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Hat Nikaia Mann und Kind ermordet? - Historischer Kriminalroman

2020 275 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Hat Nikaia Mann und Kind ermordet?

Copyright

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Nachwort

Hat Nikaia Mann und Kind ermordet?

Historischer Kriminalroman

von Karl Plepelits

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 275 Taschenbuchseiten.

Ist Nikaia von Ephesos schuldig, Mann und Kind ermordet zu haben?

So lautet jedenfalls die Anklage. Dem Apostel Johannes kommen indes Zweifel, ebenso einem ihrer Sklaven, der sie liebt, und Mutter Maria, die mit Johannes in einem einsamen Anwesen nahe Ephesos lebt. Von ihr angeregt und bestärkt, geht er aus Mitleid und Nächstenliebe der Sache nach. Dies erweist sich jedoch als ganz und gar nicht ungefährlich. Mehr als einmal geraten er und besagter Sklave dabei in tödliche Gefahr. Da scheint irgendjemand größten Wert darauf zu legen, dass die Hintergründe dieses mysteriösen Mordfalls im Dunkeln bleiben. Und dann passieren noch weitere, nicht weniger mysteriöse Morde. Aber schließlich gelingt es dem Apostel und seinem Helfer, das Dunkel zu zerstreuen..

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author / Cover: Nach einem Motiv von J.Sant mit Steve Mayer, 2020

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Wie spricht der Herr? Du sollst nicht töten.

Geliebte! Hört, was Johannes euch zu sagen hat, Johannes, der Älteste der Gemeinde von Ephesos, der Lieblingsjünger Jesu, dem er am Kreuz aufgetragen hatte, Mutter Maria zu sich zu nehmen und sich als ihr Sohn zu fühlen:

Also: Du sollst nicht töten. Eine bestimmte Frage lässt mir freilich keine Ruhe: Gilt dieses Gebot Gottes auch für den Staat? Darf der Staat zum Beispiel Krieg führen und zulassen, dass dadurch unschuldige Menschen getötet werden? Oder: Darf der Staat einen Menschen hinrichten, falls sich dieser einer Untat schuldig gemacht hat oder dies auch nur behauptet? Ja, für die Heiden ist das wohl eine Selbstverständlichkeit. Denn sie sind abgestumpft, ihr Herz ist verhärtet, und sie geben sich der Ausschweifung hin, um voller Habgier jede Art von Unsittlichkeit zu verüben. So beschreibt auch unser Bruder Paulus die Götzendiener.

Geliebte! Hört die Geschichte von Eros und Nikaia. Ihr sollt erkennen, wie sehr die Heiden in ihrem Denken verfinstert und durch Unwissenheit dem Leben Gottes entfremdet sind, wie dringend es daher ist, sie in das Licht zu führen, in dem wir Christen wandeln. Denn die Zeit ist nahe.

Es geschah zu jener Zeit, als die Mutter unseres Herrn noch unter uns weilte. Wir bewohnten, gemeinsam mit meinen Jüngern, ein einsames Anwesen nahe Ephesos und führten ein beschauliches Leben in Liebe, Wahrheit, Frieden, Frömmigkeit, Gerechtigkeit.

In Ephesos weilte längere Zeit auch unser Bruder Paulus, um den Samen des Wortes Gottes zu säen und dieses unter allen Bewohnern der Provinz Asien, Juden wie Griechen, bekannt zu machen. Doch dann brach ein gewaltiger Aufruhr gegen ihn aus, und er musste sich wie ein Aussätziger vor der aufgebrachten Volksmenge verstecken und Ephesos überstürzt verlassen.

Zwei Tage dauerte es, ehe die Kunde von diesen Vorfällen bis zu uns drang. Sie erfüllte mich mit großer Sorge um die Gemeinde Christi. Begleitet von Simon, einem meiner Jünger, machte ich mich unverzüglich auf, um das Gefängnis der Stadt aufzusuchen und zu erkunden, ob Christen eingekerkert worden seien. Der Herr selbst hat uns aufgetragen, kranke und eingekerkerte Brüder zu besuchen, ihnen Trost zu spenden und ihnen nach Möglichkeit zu helfen.

Wer beschreibt meine Erleichterung, als sich herausstellte, dass doch keine Christen eingekerkert waren, weder in der Männer- noch in der Frauenabteilung. Dafür aber erschütterte mich etwas anderes über alle Maßen.

Während wir nämlich unter Führung einer Gefängniswärterin die Frauenabteilung durchforsteten, erregte eine junge Frau mit edlen Gesichtszügen und zerrauften blonden Haaren unsere Aufmerksamkeit. Die Füße mit einer Eisenkette gefesselt, hockte sie in einer dunklen Ecke und schluchzte herzzerreißend.

Auf meine Frage, welche Bewandtnis es mit dieser Frau habe, erklärte die Wärterin, sie sei des zweifachen Mordes angeklagt. Des Mordes an Ehemann und Kind. Diese Antwort erschütterte mich noch mehr, und in Gedanken fluchte ich dem Satan, der die Heiden in ihrer Unwissenheit immer wieder zum Bösen anstiftet.

Ich sprach die Gefangene an und redete ihr zu, ihre Verbrechen zu bereuen und sich zum wahren Gott zu bekehren. Sie aber schien mir nicht einmal zuzuhören.

Während ich so auf sie einredete, kam plötzlich ein junger Mann in höchster Aufregung hereingestürmt, stürzte auf sie zu, warf sich vor ihr auf die Knie, fasste sie mit beiden Händen an den Schultern, durchbohrte sie eine Weile stumm mit flammenden Blicken, brach selbst in Tränen aus.  Fassungslos und wie durch einen bösen Zauber gebannt, standen sir daneben und glaubten einer Szene aus einer Tragödie des Euripides beizuwohnen.

Plötzlich wandte sich der junge Mann brüsk nach uns um, musterte uns von oben bis unten und sagte: „Seid ihr von Demetrios geschickt?“ Und das klang reichlich misstrauisch.

„Nein, nein“, stammelte Simon. Und sobald ich mich von meiner Verblüffung erholt hatte, sagte ich: „Von welchem Demetrios denn?“

„Na, ihrem Schwager.“

„Und wieso fragst du, ob wir von ihrem Schwager ...“

„Weil der sie ins Gefängnis hat stecken lassen.“

„Ach so. Nein, wir sind nicht ihretwegen hergekommen. Aber wir wurden auf sie aufmerksam, weil sie ein solches Bild des Jammers bot. Und dann erfuhren wir von der Wärterin, sie sei des Mordes an Ehemann und Kind angeklagt, und das hat uns zutiefst erschüttert. Vielleicht, dachten wir, ist sie ja zu Unrecht angeklagt.“

„Sie ist zu Unrecht angeklagt. Nur ...“

„Nur, was?“

„Nun, die Sache ist die: Sie leugnet die Verbrechen gar nicht.“

„Sie gibt alles zu, was man ihr vorwirft?“

„Ja, ja.“ Und zu ihr gewandt, in einem Ton, den man trotzigen Kindern gegenüber gebraucht, um sie zur Vernunft zu bringen: „Komm, Nikaia, sag, dass man dich zu Unrecht anklagt.“

Sie schwieg, schüttelte nur den Kopf.

„Aber du hast es doch zuerst geleugnet. Warum denn jetzt auf einmal?“

Und Simon: „Wie sagst du? Sie hat es zuerst geleugnet?“

Und nun legte sich ein bedrückendes Schweigen über unsere seltsame Versammlung, gemildert nur durch das Gemurmel der anderen weiblichen Häftlinge, die, in einer Ecke zusammengedrängt, die Szene, die sich ihnen bot, atemlos verfolgten.

„Falls sie verurteilt wird“, sagte ich, mehr zu mir selbst, „dann sicherlich zum Schierlingsbecher.“

„Nicht wahr“, rief der junge Mann voller Entsetzen. „Das sage ich ihr ja auch ständig. Aber das scheint ihr vollkommen egal zu sein.“

„Nun, was sie braucht, ist Hilfe. So viel steht fest. Die Frage ist nur: Wie könnte man ihr helfen? Und ich glaube auch schon zu wissen, wie.“

„Nämlich?“

„Wir werden uns an den zuständigen Archonten wenden und schauen, was sich da machen lässt.“

„Das ist aber sehr nett. Darf ich euch begleiten?“

„Klar. Ich bitte sogar darum.“

 

 

„Ist sie deine Geliebte?“, sagte ich zu dem jungen Mann, sobald wir auf die Straße getreten waren und den Weg zur Agora eingeschlagen hatten.

Er lachte hellauf. „Aber wo denkst du hin? Sie ist doch meine Milchschwester.“

„Ach so. Ist sie Sklavin?“

„Ich bin Sklave. Sie ist eine Freigeborene. Wir sind im selben Haus aufgewachsen und lieben uns wie Bruder und Schwester. Und ich kann mir überhaupt nicht vorstellen, dass sie Mann und Kind ermordet haben soll.“

„Aha. Was sagen denn ihre übrigen Angehörigen dazu?“

„Dasselbe. Sie sind in größter Sorge um sie, vor allem ihr Vater. Der grämt sich so sehr, dass er im Augenblick dem Tod näher ist als dem Leben. Ihre Mutter ist schon vor langer Zeit gestorben.“

„Wie heißt er denn?“

„Androkles.“

„Hm, kenne ich nicht. Aus seiner Familie dürfte niemand bei uns sein. Und wie heißt du, wenn ich fragen darf?“

„Eros.“

„Oh, was für ein hübscher Name. Dieser junge Mann hier heißt Simon, und ich Johannes. Und deine Milchschwester ...“

„Heißt Nikaia.“

„Und ihr Mann und ihr Kind. Sind sie wirklich tot, von wem auch immer ermordet?“

„Ja. Angeblich.“

„Und wie sind sie ermordet worden?“

„Ihr Mann durch einen Pfeilschuss. Von hinten. Auf der Jagd. Wie ihr Kind ermordet worden ist, weiß ich nicht.“

„Auf der Jagd?“

„Ja. Die Jagd ist ihre große Leidenschaft. Ihr Vater hat sie schon als kleines Mädchen häufig auf die Jagd mitgenommen, und sie hat es perfekt gelernt, mit Pfeil und Bogen umzugehen.“

„Du meinst, sie kann gut schießen? Sie verfehlt ihr Ziel nicht?“

„Ganz richtig. Und glaub mir, ich kann das beurteilen. Ich habe oft genug daran teilgenommen. Wie sie da mit ihrer kurzen Tunika durch die Wälder streifte – ha, man hätte glauben können, die Göttin Artemis leibhaftig zu sehen. So hübsch sah sie aus.“

„Soso. Die Göttin Artemis leibhaftig.“

„Apropos. Vor zwei Jahren war Nikaia Priesterin der Artemis.“

„Du meinst, sie bekleidete das Amt einer Oberpriesterin im Tempel der Artemis von Ephesos?“

„Genau, als jungfräuliche Priesterin der jungfräulichen Göttin.“

„Da war sie also noch unverheiratet?“

„Ganz richtig. Aber damals lernte sie ihren späteren Ehemann kennen. Und das kam so. Der Artemistempel von Patmos entsandte eine Festgesandtschaft zu unserem Artemistempel, und dieser entsandte daraufhin eine Festgesandtschaft nach Patmos, natürlich unter Nikaias Leitung. Und darum fuhren auch ihr Vater Androkles und andere Mitglieder unserer Familie mit.“

„Du auch?“

„Richtig. Ich auch. Außerdem Philon, einer der angesehensten Bürger unserer Stadt, und seine inzwischen verstorbene Frau Doris.“

„Philon? Besitzt der nicht in den Bergen südlich von Ephesos ein ausgedehntes Landgut?“

„Genau. Und dazu eines auf Patmos. Auf diesem lebte damals ein außergewöhnlich hübscher junger Sklave mit Namen Stephanos. Und als man nach dem Opferfest zu einer Jagd aufbrach, nahm man ihn mit, damit er Nikaia als Begleiter und Helfer zur Seite stehe. Er aber verliebte sich in die schöne Jungfrau, und sie verliebte sich in den feschen Jüngling. Aber noch jemand verliebte sich in ihn: Doris.“

„Die Frau des Philon? War die nicht viel älter als er?“

„Natürlich. Aber das hinderte sie nicht, sich Hals über Kopf in ihn zu verlieben. Sie verfolgte ihn bis zu seinem Wohnhaus, das er gemeinsam mit seinen Eltern, einfachen Landarbeitern, bewohnte. Und denen eröffnete sie, dass sie ihn nach Ephesos mitnehmen werde. Da sagten sie, sie freuten sich zwar für ihn. Andererseits tue es ihnen sehr leid, ihn zu verlieren, weil sie ihn wie einen leiblichen Sohn liebten. Er sei aber nicht ihr leiblicher Sohn, sondern ein Findelkind. Und sie zeigten ihr die Erkennungszeichen, die ihm mitgegeben worden waren, als er ausgesetzt wurde. Da erbleichte Doris, denn sie erkannte diese als ihre eigenen. Sie zeigte sie ihrem Mann, und da erbleichte auch er. Ihm wurde klar, dass er seinen jüngsten Sohn wiedergefunden hatte, den er als Neugeborenes hatte aussetzen lassen. Sie hatten damals nämlich schon drei Kinder, zwei Söhne und eine Tochter, und fanden, damit sei es genug. Als ihnen zuletzt noch dieser Sohn geboren wurde, ließen sie ihn aussetzen und gaben ihm Schmucksachen mit. Sie sollten entweder als Erkennungszeichen oder als Grabbeigaben dienen. Aber dann starben an ein und demselben Tag der ältere Sohn und die Tochter an der gleichen Krankheit; nur der jüngere Sohn, Demetrios, blieb ihnen erhalten. Und nun war ihnen Stephanos – den Namen hatte er von seinen Zieheltern erhalten – durch die Vorsehung der Götter als eine zweite Stütze seines Alters gerettet worden. Und sie umarmten und küssten ihn und baten ihn, ihnen wegen der Aussetzung nicht böse zu sein, denn dazu hätten sie sich nicht freiwillig entschlossen, sondern unter dem Zwang des Schicksals. Und dann wandte sich Philon an seinen anderen Sohn und ermahnte ihn, sich nichts daraus zu machen, dass er jetzt statt des ganzen Vermögens nur die Hälfte erben werde, denn für verständige Menschen gebe es kein größeres Gut als einen Bruder. Und so kam Stephanos doch nach Ephesos, nun aber als freier Mann, und man baute ihm auf seiner zukünftigen Hälfte des ausgedehnten Landgutes südlich der Stadt eine eigene prächtige Villa mit viel Personal und Wohnhäusern für dieses Personal in der Nähe. Und sobald Nikaias Jahr im Tempel abgelaufen war, hielt er um ihre Hand an, und es wurde Hochzeit gefeiert. Und kaum mehr als ein Jahr später wurde ihnen ein Sohn geboren, den sie nach seinem Großvater Philon nannten. Das ist jetzt ungefähr einen Monat her.“

