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Sie hatten die lautlose Bombe

2020 125 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Sie hatten die lautlose Bombe

Copyright

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Sie hatten die lautlose Bombe

Krimi von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 125 Taschenbuchseiten.

 

Ein Lastwagen wird überfallen, der eine tödliche Fracht mit sich führt – zweitausend Pfund Natriumcyanid. Mit der Drohung, Chicagos Trinkwasser sowie sämtliche Produktionen einiger Limonadenfabriken mit diesem Zeug zu vergiften, will man die Freilassung des inhaftierten Spions Ruby Bekow erzwingen. Achtundvierzig Stunden haben Biff Calder und Susan Tucker Zeit, das Gift zu finden und die Erpresser dingfest zu machen. Die Uhr tickt!

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© Cover: Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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https://twitter.com/BekkerAlfred

 

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1

Der Lastwagenzug kam um einundzwanzig Uhr fünfzig aus Richtung Norden. Seine starken Scheinwerfer stachen wie zwei Miniatursonnen in die nachtschwarze Nacht hinein. Fahrer und Beifahrer dösten in friedlicher Eintracht vor sich hin.

Vier Männer kauerten hinter den dichten Büschen am Straßenrand. Sie trugen Nylons über dem Kopf. Ihre Nasen waren darunter platt gedrückt wie schlecht gewachsene Gurken.

„Da kommen sie!“, zischte einer.

Der zweite stieß den dritten an. Der machte einen Satz vorwärts und legte sich quer über die Fahrbahn. Sein Herz klopfte. In seiner Hose tat sich allerhand. Schließlich konnte es passieren, dass der Fahrer ihn nicht bemerkte oder ihn nicht rechtzeitig bemerkte. Dann war nicht nur seine Nase platt gedrückt, sondern der ganze Körper.

Die Gangster umklammerten ihre Tommy Guns.

Allmählich schwoll das Brummen des Lastwagenzuges an. Die Scheinwerfer wurden größer. Mehr und mehr hellte die Umgebung auf.

Einsam und verlassen lag der Maskierte auf der Fahrbahn. Mit hochgepeitschtem Puls und mit Schiss. Verständlicherweise war für ihn das ungeheuer rasch näher kommende Brummen am unheimlichsten — entschied es doch über Sein oder Nichtsein, wie der Klassiker Shakespeare seinen Hamlet sagen lässt.

Wieder mal hatte er in den Schmalztopf langen müssen. Warum immer er? Die anderen putzten sich ab. Die lagen im Busch und amüsierten sich auf seine Kosten. Das nächste Mal sollte das anders werden. Mit ihm konnten sie bei solchen artistischen Kunststücken nicht mehr rechnen.

Das nächste Mal?

Gab es überhaupt noch ein nächstes Mal für ihn?

Die Männer im Busch spannten die Muskeln. Gleich musste der Lastwagenzug die Notbremsung einleiten. Gleich würden die schweren Zwillingsräder Malerei auf den Asphalt zaubern.

Dann kam ihr Auftritt. Ein heißer Auftritt. Dirigiert von Tommy Guns.

Dem Mann auf dem Asphalt brach der Schweiß aus den Poren. Er hatte eine Hand in das Jackett geschoben. So lag er da. Was man nicht sehen konnte, war, dass er die Hand an seiner Beretta kleben hatte. Die würde ihm kaum sehr viel nützen, wenn ihn der Laster überrollte.

Der dösende Beifahrer war der erste, der den Körper auf der Fahrbahn liegen sah.

„Pass auf!“, brüllte er seinem Kollegen ins Ohr.

Der Fahrer war sofort hellwach. Er riss die Augen auf und bremste sicherheitshalber mal kräftig, egal, weshalb der Beifahrer auch geschrien hatte.

Im nächsten Moment sah er den leblos daliegenden Mann. Der Fahrer verriss seine Mühle nach rechts. Die Räder radierten hinten die Straße weg. Die Fliehkraft und die schwere Last auf den Ladeflächen trieb das Gefährt weiter auf den Mann zu, obwohl sämtliche Räder total blockiert waren. Anscheinend, um die Spannung für den schwitzenden Maskierten zu erhöhen, blieb der Lastwagenzug erst zehn Zentimeter vor ihm stehen. Der Bursche war einem herzhaften Nervenzusammenbruch nahe.

Aufgeregt sprang der Beifahrer aus dem Führerhaus. Auch der Fahrer hatte Ameisen unter dem Hintern. Auch er konnte nicht ruhig sitzenbleiben. Er sprang auf der anderen Seite auf die Straße hinunter. Das war eine Höhe, aus der sich ein Ungeübter bereits sämtliche Beine brechen konnte.

Sie liefen zu dem Mann auf der Fahrbahn.

Und dann strich ihnen allen beiden etwas eiskalt über den Rücken. Die Gänsehaut war perfekt und so rau, dass man daran einen rotbackigen Apfel zu Mus reiben konnte.

Der Mann trug einen Strumpf über dem Kopf. Das sahen sie jetzt erst. Und er grinste unverschämt unter diesem Strumpf.

Das alles hätte die beiden breitschultrigen Kerle jedoch nicht in Angst und Schrecken versetzt.

Es war die Beretta, die ihnen der Mann mit der Mündung voran unter die Nase hielt. Und mit einem Mal begann die Umgebung zu leben. Das Gebüsch spuckte noch drei Maskierte aus. Hier musste irgendwo ein Nest sein.

Sie hatten Tommy Guns in den Fäusten.

Der Knabe, der die Fahrbahn verunziert hatte, stieß einen ehrlichen, erleichterten Seufzer aus, als er die Komplizen anstampfen sah. Er setzte sich auf und kam gleich darauf auf die Beine.

