hatte, blickte auf die Transfusion, die von dem OP-Techniker Zänker ebenfalls kontrolliert wurde. Dr. Schimanski, der am Kopfende stand, atmete ebenfalls erleichtert auf, und auch die Schwestern fassten wieder Mut. Dr. Winters kühle, sichere und exakte Bewegungen flößten ihnen allen Vertrauen ein. Er hatte jetzt das andere Bein ohne große Schwierigkeiten heraus, und als das nackte Hinterteil des Babys zum Vorschein kam, erkannte man auch das Geschlecht: Es war ein Mädchen.

Noch vor dem Austritt des Kopfes zwängte Dr. Winter noch einmal seine Hand in den engen Geburtsweg und zog die verschlungene Nabelschnur heraus. Indessen presste Dr. Mittler kräftig den Leib der Mutter, während Dr. Winter den Rumpf des Kindes bis zu den Schulterblättern herauszog. Eine Schwierigkeit trat ein, als Dr. Winter versuchte, im Leib der Frau den Rumpf des Kindes nach links zu drehen, um den linken Arm und die linke Schulter des Babys nach unten ziehen zu können und schließlich nach dem gleichen Verfahren auch den rechten Arm und die rechte Schulter herauszuholen. Aber schließlich gelang auch das. Nun fehlte nur noch der Kopf.

Plötzlich entdeckte Dr. Winter, dass die Nabelschnur nicht mehr pulsierte.

Um Himmels willen!, dachte er und sagte zu Schwester Manka, die neben ihm stand: „Das Skalpell.“

Als er es bekam, machte er einen kleinen Einschnitt am engen Gewebering, der den Austritt des Kindes behinderte. Dann setzte er an beiden Seiten des Schädels ganz vorsichtig die Zange an und brachte das Kind vollends zur Welt.

Erst als das Baby mit dem Kopf nach unten in seiner Hand baumelte, fand er Zeit, wieder an die Frau zu denken. Er warf einen besorgten Blick auf Dr. Schimanski, aber der erwiderte ihn mit beruhigendem Nicken.

Nun war auch Dr. Winter erleichtert und strich liebevoll über die magere Brust des Kindes. Dann übergab er es Schwester Edeltraut, die schon mit einem angewärmten Badetuch wartete.

„Die Naht machen Sie sicher“, wandte sich Dr. Winter dem Stationsarzt zu.

Dr. Mittler nickte. „Und vielen Dank. Sie haben das phantastisch gemacht.“

„Ja, das haben Sie wirklich“, bestätigte auch der junge Notarzt.

Dr. Winter sagte nichts. Er lächelte nur und ging zum Umkleideraum.

Seine Sprechstundenhilfe Renate Angern stand schon da und sagte: „Da ist ein Anruf von Frau Störmann. Soll ich sie auf später …“

„Können Sie durchstellen?“, fragte er und sah die blonde hübsche Sprechstundenhilfe an.

Sie nickte. „Ich stelle nach hier durch, Herr Doktor. Kleinen Augenblick, bitte!“

Wenig später hatte er Helga Störmann an der Strippe.

„Bist du am Operieren?“, hörte er sie fragen.

„Nein, nein, Geburten am Fließband. Was gibt es Neues?“

„Ich wollte wissen, ob du heute Abend zu mir kommst. Wir könnten doch gemeinsam zwei neue Platten hören, die ich mir gekauft habe.“

„Was ist es denn?“, erkundigte er sich.

„Großes Geheimnis. Kommst du? Ich habe auch noch eine Flasche von diesem herrlichen Rotwein, den du so magst, diesem …“

„Barolo?“

„Genau der. Also, kommst du nun oder nicht?“

„Natürlich komme ich.“

„Phantastisch. Übrigens habe ich gestern Susanne wiedergetroffen. Wir hatten uns ja schon eine ganze Zeit nicht mehr gesehen. Sie ist großartig. Die engagiert sich jetzt für die Mitarbeiter des Senders. Sie hat die Interessenvereinigung richtig angeheizt, sage ich dir, und früher war das ein richtiges Heimchen. Etwas Unselbständigeres konntest du dir einfach nicht vorstellen, und jetzt …“

„Du meinst sicher Susanne Hewarth, ich erinnere mich schwach. Du hast oft von ihr erzählt, daher ist mir der Name bekannt. Sag mal, ich habe da zufällig den Patientenkalender für morgen gesehen, da steht sie doch drauf, oder war das ein Irrtum?“

„Das will ich dir ja die ganze Zeit sagen. Sie hatte gestern Unterleibsbeschwerden, und ich habe sofort an dich gedacht, und wir haben auch von dir gesprochen. Dir müssen die Ohren geklungen haben. Ich wundere mich, dass sie erst morgen kommen will.“

„Heute war doch mein Operationstag, Helga, du weißt doch. Vier Operationen und dann hintereinander drei Kinder. Die schienen sich richtig verabredet zu haben und wollten alle gleichzeitig zur Welt kommen.“ Er lachte leise, und er hörte, dass auch sie lachte.

„Du kommst also heute Abend. Ich freue mich jedenfalls wahnsinnig.“

„Ich mich auch, Helga, und wie!“

 

 

3

Susanne Hewarth schritt die mit Teppich belegten Stufen des eleganten Arzthauses empor. Eine Glastür öffnete sich automatisch. Hinter einem Schalter wie in einem Krankenhaus saß eine Schwester, die Susanne fragend ansah.

Susanne stellte sich vor und erklärte, dass sie bei Dr. Hammer angemeldet sei. Die Schwester drückte auf einen Knopf, und auf einem Bildschirm vor ihr erschienen grün flimmernde Zeilen. Die Schwester blickte auf Susanne und sagte: „Das stimmt. Wenn Sie bitte in Raum 2 Platz nehmen wollen .