Simon: „Das ist also offenbar das Kind ...“

Eros: „Sehr richtig. Das ist das Kind, das sie angeblich ermordet hat.“

Simon: „Und dieser Stephanos, das ist der Ehemann ...“

Eros: „Genau. Der Ehemann, den sie angeblich ermordet hat.“

Ich: „Sehr traurig, dies alles. Was weiß man eigentlich über die näheren Umstände dieser Morde?“

Eros: „Das war so. Vor drei Tagen sollte zu Nikaias Ehren eine Jagd stattfinden. Das war schon seit längerem geplant. Teilnehmen sollten an dieser Jagd außer ihr selbst und Stephanos noch Philons anderer Sohn Demetrios mit seiner Frau.“

Simon: „Aha, der ist also auch verheiratet?“

Eros: „O ja, sogar schon zum zweiten Mal. Er ist ja fast zehn Jahre älter als sein wiedergefundener Bruder.“

Ich: „Und er hat ebenfalls Kinder?“

Eros: „Nein, bisher nicht, weder von der ersten noch von der zweiten Frau.“

Ich: „Übrigens, bevor ich’s vergesse: Hat er eigentlich die Mahnungen seines Vaters befolgt?“

Eros: „O ja. Jedenfalls ist er, soviel ich weiß, immer freundlich zu ihm gewesen und hat sich ihm gegenüber immer korrekt verhalten. Jawohl, korrekt und liebevoll, auch Nikaia gegenüber.“

Simon: „Und seine Frau?“

Eros: „Aber ja. Drum sind sie ja auch auf die Idee gekommen, eine Jagd zu veranstalten, um Nikaia eine Freude zu machen.“

Ich: „Ach ja, die Jagd. Also, vor drei Tagen sind Stephanos mit Nikaia und Stephanos’ älterer Bruder Demetrios mit seiner Frau auf die Jagd gegangen.“

Eros: „Nein. Demetrios war verhindert.“

Ich: „Da hat also die Jagd doch nicht stattgefunden? Jetzt kenne ich mich gar nicht mehr aus.“

Eros: „O doch, aber eben ohne Demetrios und seine Frau.“

Simon: „Vor drei Tagen? Ach, ist das vielleicht zufällig derselbe Demetrios, der jenen Volksaufruhr vor drei Tagen angezettelt hat? Und den du gemeint hast, als du fragtest, ob uns Demetrios ins Gefängnis geschickt hat?“

„Genau“, erwiderte unser junger Begleiter mit demselben Enthusiasmus, den Lehrer erkennen zu lassen pflegen, wenn sie merken, dass ihre Schüler etwas begriffen haben. „Ihr müsst nämlich wissen, dass der alte Philon eine der Silberschmieden besitzt, in denen Souvenirs hergestellt werden, vor allem Nachbildungen unseres Artemistempels und der Artemis selbst. Inzwischen leitet sein älterer Sohn Demetrios den Betrieb. Und ausgerechnet vor drei Tagen, also genau an dem Tag, der schon seit längerem für die Jagd mit Stephanos und Nikaia bestimmt war, rief Demetrios seine Arbeiter zusammen und hetzte sie gegen einen gewissen Paulus auf. Dieser Paulus, ein Jude aus Tarsus, wie es heißt, treibt sich seit einiger Zeit in unserer Stadt herum und versucht den Leuten weiszumachen, dass das gar keine Götter seien, die von Menschenhand fabrizierten Figuren. Versteht ihr das?“

Simon, leise kichernd: „O ja, sehr gut sogar.“

Eros: „Ah, ihr seid sicher Philosophen. Richtig?“

Ich: „Ach, bitte, erzähl lieber weiter. Wir sind ja schon bald da.“

Eros: „Stimmt. Nun, ihr könnt euch sicher lebhaft vorstellen, was für ein Groll sich im Laufe der Zeit bei den Silberschmieden gegen diesen Paulus aufgestaut haben muss. Schließlich untergräbt er durch solche atheistischen Umtriebe das weltweite Ansehen des Tempels, ja das der Göttin selbst, und ihnen verdirbt er das Geschäft und macht sie arbeitslos. Jedenfalls gerieten sie durch die Worte des Demetrios in maßlose Erregung und schrien: Groß ist Artemis von Ephesos. Hierauf stürmten sie geschlossen hinaus auf die Straße, zogen von Silberschmiede zu Silberschmiede, wiegelten ihre Kollegen auf und veranlassten sie, sich ihnen anzuschließen. Und so wälzte sich ein immer größer werdender Zug von Silberschmieden brüllend durch die Straßen und versetzte die ganze Stadt in Aufruhr. Und dann hörte man auf einmal den Schrei: In die Volksversammlung, und die Menge wiederholte ihn wie aus einem Munde, und alles strömte dem großen Theater zu. In Windeseile hatte sich dieses gefüllt mit Männern und mit Frauen; denn an dieser Volksversammlung nahmen auch die Frauen teil. Eine Zeitlang herrschte großes Durcheinander, aber dann schrien plötzlich alle wie aus einem Munde: Groß ist Artemis von Ephesos. Und das schrien sie zwei Stunden lang. Irgendeiner von den Archonten beruhigte sie schließlich und hielt ihnen eine schöne Ansprache, in der er Demetrios und seine Kollegen aufforderte, die Gerichte zu bemühen, falls sie gegen irgendjemanden eine Beschwerde hätten, und löste die Volksversammlung auf. Und so ist diese ganze Aufregung letztlich im Sand verlaufen, zumal dieser Paulus auf einmal wie vom Erdboden verschluckt war. Aber trotzdem gelang es Demetrios, die Gerichte zu bemühen. Denn noch am selben Tag erhob er Anklage gegen Nikaia. Inzwischen hatte ja diese verhängnisvolle Jagd stattgefunden, und Demetrios beschuldigte Nikaia, Stephanos hinterrücks mit einem Pfeil erschossen zu haben, während er vorpreschte, um einen Hirsch zu erlegen.“

Simon: „Und außerdem ihr Kind ermordet zu haben.“

Eros: „Nein. Mit dieser Beschuldigung rückte er erst am nächsten Tag heraus.“

Simon: „Aha, also hat man dessen Leiche erst später entdeckt.“

Eros: „Offenbar. Aber das Merkwürdige und Bestürzende daran, ich habe es ja schon erwähnt: Ursprünglich hat Nikaia die Beschuldigung, ihren Mann ermordet zu haben, entschieden zurückgewiesen. Doch seitdem sie mit der zusätzlichen Beschuldigung konfrontiert wird, auch ihr Kind ermordet zu haben, gibt sie alles zu.“

 

 

Unterdessen hatten wir die Agora erreicht, wo die Archonten des Staates Ephesos ihre Amtslokale haben. Wir meldeten uns bei dem für Rechtssachen zuständigen Archonten an, trugen ihm unser Anliegen vor und fragten, was da zu tun sei. Seine Antwort traf uns wie ein Keulenschlag: Nichts. Solange die Angeklagte alles, was ihr vorgeworfen werde, aus freien Stücken zugebe, habe sie als schuldig zu gelten, und damit basta.

Während wir, enttäuscht, entmutigt, wie gelähmt, in die Säulenhalle hinaustraten, wurde Eros von einer eleganten Dame angesprochen. Ob denn das stimme, was man sich gerüchteweise erzähle? Dass seine Milchschwester Ehemann und Kind in den Hades befördert habe?

Ja, in der Tat, stammelte Eros sichtlich verlegen. So laute jedenfalls die Anklage.

„Entsetzlich. Wer hätte das gedacht. Den Ehemann, das versteht man ja noch zur Not. Aber das eigene Kind? Das geht nun wirklich zu weit.“

„Wieso ... Wieso kann man verstehen, dass eine Frau ihren Ehemann ... Also, wenn ich einmal eine Frau habe ...“

„Ja, du. Du bist ja ein anständiger Kerl. Aber Stephanos. Mit dem möchte ich nicht verheiratet gewesen sein.“

„Aber, aber. Was hast du denn an ihm auszusetzen?“

„Weißt du denn nicht, wie er’s getrieben hat?“

„Nein. Wie denn?“

„Na, gar zu bunt. Erstens soll er mit allen seinen Sklavinnen ... Aber gut, da wollen wir großzügig sein. Und zweitens scheint er eine besondere Vorliebe für Frauen aus der guten Gesellschaft gehabt zu haben. Nur mich hat er immer übersehen.“

„Übersehen?“

„Ich meine, als Frau hat er mich nicht einmal wahrgenommen.“

„Soso. Ist das die berühmte weibliche Logik?“

„Ach, Eros. Du musst noch viel lernen.“

„O nein, ich verstehe dich recht gut. Dich plagt der Neid.“

„Der Neid? Dass ich nicht lache.“

„So? Aber sag doch, warst du vor drei Tagen vielleicht zufällig auf einer Jagd?“

„Na, glaubst du etwa, ich habe ihn erschossen und das Kind noch dazu? Lächerlich.“

Sie drehte sich brüsk um und rauschte grußlos davon.

Ich hatte atemlos zugehört und begehrte nun zu wissen, wer das gewesen sei. Eros’ Antwort: Musa, die Inhaberin eines der vornehmsten Restaurants der Stadt.

„Und habe ich dich richtig verstanden? Du glaubst, sie könnte die Morde ...“

„Hm, glauben ist zu viel gesagt. Aber wieso eigentlich nicht? Ein Motiv hat sie selbst genannt. Wir brauchen nur zu eruieren, wo sie sich an diesem Tag aufgehalten hat.“

„Na, wer weiß, wie viele Frauen sich sonst noch von diesem Weiberhelden übersehen fühlen“, sagte Simon.

„Ja, vielleicht sollten wir dieser Frage auf den Grund gehen“, sagte ich. „Ehe es zu spät ist.“

Mit Feuereifer begrüßte Eros meinen Vorschlag und schlug seinerseits vor, als Erstes das Wohnhaus des Philon aufzusuchen, wo ja auch Demetrios wohne und Stephanos zusammen mit Nikaia gewohnt habe. Vielleicht, dass dort ein wichtiger Hinweis zu entdecken sei.

Auf dem Weg dorthin wurden wir von neuem aufgehalten. Ein schwer beladener Mann, der, ohne nach links oder nach rechts zu schauen, eine steile Seitengasse herabgepoltert kam, rannte uns beinahe nieder. Er blieb stehen, schaute uns erschrocken an und rief freudig überrascht: „Johannes. Also, du bist noch bei uns?“

„Oh, sei gegrüßt, geliebter Midas. Wieso sollte ich denn nicht mehr bei euch sein?“

„Weil uns Paulus verlassen hat. Er ist bei Nacht und Nebel abgereist.“

„Wie? Paulus ist abgereist? Das wusste ich nicht.“

„Ich habe es selber eben erst erfahren. Ich wusste nur, dass er seit jenem Aufruhr vor drei Tagen verschollen war und an der Volksversammlung gar nicht teilgenommen hat. Angeblich haben ihn seine Jünger nicht hingehen lassen. Na, und jetzt ist er weg. Dabei war das alles vollkommen harmlos. Ich muss schon sagen, wir sind alle sehr enttäuscht. Nur gut, dass wir dich noch haben. Du verlässt uns doch nicht ebenfalls?“

„Keine Angst. Ich verlasse euch nicht.“

Als wir nach dieser Begegnung weitereilen wollten, stand Eros wie angewurzelt, schaute mich mit großen Augen an und sagte: „He, steckst du denn mit diesem Paulus unter einer Decke?“

Ich musste herzlich lachen. „Nun, das ist zwar nicht ganz der passende Ausdruck. Aber in der Sache hast du recht.“

„Und ich dachte, du bist ein Philosoph. Simon auch?“

„Freilich. Aber mach dir nichts draus. Wir haben vieles mit den Philosophen gemein.“

„Da gehörst du also derselben jüdischen Sekte an wie Paulus?“

„Richtig. Wir sind Christen.“

„Christen? Über die habe ich schon allerhand gehört.“

„Nichts Gutes, nehme ich an?“

„Du sagst es. Stimmt’s denn nicht?“

„Hast du schon einmal einen Christen persönlich kennen gelernt?“

„Nein, das nicht. Also, dass ausgerechnet ihr Christen seid, zwei so nette Kerle, die Menschen in Not spontan helfen. Wer hätte das gedacht.“

„Du dachtest wahrscheinlich, wir Christen seien wilde Ungeheuer, vor denen man sich in Acht nehmen müsse, wie?“

 

 

Im Haus des Philon wurden wir in einen schattigen Hof geführt. Dort strömten die Bediensteten zusammen und überschütteten Eros mit ihrer Anteilnahme. Wir labten uns an den rasch aufgetragenen Speisen und Getränken, und ich bat, ein paar Fragen stellen zu dürfen.

Seid ihr vollzählig versammelt?

Antwort: Ja, soweit wir in der Stadt geblieben sind. Der Rest des Personals befindet sich „auf dem Lande“, desgleichen die „Herren“.

Hatte Stephanos Feinde?

Bestimmt nicht. Er war allseits beliebt.

Hat er vor jener verhängnisvollen Jagd Befürchtungen geäußert oder ein irgendwie verändertes Verhalten erkennen lassen?

Weder, noch.

Oder Nikaia?

Nein.

Und es gab auch sonst keine ungewöhnlichen oder merkwürdigen Vorfälle?

Nein.

Und das Kind, Klein-Philon? War es gesund?

Völlig gesund.

Wurde es von Nikaia selbst gestillt oder von einer Amme?

Von einer Amme.

Und wie heißt diese Amme?

Melitta. Befindet sich zurzeit „auf dem Lande“.

Wie ist Klein-Philon gestorben?

Schulterzucken. Kopfschütteln. Geräuschvolles Schnäuzen.

Als wir das Haus verließen, stand fest: Die Nachforschungen müssen weitergehen. Und wo? Ganz klar: „Auf dem Lande“, sprich, auf dem Landgut des Philon.

Dies war also unser nächstes Ziel. Und jetzt waren wir froh, eine Stärkung zu uns genommen zu haben, denn vor uns lag ein langer und zum Teil ansteigender Weg. Mir und Simon war er übrigens nicht unbekannt. Unser eigenes Wohnhaus liegt nicht allzu weit vom Landgut des Philon entfernt.