Fahrer und Beifahrer sahen einander sprachlos an. Jahrelanges Beisammensein hatte ein inniges Verständnis zwischen ihnen aufkommen lassen. Sie konnten sich auch ab und zu mal ohne Worte etwas sagen. Wie jetzt.

Stumm sagten sie: Mann, hauen wir da bloß ab, ehe wir den größten Ärger unseres Lebens erleben!

Nicht gesagt — schon getan. Sie versetzten dem Beretta-Menschen einen ordentlichen Stoß. Der überraschte Kerl taumelte verblüfft zur Seite. Fahrer und Beifahrer nahmen die Beine — bildlich gesprochen, selbstverständlich — in die Hand und liefen, was das Zeug hielt. Leider hielt es nicht allzu viel.

Aus den Tommy Guns der Maskierten fetzten hämmernde Detonationen durch die friedliche Stille der Nacht. Grellgelbe Feuerblumen platzten an den Mündungen der heißen Waffen auf.

Fahrer und Beifahrer wurden von den sirrenden Kugeln gestoppt. Sie rissen die Arme hoch, als könnten sie sich am Himmel festhalten. Doch schon die nächste Garbe mähte sie nieder.

Aus! Vorbei! Für die beiden war der Film gelaufen.

Dabei war das grausame Schauspiel nicht von Anfang an eingeplant gewesen. Hätten sich die beiden Männer ruhig verhalten, hätte man ihnen nur eins über den Schädel gegeben und sie dann in den Straßengraben geworfen, wo sie mal richtig ausschlafen konnten.

So aber ...

Die vier Gangster machten schnell. Einer lief zu den beiden Toten, um festzustellen, ob sie wirklich tot waren. Wären sie es nicht gewesen, hätte er ein wenig nachgeholfen. Es war nicht mehr nötig. Verdreht wie zwei alte Krüppelfichten lagen die beiden Männer nebeneinander im wuchernden Gras.

Wenige Augenblicke später war der Spuk vorbei. Der Lastwagenzug setzte seine Fahrt fort, mit anderem Ziel, aber mit derselben Ladung. Zwanzig Fässer — gefüllt mit gefährlichem Natriumcyanid.

Natriumcyanid! Ein Gift, das vor der Abschaffung der Todesstrafe in den Vereinigten Staaten unter anderem für Hinrichtungen verwendet wurde. Von diesem gefährlichen Transportgut genügt bereits eine Messerspitze, um einen Menschen zu töten. Dieses Gift befand sich nun in den Händen gefährlicher, gewissenloser Gangster. Das konnte nichts Gutes für Chicago bedeuten.

 

 

2

„Wenn ein Kuss Bände spricht, dann ist er bestimmt keine Erstausgabe!“, sagte Susan Tucker eifersüchtig.

Es war Morgen. Ein Morgen nach einer von mir nach Herzenslust durchgammelten Nacht. Ich hatte einen alten Schulfreund getroffen. Was verstand meine Partnerin schon davon. Der Schulfreund hatte langes blondes Haar gehabt, eine Figur wie die selige Marilyn Monroe, Brüste zum Anbeißen, die Taille einer Wespe und die prallsten Hüften, die ich je zwischen die Hände bekommen hatte.

Ich war so unvorsichtig gewesen, mich zu verplappern. Schon war der Nervenkrieg wieder in vollem Gange. Ich war nicht ich selbst. Oder besser gesagt: Ich durfte nicht machen, was ich wollte. Das stimmte jedoch auch wieder nicht ganz, solange ich mich mit hässlichen — oder auch schönen — Männern abgab, hatte Susan absolut nichts dagegen. Nur wenn ein hübsches Girl in meiner Nähe auftauchte, oder umgekehrt, wenn ich in der Nähe eines hübschen Mädchens auftauchte, dann sah sie vor allen Dingen erst einmal rot.

Und dann wurde sie kratzbürstig und ungenießbar. Eifersucht ist eine grässliche Krankheit. Susan war am ganzen schönen Körper davon befallen.

Und ich Esel hatte die Krankheit auch noch akut gemacht, indem ich von dem weiblichen Schulkameraden erzählte und mich dummerweise zu der Behauptung verstieg, der Kuss von Blondie hätte Bände gesprochen.

Himmel, ich konnte froh sein, dass ich Susan nur das und nicht alles erzählt hatte, was gestern gelaufen war. Sie hätte mich durch den Bleistiftspitzer gedreht, da konnte ich sicher sein.

Blondie war süß gewesen.

Eigentlich hatte ich zuerst nur sehen wollen, wo sie wohnt und wie sie wohnt. Ehrlich! Sie war schließlich meine Schulfreundin. Da interessiert einen das schon mal.

Blondie — ich muss sie Blondie nennen, weil mir der Name gleich danach wieder entfallen war — hatte bald darauf nichts anderes am Leib als ihr aufregendes Geburtsgewand und ein Parfüm, das nach Maiglöckchen duftete. Der Duft hat mich vollkommen verwirrt. Mich hat alles verwirrt. Der gute Whisky, den sie mir reichte. Ihre zarten Hände. Die Küsse ...

Es war Morgen, als ich mich von Blondie verabschiedete. Ein Taxi brachte mich heim. Ich musste mich auf Socken in meine Wohnung schleichen, damit Susan nichts merkte.

Und nun sah sie mich im Büro.

Ich hielt mich gut, fand ich, obwohl ich einen schrecklich dumpfen Schädel hatte. Es traf sich gut, dass Susan ärgerlich auf mich war. Dann sprach sie wenigstens nur das Notwendigste mit mir, und ich konnte mich in stiller Bescheidenheit um meine ramponierte Gesundheit kümmern.

Über Blondie verlor ich kein weiteres Wort mehr. Ich tat es um meiner beiden Augen willen, die mir Susan mit Sicherheit ausgekratzt hätte, wenn ich weitergeredet hätte.

