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Das Testament des Chefs

©2020 115 Seiten

Zusammenfassung


Der König ist tot. Lang lebe der neue König. Nolan Curtis glaubt fest daran, dass er der neue König der Ryland Trucking Company ist und sucht schon mal die ersten Namen für die ersten Kündigungen heraus. Er will die Firma vergrößern, will mehr Gewinne und das heißt viele Veränderungen. Er ist sich seiner Sache sehr sicher, denn er kennt den Inhalt von Rylands Testament – glaubt er.

Leseprobe

Table of Contents

Das Testament des Chefs

Copyright

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Das Testament des Chefs

Roman von W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 115 Taschenbuchseiten.

Der König ist tot. Lang lebe der neue König. Nolan Curtis glaubt fest daran, dass er der neue König der Ryland Trucking Company ist und sucht schon mal die ersten Namen für die ersten Kündigungen heraus. Er will die Firma vergrößern, will mehr Gewinne und das heißt viele Veränderungen. Er ist sich seiner Sache sehr sicher, denn er kennt den Inhalt von Rylands Testament – glaubt er.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

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1

Das Dröhnen des Meiers war ohrenbetäubend, aber Clay Palmer nahm es nicht wahr. Er starrte auf die Nadel des Tourenzählers. Sie kroch über die Achttausender-Marke hinweg. Der Wagen fegte wie ein metallicblaues Geschoss über die weite Fläche des Salzsees. Immer schneller — schneller…

Palmer fühlte sich mit dem Wagen verwachsen. Er hatte noch Spiel im Gaspedal und trat es leicht tiefer. Er wollte den Motor bis zum äußersten aufdrehen, ehe er in den letzten Gang weiterschaltete.

Plötzlich — ein Schatten von rechts. Heftig zuckte Palmer zusammen. Ehe er erkannte, was dieser Schatten war, hatte er schon das Lenkrad verrissen. Der Wagen schleuderte, Palmer schrie auf. Der Rennwagen geriet mit den breiten Reifen auf eine Unebenheit und wurde wie von einer Rampe hochkatapultiert. Er verlor den Bodenkontakt. Die Antriebsräder drehten durch. Der Wagen flog und kam zu schräg auf. Er rutschte, kippte, etwas brach, kreischte, brüllte — und dann ging für Clay Palmer die Welt unter…

Beth Lionels umklammerte das Fernglas, als wollte sie es zerbrechen. Sie sah den Vogel, der erschreckt aufflatterte. Sah, wie im nächsten Moment Clays Wagen sich drehte, hochgeschleudert wurde, sich überschlug…

Sie wollte schreien. Sie starb zehntausend Tode.

Sirenen heulten auf.

Löschfahrzeuge rückten an, jagten mit zuckenden Rotlichtern los. Ein paar Fahrer und Mechaniker waren aufgesprungen, totenblass in den Gesichtern. Einer rannte zu seinem Geländewagen, sprang hinein und startete. Ein Ambulanzfahrzeug kam um die Wellblechbaracke geschossen, Reifen kreischten, dann fegte der große Wagen hinter den Löschfahrzeugen der Platzfeuerwehr her. Die großen Einsatzwagen mit den superstarken Motoren waren fast so schnell wie Rennwagen. Sie mussten es auch sein. Sie mussten innerhalb von zwei, höchstens drei Minuten auch den entferntesten Platz der Rennstrecke erreichen können.

Beth Lionels rannte winkend hinter dem davonbrausenden Geländewagen her. »Warte«, schrie sie. »Warte, ich muss mit…« Das teure Fernglas zerschellte auf dem harten Boden. Eine feste Hand umklammerte Beth’ Oberarm, riss sie herum. »Bleib hier, Mädchen«, stieß Rick Maloney hervor, der Rennleiter. »Du kannst da doch nichts machen. Du stehst den Leuten nur im Wege.«

»Aber Clay…«

»Den siehst du früh genug, wenn sie ihn herbringen. Und ansonsten ist es besser, wenn du ihn so in Erinnerung behältst, wie er hier gestartet ist! Mach keinen Unsinn, Girly!«

Aus weit aufgerissenen Augen sah sie Maloney an. »Lass mich los, oder ich bringe dich um!«, schrie sie.

Er ließ sie nicht los, und sie brachte ihn nicht um. Hilflos aufschluchzend sank sie zusammen, und er hielt sie fest, damit sie nicht stürzte. Ihr Herz brannte, und sie dachte an Clay Palmer, der jetzt in den Trümmern seines Rennwagens lag. Des schnellsten Wagens, den der Salzsee von Utah je gesehen hatte.

»Oh, warum? Warum Clay?«, hörte Maloney sie verzweifelt flüstern.

»Komm, Mädchen. Trink erst mal einen Whisky. Aber nur einen, hörst du? Nicht mehr!« Maloney zog sie mit sich in die Wellblechhütte. Drinnen war es heiß wie in der Hölle. Die Klimaanlage war zum dritten Mal innerhalb von drei Stunden ausgefallen. Zwei Techniker schraubten und fluchten um die Wette, bloß kühler wurde es davon nicht. Maloney riss in seinem kleinen Büro die Eisschranktür auf, holte den Whisky heraus und füllte ein Glas ab. Er drückte es dem Mädchen in die Hand.

