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Von Banditen ermordet

2020 117 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Von Banditen ermordet

Copyright

Die Hauptpersonen des Romans:

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Von Banditen ermordet

Western von John F. Beck

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Als Sue nach Hause kommt, findet sie ihren toten Vater, von Banditen ermordet. Sie wollen Sue auch töten, doch dann erfolgt ein Angriff von Apachen.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© COVER FIRUZ ASKIN

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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Die Hauptpersonen des Romans:

Bill Rafferty - und seine brutalen Killer sind dafür verantwortlich, dass Menzoco mit seinen Chiricahuas die kleine Town Saguaro Wells mit der Vernichtung bedroht.

Larry Brooks - wächst in dieser Notlage über sich selbst hinaus.

 

 

1

Der Mulatte blieb stehen. Bedächtig drehten die Reiter ihre Gäule. Das Gewehr in der Hand des grauhaarigen Smallranchers beeindruckte sie nicht. Die Sonne schien auf einmal heißer zu brennen. Kein Lufthauch regte sich. Der Schrei eines Bussards schallte von den Berghängen, die sich östlich von Camerons Ranch in den wolkenlosen Arizonahimmel erhoben.

Dann verschränkte der Anführer die Hände auf dem Sattelhorn. Augen wie Eissplitter und ein schmaler Mund beherrschten sein kantiges Gesicht.

»Du siehst doch, Mister, dass wir zwei Gäule zu wenig haben. Du brauchst sie ja nicht zu verkaufen. Wir nehmen sie gern geschenkt!«

Die Kerle lachten. Grinsend zeigte der Mulatte die Zähne. Nur der Dürre in dem zerknitterten schwarzen Prinz-Albert-Rock und der Kragenschleife zum durchgeschwitzten weißen Hemd behielt die finstere Miene bei. Auch Cameron schwitzte.

»Verschwindet! Fünfzehn Meilen westlich von hier liegt Saguaro Wells. Dort bekommt ihr jede Menge Pferde.«

»Du bist nicht sehr gastfreundlich, Mister.« Der Breitschultrige ritt langsam auf Cameron zu. »Aber vielleicht überlegst du’s dir noch. Ich hab nur Spaß gemacht. Natürlich bezahlen wir und zwar mit Gold-Nuggets aus den Peloncillos.«

Er griff in die Jackentasche und brachte eine Handvoll haselnussgroße Goldklümpchen zum Vorschein.

Cameron ließ sich ablenken. Als er den Kopf hob, sah er in die Mündung des langläufigen Sechsschüssers. Die Kugel stieß ihn mehrere Yard zurück.

Leblos fiel er auf den Rücken. Sofort zielte die Waffe auf die offene Tür. Doch in dem kastenförmigen Gebäude rührte sich nichts. Die Rückwand war in einen mit verdorrten Gras bewachsenen Hügel gegraben. Die Pferde im Korral stampften und prusteten.

»Worauf wartest du, Buffalo?« Der Anführer ließ den Colt sinken, halfterte ihn aber nicht. »Mike, kümmer dich um Sattel und Zaumzeug. Vielleicht findest du auch 'ne Buddel Feuerwasser. Hatte verdammt lange keinen Drink mehr ...«

Ein Wiehern riss ihre Köpfe herum.

Die Reiterin befand sich in Gewehrschussweite auf einer felsigen Anhöhe. Sie trug Rock, Bluse und halbhohe Weichlederstiefel. Die dunkelbraunen Haare waren im Nacken zusammengebunden. Trotz der Entfernung erkannten die Banditen, dass sie jung und hübsch war. Sie schien zu keiner Bewegung fähig. Am Sattel hing ein Gewehr.

»Verdammt, die Tochter!«

Der Sehnige, der eben zum Haus wollte, bückte sich nach Camerons Gewehr.

Da riss die junge Frau die Winchester aus dem Sattelfutteral. Der Schuss peitschte.

Fluchend stoben die Banditen auseinander. Mike, der Sehnige, feuerte ebenfalls. Doch nur mehr eine Staubfahne hing zwischen den Felsen. Hufschlag entfernte sich.

»Ihr nach!«, schrie der Mann mit der Augenklappe.

»Halt!«, befahl der Anführer. »Diese verdammte Wildkatze kennt die Gegend besser als wir. Es gibt zu viele Schlupfwinkel. Aber sie wird zurückkommen.«

Er deutete auf den Rothaarigen mit der Narbe am Kinn.

»Du wartest auf sie, Roy. Wir lassen den Falben für dich da. In Saguaro Wells braucht niemand zu erfahren, was hier geschah, wenigstens nicht, bevor wir in Mexiko sind.«

 

 

2

Beim Anblick der fünf Reiter spürte Larry Brooks ein Kribbeln auf der Kopfhaut. Etwas Wölfisches haftete ihnen an. Auch ohne die tiefgeschnallten Sechsschüsser und die Gewehre in den Scabbards hatten sie gefährlich gewirkt.

Larry stand im Schatten der zur Straße offenen Schmiede. Er war überzeugt, dass sie ihn taxierten, auch wenn sie nicht nach links und rechts zu blicken schienen. Sein Abzeichen wies Larry als Marshal Morgans Deputy aus. Ihr Ziel war der Arizona Palace, der einzige Saloon im Umkreis von mehr als fünfzig Meilen.

Das Pferd des bulligen Mulatten war ein kräftiger Rotbrauner mit weißen »Strümpfen“ an den Vorderbeinen und heller Mähne. Das Brandzeichen auf der Hinterhand war ein von einem Kreis umschlossenes C.

Auch so hätte Larry den Hengst in jeder Herde sofort erkannt. Sue Cameron war öfter auf ihm in die Stadt geritten! Noch füllte das Malmen der Hufe Larrys Ohren, während die Reiter aus seinem Blickfeld verschwanden.

Er gab sich einen Ruck. Die fünf hielten inzwischen vor dem Saloon. Sie blieben in den Satteln, als der junge Deputy über die Straße schlenderte. Die Stadt hielt Siesta. Die Gehsteige und Vorbauten waren leer.

Zwei Dutzend Häuser mit den zugehörigen Anbauten, Schuppen, dem Mietstall und einem weitläufigen Korral, das war Saguaro Wells.

Einmal in der Woche kam die Postkutsche von Silver City in New Mexico nach Fort Thomas und San Carlos hier durch. Ansonsten lebten die Bewohner von den wenigen Ranches und Farmen in der Umgebung. Fremde Besucher waren selten. Die Gästezimmer im Hotel standen die meiste Zeit leer.