Während ich den Kaffee schlürfte, der heiß wie die Sünde war, schwarz wie die Nacht und so dick, dass der Löffel darin steckenblieb, blickte ich über den Rand meiner Schale nach meiner Partnerin. Sie trug ihr blondes Haar wie Jean Harlow frisiert. Dazu trug sie ein dünnes Kleidchen aus Linon. Es war mit zarten Schmetterlingen bedruckt. Ehrlich gesagt, die Tierchen interessierten mich weniger als die wunderschönen Marmorhalbkugeln in ihrem tiefen Ausschnitt.

Susan war wieder einmal so schön wie ein schöner Tag, den man schön ausgeschlafen und mit einem unbändigen Tatendrang beginnt.

Das kurze Kleid schmiegte sich eng an ihren gut gewachsenen Körper. Mir gefielen ihre wohlgerundeten Schultern. Ich war verliebt in ihre schmale Taille, in die runden Hüften und die schlanken, langen Beine. Susan war wieder einmal ein von Leben durchpulstes Kunstwerk.

Ich frage mich ehrlich, warum es mit uns beiden nie klappte.

Oft versucht, doch nie erreicht — war meine Devise.

Kaum hatte ich meinen Lebenswecker im Magen, leuchtete die Kontrollbirne vor mir auf. Alle fünf Sekunden flammte sie auf. Das hieß, dass Myers Sehnsucht nach uns hatte.

Sollte er. War ja sein gutes Recht. Mein gutes Recht war es, keine Sehnsucht nach ihm zu verspüren. Deshalb ignorierte ich die Lampe.

Es wär lächerlich, zu glauben, sie würde letzten Endes verdrossen zu leuchten aufhören. Ich hätte, wie Nikita Chruschtschow seinerzeit bei der UNO, den Schuh ausziehen und mit dem Absatz darauf hämmern müssen. Dann hätte sie Ruhe gegeben.

Susan bemerkte das lästige Ding schließlich auch.

„Myers will uns sprechen, Biff!“, sagte sie kalt. In ihren schönen Augen hingen Eiszapfen.

„So?“, sagte ich erstaunt, blickte auf die Kontrollbirne, der ich gern den Strom weggenommen hätte, und sagte: „Tatsächlich.“

Wir erhoben uns. Wenn Myers uns zu sprechen wünschte, dann hatten wir angetanzt zu kommen, denn dann brannte es wieder irgendwo lichterloh.

Kurz ein paar Bemerkungen zu unserem Job. Susan und ich sind Partner. Offiziell führen wir eine Privatdetektei. Da wir aus Tarnungsgründen hin und wieder auch „normale“ Fälle lösen müssen, haben wir zwei Detektive angestellt, denen wir ab und zu mal unter die Arme greifen: Julia Hickson — sie hatte mir an diesem grässlichen Morgen diesen herrlichen Kaffee gebraut — und Charles Lenoire.

Unsere eigentliche Aufgabe besteht jedoch darin, Fälle zu lösen, die weder in den Zuständigkeitsbereich des FBI noch in den von CIA oder CIC fallen. Die Organisation, der Susan und ich angehören, nennt sich Secret Government Service, kurz SGS genannt.

Myers ist unser Mittelsmann zu dem im Hintergrund bleibenden obersten Boss des SGS in Washington. Von ihm bekommen wir zumeist die Einzelheiten über die Fälle. Soweit es welche gibt. Gibt es keine, dann rät er uns, sie uns selbst zu suchen.

Und dann suchen wir.

Susan und ich traten an die Teakholzwand in unserem Büro. Ich griff in eine bestimmte Stelle der Maserung. Die Wand gab gleich darauf den geheimen Zugang zu Myers’ Büro frei.

Nun passiert jedes Mal dasselbe. Sobald wir diesen Mechanismus betätigen, leuchtet im Wartezimmer unseres Büros ein Schild mit der gut leserlichen Aufschrift „Bitte nicht stören“ auf. Zugleich wird auch der normale Zugang zu unserem Büro verriegelt.

Wir können uns also unbekümmert auf die Reise begeben.

Susan betrat den Betongang vor mir. Ich ließ einen kleinen Abstand, um mich am Wiegen ihrer herrlichen Hüften zu ergötzen. Am Ende des Betonganges befindet sich ein großer Spiegel. Dieser Spiegel ist kugelsicher und gewährt Myers von seiner Seite aus einen Blick in den Betongang.

An dieser Stelle empfängt uns immer Boris. Der Kleine ist fast zwei Meter lang, hat nur ein Auge und ist eine Art Leibwächter von Myers.

„Hallo, Susan“, sagte er mit seiner unnachahmlich dunklen Stimme.

Meine Partnerin grüßte zurück.

„Hallo, Biff“, knurrte er mich an. Es war jedoch nicht bös gemeint.

Ich zeigte ihm, dass ich verstand, indem ich freundlich und unverschämt breit grinste.

„Hallo, Boris!“, gab ich trompetend von mir. Dann blickte ich zu ihm hinauf und schüttelte ungläubig den Kopf.

„Ist was, Biff?“, fragte der Hagere unangenehm berührt.

„Ja, Boris. Es ist nicht zu fassen. Du bist größer geworden.“

„Blödsinn.“

„Doch, doch.“

„In meinem Alter wächst man doch nicht mehr.“

„Bist trotzdem größer geworden. — Wenn du so weitermachst, kannst du bald aus der Dachrinne eines vierstöckigen Hauses trinken, ohne dass du dich auf die Zehen stellen musst.“

Er lachte. Es klang, als hätte man eine Kreissäge eingeschaltet. Ich war froh, als er damit wieder aufhörte, denn es tat mir schrecklich in meinem Schädel weh.