Lautlos ging Susanne weiter über den Teppich. Über einer Tür blinkte es. Sie sah hin. Es war Raum 2. Sie trat ein. Ein elegant eingerichtetes Wartezimmer. Eine Frau saß schon dort. Sie kam Susanne entgegen, und als die grüßte, erwiderte sie knapp den Gruß und verschwand durch dieselbe Tür, durch die Susanne hereingekommen war.

Susanne blickte ihr nach und sah über der Tür ein Schild „Der Nächste bitte“. Dieses Schild blinkte. Jetzt war die blinkende Beleuchtung wieder ausgeschaltet.

Susanne sah ein paar Zeitungen auf einem runden Tisch, ein Aquarium in der Ecke, Zimmerpflanzen noch und noch und moderne, fast futuristische Möbel.

Sie blieb stehen, und wieder war dieses Ziehen im Unterleib. Sie trat ans Fenster, blickte auf den Verkehr draußen auf der Straße. Aber das alles war weit weg. Zwischen dem Haus und der Straße lag ein Park, und der Lärm des Verkehrs wirkte fern. Und doch lag dieses Haus in der Stadt.

Sie fragte sich, wie hoch die Miete von diesem Gebäude sein müsste. In dieser Gegend gab es horrende Mieten. Aber vielleicht verdient er soviel, sagte sie sich.

Ein Summen von der Tür her veranlasste sie, sich umzudrehen. Das Schild blinkte wieder: „Der Nächste bitte“.

Sie ging durch die Tür hinaus auf den Gang, da entdeckte sie schräg gegenüber an einer anderen Tür ebenfalls so ein blinkendes Schild. Dort war die Schrift rot. „Der Arzt erwartet Sie“ stand auf dieser blinkenden Schrift. Sie ging durch diese Tür, ein wenig zögernd und fragte sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn sie angeklopft hätte, aber dann stand sie schon drin in diesem Raum. Eine makellos weiß gekleidete Schwester empfing sie. Es war alles klinisch sauber hier, weiß und Glas, sonst entdeckte sie fast keine andere Farbe, und das silberne Besteck.

Sie suchte mit ihrem Blick nach einem Arzt, aber sie sah nur zwei Schwestern. Eine hantierte mit Reagenzgläsern in einem Regal, und die andere strahlte sie an, als hätte sie sich schon wochenlang auf den Besuch Susannes gefreut. Die strahlende Freundlichkeit der Schwester steckte Susanne an. Sie lächelte zurück. „Ich bin Susanne Hewarth“, sagte sie.

„Ich weiß, gnädige Frau, ich weiß“, erwiderte die Schwester. „Der Herr Doktor wird Sie gleich untersuchen. Aber ich möchte zunächst einiges notieren, was für ihn wichtig ist.“ Und dann bat sie Susanne, Platz zu nehmen an dem kleinen Schreibtisch, der ebenfalls schneeweiß war. Weiß war auch der Kugelschreiber, mit dem die Schwester auf eine Karteikarte notierte.

Es war eine ganze Reihe von Fragen, die sie Susanne stellte, und die antwortete. Wie alt ihre Eltern geworden seien, ob sie Kinder habe, ob sie schon einmal Beschwerden hatte und welche, und überhaupt all ihre Krankheiten, eben das, was normalerweise ein Arzt wissen müsse, um sich ein Gesamtbild über die Patientin zu machen.

Susanne antwortete fließend. Sie wunderte sich auch nicht über diese Fragen. Es erstaunte sie nur, wie nett, wie freundlich hier alle waren. Es war eine anheimelnde, äußerst behagliche Atmosphäre, und sie vergaß fast darüber, dass es sich um eine Arztpraxis handelte, obgleich diese steril wirkende Umgebung sie natürlich dauernd daran erinnern musste.

Und dann war’s endlich soweit. Sie wurde von der anderen Schwester, die ebenso freundlich und aufmerksam war, ins Allerheiligste von Dr. Hammer geführt.

Er kam ihr sofort entgegen, ein großer, stattlicher Mann mit grauen Schläfen und dunklem Haar und etwas Bezwingendem in seinem Blick; äußerlich ebenfalls – wie wäre es anders auch zu erwarten gewesen – ganz in Weiß

„Meine sehr verehrte gnädige Frau, nehmen Sie doch Platz!“ Er ging dann um seinen Schreibtisch herum, setzte sich auf seinen Stuhl und sah sie forschend an. Sie hatte sofort das Gefühl, in den allerbesten Händen zu sein. Sie freute sich, diese Wahl getroffen zu haben und an diesen Arzt geraten zu sein. Nun kamen auch bei ihm die Fragen. Sie erzählte von der überraschenden Blutung außerhalb der normalen Menstruation, berichtete von dem ziehenden, dann drückenden Schmerz, und alles das sei ziemlich spontan gekommen.

Er hörte ihr zu, stellte manchmal Zwischenfragen, notierte sich dieses und jenes auf eben diese Kladde, die er von der Schwester bekommen hatte.

„Ich kann nicht umhin, ich muss Sie jetzt untersuchen“, erklärte er und bat sie nach nebenan, wo sie sich entkleiden und in den gynäkologischen Stuhl setzen sollte. „Hinter dem Paravent sind Kleiderbügel, dort können Sie sich auch ausziehen“, rief er ihr nach.

Sie hatte jedes mal, wenn sie zum Arzt kam, und das war ja nun selten genug geschehen, eine Schamschwelle zu überwinden, die ihr auch jetzt zu schaffen machte. Sie redete sich zwar ein, dass sie für den Arzt im Grunde nur ein Fall war und nicht etwa eine Frau, und trotzdem wurde sie das Gefühl nie los, dass er als Mann vor ihr stand und in ihren intimsten Bereich eindrang.