Beth schluckte den Whisky wie Wasser.

Dann schüttelte sie sich heftig.

»So«, sagte Maloney und verschloss die Flasche wieder in der Icebox. »Jetzt setzt du dich hier hin und rührst dich nicht vom Fleck, verstanden? Ich frage nach, was nun eigentlich los ist.«

Er verschwand im Nebenraum, um Funkverbindung mit den Löschfahrzeugen aufzunehmen. Beth sah ihm blicklos nach. Die Zeit stand für sie still. Reglos saß sie da, starrte die Tür an und sah doch nichts. Sie träumte von Clay Palmer, wie er sie in den Armen hielt, wie sie sich küssten und liebten… Clay, wie er wie immer in den Wagen kletterte, in seinem Asbestanzug, mit dem schweren Helm… und dann das grauenhafte Bild des sich überschlagenden Wagens in der zweiten Runde dieses Trainingslaufs.

Warum Clay? Warum nicht irgendein anderer, wenn es schon sein musste?

Nach einer Million Jahre flog die Tür krachend auf, schwang durch bis zur Wand. Rick Maloney polterte herein. »Da hast du deinen Prachtbengel, du Goldstück«, schrie er. »Und jetzt trinken wir alle noch einen Whisky!«

Beth fuhr von ihrem Stuhl hoch. Ein Toter trat ein, grinste auch noch unverschämt vergnügt, kam auf sie zu und fasste sie bei den Schultern, zog sie an sich, ganz eng… und der Tote war gar nicht tot, sondern so frisch und lebenswarm, dass Beth sein Herz hämmern hörte! Und da fanden sich ihre Lippen, und sein Kuss war heiß wie das Leben.

»Clay«, stammelte sie. »Clay… du lebst… dem Himmel sei Dank!«

»Unverschämtes Glück hat er gehabt, dieser leichtsinnige Vogel«, übertönte Maloney das Gluckern des Whiskys.

»Von wegen Glück! Technik«, krächzte Palmer heiser. »Her mit dem Gesöff!« Er stürzte den Whisky herunter wie vorher Beth, stellte das leere Glas hin und deutete mit dem Finger drauf. »Vollmachen, diesmal aber richtig! Ich hab’s nötig…«

Er trank nur, wenn er nicht fuhr. Und fahren konnte er jetzt nicht mehr. Nach einer Weile saß er dann auf der Schreibtischkante, nippte nur noch an dem goldgelben kühlen Getränk und erzählte.

»Weiß der Henker, wo der Vogel plötzlich herkam«, sagte er. »Dabei war ich so schön drin. Ich hatte ein Affentempo drauf. Der Drehzahlmesser ging schon auf die Zehn zu, als es passierte. Ich erschrak, riss das Lenkrad herum. Gegen Reflexe bist du hilflos. Es hätte ja ein Wagen sein können, nicht? Ich hab’ vergessen, dass es nur Training war, dass ich allein draußen auf der Piste war. Na ja, und da bin ich auf eine Kante gekommen, hab’ mich überschlagen. Aber ich lebe noch. Trotz des Affentempos.«

»Aber… wie?«, fragte Beth Lionels. »Das ist doch unmöglich…«

»Meine Konstruktion!« Er tippte sich an die Stirn. »Die Versteifung, von der du gesagt hast, sie würde nur unnötig Sprit schlucken, weil sie zusätzliches Gewicht mitbringt, Rick! Jetzt hat sie mir das Leben gerettet! Der Wagen ist zwar hin, aber ich bin nur mit ein paar blauen Flecken ausgestiegen. Ich hab’s bewiesen, dass meine Idee richtig war!«

»Besser, du hättest es nicht beweisen müssen«, murmelte Beth. »Ich kann es immer noch nicht glauben.«

»Es hat ja nicht mal richtig Feuer gegeben«, sagte Palmer. »Die paar Flämmchen hätte ich auspusten können. Auf jeden Fall ist mir nichts passiert.«

»Der Wagen ist hin?«, fragte Beth leise.

»Ja«, knurrte er. »Totalschaden. Reif für den Schrott. Rick, gib mir das Telefon. Aber mit einer möglichst dicken Leitung, damit mein Fuß durchpasst, wenn ich Ashron in seinen Allerwertesten trete! Der soll mich noch einmal weichklopfen,- den Ersatzwagen zu Hause stehen zu lassen, um Transportkosten zu sparen, dieser Volltrottel…«

Ashron war Palmers Rennmanager. Palmer war keine Berühmtheit unter den Fahrern, er war dritte Garnitur und konnte eigentlich froh sein, dass sich überhaupt jemand seiner annahm, ihm Sponsoren beschaffte, Gelder lockermachte und dafür sorgte, dass er in den besten Rennen mit starten konnte. Aber Palmer hatte ein Goldhändchen für Rennwagenkonstruktionen. Der Wagen, den er draußen auf dem Salzsee in seine Einzelteile zerlegt hatte, war sein Eigenbau. Und er wusste, dass er es, diesmal, mit dieser Konstruktion, geschafft hätte, den anderen die Zähne zu zeigen. Diesmal wäre er ins Spitzenfeld gekommen. Das hatte sogar Rick Maloney, der Rennleiter, nur zu deutlich erkannt, und die anderen Fahrer im Trainingslager diskutierten bereits Palmers Zeiten in den beiden ersten Trainingsrunden.