Larry trat zu dem Rotbraunen. Der Hengst kannte ihn. Er schnaubte zur Begrüßung.

Larry blickte in das staub- und schweißverschmierte Gesicht des Mulatten.

»Hübsches Pferd.«

Der Mann drehte betont langsam den Kopf zur Seite und spuckte aus.

»Sonst noch was?«

»Es würde mich interessieren, Mister, woher Sie’s haben.«

»Das geht dich ’nen Dreck an, mein Junge.«

Der Breitschultrige mit den blonden Zotteln lenkte den grauen Wallach zwischen Larry und den Mulatten.

Larry schätzte den Reiter auf Mitte Vierzig. Die hellen Augen im unrasierten Gesicht funkelten wie Eissplitter.

»Ich bin Bill Rafferty, der Boss von diesem Verein. Vielleicht hast du schon von mir gehört?«

»Nichts Gutes.«

»Hätt mich auch gewundert.«

Die Freunde grinsten. Nur der Reiter im Prinz-Albert-Rock sah aus, als hätte er ’nen Kaktus verschluckt. Rafferty legte die Hand an den Walnussholzgriff seines 45ers.

»Brauchst dir deswegen nicht gleich in die Hosen zu machen, mein Junge. Es genügt, wenn du mir aus dem Weg bleibst.«

Kein Muskel bewegte sich in Larrys Gesicht.

»Erstens bin ich nicht Ihr Junge, Rafferty. Zweitens vertrete ich hier das Gesetz. Und drittens kenn ich Mitch Cameron, von dem ihr Amigo den Rotbraunen habt. Kann mir nicht vorstellen, dass Mitch das Tier freiwillig hergab.«

»Du hast heute deinen Glückstag, mein Junge. Ich bin nämlich ausnahmsweise nicht zu Verdruss aufgelegt. Wir haben den verdammten Klepper gekauft. Und nun nimm dein bisschen Verstand zusammen und schwirr ab.«

»Zeigen Sie mir die Kaufquittung.«

»Er ist ziemlich hartnäckig, Bill, was?«

Der Einäugige lenkte sein Pferd zur Seite. Auch die anderen bewegten ihre Tiere. Ein Halbkreis entstand.

Hinter dem Saloonfenster erschien ein schwammiges Gesicht und verschwand gleich wieder. Ansonsten wirkte Saguaro Wells ausgestorben. Der blonde Anführer schüttelte den Kopf.

»Nun hältst du dich weiß der Teufel für wie mutig. Doch mit Mut allein, mein Junge, ist’s nicht getan.«

Er zog eine Silbermünze aus der Tasche, polierte sie am Ärmel und warf sie in die Luft. Wie hingezaubert lag der 45er in seiner Rechten.

Der Schuss krachte und die Münze fiel mit einem Loch in der Mitte vor Larrys Stiefel. Ehe die Detonation verhallte, steckte der Colt wieder in Raffertys Halfter.

Die Pferde stampften. Trotz der Hitze fröstelte Larry. Rafferty grinste.

Wenn du das nachmachst, mein Junge, können wir weiter reden. Dann nämlich hättest du vielleicht ’ne Chance.«

»Ich bin kein Revolverkünstler, aber auch mit fünf Kugeln im Leib würd’ ich Sie noch erwischen, Rafferty.«

Einen Moment war Rafferty überrascht. Dann starrte er den Deputy durchdringend an.

»Ich will trotzdem sehen, wie fix du bist.«

Er brachte mit der Linken eine zweite Münze zum Vorschein. Larry ließ sich nicht ablenken.

Seine Handwurzel berührte zwar den Revolverkolben, aber als Rafferty das Geldstück empor schleuderte, rührte er sich nicht.

Da peitschte ein Gewehr. Die Münze wurde gegen die verwitterte Saloonfassade geschmettert.

Die Reiter duckten sich. Eine heisere Stimme warnte: Wenn einer zieht, Bill, hast du garantiert gleich darauf ’nen Mann weniger in deiner Crew.«

Das Schnappen eines Repetierbügels begleitete die Worte. Der Einäugige fluchte.

Langsam nahm Bill Rafferty die Hand von der Waffe. Er blickte starr auf die hagere Gestalt unter dem gegenüberliegenden Vordach. Ein Gewehrlauf funkelte. Der Fünfzack an der ärmellosen Weste blinkte matt. Ungläubig beugte Rafferty sich vor.

»John?«

Der Hagere trat an die Vorbaukante. Die Sonne beschien sein zerfurchtes Gesicht.

»Teufel, das ist ’ne Überraschung!« Rafferty lachte gepresst. John Morgan,

»Town Marshal von Saguaro Wells! Scheint, du hast in den vergangenen zehn Jahren nichts dazugelernt.«

»Ich kann immer noch mit der Knarre umgehen.«

»Kommt drauf an, ob du auf ’nen Silberdollar oder ’nen Mann mit ’nem Revolver schießt. Schmeckt dir der Whisky noch?«

»Es wird mir um so besser schmecken, wenn du Saguaro Wells erst wieder verlassen hast. Ich hoffe, du hast nicht vor, dich lange aufzuhalten. Larry, komm ins Office.«

Der Mann sitzt auf Sue Camerons Hengst.«

»Ich bin nicht blind. Vergiss aber nicht, dass wir nur für die Stadt zuständig sind. Ich hab Arbeit für dich. Was es sonst zu regeln gibt, erledige ich.«

Schweißrinnsale glitzerten auf John Morgans faltigen Wangen. Seine Stimme verriet, dass er wieder getrunken hatte. Lange würde er die Anspannung, die es ihn kostete, die Banditen in Schach zu halten, nicht durchstehen.

Larry sah das Lauern in ihren Augen. Schweigend wandte er sich ab.

»He, Deputy!« Der Mulatte schwang sich vom Pferd und vertrat ihm den Weg. »Du hast vergessen, dich zu entschuldigen.«

»Wüsste nicht, wofür.«

Die Faust des Dunkelhäutigen kam wie ein Hammer.

Larry bog den Kopf zur Seite und trieb dem Angreifer die geballte Rechte über die Gürtelschnalle.

Der Mulatte keuchte. Sein Schulterstoß trieb Larry gegen das Pferd.

Larry traf erneut, aber der Gegner umklammerte ihn und riss ihn mit zu Boden.