Als sie sich in den gynäkologischen Stuhl setzte, spürte sie die Kälte, die von dem Leder, aber auch von den beiden Metallschalen ausging, in die sie die Beine legte. Sie fühlte sich mit einem Mal so preisgegeben, so vollkommen schutzlos und bar jeder Würde. Sie merkte, wie sie fröstelte, wie sie vor Aufregung zitterte.

Jetzt begann Dr. Hammer mit der Untersuchung. Es überraschte sie, dass er sich eine Kappe aufgesetzt hatte und mit Mundschutz und Operationskittel aussah, als wollte er einen Eingriff machen. Sie spürte etwas Kühles an ihren Genitalien, und dann begann die Untersuchung.

Dr. Hammer sagte nichts. Es schien eine sehr gründliche Untersuchung zu sein. Nach einer Ewigkeit war sie aber dann doch zu Ende.

Dr. Hammer klappte den Gesichtsschutz hoch und sagte in einem fast väterlichen Ton: „Stehen Sie auf. Sie können sich wieder ankleiden. Wir sprechen dann drüben über alles.“ Dabei machte er mit einem Mal ein so besorgtes, fast mitleidiges Gesicht, und der Schreck, den Susanne daraufhin empfand, war so stark, dass sie wieder zu zittern begann.

Sie verschwand hinter dem Paravent, kleidete sich an, während er ins Nebenzimmer ging. Dort erwartete er sie, schrieb etwas, und als sie eintrat, blickte er auf, und wieder trat sofort dieser sorgenvolle Zug in sein Gesicht.

Susanne setzte sich auf seine Bitte hin. Er sah sie über die Gläser seiner Lesebrille hinweg abermals sehr besorgt an und sagte dann sanft, fast nachsichtig: „Sie sollten sich nicht ängstigen. Wir bringen die Sache schon in Ordnung. Es ist natürlich nicht allzu einfach. Zervix und Uterus sind entzündet, der …“ Er lächelte plötzlich wie um Verzeihung bittend und fuhr fort: „Äh … ich setze voraus, dass Sie verstehen, wovon die Rede ist, ich meine Gebärmutterhals und Gebärmutter sind entzündet. Die Gebärmutter selbst, der Uterus also, ist fiebrig. Bei einer Frau über vierzig sollte man solche Blutungen grundsätzlich sehr ernst nehmen, und ich trete immer wieder dafür ein, dass eine Hysterektomie am Ende wohl das Gescheiteste ist, was es überhaupt gibt. Es ist die vorbeugende Maßnahme überhaupt und …“

„Entschuldigen Sie“, unterbrach Susanne, „was ist eine Hysterektomie?“

Er lächelte, aber jetzt sehr nachsichtig, und Susanne fühlte sich wie ein kleines Kind, das vor seinem Lehrer steht. Sie hatte alle ihre Selbstsicherheit völlig verloren. Es war wieder so wie damals, als sie noch mit Walter verheiratet war.

„Es ist“, erklärte er ihr sachlich, „die Entfernung der Gebärmutter.“ Er hob beschwörend die Hände, als er ihr entsetztes Gesicht sah. „Keine Sorge. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie noch Kinder haben wollen. Ich lese ja hier“, er begann wieder die Karteikarte zu studieren, „dass Sie bereits zwei Kinder haben. Ich glaube, in Ihrem Alter wollen Sie sicher keine Kinder mehr haben, oder?“ Er sah sie fast vorwurfsvoll an, als könnte sie wider Erwarten anderer Ansicht sein als er.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, nein, ich möchte das nicht. Aber muss da sofort eine Entfernung der Gebärmutter …“

Er nickte. „Es ist das Beste. Aus all diesen Entzündungen entwickelt sich sehr häufig ein Karzinom. Es gibt da die verschiedensten Versionen, und allesamt führen doch nur dazu, dass die Gebärmutter heraus muss. Also sollten wir es doch gleich machen. Wenn einmal solche Entzündungen auftreten, dann …“

„Aber das ist doch alles endgültig. Ich weiß nicht, muss das wirklich sein?“

„Ich rate Ihnen zu diesem Eingriff. Wir können es in meiner Privatklinik machen. Es geschieht sehr sorgfältig. Ich habe hervorragende Mitarbeiter, und, wie ich die Dinge sehe, sollten wir nicht lange zögern.“ Er blätterte in einem Kalender, murmelte etwas vor sich hin, das sie nicht verstand, und dann sagte er: „Ja, wie ich die Dinge sehe, sollten wir uns nächsten Donnerstag mit dieser Sache mal gründlich befassen.“

„Entschuldigen Sie, Herr Doktor, aber ich möchte doch etwas Bedenkzeit haben. Es ist ja schließlich ein großer Eingriff.“

„Es ist auf alle Fälle keine Kleinigkeit, aber Sie sind bei uns“, versicherte er lächelnd, „in den allerbesten Händen.“

Irgendwie hatte sie Zutrauen zu ihm. Aber die Furcht, dass eine solche große Operation gemacht werden sollte, dass etwas derartig Unumstößliches mit ihr geschehen sollte, diese Furcht war einfach größer als das Zutrauen zu ihm. Sie war wie gelähmt. Und plötzlich war da ein Gedanke, der mit einem Male alles andere überschattete.

„Es ist doch nicht etwa Krebs?“, platzte sie heraus. „Weil alles so eilig gemacht werden soll.“

Er machte ein bedenkliches Gesicht. „Ich glaube ja nicht, dass da irgend etwas ist, man kann es jedoch nicht ausschließen. Wir werden den entfernten Uterus natürlich untersuchen lassen. Wir machen davon Proben, die wir ans pathologische Institut schicken, und die Burschen dort“, versicherte er lächelnd, „sind sehr gewissenhaft. Aber ich glaube nicht, dass bei Ihnen etwas ist. Es ist ja eine ziemlich spontan aufgetretene Geschichte, und eigentlich spricht alles gegen ein Karzinom.“

Sie schluckte, aber damit war ihre Angst nicht beseitigt. Sie sah ihn scheu an und wiederholte ihre Bitte, ihr doch wenigstens Bedenkzeit zu geben, sie möchte es noch nicht auf Donnerstag festlegen.