Während wir so dahinwanderten und uns dabei über das rätselhafte Verhängnis, das die unglückliche Nikaia getroffen hatte, den Kopf zerbrachen, kamen wir zu einer Stelle, wo wir uns, wie weiland Herakles am Scheideweg, entscheiden mussten, welchen Weg wir einschlagen wollten: Den zur alten Villa des Philon, die damals Demetrios mit seiner Frau bewohnte, oder den zur neuen Villa des Stephanos. Da wir uns inzwischen entschlossen hatten, als erstes Melitta, die Amme von Klein-Philon, zu befragen, entschieden wir uns für den Weg zu Letzterer. Wir nahmen es als gegeben an, dass diese in der Nähe der Villa des Stephanos wohnte.

Dies erwies sich jedoch als Irrtum. Vor der prächtigen neuen Villa angekommen, stießen wir auf spielende Kinder und fragten sie nach Melitta. Sie starrten uns mit großen Augen an und deuteten wortlos in die Richtung eines felsigen Hügels, hinter dem wir die alte Villa wussten.

Dort stießen wir abermals auf Kinder. Die brachen auf unsere Frage in ein sagenhaftes Geschrei aus, rannten auf eines der für die Landarbeiter errichteten Häuser zu und schrien so lange vor dessen Eingang, bis die Tür aufging und eine Frau heraustrat. Wir waren unterdessen nachgekommen, und ich fragte, ob sie Melitta sei.

Ja, das sei sie, erwiderte sie mürrisch. Was wir denn von ihr wollten?

Ob das stimme, dass sie die Amme von Nikaias verstorbenem Kind gewesen sei?

Sie starrte mich mit offenem Mund an, drehte sich jäh um und knallte die Tür hinter sich zu.

Während es mir vor Verblüffung den Atem verschlug und die Kinder in Gekicher ausbrachen, sagte eine tiefe Stimme hinter uns: „Was wollt ihr denn von ihr?“

Erschrocken drehten wir uns um und sahen hinter uns einen Mann stehen.

„Die hält uns für Gespenster“, erwiderte Eros. „Ist das nicht zu komisch?“

Und Simon: „Ach, wir haben sie nur was gefragt.“

Und ich: „Ob sie die Amme von Nikaias verstorbenem Kind gewesen sei.“

Und Eros: „Und daraufhin starrt sie uns an wie Gespenster und verbarrikadiert sich im Haus.“

„Ja, eine Tragödie“, murmelte der Mann. „Das muss sie schwer getroffen haben. Ja, ja, die Ammen sind alle gleich: Wenn ihnen ein Kind wegstirbt, werden sie immer ganz wunderlich. Das habe ich schon des Öfteren erlebt.“

Und ich: „Wir wollten ja nur wissen, wie das Kind gestorben ist oder woran.“

„Wieso wollt ihr das wissen?“

Und Eros: „Weil Nikaia meine Milchschwester ist.“

Und ich: „Wir sind nämlich überzeugt, dass sie unschuldig ist.“

Der Mann zuckte mit den Schultern und machte eine ungläubige Grimasse. „Na, wenn ihr davon überzeugt seid, dann redet ihr am besten mit Demetrios, unserem Herrn.“

 

 

Demetrios begrüßte uns im schattigen Peristylhof der Villa mit ausgesuchter Höflichkeit. Eros sprach ihm sein Beileid aus und stellte mich und Simon als seine und Nikaias Tröster und Helfer vor. Demetrios nahm unsere Beileidsbezeigung mit bewegter Miene entgegen, bedauerte Eros als Nikaias Milchbruder, bedauerte auch ihre übrigen Angehörigen, dankte mir und Simon mit wohlgesetzten Worten, dass wir „den von ihm so hoch geschätzten Eros“ in dieser schweren Zeit trösten und ihm helfen. Nur, Nikaia könne man wohl nicht mehr helfen.

Da sei er nicht so sicher, so Eros. Jedenfalls habe er sich zum Ziel gesetzt, eine Möglichkeit zu finden, um ihr zu helfen.

Zu helfen, wiederholte Demetrios verwundert. Wie denn?

Das wisse er selber noch nicht. Er versuche erst einmal aufzuklären, wie sich das Unglück zugetragen habe. Obwohl ihm keineswegs unbekannt sei, dass sie alles zugebe.

Aber da sei er bei ihm leider an der falschen Adresse. Er habe ja an jener Jagd gar nicht teilgenommen.

Aber er wisse doch bestimmt, wer aller an ihr teilgenommen habe? An die müsste man sich doch wenden können.

Außer Stephanos und Nikaia habe niemand teilgenommen.

Aber es habe doch bestimmt Jagdgehilfen und Hundeführer gegeben?

Natürlich, aber das seien zum größten Teil Stephanos’ Sklaven.

Und von Demetrios’ eigenen Sklaven habe keiner teilgenommen?

Doch. Einige schon.

Ob er vielleicht mit denen sprechen könne?

Demetrios zögerte. Hierauf trug er einem seiner Sklaven auf, den Theodoros zu holen. Von dem wisse er zufällig sicher, dass er den Jagenden als Gehilfe beigestanden sei. Trotzdem. Dass Nikaia seinen Bruder durch einen gezielten Pfeilschuss in den Rücken getötet habe, stehe fest.

Nun meldete ich mich zu Wort.

„Und was, wenn sie ihn unabsichtlich getroffen hat? Auf unabsichtliche Tötung steht, soviel ich weiß, nicht die Todesstrafe.“

Demetrios starrte mich an, wie Mutter Maria den Engel Gabriel angestarrt haben muss, als er bei ihr eintrat und sie als Begnadete begrüßte. Schließlich murmelte er: „Das soll jetzt Theodoros, der Jagdgehilfe, klären. Ich war ja nicht dabei.“

Schweigen.

Nach geraumer Zeit traten ein: der Abgesandte, ein zweiter Mann und eine junge Frau.

„Oh, ihr habt ja Syra mitgebracht. Darf ich euch meine Gemahlin Syra vorstellen“, sagte Demetrios begeistert und wollte noch mehr sagen. Doch sie schnitt ihm das Wort ab und sagte, ohne uns eines Grußes zu würdigen: „Sprich, Theodoros. Wo genau hast du dich befunden, als Nikaia den Todesschuss abgegeben hat?“

„Unmittelbar hinter ihr“, antwortete dieser ohne Zögern.

„Wie weit hinter ihr?“

„Keine zehn Schritt.“

„Hat sie dich bemerkt?“

„Nein, bestimmt nicht. Sie war viel zu sehr aufs Schießen konzentriert und sprach dabei leise vor sich hin.“

„Konntest du hören, was sie sprach?“

„O ja, jedes Wort. Sie sagte: Na warte, jetzt entkommst du mir nicht. Jetzt wirst du mir alles büßen, was du mir angetan hast. Mein unfehlbarer Pfeil soll dich treffen.“

„Gut. Und dann?“

„Dann hörte ich einen Pfeil durch die Luft schwirren und gleich darauf einen Aufschrei des Stephanos. Einen Augenblick war’s totenstill, und dann ging ein wildes Hundegebell los. Die Hunde rissen sich los und jagten davon, und wir stürmten ihnen nach und fanden Stephanos leblos am Boden liegend, und ein Pfeil steckte ihm im Rücken, und seine Kleidung war schon ganz blutig.“

„Gut. Das genügt. Danke, Theodoros.“

Jetzt erst wandte sie sich zu uns, warf jedem von uns einen Blick zu, den ich nicht anders als herausfordernd nennen kann, und sagte in unerwartet scharfem Ton: „Habt ihr gehört?“ Und da keiner von uns antwortete: „Seid ihr jetzt zufrieden?“

„Na ja, zufrieden ...“, begann ich zögernd.

„Dann darf ich euch bitten, mir zu folgen. Ich will euch den Weg zum Ausgang zeigen.“

Wir zögerten, blickten uns hilfesuchend nach Demetrios um. Der machte ein Gesicht, als ob er, wie Jesus am Kreuz, Essig getrunken hätte, und neigte das Haupt, als gäbe er im nächsten Moment seinen Geist auf. Syra aber wiederholte, wir mögen uns den Weg zum Ausgang zeigen lassen und uns nie wieder in fremde Angelegenheiten mischen, sonst würden uns die unfehlbaren Pfeile der Artemis treffen.

Nun gut, den Weg zum Ausgang ließen wir uns zeigen. Und ich schwor mir, mich nur noch um meine Brüder und Schwestern im Herrn zu kümmern und die Heiden sich selbst und ihrer abgrundtiefen Verworfenheit zu überlassen.

 

 

Wir erreichten die Stelle, wo vom Weg in die Stadt ein Pfad abzweigt, der steil zu meinem Anwesen emporführt.

„Ja, mein lieber Eros“, sagte ich „hier trennen sich jetzt wohl unsere Wege. Du wirst, nehme ich an, geradeaus nach Ephesos weiterwandern, und wir biegen hier zu unserem Heim ab. Oder möchtest du uns noch begleiten?“

Und er, spontan: „Ich komme mit euch.“

„He, bravo“, sagte Simon.

„Oh, das freut mich aber“, sagte ich.

„Ich bin völlig ratlos“, sagte Eros, „und würde noch recht gern mit euch reden.“

Also setzten wir unseren Weg gemeinsam fort, und Eros begann: „Wenn ich ganz ehrlich sein soll, o Johannes ... Ich habe es ein wenig mit der Angst zu tun bekommen.“

„Angst? Wovor denn?“

„Vor den unfehlbaren Pfeilen der Artemis.“

„Weil die Frau des Demetrios ...?“

„Klar. Und in deiner Gegenwart fühle ich mich einfach sicherer.“

„Wirklich? Nun, das ehrt mich.“

„Das bringt mich übrigens auf eine Idee. Wäre es nicht denkbar, dass Stephanos von den unfehlbaren Pfeilen der Artemis getroffen wurde?“

„Du meinst, dass nicht Nikaia ...“

„Wäre doch denkbar. Und damit wäre Nikaias Unschuld bewiesen, obwohl sie, wie wir gehört haben, zum kritischen Zeitpunkt tatsächlich einen Pfeil abgeschossen hat. Aber wahrscheinlich hat sie in Wirklichkeit auf den Hirsch gezielt. Und wahrscheinlich hat gar nicht sie die Worte, von denen wir gehört haben, gesprochen, sondern Artemis selber. Was sagst du zu dieser Theorie, bester Johannes?“

„Nun, du weißt ja inzwischen, dass wir Christen sind.“

„Ach ja. Und da ihr Christen Atheisten seid ...“

„Nun, die Leute bezeichnen uns zwar als Atheisten, weil wir die Staatsgötter nicht verehren. Aber darin täuschen sie sich sehr. Wir verehren nämlich dafür den einen, wahren Gott.“

„Du meinst also, die Staatsgötter existieren gar nicht?“

„Doch. Sie existieren. Aber sie sind keine Götter, sondern nur Dämonen und suchen die Menschen vom Glauben an den wahren Gott abzubringen und sie auch in jeder anderen Hinsicht zum Bösen zu treiben.“

„So? Also gestehst du zu, dass es denkbar wäre, dass Artemis mit ihren unfehlbaren Pfeilen Stephanos getötet hat und jetzt uns bedroht?“

„Denkbar? Ja. Aber solange du bei uns bist, schützt dich der wahre Gott der Christen zuverlässig vor dem unheilvollen Wirken der Dämonen.“

„Oh, wirklich?“

„Solange du bei uns bist. Oder sobald du an ihn glaubst.“

„Sobald ich an ihn glaube?“

„Ja, allen, die an ihn glauben, steht er bei und schützt sie zuverlässig vor den Dämonen. Nur, nimmst du die Märchen des Theodoros für bare Münze?“

„Glaubst du nicht, dass er die Wahrheit gesprochen hat?“

„Aber wo. Ich bin überzeugt, dass er gelogen hat, angeleitet und aufgestachelt von seiner Herrin.“

„Aber dann ist ja seine Zeugenaussage wertlos.“

„Genau das will ich damit sagen.“

„Ja, aber warum ...“

„Ganz klar. Damit wir nicht länger an Nikaias Schuld zweifeln.“

„Und keine weiteren Nachforschungen anstellen?“

„So scheint es.“

„Das heißt also, Syra fürchtet, wir könnten dadurch entdecken, dass Nikaia in Wirklichkeit schuldlos ist?“

„Möglich. Aber das ist natürlich nur so ein Gefühl. Ich kann es rational nicht begründen. Ich kann dir auch keinen Rat mehr geben. Ich bin am Ende meiner Weisheit.“

Unterdessen hatten wir den Rand einer kleinen Schlucht erreicht. Hier teilt sich der Gebirgspfad, den wir eingeschlagen hatten. Der eine Zweig führt geradeaus auf einem Holzsteg über die Schlucht zu einer Bergwiese, auf der eine große Viehherde weidete, der andere Zweig führt in Serpentinen weiter auf den bewaldeten Bergrücken und hinter diesem zu meinem Anwesen.

An dieser Abzweigung machten wir halt, um zu verschnaufen. Und auf die andere Seite der Schlucht zeigend, sagte Eros: „Dieses Grundstück gehörte früher einem Nachbarn von uns. Philomusos heißt er. An dessen Verlust leidet er schrecklich. An diesem Grundstück, das hat er oft genug beteuert, hing sein Herz. Aber er hat sich, ich weiß nicht, wieso, verschuldet, und zwar ausgerechnet bei Philon und Demetrios, bei denen, wie es scheint, an Geld kein Mangel herrscht, und sah sich gezwungen, es an sie zu verkaufen. Seitdem arbeitet er in ihrer Silberschmiede und jammert über die Ungerechtigkeit des Schicksals und das Überhandnehmen des Bösen in der Welt.“

„Des Bösen“, wiederholte Simon.

Eros: „Ja, so sagt er immer. Wieso überrascht dich das?“

Simon: „Weil wir erst gestern des Langen und Breiten über das Vorhandensein des Bösen in der Welt diskutiert haben, ich und Johannes.“

Ich: „Ja, im Zusammenhang mit den Untaten, denen wir heute vergeblich auf die Spur zu kommen versuchten.“

Eros: „Also glaubt ihr auch, dass es das Böse in der Welt gibt und obendrein überhandnimmt?“

Ich: „Dass es das Böse gibt: Ja. Dass es überhandnimmt: Nein.“

Eros: „Und wieso nicht?“

Ich: „Nun, bis vor kurzem hat es tatsächlich überhandgenommen. Aber seitdem unser Herr in der Welt erschienen ist und sie erlöst hat, wird das Böse mehr und mehr zurückgedrängt, bis es völlig verschwindet. Und das wird schon sehr bald sein, wenn er nämlich am Ende aller Tage in göttlichem Glanz zurückkehren und die Welt richten wird. Denn die Zeit ist nahe. Bis dahin wird er alle seine Gläubigen vor dem Bösen beschützen und ihnen, wenn schon nicht in diesem, so doch im nächsten Leben vollkommenes Glück gewähren.“

Eros machte große Augen und wirkte sehr beeindruckt. Und auf dem restlichen Weg bis zu unserem Zuhause ließ er sich in einige der wichtigsten Geheimnisse unseres Glaubens einweihen. Und in meinem Herzen begann die leise Hoffnung zu keimen, dass er sich zu Christus und dem wahren Gott bekehren könnte.