Er bekam Ashron ans Telefon. Der saß bequem im Hotel und genoss das Leben. Palmer hörte zwei Frauenstimmen im Hintergrund. Bei Steve Ashron schien es recht locker herzugehen. Das hielt Clay Palmer nicht davon ab, seinem Manager den Marsch zu blasen. »… und schaff mir den zweiten Wagen her, am besten vorgestern gegen Mittag! Ich weiß, dass ich einen der ersten Plätze mache, ich bin diesmal schnell und sicher genug! Wenn ich bloß nicht auf dich Kasper gehört hätte! Kosten sparen! Nur einen Wagen mitnehmen, der reicht doch«, äffte er Ashrons Stimme von vor ein paar Tagen nach. »Jetzt kommt die Sache teurer! Schaff mir den Wagen heran, oder du lernst mich kennen!«

»Mann, reg dich wieder ab«, krächzte Ashron. »Immerhin hättest du den Wagen ja nicht zerlegen müssen, eh? Was ist, wenn du den zweiten auch zu Schrott fährst?«

»Dann kannst du immer noch mit den Niagara-Fällen um die Wette weinen! Auch wenn’s dir fast egal ist, obgleich du als mein Manager eigentlich auch am Geldverdienen interessiert sein müsstest - mir ist es nicht egal. Ich will gewinnen, Ashron. Und wenn du das verhinderst, holt dich der Teufel scheibchenweise!«

»Keine Drohungen, Palmer«, knurrte Ashron drüben. »Okay, ich lasse den Wagen holen! Und du werd erst mal ruhiger. Du stehst ja noch unter Unfallschock…«

Palmer warf den Hörer auf die Gabel. »Unfallschock«, bellte er. »Der hat ja keine Ahnung… Mann, wenn ich das Rennen nicht packe, weil der Wagen nicht rechtzeitig kommt…«

»Reg dich ab«, mahnte Maloney. »Du kannst im Augenblick ohnehin nichts machen. Sei froh, dass du heil davongekommen bist. Mach dir zwei, drei Tage Urlaub mit deinem Girl. Ihr habt’s beide nötig. Wenn der Wagen hier ist, sieht alles ganz anders aus, okay? Und sauf mir nicht den ganzen Whisky weg, Mann!« Er schnappte Palmer die schon fast leere Flasche vor der zugreifenden Hand weg.

Clay Palmer nickte.

»Ist eine gute Idee, Rick«, sagte er. Dann sah er Beth Lionels an. »Was hältst du davon, Beth? Wir rufen ein Taxi, lassen uns irgendwohin fahren und feiern meinen Geburtstag. Was meinst du? Ein verträumtes Lokal oder eine grüne Wiese?«

»Eine grüne Wiese«, sagte sie spontan. »Aber eine, wo wir ungestört sind! Keine Spanner, keine Rinder. Nur Gras und Blumen und wir.«

Palmer sprang von der Schreibtischkante. Den genossenen Whisky sah man ihm nicht an. Er schwankte und lallte nicht, und er bewegte sich absolut zielbewusst, als er das Mädchen wieder in die Arme schloss und küsste. Dann verließen sie Hand in Hand das Büro des Rennleiters. Rick Maloney hob die Brauen. Clay Palmer war ein verrückter, ausgeflippter Bursche. Aber er konnte was, auch wenn er früher dem Rennfeld immer hinterher gefahren war. Aber er hatte eben immer etwas Pech gehabt, und er hatte den schlechtesten Manager, den Maloney kannte. Der Rennleiter überlegte, ob er in dieser Hinsicht nicht etwas für Clay Palmer tun konnte.

 

 

2

Eine eigentümliche, bedrückende Stille lag über dem Gelände der Ryland Trucking Company am Rande von San Antonio, Texas. Die auf Halbmast gezogene Texas-Flagge vor dem Verwaltungsgebäude hing schlaff in der Windstille. Wenn jemand sprach, dann geschah das leise, gedämpft, und selbst die Motoren der schweren Trucks schienen nicht so laut zu brüllen wie üblich.

Sogar die Tierwelt schien etwas von der bedrückenden Trauerstimmung aufgefangen zu haben. Die Ochsenfrösche im Teich vor der Glasfensterfront blieben stumm.

Nolan Curtis sah durch das große Panoramafenster auf das Gelände hinaus, das von einem weiten, hohen Drahtzaun eingefriedet wurde, um den Wachmänner der »Secutonio« patrouillierten. Gerade rollte ein papageibunter Marmon-Truck durch die Torsperre auf das Gelände; an den Türen des Fahrerhauses das Wappen der RTC und an der langen CB-Antenne den schwarzen Trauerflor.

Selbst ein eiskalter Rechner wie »Sharkey« Curtis blieb nicht ganz unberührt von der Stimmung, die die ganze Firma gefangen hielt. Hier, wo er jetzt stand, hatte noch bis vor ein paar Tagen Luke Ryland gestanden und nach draußen geschaut, wenn er eine Pause einlegte, um dem Papierkrieg der Firmenleitung für eine Weile zu entgehen. Hier hatte er auf die großen Trucks hinausgesehen, die zeitlebens sein Traum gewesen waren.