„Aber viel länger können wir nicht warten. Ich kann die ganze Geschichte noch bis heute Abend aufschieben, sagen wir, bis morgen Vormittag. Sie müssten aber bis elf Uhr angerufen haben. So lange kann ich den Termin für Sie fest halten. Donnerstag, das heißt, dass Sie schon am Mittwochabend zu uns kommen müssten. Draußen ist Schwester Margaret. Sie wird sich um Sie kümmern und Ihnen alles sagen, was damit zusammenhängt. Fragen Sie ihr Löcher in den Bauch. Sie ist dazu da, Ihnen alles zu beantworten.“ Er lachte. „Und vor allen Dingen, machen Sie sich keine Sorgen.“

Er kam um seinen Schreibtisch herum, legte ihr den Arm tröstend um die Schulter, als sie aufstand, und sagte väterlich: „Machen Sie sich keine Gedanken. Es geht alles in Ordnung. Sie müssen nur schön brav sein und daran glauben, dass es eine Notwendigkeit ist.“

Sie schluckte wieder und war zu keiner Antwort fähig. Sie konnte nur nicken, und dann verabschiedete er sich von ihr, komplimentierte sie hinaus, und sie wusste nicht einmal, wie sie dann auf die Straße gekommen war. Sie hatte Schwester Margaret keine einzige Frage gestellt. Sie war so verwirrt, dass sie fast noch in ein Auto gelaufen wäre, bevor sie in ihren eigenen Wagen stieg und dann nach Hause fuhr. Aber auch da ließ sie die Verwirrung nicht los. Sie kroch förmlich über die Straße, und andere Autofahrer sahen sie vorwurfsvoll, manche sogar drohend an, als sie Susanne überholten. Sie war richtig froh, endlich zu Hause angekommen zu sein.

In dem dringenden Bedürfnis, mit jemandem zu sprechen, rief sie zuerst bei Helga an. Aber dort meldete sich niemand. Dann versuchte sie es bei Elli Brasche, aber da war nur das Hausmädchen, das ihr mitteilte, weder Frau Brasche noch der Justizrat seien anwesend.

Susanne merkte selbst, wie sie diese panische Angst wieder überkam, die Angst, ein tödliches Leiden zu haben, dem sie nicht entfliehen konnte, die Angst, schon mit einem Bein im Grab zu stehen. Und dann machte sie sich auch gar keine Vorstellungen darüber, was es bedeutete, wenn eine solche Operation an ihr vorgenommen wurde.

Bin ich dann überhaupt noch eine Frau?, fragte sie sich. Die Verzweiflung nahm zu.

Ich muss mit irgend jemandem reden, dachte sie, ich muss. Wenn ich hier herumhänge, werde ich wahnsinnig. Aber mit wem?

Da fiel ihr Brigitte von Stolp ein. Sie kannte sie vom Sender her. Brigitte von Stolp war seit vielen Jahren Sprecherin und machte auch an vielen Hörspielen mit, an denen auch Susanne arbeitete.

Sie rief Brigitte an, und nach einigen Sekunden meldete sich eine Männerstimme: „Bei Frau von Stolp.“

Susanne nannte ihren Namen und bat, mit Brigitte sprechen zu können.

„Ach, du bist es, Susanne“, sagte die Männerstimme. „Hier ist Harry, Harry Lepsius. Kannst du dich noch an mich erinnern?“ Sie hörte sein Lachen durch die Leitung.

„Natürlich, Harry. Damals bei der Party. O Gott, wie lange ist das her, zehn Jahre, zwölf Jahre?“

„Ich glaube, noch viel länger. Wie geht es dir, Susanne?“

„So lala. Ich wollte mich eigentlich mal mit Brigitte unterhalten. Ist sie nicht da?“

„O nein. Sie ist mit Ewald unterwegs, aber ich nehme an, sie kommt bald zurück.“

Susanne atmete auf. Sie hatte schon gefürchtet, Ewald wäre nicht mehr bei Brigitte, und stattdessen lebe sie jetzt womöglich mit Harry Lepsius zusammen.

Eigenartig, dachte sie, dass ausgerechnet er jetzt am Telefon ist, und sie fragte prompt: „Was treibst du eigentlich? Wieso bist du bei Brigitte?“

„Ich bin seit zwei Tagen wieder in Bonn. Ich war die ganze Zeit in Hamburg“, berichtete er, „und nun bin ich wieder hier, und bei Brigitte habe ich eigentlich nur so etwas wie eine Notunterkunft gefunden. Sie selbst hat es mir vorgeschlagen. Sie meinte, die Hotelzimmer seien so teuer, und dazu ist es überhaupt ein echtes Problem, ein anständiges Hotelzimmer zu bekommen. Deshalb habe ich die kleine Kammer von Brigitte übernommen.“

„Ach so, ich weiß, da habe ich auch schon mal geschlafen. Sag mal, was treibst du eigentlich? Bist du noch beim Sender?“

„Nein. Schon lange nicht mehr. Ich schreibe ein bisschen, mal da, mal dort. Eine Zeitlang bin ich Lektor bei einem Buchverlag gewesen, aber der Verlag ging pleite, und nun schreibe ich wieder. Ich sammle keine Reichtümer, aber ich lebe nicht schlecht, jedenfalls würde es noch für einen mehr reichen.“

Sie schluckte und fragte dann mit gepresster Stimme: „Du bist also noch nicht verheiratet?“

„Nein. Und ich habe auch keine feste Freundin, wenn du das meinst.“

Sie versuchte, sich Harry so vorzustellen, wie sie ihn noch in Erinnerung hatte, ein wenig schlaksig, strohblond, meist die Hände in den Taschen und eine Pfeife im Mundwinkel. Sie war damals noch mit Walter verheiratet gewesen und hätte nach den vielen Streitereien mit Walter so manches Mal am liebsten mit Harry zusammen Reißaus genommen, aber er respektierte ihre Ehe mit Walter, und sie selbst war auch nicht der Typ, der ein Versprechen einfach brach. Dass Walter es laufend gebrochen hatte, war ihr erst viel später bekannt geworden.