Verbissen wälzten sie sich im Staub. Larry spürte mehrfach die Faust des Mulatten im Gesicht. Wütend schlug er zurück. Doch der Bandit war nicht nur bärenstark, sondern auch geschmeidig wie eine Raubkatze. Er drückte den Deputy auf den Rücken und würgte ihn.

»Entschuldigst du dich nun?«

Larry konnte nicht antworten. Dunkle Punkte flimmerten vor seinen Augen. Wie von weit her vernahm er die anfeuernden Rufe der Fremden. Der Würgegriff verstärkte sich.

Morgan konnte nicht eingreifen. Wenn er auf den Mulatten schoss, gefährdete er auch Larry. Mit letzter Kraft bäumte der Deputy sich auf und setzte dem Gegner die Handkante an den Hals. Da verdrehte der Bullige die Augen und kippte auf die Seite.

Larry brauchte eine Weile, bis er auf die Füße kam. Nur Rafferty saß noch im Sattel. Die anderen umstanden ihn sprungbereit. Larrys Revolver lag vor dem Einäugigen. Dieser wartete darauf. dass er sich bückte.

»Lasst ihn gehen!«, krächzte Morgan.

Rafferty lachte.

»Tut dem Marshal den Gefallen. Er war mal mein bester Freund.«

 

 

 

3

Der Tote lag mit ausgebreiteten Armen fünf Schritte vor dem Ziehbrunnen.

Schluchzend sank Sue Cameron neben ihm auf die Knie. Staubschleier wehten über den Hof. Nichts deutete darauf hin, dass nur fünf Reiter die Senke verlassen hatten. Tränen rannen über die Wangen der jungen Frau.

»Pa!« Ihre Hände umfassten seine Schultern. Der Wind bewegte eine Strähne des grauen Haars. Blicklos starrten die Augen. Sue drückte das Gesicht an seine Brust. Minutenlang verharrte sie so.

Das Pferd stand am Brunnen. Durstig beschnupperte es den Blecheimer auf der Lehmziegelmauer.

Da gellte ein Bussardschrei so nahe, dass Sue unwillkürlich den Kopf hob.

Doch nur ein wildniserfahrener Lauscher hätte erkannt, dass der Schrei nachgeahmt war. Kein Schatten glitt über das Gebäude. Statt dessen sah Sue die Gestalt in der Tür des mit Erdschollen gedeckten Ranchhauses. Ein Gewehrschloss knackte.

»Tut mir leid, Muchacha.« Die Stimme des Rothaarigen kratzte. »Hab noch nie auf ’ne Frau geschossen, aber Bill Rafferty versteht in solchen Dingen keinen Spaß.«

Die Mündung bewegte sich mit, als die Rancherstochter sich erhob. Sie wirkte wie in Trance, das schmale reizvolle Gesicht starr, die Augen geweitet. Eine Ader pochte am Hals. Der Wind zerrte am knöchellangen Rock.

Sue schien das Gewehr nicht zu sehen.

»Wo sind die anderen?«

»Sie warten in Saguaro Wells auf mich. Hör zu, Muchacha, wenn du mir versprichst...«

»Mörder!« Die Frau spannte sich.

Der Blick der blauen Augen schnellte zum Pferd, brannte sich am Gewehr fest. Die Füße in den Weichlederstiefeln bewegten sich wie von selbst.

Der Rothaarige packte den Karabiner fester.

»Bleib stehen!«

Der Bussard schrie neuerlich. Ein Pfeil steckte plötzlich in der Schulter des Banditen. Sein Gewehr krachte, aber die Kugel jaulte in den wehenden Staub. Erschrocken fuhr Sue herum.

Ein Pfeil schwirrte an ihr vorbei und bohrte sich in den Hals des Braunen. Wiehernd stürzte das Pferd. Seine Hufe schlugen. Ein weiterer befiederter Todesbote traf das Brunnengerüst.

Bronzehäutige Gestalten standen neben dem Schuppen und beim Korral. Bunte Stirnbänder hielten die rabenschwarzen Haare. Kupferarmreifen glänzten. Die Gesichter waren mit weißen und schwarzen Streifen bemalt.

»Apachen! Sues Vater hatte einige male Tauschgeschäfte mit ihnen abgewickelt, aber diese Krieger kannte Sue nicht. Entsetzen lähmte sie.

Ein kehliger Ruf erklang. Wie Raubkatzen schnellten die Krieger auf den Hof. Sie wollten Sue lebend. Da hetzte sie zu dem im Sand liegenden Pferd und zerrte die Winchester aus dem Scabbard. In der Drehung lud sie durch. Der Wind traf sie nun von vorn. Staub biss in ihren Augen.

Zwei Apachen waren den anderen voraus. Sue presste die Lippen zusammen und schoss.

Einem Echo gleich peitschte ein zweiter Schuss aus dem Ranchhaus. Die beiden Indianer wurden wie von Keulenhieben getroffen.

»Hierher, Muchacha!«

Sue rannte auf die in den Hang gebaute Hütte zu. Das Gewehr in der Tür spuckte wieder einen Feuerstrahl. Pfeile schwirrten.

Eine Lanze verfehlte die flüchtende Frau. Schüsse hämmerten. Immer mehr Apachen tauchten am Fuß der gestrüpp- und felsbedeckten Hügel auf, die Camerons Smallranch umschlossen.

Sie waren zu Fuß. Ihre Mustangs standen in einem nicht weit entfernten Versteck.

Keuchend erreichte Sue das Haus. Pulverdampf brodelte, Mündungsblitze zuckten. Sie stolperte hinein.

Zusammengesunken kauerte der Rothaarige neben dem Türpfosten. Der abgebrochene Pfeil steckte noch in seiner linken Schulter. Verbissen lud und feuerte er. Ein Getroffener schrie.

Pfeile und Kugeln fauchten in die Hütte. Ein Tonkrug zersprang. Die Pfannen über dem steingemauerten Herd schepperten.

Sue duckte sich am Fenster. Das dünn geschabte Leder, das die Scheibe ersetzte, war hochgerollt. Staub wogte.

Die Sonne brannte, die Schüsse verstummten. Keine Bogensehne surrte mehr. Nur der Wind sang. Kein Apache war zu sehen.

Sue hatte das Haarband verloren. Zerzauste Strähnen umzüngelten das angespannte Gesicht. Sie war in der Wildnis aufgewachsen, hatte schon als Kind Kampf und Entbehrung erlebt. Doch nun überfiel sie ein Zittern.