Und einer davon war jetzt sein Tod geworden.

Oben in den Bergen Idahos war er gestorben, der King, der große Mann, der vor fünfundzwanzig, dreißig Jahren zusammen mit seinem Partner und einem klapperigen Eigenbautruck begonnen hatte und der zuletzt der Herr eines riesigen Transport-Imperiums gewesen war, mit rund zweitausend Trucks und rund sechstausend Angestellten, die überall in den Staaten für ihn tätig waren.

Für Luke Ryland, den Trucker-King.

Der König ist tot, es lebe der König, dachte Curtis, aber zu seinem eigenen Erstaunen schwang eine seltsame Bitterkeit dabei mit. Vielleicht lag es daran, dass er jetzt hier in Rylands Büro stand. Jahrelang hatte er darauf hingearbeitet, die Firma zu übernehmen und an diesem Schreibtisch zu sitzen. Jetzt konnte er es - und wollte es nicht mehr. Zu viel in diesem Büro erinnerte ihn an seinen verunglückten Schwiegervater.

Es wird abgeschlossen und nicht mehr genutzt werden, dachte er. Es war Dads Büro und soll es bleiben. Mein eigenes Büro wird einen Aktenschrank mehr auch noch verkraften, und wenn die Datenterminals erst installiert sind und der Rechner steht, spielen Räumlichkeiten ohnehin keine Rolle mehr…

»Nur nicht sentimental werden, Sharkey«, flüsterte er im Selbstgespräch. »Es geht weiter. Und wie es weiter geht…«

Er zuckte zusammen, als er die Frauenstimme hinter sich hörte. »Sagten Sie etwas, Nolan?«, fragte Sharon Hayes, Rylands Sekretärin. Sie stand in der Tür zum Vorzimmer, in einem schlichten, dunklen Kleid.

Curtis wandte sich um.

»Nichts«, sagte er. »Ich führte nur ein kleines Selbstgespräch. Das reinigt die Gedanken. Es muss weitergehen, auch ohne den King, Sharon.«

Er verließ das Büro, schritt an ihr vorbei. Du hast auch die längste Zeit hinter mir her spioniert, dachte er grimmig. Wenn du klug bist, Sharon Hayes, siehst du dich schon nach einer neuen Stelle um. Du magst mich nicht, und ich mag dich nicht - du fliegst. Und Littlejohn und O’Neill gleich mit. Ich finde schon einen Weg…

Jetzt halte ich diese Firma.

Jetzt bin ich - der King…

 

 

3

Pat O’Neill schleuderte den Schraubenschlüssel mit einer kurzen, heftigen Bewegung auf die Werkbank. Der Schlüssel prallte wieder hoch und fiel auf der anderen Seite auf den Boden. »Zum Teufel«, knurrte der Wagenmeister und Chefmechaniker der RTC. »Ich werde hier noch wahnsinnig! Was wollen die Zirkusclowns hier?«

Dan Curtis sah erstaunt zum Eingang und dann wieder zu O’Neill. Wutausbrüche dieser Art passten nicht zu dem Mann mit den irischen Vorfahren. Aber was war in diesen Tagen schon normal, nach dem Unfalltod des Kings?

Drei Männer in grauen und beigen Anzügen betraten die große Reparaturhalle, an deren Seite Pat O’Neill sein Büro hatte. Der Chefmechaniker stürmte in die Halle hinaus und direkt auf die drei Männer zu. »Wer sind Sie?«, fuhr er sie an. »Was wollen Sie hier? Der Zutritt ist verboten!«

»Sie müssen Mister O’Neill sein«, sagte einer der Anzugtypen. »Mein Name ist Rack, das sind Bulster und Cogburn. Wir kommen von der CCC-Electronics Limited. Mister Curtis sagte, wir sollten uns mit Ihnen unterhalten und uns umsehen, wieweit der Einsatz der elektronischen Datenverarbeitung hier…«

»Raus«, sagte Pat. »Verschwinden Sie. Ich habe keine Zeit, mich mit Ihnen über diesen Unsinn zu unterhalten. Solange ich weiß, wo alle Teile griffbereit liegen, solange ich weiß, wie ein Truck funktioniert und aus welchen Teilen er besteht, brauche ich hier keine EDV!«

»Aber das sehen Sie falsch, Sir«, sagte Rack. »Die EDV erleichtert auch Ihre Arbeit ungemein, weil Sie dann nicht mehr alles im Kopf haben müssen und frei für kreative Gedanken sind. Sie sehen auf einen Tastendruck, ob Ersatzteile noch vorrätig sind oder nachbestellt werden müssen, Sie sehen, ob Ihre Werkstatt Kapazität für die Abfertigung weiterer Trucks hat und…«

»Ich bin kein Sir«, knurrte Pat. »Ich bin O’Neill. Und nun lassen Sie mich hier in Ruhe arbeiten. Sie stehen meinen Leuten und mir im Weg!«

»Aber, Sir…«

»Zum letzten Mal«, sagte Pat. »Gehen Sie zu Curtis oder zum Teufel - es wird aufs selbe hinauslaufen.« Er stieß einen schrillen Pfiff aus. Curtis kam aus dem Büro, und aus ein paar Montagegruben kletterten Männer in ölverschmierten Overalls unter den Trucks hervor, die hier zur Wartung oder wegen fälliger Reparaturen standen und abgefertigt wurden.