Boris brachte uns zu Myers. Als wir uns setzten, klappte der Lange bereits wieder die Tür hinter sich zu und war verschwunden.

Myers ist ein hagerer Typ, knapp über fünfzig. Er hat eisengraues Haar, das er sehr kurz geschnitten trägt, und eine straffe, militärische Haltung.

Die Begrüßung fällt immer gleich aus. Von seiner Seite kühl. Von unserer Seite herzlich. Diesmal war es jedoch nur Susan, die herzlich war. Ich war dazu, meiner beschämenden Verfassung wegen, nicht in der Lage.

Myers machte ein besorgtes Gesicht. War er traurig?

Er erzählte uns von einem bewaffneten Überfall auf einen Lastwagenzug. Die Sache war gestern gelaufen. Fahrer und Beifahrer waren erschossen worden. Der Lastwagenzug wurde gestohlen und war seither nicht aufzufinden.

„Was hatte der Laster geladen?“, fragte Susan.

„Natriumcyanid“, sagte Myers in seiner herzerfrischenden Knappheit.

Wir wussten trotzdem Bescheid. Ich konnte mir nicht gut vorstellen, wer an so viel Gift interessiert sein konnte. Myers sagte es uns. Diesmal allerdings auf Umwegen.

„Sagt Ihnen der Name Ruby Bekow etwas?“

Wir nickten gleichzeitig. Eigentlich machten wir eine Menge gleichzeitig. Eigentlich passten wir großartig zusammen. Wenn Susan ein wenig toleranter gewesen wäre, hätte ich das herrlichste Leben an ihrer grünen Seite gehabt.

„Ruby Bekow, von Beruf Spion“, sagte ich schlicht. „Der Mann stand lange Zeit auf der Wunschliste vieler Geheimdienste. Vergangene Woche stellten ihm CIA und FBI eine raffinierte Falle auf einem Industriegelände. Prompt zappelte er im Netz. Nun sitzt er im Kittchen und harrt der Dinge, die da kommen sollen — und auch kommen werden.“

Myers knirschte so laut mit den Zähnen, dass ich unwillkürlich erschrak. Hatte ich etwas Falsches gesagt?

„Ich habe heute die Meldung erhalten, dass sich eine Extremistengruppe dieses gefährliche Gift geholt hat, Biff!“, knurrte Myers.

Ich gestattete mir einen erstaunten Pfiff, sagte aber nichts.

„Diese Leute haben gedroht, Chicagos Trinkwasser sowie sämtliche Produkte einiger Limonadenfabriken mit Natriumcyanid zu vergiften, wenn Ruby Bekow nicht binnen achtundvierzig Stunden auf freien Fuß gesetzt wird. Außerdem muss ihm erlaubt werden, ungehindert das Land zu verlassen.“

„Wir haben nun wohl die ehrenvolle Aufgabe, den Laster mit dem Gift zu suchen“, sagte ich. Myers nickte nur. „Irgendwelche Anhaltspunkte?“

Myers schüttelte den Kopf. Damit war uns wieder einmal sehr geholfen.

„Verständlicherweise will unsere Regierung Bekow nicht ’rauslassen. Es hat Jahre gedauert, bis man ihn fassen konnte. Man wird auf die Forderung der Extremisten nur dann eingehen, wenn man gar keine andere Möglichkeit mehr hat“, sagte Myers. „Finden Sie das Gift! Machen Sie die Untergrundgruppe unschädlich! Verhindern Sie, dass in Chicago die Hölle losbricht! Und beeilen Sie sich vor allen Dingen! Achtundvierzig Stunden sind bald um!“

Da saß ich nun mit einem brummenden Schädel und mit einer Aufgabe behaftet, die mir, bevor ich sie noch richtig angegangen war, bereits über den Kopf zu wachsen drohte.

„Schlage vor, Sie arbeiten mit dem FBI zusammen“, sagte Myers knapp. „Schließlich waren die G-men maßgeblich an Bekows Verhaftung beteiligt. Man kann Ihnen da sicher ein bisschen auf die Sprünge helfen.“

Ein schwacher Trost für mich. Wenn der FBI tatsächlich etwas gewusst hätte, was zur Zerschlagung des Extremistenringes geführt hätte, hätte man ganz sicher nicht uns bemüht.

Ich vergaß, Myers zu grüßen, als ich ging. Doch Myers hatte so viele Sorgen auf dem Buckel, dass er das gar nicht mitbekam.

Dann saßen wir wieder in unseren vier Wänden. Vergessen war der kleine Eifersuchtshader. Eine drohende Gefahr schmiedete uns bereits zusammen. Wir wussten jetzt schon, dass uns ein gefährliches Abenteuer bevorstand. Wir arbeiteten einen groben Schlachtplan aus. Mal sehen, wie die Angelegenheit anlief.

Susan sollte sich zum FBI begeben. Ich wollte Ruby Bekow mal in seiner bescheiden eingerichteten Zelle aufsuchen. Vielleicht gefiel es ihm da so gut, dass er mit den Aktionen seiner Freunde gar nicht einverstanden war. Vielleicht wollte er gar nicht aus dem Knast 'raus. Das soll’s ja geben!

 

 

3

Die Sicherheitsvorkehrungen, die man Bekows wegen getroffen hatte, waren hervorragend. Doch sie waren sinnlos, denn niemand hatte vor, das Gefängnis zu stürmen. Bekow hatte auch nicht vor, gewaltsam auszubrechen oder die Gitterstäbe vor den Fenstern durchzubeißen. Bekow konnte warten. Was waren schon achtundvierzig Stunden — gemessen am Erdumfang. Die Zeit saß Bekow gern auf einer Backe ab, während seine Freunde draußen für ihn die erforderlichen Formalitäten erledigten, um ihn da ganz offiziell herauszuholen.