Sie sind noch da, Muchacha.« Die Stimme des Verwundeten klang gepresst. Krampfhaft hielt er das Gewehr, mit dem er vorhin Sue bedroht hatte. Ihre Blicke trafen sich. Die Augen des Mannes flackerten.

»Ich bin Roy Jennings. Wie heißt du?«

Sue starrte ihn nur an. Jennings spähte rasch zum Hofrand.

»Ich versteh' ja, dass du verzweifelt bist, Muchacha, aber ich hab deinen Vater nicht erschossen. Das war Bill.«

Ruckartig wandte Sue sich ab. Ein Apache federte hinter dem Ziehbrunnen hervor und schleuderte eine funkenumsprühte Pechfackel. An der Schuppenecke blitzten Schüsse. Pfeile hieben in Türpfosten und Fensterrahmen.

Sue und Jennings feuerten. Die Fackel landete drei Schritte vor der Tür. Der Krieger warf die Arme hoch und stürzte.

»Nicht schlecht. Muchacha.« Der Bandit grinste angestrengt. »Bin verdammt froh, dass ich dich nicht umgelegt hab.«

Sue schwieg. Ein Kugel- und Pfeilhagel überschüttete das Gebäude. Es waren etwa zwanzig Apachen, die sich heranarbeiteten. Jennings Hände zitterten, als er Patronen ins Gewehrmagazin schob. Eine entglitt ihm. Sue hob sie auf.

»Wir müssen fort.«

»He, du kannst ja reden, Muchacha. Dachte schon, du bist stumm.« Das Lachen des Banditen verriet, dass er Schmerzen hatte. »Ich find’s hier drin gemütlicher als unter den Skalpmessern da draußen.«

Er duckte sich und schoss. Die Kugel aus einem Apachengewehr wirbelte Mörtelbrocken ins Haus. Sue verließ das Fenster.

»Zum Teufel, was machst du da?«, krächzte Jennings, als sie sich gegen den Schrank an der Rückwand stemmte. Die Tür ging auf, Teller und Schüsseln rutschten heraus und zerbrachen.

Jennings musste wieder schießen. Drei Apachen rannten auf den Brunnen zu. Einen traf Jennings ins Bein. Trotzdem erreichten sie die Deckung. Jennings fluchte. Das Schießen strengte ihn an. Als er wieder über die Schulter sah, hatte Sue den Schrank halb zur Seite gerückt.

Der Bandit traute zuerst seinen Augen nicht. Eine Höhle klaffte in der Wand, der Eingang zu einem durch den Hügel gegrabenen Tunnel. Siedler im Indianergebiet legten häufig solche Notausgänge an.

Jennings zielte auf einen schwarzen Haarschopf über der Brunnenmauer.

»All right, Muchacha, bring dich in Sicherheit. Ich halt die Kerle auf.«

Bill Raffertys Stiefel hinterließen staubige Abdrücke auf dem Teppich der Hotelhalle. Mit einer Zigarette im Mundwinkel lehnte der hagere Einäugige in der offenen Tür. Die Main Street war so leer wie bei der Ankunft der Banditen.

Der schmächtige Portier putzte nervös seine Brille. Ein fetter glatzköpfiger Mann ruhte im Ledersessel neben der Treppe. Er blätterte in einem buntbebilderten Magazin.

Rafferty wuchtete seine prall gefüllten Satteltaschen aufs Pult. Eine Staubwolke stieg auf. Der Portier nieste.

»Ich nehm’ das Zimmer über dem Eingang. Wenn ich nicht irre, sieht man von da oben bis zu den Peloncillos.«

»Das ist richtig, Sir. Nur ist es leider schon belegt.«

»Ich nehm’s trotzdem.«

»Es ist mein Zimmer.« Der Dicke stemmte sich schnaufend hoch. »Jesse Thorpe, Viehhändler und Grundstücksmakler.«

Rafferty gab ihm einen flüchtigen Blick.

»Dein Job, Nat«, sagte er zu dem Einäugigen. Grinsend schlenderte Nat Proctor heran. Seine Sporen klirrten. »Also komm schon Dicker.«

»Ich versteh nicht...«

»Was gibt’s da groß zu verstehen, Amigo? Bill ist der Boss. Er will dein Zimmer. Ich helf dir räumen. Na los, Dicker, worauf wartest du noch?« Er fasste ihn hart am Arm.

»Das ist... Was erlauben Sie sich!«

Der Einäugige zog den Sechsschüsser.

»Ich erlaube mir, dir ein hässliches Loch in deine Speckschwarte zu blasen, Dicker, wenn du nicht parierst. Verstehen wir uns nun?«

Thorpe wurde blass.

»Ich komm’ ja schon.« Der Bandit schob ihn zur Treppe. Rafferty schrieb seinen Namen ins Gästebuch. »Ich brauch’ fünf weitere Zimmer für meine Amigos. Wir bleiben zwei, drei Tage, bevor wir nach Mexiko weiter reiten.«

»Nicht in meinem Hotel.« Die Nebentür schwang auf. Ein schwergewichtiger, städtisch gekleideter Mann um die Fünfzig stand in ihr. Ein Backenbart umgab das eckige Gesicht. »Vielleicht lässt Harper Sie und Ihre Freunde auf dem Heuboden über dem Mietstall übernachten. Sagen Sie ihm, Sloan Bennet schickt Sie.«

Der Hotelbesitzer blieb furchtlos, als Rafferty die staubbedeckte Jacke hinter den Coltkolben schob.

»Sie sind wohl nicht nur hier im Hotel der große Boss, Bennet, was?«

»Erfasst, Mister. Es gibt kein Geschäft in Saguaro Wells, an dem ich nicht beteiligt bin. Wenn Sie's genau wissen wollen: die halbe Stadt gehört mir. Ich rate Ihnen und Ihren Freunden deshalb, etwas kürzer zu treten.«

»Ich fürchte, Pa, deine Mühe ist umsonst.« Die Klavierklänge waren verstummt. Bennets Tochter musterte Rafferty mit unverhohlenem Interesse. Sie war Mitte Zwanzig, katzenäugig, mit einem sinnlichen, etwas zu breiten Mund, üppigen Brüsten und kunstvoll hoch frisierten Haaren. Das

rüschenverzierte grüne Kleid war auf die Farbe ihrer Augen abgestimmt.

»Ich sagte doch, du sollst dich nicht sehen lassen!«, fuhr der Hotelbesitzer sie an.

