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Drei Spannungsromane: Die Erbin in der Zelle / Die wilden Jahre / Marias Rache

2020 328 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Drei Spannungsromane: Die Erbin in der Zelle / Die wilden Jahre / Marias Rache

Copyright

Die Erbin in der Zelle

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Die wilden Jahre

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Marias Rache

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Drei Spannungsromane: Die Erbin in der Zelle / Die wilden Jahre / Marias Rache

Romane von Manfred Weinland und W. K. Giesa

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 328 Taschenbuchseiten.

 

Dieses Buch beinhaltet folgende drei Romane:

Manfred Weinland: Die Erbin in der Zelle

W. K. Giesa: Die wilden Jahre

Manfred Weinland & W. K. Giesa: Marias Rache

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books, Alfred Bekker, Alfred Bekker präsentiert, Casssiopeia-XXX-press, Alfredbooks, Uksak Sonder-Edition, Cassiopeiapress Extra Edition, Cassiopeiapress/AlfredBooks und BEKKERpublishing sind Imprints von

Alfred Bekker

© Roman by Author

© dieser Ausgabe 2020 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Die ausgedachten Personen haben nichts mit tatsächlich lebenden Personen zu tun. Namensgleichheiten sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Die Erbin in der Zelle

Roman von Manfred Weinland

 

Maria Corrigan-Curtis, die in einer Blitzheirat Nolan Curtis geheiratet hat, sitzt seit 12 Monaten in einer Gefängniszelle in Peru. Auch die Tatsache, durch die Heirat amerikanische Staatsbürgerin und Erbin eines großen Vermögens zu sein, nutzt ihr nichts. Überraschend taucht ein ihr fremder Anwalt auf und sorgt für ihre Freilassung. Doch innerlich lebt sie noch immer in einer Zelle.

 

Dieser Roman wird fortgesetzt mit dem Titel „Die wilden Jahre“ von W. K. Giesa.

 

 

1

Riomedina, Texas

Es war ein Morgen wie in Chrom gegossen. Trotz wolkenlosen Himmels haftete dem Frühlicht etwas Unwirkliches an. Die Landschaft, in die sich die Ranch völlig harmonisch fügte, erhielt dadurch etwas von einem eigenwilligen Gemälde, in das ein begnadeter Künstler seine Gemütsverfassung eingebracht hatte.

Der Besitz war traumhaft.

Den Seinen gibt‘s der Herr im Schlaf, dachte Jim Sherman am Steuer seines Ford Mustang. Er tat es nicht bierernst, denn er wusste, dass alles, was er hier sah, auf unermüdlichem Fleiß basierte. Er lenkte sein olivgrünes Cabrio vor das Hauptgebäude und hielt dort an. In und vor den Corral herrschte bereits reges Treiben. Als eine schlanke Brünette hinter einem gesattelten, rassigen Araber-Vollblut auftauchte, stockte Jim kurz das Herz.

Carla Sue?

Carla Sue Sherman, geb. Ryland,

Jims Ex-Frau, 34 Jahre alt, nussbraune Augen, brünettes Haar, elegantes Auftreten, sehr gutaussehend; älteste Tochter des Trucker-Kings. Nach der Scheidung hatte sie in San Antonio eine Boutique namens »Mariachi Mood« eröffnet – anfangs als Ersatzbefriedigung, später als echte Herausforderung. Nichtraucherin. Wohnhaft: East Kelly, San Antonio, Penthouse.

Aber es war nicht seine Ex-Frau, die er seit Wochen nicht mehr zu Gesicht bekommen hatte. Von vorn betrachtet, verlor sich jede Ähnlichkeit mit der Tochter des Trucker-Kings, die ein Jahr jünger als Jim und in ihrer Art gar nicht zu imitieren war. Carla Sue war einmalig. Dass seine Ehe mit ihr gescheitert war, hatte nichts mit Äußerlichkeiten zu tun gehabt. Sie hatte den »Duft des Highways« auf Dauer nicht vertragen.

Bevor der texanische Trucker den Wagen verließ, rückte er seine Sonnenbrille und den obligatorischen Stetson zurecht, von dem viele glaubten, es handele sich stets um denselben. In Wahrheit tauschte Jim die Hüte aus, sobald sie einen bestimmten Grad an Abgegriffenheit aufwiesen. Darin unterschied er sich von solch treuen Seelen, die ihre Hauptbedeckungen wie einen Talisman hegten und pflegten und vermutlich einmal mit ins Grab nehmen würden.

Jim lächelte bei dem flüchtigen Gedanken an Pat, das irische Original mit dem Schirmmützen-Fimmel.

Die von Marilyn und Luke Ryland konsequent vorangetriebene Pferdezucht trug ihre sichtbaren Früchte. Das luxuriöse Anwesen mit den verzweigten Gebäuden und Stallungen erhielt dadurch jenen Touch, der auch weniger aufmerksamen Besuchern verriet, dass die Besitzer es »geschafft« hatten. Hier war Geschmack gnadenlos auf Geld geprallt – oder umgekehrt.

Jim ging die Verandastufen nach oben und nahm die Sonnenbrille ab. Seine blauen Augen funkelten belustigt, als er ein Fohlen beobachtete, das seine Mutter unbeholfen traktierte, um an ihre Stutenmilch heranzukommen. Er löste sich von der Idylle und schob die Fliegentür beiseite. Wenig später trat er in das Ranchgebäude, das so etwas wie das »geistige Zentrum« des Ryland-Clans darstellte, zu dem er sich auch noch nach seiner Scheidung zugehörig fühlen durfte.

Im Haus war es hell, und es roch, als würde man nach langer Abwesenheit heimkehren. Gefühle, die schon lange eine Heimat suchten, wurden hier geweckt. Auch in Jim. Aber er hatte sich vor Jahren entschieden, sich nicht ins gemachte Nest setzen, sondern lieber etwas Eigenes auf die Beine stellen zu wollen.

Als Schwiegersohn hatte er beste Karriere-Karten besessen.

Als Ex-Schwiegersohn besaß er immer noch die Freundschaft jenes Mannes, den man respektvoll den Trucker-King nannte, weil er aus dem Nichts das größte Trucking-Unternehmen im Süden der USA aufgebaut hatte. Mehr als 2000 Trucks und etwa die doppelte Zahl an Angestellten umfasste die Firma; etwa 200 in Verwaltung und technischem Service-Bereich, das Gros stellten die Fahrer, denen immer Rylands Hauptinteresse gegolten hatte. Auch noch, nachdem er »groß« geworden war.

Luke Benjamin Ryland fühlte sich für jeden einzelnen verantwortlich, weil er selbst aus dieser Ecke kam. Mit einem Truck hatte alles angefangen, damals vor über dreißig Jahren.

Jim wusste es so genau, weil sein eigener Vater als Shotgun mit dem »King« gefahren war – bevor dessen rasanter Aufstieg begonnen hatte. Mark Sherman war vor über 18 Jahren tödlich verunglückt, zusammen mit Jims Mutter.

Der maisblonde Trucker verdrängte die Gedanken an diese schwere Zeit, die er als Halbwüchsiger durchgemacht hatte. Er war jetzt fünfunddreißig, und er fühlte sich zu jung, um den Highway aufzugeben, aber noch lange nicht alt genug, um ihn gegen einen biederen Schreibtisch einzutauschen.

Er wusste, dass Ryland ihm auch heute noch einen Stuhl freihielt, aber selbst bei Interesse hätte er es Ray Jordan, Rylands Schwiegersohn, gegenüber als unfair empfunden, der sich berechtigte Chancen ausrechnete, den »Thron« eines Tages zu besteigen.

Ray F. Jordan.

Verheiratet mit der zweiten Tochter des Trucker-Kings, Amber. Unehelicher Sohn von Rylands einstigem Erzfeind Tucker Murphy aus den Anfangstagen der RTC. Ebenfalls 35 Jahre alt, halblanges, dunkles Haar, Vorliebe für legere Kleidung, Talismane und alle möglichen Verrücktheiten; selbst »Trucker auf Zeit«, bis er merkte, dass ihm dieser Job zu stressig war.

Jordan war ein netter Kerl, der Erfahrung im mittleren Management mitbrachte, auch wenn Ryland ihm manchmal mangelnde Härte attestierte. Er war jedoch auf einem guten Weg und benötigte vermutlich nur etwas mehr lobende Anerkennung, um sich voll zu entwickeln.

Noch bevor Jim auf die erste Hausangestellte traf, begegnete er Marilyn.

Sie kam mit einem verwelkten Blumenstrauß aus einem der Zimmer. Ein Ausdruck, der schwer zu deuten war, glitt über ihr faszinierendes Gesicht, dem die mexikanischen Vorfahren deutlich anzumerken waren.

Marilyn Ryland.

38 Jahre alt, die zweite Frau des Trucker-Kings, keine eigenen Kinder, Verwalterin einer Stiftung für schuldlos in Not geratene Trucker; gute Seele und ruhender Pol des Ryland-Clans.

»Jim!« Es klang erleichtert. Trotzdem sie sich anderweitig beschäftigt hatte, schien sie die ganze Zeit auf ihn gewartet zu haben.

Achtlos legte sie den Strauß auf einer Kommode ab und umarmte den Ankömmling eine Sekunde länger als üblich.

Wer nicht Bescheid wusste, hätte die beiden für das ideale Paar halten können. Einen sichtbaren Altersunterschied gab es nicht. Marilyn war drei Jahre älter als Jim. Luke Rylands Frau passte haarscharf ins Bild, das man sich insgeheim von einer temperamentvollen Rassefrau machte: volles, schwarzes Haar, dunkle, verheißungsvolle Augen, dazu das mexikanische Erbe …

Ryland hatte Glück gehabt – höllisches Glück! Nicht nur Jim attestierte ihm das immer wieder. Denn zu ihrem ästhetischen Aussehen brachte Marilyn auch noch Charakter mit. Eine höchst seltene Mischung. Kein anderer Mann durfte sich bei ihr Hoffnungen ausrechnen, und echte Freunde wussten, wie ihre manchmal harmlos-freundschaftlichen Flirts und Neckereien einzuordnen waren.

»Danke, dass du gleich gekommen bist!«

Jim winkte lächelnd ab, obwohl die Erinnerung an Marilyns nächtlichen Anruf etwas in ihm gefrieren ließ. »Ich hätte mich schon um Mitternacht ins Auto gesetzt – aber das wolltest du ja nicht.«

»Nein …« Ihr Blick schien nach innen gerichtet, als lägen dort vorbereitete Antworten für viele vorbereitete Fragen bereit. »Das wollte ich nicht.«

Der Klumpen in Jims Bauch wuchs.

Marilyn führte ihn in die Küche, wo ihn Kaffeeduft begrüßte. Ein Frühstückstisch war gedeckt. Aber auch hier ließ sich keiner der guten Geister blicken, die gewöhnlich unter Marilyns Regie für Ordnung, Sauberkeit und eine angenehme Atmosphäre Sorgten.

»Wir sind allein«, deutete sie Jims Blicke richtig. »Bedenken?«

»Warum sollte ich?« Er setzte sich an den Tisch und goss zunächst ihr, dann sich selbst Kaffee ein, der es in sich zu haben schien. Der Verdacht bestätigte sich beim ersten vorsichtigen Schluck.

»Das weckt die Lebensgeister«, scherzte Jim.

»Ich wünschte, es wäre so …«

Jim wusste, dass damit das Stichwort gefallen war, auf das sie gewartet hatte. Er lehnte sich zurück, sah sie forschend an und sagte: »Fang an!«

Sie flüchtete sich in keine weiteren Phrasen, sondern fragte rundheraus: »Du kennst Luke von einer anderen Warte aus als ich. Könntest du dir vorstellen, dass er mich betrügt?«

Jim hatte mit einigem gerechnet, aber das verschlug ihm den Atem. »Guter Gott, wie kommst du denn auf so was? Nein! Himmel, nein, ich kann mir das nicht vorstellen! Und du solltest es auch nicht. Er …«

»Ich habe Gründe, es anzunehmen«, sagte sie. Ihre Stimme klang dunkel, als müsste sie jedes Wort aus einem Abgrund schöpfen.

Jim begriff, was der bloße Verdacht für Marilyn bereits bedeutete.

»Welche?«, fragte er.

»Ich habe gehört, wie er mit ihr telefonierte«, sagte sie.

Jim überwand das Kribbeln in seiner Kehle. »Du hast ihn belauscht?«

»Ich wurde zufällig und unbemerkt Zeugin«, legte sie Wert auf Richtigstellung.

»Und es war Liebesgeflüster mit einer anderen?«, fragte er ungläubig.

»Es genügte, um mir die Augen zu öffnen. Es passt zu dem, was sich seit Wochen in unserer Ehe abspielt.«

»Was denn?«

»Nichts mehr!«

Sie sagte es krass, aber Jim brauchte sie nur anzusehen, um zu wissen, dass sie sich nichts mehr ersehnte, als dass er ihr die Zweifel genommen und dafür Hoffnung gegeben hätte, dass sie einem großen Missverständnis erlag.

Er stand auf. Vor ihr ging er in die Hocke und nahm ihre Hände. Sie waren kalt, aber er rieb sie sanft. Marilyns Blick ging durch ihn hindurch an einen Punkt, wohin er nicht folgen konnte. Sie stand kurz davor, ihren Tränen freien Lauf zu lassen.

»Ich musste mit jemandem sprechen«, sagte sie erstickt. »Ich musste! Er lässt mich so oft allein …«

Jim räusperte sich. »Erzähl. Erzähl mir alles«, sagte er.

Sie ließ sich nicht zweimal bitten. Aber wie sie es tat, nährte die Sorge in ihm, dass die Heile-Welt-Fassade vor der Ehe der beiden bereits heftig am Bröckeln war.

Er erfuhr, dass Ryland, seitdem er sich körperlich wieder besser fühlte, kaum noch zu Hause war. Entweder ackerte er wie ein Besessener in der RTC, oder er ging mit in Marilyns Augen fadenscheinigen Begründungen mindestens einmal wöchentlich für ein, zwei Tage auf Geschäftsreise.

»Ich wollte ihm nicht nachspionieren«, sagte sie. »Aber irgendwann hielt ich es nicht mehr aus und rief beim Flughafen an. Seither weiß ich, dass Luke immer das gleiche Ziel hat …«

Je länger Jim zuhörte, desto verständlicher wurde ihm Marilyns Verhalten. Selbst blindestes Vertrauen musste irgendwann ins Wanken geraten, wenn der Partner auf offen gestellte Fragen nur noch ausweichend antwortete.

»Als ich dann dieses Telefonat vor drei Tagen mitbekam«, sagte sie mit zitternden Lippen, »war ich nahe dran, selbst die Koffer zu packen, ihm nachzureisen – und vielleicht nicht wieder zurückzukommen .« Sie neigte den Kopf nach vorn und legte ihn auf Jims Schulter. Kurz darauf spürte er heiße Tränen durch sein Hemd. Er verstärkte den Druck, mit dem er ihre Arme umfasste.

»Vielleicht wäre ich nicht so überempfindlich, wenn nicht auch noch dieser Name gewesen wäre.«

»Welcher Name?«

»Er fiel mehrmals im Gespräch …«

»Ja?«

»Deanna!«

Jetzt war Jim alles klar. Auch Luke Rylands erste Frau, mit der er seine beiden Töchter Carla Sue und Amber gezeugt hatte, hatte diesen Namen getragen: Deanna Walsh.

Mit wem Ryland auch immer telefoniert hatte – es war Zufall, dass dieser Jemand ebenfalls diesen Namen trug. Aber auch als Zufall genügte es bei Marilyn, die innerlich seit Längerem auf Habachtstellung war, um das Tränenfass zum Überlaufen zu bringen!

»Und du bist sicher, dass die beiden am Telefon miteinander … turtelten?«, fragte er.

Marilyn hob den Kopf. Ihr Make-up war zerlaufen und gab ihr etwas Tragikomisches. »Ich weiß, wie eine Verabredung klingt!«, erklärte sie schneidend.

Jim richtete sich auf, gab ihr eine Papierserviette, mit der sie sich Tränen und Schminke abwischen konnte, und kehrte zu seinem Platz zurück. Mechanisch nahm er einen Schluck inzwischen fast kalten Kaffees.

»Möchtest du, dass ich mit ihm rede?«

Sie schüttelte den Kopf, aber sie meinte ja.

»Es gibt bestimmt eine harmlose Erklärung«, setzte er an.

»Ich liebe harmlose Erklärungen.« Unsicherheit flackerte nun unübersehbar in ihren Rehaugen. »Aber ich glaube nicht mehr daran. Wenn ich die Einzige wäre, der er weh tut …«

»Wie meinst du das?«

In die Verzweiflung mischte sich jetzt auch Erstaunen. »Du weißt es nicht?«

»Ich weiß was nicht? Bob und ich sind gestern erst heimgekommen. Bei uns tut sich auch einiges. Du weißt es noch nicht, aber wir wollen …«

Sie schien gar nicht zuzuhören. Tonlos sagte sie: »Er hat Pat entlassen.«

Patrick »Pat« O’Neill.

64 Jahre alt, irischer Abstammung, rüstig-vital, stämmig, schneeweißes, aber immer noch volles Haar; Mitbegründer der RTC und ältester Freund des Trucker-Kings, jetziger Wagenmeister und Chefmechaniker. Alleinstehend.