„Und was treibst du?“, wollte Harry wissen. „Ich habe mal so am Rande gehört, dass du nicht mehr mit Walter zusammen bist.“

„Wir sind geschieden.“

„Ist das schlimm, oder bist du froh?“, fragte er mit einem herzlichen Unterton in der Stimme.

„Es war sehr schlimm am Anfang, aber zugleich bin ich froh gewesen, froh, dass diese Quälerei ein Ende hatte; zuletzt war es nur noch Quälerei. Solange die Kinder mich brauchten, war ich natürlich für sie da. Aber nachher …“

„Und was treiben die Kinder?“

„Jochen ist im Internat, und Andrea ist verheiratet. Ich sehe sie öfter, aber nicht zu oft.“

„Andrea verheiratet? Mein Gott, wie alt ist sie denn jetzt?“

„Zwanzig. Und Jochen ist neunzehn.“

„Du lieber Gott, wie die Zeit verfliegt! Du, hör mal, Susanne, so wie die Dinge liegen, möchte ich dich gerne sehen. Ich möchte einmal mit dir sprechen. Ich möchte mich mit dir zusammensetzen und über all die Dinge reden, über die wir früher eigentlich nie reden konnten. Komisch, wer ist denn schuld von euch beiden?“

„Was meinst du damit?“

„Ich meine: Wie bist du geschieden worden? Du hast dir doch bestimmt nichts zuschulden kommen lassen.“

„Nein, habe ich auch nicht, aber ich hätte, auch wenn du es nicht für möglich hältst, alle Schuld, auch eine Schuld, die es gar nicht gibt, auf mich genommen, um von ihm loszukommen. Es war einfach unerträglich.“

„Wir müssen uns sehen, Susanne. Wir müssen einfach mal wieder zusammensitzen und über alles sprechen. Ich glaube, wir haben uns viel zu sagen.“

Sie hatte über diesem Gespräch völlig ihr Problem vergessen, aber jetzt fiel es ihr jäh wieder ein.

„Ich weiß nicht, ob das alles erfreulich ist, was es zu besprechen gibt. Es sind da auch unangenehme Dinge, die sicher nur mich beschäftigen, aber kaum dich.“

„Auch über die müssen wir reden. Man muss so etwas einfach loswerden. Also, wann sehen wir uns?“

Am liebsten hätte sie gesagt: sofort, aber das wagte sie nicht. So sagte sie nur: „Mach einen Vorschlag.“

„Es klingt verrückt, aber am liebsten“, sagte er und sprach fast wörtlich ihre Gedanken aus, „wäre es mir, wenn wir uns jetzt treffen könnten.“

Dass er ebenso empfand wie sie selbst, machte sie so perplex, dass sie einen Augenblick lang nicht imstande war, etwas zu erwidern.

„Hallo“, rief er, „hörst du mich noch?“

„Ja, ja, ich höre dich. Ja, wenn du meinst. Aber wo …“

„Ich habe nicht die mindeste Ahnung, wo du wohnst, aber es wäre besser, wenn es nicht hier ist bei Brigitte. Ich werde denen einen Zettel hinlegen und dann dahin fahren, wo du mich hinbestellst. Hast du noch die Wohnung von früher?“

„Das konnte ich mir nicht mehr leisten. Ich habe eine Zweizimmerwohnung. Sie ist ganz nett. Ich blicke auf zwei Kastanien, wenn ich das Fenster aufmache und hinaussehe. Die Vögel zwitschern hier. Eine kleine Oase in einer Großstadt.“

„Und welche Wüstenpiste muss ich mit meinem Kamel reiten, um zu dieser Oase zu gelangen?“

Sie lachte und nannte ihm die Adresse.

„Ach, die Hausdorffstraße, die kenne ich, dort habe ich mal zur Untermiete gewohnt, lang, lang ist’s her. Ich bin in zwanzig Minuten bei dir. Setz schon mal Wasser für den Kaffee auf, du weißt ja, Kaffee ist bei mir unabdingbar.“

Sie lachte und fühlte sich mit einem Mal gar nicht mehr so beschwert. Und als sie dann in ihrer kleinen Kochnische stand, um tatsächlich Wasser für den Kaffee aufzusetzen, da pfiff sie übermütig eine Melodie vor sich hin. Irgendwie hatte sie das Gefühl, mit Harry über alles sprechen zu können und vielleicht einen Weg zu finden, dass alles nicht so tragisch sein würde. Die Angst, die sie vorhin noch wie mit stählernen Klammern umfasst gehalten hatte, war wie weggewischt.

 

 

4

Schwester Ingrid stand gerade vor Zimmer 322, als vorn die Oberschwester mit einer jungen Schwester durch die Schwingtür trat. Diese junge Schwester war offensichtlich neu. Es hieß ja, eine Neue sollte kommen. Schwester Ingrid blickte fast mitleidig auf dieses junge blonde Geschöpf, das da ahnungslos neben der Oberschwester zum Stationszimmer ging.

Der Dragoner wird sie gleich richtig in Empfang nehmen. Die hat jetzt die passende Laune für eine Neue, dachte Schwester Ingrid, seufzte und trat dann in Zimmer 322 ein.

Dr. Winter, der da am Bett einer Privatpatientin stand, blickte kurz zu Schwester Ingrid hin und wandte sich dann aber sofort wieder der Patientin zu.