 

 

Mutter Maria überraschte mich heute aufs Neue. Als ich erklärte, zurzeit sähe ich keine Möglichkeit, der Eingekerkerten zu helfen, rügte sie mich abermals und ermunterte Eros, in seinen Nachforschungen nicht lockerzulassen. Er aber war, so schien es, von seinem Vorsatz, Licht in diese dunkle Angelegenheit zu bringen, ohnedies nicht abzubringen. Und als er sich verabschiedete, kündigte er feierlich an, uns auf dem Laufenden zu halten.

In dieser Nacht schlief ich außergewöhnlich unruhig. Der Misserfolg des vorangegangenen Tages ließ mir keine Ruhe, trotz meines Entschlusses, mich um den Fall nicht weiter zu kümmern. Und als ich einmal aufstand und ins Freie hinaustrat, um frische Luft zu schnappen und mich dadurch zu beruhigen, fiel mir auf, dass der östliche Horizont über dem Bergrücken, den ich am Nachmittag mit Simon und Eros überquert hatte, gerötet war wie von der Morgenröte. Es war aber nicht die Morgenröte. Und dieses merkwürdige Phänomen verstärkte meine innere Unruhe noch.

Der neue Tag hielt gleich am frühen Morgen eine Überraschung bereit. Die erste Stunde war nämlich noch nicht um, da wurde mir gemeldet, ein Besucher warte auf mich. Und wer war dieser Besucher? Ich konnte es kaum glauben: Eros. Er wirkte so erschöpft, dass Mutter Maria ihn auf der Stelle zum Frühstück einlud. Und während nun meine Jünger, so auch Simon, ihren gewohnten morgendlichen Aufgaben nachgingen, lauschten Mutter Maria und ich Eros’ Bericht.

 

 

„Nachdem ich mich gestern von euch verabschiedet hatte, wurde mir erst so richtig bewusst, wie sehr ich mit meinen bisherigen Nachforschungen Schiffbruch erlitten hatte. Und mich überkam Missmut, Unzufriedenheit, Verbitterung, Verzweiflung. Als ich daher die Abzweigung jenes Pfades erreichte, auf dem ich kurz zuvor mit euch dahergekommen war, bog ich auf diesen ein und folgte ihm bis zum Steg über die Schlucht. Ich überquerte ihn und suchte mir auf dem ehemaligen Landgut unseres Nachbarn Philomusos ein Plätzchen, von wo aus ich auf die Villa des Demetrios hinunterschauen konnte. Ich setzte mich ins Gras und dachte nach. Aber ich kam mir vor wie Odysseus, der zehn Jahre lang umherirren musste, ehe ihm Athena den Weg zu seiner Heimatinsel zeigte. Und da wünschte ich mir selber eine Schutzgöttin. Und siehe da, kurz danach erschien mir eine solche. Und sie sagte: Ja, Eros, was machst denn du hier?

Ich schwieg verlegen und überlegte krampfhaft, wer das wohl sein mag.

Kennst du mich nicht mehr, fuhr sie fort. Ich bin doch die Chloe.

Jetzt erinnerte ich mich. Natürlich, Chloe, eine frühere Sklavin unseres Nachbarn Philomusos. Mit ihr hatte ich als Kind gespielt. Aber dann hatten wir uns aus den Augen verloren.

Chloe, stammelte ich verblüfft. Was machst du hier?

Und sie sage: Ich gehöre ja jetzt dem Demetrios. Ebenso Helios.

Nun erst sah ich, dass mir auch ein Schutzgott erschienen war. Allerdings schien er mir eher ein Gespenst zu sein, zumal er gerade, offenbar zur Begrüßung, sonderbare Grunzlaute von sich gab.

Hast du gehört, sagte Chloe, was dem Bruder meines Herrn und seinem Kleinen zugestoßen ist?

Ach, das ist ja der Grund, sagte ich, warum ich mich hier herumtreibe. Du kannst dich sicher noch erinnern, dass Nikaia ...

Im selben Moment begann Helios zu grunzen. Dazu machte er eine kleine Pantomime und tat, als ob er mit Pfeil und Bogen schießen würde. Nun, ich konnte mir schon denken, was er damit sagen wollte. Chloe aber übersetzte unnötigerweise: Er meint, Nikaia hat alle beide erschossen.

Nein, nein, nein, das hat sie eben nicht, rief ich so heftig aus, dass Chloe zusammenzuckte und einen Schritt zurückwich. Daher wiederholte ich in etwas sanftmütigerem Ton: Nein, das hat sie nicht. Und deshalb muss ich ihr helfen. Deshalb muss ich sie retten. Ich muss nachweisen, dass sie keine Mörderin ist.

Da hast du dir aber allerhand vorgenommen.

Ich weiß, ich weiß. Und bisher bin ich auch noch keinen Schritt weitergekommen, habe nicht einmal in Erfahrung bringen können, wo die Leichen liegen.

Da sagte Helios erneut etwas, und Chloe übersetzte: Die Leichen habe ich gesehen.

Und ich, ganz aufgeregt: Wo?

In ihrer Villa. Er sei nämlich einer von denen gewesen, die beide Leichen gewaschen, fürs Begräbnis hergerichtet, neu eingekleidet und aufgebahrt haben. Und er habe eigenhändig den Pfeil aus Stephanos’ Brust gezogen.

Ich brauchte eine gewisse Zeit, bis mir die Tragweite dieser Mitteilung zum Bewusstsein kam: Helios hat ihm den Pfeil aus der Brust gezogen. Und wie hatte es bisher immer geheißen? Durch einen Pfeilschuss von hinten sei er getötet worden. Im Rücken habe ihn der Pfeil getroffen.

Verblüfft fragte ich zur Sicherheit nach, ob ich das auch wirklich richtig verstanden hätte. Wolle er damit sagen, dass ihn der tödliche Pfeil vorn, in der Brust, getroffen habe? Und ich deutete zur Sicherheit auf meine eigene Brust.

Und Helios nickte.

Da bemächtigte sich meiner eine ungeheure Erregung, und ich rief mit mindestens der gleichen Heftigkeit wie zuvor: Das muss ich sehen. Das glaube ich nicht. Das glaube ich erst, wenn ich’s mit eigenen Augen gesehen habe. Führt ihr mich hin?

Chloe sah mich erstaunt an und sagte mit vorwurfsvoller und zugleich besänftigender Stimme: Aber Eros, was ist in dich gefahren?

Das erkläre ich dir später, fauchte ich. Ob ihr mich hinführt? Ich muss das unbedingt sehen, und zwar sofort.

Aber da kann man doch nicht einfach hineinspazieren. Das Haus ist ja zurzeit unbewohnt, und der Zutritt ist verboten. Nicht wahr, Helios?

Und Helios nickte.

Außerdem ist es zweifellos versperrt. Nicht wahr, Helios?

Und Helios nickte und sagte etwas, und Chloe übersetzte: Aber den Schlüssel habe ich bei mir.

Er hat den Schlüssel, schrie ich wie in Ekstase. Und jetzt wird’s eh bald finster. Da sieht uns ja keiner. Kommt ihr mit?

He, spinnst du, sagte Chloe.

Liebste Chloe, es muss sein. Ich tue es nur für Nikaia.

Und Chloe, zu Helios gewandt: Was sagst du, gehen wir mit ihm in die neue Villa, damit er die Leichen untersuchen kann?

Und Helios nickte.

Damit war die Sache entschieden, und wir machten uns einträchtig auf den Weg zu Helios’ Hirtenhütte. Während wir langsam und schweigend dahinstapften, begann ich zum Vergnügen kleine Umwege zu machen; es ging nämlich steil bergauf. Da hörte ich Helios grunzen, und Chloe übersetzte: Man soll hier den Weg lieber nicht verlassen.

Ja, warum denn nicht, sagte ich missmutig. Darf man denn gar keinen Spass mehr haben?

Helios grunzte neuerlich, und Chloe fragte, was er gesagt habe. Er wiederholte sein Grunzen, und jetzt glaubte ich auch schon etwas zu verstehen. Es ist offenbar alles nur eine Frage der Gewöhnung.

Wegen der Wolfsgruben, übersetzte Chloe.

Wolfsgruben, wiederholte ich ungläubig.

Ja, es gibt hier mehrere Wolfsgruben. In den benachbarten Wäldern treibt sich seit einiger Zeit eine Wölfin herum und reißt immer wieder Schafe und Ziegen. Darum haben wir Hirten uns zusammengetan und in den Nächten Gruben ausgehoben, einen Klafter breit und vier Klafter tief. Die Erde haben wir weit weggeschafft und verteilt, und über die Gruben haben wir lange, ausgetrocknete Zweige gelegt und mit der restlichen Erde zugedeckt, sodass der Boden wieder genau wie vorher aussieht. Wenn da also ein Wolf draufsteigt, brechen die Zweige, und der Wolf fällt in die Grube und sitzt in der Falle. Und wenn du draufsteigst, geht’s dir nicht besser. Übrigens sind bisher eh nur Schafe in die Gruben hineingefallen. Die Wölfin ist anscheinend viel zu schlau dafür. Wir müssen wohl Phosphoros bitten, uns von dieser Plage zu befreien.

Phosphoros? Wer ist das?

Ein Mitsklave von uns, unser bester Schütze. Er soll der Wölfin auflauern und sie mit seinem Pfeil erlegen.

In der Hirtenhütte angelangt, hatte ich Zeit und Musse, über die durch Helios’ Aussage neu entstandene Situation nachzudenken. Denn Chloe ließ es sich nicht nehmen, für alle drei ein Abendessen zuzubereiten. Allerdings, ich mochte es drehen und wenden, wie ich wollte, mit seiner Behauptung, der Pfeil sei in Stephanos’ Brust gesteckt, konnte ich nichts anfangen, und je länger ich darüber nachdachte, umso weniger konnte ich sie glauben. Oder hatte vielleicht jemand dem Unglücklichen nachträglich, also erst, nachdem er durch einen Schuss in den Rücken getötet oder auch nur verwundet worden war, einen Pfeil in die Brust geschossen, um ihm sozusagen den Gnadenstoß zu geben, und Helios hatte nur diesen zweiten Pfeil bemerkt? Oder hatte er mir einfach, bewusst oder unbewusst, die Unwahrheit erzählt? Oder ist er so schwachsinnig, dass er den Unterschied zwischen Rücken und Brust nicht erkannt hatte?

Schließlich hielt ich es nicht mehr aus, mit mir allein debattieren zu müssen, und ließ Chloe an meinem Kopfzerbrechen teilhaben. Sie erwies sich aber als keine große Hilfe, abgesehen davon, dass sie mir versicherte, Helios sei alles andere als schwachsinnig, auch wenn er so aussehe und sich vielleicht auch manchmal so verhalte.

Als wir das Abendessen beendeten, war die Sonne schon untergegangen. Helios steckte eine Kerze und den Schlüssel zur neuen Villa ein, und wir brachen auf. Um niemanden auf uns aufmerksam zu machen, schlugen wir nicht den kürzeren Weg über die alte Villa ein, sondern machten einen Umweg durch unbewohntes Gebiet. Und so war es schon stockfinster, als wir vor der neuen Villa ankamen. Übrigens war es eine mondlose Nacht, und nur die Sterne erleuchteten uns den Weg; doch zum Glück schien Chloe jeden Stein zu kennen.

Helios steckte den Schlüssel behutsam ins Schlüsselloch, sperrte vorsichtig auf. Nur ein leises Knacken. Er öffnete die Tür einen Spalt. Nur ein leises Quietschen. Wir schlüpften hinein, Helios zog die Tür wieder zu, ohne sie zu versperren.

Hier, im Innern des Hauses, konnte man nicht die Hand vor den Augen sehen. Zwar hatte Helios eine Kerze bei sich. Aber was nützte uns eine Kerze, solange sie nicht brannte? Doch er ist offenbar wirklich alles andere als schwachsinnig. Er flüsterte Chloe etwas zu, sie fasste mich mit der linken Hand und Helios mit der rechten Hand am Arm und führte uns sicher durch die Dunkelheit, als ob sie die Augen einer Katze hätte. Bald betraten wir den Peristylhof. Das Licht der Sterne war jetzt so hell, dass ich jede Einzelheit unterscheiden konnte. Ich erkannte sogar, dass die Säulen rund um den Hof aus Holz bestanden.

Hier wandten wir uns sofort nach links, um im Säulengang zu bleiben und diesen entlangzugehen. Und dann wandten wir uns noch einmal nach links, öffneten eine Tür und betraten wieder einen völlig dunklen Raum. Doch mein Blick wurde sofort von einem schwachen rötlichen Schimmer angezogen. Der Geruch, der in diesem Raum vorherrschte, zeigte mir untrüglich an, wo wir uns befanden: In der Küche nämlich, und der rötliche Schimmer war die unter der Asche weiterglimmende Glut auf dem Herd. Und damit wurde mir auch klar, was wir hier suchten.

Direkt vor der rötlichen Glut machten wir halt – jetzt konnte ich auch die von ihr ausgehende Hitze spüren –, und im nächsten Moment schoss eine kleine, helle Flamme empor und blendete unsere Augen. Helios hatte die Kerze in die Glut gehalten und angezündet.

Im Schein des Kerzenlichts setzten wir unseren Weg rund um den Peristylhof fort bis zu einem breiten, offenen Eingang genau gegenüber dem Hauseingang und betraten somit den Salon der Villa. Hier wurde im Licht der Kerze ein großes Bett sichtbar und daneben ein Kinderbett. Auf dem großen Bett lag eine große, längliche Gestalt, im Kinderbett eine kleine, längliche Gestalt, beide vollständig zugedeckt mit einem weißen Tuch.

Helios drückte Chloe die Kerze in die Hand, trat ans große Bett, schlug das weiße Tuch zurück, und ich erkannte das gespenstisch bleiche Gesicht des Stephanos. Mich schauderte es heftig.

Während ich noch wie gebannt auf das Totenantlitz starrte, begann Helios fachmännisch den Oberkörper zu entblößen, bis diesen nur noch ein dicker Verband bedeckte. Er entfernte dessen oberste Lage. Und was kam darunter zum Vorschein? Ein großer Blutfleck, genauer, ein blutgetränkter Verband. Als Helios auch diesen entfernen wollte, fasste ich nach seinem Arm und bedeutete ihm, dass mir die bisherige Vorführung völlig reiche und ich statt einer noch genaueren Untersuchung der Brust lieber den Rücken untersuchen wolle.