Der kalte Klumpen in Jims Bauch verwandelte sich funkenstiebend in glühende Lava. Es dauerte eine Schrecksekunde, bis er zu einer Erwiderung fähig war.

»Er hat …«

»Oder Pat hat gekündigt. Ich weiß nichts Genaues. Wie auch immer, es ist Ernst, und auch zwischen den beiden muss etwas Tiefgreifendes vorgefallen sein. Das muss es doch, wenn ein Unzertrennlicher sich vom anderen trennt und der andere es einfach akzeptiert?«

Jim war einigermaßen neutral hierher gekommen. Es tauchten immer wieder mal Probleme auf, die man mit gemeinsamer Anstrengung meistern konnte. So wie Marilyn sich jetzt von ihm Rat und Hilfe erhoffte, hatte er selbst sie auch schon aufgesucht. Um so schlimmer empfand er es, dass er ihr nicht wirklich helfen konnte. Vielleicht wenn sie sich ihm früher anvertraut hätte … Mittlerweile hatte sie sich schon so sehr in ihren Verdacht versteift, dass sie »Beruhigungspillen« ohne gleichzeitigen Beweis nicht mehr an sich heranließ.

»Ich werde mit ihm sprechen!«, sagte er. »So ein Narr ist Luke nicht, dass er dich aufs Spiel setzen würde. Er …«

»Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn wir gemeinsame Kinder hätten.«

Der simple Satz genügte, um den Klumpen in eine letzte Qualität übergehen zu lassen. Er lag Jim jetzt wie eine alte, erloschene Sonne im Magen.

»Marilyn …«

»Lass nur.« Sie lächelte missvergnügt.

»Wann erwartest du ihn zurück?«, fragte er, weil ihm keine andere Frage mehr einfiel.

»Heute am frühen Abend.«

»Dann bedanke ich mich für die Einladung zum Dinner. Ich werde pünktlich um acht Uhr hier sein. Mein Gastgeschenk an Luke wird ein kräftiges Shampoo sein, mit dem man sogar einem Dickhäuter den Kopf waschen könnte!«

Auf der Fahrt zurück nach San Antonio achtete Jim ungewohnt nachlässig auf den Verkehr. Nach der dritten brenzligen Situation, in die er sich durch seine gedankliche Abwesenheit gebracht hatte, fuhr er rechts von der Fahrbahn, hielt an und schüttelte immer wieder den Kopf.

Der Trucker-King auf Abwegen?

Pat gekündigt?

Es war nicht zu begreifen!

 

 

2

Iquitos, Peru

Die junge, dunkelhaarige Gefangene studierte ihr Bild in einer Spiegelscherbe an der Wand und suchte herauszufinden, was außer Scherben von ihr noch übriggeblieben war. Der Spiegel war fast blind. Das Gesicht der jungen Frau darin erschien wie ein Gespenst.

In einer normalen Gefängniszelle hätte es keine Glasspiegel gegeben. Schon wegen der Verletzungs- und damit verbundenen Selbstmordgefahren. Hier störte sich niemand daran.

Ein peruanisches Sprichwort sagte: Der Tod klopft jeden Tag an eine andere Tür. Vor Polizeistationen, Kommandozentralen der illegalen Schwadronen oder den Landesgefängnissen machte er am wenigsten Halt.

Geräusche ließen die zierliche Frau zusammenzucken. Schlüssel klirrten metallisch, als sie im Bund aneinander rieben. Dann drehte sich einer von ihnen im Schloss.

In den Augen der Frau irrlichterte jetzt mehr als normale Angst. Viel mehr, als ein Mann in vergleichbarer Situation sich überhaupt vorzustellen vermochte. Noch bemühter starrte sie in das fleckige Glas.

In ihrer Vorstellung glaubte sie den schwitzenden Wärter bereits hinter sich treten zu spüren. Seinen Atem. Seinen Geruch. Seine Berührungen …

Einer leisen Stimme gelang das Kunststück, den Kokon, den sie unsichtbar um sich gesponnen hatte – jeden Tag ein paar Fäden mehr, seit sie hier war – zu überwinden.

»Maria Curtis?«

Maria Conchita Curtis geb. Corrigan.

27 Jahre alt, schwarzgelocktes Haar, bildhübsch, Zwillingsschwester von Mario Corrigan; ehemalige Gemeindeschwester in Cancorra, Paraguay, bis der »Ruf« ihres Erbes sie erreichte. Seither designierte Chefin der ALAMO; »taktisch verheiratet« mit Nolan Curtis.

Sie drehte sich um. Ihr Blick blieb leer.

Der Mann sah aus wie ein Anwalt, aber es handelte sich nicht um Garcia Penalba.

Der Fremde war – und das allein war schon ungewöhnlich – ohne die Begleitung eines Wärters eingetreten. Der Aufsichtsbeamte blieb draußen und schloss sogar die Tür, ohne dass der Besucher eigens darum bitten musste.

Penalba war zuletzt immer mit Eskorte erschienen. Angeblich, weil es nicht anders ging, aber Maria hegte neben vielen anderen düsteren Bedenken längst den Verdacht, dass dies für den kleinen, dicklichen Mann, den sie sich selbst als Interessenvertreter erkoren hatte, nachdem sie sich von den Anwälten ihres Mannes im Stich gelassen fühlte, nur eine Alibiausrede war.

Penalba hatte in all den Monaten noch weniger als nichts für sie erreicht. Obwohl er bei ihren ersten Begegnungen vollmundig versprochen hatte, ihre dreißigjährige Haftstrafe auf höchstens drei Jahre herunterzudrücken.

Das letzte Mal, dass sie ihn gesehen hatte, war drei Monate her.

Das letzte Mal, dass sie etwas von Nolan Curtis, ihrem »Ehemann«, gehört hatte, noch um einiges länger.

»Wer schickt Sie?«, fragte sie ablehnend.

Sie fand es selbst erstaunlich, dass sie die Gespenster so leicht in einen ihrer Kerker hatte verschwinden lassen können. Im Labyrinth ihrer Seele. In den Untiefen, die jeder Mensch besaß und von denen Maria nichts gewusst hatte, bevor sie hierhergekommen war.

Und bevor sie ihren Bruder in der brennenden Hölle eines bewusst zur Explosion gebrachten Tanklasters hatte sterben sehen …

Das Gesicht des Mannes im dunklen Anzug war wohltuend klar im Vergleich zu Penalbas pomadiger, aufgedunsener Erscheinung. Der Fremde war schlank und breitschultrig. Nur sein blasser Teint verriet, dass er seine Nase mehr in Paragraphen steckte als sie am Strand spazieren zu führen. Aber das musste kein Nachteil sein. Er war weder Südamerikaner noch Mexikaner, sprach aber ohne erkennbaren Akzent in Marias Muttersprache.

»Niemand«, antwortete er. »Mein Name ist John Meringo. Ich möchte Ihnen helfen, aber dazu benötige ich Ihr Entgegenkommen.« Er lächelte und zog ein vorbereitetes Formular aus der Tasche.

Marias Gesicht verschloss sich.

»Wer schickt Sie?«, wiederholte sie. »Ich habe schon vieles unterschrieben – zu viel. Vor einem Jahr kam einer daher …«, und sie lachte in bitterer Erinnerung, »bat mich um meine Hand … Nicht ganz so romantisch, wie ich es mir immer erträumt hatte, aber es hat meinen Hals gerettet. Ich bin jetzt amerikanische Staatsbürgerin. Sie können es auf meinem Grabstein nachlesen. Früher komme ich hier doch nicht heraus. Ich weiß es inzwischen.«

»Was wissen Sie noch?«, fragte Meringo. Er hatte sie ausreden lassen und sparte sich Aufmunterungsfloskeln.

»Was müsste ich noch wissen?«

»Dass es nicht normal sein kann, mit welcher Schlafmützigkeit um Ihre Freiheit gekämpft wird, zum Beispiel.«

Sie nickte.

»Dass Ihr Gatte sich tausendprozentig um die ALAMO kümmert, aber vielleicht mit einem Prozent seiner Möglichkeiten um Sie.«

»Dann kommen Sie also nicht von Nolan?«

Meringo schien dieses Missverständnis nicht gerade als Kompliment zu empfinden.

»Merkt man das etwa?«, fragte er ironisch.

»Von wem dann? Von der Botschaft? Dem hiesigen Konsulat?«

»Ich arbeite auf eigene Rechnung«, sagte der Mann kopfschüttelnd. »Ich habe mich auf aussichtslose Fälle spezialisiert, gehe alte Gerichtsakten durch und orientiere mich, wo erfahrungsgemäß etwas zu holen wäre. Ich weiß, das ist ungewöhnlich, aber ich hoffe, dass Sie reif sind, auch ungewöhnliche Strategien zu akzeptieren, wenn Sie dadurch«, er maß die Zelle mit einer Mischung aus Abscheu und Bewunderung, wobei sich letzteres unzweifelhaft auf die Insassin bezog, »von hier fortkommen!«

»Das wollen Sie mir versprechen?«

»Ich verspreche gar nichts. Vielleicht unterscheide ich mich darin von meinen Vorgängern.«

Wohltuend, dachte Maria, aber sie sprach es nicht aus. Obwohl sie sich dagegen zu wehren versuchte, konnte sie gar nicht verhindern, dass Meringos Worte neue Hoffnung in ihr keimen ließen. »Was haben Sie davon?«

Meringo ähnelte in seiner Ruhe und auch im Zellenlicht ein bisschen einer Wachsfigur, die jemand aus einem Kabinett entführt und hierher gestellt hatte.

»Sie sind reich, sehr reich. Auch wenn man hier an diesem Ort wenig davon spürt. Sie werden mich entlohnen, sobald Ihnen die Vollmachten zurückerkannt worden sind. Ich bin ein geduldiger Mensch – für eine lange, aber nicht endlos lange Zeit.«

»Sie wollen mir nicht mehr über sich verraten?«

»Nein.«

Was habe ich zu verlieren?, dachte Maria, einzige lebende Erbin der ALAMO TRUCKING. Jener Firma, die mit Marias Wissen und ihrer Billigung »Krieg« gegen das Konkurrenzunternehmen RTC führte.

Und gegen den Mann, der ihren Bruder auf dem Gewissen hatte:

Luke Benjamin Ryland.

»Einverstanden«, sagte sie.

 

 

3

San Antonio, Texas

»Unmöglich! Da haben dir deine Trommelfelle oder die Logistikabteilung deines Dachstübchens einen Streich gespielt!«

Der Kraushaarige, der in gewohntem Ton Zweifel über das gerade Gehörte anmeldete, sah nicht nur aus wie ein Schwergewichtsboxer – er war es auch einige Zeit gewesen, nachdem er seinen damaligen Fahrerjob bei der RTC an den berühmten Nagel gehängt hatte. Querelen und illegale Manipulationsversuche der Mafia hatten ihm das Boxen jedoch nachdrücklich verleidet, und so hatte er als Shotgun bei Jim Sherman angeheuert.

Robert (Bob) Washburn.

Dunkelhäutiger Virginier, 36 Jahre alt, sechseinhalb Fuß großer und zwei Zentner schwerer Hüne; eingefleischter Nichtraucher und Gerechtigkeitsfanatiker. Ledig, ein Sohn (Michael) mit Truckerin Sheila Dalton, die in Louisiana lebte, Mietwohnung in der Culebra Avenue, San Antonio.

Seit sich die beiden äußerlich so unterschiedlichen Typen zusammengetan hatten, hatten sie eine Strähne der besseren Art. Ihre Zuverlässigkeit auch bei schwierigsten und ausgefallenen Aufträgen hatte sich herumgesprochen und allmählich bezahlt gemacht. Mittlerweile war das »Thunder«-Team – so ihr CB-Handle – mit seinem Kenworth W 900 auf allen Highways bekannt wie bunte Hunde. Selbst in den arktischen Norden, nach Südamerika und letztens sogar, ohne »Thunder«, bis nach Australien hatte es sie zeitweise verschlagen. Nicht ohne Stolz durften sie behaupten, jede der Hauptverkehrsschlagadern in den Staaten wie ihre Westentaschen zu kennen.

Und genau das war der Punkt, der nach Veränderung schrie!

Jim rührte trotz markiger Worte gelassen in seinem Tabakbeutel und formte mit kaum verfolgbaren, geübten Bewegungen eine Selbstgedrehte, die er in den Mundwinkel klemmte. Mit einem Streichholz, das er an der rauen Stiefelsohle anriss, brachte er das tadellose Produkt zum Glimmen.

Jim Sherman.

35 Jahre alt, groß, durchtrainiert, typischer Texas-Trucker: blond, blauäugig (nicht in Geschäftsfragen!), markantes Gesicht. Besitzer einer selbst renovierten Villa an der Starcrest Avenue, San Antonio; Gelegenheitsraucher – ausschließlich Selbstgedrehte.

Er nahm ein paar tiefe Züge, lehnte sich auf dem Pneumositz des »Thunder« zurück und legte beide Hände auf das Steuer des Kenworth-Trucks. Der Rauch seiner Zigarette verfing sich unter der Krempe des Stetsons und kletterte von dort aus weiter Richtung Klimabox.

»Wenn ich’s dir sage: Pat hat geschmissen!«

»Wer sagt das?«

»Marilyn sagt das.« Jim lenkte den aufliegerlosen Truck bereits auf den ringförmig um die Stadt laufenden Interstate 410 und beschleunigte gefühlvoll auf die zulässigen 55 Meilen pro Stunde. Das 8-Zylinder-4-Takt-Dieseltriebwerk schnurrte wie eine gut geölte Nähmaschine. Es war nur schneller.

»Marilyn?«

Jim verriet nichts von dem, was Rylands Frau ihm vertraulich über den Trucker-King erzählt hatte. Er wunderte sich selbst, dass er Bob verbergen konnte, wie sehr ihm das Erfahrene unter die Haut gegangen war. Wenn sein Freund und Shotgun überhaupt etwas merkte, dann bezog er es vermutlich auf die Sache mit Pat.

»Sie rief an«, flüchtete er sich in eine Zwecklüge.

»Das glaubst du doch nicht ernsthaft …«

»Er klang ernsthaft! Und es scheint sich um mehr als eine von Pats Launen zu handeln! Er hat gekündigt – die Brocken hingeschmissen!«

»Das könnte Pat sich gar nicht leisten – von der ideellen Verbundenheit der beiden ganz abgesehen«, sagte Bob kopfschüttelnd. »Er knabbert doch immer noch am Tornado-Verlust seines Hauses.«

»Er knabbert vielleicht noch an ganz anderen Dingen«, konterte Jim. »Auch Marilyn wusste nicht, was die Kündigung ausgelöst hat. Wir sollten uns selbst darum kümmern.«

»Auf dem Rückweg fahren wir bei dem alten Haudegen vorbei«, ging Bob sofort darauf ein. Ihnen beiden war Pat ein mindestens ebenso guter Freund wie Ryland. Wenn zwischen den beiden wirklich etwas in die Brüche gegangen war, mussten sie zu kitten versuchen. Mit allen Mitteln. »Je älter sie werden, desto starrsinniger«, murmelte er und tippte sich immer noch etwas zweifelnd gegen die Stirn. »Vielleicht hat Marilyn nur was in den falschen Hals gekriegt. Kaum ist man mal ein paar Tage weg, gerät die schöne, heile Welt aus den Fugen.«

Über den 10er Highway gelangten sie zu dem Rendezvous-Punkt bei Leon Springs.

»Sie sind schon da.« Jim lenkte den »Thunder« am Truck-Stop-Gebäude vorbei zu den Parkflächen. Er wies mit dem Arm zu einem dort stehenden Kenworth T 600, der spöttisch »Ameisenbär« genannt wurde und zwischen all den wohltuend »altmodischen« Traditions-Trucks mit den langgestreckten, wuchtigen Motorhauben ein ungewohntes Bild abgab.

»Pünktlich wie die Trucker!«

»Es sind Trucker«, verwies Jim.

»Was noch zu beweisen wäre«, griente Bob.

Sie stiegen aus und verschlossen sorgfältig ihr feuerrotes Prachtstück mit den aufgemalten Blitzen an beiden Flanken. Dann stiefelten sie zum Restaurantgebäude.

Nicht rein zufällig lenkten sie ihre Schritte dabei an dem schneeweißen Kenworth neuester Generation vorbei, dessen aerodynamisch herabgezogene Schnauze Spott bei eingefleischten Old-fashioned-Truckern provozierte.

»Hässlich!«, urteilte auch Bob kurz und bündig, nachdem sie sich vom äußerlich tadellos gepflegten Zustand des Haubers überzeugt hatten.

Es war klar, dass er nicht die schwarzen Airbrush-Verzierungen meinte, die wie Figuren eines Schattentheaters wirkten und ausschließlich Frauen darstellten. Auf den Türen beiderseits prangte das Handle: Ebony & Ivory.

Auch Jim hatte mehr als einen flüchtigen Blick auf das Arbeitsgerät geworfen, das künftig eine wichtige Rolle in ihren Planungen einnehmen sollte, wenn man sich mit den Besitzern einigte.