Rack hob abwehrend die Hände. »Hören Sie, Sir, was soll das? Wir sind hier, weil Mister Curtis…«

»Kommen Sie«, murmelte Cogburn. »Die bringen es fertig und prügeln uns hinaus. Himmel, in welche übergeschnappte Gesellschaft sind wir hier geraten?«

»Wir prügeln niemanden«, versicherte Pat grimmig. »Es könnte bloß sein, dass Ihre Anzüge ein paar Ölflecken abbekommen. Deshalb sollten Sie lieber gehen. Wir wollen doch nur, dass Sie sauber bleiben!«

Rack, Bulster und Cogburn stürmten nach draußen. Pat sah ihnen mit gerunzelter Stirn nach.

»An die Arbeit, Leute«, rief er seinen Männern zu. Dann sah er Curtis an.

»War das nötig, Boss?«, fragte der Mechaniker. »Das kann doch nur Ärger geben.«

»Ärger habe ich schon genug am Hals«, fauchte Pat. »Es geht schon los. Der King ist erst ein paar Tage tot und noch nicht mal das Testament verlesen, da fängt Curtis schon an, loszulegen. Weißt du, was das Auftauchen dieser drei komischen Vögel bedeutet?«

»Boss, ich sehe es so, wie’s dieser Rack sagte. Die Computer bringen uns Arbeitserleichterung…«

»Klar«, sagte Pat. »Meinst du im Ernst, der King hätte so etwas nicht auch gewusst? Der hat nie hinterm Mond gelebt. Aber wenn hier die Computer Einzug halten, fliegt die Hälfte unserer Crew! Möchtest du zu der Hälfte gehören, die gehen muss?«

»Boss, du siehst zu schwarz!«

Pat tippte ihm mit dem Zeigefinger vor die Brust. »Dan, einer von denen, die gehen müssen, wenn es nach Curtis' Willen läuft, bin ich! Und jeder, der aufmuckt, kriegt ebenfalls den Freiflugschein.«

»Das Arbeitsrecht…«

»… und den Kündigungsschutz kannst du vergessen! Curtis findet einen Weg, dafür garantiere ich dir. Er ist der geborene Intrigant. Himmel, ich muss hier raus! Ich fasse es einfach nicht.«

Kopfschüttelnd sah Dan Curtis ihn an. »Du siehst wirklich schwarz, Boss.«

»Ich habe den King gekannt, seit wir zusammen diese Firma auf die Beine gestellt haben. Ich kenne Curtis, seit er hier anfing. Und ich weiß, wie ich beide einschätzen muss, den Toten und den Lebenden. Macht hier weiter… ich bin in einer halben Stunde wieder hier, denke ich.«

Er stapfte wütend davon.

Dan Curtis sah ihm nach. Rylands Tod geht ihm nahe, dachte er. Zu nahe! Pat müsste mal ein paar Tage Abstand gewinnen, sonst flippt er hier noch aus…

Er ahnte nicht, dass Pat O’Neill dieselben Gedanken hegte…

 

 

4

Nolan Curtis' Büro flog auf. Pat O’Neill stürmte herein und bis direkt an den Schreibtisch. Hinter ihm winkte Mary Anne Colter, die schwarzhaarige Sekretärin des »Hais«, wild mit den Armen. »Ich konnte ihn nicht aufhalten, Nolan…«

»Mich kann auch keiner aufhalten«, sagte O’Neill energisch. »Tür zu!«

Als Mary Anne nicht reagierte, warf Pat die Zwischentür selbst ins Schloss. Dann starrte er Curtis wütend an.

»Was ist denn in dich gefahren, Pat?«, fragte Nolan, obgleich er es sich denken konnte. Er hatte vorhin die drei Computerleute fast fluchtartig aus der größten der Reparaturhallen kommen gesehen. Die drei Männer saßen jetzt wahrscheinlich in der Firmenkantine oder kümmerten sich um einen anderen Bereich der RTC. Curtis hatte ihnen freie Hand gelassen. Sie sollten ein Gutachten erstellen, in welchen Bereichen Computertechnik am günstigsten einsetzbar war und die besten Einsparungen ermöglichte. Curtis wollte rationalisieren. Die ersten Grundsteine hatte er schon vor einiger Zeit gelegt, in jener Zeit, als Ryland nach einem Attentat im Krankenhaus gelegen hatte und niemand wusste, ob er überlebte oder starb. Damals war Curtis, der Geschäftsführer mit einem Anteil von 25 Prozent am Betriebskapital, bereits sicher gewesen, die Firma zu übernehmen, und er hatte bereits umzustrukturieren begonnen. Als Ryland wieder auftauchte, war das vorbei gewesen, und Curtis musste zurückstecken. Jetzt aber - er wusste, dass er nun schalten und walten konnte, wie er wollte.

Er war darüber informiert, was im Testament stand. Seine Frau Amber würde 20 Prozent der Geschäftsanteile erben. Das machte bereits 45 Prozent. Carla Sue, des Kings zweite Tochter, und der ungeliebte Miterbe Jim Sherman kamen zusammen nur auf 40 Prozent. Sie würden ihn nicht mehr aufhalten können.