Es würde ein Sesam-öffne-dich-Spiel werden, wenn Susan und ich es nicht schafften, scharf dazwischenzufahren. Ob das mit dieser verdammten Murmel im Schädel überhaupt möglich war, wagte ich fast zu bezweifeln. Ich wollte mein Bestes geben. Aber war das genug?

Zwei Wächter in grauen Uniformen führten mich durch den grauen Korridor an grauen Zellentüren vorüber. Ein Anruf aus Washington hatte mir diesen Besuch ermöglicht. Wenn man die richtigen Beziehungen hat, geht eben alles. Dann kann man selbst einen streng bewachten Spion besuchen.

Die beiden Wächter traten an eine schwere Eisentür. Sie war grau wie die anderen und befand sich am Ende eines ermüdend langen Ganges, der durch unzählige Gittertüren unterteilt war. Der kleinere der beiden schob einen mächtigen Schlüssel ins Schloss. Dann legte er einen Hebel um. Dadurch wurde der Elektromagnet abgeschaltet, der die Tür zusätzlich zuhielt.

„Bitte, sehr, Mr. Calder!“, sagte der größere Wächter. Es lispelte und stieß sich andauernd die Zunge an den Schneidezähnen.

Die Tür stand nun offen. Ich konnte hinein ins Reich. In Ruby Bekows Domizil. Er hätte einen wirren Geschmack haben müssen, wenn er sich hier drinnen wohlgefühlt hätte. Er machte das Beste daraus. Er saß am Schreibtisch beim Fenster und schrieb Gedichte. Tatsächlich, dieser gefährliche, fintenreiche Spion verblüffte mich damit, dass er Gedichte schrieb.

Er ließ mich nur einen kurzen Blick darauf werfen. Dann drehte er die Blätter um und erhob sich. Er stellte sich vor den Tisch, als wollte er seine geistigen Ergüsse vor mir abschirmen und beschützen. Er sah mich interessiert an. Nichts Lauerndes, keine Verschlagenheit war in seinem Blick. Sein Gesicht wirkte offen und ehrlich. Er schien sich überhaupt keiner Schuld bewusst zu sein. Er war bloß hier, weil man hierzulande nicht damit einverstanden war, welchen Job er ausübte. Für ihn schien das Spionieren ein Job wie jeder andere zu sein. Vielleicht ein bisschen heikler und deshalb auch besser bezahlt, aber doch eine ganz normale Sache.

Er war um einen Kopf kleiner als ich. Es hatte eine sportliche, muskulöse Figur. Die Gefängniskleidung machte aus ihm keinen x-beliebigen Strolch. Irgendwie wirkte er selbst darin noch elegant. Sein Blick war freundlich, fragend, intelligent und interessiert.

Er lächelte mich an. Ich lächelte zurück und nannte ihm meinen Namen. Dass ich für den SGS arbeitete, behielt ich für mich.

„Bitte, setzen Sie sich, Mr. Calder“, sagte er höflich und wies auf sein Bett.

Ich setzte mich. Er setzte sich an den Tisch und blickte mich abwartend an. Ich wusste nicht, wie ich beginnen sollte. Die verdammte Murmel rollte ständig durch meinen Schädel. Manchmal dröhnte sie so heftig, dass ich mein eigenes Wort nicht verstand.

„Ihre Freunde haben gestern Nacht einen Lastwagenzug überfallen, Mr. Bekow“, sagte ich schließlich. „Sie haben den Fahrer und den Beifahrer erschossen und sind mit zweitausend Pfund Natriumcyanid abgehauen.“

Die Nachricht machte auf ihn nicht den geringsten Eindruck. Anscheinend wusste er bereits davon. Wer mochte ihm das hinterbracht haben? Ich war nicht fähig, dieses Rätsel auf Anhieb zu lösen, und für längere Grübeleien reichte die Zeit nicht.

„Ihre Freunde haben ein Ultimatum gestellt, Mr. Bekow. Sie haben gedroht, Chicagos Trinkwasser sowie sämtliche Produktionen einiger Limonadenfabriken mit diesem Natriumcyanid zu vergiften, wenn man Sie nicht binnen achtundvierzig Stunden auf freien Fuß setzt und Ihnen erlaubt, ungehindert das Land zu verlassen.“

„Polizei, Mr. Calder?“, fragte er unkompliziert.

„Ja“, log ich. „Die Stadt treibt auf ein schlimmes Abenteuer zu, Mr. Bekow. Ich bin gekommen, um Sie zu bitten, auf Ihre Freunde einzuwirken.“

Bekow sah mich erstaunt an.

„Wie sollte ich das? Ich sitze doch hier im Gefängnis. Ich habe keinen Einfluss darauf, was meine Freunde tun, Mr. Calder.“

„Ich würde mich dafür zur Verfügung stellen“, sagte ich, ohne Hoffnung, dass er über meinen Vorschlag auch nur eine Minute lang nachdachte. Bekow lächelte.

„Sie meinen, ich sollte Ihnen die Namen meiner Freunde verraten. Aber Mr. Calder. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein.“ Es war wirklich mein Ernst. Doch er fand es lächerlich. Er sagte: „Ich bin sehr optimistisch, Mr. Calder. Meine Freunde werden mich hier herausholen. Ein Mann wie ich gehört nicht hinter Gitter. Ein Mann wie ich wird draußen gebraucht. Man wird mich also in längstens achtundvierzig Stunden freilassen. Niemand könnte den Tod von Tausenden Menschen verantworten. Dass meine Freunde ihre Drohung wahr machen würden, darüber gibt es keinen Zweifel.“

Ich schauderte vor dieser zur Schau gestellten Kälte.