»Bin gespannt, ob die beiden Ladies ihren Malereien ähnlich sehen«, sagte Bob. Es war nicht das erste Treffen dieser Art, das sie in den letzten Tagen absolvierten. »Auslese« gehörte zu dem Plan, den sie verfolgten. »Ebony und Ivory hört sich ja ganz vielversprechend an …«

»Sei dir mal nicht so sicher, dass wir ihnen so ohne Weiteres gefallen«, holte Jim ihn auf den Teppich zurück. »Oder glaubst du, du kannst sie überzeugen, dass es eine Ehre ist, ihr Kapital mit unserem zusammenzuwerfen?«

»Lass mich nur machen«, winkte Bob großspurig ab.

Kurz darauf blieb ihm die Zuversicht im Halse stecken. Eine Kluft zwischen Imagination und Wirklichkeit tat sich vor ihm auf. Obwohl der Stop gut besucht war, stachen die beiden Besitzerinnen des »Ameisenbären« sofort heraus. Zumal sie Stirnbänder mit ihren Namenszügen trugen. Ein schwarzes und ein weißes: Ebony & Ivory!

Bob brauchte eine Weile, bis er verdaut hatte, dass die Gesuchten zwei Köpfe kleiner waren als er, aber in etwa seiner Gewichtsklasse angehörten. Außer den plakativen Stirnbändern trugen beide einfache Jeansklamotten und wiesen von der Physiognomie her erstaunliche Ähnlichkeit auf. Nicht gerade zwillingsverdächtig, aber doch so, dass verwandtschaftliche Bande nahelagen. Dem war aber, wie sie wussten, nicht so.

»Ich bin Ivory«, lächelte die Jim gegenübersitzende Frau, deren breites Gesicht von wasserstoffblonden Dauerwellen umrahmt wurde. Das Gehänge an ihren Ohren musste Gewicht haben. Es stellte miniaturisierte Räder eines Trucks dar, die an einem stilisierten Chromauspuff baumelten. Erstaunlicherweise zeigten weder die Ohrläppchen noch die Trägerin irgendwelche Ermüdungserscheinungen. Der Teint wirkte frisch und kam ohne ein Gramm Schminke aus. »Freunde nennen mich Ivy.«

»Und mich Ebby«, ergänzte die Schwarzhaarige. Ihre linke Gesichtshälfte wies Spuren von Verbrennungen auf, die nie ganz verheilt waren. An rohes Fleisch erinnernde Röte verteilte sich vom Tränensack bis zum Unterkiefer. Dafür waren die Augen mit das Strahlendste, was es in dieser Sparte in Grün gab.

Ebby und Ivy waren beide geschätzte Vierzig. Man hätte auch sagen können, echte Vierzig, denn beide verzichteten auf jegliche Art von Rouge, Lidschatten oder andere ladyübliche Verjüngungstinkturen. Der Eindruck, dass sie geborene Malocherinnen waren, unterstrich das, was Jim und Bob bereits über inoffizielle Kanäle recherchiert hatten.

Ganz unvorbereitet waren sie nicht zu diesem Treff erschienen.

»Freut mich«, sagte Bob, überrascht von seiner eigenen Reserviertheit.

»Die beiden«, ergriff Jim das Wort, »haben ein paar Jahre fast ausschließlich im Nordwesten geackert. Eine Erbschaft hat sie nach San Antonio verschlagen, wo es ihrer Meinung nach schon viel zu viele Trucker gibt. Ein besonderer Dorn im Auge ist ihnen die RTC, die ihrer Meinung nach ihre Fahrer nur ausbeutet.«

Er hatte mit ihnen bereits ein Vorgespräch am Telefon geführt.

»Hört, hört.« Bobs prüfende Blicke wanderten von einer Truckerin zur anderen. »Und ihr traut euch zu, bei uns einzusteigen? Wie lange schluckt ihr denn schon Diesel und Staub?«

»Er hält uns für Greenhorns!«, lachte Ebby. »Ich bin zehn Jahre dabei, Ivy acht! Ich fuhr anfangs allein, nur mit einem Husky als Begleiter. Kurz nachdem der von einem Smokey wegen angeblicher Tollwut erschossen wurde, fand ich …« Sie nickte Ivy zu. Zuletzt hatte ein Kloß im Hals verhindert, dass sie den Satz vollendet hatte.

Es war unverkennbar, dass die Gefühlsduselei, mit der sie offenbar immer noch an ihrem Hund hing, von tief innen kam. Aber ebenso schnell brachte sie sich wieder unter Kontrolle.

»Ivy ist gelernte Automechanikerin. Ich bin gelernte Optimistin«, lächelte Ebby und schluckte den letzten Rest Sentimentalität hinunter. »Und wir beide sind Kämpferinnen.« Bob wechselte verstohlene Blicke mit Jim, ehe er fragte: »Habt ihr auch richtige Namen?«

Ivy, die die Resolutere von beiden war, nickte vielsagend. »Die stehen dann in unserem Vertrag.«

»Welchem Vertrag?« Bob zog die Stirn in Falten.

»Dem, den wir abschließen – oder auch nicht«, erklärte Ivy.

Jim lächelte und hielt sich offenbar bewusst heraus.

Noch.

»Wir dachten eigentlich, dass ein Handschlag genügt«, entgegnete Bob »Unter Ehren …«

»Lassen wir den Schmalz beiseite«, unterbrach Ivy streng. Das Klischee vom »blonden Dummchen« durfte man sich bei ihr getrost abschminken. »So wie ich es überblicke, könnten wir uns an euch gewöhnen, aber hört bitte gleich mit diesem Asphalt-Cowboy-Scheiß auf! In der Hinsicht könnt ihr mit uns nicht rechnen. Wir kennen die Chose. Dieses Leben ist eines der härtesten, und die Stunden auf dem Bock sind kein ungetrübtes Vergnügen. Wenn es um Geld geht, zählt kein Ehrenwort. Ohne handfesten Vertrag läuft nichts. Dann machen wir lieber auf eigene Rechnung weiter.«

Die Bestimmtheit, mit der sie sprach, und die schweigende Zustimmung ihrer Partnerin verrieten, dass ihre Vorstellungen über eine mögliche Zusammenarbeit bereits gefestigt waren.

Zumindest Bob begriff in diesem Moment, dass es bei ihm noch nicht der Fall war. Etwas hilflos blickte er zu Jim. Obwohl in stundenlangen Gesprächen während der Plackerei auf einsamen Highways geformt, erkannte er erst jetzt die volle Konsequenz ihres Vorhabens.

Wenn sie einwilligten und den »Pakt« mit den Besitzerinnen des »Ameisenbären« schlossen, eröffnete das nicht nur neue Chancen, sondern auch neue Pflichten.

»Man hört nur das Beste von euch«, hielt Jim das versandende Gespräch in Gang. »Ihr habt einen guten Namen im Norden. Wir haben uns schlau gemacht.«

»Kann ich dich kurz allein sprechen?«, wandte sich Bob an ihn, bevor er weiter ausholen konnte.

Jim sah zu den Frauen, die einträchtig die Achseln zuckten.

Ebby orderte einen Snack und Kaffee, während sich das »Thunder«-Team in den Schatten eines laufenden Spielautomaten zurückzog.

»Wir sollten noch mal drüber schlafen«, sagte Bob mit einem Gesicht wie auf dem Zahnarztstuhl.

Jim wirkte nicht sehr überrascht. »Plötzlich Angst vor der eigenen Courage?«

»Wenn ich ehrlich bin, ja!«

»Das musst du. Wir müssen uns beide völlig sicher sein, dass das der Weg ist, den wir beschreiten wollen. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.«

»Ich habe nichts gegen die Ladies, weil sie nicht gerade wie die knackigsten Pin-ups aussehen«, glaubte Bob sich verteidigen zu müssen. »Es können Pfundskerle sein …«

»Und das im wahrsten Sinne des Wortes«, nickte Jim vielsagend.

»Das ist kein Problem«, erwiderte Bob glaubhaft. »Man macht manchmal so seine Jokes, ich weiß, aber in Wirklichkeit ist es der Kern eines Menschen, der zählt – nicht die Schale. Ich weiß das, denn meine Schale ist schwarz. Es hat auch nichts direkt mit den beiden zu tun – gewöhnen müssten wir uns schließlich an jeden, auf den die Wahl fiele. Wir sollten einfach das Grundsätzliche noch einmal überdenken.«

»Ich für meinen Teil habe es getan.«

»Ich aber noch nicht tiefschürfend genug, tut mir leid.«

»Schon okay.« Jim klopfte ihm auf die Schulter. »Vertagen wir die Sache.« Er ließ sich immer noch nicht anmerken, dass er selbst nicht in der richtigen Stimmung für berufliche Weichenstellungen war.

Sie kehrten zum Tisch zurück.

Noch ehe sie einen Ton sagen konnten, erklärte Ebby: »Wir haben uns auch noch mal besprochen. Ich glaube, wir sollten die Angelegenheit alle noch mal überschlafen. Ihr wisst ja, wie ihr uns erreichen könnt. Sollte sich das Projekt zerschlagen, brechen wir hier unsere Zelte ab. Treffen wir uns in drei Tagen – selbe Stelle, selbe Zeit!«

»Wir werden da sein«, versprach Jim. Ein kräftiger Händedruck beendete das erste gemeinsame Treffen.

»Ein hässliches Vieh«, seufzte Bob draußen auf dem Parkplatz, als sie noch einmal an dem Kenworth T 600 vorbeikamen. Er wirkte erleichtert. »Was für ein Monstrum!«

Jim schwieg.

Auf dem Rückweg fuhren sie bei Pats Wohnung vorbei.

Das irischstämmige Original zeigte sich nicht, obwohl sie die Klingel einige Male malträtierten. Die einzige spürbare Reaktion war heftiges Gebell.

»Seit wann hat Pat einen Hund?«, wunderte sich Bob.

Jim zuckte die Achseln. »Vielleicht trainiert er ihn, um ihn gegen den King zu hetzen …«

Sie wollten sich schon unverrichteter Dinge zurückziehen, als die Wohnungstür doch noch aufging. Eine füllige Lady, deren sympathische Rubensfigur von einem bunten Gewand eher betont denn kaschiert wurde, erschien im Rahmen. Das toupierte, kupferglänzende Haar stand zerzaust nach allen Richtungen, als sei sie gerade in ihrem Schönheitsschlaf gestört worden.

Zwischen ihren Beinen tauchte ein fideler Pudel auf.

»Glory!«, rann es freudig überrascht über Jims Lippen.

Bob fixierte immer noch den Hund, der aussah, als wollte er gegen einen großen, schwarzen Baum pinkeln.

»Billy the Kid!«

Begeistert klang es nicht.

 

 

4

Glory Palominoe war um die Fünfzig und Reporterin des American Trucker Magazine auf australischem Vorposten.

Down-under sozusagen.

Jim und Bob hatten sie kennen und schätzen gelernt, als sie vor Monaten Pat und Ryland auf den Känguru-Kontinent gefolgt waren, um den Trucker-King – damals schon von einer schweren Herzkrankheit gezeichnet – zur Vernunft zu bringen.

Die damaligen Ereignisse hatten nicht nur Ryland, sondern auch Jim an den Rand des Todes geführt. Ein Aborigine-Schamane hatte den Trucker-King jedoch auf heute noch mysteriöse Weise gesundheitlich wieder aufgemöbelt. Seitdem schwebte er auf einer Wolke voller Tatendrang, die von den nach der Rückkehr hinzugezogenen Ärzten in Texas nicht erklärt werden konnte. Sie hatten jeglichen Optimismus gedämpft, denn die Ursache von Rylands Problemen war nach wie vor vorhanden und nicht weggezaubert worden. Er litt an fortgeschrittener Arteriosklerose. Blockierte Blutgefäße verhinderten die ausreichende Durchblutung und Sauerstoffzufuhr von Teilen seines Herzens. Die gängige Therapie hierzu war das Legen einer »Umgehung« der geschädigten Ader oder Vene, eine Bypass-Operation also, und das Öffnen des verstopften Blutgefäßes mit Hilfe eines Ballon-Katheters.

Genau dagegen aber hatte der Trucker-King sich immer wieder gesperrt.

Und seit Australien sah er sich – zumindest vertrat er diese Ansicht nach außen hin – noch mehr in seiner Haltung bestätigt.

»Das Herz eines Truckers«, pflegte er zu sagen, »lässt sich eben in keine medizinische Schublade stecken. Der Wille zählt! Und da ist noch einiges von mir zu erwarten!«

Eine etwas banale Philosophie, wie seine Freunde und Familienangehörigen fanden. Aber es war nicht mit ihm zu reden, und letztlich blieb es eine Entscheidung, die ihm keiner abnehmen konnte.

Nicht nur mit Glory Palominoe verband Jim Erinnerungen, die jetzt hochschwemmten. Noch viel plastischer hatte er ihre reizende Tochter Sandy in Erinnerung, die sich damals zum Abschied eine Rose mit seinem Namen auf den Oberarm tätowiert hatte.

»Glory!« Bob fing sich als erster. »Wir wussten nicht, dass du hier bist. Pat verlor kein Sterbenswörtchen …« Er schielte zu Billy the Kid, der immer noch leutselig vor seinem Schuh verharrte. Den Hund kannten sie nur aus Pats Berichten und einer kurzen Verabschiedungsszene am Melbourner Flughafen. Aber das genügte.

»Hallo, Jungs!« Glory lächelte zuckersüß. »Konnte er nicht, weil ich ihn selbst überfallen habe. Spontaner Entschluss. Bin gerade erst angekommen und habe erst mal ein Nickerchen auf der Couch gemacht. War ein langer Flug. Entschuldigt, wenn ich euch nicht hereinbitte. Pat ist noch mal weg, und ich weiß nicht …«

»Schon gut«, wiegelte Jim ab. Er umarmte die gewichtige Persönlichkeit – vielmehr wollte er sie umarmen. Billy the Kid ging jedoch entschlossen dazwischen, und es blieb bei dem Versuch.

Wer Glorys Listenreichtum kannte, stellte sich gar nicht erst die Frage, wie es ihr gelungen war, den Hund durch die strengen amerikanischen Quarantänebestimmungen zu schleusen.

»Wie geht es Sandy?«, fragte Jim betont beiläufig. Bobs Grinsen und Glorys Augenfunkeln verrieten ihm jedoch, dass ihm diese Beiläufigkeit niemand abnahm.

»Sie truckt sich durch.«

Sandy fuhr einen der legendären Monster-Trucks, die wie Züge ohne Schienen über die australischen Highways donnerten.

»Wollte sie nicht mitkommen?«

»Ich habe sie nicht gefragt.« Glory zuckte die Schultern. »Tut mir leid. Aber es geht ihr gut.«

Er beließ es dabei.

»Weißt du, wann Pat zurückkommt?«

»Nein. Er wollte noch etwas Unaufschiebbares erledigen – was, sagte er nicht.«

»Okay. Dann wollen wir deine Erholungsphase nicht länger stören. Leg dich noch mal aufs Ohr. Wir sehen uns ja bestimmt noch öfter. Würde uns freuen, wenn ihr uns besucht. Pat weiß ja, wo wir zu erreichen sind. Sagst du ihm bitte, dass wir da waren?«

»Mach ich.«

Jim und Bob gingen zu ihrem Truck zurück.

Glory winkte ihnen und schloss die Wohnungstür.

»Danke«, sagte der weißhaarige Mann, der ihr aus dem Schlafzimmer entgegenkam.

»Wo waren wir eigentlich stehengeblieben?«, fragte sie neckend.

»Ich wollte mein Geschenk auspacken«, grinste Pat etwas verlegen. Dabei strichen seine Blicke unmissverständlich über ihr bunt-fließendes Gewand.

»Worum ich gebeten haben möchte …«

Billy the Kid kläffte übermütig.

Seiner Rolle als »Anstands-Wauwau« wurde er nur unzulänglich gerecht.

 

 

5

Atlanta, Georgia

Die letzten Juni-Tage verwöhnten die Stadt mit prachtvollen, smogfreien Frühsommer-Temperaturen. Azurblauer Himmel wölbte sich über der von Gegensätzen geprägten Häuserlandschaft, die wohl gerade deshalb so lebendig wirkte.

Fast hätte sie Sinnbild seines eigenen Befindens sein können, dachte der schlanke, grauhaarige Mann, der den Blick durch das Fensterglas downtown gerichtet hatte.

Viktorianischer Baustil vermischte sich mit Dinosauriern der Moderne. Die Stadt, die in knapp zwei Jahren die olympischen Sommerspiele ausrichten wollte, bot beides im Überfluss. Sie verband den vornehmen Old South perfekt mit der Schnelllebigkeit, die den heutigen American Way of Life prägte.

Ähnlich vielschichtig war auch das Leben des Mannes, der tief im Herzen immer ein Trucker geblieben war, auch wenn er heute an der Spitze eines Imperiums stand.

Luke Benjamin Ryland.

62 Jahre alt, schlank, schmales, ausdrucksstarkes Gesicht, silbergraues Haar, Herzprobleme. Zwei Töchter aus erster Ehe: Amber und Carla Sue. Lernte das Trucking von der Pike auf. Oberhaupt des »Ryland-Clans«, von Freunden und Gegnern respektvoll »Trucker-King« genannt – was manche nicht daran hinderte, ihn vom Thron stoßen zu wollen.

Auf den wirtschaftlichen Wandel, der sich überall auf dem Globus abzeichnete, gab es nur eine Antwort, und die wollte Ryland nicht schuldig bleiben!