Lediglich die fünfzehn Prozent, die unter dem bislang unentschlüsselbaren Code »Amarillo« festgelegt waren, in jenem Geheimdokument, an das der windige Matt Slater nicht herangekommen war, waren ein Unsicherheitsfaktor. Aber Curtis war sicher, dass ihm das nicht sonderlich gefährlich werden konnte. Immerhin - es konnte sich nur um einen Außenstehenden handeln, der bislang mit der Firma nichts zu tun hatte. Denn sonst hätte es für den Erblasser keine Veranlassung gegeben, diesen Erben zu verschlüsseln. Ein Fremder aber durchblickte die Firmenstruktur längst nicht so schnell wie Curtis, der seit Jahren hier tätig war und jetzt daran arbeitete, auch den letzten Rest unter seine unmittelbare Kontrolle zu bekommen. Er musste nur schnell genug sein und alles so absichern, dass es keine Möglichkeit mehr gab, Entscheidungen rückgängig zu machen.

Curtis wollte vor allem rationalisieren.

Mit etwa sechstausend Angestellten war ihm die Firma einfach zu unüberschaubar und zu uneffektiv. Er schätzte, dass er wenigstens tausend Mitarbeiter einsparen konnte. Daher verstärkter EDV-Einsatz sowohl hier in San Antonio wie auch überall in den Staaten in den Niederlassungen. Wahrscheinlich würde nur die kleine Kette der Frachtagenturen, die erst vor kurzem aufgebaut worden war und der Erweiterung harrte, ungeschoren bleiben.

Der EDV-Einsatz konnte vielleicht sogar Einsparungen bei den Truckern bringen. Wenn diese effektiver eingesetzt wurden, auf bestimmte Strecken spezialisiert und schneller disponierbar, war es nicht unbedingt erforderlich, ständig zwei Mann in der Kabine zu haben - Curtis schätzte, dass er mit viel Glück vielleicht fünfzig der Männer entlassen konnte. Da würde Sherman zwar auf die Barrikaden gehen, aber was wollte er schon groß unternehmen?

»Ich durchschaue dich, Sharkey«, sagte O’Neill schroff. »Es geht schon los, wie? Du nimmst die Zügel auf, bevor das Pferd richtig angeschirrt ist! Sag mal, hast du überhaupt keinen winzigen Rest von Respekt vor dem Toten?«

»Ich weiß nicht, wovon du redest«, erwiderte Curtis. »Setz dich doch, Pat. Möchtest du etwas trinken? Mary Anne…«

Pat winkte ab. »Lenk nicht ab, Sharkey. Du weißt genau, wovon ich spreche. Meinst du, ich wüsste nicht, was die drei Salzmänner von der CCC hier wollen? Ausschau halten, wer ersetzbar ist! Eines sage ich dir, Nolan: Die Garage und der Fuhrpark sind mein Bereich. Da hat mir nicht einmal der King hineingeredet, und so bleibt es auch! Wage nicht, mir in meine Arbeit zu pfuschen und mir vorzuschreiben, was…«

Curtis hob beide Hände. »Pat! Was ist in dich gefahren? Du siehst das vollkommen falsch«, sagte er.

»Ach.«

»Schau, es geht um Arbeitserleichterung. Die Trucks werden immer moderner, immer komplizierter. Die Elektronik zieht ins Führerhaus ein. Glaubst du im Ernst, Pat, du würdest dich noch lange dagegen sperren können? Du brauchst entsprechende Testgeräte in deiner Werkstatt, du brauchst weniger den Schraubenzieher und den Hammer, sondern mehr das Bauteil, den Chip, das Modul… ich verstehe selbst zu wenig davon. Aber ich sehe, dass du nicht daran vorbeikommen wirst, umzurüsten. Und wenn wir schon dabei sind, können wir auch gleich die Logistik von der EDV miterledigen lassen.«

»Sharkey, du bist und bleibst ein verdammtes Schlitzohr«, sagte Pat grimmig. »Als nächstes erzählst du mir, dass ich weniger Handwerker brauche, sondern Programmierer. Und als übernächstes wirst du mir klar machen, dass ich selbst zu alt bin, um noch umzulernen. So ist es doch, oder? Aber die Muttern beim Radwechsel zieht immer noch der Monteur fest und nicht der Computer! Wir haben zwei Dutzend verschiedene Typen von Trucks…«

»Gerade deshalb wird es Zeit, auf EDV umzustellen, allein der Teilelagerung wegen. Du kannst doch schon gar nicht mehr überblicken, was…«

»Ich kann«, sagte Pat. »Aber es dürfte zwecklos sein, mit dir darüber zu reden. Ich sage dir nur eins: Was du aus dem Verwaltungsbereich machst, daran kann ich dich nicht hindern! Aber aus Fuhrpark und Werkstatt hältst du deinen Rüssel raus!«

Curtis presste die Lippen zusammen. Sekundenlang entstand eine steile Falte auf seiner Stirn. Dann aber glättete sich sein Gesicht wieder, und er zwang sich zu einem Lächeln.