»Hallo, Ma’am." Grinsend nahm Rafferty den Stetson ab. »Es wäre verdammt schade, hätt ich Sie nicht kennengelernt.«

Der Hotelbesitzer zischte: »Verschwinden Sie, sonst...«

Raffertys Rechte umschloss den Colt. Droben polterte es. Ein Schrei ertönte, dann krachte vor der Hoteltür ein Koffer auf die Straße. Proctor hatte ihn aus dem Fenster geworfen.

»Sonst was?«, dehnte Rafferty.

Der Hotelbesitzer ballte die Fäuste.

»Es gibt zwei Dutzend Männer in der Stadt, die geschlossen hinter mir stehen, wenn Sie Verdruss suchen.«

»Pfeffersäcke und Feiglinge, die bei Ihnen in der Kreide stehen. Die Sorte kenn’ ich. Die ziehen den Schwanz ein wie Thorpe, wenn sie ein Schießeisen sehen. Haben Sie noch nie dran gedacht, dass die Burschen froh sein könnten, Sie loszuwerden?«

Betroffen starrte Sloan Bennet ihn an. Der Bandenboss grinste. Das Mädchen beobachtete ihn ängstlich und fasziniert zugleich. Ihre Brüste hoben und senkten sich. Im Obergeschoss krachte nun ein Schuss, raues Lachen folgte. Dann stolperte der dicke Viehhändler mit verzerrtem Gesicht die Treppe hinab.

Proctor tauchte über ihm auf.

»Endspurt, Dicker!«, lachend feuerte er über Thorpes Kopf. Der Viehhändler stürzte ins Freie. Angsterfüllt duckte der Portier sich hinter das Pult.

»Keine Bange«, beschwichtigte Rafferty die junge Frau. »Spaß muss sein. Ein bisschen Bewegung schadet dem Dicken nicht. Wir sind friedfertige Leute, solange niemand uns nicht auf die Zehen tritt.«

Er warf Bennet einen Lederbeutel vor die Füße. Die Verschnürung löste sich beim Aufprall. Goldkörner rollten über den Teppich.

»Wir rechnen ab, Bennet, wenn wir die Stadt verlassen. Schließen Sie die Nuggets bis dahin in Ihren Safe.«

Bennets Miene veränderte sich. Seine Augen glitzerten. Hastig sammelte er die Nuggets ein und schnürte den Beutel sorgfältig wieder zu.

Die Frau ging an ihm vorbei. Ihre Hüften schwangen. Ein sinnliches Lächeln umspielte die Lippen. Sie musste sich dicht neben Rafferty stellen, um seinen Namen im Gästebuch zu lesen. Ihre Brüste streiften ihn.

»Sie hätten Pa gleich sagen sollen, dass Sie mit Gold zahlen, Mister Rafferty. Kommen Sie, ich zeig Ihnen die Zimmer.«

 

 

4

Randvoll füllte der Town Marshal das Glas. Es war sein fünfter Drink. Die Whiskyflasche auf dem Schreibtisch war fast leer.

Larry Brooks deutete der Reihe nach auf die Steckbriefe, die er herausgesucht hatte.

»Mike Farlock, Coburn Bliss genannt Blackjack, James Abraham Morris alias Buffalo.«

Er schob die Blätter dem Marshal hin.

»Das sind sie, John. Alle drei werden wegen Mord und bewaffnetem Raubüberfall gesucht. Blackjack war mal Berufsspieler, Buffalo desertierte aus den dritten Kavallerieregiment.«

John Morgan wischte die Steckbriefe achtlos vom Tisch.

»Hättest dir die Mühe sparen können. Ich hab die Burschen gleich erkannt. Der Einäugige heißt Nat Proctor. Er wird in Nevada und Kalifornien wegen mehrfachen Mordes gesucht. Zusammen mit Bill Rafferty bilden sie die gefährlichste Killerhorde in Arizona. Gegen die haben wir beide nichts auszurichten.«

Er brachte das Glas an die Lippen, ohne einen Tropfen zu verschütten. Als er es absetzte, war es leer. Der Deputy beugte sich mit funkelnden Augen vor.

»Rafferty und Proctor sind zum Hotel gegangen. Die drei anderen sitzen allein im Saloon.«

Morgan griff wieder nach der Flasche. Er sah alt, müde und verbraucht aus, ein Mann, für den das Kaff Saguaro Wells die Endstation eines bewegten Lebens bedeutete.

»Vergiss sie. Papier ist geduldig. Wer die Steckbriefe ausgestellt hat, mag selbst zusehen, dass er die Kerle fasst.«

»John, ich muss erfahren, wie sie zu Sue Camerons Hengst kamen.«

»Hast du nicht mitgekriegt, dass dein Stern für die nur ein lumpiges Stück Blech ist? Ich sag dir, die knallen dich ab, ohne mit der Wimper zu zucken, wenn du ihnen auf den Pelz rückst.«

»Ich geh auch allein.«

»Du vergisst, wer hier der Boss ist.«

»Ich weiß, was ich dir schulde, John. Bennet und seine Anhänger hätten mich am liebsten zum Teufel gejagt, als ich damals ohne einen Cent in der Tasche aus der Wildnis kam, ein halbverhungerter Tramp, dem keiner traute.

»Inzwischen hast du auch Bennet bewiesen, was in dir steckt.«

»Darum geht’s nicht, John. Wir beide vertreten in Saguaro Wells das Gesetz. Ich hab ’nen Eid geschworen, John.«

Larry wandte sich zur Tür. Schwerfällig stemmte der Marshal sich hoch.

»Verdammter Erpresser!« Er grinste. Dann trat er zum Gewehrrechen. Er schwankte leicht, als er die Winchester herausnahm und das Magazin prüfte.

Mit einer halben Flasche Whisky im Bauch war John Morgan der beste Schütze, den Larry kannte, Rafferty ausgenommen.

Morgans Verhängnis war, dass es bei einer halben Flasche selten blieb. Seit Larry den Stern in Saguaro Wells trug, war es jedoch noch zu keiner Schießerei gekommen. Ihr Job war es bisher, betrunkene Cowboys zu bändigen oder Falschspieler, die gelegentlich mit der Postkutsche aufkreuzten, das Handwerk zu legen und Streitigkeiten unter den Bewohnern zu schlichten.

Larry räusperte sich.

»Besser. John, du nimmst die Schrotflinte. Da musst du nicht zielen, nur abdrücken.«

Morgan versteifte sich, dann stellte er die Winchester schweigend zurück und nahm die doppelläufige Parker Gan.