Niemand sollte den Fehler begehen, ihn frühzeitig abzuschreiben. Manche hatten ihn schon auf dem Friedhof gewähnt – er lebte immer noch. Vitaler denn je.

Zumindest war das sein subjektives Empfinden in diesen Wochen.

Ryland lachte.

Er konnte es wieder.

Seit dem Australien-Abenteuer mit seinem alten Weggefährten Pat, als sein Leben wirklich auf Messers Schneide stand, war ihm vieles klarer geworden.

Und nicht nur die Schärfe seines Verstandes schien zurückgekehrt, sondern auch das Wissen, was ihn groß gemacht und so lange dort oben in der hauchdünnen Luft gehalten hatte.

Ein Leben lang war er »ehernen Gesetzen« gefolgt. Richtlinien, die ihn vom einfachen Trucker zum Herrn über das größte Trucking-Unternehmen im Südosten der Vereinigten Staaten katapultiert hatten.

Patrick »Pat« O’Neill mit dem schneeweißen Haarschopf, den er einer besonderen Pigmentierung verdankte, war von Anfang an dabei gewesen. Schulter an Schulter hatten sie sich gegen Widrigkeiten und Konkurrenten behauptet. Auch gegen solche, die nicht immer sauber und fair gegen sie gefightet hatten.

Tucker Murphy fiel ihm dabei ein, sein skrupelloser Rivale aus alten Tagen.

Rylands Lächeln wurde eisig, ohne dass er es bemerkte. Es gab schönere Erinnerungen. Und traurigere.

Er war jetzt knapp über sechzig, und er hatte über diese Spanne lange und ausgiebig Bilanz gezogen.

Das Resultat befriedigte ihn nicht.

Das konnte es noch nicht gewesen sein!

Hätte er auf seine studierten Ärzte gehört, dann wäre es das gewesen. Dann hätte er sich zu Hause auf seiner Ranch in Riomedina im Schatten der Veranda in einem Schaukelstuhl wiegen und die letzten Jahre, die ihm vielleicht noch blieben, genießen sollen – isoliert von Verantwortlichkeit, Ärger und Stress, aber auch von allem, was das Leben seines Erachtens nach lohnenswert machte.

Nein!

Himmel, so wenig er sich Marilyn strickend an seiner Seite vorstellen konnte und wollte, so wenig konnte er sich mit einem Unruhestand dieser Qualität anfreunden!

Mit der flachen Hand schlug er auf das Fensterbrett. Aus dem Nebenraum klang eine Stimme, wie er sie um sich liebte: »Mr. Ryland?«

»Es ist nichts, Deanna, nichts …«

Deanna, Was für ein phantastischer Zufall, dass sie denselben Vornamen trug wie seine erste Frau.

Er kehrte an seinen Schreibtisch zurück, wo die neuesten Studien ausgebreitet lagen und ihm einen Kick gaben. Glanz strömte in seine Augen, und seltsamerweise fühlte er gerade jetzt, im Stadium der Euphorie, sein rechtes Bein wieder einmal schmerzen.

Es war ein Andenken an ein Attentat, das einem anderen Lebensabschnitt angehörte.

Der Trucker-King ließ die Hände über die Konstruktionszeichnungen gleiten und glättete sie. Mit funkelnden Augen kontrollierte er letzte Änderungen, die besprochen und ausgeführt worden waren.

Jetzt war es vollbracht.

Jetzt stand er voll hinter dem, was die Blaupausen, in die nicht nur sein Herzblut, sondern auch die reiche Erfahrung eines anderen Könners eingeflossen waren, versprachen.

Ein Stück Zukunft sollte erschlossen, ein neuer Lebenszyklus eröffnet werden, und er war zuversichtlich, dass dies auch gelingen würde!

»Ihre Maschine geht in einer Stunde und vierzig Minuten«, erinnerte Deanna. Sie stand in der Tür, eine Frau, in sich gefestigt und ausgeglichen, die sich harmonisch in das einfügte, was Ryland hier geschaffen und geleistet hatte. Bleistift und Stenoblock schienen genetisch auf Deanna abgestimmt zu sein. Sie war als Sekretärin geboren und brauchte keine neumodischen Notebooks oder andere Fingernagelkiller.

»Ich weiß, danke«, sagte er, immer noch abwesend, weil das, was er plante, so verflucht und gleichzeitig begeisternd groß war.

Es tat ihm fast weh, die Zeichnungen zusammenrollen und in die Hülse, die sie beim Transport schützen sollte, schieben zu müssen.

Kurze Zeit später tauchte der von Deanna verständigte Kurier auf und übernahm die Rolle.

Ryland war zu sehr gebranntes Kind, als dass er das vorläufige Resultat aller Anstrengungen blauäugig aufs Spiel gesetzt hätte. Der Weg, den die Zeichnungen getrennt von ihm nahmen, war der sicherste von allen möglichen.

Eine halbe Stunde später stieg er mit demselben Aktenkoffer, mit dem er zu seiner Stippvisite in Atlanta angekommen war, in ein Taxi, das ihn zum Hartsfield International Airport brachte. Mehr Gepäck hatte er nicht. Alles, was er an Kleidung und sonstigen Utensilien gebraucht hatte, war hier nach und nach gekauft worden.

Auch während der Fahrt schweiften seine Gedanken wieder zu den »ehernen Gesetzen«, denen er seinen steilen Aufstieg verdankte.

Absoluter Leistungswille war einer dieser Pfeiler – Menschlichkeit ein anderer und vielleicht sogar der mit dem größeren Stellenwert. Seine Mitarbeiter hatte er immer wie eine große Familie behandelt. dass ihm dabei auch die ein oder andere Ungerechtigkeit, wie es in jeder Familie vorkam, unterlaufen war, wollte er nicht leugnen. Aber seine Anteilnahme auch am Privatleben seiner Fahrer, Mechaniker und Angestellten überwog.

So wollte er es auch künftig halten, auch wenn er die RTC in einem vorsichtigen Prozess in andere Verantwortlichkeit steuerte.

Eherne Gesetze.

Ryland lachte unbewusst über das Pathos, das diesem Begriff anlastete.

Der Taxifahrer warf einen verstohlenen Blick nach hinten, blieb aber schweigsam, wie Ryland es bei Leuten dieses Gewerbes als vornehmste Tugend empfand.

Die Maschine der Delta Airlines hob pünktlich ab. Während des Fluges wechselte sie die Zeitzonen und landete in den frühen Abendstunden auf dem International Airport von San Antonio, Texas.

Die Nachricht erreichte den Trucker-King über Autotelefon, als er Richtung Riomedina steuerte.

»Es ist soweit«, meldete eine knochentrockene Stimme.

Justin Palmer.

Familienanwalt der Rylands. Hager, erzkonservativ, puritanisch, zuverlässig. Helle, durchdringende Augen, leicht gekrümmte Schultern. Stets korrekt gekleidet. Jurist der Spitzenklasse.

Ryland sah ihn fast bildlich vor sich. »Was ist soweit, Justin? Worum geht es?«

Palmer nannte einen Namen.

Der Trucker-King seufzte in ehrlicher Erleichterung. »Ich hatte schon nicht mehr daran geglaubt!«

»Es hat uns eine hübsche Stange Geld gekostet. Und ich bezweifle, dass sich diese Investition rechnen lässt.«

Ryland kannte Palmers Einstellung, dennoch sagte er: »Es ging nie um eine Investition.«

»Sondern?«

»Um ein Menschenleben.«

 

 

6

Iquitos, Peru

Sie dachte oft an Juanita, die vor einer Woche abgeholt und nicht mehr wiedergebracht worden war. Juanita war erst vierzehn – ein halbes Kind noch.

In dem einen Jahr ihrer Haft hatte Maria sich an wechselnde Gesellschaft gewöhnen müssen. Und an die Heimsuchungen des Gefängnispersonals. Wenn sie die Augen schloss, hörte sie, selbst wenn es still war, Schreie von Gefolterten, die bei Tag und Nacht durch die Wände dröhnten.

Seit Meringo sie verlassen hatte, war noch nicht viel Zeit verstrichen. Dennoch schöpfte sie Hoffnung, als die Tür zu ungewohnter Zeit aufgesperrt wurde.

Sie ging darauf zu – und prallte zurück, als Penalba eintrat. Ein Wärter war bei ihm, das Gesicht war Maria nicht geläufig. Vielleicht hätte sie ihn an seinem Atem erkannt.

Nachts, wenn die Lichter ausgehen und sich Türen öffnen. Wenn gierige Finger über wehrlose Haut gleiten …

Zum ersten Mal fiel ihr auf, wie tückisch die Augen in Penalbas aufgedunsenem Gesicht glitzerten. Schon seine Begrüßungsworte verrieten, dass er völlig ahnungslos war, was John Meringo anging, und er nur einen seiner Alibibesuche absolvieren wollte.

»Wir sind der Neuaufnahme Ihres Verfahrens einen guten Schritt nähergekommen«, sagte er. »Leider sind die Gerichte zur Zeit stark überlastet und …«

»Haben Sie etwas wegen der – Belästigungen unternommen?«, fragte sie.

»Ich habe offiziell Beschwerde eingereicht. Ich denke, man wird eine Untersuchung einleiten, die Schuldigen ausfindig machen und bestrafen. Vielleicht«, seine Zunge leckte über die Lippen, auf denen getrocknete Kaffeeränder wie Krätze klebten, »wirkt es sich sogar vorteilhaft auf Ihr Verfahren aus.«

Maria schluckte die Perfidie, die hinter dieser Äußerung steckte. »Es wird also eine Neuauflage des Verfahrens geben?«

Penalba blinzelte irritiert. »Natürlich! Ich verstehe, dass man hier den Glauben verliert, aber Sie dürfen versichert sein, dass ich hinter den Kulissen schon einiges bewegt habe. Es ist hier«, er senkte verschwörerisch die Stimme, »nicht so wie in einem demokratischen Rechtssystem – das brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Das größte Problem, das sich mir immer noch entgegenstellt, ist die Angehörigkeit Ihres Bruders zum von Regierungsseite verhassten ›Leuchtenden Pfad‹. Man fürchtet offenbar immer noch, El Diavolo nachträglich zum Märtyrer hochzustilisieren, wenn man seiner Schwester gegenüber allzu viel Gnade erweist.« Er schwächte seine eigene Aussage sofort wieder ab, indem er hinzufügte: »Aber ich arbeite daran. Es ist nicht ganz billig, aber Ihr Mann lässt mir jede erdenkliche Unterstützung angedeihen. – Er lässt sich übrigens entschuldigen. Offenbar hat er größere Probleme mit seinem Hauptkonkurrenten Ryland, die ihn in San Antonio binden, sonst wäre er …«

»Schon gut!«, unterbrach ihn Maria.

Es hätte Penalbas Worte nicht bedurft, sie an ihren Bruder zu erinnern, der ohnehin allgegenwärtig in ihren Gedanken war. Wie andere, von denen sie wusste, dass sie sie nie wiedersehen würde. Und um die sie trauerte. Juanita …

Seit zwölf Monaten saß sie in diesem Zuchthaus, weil sie im Affekt einen Angehörigen der peruanischen Sicherheitskräfte getötet hatte. Dieser wiederum, Leutnant Ramiro Martinez, hatte zuvor kaltblütig ihren Bruder Mario ermordet. Mario hatte als Guerillero für den »Sendero Luminoso«, den »Leuchtenden Pfad«, gekämpft. Er war für seine politische Überzeugung gestorben. Und Maria war trotz ihrer »Strohhalm-Heirat« mit Nolan Curtis von einem Gericht der Militär-Junta zu dreißig Jahren Haft verurteilt worden – wobei man ihr bereits, wie man zynisch verlauten ließ, mildernde Umstände zuerkannt hatte. Mangelnde Zurechnungsfähigkeit zum Tatzeitpunkt oder ihre getrickste amerikanische Staatsangehörigkeit waren nicht berücksichtigt worden, wie Curtis ihr zugesichert hatte.

Mittlerweile war sie überzeugt, dass niemand auch nur fünf Jahre in diesem Gefängnis überleben konnte – zumindest nicht bei geistiger Unversehrtheit. Die in südamerikanischen Bananenrepubliken gängige Praxis des »Verschwindenlassens« übte unvorstellbaren Terror auf alle Inhaftierten aus – einen Druck, dem die wenigsten dauerhaft widerstanden.

Auch Maria registrierte erste Anzeichen, dass sie sich veränderte.

Bereits verändert hatte.

Sie war nicht mehr die aufopferungsvolle, naive Gemeindeschwester von früher. Sie dachte längst auch an sich selbst. Und sie betete täglich, dass sie diesen stinkenden Pfuhl verlassen und es demjenigen heimzahlen konnte, der wirklich die Verantwortung an Marios Tod trug.

Der Verräter, der ihn bei der Miliz angeschwärzt hatte.

Martinez war nur ein Fanatiker gewesen. Er hatte geschossen. Aber den Tipp, dass Mario sich in einer Kammer im Innern des Tanklasters versteckt hielt, hatte er von einem anderen erhalten!

Von Luke Ryland!

Der Mann, der ihnen die ALAMO hatte abkaufen wollen. Zu einem guten Preis, wie Maria einräumen musste. Mit dem Geld hatte sie eine Stiftung gründen wollen, um den Armen, von denen es in Marias Heimat mehr als genug gab, zu helfen.

Bevor die bereits unterschriftsreifen Verträge unterzeichnet werden konnten, war Mario Corrigan nach Peru gelockt und dort von dem sadistischen Armeeoffizier ermordet worden. Zuvor hatte Mario leise Bedenken angemeldet, ob die ALAMO wirklich an Ryland verkauft werden sollte. Dieser hatte dann zu der Hinterlist gegriffen, um das letzte Hemmnis auszuschalten, das ihm die Fusion mit der ALAMO vorenthielt.

Das war der Stand der Dinge, den Maria nicht zuletzt durch Nolan Curtis‘ Suggestionen als Fakt ansah und der sie dazu veranlasst hatte, Curtis alle Vollmachten zu verleihen, um Rylands RTC an die Wand zu drücken.

Er sollte für seinen Verrat bitter bezahlen.

Dieser Mann sollte erfahren, was es hieß, Menschen wie Figuren auf einem Schachbrett zu opfern.

Menschen, die ihr nahestanden.

Sehr, sehr nahe!

 

 

7

San Antonio

Bob Washburn erwartete eine handfeste Überraschung, als er das Mietshaus an der Culebra Avenue erreichte, wo er im dritten Stock ein kleines Apartment bewohnte.

Jim hatte ihn einen Straßenzug entfernt abgesetzt und war zu seiner Selfmade-Villa in der Starcrest Avenue weitergefahren. Bob hatte sich noch etwas die Beine vertreten wollen, und seinem Partner sparte es Zeit, sich auf die Einladung vorzubereiten, die er am heutigen Abend auf der Ryland-Ranch in Riomedina wahrnehmen wollte.

Über Einzelheiten hatte Jim kein Wort verloren, aber Bob hatte das Gefühl, dass es mehr als ein bloßer Anstandsbesuch war. Er war auch sicher, dass Jim das Thema Pat zur Sprache bringen würde.

Die Gedanken an all dies verdrängte er, als er den braunen Peterbilt Conventional am Straßenrand parken sah.

Den Truck, den er unter Millionen anderen herauserkannt hätte!

Das Airbrush-Bild mit der Sumpflandschaft und dem auf einem ausgewachsenen Alligator reitenden, nackten Mädchen in aufreizender Pose war unverwechselbar. Der Alligator hatte eine Hose im Maul, und das Girl …

Es kann nur eine geben, dachte Bob mit einem warmen Gefühl im Bauch. Sheila!

Dass er nicht gleich losrannte und die Reststrecke im Spurt überwand, war alles. Er besann sich noch rechtzeitig, lieber nicht zu sehr raushängen zu lassen, wie sehr er sich über diesen unerwarteten Besuch freute. Beim Näherkommen wurde auch schnell klar, dass das Führerhaus verwaist war. Er klopfte gegen die Tür, aber auch dann zeigte sich nicht die vertraute blauschwarze Mähne.

Der Peterbilt war ohne Fracht. Die reine Zugmaschine, gepflegt und blankpoliert wie meist, verengte die Straße.

Bob umrundete den Truck einmal, dann stiefelte er zum Haus, weil er erwartete, dass Sheila sich dorthin begeben hatte. Auf dem Weg die Stiegen hinauf begegnete er ihr nicht, aber sie besaß noch einen Wohnungsschlüssel aus besseren Tagen; so dass er sich nicht viel dabei dachte. Erst als er sie auch im Apartment nicht antraf, löste leise Enttäuschung die vorherige Freude ab.

Er trat ans Fenster und blickte nach unten, wo der Peterbilt unverändert stand.

Nervös begann er die Wohnung etwas aufzuräumen. Aber auch dafür fehlte ihm die innere Ruhe. Eigentlich hatte er über ihr Team-Erweiterungs-Projekt nachdenken wollen. Stattdessen dachte er an die Mutter seines Sohnes …

Das Türgeläut war wie eine Erlösung.

Und dann traute er seinen Augen nicht, weil die kaffeebraune Schönheit draußen auf dem Flur nicht wie eine Truckerin, sondern wie ein hochdotiertes Fotomodell posierte! Nicht in üblicher Jeanskluft präsentierte sich die »Louisiana-Lady«, sondern in einem »kleinen Weißen«, das die Wärme in Bobs Bauch schlagartig eine Station tiefer sinken ließ. Und was sich dort in den Lenden an Eigenleben entwickelte, war ihm fast peinlich.