„Lässt Sie das denn völlig kalt, Mr. Bekow?“

Er zuckte die Achseln.

„Wenn man mich freilässt, wird niemand sterben.“

„Und was ist, wenn man Sie nicht freilässt?“

„Dann hat Ihre Regierung zu verantworten, was passiert. Dann sind es nicht meine Freunde, die Tausende von Menschen umbringen. Dann ist es Ihre Regierung, die das tut.“

Ich war erschüttert. Dieser Mann hatte ein gewinnendes Äußeres. Auf Anhieb war er mir sympathisch gewesen. Nun aber graute mir vor ihm. Er war kalt und gefühllos wie eine Maschine. Er hatte kein Herz in der Brust, sondern einen verlässlich arbeitenden Impulsgeber.

Ich wollte ihn aushorchen. Ich kam um sieben Ecken herum, stellte ihm Fangfragen, redete ihm ins Gewissen und wollte von ihm Namen hören. Er lächelte mir mitleidig ins Gesicht und sagte fest: „Ich werde meine Freunde nie verraten, Mr. Calder.“

Er erhob sich. Damit war die Audienz für ihn beendet. Der Kerl warf mich einfach aus seiner Zelle hinaus. Ärgerlich über seine glatte Frechheit und über den fruchtlosen Besuch, erhob ich mich ebenfalls. Das heißt, ich erhob mich nicht, ich ging wie eine Rakete senkrecht in die Luft.

Als ich ging, hatte er ein freundschaftliches Lächeln um die vollen Lippen. Er mochte mich anscheinend und respektierte mich. Doch darauf konnte ich gern husten. Meine Mission hatte sich als ein glatter Schlag ins Wasser erwiesen. Es hatte tüchtig gespritzt, das Wasser, und ich war nun klatschnass wie ein begossener Pudel. Ich kam mir nicht besonders salonfähig vor.

 

 

4

Susan Tucker hatte es besser als ich.

Sie trank beim Chicagoer FBI-Distriktchef Whisky. Mr. Small ist ein ruhiger, beherrschter, überlegener Mann. Er ist groß, schlank, hat graues volles Haar und kluge graue Augen.

Tom Harris hat eine Nase dafür, wenn Susan im FBI-Bau ist. Er hat dann immer mächtig viel bei Mr. Small zu tun, um sich eine Weile um Susan herumtreiben zu können. Von Mr. Small und Tom erfuhr Susan in einer Art Doppelkonferenz, wie Ruby Bekow den Leuten von CIA und FBI ins Netz geschwommen war.

Es stimmte nur zum Teil, was ich bei Myers von mir gegeben hatte. Ich musste es wohl in den falschen Kanal bekommen haben. Es stimmte zwar, dass man Bekow eine raffinierte Falle auf einem Industriegelände gestellt hatte. Es stimmte jedoch nicht, dass man ihn da auch gleich hatte fassen können. Noch einmal war es ihm geglückt, sich dem behördlichen Zugriff zu entziehen. Er hatte irgendwo eine undichte Stelle gefunden und war geflitzt. Geflitzt in eine Bar namens Tarantella. Ein V-Mann erkannte ihn, trommelte sofort die sensationelle Meldung weiter — und jetzt erst schnappte die komplizierte Falle zu. Als man Ruby Bekow festnahm, befand er sich in Gesellschaft der attraktiven Sängerin Zee Hackmann.

„Seine Freundin?“, fragte Susan Tucker sofort hellhörig.

Tom Harris zuckte die Achseln.

„Wir haben das Mädchen bereits mehrmals überprüft. Sie scheint sauber zu sein.“

„Sie wusste nicht, welch ein Strolch mit ihr den Drink nahm?“, fragte Susan ungläubig.

„Diese Mädchen, die in Bars arbeiten, die fragen nicht, woher ein Mann kommt, was er tut, woher er das Geld hat, mit dem er den Drink bezahlt“, sagte Tom.

Susan lächelte. „Du scheinst die Gewohnheiten dieser Mädchen ja recht gut zu kennen, Schwerenöter.“

Tom grinste. „Ich habe studiert.“

„War sicher sehr anstrengend“, bemerkte Susan.

„Möchte ich nicht behaupten. Es hat mir sogar Spass gemacht.“

„Schäm dich, Tom!“

Tom grinste. „Tue ich ja schon.“

Susan wies mit dem Daumen nach Harris und sagte zu Mr. Small: „Na, das wird was werden, wenn hier bei euch erst mal die weiblichen FBI-Beamten Einzug halten. Das wird das reinste Sodom und Gomorrha.“

Mr. Small lachte.

„Keine Sorge, Susan. Ich habe meine Leute bereits einmal vergattert und habe ihnen drakonische Maßnahmen angedroht, wenn sie die Mädchen nicht wie Männer behandeln sollten.“

„Drakonische Maßnahmen?“, fragte Susan. Sie wollte mehr darüber wissen. Deshalb fragte sie: „Welcher Art?“

Tom grinste leicht gesäuert.

„Jeder G-man, der mit einer Kollegin in einer — hm — nennen wir es verfänglichen Situation erwischt wird, wird sofort zum diensthabenden Arzt gebracht.“

„Zum Arzt?“, staunte Susan. „Was soll der Mann denn beim Arzt?“

„Er wird auf der Stelle sterilisiert!“, grinste Tom.

„Ste...?“

„...rilisiert“, nickte Tom Harris.

Susans Kopf flog sofort zu Mr. Small.

„Das ist doch nicht Ihr Ernst, Mr. Small.“

Die beiden FBI-Männer lachten, weil es ihnen so vortrefflich gelungen war, Susan auf den Arm zu nehmen.