»Ich bin nicht ganz so betrunken wie du glaubst.«

»Gib mir fünf Minuten Vorsprung, John. Ich werde bereit sein, wenn du kommst.«

»Du wirst ein guter Nachfolger. Mein Testament liegt in der untersten rechten Schublade. Nein, zum Teufel, das ist kein Witz. Halt die Klappe und schwirr schon ab.«

 

 

5

Roy Jennings spürte einen Becher an den trockenen Lippen und schluckte mechanisch. Es war kalter Tee. Das Getränk belebte ihn. Trotzdem dauerte es eine Weile, bis der Verwundete die Augen öffnete.

Sue hatte eine Hand unter seinen Nacken geschoben. Die Winchester lehnte in Reichweite. Noch immer winselte der Wind. Nichts rührte sich sonst. Deutlich sah Jennings den Kratzer auf Sues rechter Wange. Eine Kugel hatte sie gestreift.

»Weshalb bist du noch hier?«

»Ich wünsche meinem ärgsten Feind nicht, dass er den Apachen in die Hände fällt.«

Der Bandit tastete nach dem Colt in der verrutschten Halfter. »Verlass dich drauf, lebend kriegen die mich nicht. Wie lange war ich bewusstlos?«

»Eine halbe Stunde.«

»Dann ist’s nicht zu spät, dass du dich auf die Socken machst, Muchacha.« Jennings hob den Kopf. Der Schrank stand halb vor dem Tunnel. »Wie weit weg ist’s zum Ausgang?«

»Sechzig Yard. Der Stollen mündet auf der anderen Seite des Hügels in ein ausgetrocknetes Flussbett.«

»Verwisch deine Spur und versteck dich, bis es dunkelt. Versuch, die nächste Ranch zu erreichen. Fünfzehn Meilen zur Stadt sind verdammt weit ohne Pferd.«

Cortlands Ranch liegt acht Meilen südlich.«

»Das schaffst du.«

»Wir beide.«

Jennings starrte Sue ungläubig an.

»Du bist verrückt!«

Sue lauschte, griff plötzlich nach dem Gewehr, schob den Lauf aus dem Fenster und schoss. Ein Pfeil fauchte herein, Kugeln schmetterten gegen die Mauer. Sue repetierte und feuerte abermals. Ein kehliger Wutschrei antwortete.

Der Bandit wollte sich aufrichten, aber der Blutverlust schwächte ihn. Jetzt erst bemerkte er, dass Sue den Pfeil herausgeschnitten hatte. Sie hatte Jennings Bowieknife dazu benutzt. Die Schulter war verbunden.

»Du bist ein Teufelsbraten, Muchacha!«, keuchte er, als Sue die Winchester sinken ließ und ihn ansah.

»Pa hat mir alles beigebracht, was nötig ist, in der Wildnis zu überleben.«

Ihre Augen brannten. Jennings schaute weg. Sue schob einen Arm unter seine rechte Achsel.

»Stützen Sie sich auf mich. Kommen Sie.«

»Sei nicht närrisch. Wenn du dich mit mir abschleppst...«

Jennings’ Blick zuckte zur Decke. Die Dachsparren bogen sich knarrend. Erdbrocken fielen herab.

»Verschwinde, Muchacha! Sie sind auf dem Dach. Ich nehm doch noch ein paar von den roten Teufeln mit, bevor sie meinen Skalp kassieren.«

» Spielen Sie nicht den Helden.«

»Zum Teufel damit.« Jennings knirschte vor Schmerz mit den Zähnen, als sie ihm aufhalf. Er lastete mit dem halben Gewicht auf ihr.

»Ich kann nicht mal richtig stehen.«

»Das Loch in der Schulter bringt sie nicht um.«

Sue spähte ins Freie. Der Wind, der von den Peloncillos Mountains kam, trieb Staubschleier durch die Senke. Ein Scharren war auf dem Erdschollendach. Wieder plumpsten Lehmklumpen auf den Fußboden.

»Vergiss nicht, dass ich zu den Mördern deines Vaters gehöre«, keuchte der Bandit.

„Bestimmt nicht.« Sie führte ihn zur Rückwand, lief wieder zum Fenster und gab einen Schuss auf eine Gestalt am Hofrand ab. Mit halb durch geknickten Beinen lehnte der Bandit neben dem Stolleneingang.

«Wenn sie reinkommen und den Tunnel entdecken, schaffen wir keine halbe Meile.«

Sue hängte den Riemen mit der lederüberzogenen Wasserflasche über die Schultern.

»Sie werden uns nicht verfolgen.«

»Wie kommst du darauf?«

»Sie werden uns für tot halten.« Sue deutete auf das bauchige Fässchen neben dem Schrank. Ein Pfeil steckte darin.

Gun Powder Schießpulver«, entzifferte Jennings heiser. Nur wenige Handbreit darüber klaffte ein Kugelloch. Die Zündschnur war ellenlang.

Während draußen wieder ein Apachengewehr krachte, bückte sich Sue und brannte sie an. Das Pulver reichte aus, die Hütte in einen Trümmerhaufen zu verwandeln.

Jennings, sonst ein abgebrühter Revolverschwinger, schluckte.

»Du . .. bist ja ... wirklich verrückt. Muchacha!«

Ein Tomahawkhieb erschütterte das Hüttendach. Holz splitterte. Jennings blickte gebannt auf das knisternde blaue Flämmchen, das sich dem Fassdeckel näherte.

Sue zog ihn in den mit Balken abgestützten Gang.

 

 

6

Das raue Gelächter im Arizona Palace verstummte. Ein leeres Glas rollte über die Tischkante.

Das grell geschminkte Saloongirl rutschte von Mike Farlocks Knien, knöpfte hastig die Bluse zu und wich, den Blick ängstlich auf den Eintretenden gerichtet, an die Wand zurück.

Die Schwingtüren knarrten. Blackjack schob die Karten zusammen, die er zu einer Patience aufgereiht hatte. Mit verbissener Miene drückte Buffalo die halb gerauchte Zigarette auf der von Gläsern, Flaschen, Kippen und Schnapslachen bedeckten Tischplatte aus.

Die Blicke der Banditen folgten dem Deputy zur Theke. Das Sägemehl, mit dem der Boden bestreut war, dämpfte Larrys Schritte.

Der schnurrbärtige Keeper schwitzte. Larry legte eine Münze auf die Theke.