Er nickte, vervollständigte den Verband wieder, knöpfte die Tunika an den Schultern wieder zu, drehte den Körper geschickt auf die Seite und weiter auf den Bauch, knöpfte die Tunika wieder auf, schlug sie zurück und ließ mich den Rücken sehen. Und wie sah der Rücken aus? Ich konnte es kaum fassen: Er war völlig unversehrt. Keine Wunde, nicht der geringste Kratzer entstellte ihn. Das Einzige, was ihn entstellte, waren dunkle und nicht weniger unheimlich wirkende Flecken in der Haut.

Helios drehte den Körper wieder um, bekleidete ihn mit derselben Geschicklichkeit und bedeckte ihn zuletzt wieder vollständig mit dem Leichentuch, sodass niemand einen Unterschied zwischen vorher und nachher hätte feststellen können. Dann fasste er mich am Arm, zog mich einige Schritte weit zu einem Tisch. Darauf lag ein Pfeil, bestehend aus einem etwa zwei Fuß langen Holzschaft und einer eisernen Spitze mit vier Klingen. Und als ich genauer schaute, schauderte es mich erneut: An der Pfeilspitze klebten Reste von geronnenem Blut. Und mithilfe einer kleinen Pantomime erklärte mir Helios, er selbst habe diesen Pfeil aus Stephanos’ Brust herausgezogen und hier deponiert.

Danach traten wir an das Kinderbett, Helios bückte sich und schlug das Leichentuch zurück, und zum Vorschein kam das bleiche Gesicht eines scheinbar schlummernden Säuglings.

Helios ging eben daran, die Windeln abzuwickeln, da hörten wir unverhofft ein leises Quietschen und erstarrten vor Schreck. Ich erschrak nämlich nicht nur selbst aufs Heftigste, sondern sah, wie Helios zusammenzuckte und in seiner Tätigkeit innehielt. Und wie heftig Chloe erschrocken war, erkannte ich am plötzlichen Flackern des Kerzenlichts.

Aber Helios fasste sich rasch. Er warf das Leichentuch wieder über den Kopf des Säuglings und strich es glatt, blies die Kerze aus, packte mich und wohl auch Chloe am Handgelenk und zog uns mit sich in eine Ecke des Raums und von dort durch eine offenstehende Tür in einen Nebenraum. Wir zitterten und hielten den Atem an.

Bald waren leise Schritte zu hören. Sie kamen näher. Und auf einmal war der Salon nebenan hell erleuchtet, und wir sahen, wie eine weibliche Gestalt, Öllampe in der Hand, den Salon betrat, auf Stephanos zueilte und leise zu schluchzen begann. Sie schlug das Leichentuch zurück, betrachtete Stephanos’ Gesicht. Ihr Schluchzen wurde zusehends heftiger. Sie stellte die Lampe auf den Boden, richtete sich wieder auf, warf sich, laut aufschluchzend, auf den toten Stephanos, begann ihn leidenschaftlich zu küssen.

Da entkamen Helios mehrere seiner Grunzlaute. Ganz leise nur. Aber für mich klangen sie wie Donnerschläge.

Die Frau im Salon verstummte abrupt, hob ihren Kopf, wie um zu lauschen.

Nun brach Helios in hemmungsloses Grunzen aus. Da begann die Frau zu kreischen, wie ich noch nie einen Menschen habe kreischen hören. Und dazu gebärdete sie sich so hysterisch, dass ich schon befürchtete, sie könnte jeden Augenblick vom Bett purzeln. Wahrscheinlich war sie überzeugt, durch ihr unentwegtes Kreischen das Gespenst, oder wodurch immer sie sich bedroht fühlte, in Schach zu halten. Aber natürlich musste sie hin und wieder eine Pause machen, um Atem zu holen.

Und dann hörten wir mit einem Mal zu unserem Entsetzen aufgeregtes Stimmengewirr. Gleichzeitig wurde der Salon von flackerndem Licht erleuchtet. Ein Widerschein fiel auch auf uns, und wir mussten damit rechnen, dass jeden Moment eine brüllende Horde hereinstürmen und sich auf uns stürzen würde. Sie würden sicher glauben, der Kreischenden gegen uns zu Hilfe kommen zu müssen. Unser Versteck drohte zu einer Falle zu werden.

Und nun nahm Chloe das Heft in die Hand. Folgt mir, zischte sie und huschte davon. Ich zögerte und schaute mich nach Helios um. Er huschte nicht. Er schlich, und hinter ihm schlich ungeduldig ich hinaus. In meiner Ungeduld übersah ich, dass er abrupt stehen geblieben war, und stieß mit ihm zusammen. Er stand da wie sein göttlicher Namensvetter auf dem Sonnenwagen und starrte die Kreischende an, sie aber hörte zu kreischen auf und starrte in unsere Richtung. Er gab ein höchst sonderbares Grunzen von sich, und daraufhin begann sie so entsetzlich zu kreischen, dass ihr bisheriges Kreischen im Vergleich dazu liebliche Musik gewesen war, und gebärdete sich erneut total hysterisch, noch weit schlimmer als zuvor. Und dann machte es plumps, und sie lag mitsamt der Leiche auf dem Boden.

Diese Szene hatte sich in einer wesentlich kürzeren Zeitspanne abgespielt, als ich jetzt zum Erzählen brauchte. Und ehe ich mich’s versah, merkte ich, dass ich mit der Kreischenden allein war. Ein letzter Blick, und ich schwirrte ab wie ein Pfeil. Erst nachher kam mir zum Bewusstsein, was mich jener letzte Blick gelehrt hatte: Die Kreischende lag zusammen mit der Leiche des Stephanos auf dem Boden und gebärdete sich nun vollends wie eine Wahnsinnige; zudem war ihre Öllampe nicht mehr zu sehen. Dafür war jetzt der ganze Salon von außen fast taghell erleuchtet, und es war für mich offensichtlich höchste Zeit zu verschwinden, wollte ich nicht in Bedrängnis geraten.

Im Peristylhof sah es aus wie bei einer Hochzeit oder einem Begräbnis: Ein langer Zug brennender Fackeln schwankte durch den Hof und blendete meine Augen, sodass ich unwillkürlich stehen blieb und die Augen zukniff. Aber da packte mich eine harte Faust grob am Handgelenk und zerrte mich weg. Zugleich hörte ich ein vertrautes Grunzen, das mich augenblicklich sanft wie ein Lamm werden ließ. So ließ ich mich durch stockdunkle Gänge und schließlich durch eine Hintertür ins Freie abschleppen. Dort wartete schon Chloe auf uns.“

 

 

„An Stelle einer Kerze leuchtete uns nun ein strahlender Sternenhimmel. Chloe stieß einen Seufzer der Erleichterung aus und nahm mich bei der Hand wie ein kleines Kind.

Betroffen schlichen wir davon. Aber das Gekreische und Gebrüll aus der Villa hörten wir noch lange, ja statt leiser zu werden, klang es, je weiter wir uns entfernten, immer lauter, schriller, erregter, und ich wandte mich immer wieder nach der Villa um und stellte jedes Mal fest, dass die Fackeln im Peristylhof ein ungewöhnlich helles Licht verbreiteten. Und dann wandte ich mich wieder einmal um und blieb, wie vom Donner gerührt, stehen und schrie entsetzt auf und hörte gleich darauf auch Chloe und Helios aufschreien. Die Villa brannte lichterloh. Schauerliche Feuersäulen stiegen aus dem Peristylhof zum Himmel empor und tauchten das ganze Gebäude und das Gelände ringsum in ein unheimliches Licht, und neben dem Gekreische und Gebrüll der Menschen wurde bald ein grauenerregendes Prasseln hörbar.“

Eros verstummte, sichtlich erschüttert. Ich aber erinnerte mich, wie ich mich in der vergangenen Nacht über eine seltsame Rötung des Horizonts gewundert hatte, und erzählte davon.

„Und wir haben diesen Brand verursacht“, sagte Eros.

„Aber nein. Wie denn?“

„Durch unser heimliches Eindringen natürlich.“

„Aber deshalb habt ihr die Villa doch nicht ...“

„Natürlich nicht. Aber ohne uns hätte die Kreischende bestimmt nicht gekreischt und dadurch sämtliche Nachbarn alarmiert. Falls deren Fackeln den Brand verursacht haben. Und ohne uns wäre sie auch nicht so hysterisch geworden, dass sie mitsamt der Leiche des Stephanos auf den Fußboden plumpste, wo ihre Öllampe stand. Falls die den Brand verursacht hat. Und jetzt weiß ich zwar ganz sicher, dass Stephanos den Pfeil in der Brust stecken hatte. Das hatte ich allerdings aus Helios’ Bericht auch vorher schon gewusst, nur eben nicht geglaubt. Aber wie Klein-Philon gestorben ist oder woran, das weiß ich jetzt noch immer nicht und werde es auch nie wissen. Denn seine Leiche dürfte ebenso wie die von Stephanos verbrannt sein.“

„Ist denn die Villa ...“

„Die Villa ist, wie man sagt, ein Raub der Flammen geworden. Aber ich greife vor. Während wir also wie betäubt auf das Feuer starrten, musste ich plötzlich an die noch nicht untersuchte Leiche von Klein-Philon denken, riss mich von Chloes Hand los, stürzte davon und rannte zurück. Chloe und Helios hatten mich freilich schnell eingeholt.

Vor dem Haupteingang zur Villa drängte sich eine aufgeregte Menschenmenge. Aber alle standen nur müssig herum und starrten wie die Kaninchen ins Feuer. Niemand schien daran zu denken, es zu löschen. Und ein Eindringen, um die Leiche von Klein-Philon zu retten, war mittlerweile völlig ausgeschlossen.

Wieso löscht denn keiner, schrie ich. Sind die von allen guten Geistern verlassen?

Wie soll man denn hier löschen, schrie mir ein vierschrötiger Kerl zu. Sollen wir uns vielleicht alle in einer Reihe aufstellen und ins Feuer pinkeln?

Gibt’s denn hier kein Wasser, schrie ich zurück.

Wasser, schrie er. Dass ich nicht lache. Die öffentliche Wasserleitung führt ganz in der Nähe vorbei. Aber man ist zu geizig, um sich einen Anschluss machen zu lassen. Es genügt offenbar, wenn die alte Villa einen hat. Ein mickriger Brunnen, das ist alles. Und dazu alles aus Holz gebaut.

Ein weißhaariger Alter mischte sich in unser Gespräch und schrie: Löschen? Wozu denn? Diese Villa braucht doch keiner mehr, jetzt, wo ihre Besitzer alle tot sind.

Nikaia ist noch lange nicht tot, schrie ich.

Glaub mir, sie ist so gut wie tot, schrie er.

Eine Dicke, Rothaarige zeigte mit dem Finger auf mich und rief, zu dem Weißhaarigen gewandt: Wer ist denn das?

Der zuckte mit der Schulter und verzog geringschätzig den Mund.

Nikaias Milchbruder, schrie ich.

Plötzlich rief ein buckliges altes Weiblein: Das ist die Strafe des Zeus. Und der Weißhaarige rief: Zeus hat seinen Blitzstrahl gegen dieses Haus geschleudert, um seine Besitzer zu strafen.

Und ich: Red doch nicht so blöd daher. Wann war denn heute ein Gewitter?

Und er: Sprich nicht so unehrerbietig mit alten Menschen, Jüngling.

Und ich: Bitte, war heute Abend ein Gewitter, oder war kein Gewitter?

Und er: Wisse, Zeus schickt seinen strafenden Blitzstrahl auch aus heiterem Himmel.

Jetzt geriet ich vollends in Rage und schrie in höchst unehrerbietigem Ton: Nikaia ist unschuldig. Sie würde so etwas nie tun. Ich bin ihr Milchbruder. Ich kenne sie doch.

Und er: Wisse, Jüngling, niemand kann in einen anderen Menschen hineinschauen, und stünde er ihm noch so nahe. Ich spreche aus Erfahrung.

Bevor ich noch etwas erwidern konnte, rief mir eine junge Frau zu: Sag lieber, du kanntest sie. Du kanntest sie, solange sie mit dir zusammen in ihrem Elternhaus lebte.

Und die Rothaarige: Klar, früher, in ihrem Elternhaus, da mag sie ein unschuldiges Geschöpf gewesen sein. Da war sie ein wohlbehütetes Töchterchen, und alles Schlechte wurde von ihr ferngehalten.

Und der Vierschrötige: Genau. Alles Schlechte, Schmutzige, Unsittliche.

Und die Rothaarige: Aber seit sie unseren Stephanos geheiratet hat, ist sie wahrscheinlich mit so viel Schlechtem in Berührung gekommen, dass es niemanden wundern darf, wenn sie davon angesteckt worden ist.

Und die Junge: Ach was. Man braucht nicht erst vom Schlechten angesteckt zu werden, um einen solchen Ehemann in den Hades zu befördern. Sie hatte doch wirklich allen Grund dazu. Siehe Eunike.

Und ich: Eunike? Wer ist das?

Und die Junge: Eine seiner zahllosen Geliebten.

Und ich: Aber ich bitte dich, ein Mann wird doch noch Geliebte haben dürfen. Wo steht denn geschrieben, dass das verboten sein soll?

Und die Junge: Sicher, verboten ist es nicht. Aber ich würde mir so etwas auch nicht gefallen lassen.

Und die Rothaarige: Eben. Die einen lassen es sich gefallen, die anderen nicht.

Und der Weißhaarige: Die Vernünftigeren unter ihnen lassen sich scheiden, die weniger Vernünftigen befördern ihren Ehemann in den Hades. Ich spreche aus Erfahrung.

Und ich, voll Empörung: Und ihre Kinder gleich mit, ja? Das geht dann gleich in einem Aufwasch, wie? Entspricht das auch deiner reichen Lebenserfahrung?

Ja, leider. Und denk nur an Medea, die aus Rache an ihrem Ehegatten ihre beiden Kinder getötet hat, und all die anderen Beispiele aus dem Mythos.

Nun war ich sprachlos und musste plötzlich wieder an die Kreischende denken, und mich überfiel eine entsetzliche Befürchtung: Ist sie etwa im Salon zusammen mit den beiden Leichen liegengeblieben? Doch zugleich wurde in einiger Entfernung ein beängstigender Tumult laut, und die rund um uns stürmten, sprangen, humpelten davon, um nur ja nichts zu versäumen. Helios folgte ihnen auf dem Fuß, aber nicht, ohne mich und Chloe zu packen und mitzuschleppen.