Sheilas innere Ortung funktionierte hervorragend. Statt ins Gesicht, starrte sie ihm auf die Hose und die dortige Beule. Zufrieden rückte sie ihm auf die Pelle, umarmte ihn eine lange Sekunde länger, als ihrem aktuellen Verhältnis entsprochen hätte, und drückte ihm zudem einen Begrüßungskuss auf den Mund, der Bob endgültig die Hose zu sprengen drohte.

Ehe er überhaupt Luft holen konnte, glitt Sheila an ihm vorbei in die Wohnung und erklärte: »Ich hatte gerade in der Nähe zu tun. Hoffentlich störe ich nicht.«

Sheila Dalton.

32 Jahre alt, Kreolin, langes, blauschwarzes Haar, Sinnlichkeit in Person, einst heftige Romanze mit Bob – Ergebnis: Michael. Freidenkerin und Genussmensch. Truck-Lady mit eigenem Peterbilt Conventional (Handle: »Louisiana-Lady«).

Er schloss die Tür und folgte ihr immer noch etwas benommen. »Kommt drauf an, was du vorhast.« Er räusperte sich.

Sie drehte sich einmal um die eigene Achse. Keine Frau, die Bob kannte, brachte es fertig, ihre Schokoladenseiten so gekonnt ins Licht zu rücken wie die schwarzäugige Truckerin, an die er vor Jahren während einer Sumpfrallye sein Herz verloren hatte. Der stürmischen Affäre war damals ein Kind entsprungen: Michael. Für Sheila kein Grund, ihre Freiheit, die sie auch weiterhin in vollen Zügen genießen wollte, aufzugeben. Eine Heirat, so hatte sie unmissverständlich zu verstehen gegeben, kam für sie nicht in Frage. Und mit einer »wilden Ehe« nach Sheilas Vorgabe hatte sich wiederum Bob nicht anfreunden können.

Sheila lebte seither weiterhin in Baton Rouge. Der Junge, mittlerweile drei Jahre alt, wuchs dabei mehr in der Obhut einer im gleichen Haus wohnenden Freundin auf als in der von Sheila, die schon bald nach der Geburt auf den Bock zurückgekehrt war, weil sie eine »Truck-Süchtige« war. Finanziell nötig hätte sie es nicht unbedingt gehabt, denn Bob hatte nie am Unterhaltsscheck geknausert, obwohl es Zeiten gegeben hatte, in denen er den Geldhahn schon aus Protest am liebsten zugedreht hätte. Seiner Ansicht nach war Sheila keine gute Mutter. Seiner Ansicht nach hätte Michael ein intaktes Zuhause und keine Wochenend-Mutter mit einem zwischendurch mal vorbeitingelnden Vater gebraucht!

Sheila hatte sich nicht dreinreden lassen.

Nie!

»Vielleicht habe ich vor, hier zu übernachten. Wäre das drin?«

»Wo ist Mike?«

»Bei Sandy.«

Er kniff die Lippen zusammen, sagte aber nichts.

»Ich weiß, was du denkst«, sagte sie.

»Dann ist es ja gut.«

»Oder auch nicht.«

»Oder auch nicht.« Er legte den Kopf schief. »Wie läufst du überhaupt herum? Glaubst du, das setzt sich als neue Arbeitskleidung durch?«

»Vielleicht. Aber wohl nicht in unserem Metier.« Sie strich ein paar nicht vorhandene Falten aus dem eng auf der makellosen Haut anliegenden Stretchstoff. Das Weiß kontrastierte perfekt mit dem dunklen Inhalt. »Als ich kam, warst du nicht da. Um mir die Zeit zu vertreiben, habe ich ein bisschen Shopping in der City gemacht. Texas ist nicht Louisiana – glücklicherweise. Die Fummel hier sind beträchtlich schärfer. Findest du nicht auch?«

Er fand.

Aber er sagte es nicht.

Es war gar nicht nötig, da offensichtlich.

»Mein Räuberzivil und ein paar andere Kleinigkeiten sind noch unten im Truck. Kann ich es holen, oder ist es dir vielleicht doch lieber, wenn ich anderswo kampiere?«

»Quatsch!«

»Schön.« Sie huschte an ihm vorbei, hinterließ den Duft eines atemberaubenden Parfüms in seiner Nase, wiegte den Hintern und lachte glockenhell, als sie sich blitzartig in der Tür noch einmal umdrehte und seinen gebannten Blick auf exakt diese Körperregion fixiert sah. Hätte er es gekonnt, Bob wäre unter seiner dunklen Haut errötet wie ein Pennäler.

 

 

8

»Jim!«

Luke Ryland klang erfreut, doch Jim blieb nach seinem Gespräch mit Marilyn reservierter, als man dies von ihm gewohnt war.

Der Hobby-Rancher kam ihm schon auf der Veranda entgegen. Er hatte eine gesunde Gesichtsfarbe; vielleicht war es aber auch nur die rot am Horizont versinkende Sonne, die etwas Nichtvorhandenes vorgaukelte. Seine Züge waren in den letzten Monaten asketischer geworden, aber man konnte nicht sagen, dass es ihm wirklich schlechtging. Ganz im Gegenteil.

»Hi, King!«

Meist nannte Jim ihn »Dad« – in Erinnerung an seine Zeit als Schwiegersohn. Wenn er »King« sagte, wusste Ryland im Allgemeinen, dass etwas gebacken war.

In den Augen des RTC-Chefs blitzte es auf. Wer ihn sah, glaubte wirklich nicht, dass er ernstzunehmende Probleme mit seiner Gesundheit hatte. Am wenigsten schien er es selbst zu glauben. Ärzte waren für ihn in erster Linie geldgierige Quacksalber.

»Marilyn sagte mir …«

»Ihr redet noch miteinander?«

»Warum nicht?« Wieder blitzte es.

»Wo ist Marilyn?«, wich Jim aus. Er begrüßte den Trucker-King mit Handschlag und ließ sich von ihm ins Innere des Hauses führen.

»In der Küche. Sie wollte selbst letzte Hand ans Essen legen. Wie ich sie kenne, hat sie wieder etwas Vortreffliches gezaubert. Sie muss es, denn als ich heimkam, waren alle Hausangestellten verschwunden. Diese Verrückte hat sie kurzerhand alle ins verfrühte Weekend geschickt!«

Jim nickte, weil er es nicht anders in Erinnerung hatte. »Kann ich dich vor dem Essen unter vier Augen sprechen?«

»Mit oder ohne Marilyn?«, flachste Ryland. »Wenn du und ich jeweils ein Auge zudrücken, könnte sie problemlos mit von der Partie sein …«

Jims Gesicht blieb unbewegt. »Lieber nicht.«

Ryland strapazierte die aufgesetzte Heiterkeit nicht über Gebühr. Kurzerhand führte er den Mann, den er liebend gern als Geschäftsführer für seine RTC engagiert hätte, sich in diesen Belangen aber regelmäßig Körbe einhandelte, in sein stilvoll eingerichtetes Arbeitszimmer. Jim merkte nicht, dass er verstohlen gemustert wurde. Er ahnte auch nicht, dass Ryland Vergleiche zu dem Mann anstellte, der einst als Shotgun mit ihm gefahren war: Jims Vater.

»Was hast du auf dem Herzen?«, fragte er, nachdem er sich hinter seinem wuchtigen Schreibtisch niedergelassen und Jim gegenüber Platz angeboten hatte.

»Und du?«

»Ich?« Ryland hob beide Brauen. »Fängst du schon wieder mit meiner Gesundheit an? Ich fühle mich …«

»Blendend, ich weiß«, unterbrach Jim ihn ziemlich brüsk. »Nein, ausnahmsweise meine ich nicht deine Gesundheit. Du scheinst ja wirklich vor Energie zu strotzen. Der zweite Frühling, wenn man es so nennen mag.«

Ryland blieb die besondere Betonung nicht verborgen. »Worauf willst du hinaus?«

»Ich hörte, du hältst dich häufiger in Atlanta auf.«

»Ich wusste, dass ich etwas ganz Fürchterliches verbrochen habe!«

Selbst bei größter Anstrengung konnte Jim nicht feststellen, dass Ryland ein schlechtes Gewissen zu verbergen hatte. Das Stichwort »Atlanta« jedenfalls genügte nicht, es sichtbar zu machen.

»Und Deanna?«, fragte Jim. »Wie geht es ihr?«

Diesmal zuckte er zusammen. »Wen meinst du?«

Jim zuckte die Achseln. »Es ist deine Sache, ob du darüber reden willst, oder nicht. Ich wollte dir nur sagen, dass ich es Marilyn gegenüber nicht sehr fair finde. Dir mag es entgangen sein, aber ich habe sie noch nie so fertig gesehen. Du …«

Ryland klatschte in die Hände. »Jetzt verstehe ich erst!« Er stand auf und ging zur Tischbar, wo er sich fast ohne hinzusehen einen harten Drink eingoss. »Das ist nicht einfach so ein Besuch, wie er unter guten Freunden vorkommt – ihr habt euch zusammengesetzt und ihn geplant.«

Jim blieb unbewegt sitzen. Er fragte sich nur, warum plötzlich er ein schlechtes Gewissen bekam. »Ich sagte, es ist eure Privatsache. Aber …«

Ryland wandte ihm ruckartig das Gesicht zu. »Ich überlege, ob ich sauer sein soll.«

»Ich kann gern wieder gehen.«

»Geht nicht.«

»Warum?«

»Später.«

Kopfschüttelnd stand Jim auf. »So hat das, glaube ich, keinen Zweck.«

»Setz dich wieder hin!« Es klang rigoros. Wie in alten Zeiten.

»Hör mal …«

»Setz dich!« Ryland drückte ihm den Drink in die Hand und offenbarte, dass er nie für ihn selbst bestimmt gewesen war. »Eigentlich sollte es eine Überraschung sein …« Er hielt kopfschüttelnd inne und blickte Jim aus schmalen Augen an. »Glaubt sie wirklich, ich würde sie betrügen?«

Jim nippte an dem Whisky und entspannte sich etwas. »Sie wurde zufällig Zeugin eines Telefonats, das du mit einer gewissen Deanna – ich brauche dir nicht zu sagen, wie vorbelastet dieser Name ist – führtest. Danach sollst du wie ausgewechselt gewesen sein. Und dann deine ständige Jetterei nach Atlanta, mindestens einmal die Woche.«

»Eine herrliche Stadt. Kennst du sie näher?«

Jims Miene verfinsterte sich. »Ich dachte, wir wollten offen reden.«

Es klopfte. Marilyn trat ein. Sie hielt sich beachtlich. Dezentes Make-up verbarg die dunklen Ränder, die Jim noch am Morgen unter ihren Augen entdeckt hatte.

»Störe ich? Ich wollte nur sagen, dass das Essen auf dem Tisch steht.«

Ryland schien zwischen zwei Gefühlen hin und her gerissen zu werden.

»Du störst nicht«, sagte er schließlich. »Im Gegenteil. Reden wir nicht lange um den heißen Brei herum.« Er ging auf seine attraktive Frau zu und nahm ihre Hand in seine Faust. »Wie ich hörte, hältst du mich für einen Ehebrecher.«

Ihr Gesicht blieb ausdruckslos. Nicht einmal das Make-up konnte vortäuschen, was nicht da war.

Jim, der etwas abseits saß, fürchtete zum ersten Mal ernsthaft, dass die Ehe der beiden nicht mehr zu kitten war.

Doch dann lachte Ryland plötzlich los mit einer Heiterkeit, die von ganz tief aus seiner Brust zu kollern schien und die nicht nur Marilyn ratlos-verblüfft machte. Keine Sekunde ließ er ihre Hand los. Auch nicht, als Marilyn sich befreien wollte.

Dann erst recht nicht.

»Okay«, rief er sich selbst zur Räson. Seine Augen schimmerten feucht. »Ich sagte es gerade zu Jim, es sollte eine Überraschung werden. Aber nicht auf Kosten meines Glücks.« Er vertiefte kurz die Augen in die seiner Frau. »Das musst du mir glauben! Du erliegst einem Missverständnis, wenn du an eine Nebenbuhlerin glaubst. Ein haarsträubender Unsinn ist das! Deanna ist meine Sekretärin und …«

»Deine Sekretärin heißt Sharon Hayes«, bremste Marilyn ihn kühl.

Sharon Hayes.

45 Jahre alt, dunkles Haar, braune Augen; der Inbegriff einer korrekten, fleißigen und loyalen Vorzimmerdame.

»Hier in San Antonio ja«, nickte Ryland. »In Atlanta, Georgia, heißt sie Deanna Blair!«

Vier Augen blickten fragend.

»Lasst einem alten Mann wenigstens einen Rest Geheimnis. Ihr erfahrt früh genug, was ich ausgeknobelt habe – eine rein geschäftliche Angelegenheit. Mit uns beiden«, er nickte Marilyn zu, »hat das überhaupt nichts zu tun. Ich will nur nicht über Unausgegorenes reden. In Kürze kann ich die Karten aufdecken – unter der Bedingung, dass ihr nach außen strengstes Stillschweigen wahrt! Ich will nicht in letzter Minute noch etwas aufs Spiel setzen …«

» … außer unserer Ehe«, nickte Marilyn verständnisvoll.

»Du glaubst mir nicht?«

»Was macht das für einen Unterschied?«

Er schaute sie verständnislos an. Marilyn löste nachdrücklich ihre Hand aus der seinen und verließ das Zimmer. Rylands Blick wandte sich hilfesuchend an Jim.

»Würdest du nur einen Bruchteil deiner Geschäftsenergie in dein Privatleben investieren«, sagte Jim, »wüsstest du, dass sich Marilyn vernachlässigt fühlt. Sie wäre nicht die erste Frau, der das nicht gefällt und die ihre Konsequenzen daraus zieht.«

Ryland erbleichte. »Du meinst …«

»Wir sollten sie nicht auch noch mit dem Essen warten lassen«, wiegelte er ab.

Wie frustriert Marilyn tatsächlich war, erfuhr ihr Göttergatte spätestens, als er sich mit ihrem Gast zur gedeckten Tafel begab.

Marilyns Gourmettalent war bekannt – in diesem Fall verkaufte sie sich deutlich unter Wert, und dies gewiss nicht ohne Hintersinn. Die Sitzverteilung war Tradition. Ryland wusste genau, dass der Teller, von dem kulinarische Wohlgerüche ausgingen, nicht auf ihn gemünzt war. Dort, wo er zu speisen pflegte, türmte sich nur ein Haufen Rohkost, und der war noch einigermaßen lieblos zusammengeschnippelt.

Marilyns eigener Teller war ganz leer, aber das schien ihr zu entgehen. Sie thronte regelrecht auf ihrem Stuhl und verzog keine Miene.

Obwohl Jim über diese Variante seines Besuchs nicht eingeweiht war, fand er nichts dabei, darauf einzugehen. Er setzte sich an den Tisch und ließ sich die Seezunge, die Marilyn für ihn zubereitet hatte, mit ein paar goldgelben Pellkartoffeln auf der Zunge zergehen.

Rylands Stolz hielt ihn zunächst davon ab, auf den Putz zu hauen. Als Jim dann aber auch noch Marilyns Küchenkünste lobte, schwoll ihm der Kamm. Er vergrub die Hand in dem Grünzeug, das vor ihm stand, hob es hoch, als erwarte er ein Trostpflaster darunter, wurde aber nicht fündig und ließ das welke Gemisch mutlos sinken. »Da hast du dir aber Mühe gegeben«, grollte er Richtung bessere Hälfte. »Wie lange musstest du das Zeug in die Sonne stellen, bis es so aussah?«

»Du solltest es wenigstens probieren«, versetzte sie giftig. »Ich würde zu gern wissen, wie die Prise Arsen damit harmoniert!«

Jim schob den Teller von sich.

Ein erstes Lächeln huschte über Marilyns Gesicht. »Nicht du! Du brauchst keine Angst zu haben.«

»Beruhigend. Aber ich glaube, ich lasse euch zwei Turteltauben jetzt allein. Wie ich sehe, habt ihr euch immens viel zu sagen. Da will man doch nicht stören …«

»Stopp!« Rylands Stimme bannte ihn. »Ich wusste ja nicht, wie dieser Abend verläuft. Keine Ahnung hatte ich! Aber gehen lassen kann ich dich nicht. Jedenfalls nicht, bevor ich deine Zusage habe.«

»Was denn noch?«

»Wie ich vorhin schon erwähnte, brauche ich deine Hilfe …«

»Lass uns in Kürze darüber verhandeln.«

»Witzbold!«

Marilyn stand auf und verließ den Raum. Jim atmete hörbar aus. »Wenn du jetzt nicht schaltest, sehe ich wirklich schwere Zeiten auf dich zukommen.«

»Vielleicht besser, wenn sie nicht hört, worum es geht. Sonst würde sie mir wieder vorwerfen, dass ich mich um alles mehr kümmere als um sie.«

»Ist es so?«

Ryland blickte griesgrämig. Dann nickte er. »Es ist so, verflucht!«

Als Jim erfuhr, was er von ihm wollte, verflog sein Zorn und machte einem Gefühl großer Genugtuung Platz. Am liebsten wäre er dem Mann, dem er gerade noch schwere eheliche Verfehlungen vorgeworfen hatte, um den Hals gefallen.