Schwester Ingrid wollte das Gespräch der beiden nicht stören. Sie blieb einfach stehen und wartete. Sie sollte hier eine Urinprobe abholen und zum Labor bringen, und so hörte sie nicht nur, was die beiden sprachen, sondern sie machte sich auch ihre Gedanken über die Patientin, zum anderen aber auch über Dr. Winter. Sie mochte Dr. Winter sehr. Die meisten Schwestern hier im Trakt verehrten den Oberarzt und schätzten ihn besonders als rücksichtsvoll und immer freundlich. Ganz besonders aber würdigten die Schwestern das Können dieses Arztes.

Die Frau dort im Bett war hochschwanger. Sie hatte Blutungen gehabt, und deshalb war sie auf die Privatstation von Professor Frenzel gekommen. Das war der „Fall“, aber hinter diesem Fall stand noch ein Mensch, und diesen Menschen konnte Schwester Ingrid nicht ausstehen. Diese etwa dreiunddreißigjährige Frau, die unentwegt auf ein vollendetes Make-up aus war, hatte Launen wie eine Filmdiva. Sie schikanierte die Schwestern und nutzte es richtig aus, in einem Erste-Klasse-Zimmer zu liegen. Überdies war sie mit Professor Frenzel gut bekannt, und keine der Schwestern wagte es, dieser Frau Widerworte zu geben. Nur die resolute Stationsschwester Else, die sie hier „den Dragoner“ nannten, störte sich nicht an dieser Bekanntschaft mit dem Professor und all den Drohungen, sich zu beschweren, aber sie ging auch selten genug in dieses Zimmer, sondern überließ es Schwester Ingrid, diese Frau zu betreuen.

Schwester Ingrid hörte, wie Dr. Winter zu Frau Roloff sagte: „Ich schätze, dass es höchstens noch fünf Wochen sind, vielleicht weniger. Die Blutungen sind ja nun zum Stillstand gekommen, und wenn Sie sich etwas schonen, wird die Sache schon gutgehen. Sie brauchen jedenfalls nicht die ganze Zeit zu liegen. Das war nur eine vorübergehende Notwendigkeit. Sie sollten nur nicht schwer heben und …“

„Und auch nicht mehr Tennis spielen?“

„Das ganz sicher nicht mehr“, erklärte er ihr.

„Ich werde das Kind aber nicht bei Ihnen bekommen. Vielleicht wäre ich auch mit den Blutungen gar nicht in diese Klinik gegangen, sondern wie bei meinem ersten Kind auch zu Doktor Hammer.“

Schwester Ingrid sah richtig, wie Dr. Winter wie unter einem Schlag zusammenzuckte. Aber er hatte sich gut in der Gewalt. Seine Gesprächspartnerin schien es nicht einmal bemerkt zu haben, und er lächelte sogar, obgleich Schwester Ingrid ihren Oberarzt viel zu gut kannte, um nicht zu bemerken, wie es ihn zu ärgern schien.

„Ganz wie Sie wollen, gnädige Frau“, sagte Dr. Winter, und er schien gar nicht zu empfinden, wie genau er von beiden Frauen beobachtet wurde. Einmal war es Schwester Ingrid, die in ihm in erster Linie einen Oberarzt sah und nachher erst einen recht attraktiven Mann um die Vierzig. Bei Frau Roloff war es anders.

Sie sah in ihm zuerst einmal den Mann. Er gefiel ihr. Sie mochte es, Männer zu quälen, indem sie Dinge sagte, von denen sie hoffte, dass es die Männer ärgern würde. Sie hatte durchaus erkannt, dass ihre Bemerkung, das Kind in der Privatklinik von Dr. Hammer zu bekommen, etwas war, das diesen Arzt, vielleicht auch jeden anderen hier in der Klinik ärgern musste.

Und sie fuhr auch prompt fort, indem sie sagte: „Bei mir muss natürlich ein Kaiserschnitt gemacht werden. Das ist bei meinem ersten Kind geschehen, und das wird auch diesmal wieder notwendig sein.“

„Notwendig?“ Dr. Winter sah sie jetzt ernst an. „Wieso notwendig?“

„Erst einmal bin ich viel zu eng für eine normale Geburt, das ist die eine Tatsache, und die zweite Tatsache ist natürlich die, dass alles viel bequemer ist.“

„Aber, gnädige Frau, ich bitte Sie. Es handelt sich bei einem Kaiserschnitt auch um einen operativen Eingriff, von der Narbe einmal ganz abzusehen. Ist Ihnen die sympathisch, so eine Narbe?“

„Es ist ja immer dieselbe. Dr. Hammer hat mir versichert, dass es keine zweite Narbe geben wird.“

„Sie behaupteten, Sie seien zu eng. Das ist überhaupt nicht wahr. Sie sind völlig normal. Ich kann das beurteilen, ich habe Sie ja jetzt im Zusammenhang mit dieser Blutung untersucht. Es gibt nicht die mindeste Begründung dafür, dass bei Ihnen eine Schnittentbindung vorgenommen werden müsste, und ein gewisses Risiko ist bei jeder Vollnarkose, bei jedem operativen Eingriff nicht auszuschließen.“

„Doktor Hammer sagt, es wäre völlig risikolos.“

„Gnädige Frau, ich kann Ihnen nur sagen, was ich aus Erfahrung weiß und was ich aus der Erfahrung derer kenne, die vor mir schon sehr viele Operationen ausgeführt haben. Und diese Leute und ich selbst wissen, dass jede Operation ein Risiko in sich birgt, eine größere Operation natürlich auch ein größeres Risiko. Und im Übrigen sollte man zu einer unnatürlichen Geburt erst übergehen, wenn es keinen anderen und sicheren Weg gibt. Bei Ihnen aber besteht nicht der geringste Anlass, dass Sie Ihr Kind nicht normal gebären könnten.“