»Gib mir ’nen Whisky, Joe.«

Im Spiegel über dem Flaschenregal sah er, dass Buffalo sich halb vom Stuhl erhob, Farlock ihn aber festhielt.

»Du bekommst deine Revanche, Amigo.« Nur das Gluckern der ins Glas laufenden Flüssigkeit war zu hören. Die Hand des Keepers zitterte. Larry spürte die Blicke der Killer wie Dolchspitzen. Er trank.

»Noch einen. Joe.«

Der Keeper hüstelte. Seine Augen sandten Larry eine verzweifelte Warnung, während er abermals das Glas füllte. Ein Stuhl scharrte. Farlock ging um den Tisch herum. Seine Sporen klirrten. Ein Grinsen flackerte auf dem verkniffenen Gesicht.

»Schätze, du hast’s nötig, dir Mut anzutrinken. Deputy. Willst du immer noch wissen, wie wir an den Gaul kamen?«

»Du wirst es mir sicher verraten.«

»Möglich, wenn du mich freundlich bittest.« Der sehnige Bandit blieb hinter Larry stehen. Seine Rechte lag auf dem abgewetzten Coltknauf. Ihre Blicke trafen sich im Barspiegel. Farlocks stechende Augen erinnerten Larry an eine Klapperschlange. Sein Grinsen und sein Ton waren eine Herausforderung.

»Übrigens kann ich mir gut vorstellen, dass du mehr an dem Girl interessiert bist, das wir da draußen auf der Ranch trafen. Hübsches Ding, 'ne Wildkatze dazu. Weißt du, Compadre, ich versteh’ was von Weibern.

Larrys Hand presste sich um das Glas, aber er beherrschte sich.

»Wenn ihr Mitch Cameron und seiner Tochter nur ein Haar gekrümmt habt, landet ihr am Galgen.«

»Wer sollte uns da hinbringen?« Farlock lachte. »Du bestimmt nicht.«

Seine Rechte bewegte sich. Aber er brachte den Colt nur halb aus der Halfter. Blitzschnell schüttete Larry ihm den Whisky über die Schultern ins Gesicht.

Farlock schrie. Seine Abwehrbewegung kam zu spät. Sekundenlang sah er nichts.

Larry ließ das Glas fallen, drehte sich und bohrte ihm die Mündung des Remington über der Gürtelschnalle in den Bauch. Blackjack und Buffalos Stühle kippten polternd um. Das Saloongirl flüchtete zur Treppe.

Da krachten die Türflügel gegen die Wand. John Morgan stand mit angeschlagener Schrotflinte im hereinflutenden Licht. Der Fünfzack an seiner ärmellosen Weste blinkte. Morgans peitschende Stimme verriet nicht, dass er inzwischen eine Flasche Kentucky Bourbon vertilgt hatte.

»Das war’s Muchachos! Ihr seid verhaftet! Die Schießeisen weg, sonst knallt’s!«

 

 

7

Das Bett war frisch bezogen. Die halbgeschlossenen Vorhänge hielten das gleißende Sonnenlicht ab. Raffertys staubbedeckte Satteltaschen lagen auf dem Tisch. Flasche und Glas standen daneben. Die Bretterwände waren mit geblümten Tapeten bespannt.

Nella Bennet wischte mit einem Staubwedel über den Spiegel. Aus den Augenwinkeln beobachtete sie den breitschultrigen zottelhaarigen Bandenführer, der sich von der Bettkante erhob und auf sie zutrat. Er strahlte Wildheit und Selbstsicherheit aus. Nellas Nasenflügel vibrierten.

»Hör auf, herum zu tändeln, Süße. Ich weiß verdammt genau, weshalb du hier bist.«

Grinsend zog er sie zu sich herum.

Nellas jadegrüne Augen weiteten sich.

»Lassen Sie mich los!«

»Ich wette, du hast lange drauf gewartet, dass mal ein richtiger Mann in euer verschlafenes Kaff kommt.« Er presste sie an sich und küsste sie gierig. Seine Rechte fuhr in den rüschengesäumten Ausschnitt. Als er sie freigab, trat die Tochter des Hotelbesitzers schwer atmend zurück. Ihre Wangen brannten. Rafferty grinste halb lauernd, halb siegesgewiss.

»Stimmt doch, oder?«

Das Glitzern in den eisigen Augen jagte einen Schauer über Nellas Rücken. Gleichzeitig war sie fasziniert.

»Ich hab auf einen Mann gewartet, der mich von hier fortbringt, auch wenn mein Vater nicht damit einverstanden ist. Ich bin bei meiner Ma in Saint Louis aufgewachsen. Es gibt da Häuser wie Paläste. Parks, Theater, Cafes. Saguaro Wells ist dagegen ein armseliges Nest. Das Klima, die immer gleichen Gesichter, die Langeweile jeden Tag, das alles bringt mich auf die Dauer um. Ich bin jung, ich will leben. Rafferty, wenn Sie mich mitnehmen, bezahle ich den Preis dafür, aber nur dann!«

Er streckte wieder die Hände nach ihr aus. Da hielt sie plötzlich eine kleine doppelläufige Derringerpistole.

»Bringen Sie mich nach Tucson, Silver City oder El Paso. Irgendwohin, von wo mein Vater mich nicht mehr zurückholen kann. Dann kriegen Sie von mir, was Sie sich wünschen.«

Rafferty schob die Daumen hinter den Revolvergurt und lachte schallend.

»Was bist du für ein raffiniertes Biest! Du gefällst mir, Honey. Wie heißt du?«

»Nella.«

»Fein, Nella. Dann merk’ dir mal eins.« Sein Ton veränderte sich. »Stell mir nie irgendwelche Bedingungen!«

Er schlug ihr den Derringer aus der Hand. Die Waffe klirrte gegen den Spiegel. Ein Sprung lief über das Glas.

Rafferty packte zu und warf die junge Frau aufs Bett. Sie stieß einen Schrei aus.

Grinsend hielt er sie fest. Seine heißen trockenen Lippen pressten sich auf ihren Hals. Dabei schob er ihr Kleid hoch. Im nächsten Moment zuckte er herum, eine Hand besitzergreifend auf Nella Bennets Busen. Die andere umklammerte den langläufigen 45er Colt.

Proctor stand in der Tür.

Verärgert schob Rafferty den Sechsschüsser ins Leder.

»Du störst.«

Der Einäugige starrte auf Nellas schlanke Beine.