Ein dicht gedrängter Kreis von Gaffern versperrte uns die Sicht. Über einem erregten Stimmengewirr war ein Gebrüll zu hören und daneben ein Gekreische. Die Stimme war mir nur allzu gut bekannt. Und jetzt wusste ich wenigstens, dass die Kreischende doch nicht zusammen mit den beiden Leichen in der Villa liegen geblieben war.

Mit Ellbogentechnik drängten wir uns durch die Menge und fanden in ihrer Mitte so etwas wie eine Arena. Und hier bot sich unseren entsetzten Augen folgende Szene: Eine weibliche Gestalt krümmte sich am Boden, und über ihr stand ein grobschlächtiger Kerl und drosch mit seinen Fäusten auf sie ein. Nun erkannte ich die Frau eindeutig als die Kreischende von vorhin. Gleichzeitig raunte mir Chloe ins Ohr: Eunike.

Aha, und der Mann, rief ich zurück.

Soson, ihr Mann. Hörst du, was sie schreit?

Ich spitzte die Ohren, und mir stand das Herz still. Sie beschuldigte ihn, Stephanos und sein Kind aus Eifersucht und Rache getötet zu haben, und er überhäufte sie mit den wüstesten Beschimpfungen, weil sie ihn mit ihrem Herrn betrogen habe, nur um persönliche Vorteile für sich herauszuschlagen. Zu allem Überfluss habe sie ihn, den Ehemann, heute auf makabre Weise bloßgestellt. Er packte sie am Hals und drohte, sie zu erwürgen. Sie röchelte jämmerlich und heulte um Erbarmen; sie sei ja schwanger. Aber das steigerte seine Wut erst recht ins Maßlose. Denn falls sie wirklich schwanger sei, dann sicher nicht von ihm, sondern von Stephanos.

Während ich mich noch maßlos über die Gaffer wunderte, die untätig herumstanden, statt einzugreifen und ihrer Mitsklavin zu helfen, trat eine Frau mit einem Brett in der Hand von hinten an den Gewalttäter heran, hob es in die Höhe und schlug es ihm mit aller Wucht auf den Kopf, sodass er ohnmächtig zu Boden sank. Hierauf ließ sie das Brett fallen und warf sich, laut aufheulend, über die immer noch halb am Boden liegende Eunike und nannte sie laut und deutlich mein Äuglein und mein Leben und meine Liebe. Eunike schlang, weinend und röchelnd, ihrerseits die Arme um den Hals ihrer Retterin. Und wir anderen standen wie gelähmt im Kreis herum und starrten mit offenem Mund auf diese seltsame Liebesszene, und Chloe raunte mir ins Ohr: Das ist Anaxo. Aber keiner dachte daran, sich um den wie tot auf dem Boden liegenden Wüterich zu kümmern.

Plötzlich wurde das Getrappel von Pferdehufen hörbar, und im nächsten Moment hielten zwei Reiter vor uns, und sie hatten größte Mühe, ihre vor dem prasselnden Feuer scheuenden Pferde zu bändigen. Der eine war Demetrios. Der andere, so flüsterte mir Chloe zu, ist Phosphoros, jener fabelhafte Pfeilschütze, der die Hirten von der Wolfsplage befreien soll.

Augenblicklich war es still. Dann sprach Demetrios. Er beklagte sich bitterlich über das Feuer, das die schöne neue Villa seines geliebten Bruders in Schutt und Asche zu legen drohe, rügte die Anwesenden heftig, weil sie keinerlei Versuche unternähmen, den Brand zu löschen, und fragte, ob sie wenigstens die Leichen vor dem Feuer gerettet hätten.

Niemand antwortete, und kurze Zeit hörte man nichts als das Prasseln der Flammen und das Wiehern der Pferde. Doch dann wurde eine tiefe Stimme laut, und ich sah, dass der Wüterich von den Toten auferstanden war. Er zog von neuem über seine Eheliebste her, verstummte aber rasch wieder. Das Brüllen bereitete ihm jetzt sichtlich Mühe. Dann fiel sein Blick auf das neben ihm liegende Brett, und dieses schien in seinem Geist irgendeine Erinnerung auszulösen. Denn mit einer Gelenkigkeit, die ich ihm nicht zugetraut hätte, sprang er auf, ergriff es, drehte sich nach den beiden noch immer auf dem Boden kauernden Frauen um, hob es in die Höhe und erstarrte in seiner Bewegung, als ob vom Anblick der Gorgo Medusa in Stein verwandelt.

Es war aber nicht die Gorgo, die ihn versteinert hatte, sondern ein Schrei aus dem Munde des Demetrios: Soson! Soson, was tust du? Bist du wahnsinnig geworden? Leg sofort das Brett weg.

Zögernd gehorchte Soson, der Wüterich.

Bist du wahnsinnig geworden? Was wolltest du mit dem Brett?

Keine Antwort.

Was hast du ihnen angetan? Warum kauern sie auf dem Boden? Sprich.

Und Soson: Herr, frag lieber, was die zwei mir angetan haben.

Da sprang Eunikes Herzallerliebste auf und schrie: Herr, frag, was er der armen Eunike angetan hat. Erwürgen wollte er sie. Hätte ich tatenlos zuschauen sollen, wie ...

Und Soson, ihr ins Wort fallend: Herr, frag, wie sie mich bloßgestellt hat. Und frag, wer das Leichentuch angezündet und damit das ganze Haus in Brand gesteckt hat.

Und Demetrios: Eunike, hast du das Feuer verursacht? So steh doch auf, wenn dein Herr mit dir spricht.

Eunike, die noch immer auf dem Erdboden verharrte, rappelte sich auf und stammelte: Er lügt. Die da, und mit einer umfassenden Handbewegung deutete sie auf den Kreis der Gaffer, die haben mit ihren Fackeln das Feuer verursacht.

Daraufhin brach ein Sturm der Entrüstung los, und es sah so aus, als wolle sich die gesamte Menge auf sie stürzen. Erst durch eine Reihe scharfer Ordnungsrufe gelang es Demetrios, die Ruhe wiederherzustellen.

Doch darauf schien Soson nur gewartet zu haben. Und wieso sind die mit ihren Fackeln angerannt kommen, schrie er. Weil sie gekreischt hat, als ob sie auf dem Spieß gebraten würde, und zu kreischen nicht mehr aufgehört hat.

Eunike: Da waren Gespenster, vielleicht die Totengeister der Verstorbenen, entsetzlich anzusehen und anzuhören.

Soson: Aha, wahrscheinlich wollte dich dein toter Liebhaber mitnehmen in die Unterwelt.

Demetrios: Ihr toter Liebhaber? Wen meinst du damit?

Soson: Stephanos natürlich. Drum hat sie ja seine Leiche auf den Boden geschmissen und sich über sie ...

Demetrios, ohne ihn ausreden zu lassen: Du hast die Leiche meines geliebten Bruders geschändet, Eunike?

Eunike: Nicht geschändet, Herr. Verehrt. Ich liebe ihn ja. Ich habe ihn geliebt. So sehr habe ich ihn geliebt, dass ich es nicht über mich gebracht habe, ihn unverehrt und ungeküsst in den Hades gehen zu lassen. Geschändet hat ihn Soson.

Und sie streckte einen anklagenden Finger gegen Soson aus.

Demetrios: Dein Mann? Wieso?

Eunike: Weil er ihn umgebracht hat.

Demetrios: Umgebracht? Wieso sollte Soson seinen eigenen Herrn umbringen, der ihn zum Verwalter dieses Landgutes ernannt hatte?

Eunike: Aus Eifersucht natürlich. Weil er mein Liebhaber war. Und sein süßes Baby obendrein. Aus Rache.

In diesem Augenblick brach Soson neuerlich in besinnungslose Wut aus und begann Eunike neuerlich wüst zu beschimpfen und sie mit dem Umbringen zu bedrohen, hütete sich aber, tätlich zu werden. Dann griff er sich an den Kopf und rief in völlig verändertem Ton: Herr, ich habe Stephanos nicht umgebracht und seinen Sohn auch nicht. Das sagt sie nur, weil sie mich hasst. Du hast ja aus ihrem eigenen Mund gehört, wen sie liebt. Ist es da ein Wunder, wenn man eifersüchtig wird?

Eunike: Er lügt.

Eunikes Herzallerliebste: Er lügt.

Demetrios: Soson, lügst du?

Soson: Herr, du kennst mich doch aus der Zeit, wo du noch mein Herr gewesen bist. Habe ich dich jemals angelogen?

Demetrios schwieg.

Soson: Na, siehst du. Diese gemeinen Huren wollen mich ja nur vernichten, und darum beschuldigen sie mich, Stephanos und sein Kind ermordet zu haben. Aber das ist pure Verleumdung. Ich habe meinen Herrn und das Baby nicht umgebracht. Wenn du wüsstest, wie sehr ich Stephanos geliebt habe und wie sehr ich um ihn trauere. Er hat mich ja als Verwalter eingesetzt. Wie hätte ich ihm da nicht ewig dankbar sein sollen?

Und dann sagte Soson etwas, was mir augenblicklich das Herz bis zum Hals schlagen ließ.

Aber ich werde den Mörder finden, das verspreche ich dir.“

 

 

10 

„Durch diese Worte bis ins Innerste aufgewühlt, ließ ich Chloe und Helios stehen, wo sie waren, und machte mich unauffällig an Soson heran. Ich stellte mich als Nikaias Milchbruder vor, versicherte ihm, dass ich von ihrer Unschuld überzeugt sei, und schlug vor, wir sollten uns zusammentun. Gemeinsam würden wir bestimmt eher Erfolg haben als jeder für sich allein.

Er begrüßte meinen Vorschlag, wenn auch ohne große Begeisterung, und schlug seinerseits vor, Demetrios in unsere gemeinsamen Nachforschungen mit einzubeziehen. Er habe sicher mehr Möglichkeiten und besseren Einblick als wir. Und schließlich müsste er ein besonderes Interesse daran haben, den Mörder zu finden, denn vielleicht sei er der Nächste auf dessen Abschussliste.

Das ist wahr, sagte ich nachdenklich. Aber dann verstehe ich nicht, warum er sich heute Nachmittag so wenig kooperativ gezeigt hat, und seine Frau noch weniger. Und ich berichtete ihm von dem unerfreulichen Verlauf unseres Besuches bei ihm.

Und Soson sagte: Na, das ist wieder einmal typisch. Demetrios begreift nie etwas und kann sich auch nie entscheiden, sondern tut nur das, was seine Frau oder seine Sklaven sagen. Wir müssen ihm klarmachen, in welcher Gefahr er schwebt, solange der Mörder nicht gefasst ist, und wie falsch es ist, sich zu sehr auf Nikaias Geständnis zu verlassen. Wer weiß ...

An dieser Stelle wurde Soson zu meinem maßlosen Ärger von den beiden Frauen unterbrochen. Sie begannen schon wieder zu schreien und gingen, zum Glück nur mit Worten, auf ihn los, und er hatte mich sofort vergessen und begann zurückzubrüllen.

Aber schon im nächsten Augenblick schrie Demetrios: Ruhe! und richtete das Wort an die Menge.

Nach den jüngsten bedauerlichen Vorfällen, sagte er, wird dieses Landgut gemäß den Gesetzen des Staates Ephesos mit meinem eigenen Besitz vereinigt, und ich bin von nun an wieder euer Herr. Dieses Gebäude ist leider nicht mehr zu retten. Mir ist nicht unbekannt, dass kein Wasser zum Löschen vorhanden ist. Das Einzige, was man jetzt noch tun kann, ist eine Brandwache aufstellen, die Wache hält, damit nicht das Feuer durch Funkenflug um sich greift und etwa eure Behausungen in Brand steckt. Soson, du warst hier der Verwalter. Du wirst dich darum kümmern. Und damit ihr meinen guten Willen erkennt, lade ich euch alle zu einem feierlichen Totenmahl für meinen geliebten Bruder ein. Versammelt euch also morgen zur achten Stunde in der alten Villa zum gemeinsamen Bad und anschließenden Gastmahl. Soson, kommst du bitte jetzt zu mir her?

Soson gehorchte und drohte mir auf diese Weise zu entschwinden. Das war mir nun gar nicht recht, und so folgte ich ihm, bis wir zu Demetrios’ Füßen haltmachten. Dieser fixierte mich und sagte: Bist du nicht Nikaias Milchbruder, der mich heute Nachmittag besucht hat, um mir sein Beileid auszusprechen?

Ja, ja, stammelte ich etwas verwirrt. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich ansprechen würde. Schließlich hatte er Soson zu sich gerufen und nicht mich.

Gut, sagte Demetrios. Ich möchte mich bei dir und deinen zwei Begleitern in aller Form dafür entschuldigen, dass ihr von meiner Frau so ungastlich empfangen worden seid. Das tut ihr mittlerweile selber leid. Aber die nervliche Anspannung der letzten Tage ... Du weißt schon. Kurz und gut, ich möchte die Gelegenheit beim Schopf packen und, um ihren Fehler gutzumachen, euch zum morgigen Gastmahl einladen.

Vor Überraschung brachte ich den Mund nicht mehr zu. Und ehe ich ein Dankeschön stammeln konnte, sagte Soson: Du hast mich gerufen, Herr?

Ja, erwiderte Demetrios, kam aber nicht dazu, weiterzusprechen. Die zwei Pferde, die schon die ganze Zeit nur mit Mühe zu bändigen gewesen waren, bäumten sich plötzlich auf, sodass ihre Reiter genug damit zu tun hatten, sie zu beruhigen. Soson und noch ein paar andere sprangen sofort hinzu und versuchten zu helfen. Aber vergeblich. Denn zum Prasseln des Feuers gesellte sich ein ohrenbetäubendes Krachen, und als ich mich erschrocken nach der Villa umdrehte, sah ich, wie ein Teil des Daches einstürzte und eine hell leuchtende Wolke aus Funken in den nächtlichen Himmel aufstieg. Da waren die zwei Pferde nicht mehr zu halten. Sie rissen sich los und galoppierten unter angstvollem Wiehern davon.

Aber auch uns Menschen hatte Angst und Schrecken ergriffen. Schreiend, kreischend, schluchzend, heulend rannten alle hin und her. Ich rannte selber hin und her und schrie aus Leibeskräften nach Chloe und nach Helios und fand sie nicht. Aber sie fanden mich und drängten auf rasche Rückkehr. Das war mir zwar gar nicht recht. Ich wollte ja noch mit Soson alles genau besprechen. Aber dann musste ich daran denken, dass ich ihn morgen beim Gastmahl treffen würde; und da würde nicht nur er Zeit und Musse haben, um mit mir zu reden, sondern auch Demetrios.