»Sieh mal, Pat. Du bist verdammt erregt. Ich kann dir nachfühlen, welcher Verlust Dads Tod für dich ist. Aber das Leben geht weiter. Dad ist tot, aber wir anderen alle«, er machte eine weitausholende Geste mit beiden Armen, »wir alle leben! Für uns muss es weitergehen, und die Firma muss weiterlaufen. Ich weiß, dass du auf deinem Gebiet ein erstklassiger Fachmann bist. Und Dad war ein großer, ein sehr großer Mensch, für den die Probleme seiner Leute an allererster Stelle standen. Für mich…«

Pat schnappte nach Luft und wollte etwas entgegnen. Aber Curtis schaffte es, ihn mit einer leichten Geste seiner Hand schweigen zu lassen.

»Für mich gilt das auch, Pat. Ich bin durchaus nicht der eiskalte Typ, der über Leichen geht. Es scheint nur so. Ich spiele diese Rolle nicht gern, aber im Interesse der Firma muss ich es zuweilen tun. Kannst du das verstehen? Die Welt hat sich gewandelt. Es ist nicht mehr so wie vor dreißig Jahren. Wir befinden uns in einem gnadenlosen Existenzkampf. Ich will nichts gegen den King sagen, Pat, versteh mich bitte nicht falsch. Aber er hat die Zeichen der Zeit übersehen. Für ihn ist die Zeit einfach stehengeblieben. Ich sitze jetzt hier und darf die Fehler ausbügeln, die im Management gemacht worden sind. Ich habe die Aufgabe, den Standard unserer Firma der Konkurrenz anzugleichen. Sonst sind wir nämlich in ein paar Jahren aus dem Rennen!«

Er erhob sich.

»Pat, ich versichere dir, dass ich nur das Beste will. Aber Dad folgte einem Traum. Ich bin gezwungen, mich an Zahlen zu halten. Die Zeit der Träume ist vorbei. Aber ich versichere dir, dass ich mich nicht in deinen Arbeitsbereich einmischen werde, solange du zur RTC gehörst, okay? Ich werde nicht mehr in deine Werkstatt eingreifen. Mach mit deiner Crew deine Arbeit, wie du es für richtig hältst. Ich will keinen Streit, Pat, schon gar nicht mit dir.«

Er lächelte gewinnend und streckte die Hand aus.

Pat starrte ihn an.

»Das sind ja ganz neue Töne. Die kennt man von dir ja gar nicht«, sagte er. »Du steckst so einfach zurück?«

»Das ist kein Zurückstecken, Pat, das ist ein Einsehen von Notwendigkeit. Wie gesagt, ich will keinen Streit.«

»Ich nehme dich beim Wort, Nolan«, sagte O’Neill grimmig. Die ausgestreckte Hand des Geschäftsführers übersah er großzügig. Er traute Curtis trotz allem nicht. Ihm war die Falle in dessen Worten nicht entgangen:… solange du zur RTC gehörst!

Er presste die Lippen zusammen und nickte.

»Da ist noch etwas, Nolan«, sagte er rau. »Ich brauche ein paar Tage Abstand von alledem hier. Ich sehe jedesmal, wenn ich dieses Gebäude betrachte, den King hier stehen. Alles erinnert mich an ihn. Ich denke, ich werde Urlaub nehmen. Unbezahlten, wenn’s sein muss.«

»Natürlich«, nickte Curtis. »Wenn der Laden auch ohne dich läuft…«

Pat grinste. Auch diesen Fallstrick erkannte er nur zu deutlich.

»Er läuft ohne mich zwar nicht«, sagte er. »Aber so zwei, drei Tage wird’s schon gehen. Ich muss einfach raus hier. Und sei unbesorgt, ich nehme den Urlaub unbezahlt.«

»Ach, darum geht’s doch gar nicht«, wehrte Curtis ab.

»Na, dann ist es ja gut.« O’Neill verließ das Büro, marschierte an Mary Anne Colter vorbei und nickte ihr knapp zu. Er durchschaute das Gesamtbild sehr wohl. Mary Anne würde Sharon Hayes ersetzen, und die Colter war von Curtis' Schlag. Es war eine Firma geworden, in der Pat sich nicht mehr wohlfühlen konnte.

Aber, verdammt noch mal, diese Firma war sein Leben. Er würde sich nicht so einfach hinausboxen lassen. Da würde sich Curtis noch die Zähne ausbeißen…

Als Pat ins Freie trat und daran dachte, dass er der Firma zumindest für ein paar Tage den Rücken kehren würde, um wieder zu sich selbst zu finden, wusste er, dass er den richtigen Entschluss gefasst hatte.

 

 

5

»Jemand wird Sharkey auf die Finger klopfen müssen«, sagte Carla Sue. »Marilyn rief gerade an, ob wir etwas Neues wüssten. Sie hat mit Sharon telefoniert. Sharkey fühlt sich schon als der große Boss. Er fängt an, die ganze Firma auf den Kopf zu stellen.« Sie kam zu Jim Sherman ans Fenster und drückte ihm ein Glas mit einem Fruchtsaftgemisch in die Hand. Die Eiswürfel klickten leise gegeneinander. Von hier oben, aus der Penthouse-Wohnung eines sechzigstöckigen Wolkenkratzers im Stadtteil East Kelly, hatte man einen traumhaften Blick über San Antonio und das weite flache Hinterland. Leise surrte die Klimaanlage. Jim nippte an dem Getränk und wandte sich um. Er sah Carla Sue an.