»Das hast du getan?«

 

 

9

Iquitos, Peru

»Überraschung, Conchita! Mitkommen!«

Pablo stand in der offenen Zellentür. Sein widerliches Grinsen wurde nur noch von dem Erstaunen übertroffen, das sich im Hintergrund seiner lüsternen Augen eingenistet hatte und für das Maria zunächst keine Erklärung hatte.

Schon oft hatte er sie abgeholt oder besucht.

Gerade Pablo!

Es zog ihr den Magen zusammen. Aber sie folgte stumm durch die stinkenden Gänge des Frauentraktes, der nur hin und wieder mit dem Wasserschlauch gereinigt wurde.

Überall war Lärm und Geschrei. Rosenkränze rieben gegeneinander. Gesänge und Gebete auf jedem Schritt vermischten sich zu einem Substrat, das Paranoia in tausend Auswüchsen blühen ließ.

Das hysterische Gelächter und die Zurufe der Mitgefangenen galten weniger Maria als ihrem Aufpasser. Eine der Häftlinge in den Gitterzellen machte sich einen Spaß daraus, die Hose herunterzulassen und den blanken Hintern gegen die Stäbe zu pressen.

Pablo trat wütend aus, traf aber nur Stahl, der härter war als seine Zehen. Fluchend zog er den Fuß zurück. Die Frauen in den Zellen wieherten.

Pablo drehte sich zu Maria um. Zuerst streichelte er ihr Gesicht, das sich vor Ekel verzerrte. Dann schlug er zu.

Sie wurde gegen die Wand geworfen und hatte plötzlich Blutgeschmack im Mund.

Ausspuckend tastete sie nach der Verletzung, aber der gedemütigte Wärter ließ ihr keine Zeit und trieb sie weiter.

Als sie ihr Ziel erreichten, blieb Pablo auf dem Gang zurück.

Wieder leuchtete dieses Staunen in seinem Blick.

Im Büro warteten zwei Menschen. Ein rotgesichtiger Uniformierter und – John Meringo. Während der Beamte die Ellbogen auf einen Schreibtisch stützte und den großen Kopf in der Balance hielt, saß der Anwalt, der sich selbst empfohlen hatte, in einer Ecke hinter der Tür, durch die Maria hereingeführt wurde.

Er zeigte keinerlei Regung, als ihr Blick ihn traf.

»Maria Conchita Curtis?«, fragte der Schreibtischtäter.

Sie zögerte, nickte schließlich.

Ihr Gegenüber schob ihr einen Bogen Papier über den Tisch. »Lesen und unterschreiben!«

Ehe sie mechanisch verweigern konnte, nickte Meringo ihr unmerklich zu.

Wieder zögerte sie.

Die Erkenntnis, dass sie wie eine Marionette hin und her gereicht wurde, war nicht neu für sie. Aber in diesem Moment schmerzte es doppelt, weil das Fass am Überlaufen war.

»Tun Sie es!« Meringos Stimme wehte wie ein Hauch durch dieses grauenhaft seelenlose Zimmer. Maria brauchte ihre Phantasie nicht anzustrengen, um sich vorzustellen, dass hier schon Leute unter den Stiefeltritten legitimierter Mörder gestorben waren. »Lassen Sie sich nicht zu lange Zeit. Wer weiß …« Meringo verstummte achselzuckend, ohne von dem Beamten unterbrochen zu werden. Dessen Augen wurden jedoch schmaler.

Maria griff nach dem Dokument und las es hastig. Ihr Atem verselbständigte sich, ohne dass es ihr bewusst geworden wäre. Sie stellte keine weiteren Fragen, sondern griff nach dem bereitliegenden Kugelschreiber. Zittrig verlieh sie dem Geschriebenen Gültigkeit und glaubte immer noch, dass es sich um eine Farce handelte. Um ein weiteres Kapitel Psychoterror. Dass gleich irgendwo schallendes Gelächter ertönen und jemand das Papier genüsslich vor ihren Augen wieder zerreißen würde.

Nichts dergleichen geschah.

Meringo erhob sich, trat vor den Schreibtisch und schob dem dahinter verwurzelten Beamten ein dickes, in einfaches Packpapier geschlagenes Bündel entgegen. Der Uniformierte wischte es in eine Schublade. Seine Geste war dieselbe, als würde er Dreck auf eine Kehrschaufel scharren.

Meringo drehte sich zu Maria um. Er sagte nur ein Wort, ehe er sich umdrehte, um sie zu verlassen.

»Gratuliere!«

In der Tür drehte er sich noch einmal um. Maria stand immer noch auf demselben Fleck, als seine Stimme sie erreichte.

»Grüßen Sie Nolan – unbekannterweise.«

 

 

10

San Antonio

Das Telefon riss Bob aus unruhigem Schlaf. Er richtete sich auf und schüttelte sich wie ein angeschlagener Boxer. Im zweiten Anlauf fand er den Schalter der Nachttischlampe. Grelle Helle flutete seine Netzhäute. Der Platz neben ihm im Bett war leer.

Als er eingeschlafen war, hatte Sheila dort gelegen. Züchtig bekleidet und die unsichtbare Grenze berücksichtigend, auf die sie sich stillschweigend geeinigt hatten.

Das Summen wurde ungeduldiger.

Bob hob ab. »Du Wahnsinniger!«, keuchte er, als er erkannte, wer an der Strippe war. »Soll ich dir eine Uhr zum Erntedank schenken?«

»Ich wollte dir nur sagen, dass ich die nächsten Tage nicht erreichbar bin. Du hast also genügend Zeit, dir klarzuwerden, ob wir unternehmerisch expandieren sollen oder nicht!«

Bob kratzte sich am Stoppelkinn; Jim mochte es für eine Leitungsstörung halten. »Bist du noch dran?«

»Yeah.«

»Ich melde mich, sobald ich wieder verfügbar bin.«

»Verfügbar! Darf man fragen, was du vorhast?«

»Klar.«

»Und?«

»Ich möchte nicht darüber sprechen. Ungelegte Eier, wenn du verstehst. Sobald alles über die Bühne ist, ist mir jedenfalls wohler.«

»Klingt spannend.«

»Ist es.« Jim lachte leise.

»Hat es mit deinem Besuch bei Ryland zu tun?«

»Du wirst lästig.«

»Hat es?«

»Vielleicht.«

»Was sagte er in Sachen Pat?«

Nach kurzem Schweigen gab Jim zu: »Wir haben nicht darüber gesprochen. Ich hab’s, ehrlich gesagt, verschwitzt. Es ergab sich nicht.«

Bob war baff.

»Ich werde es nachholen. Ich sehe ihn in Kürze wieder. So long denn.«

Bevor Bob weiterbohren konnte, legte sein Partner auf.

Es war drei Uhr morgens.

Ein Geräusch lenkte Bob ab.

Vom Flur her näherte sich ein geschmeidiger, ölig glänzender, gänzlich nackter Frauenkörper.

»Du bist wach?« Sheila gab sich überrascht. »Ich war auf der Toilette und …«

Bobs Blick hielt an ihren perfekten Rundungen fest. Er hätte geschworen, dass sie beim Schlafengehen einen ziemlich unerotischen Männerpyjama getragen hatte.

»Es wurde mir zu warm hier drin«, erriet sie seine Gedanken. »Würdest du aufhören zu gaffen?«

Es ist nicht fair, dachte Bob. Wirklich nicht fair.

Zu viele Erinnerungen weckte dieser Anblick einer von Gott in Bestlaune erschaffenen Evastochter. Zu viele …

Er knipste das Licht aus und hörte, wie sie neben ihm ins Bett zurückglitt.

»Wenn du wach bist, könnten wir es ja auch gleich tun«, sagte sie.

Wilde Phantasien zuckten ihm durch den Sinn. »Tun?«

»Reden! Ich wollte einen Rat von dir.«

Schweiß perlte auf Bobs Stirn, als er sagte: »Worum geht es?«

»Um Mike und …«

»Und?«

»Um Sandy.«

Das war eine Mischung, die für Bob immer ein rotes Tuch bleiben würde. Sandy Winfield, Sheilas Freundin, sah den Jungen fast täglich, während ihm selbst dies nur zu besonderen »Feiertagen« vergönnt war.

»Will sie ihn heiraten?« Er machte sich keine Mühe, den Sarkasmus in Grenzen zu halten.

»Später vielleicht«, zeigte sich Sheila unbeeindruckt. »Im Moment sieht es eher nach Scheidung aus.«

»Ach?«

»Etwas mehr Betroffenheit könntest du schon heucheln!«

»Fällt mir nicht ein.« Er drehte sich dorthin, wo er sie in der Dunkelheit nur vermuten konnte, und stützte sich auf seinen Ellbogen. »Bitte mehr Details.«

Sheilas Stimme wurde verhaltener. »Sie hat ein lukratives Angebot erhalten. Beruflich. Aber dazu müsste sie ihre Zelte in Baton Rouge abbrechen.«

»Wann?«

»Erst in ein paar Wochen. Aber ich bin am Überlegen, was ich mit Mike mache, wenn sie weg ist!«

»Das klingt sehr pragmatisch.«

»So klingt es nur, weil ich weiß, wie du zu Sandy stehst. Nebenbei verliere ich vermutlich meine beste Freundin. Aber ich glaube nicht, dass du dafür tröstende Worte findest.«

»Ich könnte mich bemühen.« Das Bild von vorhin ging ihm nicht aus dem Schädel. Sheila war kreolischer Abstammung. Schon viele hatten versucht, sich mit ihr zu schmücken. Aber sie hatte ihren eigenen Kopf.

»Jedenfalls bin ich schon mal auf der Suche nach einer neuen Tagesmutti. Ich dachte, es interessiert dich.«

Bob nickte grimmig, was ihr ebenso erspart blieb wie ihm neue Adrenalinstöße. Das Licht blieb aus.

»Solange du keinen Tagesdaddy suchst, werde ich mich damit anfreunden können – müssen.«

Er hörte, wie sie sich ebenfalls in der Dunkelheit aufrichtete. Er glaubte, ihren Atem zu fühlen, so nahe schien ihr Mund dem seinen. »Nein«, sagte sie. »Sag offen deine Meinung. Ich will sie wissen. Ich weiß, dass ich viel Scheiß gebaut habe in den Jahren, und ich möchte irgendwann mal die Kurve kriegen. Mike soll nicht immer hin und her geschoben werden. Er braucht Kontinuität, und ich fürchte, die habe ich ihm selten gegeben.«

Bob ließ sich zurückfallen. Das Bett knarrte unter seinem Gewicht. »O Gott«, stöhnte er. »Das Moralische kommt reichlich spät, und ob es dir steht …«

Ihre Hand strich über seine Brust und spielte mit den Haaren, die dort sprossen. »Ich bin heute äußerst anfällig für Schuldzuweisungen«, raunzte sie. »Nütz es nur kräftig aus.«

Er konnte sich nicht beherrschen. Auch seine Hand entwickelte Eigenleben, suchte und fand ihren warmen Körper und streichelte über die samtige Haut.

Sie stieß kehlige Lautfolgen aus.

Bob hielt inne.

»Weitermachen!«

»Ich sollte dir lieber den hübschen Hintern versohlen! Du Biest hast das doch von Anfang an so geplant … Gestehe!«

Statt zu antworten, rollte sie sich katzenhaft über ihn und stutzte sich mit ihren Händen auf seine Schultern. Ihr schlanker Körper bog sich durch. Ihre Lippen hauchten Küsse auf sein Gesicht. Bob spürte ihre Brüste und streckte verlangend die Hände danach aus. »Du kleine Hexe.«

Er umarmte ihren zerbrechlich wirkenden Körper und schmiegte sie fordernder an sich, ohne dass von ihrer Seite Gegenwehr erfolgte. Wenn sie mit ihm spielte, dann war das Spiel noch lange nicht zu Ende. Dann ging sie aufs Ganze!

»Starker schwarzer Mann«, flüsterte sie hingebungsvoll zwischen seinen Küssen. »Wie konnte ich dich je im Regen stehenlassen.«

Ihre Worte drangen kaum noch in sein Bewusstsein. Nur noch die prickelnde Kraft ihrer Stimme. Ratio wurde von purer Libido ersetzt. Es kam ihm gar nicht in den Sinn, hinter Sheilas Leidenschaft mehr als eine spontane Laune zu vermuten.

»Du fühlst dich herrlich an!«, seufzte er.

»Du auch.« Sie war eine moderne Frau.

Und Bob ein moderner Mann. Seine Finger fanden den Lichtschalter. Auch Sehen gehörte zu gutem Sex.

Im Schein der Lampe liebten sie sich ekstatisch. Bis zur völligen Erschöpfung!

Als er am nächsten Morgen aufwachte, war sie weg. Wie eine Diebin hatte sie sich davongeschlichen.

Das alte Lied.

Ich falle immer wieder darauf herein, dachte er, als er am Fenster stand und auf die Straße blickte, wo der Peterbilt gestanden hatte.

Dann fand er ihre Nachricht.

Sorry. Musste fort und wollte dich nicht wecken. Du hast geschlafen wie ein Teddybär. Danke für alles. Du hast nichts verlernt. Vielleicht sollten wir daraus eine Lehre ziehen.

Sheila.

»Hab’ ich schon«, knurrte er ungnädig. »Und die Moral von der Geschicht’: Man soll alte Geschichten aufwärmen nicht!«

Aber er las den Zettel immer wieder.

Auch zwischen den Zeilen.

 

 

11

Maria konnte es immer noch nicht fassen. Ihr Bewusstsein hinkte der Realität nach, und auch die Zeit über den Wolken, während des vielstündigen Fluges, genügte nicht, dies vollständig zu ändern.

Sie war frei!

Nach zwölf Monaten Horror konnte sie sich wieder in einer Welt bewegen, die ihr fremd geworden war, und durch die sie sich wie eine Schlafwandlerin bewegte.

Sie hatte John Meringo gesucht, aber ihn nicht gefunden. Im Gefängnis hatte man ihr die wenigen Habseligkeiten ausgehändigt, die sie bei ihrer Verhaftung am Leib getragen hatte. Dazu einen kleinen Koffer, der – wie sie vermutete – von dem Anwalt stammte. Wissen konnte sie es nicht, denn außer einer Wand des Schweigens war ihr bei ihren Fragen nichts entgegengetreten.

Im Nachhinein wunderte sie sich noch stärker, dass man ihr den Koffer tatsächlich ausgehändigt hatte. Bei all der Korruption war dies keine Selbstverständlichkeit, und in Anbetracht des Inhalts schon gar nicht.

Der Koffer hatte Geld enthalten. Eine hohe Summe, die es ihr ermöglicht hatte, sich neu einzukleiden und ein paar andere Arrangements zu treffen.

Maria begriff immer weniger John Meringos Beweggründe. Sie begriff auch nicht, wie er sie ohne Neuauflage einer Gerichtsverhandlung freibekommen hatte. Nur dass auch dabei Geld im Spiel gewesen sein musste, schien zweifelsfrei. Aber ein Anwalt, der so viel Eigenkapital in die Belange seiner selbstgewählten Klientin pumpte … was war das für ein Mensch?

Er hatte den Eindruck zu schaffen versucht, es ginge ihm nur um ein möglichst hohes Honorar. Daran glaubte Maria beim jetzigen Stand der Dinge nicht mehr.

John Meringo hatte weiterreichende Pläne.

Ein bezahltes Flugticket nach San Antonio, Texas, hatte sich ebenfalls im Koffer befunden.

»Grüßen Sie Nolan – unbekannterweise.«

Sein Abschiedssatz war ihr in Erinnerung geblieben.

Steckte vielleicht doch ihr Mann hinter der ganzen Initiative? Es hätte für eine gute Portion Skurrilität gesprochen, wenn er zuerst Zweifel über seine Loyalität in ihr gesät und sie dann aus dem Schlamassel herausgepaukt hätte.

Nein!

Maria schüttelte den Kopf. Die Dinge, die Meringo zur Sprache gebracht hatte, konnte ihm nicht Nolan Curtis suggeriert haben! Er hätte sich damit ins eigene Fleisch geschnitten. Maria war längst in einer Stimmung, die es ihr unmöglich machte, länger zu erdulden, was man ihr antat – egal, wer es versuchte!

Ihre Gedanken irrten kurz zu Penalba, der – das hatte sie spät begriffen – alles getan hatte, um sie in ihrer Zelle verrotten zu lassen. Es schien undenkbar, dass er dies aus eigener Initiative getan hatte.

Maria hatte sich einen Tag in Iquitos aufgehalten und – als sie sicher war, nicht mehr unter Beobachtung zu stehen – Schritte eingeleitet, bei denen sie sich selbst kaum wiedererkannte.

Nicht nur die Umwelt, sie selbst war sich fremd geworden!

Immer wieder zuckten Streiflichter der letzten Monate durch ihr Bewusstsein. Die anderen Bordinsassen und die Besatzung der Boeing nahm sie kaum wahr. Einige wunderten sich über die junge Frau mit dem zwar bildhübschen, aber auch völlig verhärteten Gesicht. Manchmal sah es aus, als spreche sie mit sich selbst. Dann wieder liefen unkontrollierte Muskelzuckungen durch ihren Körper.