„Hören Sie, Herr Doktor Winter, Sie werden doch wohl nicht abstreiten wollen, dass Doktor Hammer einer der erfahrensten Gynäkologen in dieser Stadt ist, ich würde sagen, überhaupt der absolute Spitzenmediziner hier für dieses Fach, und wenn er sagt, ich sei zu eng, dann …“

„Es steht mir nicht zu, ein Urteil über die Fähigkeiten und Qualifikationen von Herrn Doktor Hammer zu fällen“, erklärte Dr. Winter kühl, und Schwester Ingrid sah richtig, wie er auf Distanz ging, „aber ich kann beurteilen, was ein ausreichendes Beckenmaß ist und was nicht. Bei Ihnen besteht die Gefahr, dass Sie womöglich, wenn die Umstände nicht sehr günstig sind, Ihr Kind in Ihrem Auto bekommen auf dem Wege hierher, was nach dieser Blutungsgeschichte gar nicht so ausgeschlossen sein wird. Von einer Unmöglichkeit, normal zu gebären, kann also gar nicht die Rede sein. Sie haben phantastische Beckenmaße.“

„Das begreife ich nicht. Was wollen Sie damit sagen? Wollen Sie etwa behaupten, Doktor Hammer wäre unfähig, das ebenfalls zu erkennen?“

„Das habe ich nicht gesagt, aber ich kenne Ihre Maße und weiß, dass man damit ganz normal gebären kann, sogar ein großes Kind, ein sehr großes Kind dürfte es bei Ihnen sein. Ich glaube aber nicht, dass das der Fall sein wird.“

„Und welche Absicht sollte Doktor Hammer gehabt haben, wenn er mir gesagt hat, ich müsste …“

Dr. Winter war aufgestanden. „Ich kenne die Motive von Herrn Doktor Hammer nicht, ich weiß nicht, was er denkt und was er sagt, und ich muss Ihnen ganz offen gestehen, gnädige Frau, es interessiert mich auch gar nicht. Gehen Sie also, wenn Sie meinen, ruhig in die Privatklinik von Herrn Doktor Hammer. Es handelt sich bei ihm um einen approbierten Arzt, und seine Klinik wird von den Behörden überwacht, mehr kann ich Ihnen dazu nicht sagen.“

Er nickte ihr zu und ging dann zur Tür hin. Da sah er Schwester Ingrid wieder, und ihm fiel ein, wozu er sie hatte herkommen lassen.

„Ach, die Urinprobe steht da drüben am Waschbecken. Bringen Sie die bitte ins Labor. Und dann noch einen Augenblick“, sagte er, als er hinausging, schloss die Tür hinter sich und Schwester Ingrid, nahm sie sacht am Arm und ging mit ihr ein paar Schritte von der Tür weg.

„Hören Sie, Schwester Ingrid, lassen Sie sich auf keine Gespräche wegen dieser Hammer-Klinik ein. Sie wird natürlich wieder vor Ihnen davon anfangen, könnte ich mir jedenfalls vorstellen.“

„Sie hat mir auch schon gesagt, dass sie das Kind nicht bei uns bekommen will. Sie schimpft immer auf Schwester Else.“

„Dabei ist es eine ganz wunderbare Schwester, eine so erfahrene Frau. Natürlich ist sie ein bisschen rau.“

„Ein Besen ist sie, Herr Doktor.“

„Ja ja“, gab er zu, „ein Besen schon, aber einer mit Herz. Sie hat in so vielen schwierigen Situationen schon den Kopf behalten, wo viele der Ärzte mitunter nicht wussten, was sie machen sollten. Denken Sie bloß an diesen Kollaps vorige Woche. Da haben Sie doch auch ratlos dagestanden, und sogar Doktor Mittler wusste nicht, was er tun sollte. Schwester Else, der solche Fälle schon ein paarmal in ihrem langen Schwesterndasein vorgekommen sind, die wusste gleich, was man tun muss. Sehen Sie, dafür darf sie ruhig ein bisschen ein Besen sein. Wir können hier auf Station III b einfach nicht auf die Erfahrung dieser Frau verzichten, und ich glaube, dass die meisten Patienten auch ganz genau wissen, was sie von Schwester Else zu halten haben.“

Als Dr. Winter später mit Schwester Ingrid am Stationszimmer vorbeikam, stand dort die Tür offen. Drinnen stand Schwester Else mit der neuen jungen blonden Schwester.

Schwester Else war nicht sehr groß, aber ziemlich gut bei Figur, und schon ihr Äußeres machte einen recht resoluten Eindruck. Sie war eine Frau, die mit sechzig Jahren eigentlich in Pension gehen konnte. Aber auf eigenen Wunsch tat sie noch Dienst, und niemand war darüber mehr froh als das Ärztepersonal dieser Klinik, und ganz besonders Prof. Frenzel und sein Ärzteteam.

„Herr Oberarzt“, rief Schwester Else. Es hörte sich schon fast wie ein Befehl an. „Ich möchte Ihnen Schwester Sylvia vorstellen. Sie bleibt jetzt auf unserer Station.“

Schwester Sylvia war ein zierliches, hübsches junges Ding, die auf Dr. Winter fast einen zerbrechlichen Eindruck machte. Aber sie hatte etwas Freches, Keckes im Blick, und irgendwie gefiel sie ihm.

„Na dann viel Glück“, sagte Dr. Winter und gab Schwester Sylvia die Hand.