»Hübsch.« Er schloss die Tür, ging durchs Zimmer und zog den Vorhang zur Seite. »Doch wenn du mal was Besonderes sehen willst, schau aus dem Fenster. Bill.«

»Mach keine Witze.«

»Dein ehemaliger Freund Morgan und sein Deputy haben Mike, Buffalo und Blackjack geschnappt.»

Mit einem Satz war Bill Rafferty neben ihm. Trotz seiner Größe und Schwere bewegte er sich wie ein Panther.

Nella auf dem Bett wagte keine Bewegung.

Rafferty fluchte, als er die Kumpane mit erhobenen Händen hintereinander am Hotel vorbei auf das Marshal’s Office zumarschieren sah.

Larry und der Marshal flankierten sie mit schussbereiten Waffen. Der Deputy trug außerdem die Revolvergurte der drei.

John Morgans Schritte wirkten hölzern. Niemand sonst war auf der Straße. Die Luft über den Dächern flimmerte.

Proctor hob den Colt.

»Revolverschussweite.«

»Die halbe Stadt sieht zu, Nat. Nicht, dass mir das was ausmachen würde, aber vielleicht klappt alles viel einfacher. Wir haben immerhin 'ne Geisel.«

Rafferty wies mit einer Kopfbewegung auf Nella. Dann schätzte er gleichzeitig mit ihr die Entfernung zur Tür.

»Gib dir keine Mühe, Baby.«

»Sieh nur. Bill!«, rief Proctor. Die Sternträger hatten mit den Gefangenen das Office erreicht. Doch der Einäugige deutete über die Dächer nach Osten. Dünne, weiße Rauchsäulen standen vor den Peloncillos Mountains. Rafferty vergaß die junge Frau. Seine Schultern spannten sich.

»Apachensignale!«

 

 

8

Im Office stank es nach Schweiß, Whisky und Zigarrenrauch.

John Morgan thronte mit leicht glasigem Blick auf dem Drehstuhl hinter dem papierbeladenen Schreibtisch. Die Läden waren verriegelt. Dämmerung füllte den schmucklosen Raum. An den Bretterwänden klebten Steckbriefe.

Ein massives Eisengitter trennte die Zelle, in der Farlock, Blackjack und Buffalo saßen, vom Büro des Marshals. Morgan wartete, bis der Deputy die Tür schloss.

»Deinem Gesicht nach hast du umsonst bei den feinen Bürgern angeklopft. Ich hätte dir gleich sagen können, dass du keine Helfer findest. Nicht in diesem lausigen Kaff. Mach dir nichts draus. Wenn du unbedingt zu Camerons Ranch willst, halt ich hier allein die Stellung.« Er legte die Parker Gun auf die Steckbriefe und Akten. Aber Larrys Miene verriet deutliche Zweifel. »Du glaubst, ich mach’ Sprüche, was?«

Der hagere lederhäutige Sternträger beugte sich vor. Seine Augen funkelten.

»Mein alter Freund Bill wird es sich lieber zweimal überlegen, ob er das Office stürmt. Er würde dabei nicht nur mich, sondern auch seine Amigos zur Hölle blasen.« Morgan deutete auf die am Gitter befestigte Sprengladung. Es waren ein halbes Dutzend mit einer Zündschnur umwickelte Dynamitpatronen. Larry schluckte.

Farlock trat an die Eisenstäbe.

»Bringt ihn zur Vernunft, Deputy. Er ist entweder besoffen oder übergeschnappt, wahrscheinlich beides. Wir wollen das Ganze als Missverständnis betrachten, wenn du dafür sorgst...«

»Hör auf mit dem Quatsch!« Der Mulatte schob sich neben ihn. Er starrte Larry böse an. »In spätestens zwei Stunden sind wir frei, Brooks, dann hol ich mir deinen Skalp.«

Aufgeregte Rufe schallten durch die Stadt. Türen klappten. Stiefel trappelten. Ein Hund kläffte. Larrys Pferd, das am Zügelholm vor dem Office stand, wieherte.

»He!«, krächzte Morgan, als das Krachen von Schüssen in die Stadt drang.

Larry riss die Tür auf. Die gleißende Lichtflut blendete ihn im ersten Moment. Er kniff die Augen zusammen. Die Sonne neigte sich bereits zum Horizont. In den nach Westen gerichteten Fenstern schien sich eine gigantische Feuersbrunst zu spiegeln.

Vor wenigen Minuten hatte Saguaro Wells noch wie ausgestorben gewirkt. Jetzt hasteten Gruppen von Neugierigen zum östlichen Stadtrand, darunter Männer, Frauen und Kinder.

Larry drehte der Sonne den Rücken zu und spähte die breite Main Street hinab. Wie Kreidestriche standen die fernen Rauchsäulen vor den kupfern schimmernden Flanken der Peloponnes los. Das Hufgetrappel und die Schüsse kamen näher.

»Da!«, rief Morgan. Larry hatte die auf die Stadt zujagende Staubwolke bereits entdeckt.

Gleich darauf tauchte der von vier kräftigen Braunen gezogene, wild schlingernde Planwagen über einer Bodenwelle auf. Eine Frau hielt Zügel und Peitsche. Sie hatte die Beine bereits eingestemmt. Die Bänder der altmodischen Schutenhaube flatterten. Ein zehn- oder zwölfjähriges Mädchen klammerte sich an sie. Im Höllentempo fegte das Fahrzeug an einer Reihe turmhoher Saguaro-Kakteen vorbei.

Dann sah Larry die Verfolger, bronzehäutige, Lanzen und Gewehre schwingende Reiter. In dichtem Pulk, wie verwachsen mit den struppigen Pferden, brausten sie die Bodenwelle herab. Staub umschleierte die Kakteen. Fetzen von schrillem Geschrei mischten sich in das Trommeln der Hufe. Gewehre blitzten.

Mit jedem Galoppsprung holten die Apachen auf. Verzweifelt schwang die Wagenlenkerin die Peitsche.

»Cortlands Frau und Tochter!«, rief Hotelbesitzer Bennet, der mit dem Fernglas auf der anderen Straßenseite stand. Jayson Cortlands Ranch lag an der Biegung des San Simon River, zehn Meilen südlich von Saguaro Wells. Es war die größte Ranch im Umkreis. Bennet begann, ebenfalls zu laufen.

»John, bleib bei den Gefangenen!«

Details

Seiten
117
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940954
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v888877
Schlagworte
banditen

Autor

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Titel: Von Banditen ermordet