Maria hatte das Ticket im Koffer benutzt. Niemand hatte sie am Verlassen des Landes gehindert, in dem ihr Bruder seinen Freiheitskampf mit dem Tod bezahlt hatte. All dies schien nie existiert zu haben. Anstandslos waren Marias Papiere an den Kontrollen akzeptiert worden, als sei sie eine normale Touristin, die nach zeitweiligem Aufenthalt wieder in ihre Heimat zurückkehrte.

Ihre neue Heimat.

Daran, amerikanische Staatsbürgerin zu sein, hatte sie sich immer noch nicht gewöhnt.

Daran, einen Ehemann zu haben, auch nicht!

Nolan Curtis!

Würde er sie am Flughafen erwarten? Würde alles diesen Weg nehmen?

Wieder schüttelte sie gedankenverloren den Kopf, und ihr Sitznachbar wunderte sich schon lange nicht mehr. Auf seine Smalltalk-Versuche war sie nicht eingegangen. Sie behandelte jeden wie Luft. Manche sogar wie verpestete Luft. Das hatte sie sich im Knast angewöhnt.

Sie verkrampfte sich, weil Erinnerungen kamen, die sie sorgsam in tausend Häute genäht und mit tausend Ketten und Schlössern in die Kerker ihrer Seele verdammt hatte.

Mit geschlossenen Augen versuchte sie, etwas Schlaf zu finden.

Tiefen, traumlosen Schlaf.

Als es nicht gelang, hielt sie sich an dem fest, was sie als nächstes tun wollte.

Schrittweises Zurücktasten ins Leben nannte sie es für sich.

Das Verlangen, den Tränen freien Lauf zu lassen, wurde übermächtig. Aber ihre Tränen hätten gestaubt. Sie konnte nicht mehr weinen. In der Dunkelheit hatte niemand ihre Tränen gesehen, und ihre Schreie waren ungehört verhallt.

Eine amerikanische Staatsbürgerin …

Sie wusste, was dieser Status wert war in Peru. In einem Gefängnis, in dem Kinder wie Juanita dem »Verschwindenlassen« zum Opfer fielen. In dem nachts die schwitzenden, geilen Wärter kamen.

Die Maschine landete auf dem Internationalen Flughafen von San Antonio, und niemand wartete auf Maria, die auch hier anstandslos alle Kontrollen passierte.

Draußen nahm sie sich ein Taxi und öffnete abermals den Koffer, den Meringo ihr überlassen hatte.

Außer Geld und Ticket hatte noch etwas darin gelegen.

Eine Hotelbuchung und eine Wegbeschreibung zu einem Bungalow in Castle Hills.

Zwei Dinge, die sich bissen.

»Castle Hills« nannte Maria dennoch dem Fahrer des Taxis als erstes Ziel. Ihre Stimme zitterte. Nervosität und Furcht schnürten ihr das Herz zusammen.

Sie begriff, was mit ihr los war.

Das Flugzeug in die Freiheit war gelandet – aber sie selbst war noch längst nicht angekommen.

 

 

12

Ihre Haut war heiß und willig.

Sie flüsterte ihm erregte Anfeuerungen ins Ohr und hinterließ dennoch das schale Gefühl in ihrem Liebhaber, dass sie sich exakt so verhielt, wie sie glaubte, dass er es von ihr erwartete. Ihre Hingabe war kontrolliert, obwohl sie das Gegenteil vorgaukelte. Für sie lief die Schnellstraße ihrer Karriere geradewegs durch seine Kissen.

Der Mann unter ihr akzeptierte es, weil es die Macht bestätigte, die er über andere Menschen ausübte. Aber es bestätigte auch seine Einsamkeit.

»Ja!«, seufzte sie über ihm und verschärfte ihren Ritt. »Jaaaa!«

Es klingelte.

Er schob sie aus dem Sattel, und es war ihm gleichgültig, was sie darüber dachte. Ihre Wut in diesem Moment war reizvoller als die Gymnastik davor.

Nackt lief er in den Flur.

Überall im Haus waren Stellen verteilt, wo er nur einen Hörer abnehmen und auf einen winzigen Monitor blicken musste.

Safety first.

Sein immer noch jungenhaftes, schmales Gesicht zerfiel, als sich die Stimme von draußen meldete.

Schwankend kehrte er wenig später ins Schlafzimmer zurück.

»Zieh dich an!«, fauchte er.

»Aber …«

»Du brauchst nur so schnell zu sein wie vorhin, als du dich ausgezogen hast. Das genügt. Wenn du es nicht schaffst, kannst du dich gleich nach einem anderen Job umsehen.«

Der harte Glanz seiner Augen, während er selbst in seine Kleidung schlüpfte, verriet, dass es ihm ernst war.

Todernst.

Etwas, das ihn aus der Bahn geworfen hatte, war geschehen.

Etwas, das noch nicht zu Ende war!

 

 

13

Iquitos, Peru

Pablo Cura fühlte sich beobachtet, seit er in sein klappriges Auto gestiegen war. Es hatte weder Rück- noch Außenspiegel, und im Sitz umdrehen wollte er sich nicht. Aber das Gefühl, angestarrt oder verfolgt zu werden, war unablässig präsent.

Es ist der Schnaps, dachte er selbstkritisch, ohne jedoch die Absicht zu hegen, etwas an seinem Konsum zu ändern. Jedes Glas fraß Millionen Hirnzellen, hatte er einmal gelesen.

Er hatte nicht einmal gewusst, eine so hohe Zahl zu besitzen.

Iquitos war nicht mehr als ein stinkender Slum mitten im peruanischen Urwald. Es gab nur wenige Plätze, wo das Leben erträglich war. Pablo Cura wohnte weitab dieser Orte. Er lebte in einem Haus, in dem Tag und Nacht keine Ruhe einkehrte. Er hasste dieses Leben und ließ es diejenigen spüren, die ihm durch eine Schicksalsfügung ausgeliefert waren. Auf seine bescheidene Weise war Pablo ein mächtiger Mann. Er und seine Kollegen verdienten nicht viel, aber sie konnten Frauen haben, sooft und so viele, wie es ihnen beliebte.

Niemand schritt dagegen ein.

Niemand hörte die Schreie oder die Klagen.

Jeder im Gefängnis von Iquitos war ein Rädchen im großen Getriebe. Keine Krähe hackte der anderen ein Auge aus. Ein System, das sich bis in die Spitze der peruanischen Regierung bewährt hatte.

Obwohl Pablo kein politischer Mensch war, dachte er manchmal darüber nach, dass er es übler hätte treffen können. Keine Demokratie konnte ihm bieten, was unter Präsident Fujimori möglich war!

Die Hupe seines Autos versuchte röchelnd ein paar Kinder und Halbwüchsige von der löchrigen Straße zu vertreiben. Sie bewarfen ihn mit Dreck und faustgroßen Steinen, bis er seine Pistole herausholte und drohend gegen sie richtete. Sofort stoben sie nach allen Seiten davon.

Pablo lachte heiser. Diese Bastarde wussten, was ihnen heutzutage blühen konnte. Überall in den schwülen Ländern südlich des Äquators räumten Todesschwadronen unter den Straßenkindern auf. Sie wurden von Geschäfts- und Privatleuten bezahlt, um zu morden. Um eine Ordnung herzustellen, die die Gesetze überforderte, und an die eigentlich auch niemand wirklich glaubte.

Die Kinder starben trotzdem.

Jemand hatte diese Perversion eines Tages erfunden, und seitdem hatte sie eine Eigendynamik angenommen, die offenbar nicht mehr zu stoppen war.

Pablo war es egal.

Ihm war fast alles egal, solange er seine Triebe befriedigen und ab und zu ein kühles Bier zu seinem Schnaps schlürfen konnte.

Er vergaß sogar sein Unbehagen von vorhin und stellte sein Auto im Hof des vergammelten Hauses ab, wo sie an den Fenstern hingen wie in einem Amphitheater. Von dort oben starrte auch Pablo meist, während im Hintergrund der Fernseher blubberte. Das bessere Programm lief meist im Hof oder auf der Straße ab. Reality TV pur!

Er hatte den Begriff aus einer amerikanischen Illustrierten aufgeschnappt.

Amerika!

Irgendwann würde er sich dorthin verkrümeln. Vielleicht.

Bevor er die Treppen hochstieg, überlegte er, ob er noch auf einen Sprung in die Bodega gehen sollte. Aber seine Schritte erklommen bereits die ersten Stufen des dämmrigen Treppenhauses. Es roch nach Salpeter und anderen unerfreulichen Dingen, an die man sich gewöhnte.

Die Tür zu seiner Kemenate war verschlossen, aber im Ernstfall hätte das Schloss keinem Fußtritt standgehalten. Manchmal glaubte Pablo, jemand müsste nur im Flur niesen, um die Tür aus ihren Angeln zu sprengen. Er unternahm jedoch nichts dagegen, weil es seiner Ansicht nach ohnehin nichts bei ihm zu holen gab.

Ein folgenschwerer Irrtum.

Das Schloss war in so schlimmem Zustand, dass man nicht einmal merkte, ob es überhaupt noch funktionierte, wenn man nicht gerade an der Tür zerrte.

Pablo betrat seine Behausung und kickte die Tür hinter sich zu.

Die Fensterläden waren geschlossen, um die Hitze draußen zu lassen.

Irgendwo raschelte es.

Auch so ein Geräusch, an das man sich gewöhnte, wenn man mit Ratten, Mäusen und sämtlichen einheimischen Insektenarten zusammen logierte.

Pablo steuerte den Kühlschrank an, der manchmal funktionierte.

Hinter ihm tauchte ein Schatten auf, der wartete, bis er den Kopf ins Kühlfach steckte. Dann sprang er hinzu und tötete den Gefängniswärter mit einem Strick, den er von hinten um den Hals des Mannes schlang und zuzog.

Es war ein typischer Tod in einer typischen Umgebung.

Niemand reagierte auf den Schrei, der sich hinzog wie das Sterben.

 

 

14

Castle Hills

Es war, als tickte eine Uhr in ihr. Der Zeiger sprang vor, und sie kam einen Schritt näher.

Näher wohin?

Zu sich selbst?

Zu …

Das Tor war geschlossen. Maria drückte den Klingelknopf. Abseits stand das Taxi und wartete.

Auch dort tickte eine Uhr.

Maria war noch nie hier gewesen, aber genauso hatte sie es sich vorgestellt. Der Bungalow »roch« nach Wohlstand. Ein Klischee. Wie auch der Mann, der darin lebte, ihr immer mehr wie ein Klischee vorkam.

»Ja?«

Sie erkannte die Stimme nicht sofort.

»Zu Nolan Curtis, bitte«, sagte sie tonlos.

»Wer ist da?«

»Seine Frau.«

Es wurde still in der Verbindung, die von hier zum Haus und wieder zurück lief. Selbst das begleitende hohle Rauschen schien zu verstummen.

Maria blickte nach oben und sah in ein Kameraauge, das ihr zuvor nicht aufgefallen war. Ihre Miene veränderte sich nicht.

Der Schließmechanismus des Tornebeneingangs summte. Sie drückte dagegen und trat ein. Über einen Pfad, der entlang der Zufahrt lief, erreichte sie den Bungalow. In der Einfahrt stand ein protziger Mercedes, dessen genaue Typisierung entfernt worden war. Der Wagen sah aus wie ein Panzer.

Als Maria den Bungalow erreichte, stand die Tür bereits einen Spalt offen. Dahinter wurden Stimmen laut, denen Aggressivität anhaftete. Mehr als nur unterschwellig.

Als sie eintrat, verstummten sie.

Maria erkannte den Mann auf Anhieb.

Natürlich.

Wichtiger war ihr jedoch, dass er sie erkannte. Und das tat er. Obwohl er die Maske der Freude aufrechtzuerhalten versuchte, ließ sie das, was sie dahinter erblickte, schaudern.

»Maria!«

Nolan Curtis.

40 Jahre alt, stahlblaue Augen, hochgewachsen, dunkelblond. Sympathisch auf den ersten Blick; auf den zweiten eine menschliche Katastrophe. Nach »Blitz-Heirat« Denker und Lenker der ALAMO TRUCKING. Rylands Ex-Schwiegersohn. Sein großes Ziel: Einverleibung der RTC – eigene Inthronisierung als »Trucker-King«.

Er kam ihr mit ausgebreiteten Armen entgegen. Maria stand bewegungslos und sah über seine Schulter auf die blonde Frau, die langbeinig in einem hellen Kostüm im Flur stand und die Begrüßungszeremonie irritiert verfolgte. Maria fühlte den Hass dieser Frau, ohne ihn ernst zu nehmen. Sie durchschaute die Situation sofort. Kleinigkeiten verrieten, dass die Blondine wenig Zeit gehabt hatte, ihre Kleidung so zu ordnen, wie es die Perfektion erfordert hätte. Auch das Haar war in Unordnung.

»Maria!«

Sie ließ die Umarmung über sich ergehen, aber sie erwiderte sie nicht.

Ihr Blick war unverwandt auf die andere Frau gerichtet.

Nolan Curtis setzte ein verkrampftes Lächeln auf, als er sich von ihr löste und auf die Frau deutete. »Das ist Marsha. Meine Sekretärin. Sie brachte mir wichtige Unterlagen mit dem Taxi vorbei. Ich bin auf dem Sprung zu einem Termin. Ich hatte ja keine Ahnung …«

Er schüttelte den Kopf.

Fassungslosigkeit versuchte er durch Erstaunen zu kaschieren.

»Man hat mich nicht informiert …«

Er hielt inne. Vielleicht begriff er gerade, dass er einen Fehler beging.

Sie hatte nur noch diese Bestätigung gebraucht, um zu wissen, dass er nicht hinter Meringo stand.

Als er erneut zum Sprechen ansetzte, hob sie ihre Hand und brachte ihn zum Schweigen.

»Wir brauchen uns nichts mehr vorzumachen. Schick sie weg.«

In die Mimik der jungen, ehrgeizigen Blondine mischten sich erste Anzeichen von Widerstand. »So lasse ich nicht …«

Curtis stoppte sie barsch. »Verschwinde! Wir unterhalten uns später! Nimm dir ein Taxi!«

»Unten vor dem Tor steht eins«, sagte Maria.

Die Augen ihrer Geschlechtsgenossin schleuderten Blitze.

»Es gehört mir«, fügte Maria ungerührt hinzu. »Ich möchte es noch in Anspruch nehmen.«

Curtis lachte gekünstelt. »Das brauchst du nicht. Ich …« Er nickte. »Such dir ein anderes Taxi. Oder lauf zu Fuß!«

Das war zu viel.

Der Türknall, mit dem seine Sekretärin sich empfahl, hielt sich länger als ihre Drohgebärde Richtung Maria.

Die Erbin der ALAMO wartete eine Minute, in der Nolan Curtis sich wie ein Chamäleon wieder in den Mann verwandelte, der ihr damals im Gefängnis dieses Angebot unterbreitet hatte, das sie geglaubt hatte, nicht ablehnen zu können.

Er wusste mit seinem sympathischen Lächeln umzugehen und benutzte es skrupellos.

»Ich freue mich unendlich …«

»Still!«

Sie ging an ihm vorbei und ließ ihn einfach stehen. Sie durchmaß die Räume mit einer Unwiderstehlichkeit, die den Mann hinter ihr dazu verurteilte, ihr einfach zu folgen und darauf zu warten, was als Nächstes geschehen würde.

Erst als sie die Treppe nach oben stieg, versuchte er, sie aufzuhalten. »Ich verstehe nicht, was los ist. Lass uns deine Freilassung feiern! Lass uns reden. Maria …«

»Du kennst noch meinen Namen? Schön!« Sie stieg die Treppe nach oben und warf auch dort in jedes Zimmer einen Blick.

Das Bett im Schlafzimmer war zerwühlt.

»Ich hatte noch keine Zeit … Meine Putzhilfe ist krank. Ich …«

»Sie sah ganz gesund aus. Etwas blass vielleicht.« Maria drehte sich nach ihm um. Ihr Blick war voller Verachtung. »Ich bin froh, dass du dich nicht zu sehr gegrämt hast, weil ich dir bei der Verwaltung meines Erbes nicht unter die Arme greifen konnte.«

Er gab nicht auf. Er hätte jeden Schauspielpreis für sein Unschuldsgesicht gewinnen können. »Jetzt verstehe ich, was du denkst. Aber Maria … Du irrst dich. Du denkst, ich hätte etwas mit dieser kleinen Tippse! Ich bitte dich! Das kann nicht dein Ernst sein! Du kannst dir nicht vorstellen, wie froh ich bin, dass meine Bemühungen endlich Erfolg hatten …«

»Deine Bemühungen?«

»Ja doch! Was ist passiert? Was hat man dir erzählt, dass du so … kalt gegen mich bist?«

»Kalt?«

Er nickte, und einen Moment wusste sie nicht, ob sie ihn für seine Leistung bewundern oder verdammen sollte bis in alle Ewigkeit.

Der Moment verging, der Hass aber blieb.

Unruhe kehrte in seinen Blick zurück, als er in ihren Augen las, wie wenig erfolgreich all seine Versuche waren, ihre Emotionen in seinem Sinne zu formen.

Sie war nicht mehr die unschuldige, kleine Maria, mit der er sein Abkommen getroffen hatte. Er hatte nie mit einer Gefahr aus dieser Ecke gerechnet, schon gar nicht mit einer ernstzunehmenden Gegnerin. Das wurde Maria in diesen Minuten völlig klar.