Also fügte ich mich Chloes und Helios’ Wunsch. Als wir die Abzweigung von der in die Stadt führenden Straße erreichten, hielt Chloe inne und begann: Sag nicht, dass du uns jetzt verlässt und allein den weiten Weg in die Stadt zurückwandern wirst. Ist es nicht gescheiter, du übernachtest bei Helios? Und das werde ich auch. Ist doch viel sinnvoller, als ich gehe heim und wecke mein Kind und alle anderen auf.

Was sagst du da, rief ich aufgeregt. Du hast schon ein Kind? Wie alt?

Bald fünf Jahre.

Bub oder Mädchen?

Ein Mädchen. Harmonia heißt es. Was ist? Kommst du mit?

Oh, ein schöner Name. Soll ich wirklich mitkommen?

Aber sicher.

Tatsächlich war mir Chloes Vorschlag alles andere als unangenehm. Denn ich hatte mir längst vorgenommen, dich, bester Johannes, gleich am nächsten Morgen aufzusuchen, um dir alles zu berichten und dir und Simon Demetrios’ Einladung zu überbringen. Und von der Hütte des Helios ist es hierher ja ungleich näher als von der Stadt. Also dankte ich den beiden für die Einladung und begleitete sie; und der Feuerschein von der brennenden Villa leuchtete uns noch lange.

Und dann überkam mich die Neugier, und ich sagte: Wer ist denn der Vater deines Töchterleins?

Und Chloe sagte: Du, ehrlich, das weiß ich nicht.

Und ich sagte: Wie gibt’s denn so was?

Und Chloe sagte: Ach, Eros, das wirst du nie verstehen.

Und ich sagte: Aber natürlich verstehe ich das. Und ich frage mich, wie es kommt, dass die Harmonia dein einziges Kind ist.

Und Chloe sagte: Na ja, ich habe halt schon einmal abgetrieben. Enttäuscht?

Und als ich darauf nichts erwiderte, sagte sie mit erhobener Stimme: Weißt du, Eros, mir ist es halt nicht so gut gegangen wie deiner Nikaia. Ich hatte keine so behütete Jugend. Ich war immer Freiwild für die Männer.

Und wieso hast du ausgerechnet dein erstes Kind nicht abgetrieben, sagte ich.

Und Chloe sagte: Weil ich da noch viel zu unerfahren war. Ich habe einfach nicht gewusst, dass so etwas möglich ist.

Und ich: Da war also deine Harmonia kein Wunschkind? Ich frage nicht deinetwegen. Ich frage wegen Nikaia. Weil, schau, Klein-Philon war doch ihr erstes Kind. Vielleicht war es auch ein unerwünschtes Kind, und sie war noch zu unerfahren, um zu wissen, dass man abtreiben kann. Gerade, wo sie so behütet aufgewachsen ist.

Und Chloe: Wieso hätte es denn ein unerwünschtes Kind sein sollen?

Und ich: Aus demselben Grund wie deines. Weil es vielleicht nicht das Kind ihres Ehemannes war. Und ich überlege mir, ob sie nicht möglicherweise deshalb ...

Ich erschrak über meine eigene Schlussfolgerung so sehr, dass ich meinen Satz unvollendet ließ. Chloe aber sagte verwundert: Jetzt dachte ich, du bist von ihrer Unschuld felsenfest überzeugt?

Und ich sagte: Bin ich ja auch. Nur, behütet war sie zwar in ihrem Elternhaus. Aber nach ihrer Hochzeit ...

Und Chloe: Du meinst, nach ihrer Hochzeit hätte sie das gleiche Leben geführt wie ich, und ihr Kind wäre nicht von Stephanos, sondern von einem anderen gewesen?

Und ich: Dieser Gedanke hat sich mir halt aufgedrängt.

Chloe: Hm, wer weiß.

Ich: Könnte es nicht auch Eunikes Herzallerliebste gewesen sein? Aus purer Eifersucht?

Chloe: Na, sicher. Du brauchst dich nur zu erkundigen, ob sie an der Jagd teilgenommen hat oder nicht.

Ich: Genau. Hat sie teilgenommen, ist sie verdächtig. Hat sie nicht teilgenommen, kann sie es nicht gewesen sein. Na gut, das wird sich ja spätestens morgen beim Gastmahl herausstellen.

Chloe: Wieso? Bist du eingeladen?

Ich: Ja, Demetrios hat mich zum Totenmahl für Stephanos eingeladen.

Chloe: He, du Glücklicher.

Ich: Wieso? Kommst du nicht?

Chloe: Nein. Helios auch nicht. Wir sind ja nicht eingeladen. Eingeladen sind doch, abgesehen von dir und deinen Bekannten, nur die ehemaligen Sklaven des Stephanos. Demetrios wusste ja nicht, dass wir dabei waren. Ich hoffe es zumindest. Wer weiß, was er sagen würde, wenn er uns gesehen hätte. Und überhaupt braucht ein Herr nicht alles zu wissen, was seine Sklaven immer so treiben.

Ich musste lachen und sagte: Na, das ist wohl wahr. Aber warum nennst du mich glücklich, wenn ich von deinem Herrn zum Gastmahl eingeladen werde?

Chloe: Weil er eine exzellente Küche hat. Du wirst begeistert sein. Aber weißt du, was ich dir sage? Frag doch auch den Soson, ob er an der Jagd teilgenommen hat.

Ich: Den Soson? Findest du ihn verdächtig?

Chloe: Mit demselben Grund wie die Anaxo, Eunikes Herzallerliebste. Hat er nicht noch mehr Grund, eifersüchtig zu sein, als sie? Na, und wie der sich aufgeführt hat.

Ich: Das stimmt schon. Andererseits hat er doch laut und deutlich erklärt, den Mörder finden zu wollen.

Chloe: Genau. Und er hat unmissverständlich erklärt, dass Demetrios der Nächste auf der Abschussliste ist, was ihn in meinen Augen nur umso verdächtiger macht.

Ich: Meinst du? Na gut, ich werde ihn fragen. Um meiner Nikaia zu helfen, tue ich alles.

So weit mein Dialog mit Chloe. Als ich im Morgengrauen aufwachte, war Chloe schon über alle Berge und auch Helios nirgends zu sehen. Also machte ich mich schleunigst auf und eilte zu dir, o Johannes, um dir von allem genauen Bericht zu erstatten, um dir und Simon die Einladung des Demetrios zu überbringen und um mir bei dir Rat zu holen.“

 

 

11 

Eros saß da, schaute mich mit fragenden Augen an und wartete auf meinen Rat. Nur, was sollte ich ihm raten? Sein Bericht hatte mich mehr verwirrt als aufgeklärt, und ich fühlte mich nicht in der Lage, ihm irgendeinen Rat zu geben außer dem einen, naheliegenden, wieder einmal mit Nikaia zu sprechen und sie insbesondere mit seiner jüngsten Entdeckung zu konfrontieren, dass der tödliche Pfeil in Stephanos’ Brust gesteckt war. Und da ich in meinem Innersten das sichere Gefühl hatte, dass er irgendwann der Herde unseres Herrn eingefügt werden könne, erklärte ich mich bereit, ihn einmal noch ins Gefängnis zu begleiten. Nur, Demetrios’ Einladung könne ich unmöglich annehmen. Bei diesem Gastmahl werde ja sicher Opferfleisch serviert.

„Weißt du, den Christen ist es verboten, von dem Fleisch zu kosten, das bei den Opferfesten für die sogenannten Götter anfällt.“

„Du meinst, von dem Fleisch, das nicht gleich beim Opfermahl im Tempel verzehrt wird, sondern auf den Markt kommt, um verkauft zu werden?“

„Genau dieses Fleisch meine ich. Der Käufer oder derjenige, der es dann verzehrt, nimmt dadurch indirekt an dem Opferfest teil, und das ist den Christen natürlich verboten.“

„Da muss ich also alleine hingehen? Und ich hoffte doch dabei den Schuldigen oder die Schuldigen zu finden. Wie soll ich das ganz alleine schaffen? Und wer soll mich vor einer Dummheit bewahren, die möglicherweise alles zunichtemacht?“

Da sagte zu meiner Überraschung Mutter Maria: „O Eros, du hast vollkommen recht. Ich finde, du solltest zu diesem Gastmahl nicht alleine hingehen.“ Und zu mir gewandt: „Nehmt die Einladung nur unbesorgt an, du und Simon, und begleitet Eros und steht ihm bei.“

„Aber Mutter“, entfuhr es mir, und ich dachte, mich trifft der Schlag.

„Es ist doch ganz einfach. Ihr werdet halt nichts essen.“

„Aber heute ist doch gar kein Fasttag.“

„Na und? Erstens wissen die das sicher nicht, und zweitens ist es nur ein gottgefälliges Werk, mehr zu fasten als vorgeschrieben. So hat mein Sohn, wie du weißt, vierzig Tage hintereinander gefastet. Vielleicht wird dir dann unser Eros nacheifern, und wer weiß, wofür das gut sein wird. Fasten ist immer heilsam. Außerdem schärft es den Verstand, und das ist genau das, was er in seiner gegenwärtigen Situation braucht.“

So überredete mich Mutter Maria, Eros zu begleiten und die aufgetragenen Speisen nicht anzurühren. Er aber war ihr so dankbar und von meinem Gesinnungswandel so begeistert, dass er erklärte, es mir gleichtun zu wollen. Und das wieder schien mir ein gutes Omen für seinen künftigen Lebensweg zu sein.

Simon war Feuer und Flamme, als er hörte, dass er mich und Eros in die Stadt und danach zu einem großartigen Gastmahl begleiten solle. Nur von der Aussicht, inmitten eines großartigen Gastmahls fasten zu müssen, schien er nicht ganz so begeistert zu sein.

 

 

12 

Unterwegs schilderte Eros für Simon noch einmal in groben Zügen seine nächtlichen Erlebnisse. Und danach tat Simon eine erstaunliche Äußerung.

„Ich glaube, wir dürfen unsere Suche nicht auf die beschränken, die an der Jagd teilgenommen haben.“

„Ha“, so Eros, sichtlich überrascht.

 „Ich meine, es wäre ein Fehler, Stephanos’ Mörder nur unter denen zu suchen, die an der Jagd teilgenommen haben. Es könnte auch jeder andere gewesen sein, der nicht klipp und klar beweisen kann, dass er sich zu jenem Zeitpunkt woanders aufgehalten hat.“

Und ich: „Wie zum Beispiel sein Bruder Demetrios, von dem wir genau wissen, dass er zu jenem Zeitpunkt in der Stadt einen Volksaufruhr gegen unseren Freund Paulus angezettelt hat?“

Eros: „In diesem Fall käme es also weder bei Eunikes Herzallerliebster noch bei Soson darauf an, ob sie teilgenommen haben oder nicht, solange sie nicht beweisen können, dass sie sich irgendwo anders aufgehalten haben.“

Ich: „Genau. Und noch etwas, mein bester Eros. Du hast doch mehrmals den Phosphoros erwähnt.“

Eros: „Ach, du meinst, der könnte Stephanos erschossen haben?“

Ich: „Warum eigentlich nicht? Wenn er schon so ein toller Wunderschütze ist.“

Eros: „Sicher, warum nicht? Aber ehrlich gesagt, ich glaube es nicht. Und hättest du ihn gesehen, wie zahm und friedfertig er aussieht, du würdest es auch nicht glauben. Außerdem dürfte er ein treuer und anhänglicher Sklave sein und war daher an jenem Tag bestimmt bei seinem Herrn in der Stadt. Und überhaupt, welchen Grund sollte er gehabt haben, Stephanos zu ermorden?“

Ich: „Das mag ja alles zutreffen. Trotzdem würde ich an deiner Stelle ein bisschen nach ihm fragen.“

Eros: „Na ja, wenn du meinst. Aber weißt du, wer mir viel verdächtiger erscheint als Phosphoros? Syra.“

Ich: „Die Frau des Demetrios, die uns gestern so elegant hinauskomplimentiert hat?“

Eros: „Genau die.“

Ich: „Ah, du meinst, eben dadurch hat sie sich verdächtig gemacht?“

Eros: „Na klar. Oder etwa nicht?“

Ich: „Hm, ich weiß nicht. Ich glaube eher nicht. Kennst du nicht das Sprichwort: Bellende Hunde beißen nicht? Und hast du nicht gesehen, was für einen bösen, hündischen Blick sie hat? Ach, warum müssen sich die Heiden so hartnäckig gegen das Wort unseres Herrn stellen?“

Eros: „Wie bitte?“

Ich: „Schau, Eros, unter uns Christen kommt so etwas nicht vor. Bei uns gibt es keine Bosheit, keine Hinterlist, keine Lüge, keinen Mord, keine Unreinheit, keine Unsittlichkeit, keine Hurerei. Nimm an, alle Menschen wären zum Christentum bekehrt. Alle diese Laster würden der Vergangenheit angehören, und wir müssten uns jetzt nicht mit so unerquicklichen Dingen herumschlagen.“

So diskutierten wir auf dem Weg in die Stadt, und es gelang mir, Eros durch eine kleine Einführung in die christliche Lehre zu beeindrucken und überdies ein kleines Missverständnis aufzuklären. Er dachte nämlich, Mutter Marias Bemerkung, ihr Sohn habe vierzig Tage hintereinander gefastet, beziehe sich auf mich, und bewunderte mich darum wie einen Wundertäter. Ich belehrte ihn also und erklärte, Maria sei die jungfräuliche Mutter unseres Herrn Jesus, und dieser sei ein wirklicher Wundertäter gewesen und habe einmal tatsächlich vierzig Tage lang nichts zu sich genommen. Ich sei unter allen seinen Jüngern derjenige, den er geliebt habe, und darum habe er, als er bereits am Kreuz hing, seiner Mutter Maria aufgetragen, mich in Hinkunft als ihren Sohn zu betrachten, und mir, sie als meine Mutter zu betrachten. Und seither lebe sie mit mir zusammen, und seither nenne ich sie meine jungfräuliche Mutter.

Natürlich nahm er, wie bei einem Heiden nicht anders zu erwarten, an der Bezeichnung jungfräuliche Mutter Anstoß, und es war nicht leicht, ihn von der Tatsache zu überzeugen, dass sie, obwohl Witwe und Mutter, noch immer Jungfrau war.