Marilyn Rylands Frage nach etwas Neuem galt garantiert den Ermittlungen an der Unfallstelle. Immer noch klammerte sie sich an die Hoffnung, dass es Luke Ryland irgendwie gelungen war, rechtzeitig aus dem Truck zu kommen, ehe die verheerende Explosion erfolgte. Aber alles sprach dagegen. Es gab keine entsprechenden Spuren. Und der Truck musste so schnell in dem verheerenden Feuer verglüht sein, dass selbst der reaktionsschnellste Mensch nicht rechtzeitig hinausgekommen wäre.

Aber Marilyn wollte einfach nicht wahrhaben, dass ihr Mann tot war.

Auch für Jim und die anderen war es schwer vorstellbar. Vor ein paar Tagen war er noch das blühende Leben gewesen, ein aktiver Mitfünfziger, der mit beiden Beinen fest im Leben stand und die Säule der Firma und der Familie war. Und nun - schlagartig ausgelöscht. Für alle Zeiten verschwunden. Nur noch ein Hauch Erinnerung.

Und Leere. Gähnende Leere.

Carla Sue ließ sich auf die Couch sinken und schlug die Beine übereinander. In diesen Tagen war es, als seien Jim und sie nie voneinander geschieden worden. Er war zu ihr gekommen, weil er sah, dass sie Hilfe brauchte. Sie waren nie Feinde gewesen. Aber Jim sah das Flackern der Hoffnung in ihren Augen. Rechnete sie ernsthaft damit, dass er für immer blieb, dass es einen neuen Anfang geben könnte? Für ihn war es eine vorübergehende Sache. Er war hier, um Carla Sue und Marilyn zu helfen, um ihnen so lange einen Halt zu geben, bis Witwe und Tochter wieder auf eigenen Beinen stehen konnten, bis der Schock vorüber war. Dann würde er wieder über die Highway rollen, am Lenkrad seines brandroten Kenworth W 900, hinter sich vierzig Tonnen Last im Auflieger, neben sich den Partner. Jim brauchte die Weite des Landes und die relative Freiheit. Er ließ sich nicht an einen Ort binden.

»Und wer könnte etwas unternehmen?«, fragte er. »Schau mich nicht so auffordernd an. Curtis ist der Geschäftsführer der Firma, und bis zur Testamentseröffnung ist er eben der Boss. Ich schätze, er wird es auch bleiben. Ich habe mit der RTC nichts zu tun. Curtis wird mich mit Recht zur Tür hinauswerfen, wenn ich auftauche, um ihm Vorschriften zu machen. Ich kann nichts tun, Cora.«

»Ich kann mir nicht vorstellen, dass Dad das zugelassen hat«, sagte sie. »Wir wissen doch alle, was er von Sharkeys Methoden hielt. Er ist mit ihm nie so recht glücklich gewesen, aber er konnte ihn nicht hinauswerfen, weil Sharkey fünfundzwanzig Prozent der Anteile hält. Es muss eine andere Lösung geben. Vielleicht wird die Firma auf uns alle verteilt. Oder Marilyn wird Alleinerbin. Das wäre die vernünftigste Lösung. Immerhin versteht sie genug vom Transportgeschäft.«

Jim setze sich auf die Tischkante. »Sicher, aber eine Frau an der Spitze der RTC? Ich weiß nicht, ob das gut wäre. Es gibt auch heute noch zu viele Vorurteile. Ich denke, dass der King sich etwas anderes einfallen ließ.«

Das Summen des Telefons unterbrach das Gespräch. Carla Sue sprang auf und eilte zum Apparat. »Für dich, Jim«, sagte sie dann. »Bob ist dran.«

»Bob?« Jim stellte das Glas auf den Tisch und nahm den Telefonhörer entgegen. Als sie sich im Lafayette-County in Louisiana trennten, weil Jim mit einem Charterflugzeug nach Idaho jettete, zur Unfallstelle des King, musste Bob die Ladung Naturkautschuk allein zur Reifenfabrik nach Dallas bringen. Er hatte versprochen, anschließend nach San Antonio zu kommen, um Jim abzuholen. Aber daraus wurde wohl so bald nichts. Jim wusste, dass er die beiden Frauen jetzt nicht verlassen konnte. Vor allem Marilyn brauchte Unterstützung, Bob würde eine Weile allein fahren müssen.

»Wann kannst du in Dallas sein?«, hörte Jim die vertraute Stimme des Freundes und Partners aus dem Hörer. »Ich habe eine Eilfracht angenommen. Bringt verdammt gutes Geld. Elfhundert Meilen, dreitausend Dollar! Unglaublich, was? Ein Rennwagen muss so schnell wie möglich nach Wendover, Utah. Du weißt schon, die Rennstrecke auf dem Salzsee! Du musst sofort kommen. Am besten mit dem Flugzeug. Mit dem Wagen dauert es bestimmt zu lange. Ich sitze hier auf glühenden Kohlen.«

»Du wirst allein fahren müssen«, sagte Jim. »Ich kann hier nicht weg. Warum hast du die Fracht angenommen?«

Details

Seiten
115
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940916
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2020 (Juni)
Schlagworte
chefs testament

Autor

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Titel: Das Testament des Chefs