„Ist nicht sein Ernst“, kicherte Tom, und ihm kamen die Tränen. „Wäre aber eine prima Lösung.“

„Dann pass du bloß mal auf, dass du nicht derjenige bist, der zum Doc muss“, fauchte Susan.

Sie grüßte nur knapp, als sie ging. Dass sie ihren Partner herzlich grüßen sollte, hörte sie absichtlich nicht.

 

 

5

Als Susan in unser Büro trat, hatte sie noch schrecklich viel Groll in den Augen. Sie hatte es nicht gern, wenn man sie aufzog. Da konnte sie furchtbar wütend werden.

Ich war seit fünf Minuten wieder da. Auf dem Heimweg hatte ich mir eine neue Pfeife gekauft. Sie lag gut in der Hand und passte zu Susans mürrischem Gesicht.

Während ich überlegen ein paar Paffer von mir gab und mich in kleine, sich zur Decke kringelnde Rauchwölkchen hüllte, fragte ich sie nach dem Grund ihres neuerlichen Missmutes. Sie sagte es mir und war mir hinterher böse, weil ich auch lachte. Danach musste ich ihr erzählen, was ich bei Bekow ausgerichtet hatte. Da es herzlich wenig war, kam ich mit meiner Erzählung bald zu einem unerfreulichen, jedoch noch nicht abschließenden Ende. Danach fragte ich meine Partnerin: „Gehst du heute Nachmittag mit mir tanzen, Schatz?“

Sie sah mich zuerst an, als hätte mir jemand eins mit dem Hammer auf den Scheitel geklopft. Dann biss sie mich an: „Sag mal, du bist wohl nicht mehr zu retten, Biff?“ Ich wollte wissen, wieso? „In sechsundvierzig Stunden stirbt entweder halb Chicago — oder Ruby Bekow macht sich aus dem Staub. Und du hast die Nerven, ans Vergnügen zu denken.“

„Wider den tierischen Ernst, verstehst du?“, griente ich.

Sie hatte dafür wenig Verständnis. Sie hatte an diesem Tag für gar nichts Verständnis. Wahrscheinlich war sie am Morgen mit dem linken Fuß aus dem Bett gefallen. Ich wusste, dass wir trotzdem tanzen gehen würden. Ich wollte mich schließlich nicht in irgendeiner Bumse amüsieren. Ich wollte in die Tarantella Bar gehen und meinen Riechkolben da mal in die verschiedensten Winkel stecken. Als ich Susan dies klarmachte, schlug sie versöhnlichere Töne an.

Da bis zum Nachmittag noch ein paar Stündchen Zeit blieben, schlug ich vor, ein kräftiges Mittagsmahl mit Schnecken, Froschschenkeln und gekochten Krebsen zu uns zu nehmen. Danach konnte ja noch ein mexikanisches Pfeffersteak die ganze Sache mit einem Liter Weißwein abrunden. Damit war meine Partnerin nun größtenteils einverstanden.

Nach dem Mittagessen wollten wir einen Abstecher zu jener Stelle machen, an der der Überfall auf den Lastwagenzug stattgefunden hatte. Ich ließ mir vom Desk Sergeant der City Police die Stelle am Telefon beschreiben. Dann fuhren wir in ein nahe gelegenes Restaurant essen.

Der Besuch des Tatortes brachte für uns keine Sensationen. Die Mordkommission und die Männer von der Spurensicherung hatten in dieser einsamen Gegend ganze Arbeit geleistet — und hatten nichts gefunden, außer den Patronenhülsen und den dicken schwarzen Strichen auf der Fahrbahn, die von der Notbremsung herrührten.

Der Nachmittag kam schneller als der nächste Winter. Ich ließ meinen roten Mustang auf den Tarantella Parkplatz rollen. Ein kleiner Junge machte nicht nur den Wagenschlag, sondern auch seine Hand auf. Ich legte ihm einen Eindollarschein auf die rosige Handfläche, und er begann, wie ein Automatenmensch auf Knopfdruck, zu grinsen. Ich klopfte auf die Motorhaube meines roten Flitzers.

„Pass gut auf ihn auf!“, sagte ich. „Ich will ihn nachher nämlich noch zu Schrott fahren.“

Der Kleine kicherte, war Susan wie einer alten Frau beim Aussteigen behilflich und zeigte uns einen Schleichpfad, auf dem wir vom Parkplatz in der Bar gelangen konnten.

Die Bar war amüsant. Sie war etwa so groß wie ein halber Tennisplatz, und es war hier drinnen so finster, als hätte man bei Nacht bloß eine einzige Kerze in der Mitte dieses Tennisplatzes aufgestellt. Es war immerhin knapp drei Uhr am Nachmittag.

An den zahlreichen Tischen saßen Pärchen und Paare. Der Unterschied zwischen diesen beiden bestand darin, dass die einen noch Händchen hielten, während die anderen gelangweilt in die Gegend glotzten. Es gab verschwiegene Nischen mit halbnackten Animiergirls, die ich nicht ansehen durfte, weil Susan sonst gleich wieder im eigenen Saft auf Sparflamme geschmort hätte.

Hinter dem Tresen tauchte immer wieder die breite Glatze eines alten Nussknackers auf. Der Mann trug eine weiße Schürze vor dem dicken Bauch und bediente die Gäste, die auf den Hockern saßen, verblüffend flink.

Neben dem Telefon lehnte der Besitzer des Lokals. Er hatte einen rabenschwarzen Schnurrbart unter der Nase hängen, und man konnte nicht sehen, ob er sprach, lachte oder einfach den Mund hielt.

Ich sah außerdem noch ein kleines Podium. Es war unwahrscheinlich, dass die Vier-Mann-Combo darauf Platz fand. Ebenso unglaublich war es, dass keiner von den vieren während des eifrigen Musizierens herunterfiel. Doch völlig aus der Fassung geriet ich, als auch noch ein schwarzhaariges Mädchen auf dieses lächerliche Podium hüpfte, zu singen begann und mit seinem ungeheueren Temperament die tolldreistesten Kunststücke dort oben aufführte.