»Es hat dir einen ganz schönen Schock versetzt, nicht wahr?«, fragte sie.

»Was meinst du?«

»Mich hier zu sehen. Du glaubtest mich doch sicher in diesem Rattenloch.«

»Was redest du da?«

»Die Wahrheit! Ich fürchte, die Wahrheit.«

Er schob das Kinn nach vorn. »Wer hat dich gegen mich aufgehetzt?« Er lief wie eine gereizte Raubkatze auf und ab. »Etwas ist passiert, was ich nicht weiß!«

Sie nickte.

Er hielt inne. »Was?«

»Ich wurde entlassen.«

Seine Augen verengten sich. »Worüber sich niemand mehr freut als ich!«, beharrte er. »Aber was ist noch passiert? Wieso wurde ich nicht informiert? Wieso?«

»Etwas an dem Netz, das du gewoben hast, funktionierte nicht ganz«, sagte sie. »Fehler passieren überall. Wäre es nicht so, säße ich noch immer in meiner stinkenden, engen Zelle, die täglich kleiner wurde und mich fast zermalmt hätte …«

Sie verstummte. Sie wollte nicht zu viel von sich erzählen. Sie wollte ihn auskundschaften.

»Ich habe meine Entlassungspapiere dabei«, sagte sie. Ihr Blick glitt erneut über das zerwühlte breite Bett, und sie fragte sich, ob es ihr wirklich etwas ausmachte. »Ich wollte dir Gelegenheit geben, mir zu erklären, warum du nichts für mich getan hast all die Monate. Ich bin sicher, es gibt keine Erklärung, die mir schmeichelt, aber du kannst es trotzdem versuchen.«

»Was, um Himmels willen, hast du vor?« Er trat ihr entgegen und fasste sie an den Schultern.

Sie blickte ihn nur an.

Er ließ los.

»Die ALAMO gehört nach Marios Tod mir«, sagte sie. »Mir allein.«

Curtis schüttelte den Kopf. Seine Augen wurden ausdruckslos wie die eines Haies. »Sie gehört uns. Wir beide sind vor Gott verbunden. Solltest du so vergesslich sein?«

»Vor Gott?«, fragte sie mit seltsamer Betonung.

Er zögerte.

Sie sah, wie er vor ihr zurückzuckte, ohne dies äußerlich zu zeigen. Es war ein Reflex, der innen stattfand. Irgendwo dort, wo auch dieser Mann eine Seele haben musste.

»Du versuchst nicht, dich zu rechtfertigen?«

»Ich habe mir nichts vorzuwerfen. Du begehst einen schrecklichen Irrtum.«

»Dann ist alles gesagt.« Sie wandte sich ab.

Auf der Treppe holte er sie ein. »Was hast du vor?«

»Sagte ich das nicht?« Sie blieb nicht stehen.

»Nein!«

»Ich lasse dir meine Entscheidung schriftlich zustellen.«

Er erstarrte. Von der untersten Stufe aus blickte er ihr nach, als sie den Bungalow verließ. Sein Blick wurde glashart. Er hatte noch nie einen Gegner, geschweige denn eine Frau, gefürchtet.

Bei Maria würde er eine Ausnahme machen.

 

 

15

Das Taxi wartete noch immer. Sie hat es nicht gewagt, dachte Maria. Sie ist schlau.

»Wohin jetzt?« Der Fahrer faltete seine Zeitung zusammen und klemmte sie ins Türfach. Er war schon etwas älter und hatte offene, klare Augen – eine Wohltat gegenüber dem Mann, den sie gerade verlassen hatte und der sie noch aus der Ferne anekelte.

Maria zog den Zettel hervor, auf dem der Hotelname stand, wo derselbe Unbekannte, der ihr Geld und Flugticket zur Verfügung gestellt hatte, auch ein Zimmer für sie gebucht hatte. »Auf unbestimmte Zeit«, wie gesondert unter der Adresse stand. Sie hatte lächeln müssen, als sie sah, auf wen die Buchung lautete.

Der Unbekannte hatte Sinn für Details.

Sie reichte den Zettel nach vorn. Der Fahrer nickte und gab Gas.

Später setzte er sie genau vor dem Eingang des Nobelhotels ab. »Keine schlechte Adresse«, lobte er und nickte dankend, als Maria den Fahrpreis mit einem mehr als anständigen Trinkgeld aufrundete.

Ich bin eine reiche Frau, dachte sie. Ich muss mich daran gewöhnen.

An der Rezeption verlief alles problemlos. Insgeheim hatte sie immer noch mit Schwierigkeiten gerechnet. Ganz gleich welcher Art. Aber die einzigen Probleme, mit denen sie zu kämpfen hatte, steckten in ihr selbst. Und würden dort wohl auch auf lange Zeit bleiben.

»Hat jemand nach mir gefragt?«, erkundigte sie sich, ehe sie ihr Zimmer aufsuchte.

Die Empfangsdame nahm Rücksprache mit ihren Kollegen und kehrte dann verneinend zurück.

Maria ging zum Aufzug.

Nolan Curtis löste sich aus der Deckung eines blumenumrankten Pfeilers und marschierte schnurgerade auf die Rezeption zu.

»War das nicht eben Mistress Curtis?«, fragte er. »Die junge Dame, die gerade in den Aufzug gestiegen ist?«

Die Empfangsdame schüttelte freundlich den Kopf. »Da müssen Sie sich irren.«

»Ich irre mich nie.«

»Die Dame heißt Corrigan, nicht Curtis. Maria Corrigan.«

Nolan Curtis drehte sich wortlos um und verließ die Halle.

 

 

16

Bob verließ sein Apartment, als es draußen schon langsam dunkel wurde und die Straßenbeleuchtung einsetzte. Statt eines Taxis nahm er den Bus; ein Auto besaß er nicht. Ihm genügte es, wenn er stundenlang auf dem »Thunder« saß. Ansonsten nahm Jim ihn in seinem Ford Mustang mit.

Aber Jim war nicht da. Er hatte sich abgemeldet, für unbestimmte Zeit!

Bob knirschte mit den Zähnen. Gerade jetzt hätte er den Freund nötig gehabt. Sheilas Blitzbesuch und das, was sich dabei ergeben hatte, dröhnte immer noch in ihm nach wie kleinere Beben, die dem Hauptereignis folgten.

Ihren Zettel hatte er in der Tasche.

Nicht wegen des »Teddybären. »Vielleicht sollten wir daraus eine Lehre ziehen.« Das Echo, das dieser eine Satz in ihm hinterließ, machte ihm zu schaffen.

Was hatte sie damit sagen wollen?

Zur Hölle, was?

Hätte er sie nicht immer noch geliebt, wäre es ihm egal gewesen. Aber trotz wechselnder Damenbekanntschaften seit ihrer Trennung hatte er immer nur sie im Hinterkopf gehabt. Niemand hatte es bislang mit ihr aufnehmen können – und allein die Tatsache, dass er Vergleiche zog, verriet überdeutlich, was in ihm vorging.

Als Mike vor Monaten entführt worden war und man mit dem Schlimmsten hatte rechnen müssen, weil zu jener Zeit gerade ein psychopathischer Kindermörder sein Unwesen in Baton Rouge trieb, waren sie einander wieder nähergerückt. Sheila hatte ihn damals, als alles ein glückliches Ende gefunden hatte, angesehen wie in besten Tagen.

Aber dann war der Kontakt wieder eingeschlafen. Und Bob hatte sich endgültig damit abgefunden, dass er der Rolle eines »Lückenbüßers« nicht gewachsen war. Für ihn galt: Alles oder nichts!

Sheila bevorzugte eher die Variante: Von jedem ein bisschen.

Sie war vernarrt in ihre Freiheit.

Sie würde sich nie ändern.

Warum ließ sie ihn nicht in Ruhe?

Warum habe ich den verdammten Zettel eingesteckt?

Er war regelrecht aus seiner Wohnung geflohen, um sich abzulenken. Dazu passte wahrlich nicht, dass er Ballast mit sich herumschleppte.

Sekundenlang spielte er mit dem Gedanken, das Papier zusammenzuknüllen und fortzuwerfen.

Natürlich tat er es nicht.

Er stieg in den Bus und fuhr ins Zentrum. Von dort aus nahm er eine Nebenverbindung zu Pats Wohnung.

Das würde ihn ablenken.

Es war dunkel, als er vor dem Mietshaus anlangte. Das letzte Wegstück hatte er zu Fuß zurückgelegt. Pat hatte sich noch nicht bei ihm gemeldet, und bevor Bob selbst anrief, setzte er sich lieber gleich in Bewegung.

Vergebliche Liebesmühe, wie sich nun herausstellte.

Die Verrücktheiten in Bezug auf Pat setzten sich nahtlos fort.

Dort, wo sich sein Namensschild neben dem mittleren Klingelknopf befunden hatte, war eine leere Fläche.

Bob erinnerte sich genau, dass es beim letzten Besuch noch dagewesen war.

Er klingelte, aber es meldete sich niemand.

Daraufhin läutete er bei Hausmeister.

Nach etlichen Versuchen näherte sich eine dicke, fluchende Frau. Ein zusätzliches Licht ging an, und dann trat ein Ausdruck in ihre Augen, den Bob ignorierte, weil er etwas von ihr erfahren wollte.

»Ich wollte zu Mister O’Neill. Ich bin ein Freund. Er meldet sich nicht.«

Die Frau schnaubte. Ihr rosafarbenes Gesicht geriet in Bewegung, aber es war ein böses Lächeln, das sich formte. »Ein Freund? Wenn Sie ein Freund wären, wüssten Sie wohl, dass er weg ist!«

»Weg?«

»Weggezogen.« Sie wählte einen Tonfall wie bei einem schwerfälligen Kind. »Falls Sie sich nur für die freigewordene Wohnung interessieren, muss ich Sie enttäuschen. Wir nehmen keine«, sie blickte abfällig an ihm herunter, »Singles mehr.«

Er wusste, was sie wirklich meinte. »Weggezogen?«, wiederholte er benommen. Dann fasste er sich und fragte: »Sind Sie neu hier?«

Sie starrte ihn verblüfft an. »Woher wissen Sie das? Mein Mann und ich haben die Verwaltung vor einer Woche übernommen.«

»Und mögen keine … Singles.«

Sie nickte – irritiert.

»Dann ist er vermutlich deshalb weggezogen. Mister O’Neill ist Single.«

»Den Eindruck hatte ich nicht.«

Sie meint Glory, dachte er und spürte, dass es sie, obwohl sie ihn nicht leiden konnte, nicht gehindert hätte, ihm Pats Intimleben aufs Brot zu schmieren. »Wissen Sie, wohin er ist?«

»Nein. Aber er hat seine Möbel abholen lassen.«

»Von wem? Haben Sie gesehen, welche Spedition?«

Sie hatte mit Sicherheit. Eine Frau wie sie sah alles. Aber sie schüttelte den Kopf. »Wie gesagt, die Wohnung ist nicht zu haben. Es gibt bereits Interessenten …«

Bob bedankte sich mit ausgesuchter Höflichkeit, weil er erkannt hatte, dass er sie damit am ehesten treffen konnte.

Nicht sein Status als Single hatte sie gestört (den konnte sie gar nicht kennen), sondern seine Hautfarbe. Das war nicht neu für ihn und würde sich in gewissen Köpfen auch nie ändern.

Er nahm einen Bus zurück in die Innenstadt und machte sich damit vertraut, dass mehr als ein kurzer Streit hinter dem Zerwürfnis zwischen Pat und Ryland stecken musste. Dennoch blieb es unverständlich, dass Pat sich aus dem Staub machte, ohne seine Freunde zu informieren.

Was war in den Oldtimer gefahren?

Bekam er auf seine alten Tage noch voll die Krise?

Glory, zuckte es durch Bobs Sinn.

Hatte sie etwas damit zu tun? War ihr Besuch nicht so zufällig, wie sie behauptet hatte?

Aber auch das erklärte nicht das Verhalten Pats.

Bob stattete Wang einen Besuch ab. Aber der radebrechende Chinese, der in der Seguin Street sein »Chinese Fast Food« betrieb, war genauso geschockt wie er selbst, als er von Pats »Abgang« erfuhr. Zwischen Glasnudeln und gerösteten Enten wurde er kreidebleich. Wahrscheinlich vergegenwärtigte er sich, dass auch sein Leben ärmer wurde, wenn er sich nicht mehr tägliche Scharmützel mit dem irischen Starrkopf liefern konnte, wie dies im Allgemeinen der Fall war. Die beiden verband eine Art Hassliebe, seit Wang seinen Imbiss eröffnet und Pat ihn zu seiner Stammkneipe erkoren hatte.

Ehe der Wirt in Tränen ausbrach, verabschiedete sich Bob – genauso schlau wie vorher.

Während er den Heimweg antrat, keimte ein unglaublicher Verdacht in ihm.

Pat war am selben Tag verschwunden, als sie Glory bei ihm gesichtet hatten. Spielte die australische Reporterin, in die sich Pat leidenschaftlich verguckt hatte, eine größere Rolle als bislang vermutet?

Die beiden waren ein Herz und eine Seele gewesen.

Hatte Pat vielleicht ihretwegen alles sausen lassen?

Bob schluckte.

Nach allem, was passiert war, schloss er nicht einmal mehr aus, dass Pat bereits amerikanischen Boden verlassen hatte und in einem Eisenvogel unterwegs ans Ende der Welt war.

Er, Glory und Billy the Kid.

Down-under!

 

 

17

Er hatte alle Termine abgesagt.

Er hatte eine Furie beruhigt, die plötzlich sogar Karriereträume hintangestellt und ihm ihre Meinung ins Ohr gefaucht hatte.

Und er hatte nachgedacht.

Nolan Curtis wusste, was für ihn auf dem Spiel stand. Er hatte in Marias Augen gesehen und erkannt, dass sie sich von ihm nicht mehr bluffen ließ. Ihr Auftauchen war für ihn immer noch der schwerste Brocken, den es zu verdauen galt.

Penalba, du Aasgeier!, war sein erster Gedanke gewesen. Der korrupte Anwalt schien sein Fähnchen in einen sich drehenden Wind gehängt zu haben. Vielleicht hatte er Maria sogar das Lügenmärchen aufgetischt, er, Curtis, sei an ihn herangetreten mit dem Auftrag, Maria für alle Zeiten in peruanischer Haft dahindämmern zu lassen! Dabei war er es gewesen, der Curtis mit diesem Vorschlag im Gepäck in San Antonio besucht hatte.

Garcia Penalba.

Curtis versuchte unablässig, eine Verbindung zu dem Anwalt herzustellen. Sofort nachdem er herausgefunden hatte, wo Maria abgestiegen war, hatte er zum Telefon gegriffen. Bisher ohne Erfolg. Aber er versuchte es alle halbe Stunde neu. Irgendwann musste Penalba abheben, es sei denn, er hatte bereits alle Brücken hinter sich abgebrochen, weil er berechtigterweise Curtis‘ Rache fürchtete.

Probleme bereitete dem ALAMO-Führer lediglich die Vorstellung, wie Maria den »Doppel-Anwalt« honoriert haben sollte. Auf dem Firmenkonto hatte keine Bewegung stattgefunden, die als von Peru aus gesteuerte Transaktion hätte erkannt werden können. Selbst mit Marias Unterschrift wäre ein solcher Vorgang über Curtis‘ Tisch gelaufen. Bei ihrem Strafantritt war ihr die Zeichnungsbefugnis aberkannt worden, und selbst wenn dies nun im Zuge ihrer vorzeitigen Entlassung Schnee von gestern war, bedeutete es einigen Papierkrieg, es wieder zu ändern. Curtis konnte es nicht verhindern – aber er konnte auch nicht so weit übergangen werden, dass er es nicht bemerkt hätte!

Aber es genügte ja völlig, wenn Maria dem schwammigen Anwalt etwas unterschrieben hatte, das Gültigkeit erlangte, sobald sie die ihr zustehende Position an der Spitze der ALAMO eingenommen hatte.

Curtis pflegte Mordgedanken, während statisches Knistern und andere Störgeräusche seinen x-maligen Versuch begleiteten, nach Iquitos durchzukommen.

Er begriff es im ersten Moment gar nicht richtig, als wirklich abgehoben wurde. Zu sehr war er in Rachegedanken gefangen.

»Si?«, fragte eine Stimme.

Es war sein Glück, dass er, bevor er aus der Haut fahren konnte, erkannte, dass es sich nicht um Penalbas triefendes Organ handelte.

»Wer spricht da?«

Eine akzentreiche Stimme schaltete von Portugiesisch auf Englisch: »Und Sie? Sie haben den Anschluss von Garcia Penalba gewählt.«

»Korrekt. Ist er in der Nähe?«

»Ja.«

»Kann ich ihn sprechen?«

»Nein.«

»Hören Sie … Wer sind Sie?«

»Der hiesige Capitano.«

Curtis hatte ein Gespür für Ärger. Ohne dieses Gespür wäre er längst vergessen gewesen.

Details

Seiten
328
Jahr
2020
ISBN (eBook)
9783738940831
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v882495
Schlagworte
drei erbin jahre marias rache spannungsromane zelle

Autoren

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Titel: Drei Spannungsromane: Die Erbin in der Zelle / Die wilden Jahre / Marias Rache