 

 

13 

Im Gefängnis angekommen, fanden wir Nikaia in Gesellschaft einer mir unbekannten Dame. Sie kauerte neben ihr, hielt Nikaias Kopf umschlungen, drückte ihn an ihre Brust und streichelte ihn unentwegt, und beide waren so sehr der Klage hingegeben, dass sie unsere Ankunft nicht bemerkten. Erst als die Wärterin, die uns hereingeführt hatte, sie auf uns aufmerksam machte, blickten sie auf. Und da nahm das Gesicht der fremden Dame einen freudigen Ausdruck an, und sie rief: „Eros, da bist du endlich“, ließ Nikaias Kopf los, sprang auf und fiel Eros aufschluchzend um den Hals. Hierauf fiel er seinerseits Nikaia um den Hals und rief: „Hast du dich schon eines Besseren besonnen?“, erhielt aber keine Antwort.

Die fremde Dame stellte er uns als seine Mutter und Nikaias Amme Xantho vor und sagte, zu ihr gewandt: „Spricht sie wenigstens mit dir? Hat sie sich schon eines Besseren besonnen?“

„Ach wo. Sie ist durch nichts umzustimmen. Und jetzt wird sie auch noch von schrecklichen Träumen heimgesucht, und die scheinen sie in ihrer Haltung nur noch zu bestärken.“

„Was für Träume denn?“

„Na, einmal träumt sie, der Henker haut ihr den Kopf ab, ein andermal, du schießt ihr einen Pfeil in die Brust.“

„Ich schieße ihr einen Pfeil in die Brust“, wiederholte Eros, außer sich vor Aufregung. Und zu Nikaia gewandt: „He, dann weißt du davon?“

„Hm“, murmelte sie. „Wovon soll ich denn wissen?“

„Dass Stephanos in die Brust und nicht in den Rücken getroffen worden ist.“

„In die Brust?“

„Ach, tu doch nicht so, als ob du das nicht selber genau wüsstest. Sonst würdest du nicht einen solchen Unsinn träumen.“

„Wie sagst du? In die Brust ist Stephanos getroffen worden?“

„Ja. Hast du das nicht gewusst?“

„Nein.“

„Aber geh. Wieso träumst du dann, ich schieße dir ...“

„Ich habe keine Ahnung, wieso ich das träume. Aber wie kommst du darauf, dass Stephanos in die Brust ... Hast du das vielleicht auch geträumt?“

„Ach was. Gesehen hab ich’s. Verstehst du?“

„Wie? Was?“

Und er berichtete auch ihr von seinen nächtlichen Erlebnissen in der Villa des Stephanos.

Nikaia schwieg. Plötzlich brach sie mit einem wilden Aufschrei zusammen und trommelte mit den Fäusten auf den Boden und schluchzte zum Gotterbarmen und ließ sich weder von Xantho noch von Eros trösten.

Da sah ich, dass eine längere Anwesenheit nicht sinnvoll ist. Und da wir ja an diesem Tag noch allerhand vorhatten, zogen wir, ich und Simon, uns unauffällig zurück. Zu meiner Überraschung schloss sich Eros uns an und verabschiedete sich beinahe überstürzt von Nikaia und seiner Mutter. Er müsse dringend nach Hause, um sich für das bevorstehende Totenmahl „schön zu machen“.

 

 

14 

Als Treffpunkt hatten wir die Säulenhalle vor dem Amtslokal des Archonten vereinbart, den wir gestern mit solch eklatantem Misserfolg konsultiert hatten. Als wir uns zur siebten Stunde – denn diese war ausgemacht – dort einfanden, war Eros schon zur Stelle und plauderte angeregt mit einer Dame. Beim Näherkommen erkannte ich, dass es Musa war, die uns tags zuvor an fast genau derselben Stelle angesprochen hatte. Kaum hatte sie uns jedoch erblickt, eilte sie davon, ohne uns eines Blicks zu würdigen. Vor Verblüffung vergaß ich, Eros zu begrüßen, und fragte ihn, was dies zu bedeuten habe.

„Ach, nichts Besonderes“, sagte er. „Sie hat bloß in der Zwischenzeit erfahren, dass du einer der Anführer der Christen bist. Und mit denen will sie nichts zu tun haben.“

„So? Und hat sie auch gesagt, warum nicht?“

„O ja. Weil sie kleine Kinder töten und verspeisen. Wahrscheinlich, so meint sie, gehört auch Nikaia heimlich dazu und hat eben darum ihr eigenes Kind getötet. Und ihr Mann, so vermutet sie weiter, hat das Verbrechen entdeckt, und da hat sie ihn gleichfalls umgebracht, um von ihm nicht zur Rechenschaft gezogen zu werden. Zum Glück sind aber ihre Untaten trotzdem ruchbar geworden, und so erleidet sie jetzt ihre verdiente Strafe, so wie alle diese Christen ihre verdiente Strafe erleiden sollten.“

„Wie? Das hat sie alles erzählt? Und du hast ihr gar nicht widersprochen?“

„Wie denn? Sie redete ja wie ein Wasserfall. Es war völlig unmöglich, ihren Redefluss zu unterbrechen.“

„Da mussten, scheint’s, erst wir daherkommen. Wieso trifft man sie eigentlich ständig hier an?“

„Weil, na ja, ihr Lokal befindet sich ganz in der Nähe.“

„Ach ja, ich erinnere mich: Sie führt eines der vornehmsten Restaurants von Ephesos.“

„Genau.“

„Aha, und da trifft sie mit besonders vielen Leuten zusammen, wie?“

„Ich nehme an.“

„Und hört besonders viel Unsinn?“

„Unsinn? Meinst du, was sie über die Christen gesagt hat?“

„Aber natürlich.“

„Dann stimmt das also nicht?“

„Aber Eros. Wo denkst du hin.“

„Da bin ich aber froh. Direkt erleichtert.“

„Oh, wirklich?“

Und ich freute mich im Stillen über diese Bemerkung und betrachtete sie als gutes Zeichen für die Zukunft.

„Und sag, über Demetrios und Stephanos hat sie nichts gehört? Wenn sie schon mit so vielen Leuten zusammentrifft.“

„O doch. Sie glaubt zu wissen, dass ihr Verhältnis zueinander doch nicht ganz so ungetrübt gewesen sein soll.“

„Das ist ja interessant. Und inwiefern?“

„Tja, das hat sie mir leider nicht mehr verraten können. In diesem Moment seid gerade ihr dahergekommen, und da hat sie schnell das Weite gesucht.“

„Schade.“

„Wenn du meinst, kann ich sie ja einfach in ihrem Restaurant aufsuchen und mir das Fehlende berichten lassen.“

„Morgen vielleicht. Heute wirst du dafür kaum mehr Zeit haben. Oder nein, diesen Besuch kannst du dir, glaube ich, ersparen. Wahrscheinlich ist an diesem Gerücht überhaupt nichts dran. Schließlich ist es bei den Heiden ganz normal, dass Geschwister nicht immer harmonieren. Siehst du, Eros, das ist bei uns Christen ganz anders. Wir nennen uns alle gegenseitig Brüder und Schwestern im Herrn und empfinden uns auch als solche.“

„Im Herrn? Was heißt das?“

„Das heißt, dass der Herr, also der einzige, wahre Gott, unser aller Vater ist. Folglich sind wir alle seine Kinder und lieben einander, wie sich eben Brüder und Schwestern lieben sollten. Unter uns Christen gibt es darum keinen Hass, keinen Neid, keine Missgunst.“

„Und ...“

„Ja? Sprich nur.“

„Und ihr verspeist ganz bestimmt keine kleinen Kinder?“

„Oho, mir scheint, Musa hat dir da einen Floh ins Ohr gesetzt. Aber damit du ganz beruhigt sein kannst, will ich dir reinen Wein einschenken. Es gibt tatsächlich einige Gemeinden, die sich christlich nennen und Neugeborene oder auch abgetriebene Embryonen verspeisen. Aber nicht in Ephesos. Hörst du? In Ephesos gibt es die nicht. Im Übrigen verurteilen wir das aufs Schärfste und schämen uns dafür, und in unseren Augen sind Menschen, die solche Untaten begehen, keine Christen, und wenn sie sich hundertmal Christen nennen. Denn eines der Gebote, die uns Gott gegeben hat, lautet: Du sollst nicht töten. Was übrigens deine Nikaia betrifft, so sei versichert, dass sie der christlichen Gemeinde von Ephesos nicht angehört. Würde sie ihr angehören, so wüsste ich davon.“

So viel sagte ich leichthin. Doch dann tat Eros eine Äußerung, die meine bisherige Selbstsicherheit erschütterte und mich endgültig veranlasste, seine Nachforschungen, die ich bis zu diesem Zeitpunkt nur halbherzig unterstützt hatte, zu meiner eigenen Sache zu machen.

„Und was, wenn es sie in Ephesos doch gäbe, solche sogenannten Christen, die Neugeborene verspeisen, ohne dass du davon wüsstest? Und angenommen, Nikaia gehört diesen an, du wüsstest natürlich auch davon nicht.“

Darauf wusste ich nichts zu erwidern. Es stimmte ja: Konnte ich guten Gewissens ausschließen, dass auch Ephesos von dieser Pest heimgesucht wurde, ohne dass ich davon erfahren hatte, und dass Nikaia von ihr angesteckt worden war? Die Antwort konnte nur lauten: Nein. Alles wissen, das kann nur Gott allein.

Dem guten Eros blieb meine Verlegenheit nicht verborgen.

„Ach, beunruhige dich nicht, o Johannes“, sagte er. „Da fällt mir nämlich etwas ein. Die merkwürdigen Träume, von denen Nikaia gequält wird, dürften doch keine gar so schreckliche Bedeutung haben. Als ich nämlich auf die Agora zurückeilte, stieß ich auf einen Traumdeuter, der dort seinen Stand aufgeschlagen hatte. Und das brachte mich auf die Idee, dessen Dienste in Anspruch zu nehmen und ihn nach der Bedeutung von Nikaias Träumen zu befragen. Und weißt du, was er sagte? Das Abhauen des Kopfes ist für sie ein glückverheißender Traum.“

„Oho.“

„Den meisten Menschen verheißt ein solcher Traum tatsächlich Unglück. Glück verheißt er hingegen allen, denen die Todesstrafe droht.“

„Wie das?“

„Wenn sich Vorgänge, die sich nur ein einziges Mal ereignen können, im Traum ereignen, so können sie sich nicht auch noch in der Wirklichkeit ereignen. Der Traum ist dann der Verwirklichung zuvorgekommen.“

„Aha. Und dass du ihr einen Pfeil in die Brust schießt ...?“

„Dieser Traum kündigt alten Menschen Unheil an. Jungen Menschen kündigt er hingegen Liebe an, besonders in meinem Fall, wo ich Eros heiße.“

„Ah, der Pfeil des Liebesgottes. Nicht schlecht.“

Aber wer weiß, dachte ich, vielleicht ist gar die göttliche Liebe gemeint? Vielleicht bedeutet der Traum, dass Nikaia für die Liebe Gottes bestimmt ist? Also ist es meine heilige Pflicht, dafür zu sorgen, dass sie gerettet wird, vor dem Schierlingsbecher ebenso wie vor dem Feuer der Hölle.

 

 

15 

Unter solchen Gesprächen erreichten wir die Villa des Demetrios und wurden vom Portier in den Peristylhof geführt. Dort empfing uns Demetrios überaus höflich und führte uns höchstpersönlich in einen Raum, der auf den ersten Blick als Auskleideraum eines Bades zu erkennen war. Aus den benachbarten Räumen war lustiges Geplätscher und gedämpftes Stimmengewirr zu hören. Die Luft war unverkennbar vom charakteristischen Geruch eines Bades erfüllt. In einer Ecke saß eine voll bekleidete junge Frau und blickte uns mit großen Augen entgegen.

„Du badest gar nicht, Persis“, rief ihr Demetrios zu.

„Nein, Herr“, sagte sie, „ich bade heute nicht.“

„Ach so. Also dann: Badet gut. Im Speisesaal sehen wir uns wieder.“

Mit diesen Worten verließ er uns.

Ich betrachtete das Sammelsurium an Kleidern und Schuhen, lauschte auf das aus den Baderäumen dringende Stimmengewirr  und sagte: „Lieber Eros, geh du nur hinein. Ich und Simon, wir werden nicht baden.“

„Ja, warum denn nicht“, erwiderte Eros verwundert.

„Hörst du es nicht? Weil Männer und Frauen gemeinsam baden.“

„Ja, und?“

„Nun, das ist doch schamlos. Jedenfalls empfinden es die Juden und die Christen so. Ich gebe zu, dass heutzutage auch schon viele Juden diese griechische Unsitte übernommen haben. Aber die Christen werden sie nie übernehmen. Niemals.“

 „Aha. Ja, wenn das so ist, dann werde ich natürlich auch nicht baden. Noch dazu, wo ich ohnehin eben erst gebadet habe.“

„Oh, das lobe ich mir. Da bist du also im Geiste bereits Christ, wenn du dich von diesem unmoralischen Treiben fern hältst.“

„Findest du?“

„Gewiss. Und überhaupt finde ich, dass die Griechen beim Baden maßlos übertreiben, auch dann, wenn sie nach Geschlechtern getrennt baden. Sie speisen nicht eher, als bis sie gebadet haben. Viele baden auch nach dem Essen und dann aufs Neue vor dem Abendessen. Und so geht das Tag für Tag. Hab ich recht?“

„O ja. Aber ...“

„Du meinst, was daran schlecht sein soll? Nun, wir Christen halten eine solche übertriebene Körperpflege für sündhaft. Wir sorgen uns in erster Linie um unsere Seele, denn sie ist unsterblich, und achten den Körper gering, denn er ist sterblich und will nur die Seele zur Sünde verführen. Verstehst du jetzt meine Bedenken gegen das gemeinsame Baden von Männern und Frauen?“

„O ja, sehr gut sogar. Und ich bleibe dabei: Ich werde euch nacheifern. Wir könnten doch inzwischen die Zeit nützen und Persis hier ein bisschen befragen. Was meinst du?“

„Ausgezeichnet.“

Eros wandte sich zu der uns mit großen Augen anstarrenden Persis. „Nun, o Persis, was gibt’s denn Neues?“

„Neues?“, wiederholte sie kopfschüttelnd und fuhr nach kurzem Schweigen fort: „Sag, habe ich dich nicht in der vergangenen Nacht vor der brennenden Villa meines verstorbenen Herrn gesehen?“

„Bei Zeus, das ist leicht möglich. Aber darum interessiert mich ja auch, was es seither Neues gibt.“

„Na ja, der Brand ist aus.“

„Das dachte ich mir. Und sonst?“

„Sonst? Was soll es denn sonst noch Neues geben?“

„Na, zum Beispiel, ob Eunike noch lebt.“

„Weshalb sollte sie denn nicht mehr leben?“

Details

Seiten
275
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940923
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v888668
Schlagworte
historischer kind kriminalroman mann nikaia

Autor

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Titel: Hat Nikaia Mann und Kind ermordet? - Historischer Kriminalroman