„Zee Hackman“, stellte Susan mir das Mädchen vor, obwohl sie sie genau wie ich heute zum ersten Mal sah. „Ruby Bekow war in ihrer Gesellschaft, als er festgenommen wurde.“

Ich sah die Kleine plötzlich mit anderen Augen an. Sie gefiel mir aber trotzdem. Sie trug ein sehr tief ausgeschnittenes bordeauxrotes Kleid. Der Nabel war die Brosche am Ende des langen Dekolletés. Das eng sitzende Gebilde war im typischen Las Vegas-Stil angelegt. Eine raffinierte Büstenhebe ließ die üppigen Brüste des Mädchens förmlich überquellen.

Als Susan meinen anerkennenden Blick sah, trat sie mir absichtlich fest gegen das Schienbein. Ich wusste sofort wieder, wohin ich gehörte, und ließ mich widerspruchslos zu einer breiten Loge führen. Da durfte ich wider Erwarten sofort Platz nehmen. Ich spitzte auch gleich, wieso. Weit und breit war hier keine sexuelle Gefahr für mich.

Es war geradezu ein Wunder, dass Will Flock mich in meiner neutralen Ecke entdeckte. Er kam sofort angestartet, lachte, schlug mir auf die Schulter und erwartete von mir, dass ich ihm meine schöne Partnerin vorstellte. Ich tat den beiden den Gefallen.

„Darf ich mich zu euch setzen?“, fragte Flock und saß schon. „Hör mal, Biff, ist das eine Freude, dich mal wiederzusehen“, tönte Will. „Wie lange ist das nun schon her, dass wir einander nicht gesehen haben?“

„Sehr lange“, sagte ich ohne Begeisterung, obwohl auch ich mich freute, ihn wiederzusehen. Ich war einfach gesundheitlich an diesem Tag nicht in der Lage, mich über etwas zu freuen.

„Ja, ja“, lachte Will aufgekratzt zu Susan hinüber. „Wir waren mal so dicke Freunde.“

Er machte etwas mit seinen Fäusten. Ich sah nicht hin. Ich wusste ja, wie dick wir beide mal befreundet gewesen waren.

„Du warst damals beim FBI, Biff“, erinnerte er mich.

Ich wusste es noch genau. Er war dann plötzlich verschwunden. Heute raunte er mir hinter der vorgehaltenen Hand zu, dass er einen Spezialauftrag für den CIA hatte erledigen müssen. Danach waren wir einander nie wieder über den Weg gelaufen. Ich hatte dieses sommersprossige Gesicht einfach aus den Augen verloren. Er hatte noch immer so viele Sommersprossen. Wenn er für jede Sprosse einen Dollar bekommen hätte, wäre er mehrfacher Millionär gewesen.

„Bist du noch beim FBI, Biff?“, fragte Will.

Er konnte schnattern. Himmel, konnte der Kerl schnattern. Dass die den bei dem CIA genommen hatten, wundert mich heute noch. Es war wohl der Leutemangel gewesen, der die verantwortlichen Herren veranlasst hatte, auf ihn zurückzugreifen.

„Bin ich nicht mehr“, sagte ich.

„Wo denn?“

„Privatdetektiv“, sagte ich. Ich wies auf Susan. „Sie ist meine Partnerin.“

„Geht das Geschäft?“

„Klar geht es.“

„Ich meine, geht es gut?“

„Ich wünschte, es ginge weniger gut und ich könnte mich mal so richtig aufs Ohr hauen“, knurrte ich. Es war die Wahrheit. Das wünschte ich mir wirklich.

Meine Worte brachten mir wieder allerlei böse Blicke aus Susans Gegend ein. Sie sagte mit den Augen: Hättest du dich gestern Nacht nicht so skandalös aufgeführt, dann hättest du heute einen klaren Kopf. Was wusste sie denn von solchen Dingen. Blondie war die Sache hundertprozentig wert gewesen.

„Geschäftlich hier?“, fragte Will.

Ich blickte auf seine spitze Nase und nickte. Er war kein schöner Mann. Im Gegenteil. Er hatte eingefallene Wangen. Über die weit hervortretenden Backenknochen spannte sich eine dunkelbraune Lederhaut. Der Haaransatz war auch schon mal woanders gewesen. Der rechte Schneidezahn war falsch. Das wusste niemand besser als ich, denn ich hatte ihm diesen Zahn ja mal irrtümlich ausgeschlagen.

Wir waren in eine Mordsschlägerei geraten. Ich hatte alle Hände voll damit zu tun gehabt, die Gegner von mir fernzuhalten. Da kam er angedampft und flog mir genau in die gestreckte Rechte. Fazit: Er spuckte mir seinen Schneidezahn vor die Füße.

„Und du?“, fragte ich. „Auch geschäftlich hier?“ Damit hatte ich ihm gleichzeitig auf seine Frage geantwortet.

Zusammenfassung


Ein Lastwagen wird überfallen, der eine tödliche Fracht mit sich führt – zweitausend Pfund Natriumcyanid. Mit der Drohung, Chicagos Trinkwasser sowie sämtliche Produktionen einiger Limonadenfabriken mit diesem Zeug zu vergiften, will man die Freilassung des inhaftierten Spions Ruby Bekow erzwingen. Achtundvierzig Stunden haben Biff Calder und Susan Tucker Zeit, das Gift zu finden und die Erpresser dingfest zu machen. Die Uhr tickt!

Details

Seiten
125
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940930
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
bombe

Autor

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Titel: Sie hatten die lautlose Bombe