„Sie muss natürlich noch viel lernen, Herr Oberarzt“, erklärte die Stationsschwester. „Sie ist ja auch erst zwanzig Jahre alt. Da liegt ja alles noch vor einem.“

Dr. Winter lächelte der ein wenig verlegen dreinschauenden Schwester zu, nickte dann in Schwester Elses Richtung und ging den Flur entlang zur Schwingtür. Er hörte nicht, wie Schwester Else zur jungen Schwester Sylvia sagte: „Passen Sie mal sehr gut auf, was der Oberarzt sagt und was er tut. Das ist ein ganz hervorragender Mediziner, Schwester Sylvia. Da können viele andere hier im Hause, die alle den Doktor vor der Tür haben, eine Menge lernen. Ich wünsche mir jedenfalls, dass Doktor Winter einmal der Nachfolger vom Herrn Professor wird.“

Für Schwester Sylvia war das eine Art von Politik, die sie noch gar nicht verstehen konnte. Und das begriff auch Schwester Ingrid, die nachsichtig und schon ein wenig besorgt auf die junge Schwester blickte. Die gynäkologische Station war weiß Gott kein Paradiesgarten in einem Krankenhaus. Schwester Ingrid wäre ja viel lieber auf einer Männerstation gewesen, wie sie überhaupt für Männer etwas übrig hatte.

Im Augenblick war ihr ganzer Schwarm der Assistenzarzt Dr. Wirtz, der zur Zeit in der Entbindungsabteilung arbeitete. Jede Gelegenheit, die sich bot, um hinüber zu den Kreißsälen und der Entbindungsabteilung zu kommen, nahm sie wahr, besonders dann, wenn er Dienst hatte. Sie war auch ein paarmal schon mit ihm aus gewesen. Anfangs hatte sie seine draufgängerische Art geschockt, aber mit der Zeit fand sie alles, was er tat, wunderbar. Die Tatsache allerdings, dass er verheiratet war, störte sie ein wenig. Aber er behauptete ja, er würde sich sowieso scheiden lassen, und seine Frau verstünde ihn ohnehin nicht.

Die scharfe Stimme von Schwester Else riss Schwester Ingrid aus ihren Gedanken.

„Wollen Sie erst warten, bis Ihnen jemand einen goldenen Teppich legt? Oder bringen Sie die Urinproben auch so ins Labor?“

Schwester Ingrid zuckte zusammen. „Mein Gott, ich geh’ ja schon!“

„Ich weiß genau, worauf Sie warten“, fauchte Schwester Else die jüngere Schwester an.

Schwester Sylvia stand wie verängstigt an der Wand und blickte von einer zur anderen. Jetzt bekam sie zum ersten Mal eine schwache Ahnung davon, wie Schwester Else mit den jungen Schwestern umging.

Schwester Ingrid wollte nicht, dass Schwester Else noch mehr sagte und maulte: „Ja, ich geh ja schon! Nun hören Sie wieder auf! Ich geh schon!“ Und dann ging sie eilig davon.

Aber als sie draußen auf dem Flur war, wo die drei Lifte fuhren, da schielte sie doch hinüber zur anderen Seite, wo es durch die Schwingtüren in die Entbindungsabteilung ging, und endlich kam er.

Er war groß, schlank und ging mit ausholenden Schritten. Er hatte sie längst gesehen, machte eine Handbewegung, die ihr zeigen sollte, dass er sie entdeckt hatte, und dann stieß er die Schwingtüren auf, dass sie wild hin und herpendelten. Sie hatte ihn heute noch nicht gesehen und strahlte ihn beglückt an. Es war sonst niemand hier auf dem großen Flur vor dem Lift.

„Hallo, hast du schon gedrückt?“, fragte er.

Sie nickte, deutete auf die mittlere Tür. „Er muss gleich kommen. Wie geht es dir? Was gibt’s Neues?“

Er verzog das Gesicht. „Nicht gut heute Abend. Ich muss heute mal in Familie machen. Die Schwiegermutter kommt, und da kann ich nicht gut weg sein. Sie wissen ja, dass ich heute Abend keinen Dienst habe. Also heute geht es nicht.“

Sie machte ein Gesicht, als hätte sie Essig getrunken: „Ach, Dieter, wenigstens eine Stunde.“

„Es geht nicht! Begreif das doch bitte!“

Der Lift kam. Sie traten ein, aber da waren noch andere im Lift, und so konnten sie sich nicht unterhalten, wie sie wollten. Im Übrigen stieg dann Dr. Wirtz im Erdgeschoss aus, während sich das Labor im Souterrain befand. Schwester Ingrid musste also noch eine Etage tiefer fahren. So blieb ihr nichts als ein verstecktes Lächeln, ein kaum merkliches Nicken, und er war draußen.

Sie seufzte enttäuscht, weil sie sich heute Abend nicht mit ihm treffen konnte, aber schon hatte sie wieder Hoffnung auf morgen.

Dann geh ich, dachte sie, heute einfach ins Kino. In ihrem Zimmer herumsitzen, nein, das wollte sie auch nicht.

 

 

5

Susanne stand in ihrem Badezimmer vor dem Spiegel. Sie hatte die dunkelgrüne Bluse mit dem sportlichen Hemdkragen angezogen, die sie so jugendlich erscheinen ließ, dazu einen schwarzen Faltenrock, auch der wirkte flott und beschwingt. Mit ihrer Frisur war sie zufrieden. Und im Augenblick starrte sie auf ihr Spiegelbild, vor allen Dingen auf die dunklen Ringe unter den Augen. Sie meinte solche Ringe zu sehen. Vielleicht lag es auch an der Badezimmerlampe über dem Spiegel? Aber sie wischte diesen Gedanken beiseite und sagte sich: Nein, nein! Die sind schon da; die lassen sich auch nicht wegdenken. Da ist irgend etwas. Ich bin krank. Ich bin richtig krank.

Und wie sie das dachte, spürte sie auch schon wieder diese Beschwerden im Unterbauch. Gleichzeitig kroch ihr die Angst den Rücken hinauf.

Die gute Laune von eben war wie weggewischt.

Details

Seiten
176
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940985
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v899775
Schlagworte
fehldiagnose florian winter

Autor

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Titel: Dr. Florian Winter #21: Dr. Winter und die Fehldiagnose